Wärme, Moor und Wohlgefühl – warum das ZfG im Herbst auf Fango setzt

15. Oktober 2026

Mit dem Herbst kommt die Wärme: In der 21. Folge des Videopodcasts „Dombo bewegt“ sprechen Norman Dombo vom Zentrum für Gesundheit in Maisach und Matthias J. Lange über eine Behandlung, die seit vielen Jahren zum Angebot der Praxis gehört – Fango. Doch Fango ist nicht gleich Fango. Das ZfG setzt bewusst auf Naturmoor-Einmalpackungen und wiederverwendbare Wärmeträger.

Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken und damit beginnt im Zentrum für Gesundheit traditionell auch wieder die Zeit der Herbstaktionen. Wärme spielt dabei eine wichtige Rolle. Für Norman Dombo ist das eine gute Gelegenheit, einmal genauer zu erklären, was eigentlich auf der Behandlungsliege landet, wenn von einer Fangopackung die Rede ist.

Im ZfG kommt echtes Naturmoor zum Einsatz. Es handelt sich um ein Naturprodukt, das aus der Erde gewonnen, aufbereitet, gewässert und auf eine Folie aufgebracht wird. Chemische Zusätze sind nach Dombos Angaben nicht enthalten. Über das Moor kommt ein sogenanntes Pelliod, darüber ein Tuch und schließlich der eigentliche Wärmeträger. Dieser ist ebenfalls mit Moor gefüllt, jedoch vollständig verschlossen und mehrfach verwendbar. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, Wärme zu speichern und über längere Zeit gleichmäßig abzugeben.

Damit unterscheidet sich das Verfahren von einem klassischen Paraffin-Fango, wie es ebenfalls in therapeutischen Praxen eingesetzt wird. Dort wird das Material stark erhitzt, anschließend wieder auf Behandlungstemperatur heruntergekühlt und nach der Anwendung erneut aufbereitet. Norman Dombo sieht darin unter anderem einen vergleichsweise hohen Energieaufwand. Zudem bevorzugt er das Temperaturverhalten des im ZfG eingesetzten Systems.

Ein wichtiger Vorteil für ihn: Die Naturmoorpackung wird zunächst bei Zimmertemperatur aufgelegt. Die Wärme kommt anschließend vom darüberliegenden Wärmeträger und gelangt allmählich durch die Packung zum Körper. Die Behandlungstemperatur steigt also langsam an. Gerade für Menschen, die starke Hitze zu Beginn einer Behandlung als unangenehm empfinden, kann dies angenehmer sein. Die Wärmeträger werden im ZfG in einem Wasserbad auf knapp 60 Grad Celsius erwärmt und geben ihre gespeicherte Wärme nach und nach ab.

Eingesetzt werden solche Wärmeanwendungen vor allem dort, wo therapeutisch Wärme gewünscht ist – beispielsweise im Schulter- und Nackenbereich oder am unteren Rücken. Grundsätzlich können je nach ärztlicher Diagnose und Verordnung aber auch andere Körperregionen behandelt werden. Wärme kann dazu beitragen, die Muskulatur zu entspannen und auf weitere therapeutische Maßnahmen vorzubereiten.

Naturmoor bringt dabei seine eigenen Eigenschaften mit. Es ist mineralstoffreich, leicht sauer und kann je nach Charge aufgrund natürlicher Bestandteile auch einen charakteristischen Geruch entwickeln. „Manche Chargen riechen ein bisschen nach faulen Eiern“, erklärt Dombo mit einem Lachen. Das sei kein Qualitätsmangel, sondern schlicht Natur.

Bei aller Begeisterung für die wohltuende Wärme betont Dombo allerdings einen Punkt besonders: Eine intensive Wärmeanwendung ist nicht für jeden Menschen automatisch geeignet. Vor allem bei bekannten Herz-Kreislauf-Problemen ist Vorsicht angebracht. Deshalb klärt das Zentrum für Gesundheit auch bei Selbstzahlern im Zweifelsfall zunächst ab, ob aus medizinischer Sicht etwas gegen eine Fangobehandlung spricht. Sicherheit gehe vor schneller Behandlung, betont Dombo.

Interessant ist auch die Frage nach der Nachhaltigkeit. Während die Wärmeträger immer wieder verwendet werden können, handelt es sich beim eigentlichen Naturmoor um Einmalpackungen. Weil das Material weitgehend aus einem Naturprodukt besteht, hatte das ZfG in der Vergangenheit sogar eine ungewöhnliche Recyclingidee: Patienten konnten das verwendete Moor mitnehmen und im Garten weiterverwenden. Gerade Pflanzen, die einen eher sauren Boden bevorzugen, können davon profitieren. So fand manche Fangopackung nach ihrem Einsatz in der Praxis noch eine zweite Verwendung im heimischen Garten.

Für die kalte Jahreszeit hat sich das Zentrum für Gesundheit jedenfalls bereits vorbereitet: Kartonweise wurde Nachschub bestellt. Denn die Fangobehandlungen gehören seit Jahren zu den wiederkehrenden Herbstangeboten des ZfG.

Und Matthias J. Lange? Der zeigt sich am Ende des Gesprächs durchaus überzeugt von der Aussicht auf eine warme Behandlungsliege. Seine Idee für eine der nächsten Folgen steht jedenfalls schon: Er legt sich einfach auf die Liege, Norman Dombo übernimmt die Fangopackung – und der Podcast läuft währenddessen weiter.

Folge 21 von „Dombo bewegt“ zeigt damit einmal mehr, was das Format ausmacht: verständliche Informationen aus dem Praxisalltag, medizinische Hintergründe und ein Gespräch, bei dem auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Zwischen Verfall und Vergessen: Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter zu Gast im PresseClub München

14. Oktober 2026

Verlassene Fabriken, vergessene Bauernhöfe, geplünderte Krankenhäuser und die Geschichten hinter zerfallenden Mauern: Im PresseClub München gewährte die Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter faszinierende Einblicke in ihre Arbeit. Im Gespräch mit Matthias J. Lange, Beirat im Vorstand des PresseClubs München, sprach sie über die Ästhetik des Verfalls, ihre fotografische Leidenschaft, gefährliche Begegnungen, den verantwortungsvollen Umgang mit verlassenen Orten und die zerstörerischen Auswirkungen sozialer Medien. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt einer neuen Reihe zur Fotografie im PresseClub München.

Es sind Orte, die ihre ursprüngliche Bestimmung längst verloren haben. Gebäude, in denen einst Menschen lebten, arbeiteten, feierten oder litten. Heute stehen sie leer, verfallen langsam und werden von der Natur zurückerobert. Für viele Menschen sind solche Ruinen lediglich Schandflecken oder gefährliche Überreste vergangener Zeiten. Für Agnes Hörter dagegen sind sie faszinierende Zeitzeugen, die Geschichten erzählen. Die Fotografin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sogenannten Lost Places und hat ihre Entdeckungen bereits in drei Büchern dokumentiert. Hier die Aufzeichnung des Gesprächs im PresseClub.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Ort seine Geschichte selbst erzählt“, erklärte Hörter im PresseClub München. „Der eine gibt mehr oder weniger von sich preis.“ Genau diese Geschichten sind es, die sie antreiben. Dabei geht es ihr nicht ausschließlich um spektakuläre Bilder, sondern um die Menschen, die Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich hinter verlassenen Mauern verbergen.

Mit der Veranstaltung eröffnete der PresseClub München eine neue Reihe, die sich verstärkt der Fotografie widmen soll. Moderator Matthias J. Lange betonte zur Begrüßung die Bedeutung der Fotografie als Bestandteil journalistischer Arbeit. Bilder seien weit mehr als Illustrationen. Sie dokumentierten Wirklichkeit, vermittelten Zusammenhänge und könnten Geschichten erzählen, die sich mit Worten allein kaum beschreiben ließen. Mit Agnes Hörter habe man bewusst eine Fotografin eingeladen, die sich einem ungewöhnlichen fotografischen Genre verschrieben habe.

Eine verlassene Möbelfabrik als Beginn einer Leidenschaft

Der Ursprung von Hörters Begeisterung liegt in einer zufälligen Entdeckung. Bei einem Spaziergang stieß sie auf eine verlassene Möbelfabrik. Eine eingestürzte Industriehalle, überwucherte Gleise und die Überreste einer längst eingestellten Produktion weckten ihre Neugier. „Das ist schon irre, wenn man sich vorstellt, dass da mal produziert wurde und dann wachsen da Farne, kleine Bäume, Moose, Pilze“, erinnerte sie sich. „Da, wo früher gearbeitet wurde, das ist so ein ganz neuer kleiner Kosmos.“

Was von außen wie eine gewöhnliche Ruine ausgesehen habe, entpuppte sich im Inneren als geheimnisvolle Welt. „Das ist auch so ganz anders wie das, was man sonst sieht. Und das sieht man nicht, wenn man nicht in dieses Gebäude kommt.“ Aus dieser ersten Entdeckung entwickelte sich eine Leidenschaft, die Hörter bis heute nicht losgelassen hat. Die Faszination beginnt für sie bereits vor dem Betreten eines Gebäudes. „Ich glaube, in allererster Linie bin ich aufgeregt. Es ist spannend. Ich habe da was gefunden. Und dann juckt es mich so ein bisschen in den Fingern.“

Allerdings unterscheidet sie deutlich zwischen verlassenen Industrieanlagen und ehemaligen Wohnhäusern. Während Fabriken vor allem ihre Neugier auf technische und historische Zusammenhänge wecken, lösen zurückgelassene Wohnungen und Bauernhöfe häufig ganz andere Gefühle aus. „Ich glaube, das berührt einen schon, wenn du plötzlich in einem Zimmer stehst und da ist noch ganz viel drin“, sagte Hörter. „Da fühlt man sich dann schon so als Eindringling.“

Besonders bewegend sei der Anblick vollständig eingerichteter Häuser, deren Bewohner offenbar eines Tages verschwunden seien. Möbel, Kleidung, Zeitungen und persönliche Gegenstände ließen erahnen, wie die Menschen einst gelebt hätten. „Das ist dann auch so ein Moment, wo man sich überlegt: Mache ich das jetzt eigentlich? Gucke ich mich in einem fremden Leben um oder lasse ich es lieber?“ Ihre Antwort fiel bemerkenswert offen aus: „Aber meistens, muss ich zugeben, bin ich einfach zu neugierig und das ist zu spannend.“

Wenn verlassene Häuser von Einsamkeit erzählen

Wie intensiv sich Hörter mit den Geschichten hinter ihren Motiven beschäftigt, verdeutlichte sie anhand eines verlassenen Bauernhofs. Dessen ehemaliger Bewohner war ein hochdekorierter Feuerwehrkommandant gewesen. In seinen letzten Lebensjahren hatte er offenbar nur noch wenige Räume im Erdgeschoss genutzt. Die oberen Stockwerke waren über Jahrzehnte weitgehend unverändert geblieben, während Teile des Gebäudes bereits einstürzten.

Für die Fotografin entstand daraus ein berührendes Bild menschlicher Vergänglichkeit. Wie konnte ein Mann, der beruflich große Verantwortung getragen hatte, am Ende unter derart schwierigen Bedingungen leben? „Da fragt man sich unwillkürlich, was ist da passiert?“, erzählte Hörter. Vielleicht sei der Mann zu stolz gewesen, um Hilfe anzunehmen. Vielleicht habe er seine Selbstständigkeit nicht aufgeben wollen. Sie machte allerdings deutlich, dass solche Überlegungen Interpretationen seien und keine gesicherten Erkenntnisse. „Das sind natürlich alle Spekulationen.“

Gerade hier zeigte sich die besondere Verbindung zwischen Fotografie und journalistischem Erzählen. Denn Hörter möchte nicht bloß den Verfall dokumentieren. Sie versucht, den Menschen hinter den zurückgelassenen Gegenständen gerecht zu werden. „Ich glaube, es gibt auch eine Grenze dessen, was man zeigen kann oder zeigen sollte.“

Im Fall des ehemaligen Feuerwehrkommandanten entschied sie sich deshalb, vor allem die erhalten gebliebenen schönen Wohnbereiche und dessen Engagement bei der Feuerwehr zu dokumentieren. Die Verwahrlosung sollte nicht im Mittelpunkt stehen. „Man muss ja nicht das Schlechte hervorheben“, betonte sie.

Damit berührte das Gespräch eine zentrale Frage des dokumentarischen Journalismus: Darf alles gezeigt werden, nur weil es fotografiert werden kann? Und welche Verantwortung trägt derjenige, der private Lebensgeschichten öffentlich macht? Für Hörter gehört der Respekt vor den früheren Bewohnern untrennbar zu ihrer fotografischen Arbeit.

Die Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die fotografische Arbeitsweise. Hörter besitzt eine künstlerische Ausbildung, betrachtet ihre Arbeit aber nicht ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten. „Ich glaube, jedes Foto ist irgendwo auch ein bisschen künstlerisch“, erklärte sie.

Entscheidend sei zunächst, die besondere Atmosphäre eines Ortes einzufangen. Dabei arbeite sie mit vergleichsweise überschaubarer Ausrüstung. Neben einer kleinen Digitalkamera nutzt sie inzwischen eine zweite Kamera, ein Weitwinkelobjektiv, ein Stativ und bei Bedarf zusätzliche Beleuchtung. Die Ausrüstung müsse vor allem zuverlässig funktionieren. Schließlich seien die Bedingungen in verlassenen Gebäuden selten ideal. Häufig herrsche Zeitdruck, Räume seien dunkel und manche Orte könnten nur schwer erreicht werden. „Manchmal weißt du einfach, du hast nicht viel Zeit, du musst dich beeilen. Dann brauchst du eine kleine Kamera, auf die du dich verlassen kannst.“

Bei größeren Fabrikanlagen könne eine fotografische Erkundung durchaus sechs oder acht Stunden dauern. Deshalb gehörten neben Kameras und Taschenlampen auch Proviant und Verbandsmaterial zur Ausrüstung. Hörter versucht, jeden Raum möglichst vollständig zu dokumentieren. Neben Gesamtansichten entstehen Detailaufnahmen von Maschinen, Möbeln, Werkzeugen oder persönlichen Gegenständen. „Ich versuche immer, das Raum für Raum vorzugehen“, beschrieb sie ihre Methode.

