Ich bin ein konsequenter Nutzer von Bussen und Bahnen und ich kommentiere die derzeitige Debatte aus Sicht eines Fahrgastes: Ein Zugbegleiter wird bei der Fahrscheinkontrolle totgeprügelt, die Bahn reagiert mit mehr Schutz für ihre Leute – und der erste Impuls mancher ist: „Aber der Datenschutz!“
Wenn die Deutsche Bahn sagt: Alle Beschäftigten mit Kundenkontakt bekommen auf freiwilliger Basis eine Bodycam und einen Notfallknopf, weil Übergriffe zunehmen und einer von ihnen gerade gestorben ist, dann ist das kein autoritärer Panikreflex, sondern eine längst überfällige Verteidigung elementarer körperlicher Unversehrtheit. Wer da reflexhaft Grundrechtsapokalypse ruft, ohne auch nur einen Gedanken an das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit der Beschäftigten zu verschwenden, hat die Debatte bereits moralisch verloren.
Ja, Bodycams sind ein Eingriff in Persönlichkeitsrechte, das ist unbestritten, und deswegen gibt es klare Forderungen: anlassbezogene Aufzeichnung, so wenig Daten wie möglich, klare Löschfristen, Kennzeichnung, dass gefilmt wird. Aber diese Abwägung findet ja längst statt – die Datenschutzbeauftragten sagen ausdrücklich, Schutz von Leib und Leben ist ein hohes Rechtsgut, nur müsse der Einsatz geregelt werden, nicht verhindert. Das ist etwas völlig anderes als das hysterische „Überwachungsstaat!“-Geschrei, das jede konkrete Schutzmaßnahme für Beschäftigte sofort moralisch delegitimieren will. Ehrlich gesagt: Was ist das für ein Land, in dem manche offenbar lieber das theoretische Recht haben wollen, unerkannt andere Menschen anzupöbeln, anzuspucken oder zusammenzuschlagen, als praktische Maßnahmen zu akzeptieren, die genau diese Gewalt dokumentieren und abschrecken sollen? Wer wirklich etwas gegen eine „lückenlose Videoüberwachung der Bevölkerung“ hat, sollte gegen Vorratsdatenspeicherung, Massenüberwachung und datenhungrige Konzerne kämpfen – nicht gegen eine Zugbegleiterin, die nach einem tödlichen Angriff eine freiwillige Kamera trägt, um nach Feierabend lebend nach Hause zu kommen. Ihr habt doch einen Vogel,
Die Facebook-Seite „Filmreport“, die seit dem 17. November 2015 besteht, geht in neue redaktionelle Hände über. Künftig liegt die Verantwortung bei dem Journalisten Matthias J. Lange, der die Seite weiterführen und mit neuen inhaltlichen Konzepten ausbauen wird.
Gegründet wurde „Filmreport“ von Markus Elfert, der die Seite über viele Jahre hinweg mit großem persönlichem Engagement aufgebaut, kontinuierlich gepflegt und erfolgreich etabliert hat. Mit seinem Einsatz, seiner Leidenschaft für Film und seinem Gespür für Themen hat er den „Filmreport“ zu einer festen Größe für Filminteressierte gemacht. „Markus Elfert ist eine feste Größe in der Filmberichterstattung und es war eine große Ehre mit ihm über Jahre hinweg zusammenzuarbeiten“, erklärt Matthias J. Lange. Er führe die Seite seit über vier Monaten kommissarisch.
Dem Gründer Markus Elfert gilt ein besonderer und herzlicher Dank. Sein unermüdlicher Einsatz, seine Kreativität und seine Begeisterung haben die Seite geprägt und eine lebendige Community entstehen lassen. Ohne seine langjährige Arbeit, seine Ausdauer und seine persönliche Handschrift wäre „Filmreport“ nicht das, was es heute ist. Für dieses außergewöhnliche Engagement gebührt ihm große Anerkennung und aufrichtiger Dank.
Mit Matthias J. Lange von redaktion42 übernimmt nun ein erfahrener Journalist die redaktionelle Leitung. Er wird die erfolgreiche Arbeit fortsetzen und „Filmreport“ zugleich mit neuen Ideen und Konzepten weiterentwickeln. Ziel ist es, die inhaltliche Vielfalt auszubauen und die Seite als Plattform für fundierte Filmberichterstattung weiter zu stärken.
Ich hab ein für mich wunderbares Schnäppchen gemacht. Bei eBay habe ich einen Fotoband von Alfred Eisenstaedt für einen schmalen Taler erworben, der eine riesige Überraschung verbarg.
