Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die einen über Jahrzehnte begleiten. Man kauft ihre Platten, hört ihre Musik in unterschiedlichen Phasen des eigenen Lebens und verbindet irgendwann ganz persönliche Erinnerungen mit bestimmten Songs. Und dann sitzt man plötzlich in einem Konzertsaal und weiß: Vielleicht ist das heute das letzte Mal. So ging es mir bei Emmylou Harris in Brüssel.
Ich habe meinen Jahresurlaub so gelegt, dass ich diese große Dame noch einmal live sehen konnte. Nachdem mir London einfach zu teuer wahr, wählte ich Brüssel als Veranstaltungsort. Sie gastierte im Kulturzentrum, BOZAR. Ihre Tournee trägt den unmissverständlichen Namen „European Farewell Tour“. Allein diese beiden Worte veränderten für mich den Abend. Es war eben nicht einfach ein weiteres Konzert einer Musikerin, die ich seit vielen Jahren schätze. Es war möglicherweise ein Abschied von Emmylou Harris auf einer europäischen Bühne.
Und Abschiede verändern die Wahrnehmung. Mit 79 Jahren muss Emmylou Harris niemandem mehr etwas beweisen. Vierzehn Grammys, unzählige Alben und Zusammenarbeiten mit einigen der bedeutendsten Musikerinnen und Musiker der amerikanischen Musikgeschichte sprechen für sich. Sie hat Country, Folk und das, was wir heute Americana nennen, über Jahrzehnte geprägt. Vor allem aber besitzt sie eine Gabe, die sich nicht in Auszeichnungen messen lässt: Emmylou Harris kann einen Song so singen, dass man glaubt, er sei ausschließlich für diesen einen Augenblick geschrieben worden.
Natürlich hat sich ihre Stimme verändert. Die kristallklare Höhe früherer Jahrzehnte ist zerbrechlicher geworden, manches klingt leiser und vorsichtiger. Aber genau das empfand ich nicht als Schwäche. Im Gegenteil. Diese Stimme trägt heute etwas in sich, das keine Gesangstechnik ersetzen kann: gelebtes Leben.
Man hört die Jahrzehnte. Man hört Abschiede, Freundschaften, Verluste und Erinnerungen. Und vielleicht hört man manchmal sogar ein wenig Müdigkeit. Aber dann genügt eine einzige Phrase, und plötzlich ist sie wieder da, diese unverwechselbare Emmylou-Harris-Magie. Ich liebe vor allem ihre Gram Parsons-Phase.
Unterstützt wurde sie von den Red Dirt Boys, einer zurückhaltenden Band. Hier wollte niemand zeigen, wie virtuos er spielen kann. Die Musiker dienten den Liedern. Besonders schön waren für mich die Momente mit Fiddle und Mandoline. Sie gaben der Musik diese warme, erdige Americana-Farbe, die perfekt zu Harris passte.
Und dann kamen die Erinnerungen. „Red Dirt Girl“, „Pancho & Lefty“, „Kern River“ oder „Orphan Girl“ – das waren für mich keine Nummern auf einer Setlist. Mit jedem Song öffnete sich eine andere Tür in die Vergangenheit. Namen wie Townes Van Zandt, Merle Haggard, Steve Earle, Neil Young oder Johnny Cash standen plötzlich mit im Raum.
Und natürlich Gram Parsons. Ohne ihn lässt sich die Geschichte von Emmylou Harris kaum erzählen. Ihre leider kurze musikalische Zusammenarbeit wurde zu einem entscheidenden Kapitel ihres Lebens. Parsons starb 1973 mit gerade einmal 26 Jahren, aber musikalisch hat er Harris nie wirklich verlassen. Als sie in Brüssel „The Road“ sang, war das für mich deshalb einer der intensivsten Momente des Konzerts. Keine große Inszenierung, kein Pathos. Nur eine Frau, ihre Stimme, ein Lied und die Erinnerung an einen Menschen, der vor mehr als einem halben Jahrhundert gestorben ist.
Plötzlich war es sehr still. Solche Augenblicke sind der Grund, weshalb ich noch immer Konzerte besuche. Ich schloss die Augen und genoss. Eine Aufnahme kann perfekt sein. Eine Schallplatte kann man hundertmal hören. Aber diesen einen Moment gibt es nur einmal. Danach ist er vorbei.
Auch „Goodbye“ bekam an diesem Abend eine andere Bedeutung. Steve Earles wunderbarer Song gehört für mich ohnehin zu den großen Aufnahmen aus Harris’ „Wrecking Ball“-Zeit. Doch auf einer Abschiedstournee lässt sich ein Lied mit diesem Titel kaum neutral hören. Das Wort Goodbye stand gewissermaßen über dem ganzen Abend.
Besonders berührt hat mich auch die Erinnerung an Dolly Parton. Mit „When We’re Gone, Long Gone“ führte Harris zurück zu „Trio II“ und damit zu jener wunderbaren musikalischen Verbindung zwischen Emmylou Harris, Dolly Parton und Linda Ronstadt. Drei Stimmen, drei außergewöhnliche Frauen und ein Stück amerikanischer Musikgeschichte.
Vielleicht war das überhaupt das große Thema dieses Konzerts: Erinnerung. Emmylou Harris hat nie nur ihre eigene Karriere verwaltet. Sie war immer auch eine Bewahrerin von Songs und Geschichten. Sie hat Lieder anderer Komponisten aufgenommen und ihnen ihre eigene Handschrift gegeben, ohne ihnen die Seele zu nehmen. Sie hat Musiker ins Rampenlicht geholt, Namen weitergetragen und musikalische Traditionen miteinander verbunden.
Deshalb passte Neil Youngs „Long May You Run“ für mich so wunderbar in diesen Abend. Long may you run. Mögest du noch lange weiterlaufen. Man konnte diese Worte an diesem Abend kaum hören, ohne sie auf Emmylou Harris selbst zu beziehen. Und schließlich „Save the Last Dance for Me“.