Dabei habe sie durchaus aus Fehlern gelernt. Einmal sei sie aus einem großen Bauernhaus mit zahlreichen gelungenen Detailaufnahmen zurückgekehrt, habe aber vergessen, einen besonders interessanten Raum vollständig zu fotografieren. „Da habe ich mich aber geärgert.“

Die digitale Nachbearbeitung ihrer Bilder hält Hörter bewusst zurückhaltend. Sie fotografiert überwiegend im JPEG-Format und korrigiert anschließend vor allem Kontraste, Helligkeit und Farben. „Ich versuche vorrangig, die Stimmung vor Ort zu transportieren. Und im Grunde braucht es da nicht sehr viel.“ Auch HDR-Techniken setzt sie gelegentlich ein, etwa um verborgene Strukturen oder alte Tapetenmuster sichtbar zu machen. Allerdings gilt für sie der Grundsatz: „So wenig wie möglich, nur das, was nötig ist.“

Besonders interessant war ihre Haltung zum Bewegtbild. Obwohl sie mittlerweile auch eine Drohne besitzt, möchte sie sich nicht unbedingt zur Videoproduzentin entwickeln. „Ich glaube, Videos wird nicht so mein Ding“, sagte sie. Das Internet sei bereits von zahllosen, häufig reißerisch aufgemachten Videos überschwemmt. Sie sehe keinen Grund, sich diesem Trend anschließen zu müssen.

Drohnen eröffnen neue Perspektiven

Die Drohnenfotografie betrachtet Hörter dagegen als wertvolle Ergänzung ihrer Arbeit. Gerade bei weitläufigen Industrieanlagen ermögliche der Blick aus der Luft Erkenntnisse, die vom Boden aus kaum zu gewinnen seien. „Denn eine große Kristallfabrik oder so, du kriegst ja diesen ganzen Komplex nie zusammen“, erläuterte sie.

Aus 60 oder 70 Metern Höhe ließen sich beispielsweise Produktionshallen, Lagerflächen und Transportwege erkennen. Mitunter würden dadurch sogar historische Produktionsabläufe verständlich. Auch ehemalige Schwimmbäder oder Freizeitparks entwickelten aus der Vogelperspektive eine eigene Ästhetik. Die Anordnung von Wasserbecken, Rutschen und Gebäuden werde erst aus der Luft vollständig sichtbar.

Hörter betonte allerdings, dass der Einsatz einer Drohne zusätzliche technische Kenntnisse und die Beachtung gesetzlicher Vorschriften erfordere. Besonders bei Flügen innerhalb einsturzgefährdeter Gebäude sei sie zurückhaltend.

Wenn aus Fotografieren ein Polizeieinsatz wird

Dass Lost-Places-Fotografie nicht nur romantische Entdeckungen bereithält, sondern durchaus gefährlich werden kann, verdeutlichte Hörter mit einer spektakulären Geschichte aus Hessen. Gemeinsam mit zwei Begleitern erkundete sie einen verlassenen Krankenhauskomplex. Die Eingangstür stand offen. Im Keller begegnete die Gruppe zunächst mehreren mutmaßlichen Kabeldieben, die sich beim Anblick der Fotografen erschreckten und flüchteten.

Die Fotografen setzten ihre Erkundung fort. Wenig später hörte Hörter plötzlich schwere Schritte und den Ruf: „Hände hoch, Polizei!“ Zunächst glaubte sie an einen Scherz anderer Besucher. Doch die Situation wurde schnell ernst. Schwer ausgerüstete Polizisten durchsuchten das Gebäude und kontrollierten ihre Begleiter. „In dem Moment merkst du, okay, das ist ernst.“

Hörter selbst hatte sich zunächst in einem Raum aufgehalten und wurde schließlich ebenfalls entdeckt. Rückblickend berichtete sie mit trockenem Humor von ihrer Reaktion. „Ich war vielleicht so schockiert, dass ich gar keine Angst mehr haben konnte. Ich war eigentlich nur besorgt um meine Fotos.“

Wie sich herausstellte, waren die Fotografen mitten in eine verdeckte Polizeiaktion gegen Kabeldiebe geraten. „Das war echt ungünstig“, kommentierte Hörter die Situation. Nachdem die Personalien aufgenommen worden waren, durfte die Gruppe das Gebäude verlassen. Konsequenzen habe die Begegnung für sie nicht gehabt.

Eine weitere abenteuerliche Geschichte spielte in einem ehemaligen Swingerclub, dessen Räume aufwendig künstlerisch gestaltet worden waren. Ein Ägyptenzimmer, ein Dschungelzimmer und weitere Themenräume machten das Gebäude zu einem außergewöhnlichen fotografischen Motiv. Allerdings fühlten sich Hörter und ihre Begleitung zunehmend unwohl. Als im Keller plötzlich ein rotes Warnlicht aufleuchtete, ertönte der vereinbarte Alarmruf: „Lauf!“

„Was dazu geführt hat, dass ich dann einen Hechtsprung aus dem Fenster gemacht habe. James Bond hätte es nicht besser machen können.“

Nach Hörters Schilderung gehörte das Gebäude einer Rockergruppe. Ob tatsächlich Gefahr bestanden habe, blieb offen. Hörter war jedenfalls froh, den Ort verlassen zu haben. Solche Erlebnisse seien jedoch keineswegs der Grund, weshalb sie Lost Places fotografiere. Auf die Frage nach ihrer Abenteuerlust erklärte sie: „Da bin ich eher so zurückhaltend. Abenteuer brauche ich nicht unbedingt. Also manchmal ist mir das entspannte Fotografieren lieber.“

„Zu ist zu“ – der schwierige Ehrenkodex der Lost-Places-Szene

Ausführlich diskutierten Hörter und Lange über die rechtlichen und moralischen Grenzen der Lost-Places-Fotografie. Ein Grundsatz, den Hörter auch in ihren Büchern vertritt, lautet: „Zu ist zu.“

Sie selbst breche keine Türen auf und zerstöre keine Schlösser. Gleichzeitig räumte sie offen ein, dass viele ihrer fotografischen Entdeckungen nur deshalb möglich seien, weil andere Menschen zuvor unbefugt Zugänge geschaffen hätten. „Die Krux an der Geschichte ist, ich würde in die meisten Gebäude ja nicht reinkommen, wenn nicht vorher jemand eingebrochen oder aufgebrochen hätte.“

Das sei ein Widerspruch, mit dem sie leben müsse. Viel lieber würde sie offizielle Genehmigungen erhalten. Doch gerade bei leerstehenden Gebäuden seien Eigentumsverhältnisse häufig kompliziert und Ansprechpartner schwer zu erreichen. „Es wäre mir schon lieber, ich würde eine Genehmigung bekommen. Aber da rennst du ja oft gegen Wände.“

Hörter warnte zugleich davor, die gesamte Lost-Places-Szene pauschal als verantwortungsbewusste Gemeinschaft darzustellen. „Es heißt immer, ja, das sind die Lost-Place-Fotografen, die machen sowas nicht. Aber ich glaube, es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Tatsächlich gebe es auch Fotografen, die Motive bewusst zerstörten, nachdem sie ihre eigenen Bilder aufgenommen hätten, damit andere diese Aufnahmen nicht mehr machen könnten. „Ich glaube, es ist schon so ein bisschen eine Blase zu sagen, wir sind die Guten.“ Der Ehrenkodex existiere durchaus noch. Doch Hörter beobachtet mit Sorge, dass er zunehmend an Bedeutung verliere.

Wenn die Veröffentlichung zur Zerstörung führt

Besonders eindringlich wurde das Gespräch, als es um die Verantwortung von Medien und sozialen Netzwerken ging. Hörter machte deutlich, dass die Veröffentlichung von Lost-Places-Fotografien schwerwiegende Folgen für die dokumentierten Orte haben könne. „Man sagt immer so, die sozialen Medien sind dafür verantwortlich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es auch Presseberichte sind. Ganz eindeutig.“

Problematisch seien vor allem Veröffentlichungen, die genaue Standorte nennen und zugleich darauf hinweisen, dass Gebäude unbewacht seien. „Gerade wenn noch explizit herausgearbeitet wird, dass da schon lange keiner mehr ist und da sich niemand drum kümmert.“

Als Beispiel schilderte sie eine ehemalige Westernstadt bei Nürnberg. Nachdem ein Onlineartikel über den verlassenen Ort erschienen war, hätten sich zahlreiche Besucher auf den Weg gemacht. Innerhalb kürzester Zeit seien Zäune beschädigt, Gegenstände gestohlen und Scheiben eingeschlagen worden. „Es ist wirklich ein echtes Problem.“

Die Entwicklung habe sich durch soziale Medien dramatisch beschleunigt. Während sich früher kleine Gruppen von Fotografen untereinander austauschten, würden heute Standortdaten teilweise systematisch gesammelt und sogar verkauft. „Inzwischen werden Apps gemacht. Du kannst dir eine App runterladen, die dir, wenn du rumfährst, gleich bimmelt, wenn da irgendwo was ist.“

Teilweise würden Koordinaten gegen Bezahlung angeboten. Was früher mühsame Recherche erforderte, sei heute mit wenigen Klicks verfügbar. „Heute kann es wirklich eine Woche dauern. Ein Ort wird gefunden, kommt in so eine Karte. Du siehst zehn, zwanzig, dreißig Fotos, Videos und Filmchen im Internet. Und danach war es das.“

Besonders erschütternd sei die Entwicklung bei verlassenen Schwimmbädern, Krankenhäusern und Hotels. Ein bekannt gewordener Standort ziehe nicht nur Fotografen an, sondern auch Diebe, Randalierer und Menschen, die gezielt Zerstörung suchten.

Der Rosenhof: Ein Beispiel für den Verlust eines Kulturguts

Eine besonders traurige Geschichte erzählte Hörter über einen alten Bauernhof, den sie als Rosenhof bezeichnete. Das Gebäude war liebevoll eingerichtet und dekoriert worden. Möbel, Bilder und zahlreiche persönliche Gegenstände vermittelten einen Eindruck vom früheren Leben seiner Bewohner. Ein wunderschöner Rosengarten ergänzte das Anwesen.

Doch nachdem Aufnahmen des Hauses im Internet aufgetaucht waren, begann dessen Plünderung. Ein Bekannter habe ihr schließlich Bilder von Möbeln geschickt, die auf einer tschechischen Kleinanzeigenplattform angeboten wurden. Hörter erkannte die Einrichtungsgegenstände des Bauernhofs wieder. „Und beim Ranzoomen hat man gesehen, auch die Farbfehler. Das waren genau die Möbel aus diesem Hof.“

Offenbar waren große Teile der Einrichtung systematisch abtransportiert worden. „Es ist komplett ausgeräumt worden.“ Als Hörter später zurückkehrte, fand sie ein verwüstetes Gebäude vor. Die einstige Atmosphäre war unwiederbringlich zerstört.

Besonders bitter: Die Erben hatten offenbar versucht, das Anwesen zu schützen. Nach Hörters Schilderung deuteten Aufnahmen einer Überwachungskamera auf den Abtransport von Gegenständen hin. „Und das alles, weil es ein Video im Internet gab“, sagte Hörter.

Die Geschichte verdeutlichte ein grundlegendes Dilemma ihrer Arbeit: Fotografien können historische Orte bewahren, indem sie deren Zustand dokumentieren. Gleichzeitig können genau diese Bilder Menschen anlocken, die zur endgültigen Zerstörung beitragen.

Respektlosigkeit, Vandalismus und die Frage nach den Ursachen

Im weiteren Verlauf berichtete Hörter von zahlreichen verlassenen Gebäuden, die nach ihrer Entdeckung mutwillig zerstört wurden. Besonders erschütternd sei für sie der Zustand einer ehemaligen Klinik in Höchenschwand im Schwarzwald gewesen. „Das sind so Momente, die machen mich wirklich sprachlos und wütend.“

Dabei gehe es längst nicht mehr ausschließlich um Diebstahl. Zwar würden professionelle Täter weiterhin Kupferleitungen, Kabel und andere wertvolle Materialien aus leerstehenden Gebäuden entfernen. Doch daneben gebe es Menschen, die offenbar aus reiner Zerstörungslust handelten. „Wirklich zu fünft, zu sechst nachts in so ein Gebäude einzudringen und es von oben bis unten klein zu klopfen. Das ist leider so.“

Auf die Frage aus dem Publikum, woher diese Wut komme, konnte auch Hörter keine abschließende Antwort geben. „Ich glaube, es gibt wirklich Leute, die Frust ablassen wollen.“

Sie schilderte einen ehemaligen Hotelkomplex am Tegernsee, in dem Waschbecken, Türen und andere Einrichtungsgegenstände mit einer Axt zerstört worden waren. Gleichzeitig hätten Diebe bereits Metallbeschläge für den Abtransport bereitgelegt. Besonders bemerkenswert sei gewesen, dass sich das Gebäude mitten in einem belebten Ort befunden habe. „Also auch wenn das sehr prominent ist, das Hausgebäude, das hilft nicht, dass so was passiert.“

Hörter kritisierte außerdem eine Entwicklung, bei der sich Menschen beim Eindringen in verlassene Gebäude selbst filmten und ihre Aktionen anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlichten. „Inzwischen siehst du ganz viele Videos, wo sich Leute zeigen, wie sie in ein Gebäude einsteigen.“

Hinzu komme eine zunehmende Inszenierung. Gegenstände würden verschoben, Räume dekoriert oder zurückgelassene Kostüme für Videos verwendet. Für Hörter ist dies mit ihrer Vorstellung dokumentarischer Fotografie kaum vereinbar. „Ich fasse ja teilweise nicht mal was an“, erklärte sie. „Und ich finde auch, dass es sehr respektlos diesem Ort gegenüber ist.“

Selbst vermeintlich gut gemeinte Aufräumaktionen betrachtet sie kritisch. Denn wenn Menschen Möbel umstellen, Müll beseitigen und Räume dekorieren, verändern sie den ursprünglichen Zustand und damit die Geschichte des Ortes. Allerdings räumte sie ein: „Die Leute sind mir dann doch lieber als die, die alles zerstören.“

Industriekultur als Gedächtnis einer Gesellschaft

Eine besondere Leidenschaft entwickelt Hörter für historische Industrieanlagen, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern. Dort dokumentiert sie nicht nur verlassene Fabriken, sondern beschäftigt sich intensiv mit der wirtschaftlichen und technischen Vergangenheit. „Es macht mich manchmal auch sprachlos, wenn ich sehe, was da passiert ist“, erklärte sie.

Besonders faszinierend sei für sie die Vielfalt der ehemaligen volkseigenen Betriebe der DDR. „Ich hätte gar nicht gewusst, es gab auch wirklich für alles eine Fabrik. Nur für Hausschuhe. Und eine Fabrik nur für irgendwelche Bolzen.“

Je intensiver sie sich mit einem Betrieb beschäftige, desto mehr Zusammenhänge würden sichtbar. Lieferketten, Produktionsverfahren und Verbindungen zwischen verschiedenen Unternehmen ergäben ein immer komplexeres Bild. „Man hat mal so angefangen zu graben. Das wird immer größer.“

Gerade die historische Industriekultur sei deshalb für sie ein nahezu unerschöpfliches Forschungsgebiet. Hörter verwies dabei auch auf die Veränderungen durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Wie frühere industrielle Umbrüche würden auch diese Entwicklungen Unternehmen, Produktionsstätten und ganze Berufsbilder verändern.

