Bei meinen Weg ins Arbeitszimmer gehe ich an dieser Zeichnung von Horst Jansen vorbei. Immer wieder bleibe ich stehen und meine Gedanken drehen sich um dieses Bild. Als Kunstfan kann ich mich in diese Kunst eintauchen.
Das auf den 28. November 1982 datierte Selbstbildnis von Horst Janssen (1929–1995) zeigt viele jener Elemente, die Janssens Kunst so unverwechselbar machen: einen virtuosen, scheinbar beiläufigen Strich, schonungslose Selbstbeobachtung, Melancholie, schwarzen Humor und eine starke autobiografische Dimension. Bei Janssen verschwimmen Kunst und Leben immer wieder miteinander – seine Zeichnungen können wie Seiten eines sehr persönlichen Tagebuchs wirken.
Im Mittelpunkt der Zeichnung steht Janssen selbst. Er sitzt an einem Tisch und hat den Kopf darauf abgelegt. Seine charakteristische Brille ist deutlich zu erkennen, ein Arm liegt angewinkelt unter oder neben seinem Kopf. Die Körperhaltung vermittelt Erschöpfung und Resignation und lässt zugleich die Möglichkeit offen, dass Alkohol im Spiel ist. Gerade diese Mehrdeutigkeit passt zu Janssens Selbstinszenierungen. Er zeigt sich nicht als souveränen Künstlerfürsten, sondern als verletzlichen, erschöpften und mitunter tragikomischen Menschen.
Ein besonders interessantes Detail ist eine feine Linie, die offenbar vom Rücken beziehungsweise Nacken des Künstlers zur Lehne des hinter ihm stehenden Stuhls führt und dort befestigt scheint. Diese Fesselung lässt sich symbolisch lesen: Janssen erscheint als Gefangener seiner selbst, seiner Leidenschaften, seiner Beziehungen oder auch seines unablässigen künstlerischen Schaffens. Die Zeichnung bekommt dadurch trotz ihrer scheinbaren Leichtigkeit eine beklemmende Dimension. Der Künstler ruht nicht einfach am Tisch – er scheint an seine Situation gebunden zu sein.
Vor ihm steht ein kleines Glas, das durch einen roten Akzent hervorgehoben wird. Angesichts von Janssens Biografie liegt die Assoziation mit Alkohol nahe. Gleichzeitig wird dieses unscheinbare Glas durch die zeichnerische Hervorhebung fast zu einem zweiten Protagonisten der Szene. Es steht dem erschöpften Künstler gegenüber und kann als Hinweis auf Rausch, Selbstzerstörung, Trost oder Abhängigkeit verstanden werden. Wie häufig bei Janssen verbinden sich dabei Komik und Tragik.
Links findet sich die handschriftliche Datierung „28 / 11 / 82“, die das Blatt sehr konkret in Janssens Biografie verankert. Noch persönlicher ist die Widmung in der Mitte: „Liebste [Maus] : Mein Kampf“. Das Wort „Maus“ wird nicht ausgeschrieben, sondern durch eine kleine, minimalistisch gezeichnete Maus mit Ohren und langem Schwanz ersetzt. Die Anrede verweist auf Birgit Jacobsen, Janssens damalige Lebensgefährtin und Muse, die in seinem Werk und seiner Korrespondenz eine wichtige Rolle spielte. Janssen widmete ihr zahlreiche Zeichnungen und Briefe. Dadurch erhält das Blatt den Charakter einer sehr privaten bildlichen Nachricht.
Bemerkenswert ist auch die Formulierung „Mein Kampf“. Im Zusammenhang mit der dargestellten Szene dürfte sie vor allem als drastische, selbstironische Beschreibung seines eigenen Ringens zu verstehen sein: des Kampfes mit sich selbst, mit seinen Beziehungen, seinen Exzessen und möglicherweise auch mit dem künstlerischen Schaffensprozess. Gerade diese Mischung aus Übertreibung, Provokation und persönlicher Offenlegung entspricht Janssens häufig schonungsloser Art der Selbstdarstellung.
Unten rechts befindet sich schließlich ein mit rotem Stift ausgeführtes Zeichen beziehungsweise Monogramm, das die Zeichnung zusätzlich akzentuiert. Die sparsame Verwendung der roten Farbe ist wirkungsvoll: Sie unterbricht die ansonsten zurückhaltende Linienzeichnung und setzt gezielte optische Schwerpunkte.
Das Blatt lässt sich damit hervorragend in Horst Janssens Gesamtwerk einordnen. Selbstporträts, spontane Skizzen, Widmungsblätter und zeichnerische Botschaften gehören zu den charakteristischen Bestandteilen seines Œuvres. Janssen machte sein eigenes Gesicht, seinen Körper, seine Beziehungen, Ängste, Leidenschaften und Abstürze immer wieder zum Gegenstand seiner Kunst. Die Grenze zwischen autonomem Kunstwerk, privatem Brief und persönlichem Tagebucheintrag ist dabei häufig kaum zu ziehen.
Gerade darin liegt der besondere Reiz dieses Selbstbildnisses von 1982. Mit wenigen Linien entsteht eine kleine autobiografische Szene, die gleichzeitig komisch, traurig und intim wirkt. Janssen präsentiert sich als erschöpften und möglicherweise berauschten Menschen, der buchstäblich an seine Situation gefesselt erscheint. Die liebevolle Widmung an seine „Maus“ steht dabei in einem spannungsvollen Gegensatz zur resignierten Körperhaltung. So wird aus einer scheinbar spontanen Skizze ein sehr persönliches Zeugnis eines Künstlers, für den Zeichnen nicht nur künstlerische Arbeit, sondern eine Form der Selbstbefragung und Selbstentblößung war. Ich habe die Zeichnung im Lübecker Kunsthaus erworben, das leider für immer geschlossen ist.
Großes Staraufgebot, berstender Beton und eine Filmmusik, die den Untergang mit angemessenem Pathos begleitet: Bei meiner Matinee im Scala Fürstenfeldbruck stand mit „Erdbeben“ ein Klassiker des Katastrophenkinos auf dem Programm. Mark Robsons Film aus dem Jahr 1974 bot Gelegenheit, eine Ära Hollywoods wiederzuentdecken, in der aufwendige Modellbauten, spektakuläre Stunts und persönliche Schicksale das große Leinwandereignis bestimmten. Die nächste Matinee ist am Sonntag, 15. November um 10:45 Uhr der Film Die Wildgänse kommen. Karten gibt es hier.
Im Mittelpunkt steht Los Angeles, das von einem verheerenden Erdbeben getroffen wird. Bevor Straßen aufreißen und Häuser einstürzen, nimmt sich der Film allerdings viel Zeit für seine Figuren. Charlton Heston spielt den Bauingenieur Stewart Graff, dessen Ehe mit Remy, dargestellt von Ava Gardner, längst in einer schweren Krise steckt. George Kennedy, Lorne Greene, Geneviève Bujold und Richard Roundtree ergänzen das prominente Ensemble. Ihre zunächst getrennten Geschichten werden durch die Katastrophe miteinander verbunden. Hier ist die Aufzeichnung meiner Einführung.
Gerade dieser gemächliche Aufbau macht heute einen Teil des Charmes aus. „Erdbeben“ stammt aus einer Zeit, in der das drohende Unglück sorgfältig vorbereitet wurde. Das Publikum sollte die Menschen kennenlernen, deren Leben später buchstäblich aus den Fugen gerät. Manche Dialoge und dramatischen Zuspitzungen wirken aus heutiger Sicht überzogen. Doch das Melodram gehört zu diesem Kino ebenso wie die einstürzenden Fassaden.
Mit dem großen Beben entfaltet der Film schließlich seine ganze handwerkliche Wucht. Modellbauten, Matte Paintings, reale Kulissen und Stuntarbeit verbinden sich zu eindrucksvollen Bildern der Zerstörung. Nicht jeder Effekt hält heutigen Sehgewohnheiten stand. Vieles besitzt jedoch eine bemerkenswerte physische Qualität: Die Gebäude haben Gewicht, die Trümmer fallen mit spürbarer Wucht. Hinter den Bildern steht ein enormer Aufwand an gebautem und anschließend zerstörtem Material.
Zur Geschichte des Films gehört auch das legendäre Sensurround-Verfahren. Besonders tiefe Bassfrequenzen machten die Katastrophe bei entsprechend ausgestatteten Vorführungen der siebziger Jahre körperlich spürbar. Die Technik war Teil des Versprechens, „Erdbeben“ zu einem Ereignis zu machen, das weit über das bloße Zuschauen hinausging.
Auch die Musik trägt entscheidend zur Wirkung bei. John Williams verbindet menschliches Drama und großes Spektakel mit sicherem Gespür. Seine Partitur entstand kurz vor jener Phase, in der er mit „Der weiße Hai“, „Star Wars“ und „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ einige seiner bekanntesten Filmmusiken schuf.
Natürlich bleibt „Erdbeben“ ein Kind seiner Zeit. Rollenbilder, Dialoge und die Verteilung von Heldenmut und Hilflosigkeit spiegeln das Hollywood der siebziger Jahre. Charlton Heston verkörpert einmal mehr jenen nahezu unerschütterlichen Mann, den das damalige Kino besonders gern ins Zentrum existenzieller Krisen stellte. Das wirkt heute gelegentlich antiquiert, macht den Film aber auch zu einem aufschlussreichen Zeitdokument.
Zusammen mit „Airport“, „Die Höllenfahrt der Poseidon“ und „Flammendes Inferno“ steht „Erdbeben“ für die große Zeit des Katastrophenfilms. Das Rezept verband Stars und private Konflikte mit einer übermächtigen Bedrohung – und hielt die Spannung mit der Frage aufrecht, wer am Ende überleben würde.
Mehr als fünf Jahrzehnte nach seiner Entstehung hat der Film einen Teil seines ursprünglichen Schreckens gegen nostalgischen Glanz eingetauscht. Geblieben ist ein aufwendig produziertes Hollywoodspektakel: pathetisch, stellenweise unfreiwillig komisch und voller eindrucksvoller Handarbeit. Die Matinee im Scala bot den passenden Rahmen, diesen Klassiker auf der großen Leinwand wiederzusehen – dort, wo seine Bilder der zusammenbrechenden Stadt ihre Wirkung am besten entfalten.
Die nächste Matinee ist am Sonntag, 15. November um 10:45 Uhr der Film Die Wildgänse kommen. Karten gibt es hier.
Der plötzliche Tod von Hubert Aiwanger macht mich betroffen. Mit nur 55 Jahren ist ein Politiker gestorben, der Bayern über zwei Jahrzehnte geprägt, polarisiert und verändert hat. Man musste seine politischen Überzeugungen nicht teilen, um anzuerkennen, dass dieser Mann etwas bewegt hat. Aiwanger war unbequem, manchmal provokant, oft streitbar, aber niemals farblos. Er sprach eine Sprache, die viele Menschen verstanden, und gab gerade jenen eine politische Stimme, die sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlten.
Sein größter politischer Erfolg war zweifellos, die Freien Wähler von einer kommunalpolitisch verwurzelten Bewegung zu einer festen Größe der bayerischen Landespolitik gemacht zu haben. Mit dem Einzug in den Landtag 2008 und der Regierungsbeteiligung ab 2018 veränderte er die politische Landschaft im Freistaat nachhaltig. Er bewies, dass Bayern mehr sein kann als CSU und Opposition. Als Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident vertrat er insbesondere die Interessen des ländlichen Raums, des Mittelstands und der regionalen Wirtschaft. Hier mein Nachruf als Video:
Ich hab ihn immer wieder getroffen, im Landtag, im Ministerium, bei uns im Dorf und bei vielen Veranstaltungen. Er hatte seine Fans, er wirkte auf Menschen. Aber er war natürlich nicht unumstritten, ich nenne nur die Flugblatt-Affäre.
Aiwanger war kein Politiker der leisen Töne. Seine Zuspitzungen und Kontroversen gehörten ebenso zu seiner Karriere wie seine unbestreitbaren Erfolge. Gerade deshalb wäre es falsch, ihn im Rückblick zu verklären. Aber ebenso falsch wäre es, seine politische Lebensleistung auf seine umstrittenen Äußerungen zu reduzieren.
Was wird nun aus den Freien Wählern? Diese Frage dürfte die Partei in den kommenden Monaten beschäftigen. Hubert Aiwanger war ihr Gesicht, ihre Stimme und ihr wichtigster Wahlkämpfer. Sein Tod hinterlässt eine gewaltige Lücke.
Die Partei hat gute Leute: Ich nenne beispielsweise Staatssekretär Tobias Gotthardt, Digitalminister Fabian Mehring oder Florian Streibl. Die Freien Wähler müssen jetzt beweisen, dass sie mehr sind als die Partei eines einzigen Mannes. Sie verfügen über eine starke kommunale Basis und politische Erfahrung, doch eine Persönlichkeit mit vergleichbarer Strahlkraft ist für mich nicht unmittelbar erkennbar. Auch für die bayerische Regierungskoalition beginnt eine neue Phase. Ich bin gespannt wie Ministerpräsident diese Lücke ausnutzt. Die Geschäfte des Wirtschaftsministerium führt im Moment Staatssekretär Gotthardt.
Mich stimmt besonders traurig, dass ein politisches Leben so abrupt endet. Bei allen politischen Differenzen bleibt der Respekt vor einem Menschen, der für seine Überzeugungen gekämpft hat und Bayern auf seine ganz eigene Weise mitgestaltete.
Meine Gedanken sind bei seiner Lebensgefährtin Tanja Schweiger, seinen beiden Söhnen und allen, die ihm nahestanden.
Bayern verliert einen streitbaren Politiker. Die Freien Wähler verlieren ihren prägenden Kopf. Und die politische Landschaft im Freistaat wird ohne Hubert Aiwanger eine andere sein.
Manche Menschen hinterlassen eine Lücke. Janosch hinterlässt ein kleines Haus, in dem noch Licht brennt. Dort warten ein Bär und ein Tiger, dort ist Platz für Freundschaft und für die Gewissheit, dass man nicht stark sein muss, wenn jemand bei einem bleibt. Generationen von Kindern haben diesen Ort mit ihm gefunden. Und viele Erwachsene haben erst beim Vorlesen verstanden, wie sehr sie selbst ihn noch brauchen. Nun ist der Mann gestorben, der ihnen diesen Zufluchtsort gezeichnet hat. Janosch starb am 3. November auf Teneriffa, wie sein Verleger Bernhard Feil der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Er wurde 95 Jahre alt.
Es wäre leicht, ihn jetzt in jene Behaglichkeit einzuwickeln, die seine bekanntesten Bilder ausstrahlen. Ein freundlicher Geschichtenerzähler, ein paar liebenswerte Tiere, die gelb-schwarz gestreifte Tigerente: So könnte man ihn verabschieden. Aber man würde ihm damit etwas nehmen. Denn Janoschs Zärtlichkeit war keine Ahnungslosigkeit. Dieser Mann wusste, wie grausam Menschen sein können. Vielleicht berühren seine Geschichten gerade deshalb so tief: Ihre Wärme ist nicht selbstverständlich. Sie ist der Gegenentwurf eines Menschen, der als Kind viel zu wenig davon bekommen hatte.
Am 11. März 1931 kam er als Horst Eckert im oberschlesischen Hindenburg zur Welt, dem heutigen polnischen Zabrze. Seine Kindheit war von Alkohol und Schlägen geprägt. Beide Eltern tranken, beide schlugen ihn. Dazu kamen eine religiöse Erziehung voller Strafandrohungen und die Demütigungen in der Hitlerjugend. In einem Filmporträt des Bayerischen Rundfunks erinnerte er sich an die Quälereien: „Dann haben sie mich geschliffen, bis zum Umfallen.“ Das ist die dunkle Landschaft hinter den hellen Bildern. Wer sie kennt, sieht den kleinen Bären und den kleinen Tiger anders: als Bewohner einer Welt, in der niemand erniedrigt werden muss, um dazuzugehören
Ausgerechnet dieser verletzte Junge sollte später so vielen Menschen zeigen, wie sich Geborgenheit anfühlen kann. Nicht als großes Versprechen, nicht als Belohnung für Gehorsam. Sondern als etwas Einfaches: einen Freund haben, gemeinsam aufbrechen, sich umeinander kümmern. Janoschs Figuren müssen keine Helden werden. Sie dürfen klein bleiben. In einer Kinderwelt, die so oft vom Lernen, Leisten und Besserwerden handelt, liegt darin eine stille Befreiung. Seine Geschichten kommen ohne erhobenen Zeigefinger aus; Freiheit und Selbstbestimmung gehören zu ihrem innersten Wesen.
