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US-Präsidenten – Eine Fotoreise (2): Gemeindebesuch in Krün – 7. Juni 2015 Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama

28. April 2026

Ein weiterer Teil über Fotobände über US-Präsidenten und dieses Mal ein besonderes Schmankerl mit sperrigen Titel: Gemeindebesuch in Krün – 7. Juni 2015 Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama. Ich halte ja immer wieder Seminare zur politischen Fotografie. Es ist kein politisches Buch, vielmehr eine Erinnerung an alle, die dabei waren. Ich habe durch Zufall ein Exemplar abbekommen.

Der Gemeindebesuch in Krün am 7. Juni 2015 war einer der symbolträchtigsten Auftakttermine rund um den damaligen G7-Gipfel auf Schloss Elmau. Bevor die eigentlichen Beratungen der Staats- und Regierungschefs begannen, empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel den damaligen US-Präsidenten Barack Obama in dem oberbayerischen Ort Krün, der nur rund zehn Kilometer von Schloss Elmau entfernt liegt.

Der Besuch war bewusst als öffentlichkeitswirksames Zeichen der deutsch-amerikanischen Verbundenheit angelegt und verband große Weltpolitik mit regionaler Kulisse, bayerischer Tradition und einem demonstrativ persönlichen Auftreten der beiden Politiker. Die Bundesregierung betonte damals, dass Obama vor dem Start der Gipfelarbeit noch ein Stück oberbayerischer Kultur erleben solle; in Krün standen deshalb nicht die formellen Verhandlungen, sondern Begegnung, Symbolik und Nähe zu den Menschen im Mittelpunkt.

Schon der Rahmen war sorgfältig gewählt: Vor dem Rathaus von Krün wurden Merkel und Obama von Bürgerinnen und Bürgern, Musikkapelle, Alphornbläsern und Vertretern der regionalen Trachten- und Schützentradition empfangen. Bild- und Archivquellen der Bundesregierung und des Bundesarchivs dokumentieren den Empfang mit Angehörigen der Gebirgsschützen-Kompanie Wallgau, den Einzug auf den Rathausplatz sowie die enge Einbindung örtlicher Traditionen in das Programm. Dadurch bekam der Termin einen fast dörflich-festlichen Charakter, obwohl er unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand und in Wahrheit Teil eines global beachteten Gipfelwochenendes war.

Ein wichtiger Programmpunkt war der Eintrag ins Goldene Buch der Gemeinde. Nach Angaben der Bundesregierung unterzeichneten Angela Merkel und Barack Obama vor dem Rathaus das Gästebuch von Krün. Dieser Akt war mehr als bloße Routine: Er verlieh dem Besuch einen offiziellen, erinnerungswürdigen Charakter und machte deutlich, dass der kleine Ort für einen Moment in das Zentrum internationaler Aufmerksamkeit rückte. Gerade für eine Gemeinde mit damals etwa 1.900 Einwohnern war dieser Besuch von außergewöhnlicher Bedeutung.

Inhaltlich war der Besuch zwar locker inszeniert, aber politisch nicht belanglos. Bei den anschließenden Pressestatements in Krün begrüßte Merkel Obama ausdrücklich im Namen der Region und hob hervor, dass dieser Termin vor Beginn der eigentlichen Arbeit noch einmal deutsches und speziell oberbayerisches Kulturgut sichtbar machen solle. Obama sprach in seinen Bemerkungen von der engen Freundschaft zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten und stellte den gemeinsamen Blick auf die Zukunft in den Vordergrund. Damit fungierte der Auftritt in Krün als atmosphärische Ouvertüre des G7-Gipfels: nicht als Verhandlungsort, wohl aber als Bühne für Bilder von Vertrauen, Partnerschaft und persönlicher Nähe zwischen beiden Regierungschefs.

