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Zwischen Trödel und Erinnerungen – mein Morgen auf dem großen Flohmarkt von Brüssel

15. September 2026

Ich liebe Flohmärkte. Vielleicht deshalb, weil man nie weiß, was einen erwartet. Es ist ein bisschen wie eine Reise ohne Fahrplan: Man beginnt zu suchen, obwohl man eigentlich gar nicht weiß, wonach. Und manchmal findet man etwas, das man überhaupt nicht gesucht hat. Genau dieses Gefühl hatte ich auf dem großen Flohmarkt am Place du Jeu de Balle im Brüsseler Marollenviertel. Ich habe dieses Mal nichts gekauft, aber sehr viel entdeckt.

Schon beim Betreten des Platzes wurde mir klar: Das hier ist kein sauber durchorganisierter Antiquitätenmarkt, auf dem kostbare Stücke sorgsam ausgeleuchtet hinter Glas präsentiert werden. Hier herrscht das wunderbare Chaos. Kisten stehen auf dem Boden, Gegenstände liegen auf Decken und Tischen, Möbel warten auf neue Besitzer. Dazwischen Händler, Sammler, Touristen, Neugierige und Menschen, die offenbar ganz genau wissen, wonach sie suchen. Ich gehörte eher zur letzten Kategorie – nur ohne zu wissen, was ich suchte. Von einer Freundin bekam ich den Tipp, diesen Flohmarkt zu besuchen.

Hier liegt die Vergangenheit auf dem Pflaster
Ich begann zu stöbern. Alte Bücher auf Französisch, ein paar Schallplatten, viele Gläser, Porzellan, Schmuck, Kameras, Besteck, Bilder, Spielzeug, Uhren, Postkarten und Fotografien. Die Vielfalt war enorm, aber bei mir funkte es nicht. Zum einen scheute ich die Verhandlungen auf Französisch, zum anderen war im Koffer eigentlich kein Platz mehr. Aber schauen kostet ja nichts. Dazwischen immer wieder Dinge, deren Funktion sich mir nicht auf Anhieb erschloss.

Besonders alte Fotografien ziehen mich magisch an. Fremde Menschen schauen darauf in die Kamera, ernst oder lachend, elegant gekleidet oder mitten im Alltag. Irgendwann war dieses Foto für jemanden wichtig. Es stand vielleicht auf einem Schreibtisch oder lag Jahrzehnte in einem Familienalbum. Jetzt liegt es für ein paar Euro auf einem Brüsseler Flohmarkt. Wer waren diese Menschen? Was wurde aus ihnen? Wer hat das Foto aufgenommen? Natürlich bekomme ich darauf keine Antwort. Aber vielleicht braucht es die auch gar nicht.

Während ich zwischen den Ständen unterwegs war, merkte ich wieder, warum mich Flohmärkte faszinieren. Jeder Gegenstand besitzt eine Vergangenheit. Manches ist aber auch einfach nur Müll.
Eine alte Tasse ist eben nicht nur eine alte Tasse. Vielleicht stand sie jeden Morgen auf demselben Küchentisch. Eine Schallplatte wurde möglicherweise hundertmal aufgelegt, bis jede Note vertraut war. Mit einem alten Spielzeugauto hat vielleicht ein Kind stundenlang auf dem Wohnzimmerboden gespielt. Ich habe ein paar interessante französisches Platten mit Chansons entdeckt, aber aufgrund des Transportproblems die Scheiben nicht gekauft.

Vielleicht hätte ich die eine oder andere Postkarte gekauft, aber dann setzte der Verstand ein. Was soll ich damit? Aber die Geschichten dahinter sind interessant. Postkarten haben oft eine Reise hinter sich und können eine Geschichte erzählen. Jemand hat sie ausgesucht, ein paar persönliche Worte geschrieben, eine Briefmarke aufgeklebt und sie einem Menschen geschickt, an den er gerade dachte. Heute landet sie in einer Kiste auf dem Place du Jeu de Balle. Ich finde solche Gedanken wunderbar, eine Recherche-Arbeit für einen Geschichtenerzähler.

Der Flohmarkt gehört zu den Marollen, einem der charaktervollsten Viertel Brüssels. Hier begegnet mir eine andere Stadt als auf dem prachtvollen Grand-Place oder in den eleganten Galeries Royales Saint-Hubert. Das Brüssel der Marollen ist rauer, lebendiger und weniger herausgeputzt. Es sind aber auch viele Taschendiebe unterwegs, also nicht allzu offen umherschreiten und Taschen eng am Körper tragen.

Das Schönste an diesem Flohmarkt ist für mich der Zufall. Im Internet finde ich heute innerhalb weniger Sekunden fast alles. Ich gebe einen Begriff ein und bekomme tausende Treffer. Algorithmen schlagen mir anschließend noch vor, was mir ebenfalls gefallen könnte. Auf dem Flohmarkt funktioniert die Welt anders. Hier muss ich schauen, genau hinschauen und ich muss aber auch den finanziellen Wert einer Ware einschätzen können.
Ich muss eine Kiste durchwühlen, mich bücken, einen Gegenstand umdrehen und manchmal erst den Staub wegwischen. Kein Algorithmus hätte es mir vorgeschlagen.
Klar ist: Auf diesem Markt gibt es jede Menge Krempel. Dinge, die ich nicht einmal geschenkt haben möchte. Kuriositäten, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt jemand aufgehoben hat. Aber genau das gehört dazu. Denn wer entscheidet eigentlich, was wertvoll ist?
Ein Gegenstand kann objektiv nahezu wertlos sein und trotzdem einen ungeheuren persönlichen Wert besitzen. So geht es mir oft. Vielleicht erinnert er mich an meine Kindheit, an meine Großeltern, an eine frühere Reise oder an eine längst verschwundene Welt. Dann wird aus Krempel plötzlich ein Schatz.

Während ich weiter über den Markt ging, kam mir noch ein anderer Gedanke. Wir werfen unglaublich viel weg. Geräte werden ersetzt, obwohl sie noch funktionieren. Möbel verschwinden, weil sie nicht mehr modern sind. Bücher werden aussortiert, Schallplatten abgegeben, Geschirr entsorgt. Auf dem Flohmarkt bekommt all das eine zweite Chance. Das gefällt mir.

Der Flohmarkt auf dem Place du Jeu de Balle gehört für mich zu jenen Orten, an denen man Brüssel besonders unmittelbar erleben kann. Nicht als perfekt inszenierte europäische Hauptstadt, sondern als lebendige Stadt voller Menschen, Erinnerungen und Geschichten. Ich verlasse solche Märkte immer mit dem Gefühl, ein wenig durch die Zeit gereist zu sein.

Manneken Pis und Jeanneke Pis – Brüssels frechste Liebeserklärung an das Leben

13. September 2026

Brüssel besitzt gewaltige Bauwerke. Das Atomium ragt weithin sichtbar über die Stadt, der Grand-Place überwältigt mit seiner beinahe verschwenderischen Pracht und die Galeries Royales Saint-Hubert erzählen von Eleganz und großbürgerlicher Vergangenheit. Und doch wird Brüssel ausgerechnet von einer Figur verkörpert, die gerade einmal 58 Zentimeter groß ist und seit Jahrhunderten nichts anderes tut, als ziemlich ungeniert in einen Brunnen zu pinkeln. Manneken Pis ist vielleicht das wunderbarste Wahrzeichen, das eine europäische Hauptstadt haben kann.

Denn dieser kleine Junge aus Bronze nimmt sich selbst und damit irgendwie auch seine ganze Stadt nicht besonders ernst. Während andere Metropolen ihre Helden auf Pferde setzen, Feldherren auf monumentale Sockel stellen und Könige in Stein verewigen, präsentiert Brüssel seinen Besuchern einen nackten kleinen Kerl, der ihnen frech entgegenpinkelt. Genau darin steckt viel von dem, was den besonderen Charakter dieser Stadt ausmacht: Humor, Selbstironie, ein wenig Anarchie und die sympathische Weigerung, vor Autoritäten allzu ehrfürchtig den Kopf zu senken.

Wer Manneken Pis zum ersten Mal besucht, erlebt häufig einen fast komischen Moment. Man folgt den Menschen durch die Straßen rund um den Grand-Place, sieht plötzlich eine Ansammlung von Touristen, Smartphones und Kameras – und fragt sich: Wo ist er denn nun? Und dann entdeckt man ihn. So klein. Manche Besucher dürften im ersten Augenblick beinahe enttäuscht sein. Ist das wirklich das weltberühmte Manneken Pis?

Ja, genau das ist es. Und vielleicht gehört diese überraschende Winzigkeit sogar zum Geheimnis seiner Wirkung. Manneken Pis braucht keine Monumentalität. Er muss niemanden beeindrucken. Er steht einfach da, selbstbewusst und unbekümmert, an der Ecke Rue de l’Étuve und Rue du Chêne und tut das, was er seit Jahrhunderten tut.

Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits im 15. Jahrhundert gab es an dieser Stelle einen Brunnen, der zur Wasserversorgung Brüssels gehörte. Die heute berühmte bronzene Gestalt wurde 1619 von Jérôme Duquesnoy dem Älteren geschaffen. Aus einem Bestandteil der städtischen Wasserversorgung entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Identifikationsfigur der Brüsseler Bevölkerung.

Dabei hat der kleine Mann einiges erlebt. Er überstand die Bombardierung Brüssels von 1695, wurde mehrfach gestohlen und beschädigt und entwickelte sich immer stärker zu einem Symbol der Stadt. Das historische Original steht deshalb heute geschützt im Brüsseler Stadtmuseum am Grand-Place. Am bekannten Brunnen befindet sich eine Replik. Das ändert jedoch nichts an der Faszination. Für die Menschen, die sich vor der kleinen Figur versammeln, bleibt es Manneken Pis.

