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Stonehenge-Ausstellung: Ein Monument, das Menschen zusammenbrachte

27. September 2026

Die Stonehenge-Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München entführt die Besucher rund 5.000 Jahre zurück in die faszinierende Welt eines der berühmtesten Monumente der Menschheitsgeschichte. Archäologische Funde, Rekonstruktionen, digitale Vermittlung und Videoinstallationen zeigen Stonehenge nicht als isolierten Steinkreis, sondern als Teil einer weitläufigen prähistorischen Kulturlandschaft. Besonders spannend ist der europäische Blickwinkel: Funde aus Bayern verdeutlichen, dass die Menschen jener Zeit über große Entfernungen miteinander verbunden waren. Eine anschauliche Ausstellung für Archäologie-Fans ebenso wie für Familien und neugierige Entdecker.

Ich habe mir in Ruhe die Ausstellung in München angeschaut, viel gesehen, viel gelesen und viel nachgedacht. Hier ein Rundgang in VR 360.

Mehr als 50 Jahre arbeitet Prof. Mike Parker Pearson als Archäologe, geforscht hat er in zahlreichen Teilen der Welt. Ausgerechnet Stonehenge gehörte lange Zeit nicht zu den Orten, an denen der Professor für jüngere britische Vorgeschichte am Institute of Archaeology des University College London unbedingt arbeiten wollte. Mit einem Augenzwinkern erklärte er bei seinem Vortrag anlässlich der Stonehenge-Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München auch warum: Stonehenge ziehe schließlich „einige sehr seltsame Leute an – britische Exzentriker aller Art“.

Dass Parker Pearson schließlich doch zu einem der bedeutenden Stonehenge-Forscher wurde, verdankt sich ausgerechnet seiner Arbeit in Madagaskar. Dort untersuchte er gemeinsam mit seinem madagassischen Kollegen Ramiri Salina Megalithen. Anders als in Europa ist das Errichten großer Steine dort keine längst verschwundene Tradition. Noch heute werden solche Monumente geschaffen.

Als Parker Pearson seinem Kollegen bei einem Besuch in Großbritannien Stonehenge zeigte und eingestand, dass man nicht genau wisse, welchem Zweck die Anlage einst gedient habe, reagierte dieser erstaunt: „Was meinst du damit, ihr wisst nicht, wofür es da ist? Hast du bei unserer gemeinsamen Arbeit über Megalithen nichts gelernt?“

Sein Kollege verwies auf eine grundlegende Unterscheidung in Madagaskar: „Für die Ahnen bauen wir aus Stein. Denn Stein ist dauerhaft, ewig – wie die Ahnen. Für die Häuser und die Lebenswelt der Lebenden bauen wir aus Holz.“

Für Parker Pearson war dies ein Schlüsselmoment. Denn unweit von Stonehenge befinden sich mit Woodhenge und den Anlagen von Durrington Walls auch die Überreste großer Holzkreise. Daraus entstand die Frage, ob Stein und Holz auch dort unterschiedliche Welten symbolisierten: Stonehenge als Ort der Ahnen und Toten, die Holzanlagen dagegen als Orte der Lebenden.

Die Toten in Stonehenge, die Lebenden in Durrington Walls
Ab 2003 führte Parker Pearsons Team über sechs Jahre hinweg umfangreiche Ausgrabungen durch. Die Ergebnisse stützten die ursprüngliche Überlegung erstaunlich deutlich. In Stonehenge fanden die Archäologen Brandbestattungen. Im Umfeld der Holzkreise kamen dagegen Häuser, Tierknochen und zahlreiche Hinterlassenschaften großer gemeinschaftlicher Mahlzeiten zum Vorschein – Spuren des alltäglichen Lebens und offenbar großer Zusammenkünfte.

Neue naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden veränderten das Bild zusätzlich. Isotopenanalysen ermöglichten es, die Herkunft von Menschen und Tieren zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass Stonehenge kein Monument einer kleinen, isolierten Gemeinschaft gewesen sein dürfte. Menschen kamen aus weit entfernten Regionen Britanniens dorthin. „Wir entdeckten, dass Stonehenge ein gewaltiges Einzugsgebiet hatte. Die Menschen kamen aus ganz unterschiedlichen Teilen Britanniens“, erklärte Parker Pearson.

Parallel dazu eröffneten genetische Untersuchungen neue Einblicke in die Bevölkerungsgeschichte. Die Menschen, die Stonehenge errichteten, gehörten zu bäuerlichen Bevölkerungsgruppen, die frühere Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften weitgehend abgelöst hatten. Später kam es erneut zu tiefgreifenden Veränderungen durch Bevölkerungsgruppen, die sich über weite Teile Europas ausbreiteten und mit der Glockenbecherkultur verbunden werden.

Damit wird Stonehenge für Parker Pearson auch zu einem Teil einer europäischen Geschichte. Gerade deshalb sei es von besonderem Wert, dass die Münchner Ausstellung archäologische Funde aus der Region einbezieht und damit Verbindungen zur Glockenbecherzeit in Mitteleuropa sichtbar macht.

Steine aus Hunderten Kilometern Entfernung
Besonders spektakulär sind für Parker Pearson die jüngsten geologischen Erkenntnisse. Die Steine von Stonehenge stammen nicht einfach aus der unmittelbaren Umgebung. Selbst die großen Sarsensteine wurden über beträchtliche Entfernungen transportiert. Die sogenannten Blausteine kamen aus Wales und legten mehr als 200 Kilometer zurück.

Noch erstaunlicher ist die Herkunft des sogenannten Altarsteins im Zentrum der Anlage. Untersuchungen ergaben, dass sein Gestein aus dem Norden Schottlands stammt – rund 900 Kilometer von Stonehenge entfernt. „Keiner der Steine von Stonehenge stammt von dort“, fasste Parker Pearson die Erkenntnisse pointiert zusammen.

Damit verändert sich auch die Frage nach der Bedeutung des Monuments. Entscheidend ist nicht allein, wie Menschen vor rund 5.000 Jahren tonnenschwere Steine bewegten. Ebenso wichtig ist die Frage, warum sie Gestein aus weit entfernten Landschaften zusammentrugen.

Für Parker Pearson liegt genau darin möglicherweise eines der großen Geheimnisse von Stonehenge. Das Monument könnte Ausdruck eines außergewöhnlichen gesellschaftlichen Vorgangs gewesen sein, bei dem Menschen, Materialien und möglicherweise auch Traditionen aus verschiedenen Teilen Britanniens zusammengeführt wurden.

„Es geht darum, Menschen und Ressourcen – und ganz besonders Steine – aus allen Teilen der Insel Großbritannien zusammenzubringen, vielleicht in einem großen Akt der Vereinigung.“

Damit formuliert Parker Pearson eine Interpretation, die sich deutlich von der populären Vorstellung eines geheimnisvollen Tempels absetzt. Für ihn steht weniger ein einzelner religiöser Zweck im Mittelpunkt als die gesellschaftliche Dimension des Bauwerks.

Sein prägnantes Fazit lautet: „Es ist kein Tempel. Es ist vielmehr ein Monument für ein außergewöhnliches Ereignis und außergewöhnliche Menschen vor fünf- bis viereinhalbtausend Jahren.“

Stonehenge als europäische Geschichte
Die Ausstellung in München versucht diese neuen Erkenntnisse nicht nur wissenschaftlich zu vermitteln, sondern räumlich und anschaulich erfahrbar zu machen. Parker Pearson würdigte dabei ausdrücklich die gestalterische Umsetzung. Dem Ausstellungsgestalter sei es gelungen, „mein archäologisches Wissen in eine dreidimensionale Realität zu verwandeln“ – und zwar sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.

Gerade die Verbindung mit Funden aus Bayern erweitert den Blick. Stonehenge erscheint dadurch nicht als isoliertes britisches Weltwunder, sondern als Teil einer Epoche, in der Menschen, Ideen, Materialien und kulturelle Traditionen über enorme Entfernungen hinweg miteinander verbunden waren.

Vielleicht liegt darin tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis dieses bis heute faszinierenden Ortes: Stonehenge erzählt nicht nur von gewaltigen Steinen. Es erzählt von Menschen, die enorme Anstrengungen auf sich nahmen, um etwas Gemeinsames zu schaffen – ein Monument aus verschiedenen Landschaften für eine Gemeinschaft, deren Verbindungen offenbar weit über den Horizont der Salisbury Plain hinausreichten.

Für ein ganzes Jahr rückt der geheimnisvolle Steinkreis im Süden Englands in den Mittelpunkt
Bei der Eröffnung unterstrich Prof. Dr. Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung, die besondere Bedeutung der Schau. Dass die Ausstellung ein Jahr lang zu sehen sein wird, bezeichnete er zugleich als „Zeichen der Nachhaltigkeit“, denn das Museum wolle Ausstellungen nicht mehr in allzu kurzen Abständen wechseln. Den Besucherinnen und Besuchern werde dadurch ausreichend Gelegenheit gegeben, sich intensiv mit Stonehenge und seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

Die Ausstellung führt dabei weit über das bekannte Bild der mächtigen Steine hinaus. Stonehenge wird in den Zusammenhang einer ganzen prähistorischen Landschaft gestellt. Über lange Zeit hatten unterschiedliche Theorien die Wahrnehmung des Monuments geprägt. Besonders populär war die Vorstellung eines vorgeschichtlichen Observatoriums. Die moderne Archäologie zeichnet heute ein wesentlich komplexeres Bild und betrachtet nicht nur den Steinkreis selbst, sondern die ihn umgebende Kulturlandschaft mit ihren Siedlungs- und Bestattungsplätzen.