Wie widerstandsfähig ist unsere Gesellschaft, wenn Strom, Kommunikation oder andere Teile der kritischen Infrastruktur ausfallen? Wie gut sind Polizei, Hilfsorganisationen und Versorgungsunternehmen auf neue Bedrohungen vorbereitet? Und welche Verantwortung trägt dabei jeder Einzelne? Am Tag der Demokratie diskutierte der PresseClub München auf Einladung seines Fördervereins über eine Frage, die angesichts von Cyberangriffen, Sabotage, Extremwetterereignissen und hybriden Bedrohungen zunehmend an Bedeutung gewinnt: Wie resilient ist unsere Gesellschaft?
Christina Kahlert, die den Förderverein des PresseClubs München gegründet hat, machte bereits bei der Begrüßung deutlich, dass der Abend Auftakt für mehr sein soll. „Ich freue mich ganz besonders, dass wir heute hoffentlich eine Serie von Veranstaltungen starten unter dem Motto ‚Demokratie braucht Haltung‘“, sagte sie. Das könne man „in diesen Zeiten nicht genug diskutieren“. Hier die komplette Veranstaltung als Video:
Die Moderation übernahm der Vorsitzende des PresseClubs München, Dr. Uwe Brückner. Auf dem Podium saßen Vertreterinnen und Vertreter ganz unterschiedlicher Bereiche der Sicherheitsarchitektur und Daseinsvorsorge: Magdalena Strzedulla vom Technischen Hilfswerk, Polizeidirektorin Daniela Hand vom Polizeipräsidium München, Hannes Lindhuber von den Stadtwerken München sowie Wilko Beinlich vom Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen (BayZBE).
Schnell wurde deutlich: Resilienz beginnt nicht erst in dem Augenblick, in dem eine Katastrophe eingetreten ist. Sie muss lange vorher aufgebaut werden.
Für Magdalena Strzedulla ist dabei das Ehrenamt eine tragende Säule. Allein der THW-Landesverband Bayern umfasst 111 Ortsverbände. Die Helferinnen und Helfer werden für unterschiedlichste Aufgaben ausgebildet – von Elektroversorgung bis zu hoch spezialisierten Einsatzbereichen. Und sie alle engagieren sich neben Beruf und Privatleben. „Das basiert alles bei uns auf Ehrenamt“, betonte Strzedulla.
Ein ganzheitlicher Bevölkerungsschutz müsse deshalb früher einsetzen als bei der Alarmierung der Einsatzkräfte. „Wir können nicht erst mit entsprechender Vorbereitung starten, wenn eine Krise da ist beziehungsweise wenn wir in einen Einsatz gerufen werden“, sagte sie. Einsatzorganisationen müssten ihre Helfer vorbereiten, zugleich aber auch die Bevölkerung stärker einbeziehen.
Damit verändert sich ein lange vertrautes Bild des Katastrophenschutzes. Die Vorstellung, im Ernstfall würden professionelle und ehrenamtliche Einsatzkräfte kommen und sämtliche Probleme lösen, stößt gerade bei großen und lang anhaltenden Krisen an Grenzen. „Man muss sich ein Stück weit verabschieden von diesem Gedanken, dass nur Einsatzorganisationen entsprechend die Lage unterstützen und helfen“, sagte Strzedulla. Die vorhandenen Ressourcen seien begrenzt und müssten dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich gebraucht würden.
Polizeidirektorin Daniela Hand setzte an einem anderen Punkt an: bei Freiheit und Verantwortung. Eine demokratische Gesellschaft sei nichts Selbstverständliches und auch nichts, was unabhängig vom Verhalten ihrer Mitglieder existiere. „Jeder Einzelne von uns ist Bestandteil der Gesellschaft, und insofern prägen wir auch die Gesellschaft ganz extrem mit.“
Freiheit dürfe dabei nicht mit Rücksichtslosigkeit verwechselt werden. Hand sprach von einem teilweise „missverstandenen Freiheitsgedanken“. Wer Freiheit ausschließlich als Anspruch verstehe, selbst zuerst durch die Tür zu gehen, ohne die Auswirkungen des eigenen Handelns auf andere zu berücksichtigen, verkenne ihren gesellschaftlichen Charakter.
Das zeigt sich aus Sicht der erfahrenen Polizeibeamtin auch im Alltag. Bei Polizeieinsätzen werde gefilmt und beobachtet, gleichzeitig fehlten anschließend nicht selten Zeugen. Hand formulierte es drastisch: Viele Menschen könnten ihr Smartphone auf ein Ereignis richten und Aufnahmen verbreiten – „aber der Polizei als Zeuge zur Verfügung stehen, damit dann mein Mitbürger, meine Mitbürgerin zu ihrem Recht kommen kann, das ist dann schon wieder eine ganz schwierige Nummer“.
Dabei sei die Schwelle zum Helfen denkbar niedrig. Niemand solle sich selbst in Gefahr bringen. „Aber das, was jeder von uns kann, ist, dass er Hilfe holt. Super einfach: 110.“
Für Hand beginnt Resilienz ohnehin im Kleinen. Wer nicht darüber nachdenke, welche persönlichen Daten er im Internet preisgibt, wie er nach einer Feier sicher nach Hause kommt oder welche alltäglichen Gefahren entstehen können, werde sich auch mit großen Krisen schwerer tun. „Wenn ich im Kleinen nicht in der Lage bin zu bedenken, was könnte sein, und keinen Plan B habe, dann bin ich es auch in großen Situationen eher nicht.“
Dass innere Sicherheit unmittelbar mit funktionierender Infrastruktur verbunden ist, machte Hannes Lindhuber deutlich. Die Stadtwerke München stehen für Strom, Wärme, Gas und Wasser, aber ebenso für Telekommunikation, öffentlichen Nahverkehr und Ladeinfrastruktur. Damit betreiben sie wesentliche Lebensadern der Stadt.
Ein wichtiges Prinzip sei Redundanz. Das sogenannte N-1-Prinzip soll dafür sorgen, dass eine zentrale Infrastrukturkomponente ausfallen kann, ohne dass dadurch das gesamte System zusammenbricht. Hinzu kommen kleinteilige Netzstrukturen und zahlreiche Querverbindungen.
Interessant war Lindhubers Hinweis auf die Energiewende. Eine stärker dezentrale und regionale Erzeugung erneuerbarer Energie könne auch die Widerstandsfähigkeit erhöhen: Die Versorgung verteile sich auf mehr Erzeugungsanlagen und werde dadurch weniger abhängig von einzelnen großen Kraftwerken.