Die Frage, welche Spuren unsere heutige Gesellschaft für kommende Generationen hinterlassen werde, schwang dabei mit. Während historische Fabriken mit ihren Backsteinfassaden, Maschinenhallen und Schornsteinen häufig eine besondere architektonische Qualität besäßen, könnten moderne Zweckbauten diese Faszination möglicherweise nur schwer vermitteln.

Ein viertes Buch über Kunst in Ruinen

Neben ihren bisherigen drei Büchern arbeitet Agnes Hörter bereits an einem weiteren Projekt. Diesmal soll es um die Verbindung zwischen verlassenen Gebäuden und zeitgenössischer Kunst gehen. Im Mittelpunkt stehen Graffiti, großflächige Wandbilder und künstlerische Installationen in ehemaligen Industrieanlagen.

Dabei unterscheidet Hörter deutlich zwischen wahllosen Schmierereien und anspruchsvoller Street-Art. „Aber es gibt auch richtig gute Leute“, sagte sie über die Graffiti-Künstler. „Und da habe ich so nach und nach Sachen gesehen, da war ich echt sprachlos und hab mir gedacht, das muss ich den Leuten zeigen.“

Das geplante Buch soll deshalb nicht nur fotografische Dokumentationen enthalten, sondern auch einzelne Künstler porträtieren. Besonders interessant findet Hörter organisierte Kunstprojekte, bei denen leerstehende Industriegebäude vorübergehend für internationale Künstler geöffnet werden.

Dabei entstehen großformatige Wandbilder, Installationen und andere Kunstwerke, die den verlassenen Räumen für kurze Zeit neues Leben verleihen. Anschließend können Besucher die Gebäude im Rahmen von Veranstaltungen besichtigen. Historische Führungen vermitteln zusätzlich die ursprüngliche Bedeutung der Anlagen.

Für Hörter ist das ein überzeugendes Konzept: Industriekultur wird nicht einfach dem Verfall überlassen, sondern für Kunst und Öffentlichkeit neu erschlossen.

Wie groß ihre Leidenschaft für besondere Motive ist, zeigte eine weitere Geschichte. Jahrelang hatte sie nach einem außergewöhnlichen Graffiti in einem ehemaligen Kraftwerk gesucht. Schließlich gelang es ihr, den Standort durch aufwendige Recherchen einzugrenzen. Als sich eine Gelegenheit ergab, konnte sie das Gebäude schließlich fotografisch erkunden. „Wir haben sechs Stunden lang gesucht, nur für dieses eine Foto.“ Ein Aufwand, der eindrucksvoll verdeutlicht, wie viel Geduld und Beharrlichkeit hinter ihren Bildern stecken.

Schiffswracks als neue fotografische Herausforderung

Zum Abschluss des moderierten Gesprächs richtete Matthias J. Lange den Blick auf einen weiteren Traum der Fotografin: die Dokumentation versunkener Schiffe. „Ja, definitiv“, antwortete Hörter auf die Frage, ob diese Idee noch aktuell sei.

Bereits an der französischen Atlantikküste hatte sie zwei Schiffswracks entdeckt, die bei Niedrigwasser zugänglich waren. Mithilfe von Satellitenbildern und Informationen über die Gezeiten gelang es ihr, die Überreste aufzuspüren. „Wir hatten dann ungefähr eine halbe Stunde Zeit, um die dann zu fotografieren.“

Besonders beeindruckend seien die Drohnenaufnahmen gewesen, auf denen sich die Wracks im Sand und im zurückkehrenden Wasser abzeichneten. Inzwischen hat Hörter sogar eine Unterwasserdrohne angeschafft. Erste Versuche auf bayerischen Seen erwiesen sich allerdings als schwieriger als erwartet. „Ich hatte null Ahnung, wo dieses Ding unter Wasser rumfährt.“

Vor allem die schlechte Sicht unter Wasser mache die Navigation kompliziert. Doch aufgeben möchte sie nicht. „Ich habe es noch nicht aufgegeben. Die meisten Wracks werden ja auch noch eine Weile liegen bleiben.“ Damit dürfte sich für die Fotografin möglicherweise ein weiteres Kapitel ihrer Arbeit eröffnen.

Eine Archäologin der jüngeren Vergangenheit?

In der anschließenden Publikumsdiskussion wurden Fragen nach Eigentumsrechten, Drohnenvorschriften, Vandalismus und dem gesellschaftlichen Wert der Lost-Places-Fotografie vertieft. Besonders interessant war die Frage eines Besuchers, ob Hörter sich als eine Art Archäologin verstehe. „Werden Sie beleidigt, wenn ich Sie als Archäologin bezeichne?“, wollte er wissen. „Nein, überhaupt nicht“, antwortete sie.

Tatsächlich gibt es bemerkenswerte Parallelen zwischen ihrer Arbeit und archäologischer Forschung. Beide beschäftigen sich mit den materiellen Hinterlassenschaften vergangener Lebenswelten. Beide versuchen, aus Gegenständen, Gebäuden und räumlichen Zusammenhängen Rückschlüsse auf die Menschen zu ziehen, die diese Orte einst nutzten.

Allerdings handelt es sich bei Hörters Arbeit nicht um wissenschaftliche Archäologie, sondern um eine Verbindung aus fotografischer Dokumentation, historischer Recherche und persönlicher Interpretation. Gerade diese Mischung macht ihre Bilder und Bücher interessant. Sie dokumentiert nicht nur den Zustand eines Gebäudes, sondern fragt nach seiner ursprünglichen Funktion, seinen Bewohnern und seiner Bedeutung für die Gesellschaft.

Dabei kommt ihr eine Eigenschaft zugute, die auch für journalistische Arbeit unverzichtbar ist: Neugier. „Also mich interessiert es unheimlich“, erklärte sie über ihre historischen Recherchen. „Und wenn ich sowas finde, dann muss ich auch immer gucken, dass das nicht alles zu ausufernd wird.“

Die Fotografien bilden den Ausgangspunkt. Doch häufig beginnt die eigentliche Geschichte erst danach.

„Diese verlorenen Orte sind für mich Orte der Ruhe und der Stille“

Die vielleicht persönlichste Antwort des Abends gab Agnes Hörter auf die Frage nach ihrer tiefsten Motivation. Warum zieht es sie immer wieder in verlassene Gebäude, obwohl diese oft schmutzig, gefährlich und schwer zugänglich sind? Warum verbringt sie Stunden in dunklen Fabrikhallen, einsturzgefährdeten Bauernhäusern und überwucherten Industrieanlagen?

Hörter verwies auf eine Fernsehdokumentation über ihr Leben, die unter dem Titel „Weibsbilder“ im Bayerischen Fernsehen gezeigt wurde. Darin werde deutlich, was diese Orte für sie persönlich bedeuteten. „Diese verlassenen, verlorenen Orte, wo andere sich gruseln, die sind eher für mich Orte der Ruhe und der Stille.“

Gerade die Abwesenheit anderer Menschen mache einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus. „Ich möchte auch am liebsten niemandem begegnen. Ich hasse das, wenn da noch andere rumlaufen.“ Was für Außenstehende wie eine unwirtliche Ruine erscheint, empfindet Hörter als Rückzugsort. „Aber für mich ist das so eine Oase der Stille, der Ruhe. Und das zieht mich an.“

Dann wurde die Fotografin ungewöhnlich persönlich. Vielleicht, so überlegte sie, gebe es eine Verbindung zwischen den verlassenen Orten und eigenen Erfahrungen aus ihrer Kindheit. „Diese verlorenen Orte haben so ein bisschen auch das, was ich vielleicht als Kind so, diese Verlorenheit, die ich hatte.“

Es sei schwer, diese Verbindung genau zu erklären. Doch sie spüre, dass darin ein wesentlicher Teil ihrer Motivation liege. „Wir haben uns da schon irgendwie gefunden.“

Dabei romantisiere sie die tatsächlichen Bedingungen keineswegs. „Es stinkt, es ist dreckig, man saut sich ein. Du musst gucken, wegen Schimmel und Zeug. Es ist, weiß Gott, nichts, was irgendwie heimelig ist.“ Ein gewöhnlicher Spaziergang im Wald wäre sicherlich angenehmer. „Aber ich kann es nicht lassen.“

Mit diesen Worten endete ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich stimmender Abend im PresseClub München. Moderator Matthias J. Lange dankte Agnes Hörter für ihre Offenheit, ihre eindrucksvollen Fotografien und die vielen persönlichen Geschichten. Zugleich kündigte er an, dass sich der PresseClub künftig verstärkt mit unterschiedlichen Facetten der Fotografie beschäftigen wolle.

Der Auftakt machte deutlich, wie eng Fotografie, Geschichtsschreibung und Journalismus miteinander verbunden sind. Bilder können Erinnerungen bewahren, historische Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen für den Wert vergessener Orte sensibilisieren. Sie können allerdings auch Begehrlichkeiten wecken und damit unbeabsichtigt zur Zerstörung dessen beitragen, was sie dokumentieren.

Agnes Hörter bewegt sich seit Jahren in diesem Spannungsfeld. Ihre Fotografien sind Momentaufnahmen einer verschwindenden Welt, ihre Bücher zugleich Erinnerungsarbeit und persönliche Spurensuche.

Am Ende blieb vor allem eine Erkenntnis: Verlassene Orte sind nicht geschichtslos. Ihre Geschichten sind lediglich verstummt. Menschen wie Agnes Hörter sorgen dafür, dass sie wieder gehört und gesehen werden – bevor die letzten Spuren für immer verschwinden.

Live. Lokal. Echt. Der BistroTalk in Youtube mit Hans-Dieter Scherer, Konzertveranstalter im SixtyFour am Mittwoch, 14. Oktober 18-19 Uhr vor Ort und online

13. Oktober 2026

Am Mittwoch, 14. Oktober 2026, steht mit Hans-Dieter Scherer ein Mann im Mittelpunkt des BistroTalks, der das kulturelle Leben in Maisach seit Jahrzehnten mitgestaltet. Als Konzertveranstalter, Mediengestalter, Organisator und leidenschaftlicher Techniker hat er zahlreiche Projekte verwirklicht und dabei immer wieder bewiesen, dass auch in einer kleinen Gemeinde große Ideen Wirklichkeit werden können. Sein Lebensmotto ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: „Einfach machen!“

Termin ist am Mittwoch, 14. Oktober um 18 Uhr, der Talk dauert etwa eine Stunde und wird ab 18 Uhr live auf YouTube gestreamt. Die Adresse ist: https://www.youtube.com/@redaktion42/streams
Die Veranstaltung wird vom Zentrum für Gesundheit Dombo unterstützt.

Hans-Dieter Scherer ist ein echtes Maisacher Original. Hier aufgewachsen, seiner Heimat eng verbunden und gleichzeitig in der Welt herumgekommen, gehört er zu jenen Menschen, die nicht lange darüber diskutieren, was man alles machen könnte, sondern selbst aktiv werden. Seine berufliche Laufbahn führte ihn vom Kfz-Mechaniker über Webdesign und Mediengestaltung bis zum digitalen Fernsehen und in die Medienabteilung des Max-Planck-Instituts. Daneben war er unter anderem in Indien und Mexiko tätig und baute in Kanada ein Holzhaus.

Besonders bekannt wurde Scherer durch seine Leidenschaft für die Musik. Seit 2009 organisiert er Konzerte und hat internationale Künstler wie Tommy Emmanuel, Don Ross, Abi Wallenstein, Christina Lux und Chris Jagger nach Maisach geholt. Dabei geht es ihm nicht um musikalischen Mainstream, sondern um außergewöhnliche Künstler, handgemachte Musik und die unmittelbare Begegnung zwischen Musikern und Publikum.

Dass Scherer auch große Veranstaltungen auf die Beine stellen kann, bewies er beim Maisacher Volksfest 2017. Damals gelang es ihm, die bayerische Kultband LaBrassBanda für einen Auftritt im Festzelt zu gewinnen. Rund 2.000 Besucher sorgten für eine großartige Stimmung. Hinzu kommen zahlreiche Open-Air-Konzerte, Brauereifeste und weitere Kulturveranstaltungen. Selbst während der Coronapandemie blieb Scherer nicht untätig und organisierte das „Volksfest Dahoam“ in Maisach und Gernlinden.

Doch Hans-Dieter Scherer ist weit mehr als ein Konzertveranstalter. Er beschäftigt sich intensiv mit Ton, Sound und Veranstaltungstechnik. Wie entsteht ein guter Klang? Welche technischen Herausforderungen stellen sich bei Konzerten und öffentlichen Veranstaltungen? Und wie haben digitale Technologien die Arbeit hinter den Kulissen verändert? Auch diese Fragen werden im Mittelpunkt des Gesprächs stehen.

Doch das Interview soll nicht nur einen Rückblick auf erfolgreiche Projekte bieten. Es geht auch um die Zukunft der Kultur in Maisach. Wie schwierig ist es heute, Konzerte und Veranstaltungen wirtschaftlich zu organisieren? Welche Rolle spielen steigende Kosten, bürokratische Auflagen, die GEMA und veränderte Erwartungen des Publikums? Warum wird es immer schwieriger, Menschen für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen? Und welche Unterstützung brauchen private Kulturinitiativen, damit auch künftig außergewöhnliche Veranstaltungen stattfinden können?

Der Talk dauert etwa eine Stunde und wird ab 18 Uhr live auf YouTube gestreamt. Die Adresse ist: https://www.youtube.com/@redaktion42/streams

Lost Places – Wenn die Fotografie vergessenen Orten eine Stimme gibt

12. Oktober 2026

Verlassene Fabrikhallen, zerfallene Schlösser, aufgegebene Krankenhäuser, stillgelegte Bahnhöfe oder längst vergessene Hotels: Sie alle haben etwas gemeinsam. Einst waren sie voller Leben, heute herrscht dort Stille. Die Natur erobert sich langsam zurück, was der Mensch hinterlassen hat. Fenster zerbrechen, Farbe blättert von den Wänden, Feuchtigkeit dringt in das Mauerwerk und Pflanzen wachsen durch die Böden. Was auf den ersten Blick wie ein trauriges Zeugnis des Verfalls erscheint, entwickelt für immer mehr Fotografen eine geradezu magische Anziehungskraft. Die sogenannte Lost-Places-Fotografie hat sich zu einer eigenständigen fotografischen Ausdrucksform entwickelt, die dokumentarische Arbeit, künstlerische Gestaltung und historische Spurensuche miteinander verbindet. Ich darf am Dienstag, 13. Oktober um 11 Uhr im PresseClub München eine Diskussionsrunde mit der Fotografin Agnes Hörter durchführen. Anmeldung und Infos hier.