Im Jahr führe ich meine Seminarreihe über politische Fotografen fort und auch sonst interessiere ich mich sehr für Fotografie (aktiv und passiv). Da darf in dieser Reihe auch Alfred Eisenstaedt nicht fehlen. Ich erwarb den Bildband Eisenstaedt über Eisenstaedt vom Schirmer/Mosel-Verlag. Das Buch umfasst eine Auswahl der Fotografien von 1913 bis 1980. Eisenstaedt selbst ist im August 1995 verstorben.
Beim Durchblättern des Buches entdeckte eine persönliche Einladung zur Vernissage für den 5. Mai 1986 bei der Alfred Eisenstaedt selbst anwesend war. Und nun der Hammer: Der großartige Fotograf unterschrieb meinen Fotoband mit Datumsangabe. Ich werde das Buch in Ehren halten.
Meister des Augenblicks Alfred Eisenstaedt war ein Meister des Augenblicks – ein Fotograf, der nicht einfach Motive suchte, sondern menschliche Wahrheit. Seine Bilder sind stille Zeugen des 20. Jahrhunderts, erfüllt von jener seltenen Balance zwischen dokumentarischer Genauigkeit und poetischer Empfindsamkeit. In seinen Fotografien pulsiert das Leben, unverstellt und doch kunstvoll komponiert. Er verstand es, Menschen in ihren unbewachten Momenten festzuhalten, in jenen Sekunden, in denen das Herz stärker spricht als der Verstand.
Eisenstaedt gehörte zu jener Generation von Bildjournalisten, die nach den Verwüstungen des Krieges eine neue Sprache der Menschlichkeit suchten. Für „Life“ bereiste er Kontinente, porträtierte Mächtige und Unbekannte, Künstler und Arbeiter – stets mit dem gleichen aufmerksamen Blick. Seine berühmtesten Fotografien, etwa der Kuss des Matrosen am Times Square, sind längst Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden. Doch hinter der ikonischen Oberfläche stand ein Mann, dessen größte Kunst vielleicht in seiner Empathie lag. Er sah nicht auf Menschen herab, er begegnete ihnen auf Augenhöhe – als Beobachter, der spürte, dass die Wahrheit oft im Zwischenton liegt, in einem Lächeln, einem Schatten, einer flüchtigen Geste. Seine Fotografien erzählen keine abgeschlossenen Geschichten, sie öffnen Räume. Sie zeigen, wie Schönheit aus dem Moment erwächst, wenn Licht und Leben einander berühren. Eisenstaedt hatte das seltene Talent, Flüchtiges zu bewahren, ohne es zu erstarren – der Augenblick blieb lebendig, auch Jahrzehnte später. Seine Bilder erinnern uns daran, dass jedes Gesicht eine Geschichte trägt und dass die Kunst des Sehens immer auch eine Kunst des Mitfühlens ist.
Es gibt viele Fotos, die mich beeindruckt haben. Aber im Hinblick auf meine Reihe politischer Fotografien hat mich ein Bild besonders fasziniert. Das Bild, das Alfred Eisenstaedt 1933 von Joseph Goebbels im Garten des Carlton-Hotels in Genf aufnahm, gehört für mich zu den eindringlichsten fotografischen Entlarvungen nationalsozialistischer Machtpose. Es kondensiert in einem einzigen Blick die ideologische Menschenverachtung des NS-Regimes und die verletzliche Position eines jüdischen Fotografen, der diesem Hass frontal gegenübersteht.
Goebbels sitzt in einem einfachen Gartenstuhl, die knochigen Hände krallen sich an die Armlehnen, der Körper nach vorne gespannt, als würde er sich jederzeit in einen Angriff verwandeln können. Die Figur wirkt zwar klein und körperlich unspektakulär, doch gerade diese Mischung aus körperlicher Unsicherheit und aggressiver Spannung lässt ihn wie ein konzentriertes Bündel aus Ressentiment und Paranoia erscheinen.
Das Zentrum der Komposition sind die Augen: dunkel, verengt, der Blick nach oben direkt in die Kamera geschleudert, voll unverhohlener Feindseligkeit. Man spürt, dass hier kein flüchtiger Moment schlechter Laune eingefangen ist, sondern ein ideologisch aufgeladener Hass, der sich auf die Person vor der Kamera richtet – auf den jüdischen Fotografen, dessen Herkunft Goebbels kurz zuvor erfahren hatte.
Eisenstaedt betont diese psychologische Spannung, indem er nahe herangeht und den Raum um Goebbels herum nur als diffuse Umgebung sichtbar lässt. Der Hintergrund – eine harmlose Hotelszenerie im Grün – steht in brutalem Kontrast zu der inneren Dunkelheit des Dargestellten und verstärkt den Eindruck, dass sich der Hass mitten in einer bürgerlichen Normalität einnistet. Entscheidend für die Wirkung ist die Doppelung, die in der Entstehungsgeschichte des Bildes liegt: Zuvor hatte Eisenstaedt Goebbels freundlich lächelnd fotografiert, erst mit der Kenntnis von dessen jüdischer Herkunft verwandelt sich das Gesicht in diese Maske aus Verachtung. Die Fotografie funktioniert deshalb auch als visuelle Demaskierung – sie zeigt, wie dünn die Fassade höflicher Diplomatie war und wie schnell der antisemitische Kern freiliegt.
