Wenn Geschichte plötzlich ganz nah wird: Lesung aus den Meisaha-Heften berührt Maisach

25. April 2026

Vor kurzem lud der Historische Arbeitskreis der Gemeinde Maisach wieder zu einer Lesung in die Gemeindebücherei Maisach ein. Im Mittelpunkt standen ausgewählte Texte aus den Heften zur Gemeindegeschichte „Meisaha“, die seit Jahren wichtige Episoden, Entwicklungen und Erinnerungen aus Maisach und seinen Ortsteilen dokumentieren. Die Lesung versteht sich dabei nicht nur als Rückblick auf Vergangenes, sondern auch als lebendige Begegnung mit der eigenen Heimatgeschichte. Hier die einzelnen Lesungen aus den Meisaha-Heften. Die Hefte gibt u.a. es bei der Gemeinde Maisach zu kaufen.

Stefan Schader: Die Dampfmaschine der Brauerei Maisach
Die Lesung von Stefan Schader zeichnet die Geschichte der Brauerei Maisach und ihrer Dampfmaschinen als bedeutendes Kapitel der Orts- und Technikgeschichte nach. Die Brauerei, eines der Wahrzeichen Maisachs, wurde bereits 1556 erstmals erwähnt und erlebte im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Besitzerwechsel. Eine wichtige Zäsur war das Jahr 1907, als Josef Sedlmeier den Betrieb übernahm. Nach dem Brand des Sudhauses in der Nacht zum Pfingstsonntag 1909 wurde die Brauerei neu aufgebaut und zugleich in moderne Technik investiert. Dazu gehörte auch der Erwerb von Geräten aus der stillgelegten Schlossbrauerei Hof Hegnenberg, darunter eine Dampfmaschine.

Schader erklärt, warum Dampfmaschinen für Brauereien damals so wichtig waren. Mit der Umstellung vom obergärigen auf das untergärige Brauverfahren im 19. Jahrhundert entstand ein wachsender Bedarf an verlässlicher Kühlung. Untergäriges Bier benötigte über Wochen hinweg niedrige und gleichbleibende Temperaturen, was zunächst nur mit Natureis möglich war. Dieses wurde im Winter gewonnen und in Kellern gelagert, weshalb traditionell nur in der kalten Jahreszeit gebraut werden konnte. In milden Wintern geriet dieses System jedoch an seine Grenzen. Erst die Entwicklung von Kältemaschinen, angestoßen durch Karl Linde in den 1870er Jahren, schuf Abhilfe. Angetrieben wurden diese frühen Kühlanlagen in der Regel von Dampfmaschinen, da die Elektrizitätsversorgung damals noch zu schwach ausgebaut war.

In der Brauerei Maisach kamen zwei solcher Maschinen zum Einsatz. Die ältere, kleinere Maschine stammte ursprünglich aus Hof Hegnenberg, war bereits 1892 gebaut worden und wurde 1909 nach Maisach gebracht. Sie war direkt mit einem Kompressor verbunden, der ebenfalls aus Augsburg stammte. Schader schildert dazu anschaulich auch Details aus den damaligen Bedien- und Wartungsanleitungen, die von den Maschinenführern Aufmerksamkeit, Ordnung, Reinlichkeit, Ruhe und Nüchternheit verlangten. Die zweite Dampfmaschine war eine deutlich stärkere Flottmann-Maschine aus dem Jahr 1928, die direkt nach Maisach geliefert wurde. Auch sie trieb einen Kompressor an, allerdings über ein Riemensystem. Beide Maschinen dienten jedoch nicht nur der Kälteerzeugung, sondern auch der Stromversorgung der Brauerei: Sie setzten Generatoren in Gang, die wiederum Pumpen, Rührwerke und Beleuchtung betrieben. Für Notfälle stand zusätzlich ein Dieselmotor bereit, der noch bis in die 1980er Jahre als Reserve genutzt wurde.

Der Betrieb der Dampfmaschinen endete 1974. Heute stehen die Maschinenräume mit den Dampfmaschinen ebenso wie das Sudhaus mit seinem Kamin unter Denkmalschutz. Damit sind in Maisach seltene technische Zeugnisse erhalten geblieben, die von der Entwicklung des Brauwesens und der Industrialisierung im ländlichen Raum erzählen. Auch wenn die Anlage noch immer so wirkt, als könne sie jederzeit wieder in Gang gesetzt werden, wird eine Wiederinbetriebnahme wohl Wunschdenken bleiben, da eine Restaurierung nach jahrzehntelangem Stillstand mit enormem finanziellem Aufwand verbunden wäre.

Charly Muth über die Schmidhammer-Chronik
Die Lesung von Charly Muth über die Schmidhammer-Chronik gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Stimmung in Maisach während des Ersten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht Pfarrer Schmidhammer, der in diesen Jahren in Maisach wirkte und die Kriegsereignisse von 1915 bis 1917 chronologisch festhielt. Seine Aufzeichnungen spiegeln nicht nur die großen politischen und militärischen Entwicklungen wider, sondern auch die Sicht eines oberbayerischen Landpfarrers, geprägt von deutschnationalem Denken, religiöser Überzeugung und der allgemeinen Stimmung seiner Zeit. Zugleich erinnert Muth daran, dass die Chronik nur deshalb heute lesbar ist, weil der inzwischen verstorbene Jörg Pluta sie mit großem Aufwand aus der schwer entzifferbaren Handschrift Schmidhammers übertragen hat.

Aus den zitierten Passagen wird deutlich, wie eng sich in Schmidhammers Wahrnehmung Weltpolitik, Kriegsgeschehen, Religion und dörflicher Alltag miteinander verbanden. Er kommentierte Frontverläufe, Siege und Niederlagen ebenso wie die Unterbringung russischer Kriegsgefangener in Maisach, die Beteiligung der Bevölkerung an Kriegsanleihen oder die wachsenden Versorgungsschwierigkeiten. Seine Einträge zeigen Hoffnung auf einen schnellen Sieg, großes Mitgefühl mit den eigenen Soldaten und zugleich eine scharfe, oft polemische Ablehnung der Kriegsgegner. Immer wieder deutet er die Ereignisse moralisch und religiös, beklagt den Verlust von Vernunft und Glauben und sieht im Krieg auch eine Folge von Materialismus, Pressehetze und fehlender sittlicher Orientierung.

Zugleich wird in der Chronik der Alltag an der Heimatfront greifbar. Fleischkarten, Lebensmittelknappheit, Sparappelle und die Ermahnung zu Verzicht prägen das Leben ebenso wie Eingriffe in das kirchliche und dörfliche Leben. So berichtet Schmidhammer etwa von der Abnahme von Orgelpfeifen und Kirchenglocken für Kriegszwecke. Die Chronik nennt außerdem die vielen Gefallenen aus Maisach und macht damit deutlich, wie tief der Krieg in das Dorf hineingriff. Zwischen patriotischer Deutung, Frömmigkeit und Entbehrung zeigt sich eine Gesellschaft, die den Krieg nicht nur an den Fronten, sondern auch im Alltag, in der Kirche und im Denken der Menschen erlebte.

Am Ende lockert Muth die Lesung mit einem satirischen „Kochrezept“ aus der Kriegszeit auf, in dem Lebensmittel- und Bezugskarten symbolisch zu einem Gericht verarbeitet werden. Gerade dieser humorvolle Schluss macht noch einmal deutlich, wie sehr Mangel, Bürokratie und Improvisation den Alltag bestimmten. So wird die Schmidhammer-Chronik in der Lesung nicht nur als historisches Dokument vorgestellt, sondern als eindrückliches Zeugnis dafür, wie der Erste Weltkrieg in einem oberbayerischen Dorf wahrgenommen, gedeutet und durchlitten wurde.

Stefan Pfannes erzählt die lange und beinahe kuriose Geschichte des Bierausschanks in Oberlappach
Die Lesung von Stefan Pfannes erzählt die lange und beinahe kuriose Geschichte des Bierausschanks in Oberlappach. Ausgangspunkt ist die Frage, warum ein so kleiner Ort mit nur rund 100 bis 120 Einwohnern überhaupt ein Wirtshaus brauchte. Die Recherchen im Archiv zeigen jedoch, dass der Wunsch nach einer eigenen Gastwirtschaft in Oberlappach über Jahrzehnte hinweg erstaunlich groß war. Insgesamt wurde nach den Akten zehnmal versucht, eine Konzession für ein Wirtshaus zu erhalten. Allein 1913 und 1914 lagen sogar fünf gleichzeitige Gesuche vor. Der sogenannte „Bierdurst“ der Oberlappacher war also durchaus ausgeprägt.

Der erste Versuch geht auf das Jahr 1863 zurück, blieb aber zunächst erfolglos. Erst dem Schmiedmeister Anton Klotz gelang es, in seinem neu erbauten Haus in Oberlappach eine Gastwirtschaft einzurichten. Er durfte Bier, aber keinen Brandwein ausschenken, obwohl die Gemeinde Rottbach eigens argumentiert hatte, dass auch dafür ein gewisses Bedürfnis bestehe. Die Wirtschaft entwickelte sich zunächst offenbar ordentlich, doch 1878 kam es dort zu einer schweren Schlägerei, an der auch Klotz beteiligt war. In der Folge wurde ihm die Konzession entzogen. Trotz Fürsprache aus dem Ort erhielt er sie nicht zurück, und die Gaststätte musste schließen.

Damit war die Geschichte jedoch keineswegs beendet. Schon kurz darauf versuchten die Bewohner selbst, eine Konzession für die Gemeinde zu erhalten, was rechtlich nicht möglich war. Weitere Gesuche von Klotz, Josef Blum und Gregor Strixner scheiterten ebenfalls. Die Behörden vertraten die Auffassung, dass die umliegenden Wirtschaften in Rottbach, Maisach, Frauenberg oder Stephansberg den Bedarf ausreichend deckten. Zudem wollte man verhindern, dass in kleinen Orten ohne ausreichende wirtschaftliche Grundlage zahlreiche unbedeutende Gaststätten entstehen. Dennoch blieb der Wunsch nach einer Wirtschaft in Oberlappach bestehen, auch weil viele Einwohner als Kleinbegüterte kaum die Möglichkeit hatten, Bier auf Vorrat zu lagern oder weite Wege für den Einkauf in Kauf zu nehmen.

Im frühen 20. Jahrhundert verlagerte sich der Ausschank zunehmend auf den Flaschenbierhandel. Seit 1902 bestand in Oberlappach ein Flaschenbierhandel der Familie Heckmayer, dessen Bier bei Kontrollen sogar als sehr gut bewertet wurde. Offenbar war dies für manche dennoch kein Ersatz für ein richtiges Wirtshaus, denn zwischen 1913 und 1914 gab es erneut mehrere Bewerber für eine Gaststättenkonzession, darunter sogar der Maisacher Bräu Josef Sedlmayr. Doch auch diese Vorstöße scheiterten. 1925 unternahm Lorenz Puchner einen letzten Versuch. Er argumentierte, die Bewohner würden sich über billigeres Bier freuen, da Flaschenbier zu teuer sei. Sein Gesuch führte noch einmal zu Auseinandersetzungen bis hinauf in die Ministerien, blieb aber ebenfalls erfolglos. Die einzige Wirtin der Gemeinde, Sofie Treffler aus Rottbach, machte in ihrer Stellungnahme deutlich, dass sich schon ihre eigene Gastwirtschaft kaum rentiere und eine weitere Wirtschaft in Oberlappach wirtschaftlich kaum tragfähig wäre.