Der Begriff „Lost Places“ stammt aus dem Englischen und bezeichnet verlassene oder aufgegebene Orte. Häufig handelt es sich um Gebäude, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben und seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr genutzt werden. Manche stehen unmittelbar vor dem Abriss, andere befinden sich in einem langsamen Prozess des Verfalls. Wieder andere sind bereits von der Natur überwuchert und kaum noch als ehemalige menschliche Lebensräume zu erkennen. Für Fotografen bieten diese Orte eine außergewöhnliche Mischung aus Architektur, Geschichte, Licht und Atmosphäre.

Dabei geht es keineswegs ausschließlich um spektakuläre Ruinen oder den Nervenkitzel, einen verlassenen Ort zu betreten. Gute Lost-Places-Fotografie ist vor allem eine Form visueller Geschichtsschreibung. Die Bilder dokumentieren, wie Menschen früher gelebt, gearbeitet und ihre Freizeit verbracht haben. Eine verlassene Werkbank mit zurückgelassenem Werkzeug erzählt von industrieller Produktion, ein gedeckter Tisch in einem aufgegebenen Gasthaus von vergangenen Begegnungen und ein verstaubtes Kinderzimmer von einer Familie, deren Geschichte längst an einem anderen Ort weitergegangen ist.

Besonders faszinierend ist dabei die eigentümliche Gegenwart der Vergangenheit. In vielen verlassenen Gebäuden scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Kalender hängen noch an den Wänden, Zeitungen liegen auf Tischen, Aktenordner stehen in Regalen und Maschinen warten scheinbar darauf, wieder eingeschaltet zu werden. Die Menschen sind verschwunden, doch ihre Spuren sind geblieben. Genau diese Spannung zwischen Anwesenheit und Abwesenheit macht einen wesentlichen Teil der fotografischen Faszination aus.

Eine Fotografin, die sich dieser besonderen Bildwelt mit großer Leidenschaft widmet, ist Agnes Hörter. In unserem Gespräch im Presseclub werden wir ausführlich diskutieren.

Hörter interessiert sich sowohl für monumentale Industrieanlagen als auch für kleine, unscheinbare Gebäude. Besonders beeindruckt ist sie von ehemaligen Industriestandorten wie der Maxhütte oder der Völklinger Hütte. Dort bilden gewaltige Maschinen, rostige Rohre, Schornsteine und weitläufige Produktionshallen eine faszinierende Kulisse. Gleichzeitig berühren sie die persönlichen Hinterlassenschaften in verlassenen Wohnhäusern und Gaststätten. Eine zurückgelassene Brille, eine Zeitung oder eine Wasserflasche können dabei eine ebenso starke emotionale Wirkung entfalten wie eine riesige Fabrikhalle.

Ihre fotografische Herangehensweise ist bemerkenswert zurückhaltend. Hörter versucht, die Orte möglichst authentisch zu dokumentieren. Aufwendige Inszenierungen oder künstlich arrangierte Szenen stehen nicht im Mittelpunkt. Vielmehr möchte sie die Atmosphäre festhalten, die sie beim Betreten eines Gebäudes vorfindet. Damit bewegt sie sich zwischen klassischer Dokumentarfotografie und künstlerischer Interpretation.

Technisch stellt die Lost-Places-Fotografie besondere Anforderungen. Viele Gebäude verfügen über keine funktionierende Stromversorgung. Die Lichtverhältnisse sind schwierig, Fenster teilweise zugemauert oder durch Pflanzen verdeckt. Häufig dringt nur wenig Tageslicht in die Räume. Gerade diese Bedingungen können jedoch außergewöhnliche fotografische Ergebnisse ermöglichen.

Ein einzelner Sonnenstrahl, der durch ein zerbrochenes Fenster fällt und Staubpartikel sichtbar macht, kann eine beinahe mystische Stimmung erzeugen. Das diffuse Licht eines bewölkten Tages betont dagegen die Farben verblasster Tapeten und die Strukturen verwitterter Oberflächen. Besonders eindrucksvoll sind Aufnahmen, bei denen Licht und Schatten die räumliche Tiefe unterstreichen und den Blick des Betrachters gezielt durch das Bild führen.

Fotografisch spielen deshalb Belichtung, Perspektive und Bildkomposition eine entscheidende Rolle. Weitwinkelobjektive ermöglichen es, große Räume und architektonische Zusammenhänge darzustellen. Ein Stativ hilft bei längeren Belichtungszeiten, wenn nur wenig Licht vorhanden ist. Gleichzeitig eröffnen Detailaufnahmen völlig andere erzählerische Möglichkeiten. Eine verrostete Türklinke, eine zerbrochene Uhr oder ein verlassenes Paar Schuhe können mehr über die Geschichte eines Ortes vermitteln als eine vollständige Ansicht des Gebäudes.

Agnes Hörter arbeitet nach eigenen Angaben unter anderem mit einer Sony Alpha 6000, einem Weitwinkelobjektiv und einem Stativ. Für besondere Perspektiven setzt sie außerdem eine Drohne ein. Ihre Arbeit zeigt, dass nicht unbedingt die teuerste Kameraausrüstung entscheidend ist. Wesentlich wichtiger sind Geduld, ein geschulter Blick und die Fähigkeit, eine Geschichte fotografisch zu erzählen.

Ein besonderer Reiz der Lost-Places-Fotografie liegt im bewussten Umgang mit Vergänglichkeit. Während die klassische Architekturfotografie häufig darauf abzielt, Gebäude in einem möglichst perfekten Zustand zu präsentieren, richtet sich der Blick bei Lost Places auf das Unvollkommene. Risse, Rost, Schimmel, abgeplatzter Putz und überwucherte Fassaden werden zu gestalterischen Elementen. Der Verfall wird nicht versteckt, sondern zum eigentlichen Motiv erhoben.

Damit berührt diese Fotografie auch ein altes kunsthistorisches Thema: die Vanitas, die Vergänglichkeit allen irdischen Lebens. Bereits in der Malerei des Barock erinnerten verwelkende Blumen, Totenschädel und erloschene Kerzen daran, dass menschlicher Reichtum, Macht und Schönheit nicht von Dauer sind. Lost-Places-Fotografien übertragen diesen Gedanken in die Gegenwart. Ein einst luxuriöses Hotel, dessen Kronleuchter inzwischen von der Decke gefallen sind, oder eine verlassene Fabrik, in der früher Hunderte Menschen arbeiteten, werden zu modernen Sinnbildern der Vergänglichkeit.

Zugleich besitzt diese Fotografie eine gesellschaftliche Dimension. Verlassene Gebäude sind häufig sichtbare Folgen wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen. Fabriken schließen, weil Produktionsstandorte verlagert werden. Bahnhofsgebäude verlieren ihre Funktion durch die Automatisierung des Fahrkartenverkaufs. Hotels und Gaststätten verschwinden, weil sich Reisegewohnheiten verändern oder Nachfolger fehlen. Militärische Anlagen werden nach politischen Umbrüchen aufgegeben. Die Fotografien dokumentieren damit nicht nur Architektur, sondern auch Strukturwandel, wirtschaftliche Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen.

Besonders deutlich wird dieser dokumentarische Wert, wenn die fotografierten Gebäude später abgerissen werden. Dann bleiben die Aufnahmen möglicherweise als einzige visuelle Zeugnisse erhalten. In ihrem Bildband „Lost Places in Bayern“, der im Volk Verlag erschienen ist, widmet sich Agnes Hörter zahlreichen verlassenen Orten im Freistaat. Auf 208 Seiten verbindet sie atmosphärische Fotografien mit Informationen über die Geschichte der Gebäude. Darunter befinden sich ehemalige Industrieanlagen, Hotels, Bauernhöfe, Bunker und Freizeiteinrichtungen.

Solche Arbeiten können einen wichtigen Beitrag zur regionalen Erinnerungskultur leisten. Nicht jedes verlassene Gebäude steht unter Denkmalschutz, und nicht jede ehemalige Fabrik wird später zu einem Museum umgebaut. Oft verschwinden ganze Anlagen, ohne dass ihre Geschichte umfassend dokumentiert wurde. Fotografen können deshalb eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie diese Orte festhalten, bevor sie unwiederbringlich verloren gehen.

Allerdings wirft die Lost-Places-Fotografie auch rechtliche und ethische Fragen auf. Nicht jedes verlassene Gebäude darf betreten werden. Auch wenn ein Haus seit Jahrzehnten leer steht, kann es sich weiterhin in Privatbesitz befinden. Ein offenes Fenster oder eine unverschlossene Tür bedeuten keineswegs automatisch, dass der Zutritt erlaubt ist. Hinzu kommen erhebliche Sicherheitsrisiken durch einsturzgefährdete Decken, beschädigte Treppen, offene Schächte oder gesundheitsschädliche Stoffe.

Agnes Hörter betont deshalb den respektvollen Umgang mit den Orten. Ihr Grundsatz lautet: „Zu ist zu.“ Verschlossene Gebäude werden nicht gewaltsam geöffnet. Dabei sollte grundsätzlich gelten, dass vor dem Betreten die Zustimmung der Berechtigten eingeholt wird.

Ein großes Problem stellt außerdem der zunehmende Vandalismus dar. Sobald die Standorte besonders attraktiver Lost Places öffentlich bekannt werden, steigt mitunter die Gefahr von Zerstörung und Diebstahl. Hörter berichtet beispielsweise von einem Hotel im Schwarzwald, das bei ihrem ersten Besuch noch weitgehend eingerichtet war, kurze Zeit später jedoch massiv verwüstet wurde. Auch der sogenannte Rosenhof wurde nach ihrer fotografischen Dokumentation geplündert.

Solche Erfahrungen zeigen, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit den Informationen über verlassene Orte ist. Viele Fotografen verzichten bewusst darauf, genaue Standorte zu veröffentlichen. Dahinter steht der Gedanke, dass die Dokumentation eines Gebäudes nicht zu dessen weiterer Zerstörung beitragen darf.

Eine weitere spannende Entwicklung betrifft die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz. Moderne Bildbearbeitungsprogramme ermöglichen es, selbst unter schwierigen Lichtbedingungen beeindruckende Fotografien zu erstellen. Unterschiedliche Belichtungen können kombiniert, stürzende Linien korrigiert und Details in dunklen Bildbereichen sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie weit solche Eingriffe gehen dürfen, wenn die Fotografie auch einen dokumentarischen Anspruch erhebt.

Mit generativer künstlicher Intelligenz lassen sich inzwischen sogar vollständig erfundene Ruinen und verlassene Gebäude darstellen. Solche Bilder können künstlerisch reizvoll sein, besitzen jedoch nicht denselben historischen Zeugniswert wie authentische Fotografien realer Orte. Gerade deshalb könnte die dokumentarische Lost-Places-Fotografie künftig noch an Bedeutung gewinnen. Sie hält fest, was tatsächlich existiert hat, und bewahrt damit ein Stück Wirklichkeit in einer zunehmend digital erzeugten Bilderwelt.

Die Faszination der Lost-Places-Fotografie geht letztlich weit über das Fotografieren alter Gebäude hinaus. Sie ist eine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Veränderung und Vergänglichkeit. Sie zeigt, dass selbst scheinbar wertlose Ruinen eine Geschichte besitzen und dass die Spuren menschlichen Lebens auch dann noch sichtbar bleiben, wenn ihre ursprünglichen Bewohner längst verschwunden sind.

Fotografen wie Agnes Hörter machen diese Geschichten wieder sichtbar. Ihre Bilder laden dazu ein, genauer hinzusehen, Fragen zu stellen und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wer hat hier gelebt? Wer hat an diesen Maschinen gearbeitet? Warum wurde dieser Ort verlassen? Und was wird von unserer heutigen Welt in einigen Jahrzehnten noch übrig sein?

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft dieser Fotografie. Sie zeigt nicht einfach verlassene Räume, sondern erinnert an das Leben, das diese Räume einst erfüllte. Lost Places sind deshalb keine geschichtslosen Orte. Sie sind stille Zeitzeugen, deren Geschichten erst durch den aufmerksamen Blick der Fotografie wieder lebendig werden.

Wo Brüssel nach Muscheln, Pommes und Geschichte duftet

11. Oktober 2026

Brüssel ist nicht nur eine Stadt für Kunst, Geschichte und Architektur, sondern auch ein wunderbares Ziel für Genießer. Kulinarisch haben wir es uns jedenfalls richtig gut gehen lassen. Neben Kultur wie Museen gab es vor allem Esskultur. Natürlich durften dabei die berühmten Moules-frites nicht fehlen: frische Muscheln, klassisch im Sud serviert. Aber auch Schnecken, aromatisch mit Knoblauch und Kräutern zubereitet, gehörten zu unseren Entdeckungen. Ein besonderer Genuss war der Hummer – frisch, saftig und ohne unnötigen Schnickschnack serviert. Und dann wären da natürlich noch die Pommes: außen herrlich knusprig, innen weich und für mich ein weiterer Beweis dafür, dass die Belgier diese vermeintlich einfache Spezialität einfach beherrschen. Brüssel hat uns auch kulinarisch überzeugt. Bei meiner Zeit in Brüssel habe ich einige Restaurant getestet und genossen. Hier ein paar ausgewählte Beispiele

Chez Léon
Mein Spitzenreiter Chez Léon gehört zu den bekanntesten Traditionsrestaurants Brüssels. Das familiengeführte Lokal in der Rue des Bouchers, nur wenige Schritte von der Grand-Place entfernt, besteht seit 1893. Berühmt ist Chez Léon vor allem für den belgischen Klassiker Moules-frites – Muscheln mit Pommes frites. Daneben stehen weitere Spezialitäten der belgischen und Brüsseler Küche auf der Karte. Das große, lebhafte Restaurant mit seiner traditionellen Atmosphäre ist längst selbst zu einer Sehenswürdigkeit der Stadt geworden. Wer in Brüssel einmal ganz klassisch Muscheln essen möchte, kommt an Chez Léon kaum vorbei.


Hier geht es nicht um stille Eleganz oder zurückhaltenden Luxus. Chez Léon lebt von Bewegung, Geselligkeit und belgischer Bodenständigkeit. Die Räume sind belebt, die Tische stehen dicht beieinander und überall herrscht jene unkomplizierte Atmosphäre, in der ein Essen schnell zu einer Erinnerung an Brüssel wird. Ich habe hier Meeresfrüchte genossen, dazu ein, zwei Bier und ich habe immer wieder Comics im Laden entdeckt. Ich habe das Lokal vor 30 Jahren besucht und schätzen gelernt. Leider hat sich der damalige Chef das Leben genommen, aber die Tradition des Hauses lebt weiter.