Wie weit der Weg zu diesen Bildern war, zeigte eine Ausstellung im Bauernhofmuseum Jexhof bei Schöngeising. „Janosch – Vom Ammersee bis nach Panama“ hieß sie, und mein Blog redaktion42 hielt ich am 29. Januar 2018 meine Begeisterung fest. Er habe sich „regelrecht in die Bilder verliebt“, schrieb der Autor. Heute liest sich dieser Satz wie ein kleiner Schlüssel zu Janoschs Wirkung: Man betrachtet seine Bilder nicht nur. Irgendwann lässt man sich auf sie ein. Die Ausstellung machte zugleich sichtbar, wie wenig die vertraute Tigerente allein über ihren Schöpfer erzählt. Sie führte zurück zu seinen Anfängen, zu frühen künstlerischen Versuchen und zu einem Mann, der seinen Platz erst suchen musste.
Mein Blogbeitrag zeichnet diesen Weg nach: die Ankunft in Westdeutschland nach dem Krieg, die Ausbildung als Textilzeichner, den Umzug nach München 1953 und den Versuch, an der Kunstakademie Fuß zu fassen. Horst Eckert schrieb, zeichnete, suchte nach Möglichkeiten. Er nannte sich „Aufschreiber“ – ein bescheidenes Wort für jemanden, der später so unverwechselbar erzählen sollte. Mit dem Verleger Georg Lentz kam die entscheidende Begegnung. 1960 erschien „Die Geschichte vom Pferd Valek“, sein erstes Kinderbuch, und aus Horst Eckert wurde Janosch. Am Ammersee begann jener Abschnitt seines Lebens, an den die Jexhof-Ausstellung erinnerte.
Es ist tröstlich, sich diesen Anfang nicht als geraden Weg zum Ruhm vorzustellen. Janosch war nicht einfach fertig da. Er probierte aus, scheiterte, wurde zurückgewiesen. Die Ausstellung zeigte auch abstrakte Arbeiten und machte deutlich, dass hinter dem später weltbekannten Zeichner ein suchender Künstler stand. Rund 150 Objekte, darunter etwa 120 Zeichnungen und Gemälde, ließen damals erkennen, wie viel größer dieses Werk war als sein populärstes Markenzeichen.
Zu diesem anderen Janosch gehört „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“. In dem Roman kehrte er in das Milieu seiner oberschlesischen Kindheit zurück, schonungslos und zugleich voller Wehmut. Die Härte seiner Herkunft verschwand nicht, nur weil er später Tiere zeichnete, denen man am liebsten über den Kopf streichen möchte. Sie blieb in seinem Schreiben, in seiner Erinnerung, auch in seinen eigenen Kämpfen mit dem Alkohol. Das Dunkle und das Helle waren keine getrennten Lebenswerke. Sie kamen aus demselben Menschen.
Und dann, 1978, „Oh, wie schön ist Panama“. Ein kleiner Bär und ein kleiner Tiger machen sich auf, das Land ihrer Träume zu finden, und gelangen am Ende zurück an ihren Ausgangspunkt – nur sehen sie ihr Zuhause nun mit anderen Augen. Was für eine einfache Geschichte. Und was für ein großes Wissen darin liegt: dass Sehnsucht uns forttreibt und dass wir manchmal einen Umweg brauchen, um das Nahe zu erkennen. Mehr als zwei Millionen Mal wurde das Buch nach Angaben des Beltz-Verlags weltweit verkauft. Seine eigentliche Reichweite aber lässt sich schwerer zählen: in Vorleseabenden, in Kinderfragen, in Erinnerungen an eine Stimme am Bettrand.
Janosch selbst konnte den Zauber dieser Geschichte mit einer einzigen Bemerkung gegen den Strich bürsten. „Ich wollte ein Kitschbuch machen“, sagte er im BR-Filmporträt über ihre Entstehung. Ein Kuschelbär müsse hinein, eine Reise, ein Freund. Da sprach keiner, der sich ehrfürchtig vor das eigene Denkmal stellte. Da sprach ein Spötter, der seiner Rührung misstraute und sie trotzdem zuließ. Vielleicht bewahrte gerade diese Mischung seine Geschichten vor dem Süßlichen: die Zärtlichkeit und der Widerhaken, das weiche Herz und die schnodderige Bemerkung.
Auch der Strich passte dazu. Nicht glatt, nicht makellos, nicht darauf bedacht, alles unter Kontrolle zu halten. Die Cheflektorin des Bilderbuchbereichs bei Beltz & Gelberg, Katrin Hartmann, beschrieb seine „heute geradezu erleichternd wirkende Unperfektheit“. Man kann darin mehr sehen als eine künstlerische Eigenart. In diesen Bildern darf etwas schief sein und trotzdem stimmen. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb Erwachsene bei Janosch manchmal eine Entlastung finden, nach der sie gar nicht bewusst gesucht haben.
Der Erfolg brachte allerdings nicht nur Freiheit. Aus Figuren wurden Marken, aus Bildern Produkte. Die Tigerente wanderte auf Brotboxen, Becher und Kleidungsstücke. Schon der Jexhof-Besuch von mir führte deshalb über die Bewunderung hinaus zu Fragen nach Vermarktung und Rechten. Mein Beitrag schilderte, dass andere an Janoschs Kunst mitverdienten und der Künstler dabei keineswegs immer gut abschnitt. Auch Ulrich Kypke, langjähriger Weggefährte und Vorsitzender der Janosch Gesellschaft, berichtete von verstreuten Rechten und schwierigen Auseinandersetzungen. So stand neben der kleinen Welt der Freundschaft eine sehr viel unübersichtlichere Welt des Geschäfts.
1980 zog Janosch nach Teneriffa. Mein Blogbeitrag beschreibt diesen Abschied vom Ammersee auch als Rückzug eines angeschlagenen Künstlers. Dort, weit entfernt von vielem, was um seine Figuren herum geschah, lebte er weiter. Ganz verschwunden ist der scharfe Beobachter hinter den Tiergeschichten dabei nie. Noch als „Herr Wondrak“ dachte er in der „Zeit“ über das Leben und seine Zumutungen nach. Auf die Frage, was gewesen wäre, hätten Tiger und Bär Smartphones besessen, lautete seine Antwort: „Sie hätten Panama einfach gegoogelt und wären im Übrigen am Tisch sitzen geblieben.“ Ein kleiner Witz, und plötzlich ist eine ganze Gegenwart beschrieben, die alles nachschlagen kann und dabei womöglich das Aufbrechen verlernt.
Sein Weggefährte Kypke sagte einmal, Janosch habe das Bittere und Tragische so darstellen können, dass plötzlich „das kleine Licht des Humors“ aufscheine. Das trifft etwas Wesentliches. Janosch hat die Dunkelheit nicht weggeredet. Er hat ihr etwas entgegengesetzt, das unscheinbarer wirkte und sich doch als erstaunlich haltbar erwies: einen Witz, eine Freundschaft, ein Bild, das einen Menschen für einen Moment weniger allein sein lässt.
Nun ist er gestorben. Und mit ihm geht einer, der uns keine heile Welt beweisen musste, um uns eine freundlichere vorstellen zu können. Seine Bücher bleiben aufgeschlagen zwischen den Generationen. Irgendwo wird heute Abend wieder ein Kind neben einem Erwachsenen sitzen, und beide werden mit dem kleinen Bären und dem kleinen Tiger aufbrechen. Vielleicht wird der Erwachsene an die eigene Kindheit denken. Vielleicht wird er beim Lesen kurz innehalten.
Das kleine Haus ist noch da. Janosch hat uns den Schlüssel dagelassen.
Sie hat den politischen Umbruch in Osteuropa journalistisch begleitet, aus Kriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien berichtet, für private und öffentlich-rechtliche Fernsehsender gearbeitet und setzt sich heute für die Rechte und den Schutz von Kindern ein. Christine Kehrer blickt auf eine außergewöhnliche journalistische Laufbahn zurück. Im Podcast „Nah dran“ des PresseClubs München sprach Vorstandsmitglied Christine Kehrer mit Matthias J. Lange über gefährliche Auslandseinsätze, prägende Begegnungen, die Veränderungen des Journalismus und ihre heutige Tätigkeit bei den SOS-Kinderdörfern. Dabei wurde deutlich, dass für die erfahrene Fernsehjournalistin eines immer im Mittelpunkt stand: der Mensch und seine Geschichte.
„Ich habe mir eigentlich immer mein soziales Umfeld bewahrt, egal wo ich war“, erklärte Christine Kehrer zu Beginn des Gesprächs. Familie und verlässliche Beziehungen seien ihr trotz zahlreicher Auslandsreisen stets wichtig gewesen. Gleichzeitig habe sie immer wieder neue Herausforderungen gesucht, unbekannte Länder bereist und Geschichten entdeckt, häufig ohne große Absicherung. Ihr Lebensmotto „Altes bewahren und Neues wagen“ beschreibt damit nicht nur ihre berufliche Laufbahn, sondern auch ihre persönliche Haltung. Hier ist der Podcast
Dabei war der Journalismus keineswegs von Anfang an ihr festgelegtes Berufsziel. Auf Wunsch ihres Vaters begann Kehrer zunächst ein Betriebswirtschaftsstudium, stellte jedoch schnell fest, dass ihre Interessen anders gelagert waren. Geschichte, gesellschaftliche Zusammenhänge und vor allem Begegnungen mit Menschen faszinierten sie wesentlich mehr. Nach Studien in verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen sammelte sie erste journalistische Erfahrungen bei der Mittelbayerischen Zeitung. Die Arbeit im Lokaljournalismus bezeichnet sie rückblickend als wichtige Schule. „Man hat einen riesigen Respekt vor den Kollegen, die im Lokalen heute sich die Beine ausreißen“, betonte sie.
Eine entscheidende berufliche Prägung erfuhr Kehrer durch den Fernsehproduzenten János Zolcer, für den sie nach ihrer Zeit bei Tele 5 arbeitete. Der aus politischen Gründen geflüchtete Produzent interessierte sich weniger für akademische Abschlüsse als für praktische journalistische Fähigkeiten. Christine Kehrer erinnerte sich daran, wie sie unmittelbar einen Beitrag für den WDR erstellen sollte. Der Sender kaufte die Geschichte, und daraus entwickelte sich eine fast zehnjährige Zusammenarbeit. „Das war eine ganz knochenharte Schule“, berichtete sie. Geregelte Arbeitszeiten habe es praktisch nicht gegeben, dafür aber zahlreiche Möglichkeiten, journalistisch zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln.
Besonders intensiv waren ihre Einsätze in Osteuropa während der politischen Umbrüche nach dem Ende des Kalten Krieges. Christine Kehrer berichtete aus Russland und erlebte die Veränderungen unter Michail Gorbatschow und Boris Jelzin. Die journalistischen Arbeitsbedingungen unterschieden sich grundlegend von heute. Internet, Smartphones und digitale Recherchemöglichkeiten standen nicht zur Verfügung. Informationen mussten über persönliche Kontakte, lokale Mitarbeiter und vertrauenswürdige Netzwerke beschafft werden. „Das Wichtige waren eben authentische, verlässliche Kontakte und ein Netzwerk, dem man vertrauen konnte“, erklärte sie.
Durch die Verbindungen ihres damaligen Produzenten erhielt sie Zugang zu Geschichten, die anderen Journalisten verschlossen blieben. Sie berichtete über gesellschaftliche Veränderungen in Moskau, über wirtschaftliche Entwicklungen, die Technoszene und organisierte Kriminalität. Für das investigative Fernsehmagazin „frontal“ beschäftigte sie sich unter anderem mit Schutzgelderpressung gegen deutsche Unternehmer durch kriminelle russische Netzwerke. Dabei begleitete sie auch einen gefährlichen Polizeieinsatz. Auf die Frage, ob sie damals eine Schutzweste getragen habe, antwortete sie knapp: „Ich hatte keine.“ Rückblickend bezeichnete sie dieses Verhalten selbst als leichtsinnig.
Ihre Erfahrungen in Russland führten auch zu einer politischen Einschätzung, die sie bis heute beschäftigt. Nach ihrer Beobachtung verschwanden die alten Machtstrukturen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion keineswegs vollständig. Vielmehr hätten frühere Eliten ihre wirtschaftliche und politische Macht in veränderter Form behalten. „Es gab eine Öffnung, ja, aber eine richtige Erneuerung, dass Entmachtung stattgefunden hätte, laut meiner Einschätzung eigentlich nicht“, sagte Christine Kehrer.
Noch belastender waren ihre Erfahrungen während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. In Kroatien und anderen Konfliktregionen erlebte sie Gewalt, Zerstörung und menschliches Leid unmittelbar. Besonders die Begegnungen mit verwundeten Kindern und verzweifelten Zivilisten haben sich tief in ihr Gedächtnis eingeprägt. Kehrer schilderte eine Frau, die sie während einer Recherche geradezu anflehte zu bleiben, weil die Anwesenheit der Journalistin für sie eine Art Lebensversicherung bedeutete. Auch die Folgen versteckter Sprengsätze, durch die Kinder schwerste Verletzungen erlitten, gehören zu den Erinnerungen, die sie bis heute begleiten.
„Das geht an die Substanz“, sagte Christine Kehrer über die psychischen Belastungen der Kriegsberichterstattung. Zwar müsse ein Journalist versuchen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und ausgewogen zu berichten. Doch angesichts schwerster Menschenrechtsverletzungen stoße die persönliche Distanz an Grenzen. „Das nimmt einen sehr mit“, räumte sie ein. Hinzu kamen Zensurversuche, Behinderungen bei der Übertragung von Fernsehbeiträgen und Drohungen im Zusammenhang mit investigativen Recherchen.
Schließlich entschied sie sich bewusst, die Kriegsberichterstattung aufzugeben. Sie habe festgestellt, dass die ständige Konfrontation mit Gewalt und die Suche nach immer drastischeren Geschichten ihren Preis forderten. Der zunehmende Quotendruck habe diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Auch angesichts des heutigen Krieges in der Ukraine verspürt Kehrer keinen Wunsch, erneut als Kriegsreporterin zu arbeiten. Die Konflikte seien durch Cyberangriffe, digitale Manipulation und internationale Interessen noch komplexer und unberechenbarer geworden.
Dass Journalismus auch ganz andere Geschichten hervorbringen kann, zeigt eine ihrer ungewöhnlichsten Begegnungen. Für das Bayerische Fernsehen gelang es Kehrer, die als äußerst medienscheu bekannte Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut für ein ausführliches Fernsehporträt zu gewinnen. Zahlreiche Kollegen waren zuvor gescheitert. Kehrer wählte einen ungewöhnlichen Weg: Sie klingelte unangemeldet an Kauts Wohnungstür und stellte eine überraschende Frage. „Wie schafft man es als gebürtige Stuttgarterin, das erste Münchner Kindl zu werden?“ Die Frage wirkte. Kaut ließ sie herein, und aus der Begegnung entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis. Schließlich erklärte die Schriftstellerin gegenüber dem Bayerischen Fernsehen, dass ausschließlich Christine Kehrer das Porträt drehen dürfe.
Für Christine Kehrer ist diese Geschichte ein Beispiel dafür, wie wichtig Vorbereitung, Einfühlungsvermögen und die richtige Interviewtechnik sind. „Es lebt für meine Begriffe immer von den Protagonisten und auch von einer guten Interviewtechnik“, erklärte sie. Nicht allein die Antworten seien entscheidend, sondern vor allem die Fähigkeit des Interviewers, Vertrauen aufzubauen und Menschen zum Erzählen zu bringen. „Das ist schon eine Kunst des Interviewens.“
Diese Haltung prägt auch ihren Blick auf den technischen Wandel der Medien. Smartphones ermöglichen heute hochwertige Videoaufnahmen und die unmittelbare Veröffentlichung von Nachrichten aus nahezu jedem Winkel der Welt. Kehrer sieht darin durchaus Chancen, warnt aber davor, technische Möglichkeiten mit journalistischer Qualität gleichzusetzen. „Was es aber nicht ersetzt, ist ein gutes journalistisches Handwerk.“ Quellen müssten überprüft, Informationen eingeordnet und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden werden. Einfach nur eine Kamera auf ein Ereignis zu richten, reiche nicht aus.
Dabei macht sie keinen grundsätzlichen Qualitätsunterschied zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen. Die Formate, Zielgruppen und Erzählgeschwindigkeiten seien unterschiedlich, das journalistische Handwerk bleibe jedoch dasselbe. Während manche öffentlich-rechtlichen Produktionen mehr Raum für Hintergründe ließen, arbeiteten private Sender häufig mit kürzeren Schnitten, anderer Musik und stärker verdichteten Texten. Entscheidend sei, die jeweilige journalistische Form zu beherrschen.
