Archive for the ‘Medien’ Category

Persönlicher Nachruf auf den Asterix-Zeichner Albert Uderzo

25. März 2020
Meine Asterix aus den vergangenen Jahren.

Meine Asterix aus den vergangenen Jahren.

Ohne ihn hätte es die weltberühmten Comic-Helden Asterix und Obelix nicht gegeben: Nun ist Albert Uderzo im hohen Alter von 92 Jahren im Kreis seiner Familie an einem Herzinfarkt verstorben.
Gemeinsam mit dem Geschichtenerzähler René Goscinny erschuf er das Asterix-Universum, welches seit Generationen für Jung und Alt ein weltweiter gallischer Dauerrenner ist. Sein Motto lautete, dass das Arbeiten in der Comic-Branche jung hält.
Ich wurde zu Asterix gezwungen. Ich mochte die Figuren überhaupt nicht. Als ich Schüler war und miserable Englischnoten hatte, kamen meine Eltern auf die Idee, mir die englische Version von Asterix und Kleopatra zu kaufen. Es war eine Qual und die beiden gallischen Helden waren bei mir unten durch.
Englisch besserte sich und bei einem Familienurlaub im Garadasee in Italien gab es einen Zeitschriftenstand mit deutschsprachigen Zeitungen. Als einzige Comics gab es nur Asterix auf Deutsch und aus dieser Not heraus, näherte ich mich Asterix. Im Laufe der Jahre kaufte ich mir mehr und mehr der Hefte, konnte auf Parties lateinische Sprüche zum Angeben aufsagen und „Die spinnen die Römer“ wurde zu meinem Wortschatz. Jetzt ist mit 92 Jahren der Asterix-Zeichner gestorben.
Albert Uderzos langjähriger deutscher Verlag Egmont Ehapa Media GmbH zur traurigen Nachricht: „Die Welt hat einen großen Zeichner verloren. Zugleich bleiben wir reich beschenkt zurück mit den einzigartigen Comic-Geschichten aus Gallien. Durch die Abenteuer von Asterix wird Albert Uderzo uns und den Lesern in bunter, humorvoller Erinnerung bleiben. Wir bedanken uns bei ihm für eine vertrauensvolle und außergewöhnliche verlegerische Partnerschaft über ein halbes Jahrhundert und für all seine pointierten Zeichnungen und Geschichten.“ Einige der Comics hab ich mal aus dem Archiv geholt und stelle sie in diesem Video vor. Mein Lieblings-Asterix ist „Asterix bei den Schweizern“.

Albert Uderzo wurde am 25. April 1927 geboren. Alles deutete darauf hin, dass er mit seinen Händen Großes vorhatte: Albert Uderzo kam mit sechs Fingern an jeder Hand zur Welt. Seine Eltern beschlossen jedoch diese beiden überzähligen Finger entfernen zu lassen. Als Sechsjähriger Knirps lieferte er schon die ersten, beinahe druckreifen Zeichnungen zu Hause ab. Da erst bemerkte man, dass der Junge farbenblind war. Auch dieses Hindernis konnte ihn nicht stoppen. Mit 14 Jahren engagierte ihn ein Pariser Verlag. Mit 18 zeichnete er bereits seine eigenen Comic-Strips. Das Zeichentalent scheint ihm wirklich in die Wiege gelegt worden zu sein, denn er besuchte zu keiner Zeit eine Kunstakademie. Seinen unverwechselbaren Strich bringt er sich selbst bei und verbessert sich durch permanentes Üben. 1951 schlägt seine große Stunde. Er begegnet Jean Michel Charlier und insbesondere René Goscinny. Mit Charlier
entstehen die Abenteuer der beiden tollkühnen Piloten „Tanguy und Laverdure“. Zusammen mit René Goscinny entwickelt er zunächst „Umpah-Pah“. Zwischen den beiden Künstlern bahnt sich eine lebenslange, sehr innige Freundschaft an. Seinen großen Durchbruch feierte er 1961, als die gallischen Abenteuer in Frankreich schon in Form von kompletten Comic-Geschichten in 48-seitigen Alben erscheinen. Der Asterix-Funke zündet und nur wenige Jahre später und begeistert in ganz Europa.
Seinen größten Verlust erlebte er 1977: Nach dem plötzlichen Tod seines besten Freundes René Goscinny wollte das Zeichnergenie mit Asterix Schluss machen. Aber seine Fans überzeugten ihn weiterzumachen und so soll es auch jetzt sein: Auch wenn er diese Welt verlassen hat, durch Asterix wird der großartige Künstler in den Herzen der Leser für immer weiterleben.

