Archive for the ‘Kunst’ Category

Espresso – ein Reiseführer des guten Geschmacks von Walter Vogel

13. Juni 2022

Morgens das Erste nach dem Aufwachen ist der Kuss an die beste Ehefrau und dann kommt der Ruf „Alexa, Steckdose Kaffee an“. Ich freue auf die erste Tasse frischen Bohnenkaffee am frühen Morgen. Bis ich soweit aufgestanden und fertig bin, ist die Siebträgermaschine aufgeheizt und ich bereite mir den ersten Espresso des Tages zu, ein tägliches, leibgewonnenes Ritual.

Schon lange plante ich eine Fotoserie zum Thema Espressobars, die heiligen Orte an denen das köstliche Getränk ausgeschenkt wird. Im Leica-Store München stieß ich dabei auf das Buch Espresso Cafe-Bars in Italien vom legendären deutschen Fotografen Walter Vogel, der vor Jahren diese Idee bereits in ein grandioses Buch umgesetzt hat. Es ist 1993 in der Edition Christian Brandstätter erschienen und widmet sich in großartigen Bildern der italienischen Kaffeekultur, die so dann und wann auch bei uns aufblitzt. Ich habe die erste Auflage des Buches besorgt.

Vogler hat eine Kaffeebar-Karte von Norden nach Süden Italiens in seinem Buch abgedruckt, quasi als Reiseführer des guten Geschmacks. Und er liefert die eindrucksvollen Bilder – alle in Schwarzweiß. Nur zur Klarstellung: Wir reden jetzt nicht von Starbucks oder San Francisco Coffee Bar, die sicherlich auch ihre Reize haben, sondern wir sprechen von den kleinen und großen Palästen des Genusses. Und wir reden auch nicht von den Hipstern, die als Barista verkleidet sind, sondern von den Helden der Bohne, die ihre Profession von Vater oder Mutter gelernt und verinnerlicht haben. Barista ist im Grunde die italienische Form des Barkeepers.

Der Düsseldorfer Walter Vogl, Jahrgang 1932, ist ein Meister seines Fachs. Er erhielt 1963 den World Press Photo Award und 2019 den Leica Hall of Fame Award. Sein Buch Espresso ist eine Reise in die Vergangenheit. Er erzählt von Zeiten als Kaffee etwas Besonderes war, die kleine Peitsche, die Belebung der Sinne, die zelebriert wird. In Vogels Buch werden Geschichten dieser Zeiten erzählt neben den historischen Fakten. Diese kann heute Wikipedia liefern, die Geschichten der italienischen Familien und ihrer Kunden aber nicht. Als ich das Buch genoss, erinnerte ich mich an die großen italienischen Geschichtenerzähler Visconti, Fellini, Pasolini oder Antonioni.

Sehr schön der Satz: „Die Maschine ist der produktionstechnische Mittelpunkt der Bar, der Barista der kommunikative.“ Sie sind Magier der Konzentration, die den ganzen Tag gleichbleibende Kaffeequalität produzieren. Beim Mahlen explodiert das Aroma und der Kaffee muss so schnell als möglich in die Maschine. Dann kommt das Aroma zur Geltung. Während ich diese Zeilen schreibe, genieße ich übrigens einen heißen Kaffee und genieße das Leben.

ARTMUC – Endlich wieder Kunst

13. Mai 2022
Die ARTMUC auf der Praterinsel in München.

Das Darben hat ein Ende. Die ARTMUC, eine der schönsten Kunstevents in München, hat nach Corona an diesem Wochenende wieder auf der Praterinsel geöffnet. Neben mehr als 75 Künstler aus ganz Europa stellen auch 25 Galerien und internationale Projekte in den Räumen aus. Auf Einladung des PresseClubs München durfte ich die Ausstellung einen Tag vor Eröffnung besichtigen und ich habe gemerkt, wie sehr mir Kunst und damit neue Ideen gefehlt haben. Hier ein Interview von mir mit dem Veranstalter Raiko Schwalbe.