Natürlich wäre Manneken Pis nicht Manneken Pis, wenn es nicht zahlreiche Geschichten darüber gäbe, warum dieser kleine Junge überhaupt dort steht. Eine der schönsten Legenden erzählt von einem Jungen, der Brüssel vor einer Katastrophe gerettet haben soll. Feinde hätten versucht, die Stadt zu zerstören, eine bereits brennende Lunte drohte das Unheil auszulösen. Doch der kleine Junge tat das Naheliegende – zumindest für ihn: Er urinierte darauf und löschte die Lunte. Brüssel war gerettet.

Historisch belegt ist diese Geschichte natürlich nicht. Aber sie passt hervorragend zu Manneken Pis. Andere Städte hätten aus einem solchen Retter vermutlich einen Ritter mit Schwert gemacht. Brüssel lässt einen kleinen Jungen die Stadt retten, weil er zufällig im entscheidenden Augenblick pinkeln musste. Man kann den besonderen Brüsseler Humor kaum schöner zusammenfassen.

Noch ungewöhnlicher ist die Tradition, Manneken Pis einzukleiden. Zu besonderen Anlässen trägt er Uniformen, Trachten, Sportkleidung und zahllose andere Kostüme. Diese Tradition reicht Jahrhunderte zurück, und inzwischen besitzt der kleine Brüsseler eine Garderobe mit weit mehr als tausend Kleidungsstücken. Seine Kostüme sind längst selbst zu einem Stück Stadtgeschichte geworden.

Die Kostüme machen aus der kleinen Brunnenfigur etwas Lebendiges. Manneken Pis ist kein Denkmal, das irgendwann aufgestellt wurde und seitdem unverändert geblieben ist. Er nimmt gewissermaßen am Leben der Stadt teil. Er wird eingekleidet, gefeiert und zum Mittelpunkt kleiner Zeremonien. Vielleicht lieben ihn die Brüsseler deshalb so sehr. Er steht nicht über ihnen. Er ist einer von ihnen.

Doch irgendwann stellte sich eine naheliegende Frage: Warum darf eigentlich seit Jahrhunderten nur ein kleiner Junge öffentlich in einen Brunnen pinkeln? Brüssel wäre nicht Brüssel, wenn die Antwort darauf in einer langen kulturpolitischen Debatte gesucht worden wäre. Stattdessen bekam Manneken Pis weibliche Gesellschaft.

Jeanneke Pis
Versteckt in der kleinen Impasse de la Fidélité, der „Gasse der Treue“, sitzt seit 1987 Jeanneke Pis. Auch sie ist aus Bronze, ungefähr 50 Zentimeter groß – und auch sie verrichtet völlig unbekümmert ihr kleines Geschäft. Entworfen wurde sie Mitte der 1980er-Jahre von Denis-Adrien Debouvrie. 1987 wurde sie der Öffentlichkeit präsentiert.

Und Jeanneke ist eine herrliche Erscheinung. Sie hockt da, die Haare zu kleinen Zöpfen gebunden, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen kindlicher Freude, Frechheit und völliger Unbekümmertheit liegt. Wer sie zum ersten Mal entdeckt, muss fast zwangsläufig lächeln.

Dabei ist der Besuch bei Jeanneke ganz anders als die Begegnung mit ihrem berühmten männlichen Gegenstück. Manneken Pis steht mitten im touristischen Trubel. Rund um ihn drängen sich Menschen, Reisegruppen bleiben stehen, Smartphones werden hochgehalten und Souvenirläden verkaufen seine Gestalt in nahezu jeder denkbaren Form.

Jeanneke muss man dagegen beinahe suchen. Man biegt von den belebten Straßen des Zentrums ab und gelangt in die schmale Impasse de la Fidélité. Plötzlich wird die Welt kleiner. Zwischen Häuserfassaden und Gastronomie entdeckt man schließlich die kleine Bronzefigur. Und genau diese Entdeckung macht einen Teil ihres Reizes aus.

Jeanneke wirkt wie ein kleiner Insiderwitz der Stadt. Als hätte Brüssel irgendwann beschlossen: Wenn alle Welt unseren pinkelnden Jungen sehen möchte, dann stellen wir eben noch ein Mädchen dazu. Hinter ihrer Entstehung steckte allerdings auch der Wunsch, mehr Menschen in die damals weniger frequentierte Gasse zu locken. Gleichzeitig wurde Jeanneke zum weiblichen Gegenstück von Manneken Pis und damit augenzwinkernd auch als Zeichen der Gleichberechtigung verstanden. Vor allem aber verkörpert sie ebenfalls die Brüsseler „Zwanze“ – jenen schwer übersetzbaren, respektlosen und selbstironischen Humor der Stadt.

Besonders schön ist die Legende, die sich im Laufe der Zeit um Jeanneke Pis entwickelt hat. Schließlich steht sie nicht irgendwo. Ihre Heimat heißt Impasse de la Fidélité – Gasse der Treue. Wer gemeinsam mit seinem geliebten Menschen Jeanneke besucht, dem soll sie der Überlieferung nach Treue versprechen. Besucher werfen deshalb Münzen in das Becken des Brunnens. So bekommt ausgerechnet diese freche kleine Figur etwas überraschend Romantisches. Vielleicht ist das typisch Brüssel: Selbst die Romantik darf hier ein wenig schräg sein.

Manneken Pis und Jeanneke Pis erzählen gemeinsam viel über Brüssel. Natürlich könnte man beide Figuren als touristische Kuriositäten abtun. Man könnte schnell ein Foto machen, darüber lachen und weitergehen. Aber damit würde man etwas übersehen. Manneken Pis ist über Jahrhunderte zu einem Symbol für die Lebensfreude und die Fähigkeit der Brüsseler zur Selbstironie geworden. Jeanneke führt diesen Gedanken auf ihre eigene Weise fort. Sie ist jünger, versteckter und vielleicht noch ein bisschen frecher.

Beide verweigern sich jeder Form von Pathos. Und vielleicht passen sie gerade deshalb so wunderbar zu Brüssel. Denn diese Stadt lebt von Gegensätzen. Hier stehen prächtige historische Fassaden neben Comic-Wandbildern. Europäische Institutionen treffen auf alte Bierkneipen. Königliche Geschichte begegnet surrealistischem Humor. Pralinen, Pommes, Jugendstil, Jacques Brel, René Magritte und belgisches Bier existieren scheinbar mühelos nebeneinander. Und mittendrin pinkeln zwei kleine Bronzefiguren auf jede Form übertriebener Feierlichkeit.

Für mich liegt genau darin der Zauber von Manneken Pis und Jeanneke Pis. Sie erzählen eine Geschichte darüber, dass eine Stadt nicht immer groß auftreten muss, um eine starke Identität zu besitzen. Manneken Pis ist winzig – und dennoch weltberühmt. Jeanneke Pis versteckt sich in einer Sackgasse – und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis.

Wenn man beide besucht hat, versteht man Brüssel vielleicht ein kleines bisschen besser. Diese Stadt kann prächtig sein, politisch bedeutend, historisch schwergewichtig und europäisch weltläufig. Aber sie besitzt gleichzeitig die wunderbare Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Und so stehen beziehungsweise hocken Manneken und Jeanneke dort und erinnern uns an etwas, das vielen großen Denkmälern fehlt: Man muss nicht auf einem hohen Sockel stehen, um ein Wahrzeichen zu sein. Manchmal reichen ein halber Meter Bronze, ein Wasserstrahl und eine gehörige Portion Frechheit.

Ein Bier, ein Augenblick und die Seele des alten Brüssel in den Kneipen

12. September 2026

Brüssel hat eine hohe Kneipendichte und eine noch größere Bierauswahl. Nicht jedes Bier ist für einen an das Reinheitsgebot gewöhnten Bayern genießbar, aber die Auswahl ist enorm. Ich will zwei Kniepern herausstellen, in denen ich in Brüssel zeitweise versumpft bin: Poechenellekelder und

Poechenellekelder
Wer Brüssel wirklich spüren möchte, sollte irgendwann die Tür des Poechenellekelder öffnen. Nur wenige Schritte vom Manneken Pis entfernt liegt diese eindrucksvolle Kneipe in der Rue du Chêne – ein Ort, der weniger wie ein gewöhnliches Lokal und mehr wie ein begehbares Stück Brüsseler Seele wirkt. Seit 1991 gehört der Poechenellekelder hier zum Stadtbild und ist längst selbst Teil der Brüsseler Folklore geworden. Die Nähe zum Manneken Pis sorgt dafür, dass natürlich sehr viele Touristen hereinschauen, dessen sollte man sich gewiss sein.

Schon beim Betreten bleibt der Blick überall hängen. Alte Fotografien und Stiche bedecken die Wände, dazu kommen Puppen, Figuren, Plakate und unzählige Erinnerungsstücke rund um Brüssel und natürlich das berühmteste kleine Kerlchen der Stadt: Manneken Pis. Man hat beinahe das Gefühl, in eine über Jahrzehnte zusammengetragene Wunderkammer geraten zu sein. Nichts wirkt glatt oder durchgestylt. Gerade dieses scheinbare Durcheinander macht den Charme aus.