Nachträglich alles Gute zum 30. Geburtstag lieber Photoshop

20. März 2020
So sah eine Photoshop-Box früher mal aus (r.).

So sah eine Photoshop-Box früher mal aus (r.).

Ja, ich weiß, der Geburtstag von Adobe Photoshop ist schon ein paar Tage her, aber auf einen Tag hin oder her kommt es bei 30 Jahre nicht an.
Also, der Photoshop als Industriestandard-Programm der Bildbearbeitung feierte seinen 30. Geburtstag – und ich musste feststellen. Photoshop feierte dieses Mal ohne mich, aber ich will trotzdem herzlich nachträglich gratulieren. Ich war Nutzer seit Version 3.05 Nutzer dieser ausgezeichneten Software, habe aber in jüngster Zeit auf den Einsatz verzichtet. In Zeiten von Corona heißt es zudem Kosten reduzieren und daher verzichte ich als Selbstständiger im Moment auf das Creative-Cloud-Abo und hab mir für meine Arbeiten Affinity Photo geholt, sowohl am Mac als auch am iPad – und bin zufrieden.
Aber dennoch: Der Photoshop ist für mich ein magischer Zauberkasten, der von Mal zu Mal leistungsstärker wird – und damit aber auch Features bekommt, die ich gar nicht brauche. Aber das ist nicht das Problem von Photoshop allein, es ist eine Eigenschaft von Software, die über Jahre gewachsen ist.
Der Photoshop war die Grundlage für alles weitere. Ich nutze den Photoshop, dann kam Adobe Pagemaker und InDesign (wobei ich noch immer ein treuer XPress-Anhänger bin und mich aber auch in Affinity Designer einarbeite). Durch Photoshop arbeitete ich eine zeitlang auch mit den Videotools von Adobe wie Premiere und Co. Aber im Anfang stand der Photoshop. Bei mir war es die Version 3.05 und die Helden meiner Zeit waren Doc Baumann und seine Kreativfreunde wie Scott Kelby. Ich traf sie auf Messen und hatte auch als Chefredakteur der MACup, der einstmals ältesten Mac-Zeitschrift Europas, viel mit dem Doc zu tun.

Photoshop-Guru der alten Zeit: Doc Baumann war immer für einen Spaß zu haben.

Photoshop-Guru der alten Zeit: Doc Baumann war immer für einen Spaß zu haben.

Früher hieß Photoshop eine Installationsorgie mit Disketten, dann kamen die optischen Datenträger. CS 6 war meines Wissens die letzte Version auf DVD, dann kam nur noch Download. Catalina sperrt die alten Photoshop-Versionen unter 64 Bit aus und damit heißt es: Creative Cloud oder Umsteigen auf andere Systeme. Seit kurzem gibt es den Photoshop auch auf dem iPad und Kollegen, die ihn einsetzen, schwärmen von der Geschwindigkeit. Ich denke, Kreativsoftware auf dem mobilen Gerät anzubieten, ist der richtige Weg.


Die Abo-Politik von Adobe hat gewaltige Vorteile. Die illegalen Versionen verschwinden vom Markt. Als Pro-User erhalte ich immer die neueste Version. Aber es gab auch gewaltige Kritik. In der alten Zeit, also in der Zeit vor Corona, habe ich viele Seminare für Schülerzeitungsredaktionen gehalten. Viele von ihnen scheuen aus Kostengründen das Upgrade auf die Abo-Version von CC und nutzen noch uralte CS4-Versionen. Die Redaktionen sagen mir, dass ihnen das Upgrade auf die Cloud schlichtweg zu teuer ist. Die Affinity-Suite zieht daher massiv in die Nachwuchsbranche ein.
Aber auch die Pro-Kreativen haben geklagt, dass mancher Verlag nicht nachzieht und die externen Kreativen mit neuen Versionen arbeiten, ihre Auftraggeber in den Verlagen oftmals mit alten Versionen. So ist der Dateientransfer oftmals ein Problem.
Ich habe mit Clemens Strimmer von digitalog ein spannendes Interview zum Thema Photoshop geführt und will euch daran teilhaben lassen. Auf jeden Fall nachträglich alles Gute zum Geburtstag lieber Photoshop.