Eisenstaedt selbst sprach davon, wie „horrible“ dieser Moment gewesen sei und dass es trotzdem ein stärkeres Bild wurde, gerade weil er so nah heranging und den Blick aushielt. In dieser Nähe liegt eine stille moralische Geste: Der jüdische Fotograf weicht dem Blick des Propagandaministers nicht aus, er hält ihn fest, verwandelt ihn in ein Dokument, das über den historischen Augenblick hinaus Zeugnis ablegt.
So ist das Foto nicht nur Porträt eines Mannes, sondern ein Bild der Machtverhältnisse und ihrer inneren Logik: Kleinheit, die sich zu ideologischer Gewalt aufbläst; Kälte, die sich hinter kultivierten Fassaden versteckt; Hass, der erst wirklich sichtbar wird, wenn ihm jemand standhält. Dass dieses Bild bis heute als „Eyes of Hate“ erinnert wird, zeigt, wie präzise Eisenstaedt den emotionalen Kern des Nationalsozialismus in einer einzigen fotografischen Sekunde eingefangen hat.
„Erbarmungslos“ steht wie kaum ein anderer Western für die späte Selbstabrechnung eines Genres mit seinen eigenen Mythen. Clint Eastwood erzählt nicht mehr vom heldenhaften Revolvermann, sondern vom gebrochenen, alternden Killer, der erkennt, dass seine eigene Legende auf Blut, Alkohol und Zufall gebaut ist. Ich besprach diesen Film in meiner Western-Matinee im Scala. Die nächste Western-Matinee ist am Sonntag, 22. Februar der Film „Die glorreichen Sieben“. Karten gibt es hier.
Der Film kehrt die klassische Moralordnung des Westerns um: Der Mann des Gesetzes, Sheriff Little Bill, verkörpert nicht Gerechtigkeit, sondern Eitelkeit, Grausamkeit und die Gewalt des Staates, der sich selbst nicht reflektiert. Dem gegenüber stehen ausgerechnet Prostituierte als moralischer Motor der Handlung, die aus einer ökonomischen Kränkung – der Verstümmelung einer Kollegin ohne echte Strafe – eine eigene Form von Gerechtigkeit organisieren und damit das Gewaltmonopol der Männer infrage stellen. Schon darin steckt eine bittere Diagnose: Recht ist käuflich, Würde nicht. Hier mein Referat:
Zugleich ist „Erbarmungslos“ ein Film über das Scheitern von Erlösung. William Munny hat dem Alkohol abgeschworen, versucht sich als jämmerlicher Schweinefarmer, als Witwer, der den Kindern ein anderer Mensch sein will – und doch reicht ein Bündel Geld, um ihn zurück in die Hölle zu ziehen. Jeder Schritt zurück zur Waffe ist von Unbeholfenheit, körperlicher Schwäche, Angst und schlechtem Gewissen geprägt; Eastwood inszeniert das Töten als mühsame, hässliche Arbeit, ohne Spur von Glanz oder heroischer Choreografie. Dass Munny am Ende wieder zur eiskalten Tötungsmaschine wird, macht ihn nicht zum Helden, sondern zum Beweis dafür, dass manche Vergangenheiten sich nicht abstreifen lassen.
Von großer Bedeutung ist auch, wie der Film mit dem Mythos des Revolverhelden umgeht. In der Figur des schreibenden Biografen, der aus banalen, chaotischen Schießereien glatte Heldengeschichten formt, zeigt „Erbarmungslos“, wie Legenden gemacht werden: durch Auslassungen, Übertreibungen, den Wunsch nach klaren Gut-und-Böse-Erzählungen. Die Realität, die der Film zeigt, ist dagegen schmutzig, feige, zufällig: Männer, die vor Angst zittern, schlecht zielen, in den Rücken schießen und sich selbst belügen, um mit dem, was sie getan haben, leben zu können. Der Western erinnert sich so an seine eigene Funktion als nationaler Gründungsmythos – und zerlegt sie.
