Archive for the ‘Kunst’ Category

Modifizierte Bavaria – gottähnliche Statue wird berührbar

22. Dezember 2021

Bei einem Spaziergang durch meine Geburtstag traf ich auf die Bavaria. Nein, nicht die große Bavaria an der Theresienwiese, sondern die kleine Schwester gegenüber dem Deutschen Museum an der Isar. Die Bavaria stammt von Alicja Kwade. Die 1979 geborene Polin Alicja Kwade lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Bavaria ist ein schönes Beispiel für Kunst im öffentlichen Raum.

Kwades Bavaria ist keine exakte Kopie der monumentalen Bronzestatue Ludwig Schwanthalers auf der Theresienwiese. Sie erscheint an der Isar in einer leicht modifizierten und humanisierten, menschlichem Maß entsprechenden Version. Aller Symbole des Sieges und der Macht, wie Löwe, Eichenkranz und Schwert beraubt, strahlen ihre Körpersprache und Größe nicht mehr dieselbe heroische Haltung aus.

Die Bavaria und das Konzept interessiert mich. Wahrscheinlich liegt der Grund darin, dass es ein Werk von Ferdinand von Miller aus Fürstenfeldbruck ist, der Stadt in der ich aufgewachsen bin. Dort steht der Daumen der Bavaria und vor dem Stadtmuseum eine Kopie des Kopfes. Ferdinand von Miller, dem Sohn eines Brucker Uhrmachers Joseph Anton Miller gelang in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sensation. In der Werkstatt des Erzgießers Ferdinand von Miller entstand die über 87 Tonnen schwere Bavaria, die seit 1850 über der Theresienwiese thront.

Aber zurück zur Bavaria von Alicja Kwade. Auf der beschreibenden Tafel steht zu lesen: „Ihre Gesten wurden gezielt verändert und damit ändert sich auch ihre symbolische Bedeutung. Die ursprüngliche übermenschliche Größe, die den Betrachter durch die Symbolisierung von Überlegenheit einschüchtern sollte, wurde ihr ebenfalls genommen: auf menschliche Größe (exakt die Größe der Künstlerin Alicja Kwade) herunterskaliert, ist die Bavaria, ohne Sockel, entmystifiziert und erscheint nunmehr gleichberechtigt zu den Betrachter. Sie interagieren auf Augenhöhe. So ruft die Plastik Interaktionen mit den Passanten hervor und führt ein neues „Leben“ und „Dasein“. Die vormals unerreichbare gottähnliche Statue wird berührbar.
Die Verbindung zwischen dem Original und seinem humanisierten Äquivalent zeigt zwei verschiedene Seinsmöglichkeiten auf, in ihrer Bedeutung gegensätzlich, aber doch zueinander gehörend und aufeinander bezogen. In ihrer Koexistenz verdeutlichen sie gleichsam die Idee von Paralleluniversen.“

Off-White-Designer Virgil Abloh verstorben

29. November 2021

Seine Mode habe ich nie getragen, aber gerne angesehen. Sie zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Ich selbst hatte nie den Mut und den Geldbeutel seinen Style zu tragen. Jetzt ist Designer Virgil Abloh an einer seltenen Krebserkrankung im Alter von 41 Jahren verstorben.

Wenn ich die Kreationen von Virgil Abloh sah, musste ich grinsen und hab mich über den Mut gefreut. Ich freute mich vor allem über seine Streetwearmarke Off-White. Bei uns im Dorf habe ich so ein Outfit nie gesehen, da musste ich mich schon in eine urbane Umgebung bewegen: Seinen Style sah ich in München, Köln und Berlin. Unlängst auch in der S-Bahn München. Da passt einfach Streetwear hin.

Wie der Luxuskonzern LVMH (Moët Hennessy – Louis Vuitton SE) mitteilte, sollte Virgil Abloh mehr Aufgaben im Hause übernehmen. Zunächst war er Kreativ-Chefstratege von US-Musiker Kanye West, dessen Musik ich allerdings nicht höre. 2018 wechselte der gelernte Bauingenieur (!) zu LVMH und war der erste Afroamerikaner als Chefdesigner bei LV. Die Modewelt reagierte entsetzt über den Tod von Virgil Abloh.