So blieb es letztlich beim Flaschenbierhandel. 1926 übernahm die Familie Heckmayer erneut die entsprechende Konzession, und erst 1958 wurde daraus noch eine sogenannte „Stopselwirtschaft“, in der Bier und kleine Brotzeiten in bäuerlicher Stube angeboten wurden. Damit fand der fast hundertjährige Kampf um eine eigene Gaststätte in Oberlappach doch noch einen kleinen Abschluss, wenn auch nicht in der Form eines klassischen Wirtshauses. Mitte der 1960er Jahre endete auch diese letzte Form des Bierausschanks, und seither mussten die Oberlappacher ihren Bierdurst anderswo stillen.

Torfbahn im Fußbergmoos von Hartwig Meis
Die Lesung von Hartwig Meis über die Torfbahn im Fußbergmoos erzählt die Geschichte eines heute fast vergessenen Infrastrukturprojekts, das nur wenige Jahre Bestand hatte. Ausgangspunkt war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Ernährungslage schwierig war und in Bayern verschiedene Maßnahmen zur wirtschaftlichen Nutzung von Moorflächen angestoßen wurden. 1919 gründeten Bauern aus Kirchheim und Aschheim bei München die „Torfverwertungsgesellschaft Fußberg mbH“, die im Fußbergmoos Torf abbauen wollte. Zu diesem Zweck pachtete sie 1920 von Bauern in Thal größere Waldflächen, unter denen sich Torfvorkommen befanden. Um den Torf abtransportieren zu können, wurde gleichzeitig mit Unterstützung des neu geschaffenen Kulturbauamts München eine fast drei Kilometer lange Kleinbahn gebaut, die den gestochenen Torf aus dem Moor zum Bahnhof Gernlinden bringen sollte.

Wie Meis zeigt, war diese Bahn technisch durchaus bemerkenswert, organisatorisch aber erstaunlich schlecht abgesichert. Obwohl bereits eine Dampflokomotive eingesetzt wurde und die Bahn eigentlich genehmigt und abgenommen werden musste, stellte das Bezirksamt Fürstenfeldbruck erst 1921 fest, dass dort bereits ein Bahnbetrieb lief. In den folgenden Jahren schoben sich verschiedene Behörden gegenseitig die Zuständigkeit zu: Das Kulturbauamt fühlte sich nicht mehr verantwortlich, die Eisenbahndirektion verwies auf die fehlende direkte Verbindung zur Staatsbahn, und das Bezirksamt musste schließlich selbst tätig werden, obwohl ihm dafür die fachliche Kompetenz fehlte. Eine eigentliche Betriebsgenehmigung wurde jedoch nie erteilt. So blieb die Torfbahn letztlich ein ungenehmigtes Unternehmen, ein Schwarzbau, wie man heute sagen würde.

1925 kam das abrupte Ende. Der Betriebsleiter meldete der Gendarmerie, dass das Torffeld dauerhaft geschlossen werde. Für die Behörden war nun vor allem wichtig, was aus den Beschäftigten werden sollte. Als ein Jahr später erneut nachgesehen wurde, war die Bahn bereits vollständig abgebaut: Schienen und Anlagen waren entfernt, die Firma war praktisch verschwunden. Am 2. November 1926 meldete das Bezirksamt schließlich der Regierung von Oberbayern, dass das Unternehmen endgültig erloschen sei. Damit war das Projekt nach nur kurzer Zeit beendet, ohne je vollständig genehmigt oder technisch überprüft worden zu sein. Geprüft worden war lediglich der Lokführer, denn für das Führen einer Dampflokomotive galten damals strenge Vorschriften.

Besonders anschaulich wird die Lesung durch die von Meis ausgewerteten Akten und Pläne. Ein großformatiger, in Wasserfarbe und Tusche gezeichneter Bahnplan, den er mit erheblichem Aufwand restauriert und rekonstruiert hat, enthält nahezu alle technischen Einzelheiten der Strecke. Daraus geht hervor, dass es sich um eine Schmalspurbahn mit einer für Bayern ungewöhnlichen Spurweite von 75 Zentimetern handelte. Auch die Lokomotive ließ sich genauer identifizieren: Sie stammte nicht aus Bayern, sondern aus Schlesien von der Firma Linke-Hoffmann in Breslau. Meis konnte sogar ein Bild dieses Loktyps und ein historisches Foto der Bahn im Moor mit Lok, beladenen Torfwagen und der Bedienungsmannschaft finden. Auf diesem Foto sind drei Brüder namens Ott zu sehen, darunter der Lokführer Michael Ott, der als besonders wichtiger Mann des Betriebs galt.

Heute sind von der Torfbahn nur noch wenige Spuren erhalten. Die Moosalm war einst Wohnhaus des Betriebsleiters und zugleich eine Art Geschäftsstelle. Außerdem ist ein Teil der früheren Trasse noch im Verlauf einer heutigen Straße erkennbar. Andere Bereiche, vor allem am Bahnhof Gernlinden, sind durch spätere Baumaßnahmen vollständig überprägt worden. So bleibt die Torfbahn im Fußbergmoos ein Beispiel für ein mit großem Elan begonnenes, aber nur kurzlebiges Projekt, das rasch wieder verschwand und heute vor allem durch Akten, Pläne und wenige Fotografien nachvollziehbar ist.

Helga Rueskäfer über den Bau der Bahnunterführung in Maisach
Die Lesung von Helga Rueskäfer schildert den Bau der Bahnunterführung in Maisach als eines der schwierigsten und nervenaufreibendsten Projekte in der Amtszeit von Bürgermeister Moser. Ausgangspunkt war die unhaltbare Verkehrssituation am Bahnhof Maisach, wo sich an den Bahnschranken immer wieder lange Rückstaus bildeten. Zudem gab es im Gemeindegebiet damals nur niveaugleiche Bahnübergänge. Schon Ende der 1950er Jahre wurde deshalb über eine Lösung diskutiert. Während die Bundesbahn zunächst nur einen eigenen Fußgängerübergang mit Drehkreuz und später eine Fußgängerunterführung vorschlug, bestand der Gemeinderat von Anfang an auf einer Unterführung für den Straßenverkehr.

In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus ein zäher Konflikt zwischen Gemeinde und Bahn. Immer wieder legte die Bahn neue Pläne vor, die aus Sicht der Maisacher nicht ausreichten. So wurde Mitte der 1960er Jahre eine Überführung bei der Gärtnerei Zick ins Gespräch gebracht, während am Bahnhof selbst nur an eine Lösung für Fußgänger und Radfahrer gedacht war. Der Gemeinderat lehnte diese Varianten jedoch ab, weil die Gemeinde die Unterführung direkt am Bahnhof wollte. Unterstützt wurde diese Haltung von der neu gegründeten Interessengemeinschaft Maisach-Süd, die als frühe Bürgerinitiative ebenfalls Druck machte. Die Zeit drängte zusätzlich, weil bis zur Einführung der S-Bahn 1972 eine tragfähige Lösung gefunden werden musste.

Erst 1970 gelang der Durchbruch. Die Bahn gab ihre Pläne für eine Überführung bei der Gärtnerei Zick schließlich auf, und die Gemeinde setzte sich mit ihrer Forderung nach einer Unterführung am Bahnhof durch. Der Gemeinderat beschloss den Bau einer Unterführung mit einer Höhe von 3,80 Metern. Parallel dazu wurden auch weitere Verkehrsprojekte vorangetrieben, darunter eine Bahnüberführung zwischen Maisach und Gernlinden sowie der Ausbau der Frauenstraße in Richtung Malching. Im März 1971 konnte schließlich der Finanzierungsplan beschlossen werden. Die Gesamtkosten für die Bahnhofsunterführung wurden mit 5,4 Millionen D-Mark veranschlagt, dazu kamen weitere Ausgaben für den Ausbau der angrenzenden Straßen. Die Gemeinde hoffte dabei auf erhebliche Zuschüsse von Bund und Land.

Rueskäfer macht in ihrer Lesung deutlich, dass dieses Projekt nur ein Beispiel für die Vielzahl an Aufgaben war, die Bürgermeister Moser in seiner Amtszeit zu bewältigen hatte. Als letzter ehrenamtlicher Bürgermeister Maisachs habe er die Modernisierung der Gemeinde entscheidend vorangetrieben, etwa mit Schulbauten, sozialem Wohnungsbau, zentraler Wasserversorgung und weiteren Infrastrukturmaßnahmen. Der Kampf um die Bahnunterführung gehört dabei zu seinen größten kommunalpolitischen Kraftakten. Die Einweihung der Unterführung, für die er so lange gestritten hatte, erlebte Moser schließlich nur noch als Ehrengast, denn zu diesem Zeitpunkt war bereits sein Nachfolger im Amt. Die Geschichte zeigt damit anschaulich, wie langwierig kommunale Großprojekte schon damals sein konnten und wie eng sie mit dem Engagement einzelner Persönlichkeiten verbunden waren.

Annemarie Karg über die Bewohner der Ringstraße in Gernlinden
Die Lesung von Annemarie Karg über die Bewohner der Ringstraße in Gernlinden erzählt von der Entstehung eines besonderen Wohngebiets in der frühen Nachkriegszeit. Die Häuser in der Ringstraße wurden Anfang der 1960er Jahre nahezu gleichzeitig gebaut, einheitlich geplant und waren vor allem für Menschen bestimmt, die sozial wohnungsberechtigt waren. Dazu gehörten Flüchtlinge, Vertriebene, Kriegsbeschädigte und Familien, die nach den Entbehrungen des Krieges dringend Wohnraum suchten. Auch Kargs eigene Familie gehörte dazu: Ihr Vater war schwer kriegsbeschädigt und bei der Bundesbahn beschäftigt. Voraussetzung für den Erhalt eines Grundstücks war unter anderem, dass Kinder oder weitere Familienmitglieder vorhanden waren. Die Häuser waren größtenteils ähnlich groß und ähnlich gebaut, und zugleich war vorgesehen, dass in ihnen auch weiterer Wohnraum für bedürftige Mieter geschaffen wurde.

Exemplarisch schildert Karg die Geschichte der Familie Ruderer, die eng mit ihrer eigenen Familiengeschichte verbunden ist. Christa Ruderer, geborene Lux, kam aus Oberschlesien und erlebte als Kind die Flucht im Winter 1944/45. Wie viele andere musste ihre Familie in großer Unsicherheit die Heimat verlassen, mit der Hoffnung auf eine Rückkehr, die sich jedoch nie erfüllte. Nach Stationen in Waldenfels und weiteren schweren Einschnitten, darunter der Tod ihres Bruders im Krieg, ging Christa als junge Frau nach München, um Arbeit zu finden. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Josef Ruderer kennen, der aus dem Bayerischen Wald stammte und ebenfalls auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach München gekommen war. Nach der Heirat lebte das Paar zunächst sehr beengt als Untermieter in Gernlinden. Erst als Josef Ruderer eine Stelle bei der Deutschen Bundesbahn erhielt, ergab sich für die Familie die Möglichkeit, in der Ringstraße ein eigenes Haus zu bauen.