Damit wird „Erbarmungslos“ zu einem Spätwerk, das zugleich Testament und Widerruf ist. Eastwood, der jahrzehntelang das Gesicht des stoischen, unfehlbaren Schützen war, hält diesem Bild gewissermaßen die Waffe an den Kopf und zeigt, was hinter der Pose liegt: Schuld, Reue, Angst vor dem Sterben, aber auch die verführerische Einfachheit von Gewalt, wenn alle anderen Ordnungen versagen. In einer Zeit, in der der klassische Western bereits aus dem Mainstream verschwunden war, formuliert „Erbarmungslos“ so etwas wie den letzten, ernüchterten Satz des Genres – ein düsteres Resümee, das sowohl die Faszination wie die Lüge des Western-Mythos sichtbar macht. Die nächste Western-Matinee ist am Sonntag, 22. Februar der Film „Die glorreichen Sieben“. Karten gibt es hier.
Das Buch „HR Giger – Die frühen Jahre“ von Charly Bieler ist weit mehr als nur eine Ergänzung der umfangreichen Giger-Literatur. Erschienen zum zehnten Todestag des Künstlers, öffnet es einen bisher verschlossenen Teil seiner Biografie: die Jahre von 1940 bis 1962, also seine Kindheit und Jugend in Chur und Flims. Bieler – unterstützt von Gigers erster Ehefrau Mia Bonzanigo und dem Sammler Walter Schmid – nutzt neu entdeckte Fotografien und Zeichnungen aus dem Ferienhaus der Familie, um zu zeigen, wie der junge Hansruedi Giger aufwuchs und welche Einflüsse seine späteren, surrealistisch-biomechanischen Traumwelten prägten.
Das im Verlag Scheidegger & Spiess veröffentlichte Werk ist eine hochwertige, mehrsprachige Ausgabe (Deutsch/Englisch/Französisch) in Leinenbindung. Auf 192 Seiten finden sich 82 farbige und 153 schwarzweiße Abbildungen, die liebevoll reproduziert sind. Besonders faszinierend sind die privaten Fotos: der junge Hansruedi in den Bergen von Graubünden, im Elternhaus, bei ersten Zeichenversuchen – Bilder, die Gigers künftige künstlerische Kraft bereits erahnen lassen . Begleitet werden sie von kurzen Texten und Zeitzeugenberichten aus Gigers Umfeld, etwa von Schulkameraden, Freundinnen und Nachbarn, die ein lebendiges Bild der Jugendkultur im Nachkriegs-Chur zeichnen . Dieses Mosaik aus Erinnerungen verleiht dem Buch eine intime, fast familiäre Atmosphäre und lässt die Leserinnen und Leser tief in Gigers Welt eintauchen.
Bieler macht deutlich, dass Gigers Faszination für das Unheimliche nicht aus dem Nichts kam. In der dichten katholischen Umgebung von Chur entwickelte sich schon früh sein Interesse für mystische, morbide Themen – befeuert durch das konservative Elternhaus und die strenge Schule. Aus diesen Wurzeln erwuchs später die visionäre Kraft, die ihm 1980 einen Oscar für die Gestaltung des „Alien“ einbrachte und ihn zum weltweit gefeierten Künstler machte . Gleichzeitig zeigt das Buch einen sensiblen, manchmal schüchternen Jungen, der sich in der Natur und in seinen Zeichnungen versteckte. Diese Gegenüberstellung von früh erkennbarer Kreativität und persönlicher Verletzlichkeit vertieft das Verständnis für Gigers Werk.
Als Leser spürt man beim Durchblättern die Faszination für Gigers Kosmos und das Staunen darüber, wie sich sein Stil bereits in den frühen Zeichnungen andeutet. Die hochwertigen Reproduktionen und das sorgfältige Layout machen das Buch zu einem ästhetischen Erlebnis. Besonders dankenswert ist der reiche Fundus an Hintergrundwissen über Gigers Familie: Man erfährt von den Eltern, die einerseits seine Neigungen unterstützten und ihm andererseits klarmachten, dass Kunst kein „richtiger Beruf“ sei; von seiner Schwester und seinen Jugendfreunden, mit denen er erste Filme drehte; und von der Bedeutung des Ferienhauses in Flims, wo viele der hier gezeigten Fotos entstanden.
Insgesamt gelingt es Charly Bieler, eine Lücke in der Giger-Biografie zu schließen und die frühen Jahre eines außergewöhnlichen Künstlers liebevoll und informativ zu beleuchten. Für Giger-Fans bietet das Buch eine Fülle bisher unbekannter Einblicke; für Kunstinteressierte liefert es ein beeindruckendes Zeitdokument der Schweizer Nachkriegsjahre. Man legt es mit dem Gefühl beiseite, den Menschen hinter den ikonischen Alien-Kreaturen näher kennengelernt zu haben – und mit einer erneuerten Bewunderung für sein spätes Werk, das ohne dieses lebendige Fundament nicht zu denken wäre. Meine Empfehlung für das Buch.
