Archive for the ‘Film’ Category

Filmkritik: Le Mans 66

18. November 2019

Ich habe mich geschämt. Ich habe mich wirklich geschämt, als ich aus dem Scala-Kino in Fürstenfeldbruck gegangen bin, weil mir der Film gefallen hat. Ich habe Le Mans 66 gesehen und genossen.
Ja, ich weiß: PS-Boliden sind im Zeitalters des Klimawandels nicht mehr zeitgemäß, ja komplett unvernünftig und dennoch hab ich die GT-40, die Mustangs, die Shelbys, die Ferraris und die Porsches genossen, die mit Bleifuß und Vollgas den Asphalt herunter brettern. Ich bin ein großer Fan von Le Mans und die Verfilmung mit Steve McQueen ist für mich einer der Rennfilme schlechthin. Da war ich ein wenig nervös als ich den Trailer zu Le Mans 66 sah. Da tritt jemand gegen einen Kultfilm an und muss doch zwangsläufig scheitern: Steve McQueen gegen Christian Bale.
Der Film Le Mans 66 tut es nicht, weil er eine ganz solide Geschichte in packenden Bildern erzählt. Es ist die Geschichte der Rennfahrer Carroll Shelby (Matt Damon) und Ken Miles (Christian Bale). Ford will gegen Ferrari antreten und Carroll Shelby soll die Fahrzeuge bauen. Beim Le Mans Rennen des Jahres 1966 schaffte es Ford bekanntlich und ließ Ferrari dann jahrelang hinter sich. Gewichts-Chamäleon Christian Bale musste für die Rolle in Le Mans 66 rund 30 Kilogramm verlieren, nachdem er zuvor für Vice – Der zweite Mann (2018) stark an Körpermasse zugelegt hatte – wir können bald Brando zu ihm sagen.


Der Film basiert auf der wahren Geschichte des visionären amerikanischen Sportwagenherstellers Carroll Shelby (Matt Damon) und des furchtlosen, in Großbritannien geborenen Rennfahrers Ken Miles (Christian Bale). Gemeinsam kämpfen sie gegen die Intervention ihres Auftraggebers, die Gesetze der Physik und ihre eigenen inneren Dämonen, um einen revolutionären Sportwagen für die Ford Motor Company zu bauen. Damit wollen sie die dominierenden Rennwagen von Enzo Ferrari beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1966 in Frankreich besiegen. Im Original heißt der Film schließlich auch Ford v Ferrari.


Das hätte eine schöne Erfolgs- und Siegerstory im Kino sein können. Ein wenig Patriotismus, ein bisschen amerikanisches Draufgegängertum und fertig wäre perfektes US-Popcorn-Kino. Doch Regisseur James Mangold hat viel mehr aus dem Film gemacht als ich erwartet, nein befürchtet habe. Er zeigte, wie schwer es aufrechte Typen haben und wie mächtig Lobbyismus und Intrigen sind.
Die Luft da oben ist dünn. Enzo Ferrari ist zwar ein durchtriebener Fuchs, doch Henry Ford II und sein gelecktes Management spielen noch falscher und sind die wirklichen Unsympathen. Ich empfang die Person von Il Commendatore Enzo Ferrari sehr gut in Szene gesetzt. Das war ein Firmenchef, der seine Wagen geliebt hatte, der mit Rennen verbunden war. Er lebte für seine Marke. Ferrari hatte den Respekt seiner Mannschaft, seiner Fahrer und seiner gegnerischen Fahrer. Das wird an einer kleinen Szene gegen Ende des Films deutlich als sich die Blicke von Enzo Ferrari und Ken Miles treffen. Es zeigt sich aber auch als sich il Drago über Henry Ford II lustig macht, weil der Automobilhersteller per Hubschrauber zum Essen fliegt, während die 24 Stunden von Le Mans laufen.
Im Jahre 1960 wurde Robert McNamara Präsident und Lee Iacocca Vizepräsident der Ford Motor Company. Henry Ford II bekleidete im Unternehmen die Posten des CEO und Aufsichtsratsvorsitzenden. Lee Iacocca wird interessant gezeichnet. Auf der einen Seite ist er Teil von Ford, aber der anderen Seite hat er Sympathie für die Rebellen Carroll Shelby und Ken Miles. Lee Iacocca schuf ja auch den Typ des Pony-Cars mit dem Ford Mustang.


Im Mittelpunkt steht das Rennen. Davon lebt schließlich ein Rennfilm. Packend, dramatisch, ein bisschen Cars von Pixar – so wird die Hölle von Le Mans gezeigt. Die Action ist so intensiv, dass es den Zuschauer in den Kinosessel drückt. Mit ähnlichem Druck überzeugt Carroll Shelby den Firmenchef Henry Ford II, in dem er in einen GT-40 packt und das Gaspedal durchdrückt. Hier war der einzige Moment in dem Henry Ford II sich erinnert, das er einen Automobilkonzern leitet. Mit Tränen in den Augen fleht er darum, dass sein Großvater Henry Ford ihn so sehen könnte. Sein fast 80-jähriger Großvater und Firmengründer Henry Ford war nicht von den Fähigkeiten seines Enkels überzeugt und übernahm noch einmal die offizielle Leitung seines Unternehmens, die er erst im September 1945 und nicht ganz freiwillig wieder abgab.
Der Film Le Mans 66 ist vielschichtig. Natürlich kommt er nicht an Le Mans von früher heran, aber er ist unbedingt sehenswert.
Aber richtig frustriert war ich nach dem Ende des Films, als die Credits über die Leinwand des Scalas in Fürstenfeldbruck gelaufen sind. Ich stieg nicht in einen unvernünftigen GT-40, sondern in meinen vernünftigen Lexus Hybrid und fuhr nach Hause.

 

Die Godzilla-Filme und Godzilla II: King of the Monsters

17. November 2019

Ich liebe Monsterfilme. Ich liebe King Kong, ich liebe die Kaijūs aus Pacific Rim und ich liebe Godzilla. Den jüngsten Godzilla hab ich mir gleich zweimal im Kino angesehen und freue mich auf die Veröffentlichung der 4K-Version für zuhause. Godzilla II: King of the Monsters hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es gibt Godzilla II: King of the Monsters auch auf Bluray.