Die Lesung macht deutlich, dass die Ringstraße nicht nur ein Bauprojekt war, sondern ein Ort des Neuanfangs für Menschen mit oft schwierigen Lebensgeschichten. Viele Bewohner kamen aus unterschiedlichen Regionen und hatten Krieg, Flucht, Verlust und Wohnungsnot erlebt. In Gernlinden fanden sie die Chance, sich mit viel Eigenleistung und unter oft bescheidenen Bedingungen ein eigenes Zuhause aufzubauen. Damit wird die Ringstraße zu einem Beispiel für den sozialen Wohnungsbau und den Wiederaufbau der Nachkriegszeit, aber auch für die Lebensleistung einer Generation, die sich nach den Zerstörungen des Krieges Schritt für Schritt eine neue Heimat schuf. Annemarie Karg versteht ihre Arbeit zugleich als Erinnerung an diese Menschen und kündigt an, das Thema weiterzuverfolgen, solange noch persönliche Erinnerungen, Fotos und Berichte der Nachkommen erhalten sind.

Die Pizzaria Salerno von Conny Schader
Die Lesung von Conny Schader über die Pizzeria Salerno erzählt die Geschichte eines Lokals, das seit 1979 italienische Esskultur nach Gernlinden bringt und zugleich eng mit der Lebensgeschichte der Familie Morena verbunden ist. Gründer Ferdinand Morena stammt aus der Provinz Salerno in Süditalien. Nach einer Ausbildung als Kellner und ersten Berufserfahrungen in der Tourismusregion um Sorrent führte ihn die Cholera-Epidemie von 1973, die dem Tourismus im Süden Italiens schwer schadete, nach Bayern. Dort fand er über seine in Fürstenfeldbruck lebende Schwester Arbeit, zunächst in München und später in Fürstenfeldbruck. Nach dem Militärdienst in Italien kehrte er zurück und erfuhr, dass in Gernlinden ein Lokal zu mieten war. Trotz hoher Ablösesumme und großer finanzieller Risiken gelang es ihm gemeinsam mit einem Verwandten, das ehemalige Lokal zu übernehmen und am 20. August 1979 die Pizzeria Salerno zu eröffnen.

Die Anfangszeit war keineswegs einfach. Zwar war das Lokal bei der Eröffnung gut besucht, doch zeigte sich schnell, dass nicht nur gutes Essen, sondern auch viel organisatorisches Geschick nötig war, um sich zu etablieren. Besonders schwierig war es, die Pizzeria als gepflegtes Speiselokal zu positionieren, weil ein Teil der bisherigen Stammgäste weiterhin eher eine traditionelle Gaststätte mit Bier und Kartenspiel erwartete. Ferdinand Morena musste sich deshalb in den ersten Jahren mit Konflikten auseinandersetzen und sogar Lokalverbote aussprechen. Zugleich entwickelte sich die Speisekarte weiter, blieb aber in vielen Bereichen ihrer Linie treu. Einige Gerichte aus der Anfangszeit sind bis heute geblieben, andere verschwanden. Auch die eigene Eisherstellung wurde irgendwann aufgegeben, weil der Betrieb mit dem kleinen Team im Sommer nicht mehr zu bewältigen war. Nachdem ein geschätzter Koch 1986 nach Italien zurückkehrte, übernahm Morena selbst die Küche und setzte damit seine Erfahrung und sein über Jahre erworbenes Wissen noch stärker ein.

Eine wichtige Rolle spielte später auch seine Frau Virginia Morena, die 1984 nach Gernlinden kam. Für sie waren die ersten Jahre besonders schwer, weil sie kaum Deutsch sprach und sich dadurch weitgehend isoliert fühlte. Erst nach der Geburt der Kinder und durch Kontakte im Kindergarten fand sie allmählich Anschluss und begann, Gernlinden als Heimat zu empfinden. Im Restaurant übernahm sie Aufgaben im Service und im Hintergrund, oft zusätzlich zur Familienarbeit. Gemeinsam entschloss sich das Ehepaar schließlich, das Lokal ganz zu übernehmen, was erneut ein großes finanzielles Risiko bedeutete, zugleich aber den Grundstein für die weitere Entwicklung legte. So wurde das Salerno nicht nur zu einem gastronomischen Betrieb, sondern zum Mittelpunkt des gesamten Familienlebens.

Die Lesung macht deutlich, dass die Geschichte der Pizzeria Salerno weit über die eines Restaurants hinausgeht. Sie erzählt von Migration, Neuanfang, harter Arbeit, Integration und davon, wie aus einem italienischen Familienbetrieb ein fester Bestandteil des Lebens in Gernlinden wurde. Symbolisch dafür steht auch, dass die Familie Morena zum 40-jährigen Bestehen des Lokals den Gernlindnern den Maibaum spendete. Damit wurde sichtbar, wie sehr sich italienische Herkunft und bayerische Heimat in diesem Ort miteinander verbunden haben.

Corona in Maisach von Matthias J. Lange
Die Lesung von Matthias J. Lange zeichnet ein eindringliches Bild von Maisach in den ersten Wochen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020. Grundlage ist ein Blog, den Lange ab dem 22. März 2020 über 45 Tage hinweg täglich führte und in dem er den Ausnahmezustand in der Gemeinde dokumentierte. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht große politische Entscheidungen, sondern der veränderte Alltag vor Ort: die ungewohnte Ruhe auf den Straßen, leere Parkplätze, geschlossene Cafés, abgesagte Veranstaltungen und die spürbare Verunsicherung der Menschen. Zugleich beschreibt Lange, wie sich die Bewohner rasch auf die neuen Regeln einstellten, Abstand hielten und ihren Alltag mit Vorsicht, aber auch mit Disziplin und gegenseitiger Rücksicht neu organisierten.

Besonders deutlich wird in seiner Schilderung, wie wichtig in dieser Zeit die Versorgung und die gegenseitige Hilfe im Ort waren. Supermärkte, Bäckereien und andere Lebensmittelgeschäfte blieben geöffnet, entwickelten schnell neue Routinen und sorgten trotz einzelner Engpässe dafür, dass die Grundversorgung gesichert war. Zugleich entstanden in sozialen Netzwerken lokale Hilfsangebote, über die Einkaufsdienste, Besorgungen oder Fahrdienste organisiert wurden. Auch in Maisach zeigte sich damit, dass die Krise nicht nur Unsicherheit auslöste, sondern auch neues bürgerschaftliches Engagement. Die sozialen Medien wurden zu einem zentralen Informations- und Austauschraum, weil viele Menschen zu Hause blieben und das Bedürfnis nach Orientierung und Kommunikation stark zunahm.

Ein weiterer Schwerpunkt der Lesung ist der Umgang von Kirche, Feuerwehr und Gastronomie mit der Ausnahmesituation. Gottesdienste fielen zunächst aus oder wurden digital übertragen, gleichzeitig suchten viele Menschen in der Krise nach Halt und religiöser Gemeinschaft. Die Feuerwehr blieb einsatzbereit, musste ihren Betrieb aber ebenfalls anpassen und den direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit stark einschränken. Besonders hart trafen die Corona-Maßnahmen die Gastronomie, die von einem Tag auf den anderen ihr Geschäftsmodell umstellen musste. Während manche Betriebe vorübergehend schlossen, versuchten andere mit Abhol- und Lieferangeboten zu überleben. Hinter diesen Anpassungen standen oft große Existenzsorgen und die Angst um die wirtschaftliche Zukunft.

Insgesamt zeigt die Lesung Maisach als eine Gemeinde, die in der Pandemie zwar stiller und leerer wurde, aber nicht handlungsunfähig. Vielmehr entsteht das Bild eines Dorfes im Ausnahmezustand, das mit Ruhe, Improvisation und Zusammenhalt auf die Krise reagierte. Die leeren Straßen, die geschlossenen Kirchenbänke, die improvisierten Hilfsangebote und die neuen digitalen Formen des Kontakts stehen dabei sinnbildlich für einen tiefen Einschnitt in das Alltagsleben. Matthias J. Lange hält damit nicht nur eine lokale Chronik der ersten Corona-Wochen fest, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte, das zeigt, wie tief die Pandemie selbst in einer einzelnen Gemeinde das öffentliche und private Leben verändert hat.

WarGames (USA 1983) – Rückblick auf die Matinee

24. April 2026

WarGames ist einer der prägenden Technik- und Thrillerfilme der 1980er Jahre und wirkt bis heute erstaunlich aktuell. Ich besprach und zeigte den Film bei meiner Matinee im Scala Fürstenfeldbruck. Die nächste Matinee ist der Brian de Palma Film Dressed to kill am Sonntag, 3. Mai um 10:45 Uhr. Karten gibt es hier.

Der 1983 erschienene Film WarGames erzählt die Geschichte des Jugendlichen David Lightman, eines begabten Hackers, der sich eher spielerisch in Computersysteme einwählt und dabei versehentlich auf einen militärischen Supercomputer der USA stößt. Was zunächst wie ein harmloses Strategiespiel aussieht, entwickelt sich zu einer gefährlichen Kettenreaktion: Der Rechner interpretiert Davids Eingaben als reale Bedrohung, und plötzlich scheint ein atomarer Konflikt zwischen den Supermächten möglich. Hier die Aufzeichnung meines Vortrags:

Gerade diese Mischung aus Jugendfilm, Technikfaszination und politischem Nervenkitzel macht WarGames so besonders. Der Film entstand in einer Zeit, in der Heimcomputer langsam in den Alltag einzogen, das Thema Hacker für viele Menschen noch neu war und zugleich der Kalte Krieg die Weltpolitik bestimmte. Dadurch traf er einen Nerv der Zeit. Er zeigte, wie eng Unterhaltung, Technologie und reale Machtfragen miteinander verbunden sein können. Was David als Spiel beginnt, gerät außer Kontrolle, weil die Maschinenlogik keinen Unterschied zwischen Simulation und Wirklichkeit kennt.

Zugleich ist WarGames mehr als ein spannender Thriller. Der Film stellt die Frage, wie weit man Entscheidungen über Krieg und Frieden an Technik delegieren darf. Der Computer WOPR, der militärische Strategien berechnen soll, steht für den Glauben, komplexe politische Konflikte ließen sich technisch kontrollieren. Am Ende führt der Film jedoch zu einer ganz anderen Erkenntnis: Nicht jedes Spiel kann gewonnen werden, und manche Konfrontationen lassen sich nur vermeiden, wenn man sie gar nicht erst beginnt. Gerade diese Botschaft verleiht dem Film bis heute seine Kraft.

Auch stilistisch ist WarGames ein typischer, aber besonders gelungener Film seiner Zeit. Er verbindet die Atmosphäre amerikanischer Vorstädte, frühe Computertechnik und die permanente Bedrohung des Atomzeitalters zu einer dichten Erzählung. Dabei lebt er nicht nur von seiner Spannung, sondern auch von der glaubwürdigen Perspektive eines Jugendlichen, der eher aus Neugier als aus böser Absicht handelt. Das macht die Geschichte zugänglich und verleiht ihr zugleich eine gewisse Leichtigkeit, obwohl das Thema hochernst ist.

Rückblickend gilt WarGames als Kultfilm, weil er eine frühe mediale Auseinandersetzung mit Hacking, künstlicher Entscheidungslogik und digitaler Verwundbarkeit bot. Vieles, was damals futuristisch wirkte, erscheint heute erstaunlich nah an aktuellen Debatten über Cyberangriffe, Automatisierung und die Risiken vernetzter Systeme. Genau darin liegt die anhaltende Bedeutung des Films: WarGames ist nicht nur ein spannender Klassiker, sondern auch ein überraschend weitsichtiger Film über die Gefahren einer Welt, in der Technik und Macht untrennbar miteinander verbunden sind.