„Cold Storage“ ist ein herrlich altmodischer Genre-Spaß: ein Sci-Fi-Horrorfilm über einen mutierenden Pilz, der in einem Selfstorage-Komplex ausbricht – und dabei erstaunlich leichtfüßig, witzig und ansteckend kurzweilig bleibt. Für mich eine Version von Andromeda tödlicher Staub aus dem All auf Ecstasy, ohne natürlich die Tiefe des Klassikers zu erreichen.
Ausgangspunkt ist ein scheinbar banaler Nachtschicht-Job in einem Lagerhaus, das praktischerweise auf einem ehemaligen US-Militärstützpunkt errichtet wurde. Tief darunter lagert ein hochgefährlicher, mutierender Pilz, der einst als zu riskant für die Vernichtung eingestuft und einfach „eingefroren“ wurde./ Er kam mit dem Skylab auf die Erde und wütete in Australien. Als steigende Temperaturen das Sicherheitssystem aus dem Gleichgewicht bringen, entweicht der Erreger, breitet sich rasend schnell aus und verwandelt die Nacht in eine groteske Überlebensfarce.
Dabei findet der Film eine reizvolle Balance: Er ist blutig und „goopy“, scheut sich nicht vor Körperhorror à la Cronenberg, spielt das Szenario aber mit einem deutlich spürbaren Augenzwinkern als Horror-Komödie durch. Das Resultat ist weniger deprimierender Pandemiethriller als vielmehr ein spaßiges Creature-Feature, das auf gemeinsame Reaktionen im Kinosaal zielt – Schrecken, Gelächter, angewidertes Keuchen. Filmfreunde finden immer wieder kleine Anspielungen auf Genrebeiträge wie Dawn of the Dead oder Return of the Living Dead.
Im Zentrum stehen Travis „Teacake“ Meacham (Joe Keery) und Naomi Williams (Georgina Campbell), zwei eher niedere Angestellte der Anlage, deren Nacht plötzlich zur Apokalypse auf Probe wird. Keery legt seinen Teacake als charmanten Großmaul-Protagonisten an, dessen vorlaute Energie den Horror rhythmisiert und den Humor glaubwürdig aus der Figur heraus entstehen lässt. Campbell kontert ihn mit einer geerdeten, klugen Naomi, die als moralischer und emotionaler Ruhepol dient und der eskalierenden Absurdität ein menschliches Gewicht verleiht.
Liam Neeson stößt als Robert Quinn dazu, ein in den Ruhestand gedrängter Bioterror-Experte mit Rückenschmerzen, der die Vorgeschichte des Pilzes kennt und als gezeichnete, aber handfeste Autoritätsfigur den Plot in Richtung größerer Bedrohung öffnet. Um sie herum versammelt der Film ein Ensemble aus starken Nebendarstellerinnen und -darstellern – darunter Lesley Manville, Sosie Bacon, Vanessa Redgrave und weitere –, das jedem Auftritt einen Hauch von Charakter und Eigenheit gibt, selbst wenn die Screentime begrenzt ist.
Regisseur Jonny Campbell erzählt eine bewusst einfache, geradlinige Geschichte, die eher auf Tempo und Setpieces als auf komplexe Verschwörungsplots setzt. Die klaustrophobische Architektur des Selfstorage-Komplexes – Gänge, Türen, unterirdische Ebenen – wird zu einer Art Horrorspielplatz, in dem sich Suspense-Momente, slapstickhafte Eskalationen und drastische Schockbilder abwechseln. Dass der Film seine eigene Künstlichkeit kennt und lustvoll überzeichnet, macht ihn gerade reizvoll: Er will nie das ultimative Statement zum Thema Pandemie sein, sondern eine „wildeste Nachtschicht aller Zeiten“, durchgespielt bis zur Extinktion als Party-Gag.
Die Effekte setzen stark auf schleimige, mutierende Pilz-Bilder und groteske Infektionen, wobei digitale Effekte manchmal dominieren, wo man sich praktisches Make-up wünschen würde. Dennoch entfaltet das visuelle Design genug Einfälle, um die Kreatur(en) über den ganzen Film hinweg interessant zu halten, inklusive immer neuer mutierter Stadien und räumlich clever platzierten Infektionsmomenten. Musikalisch und rhythmisch schlägt der Film oft den Ton eines „Date-Night-Horrors“ an – zugänglich, mit klar gesetzten Spannungsbögen, aber immer bereit, einen Gag oder eine überraschende Reaktion einzustreuen.
„Cold Storage“ versteht sich als nostalgischer Rückgriff auf eine Ära von genrehybriden B-Movies, in denen Einfallsreichtum, Figurenchemie und ein gewisser anarchischer Humor wichtiger waren als Logik oder thematische Tiefenschärfe. Kollegen nach der Pressevorführung betonten, dass der Film zwar nicht alle Erwartungen an den großen Namen vor und hinter der Kamera erfüllt, aber genug Charme, Ekel, Spannung und Leichtigkeit mitbringt, um „lohnenswert“ zu sein. Man könnte sagen: Er erfindet das Rad nicht neu, er sprengt es, lässt es mutieren und schleudert es dem Publikum vergnügt ins Gesicht – und genau in dieser Überdrehtheit liegt seine Stärke.