Die Monster haben auf der Leinwand Tradition. Nach den Erfolgen „Godzilla“ und „Kong: Skull Island“ präsentierten Warner Bros. Pictures und Legendary Pictures vor kurzem das jüngste Kapitel in ihrem filmischen Monster-Universum: In „Godzilla II: King of the Monsters“ tritt Godzilla gegen einige der beliebtesten Monster der japanischen Filmgeschichte an und es war ein richtiges Bombast-Kino.
Als Monster-Fan musste ich grinsen, denn der Filmtitel ist eine Homage an einen frühen Godzilla-Film von 1956. Beim 1956 erschienenen Film Godzilla – König der Monster (Original: Godzilla, King of the Monsters!) handelt es sich um die US-amerikanische Version des ersten Godzilla-Films von 1954 Godzilla. Aber natürlich bringt Hollywood nicht den alten Streifen wieder auf die Leinwand, sondern hat tief in die Monsterkiste gegriffen. Beim neuen Film handelt sich um eine Fortsetzung von Gareth Edwards’ Godzilla aus dem Jahr 2014 und basiert auf dem gleichnamigen japanischen Filmmonster der Toho-Studios.
Zum Inhalt: Die Mitglieder der Regierungsorganisation Monarch (kennen wir bereits aus „Kong: Skull Island“) müssen sich einer Horde von Monstern, den Titanen, stellen, darunter der mächtige Godzilla, die legendäre Mothra, das fliegende Ungeheuer Rodan und deren ultimativer Erzfeind King Ghidorah. Sie alle wetteifern um ihre Vorherrschaft und bedrohen dabei die Menschheit in ihrer Existenz. Und das geht nicht ohne richtig Action.
Wer an Godzilla denkt, dem kommt als Erstes das Brüllen des Monsters in den Sinn. Der Schrei von Godzilla geht dem Zuschauer durch Mark und Bein. Und eben dieses Brüllen gibt es im neuen Film auch wieder zu hören. Bei Godzilla aus dem Jahre 1954 wurde vom Filmkomponisten Akira Ifukube zunächst mit Tierstimmen experimentiert. Die Ergebnisse waren aber nicht überzeugend. Es wurde schließlich ein Kontrabass gewählt, über dessen Saiten ein mit Kiefernharz bestrichener Lederhandschuh der Länge nach gestrichen wurde. Und schon war der typische Klang von Godzilla geboren. Was mich sehr freut, dass im neuen Score zu „Godzilla II: King of the Monsters“ der Score von Akira Ifukube wieder Eingang gefunden hat.

Die Musik von Godzilla
Das Thema von Godzilla hat in Japan einen ähnlichen Stellenwert wie das Star Wars-Thema von John Williams bei uns.
Den Soundtrack zu Godzilla :King of the Monsters hat jetzt Bear McCreary komponiert. Den ersten Teil komponierte noch der Franzose Alexandre Desplat zu Godzilla. Viele werden Bear McCreary noch von seinen Filmmusiken zu den TV-Serien Battlestar Galactica und The Walking Dead kennen.
Ich hab mir den Score gekauft und finde ihn prima. Im April kam Old Rivals von McCreary und was mich als Fan der Siebziger Jahre freute, das Blue Öyster Cult Cover Godzilla, interpretiert von Serj Tankian. Die Doppel-CD läuft bei mir rauf und runter und nervt die ganze Familie.


Die Soundtracks der alten Godzilla-Filme haben eine große Tradition und erfreuen sich großer Nachfrage. Die japanischen Pressungen erzielen bei den Börsen Höchstpreise. Nach zahlreichen japanischen Künstlern komponierte auch Keith Emerson die Musik zu Godzilla: Final Wars. Emerson war einstmals Mitglied der britischen Supergroup Emerson, Lake & Palmer. Ich habe mir einige zusammengekauft und mach immer wieder den Godzilla-Soundtrack-Tag.

Godzilla am Samstag nachmittag
Als Kind waren die Godzilla-Filme aus Japan meine Samstag-Nachmittagsunterhaltung. In den Fürstenfeldbrucker Kinos lief oft die Jugendvorstellung von japanischen Monsterfilmen. Die Filme waren bei uns Jugendlichen Kult. Ein Darsteller schlüpfte in ein G.-Suit, ein anderer in einen anderen Monsteranzug aus Gummi und in einer Pappwelt kam es zur großen Schlägerei. Die Titel der Monsterfilme hatten es in sich – die deutsche Synchro ließ richtig die Sau raus. Frankenstein – Der Schrecken mit dem Affengesicht (1965), Frankenstein – Zweikampf der Giganten (1966), Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer (1966), Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn (1967), Frankenstein und die Monster aus dem All (1968), Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster (1971) oder Frankensteins Höllenbrut (1972).
Interessant, dass in Deutschland Godzilla einfach mal mit Frankenstein übersetzt wurde. Das Schema der Filme war immer gleich. Die Menschheit wurde von einem übernatürlichen oder außerirdischen Wesen bedroht und ist verzweifelt. Und dann taucht Godzilla (manches Mal mit Godzillas Baby) aus den Fluten des Ozeans auf und macht die Bösen platt. Die Menschen ballern ihr Waffenarsenal auf die Monster und Godzilla ab, was natürlich vergeblich ist. Godzilla macht klar Schiff, zerlegt in der Regel Tokyo und versinkt dann wieder im Meer. Ein alter Japaner sagt noch einen weisen Spruch und Ende bis zur nächsten Fortsetzung. Wie gesagt, ich habe die Godzilla-Filme genossen und war auch vom Revival Mitte der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts sehr angetan. Nach dem Besuch von Godzilla II: King of the Monsters kaufte ich mir auf Blu-ray eine Sammlung von neueren Godzilla-Filmen. Im Archiv hatte ich noch eine Sammlung von DVD der alten Filme gefunden.