The Lobster House
Das Lobster House in der berühmten Rue des Bouchers ist eine wunderbare Adresse für Liebhaber von Fisch und Meeresfrüchten. Seit 2006 dreht sich hier fast alles um Hummer, Austern, Krabben, Garnelen und andere Spezialitäten aus dem Meer. Besonders eindrucksvoll ist der Blaue Hummer, der direkt aus dem Meerwasseraquarium ausgewählt und anschließend frisch zubereitet wird. Dazu gibt es – wie sollte es in Belgien anders sein – hervorragende Pommes. Das lebhafte Restaurant mitten im historischen Zentrum ist touristisch, ohne dass der Genuss dabei zu kurz kommt. Für uns war der Hummer eines der kulinarischen Highlights unseres Brüssel-Besuchs.


Doch es ist nicht allein das Essen, das den Reiz ausmacht. Es ist dieses typische Brüsseler Gefühl: draußen historische Fassaden und lebhafte Gassen, drinnen gedeckte Tische, Gespräche und der Duft frisch zubereiteter Speisen. Für einen Moment fühlt es sich an, als lägen die belgische Hauptstadt und die raue Nordseeküste ganz nah beieinander. Allerdings sitzt man sehr eng aufeinander, was so manchen deutschen Touristen etwas verwirrt.

Aux Armes de Bruxelles
Das Aux Armes de Bruxelles in der Rue des Bouchers ist eine der traditionsreichen gastronomischen Adressen im Herzen Brüssels. 1921 übernahm Calixte Veulemans das bereits unter diesem Namen bestehende Lokal und entwickelte es zu einem renommierten Restaurant. Bis heute steht es für klassische belgisch-brüsseler Küche in einem eleganten, historischen Brasserie-Ambiente.


Hinter dem Aux Armes de Bruxelles steckt mehr als ein Jahrhundert Brüsseler Gastronomiegeschichte. 1921 kaufte Calixte Veulemans das bereits unter diesem Namen bestehende Lokal in der Rue des Bouchers 13 und machte aus der ehemaligen Taverne ein gehobenes Restaurant. Veulemans gehörte zu den Gastronomen, die Muscheln populär machten: Er ließ sie täglich aus dem niederländischen Yerseke anliefern und servierte sie in einzelnen Töpfen direkt am Tisch.
Zu den Gästen gehörten im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Prominente. König Leopold III. soll regelmäßig Seezunge und Muscheln gegessen haben; auch Jacques Brel, Toots Thielemans, Fernandel, Michèle Morgan und später Johnny Hallyday kehrten hier ein. Einen weiteren Aufschwung erlebte das Restaurant während der Brüsseler Weltausstellung 1958.
Anfang der 1970er-Jahre übernahm Calixte Veulemans’ Sohn Jacques das Geschäft. Die Familie führte das Restaurant bis 2006. Nach einigen schwierigeren Jahren wurde die traditionsreiche Brasserie 2018 von der Familie Vanlancker übernommen, die auch hinter der benachbarten Brüsseler Institution Chez Léon steht. Damit begann die Wiederbelebung eines Hauses, das eng mit der gastronomischen Geschichte des historischen Brüsseler Zentrums verbunden ist.
Auf der Speisekarte finden sich belgische Klassiker, Fisch und Meeresfrüchte sowie Fleischgerichte. Besonders schön ist die Verbindung aus traditioneller Küche und dem nostalgischen Flair des Hauses. Wer in Brüssel nicht nur gut essen, sondern dabei auch ein Stück gastronomischer Stadtgeschichte erleben möchte, ist im Aux Armes de Bruxelles genau richtig. Die Preise sind etwas höher, aber es lohnt sich.

Frites Atelier
Wer glaubt, Pommes frites seien nur eine einfache Beilage, sollte in Brüssel das Frites Atelier besuchen. Hinter dem Konzept steht der niederländische Spitzenkoch Sergio Herman, der mit seinem früheren Restaurant Oud Sluis drei Michelin-Sterne erkochte. 2016 startete er Frites Atelier mit einer einfachen Idee: aus perfekten Pommes ein eigenständiges kulinarisches Erlebnis zu machen. Dafür wurde rund 18 Monate mit Kartoffelsorten und Zubereitungsmethoden experimentiert.
Die Brüsseler Filiale befindet sich in der Rue Sainte-Catherine 32. Serviert werden goldgelbe, besonders knusprige Frites mit hausgemachten Saucen und teilweise ungewöhnlichen Toppings. Dazu kommen Spezialitäten wie flämisches Rindergulasch, Garnelen- und Käsekroketten oder Frites mit Parmesan und Basilikum.
Das Spannende am Frites Atelier ist der Anspruch, aus belgisch-niederländischer Imbisskultur beinahe Haute Cuisine zu machen. Sergio Herman behandelt die Kartoffel mit derselben Ernsthaftigkeit, die man sonst hochwertigen Zutaten in einem Sternerestaurant entgegenbringt. Heraus kommt Fast Food mit Gourmet-Anspruch – und ein schöner Beweis dafür, welchen Stellenwert gute Pommes in Belgien haben.

La Terrasse de Bruxelles
La Terrasse de Bruxelles liegt mitten im touristischen Herzen Brüssels in der Rue des Bouchers und setzt auf klassische belgisch-französische Küche mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Fisch und Meeresfrüchten.
Die Atmosphäre ist lebhaft und typisch für das Brüsseler Zentrum, die Portionen ordentlich und die Speisekarte bietet eine gute Auswahl für alle, die belgische Klassiker und Seafood mögen. Kulinarisch sollte man allerdings keine große Raffinesse erwarten: La Terrasse ist eher eine unkomplizierte Brasserie als ein Gourmetrestaurant. Sicherlich nicht die Nummer eins der Empfehlungen, aber wer im Zentrum ist, kann einen Blick wagen.

Das sind nur ein paar Beispiele. Es gibt mehr, viel mehr.

Ein Fressen für die Geier Matinee am 11. Oktober im Scala Fürstenfeldbruck

10. Oktober 2026

„Ein Fressen für die Geier“ aus dem Jahr 1970 gehört zu jenen Western mit Clint Eastwood, die etwas im Schatten seiner berühmten Zusammenarbeit mit Sergio Leone stehen, bei genauerer Betrachtung aber erstaunlich viel zu bieten haben. Regisseur Don Siegel verbindet in „Two Mules for Sister Sara“, so der wesentlich treffendere Originaltitel, den klassischen amerikanischen Western mit Elementen des Italowesterns, des Abenteuerfilms, der Revolutionsgeschichte und sogar der romantischen Komödie. Das Ergebnis ist ein Film, der einerseits hervorragend unterhält, andererseits aber auch mit den Erwartungen des Publikums an Helden, Frauenrollen, Religion und Moral spielt. Ich bespreche und zeige den Film in meiner Western-Matinee am Sonntag, 11. Oktober im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Die Geschichte spielt 1865 während der französischen Intervention in Mexiko. Clint Eastwood verkörpert Hogan, einen ehemaligen amerikanischen Soldaten, der nach dem Ende des Bürgerkriegs als Söldner unterwegs ist. Er ist ein Mann, der wenig spricht, schnell schießt und seine Entscheidungen vor allem danach trifft, welchen persönlichen Vorteil sie ihm bringen. Damit erinnert Hogan unverkennbar an Eastwoods berühmten „Mann ohne Namen“ aus Sergio Leones Dollar-Trilogie. Doch Don Siegel übernimmt dieses Image nicht einfach, sondern beginnt schon bald, damit zu spielen. Hogan ist zwar ein hervorragender Schütze, erfahrener Soldat und Überlebenskünstler, aber längst nicht so unerschütterlich und unangreifbar, wie er zunächst erscheint.

Unterwegs begegnet Hogan einer Frau, die von drei Männern bedrängt wird. Er erschießt die Angreifer und entdeckt anschließend zu seiner Überraschung, dass die Gerettete offenbar eine Nonne ist. Schwester Sara, gespielt von Shirley MacLaine, wird fortan seine Reisebegleiterin. Damit beginnt der eigentliche Reiz des Films. Der schweigsame, pragmatische Revolvermann und die vermeintlich fromme Ordensschwester passen überhaupt nicht zusammen. Schon bald fallen Hogan und dem Zuschauer allerdings einige Merkwürdigkeiten auf. Sara trinkt Whiskey, kennt erstaunlich deftige Ausdrücke, besitzt bemerkenswerte Kenntnisse über Männer und weiß zudem ausgesprochen viel über die französischen Truppen und deren militärische Einrichtungen. Sie ist offensichtlich nicht so weltfremd, wie Hogan es von einer Nonne erwartet.

Genau daraus entwickelt Don Siegel einen großen Teil des Humors. Hogan glaubt lange Zeit, die Situation zu kontrollieren. Tatsächlich ist Sara ihm psychologisch häufig überlegen. Seine Vorstellungen von weiblicher Hilflosigkeit und religiöser Unschuld machen ihn erstaunlich leicht manipulierbar. Eastwoods berühmtes Image des coolen Einzelgängers wird dadurch immer wieder ironisch gebrochen. Hogan kann mit Waffen, Dynamit und gefährlichen Situationen umgehen, aber mit dieser Frau kommt er wesentlich schlechter zurecht.

Dabei ist Shirley MacLaines Sara mindestens ebenso wichtig für den Film wie Eastwoods Hogan. Sie gehört zu den ungewöhnlicheren Frauenfiguren des Westernkinos jener Zeit. Zunächst scheint sie einem bekannten Klischee zu entsprechen: Eine schutzbedürftige Frau benötigt einen bewaffneten Mann, der sie durch eine gefährliche Welt begleitet. Doch Siegel dreht dieses Muster zunehmend um. Sara besitzt Informationen, politische Kontakte und einen eigenen Plan. Hogan ist für sie nicht nur Beschützer, sondern zugleich ein Werkzeug, das sie für ihre Ziele einzusetzen versucht.

Filmgeschichtlich befindet sich „Ein Fressen für die Geier“ an einer spannenden Schnittstelle. Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre befand sich der klassische amerikanische Western im Wandel. Die klare Trennung zwischen guten und bösen Figuren funktionierte nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Gleichzeitig hatte der Italowestern das Genre grundlegend verändert. Helden waren plötzlich eigennützig, schmutzig und moralisch zweifelhaft. Geld spielte häufig eine größere Rolle als Gerechtigkeit, und Gewalt wurde weniger romantisiert. Clint Eastwood war durch seine Zusammenarbeit mit Sergio Leone selbst zu einem Symbol dieser Veränderung geworden. Don Siegel nutzt dieses Image und verbindet es wieder mit dem amerikanischen Abenteuerkino. Dadurch wirkt „Ein Fressen für die Geier“ wie eine interessante Mischung aus Hollywood-Western und Italowestern, ohne vollständig zu einer der beiden Welten zu gehören.

Einen großen Anteil an der Atmosphäre besitzt die Kameraarbeit von Gabriel Figueroa, einem der bedeutendsten Kameramänner des mexikanischen Kinos. Die mexikanische Landschaft wird nicht lediglich als schöne Kulisse präsentiert. Sie wirkt heiß, staubig, gefährlich und körperlich. Menschen erscheinen teilweise geradezu verloren zwischen Bergen, Felsen und weitem Himmel. Die Natur ist keine romantische Westernlandschaft, sondern eine Welt, in der Überleben ständig neu ausgehandelt werden muss. Bereits die Tiermotive zu Beginn des Films und die immer wieder auftauchenden Geier unterstreichen diesen Gedanken. In dieser Landschaft herrscht ein einfaches Prinzip: fressen oder gefressen werden. Der deutsche Titel „Ein Fressen für die Geier“ greift diese Ebene auf, obwohl er mit dem Originaltitel „Two Mules for Sister Sara“ nur wenig zu tun hat.

Besonders herausragend ist die Musik von Ennio Morricone. Er komponiert keineswegs einfach eine weitere Variante seiner berühmten Musik für Sergio Leone. Stattdessen entwickelt er einen ausgesprochen eigenwilligen Score, der den Film nicht nur begleitet, sondern häufig ironisch kommentiert. Im Hauptthema finden sich Klänge, die an das Schreien eines Maultiers erinnern, während Sara teilweise durch sakral wirkende musikalische Elemente charakterisiert wird. Morricone spielt damit ebenfalls mit der vermeintlichen Identität der Figuren. Die Musik kann religiös, komisch, bedrohlich und grotesk wirken und trägt entscheidend dazu bei, dass der Film seinen besonderen Ton zwischen Western und Komödie findet.

Trotz des Humors ist „Ein Fressen für die Geier“ keineswegs harmlos. Don Siegel inszeniert Gewalt schnell und direkt. Menschen werden erschossen, von Pfeilen getroffen oder durch Explosionen getötet. Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der Hogan von einem Pfeil getroffen wird und Sara ihn behandeln muss. Hier verbinden sich körperlicher Schmerz, Spannung und schwarzer Humor. Gleichzeitig zeigt diese Sequenz einen wichtigen Unterschied zwischen Siegel und Sergio Leone. Leone inszenierte den Augenblick vor der Gewalt häufig wie ein Ritual. Blicke, Hände, Waffen, Musik und Stille wurden minutenlang gegeneinander ausgespielt. Bei Siegel ist Gewalt wesentlich pragmatischer. Eine Gefahr entsteht, eine Entscheidung wird getroffen und unmittelbar folgt die Konsequenz. Diese schnörkellose Art der Inszenierung sollte auch für Eastwoods spätere Karriere von Bedeutung sein. Nur ein Jahr später drehten Siegel und Eastwood mit „Dirty Harry“ ihren berühmtesten gemeinsamen Film.

Karten für die Matinee gibt es hier.

Rückblick auf meine Matinee: Little Big Man (USA 1970)

9. Oktober 2026

Arthur Penns Little Big Man von 1970 ist einer der wichtigsten Anti-Western des amerikanischen Kinos. Der Film nimmt die vertrauten Motive des klassischen Westerns – Indianer, Kavallerie, Siedler, Revolverhelden, Pioniere, Heldentum und Zivilisation – und dreht sie konsequent um. Was früher oft als Eroberungsgeschichte erzählt wurde, erscheint hier als Geschichte von Gewalt, Täuschung, kultureller Überheblichkeit und Identitätsverlust. Gleichzeitig ist Little Big Man aber kein trockenes Geschichtsdrama, sondern eine Mischung aus Satire, Abenteuerfilm, Tragödie, Schelmenroman und bitterer Abrechnung mit amerikanischen Mythen. Die nächste Matinee ist am Sonntag, 11. Oktober der Film Ein Fressen für die Geier. Karten gibt es hier.