Besonders in Erinnerung geblieben ist die bayerische Brotzeit, die dem Besuch einen bewusst volkstümlichen Ton gab. In Berichten und Bildquellen ist festgehalten, dass Merkel und Obama in Krün traditionelle Speisen und Getränke gereicht wurden; dazu gehörten Weißbier und bayerische Brotzeit, was den Termin medial stark prägte. Viele Beobachter sahen darin eine politische Inszenierung mit leichter Hand: ein mächtiger Präsident und eine Kanzlerin, die sich nicht in einem Konferenzsaal, sondern in einer alpenländischen Dorfkulisse zeigen, umgeben von Tracht, Musik und Bürgernähe. Gerade diese Mischung aus Weltpolitik und regionalem Brauchtum machte den Besuch für Medien weltweit so attraktiv.

Für Krün selbst war der Auftritt ein Ausnahmeereignis. Schon vor dem Termin war in der regionalen Berichterstattung davon die Rede, dass die Gemeinde Merkel und Obama eine „unvergessliche Stunde“ bereiten wolle. Der Besuch brachte dem Ort enorme mediale Aufmerksamkeit und schrieb sich dauerhaft in die lokale Erinnerungskultur ein. Noch Jahre später wurde in der Region daran erinnert, unter anderem mit Verweisen auf die sogenannte „Obamabank“, die an das öffentliche Weißwurstfrühstück und den Besuch vor dem Rathaus erinnert. So blieb der 7. Juni 2015 nicht nur ein Tag der Gipfeldiplomatie, sondern auch ein identitätsstiftender Moment für die Gemeinde selbst.

Rückblickend lässt sich der Gemeindebesuch in Krün als hochsymbolischer Moment beschreiben. Er stand für das Bemühen, einen internationalen Spitzentermin wie den G7-Gipfel nicht nur als abgeschirmtes Elitentreffen erscheinen zu lassen, sondern ihn mit Bildern von Offenheit, Gastfreundschaft und kultureller Verankerung zu verbinden. Merkel und Obama nutzten Krün als Bühne für jene Art politischer Symbolik, die ohne große Beschlüsse auskommt und gerade deshalb wirkt: Händeschütteln mit Einheimischen, Eintrag ins Goldene Buch, traditionelle Musik, Brotzeit und kurze Ansprachen unter freiem Himmel. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde der Ort damit für einige Stunden zu einem Schauplatz transatlantischer Nähe und bayerischer Selbstinszenierung zugleich.

US-Präsidenten – Eine Fotoreise (1): Barack Obama: Yes, we can – Bilder einer Persönlichkeit mit Fotografien von Callie Shell

5. April 2026

Ich bin ein Fan von US-Fotografen, die US-Präsidenten abgelichtet haben. Es gibt berühmte Fotografen, die entweder im Dienst des Weißen Hauses standen oder für Zeitungen/Zeitschriften dokumentieren.
Das Buch Barack Obama: Yes, we can – Bilder einer Persönlichkeit mit Fotografien von Callie Shell erschien 2009 im Knesebeck Verlag, umfasst rund 95 Seiten und ist vor allem als großformatiger Fotoband über Barack Obamas Aufstieg zum 44. Präsidenten der USA angelegt. Callie Shell begleitete Obama bereits seit den Jahren vor seinem Wahlsieg fotografisch.
Mit Barack Obama: Yes, we can – Bilder einer Persönlichkeit legt Callie Shell keinen klassischen politischen Analyseband vor, sondern ein atmosphärisch dichtes Porträt in Bildern. Der besondere Reiz des Buches liegt darin, dass Obama hier nicht nur als historische Figur, sondern als Mensch sichtbar wird: konzentriert, erschöpft, nachdenklich, familär und zugleich von jener symbolischen Aufladung umgeben, die seinen Wahlkampf weltweit so faszinierend machte. Gerade weil Shell Obama über längere Zeit begleitete, entstehen Fotografien mit großer Nähe und einem Gespür für ungestellte Momente.

Die größte Stärke des Bandes ist seine Bildsprache. Viele Aufnahmen wirken nicht wie bloße Pressefotos, sondern wie kleine politische Momentaufnahmen eines Epochenwechsels. Das Buch vermittelt die Aufbruchsstimmung jener Jahre sehr eindringlich. Es zeigt, warum Obama für viele Menschen weit über die USA hinaus zur Projektionsfigur für Hoffnung, Veränderung und gesellschaftliche Erneuerung wurde. In dieser Hinsicht funktioniert der Band hervorragend: Er dokumentiert nicht nur eine Karriere, sondern auch einen historischen Stimmungsumschwung. 