Und dann kam Roland Emmerich
Als ich 1998 hörte, dass sich der deutsche Bombast-Regisseur Roland Emmerich des Godzilla-Themas annahm, wurde ich neugierig. Ich war gespannt, wie der Schwabe mit Hollywood-Geldern sich des japanischen Mythos in Godzilla annehmen würde. Heraus kam nicht Godzilla, sondern eine Echse, die sich durch Manhattan bewegte und ihre Eier im Madison Square Garden ablegte. Das Ende war natürlich offen für eine Fortsetzung, die aber gottlob nie eintrat. Der Film lief international erfolgreich in den Kinos. Er spielte weltweit über 370 Millionen Dollar ein. Dem standen Produktionskosten von ca. 125 Millionen Dollar gegenüber. Und dennoch mochte ich den Film nicht. Es lag wahrscheinlich daran, dass es der erste Godzilla-Film war, der außerhalb Japans produziert wurde und nicht die japanische Seele traf. Godzilla heißt im Film Godzilla übrigens nicht Godzilla, sondern wird nur GINO genannt.
Wer Lust hat, sollte sich den Film Godzilla: Final Wars anschauen. Dort taucht die Echse von Emmerich unter dem Namen Zilla auf, zerstört Sydney und bekommt von dem richtigen japanischen Godzilla richtig eins auf die Mütze. Balsam für meine Seele. Das wirklich einzig Gute an Emmerichs Version ist der Score von David Arnold, den es in einer limitierten Auflage als Doppel-CD gibt.
Wer die alten Monster-Filme mit den Gummi-Anzügen nicht so mag, dem sei der Streifen Shin Godzilla aus dem Jahr 2016 empfohlen. Es war der erste japanische Godzilla-Film seit 2004 und ein wahrer Hochgenuss für Fans.

Der US-Neuanfang
Regisseurs Gareth Edwards schaffte mit Godzilla aus dem Jahr 2014 eine hervorragende US-Version des Themas. Edwards hatte mit seinem preisgünstigen Spielfilmdebüt „Monsters“ bewiesen, dass er mit wenig Geld viel Atmosphäre schaffen kann. Das Reboot ging vorsichtig mit dem japanischen Original um und Godzilla-Fans auf der ganzen Welt dankten es dem Regisseur. Das Monster blieb aber meist im Dunkel. Die Tricks kamen von den Spezialisten von Weta, die ihr Handwerk verstehen. Teile des Special Effect-Teams von Herr der Ringe schufen unter der Leitung von Jim Rygiel eine hervorragende Arbeit. Und auch das Münchner Unternehmen Scanline durfte seine Arbeit zeigen. Drehbuch, Stimmung, Sound, Effekte – bei diesem Film passte alles zusammen. Godzilla war wieder im Herzen der Fans.


In Abspann von „Kong: Skull Island“ wurde bereits der Nachfolger von Godzilla angedeutet. Endlich ist es mit „Godzilla II: King of the Monsters“ wieder soweit. Die japanischen Monster geben sich ein Stelldichein und es verspricht ganz großes Monsterkino jetzt auf Bluray zu werden.
Übrigens: Der Nachfolger von „Godzilla II: King of the Monsters“ steht auch schon fest. Er heißt Godzilla vs. Kong und ist für den 13. März 2020 geplant.

Merch
Godzilla und Merchandising gehören einfach zusammen. Es gibt in diesem Bereich nichts, was es nicht gibt. Als Godzilla-Fan habe ich selbstverständlich die einschlägige Literatur und die Scores zu den Filmen. Ich habe das Art of-Buch The Art of Godzilla: King of the Monsterszum neuen Godzilla gekauft. Wirklich eindrucksvoll. Wer sich für Sketches und Zeichnungen interessiert, findet hier eine wahre Fundgrube an Information.


Aber es gibt mehr: Godzilla Suits, Lutscher, Action-Figuren. Ich habe sogar eine limitierte Steiff-Ausgabe, die nur in Japan erschienen ist. Der schwäbische Kuscheltierhersteller hatte 2014 eine Sonderedition des Filmmonsters auf den Markt gebracht in einer Auflage von 1954 Exemplaren. Warum 1954 Exemplare? Ganz einfach: Der berühmte Monsterfilm startete am 3. November 1954 in den Kinos und zog seinen Siegeszug über die Welt an.
Ans Herz gewachsen ist mir allerdings eine Spardose im Godzilla-Design. Die rechteckige Büchse zeigt eine Wasserszene. Ein aufgewühltes Meer, ein Schiff und eine Art Gebirge oder Insel. Wird nun eine Geldmünze auf das Wasser gelegt und ein wenig angedrückt, kommt Godzilla zum Vorschein. Das Meer teilt sich und der Deckel hebt sich an. Godzilla schaut mit bösen Augen hervor und eine Pranke des Monsters zieht die Münze zu sich in die Tiefe. Dazu gibt es unterschiedliche Sounds, wie das Brüllen von Godzilla oder sogar Auszüge aus dem Score von Akira Ifukube von 1954.

Filmkritik: Joker von Todd Phillips

16. November 2019

Endlich hab ich es geschafft, mir den Joker im Kino anzuschauen und ich frag mich, warum ich das nicht früher gemacht habe. Ich hatte Befürchtungen, dass es eine Comicverfilmung im Sinne der schrecklichen Marvel- oder DC-Filme wird. Nix da: Joker ist großes Schauspielkino und ist absolut lohnenswert. Es hat mit Superhelden nix zu tun.
Natürlich bewegen wir uns in der Tradition der Comicwelt, aber es wird eben nur wenig auf Superhelden Bezug genommen. Im Grunde ist es nur eine Szene, in der die Eltern von Bruce Wayne erschossen wird – die Geburtsstunde von Batman wie Comicfans wissen. Aber wer das Batman-Universum nicht kennt, hat absolut keine Probleme sich den Joker anzusehen. Der Film hat sich zum Kassenschlager entwickelt. Dies liegt an der Regie von (Pokerspieler) Todd Phillips und der schauspielerischen Leistung von Joaquin Phoenix. Und so bekam dieser Film den Goldenen Löwen in Venedig und geriet so in mein Interesse.

Eskalation auf der Leinwand
Ein Joker steckt in jedem von uns. Jeder hat mit Rückschlägen und Niederlagen zu kämpfen. Doch in dem Solofilm Joker verliert der Hauptdarsteller komplett den Halt. Und der Film zeigt das Abgleiten des Jokers in den Wahnsinn. Es ist verstörend, richtig unangenehm, als Zuschauer diesen Verfall zu beobachten. Die Hänseleien, der Spott, die Kälte der Gesellschaft schnürt mir als Zuschauer die Luft ab. Und so eskaliert die blutige Schau auf der Leinwand. Zunächst fühlte ich mich an Falling Down erinnert, aber Joker befreit sich schnell aus diesem Vorbild und geht konsequent seinen eigenen Weg.