Im Mittelpunkt steht Jack Crabb, gespielt von Dustin Hoffman. Zu Beginn ist er angeblich 121 Jahre alt und erzählt einem Historiker sein Leben. Diese Rahmenhandlung ist entscheidend: Der Film gibt sich als Erinnerung aus, aber diese Erinnerung ist brüchig, subjektiv und manchmal überhöht. Jack Crabb ist Zeuge, Opfer, Mitläufer und Überlebender zugleich. Durch seine Augen erlebt man die Geschichte des amerikanischen Westens nicht als klare Heldenerzählung, sondern als Kette absurder, brutaler und widersprüchlicher Erfahrungen. Hier meine Aufzeichnung meines Vortrags.

Als Kind wird Jack nach einem Überfall von Cheyenne aufgenommen und wächst bei ihnen auf. Dort erhält er den Namen „Little Big Man“, weil er klein ist, sich aber mutig zeigt. Die Cheyenne werden im Film nicht als primitive Bedrohung dargestellt, sondern als komplexe Gemeinschaft mit Humor, Würde, Spiritualität und sozialer Ordnung. Besonders Chief Old Lodge Skins, großartig gespielt von Chief Dan George, ist das moralische Zentrum des Films. Er ist weise, komisch, melancholisch und zutiefst menschlich. Seine Haltung zur Welt wirkt im Film oft klarer und zivilisierter als alles, was die sogenannte weiße Zivilisation hervorbringt.

Jack Crabb pendelt im Lauf seines Lebens immer wieder zwischen den Kulturen. Er lebt bei den Cheyenne, wird in eine weiße religiöse Familie aufgenommen, begegnet Predigern, Betrügern, Soldaten, Geschäftsleuten, Prostituierten und Revolverhelden. Diese ständigen Rollenwechsel machen ihn zu einer Art amerikanischem Chamäleon. Er ist nie ganz hier und nie ganz dort. Gerade dadurch kann der Film verschiedene Gesellschaftsformen gegeneinander spiegeln. Die weiße Welt erscheint dabei nicht als Ort von Ordnung und Fortschritt, sondern häufig als Ort von Heuchelei, Habgier, sexueller Verdrängung, Gewalt und Selbstbetrug.

Besonders scharf ist die Darstellung der US-Kavallerie. General George Armstrong Custer wird nicht als heroischer Militärführer gezeigt, sondern als eitler, größenwahnsinniger und gefährlich selbstverliebter Mann. Der Film demontiert damit eine der großen Figuren des Westernmythos. Custers militärischer Ehrgeiz und seine Verachtung für die indigenen Völker führen nicht zu Ruhm, sondern zu Massakern und schließlich zur eigenen Vernichtung. In Little Big Man ist die Kavallerie nicht die rettende Ordnungsmacht, sondern oft der eigentliche Schrecken.

Ein zentraler Bruch mit dem klassischen Western liegt in der Darstellung der Gewalt. Penn inszeniert Gewalt nicht als heroischen Showdown, sondern als traumatische Erfahrung. Besonders die Massaker an indigenen Familien gehören zu den erschütterndsten Szenen des Films. Hier wird sichtbar, dass der Westen nicht einfach „erschlossen“ wurde, sondern dass diese Erschließung mit Vertreibung, Mord und kultureller Zerstörung verbunden war. Der Film entstand zur Zeit des Vietnamkriegs, und diese historische Gegenwart ist deutlich spürbar. Die Angriffe auf indianische Dörfer wirken wie ein Kommentar auf moderne Kriegsverbrechen, auf militärische Sprache, auf Befehlsketten und auf die Entmenschlichung des Gegners.

Trotz seiner Härte ist Little Big Man auch ein sehr komischer Film. Die Komik entsteht aus Übertreibung, Rollenwechseln und absurden Begegnungen. Jack Crabb wird mal frommer Zögling, mal Revolverheld, mal Geschäftsmann, mal Trinker, mal Ehemann, mal Krieger. Diese episodische Struktur erinnert an einen Schelmenroman: Der Held stolpert durch die Geschichte, überlebt mehr durch Zufall als durch Größe und entlarvt dabei die Welt um sich herum. Dustin Hoffman spielt Jack nicht als klassischen Helden, sondern als Suchenden, der immer wieder versucht, sich anzupassen, und doch nirgends endgültig ankommt.

Gerade diese Mischung aus Komödie und Tragödie macht den Film so stark. Penn lässt das Publikum lachen, nur um kurz darauf die Grausamkeit der Geschichte umso härter wirken zu lassen. Diese Tonwechsel können irritieren, sind aber kein Fehler. Sie entsprechen Jacks Lebenserzählung: Erinnerung ist nicht sauber sortiert, sondern voller Widersprüche. Das Absurde und das Schreckliche liegen dicht nebeneinander.

Sehr wichtig ist auch die Figur von Old Lodge Skins. Er verkörpert nicht einfach den edlen Indianer als Klischee, sondern eine Lebenshaltung. Seine Weisheit ist humorvoll und erdverbunden. Er versteht die Lächerlichkeit der weißen Welt, ohne selbst verbittert zu erscheinen. Die berühmte Szene, in der er sich zum Sterben auf einen Hügel legt, dann aber feststellt, dass sein Tod noch nicht gekommen ist, verbindet Spiritualität und Komik auf wunderbare Weise. Der Film nimmt seine Figur ernst, ohne sie in falsche Feierlichkeit zu pressen.

Formal arbeitet Little Big Man mit einem starken Kontrast zwischen epischer Weite und satirischer Zuspitzung. Die Landschaften erinnern an den klassischen Western, doch die Erzählung unterläuft ständig dessen Gewissheiten. Die Kamera zeigt Prärien, Siedlungen, Lager und Schlachtfelder nicht als mythische Räume des Abenteuers, sondern als Schauplätze einer Identitätskrise. Der Westen ist kein Ort eindeutiger Helden, sondern ein moralisch verwüstetes Gebiet.

Auch die Erzählperspektive ist entscheidend. Weil alles aus Jacks Erinnerung kommt, bleibt die Frage offen, wie zuverlässig seine Darstellung ist. Ist er wirklich der letzte große Zeuge des Wilden Westens? Übertreibt er? Erfindet er? Der Film spielt mit dieser Unsicherheit. Aber gerade dadurch wirkt seine Wahrheit stärker: Es geht nicht um eine objektive Chronik, sondern um eine Gegenerzählung zum offiziellen Mythos.

Little Big Man ist außerdem ein Film über Identität. Jack Crabb ist weiß geboren, wächst aber indianisch auf. Später wird er in die weiße Gesellschaft zurückgeführt, doch dort bleibt er innerlich fremd. Er erlebt, dass Identität nicht nur Herkunft ist, sondern Erziehung, Erfahrung, Sprache, Zugehörigkeit und Erinnerung. Der Film zeigt, wie zerstörerisch eine Gesellschaft sein kann, die nur eine Form von Zugehörigkeit gelten lässt.

Aus heutiger Sicht kann man den Film auch kritisch betrachten. Obwohl er für seine Zeit ungewöhnlich sympathisch und respektvoll mit indigenen Figuren umgeht, bleibt die Geschichte dennoch um einen weißen Erzähler herum gebaut. Die Erfahrungen der Cheyenne werden durch Jack Crabb vermittelt. Das war 1970 ein wichtiger Perspektivwechsel gegenüber vielen älteren Western, ist aber aus heutiger Sicht nicht völlig frei von Vermittlungsproblemen. Dennoch bleibt der Film ein bedeutender Schritt in Richtung eines selbstkritischeren amerikanischen Kinos.

Das Finale am Little Bighorn vollendet die Entzauberung des Westernheldentums. Custer marschiert nicht in die Legende, sondern in die Katastrophe. Jack überlebt erneut, aber sein Überleben wirkt nicht triumphal. Es ist eher eine Last. Er trägt die Erinnerung an eine Welt, die vernichtet wurde, und an eine Geschichte, die viel grausamer war, als sie sich Amerika lange erzählen wollte. Die nächste Matinee ist am Sonntag, 11. Oktober der Film Ein Fressen für die Geier. Karten gibt es hier.

PresseClub München: Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – ein Rausch ohne Ernüchterung

8. Oktober 2026

Warum zieht das Oktoberfest Jahr für Jahr Millionen Menschen an? Was macht aus 16 Tagen Ausnahmezustand ein Stück Münchner Identität? Und wie viel Veränderung verträgt die Wiesn, ohne ihren Charakter zu verlieren? Im PresseClub München diskutierten Menschen darüber, die das größte Volksfest der Welt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennen: Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn, Pfarrer und ehemaliger Wiesn-Kellner Rainer Maria Schießler, Wiesn-Bedienung Margarete Prijak, Wiesn-Stadträtin Anja Berger und Trachtler Michael Unruh vom Festring München. Moderiert wurde die Runde von PresseClub-Mitglied Manfred Otzelberger. Unter dem Motto „Nach der Wiesn ist vor der Wiesn – ein Rausch ohne Ernüchterung“ wurde schnell deutlich: Die Wiesn ist für diese Runde weit mehr als Bier, Geschäft und Besucherrekorde.

Wenn 7,4 Millionen Menschen auf die Theresienwiese kommen, liegt das Wort „Rekord“ nahe. Doch genau diesem Denken wollte die Runde im PresseClub München nicht verfallen. Die Wiesn müsse nicht jedes Jahr größer werden, lautete eine der zentralen Botschaften. Entscheidend sei vielmehr, ihren besonderen Charakter zu erhalten: als Volksfest, Arbeitsplatz, Wirtschaftsfaktor, Begegnungsraum und ein Stück gelebter Münchner Kultur. Hier die Aufzeichnung der Veranstaltung:

Anja Berger zog zunächst eine positive Bilanz. Trotz der enormen Besucherzahlen habe das Oktoberfest organisatorisch funktioniert. Eine wichtige Rolle spielte dabei das überarbeitete Sicherheits- und Crowdmanagement. Neue Kameras, verbesserte Abläufe und ein Sicherheitsraum hätten dazu beigetragen, auch große Besucherströme besser zu steuern. Gerade angesichts von zeitweise mehreren Hunderttausend Menschen auf dem Gelände sei dies eine enorme Leistung.

„Ich fand, dass es eine sehr, sehr schöne Wiesn war“, sagte Berger. Vor allem sei sie dankbar, „dass alle so zusammengearbeitet haben“. Absolute Sicherheit könne es bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung nicht geben. Dennoch habe sie die Wiesn als friedlich erlebt. „Die allermeisten Menschen haben sich sehr glücklich gefühlt. Die Lebensfreude war wieder auf dem Platz.“

Wie anstrengend diese Lebensfreude für diejenigen ist, die sie möglich machen, konnte Margarete Prijak aus eigener Erfahrung schildern. Seit 38 Jahren arbeitet sie auf der Wiesn. Körperlich geht das nicht spurlos an ihr vorbei. In diesem Jahr kam erschwerend ein gebrochener Mittelfuß hinzu. „Mein Kopf hat gesagt: Nein. Mein Herz hat gesagt: Ja“, beschrieb sie ihre Entscheidung, trotzdem wieder anzutreten. Nach 16 Tagen sei sie „sehr müde, sehr fertig“, zugleich aber glücklich: „Alles in allem war es wirklich eine wunderschöne Wiesn.“

Dass sie Jahr für Jahr zurückkehrt, liege keineswegs nur am Verdienst. Natürlich könne man in diesen 16 Tagen gutes Geld verdienen. Früher habe das Einkommen einer Wiesn-Saison schon einmal für ein Auto, Versicherungen oder größere Anschaffungen gereicht. Doch die eigentliche Motivation sei eine andere: „Das ist wie Heimkommen. Das ist Familie.“

Prijak beschrieb diesen Moment sehr anschaulich: Schon kurz vor der Eröffnung treffe man Kolleginnen und Kollegen, Geschäftsführer, Wirte und Bekannte wieder. Dazu kämen Stammgäste, die über Jahrzehnte zu Freunden geworden seien. Sie habe Hochzeiten erlebt und Menschen über viele Jahre begleitet. Die Wiesn sei deshalb „ein bisschen wie eine Klassenfahrt mit Arbeit“ – anstrengend, intensiv, aber getragen von einer außergewöhnlichen Gemeinschaft.

Ähnlich sieht es Rainer Maria Schießler. Münchens bekannter Pfarrer arbeitete zehn Jahre lang selbst als Bedienung auf dem Oktoberfest und kennt das Fest nicht nur aus dem Bierzeltbesuch. Die „Entzugserscheinungen“, scherzte er, seien bis heute vorhanden. Wenn er durch einen Biergarten gehe und einen Tisch sehe, der abgeräumt werden müsse, zucke es ihm noch immer in den Fingern. Der frühere Kellner stecke weiter in ihm.

Noch wichtiger seien jedoch die Beziehungen, die in dieser Zeit entstanden. Menschen, die er auf der Wiesn kennengelernt habe, habe er später getraut, begleitet oder beerdigt. Aus flüchtigen Begegnungen seien dauerhafte Bindungen entstanden.

Schießler widersprach deshalb auch der Vorstellung von der Wiesn als einer Art Ersatzreligion. Für ihn ist sie vielmehr eine Ergänzung zu etwas, das Religion ebenfalls vermitteln wolle: Lebensfreude und Gemeinschaft. „Der liebe Gott will, dass der Mensch glücklich ist. Er will, dass er feiern kann, er will, dass er das Leben genießen kann“, sagte der Pfarrer.

Dabei zog Schießler eine Verbindung zwischen religiöser Mahlgemeinschaft und dem gemeinsamen Essen und Trinken auf dem Oktoberfest. In der Bibel spiele das gemeinsame Mahl immer wieder eine zentrale Rolle. „Ein Mahl ist mehr als Nahrungsaufnahme. Ein Mahl ist Gemeinschaft“, formulierte er. Für ihn liegt darin ein wesentlicher Kern der Wiesn: Menschen kommen zusammen, teilen Zeit, Essen, Getränke und Freude.

Schießler wandte sich zugleich gegen den permanenten Rekordgedanken. Warum müsse nach einer erfolgreichen Wiesn sofort gefragt werden, wie sich die Besucherzahl noch steigern lasse? „Wir müssen keinen Rekord brechen.“ Viel wichtiger sei es, einen Erfolg auch einmal als solchen stehen zu lassen. Die Wiesn habe gezeigt, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander feiern und arbeiten könnten. „Multikulti funktioniert“, brachte er es auf den Punkt.