Die ARTMUC positioniert als Entdeckermesse und Verkaufsplattform für zeitgenössische Kunst, die man sich auch leisten kann. „Der Kunstmarkt hat trotz einzelner Auktionsrekorde nach wie vor mit einer hohen Volatilität zu kämpfen. Das Positive daran ist jedoch, dass alle Protagonisten selbst aktiv werden und neue Wege und Ansätze für eine eigene Präsentation und Vermarktung entwickeln – darauf setzen wir u.a. mit unserem DIGITAL.LAB Projekt.“, erklärt der Veranstalter Raiko Schwalbe. Hier ein kleiner Rundgang in VR 360 Grad. Leider harmoniert die Framerate der Kamera nicht unbedingt mit der Beleuchtung der Ausstellungsräume – ein Manko vieler Galerien.

360 Grad Rundgang durch einen Teil der Ausstellung

Die rein weibliche Jury mit Dörthe Bäumer, Uta Römer und Anabel Roque Rodríguez hat eine beeindruckende Auswahl an Künstlern getroffen. Beim Gang durch die Ausstellungsräume traf ich auf eine Palette unterschiedlicher Richtungen. Sofort kam die Neugierde vermischt mit Inspiration auf.

Kunst aus der Ukraine von Katia Vozianov

Kunst aus der Ukraine von Katia Vozianov

Natürlich darf heute auch das Thema Ukraine-Krieg nicht fehlen. Die ARTMUC unterstützt bei der aktuellen Ausgabe zwei Kunstprojekte aus der Ukraine mit freien Flächen: die Galeristin Katia Vozianova von der Galerie Teskh und die Künstlerin Irina Fedorenko, beide aus Kiew. Vor dem Fall von Mariupol packte Katia Vozianova noch einige Bilder zusammen, verstaute sie in Rollen und brachte sie nach München.

Die Fliege von Brandy Brandstätter

Die Fliege von Brandy Brandstätter

Bei verschiedenen Künstler blieb ich länger stehen, weil die Werke mich auf die eine oder andere Art ansprachen. Humorvoll war die Fliege von Brandy Brandstätter. Es handelt sich um eine Kuh in Originalgröße von 2019, die mit 50.000 Maiskörner beklebt wurde. Gezählt habe ich die Körner nicht, wohl aber die Fliege auf der Nase der Kuh.

Hong Kong Noon I von Martin Köster

Hong Kong Noon I von Martin Köster (rechts unten).

Immer wieder habe ich die Bilder von Martin Köster gesehen und bewundert. Auf der ARTMUC habe ich endlich am Stand der Galerie an der Zitadelle die Bilder im Original gesehen und sie haben mich umgehauen. Marita Loren hat vier Bilder von Köster dabei, darunter Hong Kong Noon I. Ich habe mich sofort (in das Bild) verliebt. Martin Köster hat seine Faszination für Städte und seine Liebe für die Symmetrie in seinen Bildern vereint. Seine Öl-auf-Holz-Gemälde zeigen Stimmungen von typischen Stadtlandschaften, wo Menschen auf engstem Raum zusammenleben, aber doch einsam/fremd bleiben, wo Gebäude gleich und symmetrisch wirken, aber abstrahiert dargestellt sind.

Schalen und blauer Engel von Isabel Ritter

Beim Streifzug durch die Ausstellung blieb ich an den Bronzeskulpturen von Isabel Ritter stehen. Sie macht in Schalen: Bananenschalen, Orangenschalen, Zitronenschalen und mehr. Humorvoll und wunderschön anzusehen. Aber Isabel Ritter hat mich auch fasziniert mit ihrer Skulptur Blue Angel, die auch als digitaler Zwilling im Bereich digitale Kunst zu sehen und zu erfahren ist.