Gleichzeitig warnte Lindhuber davor, Sicherheit vor allem über zusätzliche Bürokratie herstellen zu wollen. Europäische und nationale Regelwerke zur Cyber- und Infrastruktursicherheit verfolgten zwar die richtigen Ziele, doch aus Sicht eines Betreibers fließe zu viel Kraft in Dokumentations- und Nachweispflichten. „Eigentlich wird versucht, Sicherheit durch Akten zu schaffen und nicht durch wirksame Maßnahmen.“
Hinzu kommt ein Dilemma zwischen Transparenz und Sicherheit. Wo genau befinden sich Anlagen? Wie funktionieren sie? Welche Kapazitäten haben sie? Solche Informationen können journalistisch oder gesellschaftlich von berechtigtem Interesse sein – zugleich können sie potenziellen Angreifern helfen. Auch Führungen durch technische Anlagen müssten deshalb heute anders bewertet werden als noch vor einigen Jahren.
„Es ist ein Angriff auf unsere Lebensgrundlagen“, sagte Lindhuber über gezielte Attacken auf kritische Infrastruktur. Er begrüßte, dass solche Angriffe inzwischen wesentlich ernster genommen würden als noch vor zehn oder zwölf Jahren, als Beschädigungen von Kabel- oder Netzinfrastruktur teilweise eher als gewöhnlicher Vandalismus wahrgenommen worden seien.
Resilienz kostet allerdings Geld. Redundante Netze, Schutzmaßnahmen und zusätzliche Infrastruktur müssen finanziert werden, obwohl sie im besten Fall niemals gebraucht werden. Lindhuber forderte deshalb langfristig verlässliche Rahmenbedingungen. Sein Fazit: „Es ist ein Marathon, es ist kein Sprint.“ Resilienz entstehe durch Vorsorge und nicht erst in der Krise.
Wilko Beinlich vom Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen brachte die Perspektive des Krisenmanagements in die Diskussion ein. Das BayZBE trainiert Einsatzkräfte für Situationen, die über den normalen Rettungsdienst hinausgehen: Massenanfälle von Verletzten, Anschläge, aktive Täter, Naturkatastrophen oder länger andauernde Krisen.
Beinlich kritisierte eine gesellschaftliche und politische Neigung, erst auf Katastrophen zu reagieren, statt vorher konsequent vorzusorgen. „Wir sind immer noch reaktiv“, sagte er. Viele Sicherheitsstandards seien historisch erst eingeführt worden, nachdem Katastrophen ihre Notwendigkeit brutal bewiesen hätten.
Ein Problem sei dabei die von ihm so bezeichnete „Katastrophendemenz“. Nach einer Krise würden Konzepte entwickelt, Erfahrungen ausgewertet und Verbesserungen versprochen. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand lasse die Aufmerksamkeit jedoch wieder nach. Dabei sei die nächste Krise keine theoretische Möglichkeit. „Es ist keine Frage, ob die Krise wieder eintreffen wird, sondern eher wann.“
Beinlich brachte seine Forderung nach mehr praktischem Handeln mit einem Satz auf den Punkt, der im PresseClub für Aufmerksamkeit sorgte: „Machen ist wie wollen, nur geiler.“
Mehr Investitionen in Bevölkerungsschutz seien aus seiner Sicht kein verlorenes Geld, selbst wenn die befürchtete Krise nicht eintrete. Würden Hilfsorganisationen, Ehrenamt, Polizei und Bevölkerungsschutz gestärkt und die erwartete extreme Lage bliebe aus, habe die Gesellschaft trotzdem gewonnen: Sie verfüge dann über besser ausgestattete Strukturen, die ebenso bei Hochwasser, Hitze, Sturm oder anderen Katastrophen eingesetzt werden könnten.
Wie wichtig dabei gesellschaftlicher Zusammenhalt ist, zeigte Beinlich am Beispiel von Hochwasserereignissen. Nicht allein Feuerwehr, THW oder Rettungsdienste seien entscheidend. Oft seien es Nachbarn, die Pumpen bereitstellten, Keller leer räumten oder älteren Menschen halfen. „Die Menschen helfen sich, und dieser Staat funktioniert auch ziemlich gut“, sagte Beinlich.
Genau dort trafen sich die unterschiedlichen Perspektiven des Podiums. Resilienz bedeutet nicht, aus jedem Bürger einen „Prepper“ mit Generator, Treibstoff und riesigen Lebensmittelvorräten zu machen. Vielmehr geht es um überschaubare Vorsorge, Information und Nachbarschaftshilfe.
Strzedulla verwies auf Angebote wie „Krisenscout“-Veranstaltungen, bei denen Bürger erfahren können, wie sie sich auf Ausfälle und Notlagen vorbereiten. Beinlich empfahl darüber hinaus die Informationen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Schon die Frage, wie ein Haushalt die ersten Tage einer Krise überstehen kann, könne viel bewirken. Und manchmal beginne Resilienz schlicht damit, beim älteren Nachbarn zu klingeln, wenn dort seit Tagen niemand gesehen wurde.
Ein weiterer Schwerpunkt des Abends waren neue technologische Bedrohungen. Daniela Hand schilderte, dass auch die Polizei ihre Kommunikation und den Umgang mit sensiblen Informationen ständig neu bewerten müsse. In Zeiten von Smartphones und digitaler Kommunikation reiche klassische Verschlusssachensicherheit nicht mehr aus. Selbst scheinbar belanglose Informationen könnten zusammengesetzt ein aussagekräftiges Bild ergeben.
Das gelte auch für die Beschäftigten kritischer Infrastruktur, ergänzte Lindhuber. In sozialen Netzwerken sei es selbstverständlich geworden, über den Arbeitsplatz, Veranstaltungen und berufliche Kontakte zu berichten. Was einzeln harmlos erscheine, könne in der Summe sicherheitsrelevant werden. Unternehmen müssten deshalb ihre Beschäftigten stärker für einen verantwortungsvollen Umgang mit Informationen sensibilisieren.
Auch Drohnen waren Thema. Auf die Frage, ob München gegen mögliche Drohnenangriffe ausreichend geschützt sei, verwies Hand auf die entstehenden Strukturen zur Drohnenabwehr. Absolute Sicherheit könne es allerdings nicht geben. Technologische Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten entwickelten sich permanent weiter.