Allerdings ist genau darin auch die Schwäche des Buches zu finden. Der Band bleibt stark auf Wirkung, Aura und Symbolik konzentriert. Wer sich eine kritisch-distanzierte Auseinandersetzung mit Obamas Politik, seinen Positionen oder den Widersprüchen seiner öffentlichen Figur erhofft, wird eher nicht fündig. Das Buch bewundert mehr, als dass es hinterfragt. Dadurch wirkt es stellenweise weniger wie eine kritische Biografie als wie eine visuell eindrucksvolle Huldigung an eine Ausnahmeerscheinung der politischen Gegenwart.

Trotzdem ist Barack Obama: Yes, we can ein sehenswerter Bildband. Er überzeugt vor allem dort, wo Fotografie Geschichte verdichtet: in Gesten, Blicken und Zwischentönen. Für Leser, die sich für politische Bildsprache, den Obama-Wahlkampf oder das Verhältnis von Medien und Macht interessieren, ist das Buch ausgesprochen reizvoll. Wer hingegen eine analytische oder kontroverse Obama-Biografie sucht, wird mit einem anderen Titel besser bedient sein.

Also für mich ein eindrucksvoller, emotional starker Fotoband, der Barack Obama als Symbolfigur eines politischen Aufbruchs inszeniert. Das Buch ist weniger kritische Analyse als atmosphärisches Zeitdokument — gerade deshalb visuell stark, inhaltlich aber nur begrenzt tief. Mal sehen, ob ich mal ein Seminar über Fotos zu US-Präsidenten mache. Ich hätte schon ein paar Ideen.

Alfred Eisenstaedt – ein Meister des Augenblicks mit einer Überraschung

14. Februar 2026

Ich hab ein für mich wunderbares Schnäppchen gemacht. Bei eBay habe ich einen Fotoband von Alfred Eisenstaedt für einen schmalen Taler erworben, der eine riesige Überraschung verbarg.

Im Jahr führe ich meine Seminarreihe über politische Fotografen fort und auch sonst interessiere ich mich sehr für Fotografie (aktiv und passiv). Da darf in dieser Reihe auch Alfred Eisenstaedt nicht fehlen. Ich erwarb den Bildband Eisenstaedt über Eisenstaedt vom Schirmer/Mosel-Verlag. Das Buch umfasst eine Auswahl der Fotografien von 1913 bis 1980. Eisenstaedt selbst ist im August 1995 verstorben.

Beim Durchblättern des Buches entdeckte eine persönliche Einladung zur Vernissage für den 5. Mai 1986 bei der Alfred Eisenstaedt selbst anwesend war. Und nun der Hammer: Der großartige Fotograf unterschrieb meinen Fotoband mit Datumsangabe. Ich werde das Buch in Ehren halten.

Meister des Augenblicks
Alfred Eisenstaedt war ein Meister des Augenblicks – ein Fotograf, der nicht einfach Motive suchte, sondern menschliche Wahrheit. Seine Bilder sind stille Zeugen des 20. Jahrhunderts, erfüllt von jener seltenen Balance zwischen dokumentarischer Genauigkeit und poetischer Empfindsamkeit. In seinen Fotografien pulsiert das Leben, unverstellt und doch kunstvoll komponiert. Er verstand es, Menschen in ihren unbewachten Momenten festzuhalten, in jenen Sekunden, in denen das Herz stärker spricht als der Verstand.