Eine besondere Anerkennung ihrer Arbeit erhielt Kehrer 2003 mit dem Caritas-Journalistenpreis für ihren Beitrag „Freudentanz“. Darin porträtierte sie eine engagierte Frau, die mit einem interkulturellen Tanzprojekt Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte neue Perspektiven eröffnete. Auch hier stand nicht das spektakuläre Ereignis, sondern eine Persönlichkeit mit ihrer Motivation und ihrem gesellschaftlichen Engagement im Mittelpunkt. „Ich mag Menschen“, brachte Kehrer ihre journalistische Grundhaltung auf den Punkt.
Seit 2011 arbeitet sie für die SOS-Kinderdörfer und verantwortet dort den Bereich TV- und Video-Marketing. Der Wechsel vom klassischen Journalismus in die Kommunikation einer internationalen Hilfsorganisation hatte mehrere Gründe. Neben dem beruflichen Angebot spielte die familiäre Situation eine entscheidende Rolle. Mit zwei schulpflichtigen Kindern und einem ebenfalls beruflich viel reisenden Ehemann wurde die Planbarkeit des Alltags zunehmend wichtiger. Gleichzeitig eröffnete die neue Tätigkeit die Möglichkeit, weiterhin internationale Geschichten zu erzählen und Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu begegnen.
Besonders wichtig ist Christine Kehrer dabei der Schutz der Kinder. Während in der klassischen Kriegsberichterstattung früher häufig drastische Bilder von Leid und Elend gezeigt wurden, gelten bei den SOS-Kinderdörfern strenge Kinderschutzrichtlinien. „Kinderschutz ist die oberste Priorität“, stellte sie unmissverständlich klar. Kinder dürften nicht auf ihre Not reduziert oder durch Filmaufnahmen bloßgestellt werden. Ihre Geschichten müssten in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden, der auch Perspektiven und Hilfsmöglichkeiten sichtbar macht.
Die Kinder selbst werden deshalb nicht zu ihren traumatischen Erlebnissen befragt. Stattdessen kommen beispielsweise Eltern, Betreuungspersonen oder Sozialarbeiter zu Wort. Für Kehrer ist das keine Einschränkung journalistischer Qualität, sondern Ausdruck einer besonderen Verantwortung. „Kinder in ihrer Not, in ihrem Elend, also singulär darzustellen, ist jetzt bei der Marke der SOS-Kinderdörfer absolutes Tabu“, betonte sie.
Auch ihr Engagement im Vorstand des PresseClubs München versteht Kehrer als Ausdruck dieser Verantwortung. Der PresseClub sei für sie weit mehr als ein berufliches Netzwerk. „Der Presseclub ist für mich eigentlich ein Forum, wo ich auch Leute treffe, die meine Geisteshaltung teilen, mit denen man sich auf Augenhöhe austauschen kann.“ Besonders wichtig seien ihr demokratische Werte, journalistische Glaubwürdigkeit und der Austausch unterschiedlicher Perspektiven.
Im Vorstand möchte sie ihre langjährigen Kontakte, ihre internationale Erfahrung und ihre Kenntnisse der Medienbranche einbringen. Dabei sieht sie sich auch als Unterstützerin und Mentorin, die andere Menschen ermutigen möchte, sich zu engagieren. Zugleich gehe es darum, die Bekanntheit und Reichweite des PresseClubs zu stärken und neue Kooperationen zu ermöglichen.
Zum Abschluss des Gesprächs fragte Matthias J. Lange nach jener Geschichte, die Kehrer verwirklichen würde, wenn Geld, Personal und Sendeplätze keine Rolle spielten. Ihre Antwort führte zurück zu den gesellschaftlichen Fragen, die sie seit Jahrzehnten beschäftigen. Sie würde sich mit den Veränderungen durch Cyberkriminalität, digitale Manipulation und Deepfakes auseinandersetzen und untersuchen, wie Glaubwürdigkeit und humanitäre Werte in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft bewahrt werden können.
Dabei interessieren sie nicht nur prominente Persönlichkeiten, sondern gerade jene Menschen, die abseits der großen Öffentlichkeit ihren eigenen Weg durch gesellschaftliche Umbrüche finden. Wie können Werte vermittelt werden, wenn Informationen zunehmend manipulierbar sind? Welche Bedeutung haben Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit in einer Welt, die sich technologisch immer schneller verändert?
Das Gespräch im PresseClub München machte deutlich, dass Christine Kehrer trotz jahrzehntelanger Berufserfahrung ihre journalistische Neugier nicht verloren hat. Wenige Tage nach der Podcastaufzeichnung sollte sie erneut nach Somaliland reisen, um für die SOS-Kinderdörfer zu arbeiten. Ihr beruflicher Weg führte sie von den politischen Umbrüchen Osteuropas über die Schrecken des Krieges bis zur humanitären Kommunikation. Geblieben ist ihre Überzeugung, dass gute Geschichten von Menschen leben und Journalismus mehr bedeutet als das bloße Vermitteln von Informationen.
Oder, wie Christine Kehrer es selbst formulierte: „Ich mag Menschen.“
Ich habe in einem Laden eine Platte gekauft für wenig Geld, die wirklich schrecklich ist. Warum habe ich sie erstanden? Weil ich neugierig war. Es ist eine musikalische Katastrophe zwischen Science-Fiction-Kitsch, elektronischem Größenwahn und unfreiwilliger Komik.
Es handelt sich um das Album von Battlefield Earth vom Oberscientologen  L. Ron Hubbard. Es ist ein musikalisches Kuriosum, das sich jeder vernünftigen Einordnung entzieht. Was hier als monumentales Science-Fiction-Klangerlebnis verkauft wird, entpuppt sich als eine nahezu unerträgliche Mischung aus synthetischem Bombast, musikalischer Selbstüberschätzung und akustischem Irrsinn. Ein Album, das offenbar die Unendlichkeit des Weltraums beschwören will, dabei aber vor allem die Grenzen des guten Geschmacks auslotet. Gut, dass dieses Album für ein Schnäppchenpreis über die Theke ging – der Verkäufer hatte wohl Mitleid. Ich stellte aber sofort klar, dass ich kein Scientology-Anhänger bin – eigentlich das Gegenteil.
Aber zurück zum Album. Das 1982 veröffentlichte Album Space Jazz: The Soundtrack of the Book Battlefield Earth basiert auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard. Schon diese Verbindung lässt nichts Gutes erahnen. Hubbard, der sich nicht gerade durch Bescheidenheit auszeichnete, wollte offenbar nicht nur literarisch ganze Universen erschaffen, sondern ihnen auch gleich noch den passenden Soundtrack verpassen. Das Ergebnis ist eine musikalische Hybris, bei der Anspruch und Wirklichkeit Lichtjahre auseinanderliegen.
Dabei ist die Besetzung durchaus bemerkenswert. Mit Musikern wie Chick Corea und Stanley Clarke sind Namen vertreten, die eigentlich für musikalische Virtuosität und anspruchsvollen Jazz stehen. Doch selbst solche Könner können dieses Projekt nicht retten. Ihre Beteiligung macht das Scheitern sogar noch rätselhafter. Man fragt sich unweigerlich, wie es gelingen konnte, aus derart viel musikalischem Talent ein derart befremdliches Hörerlebnis zu produzieren.
Die Musik selbst schwankt zwischen hektischem Jazzrock, elektronischem Gedudel, pseudo-futuristischen Klangexperimenten und theatralischen Passagen, die selbst einem billigen Science-Fiction-Film der siebziger Jahre peinlich gewesen wären. Immer wieder werden Melodien angedeutet, nur um im nächsten Moment von einer Lawine aus Synthesizergeräuschen, rhythmischen Verrenkungen und überflüssigen Effekten begraben zu werden. Was vermutlich nach einer futuristischen Klanglandschaft klingen sollte, erinnert eher an eine außer Kontrolle geratene Vorführung in einem Elektronikgeschäft.
Besonders problematisch ist die völlige Abwesenheit einer überzeugenden musikalischen Dramaturgie. Die Stücke wirken weniger wie durchkomponierte Werke als vielmehr wie eine Aneinanderreihung von Einfällen, die niemand kritisch hinterfragt hat. Alles muss groß, gewaltig, bedeutungsschwer und möglichst außerirdisch klingen. Doch je mehr sich die Musik anstrengt, desto lächerlicher wird sie. Spannung entsteht kaum, Atmosphäre nur zufällig und wirkliche Emotionen bleiben irgendwo zwischen den elektronischen Klangkulissen auf der Strecke.
Das eigentlich Erschreckende an Battlefield Earth ist jedoch seine penetrante Ernsthaftigkeit. Hier scheint niemand auch nur für einen Augenblick daran gedacht zu haben, dass das gesamte Konzept unfreiwillig komisch wirken könnte. Die Platte nimmt sich selbst so wichtig, dass sie unter dem Gewicht ihrer eigenen Ambitionen zusammenbricht. Man hört förmlich den Anspruch heraus, etwas Revolutionäres geschaffen zu haben. Tatsächlich klingt vieles wie eine musikalische Demonstration dessen, was passiert, wenn ein überdimensioniertes Ego auf technische Spielereien und fehlende künstlerische Selbstkritik trifft.
Auch klangästhetisch ist das Album eine Zumutung. Die elektronischen Effekte wirken heute hoffnungslos antiquiert, ohne dabei jenen nostalgischen Charme zu entwickeln, der viele frühe Synthesizerproduktionen so reizvoll macht. Wo andere Künstler mit elektronischen Instrumenten neue Klangwelten erschlossen, produziert Battlefield Earth vor allem künstliche Aufgeregtheit. Das ist nicht visionär, sondern ermüdend. Nicht experimentell, sondern häufig schlicht geschmacklos. Und nicht etwa mutig avantgardistisch, sondern erschreckend beliebig.
Natürlich besitzt die Platte einen gewissen Kuriositätenwert. Sammler obskurer Veröffentlichungen, Freunde musikalischer Fehlleistungen und Liebhaber bizarrer Science-Fiction-Relikte dürften ihre Freude daran haben. Allerdings eher aus kulturhistorischem Interesse als aus musikalischer Begeisterung. Battlefield Earth ist eine jener Schallplatten, die man einmal auflegt, um herauszufinden, ob sie tatsächlich so grotesk klingt, wie ihr Ruf vermuten lässt. Anschließend wandert sie wahrscheinlich für sehr lange Zeit zurück ins Regal.
Besonders bitter ist, dass hier tatsächlich hervorragende Musiker beteiligt waren. Doch musikalische Klasse allein garantiert noch kein gutes Album. Wenn eine künstlerische Vision derart überladen, selbstverliebt und konzeptuell fragwürdig ist, können auch virtuose Instrumentalisten wenig ausrichten. Das Ergebnis bleibt ein aufgeblasenes Klanggebilde, das sich permanent wichtiger nimmt, als es ist.
Am Ende steht eine Schallplatte, die als musikalische Begleitung eines Science-Fiction-Epos gedacht war, selbst aber wie ein gescheitertes Experiment aus einem Paralleluniversum klingt. Battlefield Earth ist kein vergessenes Meisterwerk, das dringend wiederentdeckt werden müsste. Es ist vielmehr ein faszinierendes Dokument dafür, dass Größenwahn, technische Möglichkeiten und prominente Mitwirkende noch lange keine künstlerische Qualität ergeben.
Mein Fazit: Battlefield Earth ist eine akustische Bruchlandung mit Ansage. Ein Album voller Bombast, ohne wirkliche Größe, voller Effekte, ohne überzeugende Wirkung, und voller musikalischer Aktivität, ohne wirklich etwas zu erzählen. Die Platte möchte uns in ferne Galaxien entführen, doch schon nach wenigen Minuten wünscht man sich nichts sehnlicher als die Rückkehr zur Erde. Wer wissen möchte, wie musikalische Selbstüberschätzung klingt, findet hier ein nahezu perfektes Anschauungsobjekt. Als skurriles Sammlerstück interessant, als ernsthaftes Hörerlebnis weitgehend gescheitert.
Für mich ist Tolkien mehr als nur ein Autor. Er hatte mich mit seinen Geschichten as Jugendlicher in neue Welten entführt und das habe ich nicht vergessen. Daher nimmt das Werk des Briten einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. J. R. R. Tolkien war für mich nicht nur ein begnadeter Geschichtenerzähler, sondern auch ein leidenschaftlicher Sprachkünstler und Dichter. Seine Sammlung „Lieder der Hobbits“ eröffnet einen besonderen Zugang zur Welt von Mittelerde. Die Gedichte und Lieder spiegeln die Lebensfreude, den Humor, die Sehnsüchte und die Melancholie jener kleinen Geschöpfe wider, die in Tolkiens großen Werken eine so entscheidende Rolle spielen. Dabei reicht die Stimmung von heiteren Versen über gesellige Zusammenkünfte bis hin zu nachdenklichen Betrachtungen über Freundschaft, Heimat, Abenteuer und Vergänglichkeit. Gerade die scheinbar einfachen Lieder zeigen Tolkiens außergewöhnliches Gespür für Rhythmus, Sprache und die Erschaffung einer glaubwürdigen Mythologie. Die liebevolle Gestaltung mit einer Illustration im typischen Tolkien-Stil macht die kleine Ausgabe zusätzlich reizvoll. „Lieder der Hobbits“ ist eine schöne Ergänzung für Liebhaber von „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ und erinnert daran, dass Mittelerde nicht allein aus großen Schlachten und heldenhaften Taten besteht, sondern auch aus Musik, Poesie und der Freude an den kleinen Dingen des Lebens. Die drei Büchlein sind inzwischen vergriffen, aber als Gebrauchbuch noch erhältlich.
Seine Verse leben von einem ausgeprägten Gefühl für Sprachrhythmus, Klang und musikalische Strukturen. Tolkien, der sich intensiv mit altenglischer und mittelalterlicher Dichtung beschäftigte, greift auf traditionelle Reimformen, Alliterationen und volksliedhafte Wiederholungen zurück. Manche Gedichte besitzen die Leichtigkeit von Kinderreimen, andere erinnern an alte Balladen oder melancholische Volksweisen. Besonders reizvoll ist der Wechsel zwischen scheinbar naiver Heiterkeit und überraschender philosophischer Tiefe. Hinter einfachen Worten verbergen sich Gedanken über die Vergänglichkeit des Lebens, die Sehnsucht nach Heimat, den Lauf der Zeit und die Ungewissheit des Schicksals.
Die Lyrik der Hobbits zeichnet sich besonders durch ihre Bodenständigkeit aus. Essen, Trinken, Wandern, Natur und Geselligkeit werden zu poetischen Motiven. Tolkien erhebt das Alltägliche zum Gegenstand der Dichtung und verleiht ihm damit eine besondere Würde. Gleichzeitig durchzieht viele seiner Verse eine leise Melancholie. Das Vertraute ist kostbar, weil es verloren gehen kann. Gerade dieser Gegensatz zwischen Lebensfreude und Vergänglichkeit macht den besonderen Reiz seiner Gedichte aus.
Interessant ist auch Tolkiens spielerischer Umgang mit Sprache. Wortwitz, ungewöhnliche Bilder, rhythmische Überraschungen und gelegentlich absurde Einfälle zeigen einen Autor, der Freude am Experimentieren besitzt. Seine Gedichte funktionieren häufig auch unabhängig von den großen Erzählungen Mittelerdes. Sie lassen sich laut lesen, besitzen einen eigenen musikalischen Charakter und erinnern daran, dass Dichtung ursprünglich eng mit dem gesprochenen und gesungenen Wort verbunden war. „Lieder der Hobbits“ ist deshalb weit mehr als eine literarische Zugabe für Tolkien-Fans. Die Sammlung eröffnet einen Zugang zu einem Schriftsteller, dessen Fantasie nicht allein aus epischen Schlachten, erfundenen Sprachen und komplexen Mythologien bestand. In seiner Lyrik zeigt sich Tolkien als genauer Beobachter des Lebens, als Sprachmusiker und als Dichter, der selbst den kleinen Dingen einen Hauch von Ewigkeit verleihen konnte.
Er bringt internationale Gitarrenvirtuosen nach Maisach, organisiert Konzerte und Kabarettabende, begeistert sich für Veranstaltungstechnik und scheut auch vor großen Projekten nicht zurück. Hans-Dieter Scherer, den die meisten Menschen in Maisach einfach als „HD“ kennen, gehört seit Jahrzehnten zu den engagierten Kulturmachern der Gemeinde Maisach. Beim BistroTalk im Bistro SixtyFour sprach er mit Gastgeber Matthias J. Lange über seine ungewöhnliche Lebensgeschichte, musikalische Leidenschaften, spektakuläre Konzerterlebnisse, wirtschaftliche Risiken und die Schwierigkeiten, in einer Gemeinde kulturelle Angebote zu schaffen. Dabei wurde deutlich: Scherer ist ein Mann, der lieber handelt, als lange zu diskutieren.