Gebhard erinnerte zugleich daran, dass die Faszination für Stonehenge keineswegs eine moderne Erscheinung ist. Bereits im Mittelalter versuchten Menschen, sich die Herkunft der gewaltigen Steine zu erklären. Im 13. Jahrhundert wurden Geschichten um den Zauberer Merlin und sogar um Riesen mit Stonehenge verbunden. Für Gebhard reicht die Beschäftigung mit dem Monument damit von einer Art früher, fantasievoller „Urarchäologie Stonehenge“ bis zur modernen Forschung.

Heute haben naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden viele dieser Spekulationen abgelöst. Moderne Archäologie versucht, Herkunft, Alter und Bedeutung der Funde mit wissenschaftlichen Methoden zu rekonstruieren. Die Ausstellung macht damit auch deutlich, wie sich archäologische Forschung im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.

Gebhard zeigte sich bei der Eröffnung besonders zufrieden damit, wie sich die Schau in die neuen Räumlichkeiten der Archäologischen Staatssammlung einfügt: „Die Ausstellung ist wirklich toll“, sagte der Direktor und versprach den Gästen: „Sie werden fasziniert sein, wie man in unserem tollen neuen Ausstellungssaal diese Ausstellung einbetten konnte.“

Blume ist sehr stolz und glücklich
Auch Bayerns Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume, MdL, stellte die internationale Bedeutung der Ausstellung heraus. Dass die Schau nach Bayern gekommen sei und hier erstmals in Mitteleuropa gezeigt werde, mache ihn „sehr stolz und glücklich“. Besonders freue ihn, dass eine Ausstellung dieser Größenordnung in der renovierten Archäologischen Staatssammlung präsentiert werden könne.

Mit einem augenzwinkernden Satz brachte Blume seine Begeisterung auf den Punkt: „Ich hätte es auch nicht erwartet, dass ich mal hier als bayerischer Kunstminister stehen kann und sagen darf: Stonehenge wird bayerisch.“

Hinter diesem humorvollen Ausspruch steht jedoch ein ernsthafter wissenschaftlicher Gedanke. Stonehenge dürfe nicht ausschließlich als britisches Phänomen betrachtet werden. Neuere Forschungen zeigen vielmehr, wie weitreichend die Verbindungen der damaligen Gesellschaften waren. „Die Geschichte von Stonehenge ist eine sehr, sehr frühe europäische Geschichte“, betonte Blume. Unterschiedliche Kulturen hätten miteinander in Verbindung gestanden, es habe Austausch und weitreichende Kontakte gegeben.

Damit schlägt die Münchner Ausstellung bewusst eine Brücke nach Mitteleuropa und Bayern. Archäologische Funde aus dem Freistaat zeigen, dass auch hier vor Jahrtausenden Gesellschaften existierten, die zu bemerkenswerten kulturellen und technischen Leistungen fähig waren. Stonehenge wird dadurch nicht als isoliertes Monument auf einer fernen britischen Insel präsentiert, sondern in einen größeren europäischen Zusammenhang eingeordnet.

Blume griff dieses Zusammenspiel mit einem weiteren Wortspiel auf: „Zumindest mit dieser Ausstellung wird Stonehenge bayerisch.“ Umgekehrt zeige die Schau aber auch, „dass Bayern auch Stonehenge kann – jedenfalls ausstellungsmäßig“.

Für den Minister unterstreicht die Sonderausstellung zugleich die internationale Bedeutung der Archäologischen Staatssammlung. Sie sei ein attraktiver Partner für anspruchsvolle Ausstellungsprojekte und verfüge nach ihrer Wiedereröffnung über hervorragende Möglichkeiten zeitgemäßer Präsentation und Vermittlung. Blume zeigte sich überzeugt, dass Stonehenge das Potenzial zu einem „absoluten Publikumsrenner“ habe. Schließlich liege eine besondere Faszination in der Frage, wozu Menschen bereits vor rund 4.000 bis 5.000 Jahren in der Lage waren.

Dabei bleibt es nicht bei klassischen Vitrinen und archäologischen Exponaten. Videoinstallationen, digitale Vermittlungsformen und ein umfangreiches Begleitprogramm sollen unterschiedliche Zielgruppen erreichen. „Vom Anfänger bis zum Kenner“ sei etwas dabei, betonte Blume. Insbesondere Kinder und Familien sollen spielerisch Zugang zur Vorgeschichte erhalten – bis hin zur Möglichkeit, selbst einen Steinkreis nachzubauen.

Mit viel Humor stellte sich Blume bereits vor, wie Archäologen in ferner Zukunft über solche Hinterlassenschaften rätseln könnten. Vielleicht müsse man vorsichtshalber eine Plakette anbringen, damit spätere Generationen wissen, „dass es nur ein Mitmachprojekt der Archäologischen Staatssammlung war“.

Die Eröffnung machte damit deutlich, welchen Anspruch die Ausstellung verfolgt: Stonehenge soll nicht allein als ikonische Ansammlung monumentaler Steine präsentiert werden. Die Schau möchte eine längst vergangene Welt wieder sichtbar machen und zugleich zeigen, wie moderne Archäologie unser Bild dieser Welt immer wieder verändert. Vor allem aber rückt sie Stonehenge aus der vermeintlichen Isolation heraus und stellt das Monument in einen europäischen Zusammenhang. Oder, um es mit Markus Blume zu sagen: „Stonehenge wird bayerisch.“

Jenseits des Hollywood-Mythos – „Marilyn 100“ auf Kloster Banz zeigt die Frau hinter der Ikone

2. August 2026

Marilyn Monroe gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Filmgeschichte. Kaum eine andere Schauspielerin wurde so oft fotografiert, porträtiert und interpretiert wie sie. Doch nur wenige Aufnahmen vermitteln einen so unmittelbaren und persönlichen Eindruck von Norma Jeane Baker, der Frau hinter dem Weltstar, wie jene Fotografien, die derzeit in der Kunsthalle Kloster Banz in Bad Staffelstein zu sehen sind. Kloster Banz wird von der Hanns-Seidel-Stiftung betrieben. Die Sonderausstellung „Marilyn 100“, die anlässlich ihres 100. Geburtstags entstanden ist, verzichtet bewusst auf den bekannten Glamour der Filmstudios und eröffnet stattdessen einen außergewöhnlich intimen Blick auf eine Frau, deren Leben bis heute von Mythen umgeben ist.

Bereits der Ausstellungsort verleiht der Präsentation eine besondere Atmosphäre. Die historischen Mauern des ehemaligen Benediktinerklosters Banz bilden einen spannenden Kontrast zur schillernden Popkultur Hollywoods. Zwischen barocker Architektur und moderner Ausstellungsgestaltung entsteht ein Raum der Ruhe, der den Besucher dazu einlädt, Marilyn Monroe nicht als unerreichbare Leinwandgöttin, sondern als Menschen kennenzulernen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen 432 bislang unveröffentlichte Fotografien des renommierten LIFE-Magazin-Fotografen Allan Grant. Sie entstanden im Juli 1962 während des letzten großen Interviews mit Marilyn Monroe in ihrem Privathaus in Los Angeles – nur wenige Wochen vor ihrem frühen Tod. Jahrzehntelang blieben diese Aufnahmen im Familienarchiv Grants verborgen. Erst 2025 wurden sie gemeinsam mit rund vier Stunden Original-Tonmaterial wiederentdeckt und wissenschaftlich aufgearbeitet. Nun werden sie erstmals in diesem Umfang der Öffentlichkeit präsentiert.

Gerade diese Fotografien machen den außergewöhnlichen Wert der Ausstellung aus. Grant zeigt Marilyn nicht im Rampenlicht eines Filmsets oder auf einem roten Teppich. Seine Kamera begleitet sie in ihrer vertrauten Umgebung. Sie sitzt entspannt auf einem Sofa, blickt nachdenklich aus dem Fenster, lacht ungezwungen oder wirkt für einen Moment völlig in Gedanken versunken. Es sind Bilder ohne große Inszenierung, geprägt von natürlichem Licht und einer bemerkenswerten Nähe zwischen Fotograf und Porträtierter.

Viele Fotografien wirken fast dokumentarisch. Sie zeigen eine Frau, die sich ihrer Berühmtheit bewusst ist, gleichzeitig aber den Wunsch nach einem normalen Leben erkennen lässt. Der Blick der Kamera ist respektvoll und zurückhaltend. Gerade dadurch entstehen Momente großer Authentizität. Die berühmte Marilyn Monroe erscheint hier nicht als perfektes Hollywood-Produkt, sondern als verletzlicher Mensch mit Hoffnungen, Zweifeln und einer bemerkenswerten Intelligenz.

Besonders eindrucksvoll ist die Kombination aus den Fotografien und den erstmals öffentlich zugänglichen Tonaufnahmen des Interviews. Während die Besucher die Bilder betrachten, entsteht durch Marilyns eigene Stimme eine zusätzliche emotionale Ebene. Man hört ihre Gedanken, ihre Unsicherheiten, aber auch ihren Humor und ihre Selbstreflexion. Dadurch gewinnt jede Fotografie eine neue Tiefe. Die Ausstellung zeigt nicht nur ihr Gesicht, sondern vermittelt auch ihre Persönlichkeit. Genau diese Verbindung von Bild und Ton macht „Marilyn 100“ zu weit mehr als einer klassischen Fotoausstellung.

Kurator Stephan Zipfel beschreibt die Ausstellung als einen Blick auf Marilyn Monroe „frei vom Filter Hollywoods“. Tatsächlich gelingt genau das. Die Fotografien verzichten auf jede Überhöhung. Statt der ewigen Sexikone begegnet den Besuchern eine Frau, die in ihrem eigenen Zuhause für wenige Stunden einfach sie selbst sein durfte. Diese Authentizität verleiht den Bildern ihre außergewöhnliche Kraft.