Corona: Investition in Apple muss warten

19. März 2020
Faszinierend: Das neue iPad Pro, aber im Moment nichts für mich.

Faszinierend: Das neue iPad Pro, aber im Moment nichts für mich.

Als Apple Fan-Boy der ersten Stunde hab ich mich über das neue Apple iPad Pro 12 Zoll sehr gefreut. Gestern ging Apple damit an die Öffentlichkeit. Die technischen Daten sehen hervorragend aus und ab 25. März ist das Tablet lieferbar. Und dennoch: Ich werde mir das Hammerteil vorerst nicht kaufen.
Corona ist Schuld. Das Virus hat meine Geschäftsgrundlage als Selbstständiger zerstört. Als Vortragsreisender und mobiler Nomade war ich täglich an Schulen und Bildungseinrichtungen mit Vorträgen zur Medienkompetenz unterwegs. Mein bisheriges iPad Pro ist immer im Einsatz und ist ein zuverlässiges Gerät an meiner Seite. Durch die tägliche und intensive Nutzung macht der Akku allerdings schnell schlapp.

Meine Aufträge als Referent sind komplett weggebrochen.

Meine Aufträge als Referent sind komplett weggebrochen.

Durch Corona sind diese Vortragsaufträge komplett weggebrochen. Alle Aufträge wurden von den Kunden storniert, manche komplett gestrichen, manche auf eine Zeit nach der Krise verschoben. Das ist absolut verständlich, hilft mir im Moment aber nicht weiter. Es gilt die einfache Regel: Wenn kein Geld reinkommt, dann geht auch kein Geld raus und ich investiere nicht. So einfach ist das. Eine Investition in Apple muss warten.
Wie viele Kollegen überprüfe ich gerade mein Geschäft und widme mich neuen Ideen. Die Krise als Chance steht im Moment auf der Agenda.

Aber kommen wir zurück zum iPad Pro und schauen wir uns die Sache näher an. Schnellerer Prozessor für Machine Learning zeigt, wohin der Weg geht. Zudem hat Apple ein neues Kamerasystem eingeführt. Zusätzlich zu normalen Kameras gibt es noch einen LiDAR-Scanner zur Tiefenerfassung. Das ist für das Zukunftsthema AR absolut wichtig. Denn AR-basierten Apps erhalten damit die nun exakte Informationen zur Distanz der Objekte. Das mag heute noch nicht jedem bewusst sein, aber ich denke, dass AR die Welt der Kommunikation verändern wird. Das hätte ich gerne in meinen Seminaren gezeigt, aber das muss eben jetzt warten.
Was mich auch brennend interessiert, wie sich die neuen Mikrofone im iPad machen. Apple spricht von Studioqualität. Das ist beim Thema Podcasting entscheidend, denn ich möchte künftig auch Podcasts anbieten. Da muss der Ton passen und die USB-C-Schnittstelle vom bisherigen iPad ist keine große Erleichterung in Sachen Audio.
Ach ja, und wenn jemand einen Auftrag für mich hat, dann bitte ich als redaktion42 doch um einen Hinweis.

Streaming verschärft persönliches Medienbudget

18. März 2020
Wie wird Kino im Streamingzeitalter überleben? Wie wird Kino im Streamingzeitalter überleben?

Der Kampf um das persönliche Medienbudget jedes Einzelnen nimmt weiter zu, wenn der Streamingdienst Disney+ am 24. März mit voller Wucht online geht. Rund 60 Euro kostet der Dienst im reduzierten Jahresabo. Mit dabei sind Filme von Marvel, Pixar, Disney, National Geographic und die Star Wars-Familie – allen voran Star Wars: The Mandalorian.
Damit wird es immer enger auf einem stark umkämpften Markt auf dem sich unter anderen Netflix, Amazon Prime Video, Apple TV+ und viele, viele andere tummeln. Und dann gibt es noch das klassische lineare Fernsehen mit einem zum Teil sehr starken Mediatheken-Angebot und dann wäre noch das Kino. Die Lichtspielhäuser haben im Hinblick auf Corona gerade ein Content-Problem. Zwar sind die Lichtspielhäuser aufgrund staatlicher Beschlüsse im Moment sowieso geschlossen, aber mit publikumsstarken Filmen sieht es eher mau aus. Der neue James Bond Stirb an einem anderen Tag No Time to die  wurde auf einen anderen Tag verschoben. Das war aber nur der Anfang: Disney verschob kurzerhand Mulan und kleinere Produktionen wie beispielsweise Berlin Alexanderplatz folgten.