MODERN.POP.RAM von Fabian Seifried

MODERN.POP.RAM von Fabian Seifried

Fabian Seifried aus München faszinierte mich mit seinen Geweihen im Rahmen von KunstWild. Hier trifft sich Kunst und Tradition. Entstanden ist die Idee aus dem Nachlass der Grosseltern und der damit verbundenen schönen Erinnerungen. KunstWild soll Spass machen und positive Gefühle wecken. Manche Objekte passen einfach nicht in einem Rahmen. Sie brauchen Platz um von allen Seiten bewundert zu werden. Diese Blickfänge stehen auf soliden Metallständern und strahlen im natürlichen Sonnenlicht genauso schön wie in gemütlichem Kunstlicht. MODERN.POP.RAM war ein tolles Geweih in Pop-Art-Design.

Hunter & Prey von Tobias Frank

Hunter & Prey von Tobias Frank

Als Anime-und Cosplayer-Fan fiel mir sofort Hunter & Prey von Tobias Frank auf. Der aus München stammende Künstler zeigt viel Humor und hat wohl in diesem Bild seine Erfahrungen in Japan einfließen lassen. Das Bild hat mich spontan begeistert.

Und weitere Eindrücke von der sehenswerten ARTMUC.

Starfotograf Manfred Baumann: ein Treffen zur Buchvorstellung

10. Mai 2022

Fotografie ist eine meiner Leidenschaften. Und es freut mich immer sehr, wenn ich einen meiner Fotografen-Helden live erleben kann. So unlängst als ich den Österreicher Manfred Baumann mit seiner bezaubernden Frau Nelly im Leica Store München traf. Baumann stellte sein neues Buch Face to Face vor. Ich nütze die Gelegenheit, um mir den Store bei den Fünf Höfen anzuschauen, mir das neue Baumann-Buch zu kaufen, ein wenig zu quatschen und auch ein kleines Interview zu mit dem Meisterfotografen zu führen.

Manfred Baumann und der Autor dieser Zeilen im Leica Store München. Foto: Nelly Baumann

Zum ersten Mal traf ich auf Manfred Baumann als ich Textchef der ComputerFoto war, einer der ersten Zeitschriften über digitale Fotografie. Eigentlich sollte ich mich hier nur um die Textqualität der Redaktion kümmern, aber der damalige Chefredakteur Richard Joerges meinte, dass ich zudem auch die Akt-Strecken des Heftes betreuen sollte. Hab ich gerne gemacht und so traf ich auf Baumann, der gerade sein Buch Fine Nute Art veröffentlicht hatte. Das Buch beinhaltete nicht nur schöne Aufnahmen schöner Frauen, sondern war auch als kleines Lehrbuch über das Lichtsetzen bei Shootings geeignet.

Jahre vergingen und Baumann wurde von Jahr zu Jahr berühmter, sammelte Preise für seine Fotos und pendelt zwischen Wien und LA. en Schritt in die Promi-Fotografie machte er durch ein Foto von Roger Moore. Das Foto war so gut, dass der Schauspieler das Bild kaufte und so Baumann die Tür zur Hollywood-Prominenz öffnete. Können und Glück fielen für Manfred Baumann hier zusammen.

Einige der Stars aus Face to Face kenne ich, einige sind mir unbekannt, aber die fotografische Handschrift Baumanns tragen sie alle. Sie sind nicht so inszeniert wie die Fotos seiner großen Kollegin Annie Leibovitz, erinnern mich eher an Paul Ripke. Ich kaufte das Buch und ließ es mir mit dem alten Fotografen-Spruch signieren: „Einmal hoch, einmal quer, was will man mehr.“

die Widmung für mein Buch.

Auch ein Porträt von Wilhelm Shatner ist in dem Buch enthalten. Captain Kirk gilt als schwieriger Zeitgenosse und Baumann traf ihn auf der Shatner-Ranch zum Fototermin. Shatner komplett verschwitzt vom Ausritt stellte sich mürrisch zum Shooting auf und war so begeistert vom Ergebnis, dass er Baumann alle Rechte von dem Bild abkaufte und das Bild überall einsetzte. Wenn das kein Erfolg ist.