Beinlich wiederum machte deutlich, dass moderne Technik nicht ausschließlich als Bedrohung betrachtet werden dürfe. Gerade künstliche Intelligenz könne im Katastrophenschutz helfen, riesige Datenmengen aus Sensoren und unterschiedlichen Quellen zu einem Lagebild zusammenzuführen. Entscheidend sei, die chaotische Anfangsphase einer Krise möglichst schnell in eine „Strukturierungsphase“ zu überführen. Je besser Informationen zusammengeführt würden, desto eher könnten Einsatzleitungen „vor die Lage kommen“, statt ihr hinterherzulaufen.
Am Ende kehrte die Diskussion zu ihrem Ausgangspunkt zurück: Demokratie braucht Menschen, die sich beteiligen.
Gerade bei jungen Menschen sieht Strzedulla Anlass zu Optimismus. Die Bereitschaft, sich bei Feuerwehr, THW, Rettungsorganisationen oder Vereinen zu engagieren, sei vorhanden – zunehmend auch bei Mädchen und jungen Frauen. Es müsse gelingen, ihnen Strukturen anzubieten, in denen dieses Engagement wachsen könne.
„Jeder und jede kann sich da einbringen – mit ihren Strukturen, mit ihren Kapazitäten, mit ihrem Engagement, ihrer Motivation, egal ob groß oder klein“, sagte Strzedulla zum Abschluss.
So blieb nach der Diskussion im PresseClub München weniger das Bild einer hilflosen Gesellschaft als vielmehr das einer Gesellschaft mit erheblichen Ressourcen – wenn sie diese nutzt. Polizei, Hilfsorganisationen und Infrastrukturbetreiber können vorsorgen, trainieren und investieren. Doch Resilienz lässt sich nicht vollständig delegieren.
Sie beginnt auch beim Einzelnen: mit einem Notruf, mit einem Vorrat für einige Tage, mit dem verantwortungsvollen Umgang mit Informationen, mit dem Blick auf den Nachbarn und nicht zuletzt mit der Bereitschaft, sich für andere zu engagieren. In diesem Sinne bekam das Motto des Abends eine zusätzliche Bedeutung: Demokratie braucht Haltung – und Widerstandsfähigkeit braucht Gemeinschaft.
„Erdbeben“ gehört zu jener wunderbaren Ära des Katastrophenfilms, in der Hollywood keine halben Sachen machte. Wenn schon die Welt untergeht, dann bitte auf der großen Leinwand, mit einem gewaltigen Staraufgebot, spektakulären Miniaturen, berstendem Beton und einem Orchester, das den Untergang mit angemessenem Pathos begleitet. Mark Robsons Film aus dem Jahr 1974 ist ein geradezu exemplarisches Stück dieses Kinos – und zugleich ein faszinierendes Zeitdokument. Ich präsentiere diesen Klassiker bei meiner Matinee im Scala am Sonntag, 20. September im Scala Fürstenfeldbruck um 10:45 Uhr. Karten gibt es hier.
Im Mittelpunkt steht Los Angeles, das von einem verheerenden Erdbeben getroffen wird. Doch bevor Straßen aufreißen, Häuser einstürzen und Menschen um ihr Leben kämpfen, nimmt sich der Film erstaunlich viel Zeit für seine Figuren. Charlton Heston spielt den Bauingenieur Stewart Graff, dessen Ehe mit Remy, dargestellt von Ava Gardner, längst in einer schweren Krise steckt. Dazu kommen George Kennedy als Polizist, Lorne Greene, Geneviève Bujold, Richard Roundtree und weitere bekannte Gesichter. Wie bei den großen Katastrophenfilmen jener Zeit werden zunächst zahlreiche persönliche Geschichten aufgebaut, bevor das Unglück sie miteinander verbindet.
Gerade darin liegt heute ein Teil des Charmes. „Erdbeben“ stammt aus einer Zeit, als ein Katastrophenfilm noch nicht aus einer pausenlosen Folge digitaler Zerstörungsorgien bestand. Die Katastrophe musste vorbereitet werden. Das Publikum sollte die Menschen kennenlernen, deren Leben später buchstäblich aus den Fugen gerät. Manche Figurenzeichnung erscheint aus heutiger Sicht melodramatisch, gelegentlich sogar herrlich überzogen. Doch genau dieses Pathos gehört zum Genre.
Wenn schließlich das große Beben einsetzt, zeigt „Erdbeben“, weshalb der Film damals ein Ereignis war. Die Spezialeffekte verbinden aufwendige Modellbauten, Matte Paintings, reale Sets und Stuntarbeit zu eindrucksvollen Bildern der Zerstörung. Nicht alles hält heutigen Sehgewohnheiten stand, aber vieles besitzt eine physische Qualität, die modernen CGI-Bildern manchmal fehlt. Gebäude scheinen tatsächlich Gewicht zu haben, Trümmer tatsächlich zu fallen. Man spürt, dass hier Kulissen gebaut wurden, damit sie anschließend spektakulär zerstört werden konnten.
Legendär wurde zudem das für den Film entwickelte Sensurround-Verfahren. Besonders tiefe Bassfrequenzen sollten im Kinosaal nicht nur gehört, sondern körperlich gespürt werden. Sitze und Wände vibrierten, wenn das Erdbeben über Los Angeles hereinbrach. „Erdbeben“ wollte damit mehr sein als ein Film: Es sollte ein Kinoereignis werden, bei dem die Technik selbst Teil der Inszenierung war. Für das Publikum der siebziger Jahre muss diese akustische Attacke enorm gewesen sein.
Und dann ist da John Williams. Seine Musik entstand unmittelbar vor jener Phase, in der er mit „Der weiße Hai“, „Star Wars“ und „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ endgültig zu einem der bedeutendsten Filmkomponisten Hollywoods aufstieg. Schon in „Erdbeben“ versteht Williams es, menschliches Drama und großes Spektakel musikalisch miteinander zu verbinden.
Natürlich ist der Film ein Kind seiner Zeit. Rollenbilder, Dialoge und manche dramatische Zuspitzung wirken heute antiquiert. Charlton Heston ist wieder jener nahezu unerschütterliche Mann, den Hollywood besonders gern ins Zentrum existenzieller Krisen stellte. Und Ava Gardner war in Wirklichkeit nur wenige Jahre älter als Heston, obwohl ihre Figur teilweise deutlich älter inszeniert wird – eine jener Merkwürdigkeiten des damaligen Starsystems.