Buchtipp: New York: Porträt einer Stadt von Reuel Golden

24. November 2021

Reisen in die USA sind grundsätzlich wieder möglich. Aufgrund von Corona war dies eine Zeitlang ja untersagt. Nun: Corona ist nicht besiegt, aber die Grenzen sind wieder offen. Ich habe für mich persönlich allerdings entschieden, mich mit dem Reisen erst noch zurückzuhalten. Aber ich schaue mir Übertragungen aus meiner Lieblingsstadt New York im Netz an und ich habe das Buch New York: Porträt einer Stadt von Reuel Golden zum Träumen gelesen. Gleich vorweg: Dieses Buch ist kein Reiseführer, sondern wirklich ein Porträt.

Und es ist schönes Storytelling. Es ist keine Bleiwüste an Geschichten, sondern die Geschichten werden anhand von Fotos eindrucksvoll erzählt. Ein Foto sagt eben mehr als 1000 Worte – so sagt das Sprichwort. Es bezieht sich darauf, dass komplizierte Sachverhalte oft mit einem Bild oder einer Darstellung sehr einfach erklärt werden können und ein Bild meist einen stärkeren Eindruck auf den Betrachter ausübt als ein umfangreicher Text. In der deutschen Sprache hat Kurt Tucholsky den Ausspruch 1926 als Überschrift zu einem fotoillustrierten Artikel in der Zeitschrift Uhu verwendet.

Und das weiß natürlich mein Lieblingsverlag: Der Taschen Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. Auf insgesamt fast 600 Seiten voller bewegender, atmosphärischer Bilder von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute präsentiert dieses Buch die Geschichte von New York. Die Bilder sind nach Dekaden geordnet und zeigen damit die Entwicklung dieser großartigen Zeit: Von blühenden Zeiten über zu Zeiten der Depression und des Niedergangs bis zum Aufblühen in der Gegenwart.

Hunderte von Zitaten und Zeugnissen aus einschlägigen Büchern, Kinofilmen, Shows und Songtexten ergänzen diesen Bilderschatz. Alle guten und schlechten Zeiten werden behandelt, von den wilden Nächten der Jazz-Ära und der hedonistischen Discozeit bis zu den bitteren Tagen der Wirtschaftskrise und dem Unglück vom 11. September und seinen Folgen. Und neben einer bebilderten Stadtgeschichte ist das Buch auch eine Reise durch das Who-is-who der Fotografenszene. Einige meiner Lieblingsfotografen sind hier vertreten wie Andreas Feininger, James Nachtwey und vielen anderen.
Also wer auf Reisen zum Big Apple geht oder zu Hause an New York denkt, der greife zu New York: Porträt einer Stadt.

Fotografie: Der Mann des perfekten Timings: Mick Rock ist tot

21. November 2021

Irgendwie ist es mir entgangen, dass einer der Großen der Musikfotografie im Alter von 72 Jahren vor kurzem verstorben ist: Mick Rock
Eigentlich hieß der Brite Michael Rock, aber Mick ist wohl cooler. Viele werden den Namen des Fotografen nicht kennen, aber seine Bilder sind bekannt – vor allem seine Fotos aus dem siebziger Jahren als er David Bowie, Lou Reed, Iggy Pop vor der analogen Linse hatte. Als Musik- und Fotofan war mir Mick Rock immer ein Begriff. Mick Rock ist einer der wichtigsten Fotografen der Rockgeschichte. Er gilt als „the Man who shot the 1970s“. Dann hatte Rock allerdings massive Drogenprobleme und tauschte die Kamera gegen die Nadel. Nach seinem Entzug begann er wieder in den Neunzigern Künstler wie R.E.M., The Strokes, The Libertines, Snoop Dogg und Lady Gaga oder The Chemical Brothers zu fotografieren. Mich persönlich interessierten aber mehr die Fotos der ersten Phase von Mick Rock. Mehrmals hatte ich das Angebot signierte Abzüge zu erstehen. Hier ein Video von 2015:

Ich hatte damals das Geld nicht. Jetzt werden die Preise explodieren. Irgendwann wollte ich aber dann doch einen Original Mick Rock haben und es wurde ein Foto aus der legendären Ziggy Stardust-Tour. Das Bild zeigt Bowie mit dem dritten Auge. Ich mag das Foto sehr.