Wiesnwirt-Legende Wiggerl Hagn kann diesen Gemeinschaftsgedanken aus einer außergewöhnlich langen Perspektive bestätigen. 62 Jahre war er Wiesnwirt, in diesem Jahr erlebte er nach eigenen Angaben bereits seine 71. Wiesn. Für ihn steht fest: „Die Wiesn ist kein Oktoberfest, sondern ein Familienfest.“

Was er damit meint, zeigt sich für Hagn vor allem beim Personal. Viele Mitarbeiter blieben den Betrieben über Jahrzehnte treu. Manche Bedienungen arbeiteten 50 Jahre lang auf dem Fest, Schenken, Küchenchefs oder Bürokräfte über Jahrzehnte. Nach 16 Tagen schwörten zwar regelmäßig viele: „Nie wieder.“ Doch spätestens um Weihnachten kämen die ersten Grüße, und wenn im neuen Jahr die Verträge verschickt würden, wollten alle wissen, ob sie wieder dabei seien.

Einmal habe ein Computerproblem dazu geführt, dass nur ein Teil der Mitarbeiter seine Verträge erhielt. „Mein Telefon ist heiß gelaufen“, erinnerte sich Hagn. Sofort hätten sich die anderen gemeldet und gefragt, ob sie etwas falsch gemacht hätten. Für Hagn ein Beleg dafür, dass die Wiesn als Arbeitsplatz anders funktioniere als die gewöhnliche Gastronomie.

Diese Verbundenheit übertrage sich auch auf die Gäste. Stammgäste kämen jedes Jahr wieder, Bedienungen kennen ihre Namen, Familiengeschichten und Gewohnheiten. Wer als Gast spüre, dass man sich an ihn erinnere, fühle sich nicht wie eine Nummer. „Der Gast ist König“, sagte Hagn sinngemäß – doch die Menschen, die ihn bedienen, gehören ebenso zum Erfolgsgeheimnis.

Auch Margarete Prijaks Familiengeschichte zeigt diese besondere Bindung. Bereits ihre Mutter arbeitete auf der Wiesn und blieb bis ins hohe Alter in der Gastronomie aktiv. Für die Mutter sei die Wiesn im Vergleich zur harten Saisonarbeit geradezu „Spielzeit“ gewesen. Prijak selbst sorgte sogar in ihren regulären Arbeitsverträgen dafür, dass ihr die 16 Tage Wiesn ermöglicht wurden. Eigentlich arbeitet sie im Büro – für die Wiesn aber wechselt sie jedes Jahr in eine völlig andere Welt.

Besonders wichtig ist ihr die soziale Durchmischung. Im Bierzelt sitze der Professor neben dem Handwerker, Menschen aus unterschiedlichen Berufen, Einkommensgruppen und Ländern kämen miteinander ins Gespräch. Genau darin liege ein Kern der Münchner Biergarten- und Wiesnkultur: Man sitzt nebeneinander, redet miteinander und verbringt gemeinsam eine gute Zeit.

Doch die romantische Seite hat Grenzen. Prijak berichtete auch von Belästigungen, unerlaubten Berührungen und heimlichen Aufnahmen. Als erfahrene und selbstbewusste Bedienung könne sie sich zur Wehr setzen, sagte sie. Schwieriger sei es für junge und zierliche Kolleginnen. Wenn jemand Frauen ungefragt fotografiere oder ihnen unter den Rock filme, müsse eingegriffen werden.

Anja Berger wurde an dieser Stelle deutlich. Upskirting sei kein Kavaliersdelikt, sondern strafbar. Sie bezeichnete solche Aufnahmen als „wirklich widerlich“. Zwar könnten Radlerhosen Frauen zusätzlichen Schutz bieten, doch Berger warnte davor, die Verantwortung auf die Opfer zu verlagern: „Eigentlich muss man auf die Täter schauen und sagen: Es geht nicht.“ Entscheidend seien Anzeigen, konsequentes Eingreifen und klare Regeln gegen unerlaubtes Fotografieren und Filmen.

Auch politische Konflikte hätten auf der Wiesn Grenzen. Gewalt, antisemitische Äußerungen oder aggressive politische Inszenierungen hätten dort nichts verloren, betonte Berger. Politischer Streit sei selbstverständlich erlaubt, körperliche Übergriffe oder menschenfeindliche Parolen dagegen nicht. Die Wiesn solle ein Ort bleiben, an dem Menschen unterschiedlichster Überzeugungen friedlich zusammenkommen.

Wie sehr die Wiesn inzwischen auch optisch Identität stiftet, machte Michael Unruh deutlich. Als langjähriger Trachtler und Präsidiumsmitglied des Festrings München kennt er die Unterschiede zwischen historisch gewachsener Tracht und dem, was heute vielfach als Wiesn-Outfit getragen wird. Für ihn ist die Entwicklung dennoch grundsätzlich erfreulich. Junge Menschen trügen wieder gerne Lederhose, Dirndl, Trachtenhemd oder Janker. Nicht alles entspreche einer traditionellen Vereinstracht, aber das müsse es auch nicht.

„Die jungen Leute fühlen sich darin wohl und zeigen das nach außen“, sagte Unruh. Tracht habe Symbolcharakter und vermittle Zugehörigkeit. Kritischer sieht er billige Plastik- und Fantasievarianten, bei denen Tradition nur noch zur Verkleidung werde. Entscheidend sei Authentizität.

Schießler nahm genau diesen Gedanken auf – obwohl er selbst keine Tracht trägt. Für ihn wäre es unehrlich, sich nur für einen Anlass in Lederhose zu werfen. „Es geht um Identität“, sagte er. Tracht sei dann glaubwürdig, wenn sich ein Mensch darin zuhause fühle. Er selbst empfinde das nicht so und bleibe deshalb bei seiner Kleidung. Authentizität sei wichtiger als Anpassung an eine vermeintliche Wiesn-Norm.

Unruh wiederum sieht in der Weitergabe von Tracht, Volksmusik und Brauchtum an die nächste Generation eine seiner wichtigsten Aufgaben. Seit Jahrzehnten engagiert er sich in der Trachtenbewegung. Wenn Kinder, die früher bei Veranstaltungen mitwirkten, heute selbst Verantwortung übernähmen, mache ihn das stolz. „Man hat etwas dafür geschaffen, dass es weitergeht.“

Besonders deutlich werde diese Verbindung von Tradition und Gegenwart auf der Oidn Wiesn. Für Unruh ist sie eine der großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre: ruhiger, familienfreundlicher und stärker auf historische Formen des Volksfestes ausgerichtet. Auch hier zeigte die Diskussion jedoch, dass Tradition nicht Stillstand bedeuten kann. Zugangsregeln, Eintritt, digitale Tickets und Besucherführung müssen immer wieder angepasst werden.

Ohnehin sei die Fähigkeit zur Veränderung ein Wesensmerkmal der Wiesn, betonte Hagn. Wer das Oktoberfest der 1960er-Jahre mit dem heutigen Fest vergleiche, erkenne kaum dieselbe Veranstaltung wieder. Musik, Reservierungssysteme, Sicherheitsstandards und das Verhalten des Publikums hätten sich grundlegend gewandelt. Früher seien handfeste Schlägereien viel häufiger gewesen. Mit modernerer Musik und einer anderen Feierkultur hätten sich Aggressionen nach Hagns Beobachtung deutlich reduziert.

Genau deshalb wurde auch die Idee eines möglichen Kulturerbe-Status differenziert diskutiert. Einerseits erscheint die Wiesn mit ihrer Geschichte und weltweiten Ausstrahlung geradezu prädestiniert dafür. Andererseits warnte Hagn davor, das Fest einzufrieren. „Weltkulturerbe kannst du nicht verändern. Und die Wiesn verändert sich von selber. Immer wieder.“ Was heute neu sei, könne morgen bereits Tradition sein.

Auch Berger zeigte sich grundsätzlich offen, mahnte aber zur Vorsicht. Zunächst müsse genau geprüft werden, welche rechtlichen und organisatorischen Folgen ein solcher Status hätte. Die Wiesn lebe schließlich gerade davon, sich an neue gesellschaftliche, technische und sicherheitsrelevante Anforderungen anzupassen.

Wie eng Lebensfreude und Erinnerung auf dem Oktoberfest zusammengehören, zeigte der Rückblick auf das Oktoberfestattentat von 1980. Prijak schilderte sehr persönlich, wie knapp ihr Vater damals dem Anschlag entging. Bis heute versuche sie deshalb, während der Wiesn bewusst am Mahnmal vorbeizugehen. „Ich bin bis heute sehr, sehr dankbar, weil mein Papa keine fünf Minuten früher dran war.“

Hagn erinnerte sich ebenfalls an die bedrückende Stimmung nach dem Anschlag und an die Frage, ob und wie das Oktoberfest weitergehen könne. Der Trauertag auf der Theresienwiese sei gespenstisch gewesen. Gerade diese Erfahrungen zeigten, wie verletzlich ein Fest sei, das von Offenheit und Unbeschwertheit lebe.

Schießler brachte die dahinterliegende Frage auf den Punkt: Terror wolle die Lebenswirklichkeit der Menschen verändern. Deshalb brauche es beides – das würdige Gedenken an die Opfer und zugleich die Entschlossenheit, sich die Lebensfreude nicht nehmen zu lassen. Hundertprozentige Sicherheit könne niemand garantieren, wohl aber „hundertprozentiges Engagement für die größtmögliche Sicherheit“.

Wie aufwendig dieses Engagement ist, schilderte Hagn anhand der Sicherheitsmaßnahmen in den Zelten. Feuerlöscher, Behälter, Fluchtwege, Lieferungen und Lagerräume würden ständig kontrolliert. Personal werde für Bedrohungslagen geschult. Sicherheit auf der Wiesn sei nicht das Ergebnis eines einzelnen Konzepts, sondern tägliche Detailarbeit.

Gleichzeitig bleibt das Oktoberfest ein internationales Fest. Rund 13.000 Menschen arbeiten nach Bergers Angaben dort, viele mit ausländischen Wurzeln oder aus anderen Ländern. Ohne diese Beschäftigten wäre die Wiesn in ihrer heutigen Größe kaum denkbar. Für Berger ist sie deshalb auch ein Beispiel dafür, dass Vielfalt im Alltag funktionieren kann: „Alle feiern zusammen, unabhängig von den Unterschieden.“ Herkunft und gesellschaftlicher Status träten für einige Stunden in den Hintergrund.

Diese Internationalität kennt Hagn seit Jahrzehnten. Besonders eindrucksvoll erzählte er von seinen Kontakten nach Moskau, wo er über zwölf Jahre an einem Bierfest beteiligt war und den damaligen Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow kennenlernte. Hagn half unter anderem dabei, das zeremonielle Anzapfen nach Münchner Vorbild zu etablieren. Daraus entstanden persönliche Kontakte und Freundschaften, die weit über die Gastronomie hinausgingen. Angesichts der heutigen politischen Situation wirken diese Erinnerungen wie Zeugnisse einer anderen Epoche.

Auch die Frage nach der Größe der Wiesn beschäftigte das Publikum im PresseClub. Gibt es irgendwann eine Grenze? Könnten acht oder neun Millionen Besucher eines Tages Zugangsbeschränkungen notwendig machen? Berger hält davon wenig. Trotz des Rekords habe sich das Gelände keineswegs permanent überfüllt angefühlt. Das neue Crowdmanagement habe funktioniert. „Ich sehe keinen Bedarf an einer Obergrenze“, sagte sie. Vor allem wolle sie nicht ständig über neue Rekorde sprechen. Die Wiesn müsse nicht immer größer werden.

Ähnlich kontrovers wurde über Blogger, Influencer und Livestreamer diskutiert. Berger machte deutlich, dass neue Medien selbstverständlich zur modernen Wiesn-Berichterstattung gehören. Gleichzeitig müsse unterschieden werden zwischen journalistischer Berichterstattung und kommerziellen Angeboten, mit denen auf dem Festgelände Geld verdient werde. Wo kommerzielle Nutzung stattfinde, seien Regeln und gegebenenfalls Lizenzgebühren nachvollziehbar. Ausgrenzen dürfe man neue Medien deshalb aber nicht: „Es ist wichtig, dass man alle Medien bedient.“

Am Ende der Diskussion stand damit weniger die Frage nach Besucherzahlen, Bierpreisen oder Rekorden als die nach dem eigentlichen Wesen des Oktoberfestes. Die Antwort fiel erstaunlich einheitlich aus. Für die Menschen auf dem Podium ist die Wiesn vor allem Begegnung. Sie funktioniert, weil Menschen für eine begrenzte Zeit bereit sind, miteinander zu arbeiten, zu feiern, zu essen, zu trinken, zu lachen – und manchmal auch füreinander einzustehen.

Die Wiesn ist dabei keineswegs eine heile Welt. Es gibt Alkoholmissbrauch, sexuelle Belästigung, politische Provokationen, Sicherheitsrisiken und die Gefahr einer übermäßigen Kommerzialisierung. Doch gerade deshalb ist es wichtig, nicht nur das Postkartenbild des Oktoberfestes zu pflegen. Zu seiner Erfolgsgeschichte gehört auch die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und das Fest weiterzuentwickeln.

Vielleicht erklärt genau das seine außergewöhnliche Widerstandskraft. Die Wiesn ist nicht deshalb Tradition, weil sie unverändert geblieben wäre. Sie ist Tradition, weil sie sich verändert hat, ohne ihren Kern vollständig zu verlieren.

Diesen Kern beschrieb zum Abschluss ausgerechnet ein poetischer Text aus der Familie von Margarete Prijak. Darin geht es um das erste Maß, den kalten Krug in den Händen, das goldene Bier, die Schaumkrone und den ersten Schluck. Doch der entscheidende Moment folgt danach: Man setzt den Krug ab und schaut sich um. Die Menschen lachen, sie sind glücklich, für diesen Augenblick scheint alles zu stimmen.

„Das ist die Wiesn. Das ist Glück.“ Nach fast zwei Stunden Diskussion im PresseClub München ließ sich das Ergebnis kaum treffender zusammenfassen. Nach der Wiesn ist tatsächlich vor der Wiesn. Nicht, weil schon wieder der nächste Besucherrekord vorbereitet werden müsste, sondern weil für viele der Beteiligten das Oktoberfest nicht mit dem letzten ausgeschenkten Maß endet. Es lebt in Freundschaften, Familiengeschichten, Erinnerungen und Ritualen weiter – bis im kommenden Jahr wieder jener Moment kommt, an dem aus einer großen, leeren Festwiese für 16 Tage eine eigene kleine Welt wird.