Die nächste Matinee ist der Brian de Palma Film Dressed to kill am Sonntag, 3. Mai um 10:45 Uhr. Karten gibt es hier.

Welttag des Buches und was er für mich bedeutet

23. April 2026

Der Welttag des Buches ist ein internationaler Aktionstag, der jedes Jahr am 23. April begangen wird. Er wurde von der UNESCO 1995 als „World Book and Copyright Day“ eingeführt und soll an die besondere Bedeutung von Büchern, Lesen, Autoren sowie des Urheberrechts erinnern.

Auch ich bin ein Buch-Fan zum Leidwesen meiner Frau, weil wir einfach zu viele Bücher haben und wöchentlich werden es mehr. Im Moment lese ich gerade das neue lesenswerte Buch von meinem Freund Tim Pröse: Doch noch ein neuer Tag.

Zudem widme ich dem Thema Lesen unter anderem mit meinem monatlichen Podcasts Seitensprung aus der Gemeindebücherei Maisach. Hier die ersten beiden Folgen. Im Mai geht es weiter.

Im Kern geht es darum, das Buch nicht nur als gedruckten Gegenstand zu feiern, sondern als kulturelles Medium, das Wissen weitergibt, Fantasie weckt und Menschen über Generationen, Sprachen und Länder hinweg miteinander verbindet. Die UNESCO beschreibt Bücher dabei ausdrücklich als eine Brücke zwischen Kulturen und Generationen.

Dass ausgerechnet der 23. April gewählt wurde, hat einen starken symbolischen Hintergrund. Das Datum gilt in der Weltliteratur als besonders bedeutend, weil es mit den Namen Miguel de Cervantes, William Shakespeare und Inca Garcilaso de la Vega verbunden ist. Deshalb entschied sich die UNESCO bewusst für diesen Tag, um Bücher und ihre Autorinnen und Autoren weltweit zu würdigen. Der Welttag des Buches ist damit nicht nur ein Lesefest, sondern auch ein kulturelles Signal: Literatur soll als Teil des gemeinsamen Menschheitserbes sichtbar gemacht werden.

Inhaltlich verfolgt der Welttag des Buches mehrere Ziele zugleich. Er soll die Freude am Lesen fördern, den Zugang zu Büchern verbessern und auf die Bedeutung von Bildung, Sprache und Lesekompetenz aufmerksam machen. Zugleich gehört auch das Urheberrecht ausdrücklich dazu. Das ist kein Nebenaspekt, sondern Teil der Grundidee: Wer Bücher feiert, soll auch die geistige Arbeit schützen, die hinter ihnen steht. Die UNESCO verbindet den Aktionstag deshalb mit größeren Themen wie kultureller Vielfalt, Kreativität, Mehrsprachigkeit und fairem Zugang zu Wissen. Bücher erscheinen hier nicht nur als Unterhaltungsmedium, sondern als Grundlage demokratischer Bildung und kultureller Teilhabe. Ich habe bei der langen Nacht der Bibliotheken einen Vortrag gehalten zum Thema Name der Rose

Weltweit wird der Tag mit sehr unterschiedlichen Aktionen begangen. Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken, Schulen, Kulturinstitutionen und Autorenverbände veranstalten rund um den 23. April Lesungen, Bücherfeste, Schulaktionen, Ausstellungen und Diskussionen. Die UNESCO weist außerdem darauf hin, dass jedes Jahr eine Welthauptstadt des Buches ausgewählt wird. Für 2026 ist Rabat diese UNESCO-Welthauptstadt des Buches; 2027 folgt Medellín. Damit soll die Idee des Welttags über einen einzelnen Kalendertag hinaus verlängert und in einer Stadt ein ganzjähriges Programm zur Leseförderung und Buchkultur angestoßen werden.

In Deutschland hat der Welttag des Buches einen besonders starken Platz in der Leseförderung. Auf der offiziellen deutschen Aktionsseite wird der 23. April als großes Lesefest mit vielfältigen Veranstaltungen beschrieben. Besonders bekannt ist die Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“, bei der Schulklassen Buchgutscheine erhalten und Kinder in großer Zahl ein eigenes Buch bekommen. Nach Angaben der Organisatorinnen und Organisatoren wurden 2025 erneut über 1,1 Millionen Schulkinder erreicht, beteiligt waren rund 49.400 Schulklassen und etwa 3.000 Buchhandlungen. Daran sieht man sehr deutlich, dass der Welttag des Buches in Deutschland nicht nur symbolisch begangen wird, sondern ganz praktisch Kindern Lust aufs Lesen machen soll.
Seine eigentliche Bedeutung entfaltet der Welttag des Buches aber vor allem auf einer tieferen kulturellen Ebene. Bücher eröffnen neue Perspektiven, sie bewahren Erfahrungen, sie schaffen Orientierung und ermöglichen es, andere Lebenswelten kennenzulernen. In einer Zeit, in der Informationen oft schnell, flüchtig und stark verkürzt verbreitet werden, steht der Welttag des Buches auch für eine Gegenidee: für Konzentration, vertieftes Verstehen und die Bereitschaft, sich auf längere Gedankenwege einzulassen. Gerade deshalb ist der Tag bis heute aktuell. Er erinnert daran, dass Lesen nicht bloß eine private Freizeitbeschäftigung ist, sondern eine Schlüsselkompetenz für Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und kulturelles Verständnis.

So ist der Welttag des Buches am Ende weit mehr als ein Kalenderdatum für Literaturfreunde. Er ist ein weltweiter Appell, Bücher als kulturellen Reichtum ernst zu nehmen, Lesen zu fördern und den Zugang zu Wissen offen zu halten. Wer an diesem Tag ein Buch verschenkt, eine Lesung besucht, mit Kindern liest oder selbst wieder einmal bewusst zu einem Roman, Sachbuch oder Gedichtband greift, beteiligt sich an genau dieser Idee. Der Welttag des Buches feiert also nicht nur das Buch selbst, sondern auch das, was Bücher in Gesellschaften möglich machen: Bildung, Erinnerung, Empathie und Freiheit des Denkens.

Lesung aus „Meisaha“ – wir machen Maisacher Geschichte lebendig

22. April 2026

Am 22. April lädt der Historische Arbeitskreis der Gemeinde Maisach wieder zu einer Lesung in die Gemeindebücherei Maisach ein. Im Mittelpunkt stehen ausgewählte Texte aus den Heften zur Gemeindegeschichte „Meisaha“, die seit Jahren wichtige Episoden, Entwicklungen und Erinnerungen aus Maisach und seinen Ortsteilen dokumentieren. Die Lesung versteht sich dabei nicht nur als Rückblick auf Vergangenes, sondern auch als lebendige Begegnung mit der eigenen Heimatgeschichte. In der ganzen Gemeinde Maisach laden Plakate zur Veranstaltung ein. Beginn am Mittwoch, 22. April, um 20 Uhr in der Gemeindebücherei.

Die Beiträge machen deutlich, wie vielfältig die Geschichte der Gemeinde ist. Sie erzählen von Menschen, Gebäuden und Ereignissen, die Maisach geprägt haben, und geben Einblicke in den Alltag früherer Jahrzehnte. Gerade durch das Vorlesen entfalten die Texte eine besondere Wirkung: Aus gedruckter Ortsgeschichte wird hörbare Erinnerung, die Vergangenheit rückt näher und gewinnt neue Anschaulichkeit.

Die Gemeindebücherei bietet für diesen Abend den passenden Rahmen. In ruhiger Atmosphäre können die Besucher Geschichte nicht nur nachlesen, sondern gemeinschaftlich erleben. Die Lesung des Historischen Arbeitskreises ist damit mehr als eine reine Buchvorstellung. Sie ist eine Einladung, sich mit den eigenen Wurzeln zu beschäftigen, Bekanntes neu zu entdecken und den Blick auf die Geschichte der Gemeinde wachzuhalten.

So wird der Abend einmal mehr zu einem Beitrag gelebter Erinnerungskultur in Maisach. Die „Meisaha“-Hefte bewahren das historische Wissen der Gemeinde, und die Lesung sorgt dafür, dass dieses Wissen nicht nur im Archiv bleibt, sondern im öffentlichen Leben präsent bleibt.

Spannend: Apples historischer Führungswechsel: Tim Cook übergibt an John Ternus

21. April 2026

Apple hat einen historischen Führungswechsel angekündigt: Nach 15 überaus erfolgreichen Jahren wird Tim Cook am 1. September 2026 als CEO zurücktreten und das Zepter an den bisherigen Hardware-Chef John Ternus übergeben. Cook bleibt dem wertvollsten Konzern der Welt jedoch als Vorsitzender des Verwaltungsrates erhalten, womit eine sorgfältig geplante Ära des Übergangs beginnt. Als Apple-Fanboy und Aktienbesitzer sage ich Dank an Cook.

Das Ende einer Ära
Tim Cook trat 2011 das wohl schwerste Erbe der Wirtschaftsgeschichte an, als er den visionären Gründer Steve Jobs ablöste. In tiefer Dankbarkeit blickt die Tech-Welt auf einen unaufgeregten, aber brillanten Strategen zurück, der den Börsenwert von Apple verzehnfachte und zu einer beispiellosen Marktkapitalisierung von über vier Billionen US-Dollar führte. Mit seiner besonnenen Art navigierte er den Konzern durch stürmische Zeiten und bewies eindrucksvoll, dass unermüdliche Empathie und wirtschaftlicher Rekorderfolg perfekt harmonieren. Cook ist als Typ anders als der emotionale Jobs. Er kopierte Jobs nicht, sondern ging seinen eigenen Weg, oftmals spröde, aber sehr sehr erfolgreich.

Werte und Innovationen
Unser besonderer Dank gilt Cooks Einsatz für eine bessere Welt, da er Apple mutig zu einem Vorreiter für Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien und Menschenrechte formte. Neben dieser starken werteorientierten Führung etablierte er in seiner Amtszeit alltagsprägende Produktkategorien wie die Apple Watch, die AirPods und die für mich revolutionäre Apple Vision Pro. Er hinterlässt ein moralisch und strukturell gefestigtes Lebenswerk, das die Art und Weise unserer täglichen Interaktion nachhaltig zum Positiven verändert hat. Als CEO musste er mit Trump arbeiten, aber die moralische Distanz zum US-Präsidenten war sichtbar. Da wurde Cook schon in Mails als Tim Apple vom orangefarbenen Gegenüber bezeichnet.

Der neue Steuermann
Mit John Ternus übernimmt nun ein echtes Apple-Urgestein das Steuer, das bereits seit 2001 im Unternehmen tätig ist und Apples Hardware-DNA tief verinnerlicht hat. Als Chef der Hardware-Entwicklung verantwortete der 50-Jährige in den letzten Jahren maßgeblich die höchst erfolgreiche Umstellung der Mac-Reihe auf die hauseigenen Apple-Silicon-Chips. Tim Cook lobt seinen Wunschnachfolger treffend als herausragende Führungskraft, die das analytische Denken eines Ingenieurs mit der Seele eines echten Innovators vereint.

Die Führungspersönlichkeiten
Die Laufbahnen der beiden Manager weisen sowohl faszinierende Parallelen als auch klare generationsbedingte Unterschiede auf. Ein direkter Vergleich verdeutlicht die markanten Stationen, die sie letztlich an die Spitze des kalifornischen Tech-Giganten geführt haben.