Dann sitzt man zwischen all diesen Geschichten, bestellt sich eines der zahlreichen belgischen Biere und lässt den Raum wirken. Stimmen vermischen sich mit dem Klirren der Gläser, Menschen aus aller Welt sitzen neben Brüsselern, und für einen Moment scheint die hektische Stadt draußen ziemlich weit entfernt zu sein. Der Poechenellekelder versteht sich ganz bewusst als traditionelles Brüsseler „Estaminet“ – als Kneipe, in der man zusammenkommt, erzählt, diskutiert und bei einer Gueuze die Zeit vergisst. Zum Bier habe ich Blauschimmelkäse gegessen.

Besonders schön ist die enge Verbindung zum Manneken Pis. Im März 2026 bekam das Brüsseler Wahrzeichen sogar ein eigenes Poechenellekelder-Kostüm – passend zum 35-jährigen Bestehen des Lokals. Das sagt eigentlich alles über den Stellenwert dieser Kneipe aus: Der Poechenellekelder ist nicht einfach nur ein Platz, an dem Bier ausgeschenkt wird. Er gehört inzwischen selbst zu jener eigentümlichen Mischung aus Humor, Selbstironie, Geschichte und Lebensfreude, die Brüssel so sympathisch macht.

Vielleicht ist genau das das Schönste an diesem Ort: Man kommt wegen eines Bieres hinein und bleibt wegen der Atmosphäre. Und wenn man später wieder hinaus auf die Straße tritt und wenige Meter weiter Manneken Pis begegnet, hat man das Gefühl, Brüssel ein kleines bisschen besser verstanden zu haben.

⁠À La Mort Subite
Es gibt Kneipen, in die man auf ein Bier geht. Und es gibt Kneipen, in denen man das Gefühl bekommt, durch eine Tür direkt in eine andere Zeit getreten zu sein. À La Mort Subite gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Nur wenige Schritte von den Galeries Royales Saint-Hubert entfernt liegt dieses legendäre Brüsseler Café in der Rue Montagne aux Herbes Potagères. Wer den großen Gastraum betritt, begegnet einem Brüssel, das sich erstaunlich erfolgreich gegen die Moderne gewehrt hat. Spiegel an den Wänden, lange Sitzbänke, dunkles Holz, alte Fotografien, hohe Decken und dieses warme Licht schaffen eine Atmosphäre, die nicht künstlich auf „historisch“ getrimmt werden musste. Sie ist einfach da. Das Lokal bewahrt bis heute weitgehend den Charakter eines alten Brüsseler Bistros.

Man möchte sich hinsetzen, eine Gueuze oder ein anderes belgisches Bier bestellen und erst einmal schauen. Auf die Kellner, die durch den Raum gehen. Auf die Gäste, die miteinander reden. Auf die Spiegel, in denen sich das Leben der Kneipe vervielfacht. Und irgendwann beginnt man sich vorzustellen, wer hier wohl schon alles gesessen hat. Selbst Jacques Brel gehörte zu den Stammgästen; Künstler, Schriftsteller und Schauspieler gingen hier ein und aus.

Auch der merkwürdige Name erzählt eine herrlich Brüsseler Geschichte. Um 1910 führte Théophile Vossen in der Nähe ein Lokal namens „La Cour Royale“. Gäste der Nationalbank vertrieben sich dort beim Würfelspiel Pitjesbak die Wartezeit. Musste eine Partie schnell beendet werden, entschied ein letzter Wurf über Sieg oder Niederlage – die „Mort Subite“, der plötzliche Tod. Der Ausdruck wurde schließlich zum Namen des Lokals und später auch der Gueuze. 1928 zog das Café an seinen heutigen Standort.

Vielleicht liegt genau darin die Magie von À La Mort Subite. Geschichte wird hier nicht hinter Glas ausgestellt. Man kann sich mitten hineinsetzen. Man bestellt ein Bier, hört das Stimmengewirr, betrachtet die alten Spiegel und lässt für eine Weile die Stadt draußen vorbeiziehen.

Und plötzlich versteht man, dass Brüssel nicht nur aus Grand-Place, Atomium, Manneken Pis und prächtigen Galerien besteht. Brüssel findet auch an einem alten Holztisch statt, vor einem Glas Gueuze, während rundherum geredet, gelacht und getrunken wird.

À La Mort Subite ist keine Kneipe, die man einfach besucht. Es ist ein Ort, den man ein wenig in Erinnerung mitnimmt. Gerne hätte ich hier mein MacBook aufgeschlagen und über die Atomsphäre gebloggt. Leider war das im Hotel eingeschlossen, so blieben nur Notizen.

Brüssels Grote Markt: Ein Platz, der aus den Flammen auferstand

11. September 2026

Wer den Grote Markt in Brüssel betritt, steht nicht einfach auf einem historischen Platz. Er steht inmitten einer Stadtgeschichte, die von Wohlstand und Macht, von Zerstörung und Tod – aber auch von einem beinahe trotzigen Willen zum Wiederaufstehen erzählt. Und bei meinem Besuch erzählte der Platz vor allem das Thema Bier. Es fand ein großes Bierfest statt. Was dann doch noch mal ein paar Touristen mehr anzog. 

Im Herzen von Brussels öffnet sich zwischen den engen Gassen der Altstadt plötzlich ein Raum, der Reisende innehalten lässt. Gold schimmert an reich verzierten Fassaden, steinerne Figuren blicken von den Gebäuden herab, und über allem erhebt sich der filigrane Turm des gotischen Rathauses. Der Grote Markt, auf Französisch Grand-Place, ist die historische Mitte Brüssels – und seit 1998 UNESCO-Weltkulturerbe. Der eindrucksvolle Platz fasziniert mich, obwohl mir zu viele Touristen da waren. Auch Vorsicht vor Taschendieben. Hier ein VR 360 Rundgang über den belebten Platz.

Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits 1174 findet sich eine schriftliche Erwähnung des damaligen „Nedermarckt“, des unteren Marktes. Wo sich heute eines der prachtvollsten Stadtbilder Europas entfaltet, befand sich ursprünglich sumpfiges Gelände am rechten Ufer der Senne. Im Laufe des Mittelalters entwickelte sich der Platz zum wirtschaftlichen und politischen Zentrum Brüssels. Händler kamen hier zusammen, Waren wechselten ihre Besitzer, und rund um den Markt entstanden Häuser, Hallen und öffentliche Gebäude.

Mit dem wachsenden Wohlstand wuchs auch das Selbstbewusstsein der Stadt. Besonders eindrucksvoll verkörpert es das Brüsseler Rathaus. Sein Bau begann zu Beginn des 15. Jahrhunderts; der hoch aufragende Turm wurde zu einem Wahrzeichen kommunaler Macht. Gegenüber steht die Maison du Roi beziehungsweise das niederländische Broodhuis, die heute das Brüsseler Stadtmuseum beherbergt. Ringsum liegen die ehemaligen Häuser mächtiger Zünfte und Korporationen.

Doch der Grote Markt war keineswegs immer nur eine glanzvolle Kulisse. Er wurde auch zum Schauplatz dramatischer Kapitel europäischer Geschichte. 1523 wurden hier die Augustinermönche Hendrik Voes und Jan van Essen als frühe Märtyrer der Reformation verbrannt. 1568 wurden die Grafen Egmont und Hoorn auf dem Platz enthauptet. Hinter den prachtvollen Fassaden liegt damit auch die Erinnerung an religiöse Verfolgung und politische Gewalt.

Die wohl größte Katastrophe traf den Platz jedoch im August 1695. Französische Truppen unter Marschall François de Villeroy beschossen auf Befehl Ludwigs XIV. Brüssel. Das historische Zentrum wurde schwer getroffen, und ein Großteil der Gebäude am Grote Markt ging in Flammen auf. Selbst das Rathaus, eines der Ziele des Angriffs, wurde beschädigt. Von vielen Häusern blieben nur Teile der steinernen Strukturen stehen.

Was anschließend geschah, prägt das Gesicht Brüssels bis heute. Anstatt das zerstörte Zentrum aufzugeben, bauten die Brüsseler ihren Platz innerhalb weniger Jahre wieder auf. Besonders 1697 und 1698 entstanden zahlreiche der zerstörten Häuser neu. Die unterschiedlichen Zünfte schufen prächtige Fassaden mit Giebeln, Skulpturen und vergoldeten Ornamenten. Obwohl jedes Haus seinen eigenen Charakter erhielt, entstand ein erstaunlich geschlossenes Gesamtbild. Aus persönlichen Gründen hat mir das Zunfthaus der Bäcker am besten gefallen. Genau diese Verbindung verschiedener architektonischer und künstlerischer Stile gehört zu den Gründen, weshalb die UNESCO den Platz als außergewöhnliches Kulturerbe anerkennt.

Vielleicht liegt darin die eigentliche emotionale Kraft des Grote Markt: Seine Schönheit ist nicht die Schönheit eines Ortes, der von der Geschichte verschont geblieben ist. Es ist die Schönheit eines Ortes, der zerstört wurde und sich dennoch neu erfand.

Heute ist von der Gewalt jener Augusttage auf den ersten Blick kaum noch etwas zu spüren. Menschen sitzen in Cafés, fotografieren die Fassaden oder stehen am Abend unter den beleuchteten Gebäuden. Feste, Konzerte und traditionelle Veranstaltungen bringen regelmäßig Tausende Besucher auf den Platz. Auch der berühmte Blumenteppich wird hier veranstaltet und verwandelt den steinernen Platz in bestimmten Jahren für kurze Zeit in ein monumentales farbiges Muster. Nun, bei mir war es ein Fest der belgischen Brauereien.


Ich beobachtete eine chinesische Infuenzerin, die aufgeregt und konsequent in ihr Smartphone sprach. Laut Google-Übersetzung ging es um den hervorragenden Geschmack von belgischen Pralinen. Trotz des Wirbels um sie herum, hat die Dame konsequent gestreamt. Es machte mir Spaß ihr bei der Arbeit zuzusenden. Natürlich interessierte ich mich auch für ihr mobiles technisches Equipment.