Musiktipp Kraftwerk Remixes und Ausstellung

18. April 2022

Aufgrund der aktuellen Corona-Zahlen werde ich nicht nach Düsseldorf in den Kunstpalast zu der sicher sehenswerten Ausstellung Electro fahren, die noch bis 15. Mai 2022 läuft. Weil mich aber das Thema interessiert, habe ich mir den Katalog gekauft und wenn ein Kooperationspartner mitmacht, will ich auch ein Online-Seminar oder ein Präsensseminar in einem Club zu elektronischer Musik machen.

Unter dem Titel Electro – von Kraftwerk bis Techno geht der Katalog und auch die Ausstellung auf die Entwicklung der elektronischen Musik ein. Ich bin ein Fan von Daphine Oram, habe viel Stockhausen gehört, aber meine wirklichen Helden sind beispielsweise Jean-Michel Jarre, Klaus Schulze, Tangerine Dream und natürlich immer wieder Kraftwerk.

Von Kraftwerk geht für mich eine ungeheure Faszination aus. Im Laufe der Jahre habe ich mir ziemlich viele Aufnahmen zusammengekauft, besuchte ein schlichtweg geniales Konzert in der Lichtburg in Essen und saß dabei in der vordersten Reihe und nun erschien von Kraftwerk das Album Remixes.

Ich habe mir die schwarze Vinyl zum Hören und die farbige Vinyl zum Sammeln bestellt – unterwegs höre ich die mp3 und ich merke, wie der Rhythmus durch den Körper geht. Es ist eine Sammlung der Remixe der Jahre 1991 bis 2021 der Elektronik-Pioniere aus Düsseldorf. Die beiden Kraftwerk-Väter Hütter und Schneider sind nicht unbedingt für ihre Experimentierfreude mit anderen Musikanten bekannt und lassen andere DJs die Stücke interpretieren, aber ein wenig hat sich Kraftwerk doch bewegt. Das Album ist anders als die Mix-Ausgabe aus dem Jahr 1991. Es bestand damals aus einer Auswahl von Liedern, die ursprünglich bereits auf früheren Alben von Kraftwerk erschienen waren und neu arrangiert und aufgenommen wurden.

Das neue Album Remixes geht darüber hinaus. Die Compilation zeigt den immensen Einfluss von Kraftwerk auf die Club- und DJ-Kultur, Techno und alle Formen der elektronischen Tanzmusik. Die 19 offiziellen Remixe enthalten neben Kraftwerks eigenen Remixen auch Beiträge von einigen der wichtigen DJs und Produzenten wie François Kervorkian, William Orbit, Étienne de Crécy, Orbital, Underground Resistance, DJ Rolando und Hot Chip. Die Remixe stammen von verschiedenen Kraftwerk 12″-Singles, CD-Singles und digitalen Veröffentlichungen aus den Jahren 1991 bis 2021 und liegen jetzt endlich als CD und Vinyl vor.

Natürlich weiß ich, dass die Musik von Kraftwerk ein Urvater von Techno war und kenne die Mär von 1977 mit dem Besuch des Afterhours-Club in der New Yorker Bronx von Ralf Hütter und Florian Schneider. Sie gehört zur Geschichte von Kraftwerk. Dort hörten die beiden Deutschen, was aus ihrer Musik in der Bronx gemixt wurde und waren angetan.

Für mich faszinierend waren für mich die sieben verschiedenen Versionen von Expo 2000. Das kann anstrengend sein, wenn man als Zuhörer das Liedchen in unterschiedlichen Interpretationen hört, aber mir gefällt es.

Filmwissen online – Digitalprojekt für Filmfans gestartet

3. Februar 2022

Als Filmfan und Bildungsmanager liebe ich Archive, Datenbanken, Bibliotheken und dergleichen mehr, die sich mit dem Medium Film beschäftigen. Und ich freue mich, wenn eine neue Wissensdatenbank zum Thema Film online gegangen ist, so wie jetzt, denn digitale Bildung im Netz ist genau der richtige Weg.