Der Verfall des Jokers
Joker, der eigentlich Arthur Fleck heißt, leidet unter eine Lachstörung in der fiktiven Stadt Gotham City des Jahres 1981. Das Setdesign ist runtergekommen und spiegelt den Verfall des Charakters. Der Müll wird nicht abgeholt, die Ratten kommen hervor. Arthur Fleck will nichts Schlechtes, kümmert sich um seine Mutter, geht einen Beruf als Clown nach, doch er scheitert an den Umständen. Er wird geschlagen, er wird hereingelegt, er wird gedemütigt, er wird von seiner eigenen Mutter betrogen. Er versucht soziale Nähe, wird aber zurückgewiesen und flüchtet sich in Traumwelten. Die geistige Situation von Arthur Fleck verschlimmert sich. Und als er erfährt, dass er als Kind missbraucht wird, ist die Grenze überschritten. Sein Auftritt als Standup-Comedian misslingt, aber er wird gefilmt und in YouTube veröffentlicht. Das Netz macht sich lustig über ihn. Er tötet, schminkt sich zur Comicfigur Joker für einen Auftritt in einer Talkshow im klassischen Fernsehen, wo er wieder das Gespött der Leute sein soll. Er plante seinen Selbstmord, erfährt in der Show nur Schadenfreude pur. Der Joker wehrt sich, bricht aus, wendet sich gegen seine Peiniger und ruft zum Terror mit einer solidarischen Maskenbewegung auf. In der letzten Szene mordet der Joker in einer psychiatrischen Anstalt – oder ist es nur Einbildung?

Großartig Joaquin Phoenix als Joker
Ich war begeistert über das schauspielerische Talent von Joaquin Phoenix. Vor allem das unterschiedliche, gesteigerte Lachen ist sehr gut inszeniert. Es ist kein Lachen der Freude und zeigt dem Zuschauer die Leere von Fleck. Bisher war Heath Ledger für mich der beste Joker, doch Joaquin Phoenix kommt der Interpretation sehr nahe und gibt ihm aber mehr Raum, weil er eine Figur zeigen kann, die sich entwickelt. Heath Ledger in der Batman-Verfilmung The Dark Knight war das geniale Endprodukt dieser Entwicklung zum Schurken Joker.

Der Score zu Joker
Schwer tat ich mich mit dem Score. Die Filmmusik wurde von Hildur Guðnadóttir komponiert. Der Soundtrack, der insgesamt 17 Musikstücke mit 37 Minuten umfasst, bietet für mich keine größere Tiefe und ist eine Enttäuschung.

Begegnung mit dem großen Georg Stefan Troller – ein Erlebnis

14. November 2019
Vielen Dank Georg Stefan Troller

Vielen Dank Georg Stefan Troller

Ab und zu treffe ich Menschen, die mich absolut flashen. Sie beeindrucken mich von ihrer Persönlichkeit oder ihrer schöpferischen Kraft. Und so war es auch dieses Mal als ich auf Georg Stefan Troller traf. Troller ist einer der Männer, die mich bewogen, den Beruf des Journalisten zu ergreifen. Jahrelang wollte ich den großen Erzähler Georg Stefan Troller kennenlernen und jetzt ergab sich die Möglichkeit.
Auf Vermittlung von meiner Twitter-Kollegin Catharina Wilhelm besuchte ich eine Lesung des 97jährigen Trollers im jüdischen Gemeindezentrum in München. Er stellte sein neues Buch Liebe, Lust und Abenteuer: 97 Begegnungen meines Lebens vor. 97 Begegnungen weil 97 Jahre. Ich nutzte die Gelegenheit und sprach einfach mein journalistisches Vorbild an. Ein Interview war nicht möglich.

Georg Stefan Troller ist ein Journalist der alten Schule. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war ein hervorragender Fernsehjournalist, Dokumentarfilmer und ein Vorläufer eines Talkmoderators. Er erzählte perfekte Geschichten. Der Österreicher Troller ist Jude und entkam nur knapp den Nationalsozialisten, emigrierte in die USA und berichtete nach dem Krieg aus Paris. 1962 begann er Sendungen seines Pariser Journals. Er porträtierte damalige Prominente in seinen Sendungen. Ich habe noch eine Erstausgabe des Pariser Journals und ließ es mir von Troller signieren. Mir wurde das Buch von Walther von La Roche, dem großen Mann der Ausbildungsredaktion des BR, empfohlen und ich habe das Buch verschlungen. Es sind auf der einen Seite Interviews zu lesen, aber es ist vor allem zu lesen, wie Troller seine Interviews vorbereitete, wie er sie führte und wie er arbeitete.

Jedes Jahr bringt Troller Bücher auf den Markt. Sein neuestes Buch ist Liebe, Lust und Abenteuer: 97 Begegnungen meines Lebens. Entstanden ist eine Mischung aus intimen Interviews, Aphorismen, Anekdoten, Bonmots, Fotografien und Geschichten, die in vielfältiger Form das Kernthema der menschlichen Existenz umkreisen: den Eros, unsere Trieb- und Antriebskraft. Die Liebe in ihrer körperlichen und geistigen Gestalt, der Sprung vom petite mort zu dessen großem Bruder, die latente Gefahr des Lebens und der Liebe selbst: Dies ist der Stoff des ewig alten aber ständig neuen Abenteuers mit seinen 97 Jahren, unwiderstehlich dargeboten von prominenten Protagonisten.
Ich habe mir auf der Veranstaltung neben dem Pariser Journal noch ein anders Buch signieren lassen. Es war Paris geheim – hier beschreibt Troller interessante Orte in Paris abseits der Touristenströme. Im Grunde ist der Pionier Troller ein moderner Reiseblogger. Gerne hätte ich mit ihm ein Interview zum Thema Blogs gemacht, doch leider hat der Verlag das Interview abgelehnt. Schade, denn ich hätte gerne eine Einschätzung von ihm gehabt. Vielen Dank an Ellen Presser vom Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde, die sich redlich bemüht hatte.
Interessant war seine Meinung über die Vergänglichkeit von Büchern. Der Buchautor, der daran zweifelt, ob Buch als Darstellungsform eine Zukunft hat. Damit haben viele Besucher der Lesung sicherlich nicht gerechnet. Schließlich ist das Schlitzohr Georg Stefan Troller ja auch langjähriger Dokumentarfilmer.

Ich habe viele seiner Werke und seiner Interviews in YouTube gefunden und sie wenden sich an eine ganz andere Generation. Es gibt ein tolles Interview mit ihm, dass ich jedem empfehlen möchte.