Doch gerade deshalb sollte man „Erdbeben“ nicht allein mit den Maßstäben heutiger Blockbuster betrachten. Der Film gehört zusammen mit Werken wie „Airport“, „Die Höllenfahrt der Poseidon“ und „Flammendes Inferno“ zu einer Epoche, in der der Katastrophenfilm zu einem der großen Publikumsmagneten Hollywoods wurde. Das Rezept war einfach und wirkungsvoll: Stars, private Konflikte, eine gewaltige Bedrohung und die Frage, wer am Ende überlebt.
Fünf Jahrzehnte später besitzt „Erdbeben“ vielleicht nicht mehr denselben Schrecken wie 1974. Dafür hat er etwas anderes gewonnen: nostalgischen Glanz. Es ist großes, manchmal pathetisches, manchmal unfreiwillig komisches, aber mit beeindruckendem handwerklichem Aufwand produziertes Hollywoodkino. Ein Film aus einer Zeit, in der man für die Illusion einer zusammenbrechenden Stadt tatsächlich Modelle baute, Kulissen zerlegte und das Kino zum Vibrieren brachte.
Und wenn heute beim Abspann die Erde längst wieder stillsteht, bleibt vor allem die Erinnerung daran, was ein Katastrophenfilm einmal sein konnte: ein Ereignis, für das die große Leinwand nicht nur die beste, sondern eigentlich die einzig richtige Bühne war.
Ich präsentiere diesen Klassiker bei meiner Matinee im Scala am Sonntag, 20. September im Scala Fürstenfeldbruck um 10:45 Uhr. Karten gibt es hier.
Es gibt Geschichten, die uns ein Leben lang begleiten. Geschichten, deren Figuren irgendwann zu alten Freunden werden, deren Orte wir kennen, obwohl wir niemals dort gewesen sind. Das Auenland gehört dazu. Bruchtal. Moria. Mordor. Und natürlich Mittelerde selbst. J.R.R. Tolkien hatte mit „Der Herr der Ringe“ nicht einfach einen Fantasyroman geschrieben – er hatte eine Welt erschaffen, in die Generationen von Leserinnen und Lesern immer wieder zurückkehrten. Im Scala Kino Fürstenfeldbruck öffnete sich bei unserer Matinee noch einmal das Tor zu dieser Welt. Die nächste Matinee dreht sich um den Katastrophenklassiker Erdbeben von 1974. am Sonntag, 20. September im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.
Wir zeigten und besprachen Ralph Bakshis „Der Herr der Ringe“ aus dem Jahr 1978 – einen Film, der vielleicht nicht perfekt war, aber etwas besaß, das man bei vielen perfekt durchgestylten Produktionen unserer Tage schmerzlich vermisst: Mut, Eigenwilligkeit und eine geradezu wilde filmische Fantasie. Lange bevor Peter Jackson Mittelerde mit seiner monumentalen Filmtrilogie endgültig zum weltweiten Kinoereignis machte, wagte sich Ralph Bakshi an das scheinbar Unmögliche. Hier die Aufzeichnung meines Vortrags.
1978 wollte er Tolkiens gewaltiges Epos auf die Leinwand bringen. Ohne digitale Armeen, ohne computergenerierte Landschaften und ohne jene technischen Möglichkeiten, die für uns heute selbstverständlich sind. Was Bakshi dafür hatte, waren Zeichnungen, Farben, Schauspieler, eine Kamera – und eine Vision. Und was für eine Vision! Bakshi verband klassische Zeichentrickanimation mit der damals spektakulären Rotoskopie-Technik. Schauspieler wurden zunächst real gefilmt, ihre Bewegungen anschließend Bild für Bild in Animation übertragen und verfremdet. Dadurch entstand ein visueller Kosmos, der unverwechselbar blieb. Manchmal wunderschön, manchmal düster, manchmal beinahe gespenstisch. Besonders die Schwarzen Reiter, die Orks und die großen Schlachten wirkten wie Gestalten aus einem fiebrigen Traum.
Dieser „Herr der Ringe“ sah nicht aus wie Peter Jacksons Mittelerde. Er wollte es auch gar nicht. Bakshis Welt besaß ihre ganz eigene Seele. Und gerade deshalb lohnte es sich, diesen Film wiederzuentdecken. Im Mittelpunkt stand natürlich Frodo Beutlin. Ein kleiner Hobbit, dem eine Aufgabe zufiel, die eigentlich viel zu groß für ihn war. Der Eine Ring musste vernichtet werden. Gemeinsam mit seinen Gefährten verließ Frodo die Sicherheit des Auenlandes und machte sich auf den Weg in eine Welt, die immer bedrohlicher wurde. Doch hinter Orks, Ringgeistern, Zauberern und gewaltigen Schlachten steckte jene Geschichte, die Tolkiens Werk so berührend machte. Es ging um Freundschaft und Loyalität. Um Versuchung und Macht. Um die Frage, ob ein Einzelner überhaupt etwas gegen eine scheinbar überwältigende Dunkelheit ausrichten konnte. Und es ging um Hoffnung.
Vielleicht war genau das der Grund, warum „Der Herr der Ringe“ nie wirklich alt wurde. Frodo war kein strahlender Superheld. Sam war kein großer Krieger. Die Hobbits waren kleine Wesen aus einem friedlichen Land, die plötzlich mit Dingen konfrontiert wurden, die ihre Vorstellungskraft überstiegen. Und trotzdem gingen sie weiter. Schritt für Schritt. Gerade darin lag die ungeheure emotionale Kraft dieser Geschichte. Bakshis Film besaß allerdings auch eine tragische Seite. Eigentlich sollte seine Adaption weitergehen. Doch dazu kam es nicht. Der Film endete, bevor Tolkiens große Geschichte abgeschlossen war. Jahrzehntelang wurde ihm genau das vorgeworfen. Doch vielleicht machte gerade dieses Unvollendete einen Teil seiner Faszination aus. Bakshis „Der Herr der Ringe“ wirkte wie ein gewaltiger Entwurf, wie ein Traum von Mittelerde, der plötzlich abbrach. Was geblieben war, hatte Filmgeschichte geschrieben.