Ich liebe dieses signierte Foto von Bowie von Rock

Das Ganze kam durch eine Veröffentlichung des Taschen Verlages und ich hatte die Gelegenheit, einen Sonderdruck des Buches The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock zu erwerben, inklusive der Autogramme von David Bowie und Mick Rock im Buch. Hier das damalige Unboxing.

Unterschriften von zwei großen Künstlern.

Jetzt starb der Fotograf. „Schweren Herzens teilen wir mit, dass unser geliebter, psychedelischer Abtrünniger Mick Rock die Jungianische Reise auf die andere Seite angetreten hat“, heißt es in einem Statement auf Mick Rocks Twitter-Profil. Mit diesen Worten gab seine Familie den Tod des Fotografen bekannt.

Natürlich beneide ich Mick Rock für seine Kontakte, aber noch mehr beneide ich ihn um sein Talent. Er hatte das perfekte Timing. Er ahnte voraus, wie sich sein Modell bewegte und drückte ab. Wer weiß, wie schwer Konzertfotografie mit all den Lichtern und der Bewegung ist, der weiß auch, welch großer Künstler Mick Rock war.

Ausstellungstipp Lichtspiele. Ausstellung zum Kino und Film im Brucker Land

26. Oktober 2021

Seitdem ich ein kleiner Junge war, liebe ich das Kino. Die magische Welt der bewegten Bilder: Lichtspielhäuser, Filmtheater, Multiplexkinos, Programmkinos und wie die Formen der filmischen Präsentationen auch heißen mögen. In meiner Jugend gab es in meiner Heimatstadt Fürstenfeldbruck vier Kinos: Das Capitol, die Amperlichtspiele, das Lichtspielhaus und das Bundeswehrkino Luxor-Horst-Lichtspiele. In allen vier Kinos war ich gerne zu Gast und sie zeigten ein unterschiedliches Programm. Ich besuchte beispielsweise die Jugendvorstellungen am Nachmittag und zog mir die komplette Palette an Godzilla-Filmen rein. So bekam ich japanische Filmkultur unterhaltend mit.

Und auf diese Reise in die Kinovergangenheit begab ich mich wieder als ich die Ausstellung Lichtspiele. besuchte. Es ist eine Ausstellung zum Kino und Film im Brucker Land von den Anfängen bis zum Siegeszug des Fernsehens, die noch bis zum 31. Oktober 2021 im Bauernhofmuseum Jexhof gezeigt wird.

Die Ausstellung Lichtspiele. am Jexhof
An den Exponaten sah ich Projektoren, Schaubuden-Guckkasten oder die legendäre Laterna magica, die ich aber auch schon in anderen Museen bestaunt habe. Mir war es aber wichtig, die Kinos der Vergangenheit zu sehen: Alte Fotos, alte Pläne, alte Verordnungen – kommunale Kinogeschichte pur. Was für Schätze waren hier zu sehen. So fanden manche Filmvorführungen in den Sälen von Wirtshäusern statt und bei fahrenden Wanderkinos. Dazu gab es spezielle mobile Projektoren.

Mobiler Projektor für das Wirtshaus.