Zurück zur Geschichte, die überall gegenwärtig bleibt. Im gotischen Rathaus, in den barocken Zunfthäusern und in den vergoldeten Ornamenten steckt die Erinnerung an eine Handelsstadt, die ihren Wohlstand demonstrieren wollte. In den historischen Ereignissen des Platzes zeigt sich zugleich eine dunklere Vergangenheit aus Machtkämpfen, Verfolgung und Krieg.

Die UNESCO bezeichnet den Grote Markt als außergewöhnliches Beispiel für die Entwicklung und die Leistungen einer erfolgreichen nordeuropäischen Handelsstadt auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands. Bemerkenswert ist zudem, dass sich auf dem Platz selbst keine Kirche und kein anderes Gotteshaus befindet. Sein Charakter wurde vielmehr von Handel, städtischer Verwaltung und den mächtigen Korporationen geprägt.

Wer heute mitten auf dem Grote Markt steht und langsam den Blick über die goldenen Fassaden bis hinauf zum Rathausturm wandern lässt, sieht deshalb weit mehr als eine prachtvolle Sehenswürdigkeit. Ich bin abends nochmal gekommen, um etwas Ruhe einzufangen, aber vergeblich. Der Platz war rappelvoll.

Man sieht ein steinernes Gedächtnis Brüssels – einen Ort, der Macht und Wohlstand erlebt hat, Zeuge von Hinrichtungen wurde, in Flammen unterging und anschließend schöner denn je wiederauferstand. Gerade deshalb wirkt der Grote Markt nicht wie ein Museum. Er wirkt wie Geschichte, die noch immer lebt.

Wo feine Spitze auf Zinnsoldaten trifft – ein ungewöhnliches Traditionshaus im Herzen Brüssels

10. September 2026

Seit mehr als zwei Jahrhunderten steht die Manufacture Belge de Dentelles für belgische Spitzenkunst. Doch hinter den Schaufenstern der historischen Galerie de la Reine wartet eine Überraschung: Neben kostbaren Dentellen gehören auch handgefertigte Zinn- beziehungsweise Bleisoldaten zum Sortiment.

Die Manufacture Belge de Dentelles führt ihre Geschichte auf das Jahr 1810 zurück und zählt damit zu den traditionsreichen Adressen des Brüsseler Spitzenhandels. Seit 1847 befindet sich das Geschäft in der Galerie de la Reine 6–8, einem Teil der berühmten Galeries Royales Saint-Hubert im Zentrum von Brüssel. Die Galerien liegen nur wenige Schritte von der Grand-Place entfernt.

Das Haus ist vor allem für belgische Dentelles, also Spitzen, bekannt. Angeboten werden sowohl ältere Spitzen als auch handwerklich gefertigte Arbeiten. Nach Angaben der Galeries Royales Saint-Hubert unterhält die Manufacture eigene Werkstätten, die der handwerklichen Herstellung hochwertiger Spitze gewidmet sind. Besonders die traditionelle Nadelspitze gehört zum Selbstverständnis des Hauses. Ich habe mir einen Fächer gekauft.

Interessant ist die jüngere Unternehmensgeschichte. 1951 übernahm Irène Mallit, die zuvor bereits mehrere Jahre in dem Geschäft gearbeitet hatte, den Betrieb und gründete die Manufacture Belge de Dentelles SA. Anfang der 1960er-Jahre führten ihre Tochter Miriam und deren Ehemann Henri Everaerts das Unternehmen weiter und erweiterten seine Aktivitäten.

Die überraschende zweite Spezialität: Zinnsoldaten
Was das Geschäft für Sammler besonders interessant macht, ist die ungewöhnliche Verbindung zweier vollkommen unterschiedlicher Handwerkstraditionen. Neben Spitzen spezialisierte sich die Manufacture nämlich auch auf „soldats de plomb“, wörtlich Bleisoldaten – also jene historischen Miniaturfiguren, die im Deutschen häufig allgemein als Zinnsoldaten bezeichnet werden. Die offizielle Seite der Galeries Royales Saint-Hubert bestätigt ausdrücklich, dass dort vollständig von Hand gefertigte Soldatenfiguren angeboten werden.

Dabei gibt es sogar einen interessanten Hinweis auf einen bekannten französischen Hersteller: CBG Mignot, ein traditionsreicher Produzent von Sammlerfiguren, führt die Manufacture Belge de Dentelles in seiner Händlerliste und erwähnt ausdrücklich deren Spezialisierung auf Zinn- beziehungsweise Bleisoldaten.

Das erklärt wahrscheinlich auch die Erinnerung an ein Geschäft, in dem sich zwischen feinsten Spitzenarbeiten plötzlich ganze Reihen historischer Miniatursoldaten fanden. Das Sortiment wird darüber hinaus mit Sammlerpuppen, Keramik und weiteren kunsthandwerklichen beziehungsweise traditionellen Artikeln in Verbindung gebracht.

Ein historischer Beleg zeigt außerdem, dass die Adresse keineswegs eine jüngere Erfindung ist: In einem älteren Verzeichnis erscheint die Manufacture Belge de Dentelles S.A. bereits mit der Adresse Galerie de la Reine 6–8 und ausdrücklich mit dem Hinweis „Maison fondée en 1810“.

Die Manufacture ist damit ein ungewöhnliches Stück Brüsseler Handelsgeschichte: Spitzenkunst und Miniaturfiguren, textile Eleganz und militärische Sammlerwelt treffen unter einem Dach zusammen. Gerade diese eigenwillige Mischung dürfte dazu beigetragen haben, dass das Geschäft vielen Brüssel-Besuchern im Gedächtnis geblieben ist.

Goldgelb, knusprig, belgisch: In Brüssel bekommt die Fritte ihr eigenes Museum

9. September 2026

Außen knusprig, innen weich und am besten noch dampfend heiß: Was andernorts als schnelle Beilage gilt, ist in Belgien beinahe eine nationale Angelegenheit. Mitten in Brüssel können Besucher dieser Leidenschaft auf den Grund gehen – und entdecken, warum hinter einer scheinbar einfachen Portion Fritten erstaunlich viel Geschichte, Tradition und belgischer Stolz stecken. Ich dachte, das Museum ist nur ein Touristennepp, aber erwies sich dann doch als höchst lehrreich und unterhaltsam.

Wer durch das historische Zentrum von Brüssel spaziert, begegnet ihnen praktisch überall. Der Duft von frisch frittierten Kartoffeln zieht aus kleinen Frittenbuden durch die Straßen, Menschen stehen mit Papiertüten und Schälchen auf Plätzen und Bürgersteigen, und neben Waffeln, Schokolade und Bier gehören Fritten zu jenen kulinarischen Erlebnissen, die viele Reisende fest mit Belgien verbinden. Dass ausgerechnet diesem einfachen Alltagsgericht ein eigenes Museum gewidmet wird, wirkt deshalb nur konsequent.

Das Frietmuseum Brussels befindet sich mitten im touristischen Herzen der belgischen Hauptstadt, nur wenige Gehminuten vom berühmten Grand-Place und dem Manneken Pis entfernt. Hier dreht sich alles um die Kartoffel und ihre wohl populärste Verwandlung: die goldgelbe Fritte. Doch wer hinter dem Museum lediglich eine schräge Touristenattraktion mit ein paar alten Fritteusen vermutet, unterschätzt das Thema. Denn die Geschichte beginnt lange bevor die erste Kartoffel in heißem Fett landete.

Ihre Ursprünge führen nach Südamerika. In den Anden wurden Kartoffeln bereits lange vor ihrer Verbreitung in Europa kultiviert. Erst nach der Ankunft der Europäer in Amerika gelangte die Pflanze über den Atlantik. Heute erscheint es kaum vorstellbar, dass die Kartoffel in Europa einmal etwas Fremdes und Exotisches war. Schließlich gehört sie längst zu den Grundpfeilern zahlreicher Küchen. Doch ihre Verbreitung dauerte. Aus einer zunächst ungewöhnlichen Pflanze entwickelte sich nach und nach ein wichtiges Nahrungsmittel – und irgendwann entstand aus der unscheinbaren Knolle jene Spezialität, die heute auf der ganzen Welt bekannt ist.

Genau diese Entwicklung greift das Frittenmuseum auf. Der Weg führt von den Ursprüngen der Kartoffel über ihre Verbreitung bis zur modernen Frittenkultur. Historische Gegenstände, Plakate, Filme, Spiele und interaktive Elemente zeigen, dass hinter einer alltäglichen Portion Pommes eine überraschend umfangreiche Kulturgeschichte steckt. Auf drei Etagen können Besucher in diese Welt eintauchen. Mehr als 1.600 Ausstellungsstücke sollen dabei unterschiedliche Facetten der Kartoffel- und Frittengeschichte vermitteln.

Spätestens während des Rundgangs wird deutlich, dass Fritten in Belgien nicht einfach irgendein Fast Food sind. Die belgische Frittenkultur lebt von ihren Friteries beziehungsweise Frituren – kleinen Imbissen, Buden und Lokalen, die vielerorts fest zum Straßenbild gehören. Eine Portion Fritten kann schneller Mittagssnack, Belohnung nach einem langen Tag, Essen nach einer durchfeierten Nacht oder gemeinsamer Genuss mit Freunden und Familie sein. Gerade diese Selbstverständlichkeit macht die Fritte zu einem Teil belgischer Alltagskultur.