Viele Bilder und Inszenierungsideen wirkten erstaunlich vertraut, wenn man später Peter Jacksons Filme gesehen hatte. Bakshi bewies bereits 1978, dass Tolkiens Welt auf die Kinoleinwand gehörte. Sein Film wurde damit zu einem wichtigen Wegbereiter für das moderne Fantasykino. Und deshalb gehörte dieses Werk auch genau dorthin zurück: ins Kino. Nicht auf den kleinen Bildschirm eines Smartphones. Nicht nebenbei auf einem Tablet. Sondern in einen dunklen Kinosaal, auf eine große Leinwand, gemeinsam mit anderen Menschen. Genau das machte unsere Matinee im Scala Fürstenfeldbruck zu einem besonderen Erlebnis. Wenn die Landschaften Mittelerdes auf der großen Leinwand aufleuchteten, wenn die Gefährten ihre Reise begannen und die bedrohlichen Schatten Mordors näher rückten, zeigte sich wieder einmal, was nur Kino wirklich kann: Für einige Stunden verschwand die Welt vor der Tür. Für Tolkien-Fans war diese Matinee deshalb mehr als eine nostalgische Begegnung mit einem Film von 1978. Sie war eine Reise zurück zu einer Zeit, in der Fantasy im Kino noch ein Wagnis bedeutete. Eine Zeit, in der Filmemacher Lösungen erfinden mussten, weil es die technischen Möglichkeiten unserer Gegenwart schlicht noch nicht gab. Und für diejenigen, die Bakshis Film zum ersten Mal sahen, bot sich die Gelegenheit, eine andere Version von Mittelerde kennenzulernen: rauer, fremder, experimenteller und manchmal geradezu psychedelisch – aber voller Leidenschaft für Tolkiens Welt.
Fast fünf Jahrzehnte nach seiner Entstehung besaß Ralph Bakshis „Der Herr der Ringe“ noch immer diese eigentümliche Magie. Vielleicht gerade deshalb, weil er nicht perfekt war. Man sah das Experiment, man spürte das Risiko und man erkannte hinter jedem Bild den Versuch, etwas eigentlich Unverfilmbares sichtbar zu machen. Unsere Matinee im Scala Kino Fürstenfeldbruck war deshalb nicht einfach nur die Vorführung eines alten Animationsfilms. Sie war eine Begegnung mit einem Stück Filmgeschichte – und eine gemeinsame Reise in eine Welt, die seit Generationen unsere Fantasie beflügelt. Für einen Vormittag hatten wir das Auenland unseres Alltags verlassen. Der Weg war lang. Mordor war weit. Aber wir waren wieder in Mittelerde.
Die nächste Matinee dreht sich um den Katastrophenklassiker Erdbeben von 1974. am Sonntag, 20. September im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.
Es gibt Dystopien, die ihre Zukunft möglichst fremd aussehen lassen. Und es gibt Dystopien, deren eigentliche Stärke darin besteht, dass ihre Zukunft erschreckend vertraut wirkt. „Corpus Delicti“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Lena Stahls Verfilmung des gleichnamigen Romans von Juli Zeh erzählt von einer Gesellschaft, die auf den ersten Blick beinahe beneidenswert erscheint: Die Menschen sind gesund, der Staat sorgt für Sicherheit, Krankheiten werden bekämpft und wissenschaftliche Erkenntnisse bestimmen politische Entscheidungen. Vernunft scheint über Ideologie gesiegt zu haben. Und genau darin liegt der Schrecken. Denn „Corpus Delicti“ erzählt nicht von einer klassischen Diktatur mit Uniformen, Aufmärschen und allgegenwärtiger sichtbarer Gewalt. Die Herrschaft trägt hier das freundliche Gesicht der Fürsorge. Sie verspricht Gesundheit, Sicherheit und ein langes Leben. Dafür verlangt sie Daten, Kontrolle, Disziplin und die Bereitschaft, das eigene Verhalten den Vorgaben des Systems unterzuordnen. Freiheit verschwindet nicht mit einem großen Knall, sondern wird Stück für Stück gegen vermeintliche Sicherheit eingetauscht.
Der Film basiert auf Juli Zehs 2009 erschienenem Roman, dessen gesellschaftspolitische Sprengkraft über die Jahre eher größer als kleiner geworden ist. Zeh entwarf darin eine Gesundheitsdiktatur des 21. Jahrhunderts, in der körperliches Wohlergehen zur höchsten Bürgerpflicht erhoben wird. Lena Stahl macht daraus einen dystopischen Thriller, der politische Fragen mit einer sehr persönlichen Geschichte verbindet.
Hinter der Kamera ist der Film prominent besetzt. Die Kamera führt Philipp Haberlandt, die Musik stammt von Volker Bertelmann und Lennart Saathoff. Bertelmann – international auch als Hauschka bekannt – gewann für „Im Westen nichts Neues“ den Oscar für die beste Filmmusik. Hoffe, dass der Score auf Vinyl erscheint.
Im Mittelpunkt steht Mia Holl, gespielt von Hannah Herzsprung. Mia ist Wissenschaftlerin und zunächst keineswegs eine Rebellin. Im Gegenteil: Sie gehört zu jener Gesellschaft, die auf Rationalität, Messbarkeit und wissenschaftliche Evidenz vertraut. Das macht die Figur so interessant. Sie kämpft nicht gegen das System, weil sie grundsätzlich gegen Regeln wäre. Sie beginnt erst dann zu zweifeln, als ihr Bruder Moritz des Mordes beschuldigt wird. Die Beweise scheinen eindeutig. Das System hat seine Daten, seine Analysen und seine wissenschaftlich abgesicherten Schlussfolgerungen. Für die sogenannte Methode ist der Fall damit praktisch erledigt. Doch Mia glaubt an die Unschuld ihres Bruders. Plötzlich kollidieren zwei Wahrheiten miteinander: die Wahrheit der Daten und die Wahrheit persönlicher Erfahrung.
Aus diesem Konflikt entwickelt „Corpus Delicti“ seine stärkste Idee. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Wissenschaft nicht mehr als Methode des Zweifelns begreift, sondern aus ihren Ergebnissen eine politische Unfehlbarkeit konstruiert? Wissenschaft lebt eigentlich davon, dass Erkenntnisse überprüfbar, Hypothesen widerlegbar und Ergebnisse diskutierbar bleiben.