Ergänzt werden die historischen Fotografien durch Werke des amerikanischen Pop-Art-Künstlers James Francis Gill, der bereits Anfang der 1960er-Jahre Marilyn Monroe zu einem zentralen Motiv seiner Kunst machte. Gemeinsam mit Andy Warhol trug Gill entscheidend dazu bei, Marilyn nach ihrem Tod zur Ikone der Pop-Art werden zu lassen. Für die Ausstellung schuf der heute über 90-jährige Künstler eigens ein neues „Marilyn Triptych“, das unmittelbar von Allan Grants Fotografien inspiriert wurde. Seine Werke schlagen eine faszinierende Brücke zwischen dokumentarischer Realität und künstlerischer Interpretation. Während Grants Kamera den Menschen zeigt, verwandelt Gill dieselbe Persönlichkeit in ein zeitloses Symbol der Popkultur.

Gerade dieser Dialog zwischen Fotografie und Kunst macht den besonderen Reiz der Ausstellung aus. Die Besucher erleben zunächst den echten Menschen und anschließend die mediale Ikone, zu der Marilyn Monroe nach ihrem Tod wurde. So wird eindrucksvoll sichtbar, wie sich Erinnerung, Kunst und öffentliche Wahrnehmung gegenseitig beeinflussen.

Dabei verzichtet „Marilyn 100“ weitgehend auf spektakuläre Effekte. Die Fotografien sprechen für sich selbst. Viele Besucher dürften überrascht sein, wie still und nachdenklich zahlreiche Motive wirken. Statt Glamour dominieren leise Gesten, feine Gesichtsausdrücke und kleine Alltagsszenen. Gerade diese Zurückhaltung macht die emotionale Wirkung der Ausstellung aus.

„Marilyn 100“ ist deshalb weit mehr als eine Hommage an einen Filmstar. Die Ausstellung erzählt von Ruhm und Einsamkeit, von öffentlicher Verehrung und privater Verletzlichkeit. Sie erinnert daran, dass hinter jedem Mythos ein Mensch steht – mit Stärken, Schwächen und Sehnsüchten.

Die Kunsthalle Kloster Banz ist mit dieser außergewöhnlichen Präsentation Teil eines internationalen Ausstellungsprogramms, das Stationen in Europa und Nordamerika umfasst. Dennoch besitzt die Schau in Oberfranken ihren ganz eigenen Charakter. Die Verbindung aus den historischen Fotografien Allan Grants, den eindrucksvollen Original-Tonaufnahmen und den Pop-Art-Werken James Francis Gills macht „Marilyn 100“ zu einer der persönlichsten und berührendsten Ausstellungen über Marilyn Monroe, die bislang in Deutschland zu sehen waren. Sie lädt dazu ein, den Blick von der Legende zu lösen – und einer Frau zu begegnen, deren Ausstrahlung auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod nichts von ihrer Faszination verloren hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 9. August 2026 in der Kunsthalle Kloster Banz zu sehen.

Johnny Depps Bilder in Kloster Banz: Ein Weltstar zeigt sein Inneres

9. Juni 2026

Die Ausstellung „Introducing Johnny Depp“ in der Kunsthalle Kloster Banz war schon durch ihren Ort ein ungewöhnliches Ereignis: In den historischen Räumen des ehemaligen Benediktinerklosters, das heute als Bildungs- und Begegnungszentrum der Hanns-Seidel-Stiftung genutzt wird, traf oberfränkische Klosterkultur auf internationale Pop- und Kunstwelt. Wo sonst politische Bildung, Tagungen und Begegnungen stattfinden, öffnete sich ein Raum für eine andere Seite eines weltbekannten Schauspielers. Johnny Depp ist den meisten Menschen als Filmstar, Musiker und exzentrische Künstlerpersönlichkeit vertraut; in Kloster Banz aber stand nicht der Hollywood-Mythos im Vordergrund, sondern der bildende Künstler Depp. Die Kunsthalle zeigte unter dem Titel „Introducing Johnny Depp“ originale Arbeiten und signierte Editionen. Depp war leider nicht vor Ort, obwohl er im August mit den Hollywood Vampires in Nürnberg weilt.

Gerade diese Spannung macht den Reiz der Ausstellung aus. Johnny Depp kommt nicht als Schauspielerfigur nach Oberfranken, sondern über seine Bilder. Viele Jahre lang soll er seine künstlerischen Arbeiten nur im privaten Umfeld gezeigt haben, bevor er sich 2022 mit der Kollektion „Friends & Heroes“ erstmals öffentlich als bildender Künstler präsentierte. Darin setzte er sich mit Menschen auseinander, die ihn geprägt haben, mit kulturellen Ikonen ebenso wie mit persönlichen Bezugspunkten. In Kloster Banz wird diese künstlerische Seite nun einem bayerischen Publikum zugänglich gemacht. Nach Angaben zur Ausstellung bietet sich dort erstmals in Bayern die Möglichkeit, originale signierte Arbeiten von Johnny Depp zu sehen und auch zu erwerben. 

Zu sehen sind laut Berichten rund 30 Werke des 62-Jährigen, darunter Selbstporträts und Arbeiten aus verschiedenen Werkzusammenhängen. Besonders die unter dem Motto „Reflections“ stehenden Selbstporträts geben der Ausstellung eine sehr persönliche Note. Sie zeigen Depp nicht als glatt inszenierten Star, sondern als jemanden, der sich mit dem eigenen Bild, dem eigenen Zustand und der eigenen Veränderung auseinandersetzt. Seine Porträts wirken dabei weniger wie klassische Prominentenkunst, die nur vom bekannten Namen lebt, sondern wie Versuche, über Farbe, Gesicht, Blick und Geste einen inneren Zustand sichtbar zu machen. Depp nutzt die Porträtmalerei, wie es in der Ausstellungseinordnung heißt, als Mittel, um die menschliche Natur zu beobachten; seine Selbstporträts seien oft in mehreren Anläufen entstanden, um einen sich wandelnden Zustand festzuhalten. Als Dylan-Fan interessierte mich natürlich das Porträt des Musikers, aber rund 10.000 Euro hatte ich dann doch nicht dabei. 

Interessant ist auch, wie gut diese Arbeiten in die Atmosphäre von Kloster Banz passen. Der Ort liegt nicht neutral und anonym im Raum, sondern bringt Geschichte, Würde und eine gewisse Stille mit. Die barocke Klosteranlage über dem Maintal ist kein weißer Großstadt-Kubus, sondern ein historisch aufgeladener Ort. Dadurch entsteht ein besonderer Kontrast: Auf der einen Seite steht der weltberühmte Schauspieler, der durch Filmfiguren wie Captain Jack Sparrow, Edward mit den Scherenhänden oder den verrückten Hutmacher längst Teil der Popkultur geworden ist. Auf der anderen Seite stehen die Klostermauern, die Bildungsarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung und eine Umgebung, die eher Konzentration als Starkult nahelegt. Genau daraus gewinnt die Ausstellung ihre besondere Wirkung. Sie entschleunigt den Blick auf Johnny Depp und zwingt den Besucher, hinter die bekannte Maske des Stars zu schauen.

Die Ausstellung ist dabei auch ein Ereignis für die Region. Dass ein Hollywood-Star mit seinen Kunstwerken in Oberfranken präsent ist, sorgt verständlicherweise für Aufmerksamkeit. Berichte sprechen von großem Interesse und Andrang rund um die Präsentation. Für die noch junge Kunsthalle Kloster Banz ist „Introducing Johnny Depp“ damit ein deutlicher Schritt in Richtung überregionaler Wahrnehmung. Hinter der Ausstellung stehen die Queens Kunstgalerien; das Kloster selbst befindet sich seit 1978 im Eigentum der Hanns-Seidel-Stiftung und wird als Tagungsstätte genutzt. 

Neben den Arbeiten von Johnny Depp verdienen auch die dort gezeigten Bilder von SAXA besondere Aufmerksamkeit. SAXA, mit bürgerlichem Namen Dr. Sascha Lehmann, ist für seine besondere Form der Wortmalerei bekannt. Ich habe mir ein signierten Druck mit der Nummer 42 von Captain Jack Sparrow gekauft. SAXA malt seine Bilder nicht im klassischen Sinn, sondern „schreibt“ sie: Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort entstehen Porträts und Bildflächen, in denen Text und Bild untrennbar miteinander verbunden sind. Die Queens Kunstgalerien beschreiben diese Kunst als Wechselverhältnis von Bild und Text, das eine besondere Spannung erzeugt. 

Gerade im Umfeld einer Johnny-Depp-Ausstellung sind SAXAs Werke mehr als nur eine Ergänzung. Sie öffnen einen zweiten Zugang zum Thema Persönlichkeit, Porträt und öffentlicher Mythos. Während Depp in seinen eigenen Bildern mit Farbe, Gestus und Selbstbeobachtung arbeitet, nähert sich SAXA seinen Motiven über Sprache. Seine Kunst fordert den zweiten Blick: Aus der Entfernung erkennt man ein Bild, aus der Nähe erschließt sich die Schrift. Dadurch entsteht ein reizvoller Dialog zwischen Sehen und Lesen, zwischen Oberfläche und Bedeutung. Bei einem Künstler wie Johnny Depp, dessen öffentliches Bild stark von Rollen, Zitaten, Schlagzeilen und Erzählungen geprägt ist, passt diese Form der Wortmalerei besonders gut. SAXA zeigt, dass ein Porträt nicht nur aus Linien, Farben und Schatten bestehen muss, sondern auch aus Sprache, Erinnerung und Interpretation.