Ein nahtloser Übergang
Bis zur offiziellen Amtsübergabe im September 2026 werden Cook und Ternus eng zusammenarbeiten, um einen absolut reibungslosen Übergang an der Konzernspitze zu garantieren. Dass Tim Cook dem Aufsichtsrat danach als Executive Chairman erhalten bleibt, sichert dem Unternehmen weiterhin seine unschätzbar wertvolle strategische Erfahrung. Dieser von langer Hand geplante Generationswechsel ist ein weitsichtiger Schritt, der Apples ambitionierte Zukunftsvision für die nächsten Jahrzehnte auf ein sicheres Fundament stellt.

Podcast: Bewegung trifft Gehirntraining: Wie der Skillcourt Therapie und Fitness verbindet

20. April 2026

Im Podcast „Dombo bewegt“ stellt Norman Dombo vom Zentrum für Gesundheit gemeinsam mit Matthias J. Lange den sogenannten Skillcourt vor – ein Trainingssystem, das weit mehr ist als ein gewöhnliches Fitnessgerät. Dombo beschreibt den Skillcourt als Instrument, das Bewegung und Denken miteinander verbindet. Im Mittelpunkt steht die Förderung der visuellen, kognitiven und motorischen Fähigkeiten, also genau jener Bereiche, die im Alltag wie auch in der Therapie von großer Bedeutung sind. Das System eignet sich nach seinen Worten für die Physiotherapie ebenso wie für Menschen mit Demenz, Schlaganfall oder anderen neurologischen Erkrankungen. Gleichzeitig sei es aber auch für alle gedacht, die unabhängig vom Alter aktiv bleiben und neben dem Körper auch das Gehirn trainieren wollen – von Kindern bis ins hohe Alter.

Anders als bei einem Fernseher oder Bildschirm, vor dem man nur passiv sitzt, verlangt der Skillcourt ständige Aktivität. Auf einer markierten Fläche am Boden müssen die Nutzer auf visuelle Reize reagieren, bestimmte Felder anlaufen und Aufgaben lösen. Dabei geht es nicht nur um Schnelligkeit, sondern auch um Konzentration, Koordination und Denkleistung. Dombo nennt als Beispiel das neue Programm „Math Run“, bei dem Zahlen addiert werden müssen, während man sich über die Fläche bewegt. In den weiterentwickelten Varianten kommen auch Subtraktion, Multiplikation und Division hinzu. Damit werde das Training zunehmend anspruchsvoller und rege dazu an, körperliche und geistige Fähigkeiten gleichzeitig einzusetzen. Hier der Podcast:

Besonders wichtig ist Dombo, mit dem Vorurteil aufzuräumen, es handle sich bloß um ein spielerisches Unterhaltungsgerät. Gerade im Profisport werde der Skillcourt intensiv genutzt, betont er. Der Unterschied zum Spielzeug liege vor allem darin, dass die Anwendungen wissenschaftlich begleitet und an Universitäten untersucht worden seien. Nach seinen Worten sei nachgewiesen, dass sich Fähigkeiten durch dieses Training tatsächlich verbessern lassen. So wie man im Kraft- oder Ausdauertraining die Muskulatur stärken könne, lasse sich auch das Gehirn trainieren – und zwar bis ins hohe Alter. Hinzu komme, dass das System durch regelmäßige Updates ständig erweitert und verbessert werde.

Ein besonderes Highlight ist für Dombo der „Random Battle Run“, ein Wettkampfmodus, bei dem zwei Personen gleichzeitig gegeneinander antreten. Innerhalb von 15, 30 oder 60 Sekunden müssen möglichst viele farblich markierte Felder erreicht werden. Jeder Spieler bekommt dabei eine eigene Farbe zugewiesen. Entscheidend ist, dass sich kein festes Muster einprägen lässt, denn die Abläufe werden zufällig generiert. Genau das macht den Reiz und zugleich die Herausforderung aus. Dombo erzählt mit einem Augenzwinkern, dass er trotz seines Trainings dabei schon mehrfach verloren habe.

Zugleich betont er, dass das System keineswegs nur auf Tempo und Wettkampf ausgerichtet ist. Wer sich nicht schnell bewegen kann oder gerade in der Rehabilitation ist, kann mit anderen Programmen arbeiten, bei denen keine Zeitvorgabe im Vordergrund steht. Dort geht es etwa darum, Bewegungsabläufe neu zu erlernen, Schrittfolgen zu trainieren oder sich Symbole und Personen wieder besser einzuprägen. Gerade für Menschen mit beginnenden Gedächtnisproblemen oder neurologischen Einschränkungen eröffne der Skillcourt deshalb interessante Möglichkeiten. Die spielerische Gestaltung mit verschiedenen Levels motiviere zusätzlich und mache das Training abwechslungsreich.

Auf die Frage, wie die Resonanz sei, erklärt Dombo, dass der Skillcourt außerhalb des Leistungssports bislang noch vergleichsweise unbekannt sei. Profifußballer, Bundesligaspieler oder auch Teams aus der amerikanischen NFL arbeiteten längst damit, im Alltag vieler Menschen sei das System dagegen noch neu. Deshalb dürfe bei ihm jeder den Skillcourt zunächst ausprobieren. Mit einfachen Einstiegsübungen werde der Zugang erleichtert. Anfangs seien manche noch zurückhaltend, doch sobald sie die ersten Erfahrungen gesammelt hätten, sei die Begeisterung meist groß.

Bemerkenswert findet Dombo die enorme Altersspanne der möglichen Nutzer. Er zitiert dabei die Formel „von 6 bis 106“. Gerade Kinder könnten von einem solchen Training profitieren, weil in jungen Jahren wichtige neuronale Verbindungen geschaffen würden. Was in früher Kindheit an geistiger und motorischer Entwicklung versäumt werde, lasse sich später nur schwer aufholen. In diesem Sinn bezeichnet er den Skillcourt sogar als sinnvolles Geschenk für junge Menschen. Besonders erfreulich sei zudem, dass es mit dem „Skillcoach“ auch einen Online-Präventionskurs für Kinder und Erwachsene gebe, der von den Krankenkassen bezuschusst werde.

Am Ende des Podcasts überwiegt die Begeisterung deutlich. Der Skillcourt erscheint hier als modernes Trainingssystem, das Bewegung, Spiel, Therapie und geistige Herausforderung auf innovative Weise zusammenführt. Dombo lädt Interessierte ausdrücklich dazu ein, das Angebot selbst auszuprobieren, einen Termin zu vereinbaren und sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. So endet die Folge mit einer offenen Einladung zum Mitmachen – und mit der Botschaft, dass Training eben nicht nur anstrengend, sondern auch motivierend und unterhaltsam sein kann.

Wo Bayerns Wirtschaft ein Gedächtnis bekommt: Eine bewegende Begegnung mit der Geschichte im Wirtschaftsarchiv

19. April 2026

Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv in München wird bayerische Wirtschaftsgeschichte nicht nur bewahrt, sondern lebendig vermittelt. Beim Besuch des PresseClub München begrüßte Archivleiter Dr. Harald Müller die Gäste gemeinsam mit seinem kleinen Team und gab zunächst einen Einblick in Aufgaben, Geschichte und Selbstverständnis der Einrichtung, bevor es später in die Magazine ging, dorthin also, wo Wirtschaftsgeschichte buchstäblich greifbar wird. Das Archiv, so machte Müller gleich deutlich, ist eine vergleichsweise junge Institution innerhalb der deutschen Archivlandschaft. Während staatliche, kommunale oder kirchliche Archive auf jahrhundertelange Traditionen zurückblicken, entstanden Wirtschafts- und Unternehmensarchive erst mit dem tiefgreifenden Wandel durch die Industrialisierung. Als sich im 19. Jahrhundert Produktionsweisen, Arbeitswelt und gesellschaftliche Strukturen massiv veränderten, wurde deutlich, dass moderne Geschichte ohne die Quellen der Wirtschaft gar nicht mehr angemessen geschrieben werden kann. Hinzu kam das Interesse der Unternehmen an ihrer eigenen Vergangenheit: Jubiläen, Traditionspflege und die Darstellung des eigenen Werdegangs nach außen machten historische Dokumente plötzlich zu einem wichtigen Gut. Aus diesem Zusammenspiel von wissenschaftlichem Interesse und unternehmerischem Selbstverständnis gingen die ersten Wirtschaftsarchive hervor.

Das Bayerische Wirtschaftsarchiv selbst hat seine Wurzeln in einer 1986 gegründeten Einrichtung der IHK für München und Oberbayern. Schon damals war die Idee angelegt, ein gesamtbayerisches Archiv zu schaffen, doch zunächst hielten sich die übrigen Industrie- und Handelskammern zurück. Erst als sich das Archiv positiv entwickelte, wuchs die Unterstützung. Einen wichtigen Schub brachte früh die Übernahme des Löwenbräu-Archivs, ein spektakulärer Bestand mit großer Symbolkraft für München. 1994 wurde daraus schließlich offiziell das Bayerische Wirtschaftsarchiv als Gemeinschaftseinrichtung aller bayerischen Industrie- und Handelskammern. Bis heute, erläuterte Müller, ist genau das der entscheidende Rahmen: Das Archiv wird im Wesentlichen von den bayerischen IHKs finanziert und versteht sich als Einrichtung der wirtschaftlichen Selbstverwaltung. Staatliche oder kommunale Zuschüsse erhält es nicht. Gerade darin liegt seine Besonderheit, aber auch seine Fragilität, denn ein regionales Wirtschaftsarchiv ist rechtlich keineswegs zwingend vorgesehen.

Anders als öffentliche Archive kann das Bayerische Wirtschaftsarchiv nicht auf eine gesetzliche Ablieferungspflicht bauen. Unternehmen sind, abgesehen von bestimmten steuerrechtlichen Aufbewahrungsfristen, nicht verpflichtet, ihre Unterlagen dauerhaft archivieren zu lassen. Deshalb funktioniert Wirtschaftsarchivwesen in gewisser Weise umgekehrt: Das Archiv wartet nicht auf Akten, sondern geht aktiv auf Unternehmen zu. Gesucht werden traditionsreiche Firmen, bedeutende Arbeitgeber, branchentypische Betriebe oder wirtschaftshistorisch besonders interessante Sonderfälle. Dabei ist oft viel Überzeugungsarbeit nötig, denn viele Unternehmen wissen selbst nicht genau, was sich noch in Kellern, Dachböden oder alten Aktenschränken befindet. Vor allem aber braucht es Vertrauen. Müller schilderte eindrucksvoll, wie lang dieser Weg sein kann: Die längste Übernahme seiner Laufbahn dauerte vom ersten Kontakt bis zur tatsächlichen Abgabe ganze 17 Jahre. Das Archiv der Firma Conradi, ursprünglich eine Bleistiftfabrik, später Hersteller hitzebeständiger Kohlenstoffprodukte, konnte erst nach dem Tod des Eigentümers übernommen werden. Solche Geschichten zeigen, dass Archivarbeit nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch Geduld, Fingerspitzengefühl und strategisches Denken verlangt.