„Einfach machen, riskieren, Mut haben, ausprobieren.“ Mit diesen Worten beschreibt Hans-Dieter Scherer seine Lebenseinstellung. Es ist ein Motto, das sich wie ein roter Faden durch seine Biografie zieht. Der Sponsor der Veranstaltung war das Zentrum für Gesundheit Dombo. Hier die Aufzeichnung des Live-Streams.
Der gebürtige Maisacher hat im Laufe seines Lebens erstaunlich viele unterschiedliche Tätigkeiten ausgeübt. Er arbeitete als Kfz-Mechaniker, beschäftigte sich mit Mediengestaltung und Webdesign, sammelte Erfahrungen beim Fernsehen und entwickelte sich schließlich zu einem Konzertveranstalter, der weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist. Eine geradlinige Karriere war das nicht. Doch Scherer betrachtet seine beruflichen Wechsel keineswegs als Nachteil. „Ich mache eigentlich hauptsächlich Sachen, die mir Spaß machen“, erklärte er im Gespräch. Schon früh habe er gewusst, welche Tätigkeiten er nicht ausüben wollte. Stattdessen sei er seinen Interessen gefolgt und habe neue Herausforderungen angenommen. „Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gesagt habe: Nicht nur rumquatschen, sondern einfach auch mal machen.“ Geprägt wurde er durch seine Familie und das handwerkliche Umfeld. Sein Vater betrieb ein Baugeschäft in Maisach, in dem Scherer bereits als Jugendlicher mitarbeitete und praktische Erfahrungen sammelte. Auch seine Linkshändigkeit spielte nach eigener Einschätzung eine Rolle. Während sein Vater ihn ursprünglich zum Rechtshänder umerziehen wollte, setzte sich eine Grundschullehrerin dafür ein, dass er seine natürliche Veranlagung behalten durfte. Scherer entwickelte dadurch nach eigener Darstellung eine besondere Freude daran, unterschiedliche handwerkliche und technische Fähigkeiten auszuprobieren. Seiner Heimatgemeinde ist er bis heute verbunden. Familie, Freunde und das Elternhaus seien wichtige Gründe, weshalb er Maisach trotz zahlreicher Reisen und beruflicher Veränderungen nie dauerhaft verlassen wollte. Hinzu kommt ein weiterer Antrieb: der Wunsch, das kulturelle Leben vor Ort zu bereichern.
Dass Heimatverbundenheit nicht zwangsläufig Provinzialität bedeutet, zeigt Scherers Reisebiografie. Immer wieder zog es ihn in andere Länder, wo er ungewöhnliche Erfahrungen sammelte und sich auf neue Situationen einließ. Nach dem Ende einer Beziehung verbrachte er ein halbes Jahr auf einem biologisch bewirtschafteten Bauernhof in Spanien. Ohne Spanischkenntnisse angekommen, lernte er die Sprache im Alltag und gewann gleichzeitig wichtige Erkenntnisse über seine eigenen Lebensvorstellungen. Dort begegnete er zahlreichen deutschen Auswanderern und beobachtete, wie schwer es vielen fiel, sich dauerhaft in ihrer neuen Heimat einzuleben. „Da habe ich sofort gewusst: Das ist nicht meins“, erinnerte er sich. Für ihn stand fest, dass er immer wieder nach Maisach zurückkehren wollte. In Kanada half er einem Freund beim Bau eines Holzhauses und arbeitete dabei mit kanadischen Zimmerleuten zusammen. Neben der handwerklichen Erfahrung lernte er Land und Leute kennen, besuchte Country-Bars und die Niagarafälle. Auch diese Reise hinterließ bleibende Eindrücke, änderte jedoch nichts an seiner Heimatverbundenheit. Besonders ungewöhnlich waren seine Aufenthalte in Indien und Mexiko. Für einen Bekannten, der Naturprodukte vertrieb, suchte Scherer in Bombay nach traditionellen Kajalstiften und in Mexiko nach der sogenannten Rose von Jericho. Die Wüstenpflanze, die sich bei Kontakt mit Wasser entfaltet, wurde anschließend nach Deutschland gebracht. Auf diese Weise verband Scherer seine Reiselust mit praktischen Aufgaben. Dieses Prinzip verfolgt er bis heute. Seine Gitarrenworkshops in Österreich ermöglichen es ihm, Organisation, Musik und Reisen miteinander zu verbinden. „Ich kann organisieren, bin dort, höre Musik und habe super Leute um mich herum“, beschrieb er die Vorteile.
Die Leidenschaft für Musik begann bereits in seiner Jugend. Mit etwa 13 Jahren bekam Scherer von seinen beiden Schwestern zwei Musikkassetten geschenkt: eine mit Musik der Beatles und eine mit Liedern von Donovan. „Die habe ich rauf und runter gehört“, erinnerte er sich. Später nahm er Musik aus dem Radio auf und entwickelte ein immer breiteres Interesse an unterschiedlichen Stilrichtungen. Auch selbst musizierte Scherer. Als Jugendlicher spielte er Posaune und trat unter anderem gemeinsam mit einem späteren Mitglied der bekannten bayerischen Musikerfamilie Well auf. Sogar ein gemeinsames Konzert in der Jahnhalle Fürstenfeldbruck gehörte zu seinen frühen musikalischen Erfahrungen. Zur Gitarre entwickelte er eine besondere Beziehung, auch wenn er selbst nie zum Gitarrenvirtuosen wurde. Als Linkshänder habe er damals nicht gewusst, dass es spezielle Gitarren für Linkshänder gibt. Auf der Bühne stand er dennoch gelegentlich als Sänger, allerdings ohne daraus eine eigene Musikerkarriere zu machen. Der eigentliche Einstieg in die Konzertorganisation erfolgte über Veranstaltungen in Maisach. Rund 20 Jahre lang war Scherer an einem Hobbyfußballturnier beteiligt, bei dem auch regionale Bands auftraten. Zu den Musikern gehörte unter anderem Wally Warning. So entstanden erste Kontakte zur professionellen Musikszene. Entscheidend wurde später die Zusammenarbeit mit dem damaligen Maisacher Brauereichef Benno Wieser, der die Konzertreihe „Beer & Guitar“ ins Leben gerufen hatte. Gemeinsam besuchten sie die Musikmesse in Frankfurt. Dort begegneten sie internationalen Gitarristen wie Jacques Stotzem, Joscho Stephan und Tommy Emmanuel. Scherer setzte dabei auf persönliche Gespräche statt auf formelle Anfragen über Agenturen. Aus Begegnungen wurden Kontakte und aus Kontakten schließlich Konzerte. Als Wieser die Reihe nicht mehr weiterführen konnte, übernahm Scherer die Organisation.
Dass international bekannte Musiker in einer vergleichsweise kleinen Gemeinde auftreten, ist für Scherer vor allem eine Frage des persönlichen Netzwerks. Viele Künstler kennt er inzwischen seit Jahren. Andere werden ihm von Konzertbesuchern empfohlen oder melden sich selbst bei ihm. „Ich habe so viele Kontakte, dass ich das hauptsächlich direkt mache, ohne Agenturen“, erklärte er. Gerade bei Gitarristen funktioniere diese persönliche Ansprache häufig sehr gut. Dabei nutzt Scherer geschickt bestehende Tourneepläne. Wenn ein Musiker aus Australien oder Kanada ohnehin durch Europa reist, kann Maisach zu einer zusätzlichen Station werden. So lassen sich hohe Reisekosten vermeiden. Als Beispiel nannte er den australischen Gitarristen Michael Fix, der für Herbst 2027 wieder eine Europatournee plant. Entscheidend ist für Scherer jedoch nicht allein der Bekanntheitsgrad eines Künstlers. Die Musik muss ihm selbst gefallen und zum Publikum passen. Neue Namen entdeckt er über Empfehlungen, persönliche Kontakte und Videos im Internet. Dabei hört er genau hin, bevor er sich für eine Verpflichtung entscheidet. Sein Publikum ist über die Jahre gewachsen und anspruchsvoller geworden. Viele Besucher spielen selbst Gitarre und wissen die technischen Fähigkeiten der auftretenden Musiker zu schätzen. „Für die ist das ein Wahnsinn, dass solche Leute überhaupt kommen“, sagte Scherer. Die Nähe zur Großstadt München empfindet er nicht als Konkurrenz. Im Gegenteil: Gerade die überschaubare Atmosphäre seiner Konzerte sei ein entscheidender Vorteil. Während in manchen Münchner Musiklokalen während eines Auftritts weitergeredet werde, herrsche in Maisach eine besondere Aufmerksamkeit. „Zu mir in den Keller kommen die Leute und hören zu. Das ist wirklich ein interessiertes Publikum.“ Dass sich dieses Konzept durchsetzen würde, war keineswegs selbstverständlich. „Es hat schon vier, fünf Jahre gedauert, bis das hier angekommen ist“, erinnerte sich Scherer. Heute reisen Konzertbesucher aus Starnberg und teilweise sogar aus Österreich an.
Zu den Höhepunkten seiner Veranstalterlaufbahn zählt Scherer das Konzert von LaBrassBanda beim Maisacher Volksfest 2017. Rund 2000 Menschen feierten damals im Festzelt die bayerische Band. „Das war genial. Diese ganze Menge hat getanzt, das war wunderschön“, schwärmte Scherer noch Jahre später. Möglich wurde die Veranstaltung durch persönliche Kontakte. Sein Tontechniker Flo Leitwieser arbeitete auch für LaBrassBanda und konnte den Kontakt zur Band herstellen. Anschließend mussten die Verhandlungen mit dem Management geführt und die Veranstaltung gemeinsam mit der Gemeinde und dem Festwirt geplant werden. Ein Konzert dieser Größenordnung ist allerdings mit erheblichen finanziellen Risiken verbunden. Scherer erläuterte, dass allein für eine bekannte Band eine Gage in der Größenordnung von 35.000 Euro anfallen könne. Hinzu kommen Kosten für Technik, Werbung, Personal und Unterbringung. Bei rund 2000 erwarteten Besuchern müsse deshalb sorgfältig kalkuliert werden, welcher Eintrittspreis erforderlich sei, um sämtliche Ausgaben zu decken. „Da kannst du runterrechnen, wie viel die Eintrittskarte kosten muss, dass zumindest noch ein kleiner Gewinn herauskommt.“ Auch die logistischen Anforderungen sind erheblich. Eine größere Band reist mit Technikern und weiteren Mitarbeitern an. Bis zu 20 Personen müssen untergebracht, versorgt und betreut werden. Hinzu kommen Bühnenaufbau, Stromversorgung, Sicherheitsfragen und die Abstimmung mit zahlreichen Beteiligten. Wenn schließlich alles vorbereitet ist und das Konzert beginnt, kann Scherer die Musik genießen. „Dann halte ich mich raus, dann genieße ich“, sagte er lachend.
Nicht jede Veranstaltung wird allerdings zum Erfolg. Scherer berichtete auch von Konzerten, bei denen organisatorisch oder wirtschaftlich einiges schiefging. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Auftritt eines tschechischen Gitarristen im Jahr 2008. Während seine Konzerte normalerweise gut besucht waren, erschienen an diesem Abend lediglich vier Zuschauer. Der Grund war nach Scherers Einschätzung ein parallel stattfindendes Fußballspiel zwischen Bayern München und der damals besonders erfolgreichen TSG Hoffenheim. Der Musiker spielte trotzdem sein Konzert. Für Scherer war das eine wichtige Erfahrung. Gerade in Bayern müsse man bei der Terminplanung auch den Fußballkalender berücksichtigen. Das sei allerdings schwierig, weil konkrete Spielansetzungen häufig erst vergleichsweise kurzfristig feststehen. Auch technische Pannen gehören zum Veranstalteralltag. Bei einem Konzert des Bluesmusikers Abi Wallenstein kam es wiederholt zu unangenehmen Rückkopplungen. Mehrfach wurde das Mikrofon ausgetauscht, bevor sich herausstellte, dass die Ursache in der Position eines Lautsprechers auf der Bühne lag. Solche Erfahrungen zeigen, dass selbst kleine Konzerte erhebliche technische Anforderungen stellen.
Besonders schwierig war für Scherer die Corona-Pandemie. Als Konzerte in geschlossenen Räumen kaum möglich waren, entwickelte er gemeinsam mit Verantwortlichen der Maisacher Brauerei alternative Veranstaltungskonzepte. Die Idee war, mit kleinen Bühnen ins Freie auszuweichen. Unter anderem wurden Veranstaltungen beim Schützenheim in Maisach und in Gernlinden organisiert. Dort trat auch die Kabarettistin Franziska Wanninger auf. Der erhoffte Erfolg blieb allerdings aus. Nur wenige Besucher kamen zu den Veranstaltungen. „Es kamen ganz, ganz wenige Leute“, erinnerte sich Scherer. Finanziell konnten die Verluste teilweise durch die Unterstützung der Brauerei aufgefangen werden. Dennoch bereut er diese Versuche nicht. Sie entsprachen seiner grundsätzlichen Einstellung, auch unter schwierigen Bedingungen nach Lösungen zu suchen. Nach dem Ende der Pandemie dauerte es nach seiner Beobachtung etwa ein weiteres Jahr, bis sich das Publikum wieder an regelmäßige Konzertbesuche gewöhnt hatte. Inzwischen funktioniere das Geschäft wieder gut. Reine Streamingveranstaltungen sind für Scherer dagegen keine Alternative. Ihm geht es um die unmittelbare Begegnung zwischen Künstlern und Publikum.
Im Gespräch mit Matthias J. Lange berichtete Scherer auch von Veranstaltungsprojekten, die nie verwirklicht wurden. Besonders spektakulär war die Idee, die australische Rockband AC/DC auf das Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck zu holen. Der frühere Brauereichef Benno Wieser verfügte nach Scherers Angaben über persönliche Kontakte zur Familie der Band in Schottland. Gemeinsam überlegten sie, ob sich ein großes Konzert auf dem weitläufigen Gelände organisieren ließe. Die Idee scheiterte letztlich an den unklaren Nutzungsmöglichkeiten und den fehlenden organisatorischen Voraussetzungen. Auch mögliche Großkonzerte auf einem geplanten Trabrennbahnareal blieben Gedankenspiele. Ein weiteres Projekt entstand gemeinsam mit Markus Libal. Auf dem ehemaligen Volksfestplatz in Maisach sollte eine dauerhafte Infrastruktur für Kulturveranstaltungen geschaffen werden. Vorgesehen waren unter anderem feste Toilettenanlagen, Stromanschlüsse und Möglichkeiten für Open-Air-Konzerte. Doch auch dieses Vorhaben wurde nicht umgesetzt. Nach Scherers Darstellung veränderten sich die Voraussetzungen durch die Verpachtung des Geländes. Inzwischen konzentriert sich Scherer bewusst wieder stärker auf kleinere Veranstaltungen und seine Gitarrenworkshops. Diese finden unter anderem in Österreich statt und sollen möglicherweise weiter ausgebaut werden.
Neben der Musik begeistert sich Scherer seit seiner Kindheit für Technik. Schon früh beschäftigte er sich mit Fischertechnik, Lego, Elektromotoren und selbst gebauten Radios. Später kamen Erfahrungen aus der Fernseh- und Medienbranche hinzu. Heute besitzt er eigene Tonanlagen und kümmert sich bei vielen Veranstaltungen selbst um technische Fragen. Dabei ist er keineswegs ein bedingungsloser Anhänger moderner Digitaltechnik. „Ich bin noch analog unterwegs“, erklärte er. Er arbeitet weiterhin gerne mit klassischen Mischpulten und setzt auf bewährte Mikrofone und Lautsprecher. Entscheidend sei nicht die teuerste Technik, sondern die Fähigkeit, richtig zuzuhören. Scherer kritisierte, dass bei manchen Konzerten Gesang und Instrumente schlecht aufeinander abgestimmt seien. „Ein guter Tontechniker muss das hören. Der muss auch mal nach vorne gehen, in die Ecke gehen und nach hinten gehen, um einen akustischen Eindruck zu bekommen.“ Besonders wichtig ist für ihn die Raumakustik. Kahle Wände erzeugen unangenehmen Nachhall, während Vorhänge, Holzverkleidungen und andere Oberflächen den Klang verbessern können. Auch das Publikum verändert die akustischen Bedingungen. Ein voller Saal absorbiert Schall und macht es notwendig, während des Konzerts nachzuregeln. Mit modernen Möglichkeiten wie Autotune und künstlicher Intelligenz beschäftigt sich Scherer durchaus interessiert. Dennoch bevorzugt er handgemachte Musik. „Ich stehe eher auf ehrliche Musik, wo ehrlich Gitarre gespielt und ehrlich gesungen wird“, betonte er. Diese Haltung spiegelt sich auch in seinem privaten Musikgeschmack wider. Er hört Rockmusik, Klassiker der 1960er- und 1970er-Jahre sowie akustische Gitarrenmusik. Zu den Künstlern, die er selbst live erlebt hat, gehören David Bowie, Iggy Pop und die Stranglers. Dass musikalische Klassiker auch bei jüngeren Generationen funktionieren, erlebt er in seiner eigenen Familie. Schmunzelnd erzählte er, wie ihm seine Kinder einmal begeistert eine vermeintlich neue musikalische Entdeckung vorspielten: „Smoke on the Water“ von Deep Purple.