Dabei gibt es durchaus klare Vorstellungen davon, wie eine wirklich gute belgische Fritte zubereitet werden sollte. Besonders wichtig ist die traditionelle doppelte Frittierung. Die Kartoffelstäbchen werden nicht einfach einmal möglichst heiß ausgebacken, sondern durchlaufen zwei Frittiervorgänge. Dadurch soll jene Kombination entstehen, die Liebhaber besonders schätzen: außen kräftig und knusprig, innen weich und beinahe cremig. Was beim Essen so unkompliziert erscheint, wird bei genauerem Hinsehen zu einem kleinen Handwerk.

Auch die Wahl des Frittierfetts gehört zur Tradition. Historisch spielt tierisches Fett eine wichtige Rolle, während heute ebenso Pflanzenöle verwendet werden. Das Museum greift solche Unterschiede auf und macht deutlich, dass Geschmack und Konsistenz nicht dem Zufall überlassen werden. Kartoffelsorte, Schnitt, Temperatur, Fett und Frittierdauer können darüber entscheiden, ob aus einer einfachen Kartoffel eine wirklich überzeugende Fritte wird.

Doch der Besuch erzählt letztlich von mehr als Zubereitungstechniken. Er zeigt auch, wie eng Essen und Identität miteinander verbunden sein können. Fast jedes Land besitzt Gerichte, die weit mehr bedeuten als die Summe ihrer Zutaten. Sie erinnern an Kindheit, Familienausflüge, Straßenfeste, Urlaube oder lange Abende mit Freunden. In Belgien besitzen Fritten eine solche emotionale Dimension. Sie sind unkompliziert und bodenständig. Es braucht kein weißes Tischtuch, kein Silberbesteck und kein mehrgängiges Menü. Eine heiße Portion, eine Sauce und ein Platz irgendwo mitten in der Stadt können vollkommen genügen.

Vielleicht liegt genau darin ein Teil ihrer Faszination. Die Fritte verbindet Straßenküche und Gastronomie, Einheimische und Touristen, Tradition und modernen Alltag. Sie ist gleichzeitig banal und kulturell aufgeladen – ein Lebensmittel, das beinahe jeder Mensch kennt und das in Belgien trotzdem eine besondere Stellung besitzt. Ausgerechnet diese Mischung aus Einfachheit und Bedeutung macht sie zu einem spannenden Museumsthema.

Und irgendwann kommt während des Rundgangs zwangsläufig der Moment, an dem all die Informationen über Kartoffeln, Frittiertechniken und belgische Esskultur eine ganz praktische Nebenwirkung haben: Man bekommt Hunger. Das Museum hat dafür eine passende Lösung. Der Besuch endet nicht nur mit theoretischem Wissen. Zum Erlebnis gehört auch eine Portion Fritten von ungefähr 100 Gramm. Damit lässt sich das zuvor Gelernte unmittelbar probieren.

Besucher können nach Angaben des Museums bei der zweiten Frittierung zwischen Pflanzenöl und traditionellem Rinderfett wählen, sodass auch eine vegane Variante möglich ist. Verschiedene Saucen stehen ebenfalls zur Auswahl. Gerade dieser Abschluss verleiht dem Konzept seinen besonderen Charme. Nachdem man erfahren hat, woher die Kartoffel stammt, wie sie Europa eroberte, welche Techniken beim Frittieren entscheidend sind und warum Belgien seine Fritten so sehr liebt, hält man am Ende selbst eine heiße Portion in der Hand. Museumspädagogik kann erstaunlich knusprig sein.

Das Frietmuseum dürfte deshalb nicht nur eingefleischte Frittenfans ansprechen. Auch Familien, Foodies und Reisende, die zwischen den klassischen Sehenswürdigkeiten etwas Ungewöhnlicheres erleben möchten, finden hier einen anderen Zugang zur belgischen Hauptstadt. Brüssel besitzt genügend monumentale Architektur, bedeutende Kunstsammlungen und historische Plätze. Das Frittenmuseum setzt dazu einen bewussten Kontrast. Statt großer Staatsgeschichte geht es um Alltagskultur. Statt weltberühmter Gemälde steht eine Kartoffel im Mittelpunkt. Und statt ausschließlich ehrfürchtig durch Ausstellungssäle zu gehen, darf am Ende gegessen werden.

Für einen Rundgang sollte man ungefähr anderthalb Stunden einplanen. Durch seine zentrale Lage lässt sich das Museum gut in einen Tag in der Brüsseler Innenstadt integrieren. Der Grand-Place mit seinen prachtvollen historischen Fassaden liegt ebenso in der Umgebung wie das berühmte Manneken Pis. Wer Brüssel zu Fuß erkundet, kann den Museumsbesuch daher problemlos mit den klassischen Sehenswürdigkeiten des Zentrums verbinden.

Kulinarisch passt das Museum ohnehin perfekt in die Stadt. Belgische Pralinen genießen internationalen Ruf, Waffeln gehören für viele Besucher zu einem Brüssel-Aufenthalt ebenso selbstverständlich dazu wie belgisches Bier. Und dann sind da die Fritten – vielleicht das bodenständigste dieser kulinarischen Wahrzeichen. Sie kosten vergleichsweise wenig, sind nahezu überall erhältlich und benötigen keine besondere Erklärung. Man bestellt sie, wählt eine Sauce und beginnt zu essen.

Das Frietmuseum schafft es, genau aus dieser Selbstverständlichkeit eine Geschichte zu machen. Plötzlich ist eine Kartoffel nicht mehr nur eine Kartoffel und eine Portion Fritten nicht bloß eine schnelle Beilage. Dahinter stehen Landwirtschaft, Handel, Migration, Technik, Gastronomie und gesellschaftliche Traditionen. Ein scheinbar simples Lebensmittel wird damit zum Ausgangspunkt für eine Reise über Kontinente und durch Jahrhunderte.

Nach dem Besuch dürfte man die nächste Brüsseler Frittenbude deshalb mit etwas anderen Augen betrachten. Wo vorher nur ein schneller Snack wartete, erkennt man plötzlich ein Lebensmittel mit einer erstaunlich langen Geschichte: von den Anden Südamerikas über die europäischen Äcker bis in die Friteries belgischer Städte.

Genau darin liegt der besondere Reiz des Frietmuseum Brussels. Es nimmt etwas, das fast jeder kennt, und stellt eine überraschend spannende Frage: Wie konnte aus einer einfachen Kartoffel ein Stück Kultur werden? Die Antwort führt durch Geschichte, Tradition und Handwerk – und endet schließlich dort, wo sie für viele Besucher ohnehin enden sollte: bei einer Portion frisch zubereiteter belgischer Fritten.

Heiß, goldgelb und knusprig, dazu die passende Sauce. Manchmal muss Kultur eben nicht hinter Glas stehen. Manchmal darf man sie einfach aufessen.

750 Jahre Münchner Geschichte – und niemand weiß, was daraus werden soll: Rettet das Zerwirkgewölbe!

28. August 2026

Wer München abseits von Marienplatz, Viktualienmarkt und Hofbräuhaus entdecken möchte, sollte einen Blick in die Ledererstraße werfen. Dort steht mit dem Zerwirkgewölbe eines der ältesten erhaltenen Bauwerke der Stadt – und zugleich ein Stück Münchner Geschichte, das viele Einheimische kaum kennen. Das Gebäude stammt aus dem späten 13. Jahrhundert und gilt als das zweitälteste Bauwerk Münchens. Damit ist es rund 750 Jahre alt und älter als viele der bekannten Sehenswürdigkeiten der Altstadt. Ich bin enttäuscht, dass dieses Gebäude verfällt. Es ist doch für mich ein historisches Juwel.

Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt das Zerwirkgewölbe seiner früheren Nutzung. Hier wurde einst das bei herzoglichen Jagden erlegte Wild zerlegt und verarbeitet. „Zerwirken“ ist ein alter Begriff aus der Jägersprache und bedeutet so viel wie fachgerechtes Zerlegen von Wildbret. Im Laufe der Jahrhunderte diente das Gebäude unter anderem als herzogliches Falkenhaus, gehörte zeitweise zum Hofbräuhaus und beherbergte später eine Wildmetzgerei. Meine Eltern haben wir noch von der Metzgerei erzählt.

Besonders sehenswert sind die historischen Fresken an der Fassade. Sie zeigen Jagdszenen und erinnern an die ursprüngliche Nutzung des Hauses. Wer aufmerksam durch die schmale Gasse schlendert, entdeckt hier ein mittelalterliches München, das sich zwischen den touristischen Hotspots beinahe versteckt.

Das Zerwirkgewölbe war über die Jahrzehnte nicht nur Metzgerei und Gastronomiebetrieb, sondern auch Kultur- und Ausgehort. In den 1990er- und 2000er-Jahren waren dort unter anderem Studiobühnen des Gärtnerplatztheaters und der Theaterakademie untergebracht. Später zog der Hip-Hop-Club Crux ein, in dem bis in die 2010er-Jahre getanzt und gefeiert wurde. Das war nie meine Musik und daher war mir der Club unbekannt. Anschließend befanden sich dort verschiedene Gastronomiebetriebe wie die Spezlwirtschaft und das Restaurant Fedora.

Heute steht das denkmalgeschützte Gebäude vor einer ungewissen Zukunft. Nach sieben Jahren des Leerstands wird über Sanierung und neue Nutzungskonzepte diskutiert. Gerade deshalb lohnt sich ein Besuch: Das Zerwirkgewölbe ist nicht nur ein beeindruckendes Zeugnis der Stadtgeschichte, sondern auch ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft Münchens auf besondere Weise begegnen.