Troller ist ein genialer Storyteller. Ich hänge an den Lippen bei seinen Erzählungen. Und auch wenn diese Erzählungen schockierend sind. Er berichtete von der Befreiung des KZ Dachau als US-amerikanischer GI und von den Verhören der Bevölkerung.

Er erzählt noch der Nachkriegszeit und von seiner Anfangszeit als Journalist. Er machte seine ersten journalistischen Schritte in München. Berichtete von dem Vorwurf: „Ihr Juden seid am Krieg Schuld“ und wie er die Frauenkirche gerettet hat.

Steiff 355448 King Kong ist da

13. November 2019
King Kong von Steiff ist eingetroffen.

King Kong von Steiff ist eingetroffen.

Was hat Edgar Wallace mit King Kong zu tun? Der berühmte Autor schuf nicht nur britische Krimis wie der Schwarze Abt, der grüne Bogenschütze und allerlei Kriminalliteratur, sondern er hatte die Grundidee zu King Kong. Als Filmfan mag in den Affen im Film: Natürlich angefangen mit King Kong und die weiße Frau von 1933, dann King Kong von 1976, später King Kong von Peter Jackson und zuletzt Kong: Skull Island. Und ich mag die japanischen Godzilla-Filme und es kommt ja 2020 auf das Zusammentreffen von Kong und Godzilla.
Von Godzilla hab ich eine seltene Steiff-Figur, die 1954 mal erschienen ist. 1954 war das Erscheinungsjahr des ersten Godzilla-Films. Jetzt erschien eine Sonderausgabe von King Kong bei Steiff und ich musste als Fan von Kong natürlich auch zuschlagen.

Der Steiff 355448 King Kong ist 42 Zentimeter groß. Die Figur besteht aus feinstem Mohair und hat Kunststoffaugen. Gefüllt ist der Affe mit synthetischem Füllmaterial. King Kong ist ein Sammlerobjekt mit Kunstlederapplikationen. Ein Gliederdraht unterstützt die machtvolle Haltung. In Grau und Rot sind Akzente mit Airbrushtechnik gesetzt. Mit vergoldetem „Knopf im Ohr“. Produziert ist der Affe durch Steiff in einer limitierten Auflage von 750 Stück. Während bei Godzilla sich die Auflage am Entstehungsjahr des Godzilla-Films orientierte, ist der King Kong meines Erachtens willkürlich auf 750 Exemplare gewählt. Ich sehe keinen Grund für die Zahl außer der künstlichen Verknappung, um den Sammlerpreis nach oben zu treiben. Im Moment liegt der Affe beim Verkaufspreis von rund 400 Euro, wird aber sicherlich bei Sammlern in den nächsten Jahren steigen.

Filmkritik: Midway – für die Freiheit von Roland Emmerich

8. November 2019
Midway lautet der Titel des neuen Emmerich-Films.

Midway lautet der Titel des neuen Emmerich-Films.

Ich mag viele Filme des Schwaben Roland Emmerich, nicht alle, aber viele. Sie sind perfekte Popcorn-Unterhaltung mit Pathos und einer Fülle von Vfx. Und so verhält es sich auch mit seinen neuem Film mit einem sehr amerikanischen Thema: Midway – für die Freiheit
Was für die US-Amerikaner der Wendepunkt des Krieges im Pazifikraum darstellte, ist bei uns in Deutschland nicht so bekannt. Daher nimmt uns der Geschichtenerzähler Emmerich gleich an die Hand und zeigt uns, wie der Krieg zwischen Japan und den USA mit dem Überfall auf Pearl Harbor begann. Nach dem Vergeltungsangriff Doolittle Raid am 18. April 1942, den Angriff der Amerikaner auf Tokyo, nahm der Krieg seinen Lauf.
Midway war die direkte Folge und zeigt eine gewaltige Seeschlacht, die vor allem mit Flugzeugen ausgetragen wurden. Vier japanische Träger wurden versenkt und die Vormachtstellung der kaiserlichen Flotte auf dem Meer war gebrochen. Natürlich erzählt der Wahlamerikaner Emmerich die Schlacht aus amerikanischer Perspektive mit allerhand Pathos, aber er stellt die kaiserliche japanische Marine auf See als gleichwertig dar. Die Truppe ist diszipliniert und ihrem Tennō ergeben, während die US-Streitkräfte ein Testosteron-Männerbund mit Machogehabe sind. Ein interessanter Konflikt, der auch optisch hervorragend von Kameramann Robby Baumgartner eingefangen wird.
Partei ergreift Emmerich nur, als es an Vergeltungsschläge gegen die chinesische Bevölkerung durch japanische Flugzeuge geht, nachdem die Chinesen abgestürzten US-Bomberpiloten Unterschlupf gewähren. Hier wird die chinesische Bevölkerung sinnlos massakriert. Nachdem chinesische Firmen den Film mitfinanziert haben, weiß ich nicht, ob sich Emmerich hier seinen asiatischen Finanziers beugen musste. Für mich bricht die Szenen aus dem Film heraus.


Eine große Rolle spielen bei Roland Emmerich die Spezialeffekte und bei Midway lässt sich er sich nicht lumpen. Kollege Computer zeigt, was geht und nimmt uns mit in den Kampf am Himmel: Packend und eindrucksvoll, was CGI aus dem Rechner in das Cockpit zaubert. Emmerich brachte einst das Eis nach New York, sprengte das Weiße Haus, ließ Godzilla durch Manhattan trampeln, ließ die Flut steigen und jetzt sind wir mitten im Zweiten Weltkrieg, wenn die Jagdflugzeuge und Bomber am Himmel kreisen, auf die Träger niedergehen und das Abwehrfeuer in die Luft ballert. Die Flak schießt Sperrfeuer und ich rutsche tiefer in den Kinosessel bei meiner Pressevorführung. Ich möchte den Film mal mit einem Kampfpiloten der deutschen Marine ansehen, den ich kenne: Bin gespannt, was er dazu sagt.
Bei den Charakterzeichnungen war Emmerich Standard. Es gibt nicht die herausragende schauspielerische Leistung aus meiner Sicht – das Team funktionierte gut. Der Score von Harald Kloser und Thomas Wanker tut sich schwer. Ich habe immer den fabelhaften Score von John Williams von der Verfilmung von 1976 im Ohr. Kloser/Wanker sind in Ordnung, haben aber gegen den Meister Williams keine Chance.