So gewinnt die Ausstellung in Kloster Banz eine zusätzliche Ebene. Sie ist nicht nur eine Schau über einen berühmten Schauspieler, der malt. Sie ist auch eine Begegnung mit der Frage, wie Bilder von Menschen entstehen: durch Selbstbetrachtung, durch Fremdwahrnehmung, durch Medien, durch Texte, durch Fans, durch Rollen und durch die Geschichten, die sich um eine Person legen. Johnny Depp ist dafür ein besonders spannendes Beispiel, weil sein öffentliches Bild über Jahrzehnte gewachsen ist und immer wieder zwischen Faszination, Exzentrik, Verletzlichkeit und Kontroverse schwankte. Die Kunstwerke in Kloster Banz erlauben einen ruhigeren Blick darauf. Sie laden nicht zum schnellen Urteil ein, sondern zur Betrachtung.

Gerade deshalb war „Introducing Johnny Depp“ eine Ausstellung, die über den bloßen Promi-Faktor hinausgeht. Natürlich zieht der Name Johnny Depp Besucher an. Natürlich ist die Neugier groß, wenn ein Weltstar seine Bilder in Oberfranken zeigt. Aber wer sich auf die Werke einlässt, entdeckt mehr als eine Randnotiz aus der Karriere eines Schauspielers. Man sieht einen Künstler, der sich mit Porträt, Identität und Erinnerung beschäftigt; man erlebt einen historischen Ort, der diese Arbeiten aus dem Lärm der Popkultur herausholt; und man begegnet mit SAXA einem Künstler, der auf ganz eigene Weise zeigt, wie eng Bild und Sprache miteinander verbunden sein können. So wurde Kloster Banz für die Dauer der Ausstellung zu einem Ort, an dem Hollywood, Kunstmarkt, regionale Kultur und persönliche Ausdrucksformen auf bemerkenswerte Weise zusammenkommen.

100 Jahre GEDOK: Künstlerinnen feiern die Freiheit der Kunst in Tutzing

28. Mai 2026

Die GEDOK feiert 2026 ihren 100. Geburtstag – und damit ein Jahrhundert Einsatz für Künstlerinnen, Sichtbarkeit und kulturelle Teilhabe. Ich hatte über den PresseClub München eine Einladung zur Vernissage an die politische Akademie Tutzing, um einen Eindruck von der Vereinigung zu bekommen.

Gegründet wurde die Vereinigung 1926 in Hamburg von der Mäzenin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel. Ihr Anliegen war damals ebenso einfach wie notwendig: Künstlerinnen sollten nicht länger am Rand des Kulturbetriebs stehen, sondern eigene Netzwerke, Ausstellungsräume, Fördermöglichkeiten und öffentliche Anerkennung erhalten. Aus dieser Idee entstand ein Verband, der bis heute spartenübergreifend arbeitet und Künstlerinnen aus Bildender Kunst, Angewandter Kunst, Literatur, Musik, Film, Fotografie, Darstellender Kunst und interdisziplinären Bereichen verbindet. 

Zum Jubiläum rückt die GEDOK München ihre Geschichte und Gegenwart unter das Leitmotiv „Sichtbar. Verknüpft. Frei.“. Diese drei Begriffe beschreiben sehr treffend, wofür die Vereinigung seit 100 Jahren steht: Sichtbarkeit für künstlerische Arbeit von Frauen, Vernetzung über Sparten und Generationen hinweg sowie die Freiheit, eigene Themen, Formen und Haltungen zu entwickeln. In einer Kunstwelt, in der Frauen lange weniger präsent waren als ihre männlichen Kollegen, war und ist die GEDOK ein wichtiger Ort der Ermutigung und Professionalisierung. 

Ein besonderer Beitrag zum Jubiläumsjahr ist die Ausstellung „Freiheit“ in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. 20 Künstlerinnen der GEDOK München zeigen dort Arbeiten, die sich mit unterschiedlichen Facetten von Freiheit auseinandersetzen. Dabei geht es nicht nur um politische Freiheit, sondern auch um Kunstfreiheit, innere Freiheit, persönliche Selbstbestimmung und die Frage, wie frei künstlerisches Arbeiten heute tatsächlich sein kann. Die Ausstellung ist von Mai 2026 bis Mai 2027 im Erdgeschoss der Akademie zu sehen; der Eintritt ist frei. 

Der Ort ist dabei gut gewählt. Die Akademie für Politische Bildung in Tutzing ist ein Haus des Dialogs, der gesellschaftlichen Debatte und der demokratischen Bildung. Wenn dort Kunst unter dem Titel „Freiheit“ gezeigt wird, entsteht eine Verbindung zwischen ästhetischem Ausdruck und politischem Denken. Die Werke der Künstlerinnen laden dazu ein, über Freiheit nicht abstrakt zu sprechen, sondern sie sinnlich, visuell und emotional zu erfahren. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen erhält eine solche Ausstellung zusätzliches Gewicht: Kunst kann Räume öffnen, in denen Widerspruch, Vielfalt und persönliche Perspektiven sichtbar werden.

Die GEDOK-Ausstellung in Tutzing knüpft zudem an eine lange Zusammenarbeit zwischen der Künstlerinnenvereinigung und der Akademie an. Seit vielen Jahren präsentieren Künstlerinnen der GEDOK München dort regelmäßig ihre Arbeiten. Die Jahresausstellungen haben sich zu einem festen Bestandteil des Kulturprogramms entwickelt. 2025/26 stand die Schau unter dem Titel „Perspektiven Wechsel“, 2026/27 folgt nun mit „Freiheit“ ein Thema, das besonders gut zum Jubiläum passt. 

Die Geschichte der GEDOK ist allerdings nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern auch eine Geschichte von Brüchen. Die Gründerin Ida Dehmel wurde während der NS-Zeit wegen ihrer jüdischen Herkunft aus der Organisation gedrängt; 1942 nahm sie sich angesichts der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime das Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich die GEDOK neu und setzte ihren Auftrag fort: Künstlerinnen zu fördern, ihnen Öffentlichkeit zu verschaffen und ihre Interessen kulturpolitisch zu vertreten. 

Heute wirkt die GEDOK lebendig und zeitgemäß. Ihr Jubiläum ist kein rückwärtsgewandter Festakt, sondern ein Anlass, nach vorne zu schauen. Was bedeutet künstlerische Freiheit heute? Welche Stimmen werden gehört, welche übersehen? Wie können Netzwerke Künstlerinnen stärken, ohne sie auf ihr Geschlecht zu reduzieren? Und welche Rolle spielt Kunst in einer demokratischen Gesellschaft?

Die Ausstellung „Freiheit“ in Tutzing gibt darauf keine einfachen Antworten. Sie versammelt unterschiedliche künstlerische Positionen, Materialien und Denkansätze. Gerade diese Vielfalt macht ihren Reiz aus. Sie zeigt die GEDOK als das, was sie seit 100 Jahren sein will: ein Netzwerk, ein Resonanzraum und eine Bühne für Künstlerinnen, die ihre Sicht auf die Welt selbstbewusst formulieren.

Für mich sehr interessant war das Werk von Cornelia Hesse. Sie wurde 1976 in Wolfratshausen geboren und war zunächst als Juristin tätig, bevor sie sich nach mehreren Jahren im Staatsdienst vollständig der Kunst zuwandte. Seit 2014 arbeitet sie intensiv an Malerei, Zeichnung und Plastik, bildet sich an freien Kunstakademien fort. Die Reihe „Walk on Air“ entstand 2022 als Folge großformatiger Leinwände in Mischtechnik, etwa in Form dreiteiliger Arbeiten im Format 100 x 80 Zentimeter. Hesse beschreibt ihre Großform-Arbeiten als spontan und absichtslos: schlaglichtartige innere Eindrücke, die sie mit unterschiedlichen Techniken auf Papier oder Leinwand bringt – „Walk on Air“ steht dabei sinnbildlich für einen Moment des Schwebens zwischen Bodenhaftung und Aufbruch.
In den „Walk on Air“-Bildern überlagern sich gestisch-expressive Malerei und drucktechnische Elemente, die aus bearbeiteten Fotografien entwickelt werden. So entstehen vielschichtige Bildräume, in denen Fragilität und Energie, Zufall und Struktur miteinander in Spannung stehen und das Motiv des „Gehen auf Luft“ als innere Haltung erfahrbar machen.

Bob Dylan zum 85. Geburtstag: Der Maler

24. Mai 2026

Bob Dylan hat die Welt mit Worten verändert, er hat meine Welt verändert – und wie sagte es Bruce Springsteen richtig: Dylan war der Bruder, den er niemals hatte. Mit Liedern, die sich wie staubige Landstraßen durch das kollektive Gedächtnis ziehen, hat er Generationen begleitet, geprägt, aufgewühlt. Doch jenseits der Bühne, fern vom Scheinwerferlicht und den Mythen des Mannes der 1000 Masken existiert ein zweiter Dylan – einer, der nicht singt, sondern sieht. Einer, der nicht reimt, sondern malt. Zum 85. Geburtstag von His Bobness ein paar Gedanken zu seinen Bildern. Ich habe die Gallerien mit seinen Werken in London und Glasgow besucht und auch einen signierten Druck erstanden. Die Originale kann ich mir nicht leisten.

Seine Bilder erzählen keine lauten Geschichten. Sie flüstern. Straßenzüge, Tankstellen, einsame Fensterfronten, flüchtige Szenen des Alltags – Dylans Malerei ist durchzogen von einer stillen Melancholie, die vertraut wirkt, ohne sich je vollständig greifen zu lassen. Es sind Momentaufnahmen einer Welt, die oft übersehen wird: unspektakulär, beiläufig, und gerade deshalb so eindringlich. Wie in seinen Songs liegt auch hier eine tiefe Sehnsucht nach dem Flüchtigen, nach dem, was im Vorübergehen verloren geht.