Eisenstaedt gehörte zu jener Generation von Bildjournalisten, die nach den Verwüstungen des Krieges eine neue Sprache der Menschlichkeit suchten. Für „Life“ bereiste er Kontinente, porträtierte Mächtige und Unbekannte, Künstler und Arbeiter – stets mit dem gleichen aufmerksamen Blick. Seine berühmtesten Fotografien, etwa der Kuss des Matrosen am Times Square, sind längst Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden. Doch hinter der ikonischen Oberfläche stand ein Mann, dessen größte Kunst vielleicht in seiner Empathie lag. Er sah nicht auf Menschen herab, er begegnete ihnen auf Augenhöhe – als Beobachter, der spürte, dass die Wahrheit oft im Zwischenton liegt, in einem Lächeln, einem Schatten, einer flüchtigen Geste.
Seine Fotografien erzählen keine abgeschlossenen Geschichten, sie öffnen Räume. Sie zeigen, wie Schönheit aus dem Moment erwächst, wenn Licht und Leben einander berühren. Eisenstaedt hatte das seltene Talent, Flüchtiges zu bewahren, ohne es zu erstarren – der Augenblick blieb lebendig, auch Jahrzehnte später. Seine Bilder erinnern uns daran, dass jedes Gesicht eine Geschichte trägt und dass die Kunst des Sehens immer auch eine Kunst des Mitfühlens ist.

Es gibt viele Fotos, die mich beeindruckt haben. Aber im Hinblick auf meine Reihe politischer Fotografien hat mich ein Bild besonders fasziniert. Das Bild, das Alfred Eisenstaedt 1933 von Joseph Goebbels im Garten des Carlton-Hotels in Genf aufnahm, gehört für mich zu den eindringlichsten fotografischen Entlarvungen nationalsozialistischer Machtpose. Es kondensiert in einem einzigen Blick die ideologische Menschenverachtung des NS-Regimes und die verletzliche Position eines jüdischen Fotografen, der diesem Hass frontal gegenübersteht.

Goebbels sitzt in einem einfachen Gartenstuhl, die knochigen Hände krallen sich an die Armlehnen, der Körper nach vorne gespannt, als würde er sich jederzeit in einen Angriff verwandeln können. Die Figur wirkt zwar klein und körperlich unspektakulär, doch gerade diese Mischung aus körperlicher Unsicherheit und aggressiver Spannung lässt ihn wie ein konzentriertes Bündel aus Ressentiment und Paranoia erscheinen.

Das Zentrum der Komposition sind die Augen: dunkel, verengt, der Blick nach oben direkt in die Kamera geschleudert, voll unverhohlener Feindseligkeit. Man spürt, dass hier kein flüchtiger Moment schlechter Laune eingefangen ist, sondern ein ideologisch aufgeladener Hass, der sich auf die Person vor der Kamera richtet – auf den jüdischen Fotografen, dessen Herkunft Goebbels kurz zuvor erfahren hatte.

Eisenstaedt betont diese psychologische Spannung, indem er nahe herangeht und den Raum um Goebbels herum nur als diffuse Umgebung sichtbar lässt. Der Hintergrund – eine harmlose Hotelszenerie im Grün – steht in brutalem Kontrast zu der inneren Dunkelheit des Dargestellten und verstärkt den Eindruck, dass sich der Hass mitten in einer bürgerlichen Normalität einnistet.
Entscheidend für die Wirkung ist die Doppelung, die in der Entstehungsgeschichte des Bildes liegt: Zuvor hatte Eisenstaedt Goebbels freundlich lächelnd fotografiert, erst mit der Kenntnis von dessen jüdischer Herkunft verwandelt sich das Gesicht in diese Maske aus Verachtung. Die Fotografie funktioniert deshalb auch als visuelle Demaskierung – sie zeigt, wie dünn die Fassade höflicher Diplomatie war und wie schnell der antisemitische Kern freiliegt.

Eisenstaedt selbst sprach davon, wie „horrible“ dieser Moment gewesen sei und dass es trotzdem ein stärkeres Bild wurde, gerade weil er so nah heranging und den Blick aushielt. In dieser Nähe liegt eine stille moralische Geste: Der jüdische Fotograf weicht dem Blick des Propagandaministers nicht aus, er hält ihn fest, verwandelt ihn in ein Dokument, das über den historischen Augenblick hinaus Zeugnis ablegt.