Die Bestände des Bayerischen Wirtschaftsarchivs sind daher oft fragmentarisch. Häufig handelt es sich nicht um vollständig erhaltene Firmenüberlieferungen, sondern um ausgewählte Dokumente, die sich retten ließen. Das gilt auch für prominente Bestände wie das Krauss-Maffei-Archiv. Dieses kam aus einer konkreten Gefährdungslage heraus ins Archiv, als die Zukunft des Unternehmens unsicher war und man wichtige Unterlagen und historische Objekte in Sicherheit bringen wollte. Doch auch hier handelt es sich nicht um eine geschlossene Unternehmensüberlieferung, sondern um eine über Jahre von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zusammengestellte Sammlung. Gerade solche Beispiele machen deutlich, dass Wirtschaftsarchive oft das bewahren, was andernfalls unwiederbringlich verloren wäre.

Bei der Auswahl der Unterlagen geht das Archiv mit großer Sorgfalt vor. Da Platz, Personal und Ressourcen begrenzt sind, kann nicht einfach alles übernommen werden. Ziel ist vielmehr, mit möglichst wenig Material möglichst viel wirtschaftshistorische Aussagekraft zu sichern. Besonders wichtig sind serielle Überlieferungen wie Jahresabschlüsse, Prüfberichte, Gesellschafterprotokolle, Werbemittel oder Produktinformationen, also Dokumente, aus denen sich Entwicklung, Struktur und Selbstverständnis eines Unternehmens nachvollziehen lassen. Gleichzeitig wird bewertet und reduziert: Nicht jede technische Detailzeichnung oder jede Einzelschraube eines Maschinenplans kann archiviert werden. Es geht darum, die wesentlichen Linien der Unternehmensgeschichte zu bewahren, ohne die Bestände unüberschaubar werden zu lassen.

Auch thematisch versucht das Archiv, die bayerische Wirtschaft in ihrer Breite abzubilden. Dabei spielen regionale und branchenspezifische Schwerpunkte eine große Rolle. In Oberfranken etwa sind Textilindustrie oder Spielwarenhersteller besonders relevant, in München Brauereien oder traditionsreiche Industriebetriebe. Zugleich wird darauf geachtet, Lücken in den Beständen gezielt zu schließen. Was bereits gut dokumentiert ist, muss nicht in derselben Dichte ein weiteres Mal gesammelt werden; dafür rücken andere Branchen oder Regionen stärker in den Fokus. So entsteht nach und nach ein facettenreiches Bild der bayerischen Wirtschaftsgeschichte.

Ein eigenes Kapitel ist die Zeit des Nationalsozialismus. Müller betonte, dass es in den Beständen des Bayerischen Wirtschaftsarchivs zwar durchaus kriegsbedingte Verluste gebe, etwa durch Bombenangriffe oder Zerstörungen wie in Bayreuth oder Würzburg, auffällige bewusste Säuberungslücken aber bislang kaum erkennbar seien. Zugleich verwies er darauf, dass die NS-Vergangenheit der großen Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten vielfach wissenschaftlich aufgearbeitet worden sei, nicht zuletzt im Zuge der Debatten um Zwangsarbeit und Entschädigung. Das habe auch das Wirtschaftsarchivwesen professionalisiert. Heute verschiebt sich das Interesse stärker hin zur Erforschung individueller Schicksale, etwa jüdischer Unternehmerfamilien oder arisierter Betriebe. Gerade hier können archivalische Splitter, einzelne Akten oder beschädigte Geschäftsbücher, die noch Brandspuren tragen, eine enorme historische Aussagekraft entfalten.

Ein zentrales Zukunftsthema ist die Digitalisierung. Dr. Müller machte dabei sehr deutlich, dass digitale Archivierung eine der größten Herausforderungen für Archive überhaupt darstellt. Einzelne digitale Unterlagen wie Fotosammlungen, Werbematerialien oder Gesellschafterprotokolle kann das Bayerische Wirtschaftsarchiv bereits übernehmen und systematisch erfassen. Schwieriger wird es jedoch bei komplexen digitalen Dokumentenmanagementsystemen, Datenbanken oder ganzen IT-Strukturen von Unternehmen, für deren dauerhafte Übernahme bislang oft die technischen Voraussetzungen fehlen. Hinzu kommen Fragen der Kompatibilität, der Datensicherheit und der langfristigen Lesbarkeit von Formaten. Auch die Erwartung, Archivgut umfassend im Internet verfügbar zu machen, sieht Müller kritisch. Zum einen sind viele Bestände Eigentum der Unternehmen, zum anderen wächst mit Künstlicher Intelligenz die Sorge vor Manipulation und Entstellung digitaler Quellen. Gerade deshalb, so sein zugespitztes Argument, gewinnen die Originale in Papierform eher wieder an Bedeutung. Digitalisiert wird dennoch, allerdings vor allem aus konservatorischen Gründen oder zur internen Nutzung. Ein möglicher nächster Schritt könnte ein geschützter digitaler Lesesaal sein, in dem Nutzer zeitlich begrenzten Zugriff auf ausgewählte Digitalisate erhalten. Eine vollständige Online-Stellung ganzer Archivbestände hält das Bayerische Wirtschaftsarchiv dagegen weder für realistisch noch für verantwortbar.

Neben der reinen Bewahrung historischer Quellen versteht sich das Archiv zunehmend auch als Dienstleister und Vermittler. Anfragen von Journalisten, Forschern oder Studierenden sind ausdrücklich willkommen und können unkompliziert per E-Mail gestellt werden. In den meisten Fällen, so betonten die Mitarbeiter, könne man weiterhelfen oder zumindest an andere Archive verweisen. Auch die Öffentlichkeitsarbeit wurde in den vergangenen Jahren ausgebaut, etwa über LinkedIn, Newsletter, Beiträge in IHK-Medien, Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Münchner Museen oder den Tag der Archive. So wird deutlich, dass das Bayerische Wirtschaftsarchiv kein abgeschlossener Ort für Spezialisten sein will, sondern ein offenes Haus, das Wirtschaftsgeschichte für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich macht.

Der Besuch des PresseClub München machte damit anschaulich, wie vielschichtig die Arbeit eines Wirtschaftsarchivs ist. Es geht um historische Forschung, um Rettung gefährdeter Quellen, um Vertrauen im Umgang mit Unternehmen und um die Frage, wie die Überlieferung der Wirtschaft in einer digitalen Welt gesichert werden kann. Vor allem aber wurde deutlich, dass das Bayerische Wirtschaftsarchiv mit seinem kleinen Team eine große Aufgabe erfüllt: Es bewahrt jene Spuren der Wirtschaft, ohne die sich die Geschichte Bayerns nicht vollständig erzählen ließe.

Wenn die fahrerlose U-Bahn wie ein Wunder wirkt

18. April 2026

Wenn ich in Nürnberg bin, kommt wieder das Kind in mir hervor. Ich freue mich riesig, wenn ich mich in der U-Bahn ganz vorne an die Scheibe stellen kann. Denn Nürnberg hat eine fahrerlose U-Bahn und ich ergötze mich an der Fahrt durch die Tunnel.

Als gescheiterter Verkehrsgeograf habe ich neben der Faszination noch einen eher wissenschaftlicheren Blick auf das Verkehrsmittel. Die fahrerlose U-Bahn-Linie U3 in Nürnberg ist weit mehr als nur eine weitere Nahverkehrslinie. Sie steht für einen tiefen Wandel im städtischen Verkehr, für technischen Mut und für den Versuch, eine wachsende Stadt mit modernen Mitteln beweglich zu halten. Als die U3 am 14. Juni 2008 in Betrieb ging, war sie die erste vollautomatische U-Bahn Deutschlands. Das war damals nicht nur ein regionales Ereignis, sondern ein verkehrspolitisches Signal weit über Franken hinaus. Nürnberg zeigte damit, dass öffentlicher Nahverkehr nicht zwangsläufig an herkömmliche Betriebsformen gebunden sein muss, sondern auch mit digitalen und automatisierten Systemen leistungsfähiger werden kann. Der Schritt zur fahrerlosen Bahn war dabei keine Spielerei und auch kein Prestigeprojekt ohne praktischen Nutzen, sondern eine konkrete Antwort auf ein betriebliches Problem: Die neue U3 sollte sich im Innenstadtbereich einen Abschnitt mit der bereits bestehenden U2 teilen. Damit beide Linien auf derselben Strecke mit hoher Dichte fahren konnten, ohne dass der Betrieb der U2 eingeschränkt werden musste, entschied man sich für die Automatisierung. Genau darin lag der eigentliche historische Kern des Projekts. Die Technik war also nicht Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, den Netzausbau überhaupt sinnvoll zu realisieren. 

So kam es
Die Geschichte der U3 ist deshalb eng mit dem größeren Umbau des Nürnberger U-Bahn-Systems verbunden. Nürnberg hatte zwar schon seit 1972 eine U-Bahn, doch mit der U3 begann ein neues Kapitel. Die Automatisierung wurde im Projekt „RUBIN“ vorbereitet, also der Realisierung einer automatisierten U-Bahn in Nürnberg. Dabei mussten Fahrzeuge, Stellwerke, Strecke und Leittechnik miteinander vernetzt werden. Hinzu kam, dass Nürnberg damals Neuland betrat: Die Umstellung geschah nicht auf einem abgeschotteten Testnetz, sondern im laufenden Betrieb. Gerade diese Besonderheit machte die Nürnberger Lösung international interessant. Die vorhandene U2 lief weiter, während parallel die Grundlagen für den automatischen Betrieb geschaffen wurden. Die Stadt und die VAG gingen damit bewusst ein technisches Risiko ein, das sich aus heutiger Sicht ausgezahlt hat. Nürnberg wurde zu einem der bekanntesten Beispiele dafür, dass Automatisierung im öffentlichen Verkehr nicht nur theoretisch funktioniert, sondern im Alltag über viele Jahre stabil laufen kann.

Ich hatte gehofft, dass dieses erfolgreiche Projekt auch auf andere bayerische Städte wie München übertragen wird, aber davon ist nichts geschehen. Daher bleibt Nürnberg für mich ein Leuchtturmprojekt.

Erweiterung
Auch der frühe Verlauf der U3 zeigt, wie stark die Linie mit Stadtentwicklung verbunden ist. Bei ihrer Inbetriebnahme bediente sie neun Bahnhöfe von Gustav-Adolf-Straße bis Maxfeld. Später wurde sie schrittweise erweitert. Im Norden kamen weitere Stationen hinzu, im Süden wurde im Oktober 2020 Großreuth bei Schweinau eröffnet. Die Linie ist also nicht als starres Projekt entstanden, sondern als wachsendes Rückgrat für neue Verbindungen zwischen Wohngebieten, Arbeitsorten und der Innenstadt. Die Zukunft ist ebenfalls schon sichtbar: Die Verlängerung bis Gebersdorf ist im Bau, mit den neuen Bahnhöfen Kleinreuth bei Schweinau und Gebersdorf. Nach aktuellem Stand soll die neue, rund 2,1 Kilometer lange Strecke Ende 2027 in Betrieb gehen. Im Endausbau wird die U3 dann 16 Bahnhöfe und einschließlich der Wendeanlagen eine Gesamtlänge von 11,9 Kilometern haben. Damit bleibt die U3 ein Projekt, das nicht abgeschlossen ist, sondern weiter wächst.