Mit der gelaunchten interaktiven Plattform FILMWISSEN ONLINE bieten sieben Institutionen aus der deutschen Filmbildungslandschaft Filmfans einen interaktiven und spielerischen Einstieg in die Filmgeschichte und Filmsprache, gepaart mit jeder Menge kurioser Fakten zu Film und Kino. Mir gefällt dieser digitale Weg der Filmbildung, den ich noch selbst als Jugendlicher in Büchereien, eigenen Archiv und Filmfesten mühsam beschritten habe.

Es werden Fragen aus 120 Jahre Filmgeschichte beantwortet wie: Wie wahr kann ein Dokumentarfilm sein? Wer war die erste Animationsfilmregisseurin in Deutschland? Was hat es mit Western „Made in Germany“ auf sich? Was haben Stummfilme und Comics gemeinsam? Und was hat Kino mit Schokolade zu tun?
Das Themenspektrum ist vielfältig: Es geht um wegweisende Filmemacher, um Genre und Gattungen, um Vorläufer der Filmkamera und ungeliebte Zwischentitel, um den Wahrheitsanspruch im Dokumentarfilm, um stereotype Darstellungen und kolonialistische Perspektiven im Film, um frühe Animationsfilmtechniken und das Entstehen einer ganzen Branche. Gerade das Thema Animationsfilm fasziniert mich als ehemaliger Chefredakteur der wichtigsten deutschen 3D-Zeitschrift. Aus der neuen Website ziehe ich gleich Anregungen für meine monatlichen Online-Schulungen aus dem Bereich Populärkultur.

Natürlich ist ein digitales Archiv nicht abgeschlossen, kann es auch gar nicht sein. Es muss wachsen, wenn die Betreiber neuen Content einstellen. Der erste Schritt ist gemacht. Das kostenfreie Angebot unter www.filmwissen.online wird stetig wachsen und im Lauf des Jahres um Module zu filmischen Gestaltungsmitteln ergänzt. Diese neuen Wege der digitalen Filmbildung unterstütze ich ausdrücklich.
Entwickelt wurde diese Themenwelt von der Deutschen Filmakademie, dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt, dem Filmmuseum Düsseldorf, CineGraph – Hamburgisches Centrum für Filmforschung, dem Haus des Dokumentarfilms Stuttgart, der Stiftung Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen sowie dem Filmmuseum Potsdam. Vielleicht kommen ja noch andere renommierte Sammlungen wie mein geliebtes Filmmuseum München oder die legendäre Murnau-Stiftung dazu.

In einzelnen Modulen – einer Mixtur aus Ausstellungen und Kursen – wird mit kurzen Texten, Filmausschnitten, Originaldokumenten, Fotos und Audiofiles ein anschaulicher und stark visueller Einstieg in die Welt des Films geboten. Interaktive Werkzeuge ermöglichen es, sich Wissen zu erschließen: Hotspots in Filmausschnitten geben Detailwissen preis, Pop-Up-Boxen erläutern filmsprachliche Elemente, Image-Slider setzen Bilder ins Verhältnis und in Quiz-Formaten können die Nutzer ihr neugewonnenes Wissen testen.

Ausstellung Wanderers von Kerstin Skringer

20. Januar 2022

Beim Herumschlendern in Augsburg traf ich auf eine Ausstellung, die genau meine Stimmung widerspiegelte. Ich blickte durch die Fenster der neuen Galerie im Höhmannhaus und sah die interessanten Bilder von Kerstin Skringer. Wanderers lautet die Ausstellung, die noch bis 13. Februar 2022 zu sehen ist. Die Werke zeugten von einer enormen Emotionalität und trafen genau die Stimmung an diesem Tag.

Ich trat ein. Bis auf die freundliche Aufpasserin war kein Interessierter in den großartigen Räumen der Galerie, die ich als Nichtaugsburger bisher nicht kannte. Das Werk von Skringer erinnert mich an den Südafrikaner Philip Barlow. Unschärfe überall. Während Barlows Bilder eine warme Unschärfe ausstrahlen, ist sie bei Kerstin Skringer eher kalt. Vor allem ihre Reihe Pure White Snow haben es mir angetan.