So ist das Foto nicht nur Porträt eines Mannes, sondern ein Bild der Machtverhältnisse und ihrer inneren Logik: Kleinheit, die sich zu ideologischer Gewalt aufbläst; Kälte, die sich hinter kultivierten Fassaden versteckt; Hass, der erst wirklich sichtbar wird, wenn ihm jemand standhält. Dass dieses Bild bis heute als „Eyes of Hate“ erinnert wird, zeigt, wie präzise Eisenstaedt den emotionalen Kern des Nationalsozialismus in einer einzigen fotografischen Sekunde eingefangen hat.

Espresso – ein Reiseführer des guten Geschmacks von Walter Vogel

13. Juni 2022

Morgens das Erste nach dem Aufwachen ist der Kuss an die beste Ehefrau und dann kommt der Ruf „Alexa, Steckdose Kaffee an“. Ich freue auf die erste Tasse frischen Bohnenkaffee am frühen Morgen. Bis ich soweit aufgestanden und fertig bin, ist die Siebträgermaschine aufgeheizt und ich bereite mir den ersten Espresso des Tages zu, ein tägliches, leibgewonnenes Ritual.

Schon lange plante ich eine Fotoserie zum Thema Espressobars, die heiligen Orte an denen das köstliche Getränk ausgeschenkt wird. Im Leica-Store München stieß ich dabei auf das Buch Espresso Cafe-Bars in Italien vom legendären deutschen Fotografen Walter Vogel, der vor Jahren diese Idee bereits in ein grandioses Buch umgesetzt hat. Es ist 1993 in der Edition Christian Brandstätter erschienen und widmet sich in großartigen Bildern der italienischen Kaffeekultur, die so dann und wann auch bei uns aufblitzt. Ich habe die erste Auflage des Buches besorgt.

Vogler hat eine Kaffeebar-Karte von Norden nach Süden Italiens in seinem Buch abgedruckt, quasi als Reiseführer des guten Geschmacks. Und er liefert die eindrucksvollen Bilder – alle in Schwarzweiß. Nur zur Klarstellung: Wir reden jetzt nicht von Starbucks oder San Francisco Coffee Bar, die sicherlich auch ihre Reize haben, sondern wir sprechen von den kleinen und großen Palästen des Genusses. Und wir reden auch nicht von den Hipstern, die als Barista verkleidet sind, sondern von den Helden der Bohne, die ihre Profession von Vater oder Mutter gelernt und verinnerlicht haben. Barista ist im Grunde die italienische Form des Barkeepers.

Der Düsseldorfer Walter Vogl, Jahrgang 1932, ist ein Meister seines Fachs. Er erhielt 1963 den World Press Photo Award und 2019 den Leica Hall of Fame Award. Sein Buch Espresso ist eine Reise in die Vergangenheit. Er erzählt von Zeiten als Kaffee etwas Besonderes war, die kleine Peitsche, die Belebung der Sinne, die zelebriert wird. In Vogels Buch werden Geschichten dieser Zeiten erzählt neben den historischen Fakten. Diese kann heute Wikipedia liefern, die Geschichten der italienischen Familien und ihrer Kunden aber nicht. Als ich das Buch genoss, erinnerte ich mich an die großen italienischen Geschichtenerzähler Visconti, Fellini, Pasolini oder Antonioni.

Sehr schön der Satz: „Die Maschine ist der produktionstechnische Mittelpunkt der Bar, der Barista der kommunikative.“ Sie sind Magier der Konzentration, die den ganzen Tag gleichbleibende Kaffeequalität produzieren. Beim Mahlen explodiert das Aroma und der Kaffee muss so schnell als möglich in die Maschine. Dann kommt das Aroma zur Geltung. Während ich diese Zeilen schreibe, genieße ich übrigens einen heißen Kaffee und genieße das Leben.

Buchtipp zu Corona: Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit von Tine Acke

21. Mai 2020

Moderne Konzertfotografie und Dokumentation von Udo Lindenberg.

Moderne Konzertfotografie und Dokumentation von Udo Lindenberg.