Bei aller Begeisterung bleibt die Organisation von Konzerten eine wirtschaftliche Herausforderung. Scherer übernimmt viele Aufgaben selbst: Künstlerkontakte, Vertragsverhandlungen, Werbung, Internetauftritt, Plakatierung, Technik, Hotelbuchungen und die Abrechnung mit Verwertungsgesellschaften. Hinzu kommen gesetzliche Verpflichtungen und Kosten etwa für GEMA und Künstlersozialabgabe. Rechnet man die aufgewendete Arbeitszeit vollständig ein, bleibt häufig nur ein geringer finanzieller Ertrag. „Das darf man gar nicht nachrechnen, die Zeit, die man da aufwendet“, sagte Scherer. Er betonte allerdings, dass er seine Veranstaltungen nicht ausschließlich ehrenamtlich organisiere. Ein kleiner Überschuss solle möglichst entstehen. Davon leben könne er jedoch nicht. „Das Ganze ist natürlich eine Leidenschaftsgeschichte. Das macht mir Spaß.“ Sein Ziel sei es, kulturell interessante Veranstaltungen anzubieten und gleichzeitig das finanzielle Risiko überschaubar zu halten. Bei kleineren Konzerten sei er bereits zufrieden, wenn Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen seien. Gerade diese Verbindung aus persönlichem Engagement und unternehmerischem Risiko macht die Situation privater Kulturveranstalter deutlich. Sie schaffen Angebote, die das kulturelle Leben einer Gemeinde bereichern, tragen aber einen erheblichen Teil des wirtschaftlichen Risikos selbst.
Deutlich wurde Scherer, als das Gespräch auf die Kulturpolitik der Gemeinde Maisach kam. Zwar würdigte er ausdrücklich bestehende Angebote wie den Winterzauber, den Künstlermarkt und die Leistungen örtlicher Musikgruppen. Insgesamt sieht er jedoch erheblichen Verbesserungsbedarf. Besonders kritisch beurteilt er die geplante Abschaffung der öffentlichen Anschlagtafeln in Maisach. Diese seien für Veranstalter eine wichtige Werbemöglichkeit und würden insbesondere von älteren Menschen genutzt, die sich nicht ausschließlich digital informieren. „Die Entscheidung finde ich absolut falsch“, sagte Scherer. Er berichtete von einem Gespräch mit Bürgermeister Hans Seidl, bei dem die Bedeutung der Plakatwerbung unterschiedlich eingeschätzt worden sei. Nach Scherers Darstellung verwies der Bürgermeister auf digitale Informationsmöglichkeiten. Scherer hielt dagegen, dass bei Wahlkämpfen schließlich ebenfalls weiterhin Plakate eingesetzt würden. Auch die Regelung, nach der kommerzielle Veranstaltungen nicht im gemeindlichen Mitteilungsblatt angekündigt werden können, kritisierte er. Gerade kleinere private Kulturveranstalter seien auf solche Informationsmöglichkeiten angewiesen. „Das wäre echt interessant, dann würde es auch jeder in der Gemeinde Maisach mitkriegen“, erklärte er. Scherer sieht darin eine grundsätzliche Frage: Welche Unterstützung erhalten Menschen, die außerhalb klassischer Vereinsstrukturen kulturelle Angebote organisieren? Er selbst sei kein Verein, leiste aber seit Jahrzehnten Kulturarbeit für die Gemeinde. Deshalb wünsche er sich mehr Offenheit gegenüber privaten Initiativen. Auch die fehlenden Veranstaltungsräume seien ein Problem. Durch die Schließung des Bürgerzentrums Gernlinden habe sich die Situation weiter verschärft. Zwar habe er dort früher bereits Veranstaltungen organisiert, doch grundsätzlich wünsche er sich Räume mit einer angenehmen Atmosphäre, die auch für kleinere Konzerte geeignet seien. Moderne Gemeindebauten empfindet er teilweise als zu kühl und steril. Gerade bei Musikveranstaltungen sei die Atmosphäre jedoch entscheidend.
Auf die Frage nach seinem größten Wunsch an die Maisacher Kommunalpolitik musste Scherer nicht lange überlegen. „Einen schönen, tollen Veranstaltungsraum, einen Konzertsaal. Das wäre schon mal sehr interessant.“ Darüber hinaus wünscht er sich mehr Austausch zwischen Kulturveranstaltern und politischen Entscheidungsträgern. Nach seiner Darstellung habe es bislang kaum Möglichkeiten gegeben, gemeinsam über kulturelle Projekte und neue Veranstaltungsformate zu sprechen. Seine Erfahrungen mit einzelnen kommunalpolitischen Ansprechpartnern schilderte er kritisch. Mehrere Ideen seien nicht weiterverfolgt worden, und er habe sich mit seinen Vorschlägen nicht ausreichend wahrgenommen gefühlt. Dabei machte Scherer deutlich, dass er sich keineswegs nur als Vertreter einer bestimmten Musikrichtung versteht, sondern ein breites kulturelles Angebot im Blick hat. Trotz dieser Enttäuschungen will er weitermachen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte haben ihm gezeigt, dass sich Beharrlichkeit auszahlen kann. Zu Beginn seiner Konzertreihe kamen nur wenige Besucher aus Maisach. Viele reisten aus anderen Gemeinden an. Inzwischen hat sich das verändert. Immer mehr Maisacher entdecken die Veranstaltungen vor ihrer Haustür. Für Scherer ist das eine wichtige Bestätigung seiner Arbeit. Er hat sich ein Publikum aufgebaut, internationale Künstler in die Gemeinde gebracht und bewiesen, dass anspruchsvolle Musik auch außerhalb großer Städte erfolgreich sein kann.
Das Gespräch im Bistro SixtyFour zeigte einen Menschen, dessen Lebensgeschichte von Neugier, Tatendrang und einer bemerkenswerten Vielseitigkeit geprägt ist. Hans-Dieter Scherer ist Handwerker, Techniker, Organisator und Musikliebhaber zugleich. Vor allem aber ist er jemand, der Menschen zusammenbringen möchte. „Ich hasse Streit, ich hasse schlechte Stimmung“, sagte er über seine persönliche Einstellung. Harmonie, gegenseitiger Respekt und gemeinsame Freude seien ihm wichtig. Vielleicht erklärt gerade diese Haltung einen Teil seines Erfolgs. Denn Konzerte entstehen nicht allein durch Verträge, Technik und Eintrittskarten. Sie leben von persönlichen Beziehungen, Vertrauen und der Bereitschaft, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Scherer hat in Maisach über Jahrzehnte ein kulturelles Netzwerk aufgebaut, das weit über die Gemeindegrenzen hinausreicht. Seine Erfahrungen zeigen aber auch, wie viel persönlicher Einsatz notwendig ist, damit kulturelle Vielfalt im ländlichen Raum entstehen kann. Zum Abschluss bedankte sich Gastgeber Matthias J. Lange bei seinem Gast für das offene Gespräch. Sein Fazit: Scherer sei eine faszinierende Persönlichkeit, die noch viele weitere Geschichten erzählen könnte. Der Konzertveranstalter nahm das Kompliment mit einem Lächeln entgegen. „Ich könnte auch viel mehr erzählen.“ Die vielleicht wichtigste Botschaft des Abends blieb jedoch sein Lebensmotto: „Einfach machen.“
Der BistroTalk wurde im Bistro SixtyFour in Maisach aufgezeichnet. Matthias J. Lange dankte den Gastgebern Uwe und Ruby Flügel für die Bereitstellung der Räumlichkeiten sowie Norman Dombo vom Zentrum für Gesundheit Maisach für die Unterstützung der Gesprächsreihe. Der nächste BistroTalk ist für den 11. November vorgesehen. Dann wird Friseurmeisterin Monika Huber über die Herausforderungen des Friseurhandwerks in einer kleineren Gemeinde sprechen.
Während ich arbeite, höre ich auf meiner alten Braun-Anlage immer wieder Vinyl-Scheiben. Hier meine Käufe im Monat Oktober 2026, vielleicht ist ja was für euch dabei.
„Rubber Soul – Special Edition Super Deluxe“ von The Beatles
Es gibt Alben, die eine Karriere markieren, und es gibt Alben, die eine Tür aufstoßen, durch die anschließend eine ganze Musikwelt marschiert. „Rubber Soul“ gehört zur zweiten Kategorie. Am 3. Dezember 1965 veröffentlicht, steht das sechste Studioalbum der Beatles genau an jener faszinierenden Schwelle, an der sich die vier Musiker von der erfolgreichsten Popband ihrer Zeit zu einer experimentierfreudigen Studioband verwandelten. Die am 2. Oktober 2026 veröffentlichte „Special Edition Super Deluxe“ macht diesen Übergang nun so detailliert hörbar wie nie zuvor.
„Rubber Soul“ ist noch nicht „Revolver“, erst recht nicht „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“. Und genau das macht seinen besonderen Reiz aus. Man hört noch die Beatles der Beatlemania, die Melodien scheinbar mühelos aus dem Ärmel schütteln können. Gleichzeitig scheint ihnen das traditionelle Popformat plötzlich zu eng zu werden. Folk, Soul, Rhythm & Blues, indische Musik und erste psychedelische Ideen sickern in die Songs ein. Vor allem aber verändern sich die Texte. Beziehungen sind nicht mehr einfach nur romantisch. Sie werden kompliziert, verletzend, zweideutig und manchmal erstaunlich düster.
Schon „Drive My Car“ macht deutlich, dass die Beatles 1965 anders klingen wollen. Der Song besitzt einen selbstbewussten Groove, Paul McCartneys Bass wird zunehmend zum eigenständigen melodischen Instrument. Danach folgt mit „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)“ einer jener Momente, die rückblickend wie ein Wegweiser in die Zukunft wirken. George Harrisons Sitar ist hier nicht bloß exotische Dekoration. Sie öffnet das Klangbild der westlichen Popmusik für Einflüsse, die in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen sollten.
Dann kommt „Nowhere Man“. John Lennon schreibt plötzlich nicht mehr über eine konkrete Liebesbeziehung, sondern über Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel. Der Popstar schaut nach innen. Auch deshalb ist „Rubber Soul“ ein Schlüsselalbum: Die Beatles entdecken, dass ein Popsong praktisch jedes Thema behandeln kann.
McCartneys „Michelle“ setzt einen völlig anderen Akzent. Französische Textzeilen, akustische Gitarren und eine beinahe chansonartige Eleganz stehen neben George Harrisons bissigem „Think For Yourself“, dessen verzerrter Bass bereits den experimentellen Beatles-Sound der kommenden Jahre ankündigt. „The Word“ wiederum lässt musikalisch und inhaltlich bereits jene Atmosphäre erahnen, die wenig später mit der psychedelischen Gegenkultur verbunden werden sollte.
Und dann ist da „In My Life“. Es gehört zu den schönsten Lennon-Kompositionen überhaupt. Erinnerung, Verlust, Freundschaft und Liebe werden auf gut zwei Minuten verdichtet. George Martins berühmtes, beschleunigt wiedergegebenes Klaviersolo wirkt wie ein barockes Miniaturstück mitten in einem Popsong. Besonders reizvoll an der neuen Edition ist deshalb ein bislang ungenutztes Orgelsolo aus der Entstehungsphase. Giles Martin berichtete, dass sein Vater zunächst tatsächlich mit einer Orgel experimentiert hatte, bevor die bekannte Klavierlösung entstand. Gerade solche Momente rechtfertigen eine Super-Deluxe-Ausgabe. Ein neuer Mix, ohne das Jahr 1965 zu zerstören
Im Mittelpunkt steht der neue Stereomix von Giles Martin und Sam Okell, der direkt auf den ursprünglichen Vier-Spur-Masterbändern basiert. (The Beatles) Das ist bei „Rubber Soul“ besonders interessant, denn die Stereoabmischungen der frühen Beatles-Alben wirken aus heutiger Sicht teilweise extrem: Gesang auf einer Seite, Instrumente auf der anderen. Was in den sechziger Jahren unter den technischen Bedingungen der damaligen Stereowiedergabe funktionierte, kann über Kopfhörer heute mitunter befremdlich wirken.
Der neue Mix versucht nicht, aus den Beatles eine Band des Jahres 2026 zu machen. Vielmehr wird das vorhandene Material räumlich neu geordnet. Stimmen und Instrumente wirken natürlicher miteinander verbunden. Ringo Starrs Schlagzeug erhält mehr Präsenz, McCartneys Bass gewinnt Kontur und die Gesangsharmonien von Lennon, McCartney und Harrison lassen sich teilweise verblüffend deutlich verfolgen. Das Ergebnis ist keine Revolution des Materials, sondern eine behutsame Restaurierung seiner Wirkung. „Rubber Soul“ klingt größer und transparenter, ohne seine Wärme zu verlieren.
Dabei bleibt die Original-Mono-Fassung unverzichtbar. Sie ist in der Super-Deluxe-Box ebenfalls enthalten. Gerade bei den Beatles der sechziger Jahre sollte Mono keineswegs als technisch minderwertige Variante verstanden werden. Es war damals das zentrale Format, auf dessen Mischung erhebliches Augenmerk gelegt wurde. Die Gegenüberstellung mit dem neuen Stereo-Mix ist deshalb ausgesprochen reizvoll: Hier die historische Verdichtung, dort die moderne räumliche Auflösung.
Die Sessions sind der eigentliche Schatz. Für Beatles-Sammler liegt der größte Reiz jedoch in den Sessions und Demos. Die Vinyl-Super-Deluxe-Ausgabe verteilt 26 solcher Aufnahmen auf zwei LPs; die 4-CD-Version bietet auf ihrer Session-CD 28 Titel inklusive der 2023er Mixe von „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“.
Und hier wird aus einer Wiederveröffentlichung beinahe eine musikalische Dokumentation. Besonders faszinierend sind gleich drei Entwicklungsstufen von „Norwegian Wood“. Man kann verfolgen, wie die Beatles nach Klang, Tempo und Arrangement suchen. Der Klassiker erscheint plötzlich nicht mehr als fertige Eingebung, sondern als Ergebnis eines kreativen Prozesses.
Ähnlich aufschlussreich ist „I’m Looking Through You“. Mehrere frühe Fassungen zeigen, wie stark sich ein Beatles-Song während der Studioarbeit noch verändern konnte. Was auf dem fertigen Album selbstverständlich und leichtfüßig klingt, war das Resultat von Versuchen, verworfenen Ideen und neuen Anläufen. Auch „Michelle“ darf gewissermaßen beim Erwachsenwerden beobachtet werden: Eine Gitarrenprobe und Take 1 führen zurück an den Anfang eines Songs, der später zu einem der bekanntesten McCartney-Stücke überhaupt wurde. Bei „Day Tripper“ geht die Edition sogar noch näher an den Ursprung heran. Ein Songwriting-Arbeitsband dokumentiert die Entstehung, bevor verschiedene Takes den Weg zur bekannten Aufnahme nachvollziehbar machen. Genau darin liegt der Wert solcher Archivveröffentlichungen. Man hört nicht nur Beatles-Songs. Man hört die Beatles bei der Arbeit.
Das entmystifiziert die Musik keineswegs. Im Gegenteil. Gerade die Fehlversuche zeigen, wie gut Lennon, McCartney, Harrison und Starr als Band funktionierten. Ideen werden ausprobiert, verändert oder fallengelassen. Popgeschichte erscheint plötzlich als Handwerk. Ein wunderbares Kuriosum ist „Beatle Talk“ aus den Gesangs-Overdubs zu „Think For Yourself“. Solche Fundstücke besitzen musikalisch vielleicht keine überragende Bedeutung, vermitteln aber jene Studioatmosphäre, die eine historische Edition lebendig macht.
Noch spannender ist „Little Girl“, ein Demo von John Lennon. Solche Aufnahmen führen unmittelbar in die Werkstatt des Songwriters und zeigen, dass das Beatles-Archiv noch immer Überraschungen bereithält. „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“ gehören dazu. Eine richtige Entscheidung ist außerdem, die zeitgleich entstandene Doppel-A-Seiten-Single „Day Tripper“ / „We Can Work It Out“ in den Zusammenhang der Edition einzubeziehen. Beide Songs gehörten ursprünglich nicht zur britischen LP, entstanden aber in derselben kreativen Phase. „Day Tripper“ besitzt eines der berühmtesten Gitarrenriffs der Beatles. „We Can Work It Out“ zeigt dagegen exemplarisch das Zusammenspiel der beiden wichtigsten Songwriter: McCartneys grundsätzlich optimistische Grundidee trifft auf Lennons dunkleren Mittelteil.