John Ford ist mit dabei
Richtig lachen musste ich bei Midway als es an die Szenen mit John Ford ging. Ich bin Emmerich dankbar dafür, dass er die Geschichte des US-Meisterregisseurs erzählt. Der echte Ford war mit seiner Filmcrew im Auftrag des US-Militärs auf den Midway-Insel als der japanische Angriff losbrach. John Ford wurde verwundert, ließ aber Material vom Angriff drehen und stellte 1942 einen Dokumentarfilm her. Als Sprecher in diesem Film war Henry Fonda zu hören. Fonda wiederum spielt die Rolle des US-Admirals Chester W. Nimitz in der Verfilmung von 1976.
Die Sequenz mit Ford bringt die Story in Midway nicht weiter voran, aber ich finde es großartig, dass Emmerich hier einen Einschub für uns Filmfreunde macht, denn der normale Kinobesucher wird mit John Ford nichts mehr anfangen können. Danke Roland Emmerich. Hier der Film von John Ford.

Buchtipp Roland Emmerich

Und damit komme ich auch zu einem Buchtipp. Es gibt ein sehr flottgeschriebenes Buch über Roland Emmerich von meinem großen Kollegen Jo Müller. Müller ist Redakteur beim SWF und ich traf ihn vor Jahren bei einer Disney-Pressereise nach Paris. Er traf Emmerich immer wieder und freundete sich mit dem Regisseur an.

Es entstand Roland Emmerich: Die offizielle Biografie, die anders ist, als die klassischen Biografien. Es handelt sich um Interviews, Hintergrundgespräche, Eindrücke von den Dreharbeiten und bringt dem Leser die Person Roland Emmerich aus unterschiedlichen Perspektiven näher, da die Gespräche sich über mehrere Jahre verteilten. Und ich muss sagen, ich habe Emmerich einmal getroffen, als er 1984 seinen HFF-Abschlussfilm Das Arche Noah Prinzip in der BR-Sendung Live aus dem Alabama vorstellte. Ich saß als Schüler im Publikum und war begeistert von Emmerich, der aus dem verkopften Hochschule für Fernsehen und Film endlich Unterhaltung machte. Seitdem hat Emmerich bei mir einen Stein im Brett. Ich hab es selbst nie zur HFF als Student geschafft, durfte aber verschiedene Gastvorlesungen halten.
Zurück zu Jo Müller und seinem Buch. Emmerich dreht Unterhaltungsfilme und ist stolz darauf. Kein Kluge, kein Wenders, kein Herzog – Emmerich ging seinen eigenen Weg und der war nicht der Neue deutsche Film. Er diesem Weg kennenlernen will, sollte die Biografie lesen.

Buchtipp: The Art of Star Wars VII – das Erwachen der Macht

6. November 2019
Star Wars VII als die Welt noch in Ordnung war.

Star Wars VII als die Welt noch in Ordnung war.

In wenigen Wochen kommt Star Wars IX in die Kinos und ich hoffe, ich bete, ich flehe, dass es ein guter Film werden wird. Je mehr ich über den achten Teil nachdenke, desto mehr Wut steig in mir auf. Nun, warten wir es ab und bis the Rise of Skywalker im Dezember in die Kinos kommt, schau ich mir das Art of-Book des siebten Teils an.
Ich habe die deutsche Ausgabe des Panini-Buches The Art of Star Wars: Das Erwachen der Macht aus dem Archiv geholt. Normalerweise habe ich ja immer die englischen Bücher, aber hier habe ich zur deutschen Ausgabe gegriffen. Star Wars VII war für mich ein guter Film, ein Wiedersehen mit Freunden, eine Art Klassentreffen. Und so lese ich auch das Art of Buch. Beim Durchblättern war mir klar, welch großartige Saga es in den nächsten Teilen werden könnte und Disney hat es bisher vergeigt.

Als ich den Band zum ersten Mal durchblätterte, erkannte ich Symbole des Nationalsozialismus. Im Buch wird als Vorlage des Kreativen die Olympischen Spiele im Dritten Reich angegeben. Aber wer sich nur ein wenig auskennt, sieht die wirkliche Vorlage: Der Parteitag der Nazis in Nürnberg, gefilmt von Leni Riefenstahl. Die Bilder wirken eindrucksvoll, aber ich weiß nicht, ob es mir gefällt. Das Imperium im Film ist böse, aber ein Vergleich zu den Nationalsozialisten ist dann doch heftig. Dennoch wusste Leni Riefenstahl wie ihre Bilder wirken.
J.J. Abrams sagte neulich in einem Interview, er werde die Ideen von Star Wars VII in Star Wars IX aufnehmen – ggf. meinte er, Star Wars VIII zu überspringen. Egal was es heißt. Für mich bedeutet es, die Konzeptzeichnungen von Star Wars VII genauer anzuschauen. Vielleicht erkenne ich dann im Dezember 2019 beim Kinostart von Skywalker gewisse Parallelen. Im Moment ist es ja nur ein Herumstochern im Nebel.
Ich habe vor Jahren die Zeichnungen von Ralph McQuarrie – Star Wars Art: Ralph McQuarrie erworben und stelle im Vergleich zum vorliegenden Buch fest, welches Genie Ralph McQuarrie wirklich war. Ohne ihn hätte es Lucas und Krieg der Sterne nie gegeben. Bei den neuen Büchern fehlt mir eine gewisse Linie. Die Ideen der Zeichner sind gut, sogar sehr gut, aber die klare Linie vermisse ich, obwohl es einen Supervisor gibt. Regisseur J.J. Abrams gab vor, dass das Design die Story nicht überdecken sollte. Ich finde bei Erwachen der Macht ist dies gelungen, weil es im Grunde ein Familienfest war. Nun Han Solo biss ins Gras, aber die neuen Figuren waren interessant. Teil VIII machte dann alles kaputt.

Konzertkritik: Claudio Simonetti’s Goblin live in Berlin

4. November 2019

Es war eine Reise in meine Vergangenheit. Als Filmfan genoss ich eine Phase des italienischen Horrorfilms der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Regisseure wie Dario Argento oder Lucio Fulci standen bei mir hoch im Kurs. Und weil ich diese schrägen, zumeist blutigen Filme mochte, hörte ich auch die entsprechenden Soundtracks von u.a. Claudio Simonetti und seiner Band Goblin.