James Bond verschoben. James Bond verschoben.

Wenn in Zeiten von Corona Zwangspausen zu Hause verordnet sind, wird Streaming steigen, der Markt wird sich kanibalisieren und neu verteilen. Es stehen weitere Streamingsidenste wie von Warner Bros./HBO mit HBO Max und NBC/Universal mit Peacock in den Startlöchern. Ich frage mich als Kinofan: Wo bleibt in diesem Verteilungskampf das Kino?

Mulan auch noch verschoben. Mulan auch noch verschoben.

Gilt der alte Riepl noch?
Ich denke, das Rieplsche Gesetz könnte noch immer greifen. Das so genannte Rieplsche Gesetz der Medien besagt, dass kein gesellschaftlich etabliertes Instrument des Informations- und Gedankenaustauschs von anderen Instrumenten, die im Laufe der Zeit hinzutreten, vollkommen ersetzt oder verdrängt wird. Auf gut Deutsch: Das Theater wurde nicht vernichtet durch das Kino. Das Kino wurde nicht vernichtet durch das Fernsehen. Das Fernsehen wurde nicht vernichtet durch Streaming. Allerdings sind die Märkte deutlich kleiner geworden. Und ich frage mich, ob das Rieplsche Gesetz in der digitalen Welt noch so gilt?
Wolfgang Riepl war einst Chefredakteur der Nürnberger Zeitung und formulierte 1913 seine Ideen. Das war vor dem Ersten Weltkrieg. Hat sich diese analoge Zeit nicht durch die digitale Zeit geändert?
Ich könnte mir vorstellen, dass Disney sein Streamingportal nutzt, um gegen höhere Gebühren Filmpremieren durchzuziehen und vom Kino als Vertriebskanal wegzulocken. Zudem hat Disney bereits verkündet, dass man Marvel-Streaming und Marvel-Kinofilme miteinander verbinden wird. Wer also das schwer durchschaubare Marvel Cinematic Universe MCU verstehen will, muss ins Kino gehen und Streaming schauen.

Wie wird das Kino der Zukunft? Wie wird das Kino der Zukunft?

Universal hat angekündigt, Neuveröffentlichungen online zur Verfügung zu stellen und dafür die gängigen Plattformen zu nutzen. Ein weiterer Sargnagel für das klassische Kino. Kino muss sich verändern und darf nicht nur ein klassisches Abspielen von neuen Filmen sein. Kino als Gemeinschaftserlebnis mag ich zum Teil: Ich hasse es, wenn Menschen mit Popcorn mir die Atmosphäre beim Film zerstören oder wenn Menschen während des Films quatschen. Ich war neulich zu ersten Mal im Arri Astor und hab einen Traum von einem Filmpalast erlebt (und viel Geld dafür bezahlt). Aber was will ich eigentlich für ein Kino der Zukunft?

Ich selbst bin flexibel und bin auch ein Freund von Datenträgern, auch wenn meine Familie mit meiner Sammelleidenschaft die Krise bekommt. Ich hatte Super 8, später Video2000 und VHS (inzwischen alles verkauft oder entsorgt), dann DVD, Blu ray und 4K-Videos. Im Moment habe ich meine Laserdisc-Sammlung wieder entstaubt und genieße den Retro-Flair vergangener Zeiten. Ich schaue Streaming und ich gehe gerne ins Kino. Aber mein Zeit- und Finanzbudget für Medien ist auch nicht erweiterbar. Und Bücher will ich auch noch lesen, in Konzerte gehen und Musik hören. Vielleicht wird einfach alles zuviel.

Buchtipp SO36 1978 bis heute von Sub Opus 36 e. V.

17. März 2020

Als ich 1987 als Schüler aus Bayern meine Klassenfahrt nach Berlin machte, ging ich an unserem freien Abend als Filmfreund ins Filmmuseum. Schulfreunde gingen zum Feiern ins SO36 nach Kreuzberg. Ich traute mich als schüchterner Jugendlicher nicht und zog mich lieber ins dunkle Kino zurück. Schade, hätte ich damals den Mut gehabt, hätte ich etwas von der Alternativkultur Berlins aufsaugen können. Aber ich war damals einfach zu feige.
Das SO36 in der Oranienstraße 190 in Kreuzberg war und ist ein Ort des Punks und der Alternativkultur. Wie wichtig dieser Ort für die Musik und die Szene war, hatte ich als Schüler absolut nicht umrissen. Aber nachdem ich mir den eindrucksvollen und liebevollgemachten Fotoband SO36: 1978 bis heute gekauft habe, weiß ich, was ich versäumt habe. Immer wieder laufe ich bei Terminen in Berlin an dem Laden vorbei und hab mir vorgenommen, das nächste Mal hineinzuschauen und die Atmosphäre aufzusaugen. Natürlich werde ich den Anzug weglassen und die Lederjacke anziehen, um nicht unangenehm aufzufallen. Oder was zieht man eigentlich im SO36 an?