Die Vinyl-Super-Deluxe-Ausgabe gibt dieser Single sogar eine eigene 7-Inch-Platte. Das ist mehr als Sammlernostalgie. Es stellt die Musik wieder in ihren historischen Veröffentlichungskontext. Besonders erfreulich ist die Aufnahme der amerikanischen Capitol-Fassung des Albums. Sie enthält nur zwölf statt vierzehn Titel und beginnt nicht mit „Drive My Car“, sondern mit „I’ve Just Seen A Face“. Außerdem findet sich „It’s Only Love“ darauf, während unter anderem „Nowhere Man“, „Drive My Car“, „What Goes On“ und „If I Needed Someone“ fehlen. Dadurch verändert sich der Charakter des Albums erheblich.
Die US-Version wirkt folkiger, akustischer und fast intimer. Sie ist keine bloße gekürzte Variante, sondern vermittelt tatsächlich ein anderes „Rubber Soul“. Für amerikanische Hörer war dies über Jahre das Album, das sie kannten. Gerade deshalb ist es musikhistorisch sinnvoll, beide Fassungen nebeneinanderzustellen.
Eine Box für Menschen, die Musikgeschichte hören wollen. Die physische Super-Deluxe-Ausgabe unterstreicht den dokumentarischen Anspruch. Die Vinylbox enthält fünf LPs plus 7-Inch-Single, sämtliche LPs auf 180-Gramm-Vinyl, außerdem ein 88-seitiges Hardcover-Buch, zwei ausklappbare Poster und zwei Foto-Art-Cards. Das Buch enthält ein Vorwort von John Lennon, eine Einleitung von Paul McCartney sowie Fotos, Hintergrundinformationen und ausführliche Track-Kommentare. Parallel gibt es eine 4-CD-Super-Deluxe-Box, ebenfalls mit dem 88-seitigen Buch, Postern und Art-Cards. (The Beatles) Eine separate Blu-ray bietet außerdem den neuen Dolby-Atmos-Mix sowie hochauflösendes Stereo und Videos zu „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“. Schade ist allerdings, dass die Blu-ray nicht einfach Bestandteil der großen Super-Deluxe-Box geworden ist. Gerade Käufer einer solchen Komplettausgabe dürften eigentlich erwarten, auch die hochauflösenden und räumlichen Mischungen zu erhalten. Die Aufteilung auf unterschiedliche Produkte wirkt angesichts des ohnehin beträchtlichen Umfangs unnötig.
Das Scharnier zwischen zwei Beatles-Welten Doch letztlich ist die Verpackung zweitrangig. Entscheidend bleibt die Musik. „Rubber Soul“ dokumentiert einen Moment, in dem die Beatles erkennen, dass das Studio nicht nur ein Ort ist, an dem Songs aufgenommen werden. Es kann selbst zum Instrument werden. Noch sind die technischen Möglichkeiten vergleichsweise bescheiden. Die Aufnahmen entstanden auf Vier-Spur-Technik. Aber Lennon, McCartney, Harrison, Starr und Produzent George Martin beginnen, innerhalb dieser Grenzen nach Möglichkeiten zu suchen, die Grenzen zu überwinden.
George Harrison erweitert mit der Sitar das Klangspektrum. McCartneys Bassspiel wird melodischer und selbstbewusster. Lennon schreibt zunehmend introspektive Texte. Harrison entwickelt sich als Komponist weiter. Ringo Starr hält all diese Experimente mit einem oftmals unterschätzten rhythmischen Gespür zusammen. Und George Martin hilft dabei, Ideen technisch umzusetzen, für die es eigentlich noch gar keine etablierten Produktionsmethoden gibt. Nur wenige Monate später folgt „Revolver“. Danach „Sgt. Pepper“. Insofern kann man „Rubber Soul“ heute als den Moment hören, in dem die Tür zur zweiten Hälfte der Beatles-Karriere endgültig aufgeht. Die „Special Edition Super Deluxe“ macht genau diesen Übergang hervorragend nachvollziehbar. Der neue Mix lässt das Album frisch und erstaunlich unmittelbar erscheinen, während Mono- und US-Fassung seine Veröffentlichungsgeschichte dokumentieren. Die Sessions und Demos wiederum zeigen, dass selbst einige der berühmtesten Popsongs aller Zeiten nicht einfach fertig vom Himmel gefallen sind.
Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieser Edition: Man kennt „Rubber Soul“ seit mehr als 60 Jahren – und kann ihm trotzdem noch beim Entstehen zuhören. „Rubber Soul“ ist nicht nur eines der großen Beatles-Alben. Es ist der Augenblick, in dem vier außergewöhnlich erfolgreiche Popmusiker entdecken, dass ihnen im Studio praktisch die ganze Welt offensteht. Die Super-Deluxe-Edition lässt uns diesen Augenblick noch einmal miterleben.
The Bluegrass Album von The Bluegrass Album Band
Manchmal braucht es keine Neuerfindung, sondern Musiker, die eine Tradition so gut beherrschen, dass sie plötzlich wieder aufregend klingt. Genau das gelang der Bluegrass Album Band mit ihrem Debüt The Bluegrass Album. Die 1981 bei Rounder erschienene LP versammelt Klassiker des Genres und spielt sie mit einer Präzision und Spielfreude, die das Album bis heute bemerkenswert frisch wirken lässt. Die Aufnahmen entstanden bereits im September 1980.
Hinter dem etwas nüchternen Namen verbarg sich eine regelrechte Bluegrass-Supergroup: Tony Rice an Gitarre und Gesang, J. D. Crowe am Banjo, Doyle Lawson an der Mandoline, Bobby Hicks an der Fiddle und Todd Phillips am Bass. Die Idee ging wesentlich auf Rice zurück: Statt Bluegrass mit Rock, Pop oder Jazz zu kreuzen, sollte bewusst zu den Wurzeln zurückgekehrt werden. Alte Stücke von Bill Monroe, Lester Flatt und anderen Pionieren standen im Mittelpunkt. Aus dem zunächst überschaubaren Projekt entwickelte sich schließlich eine ganze Albumserie.
Und genau diese Konzentration macht den Reiz der ersten LP aus. Bereits „Blue Ridge Cabin Home“ legt die Richtung fest: akustische Instrumente, messerscharfes Zusammenspiel und mehrstimmiger Gesang, bei dem keine Stimme unnötig in den Vordergrund drängt. Tony Rice zeigt dabei, warum er zu den einflussreichsten Gitarristen des modernen Bluegrass zählt. Seine Läufe sind technisch brillant, wirken aber niemals wie eine Demonstration um ihrer selbst willen.
Das gilt für die gesamte Platte. J. D. Crowes Banjo treibt die Musik vorwärts, Doyle Lawsons Mandoline setzt präzise Akzente, während Bobby Hicks mit seiner Fiddle immer wieder melodische Gegenstimmen einstreut. Todd Phillips hält das Ganze mit einem angenehm unaufdringlichen Bass zusammen. Gerade weil die Arrangements vergleichsweise schlicht bleiben, hört man, wie außergewöhnlich gut diese Musiker aufeinander reagieren.
Mit „Molly and Tenbrooks“, „I Believe in You Darling“, „On My Way Back to the Old Home“ und „Toy Heart“ nimmt sich die Band gleich mehrerer Bill-Monroe-Kompositionen an. Hinzu kommen Stücke aus dem Umfeld von Lester Flatt sowie das traditionelle „Model Church“. Insgesamt umfasst die ursprüngliche LP elf Titel und gerade einmal rund 33 Minuten. Das klingt nach wenig, ist aber gerade eine Stärke. Hier gibt es keine überlangen Soli und kein musikalisches Füllmaterial. Die Stücke kommen auf den Punkt. Banjo, Gitarre, Mandoline und Fiddle reichen sich gewissermaßen gegenseitig die Melodie weiter. Besonders schön ist dabei das Verhältnis zwischen technischer Perfektion und emotionaler Wärme. Die Bluegrass Album Band spielt unglaublich sauber, aber niemals steril.
Auch der Gesang trägt entscheidend dazu bei. Rice, Crowe und Lawson verbinden ihre Stimmen zu jener engen, hohen Harmonie, die zum klassischen Bluegrass gehört. Songs über verlorene Liebe, Heimat, Sehnsucht, Glauben und Tod erhalten dadurch eine eigentümliche Mischung aus Melancholie und Lebensfreude. Besonders „River of Death“ bildet einen eindrucksvollen Abschluss der Platte. Aus heutiger Perspektive wirkt The Bluegrass Album beinahe wie eine musikalische Standortbestimmung: Anfang der achtziger Jahre blickten einige der besten Musiker ihrer Generation zurück auf die Pioniere des Genres – und bewiesen dabei, dass Traditionspflege keineswegs Stillstand bedeuten muss. Die Virtuosität steckt nicht in spektakulären Effekten, sondern im Zusammenspiel.
The Bluegrass Album ist eine wunderbare LP für alle, die verstehen möchten, was klassischen Bluegrass ausmacht. Tony Rice und seine Mitstreiter behandeln die alten Stücke mit Respekt, ohne sie museal klingen zu lassen. Das Ergebnis ist handgemachte, direkte und hervorragend gespielte Musik. Vor allem auf Vinyl passt das ausgezeichnet: Man legt die Platte auf und hat das Gefühl, fünf erstklassigen Musikern dabei zuzuhören, wie sie einfach gemeinsam spielen – ohne Studiotricks und ohne unnötigen Ballast. Gerade darin liegt die zeitlose Qualität dieses Albums.
Fantasia: Live in Tokyo 2007 von Asia
Als sich John Wetton, Steve Howe, Geoff Downes und Carl Palmer nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder gemeinsam unter dem Namen Asia auf die Bühne stellten, war das weit mehr als eine weitere Nostalgie-Tour. Fantasia: Live in Tokyo 2007 dokumentiert eine Band, die hörbar Freude daran hat, ihre gemeinsame Vergangenheit wiederzuentdecken – und dabei demonstriert, wie erstaunlich gut diese Mischung aus Progressive Rock, AOR und großen Popmelodien gealtert ist.
Aufgenommen wurde das Konzert am 8. März 2007 im Shinjuku Kosei Nenkin Hall in Tokio. Anlass war die Tour zum 25-jährigen Jubiläum des Debütalbums. Das Besondere daran: Hier steht tatsächlich wieder die klassische Originalbesetzung auf der Bühne – Wetton am Bass und Mikrofon, Howe an der Gitarre, Downes an den Keyboards und Palmer am Schlagzeug.
Schon „Time Again“ und „Wildest Dreams“ zeigen, dass Asia ihre Songs nicht einfach pflichtbewusst reproduzieren. Carl Palmer spielt kraftvoll und mit einer Präsenz, die dem Material zusätzliche Härte verleiht. Geoff Downes baut mit seinen Keyboards jene monumentalen Klangflächen auf, die zum Markenzeichen der Band wurden, während Steve Howe immer wieder kleine Ecken und Kanten in den ansonsten ausgesprochen geschliffenen Asia-Sound bringt.
Über allem steht John Wetton. Seine Stimme besitzt 2007 nicht mehr ganz die jugendliche Leichtigkeit von 1982, dafür aber Wärme, Ausdruck und eine gewisse Melancholie. Gerade „The Smile Has Left Your Eyes“ profitiert davon enorm. Die reduzierte Darbietung gehört zu den emotionalsten Momenten des Konzerts. Auch zeitgenössische bzw. spätere Kritiken heben Wettons Gesangsleistung und gerade diese Interpretation hervor. Besonders reizvoll ist, dass Asia nicht ausschließlich das eigene Repertoire spielen. Jeder Musiker bringt ein Stück seiner Vergangenheit mit. Steve Howe führt die Band durch Yes’ „Roundabout“, Carl Palmer bekommt bei „Fanfare for the Common Man“ seinen großen Auftritt, Geoff Downes’ Vergangenheit wird mit „Video Killed the Radio Star“ aufgegriffen, und mit „In the Court of the Crimson King“ wird die Verbindung zu John Wettons King-Crimson-Geschichte hergestellt. Dadurch wird das Album beinahe zu einer kleinen Reise durch die Geschichte des britischen Progressive Rock.
Nicht jede dieser Fremdinterpretationen funktioniert gleichermaßen gut. Bei „Video Killed the Radio Star“ wirkt die pompöse Asia-Behandlung etwas schwerfälliger als das federnde Original. Dafür entwickelt „Fanfare for the Common Man“ eine enorme Live-Wucht, und „In the Court of the Crimson King“ passt erstaunlich selbstverständlich in das Klangbild der Band.
Natürlich wartet man letztlich auf die großen Asia-Klassiker. „Only Time Will Tell“, „Sole Survivor“ und schließlich „Heat of the Moment“ liefern genau jene Mischung aus Pathos, Melodie und musikalischer Virtuosität, wegen der das Debütalbum von 1982 zu einem der prägenden AOR-Alben seiner Zeit wurde. Die komplette Setlist umfasst 18 Titel und greift besonders stark auf dieses erste Album zurück.
Klanglich ist Fantasia angenehm transparent. Man hört die einzelnen Musiker deutlich, ohne dass das Konzert seinen Live-Charakter verliert. Besonders Palmer profitiert von der druckvollen Aufnahme, während Wettons Bass das notwendige Fundament liefert. Howe und Downes stehen sich dabei nicht im Weg, sondern ergänzen sich: hier die manchmal kantige und filigrane Gitarre, dort die großen Keyboardflächen.
Vielleicht ist gerade das die größte Qualität von Fantasia: Live in Tokyo 2007: Man hört vier Musiker, die längst nichts mehr beweisen müssen. Aus der einstigen Supergroup ist eine Gruppe erfahrener Musiker geworden, die ihre gemeinsame Geschichte wieder genießen kann. Das Konzert wirkt deshalb weniger wie der Versuch, 1982 künstlich wiederzubeleben, sondern wie eine respektvolle Begegnung mit der eigenen Vergangenheit.
Und rückblickend besitzt die Aufnahme noch eine zusätzliche emotionale Dimension. John Wetton starb 2017. Wenn am Ende „Heat of the Moment“ erklingt und seine unverwechselbare Stimme über Howes Gitarren und Downes’ Keyboards liegt, wird Fantasia damit auch zu einem eindrucksvollen Dokument dieses großartigen Sängers und Bassisten.
Fantasia: Live in Tokyo 2007 ist kein revolutionäres Livealbum – und will es auch nicht sein. Es ist eine hervorragend gespielte Feier der klassischen Asia-Jahre und zugleich eine Hommage an die musikalischen Wurzeln ihrer vier Mitglieder. Für Fans von Asia ist das Album nahezu Pflicht, für Freunde von Yes, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer eine hörenswerte Begegnung mit vier Veteranen des Progressive Rock. Und wer wissen möchte, warum „Heat of the Moment“ auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Veröffentlichung noch funktioniert, bekommt hier eine ziemlich überzeugende Antwort.
Live in London von Asia
Mehr als vier Jahrzehnte nach dem gigantischen Erfolg ihres Debütalbums sind Asia noch immer unterwegs – wenn auch in einer Besetzung, die mit der legendären Formation von 1982 nur noch Geoff Downes gemeinsam hat. Live in London, offiziell auch als Live In England: Night One veröffentlicht, dokumentiert einen Auftritt vom April 2025 im Trading Boundaries in Sussex und erschien im März 2026. Im Mittelpunkt steht eine reizvolle Idee: Das komplette erste Asia-Album wird live gespielt.
Neben Downes an den Keyboards stehen John Mitchell an der Gitarre, der technisch überragende Virgil Donati am Schlagzeug und Harry Whitley an Bass und Gesang auf der Bühne. Gerade Whitley hat dabei die schwierigste Aufgabe. Er muss jene Songs singen, die untrennbar mit der mächtigen, warmen Stimme des 2017 verstorbenen John Wetton verbunden sind.
Und genau hier entscheidet sich, ob diese neue Inkarnation von Asia funktioniert. Whitley versucht klugerweise nicht, Wetton einfach zu kopieren. Natürlich fehlt gelegentlich dessen unverwechselbare Schwere und Melancholie, doch Whitley bringt genügend Kraft und Persönlichkeit mit, um Songs wie „Heat of the Moment“, „Only Time Will Tell“ und „Sole Survivor“ glaubwürdig zu tragen.