Jetzt bekam ich die Gelegenheit, Claudio Simonetti’s Goblin live in Berlin im ehemaligen Kino Lido in Kreuzberg zu hören. Ich war überrascht, wie gut Simonettis Musik funktioniert. Als Fan von Filmscore bewundere ich Meister wie John Williams oder Jerry Goldsmith. Diese schufen große orchestrale Werke. Claudio Simonettis Musik ist anders – es war Bandmusik. Musiker wie der leider verstorbene Keith Emerson von einer meiner Lieblingsbands ELP hämmerten ein paar Soundtracks herunter, darunter auch für italienische Horrorstreifen, aber Claudio Simonetta’s Goblin blieb eine besondere Ausnahme.

Es war ein theatralischer Prog-Rock mit starken Synthesizer-Elementen, mal gefühlvoll, mal hart. Damit wurde die Musik von Streifen wie Rosso – Farbe des Todes (Profondo rosso), Suspiria, Tenebrae (Tenebre), Phenomena oder Terror in der Oper (Opera) von Dario Argento untermalt. Mein Gott, was waren dies für brutale stilvolle Filme – eine Mischung zwischen Gothic Horror und verrückten Hexenmärchen. Ich habe noch einige der Filme auf VHS, DVD, Bluray und sogar seltene Laserdisc im Archiv. Besonders mag ich die Regiearbeit von Dario Argento. Vielleicht ist sein Suspiria sogar mein Lieblingsfilm des italienischen Horrors, weil er in Freiburg dem „Mekka der Parapsychologie“ und München spielt. Der Film macht mir Angst und wirkt vor allem durch die Musik von Goblin hervorragend. Schön ist, dass es auch andersherum funktioniert: Ich höre die Musik von Suspiria und reise geistig ins Horrorkino zurück. Suspiria wurde auch gegen Ende des Konzerts gespielt und das Publikum miteinbezogen – Claudio Simonetta wir danken dir dafür.

Das Konzert der Band fand am Halloween-Abend in Berlin statt. Einige Besucher erschienen verkleidet. Meine Nachbarin brachte eine (Plastik-)Sense in ihrer Handtasche mit. Im Publikum waren allerhand Grufties und Gestalten der Nacht anzutreffen, wobei ich mir nicht sicher war, ob sie sich zu Halloween extra herausgeputzt haben oder ob es ihre Standardbekleidung war.

Auch ein Michael Myers mit weißer Maske war im Publikum. Als Claudio Simonetti ihn entdeckte, brach er vom regulären Konzertprogramm ab und spielte unter dem Jubel der Fans die Titelmelodie von John Carpenter Halloween – damit hatte Simonetti einen klaren Pluspunkt bei seinem Publikum.

Die Band spielte vor einer Leinwand. Per Beamer wurden visuelle Effekte und Filmausschnitte der jeweiligen Horrorstreifen ohne Ton eingespielt. So bekamen wir die italienische Gewaltorgie zu sehen: Das Abtrennen des Kopfes in Profondo rosso, der Verfall und das Verwesen der Körper von Demoni und mehr. Wenn kein Film vorhanden war, dann kamen einfach bunte Effekte wie bei einer neueren Aufnahme wie Roller.

Kurz, nur ganz kurz, besinnlich wurde es, als Dawn of the Dead gezeigt und von der Band gespielt wurde. Goblin hat Argento viel zu verdanken, aber internationale Bekanntheit bekam die Band durch George R. Romero und seiner Zombie-Version. Das wusste auch Claudio Simonetta, der sich ausdrücklich beim verstorbenen Romero auf der Bühne bedankte. Nein, lieber Claudio Simonetta wir haben zu danken für einen außergewöhnlichen Abend, der mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Am Merch-Stand nutzte ich die Möglichkeit, ein paar CDs noch zu erwerben. Ich hatte zudem einige CD-Covers nach Berlin mitgebracht und wollte ein Autogramm. Mir gelang es und fand den Weg in die Garderobe der Band und wechselte ein paar freundliche Worte mit Claudio Simonetta. Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich meine Laserdiscs und Picture-Discs nicht zum Unterschreiben mit nach Berlin genommen habe. Aber ich hoffe auf ein Wiedersehen mit Claudio Simonetta’s Goblin irgendwann. Die Band hat eine kleine Tour in den USA und Japan hinter sich, spielte nur ein einziges Konzert in Deutschland und zieht dann weiter. Aber sie werden sicher wiederkommen und ich werde dann wieder die Musik von Claudio Simonetta’s Goblin genießen. Bis es soweit ist, schaue ich mir Suspira nochmals an.

Serienkritik: Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands

30. September 2019
Die bösen Skekse

Die bösen Skekse

Als Kind war ich von dem Film Der dunkle Kristall regelrecht verzaubert. Es war ein Fantasy Puppenfilm für ein eher erwachsenes Publikum aus der Schmiede von Muppets-Chef Jim Henson und Franz Oz. 1982 flashte mich der Film total, so dass ich mir im Laufe der Jahre die VHS, DVD-, Bluray und nun 4K-Version Der dunkle Kristall diesen beeindruckenden Werkes anschaffte.
Und nun legte Ende August Netflix nach und nahm einen Zehnteiler mit dem Titel Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands ins Streaming-Programm. Dabei handelt es sich um das Prequel des Klassikers. Es gab schon mal einen Versuch einer Fortsetzung, die aber 2012 zu Grabe getragen wurde.
Ich hatte Angst, dass meine Erinnerungen an eine schöne Jugend durch diese neue Serie zerstört werden würde. Aber ich habe mich geirrt. Für mich war Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands bisher die beste Netflix-Serie des Jahres 2019. Nachdem ich von der dritten Staffel von Stranger Things komplett enttäuscht war (Staffel 1 und 2 fand ich großartig), hatte ich gehörig Bammel vor dem Prequel vom Dunklen Kristall.
Die guten Gelflinge

Die guten Gelflinge

Und ich muss sagen, es begann ziemlich zäh, was die Story angeht. Die Bilder von Ära des Widerstands waren eindrucksvoll, aber die Geschichte ging nur schleppend voran. Die neuen Figuren waren nett, aber es herrschte in den ersten zwei, drei Folgen zuviel philosophischer und historischer Ballast. Der dunkle Kristall versucht sich an der Mythologie von Herr der Ringe oder Wüstenplanet ohne deren Tiefe zu erreichen. Ich war schon nahe daran, die Serie enttäuscht abzubrechen, hielt aber durch.
Der Film von 1982 als 4K und der komplette Soundtrack