Und natürlich schossen Kinos in vielen kleinen und großen Gemeinden aus den Boden. Und auf diese Filmtheater lag mein Hauptinteresse.
Ich sah mir die Planungen und Kinos meiner Heimatstadt Fürstenfeldbruck an. Im Laufe der Jahre begann dann das Sterben der Orte meiner Jugend. Ich erinnerte mich, wie ich an Karten angestanden habe, wie ich mich in Filme gemogelt habe, die eigentlich gar nicht für mich geeignet waren. Bestes Beispiel: Ich sah als Teenager den Carpenter-Klassiker Das Ding aus einer anderen Welt 1981 alleine im Kino und machte mir fast vor Angst in die Hose. Heute gibt es nur noch zwei Kinos in Fürstenfeldbruck. Das Lichtspielhaus wird unter anderem von einer Kulturinitiative getragen. Das Scala-Fürstenfeldbruck ist ein modernes Kino mit modernen Projektoren und Sound. Das Luxor-Horst-Lichtspiele gibt es noch, ist aber geschlossen.

Mit Spannung verfolgte ich die Kinoentwicklung in meinem heutigen Wohnort Maisach. Die Gemeinde war einst reich an Kinos. Heute haben wir Netflix.

Absolut empfehlenswerter Katalog und Ausstellung


In dem hervorragenden Ausstellungskatalog, der für rund 17 Euro beim Jexhof zu beziehen ist, hat Ortsarchivar Stefan Pfannes vorbildliche Arbeit geleistet. Anhand von zahlreichen Fotos, Plänen und Briefen erzählt er die Kinogeschichte der Gemeinde Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck. Gerne würde ich mir einen Vortrag von ihm mal anhören – mal sehen, vielleicht biete ich ihm ein Webinar zum Thema an. Wie ist eure Meinung dazu?

Die Kinogeschichte in Maisach
Das erste Kino in der Gemeinde gab es 1920 in Gerlinden. Michael Hornung gründete es zur Belustigung für Arbeiter eines nahegelegenen Torfwerkes. 1925 war mit dem Torfabbau und dem Kino dann auch schon Schluss.
1949 eröffneten die Bahnhofslichtspiele im Obergeschoss eines Gasthauses am Maisacher Bahnhof. Aber aufgrund von Steuerschulden und der nicht so gut gehenden Geschäfte wurde das Kino bereits 1953 wieder geschlossen.
176 Plätze hatten die Prinzess Lichtspiele an der Estinger Straße 6, das 1952 genehmigt wurde. Wie Pfannes berichtet, habe der Kinobetreiber Michael Ertl gut gewirtschaftet, übergab den Betrieb 1957. Der neue Betreiber hatte wohl nicht so ein glückliches Händchen und der Betrieb schloss 1964. Es folgte ein Getränkemarkt. Das Gebäude wurde 1993 abgerissen und überplant.

Und dann gab es noch das Filmtheater Maisach an der Aufkirchner Straße 8. Kinobetreiber Franz Haller eröffnete sein Lichtspielhaus 1965 mit dem Film Hochzeit lassen bitten. Hoheit lassen bitten ist eine deutsche Verwechslungskomödie von Paul Verhoeven aus dem Jahr 1954. Die Hauptrollen sind besetzt mit Hans Söhnker, Friedl Loor und Anne-Marie Blanc. Das musikalische Lustspiel basiert auf einer Operette von Walter Kollo. Ich kannte von alten Maisacher das Filmtheater Maisach als Hallerkino. Franz Haller betrieb gleichzeitig die Hallermühle am Ort. 1973 schloss er das Kino. Heute ist ein Haushaltswarengeschäft in dem Gebäude.

Der Pfarrer führt Buch über das Kinoprogramm.

Schön war in der Ausstellung eine Auseinandersetzung zwischen dem Kinobetreiber Haller und dem katholischen Pfarrer Betzl nachzulesen. Der Pfarrer stieß sich an einigen Filmen, führte genau Buch und regte sich beispielsweise über Tarzans Vergeltung (Originaltitel: Tarzan and His Mate) auf. Die MGM-Produktion hatte ein geschätztes Budget von 1,27 Millionen US-Dollar und spielte weltweit über 2,2 Millionen US-Dollar ein, ein paar Mark kamen aus Maisach. Es war der zweite Tarzan-Film mit Johnny Weissmüller. Tarzans Vergeltung war „mit Abstand der erotischste Tarzan-Streifen, der zugleich auch die realistischsten Kampfszenen beinhaltet“, so die damalige Filmkritik. Das ging dem Pfarrer zu weit. Die Kirche zeigte dafür für den gläubigen Maisacher dafür in Pfarrfilmstunden ein Alternativprogramm.