Verständlicherweise werden aufgrund Corona reihenweise Konzerte abgesagt oder verschoben. Dafür habe ich Verständnis. Um dieser Situation als Konzertgänger wenigstens etwas Positives abgewinnen zu können, ziehe ich mich mit Live-Aufnahmen aufs Sofa zurück und blättere Fotobücher von Konzertveranstaltungen durch.
Und ich habe in meinem Bücherschrank gegriffen und mir das imposante Buch Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit, Der Bildband zur großen Stadiontour herausgeholt. Ich bin ein Fan der alten Lindenberg-Platten und respektiere die neuen Aufnahmen. Konzerte des neuen Lindenbergs habe ich mir nie angeschaut. Aber ich freue, dass der alte Recke noch einmal großen Erfolg hat.

Wenn ich den Fotoband Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit mir so durchschaue, bin ich neidisch auf die Fotografin Tine Acke. Sie kommt nah ran, richtig nah ran. Das ist aber kein Wunder, denn Tine Acke ist die Lebensgefährtin von Udo Lindenberg und hat dadurch eine gewisse Sonderstellung unter den Konzertfotografen. Und sie nutzt diese Sonderstellung schamlos aus, was vollkommen okay ist. Aber Tine Acke ist auch ohne diese Position eine absolute Top-Fotografin. Technisch hoch professionell, aber vor allem voller Energie und Empathie. Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich die Stadiontour nicht besucht habe, auch wenn ich die neue Musik von Lindenberg nicht so mag. Aber es wurden ja nicht nur neue Songs gespielt. Die Show muss einfach stark gewesen sein, wenn ich den Bildband so betrachte.
Anders als zu früheren Zeiten, in denen der wackere Musikant einfach die Bühne betrat, sind die modernen Shows perfekt durchchoregrafiert. Das wird in dem Buch wunderbar deutlich. Das Buch wurde im 16:9-Format gedruckt und entfaltet dadurch seine Wirkung um so mehr. Mitglieder des Panikorchesters kommen dort ebenso vor, wie der Chef selbst – mal in Starpose, mal privat in Unterhose (aber immer mit Hut). Dabei gibt es immer wieder die netten Zeichnungen von Lindenberg, die für mich zwar keine große Kunst sind, aber unheimlich Spaß machen und die er für gutes Geld unters Volk bringt. Hier hat er von seinem verstorbenen Bruder Erich Lindenberg gelernt. Während Erich als Künstler wenig Erfolg hatte, schaffte es Udo dafür um so mehr.
In seinen Konzerten und damit auch im Buch gibt es ausgefeilte Licht- und Stellproben. Mit kleinen Männchen wird auf einer Minibühne geprobt – ein Männchen hat sogar einen Hut auf. So gelingt Tine Acke ein schöner Blick hinter die Kulissen des modernen Showgeschäfts. Sex, Drugs und Rock‘n Roll sind der Professionalität gewichen und Udo hat nach seiner Suff-Phase die Kurve bekommen.
Aber nicht nur die Bilder sind klasse. Auch die Textbeiträge können sich sehen lassen. Benjamin von Stuckrad-Barre aber vor allem der von mir sehr verehrte Tim Pröse haben Gedanken zu Papier gebracht. Ich habe gleich darauf zum Buch Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre gegriffen, der sehr eng an Udo Lindenberg gebunden war und selbst abstürzte. Eindrucksvolles Buch und ich stelle nach der Lektüre fest: Ich führe ein langweiliges Leben. Journalistenkollege Tim Pröse schreibt Udo Lindenberg in seinem Buch Samstag Abend Helden sehr einfühlsam. Ich habe mal eine Lesung mit ihm erlebt und gefilmt.

Aber zurück zum Bildband Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit. Das Buch hat bei mir nicht nur die Lust auf Musik geweckt, es hat bei mir auch wieder die Lust auf Fotografie geweckt. In der Vergangenheit durfte ich einige Konzerte fotografieren. Ich denke, ich werde mich wieder mehr mit Licht und Schatten und Bildkomposition beschäftigen. Danke Tine Acke für diese Inspiration.