Normalität
Besonders spannend ist an der Nürnberger U3 die Erfahrung, wie schnell sich eine zunächst ungewohnte Technik normalisiert. In den Anfangsjahren war der Blick durch die große Frontscheibe für viele Fahrgäste fast die eigentliche Sensation. Dass vorne niemand sitzt, dass der Zug scheinbar von selbst anfährt, bremst und die Türen freigibt, wirkte für viele zuerst futuristisch und auf manche auch leicht befremdlich. Inzwischen ist genau das längst Alltag. Die Automatik ist aus der Perspektive vieler Fahrgäste kaum noch ein Thema. Das ist vielleicht der größte Beweis für ihren Erfolg: Was früher Erstaunen auslöste, wird heute als selbstverständlich wahrgenommen. Gerade darin zeigt sich, wie tief technische Innovation in den Alltag einsickern kann. Sie verschwindet gewissermaßen aus dem Bewusstsein, weil sie zuverlässig funktioniert. Die VAG selbst verweist darauf, dass U2 und U3 seit Jahren mit einer Pünktlichkeitsquote von über 98 Prozent unterwegs sind. Solche Zahlen sind für die Wahrnehmung entscheidend, denn Fahrgäste beurteilen Innovation am Ende nicht nach Schlagworten, sondern danach, ob der Zug kommt, ob er regelmäßig fährt und ob der Alltag einfacher wird.

Taktdichte
Die betrieblichen Erfahrungen mit der fahrerlosen U-Bahn sind deshalb insgesamt positiv. Ein großer Vorteil liegt in der höheren Taktdichte. Die automatische Steuerung ermöglicht auf dem gemeinsamen Abschnitt von U2 und U3 sehr kurze Zugfolgen von bis zu 100 Sekunden. Für Fahrgäste bedeutet das vor allem kürzere Wartezeiten und eine gleichmäßigere Bedienung. Hinzu kommt, dass automatisierte Systeme präziser beschleunigen und bremsen können, was den Energieverbrauch senken und den Betrieb besser planbar machen soll. Auch die Leitstelle spielt eine zentrale Rolle: Die Züge fahren zwar ohne Fahrer im klassischen Sinn, aber keineswegs ohne Kontrolle. Vielmehr überwachen Mitarbeiter den Betrieb zentral, können eingreifen, Züge anhalten, Türen freigeben oder Hilfe veranlassen. Die fahrerlose U-Bahn ist also nicht führungslos, sondern anders organisiert. Der Mensch verschwindet nicht aus dem System, sondern seine Rolle verschiebt sich vom unmittelbaren Fahren hin zur Überwachung, Steuerung und Sicherung des Gesamtablaufs. Das ist eine interessante Entwicklung, die auch für andere Wirtschaftsbereiche gilt.

Vertrauen
Zu den Erfahrungen gehört allerdings auch, dass technischer Fortschritt immer Vertrauen verlangt. Eine fahrerlose U-Bahn muss sich ihre Akzeptanz im Alltag erst verdienen. Das gelingt nicht durch Werbung allein, sondern nur durch jahrelange Zuverlässigkeit. In Nürnberg scheint genau das passiert zu sein. Der anfängliche Reiz des Ungewohnten ist einer nüchternen Alltagserfahrung gewichen: Die Bahn fährt, sie ist schnell, und sie verbindet wichtige Stadtteile. Gerade weil der Betrieb heute so unspektakulär wirkt, erscheint die ursprüngliche Leistung fast noch größer. Was 2008 wie Zukunft aussah, ist 2026 längst Teil der urbanen Normalität geworden. Man könnte sagen: Die U3 hat ihre Modernität gerade dadurch bewiesen, dass sie nicht mehr ständig als modern auffällt.

Für Nürnberg selbst hat die U3 auch eine symbolische Bedeutung. Die Stadt verweist gern darauf, dass hier schon mit der ersten deutschen Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth Verkehrsgeschichte geschrieben wurde. Die automatische U-Bahn knüpft an dieses Selbstbild als Ort technischer Mobilitätsinnovation an. Gleichzeitig ist die U3 aber kein Museum der Zukunft, sondern ein Infrastrukturprojekt mit sehr konkreten Folgen für den Alltag. Jede Verlängerung verändert Wegebeziehungen, erschließt neue Wohngebiete und macht das Auto in bestimmten Situationen entbehrlicher. Gerade die geplante Verlängerung bis Gebersdorf zeigt, wie eng U-Bahn-Ausbau und Stadtentwicklung zusammengedacht werden. Die neue Strecke soll nicht nur bestehende Stadtteile besser anbinden, sondern auch das entstehende Quartier „Tiefes Feld“ erschließen. Damit wird die U3 zu einem Instrument, mit dem Nürnberg sein Wachstum städtebaulich und verkehrlich ordnen will. 

Der Blick in die Zukunft der U3 fällt deshalb insgesamt optimistisch aus. Die Linie wird weitergebaut, und die Automatisierung ist längst kein Experiment mehr, sondern ein bewährtes Betriebskonzept. Die Zukunft liegt weniger in der bloßen Frage, ob fahrerlose U-Bahnen funktionieren, denn diese Frage hat Nürnberg praktisch beantwortet. Wichtiger ist inzwischen, wie sich das System weiter verfeinern lässt: durch bessere Energieeffizienz, noch flexiblere Taktanpassungen und eine enge Verzahnung mit Stadtentwicklung und anderen Verkehrsmitteln. Genau darauf verweist die VAG auch selbst, wenn sie heute die Optimierung des Energieverbrauchs als ein aktuelles Entwicklungsfeld nennt. Die U3 steht damit nicht nur für einen technischen Durchbruch der Vergangenheit, sondern auch für eine kommende Phase der Feinsteuerung, in der Automatisierung noch stärker unter den Gesichtspunkten Nachhaltigkeit, Effizienz und Kapazität weiterentwickelt wird. 

Stadtgeschichte
Unterm Strich ist die Nürnberger U3 ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie aus einer verkehrstechnischen Notwendigkeit ein Stück Stadtgeschichte werden kann. Sie begann als kühne, für manche sogar gewagte Innovation, sammelte über Jahre Alltagserfahrung und ist heute eine selbstverständliche Säule des Nürnberger Nahverkehrs. Ihre Geschichte erzählt von Planung, Technik und politischem Willen. Ihre bisherigen Erfahrungen sprechen für hohe Zuverlässigkeit und breite Akzeptanz. Und ihre Zukunft liegt nicht nur in weiteren Tunnelmetern bis Gebersdorf, sondern in der Idee, dass moderner Nahverkehr intelligent, dicht getaktet und im besten Sinn unspektakulär funktionieren soll. Genau das ist vielleicht die größte Leistung der fahrerlosen U3: Sie hat aus Zukunft Alltag gemacht.

Ein Abend für Herz, Gaumen und Seele: Große Weine, große Geschichten im Gasthof Heinzinger

17. April 2026

Wenn Denis Michael Kleinknecht vom Gasthof Heinzinger in Rottbach zu Wine & Dine einlädt, dann muss man schnell sein. Und wenn sich ein Weingut wie das Weinhaus Künstler in Hochheim am Main angesagt hat, gilt es um so mehr. Das Weinhaus beziehungsweise genauer das Weingut Künstler in Hochheim am Main gehört zu den profiliertesten Erzeugern des Rheingaus und verbindet auf bemerkenswerte Weise eine bewegte Familiengeschichte mit einem sehr klaren Qualitätsanspruch.


Gregor Breuer vom Weingut berichtet charmant und kompetent über das Weingut, die lange Geschichte und die berühmten Weine des Hauses, die es dann zum Verkosten gab. Dazu ein hervorragendes Menü von Denis Michael Kleinknecht und seinem Team.
Die Wurzeln des Weingutes reichen weit über Hochheim hinaus zurück: Die Familie Künstler betreibt nach eigenen Angaben seit 1648 Weinbau, ursprünglich in Untertannowitz in Südmähren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie enteignet und aus ihrer Heimat vertrieben; Franz Künstler gründete das Gut dann 1965 in Hochheim am Main neu. Aus dieser Zäsur erklärt sich ein Teil der besonderen Aura des Hauses: Künstler ist nicht einfach nur ein traditionsreiches Weingut, sondern ein Betrieb, dessen heutige Identität aus Verlust, Neuanfang und dem entschlossenen Wiederaufbau einer über Jahrhunderte gewachsenen Weinbautradition entstanden ist.

Spitzenlagen
Heute steht das Weingut für eine stilistisch sehr präzise, herkunftsbetonte Interpretation des Rheingaus. Es ist Mitglied im VDP und gehört diesem Verband seit 1994 an; laut VDP sind über 70 Prozent der Flächen als VDP.GROSSE LAGE klassifiziert. Das ist ein deutliches Signal dafür, wie stark das Haus über seine Spitzenlagen definiert ist. Sitz des Guts ist am Geheimrat-Hummel-Platz in Hochheim, also mitten in jenem Ort, der historisch zu den berühmtesten Weinbauadressen Deutschlands zählt. Künstler profitiert dabei von der besonderen Stellung Hochheims zwischen Main und Rhein, von den warmen, gut exponierten Hängen und von Böden, die den Weinen gleichermaßen Kraft, Reife und Struktur verleihen.

Riesling im Mittelpunkt
Im Mittelpunkt des Sortiments steht ganz klar der Riesling, die große Leitsorte des Rheingaus und auch bei Künstler der entscheidende Maßstab des Könnens. Daneben spielt Spätburgunder eine wichtige Rolle, vor allem dort, wo das Gut in Assmannshausen über Rotweinparzellen verfügt. Die hauseigene Klassifikation folgt der VDP-Logik aus Gutswein, Ortswein, Erster Lage und Großer Lage. Schon auf der offiziellen Weineseite macht Künstler deutlich, dass bei den VDP.Ortsweinen vor allem Riesling und Spätburgunder als regionstypische Rebsorten im Zentrum stehen; in den höchsten Herkunftsstufen, den Großen Lagen, sind im Rheingau ebenfalls nur diese beiden Sorten zugelassen. Damit zeigt sich sehr schön, wie konsequent das Gut nicht auf modische Vielfalt, sondern auf die pointierte Ausarbeitung weniger, dafür umso aussagekräftigerer Rebsorten setzt.

Besonders berühmt ist Künstler für seine Hochheimer Rieslinge. Die Lage Hochheimer Hölle zählt zu den bekanntesten Weinbergen des Hauses. Der Name hat, wie das Weingut eigens erläutert, nichts mit dem Fegefeuer zu tun, sondern leitet sich von einem alten Wort für Hang oder Halde ab. Die südlich ausgerichteten Rebhänge ziehen auf den Main zu; auf schwerem Tonboden entstehen dort nach Beschreibung des Guts „kraftstrotzende, monumentale, fast zeitlose Weine“. Das ist eine ziemlich treffende Kurzcharakteristik für den Stil vieler Künstler-Rieslinge überhaupt: Sie sind oft nicht primär filigran oder spielerisch gedacht, sondern verbinden Substanz, Dichte und Reifepotenzial mit einer klaren, tragenden Säure. Der Hölle Riesling GG 2022 wird etwa als trockener Wein aus VDP.GROSSE LAGE geführt; ein jüngerer Wein aus derselben Lage, der Hochheimer Hölle „Im Neuenberg“ Riesling trocken 2024, wird mit Aromen von gelbem Apfel, Birne und Zitronenschale sowie einer dichten, konzentrierten Art beschrieben. Das unterstreicht, dass Künstler auch in den trockenen Weinen gerne Kraft und Präzision zusammenführt. 