Dass Dylan zur Malerei fand, wirkt beinahe folgerichtig. Schon immer war er ein Chronist des Unterwegsseins, ein Beobachter der Ränder. Wo seine Musik Sprache fand, findet seine Kunst nun Farbe und Form. Die Linien sind nicht perfekt, die Perspektiven nicht immer akademisch – doch gerade darin liegt ihre Kraft. Sie sind ehrlich, ungekünstelt, fast trotzig in ihrer Weigerung, sich konventionellen Erwartungen zu beugen.

Zum 85. Geburtstag wird dieser andere Blick auf Bob Dylan umso bedeutender. Er zeigt einen Künstler, der sich nie festlegen ließ, der sich jeder Schublade entzog und stattdessen immer wieder neue Ausdrucksformen suchte. Der Maler Dylan ist kein Nebenwerk, kein spätes Hobby eines alternden Musikers. Er ist vielmehr die Fortsetzung eines lebenslangen Drangs, die Welt zu deuten – mit anderen Mitteln, aber derselben unstillbaren Neugier.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis seiner Beständigkeit: dass Dylan nie stehen geblieben ist. Weder musikalisch noch künstlerisch. Seine Bilder sind keine Antworten, sondern Fragen. Sie laden ein, genauer hinzusehen, innezuhalten, die leisen Zwischentöne wahrzunehmen. Und so erzählen sie – genau wie seine Songs – weniger von ihm selbst als von uns allen.

Zum 85. Geburtstag lohnt es sich, Bob Dylan nicht nur als Musiker, sondern als dauerhaft im Ausstellungskalender verankerten Bildkünstler zu feiern – als jemanden, der längst seinen festen Platz in Galerien und Museen gefunden hat.

Als im Herbst 2007 die Kunstsammlungen Chemnitz „The Drawn Blank Series“ als Weltpremiere zeigten, war das mehr als ein hübsches Kuriosum im Schatten eines berühmten Namens. Rund 140 Aquarelle und Gouachen, entstanden aus frühen Schwarzweißzeichnungen, holten Bob Dylan damals aus der Plattenkiste in den weißen Museumssaal – die erste große Einladung der Kunstwelt, ihn ernsthaft als Maler zu betrachten. Chemnitz wurde in diesen Monaten zum Pilgerort für Fans aus aller Welt, die plötzlich vor Gleisanlagen, Tankstellen, Bars und Zimmerinterieurs standen und darin die stille, visuelle Entsprechung jener Songs wiedererkannten, die sie seit Jahrzehnten begleiteten.

Was mit „Drawn Blank“ begann, hat sich seither zu einem dichten Werkgeflecht aus Serien entwickelt: „The Beaten Path“, „Mondo Scripto“ und „The Asia Series“ erzählen in Bildern weiter, was Dylan in Liedern begonnen hat. Straßen, Brücken, Neonlichter, Motelschilder – seine Malerei tastet sich an die Ränder des Alltäglichen heran und macht daraus eine Chronik des Unterwegsseins, die ohne eine einzige Note auskommt. Gerade in „Mondo Scripto“, wo handgeschriebene Songtexte auf Zeichnungen treffen, verschränken sich die beiden Welten des Künstlers so eng, dass man beim Lesen und Schauen fast vergisst, ob man einem Bild oder einem Lied folgt.

Besonders in Deutschland hat sich um Dylans Bilder ein erstaunlich kontinuierliches Ausstellungsnetz gespannt. Zum 80. Geburtstag würdigten Galerien in Köln, Heilbronn, Fulda und auf Schloss Hohenstein bei Coburg den Musiker mit der Ausstellungsreihe „On the Road“, die sein malerisches und zeichnerisches Gesamtwerk ins Zentrum rückte. In Fulda und anderswo wurden Werkzyklen wie „Mondo Scripto“, „The Beaten Path“, „The Drawn Blank Series“ und „The Asia Series“ gezeigt – nicht als höfliche Randnotiz eines Popgenies, sondern als eigenständige Position im zeitgenössischen Kunstbetrieb.

Auch darüber hinaus taucht sein Name immer wieder auf deutschen Galerielisten auf: Die Galerie Bilder Fuchs in Fulda etwa widmet seinem Werk regelmäßig eigene Schauen, zuletzt unter dem Titel „His Own Beaten Pathes“ mit Arbeiten aus „The Beaten Path“ und „Mondo Scripto“. In Emmendingen bei Freiburg präsentierten die Queens Kunstgalerien 2024 mit „Bob Dylan | The Drawn Blank Series and More“ über 70 original signierte Arbeiten, eingebettet in einen Ausstellungsrahmen, in dem Dylan selbstverständlich neben etablierten Kunstgrößen steht.

Was in Deutschland im Museumssaal begann, fand international seine Fortsetzung: Unter dem Titel „Retrospectrum“ widmete das MAXXI, das Nationalmuseum für Kunst des 21. Jahrhunderts in Rom, dem Singer-Songwriter eine große Schau seiner visuellen Arbeiten, die von Dezember 2022 bis April 2023 zu sehen war. Parallel dazu wanderten Teile seiner Serien über Europa, etwa nach Château La Coste in der Provence, wo Dylans „Drawn Blank“-Arbeiten neben Werken von Claude Monet, Henri Matisse und Marc Chagall hingen – eine Hängung, die wie eine leise, aber deutliche Anerkennung seiner Bildsprache wirkt.

Im Jahr seines 85. Geburtstags sind Dylans Bilder längst keine Raritäten mehr, die man zufällig entdeckt, sondern programmierte Ereignisse im Kulturkalender. In Püttlingen im Saarland zeigt die Galerie Schwan 2026 eine umfangreiche Schau mit mehr als 40 Arbeiten der „Drawn Blank Series“ – mit Straßen, Bahngleisen, Bars und urbanen Szenerien, die vertraut wirken und doch eine eigentümliche Spannung halten. Dylan wird hier nicht als Pop-Trophäe ausgestellt, sondern als ein Künstler, der seit Jahrzehnten zeichnend, beobachtend und erzählend unterwegs ist.

So entsteht, über die Jahre und über viele Orte hinweg, ein stilles Parallelwerk: Während die Welt ihn als Musiker feiert, wächst in Galerien und Museen ein zweiter, leiser Kosmos aus Aquarellen, Grafiken und Zeichnungen. Zum 85. Geburtstag zeigt sich Bob Dylan damit als jemand, der nie bei einer Ausdrucksform stehen geblieben ist – ein Künstler, der auch dann noch weiterarbeitet, wenn der Applaus im Konzertsaal längst verklungen ist und die Aufmerksamkeit sich in den stillen Raum einer Ausstellung verlagert.

Also schaue ich mir heute wieder in Ruhe meinen signierten Dylan-Druck und genieße ausnahmsweise keinen schottischen Whisky, sondern Bob Dylans Whiskey – Heaven’s Door. Er verbindet amerikanische Whiskey-Tradition mit dem künstlerischen Geist einer Musiklegende und es floß sicherlich einiges an Geld. Die Marke wurde 2018 vorgestellt und umfasst unter anderem Bourbon-, Rye– und Double-Barrel-Whiskeys. Besonders reizvoll ist die Verbindung aus handwerklicher Herstellung, charaktervollem Geschmack und Flaschendesign, das von Bob Dylans Metallarbeiten inspiriert ist. Ein stilvoller Whiskey für mich an Dylans 85. Geburtstag. Und was höre ich zum Ehrentag: Ich lasse an diesem Tag die Wilburys laufen. Für mich waren The Traveling Wilburys eine außergewöhnliche Supergroup der Rockgeschichte: Bob Dylan, George Harrison, Jeff Lynne, Roy Orbison und Tom Petty verbanden ihre unterschiedlichen Stile zu eingängigen Songs mit viel Spielfreude und lässigem Charme.

Die ARTMUC und das große Versprechen der Kunst

9. Mai 2026

Es gibt Momente in einer Stadt, in denen man plötzlich spürt, dass sie mehr ist als Pflaster, Fassaden und Verkehrslärm. Dass unter der Oberfläche des Alltäglichen etwas pulsiert, das sich nicht in Nützlichkeit übersetzen lässt. München erlebt solche Momente zweimal im Jahr, wenn die ARTMUC ihre Tore öffnet und das MTC an der Ingolstädter Straße im Norden der Stadt für ein Wochenende zu einem Ort wird, an dem die Zeit sich anders anfühlt als sonst. Auf Einladung des PresseClubs München bekamen die Mitglieder eine Führung von der Kunsthistorikerin Mirjam Gaschler.

Die ARTMUC ist Bayerns größte hybride Kunstmesse und wurde im Jahr 2014 gegründet. Ein vergleichsweise junges Kind also im großen Konzert der europäischen Kunstmessen — und doch ist sie in dieser kurzen Zeit zu etwas geworden, das weit über eine bloße Verkaufsveranstaltung hinausragt. Hier ein Video mit meinen Eindrücken.

Sie ist ein Versprechen. Das Versprechen, dass Kunst nicht nur in den weißen, klimatisierten Sälen der großen Museen existiert, nicht nur für jene, die ihre Ausbildung in Kunstgeschichte hinter sich haben oder die Sprache der Hochkultur fließend sprechen. Sondern dass sie mitten unter uns lebt — greifbar, käuflich, menschlich. Ich habe mehrere Stunden verbracht und interessante Gespräche geführt – und auch Kunst erworben. Sehr fein ein kurzer Austausch mit Wiener Kunstprofessor Felix Haspel.

Die ARTMUC fokussiert eine deutliche Steigerung der Sichtbarkeit von Künstlerinnen und Künstlern und deren Förderung sowie der Außenwahrnehmung Münchens als Kunst- und Kulturstadt. Das klingt nach einem Leitbild aus dem Marketingprospekt, und doch steckt dahinter eine echte Haltung, die man spürt, sobald man durch die Hallen geht. Raiko Schwalbe, der Gründer und Veranstalter der Messe, ist nicht der Typ, der mit glänzenden Schuhen und kühlem Lächeln durch die Gänge flaniert. Er ist morgens schon mit dem Team unterwegs, um zu putzen oder den Müll wegzuräumen. Das ist keine Anekdote am Rande. Das ist eine Aussage über die Seele dieser Veranstaltung. Amort Anton hat mich fasziniert mit seinem Schleifbild auf Edelstahl.