Dass der Film klar als gemeinschaftliches Erlebnis gedacht ist, spürt man in der Art, wie er auf kollektive Reaktionen hin inszeniert ist: Die besten Momente leben davon, dass man sie nicht allein, sondern mit einem Publikum erlebt. „Cold Storage“ ist damit weniger ein filigranes Horror-Kleinod als ein robustes, liebevoll gröliges Genre-Vergnügen – perfekt für eine laute Vorstellung, die man mit einem Grinsen verlässt und nicht weiter darüber nachdenkt.
Der nächste Wahltermin für die Gemeinde- und Landkreiswahlen in Bayern ist Sonntag, 8. März 2026. Alle Bürger sind aufgerufen, sich aktiv an der Demokratie zu beteiligen und die Zukunft ihrer Heimat mitzubestimmen. Wir wollen einen parteipolitischen unabhängigen Blick auf Abläufe werfen und das Wahlverfahren erläutern als aktiver Beitrag zur Demokratie in der Gemeinde.
Im gemütlichen Ambiente des Maisacher Bistros sixtyfour geht das lebendige Talk-Format: der BistroTalk in eine weitere Runde. Gastgeber Matthias J. Lange hat mit Florian Wiesent den Amtsleiter Öffentliche Sicherheit und Ordnung der Gemeinde Maisach den Experten für die anstehende Kommunalwahl eingeladen – direkt vor Ort und live im Netz. Wir diskutieren die anstehenden Wahlen in Maisach am 8. März 2026, wie kann gewählt werden, welche Herausforderungen gilt es zu bewältigen, kann überall gewählt werden, wie funktioniert es mit dem Auszählen? – offen, nahbar und ganz ohne Script. Termin ist am Mittwoch, 11. Februar um 18 Uhr, der Talk dauert etwa eine Stunde und wird ab 18 Uhr live auf YouTube gestreamt. Die Adresse ist: https://www.youtube.com/@redaktion42/streams
Es können Interessierte den Stream live verfolgen, kommentieren und Fragen stellen. Der Stream wird moderiert. Unterstützt wird das Format vom Treffpunkt Bistro sixtyfour in der Maisacher Zentrumspassage von Gastronom Uwe Flügel. Also um 18 Uhr einschalten: https://www.youtube.com/@redaktion42/streams
Ein Wanderweg, der an die Grenze geht – und weit darüber hinaus führt: Wenn Aktion PiT – Togohilfe e.V. zum Megamarsch aufruft, dann geht es nicht nur um Kilometer, Blasenpflaster und persönliche Rekorde, sondern um eine stille, zähe Rebellion gegen den Skandal des Hungers im 21. Jahrhundert.
100 Kilometer in 24 Stunden, so kündigt es die Organisation Aktion PiT Togohilfe an, will der stellvertretende Vorsitzende Andy Kopp im Rahmen des Megamarsch München nach Garmisch zurücklegen – mit einem Satz, der zugleich Programm ist: Kein Kind soll hungrig in die Schule gehen. Ich habe einen Videopodcast mit Andy Kopp aufgenommen.
Hinter dieser schlichten Formulierung steht ein Verein, der seit 1980 in Togo aktiv ist und sich vom privaten Hilfsprojekt zum wohl größten Togo-Hilfsverein Deutschlands entwickelt hat. Aus dieser Geschichte speist sich der Charakter des Megamarschs: Er ist weniger Event als Verdichtung dessen, wofür Aktion PiT steht – langfristige Verantwortung statt schneller Bilder, konkrete Projektarbeit statt abstrakter Spendenaufrufe. Während kommerzielle Megamärsche mit Fitness, Challenge-Rhetorik und Abenteuer werben, verwandelt die Togohilfe das Prinzip der Extremwanderung in ein moralisches Statement: Wer sich freiwillig an seine körperlichen Grenzen bringt, will jenen helfen, denen täglich das Nötigste fehlt.
Die Dramaturgie dieses Projekts folgt der Logik eines Langstreckenlaufs: Je länger der Weg, desto klarer wird, worum es wirklich geht. Der Megamarsch steht dabei exemplarisch für eine neue Form von Spendenkultur, in der sich individuelle Sinnsuche und globale Verantwortung überlagern: Menschen buchen eine Veranstaltung, trainieren, dokumentieren ihren Weg – und verknüpfen jeden Schritt mit einem Versprechen an Kinder in einem Land, das in deutschen Nachrichten nur selten vorkommt. Dass Aktion PiT sich gerade auf diese Art der Mobilisierung einlässt, passt zur eigenen Geschichte: Der Verein setzt auf Patenschaften, Bildungsprojekte, Gesundheitsversorgung und Dorfentwicklung – Bereiche, in denen schon vergleichsweise kleine Summen spürbare Veränderungen ermöglichen.