Das System in „Corpus Delicti“ hat diesen Grundgedanken pervertiert. Es benutzt Wissenschaft nicht mehr ausschließlich als Werkzeug der Erkenntnis, sondern als Legitimation von Macht. Wer widerspricht, erscheint deshalb nicht einfach als politischer Gegner. Er wird zum Gegner der Vernunft erklärt. Das ist wesentlich gefährlicher. Hannah Herzsprung ist für diese Geschichte eine ausgezeichnete Besetzung, denn Mia Holl braucht keine klassische Actionheldin zu sein. Ihre eigentliche Bewegung findet im Denken statt. Aus einer Frau, die an die Rationalität des Systems glaubt, wird eine Zweiflerin. Und in einem System, das keinen Zweifel duldet, wird bereits das Stellen einer Frage zum revolutionären Akt. Ihr Bruder Moritz, gespielt von Damian Hardung, steht stärker für Individualität, Freiheit und die Möglichkeit, unvernünftig sein zu dürfen. Gerade darin steckt eine der faszinierendsten Fragen des Stoffes: Hat ein Mensch ein Recht darauf, ungesund zu leben? Darf er Risiken eingehen? Darf er seinem Körper schaden? Und wo endet die Verantwortung des Staates für seine Bürger?
„Corpus Delicti“ verweigert sich der einfachen Antwort. Natürlich ist Gesundheit etwas Positives. Natürlich wünschen wir uns Schutz vor Krankheiten, und selbstverständlich können wissenschaftliche Erkenntnisse Leben retten. Die Dystopie funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie nicht auf einem offensichtlich bösen Gedanken basiert. Die Methode beginnt mit einem Versprechen, dem kaum jemand widersprechen würde: Wir wollen, dass Menschen gesund sind. Das Problem entsteht erst durch den nächsten Schritt: Deshalb müssen sie gesund sein. Aus einem Recht wird eine Pflicht, aus Fürsorge wird Kontrolle, aus Prävention wird Überwachung und aus dem Menschen schließlich ein Datensatz.
Besonders interessant ist dabei Heinrich Kramer, verkörpert von Alexander Fehling. Kramer ist Journalist, aber keineswegs automatisch Vertreter einer freien, kritischen Öffentlichkeit. Gerade diese Figur zeigt, wie wichtig Sprache für autoritäre Systeme ist. Macht funktioniert nicht ausschließlich durch Polizei und Gerichte. Sie funktioniert über Begriffe, Erzählungen und öffentliche Deutung. Wer bestimmt, wer vernünftig ist? Wer entscheidet, wer radikal ist? Wann wird aus einem Zweifler ein Staatsfeind? Damit berührt „Corpus Delicti“ einen hochaktuellen Kern politischer Kommunikation. Ein System muss seine Gegner nicht unbedingt zum Schweigen bringen, wenn es ihm gelingt, ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Wer außerhalb des akzeptierten Meinungskorridors steht, kann als irrational, gefährlich oder gesellschaftsschädlich markiert werden.
Lena Stahl setzt dabei bewusst auf die Mechanismen eines Thrillers. Das ist für die Verfilmung eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Juli Zehs Roman ist stark von philosophischen und juristischen Auseinandersetzungen geprägt. Literatur kann lange Gedankenräume öffnen, Argumente gegeneinanderstellen und innere Widersprüche ausführlich untersuchen. Kino braucht dagegen Bilder, Konflikte und Bewegung. Die Suche nach der Wahrheit über Moritz wird deshalb zum dramaturgischen Motor. Mia gerät immer tiefer in einen Apparat hinein, dessen Macht sie zuvor selbst akzeptiert hat. Je mehr sie zweifelt, desto stärker wird sie vom System beobachtet. Schließlich wird aus der Wissenschaftlerin selbst eine Verdächtige. Darin besitzt die Geschichte eine beinahe kafkaeske Qualität. Mia muss nicht einmal etwas Spektakuläres tun. Schon ihre Abweichung wird zum Problem. Wer sich einem System verweigert, das behauptet, ausschließlich dem Wohl des Menschen zu dienen, muss in dessen Logik irgendwann entweder irrational oder gefährlich sein.
Besonders spannend ist „Corpus Delicti“ deshalb als politischer Film. Die Geschichte lässt sich nicht bequem einer einzigen politischen Richtung zuordnen. Sie handelt von einem grundsätzlichen Konflikt moderner Gesellschaften: Wie viel Freiheit sind wir bereit für Sicherheit aufzugeben? Diese Frage betrifft Gesundheitsdaten ebenso wie digitale Überwachung, biometrische Systeme, Algorithmen oder künstliche Intelligenz. Jede einzelne Technologie kann einen vernünftigen Nutzen besitzen. Problematisch wird es dort, wo aus vielen einzelnen Informationen ein nahezu vollständiges Bild des Menschen entsteht. Wer schläft wann? Wer bewegt sich wie viel? Welche Krankheiten hat jemand? Was isst er? Wo befindet er sich? Mit wem kommuniziert er? Welche Risiken geht er ein? Die technische Möglichkeit, all diese Informationen zu erfassen, führt zwangsläufig zur politischen Frage, wer sie verwenden darf und zu welchem Zweck. Genau hier entfaltet „Corpus Delicti“ seine beklemmende Aktualität. Der Film erzählt letztlich weniger von Gesundheit als von Daten. Gesundheit ist die moralische Legitimation für die Datenerfassung. Denn gegen Überwachung lässt sich protestieren. Gegen Gesundheit zu protestieren klingt dagegen absurd. Darin liegt die Raffinesse des Systems: Es definiert sein politisches Ziel so positiv, dass jeder Widerspruch automatisch verdächtig erscheint.