Wer noch Zeit hat, sollte sich unbedingt die Ausstellung anschauen. Sie lohnt sich auf jeden Fall. Der Katalog ist zu empfehlen und ergänzt meinen Ausstellungskatalog zur Kinogeschichte in Schwaben, die 1995 im Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld gezeigt wurde.

Ausstellung: The Mystery of Banksy – a Genius Mind in München

7. August 2021

Bis 3. Oktober 2021 läuft noch die Ausstellung The Mystery of Banksy – a Genius Mind in München. Zusammen mit meiner Familie habe ich mir die Veranstaltung im Isarforum beim Deutschen Museum angeschaut und ich habe eine zwiespältige Meinung.

Was dem Besucher klar sein muss, es handelt sich nicht um Originalausstellungsstücke, sondern um gut gemachte Repliken und die Ausstellung wirbt damit, dass sie nicht autorisiert sei.

In New York hatte ich die Ehre einen echten Banksy Boy with Hammer an der Upper East Side zu bewundern, der mich nachhaltig beeindruckt hat.

Auf einmal standen wir von einem echten Banksy.
Auf einmal standen wir von einem echten Banksy.

In München war es schön, einen Streifzug des Schaffens dieses wohl berühmtesten Street-Art-Künstlers zu sehen, aber nicht in der Umgebung, die Banksy für seine Kunst eigentlich im Sinn hat. Kapitalismuskritik in Ausstellungsräumen mit 17 Euro Eintritt pro Nase (unter der Woche). Wie pervers ist das eigentlich?
Didaktisch ist die Show in München prima gemacht. Enorm vielseitig und ansprechend präsentiert: QR Codes erklären zusätzlich zu den Beschreibungen an den Bildern, was der Künstler mit seinem Werk aussagen wollte. Da lässt sich nichts meckern und aufgrund eines durchdachten Hygienekonzepts ist die Ausstellung auch nicht überlaufen. Der Besucher hat seinen Spaß und es gibt spezielle Fotopoints, um Schnappschüsse als Erinnerung zu schießen und für die Ausstellung Werbung zu machen.

Die Ausstellung zeigt eine stattliche Anzahl von Bildern und Motiven, zudem laufen Videoinstallationen, die das Vorgehen des Meisters der Straßenkunst zeigen. Richtig grinsen musste ich bei der Installation Death of a Phone Booth. Eine rote britische Telefonzelle liegt am Boden und krümmt sich vor Schmerz, weil sie mit einer Spitzhacke malträtiert wurde. Es soll eine Beschreibung über den Rückgang der Telefonzellen im öffentlichen Raum sein, weil Smartphones sich durchgesetzt haben. Und natürlich wurde dieses Kunstwerk von den Besuchern mit dem Smartphone fotografiert – auch von mir.

Das ausgestellte U-Bahn-Abteil mit Banksys künstlicherischer Aufforderung sich an die Corona-Maßnahmen zu halten finde ich super gelungen. Es war ein Spaß in diesem Wagon die kleinen Ratten zu suchen, die der Künstler versteckt hat. So wird das Kunstwerk zu interaktiven Kunstwerk durch den Besucher. Und auch die Toilette mit den Ratten im Spiegel sind super gelungen.

Etwas schade finde ich die Darstellung von Love is in the Bin – das Kunstwerk, das zur Aktionskunst im Hause Sotheby’s wurde, als der Rahmen das Bild Mädchen mit Ballon am 5. Oktober 2018 durch einen Reißwolf zerstörte. Ich beobachtete einige Besucher in München, die diese Aktion nicht kannten. Da wäre ein Videobildschirm mit der Aktion in Endlosschleife didaktisch sinnvoll gewesen als nur reine Texttafeln.