Musikalisch ist die Band ohnehin hervorragend aufgestellt. Virgil Donati spielt kraftvoller und teilweise moderner als Carl Palmer in den frühen Asia-Jahren. John Mitchell wiederum steht vor der undankbaren Aufgabe, Gitarrenparts zu übernehmen, die einst Steve Howe geprägt hat. Er löst das souverän und vermeidet ebenfalls den Fehler einer bloßen Kopie.
Über allem schweben die Keyboards von Geoff Downes. Sie sind das vielleicht wichtigste Bindeglied zwischen 1982 und heute. Diese Synthesizerflächen, Fanfaren und melodischen Figuren definieren den Asia-Sound mindestens ebenso stark wie die Gitarren. Sobald die berühmten Akkorde von „Only Time Will Tell“ erklingen, ist man unmittelbar wieder in jener Epoche, in der Progressive Rock, AOR und der gerade entstehende MTV-Pop eine bemerkenswerte Verbindung eingingen.
Besonders interessant ist, dass nicht nur die Hits gespielt werden. Das komplette Debüt bedeutet auch ein Wiedersehen mit „One Step Closer“, „Time Again“, „Wildest Dreams“, „Without You“, „Cutting It Fine“ und „Here Comes the Feeling“. Gerade diese Stücke zeigen, dass Asia von 1982 wesentlich mehr war als nur die beiden großen Singles. „Time Again“ profitiert beispielsweise enorm von der Live-Situation. Hier darf die Band ihre progressive Vergangenheit deutlicher zeigen. Donati treibt das Stück mit enormer Energie voran, während Downes und Mitchell demonstrieren, dass hinter der manchmal sehr radiotauglichen Oberfläche von Asia immer ausgezeichnete Instrumentalisten standen.
Auch „Wildest Dreams“ besitzt live eine Wucht, die der hochpolierten Studioproduktion von 1982 naturgemäß etwas fehlte. Das ist überhaupt eine der Stärken dieser Veröffentlichung: Die neuen Asia versuchen nicht, den Studiosound bis ins letzte Detail nachzubauen. Die Stücke dürfen kantiger und kräftiger werden. Als Zugaben beziehungsweise Bonusstücke folgen „Ride Easy“, Downes’ Buggles-Klassiker „Video Killed the Radio Star“ und „The Heat Goes On“. Damit schlägt das Konzert einen schönen Bogen durch die Geschichte von Geoff Downes und Asia.
Natürlich bleibt eine Frage im Raum: Ist Asia ohne John Wetton, Steve Howe und Carl Palmer noch Asia? Darüber werden Fans vermutlich endlos diskutieren können. Live in London liefert darauf keine theoretische Antwort. Stattdessen lässt Downes die Musik sprechen. Und die Songs erweisen sich als erstaunlich widerstandsfähig. Live in London ist deshalb weniger nostalgische Denkmalpflege als eine überzeugende Wiederbegegnung mit einem außergewöhnlichen Album. Die neuen Musiker respektieren das Original, ohne sich ihm sklavisch unterzuordnen. Besonders Harry Whitley verdient Anerkennung dafür, dass er sich einer nahezu unmöglichen Aufgabe stellt: John Wettons Gesang zu übernehmen, ohne zur Wetton-Kopie zu werden.
Für mich liegt der größte Reiz aber in den Stücken abseits von „Heat of the Moment“ und „Only Time Will Tell“. Wer Time Again, Wildest Dreams oder Cutting It Fine hört, wird daran erinnert, wie viel Progressive Rock tatsächlich im vermeintlichen AOR-Schwergewicht Asia steckte. Und dann ist da Geoff Downes. Wenn seine Keyboards einsetzen, ist dieser charakteristische Asia-Sound sofort wieder da. Die Besetzung hat sich verändert – die Melodien sind geblieben. Und manche davon funktionieren nach über 40 Jahren erstaunlich gut.
Eyes Wide Shut von Jocelyn Pooks
Stanley Kubricks letzter Film „Eyes Wide Shut“ von 1999 lebt nicht allein von seinen Bildern, der geheimnisvollen Atmosphäre und dem Spiel von Tom Cruise und Nicole Kidman. Einen wesentlichen Anteil an der verstörenden Wirkung besitzt die Musik. Der Soundtrack ist keine konventionelle Filmmusik, sondern eine ebenso elegante wie unheimliche Klangreise zwischen Klassik, Jazz, Avantgarde und Jocelyn Pooks eigens komponierter Musik.
Das musikalische Herz des Films ist jedoch zunächst ein erstaunlich schlichtes Klaviermotiv: „Musica Ricercata II“ von György Ligeti. Einzelne, hart angeschlagene Töne werden durch ihre Wiederholung zunehmend bedrohlich. Kubrick beweist damit erneut sein außergewöhnliches Gespür für bereits existierende Musik. Was auf dem Papier geradezu minimalistisch erscheint, entwickelt im Film eine ungeheure psychologische Kraft. Jeder Anschlag scheint Bill Harford tiefer in eine Welt hineinzutreiben, deren Regeln er nicht versteht.
Einen vollkommen anderen Ton schlägt Dmitri Schostakowitschs „Walzer Nr. 2“ aus der Suite für Varieté-Orchester an. Die elegante, leicht melancholische Melodie eröffnet den Film und wird zu seinem musikalischen Erkennungszeichen. Der Walzer besitzt Schönheit und gesellschaftliche Eleganz, gleichzeitig liegt darin etwas Zweideutiges und beinahe Dekadentes. Genau diese Mischung passt perfekt zu Kubricks Geschichte über Begehren, Eifersucht, gesellschaftliche Fassaden und verborgene sexuelle Fantasien.
Besonders eindringlich ist die Musik von Jocelyn Pook. Ihr „Masked Ball“ begleitet die berüchtigte Maskenzeremonie und gehört zu den verstörendsten musikalischen Momenten des Films. Stimmen, sakral anmutende Klänge und elektronische Elemente verwandeln die Szene in ein dunkles Ritual. Die Musik vermittelt weniger Erotik als vielmehr Bedrohung. Sexualität erscheint hier nicht befreiend, sondern geheimnisvoll, reglementiert und gefährlich.
Gerade diese Gegensätze machen den Soundtrack so faszinierend. Chris Isaaks „Baby Did a Bad Bad Thing“ bringt lasziven Bluesrock ins Spiel, während Jazzstücke und klassische Kompositionen die nächtliche Reise durch New York begleiten. Kubrick und Pook versuchen gar nicht erst, daraus ein homogenes musikalisches Ganzes zu formen. Die unterschiedlichen Stile spiegeln vielmehr die verschiedenen Ebenen des Films: bürgerliche Normalität, sexuelles Verlangen, Traum, Angst und schließlich Paranoia.
Als reines Hörerlebnis ist das Album deshalb ungewöhnlich. Wer einen klassischen orchestralen Filmscore erwartet, wird kaum bedient. Stattdessen funktioniert der Soundtrack wie eine Sammlung musikalischer Erinnerungsstücke. Hat man den Film gesehen, entstehen bereits nach wenigen Takten wieder Bilder: die Weihnachtsbeleuchtung, die nächtlichen Straßen, Masken, lange Flure und jene rätselhafte Zeremonie, bei der Bill Harford endgültig die Kontrolle über sein Abenteuer verliert.
Dabei zeigt sich einmal mehr Kubricks besonderes Verhältnis zur Filmmusik. Wie schon bei „2001: A Space Odyssey“, „A Clockwork Orange“ oder „Barry Lyndon“ benutzt er Musik nicht einfach zur emotionalen Untermalung. Er setzt sie als eigenständiges erzählerisches Mittel ein. Ein Walzer kann verführerisch und gleichzeitig unheilvoll wirken, während wenige Klaviertöne mehr Spannung erzeugen als ein komplettes Orchester.
„Eyes Wide Shut“ ist deshalb auch musikalisch ein Film der Gegensätze: Schönheit trifft auf Unbehagen, Erotik auf Kälte, Verführung auf Gefahr und klassische Eleganz auf avantgardistische Verstörung. Besonders Ligetis unerbittliches Klavier und Jocelyn Pooks düstere Klangwelten bleiben lange im Gedächtnis. Der Soundtrack ist damit vielleicht nicht die Platte, die man beiläufig zum Abendessen auflegt. Aber genau darin liegt seine Qualität. Diese Musik soll nicht beruhigen. Sie soll verführen, irritieren und unterschwellig beunruhigen. Wie Kubricks Film öffnet sie eine Tür in eine geheimnisvolle Welt – und hinterlässt das unangenehme Gefühl, vielleicht Dinge gesehen und gehört zu haben, die eigentlich verborgen bleiben sollten.
Meddle von Pink Floyd
Es gibt Alben, die Musikgeschichte geschrieben haben, ohne bei ihrer Veröffentlichung sofort als Meilensteine erkannt worden zu sein. „Meddle“ von Pink Floyd gehört zweifellos dazu. Als die britische Band am 30. Oktober 1971 ihr sechstes Studioalbum veröffentlichte, befand sie sich in einer entscheidenden Phase ihrer künstlerischen Entwicklung. Die experimentellen Jahre nach dem Ausscheiden des genialischen, aber zunehmend unberechenbaren Syd Barrett lagen hinter ihr, während die großen Welterfolge von „The Dark Side of the Moon“, „Wish You Were Here“ und „The Wall“ noch in der Zukunft lagen. „Meddle“ steht genau zwischen diesen beiden Welten. Es ist ein Album des Suchens, des Experimentierens und vor allem des Findens. Hier entstand jener unverwechselbare Pink-Floyd-Sound, der die Rockmusik der siebziger Jahre nachhaltig verändern sollte.
Nach den ambitionierten, aber teilweise zerfaserten Experimenten von „Ummagumma“ aus dem Jahr 1969 und dem atmosphärisch dichten „Atom Heart Mother“ von 1970 suchten Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason nach einer neuen musikalischen Identität. Die vier Musiker wollten sich von den Konventionen des klassischen Rock lösen, ohne dabei den emotionalen Zugang zu ihrer Musik zu verlieren. Das Ergebnis war „Meddle“, aufgenommen in verschiedenen Londoner Studios, darunter die Abbey Road Studios. Dabei nutzte die Band zunehmend die Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnik und entwickelte einen Klang, der weit über die übliche Besetzung aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards hinausging. Das Tonstudio wurde selbst zu einem Instrument, in dem Klanglandschaften erschaffen, Geräusche verfremdet und musikalische Ideen zu komplexen Kompositionen zusammengefügt werden konnten.
Schon der Auftakt des Albums ist eine kleine Sensation. „One of These Days“ beginnt mit einem pulsierenden Bassmotiv, das sich wie eine bedrohliche Maschine durch den Raum bewegt. Zwei Bassspuren, darunter eine mit Echoeffekten bearbeitete, bilden das rhythmische Fundament, während Nick Masons Schlagzeug und David Gilmours Slide-Gitarre eine zunehmend aggressive Atmosphäre erzeugen. Das Stück ist weitgehend instrumental, doch mitten in diesem musikalischen Sturm erklingt eine einzige, elektronisch verfremdete Gesangszeile, gesprochen von Nick Mason: „One of these days I’m going to cut you into little pieces.“ Es ist eine ebenso bizarre wie wirkungsvolle Drohung, die den experimentellen Humor der Band erkennen lässt. Der Song entwickelt eine ungeheure Energie und beweist, dass Pink Floyd keineswegs nur für sphärische Klangexperimente standen. Hier konnten sie auch kraftvoll, düster und geradezu brachial auftreten. „One of These Days“ wurde zu einem Klassiker ihrer Liveauftritte und gehört zu den eindrucksvollsten Instrumentalstücken der frühen siebziger Jahre.
Danach schlägt das Album einen vollkommen anderen Ton an. „A Pillow of Winds“ ist eine zarte, beinahe schwebende Ballade, getragen von Gilmours sanfter Stimme und fein verwobenen Gitarrenklängen. Das Stück wirkt wie eine musikalische Atempause nach dem gewaltigen Auftakt. Es zeigt die lyrische Seite von Pink Floyd, die später in Songs wie „Breathe“ oder „Us and Them“ zu großer Vollendung gelangen sollte. Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit der Musiker, mit wenigen Mitteln eine intensive Stimmung zu erzeugen. Hier geht es nicht um virtuose Selbstdarstellung, sondern um Atmosphäre, um das Zusammenspiel von Klangfarben und um die Kunst, musikalische Räume entstehen zu lassen.
Mit „Fearless“ folgt eines der unterschätztesten Stücke im gesamten Pink-Floyd-Katalog. Die von Roger Waters und David Gilmour geschriebene Komposition verbindet eine warme akustische Gitarrenfigur mit einem zurückhaltenden, aber ungemein wirkungsvollen Arrangement. Der Text erzählt von Selbstbehauptung, Unabhängigkeit und dem Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Besonders ungewöhnlich ist die Einbindung von Gesängen der Anhänger des FC Liverpool, die „You’ll Never Walk Alone“ anstimmen. Diese Fußballatmosphäre verleiht dem Stück eine zusätzliche emotionale Ebene und verbindet die individuelle Botschaft des Songs mit einem kollektiven Gemeinschaftsgefühl. „Fearless“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Pink Floyd alltägliche Geräusche und musikalische Fremdelemente in ihre Kompositionen integrierten, ohne dass diese wie bloße Effekthascherei wirkten.
Wesentlich verspielter präsentiert sich „San Tropez“, eine von Roger Waters geschriebene Komposition, die mit ihrem lässigen Rhythmus und den jazzigen Klavierpassagen beinahe wie ein musikalischer Ausflug an die französische Riviera klingt. Der Song wirkt auf einem Pink-Floyd-Album zunächst ungewöhnlich leichtfüßig, doch gerade diese stilistische Offenheit macht den Reiz von „Meddle“ aus. Die Band war zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf die monumentalen Konzepte ihrer späteren Alben festgelegt. Sie erlaubte sich musikalische Freiheiten, kleine humorvolle Exkurse und überraschende Stilwechsel. Richard Wrights Klavierspiel verleiht dem Stück eine elegante Leichtigkeit, die einen reizvollen Kontrast zu den düsteren und experimentellen Momenten des Albums bildet.
Noch ungewöhnlicher wird es mit „Seamus“, einem kurzen Bluesstück, bei dem ein Hund namens Seamus, der dem Musiker Steve Marriott gehörte, mit seinem Heulen gewissermaßen die Gesangsbegleitung übernimmt. Das Stück ist sicherlich kein Höhepunkt der Pink-Floyd-Diskografie, aber es dokumentiert den eigenwilligen Humor der Musiker. Man kann „Seamus“ als musikalischen Scherz betrachten, vielleicht sogar als bewusste Provokation gegenüber jenen Hörern, die von der Band ausschließlich ernste und anspruchsvolle Klangkunst erwarteten. Im Zusammenhang mit dem gesamten Album besitzt dieser kleine Blues dennoch seinen Platz. Er zeigt eine Band, die noch bereit war, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und die Grenzen zwischen Experiment, Unterhaltung und musikalischem Unsinn auszuloten.
Doch all diese Stücke erscheinen letztlich wie die Vorbereitung auf das eigentliche Herzstück von „Meddle“. Die gesamte zweite Seite der ursprünglichen Vinyl-LP gehört einer einzigen Komposition: „Echoes“. Mit einer Länge von rund 23 Minuten ist das Werk nicht nur der musikalische Höhepunkt des Albums, sondern eine der bedeutendsten Kompositionen in der Geschichte des Progressive Rock. Hier finden Pink Floyd endgültig zu jener musikalischen Sprache, die sie wenige Jahre später zu einer der erfolgreichsten Bands der Welt machen sollte.
„Echoes“ beginnt mit einem einzelnen, glockenartigen Klavierton, der durch die Bearbeitung mit einem Leslie-Lautsprecher seinen charakteristischen, fast sonarartigen Klang erhält. Richard Wright erschafft damit eines der eindrucksvollsten musikalischen Eröffnungsmotive der Rockgeschichte. Dieser Ton wirkt wie ein Signal aus einer unbekannten Tiefe, wie der Ruf eines Wesens aus einer fremden Welt. Langsam entwickeln sich weitere Klangschichten, bis David Gilmours Gitarre, Roger Waters’ Bass und Nick Masons Schlagzeug ein gemeinsames musikalisches Fundament bilden. Der Gesang von Gilmour und Wright verschmilzt zu einer beinahe überirdischen Einheit. Ihre Stimmen erzählen von menschlicher Begegnung, Verständigung und der Überwindung von Isolation.