Der Name SO36 stammt übrigens vom ehemaligen Postbezirk in Berlin und dort war einstmals ein Supermarkt. In Kreuzberg der Siebziger und Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war es ein Zentrum der Alternativkultur. Viele Punk und New Wave-Bands waren hier vor Ort, wie die Toten Hosen, PVC oder UK Subs. Hier sind alle Bands aufgelistet, die im SO36 gespielt haben. Eindrucksvoll muss ich schon sagen.
Im Netz habe ich Audio-Aufnahmen von New Order gehört. Das SO36 war für uns in Bayern immer eine Art Geheimtipp. Wer nach Berlin kam, der sollte dort hineinschauen. Eine linke Szene traf auf Punks, auf Schwule, auf Lesben und es entwickelte sich eine interessante Form von Kreativität. Heute gibt es noch immer Konzerte und es findet auch ein Nachtflohmarkt statt. Also bei meinem nächsten Berlin-Besuch schau ich dort vorbei und vorher lese ich ausführlich das Buch SO36: 1978 bis heute

Persönlicher Nachruf auf Claire Bretécher

16. März 2020

Leider komme ich erst heute dazu, der vor kurzem verstorbenen Claire Bretécher zu gedenken. Die französische Comiczeichnerin verstarb bereits am 11. Februar 2020 im Alter von 79 Jahren.
Ich traf auf ihre Comics als Schüler etwa Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ich kam von den Marvel- und DC-Helden und machte einen Abstecher über Asterix und Lucky Luke, liebte die Comicgeschichten aus YPS und Zack und verehrte abgöttisch das MAD-Magazin. Und dann drückte mir mein Schulkumpel Alexander Faroga auf dem Schulhof eine Sammlung von Claire Bretécher in die Hand. Das Buch hieß „die Frustrierten“ und es erschien im Rowohlt-Verlag. Die Comics waren anders als die Comics, die ich bisher gelesen hatte, ganz anders.
Die Bildergeschichten thematisierten Probleme einer intellektuellen großstädtischen Wohlstandsgesellschaft. Sie konfrontierte mich mit Feminismus, diskutierten Fragen der Kirche, der Religion und ich erfuhr von ihr Theorien der antiautoritären Erziehung, die ich bisher nur aus den schweren deutschen und grottenlangweiligen Autorenfilmen kannte. Nicht, dass ich als Schüler alle diese Probleme selbst erlebt, geschweige denn sie verstanden hatte, aber der Stil von Claire Bretécher gefiel mir. Sie zeichnete und verfasste die Comic selbst, es waren schwarzweiß-Geschichten, reduziert.


In Deutsch erschienen fünf Bände der Frustrierten, die ich mir nach und nach kaufte. Meinen Kumpels sagte ich nichts davon. Ich glaubte, diese Comics wären uncool, denn wir standen ja auf den Schenkelklopferhumor von MAD und Co. Als ich Jahre später die Comics von Ralf König stieß, allen voran Der bewegte Mann, erkannte ich Claire Bretécher wieder. Die große Dame des französischen Comics hat einen gewaltigen Einfluss auf die Comicszene hinterlassen.
Claire Bretécher hat in den Siebzigerjahren mit „Die Frustrierten“ nicht irgendeinen Comicklassiker geschaffen, sondern den ersten feministischen Comic und eine der komischsten Serien überhaupt. Sie war eine der ersten Comiczeichnerinnen, die ihre eigenen Geschichten zeichnete, Geschichten von echten Frauen, ihrem Frust und ihrer Lust. Dass auch der darin enthaltene Kampf der Frauen um Gleichberechtigung heute noch so aktuell ist, hätte sie sich wohl kaum träumen lassen.
2016 wurde sie beim Comic-Salon Erlangen als erste Frau mit dem Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk des Max-und-Moritz-Preises ausgezeichnet. Ich wollte damals den Comic Salon besuchen, um Claire Bretécher zu treffen. Irgendwas kam dazwischen. Nun werde ich sie nicht mehr treffen, schade.
Im Juni erscheinen die Frustrierten in einer neuen Auflage alsDie Bibliothek der Comic-Klassiker: Die Frustrierten. Nach den Frustrierten kamen in den neunziger Jahren die Comics zu Agrippine, die habe ich allerdings noch nicht gelesen.