Eine weitere Schlüsselrolle spielt der Hochheimer Stielweg, eine Lage, die zu hundert Prozent mit Riesling bestockt ist und in der Künstler laut eigener Darstellung allein 4,7 Hektar besitzt. Die dortigen, teils über 50 Jahre alten Reben bringen Weine hervor, die von schwerem lehmig-tonigem Boden geprägt sind und zugleich eine bemerkenswerte Kombination aus Fruchtfülle und feinnerviger Eleganz zeigen sollen. Diese Beschreibung ist charakteristisch für den Reiz des Hauses: Künstler-Weine wollen nicht nur druckvoll und langlebig sein, sie sollen trotz ihrer Dichte auch Noblesse und Differenzierung besitzen. Gerade darin liegt ein Grund, warum das Gut sowohl bei klassischen Riesling-Liebhabern als auch bei Sammlern einen so guten Ruf genießt. 

Hinzu kommen weitere Hochheimer Lagen wie Kirchenstück und Stein, die jeweils andere Nuancen hervorbringen. Im Kirchenstück beschreibt das Weingut einen eher leichteren, säurebetonten Riesling mit mineralischer Aromatik sowie Noten von Honigmelone, Aprikose und Pfirsich. Der Stein wiederum steht für feingliedrige, zarte Weine mit moderater Säure und delikater Frucht. Schon diese Gegenüberstellung zeigt, dass Künstler den Begriff Herkunft sehr ernst nimmt: Nicht ein einheitlicher „Hausstil“ überdeckt die Unterschiede der Parzellen, sondern die jeweiligen Böden und Expositionen sollen erkennbar bleiben. Das macht die Kollektion für Weintrinker besonders spannend, die innerhalb eines einzigen Ortes unterschiedliche Terroir-Ausprägungen vergleichen möchten. 

So wichtig der Riesling für Hochheim ist, so interessant ist bei Künstler auch die rotweinbezogene Seite des Sortiments. Das Gut besitzt Flächen im Assmannshäuser Höllenberg, einer der berühmtesten deutschen Rotweinlagen überhaupt. Dort gedeiht fast ausschließlich Spätburgunder; das Weingut selbst spricht von einer „Rotweininsel“ und betont die besondere Bedeutung des Höllenbergs für den Rheingauer Rotweinbau. Der Höllenberg Spätburgunder GG 2020 wird als mineralisch, feingliedrig und von kühler Eleganz getragen beschrieben, mit Aromen von Kirsche, Brombeere, Wacholder und getrockneten Kräutern sowie markanten Tanninen. Der Ausbau erfolgt zumindest bei diesem Wein teilweise im Barrique, was erkennen lässt, dass Künstler beim Spätburgunder nicht bloß ein Nebenprogramm betreibt, sondern sehr ernsthaft versucht, auch im Rotweinbereich Herkunft und Struktur herauszuarbeiten. 

Charakteristisch für das Weingut ist außerdem die Bandbreite über die Prädikatsstufen hinweg. Künstler steht nicht nur für trockene Spitzenrieslinge, sondern auch für restsüße und edelsüße Weine. Das zeigt etwa die im Sortiment nachweisbare Hochheimer Hölle Trockenbeerenauslese 2015. Damit bleibt das Gut einer Rheingauer Tradition treu, nach der große Rieslinghäuser ihr Können gerade nicht auf nur einen Geschmackstyp reduzieren, sondern trockene, feinherbe, fruchtige und edelsüße Weine als Ausdruck derselben Herkunft verstehen. Diese stilistische Breite gehört zum klassischen Selbstverständnis großer deutscher Rieslingbetriebe und ist bei Künstler deutlich erkennbar. 

Der Ruf des Hauses gründet sich längst nicht mehr nur auf Tradition, sondern auch auf internationale Anerkennung. So verweist das Weingut selbst darauf, dass der 2023er Hölle Riesling Großes Gewächs Anfang 2025 von James Suckling mit 100 Punkten bewertet wurde. Solche Bewertungen sind natürlich nicht der einzige Maßstab für Qualität, zeigen aber, wie stark Künstler heute auch außerhalb Deutschlands wahrgenommen wird. Ebenfalls publizierte das Weingut eine Falstaff-Bewertung von 94 Punkten für den 2022er Höllenberg Spätburgunder GG. Diese Auszeichnungen passen zu dem Bild eines Hauses, das sowohl im Weißwein- als auch im Rotweinsegment hohe Ansprüche erfüllt und den Namen Hochheim weit über die Region hinaus sichtbar macht. 

Gerade im historischen Zusammenhang ist das besonders bemerkenswert. Hochheim war im 19. Jahrhundert ein geradezu legendärer Weinort; der Name „Hock“ wurde im englischsprachigen Raum zeitweise fast zum Synonym für Rheinwein. Das Weingut Künstler knüpft an diese große Vergangenheit an, ohne in bloßer Nostalgie zu verharren. Vielmehr verbindet es eine klassisch geprägte Vorstellung von Herkunft und Lagerfähigkeit mit moderner Präzision im Ausbau. Auf der Website beschreibt das Gut seine Weine als „Geschmacksbilder“ und als hochwertige Unikate. Hinter dieser Formulierung steht der Anspruch, den Charakter eines Jahrgangs und einer Lage nicht zu glätten, sondern möglichst genau herauszuarbeiten. 

So lässt sich das Weingut Künstler insgesamt als ein Haus verstehen, das im Rheingau tief verwurzelt ist und zugleich eine außergewöhnliche Familienbiografie mitbringt. Die Geschichte von der südmährischen Herkunft über Flucht und Neugründung in Hochheim bis zur heutigen internationalen Spitzenstellung verleiht dem Betrieb ein besonderes Profil. In den Weinen spiegelt sich das in einer Verbindung aus Ernsthaftigkeit, Herkunftstreue und Qualitätsbewusstsein: Die Hochheimer Rieslinge stehen oft für Kraft, Tiefe und Reifepotenzial, während die Assmannshäuser Spätburgunder die kühlere, mineralischere Seite des Rheingaus zeigen. Gerade diese Mischung aus historischer Tiefe, klarer Stilistik und großem Respekt vor den Lagen macht Künstler zu einem der interessantesten Weingüter am Main und im gesamten Rheingau. 

Das Menü des Abends mit den entsprechenden Weinen:

Amuse Bouche
2018 Hochheimer Stein Riesling Sekt
extra brut

Rauchforelle | Creme Fraîche | Boskop | Kren
2024 Chardonnay, Kalkstein‘ trocken

Spargel | Hanf | Spargelcreme
2025 Sauvignon Blanc , Kalkstein‘ trocken

Garnele Sepia | Kerbel | Erbse
2023 Hochheimer Domdechaney Riesling

Bärlauchknöpfle | Eigelb | Ziegenkäse
2018 Hochheimer Kirchenstück ,GG

Kalbstafelspitz | Haselnuss | Grüner Spargel |
Rotweinschalotte
2023 Hochheimer Stein Spätburgunder
trocken

Topfen | Rhabarber | Schokolade
2021 Rüdesheimer Berg Rottland Riesling
Auslese

Buchtipp: The Making of Pink Floyd: The Wall

16. April 2026

Auch wenn sich Roger Waters nicht zu seinem Vorteil entwickelt hat, mag ich seine alte und neue Musik. Ich gebe zu, ich bevorzuge seine Phase bei Pink Floyd sehr und höre jetzt wieder verstärkt die Musik des Doppelalbums The Wall. Dabei lese ich das Buch the Making of Pink Floyd The Wall von Gerald Scarfe.

Ich hatte noch die deutsche Ausgabe des Buches im Archiv, das 2011 bei Edel erschienen ist. The Wall ist mehr als nur ein für mich geniales Album. Es ist auch der grandiose Kinofilm von Alan Parker, das noch grandiosere Konzertereignis – The Wall ist ein Gesamtkunstwerk. Und natürlich ist nicht alles auf dem Mist von Roger Waters gewachsen. Er hat Künstler wie Gerald Scarfe an seiner Seite, die seine Visionen der Isolation eindrucksvoll visualisieren konnten. Gerald Scarfe war ein guter Kumpel von Nick Mason, David Gilmour und natürlich auch von Waters. Und eben dieser Gerald Scarfe zeichnet in seinem Buch die visuelle Entstehungsgeschickte von The Wall in all seinen Phasen nach. Für Pink Floyd-Fans ist das Buch ein Leckerbissen, ein wunderbares Coffee table-Buch zum Angeben und Genießen.

Der Text ist gut und flüssig zu lesen. Die Aufmachung ist einfach klasse. Der weiße Schriftzug ist mit dicker Farbe gedruckt, so als sei der Meister selbst mit Deckfarbe über den Schutzumschlag gegangen. Die Erzählungen des Autors, die immer konzentriert am Thema bleiben und informativ dicht und damit kurzweilig zu lesen sind, werden von Kommentaren ergänzt, die die Macher von The Wall bei der Durchsicht des Buchentwurfs gemacht haben. Die Abbildungen sind hochwertig, sowohl von den Fotographien her, als auch durch den Abdruck der Unmengen von Zeichnungen. Auch die Überschriften der einzelnen Kapitel sind in der Gerald Scarfe’schen Schrift in deutsch übernommen worden. Wer sich für die internen Querelen der Band interessiert, die mit The Wall an allen Ecken und Enden aufflammten, erfährt hier fast mehr als in Nick Masons „Inside Out“. Allerdings wird auch hier vermieden, detailierter darauf einzugehen. Es geht halt um The Wall, den Versuch, die Pink Floyd Musik filmisch zu ergänzen.

Das Buch beginnt schon Mitte der 1970iger Jahre(!), weil da Gerald Scarfe bereits begann für Pink Floyd zu arbeiten. Es gibt interessante Statemants zum Trickfilm und den Schwierigkeiten den Trickfilm von der „Disney-Putzigkeit“ zu etablieren. Insofern kann ich mir vorstellen, dass das Buch auch für jene interessant sein könnte, die mit Pink Floyd selbst gar nicht so viel am Hut haben.
Umfassend wird die Entstehunggeschichte der Show und des (Kino-)Films beschrieben. Das Buch erzählt die Wall-Geschichte einschließlich der Wiederaufführung durch Roger Waters 2010/2011.

Gerald Scarfes Buch kann auch für jene interessant sein, die selber mit Tinte und Farbe zu Werke gehen. Allein seine Art zu zeichen, mit diesesr rasenden Strichführung, hat mich begeistert. Darüber hinaus werden auch die Umsetzungen der Zeichnungen in die Filme, als auch die Konstruktion der riesigen Bühnenpuppen beschrieben. Bilder, wo sie bemalt werden, sind genauso dabei, wie Fotos von Pappmodellen der Filmkulissen.
Die Zeichnungen sind fantastisch (im Sinne von eine schier tobenden Fantasie) sie sind irre (im Sinne seiner zeichnerischen Qualitäten, aber auch im Sinne dessen, was sie darstellen.) Manchmal wird es eklig, bleibt aber immer genial…

Ich bin begeistert. Sowohl als Pink Floyd Fan als auch als Liebhaber schön gemachter Bücher. Als Kunstinteressierter ebenso wie jemand, der es faszinierend findet, wie andere ihren Weg gehen und ihre Ideen umzusetzen vermögen.

Es war immer schwer, wirklich brauchbare Informationen über Gerald Scarfe und seine Arbeiten an „The Wall“ zu finden. Dieses Buch ist für Interessierte an Scarfe’s Anteil an dem Erfolg von „The Wall“ ein Quell ewiger Freude. Wirklich dick und randvoll mit Zeug. Für mich gehört das Buch in das Regal von jedem Pink Floyd Fan.