Die exklusive Kunstmesse wurde 2014 in München gegründet und beschreibt sich selbst als Bayerns größte hybride Kunstmesse. Im Zentrum steht weiterhin die Idee, Künstlerinnen und Künstlern, Galerien, Verbänden und Projekten eine bezahlbare Plattform für den direkten Kontakt mit einem breiten Publikum zu bieten. Bezahlbar — dieses Wort verdient es, kurz innezuhalten. Die Kunstwelt hat ein Demokratieproblem. Wer einmal durch die Art Basel geschlendert ist, weiß, wie schnell Kunst zu einem Statussymbol gerinnt, zu einem Vehikel für Reichtum, zu einer Währung in Kreisen, in denen über Millionen mit derselben Lässigkeit gesprochen wird wie über den Wochenmarkt. Die ARTMUC setzt dagegen. Die Preise beginnen zum Teil schon bei 100 Euro und gehen hinauf in den mittleren fünfstelligen Bereich. Das ist kein Hobby-Basar, aber es ist auch kein exklusiver Klub. Es ist ein Raum, in dem jemand, der noch nie ein Kunstwerk besessen hat, das erste Mal den merkwürdigen Schwindel erleben darf, vor einem Bild zu stehen und zu denken: Das könnte bei mir zu Hause hängen. Das könnte meines sein. Andrea Wich aus Olching wohnt quasi um die Ecke. Leider war die Künstlerin nicht am Stand, so dass ich nur die Bilder ansehen konnte.

Dieser Gedanke ist emotional aufgeladener, als er auf den ersten Blick wirkt. Denn Kunst zu kaufen bedeutet nicht, Kunst zu konsumieren. Es bedeutet, in eine Beziehung einzutreten. Mit dem Werk, mit dem Menschen dahinter, mit einem Stück Gegenwart, das man festhalten möchte. Mika van Dot aus Greifenberg hat mich mit deinem Schnittstelle zwischen Ponitilismus und digitaler Kunst fasziniert.

Und damit sind wir beim großen, unbequemen Thema: Kunst als Markt. Es gibt kaum einen Widerspruch, der so tief in das kollektive Unbehagen schneidet wie dieser: Kunst und Geld. Wir wollen Kunst rein, erhaben, frei von Kalkulation. Wir wollen den Künstler als Getriebenen, als Seismographen des Menschlichen, der schafft, weil er nicht anders kann. Und gleichzeitig wissen wir, dass ohne Markt keine Kunst überlebt — nicht auf Dauer, nicht in einer Form, die über das Private hinausgeht. Corinna Mikeler aus Rammingen hat mich fasziniert und ich habe mir einen Druck gekauft.

Die Geschichte ist da eindeutig. Die Medici haben Michelangelo nicht aus reiner Menschenliebe finanziert. Die großen Auftraggeber des Barock haben nicht selbstlos für die Verbreitung des Schönen gesorgt. Der Kunstmarkt ist so alt wie die Kunst selbst. Was sich verändert hat, ist seine Sichtbarkeit — und seine Ehrlichkeit darüber. Eine Kunstmesse wie die ARTMUC macht diesen Zusammenhang sichtbar, anstatt ihn zu verschleiern. Die Preisschilder hängen offen. Die Gespräche zwischen Künstlerinnen und Besuchern finden statt, nicht hinter den Kulissen von Galeriegesprächen, sondern direkt, Auge in Auge, Mensch zu Mensch. Das ist, bei allem romantischen Unbehagen, eine Form von Ehrlichkeit.

Das Angebotsspektrum der Kunstmesse umfasst Malerei, Illustration, Radierung, Fotografie, Skulptur sowie auch Performance, Objekt- und Digitalkunst. Diese Breite ist kein Zeichen von Beliebigkeit, sondern von Lebendigkeit. Ein Markt — und damit auch ein Kunstmarkt — ist ein Ort des Austauschs, des Dialogs, des Aushandelns von Bedeutung. Was wert ist, was bleibt, was weitergetragen wird: Das entscheidet sich nicht allein in den Redaktionen der Kunstmagazine oder den Jurys der Biennalen. Es entscheidet sich auch dort, wo jemand vor einem Gemälde stehen bleibt, nicht weitergeht und schließlich fragt: Was kostet das?

Ich habe einen Tag voller kreativer Impulse, spannender Entdeckungen und inspirierender Begegnungen erlebt — abseits des Mainstreams. Abseits des Mainstreams: Das klingt nach einem Marketing-Versprechen, ist aber, wer durch die Hallen der ARTMUC geht, ein zutreffendes Gefühl. Hier hängt keine institutionell abgesicherte Kunst. Hier zeigen Menschen, die noch ringen, die noch suchen, die noch nicht wissen, ob ihr Weg sie tragen wird.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2014 verzeichnet die ARTMUC ein stetiges Wachstum. Lediglich Corona hat da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber die Messe hat sich erholt — und mehr noch, sie hat sich geöffnet. Nach den ersten Schritten der ARTMUC auf dem internationalen Kunstmarkt zwischen 2023 und 2025 in Dubai, der Türkei und Indien verstärkt das Team um Veranstalter Raiko Schwalbe den Gang nach Asien und legt einen ersten Fokus auf China. Die ARTMUC verweist auf ihre Aktivitäten der vergangenen Jahre und will 2026 den Fokus stärker nach Asien ausbauen. Das ist kein eitles Streben nach Größe. Es ist die Erkenntnis, dass Kunst kein nationales Projekt ist. Dass das Gespräch, das ein Bild beginnt, keine Sprachgrenze kennt.

Yan Sun, internationale Kunstsammlerin aus München, geboren in Yantai in China, engagiert sich leidenschaftlich für Kunst und kulturellen Austausch. Ihr Anliegen ist es, dass die Welt in Frieden zusammenwächst — denn: Kunst verbindet, Wirtschaft belebt. Dieser Satz, so einfach er klingt, trägt eine große Wahrheit in sich. Kunst verbindet, weil sie das Inkommensurable kommunizierbar macht — das Gefühl, das keine Worte hat, die Erfahrung, die kein Bericht erfassen kann. Und ja: Wirtschaft belebt, weil ohne die materielle Grundlage, ohne den Markt, ohne den Preis, der sagt „das hat Wert“, die meisten Künstlerinnen und Künstler früh scheitern würden, nicht an ihrem Talent, sondern an der schieren Unmöglichkeit, vom Schaffen zu leben.

Wenn ich so einen Maitag durch die großen Hallen des MTC geht, wenn das Licht durch die Hallenfenster fällt und auf hunderte von Werken trifft, wenn das Murmeln der Besucher sich mit dem leisen Kratzen von Pinseln an der Live-Malstation mischt, dann spürt man etwas, das schwer zu benennen ist. Es ist nicht Ehrfurcht — dafür ist die ARTMUC zu ungekünstelt, zu warm, zu menschennah. Es ist eher so etwas wie Erleichterung. Die Erleichterung, dass es das noch gibt. Orte, an denen Schönheit verhandelt wird, ohne dass man einen Anzug braucht. Orte, an denen ein junger Künstler aus der Ukraine neben einer Galerie aus der Schweiz ausstellen kann, wo eine chinesische Sammlerin Terrakotta-Figuren mitbringt, die an die älteste und kostbarste Tradition ihres Landes erinnern, und wo ein irischer Streetart-Künstler namens FinDAC live vor den Augen der Besucher ein Bild entstehen lässt. Hier ein kurzer Austausch mit FinDAC.

Fast 450 Bewerbungen sind beim Messeteam eingegangen — und das MTC bietet famose Ausstellungsmöglichkeiten. 450 Menschen, die gesagt haben: Ich will gesehen werden. 450 Stimmen, die einen Platz im Gespräch beanspruchen. Nicht alle können kommen. Aber dass sie fragen, dass sie anklopfen, dass sie an eine Messe glauben, die in einer Industrie-Location im Münchner Norden stattfindet und nicht in den Tempeln der Hochkultur — das sagt alles über die Wirkung der ARTMUC.

München ist eine reiche Stadt. Sie hat exzellente Museen, hochkarätige Galerien, eine traditionsreiche Kunstszene. Aber Reichtum kann auch lähmen. Er kann Kunst in sichere, institutionell abgesicherte Bahnen drängen, in der alles schön und teuer und weit weg vom Leben der meisten Menschen ist. Die ARTMUC stört diese Ordnung ein bisschen. Nicht laut, nicht aggressiv, aber beharrlich. Sie sagt: Kunst gehört nicht nur denen, die sie sich leisten können. Sie gehört denen, die sie fühlen wollen.

Und das, am Ende, ist das eigentliche Versprechen dieser Messe. Nicht die Preisliste. Nicht die internationale Vernetzung. Nicht die Zahlen. Sondern das Gefühl, das entsteht, wenn jemand vor einem Bild stehen bleibt — und plötzlich weiß, dass er oder sie nicht mehr ganz dasselbe ist wie vorher.

Buchtipp: The Making of Pink Floyd: The Wall

16. April 2026

Auch wenn sich Roger Waters nicht zu seinem Vorteil entwickelt hat, mag ich seine alte und neue Musik. Ich gebe zu, ich bevorzuge seine Phase bei Pink Floyd sehr und höre jetzt wieder verstärkt die Musik des Doppelalbums The Wall. Dabei lese ich das Buch the Making of Pink Floyd The Wall von Gerald Scarfe.