Podcast Seitensprung (8): Von der DVD zur Backform: Die Gemeindebücherei Maisach startet ihre „Bibliothek der Dinge“

7. Oktober 2026

Der Medienwandel macht auch vor der Gemeindebücherei Maisach nicht halt. In der neuen Folge des Podcasts „Seitensprung“ sprechen Büchereileiterin Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange über leere Regale, das Ende von DVDs und CDs, sinkende Ausleihzahlen – und vor allem über ein neues Angebot, mit dem die Bücherei im kommenden Jahr experimentieren will: die „Bibliothek der Dinge“.

Gleich zu Beginn fällt Lange auf, dass dort, wo früher DVDs standen, plötzlich gähnende Leere herrscht. Seine Frage „Wo sind die DVDs?“ beantwortet Seyschab überraschend direkt: „Ganz ehrlich, im Müll.“ Eine Aussage, die zunächst drastisch klingt, hinter der aber eine Entwicklung steht, die sich seit Jahren abzeichnet. Seit der Corona-Pandemie seien die Ausleihzahlen bei DVDs und CDs massiv eingebrochen. „Was vor Corona der Bringer an Zahlen war, genau diese zwei Gruppen ist mit Corona einfach in den Keller gegangen“, erklärt Seyschab. Hier der Podcast

Eine wesentliche Ursache sieht sie im veränderten Medienkonsum. Während der Pandemie hätten sich viele Haushalte Streamingdienste zugelegt. Filme, Serien und Musik stehen damit jederzeit digital zur Verfügung. Die klassische „Silberscheibe“, wie Lange CD und DVD zusammenfasst, verliert zunehmend an Bedeutung. Selbst ein Flohmarkt habe für die ausgesonderten Medien kaum noch Interessenten gefunden.

Für eine öffentliche Bücherei ist diese Entwicklung auch eine Frage des sinnvollen Umgangs mit Platz und Geld. Medien, die über Jahre nicht ausgeliehen werden, blockieren Regalfläche und verschlechtern zugleich die Ausleihstatistik. Dabei habe die Bücherei durchaus großzügige Maßstäbe angelegt. „Alles, was in den letzten fünf Jahren nicht ein einziges Mal aus dem Haus gegangen ist, kommt raus“, beschreibt Seyschab die Vorgehensweise. Auch bei Hörbüchern wurde der Bestand bereits deutlich reduziert.

Ganz verschwunden sind physische Medien allerdings noch nicht. Vor allem bei Kinder-CDs habe es zuletzt wieder einen kleinen Anstieg gegeben. Deshalb wurden sogar einige neue Titel angeschafft. Ob daraus ein dauerhafter Trend wird, bleibt abzuwarten. Eine grundsätzliche Renaissance von DVD und CD erwartet Seyschab jedoch nicht.

Auch bei gedruckten Zeitschriften steht ein Einschnitt bevor. Die wenigen noch vorhandenen Abonnements sollen voraussichtlich im kommenden Jahr weiter reduziert beziehungsweise eingestellt werden. Der Grund ist auch hier die Wirtschaftlichkeit. Wenn eine Zeitschrift im Jahr nur wenige Male ausgeliehen werde, gleichzeitig aber rund 100 Euro koste, müsse eine kommunale Bücherei abwägen. „Für den Hunderter, den ich mir da spare, kann ich Minimum drei Bücher kaufen“, rechnet Seyschab vor. Digitale Angebote und Plattformen hätten auch in diesem Bereich die Mediennutzung grundlegend verändert.

Doch die frei werdenden Regale sollen keineswegs leer bleiben. Die Gemeindebücherei plant mit der „Bibliothek der Dinge“ ein völlig neues Angebot. Dahinter steckt die Idee, nicht nur Bücher und andere klassische Medien auszuleihen, sondern auch Gegenstände, die im Alltag nur gelegentlich benötigt werden.

„Es gibt ja Sachen, die braucht man im Haushalt vielleicht einmal im Jahr“, erklärt Seyschab. Warum also einen Gegenstand kaufen, der anschließend jahrelang im Schrank liegt? Denkbar sind beispielsweise besondere Backformen, Stanzer zum Basteln, Spiele für den Garten oder später auch technische Geräte. Zum Start konzentriert sich die Bücherei zunächst auf Gegenstände ohne Stromkabel, weil Fragen rund um notwendige Elektroprüfungen noch geklärt werden müssen.

Ein erster Grundbestand ist bereits angeschafft. Dazu gehören unter anderem Großspiele für draußen, Leitergolf, Bastelutensilien und verschiedene Backformen. Organisatorisch werden die Gegenstände ähnlich behandelt wie Bücher: Sie erhalten eine Mediennummer, werden in das EDV-System aufgenommen und bei der Ausleihe regulär verbucht. Verpackungen beziehungsweise Kisten sollen dafür sorgen, dass Gegenstände und Zubehör vollständig zusammenbleiben.

Ganz neu ist das Konzept nicht. Andere Bibliotheken im Landkreis haben bereits Erfahrungen damit gesammelt. Besonders die Bücherei in Gröbenzell diente dem Maisacher Team als Orientierung. „Bei denen läuft es super“, berichtet Seyschab. Entsprechend gespannt ist man nun, wie das Angebot in Maisach angenommen wird.

Der Start ist für Anfang 2027 vorgesehen. Die neue Büchereisatzung schafft inzwischen die notwendige Grundlage, nun müssen die Gegenstände erfasst, Regale umgebaut und die Abläufe an der Ausleihtheke entwickelt werden. Bewusst will das Team nicht mit nur einigen wenigen Gegenständen starten. Die Besucherinnen und Besucher sollen von Beginn an eine gewisse Auswahl vorfinden.

Dabei versteht die Bücherei das Projekt zunächst als Experiment. Welche Gegenstände besonders gefragt sein werden, lässt sich kaum vorhersagen. Auch das Team muss Erfahrungen sammeln, denn eine Backform oder ein Gartenspiel zurückzunehmen und auf Vollständigkeit zu kontrollieren ist etwas anderes als die Rückgabe eines Buches. Seyschab rechnet deshalb mit einer „Einlaufzeit“ sowohl für die Nutzer als auch für die Mitarbeiterinnen.

Sollte sich das Konzept bewähren, könnten künftig auch Sachspenden interessant werden. Wer beispielsweise eine hochwertige Backform oder einen selten benötigten Haushaltsgegenstand besitzt, den er selbst kaum nutzt, könnte damit möglicherweise den Bestand ergänzen. Zunächst möchte die Bücherei jedoch Erfahrungen mit dem selbst angeschafften Grundsortiment sammeln.

Neben dem Medienwandel bleibt die Gemeindebücherei ein Veranstaltungsort. Im Oktober stehen gleich mehrere Termine auf dem Programm. Am 8. Oktober wird von 15 bis 16.30 Uhr für den Herbst gebastelt, am 13. Oktober folgt um 15 Uhr die englische Vorlesestunde. Am 14. Oktober um 20 Uhr steht mit „Beichte und Bestechung“ ein ungewöhnliches Krimiprojekt auf dem Programm. An dem Buch haben mehrere Autorinnen gemeinsam gearbeitet; drei von ihnen werden in Maisach zu Gast sein. Für Lange ist gerade die Frage spannend, wie ein Roman gemeinschaftlich entstehen kann. Deshalb ist zu der Veranstaltung auch eine Sonderfolge von „Seitensprung“ mit den Autorinnen angedacht.

Am 28. Oktober kommt Stefanie Schuster mit ihrem neuen Werk „Happy Bavaria – Abgemurkst“ nach Maisach. Einen Tag später, am 29. Oktober, findet von 15 bis 16 Uhr die nächste deutschsprachige Vorlesestunde statt.

Die neue „Seitensprung“-Folge zeigt damit exemplarisch, wie stark sich die Rolle öffentlicher Bibliotheken verändert. Wo früher Regalmeter mit CDs, DVDs und Zeitschriften selbstverständlich waren, entstehen heute neue Angebote. Die Bücherei wird zunehmend zu einem Ort, an dem nicht allein Medien, sondern Wissen, Gegenstände, Veranstaltungen und gemeinschaftliche Erfahrungen geteilt werden.

Matthias J. Lange bringt diesen Wandel im Gespräch auf einen einfachen Nenner: „Nur wenn die Gemeindebücherei was macht, wird sie auch wahrgenommen.“ Beate Seyschab und ihr Team setzen deshalb nicht darauf, verschwundenen Medienangeboten nachzutrauern, sondern wollen ausprobieren, was eine moderne Gemeindebücherei zusätzlich sein kann. Die „Bibliothek der Dinge“ ist dafür ein bemerkenswert konkreter Schritt: weg vom Besitz, hin zum gemeinsamen Nutzen.

Und trotz aller Veränderungen bleibt wenigstens eine mediale Konstante erhalten. Auf die Frage, ob es denn noch Asterix gebe, kann Seyschab beruhigen: „Wir haben Asterix, ja.“ Sogar einige Asterix-Filme haben das große Aussortieren überstanden.

Brüssels gläserner Palast: Warum die Galeries Royales Saint-Hubert ihrer Zeit voraus waren

6. Oktober 2026

Mitten im historischen Zentrum von Brüssel spannt sich ein monumentales Glasdach über eine Passage, die bereits 1847 eröffnete. Die Galeries Royales Saint-Hubert waren weit mehr als ein eleganter Ort zum Einkaufen: Sie verbanden Handel, Wohnen, Kultur und öffentliches Leben zu einem damals bemerkenswert modernen Stadtraum.

Nur wenige Schritte von der Grand-Place entfernt gehören die Galeries Royales Saint-Hubert heute zu den bekanntesten historischen Bauwerken der belgischen Hauptstadt. Der Komplex besteht aus drei miteinander verbundenen Passagen: der Galerie de la Reine, der Galerie du Roi und der Galerie des Princes. Zusammen bilden sie eine rund 200 Meter lange überdachte Flanier- und Einkaufswelt im Herzen Brüssels. Bei meinem Besuch in Brüssel bin ich oft dort gewesen. Sicherlich am meisten faszinierte mich ein altes Kino, ich kann nicht anders. Hier ein VR 360 Rundgang durch die Gallery

Die Geschichte des Projekts reicht bis in die 1830er-Jahre zurück. Der belgische Architekt Jean-Pierre Cluysenaar entwickelte um 1837 die Idee für eine monumentale Passage. Dahinter stand nicht allein der Wunsch nach einem repräsentativen Einkaufsort. Das Vorhaben sollte zugleich ein damals ärmeres und dicht bebautes Viertel aufwerten und verschiedene Funktionen miteinander verbinden: Wohnungen, Geschäfte, kulturelle Einrichtungen und Räume zum Flanieren. Außerdem schuf die Passage eine Verbindung zwischen unterschiedlichen Bereichen des Brüsseler Stadtzentrums.

Die eigentlichen Bauarbeiten begannen 1846. Bereits am 20. Juni 1847 wurden die Galerien in Anwesenheit von König Leopold I. offiziell eröffnet. Nach Angaben der Brüsseler Tourismusorganisation dauerte die Bauphase lediglich rund 13 Monate. Ursprünglich befanden sich dort etwa 70 Luxusgeschäfte und rund 100 Privatwohnungen. Damit entstand ein Gebäudekomplex, in dem Konsum, gesellschaftliches Leben und Wohnen ungewöhnlich eng miteinander verbunden waren.

Architektonisch orientierte sich Cluysenaar an der florentinischen Renaissance. Besonders charakteristisch ist das lang gestreckte Glasdach auf einer Metallkonstruktion, durch das Tageslicht in die Passage fällt, während Besucher gleichzeitig vor Regen und anderen Wettereinflüssen geschützt bleiben. Die Konstruktion verfügte zudem über eine ausgeklügelte Belüftung, die unter anderem Kondensation unter dem Dach verhindern sollte. Die Passage erhielt deshalb einst den passenden Beinamen „Regenschirm von Brüssel“.

Die Galeries Royales Saint-Hubert waren allerdings von Beginn an nicht nur eine Einkaufsadresse. Cafés, Restaurants, Theater und andere kulturelle Einrichtungen machten sie zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt. Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle und politische Exilanten verkehrten hier. Zu den prominenten Namen, die mit den Galerien verbunden werden, gehören Victor Hugo und Alexandre Dumas; auch Charles Baudelaire wird in historischen Darstellungen genannt. Später gehörten surrealistische Künstler und Vertreter der Cobra-Bewegung zu den Besuchern.

Auch die Geschichte des Films hinterließ hier Spuren. Am 1. März 1896 fand in den Galerien eine Vorführung mit dem Kinematographen der Brüder Lumière statt. Visit Brussels bezeichnet die Galeries Saint-Hubert als Schauplatz der ersten Kinovorstellung Belgiens. Jahrzehnte später, 1939, wurde das Cinéma des Galeries gegründet.

Eine weitere berühmte Brüsseler Tradition ist eng mit dem Ort verbunden: die belgische Praline. In der damaligen Neuhaus-Apotheke innerhalb der Galerien entwickelte die Familie Neuhaus die gefüllte Schokoladenpraline. Damit wurde die Passage nicht nur Teil der Architektur- und Kulturgeschichte, sondern auch der belgischen Genussgeschichte.

Bis heute haben die Galerien ihre ursprüngliche Mischung verschiedener Nutzungen bewahrt. Neben Luxus- und Traditionsgeschäften finden sich Chocolatiers, Cafés, Restaurants und kulturelle Einrichtungen wie das Théâtre Royal des Galeries, das Théâtre du Vaudeville, das Cinéma Galeries und die Buchhandlung Tropismes. In den oberen Etagen befinden sich Wohnungen, Hotelzimmer und Arbeitsräume. Im Théâtre Royal des Galeries erinnert zudem ein von René Magritte entworfener Wolkenhimmel an die Verbindung des Ortes mit der belgischen Kunstgeschichte.

1986 wurde der Gebäudekomplex von der Region Brüssel-Hauptstadt unter Denkmalschutz gestellt. Seit den 1990er-Jahren wurden unter anderem Fassaden, Glasdach, Theater, Wohnungen und Büroräume renoviert. Nach Angaben der Betreiber kommen heute jährlich rund sechs Millionen Besucher in die Galeries Royales Saint-Hubert. Diese Zahl ist als Betreiberangabe einzuordnen, verdeutlicht aber die anhaltende touristische und städtische Bedeutung des Ensembles.

Die eigentliche Besonderheit der Galeries Royales Saint-Hubert liegt damit weniger in einem einzelnen historischen Ereignis als in der Kontinuität ihrer ursprünglichen Idee. Fast 180 Jahre nach ihrer Eröffnung erfüllen sie noch immer mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie sind Verkehrsweg, Einkaufsstraße, Kulturort, Wohnraum und Sehenswürdigkeit. Was im 19. Jahrhundert als ambitioniertes städtebauliches Projekt begann, funktioniert bis heute als lebendiger Teil der Brüsseler Innenstadt – unter demselben gläsernen Dach.