In diesem Spannungsfeld gewinnt der Megamarsch eine fast symbolische Schärfe. Während in Europa Ausdauer als Lifestyle gepflegt wird, ist sie in Togo häufig bloße Überlebensstrategie – der weite Weg zum Brunnen, die tägliche Unsicherheit, ob das Essen reicht. Auf den Plakaten hierzulande stehen Startzeit, Streckenlänge, Höhenmeter; unausgesprochen mitmarschieren die Realität überfüllter Klassenzimmer, mangelnder Gesundheitsversorgung und die Frage, wie eine Generation lernen soll, wenn sie den Unterricht mit leerem Magen beginnt. Gerade weil der Megamarsch äußerlich so schlicht daherkommt – 100 Kilometer, ein Zeitlimit, eine Spendenbitte –, entfaltet er seine Wirkung: Er zwingt dazu, den eigenen Komfort mit der Lebensrealität in Togo zu konfrontieren, Schritt für Schritt.
So wird aus einer Extremwanderung ein stiller politischer Kommentar. Aktion PiT nutzt die medienaffine Form des Megamarschs, um etwas ins Licht zu rücken, das sonst allzu schnell im Schatten bleibt: die Beharrlichkeit lokaler Partner, die Langsamkeit nachhaltiger Entwicklung, die unbequeme Tatsache, dass globale Gerechtigkeit nicht in 24 Stunden „durchgelaufen“ ist. Wer sich auf diesen Marsch einlässt, sammelt nicht nur Spendenquittungen, sondern Erfahrungen – über den eigenen Körper, über Grenzen und darüber, wie nah ein weit entferntes Land kommen kann, wenn man lernt, seine Schritte zu zählen. Andy Kopp dazu: „Mit jedem Schritt möchte ich dafür sorgen, dass ein Kind satt wird und lernen kann. Je mehr Schritte und je mehr Kilometer ich schaffe, um so mehr Hoffnung können wir schenken. Doch das schaffe ich nicht allein – dafür brauche ich Sie!“ Er erklärt den Megamarsch: „Sie Spenden einen festen Betrag pro Kilometer. Wenn ich 50 Kilometer schaffe, ziehen wir diesen Betrag 50 mal bei Ihnen ein. Wenn ich 80 Kilometer weit komme, dann 80 mal und wenn ich die 100 Kilometer in 24 Stunden tatsächlich bewerkstelligt bekomme, dann spenden Sie 100 mal Ihren Betrag. Ihr Spendenbetrag wird also erst nach meinem Marsch fällig.“
Als Bruce Springsteen bei seinem ersten Auftreten als Zukunft des Rock’n Roll bezeichnet wurde, sahen viele in ihn den Nachfolger von Bob Dylan. Das war natürlich Nonsens, aber dieser Gedanke kam mir wieder, als ich seinen Song Streets of Minneapolis hörte. Das Lied entstand kurz nach der ICE-Schüssen in Minneapolis und wurde in 19 Ländern Nummer eins bei den iTunes-Charts. Dieser Ohrwurm in Form eines Protestsongs erinnerte mich dann doch wieder an den frühen Bob Dylan der Bürgerrechtsbewegung. Ich dachte an das Lied The Lonesome Death of Hattie Carroll.
Was für ein schönes, trauriges Paar von Liedern das ist: Auf der einen Seite Dylan, der 1963 den Mord an Hattie Carroll akribisch dokumentiert und in eine balladenhafte, fast protokollarische Form bringt, die das amerikanische Klassen‑ und Rassensystem vorführt wie einen Angeklagten im Zeugenstand. Auf der anderen Seite Springsteen, der 2026 in Streets of Minneapolis die Tötungen von Alex Pretti und Renée Good durch ICE‑ und CBP‑Beamte aufgreift und daraus einen wütenden, hymnischen Protestsong macht, der direkt „King Trump“, seine „Privatarmee“ und den „Staatsterror“ gegen Migrantinnen und Migranten adressiert.
Beiden Liedern gemeinsam ist, dass sie nicht „über“ Politik reden, sondern konkrete Körper und konkrete Tode in den Mittelpunkt stellen: Hattie Carroll, die Hotelangestellte, die von William Zantzinger erschlagen wird und deren Tod von einem milden Urteil entwertet wird; Alex Pretti und Renée Good, die im Winter ’26 im Schneematsch von Minneapolis liegenbleiben, während die offizielle Darstellung der Behörden von Handyvideos widerlegt wird. Dylan arbeitet mit der strengen Form der Erzählballade und treibt den Hörer immer wieder mit „now ain’t the time for your tears“ vor sich her, bis die Farce des Urteils offenliegt; Springsteen setzt auf den kollektiven Refrain „We’ll remember the names of those who died / On the streets of Minneapolis“ und verwandelt individuelle Trauer in eine singbare Bürgerrechts‑Litanei, die aus der Menge kommen könnte.