Ich lese: „Die Motive ihrer Bilder sucht und findet Kerstin Skringer beim Schlendern durch Städte oder Spaziergängen in der Natur. Hier hat sie ein fokussiertes Auge für Licht-Reflexen, Mehrfach- Spiegelungen und Durchsichten von Glasscheiben oder vergleichbaren Effekten, die durch künstliches oder natürliches Licht ausgelöst werden. Derart verklärende Vielschichtigkeiten überträgt sie in vielen übereinanderliegenden Schichten in ihre Malerei. Kompositionen entstehen dann durch Überlagerungen von dünnen, durchlässigen Farbschichten, die Motive sind oft schon in den beobachteten Effekten abstrahiert. Malerisch verfremdet sie diese Motive immer weiter, um ein am Ende für sie stimmiges Bild zu schaffen.“ Ich muss zugeben, die ausgestellten Bilder haben mich angesprochen. Ich bin gerne vor ihnen gestanden und ließ mich auf sie ein. Vor meinem geistigen Auge wurden die Motive klarer. Als ich noch Musik über die AirPods anmachte, da versank ich in dem einen oder anderen Bild. Und genau diese Stimmung wollte die Künstlerin wohl erreichen. „Das Diffuse, das Unklare ist Thema der Malerei von Kerstin Skringer. Oft zeigen ihre Bilder eine beunruhigende Stille. Die Unschärfe ist für sie ein zentrales Gestaltungsmerkmal. Dadurch werden nicht nur banale Beobachtungen ästhetisiert sondern den Betrachtenden selbst gedanklicher Spielraum für die eigene Wahrnehmung geboten.“

Weiter lese ich: „Kerstin Skringers Malerei wirkt bisweilen wie eine mit Unschärfe arbeitende Fotografie. Dieses virtuose, rein malerisch erzeugte Wechselspiel zeichnet ihren technisch ebenso herausragenden, wie künstlerisch eigenständigen Stil und Ansatz aus. Das Wort „Wanderers“ umschreibt im Englischen ziellos umherstreunende Menschen, die sich gelegentlich vielleicht auch auf Irrwege führen lassen. Skringer nimmt den Betrachtenden gern auf Wege des Beobachtens mit, bei denen wir selbst die Erkundenden sind.“

Auf der Website der Künstlerin, die wohl derzeit in Gauting lebt, sind ihre Bilder zu sehen und ihre Vita nachzulesen.

Modifizierte Bavaria – gottähnliche Statue wird berührbar

22. Dezember 2021

Bei einem Spaziergang durch meine Geburtstag traf ich auf die Bavaria. Nein, nicht die große Bavaria an der Theresienwiese, sondern die kleine Schwester gegenüber dem Deutschen Museum an der Isar. Die Bavaria stammt von Alicja Kwade. Die 1979 geborene Polin Alicja Kwade lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Bavaria ist ein schönes Beispiel für Kunst im öffentlichen Raum.

Kwades Bavaria ist keine exakte Kopie der monumentalen Bronzestatue Ludwig Schwanthalers auf der Theresienwiese. Sie erscheint an der Isar in einer leicht modifizierten und humanisierten, menschlichem Maß entsprechenden Version. Aller Symbole des Sieges und der Macht, wie Löwe, Eichenkranz und Schwert beraubt, strahlen ihre Körpersprache und Größe nicht mehr dieselbe heroische Haltung aus.

Die Bavaria und das Konzept interessiert mich. Wahrscheinlich liegt der Grund darin, dass es ein Werk von Ferdinand von Miller aus Fürstenfeldbruck ist, der Stadt in der ich aufgewachsen bin. Dort steht der Daumen der Bavaria und vor dem Stadtmuseum eine Kopie des Kopfes. Ferdinand von Miller, dem Sohn eines Brucker Uhrmachers Joseph Anton Miller gelang in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sensation. In der Werkstatt des Erzgießers Ferdinand von Miller entstand die über 87 Tonnen schwere Bavaria, die seit 1850 über der Theresienwiese thront.