Der umfangreiche Katalog ist ein wirkliches Musst-have. Im Ausstellungsshop gibt es ihn reduziert und er ist wirklich hervorragend. Er zeigt die Originalwerke des Künstlers in den Straßen und Plätzen, also Street Art in ihrer natürlichen Umgebung. Ich habe einige Kunstbücher über Banksy, aber dies gehört für mich als kunstinteressierten Laien zu den besten Büchern.

Kunst: Michael Möbius in der Kunstgalerie Bahnhofsunterführung

14. Juni 2021

Wenn ich morgens zum Dorfbäcker gehe, muss ich unter der Unterführung der S-Bahn durch, die unser Dorf Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck in zwei Teile teilt. Jetzt bin ich mal auf den anderen Seite des Fußwegs gelaufen und mir fiel eine Ausstellung ins Auge.

Wir haben eine concrete Kunstgalerie Bahnhofsunterführung Maisach, die immer wieder in großen Schaukästen neue Ausstellungen macht. Ich habe keine Ahnung, wer die Betreiber sind, aber ich freu mich immer wieder über Kunst im öffentlichen Raum.

Bei meinem Weg zum Bäcker entdeckte ich eine für mich neue Ausstellung von Michael Moebius. Jetzt war ich bei dem Namen Michael Möbius wie vom Donner gerührt, denn Möbius ist einer der profiliertesten Kunststars, Maler und Fotograf, aus deutschen Land, der unter anderem durch seine Kaugummi-Bilder von Stars. So eine renommierte Persönlichkeit bei uns im Dorf?

Aber getäuscht. Es ist eine Namensgleichheit. Bei uns stellt ein anderer Michael Moebius aus. Auch seine Kunst macht Spaß. Der ausstellende Michael Moebius ist nicht so berühmt, wie sein Namensvetter aus Pirna, aber Kunst soll ja auch Spaß machen. Und so macht mir die Kunst in der concrete Kunstgalerie Bahnhofsunterführung Maisach Freude und ich freu mich beim Betrachten der Bilder.

Street Photography – spannend wie nie

4. Juni 2021

Als Fotojunkie mag ich Street Photography und ich bewundere die Künstler, die hervorragende Werke mit ihrer Kamera schießen und veröffentlichen. Gerne würde ich das auch tun und hab auch schon einige gute Aufnahmen im Kasten. Aber das deutsche Persönlichkeitsrecht steht dieser Kunstrichtung entgegen.

Ich darf einfach nicht irgendwelche Leute in irgendwelchen Situationen ablichten und später irgendwo veröffentlichen. Eine Unterlassungserklärung wäre in Zeiten der Rechtsschutzversicherung die unvermeidliche Folge. Natürlich könnte ich mir die Genehmigung einholen, aber seien wir mal ehrlich: Wer unterschreibt mir denn einen Wisch von jemanden, der ein Foto von ihm gemacht hat? Damit ist die klassische Street Photography für mich in Deutschland gestorben.

Viele meiner Bilder bleiben im Archiv und das ist schade. In Wien habe ich ein Plakat zu der Ausstellung „Street. Life. Photography“ gesehen und mir sofort den Katalog besorgt. Neben hervorragenden Fotos wird in dem Katalog Street. Life. Photography, herausgegeben von Dr. Sabine Schnakenberg, das Thema Straßenfotos unterschiedlich diskutiert. Die Ausstellung war 2018 in Hamburg in den Deichtorhallen und zieht durch die Welt.

Auch ein Bildjournalist braucht Inspiration. Ich hole sie mir hier.