Das Besondere an „Echoes“ ist seine dramaturgische Entwicklung. Die Komposition bewegt sich durch unterschiedliche musikalische Landschaften, ohne dabei ihre innere Geschlossenheit zu verlieren. Auf einen ruhigen, melodischen Beginn folgt ein kraftvoller instrumentaler Abschnitt, der von einem treibenden Rhythmus und Gilmours expressivem Gitarrenspiel geprägt ist. Dann zerfällt die Musik plötzlich in eine gespenstische Geräuschwelt. Gitarrenklänge verwandeln sich in das Kreischen unbekannter Kreaturen, elektronische Effekte erzeugen eine Atmosphäre der Verlorenheit, und die Musik scheint sich vollständig aufzulösen. Es ist einer der kühnsten Momente im Werk von Pink Floyd. Der Zuhörer verliert jeden festen musikalischen Orientierungspunkt und wird in eine abstrakte Klanglandschaft hineingezogen.
Doch aus diesem scheinbaren Chaos entsteht langsam wieder Ordnung. Wrights Orgelklänge steigen wie Lichtstrahlen aus der Dunkelheit auf, und schließlich kehrt das musikalische Hauptthema zurück. Was folgt, gehört zu den emotional bewegendsten Momenten der gesamten Pink-Floyd-Geschichte. Die Musik gewinnt an Intensität, die Instrumente verschmelzen zu einem majestätischen Klangbild, und die Komposition erreicht einen Höhepunkt, der nicht durch technische Virtuosität, sondern durch seine emotionale Wirkung überzeugt. Am Ende löst sich „Echoes“ wieder in jene geheimnisvolle Atmosphäre auf, aus der es entstanden ist. Ein musikalischer Kreislauf schließt sich.
Gerade in „Echoes“ zeigt sich die außergewöhnliche Bedeutung von Richard Wright für den Sound der Band. Während in späteren Jahren häufig der Konflikt zwischen Roger Waters und David Gilmour die öffentliche Wahrnehmung von Pink Floyd bestimmte, war Wrights Beitrag zur musikalischen Identität der Gruppe von unschätzbarem Wert. Seine Orgel- und Klavierklänge, seine harmonischen Vorstellungen und sein Gesang bildeten das atmosphärische Fundament vieler großer Kompositionen. Auf „Meddle“ sind diese Qualitäten besonders deutlich zu hören. Wright war nicht einfach der Keyboarder im Hintergrund, sondern ein entscheidender Architekt jener Klangwelt, die Pink Floyd unverwechselbar machte.
Auch Nick Mason verdient besondere Aufmerksamkeit. Sein Schlagzeugspiel ist niemals aufdringlich, aber stets präzise und musikalisch durchdacht. Mason versteht es, die Dynamik der Kompositionen zu unterstützen, statt sie mit übertriebener Virtuosität zu dominieren. Besonders in „Echoes“ beweist er ein bemerkenswertes Gespür für musikalische Spannungsbögen. Roger Waters wiederum entwickelt sich auf diesem Album zunehmend zum konzeptionellen Denker der Band. Seine Texte beschäftigen sich bereits mit Fragen menschlicher Existenz, Isolation und gesellschaftlicher Beziehungen. David Gilmour schließlich prägt mit seinem unverwechselbaren Gitarrenton die emotionale Ausdruckskraft des Albums. Sein Spiel ist melodisch, kontrolliert und zugleich voller Leidenschaft. Gerade diese vier unterschiedlichen musikalischen Persönlichkeiten bilden auf „Meddle“ eine bemerkenswerte Einheit.
Eine besondere Würdigung verdient auch die Livegeschichte von „Echoes“. Die Komposition wurde zu einem zentralen Bestandteil der Pink-Floyd-Konzerte und erfuhr durch ihre Aufführung im Konzertfilm „Pink Floyd: Live at Pompeii“ von Adrian Maben eine zusätzliche Dimension. In den Ruinen des antiken Amphitheaters von Pompeji, ohne das übliche Konzertpublikum, entfaltet die Musik eine beinahe mystische Wirkung. Die monumentale Architektur, die menschenleeren Ränge und die experimentellen Kameraeinstellungen verbinden sich mit dem Klang der Band zu einem außergewöhnlichen audiovisuellen Erlebnis. Diese Aufnahmen gehören zu den faszinierendsten Dokumenten der Rockgeschichte und haben entscheidend dazu beigetragen, „Echoes“ als eines der großen Werke von Pink Floyd zu etablieren.
Auch das Albumcover von „Meddle“ verdient Beachtung. Das von Hipgnosis gestaltete Motiv zeigt in verfremdeter Form ein Ohr unter Wasser, das von konzentrischen Wellen umgeben ist. Die Gestaltung wirkt zunächst rätselhaft und erschließt sich erst bei genauerer Betrachtung. Damit passt sie hervorragend zur Musik, die ebenfalls mit Wahrnehmung, Klang und ungewöhnlichen Perspektiven spielt. Das Cover gehört zwar nicht zu den ikonischsten Entwürfen der Band, besitzt aber gerade durch seine geheimnisvolle Bildsprache einen besonderen Reiz. Es ist ein visuelles Versprechen, dass den Zuhörer hinter der Plattenhülle eine ungewöhnliche akustische Erfahrung erwartet.
Rückblickend ist „Meddle“ weit mehr als ein Übergangsalbum. Hier vollzieht Pink Floyd den entscheidenden Schritt von einer experimentellen Psychedelic-Rock-Band zu einer Gruppe, die große musikalische Ideen in geschlossene, emotional berührende Werke verwandeln konnte. Die Erfahrungen aus „Echoes“ flossen unmittelbar in die Entwicklung von „The Dark Side of the Moon“ ein, das 1973 erscheinen und die Band endgültig in den Olymp der Rockmusik führen sollte. Die langen Spannungsbögen, die fließenden Übergänge, die Verbindung von elektronischen Effekten und traditionellen Instrumenten sowie die philosophisch geprägten Texte sind auf „Meddle“ bereits in bemerkenswerter Reife vorhanden.
Vielleicht liegt die besondere Schönheit dieses Albums aber gerade darin, dass Pink Floyd hier noch nicht unter dem Druck ihrer späteren gigantischen Erfolge standen. „Meddle“ besitzt eine Freiheit, eine Neugier und eine spielerische Experimentierfreude, die auf den konzeptionell strengeren Nachfolgewerken teilweise zurücktreten sollten. Die Band sucht noch, probiert aus, wagt Umwege und entdeckt dabei Möglichkeiten, die andere Musiker kaum zu denken wagten. Nicht jede Idee ist vollkommen ausgearbeitet, nicht jedes Stück besitzt dieselbe Qualität. Doch gerade diese Unvollkommenheit macht das Album menschlich und lebendig.
Mehr als fünf Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung hat „Meddle“ nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der Musik häufig auf wenige Sekunden Aufmerksamkeit und möglichst schnelle Wiedererkennbarkeit reduziert wird, wirkt ein Werk wie „Echoes“ beinahe wie ein künstlerischer Gegenentwurf. Pink Floyd verlangen Zeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf eine musikalische Reise einzulassen. Wer diese Bereitschaft mitbringt, wird mit einer Klangwelt belohnt, die weit über das hinausgeht, was gewöhnliche Rockmusik leisten kann.
„Meddle“ ist deshalb nicht einfach nur die Vorstufe zu „The Dark Side of the Moon“. Es ist ein eigenständiges Meisterwerk, das die schöpferische Kraft einer Band auf dem Höhepunkt ihrer experimentellen Entwicklung dokumentiert. Die Platte vereint düstere Energie, lyrische Schönheit, musikalischen Humor und monumentale Klangarchitektur. Vor allem aber enthält sie mit „Echoes“ eine Komposition, die zu den größten Leistungen des Progressive Rock gehört. Hier haben vier Musiker einen musikalischen Kosmos erschaffen, in dem Zeit und Raum für einen Moment ihre Bedeutung verlieren.
Wer verstehen möchte, warum Pink Floyd zu einer der bedeutendsten Bands der Rockgeschichte wurden, sollte nicht nur „The Dark Side of the Moon“ oder „Wish You Were Here“ hören. Er sollte sich „Meddle“ auflegen, die Augen schließen und sich auf die Reise begeben. Am besten auf Vinyl, mit etwas Zeit und ohne Ablenkung. Denn wenn die ersten geheimnisvollen Klaviertöne von „Echoes“ erklingen, beginnt eine musikalische Erfahrung, die auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch immer einzigartig ist. „Meddle“ ist der Moment, in dem Pink Floyd ihren eigenen musikalischen Kosmos nicht mehr nur suchten, sondern endgültig fanden.
Asia von Asia
Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum „Asia“ gelang der britischen Supergroup 1982 ein beeindruckender Start. John Wetton, Steve Howe, Geoff Downes und Carl Palmer verbanden ihre Erfahrungen aus Bands wie Yes, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer mit dem eingängigen, radiotauglichen Rocksound der frühen Achtziger.
Das Ergebnis ist weniger klassischer Progressive Rock als vielmehr eine elegante Mischung aus AOR, Art Rock und Pop, geprägt von großen Melodien, üppigen Keyboards, präzisen Gitarren und Wettons markanter Stimme. Der Welthit „Heat of the Moment“ eröffnet das Album mit einem unwiderstehlichen Refrain, doch Stücke wie „Only Time Will Tell“, „Sole Survivor“, „Wildest Dreams“ oder das atmosphärische „Time Again“ zeigen, dass Asia musikalisch weit mehr zu bieten hatte als einen einzelnen Hit.
Besonders reizvoll ist die Balance: Die vier Musiker stellen ihre enorme Virtuosität nie demonstrativ in den Vordergrund, sondern ordnen sie konsequent den Songs unter. Geoff Downes liefert die typischen Keyboardflächen der Epoche, Steve Howe setzt charakteristische Akzente, während Carl Palmer und John Wetton für ein kraftvolles Fundament sorgen. Wetton ist zugleich das emotionale Zentrum der Platte.
Auch das ikonische Cover von Roger Dean trägt zum Mythos des Albums bei. „Asia“ klingt unverkennbar nach 1982 und ist gerade deshalb heute ein faszinierendes Zeitdokument. Bombastisch, melodisch, perfekt produziert und mit einem bemerkenswert hohen Hitanteil gehört das Debüt zu den prägenden AOR- und Melodic-Rock-Alben der frühen Achtziger. Ein Album, bei dem sich Progressive-Rock-Tradition und der kommerzielle Sound einer neuen Ära nahezu ideal begegnen.
Ein geheimnisvoller Nebel zieht vom Meer auf, verschluckt Straßen und Häuser und bringt eine tödliche Bedrohung mit sich. Was zunächst wie ein harmloses Naturphänomen erscheint, entwickelt sich zu einem Albtraum. Willkommen in der Welt von John Carpenter, einem der einflussreichsten Regisseure des modernen Horrorkinos! Mit „The Fog – Nebel des Grauens“ schuf Carpenter 1980 einen Klassiker, der bis heute nichts von seiner unheimlichen Faszination verloren hat. Diesen außergewöhnlichen Film wollen wir in unserer nächsten Kinomatinee am Sonntag, 1. November um 10:45 Uhr auf der großen Leinwand im Scala Kino Fürstenfeldbruck feiern und dabei einen Blick auf seine Entstehung, seine filmhistorische Bedeutung und seinen nachhaltigen Einfluss auf das Horrorgenre werfen. Karten gibt es hier.
Die Geschichte führt in das kleine kalifornische Küstenstädtchen Antonio Bay, das gerade sein hundertjähriges Bestehen feiert. Doch hinter der idyllischen Fassade verbirgt sich ein schreckliches Geheimnis. Vor einem Jahrhundert wurde ein Schiff mit Leprakranken von den Gründervätern des Ortes absichtlich ins Verderben gelockt. Nun kehren die Ermordeten zurück, um Rache zu nehmen. Verborgen in einer unnatürlich leuchtenden Nebelbank suchen sie ihre Opfer heim. Während sich der Nebel unaufhaltsam durch die Straßen bewegt, wird aus der beschaulichen Kleinstadt ein Ort des Grauens. Die Vergangenheit lässt sich eben nicht einfach begraben.
Nach seinem Welterfolg „Halloween – Die Nacht des Grauens“ von 1978 stand John Carpenter vor der Herausforderung, erneut ein Publikum das Fürchten zu lehren. Doch anstatt einen weiteren Serienkiller auf die Leinwand zu schicken, besann er sich auf die Tradition klassischer Geistergeschichten. Gemeinsam mit Drehbuchautorin Debra Hill entwickelte er einen Film, der seine Spannung nicht aus spektakulären Effekten, sondern aus Atmosphäre, Andeutungen und der Fantasie des Publikums gewinnt. Carpenter wusste: Das, was wir nicht sehen, ist häufig viel erschreckender als das, was uns offen gezeigt wird. Genau dieses Prinzip macht „The Fog“ zu einem Meisterwerk des subtilen Horrors.
Eine entscheidende Rolle spielt dabei die unverwechselbare Bildsprache. Kameramann Dean Cundey verwandelt die kalifornische Küstenlandschaft in eine gespenstische Welt aus Schatten, Licht und undurchdringlichem Nebel. Dazu kommt Carpenters legendäre elektronische Filmmusik, die er selbst komponierte. Mit minimalistischen Synthesizer-Klängen, bedrohlichen Rhythmen und einer geradezu hypnotischen Atmosphäre erzeugt er eine Spannung, die sich langsam, aber unerbittlich steigert. Es ist ein Horror, der nicht nur auf der Leinwand stattfindet, sondern sich tief in den Köpfen der Zuschauer festsetzt.
Auch die Besetzung ist für Filmfreunde ein besonderer Genuss. Jamie Lee Curtis, die bereits in „Halloween“ zum Star geworden war, trifft hier auf ihre Mutter Janet Leigh, die mit Alfred Hitchcocks „Psycho“ Filmgeschichte geschrieben hatte. Hinzu kommen Adrienne Barbeau als Radiomoderatorin Stevie Wayne, Tom Atkins und Hal Holbrook. Damit schlägt „The Fog“ eine faszinierende Brücke zwischen dem klassischen Spannungskino eines Alfred Hitchcock und dem modernen amerikanischen Horrorfilm der achtziger Jahre.
Doch „The Fog“ ist weit mehr als eine effektvoll erzählte Geistergeschichte. Hinter dem Schrecken verbirgt sich eine bemerkenswert aktuelle Auseinandersetzung mit historischer Schuld, Verdrängung und der Frage, ob eine Gemeinschaft ihrer Vergangenheit jemals wirklich entkommen kann. Die Bewohner von Antonio Bay feiern stolz ihre Stadtgeschichte, ohne zu wissen, auf welchem Verbrechen ihr Wohlstand beruht. Carpenter verbindet damit klassische Gruselelemente mit einer düsteren moralischen Botschaft. Der Nebel wird zum Sinnbild einer Vergangenheit, die zurückkehrt und ihre Opfer fordert.
Der Film wurde mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln produziert und entwickelte sich zu einem großen kommerziellen Erfolg. Über die Jahrzehnte wuchs sein Ruf, und längst gilt „The Fog“ als einer der atmosphärisch dichtesten Horrorfilme seiner Zeit. Sein Einfluss reicht bis in das moderne Genrekino. Filme wie „Der Nebel“, „It Follows“ oder „The Witch“ zeigen auf unterschiedliche Weise, wie wirkungsvoll das Spiel mit unsichtbaren Bedrohungen, unheimlichen Landschaften und langsam wachsender Angst sein kann. Nicht immer sind es die Monster, die uns erschrecken. Manchmal genügt eine geschlossene Tür, ein unbekanntes Geräusch oder eben eine Nebelbank, die sich auf unerklärliche Weise gegen den Wind bewegt.
In unserer Kinomatinee am Sonntag 1. November im Scala wollen wir deshalb nicht nur einen großartigen Horrorfilm zeigen, sondern auch seine Geheimnisse entschlüsseln. Wie entstand die Idee zu „The Fog“? Welche Schwierigkeiten gab es während der Produktion? Warum musste Carpenter Teile seines Films nachdrehen? Was verbindet ihn mit Alfred Hitchcock und den klassischen Geistergeschichten? Welche Rolle spielen Musik, Kamera und Licht bei der Erzeugung von Angst? Und weshalb scheiterte die Neuverfilmung von 2005 daran, den besonderen Zauber des Originals wiederzubeleben?
Diesen und weiteren Fragen widmen wir uns in einer unterhaltsamen filmhistorischen Einführung, bevor wir gemeinsam in die düstere Welt von Antonio Bay eintauchen. Dabei geht es um spannende Hintergrundgeschichten, überraschende Zusammenhänge und natürlich um die große Leidenschaft für das Kino. Denn gerade Filme wie „The Fog“ beweisen, dass das Kino seine größte Wirkung auf der großen Leinwand entfaltet, wenn sich der Saal verdunkelt, die Musik einsetzt und die Zuschauer gemeinsam dem Unbekannten entgegenblicken. Und eines ist sicher: Nach diesem Film werden Sie eine aufziehende Nebelbank mit anderen Augen betrachten. Aber Vorsicht – wenn der Nebel kommt, ist es bereits zu spät! Karten gibt es hier.