Buchtipp: Monty Python von Andreas Pittler

11. März 2020

Meine Humorhelden werden immer weniger. Vor kurzer Zeit, am 21. Januar 2020, verstarb Terry Jones, der durch die britische Komikergruppe Monty Python weltberühmt wurde. Jones hatte eine Demenzerkrankung und konnte keine Interviews mehr geben.
Als ich mir Leben des Brian zum wiederholten Male ansah, griff ich anschließend in meinen Bücherschrank und las an einem Nachmittag die kurze Monty Python Biografie Monty Python. 100 Seiten von Andreas Pittler durch. Sie erschien in der Reihe 100 Seiten und bringt komprimiert das Werk der britischen Komikergruppe auf den Punkt. Andreas Pittler lädt zu einer Besichtigung der Klassiker des britischen Humors und würdigt feinsinnige Gags oder pointierte Geschmacklosigkeiten – von The Ministry of Silly Walks über das Fußballmatch der Philosophen bis zu Die Ritter der Kokosnuss oder dem weltweiten Kinohit Life of Brian. Immer wieder setzte ich beim Lesen des Reclam-Buches ab und erinnerte mich an die genialen Sketche der Truppe. Ich erinnerte mich, dass ich viele der Dialoge der Pythons auswendig mitsprechen konnte und das viele der Sprüche in meinen Sprachgebrauch übergegangen sind.
Kleine Episode gefällig? Wir in Bayern haben beispielsweise am nächsten Sonntag Kommunalwahl. Als ich vor langer Zeit Student war, engagierte ich mich als Wahlhelfer in meiner Heimatgemeinde und gab die Wahlzettel aus. Dabei sprach ich die legendären Worte bei der Bürgermeisterwahl „Jeder nur ein Kreuz!“ Die Wählerinnen und Wähler nahmen den Wahlzettel von mir in Empfang und schritten zur Wahl. Einige der Wähler grinsten und brachen in der Wahlkabine in Lachtränen aus. Sie hatten den Witz verstanden und sie outeten sich als Fans.
Wer also einen kleinen Überblick über das Werk von Monty Python und der Soloprojekte haben will, dem empfehle ich das kleine Büchlein Monty Python. 100 Seitenvon Andreas Pittler.

Riga: Warum wird Heinz Erhardt kein Denkmal gesetzt?

5. März 2020
Für mich einer der ganz Großen: Heinz Erhardt

Für mich einer der ganz Großen: Heinz Erhardt

Als der beliebteste deutsche Humorist nach Loriot gilt Heinz Erhardt. Der Wortakrobat verkörperte für mich die Zeiten des Wirtschaftswunders pur. Ich kenne Heinz Erhardt nur von Schallplatten und Filmen. Als ich vor kurzem in Riga weilte, machte ich mich auf die Suche nach Spuren von Heinz Erhardt.
In Riga wurde Heinz Erhardt am 20. Februar 1909 geboren. Riga gehörte damals zum russischen Kaiserreich, war aber komplett deutsch geprägt. Mein Vorwurf an Riga: Warum habt ihr Heinz Erhardt komplett vergessen? Die Stadtoberen verweisen an allen Ecken auf Richard Wagner, der ein paar Jahre in Riga gewirkt hatte, aber keine Spur eines Denkmals von Heinz Erhardt. Wagner-Büsten und -Plaketten überall, aber kein Erhardt – das ist eine Schande und hier vergibt sich Riga allerhand Tourismuswerbung, denn Heinz Erhardt hat noch immer treue Fans.