In sieben Kapiteln werden zentrale Themen der Street Photography beleuchtet: Street Life, Crashes, Public Transfer, Urban Space, Lines and Signs, Anonymity und Aliennation. 52 fotografische Positionen mit über 320 Fotografien zeigen eines der spannendsten Themen der Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Besprechungen haben mich zum Nachdenken gebracht und mich von meinem konservativen Standpunkt der Straßenfotografie wachgerüttelt. Ich komme noch von Henri Cartier-Bresson mit seinem „entscheidenden Moment“. Peter Funch bezeichnet diesen Punkt als „Perfect Moment“. Das Buch hat mir Mut gemacht, das Thema weiter für mich zu verfolgen und ggf. auch andere Wege der Straßenfotografie einzuschlagen. Gerne würde ich auch ein Seminar zum Thema veranstalten, mal sehen, was in in einem anstehenden Fotoseminar davon einbauen kann. Auf jeden Fall klare Kaufempfehlung des Buches Street. Life. Photography.

Welche Kamera eignet sich?
Als Kamera für meine Fotos nehme ich zum einen das iPhone 12 Max, aber auch die Fujifilm X100V her. Manches Mal steuere ich auch die X100V mit dem Smartphone und löse über das Smartphone die Kamera über WLAN aus, die locker um den Hals hängt.

Was waren die Gründe für mein Upgrade auf die Fujifilm X100V? Ja, die Technik ist schneller geworden, es gibt ein noch besseres Linsensystem, die Videoaufnahmen sind optimiert. Aber die beiden wirklichen Kaufargumente für mich als Bildjournalist waren andere: Zum einen ist die Kamera gegen Spritzwasser geschützt. Meine bisherige X100F war einmal in Reparatur, als Feuchtigkeit bei Regen ins Innere drang und die Elektronik ruinierte. Und in unseren Breiten kommt Regen nun einmal vor und endlich hatte Fujifilm reagiert. Die X100F war im Grunde eine Schönwetterkamera, was Reportagefotografie deutlich einschränkte.

Zum anderen hat die X100V einen Klappmonitor. Ich dachte ursprünglich, dass ich so ein Feature nicht benötige, aber gerade im Bereich der Straßenfotografie ist das Klappdisplay goldwert. Den damit verbundenen Touchmonitor brauche ich nicht.

Nach ein paar Monaten herumspielen mit der Kamera stelle ich fest: Verdammt – die Linse ist wirklich besser geworden. Und verdammt – die Kamera zieht deutlich mehr Strom – also Ersatzakku immer einpacken. Es sind neue Filmsimulationen dazugekommen, die ich noch probieren muss. Schön ist, dass die aufschraubbaren Objektive Weitwinkel und Tele aus alter Zeit noch immer passen.

Dieter Rams zum 89. Geburtstag – Göttliches Design

20. Mai 2021

„Weniger, aber besser.“ – so einfach und genial kann Design sein. So genial ist Dieter Rams. Der legendäre Designer wird heute 89 Jahre alt und ich kann sagen: Er hat mein Leben beeinflusst und ich möchte aufrichtig zum Geburtstag gratulieren.

Über 350 Produkte hat Rams in seinem Berufsleben entworfen und Designgeschichte geschrieben. Ich bin über Umwege zu Rams gekommen. Als Apple Fanboy verehre ich Steve Jobs und viel später Jonathan Ive. Beide habe ich getroffen und beide haben bestätigt, dass Dieter Rams ihr Designvorbild war und sie prägte.
Wenn ich nur meinen ersten iPod ansehe, den der damalige Chefdesigner von Apple Jonathan Ive entworfen hat, dann sehe ich Dieter Rams Taschenradio T3. Reduktion, Reduktion, Reduktion.

Am 20. Mai 1932 wurde Rams in Wiesbaden geboren, berühmt wurde er durch seine Arbeit bei Braun. Als Jugendlicher wollte ich immer seinen Schneewittchensarg haben, ohne dass ich den Namen Dieter Rams kannte. Das Gerät, eine Kombi zwischen Schallplattenspieler und Radio, faszinierte mich, obwohl es schon 1956 entwickelt wurde. Bekommen von meinen Eltern habe ich aber nur eine Universum-Stereoanlage von der Quelle, weil sie ihrer Meinung nach schöner aussah und mehr Knöpfe hatte. Bauhaus war meinen Eltern egal. Aber das Design von Braun übt bis heute eine Faszination auf mich aus.