Ich hatte noch die deutsche Ausgabe des Buches im Archiv, das 2011 bei Edel erschienen ist. The Wall ist mehr als nur ein für mich geniales Album. Es ist auch der grandiose Kinofilm von Alan Parker, das noch grandiosere Konzertereignis – The Wall ist ein Gesamtkunstwerk. Und natürlich ist nicht alles auf dem Mist von Roger Waters gewachsen. Er hat Künstler wie Gerald Scarfe an seiner Seite, die seine Visionen der Isolation eindrucksvoll visualisieren konnten. Gerald Scarfe war ein guter Kumpel von Nick Mason, David Gilmour und natürlich auch von Waters. Und eben dieser Gerald Scarfe zeichnet in seinem Buch die visuelle Entstehungsgeschickte von The Wall in all seinen Phasen nach. Für Pink Floyd-Fans ist das Buch ein Leckerbissen, ein wunderbares Coffee table-Buch zum Angeben und Genießen.

Der Text ist gut und flüssig zu lesen. Die Aufmachung ist einfach klasse. Der weiße Schriftzug ist mit dicker Farbe gedruckt, so als sei der Meister selbst mit Deckfarbe über den Schutzumschlag gegangen. Die Erzählungen des Autors, die immer konzentriert am Thema bleiben und informativ dicht und damit kurzweilig zu lesen sind, werden von Kommentaren ergänzt, die die Macher von The Wall bei der Durchsicht des Buchentwurfs gemacht haben. Die Abbildungen sind hochwertig, sowohl von den Fotographien her, als auch durch den Abdruck der Unmengen von Zeichnungen. Auch die Überschriften der einzelnen Kapitel sind in der Gerald Scarfe’schen Schrift in deutsch übernommen worden. Wer sich für die internen Querelen der Band interessiert, die mit The Wall an allen Ecken und Enden aufflammten, erfährt hier fast mehr als in Nick Masons „Inside Out“. Allerdings wird auch hier vermieden, detailierter darauf einzugehen. Es geht halt um The Wall, den Versuch, die Pink Floyd Musik filmisch zu ergänzen.

Das Buch beginnt schon Mitte der 1970iger Jahre(!), weil da Gerald Scarfe bereits begann für Pink Floyd zu arbeiten. Es gibt interessante Statemants zum Trickfilm und den Schwierigkeiten den Trickfilm von der „Disney-Putzigkeit“ zu etablieren. Insofern kann ich mir vorstellen, dass das Buch auch für jene interessant sein könnte, die mit Pink Floyd selbst gar nicht so viel am Hut haben.
Umfassend wird die Entstehunggeschichte der Show und des (Kino-)Films beschrieben. Das Buch erzählt die Wall-Geschichte einschließlich der Wiederaufführung durch Roger Waters 2010/2011.

Gerald Scarfes Buch kann auch für jene interessant sein, die selber mit Tinte und Farbe zu Werke gehen. Allein seine Art zu zeichen, mit diesesr rasenden Strichführung, hat mich begeistert. Darüber hinaus werden auch die Umsetzungen der Zeichnungen in die Filme, als auch die Konstruktion der riesigen Bühnenpuppen beschrieben. Bilder, wo sie bemalt werden, sind genauso dabei, wie Fotos von Pappmodellen der Filmkulissen.
Die Zeichnungen sind fantastisch (im Sinne von eine schier tobenden Fantasie) sie sind irre (im Sinne seiner zeichnerischen Qualitäten, aber auch im Sinne dessen, was sie darstellen.) Manchmal wird es eklig, bleibt aber immer genial…

Ich bin begeistert. Sowohl als Pink Floyd Fan als auch als Liebhaber schön gemachter Bücher. Als Kunstinteressierter ebenso wie jemand, der es faszinierend findet, wie andere ihren Weg gehen und ihre Ideen umzusetzen vermögen.

Es war immer schwer, wirklich brauchbare Informationen über Gerald Scarfe und seine Arbeiten an „The Wall“ zu finden. Dieses Buch ist für Interessierte an Scarfe’s Anteil an dem Erfolg von „The Wall“ ein Quell ewiger Freude. Wirklich dick und randvoll mit Zeug. Für mich gehört das Buch in das Regal von jedem Pink Floyd Fan.

Unbedingt ansehen: Ausstellung „HAAR – MACHT – LUST“

23. März 2026

Die Ausstellung „HAAR – MACHT – LUST“ in der Kunsthalle München ist ein herausragendes kulturelles Highlight, das die tiefgreifende gesellschaftliche und politische Bedeutung von Haaren beleuchtet. Bis zum 4. Oktober 2026 lädt die Schau zu einem fesselnden Streifzug durch drei Jahrtausende Kunst- und Kulturgeschichte ein. Als Pressebeauftragter des Landesinnungsverbandes Friseure und Kosmetiker Bayern besuchte ich die Ausstellung und war schwer begeistert.

Eine universelle Sprache
Haare sind weit mehr als ein bloßes modisches Accessoire oder eine Frage des persönlichen Stils. Sie fungieren seit Jahrtausenden als kraftvolles Ausdrucksmittel, um Zugehörigkeit zu demonstrieren, soziale Rollen zu definieren oder Rebellion und Widerstand zu artikulieren. Die Ausstellung zeigt auf faszinierende Weise, wie das scheinbar Alltägliche von Schönheit und Begehren, aber auch von spürbaren Machtgefällen und Ohnmacht erzählt.

Meisterhafte Kuration
Unter der Leitung von Kuratorin Juliane Au und Direktor Roger Diederen wurden rund 200 hochkarätige Exponate von der Antike bis zur Gegenwart raffiniert und tiefgründig in Szene gesetzt. Die beeindruckende Bandbreite reicht von klassischen Gemälden und Skulpturen über Videoarbeiten bis hin zu skurrilen Alltagsgegenständen wie historischen Barttassen aus dem 19. Jahrhundert. Leihgaben aus weltberühmten Häusern wie dem Louvre, dem Prado und dem Rijksmuseum unterstreichen den internationalen und kulturübergreifenden Anspruch dieser hervorragend gegliederten Schau.

Historie und moderner Protest
Jeder Ausstellungsraum widmet sich einem spezifischen Aspekt und verwebt historische Kontexte nahtlos mit hochaktuellen Themen. So wird dokumentiert, wie im Militär vergangener Epochen die Länge des Bartes den sozialen Rang spiegelte, oder wie historische Herrscher ihre Macht über Frauen durch deren Haartracht inszenierten. Im direkten Kontrast dazu stehen moderne Werke, welche die iranischen „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste von 2024 aufgreifen und eindrucksvoll zeigen, wie das Abschneiden der Haare zum ultimativen Symbol der Selbstbestimmung wird.

Die Ausstellung überzeugt nicht nur durch ihre schiere Vielfalt, sondern setzt mit ausgewählten Exponaten wie filmischen Arbeiten, popkulturellen Ikonen und mythologischen Figuren brillante Akzente.

Multimediale Videoarbeiten
Die Schau besticht durch einen integrativen Ansatz, der klassische Kunstwerke fließend mit modernen Videoarbeiten verknüpft. Diese filmischen Darstellungen machen das Motiv greifbar, indem sie die Dynamik, Sinnlichkeit und Wandelbarkeit von Kopf- und Körperhaar auf eine Weise einfangen, die statische Medien kaum leisten können. Durch die bewegten Bilder wird das faszinierende Zusammenspiel von Identität, Schönheit und Körperlichkeit für die Besucher auf einer sehr direkten, modernen Ebene erlebbar gemacht. Besonders habe ich mich über Charlie Chaplins-Film der große Diktator gefreut, eine Satire über Hitler, bei dem Chaplin einen jüdischen Friseur spielt.

Friedensprotest von John Lennon
Ein absolutes Highlight für mich als Popkultur-Fan ist die ikonische Fotografie „Hair Peace, Bed Peace“ von Nico Koster aus dem Jahr 1969. Das Bild zeigt John Lennon und Yoko Ono bei ihrem weltberühmten „Bed-in“-Protest und demonstriert eindrucksvoll, wie Haare als bewusstes politisches Statement eingesetzt wurden. In diesem historischen Kontext wird die wachsende Haarpracht zum ultimativen Symbol für Rebellion, Gewaltlosigkeit und den gesellschaftlichen Aufbruch einer ganzen Generation.

Die Schlangen der Medusa
Auch die fesselnde Kraft der Mythologie findet ihren verdienten Platz in der Ausstellung, was besonders an den Darstellungen der Medusa deutlich wird. Ihre legendären, furchteinflößenden Schlangenhaare dienen in der Kunstgeschichte als eindringliches Symbol für unbändige Stärke, Gefahr und weibliche Urgewalt. Diese klassischen Interpretationen belegen auf faszinierende Weise, dass den Haaren schon in der Antike eine mystische und zutiefst Respekt einflößende Macht zugeschrieben wurde.

Die Ausstellung beweist enorme kuratorische Stärke, indem sie die untrennbare Verbindung von Haaren und menschlicher Würde auch in ihren dunkelsten, schmerzhaftesten historischen Dimensionen schonungslos beleuchtet. Im Spannungsfeld von Macht und Ohnmacht wird das Haar hier vom ästhetischen Objekt zum Zeugen tiefster menschlicher Abgründe und systematischer Unterwerfung.

Instrument der öffentlichen Demütigung
Ein historisch erschütterndes Beispiel für die gewaltvolle Instrumentalisierung von Haaren ist die Behandlung französischer Kollaborateurinnen nach der Befreiung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Frauen, denen eine sogenannte „horizontale Kollaboration“ mit deutschen Besatzern vorgeworfen wurde, wurden auf den Straßen öffentlich und systematisch kahlgeschoren, um sie gesellschaftlich zu brandmarken und vor der Masse maximal zu demütigen. Die Thematik der Ausstellung verdeutlicht hier auf schmerzhafte Weise, wie der erzwungene Verlust der Haare als direktes Instrument der politischen Machtausübung, der Rache und der gezielten Identitätsberaubung fungiert.