Fotoband: Nibelungenhalle – Räume der Erinnerung von Rudolf Klaffenböck

14. Februar 2018

Wer in Passau ist, sollte nach diesem Buch Ausschau halten:

Wer in Passau ist, sollte nach diesem Buch Ausschau halten:

Fotografen müssen mit ihren Bildern eine Geschichte erzählen. Damit unterscheiden sie sich von den Knipsern, die eine Situation ablichten wollen. Es ist schwer in einem Bild, eine Geschichte zu erzählen. Es ist noch viel eindrucksvoller, in einer Bildreportage diese Geschichte zu vertiefen. Auf ein hervorragendes Projekt bin ich in Passau gestoßen als der Künstler Rudolf Klaffenböck ein Buch mit dem Titel Nibelungenhalle: Räume der Erinnerung veröffentlichte.
Die Fotos waren auch Teile einer Ausstellung, die bis März 2006 in Passau lief. Ich erwarb jetzt erst den Katalog samt Autogramm.

Sogar ein Buch mit Autogramm hab ich erwischt.

Sogar ein Buch mit Autogramm hab ich erwischt.

Bei einem Besuch in Passau hörte ich in einer Gastwirtschaft wie ältere Passauer von den CSU-Veranstaltungen am Aschermittwoch in der Nibelungenhalle schwärmten. Ich spitze die Ohren und erfuhr so von dem hervorragendem Fotobuch von Rudolf Klaffenböck. Er fotografierte das Gebäude von 2002 bis zu seinem Abriss 2004 in einer Serie der „Räume der Erinnerung“. Die Schwarzweiß-Fotos erzählen die letzten Jahre des Baus und ich finde die Idee dahinter genial. Der politischen Nation ist die Nibelungenhalle durch die jährlichen CSU-Veranstaltungen zu früheren Zeiten bekannt. Ich selbst war noch nie bei einem politischen Aschermittwoch und würde gerne einmal die Atmosphäre spüren. Die Nibelungenhalle ist weg, die Dreiländerhalle ist da. Inhaltlich wird mir der größte Stammtisch der Republik wohl wenig geben. Den Bürgerinnen und Bürgern von Passau war die Nibelungenhalle als Zentrum für Veranstaltungen aller Art bekannt. Und das stellt dieser ausgezeichnete Fotoband in schwarzweiß dar. Die Nibelungenhalle war eine Halle und sie bot Raum für allerhand Geschichten, gute und schlechte. Als größter Kult- und Zweckbau der „Bayerischen Ostmark“ wurde es 1934/35 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten errichtet, berichtet Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Museums Moderner Kunst, Passau. Eigentlich sollte die Nibelungenhalle Ostmarkhalle heißen.
Die 74 Duotone-Tafeln der Ausstellung und des Buches haben mich fasziniert. Beim ersten Durchblättern suchte ich nach mir Bekannten und das waren natürlich die CSU-Veranstaltungen zum Aschermittwoch. Aber die Halle hat noch viel, viel mehr zu bieten. Für meine Passauer Freunde war sie ein klassischer Veranstaltungsort. Es gab Konzerte, Tanz, Treffen, Versammlungen. Es gab Stoiber, Erotikmesse, Hallenfußball und Motivationskapser. Trachtler trafen auf Vertriebene und Studenten sowie Kabarettisten. Daniel Küblböck folgte auf Haindling und Schülerinnen und Schüler schwitzten bei ihrer Abschlussprüfung. Klaffenböck dokumentiert Veranstaltungen und er dokumentiert die Halle selbst. In den letzten Jahren ihres Bestehens haben die Betreiber nicht mehr viel saniert und der Zahn der Zeit nagt an dem Gebäude und der Struktur. Es gibt Momentaufnahmen und Details, Stimmungen. Klaffenböck hat einen Blick für Skurriles. Als der Abriss der Nibelungenhalle begann hält Klaffenböck mit seiner Kamera drauf. Der Betrachter sieht die Wunden an dem Gebäude bis es schließlich vollständig verschwunden ist.
Wer in Passau zu Gast ist, sollte nach dem Buch Nibelungenhalle – Räume der Erinnerung von Rudolf Klaffenböck Ausschau halten. Der Kauf lohnt sich.