Aber zurück zur Bavaria von Alicja Kwade. Auf der beschreibenden Tafel steht zu lesen: „Ihre Gesten wurden gezielt verändert und damit ändert sich auch ihre symbolische Bedeutung. Die ursprüngliche übermenschliche Größe, die den Betrachter durch die Symbolisierung von Überlegenheit einschüchtern sollte, wurde ihr ebenfalls genommen: auf menschliche Größe (exakt die Größe der Künstlerin Alicja Kwade) herunterskaliert, ist die Bavaria, ohne Sockel, entmystifiziert und erscheint nunmehr gleichberechtigt zu den Betrachter. Sie interagieren auf Augenhöhe. So ruft die Plastik Interaktionen mit den Passanten hervor und führt ein neues „Leben“ und „Dasein“. Die vormals unerreichbare gottähnliche Statue wird berührbar.
Die Verbindung zwischen dem Original und seinem humanisierten Äquivalent zeigt zwei verschiedene Seinsmöglichkeiten auf, in ihrer Bedeutung gegensätzlich, aber doch zueinander gehörend und aufeinander bezogen. In ihrer Koexistenz verdeutlichen sie gleichsam die Idee von Paralleluniversen.“

Off-White-Designer Virgil Abloh verstorben

29. November 2021

Seine Mode habe ich nie getragen, aber gerne angesehen. Sie zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Ich selbst hatte nie den Mut und den Geldbeutel seinen Style zu tragen. Jetzt ist Designer Virgil Abloh an einer seltenen Krebserkrankung im Alter von 41 Jahren verstorben.

Wenn ich die Kreationen von Virgil Abloh sah, musste ich grinsen und hab mich über den Mut gefreut. Ich freute mich vor allem über seine Streetwearmarke Off-White. Bei uns im Dorf habe ich so ein Outfit nie gesehen, da musste ich mich schon in eine urbane Umgebung bewegen: Seinen Style sah ich in München, Köln und Berlin. Unlängst auch in der S-Bahn München. Da passt einfach Streetwear hin.

Wie der Luxuskonzern LVMH (Moët Hennessy – Louis Vuitton SE) mitteilte, sollte Virgil Abloh mehr Aufgaben im Hause übernehmen. Zunächst war er Kreativ-Chefstratege von US-Musiker Kanye West, dessen Musik ich allerdings nicht höre. 2018 wechselte der gelernte Bauingenieur (!) zu LVMH und war der erste Afroamerikaner als Chefdesigner bei LV. Die Modewelt reagierte entsetzt über den Tod von Virgil Abloh.

Buchtipp: New York: Porträt einer Stadt von Reuel Golden

24. November 2021

Reisen in die USA sind grundsätzlich wieder möglich. Aufgrund von Corona war dies eine Zeitlang ja untersagt. Nun: Corona ist nicht besiegt, aber die Grenzen sind wieder offen. Ich habe für mich persönlich allerdings entschieden, mich mit dem Reisen erst noch zurückzuhalten. Aber ich schaue mir Übertragungen aus meiner Lieblingsstadt New York im Netz an und ich habe das Buch New York: Porträt einer Stadt von Reuel Golden zum Träumen gelesen. Gleich vorweg: Dieses Buch ist kein Reiseführer, sondern wirklich ein Porträt.

Und es ist schönes Storytelling. Es ist keine Bleiwüste an Geschichten, sondern die Geschichten werden anhand von Fotos eindrucksvoll erzählt. Ein Foto sagt eben mehr als 1000 Worte – so sagt das Sprichwort. Es bezieht sich darauf, dass komplizierte Sachverhalte oft mit einem Bild oder einer Darstellung sehr einfach erklärt werden können und ein Bild meist einen stärkeren Eindruck auf den Betrachter ausübt als ein umfangreicher Text. In der deutschen Sprache hat Kurt Tucholsky den Ausspruch 1926 als Überschrift zu einem fotoillustrierten Artikel in der Zeitschrift Uhu verwendet.