Die absolute Dehumanisierung im KZ Auschwitz
Den unfassbaren Tiefpunkt der historischen Ohnmacht markiert die beispiellose Entwürdigung von Menschen durch die Nationalsozialisten in Vernichtungslagern wie dem KZ Auschwitz. Das dortige systematische Scheren der Opfer unmittelbar nach ihrer Ankunft besiegelte den ultimativen Akt der Entmenschlichung und den endgültigen Raub jeglicher persönlicher Identität. Die verabscheuungswürdige, geradezu industrielle Verwertung dieses menschlichen Haares als bloßes Rohmaterial für die Kriegsindustrie offenbart eine absolute Grausamkeit, die dem Ausstellungsaspekt der „Ohnmacht“ eine zutiefst bedrückende und historisch notwendige Dimension verleiht. Auch das gehört zu dieser Ausstellung dazu.

Die Schönheit des Vergessenen: Lost Places von Agnes Hörter im Kulturhaus Abraxas

8. März 2026

Bis zum 31. März 2026 läuft im Kulturhaus Abraxas in Augsburg die Vernissage der Ausstellung „Vergessene Welten – Lost Place Art“ von Agnes Hörter. Die Schau bietet einen intensiven Einblick in die faszinierende Welt verlassener Orte und räumt den Betrachtern viel Raum für eigene Empfindungen ein.

Das Kulturhaus Abraxas in Augsburg ist ein kulturelles Zentrum der Stadt und befindet sich im Stadtteil Kriegshaber auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne. Es wurde 1995 vom Kulturamt der Stadt Augsburg eröffnet und ist in einem früheren Offizierskasino der Somme-Kaserne untergebracht, das in den 1930er-Jahren errichtet wurde und später von der US-Armee genutzt wurde. 

Die Ausstellung vereint einzigartige Fotografien mit Kunstwerken auf Fundstücken und zeigt die vergessenen Spuren vergangener Zeiten in höchst atmosphärischen Bildern. 

Agnes Hörter, eine lang in Augsburg lebende Fotografin und Autorin, widmet sich seit vielen Jahren der visuellen Dokumentation von verlassenen Gebäuden. Ich habe mit ihr früher schon mal ein ausführliches Interview gemacht und ihre Ausstellungen besucht.
Ihr Blick richtet sich auf das, was oft unbeachtet bleibt: verlassene Fabrikhallen, alte Werkstätten, leere Wohnhäuser und stillgelegte Anlagen. In ihren Arbeiten verschmilzt sie verfallene Strukturen mit einer eigenen künstlerischen Handschrift, die den Betrachter dazu einlädt, die Geschichte dieser Orte nachzuempfinden. 

Die Ausstellung bietet nicht nur spannende Motive aus der Welt der Lost Places, sondern verknüpft Fotografie mit Objektkunst und lädt dazu ein, die Schönheit im Verfall zu entdecken. Für viele Besucher ist dies eine Einladung, die oft unbeachteten Spuren unserer gebauten Umwelt mit neuen Augen wahrzunehmen und die Geschichten hinter den Mauern zu erahnen.

Was mich besonders freut: Einige Aufnahmen entstanden in der Brauerei Seelmann. Mit deren Betreibern bin ich seit Jahren bekannt. Die Brauerei Seelmann ist eine kleine, traditionsreiche Braustätte im Bamberger Land, genauer im Ort Zettmannsdorf bei Bamberg. Ihre Wurzeln reichen bis ins Jahr 1608 zurück, wodurch sie zu den historischen Brauereien der Region zählt. Über Jahrhunderte blieb der Betrieb in Familienbesitz und bewahrte viele originale Anlagen wie Sudhaus, Gärkeller und Abfülltechnik. Die historische Anlage mit ihren erhaltenen Maschinen und Räumen gilt als eindrucksvolles Zeugnis fränkischer Braukultur und als idealer Foto-Hotspot.

Zur Ausstellung ist auch ein Katalog mit Bildern und Erklärungen erschienen, der sich ebenso wie ihre Bilder über die Künstlerin Agnes Hörtner beziehen lässt.

Wenn Algorithmen zu blühen beginnen: Ein digitales Wunder in der Kunsthalle München – Nicht verpassen

28. Februar 2026

Unbedingt noch bis zum 1. März 2026 in München ansehen. Ein absolutes Muss: „Digital by Nature“ in der Kunsthalle München tpräsentiert die bislang größte Einzelausstellung des franco-mexikanischen Medienkünstlers Miguel Chevalier in Europa und macht den Computer als künstlerisches Medium in all seinen Facetten erfahrbar.

Auf rund 120 Arbeiten – von frühen Computerbildern bis zu jüngsten, KI-gestützten Projekten – entfaltet sich ein Parcours, der digitale Bildwelten konsequent mit analogen Bezügen zur Kunst- und Naturgeschichte verschränkt. Skulpturen und Zeichnungen, die mithilfe von 3D-Druck und Robotik entstehen, stehen neben Videos, maschinell produzierten Stickereien und großformatigen Projektionen und veranschaulichen, wie sehr Chevalier die Formfindung an Software, Algorithmen und automatisierte Fertigungsprozesse auslagert. Die räumlich angelegten, immersiven Installationen bilden das Zentrum der Schau: Hier generieren eigens entwickelte Programme in Echtzeit immer neue Bildkonstellationen, deren Ablauf zwar auf klar definierten Code-Strukturen beruht, aber bewusst mit Zufallsparametern arbeitet.


Besucher greifen mit ihren Körpern unmittelbar in diese digitalen Ökosysteme ein – Sensoren erfassen Bewegungen im Raum, die Software reagiert darauf, verändert Formen, Farben und Bewegungsrichtungen der Projektionen und macht so das Zusammenspiel von System und Zufall ästhetisch sichtbar.
Auch der Katalog Miguel Chevalier – Digital by Nature ist absolut lohenswert.

Technisch setzt die Ausstellung auf ein Zusammenwirken verschiedener digitaler und analoger Komponenten: Hochauflösende Projektionssysteme und große, teilweise wandfüllende Screens erzeugen die visuelle Umgebung, während Tracking-Technologien, Kameras und Bewegungssensoren die Position und Gestik der Besucher in Datenströme übersetzen, die von den zugrunde liegenden Algorithmen verarbeitet werden. In den generativen Arbeiten laufen diese Algorithmen permanent im Hintergrund und produzieren Bildsequenzen, die nie exakt wiederkehren und damit eher einem lebendigen Prozess ähneln als einem fixierten Kunstobjekt. Bei den plastischen Werken kommen 3D-Drucker und robotische Zeichenarme zum Einsatz, welche die am Computer entworfenen Formen Schicht für Schicht in physische Objekte überführen und so den Übergang von der reinen Datenstruktur in den materiellen Raum markieren. Besonders deutlich wird das Zusammenspiel aus Software, Interface-Design und räumlicher Inszenierung in „In Vitro Pixel Flowers“: Hier entwerfen Besucher über eine digitale Oberfläche eigene virtuelle Pflanzen, die serverseitig verarbeitet und anschließend als Teil eines ständig wachsenden, projizierten „Gewächshauses“ in der Kunsthalle sichtbar werden. Ergänzt durch naturhistorische Objekte wie Kristalle oder Unterwasseraufnahmen reflektiert die Ausstellung insgesamt die Nähe zwischen biologischen Wachstumsprozessen und algorithmisch erzeugten Mustern und thematisiert damit sowohl die Faszination digitaler Simulation als auch die Eingriffe des Menschen in seine Umwelt.

Zu den interaktiven Highlights von „Digital by Nature“ in der Kunsthalle München zählen vor allem die raumgreifenden, generativen Installationen, die auf Körperbewegungen reagieren. Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch projizierte Bildwelten, während Sensoren ihre Position registrieren und die Algorithmen daraufhin Farben, Formen und Bewegungsrichtungen der digitalen Muster verändern – jede Bewegung schreibt so die Bildsequenz ein Stück weit neu.

Als klar hervorgehobenes „Signature Piece“ gilt das digitale Gewächshaus „In Vitro Pixel Flowers“ beziehungsweise „Pixel Flowers“: Über eine Online-Plattform und Terminals vor Ort entwerfen Erwachsene und Kinder eigene virtuelle Blumen, die anschließend als Teil eines leuchtenden, projizierten Gartens im Ausstellungsraum erscheinen. Dieser virtuelle Garten wächst während der Laufzeit der Schau kontinuierlich weiter und macht die kollektive Beteiligung des Publikums sichtbar. Ein weiteres zentrales interaktives Erlebnis ist die Installation „Meta-Nature AI“, in der KI-gestützte, florale und landschaftsartige Strukturen den Raum füllen und sich durch Algorithmen permanent verändern, während zugleich die Bewegungen der Besucher die Atmosphäre der Projektionen

Miguel Chevalier, 1959 in Mexiko-Stadt geboren, ist ein franco-mexikanischer Medienkünstler und gilt international als Pionier der digitalen und virtuellen Kunst. Seit Ende der 1970er-Jahre nutzt er den Computer als zentrales künstlerisches Werkzeug und entwickelt großformatige, oft immersive Installationen, die Themen wie Natur versus Künstlichkeit, Datenströme und urbane Räume erforschen.

Er lebt und arbeitet überwiegend in Paris, wo er an renommierten Kunsthochschulen studierte und seit den 1980er-Jahren kontinuierlich neue Technologien – von Echtzeit-Software bis hin zu KI – in seine Arbeit integriert. Chevalier hat seine Werke weltweit in Museen, im öffentlichen Raum und auf Festivals präsentiert und zählt heute zu den prägenden Figuren der internationalen digitalen Kunstszene.