Bedarf mehr besteht. Eine Machbarkeitsstudie kam allerdings zu dem Ergebnis, dass nach einer umfangreichen Sanierung verschiedene Nutzungen denkbar wären: Wohnen, Büros, Gewerbe oder Kultur. Bayerns Bauminister Christian Bernreiter hatte dabei betont, dass nicht die maximale Gewinnerzielung im Vordergrund stehen solle. Ziel sei vielmehr, diesen historischen Ort wieder öffentlich zugänglich zu machen und mit einer angemessenen Nutzung zu beleben.

Das Problem: Bislang gibt es noch kein konkretes Nachnutzungskonzept. Noch im Juli 2026 teilte die Immobilien Freistaat Bayern mit, dass Sondierungen und Gespräche mit potenziellen Interessenten liefen. Zugleich hängt der Umfang der notwendigen Sanierung stark davon ab, was später in dem Gebäude stattfinden soll. Substanzerhaltende Arbeiten werden nach Angaben des Freistaats bereits vorgenommen.

Politisch ist ein Verkauf durchaus umstritten. In München gibt es Forderungen, das Zerwirkgewölbe in öffentlicher Hand zu behalten und beispielsweise für kulturelle, soziale oder gemeinwohlorientierte Zwecke zu nutzen. Auch ein Erwerb durch die Stadt wurde ins Gespräch gebracht.

Interessant ist deshalb vor allem, was nicht feststeht: Es gibt derzeit weder einen beschlossenen neuen Gastronomiebetrieb noch ein Museum, Kulturzentrum oder Wohnprojekt. Die früher einmal diskutierte Idee eines „Mini-Hofbräuhauses“ ist ebenfalls nicht die aktuelle Planung.

54 Jahre nach 1972: München setzt ein riesiges Zeichen für Olympia

27. August 2026

Ein drei Meter hoher Dackel, ein 200 Quadratmeter großes Banner und die historische Olympia-Fanfare: Genau 54 Jahre nach der Eröffnung der Sommerspiele von 1972 macht München auf dem Marienplatz deutlich, dass die olympische Geschichte der Stadt noch nicht zu Ende geschrieben sein soll. Aus den Räumen des PresseClubs München verfolgte ich das Spektakel auf dem Münchner Marienplatz und natürlich war auch ein Selfie mit dem Münchner Kindl inklusive.


Am 26. August 1972 wurden in München die Olympischen Sommerspiele eröffnet. Auf den Tag genau 54 Jahre später nutzt die Landeshauptstadt dieses symbolträchtige Datum, um ihrer Bewerbung um neue Olympische und Paralympische Sommerspiele Nachdruck zu verleihen. Zugleich beginnt der letzte Monat vor einer entscheidenden Weichenstellung: Am 26. September 2026 bestimmt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in Baden-Baden, welcher deutsche Kandidat in den internationalen Wettbewerb gehen soll. Mit im nationalen Rennen sind Berlin und KölnRheinRuhr nachdem Hamburg gekniffen hat. Meine Präferenz liegt natürlich bei München.


Auf dem Münchner Marienplatz setzt das Bündnis PRO Olympia gemeinsam mit Vertretern der Landeshauptstadt dafür auf weithin sichtbare Symbolik. Im Mittelpunkt steht zunächst ein drei Meter hoher Riesen-Dackel von München Tourismus. Die Figur knüpft unübersehbar an „Waldi“, das berühmte Maskottchen der Spiele von 1972, an. An dem Dackel startet ein Countdown, der die verbleibenden 31 Tage bis zur DOSB-Entscheidung herunterzählt.


An der Aktion beteiligen sich Wolfram Hatz, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, und David Boppert, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses München. Sie vertreten das Bündnis PRO Olympia. Von Seiten der Stadt sind Oberbürgermeister Dominik Krause und Wirtschaftsreferent Dr. Christian Scharpf dabei.

Den optischen Höhepunkt bildet ein Banner mit beachtlichen Dimensionen: 20 Meter breit und zehn Meter hoch soll es, begleitet von der historischen Olympia-Fanfare, entrollt werden. Mit insgesamt 200 Quadratmetern Fläche wird die Botschaft der Münchner Bewerbung damit kaum zu übersehen sein. Für Medienaufnahmen des Riesenbanners hat die Stadt eigens die Möglichkeit vorgesehen, aus den Räumen des PresseClubs München zu fotografieren.



Hinter der öffentlichkeitswirksamen Aktion steht die entscheidende Phase eines mehrjährigen Auswahlprozesses. München hat sein finales Bewerbungskonzept Anfang Juni ebenso wie Berlin und KölnRheinRuhr beim DOSB eingereicht. Die drei Bewerbungen werden nach einer gemeinsam mit dem Bund entwickelten Systematik bewertet. Dabei spielen unter anderem die internationale Wettbewerbsfähigkeit, die nationale Akzeptanz sowie die sportfachliche und operative Eignung eine Rolle. Auch Vision, langfristiges Erbe sowie Kosten und Finanzierung werden geprüft.


München kann dabei auf ein starkes politisches und gesellschaftliches Signal verweisen. Der Stadtrat unterstützte das vertiefte Bewerbungskonzept mit großer Mehrheit. Hinzu kommt das klare Votum der Bevölkerung: Beim Bürgerentscheid sprach sich eine Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Bewerbung aus.

Das Münchner Konzept setzt unter anderem auf Nachhaltigkeit, die Nutzung und Weiterentwicklung bestehender Infrastruktur sowie Stadtentwicklungsprojekte. Zu den sogenannten „Powerprojekten“ gehören Ansätze rund um zirkuläre Spiele und neue Mobilitätslösungen. Damit soll eine erneute Austragung nicht allein als mehrwöchiges Sportereignis verstanden werden, sondern als Impuls für die langfristige Entwicklung der Stadt.



Ob München tatsächlich die Chance erhält, diese Vorstellungen auf internationaler Ebene zu vertreten, entscheidet sich allerdings zunächst in Baden-Baden. Die Evaluierungskommission überprüft die Ergebnisse des DOSB-Verfahrens und kann eine Wahlempfehlung aussprechen. Eine solche Empfehlung ist jedoch weder zwingend noch für die Mitgliederversammlung bindend. Die endgültige nationale Entscheidung fällt am 26. September.

Und selbst ein Münchner Sieg in Baden-Baden wäre noch keine Zusage für Olympische Spiele. Über die internationale Vergabe entscheidet letztlich das Internationale Olympische Komitee. Nach Angaben des DOSB steht derzeit noch nicht fest, wann das IOC die nächsten Sommerspiele vergeben wird. Sicher ist damit vorerst nur: 54 Jahre nach 1972 will München zeigen, dass es bereit wäre, noch einmal olympische Gastgeberstadt zu werden.

Pokémon trifft Polaroid: Diese Kameras machen jeden Schnappschuss zum Sammlerstück

26. August 2026

Pikachu, Pokéball und Feelinara landen auf der Sofortbildkamera: Zum 30. Geburtstag von Pokémon bringt Polaroid eine Sonderkollektion heraus, die Fotografie und Sammelleidenschaft miteinander verbindet. Neben drei Kameras gehören spezielle Filme und Zubehör zur Kooperation. Als Fan von Sofortbildkameras bin ich natürlich nervös.

Zum 30-jährigen Jubiläum von Pokémon treffen zwei Marken mit ausgeprägtem Nostalgiefaktor aufeinander. Polaroid hat eine Pokémon-Kollektion angekündigt, deren Mittelpunkt drei Sofortbildkameras in unterschiedlichen Designs bilden. Nach Angaben von Polaroid soll die Special Edition seit dem 25. August 2026 vorbestellbar sein. Die Stückzahlen sind begrenzt.

Das auffälligste der drei Modelle orientiert sich am wohl bekanntesten Gegenstand der Pokémon-Welt: dem Pokéball. Dafür erhält die Polaroid Now Gen 3 eine Gestaltung in Rot, Weiß und Schwarz. Techrush nennt für dieses Modell einen Preis von 140 Euro. Auch ein Detail verbindet die drei Varianten miteinander: Der Auslöser wurde im Stil eines Pokéballs gestaltet.

Pikachu bekommt ebenfalls eine eigene Kamera. Hier dient die kompaktere Polaroid Go Gen 3 als Basis. Neben dem charakteristischen Gelb fällt insbesondere die blitzförmige Trageschlaufe auf, die an Pikachus Schweif erinnert. Der angegebene Preis liegt bei 100 Euro.

Das dritte Design ist Feelinara gewidmet. Auch dafür verwendet Polaroid die Go Gen 3. Pink, Weiß und Blau bestimmen die Farbgebung, ergänzt durch passende Details und eine farblich abgestimmte Handschlaufe. Mit 100 Euro wird für die Feelinara-Ausführung derselbe Preis wie für die Pikachu-Kamera genannt.

Die Kooperation beschränkt sich allerdings nicht auf die Kameragehäuse. Polaroid produziert auch passende Sofortbildfilme mit exklusiven Pokémon-Rahmen. Für die Go-Kameras gibt es Varianten rund um Pikachu und Feelinara. Beim Color i-Type Film für die größere Now Gen 3 tauchen dagegen verschiedene Pokémon auf den Bildrahmen auf, darunter Bisasam, Glumanda, Schiggy, Gengar, Nachtara und Mimigma.

Ein Detail dürfte vor allem Sammler ansprechen: In jedem Film-Pack steckt ein speziell gestalteter Darkslide mit einer Pokémon-Silhouette. Ein Darkslide ist die Schutzkarte, die beim Einlegen einer neuen Filmkassette zunächst aus der Kamera ausgeworfen wird. Polaroid bewirbt diese Karten ausdrücklich als Teil der Sonderedition und ermöglicht Mitgliedern ab dem 29. September, ihre Darkslides zu erfassen.