Mein deutscher Reiseführer und Erhardt-Experte Maik Habermann zeigte mir die Stätten des berühmten Mannes. Ich stand vor der ehemaligen Musikalienhandlung im Zentrum von Riga. Hier betrieb der Großvater Paul Neldner ein erfolgreiches Musikhaus. Über 120 Klaviere und Flügel wurden zum Kauf angeboten. Hier lernte der kleine Heinz auch das Klavierspiel. Es gibt Kompositionen von Erhardt aus den Jahren 1925 bis 1929, die ihn als extrem begabten Klavierspieler und Komponisten zeigen. Sie wurden erst nach dem Tod des Komikers entdeckt und veröffentlicht Heinz Erhardt, mal klassisch: 24 Klavierkompositionen. Heinz Vater war Kapellmeister und so liegt die Musik im Blut der Familie. Der Großvater war in seiner Zeit ein angesehener Mann. Er veranlasste, dass das Libretto zu Wagners Tristan ins Russische übersetzt und in St. Petersburg aufgeführt wurde. Der Großvater bekam als Dank dafür vom Zaren Manschettenknöpfe mit dem russischen Doppeladler aus Brillanten.

Die Musikalienhandlung von Heinz Erhardts Vater in Riga.

Die Musikalienhandlung von Heinz Erhardts Großvater in Riga.

Der Schüler Heinz Erhardt, der 14 Mal die Schule wechseln musste, war kein großes Notenvorbild. Da der Vater in Europa verschiedenste Anstellungen hatte, musste der kleine Heinz mit. Ohne Abschluss verließ er das Gymnasium 1926 und ging ans Konservatorium nach Leipzig und wieder zurück nach Riga, um in der Musikalienhandlung seines Opas eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Aber die Welt der Zahlen war für Heinz nichts.

Heinz Erhardt-Experte Maik Habermann.

Heinz Erhardt-Experte Maik Habermann.

Er wollte auf die Bühne. Der erste nachweisliche Auftritt war 1928 bei der Weihnachtsfeier der Pfadfinder in Riga als Pausenfüller. Seine humoristischen Lieder zur Laute kamen extrem gut an. Später war im Zweiten Weltrieg in der deutschen Truppenbetreuung tätig und nach dem Krieg begann seine Rundfunk-, später seine Filmkarriere.
Als Jugendlicher sah ich im linearen Fernsehen die Klassiker: Natürlich die Autofahrer, Immer die Radfahrer, Witwer mit fünf Töchtern, Drillinge an Bord – später kamen Pennäler- und Beamtenfilme dazu, die ich eher schwach fand.
Ich hatte mehrere Schallplatten von Telefunken wie diese 100 Jahre Heinz Erhardt – Die kompletten Telefunken-Aufnahmen, die ich gerne hörte und las als Schüler auch seine Gedichtbände und versuchte mich am zitieren – mit mäßigen Erfolg. Erhardt hatte einen Humor, der mir lag, und in Riga zitierte mein Reiseleiter Maik Habermann immer wieder aus dem Reimwerk von Heinz Erhardt Das große Heinz Erhardt Buch. Und ich bleibe bei meiner Forderung: Setzt Heinz Erhardt ein Denkmal in Riga.

Buchtipp: Social Media Marketing von Corina Pahrmann und Katja Kupka

4. März 2020
Klare Empfehlung

Klare Empfehlung

Zwar weiß ich viel, doch will ich alles wissen. Ich mach ja viel in Sachen Social Media, doch stoße ich auch das eine und andere Mal an meine Grenzen. Was mache ich dann? Entweder rufe ich meinen Kollegen Gero Pflüger an oder ich greife zum Buch Social Media Marketing von Corina Pahrmann und Katja Kupka. Letzteres ist soeben in der fünften Auflage erschienen und wurde von den Herausgeberinnen aktualisiert.
Das ist natürlich immer ein Balanceakt, ein gedrucktes Buch zu einem elektronischen Thema auf den Markt zu bringen. Gerade hier können Informationen über Nacht schon veraltet sein, wenn Facebook, Twitter und Co mal schnell ihren Algorithmus ändern oder neue Features integrieren.
Aber dieses 626-seitige Kompendium, erschienen beim renommierten O’Reilly-Verlag, bringt Theorie und Praxis zusammen. Das Buch selbst versteht sich als Praxishandbuch. Nach dem Lesen ist es bei mir nicht im Schrank verschwunden, sondern es liegt griffbereit in der Nähe meines Schreibtisches und ich empfehle es ausdrücklich in meinen Seminaren für Social Media. Dabei geht es nicht nur um klassische Netzwerke der alten Art, sondern die Autoren kümmern sich auch um TikTok und Co. Weiterhin lesenswert sind die Ausführungen über Content Marketing und Storytelling, wobei ich lachen musste, als dies als neuer Trend verkauft wird. Storytelling mache ich als gelernter Journalist vom ersten Tag an, aber jetzt entdecken es die Marketingfuzzis und machen ein Fass auf. Da in der Branche weniger das Bauchgefühl zählt als vielmehr die nackten Zahlen, geht es auch um Monitoring und Analyse, was ich grundsätzlich gut finde, wenn man es nicht übertreibt.
Wichtig sind auch die Ausführungen zum Employer Branding und Social Recruiting. Da ich sehr viel für mittelständische Unternehmen mache, waren diese Ausführungen sehr wertvoll. Ich empfehle es auch den Kandidatinnen und Kandidaten aus der bayerischen Politik, die sich bis 15. März im Social Media-Wahlkampf wegen der Kommunalwahl befinden und vieles falsch machen.
Rundum: Das Buch Social Media Marketing ist sehr empfehlenswert und ich hoffe für O‘Reilly, dass Facebook und Co nicht morgen ihre Algorithmen ändern und das Buch ins Altpapier wandert.