Der Film von 1982 als 4K und der komplette Soundtrack

Und dieses Durchhalten wurde belohnt. Die Geschichte wurde klarer, die Figuren und deren Charakter wurden deutlicher gezeichnet so dass man als Zuschauer vergaß einen Puppenfilm zu sehen. Es machte einfach Spaß, der Story zu folgen und ich entdeckte die Liebe zu Hup, dem Podling mit dem großen Herzen, der mit seinem Löffel zum Held wird. Ich schaute die Serie zunächst auf Deutsch und dann auf Englisch, um die Stimmen von Sigourney Weaver oder Mark Hamill zu hören.
Die Figuren sind klassisches Puppenspiel, während so mancher Hintergrund der Fantasywelt modernes CGI ist. Aber beides passt ideal zusammen und stört nicht. Es war schön, wieder handgemachte Puppen zu sehen. Zunächst irritierend, weil sie sich anders als CGI-Figuren bewegen, aber hervorragend gemacht mit viel Liebe zum Detail. Kreativer Kopf hinter der Serie ist Louis Leterrier, den ich zu meiner Schande nicht kannte. Der gebürtige Franzose hatte bereits mit Luc Besson zusammengearbeitet und führte Regie bei den Actionfilmen The Transporter und Unleashed, aber auch bei Hollywood-Blockbustern wie Der unglaubliche Hulk und Die Unfassbaren – Now You See Me. Louis Leterrier war treibende Kraft und ich bin ihm dankbar, dass er alle zehn Teile selbst gedreht hat und es keinen Wechsel bei der Regiearbeit gab. Ein Bruch war bei diesem Fantasy-Märchen um guten Gelflinge und die bösen Skekse wurde vermieden.
Und obwohl es sich um eine Puppenserie handelt, ist es keinesfalls eine Serie für Kinder. Besonders die Welt der Skekse ist brutal und rücksichtslos. Intrige um Intrige, Gefangene werden brutal gefoltert und Rücksichtslosigkeit gegenüber Schwächeren kennzeichnen die Skekse – wahrlich kein Vorbild für Kinder.
Kritik hab ich ein wenig an dem Score. Ich habe die seltene Auflage des Gesamtscores von 1982 von Trevor Jones und ich höre den Score sehr gerne. Die Musik für die Serie schrieb dagegen Daniel Pemberton. Zunächst wurde die Musik als Download veröffentlicht und nun kündigte Varese Sarabande die beiden Alben auf CD herauszubringen. Ich werde sie mir bestellen, obwohl ich den Soundtrack weniger wuchtig und einfühlsam halte als die Musik von Trevor Jones. Aber vielleicht muss ich mich noch ein wenig hineinhören, der erste Eindruck war allerdings eher schwach.

Filmtipp: Downton Abbey im Kino

24. September 2019

In diesem Fall bin ich ein hoffnungsloser Romantiker, denn ich liebe Downton Abbey. Im April 2013 habe ich über die Serie auf DVD gebloggt und nun habe ich in meinem Stammkino Scala in Fürstenfeldbruck mir den ersten Kinofilm von Downton Abbey angesehen.

Mein Tipp Downton Abbey im Kino

Mein Tipp Downton Abbey im Kino

Die Leinwand-Adaption der britischen Erfolgsserie Downton Abbey führt die Ereignisse der Serie fort. Das ist das Problem für Neueinsteiger, denn man sollte schon wissen, wer welche Funktion in Downton Abbey hat. Der Kinofilm nimmt sich keine Zeit für das Einführen der Figuren, sondern setzt das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Diener und Herrschaft voraus.
Was passiert also? Mit König Georg V. und Königin Mary muss sich das Anwesen Downton Abbey im Jahre 1927 auf königlichen Besuch vorbereiten. Die Dienerschaft des Hauses rivalisiert gegen die königliche Dienerschaft, es gibt ein Attentat und auch das Thema Homosexualität des Butlers wird verarbeitet.
Als Fan der Serie hatte ich das Problem, dass die 122 Minuten zwar lang sind, aber eben nicht die Länge einer klassischen Staffel heranreichen. Die Geschichte muss gestrafft werden, das Tempo nimmt zu. Die handelnden Personen haben bei 122 Minuten keine große Chance sich zu entwickeln, sondern die Geschichte muss erzählt werden. Da drängt die Zeit und das war mein Problem zu Beginn des Films. Es ging mir zu schnell, es war mir zu hektisch. Da tat es gut, dass John Lunn wieder die Musik zum Film beisteuerte. Bewährt schafft er das bewohnte musikalische Umfeld wie bereits in den sechs Staffeln der Serie.
Es war wie ein Klassentreffen oder eine Familienfeier. Liebe alte Bekannte sehe ich auf der Leinwand und das tat meiner Seele gut. Lord Robert Crawley wunderbar, Mary Talbot entzückend, Charles Carson verantwortungsvoll, Tom Branson republikanisch und einfach göttlich Violet Crawley. Der Film lohnt sich nur allein wegen Violet Crawley und ihren trockenen Sprüchen: Beste Aussage: „Ich streite mich generell nicht, ich erkläre.“

Traumhaft Violet Crawley

Traumhaft Violet Crawley

Downton Abbey zeigt ja schon immer den Umbruch der Zeiten, das hat ja die Serie für mich interessant gemacht. Dazu gehören die Veränderungen in der Medizin, das Frauenwahlrechts, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der Technik und natürlich auch der Niedergang der Gesellschaftsstrukturen. Und das ist im Kinofilm nicht anders, aber besonders drastisch wird es an der an der Person des homosexuellen Butlers Thomas Barrow. Während die Homosexuellen sich vergnügen, findet das steife Dinner mit dem britischen König und seiner Frau statt – zwei Welten treffen aufeinander. Homosexualität war in Großbritannien in dieser Zeit eine Straftat. Das wurde filmisch wunderbar mit Schnittfolgen diskutiert.
Downton Abbey ist aber auch das wunderbare Gebäude das englische Landhaus der Familie Crawley in Yorkshire. Highclere Castle in Hampshire dient als Drehort, um das Anwesen Downton Abbey darzustellen. Am Ende des Films gibt es eine eindrucksvolle Kameraarbeit von Ben Smithard in dem sich die Kamera durch das Treppenhaus von Downton Abbey nach oben dreht.