Ergänzt wird die Kollektion laut Techrush durch passendes Zubehör. Dazu gehören ein Kamera-Case im Pokéball-Look und ein Fotoalbum für jeweils 25 Euro sowie ein Kameragurt für 15 Euro, der sowohl mit der Polaroid Go als auch mit der Polaroid Now verwendet werden kann.

Die Zusammenarbeit setzt damit weniger auf technische Neuerungen als auf das Zusammenspiel zweier Markenwelten. Die bekannten Polaroid-Kameras werden durch Pokémon-Designs, spezielle Bildrahmen, Sammelkarten und Zubehör zu limitierten Fanartikeln. Gerade die Verbindung aus analoger Sofortbildfotografie und sammelbaren Pokémon-Motiven macht den Kern der Kollektion aus.

Mödlareuth – wo eine Mauer Familien trennte und Geschichte bis heute unter die Haut geht

25. August 2026

Mödlareuth ist ein kleines Dorf, dessen Geschichte wie kaum eine andere die deutsche Teilung im Kleinen sichtbar macht. Häufig wird der Ort als „Klein-Berlin“ bezeichnet. Doch dieser Vergleich greift eigentlich zu kurz. Denn während Berlin erst infolge des Zweiten Weltkriegs und schließlich durch den Mauerbau geteilt wurde, verlief durch Mödlareuth bereits seit Jahrhunderten eine Grenze. Lange bevor es Bundesrepublik und DDR gab, bevor Deutschland überhaupt ein Nationalstaat war, gehörten die beiden Seiten des Dorfes unterschiedlichen Herrschaftsgebieten an. Im Rahmen eines Seminars zum Mauerbau besuchte ich mit meinen Seminarteilnehmern das Deutsch-deutsche Museum und sah mir die Grenzanlagen an.

Historische Grenze
Die historische Grenze geht bis in die frühe Neuzeit zurück. Im 16. Jahrhundert wurde sie zwischen verschiedenen deutschen Territorien festgelegt. Auf der einen Seite lag fränkisches Herrschaftsgebiet, auf der anderen das Gebiet des Hauses Reuß. Um den Grenzverlauf möglichst eindeutig festzulegen, orientierte man sich nicht allein an Grenzsteinen, die versetzt werden konnten, sondern an natürlichen oder dauerhaft vorhandenen Gegebenheiten. In Mödlareuth spielte dabei der Tannbach eine entscheidende Rolle. Auch ein alter Handelsweg diente der Orientierung. Von einer Teilung des Dorfes im späteren politischen Sinne konnte damals allerdings keine Rede sein. Die Grenze trennte Herrschafts- und Verwaltungsgebiete, aber keine Gesellschaften oder politischen Systeme.

Mit dem Wachstum Mödlareuths entwickelte sich auf beiden Seiten des Tannbachs eine Dorfgemeinschaft. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten beispielsweise auf der thüringischen Seite bereits rund 50 Menschen. Die politische Grenze hatte dennoch konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben. Sie war eine Zollgrenze, und Waren, die von einem Territorium ins andere gebracht wurden, konnten mit erheblichen Abgaben belastet werden. Auch Handwerker konnten nicht ohne Weiteres auf der jeweils anderen Seite arbeiten. Selbst eine Heirat über die Grenze hinweg konnte teuer werden, weil beim Wechsel des Herrschaftsgebietes Abgaben fällig wurden.

Gleichzeitig zeigte sich aber, wie wenig politische Grenzen gewachsene soziale Verbindungen vollständig trennen können. Besonders deutlich wurde dies im kirchlichen Leben. Die Bewohner beider Dorfteile gehörten lange Zeit derselben Kirchengemeinde an. Am Sonntag verlor die politische Grenze damit einen Teil ihrer Bedeutung. Die Menschen gingen gemeinsam zur Kirche, waren miteinander verwandt, arbeiteten miteinander und sprachen denselben regionalen Dialekt. Mödlareuth war politisch geteilt, gesellschaftlich aber ein Dorf.

Im 19. Jahrhundert verlor die alte Grenze zunehmend an Bedeutung. Mit der wirtschaftlichen Annäherung der deutschen Staaten und schließlich der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde aus der früheren Staatsgrenze eine Landesgrenze innerhalb eines gemeinsamen deutschen Staates. Im Alltag spielte sie immer weniger eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchien verstärkte sich diese Entwicklung. Während der Weimarer Republik konnten die Bewohner die Grenze praktisch problemlos überschreiten. Mödlareuth entwickelte sich wie viele andere kleine Orte: Landwirtschaft, Schule, Feuerwehr, Wirtshaus und gemeinschaftliches Leben prägten das Dorf. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass der Tannbach eines Tages zu einer nahezu unüberwindbaren politischen Grenze werden würde.

Kalter Krieg
Diese Situation änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend. Nach dem 8. Mai 1945 wurde Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Grenzen dieser Zonen orientierten sich teilweise an den historischen Landesgrenzen. Damit erhielt die jahrhundertealte Grenze zwischen Bayern und Thüringen plötzlich weltpolitische Bedeutung. Der bayerische Teil Mödlareuths lag in der amerikanischen, der thüringische Teil in der sowjetischen Besatzungszone.

Dabei kam es zunächst sogar zu einer bemerkenswerten Kuriosität. Aufgrund ungenauen Kartenmaterials wurde auch ein kleiner Teil des bayerischen Mödlareuth zeitweise von sowjetischen Truppen besetzt. Erst nachdem der Irrtum erkannt worden war, zogen sich die sowjetischen Einheiten zurück. Damit war die alte Landesgrenze wiederhergestellt – nun allerdings als Grenze zwischen zwei Besatzungssystemen.

In den ersten Nachkriegsjahren blieb das Dorfleben dennoch erstaunlich eng miteinander verbunden. Die Menschen konnten die Grenze zunächst noch überschreiten. Familien besaßen Felder und Grundstücke auf der jeweils anderen Seite. Bauern gingen mit ihren Tieren und Geräten über den Tannbach, um ihre Flächen zu bewirtschaften. Schule, Feuerwehr und andere Einrichtungen wurden teilweise weiterhin gemeinsam genutzt. Die politische Großwetterlage war zwar spürbar, hatte das alltägliche Zusammenleben aber noch nicht vollständig zerstört.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1949 wurde aus der Besatzungszonengrenze schließlich eine Grenze zwischen zwei deutschen Staaten. Die entscheidende Zäsur für Mödlareuth kam jedoch 1952. Angesichts der zunehmenden Fluchtbewegung aus der DDR begann die SED-Führung, die innerdeutsche Grenze systematisch abzuriegeln.

Trennungslinie
Damit wurde aus der historischen Grenze durch Mödlareuth eine tatsächliche Trennungslinie. Die DDR richtete entlang der innerdeutschen Grenze ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet ein. Innerhalb dieses Gebietes galten besondere Aufenthalts- und Kontrollbestimmungen. Bewohner benötigten entsprechende Einträge in ihren Ausweisdokumenten. Wer von außerhalb Verwandte im Grenzgebiet besuchen wollte, musste eine Genehmigung beantragen. Selbst Familienbesuche wurden damit zu staatlich kontrollierten Vorgängen.

Für Mödlareuth bedeutete das einen dramatischen Einschnitt. Menschen, die wenige Meter oder wenige hundert Meter voneinander entfernt wohnten und miteinander verwandt waren, konnten plötzlich nicht mehr selbstverständlich miteinander sprechen oder sich besuchen. Kontaktaufnahmen über die Grenze hinweg waren untersagt. Selbst Winken und Zurufen konnten verboten sein. Familien wurden auseinandergerissen, obwohl ihre Häuser teilweise nur einen Steinwurf voneinander entfernt standen.

Grenzbefestigungen
1952 entstand zunächst ein Bretterzaun entlang der Grenze. Damit erlebte Mödlareuth bereits neun Jahre vor Berlin eine sichtbare Abriegelung. Als am 13. August 1961 in Berlin mit dem Bau der Mauer begonnen wurde, kannten die Menschen in Mödlareuth die physische Teilung ihres Lebensraumes längst. Deshalb ist der häufig verwendete Begriff „Klein-Berlin“ zwar verständlich, historisch aber nur bedingt passend: Mödlareuth war früher geteilt und früher mit Grenzanlagen versehen worden.

Nach dem Berliner Mauerbau wurde auch die innerdeutsche Grenze weiter ausgebaut. Ab 1962 entstanden umfangreiche Sperranlagen mit Zäunen, Kontrollstreifen, Wachtürmen und Minenfeldern. Entlang der gesamten innerdeutschen Grenze setzte die DDR Hunderttausende Landminen ein. Sie sollten Fluchtversuche verhindern und konnten Menschen schwer verletzen oder töten. Für die Bewohner der Grenzregion wurde die staatliche Gewalt damit permanent sichtbar.

Auch Mödlareuth wurde immer stärker befestigt. Unterschiedliche Zaunsysteme folgten aufeinander, bis 1966 schließlich eine massive Betonmauer errichtet wurde. Sie war mehrere Meter hoch und mit einer abgerundeten Auflage versehen, die ein Überklettern erschweren sollte. Damit verlief mitten durch das kleine Dorf eine Mauer, die Familien, Nachbarn und Freunde voneinander trennte.