Musiktipp: Mike Oldfield Killing Fields – Sammlerbox

2. März 2020
Mike Oldfield, der alte Recke meiner Jugend, hat in seinem musikalischen Leben nur einen Soundtrack komponiert: Es war im Jahr 1984 zum Film The Killing Fields. Jetzt bekam ich eine ungewöhnliche Sammlerbox in die Hand.
Bevor jetzt wieder Besserwisser daherkommen. Ich weiß, Mike Oldfields Musik wurde als Score zum Filmklassiker Exorzist im Jahre 1974 verwendet – aber es waren Auszüge aus seinem Debütalbum Tubular Bells. Es war kein extra komponierter Soundtrack zu einem Film.
Nichts neues bietet die Sammlerbox von Killing Fields.

Nichts neues bietet die Sammlerbox von Killing Fields.

Das war bei Killing Fields anders. In der Sammlerbox befindet sich die CD und die englischsprachige DVD des sehenswerten Films. Zudem gibt es allerhand Pressematerial.
Der Film spielt vor dem Hintergrund des kambodschanischen Bürgerkriegs als die Roten Khmer ihren Steinzeitkommunismus in dem instabilen, asiatischen Land errichtetet und Massenmord an ihrem Volk begangen. 2,2 Millionen Tote gab es zu beklagen, viele davon auf den Killing Fields. Erstmals Regie führte 1984 der Brite Roland Joffé. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit und ist schonungslos eindrucksvoll.
Gonzobox - das sagt alles.

Gonzobox – das sagt alles.

Die Musik steuerte Mike Oldfield bei, der im gleich Jahr eigentlich im seichten Pop versunken war. Wir erinnern uns an das Album Discovery (1984) mit dem netten Hit To France, gesungen von Maggie Reilly. Der Soundtrack zu Killing Fields konnte nicht kontrastreicher sein. Instrumentalmusik wie frühere Alben, aber keine längeren Stücke wie auf seinem Frühwerk. Das Album enthält die kürzeste Oldfield-Komposition überhaupt: The Year Zero 2 mit 37 Sekunden, gefolgt von Pran’s Theme mit 44 Sekunden. Étude, das letzte Stück des Albums, wurde als erfolglose Single ausgekoppelt und stammt als einziges Stück nicht von Oldfield, sondern von spanischen Gitarristen und Komponisten Francisco Tárrega (1852–1909).

Die Musik des zehnten Mike Oldfield-Albums wirkt auf den ersten Eindruck kräftig und disharmonisch. Der Fairlight dominiert, aber auch Schlaginstrumente aus Asien. Als sie 1984 auf den Markt kam, war ich verschreckt, aber ich habe meinen Frieden mit dem Score gemacht. Bei der Veröffentlichung in der vorliegenden Sammlerbox von Gonzobox7 hätte ich mir ein paar unveröffentlichte Sachen oder eine bessere Abmischung vorgestellt, denn eigentlich habe ich LP, CD, Single, Maxi-Single und DVD von Killing Fields – und sogar das Pressematerial liegt irgendwo im Archiv.
Hier das bisherige Material, was ich von Killing Fields besitze.

Hier das bisherige Material, was ich von Killing Fields besitze.

Aber das Material wurde nicht optimiert, sondern einfach nur zusammengetragen. Ob eine DVD das aktuelle Medium darstellt, sei zudem dahin gestellt. Daher brachte die Box nichts neues und befriedigt nur die Sammlergelüste – die große Bereicherung ist es nicht geworden. Schade.