Obwohl ich Dual und Technics Schallplattenspieler besitze, verwende ich ausschließlich meinen weißen Braun P4, wenn ich Vinyl höre. Diese Eleganz, diese Kompromisslosigkeit, dieses tadellose Design.
Mein Grafiker-Kollege Clemens Strimmer hatte mich mit den zehn Rams-Gebote für gutes Design konfrontiert. Und ich kann sie ausnahmslos unterschreiben.

  1. Gutes Design ist innovativ.
  2. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
  3. Gutes Design ist ästhetisch.
  4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
  5. Gutes Design ist unaufdringlich.
  6. Gutes Design ist ehrlich.
  7. Gutes Design ist langlebig.
  8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
  9. Gutes Design ist umwelt­freundlich.
  10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.

Fotobuchtipp: Executive Order von Susan Ressler – die siebziger Jahre grüßen

17. Mai 2021

Im Moment mache ich mir Gedanken über die Arbeitswelt von gestern, von heute und von morgen: Begriffe wie New Work, Out of Office, aber auch digitales Proletariat schwirren mir durch den Kopf. Und auch Gedanken, wie eigentlich ein Büro auszusehen hat, beschäftigen mich. Und bei diesen Recherchen fiel mir ein wunderbares Fotobuch von Susan Ressler in die Hände: Executive Order: Images of 1970s Corporate America

Wundervolles Fotobuch über die Büros der 70er Jahre.

Executive Order ist ein scharfsinniger Blick auf das Amerika der Konzerne, mit Porträts und Bürointerieurs, die in den 1970er Jahren in Los Angeles und im Westen der USA aufgenommen wurden. Ressler übt eine fotografische Kritik an Reichtum und Macht und setzt die Fotografie mit Humor und Einfühlungsvermögen ein, und ihre Arbeit ist heute im Zeitalter von New Work besonders relevant. Susan Ressler ist Fotografin, Autorin und Pädagogin. Ihre Arbeiten befinden sich unter anderem im Smithsonian American Art Museum und in den Library Archives of Canada.

Einen Nachmittag lang habe ich diese Schwarzweißbilder von amerikanischen Führungskräften aus den siebziger Jahren genossen. Mal habe ich schmunzelt, mal gestaunt, mal war ich entsetzt und mal war ich fasziniert. Es ist erstaunlich, wie sich Büros verändert haben und was den Herren, zumeist waren es Herren, die die Büros bevölkerten, wichtig war. Schreibtische, Sitzmöbel, Bilder, Nippes und auch Teppiche sowie Accessoires aller Art. Sie symbolisierten oft den alten Spruch: Ich Chef, du nix. Das war das Managementprinzip, was schon alleine durch die Büroeinrichtung vermittelt wurde.

Computer war noch wenig in den Büros vertreten, dafür ein Telefon samt imposanter Telefonanlage. Sofort kommen Erinnerungen an Filme der siebziger und achtziger Jahre durch mit Aussprüchen „Der Präsident auf Leitung 3!“ Dann gab es natürlich Stifte. Aber nicht einfach eine Stiftebox mit Kugelschreiber und Bleistiften. Es musste schon imposanter sein. Füller-Ständer aus Ahorn, Rosenholz und schwarz Leder. Damit konnte man seinen Kaiser Wilhelm unter wichtige Dokumente setzen. Als Kind wollte ich auch so einen Füller-Ständer haben, aber ich war wohl nicht wichtig genug.

Interessant war, dass damals noch in Büros geraucht wurde. Auf zahlreichen Bilder sind imposante Aschenbecher zu sehen. Ich erinnere mich noch an mein Volontariat, als Rauchen in Redaktionsstuben noch üblich war: Die Sportredaktion rauchte Zigaretten in Kette, der Feuilletonchef paffte Pfeife und ich als Nichtraucher mitten drin. Protest gegen den blauen Dunst in den Siebziger eher unüblich.

Also klarer Tipp für Fotofreunde ist das Buch Executive Order: Images of 1970s Corporate America