Republikflucht
Dennoch gelang eine spektakuläre Flucht. Ein Berufskraftfahrer, der aufgrund seiner Tätigkeit mit den örtlichen Verhältnissen und den Grenzposten vertraut war, konstruierte eine kleine Leiter, die er unter beziehungsweise an seinem Dienstfahrzeug verbergen konnte. Nachts fuhr er an die Mauer, stieg über sein Fahrzeug auf die Leiter und überwand die Sperranlage erfolgreich. Die DDR-Behörden reagierten darauf mit einer weiteren Verschärfung der Sicherungsmaßnahmen. Zusätzliche Zäune wurden errichtet, das Gelände stärker beleuchtet, die Truppenpräsenz erhöht und ein neuer Beobachtungsturm gebaut. Um freie Sicht auf das Grenzgebiet zu erhalten, wurden sogar Gebäude abgerissen.

Gerade daran zeigt sich die besondere Brutalität des Grenzregimes. Menschen, die die DDR verlassen wollten, galten aus Sicht der Staatsführung nicht einfach als Auswanderer oder Flüchtlinge. Ihre Flucht wurde kriminalisiert. Der Staat setzte erhebliche personelle, technische und finanzielle Mittel ein, um seine Bürger am Verlassen des Landes zu hindern.

Für die Bewohner Mödlareuths war diese Politik besonders schmerzhaft, weil nahezu jede Familie verwandtschaftliche Beziehungen auf die andere Seite hatte. Brüder, Schwestern, Eltern, Kinder und Großeltern lebten manchmal nur wenige hundert Meter voneinander entfernt und konnten sich dennoch jahrelang nicht besuchen. Sie konnten die Häuser der anderen sehen, Rauch aus den Schornsteinen beobachten oder das Leben auf der anderen Seite erahnen – und waren doch durch eine Staatsgrenze und ein militärisch gesichertes Sperrsystem getrennt.

Später wurden die Reiseregelungen für DDR-Rentner etwas gelockert. Damit waren gelegentliche Besuche im Westen möglich. Doch selbst für eine Strecke, die im Dorf nur wenige hundert Meter betrug, konnte eine Reise über offizielle Grenzübergänge mehrere Stunden dauern. Man musste das Grenzgebiet verlassen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem zugelassenen Übergang fahren, umfangreiche Kontrollen über sich ergehen lassen und anschließend auf westdeutscher Seite wieder zurück nach Mödlareuth gelangen. Die Absurdität der deutschen Teilung wurde hier besonders deutlich: Sichtweite konnte politisch zu einer Entfernung von vielen Stunden werden.

Minenfrei
In den 1980er Jahren begann die DDR mit der Räumung der Minen an der innerdeutschen Grenze. Bis Mitte des Jahrzehnts galt die Grenze offiziell weitgehend als minenfrei, auch wenn nicht sämtliche Sprengkörper gefunden werden konnten. Die übrigen Sperranlagen blieben jedoch bestehen. Noch immer trennten Zäune, Mauern, Kontrollstreifen und Wachtürme die beiden Teile Mödlareuths.

Wiedervereinigung
Dann kam das Jahr 1989. Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der innerdeutschen Grenze verlor auch die Mauer von Mödlareuth ihre Funktion. Was über Jahrzehnte streng verboten gewesen war, wurde plötzlich wieder möglich: Nachbarn konnten aufeinander zugehen, Familien konnten sich treffen und die wenigen Meter überwinden, die politisch zuvor fast unüberwindbar gewesen waren. Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete die staatliche Teilung.

Verwaltungstechnisch ist Mödlareuth allerdings bis heute geteilt. Ein Teil gehört zum Freistaat Bayern, der andere zum Freistaat Thüringen. Dadurch gibt es beispielsweise unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und kommunale Zuständigkeiten. Niemand im Dorf empfindet dies jedoch als Problem. Im Gegenteil: Die Besonderheit gehört inzwischen zur Identität Mödlareuths.

Heute ist ein Teil der ehemaligen Grenzanlagen erhalten geblieben. Mödlareuth ist dadurch zu einem außergewöhnlichen Erinnerungsort der deutschen Geschichte geworden. Mauerreste, Wachturm, Grenzzaun und weitere Anlagen machen sichtbar, was abstrakte Begriffe wie „deutsche Teilung“, „innerdeutsche Grenze“ oder „Eiserner Vorhang“ für die Menschen konkret bedeuteten.

Gerade die lange Geschichte Mödlareuths macht den Ort so faszinierend. Die Grenze selbst war nicht das eigentliche Problem. Sie existierte bereits seit Jahrhunderten. Ihre Bedeutung veränderte sich jedoch immer wieder. Sie war Herrschaftsgrenze, Zollgrenze, Landesgrenze, Besatzungszonengrenze und schließlich eine nahezu unüberwindbare Systemgrenze zwischen Demokratie und Diktatur. Zeitweise war sie kaum mehr als eine Verwaltungslinie, zu anderen Zeiten bestimmte sie nahezu jeden Aspekt des täglichen Lebens.

Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort
Mödlareuth erzählt deshalb nicht nur die Geschichte eines geteilten Dorfes. Der Ort zeigt im Kleinen, wie politische Systeme das Leben von Menschen verändern können. Dieselben Nachbarn, dieselben Familien, derselbe Bach und dieselben Häuser blieben bestehen – doch die Bedeutung der Linie dazwischen änderte sich dramatisch. Aus einer jahrhundertealten Grenze wurde im Kalten Krieg eine Mauer zwischen zwei politischen Welten. Heute ist diese Grenze wieder nahezu unsichtbar. Gerade deshalb ist Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort: Es zeigt, dass offene Grenzen und die Freiheit, Nachbarn, Freunde und Verwandte auf der anderen Seite einfach besuchen zu können, keineswegs selbstverständlich sind.

Für mich steht fest: Das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth ist weit mehr als ein Museum. Es ist ein Ort, an dem deutsche Geschichte nicht hinter Glas verschwindet, sondern unmittelbar spürbar wird. Wer durch dieses kleine Dorf geht, steht dort, wo sich einst zwei politische Systeme gegenüberstanden – mitten zwischen Häusern, Familien und Nachbarn.
Was in Berlin zum weltweiten Symbol des Kalten Krieges wurde, geschah hier im Maßstab eines Dorfes. Gerade das macht das Deutsch-Deutsche Museum so wichtig. Die deutsche Teilung erscheint hier nicht als abstrakte Politik von Regierungen, Parteien und Militärblöcken. Sie wird zur Geschichte von Menschen. Nachbarn konnten nicht mehr zueinander. Wege endeten plötzlich an einer Grenze. Bewaffnete Grenzsoldaten, Zäune, Mauern und Beobachtung bestimmten einen Ort, der eigentlich nichts anderes sein wollte als ein Dorf.

Wer heute vor den erhaltenen Grenzanlagen steht, kann sich der Wirkung kaum entziehen. Eine Mauer quer durch ein Dorf wirkt vielleicht sogar bedrückender als viele Bilder der Berliner Mauer. Denn hier erkennt man unmittelbar die Absurdität der Teilung: Auf der anderen Seite liegt keine fremde Welt. Dort stehen Häuser, Felder und Straßen. Und doch war dieser kurze Abstand für Jahrzehnte nahezu unüberwindbar.

Deshalb ist Mödlareuth auch mehr als ein Erinnerungsort. Das Museum erinnert daran, dass Freiheit, Demokratie und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, keine Selbstverständlichkeiten sind. Geschichte besteht nicht nur aus Jahreszahlen. Sie besteht aus Entscheidungen – und aus den Folgen dieser Entscheidungen für ganz normale Menschen.
Am 9. Dezember 1989 wurde der Grenzübergang in Mödlareuth geöffnet. Die politische Grenze verschwand. Eine Besonderheit aber blieb: Noch heute gehört ein Teil des Dorfes zu Bayern und der andere zu Thüringen.
Mödlareuth bewahrt damit eine Geschichte, die wir gerade deshalb erzählen müssen, weil die Generation der Zeitzeugen kleiner wird. Irgendwann werden keine Menschen mehr berichten können, wie es sich anfühlte, in einem geteilten Land zu leben. Dann brauchen wir Orte wie diesen.
Man kann Bücher über die deutsche Teilung lesen. Man kann Dokumentarfilme sehen und historische Aufnahmen betrachten. Aber in Mödlareuth steht man plötzlich selbst vor der Mauer. Und in diesem Moment wird aus Geschichte Erinnerung – und aus Erinnerung Verantwortung.

Filmtipp: Tannbach – Schicksal eines Dorfes
Die ZDF-Produktion „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ erzählt am Beispiel eines fiktiven Dorfes, wie die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg unmittelbar in das Leben der Menschen eingriff. Familien, Freunde und Nachbarn geraten zwischen die Fronten der entstehenden politischen Systeme in Ost und West. Aus persönlichen Konflikten werden politische – und eine Grenze beginnt, eine Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen.

Inspiriert wurde die Geschichte unter anderem durch das reale Mödlareuth, jenes bayerisch-thüringische Dorf, das jahrzehntelang tatsächlich durch die innerdeutsche Grenze geteilt war. Gerade diese Verbindung macht „Tannbach“ so eindringlich: Die Serie zeigt, dass der Kalte Krieg nicht nur in Berlin, Washington oder Moskau stattfand. Er verlief durch Dörfer, durch Familien und manchmal buchstäblich direkt vor der eigenen Haustür.

Mit Schauspielern wie Henriette Confurius, Heiner Lauterbach, Nadja Uhl und Martina Gedeck verbindet die Produktion historische Ereignisse mit persönlichen Schicksalen. So wird aus großer deutscher Geschichte eine emotionale Erzählung über Heimat, Ideologie, Anpassung, Widerstand und die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, wenn eine Grenze plötzlich ihr Leben bestimmt.