Interessant ist, wie stark Streets of Minneapolis Dylans Tradition bewusst aufnimmt und ins Heute zieht: Die ersten Zeilen über „winter’s ice and cold“ und eine „city aflame“ unter „an occupier’s boots“ knüpfen an das klassische Protestsong‑Vokabular an, während die direkte Anklage gegen ICE, DHS und „Miller and Noem‘s dirty lies“ die Zurückhaltung früherer Springsteen‑Texte hinter sich lässt. Gleichzeitig bleibt seine Erzählweise zutiefst springsteensche Empathiearbeit: Die Stadt hat ein „heart and soul“, das „through broken glass and bloody tears“ weiterlebt, die Stimmen der Demonstrierenden („ICE out“) werden zum moralischen Zentrum, nicht der Sänger selbst. Dylans Lied, das aus der Perspektive eines empörten, aber distanzierten Beobachters den Fall Carroll aufrollt, und Springsteens Song, der mitten in der heißen Gegenwart einer traumatisierten Stadt steht, wirken wie zwei Kapitel derselben langen Geschichte von amerikanischem Unrecht – nur dass das zweite Kapitel ausdrücklich zeigt, dass Dylans alte Warnungen nicht Geschichte geworden sind, sondern Gegenwart.
Wenn in der Backstube der Bäckerei Konditorei Martin Reicherzer Hochbetrieb herrscht, dann ist eines sicher: Fasching steht vor der Tür. Daher habe ich einen neuen Podcast mit Bäckermeister Martin Reicherzer aufgenommen.
Zwischen Mehl, Fett und süßem Duft dreht sich in diesen Tagen alles um den Krapfen – jenes Gebäck, ohne das die närrische Zeit kaum vorstellbar wäre. Für Bäckermeister Martin Reicherzer ist der Fasching keine Farce, sondern eine der wichtigsten Phasen des Jahres. Und er ist selbst bekennender Krapfen-Fan: Ein warmer Krapfen, direkt aus der Pfanne gegessen, gehört für ihn zum Besten, was das Bäckerhandwerk zu bieten hat.
Mehr als 20 verschiedene Sorten entstehen in der Backstube in Fürstenfeldbruck und Aubing. Die Klassiker – Aprikose und Himbeer-Johannisbeer – sind dabei nach wie vor die unangefochtenen Favoriten. Gefüllt mit Marmelade, bestäubt mit Puder- oder Streuzucker, stehen sie für die pure Tradition. Daneben zeigt sich die kreative Seite des Betriebs: von Tiramisu-Krapfen über Eierlikör bis hin zu Schwarzwälder Kirsch. Auch Pistazienkrapfen, im vergangenen Jahr ein regelrechter Renner, sind weiterhin fester Bestandteil des Sortiments – ganz ohne modische Extravaganzen, aber mit viel Geschmack.
Um der enormen Nachfrage gerecht zu werden, hat die Bäckerei jüngst in moderne Technik investiert. Eine neue Krapfenbackmaschine sorgt nicht nur für einen reibungsloseren Ablauf, sondern auch für mehr Nachhaltigkeit. Das Fett wird geschont, täglich gefiltert und kann länger verwendet werden – ein Gewinn für Energieverbrauch und Qualität. Die Krapfen werden schonender gewendet und abgelegt, was sich vor allem in ihrer Optik zeigt. Am Geschmack jedoch wird nicht gerüttelt: Der bleibt so, wie ihn die Kundinnen und Kunden lieben.
Bis zum Aschermittwoch läuft die Produktion auf Hochtouren, fast ohne Pause. Danach kehrt in der Backstube langsam wieder Ruhe ein – zumindest bis zur nächsten süßen Idee. Wer sehen möchte, wie moderne Krapfenproduktion heute funktioniert, kann sich in der Filiale in Fürstenfeldbruck oder online einen Film über die neue Maschine anschauen. Die Resonanz ist leise, aber positiv: Kundinnen und Kunden freuen sich über Einblicke, Kolleginnen und Kollegen holen sich fachlichen Rat.
Ob mit oder ohne Pappnase – für Martin Reicherzer steht fest: Der Fasching gehört zum Bäckerhandwerk wie der Krapfen zum Teller. Und solange in der Backstube goldbraune Krapfen aus dem Fett kommen, ist eines sicher: Die närrische Zeit schmeckt hier besonders gut.