Und das weiß natürlich mein Lieblingsverlag: Der Taschen Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. Auf insgesamt fast 600 Seiten voller bewegender, atmosphärischer Bilder von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute präsentiert dieses Buch die Geschichte von New York. Die Bilder sind nach Dekaden geordnet und zeigen damit die Entwicklung dieser großartigen Zeit: Von blühenden Zeiten über zu Zeiten der Depression und des Niedergangs bis zum Aufblühen in der Gegenwart.

Hunderte von Zitaten und Zeugnissen aus einschlägigen Büchern, Kinofilmen, Shows und Songtexten ergänzen diesen Bilderschatz. Alle guten und schlechten Zeiten werden behandelt, von den wilden Nächten der Jazz-Ära und der hedonistischen Discozeit bis zu den bitteren Tagen der Wirtschaftskrise und dem Unglück vom 11. September und seinen Folgen. Und neben einer bebilderten Stadtgeschichte ist das Buch auch eine Reise durch das Who-is-who der Fotografenszene. Einige meiner Lieblingsfotografen sind hier vertreten wie Andreas Feininger, James Nachtwey und vielen anderen.
Also wer auf Reisen zum Big Apple geht oder zu Hause an New York denkt, der greife zu New York: Porträt einer Stadt.

Fotografie: Der Mann des perfekten Timings: Mick Rock ist tot

21. November 2021

Irgendwie ist es mir entgangen, dass einer der Großen der Musikfotografie im Alter von 72 Jahren vor kurzem verstorben ist: Mick Rock
Eigentlich hieß der Brite Michael Rock, aber Mick ist wohl cooler. Viele werden den Namen des Fotografen nicht kennen, aber seine Bilder sind bekannt – vor allem seine Fotos aus dem siebziger Jahren als er David Bowie, Lou Reed, Iggy Pop vor der analogen Linse hatte. Als Musik- und Fotofan war mir Mick Rock immer ein Begriff. Mick Rock ist einer der wichtigsten Fotografen der Rockgeschichte. Er gilt als „the Man who shot the 1970s“. Dann hatte Rock allerdings massive Drogenprobleme und tauschte die Kamera gegen die Nadel. Nach seinem Entzug begann er wieder in den Neunzigern Künstler wie R.E.M., The Strokes, The Libertines, Snoop Dogg und Lady Gaga oder The Chemical Brothers zu fotografieren. Mich persönlich interessierten aber mehr die Fotos der ersten Phase von Mick Rock. Mehrmals hatte ich das Angebot signierte Abzüge zu erstehen. Hier ein Video von 2015:

Ich hatte damals das Geld nicht. Jetzt werden die Preise explodieren. Irgendwann wollte ich aber dann doch einen Original Mick Rock haben und es wurde ein Foto aus der legendären Ziggy Stardust-Tour. Das Bild zeigt Bowie mit dem dritten Auge. Ich mag das Foto sehr.

Ich liebe dieses signierte Foto von Bowie von Rock

Das Ganze kam durch eine Veröffentlichung des Taschen Verlages und ich hatte die Gelegenheit, einen Sonderdruck des Buches The Rise of David Bowie 1972-1973 von Mick Rock zu erwerben, inklusive der Autogramme von David Bowie und Mick Rock im Buch. Hier das damalige Unboxing.

Unterschriften von zwei großen Künstlern.

Jetzt starb der Fotograf. „Schweren Herzens teilen wir mit, dass unser geliebter, psychedelischer Abtrünniger Mick Rock die Jungianische Reise auf die andere Seite angetreten hat“, heißt es in einem Statement auf Mick Rocks Twitter-Profil. Mit diesen Worten gab seine Familie den Tod des Fotografen bekannt.

Natürlich beneide ich Mick Rock für seine Kontakte, aber noch mehr beneide ich ihn um sein Talent. Er hatte das perfekte Timing. Er ahnte voraus, wie sich sein Modell bewegte und drückte ab. Wer weiß, wie schwer Konzertfotografie mit all den Lichtern und der Bewegung ist, der weiß auch, welch großer Künstler Mick Rock war.