Der Film stellt damit eine Frage, die weit über seine Handlung hinausweist: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft keine Abweichung mehr erträgt? Demokratie besteht schließlich nicht nur aus Mehrheitsentscheidungen. Sie lebt auch vom Recht des Einzelnen, anders zu leben, anders zu denken und sogar Entscheidungen zu treffen, die andere für falsch halten. Eine vollkommen optimierte Gesellschaft müsste zwangsläufig einen Teil dieser Freiheit beseitigen, denn Freiheit produziert Unordnung. Menschen rauchen, trinken, essen zu viel, schlafen zu wenig, treiben keinen Sport, verlieben sich in die falschen Menschen, glauben Unsinn und treffen schlechte Entscheidungen. Das ist ineffizient, aber es ist menschlich. Die eigentliche Provokation von „Corpus Delicti“ besteht deshalb in dem Gedanken, dass eine vollkommen vernünftige Gesellschaft möglicherweise eine zutiefst unmenschliche Gesellschaft wäre.
Damit liegt „Corpus Delicti“ irgendwo zwischen Science-Fiction-Dystopie, Politthriller und Justizdrama. Die Geschichte erinnert in ihrer Grundidee an Orwell, „Gattaca“ oder auch „Minority Report“, verfolgt aber einen ausgesprochen deutschen, juristisch-politischen Ansatz: Nicht die Technik selbst ist der eigentliche Gegner, sondern die Vorstellung, aus Daten ließe sich eine objektive und unangreifbare Wahrheit ableiten. Wobei ich Gattaca deutlich eleganter und nicht so deutsch sperrig mit dem Zeigefinger empfang. Es werden die Menschen im Film nicht ausschließlich durch Angst kontrolliert. Das System bietet ihnen etwas an: Gesundheit, Sicherheit, Ordnung und die Befreiung von vielen Risiken des Lebens. Auch Parallelen zu „Gattaca“ drängen sich auf. Dort entscheidet genetische Optimierung über gesellschaftliche Möglichkeiten, bei „Corpus Delicti“ ist es die körperliche und gesundheitliche Normierung. In beiden Fällen entsteht Unterdrückung aus dem Versprechen der Verbesserung. Gerade für das deutsche Kino ist dieser Stoff deshalb bemerkenswert. Science-Fiction wird hierzulande noch immer vergleichsweise selten als ernsthafte gesellschaftspolitische Kinogattung verstanden. „Corpus Delicti“ zeigt, welches Potenzial darin steckt. Man braucht keine gigantischen Raumschlachten, um über Zukunft zu erzählen. Manchmal genügt eine Gesellschaft, die beschlossen hat, nur noch das Beste für ihre Bürger zu wollen – und eine Frau, die plötzlich fragt, wer eigentlich bestimmt, was dieses Beste ist.
Vielleicht ist das die entscheidende Stärke von „Corpus Delicti“: Die Geschichte zwingt uns nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit zu wählen. Sie zwingt uns, über die Grenze zwischen Verantwortung und Bevormundung nachzudenken. Wann wird Schutz zur Kontrolle? Wann wird Wissenschaft zum Herrschaftsinstrument? Wann wird Datenerfassung zur Überwachung? Und wann verwandelt sich das Versprechen einer besseren Gesellschaft in die Forderung nach einem besseren Menschen? „Corpus Delicti“ ist deshalb keine Dystopie über eine ferne Zukunft. Es ist eine Warnung vor einem uralten politischen Reflex: dem Wunsch, Menschen zu ihrem eigenen Glück zwingen zu wollen. Der gefährlichste Staat ist vielleicht nicht jener, der offen verkündet, dass ihm der einzelne Mensch gleichgültig ist. Viel schwieriger ist ein Staat zu erkennen, der behauptet, alles nur zu unserem Besten zu tun. Genau deshalb besitzt Juli Zehs Geschichte eine solche Kraft – und genau deshalb ist ihre Verfilmung im Jahr 2026 so bemerkenswert aktuell. Am Ende bleibt eine Frage, die weit über den Kinosaal hinausreicht: Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben, wenn man uns dafür Sicherheit verspricht? Und vielleicht noch wichtiger: Merken wir überhaupt, wann wir sie aufgegeben haben? Der Film läuft 103 Minuten, ist FSK 12 und startet am 1. Oktober 2026.
Ich liebe Flohmärkte. Vielleicht deshalb, weil man nie weiß, was einen erwartet. Es ist ein bisschen wie eine Reise ohne Fahrplan: Man beginnt zu suchen, obwohl man eigentlich gar nicht weiß, wonach. Und manchmal findet man etwas, das man überhaupt nicht gesucht hat. Genau dieses Gefühl hatte ich auf dem großen Flohmarkt am Place du Jeu de Balle im Brüsseler Marollenviertel. Ich habe dieses Mal nichts gekauft, aber sehr viel entdeckt.
Schon beim Betreten des Platzes wurde mir klar: Das hier ist kein sauber durchorganisierter Antiquitätenmarkt, auf dem kostbare Stücke sorgsam ausgeleuchtet hinter Glas präsentiert werden. Hier herrscht das wunderbare Chaos. Kisten stehen auf dem Boden, Gegenstände liegen auf Decken und Tischen, Möbel warten auf neue Besitzer. Dazwischen Händler, Sammler, Touristen, Neugierige und Menschen, die offenbar ganz genau wissen, wonach sie suchen. Ich gehörte eher zur letzten Kategorie – nur ohne zu wissen, was ich suchte. Von einer Freundin bekam ich den Tipp, diesen Flohmarkt zu besuchen.
Hier liegt die Vergangenheit auf dem Pflaster Ich begann zu stöbern. Alte Bücher auf Französisch, ein paar Schallplatten, viele Gläser, Porzellan, Schmuck, Kameras, Besteck, Bilder, Spielzeug, Uhren, Postkarten und Fotografien. Die Vielfalt war enorm, aber bei mir funkte es nicht. Zum einen scheute ich die Verhandlungen auf Französisch, zum anderen war im Koffer eigentlich kein Platz mehr. Aber schauen kostet ja nichts. Dazwischen immer wieder Dinge, deren Funktion sich mir nicht auf Anhieb erschloss.
Besonders alte Fotografien ziehen mich magisch an. Fremde Menschen schauen darauf in die Kamera, ernst oder lachend, elegant gekleidet oder mitten im Alltag. Irgendwann war dieses Foto für jemanden wichtig. Es stand vielleicht auf einem Schreibtisch oder lag Jahrzehnte in einem Familienalbum. Jetzt liegt es für ein paar Euro auf einem Brüsseler Flohmarkt. Wer waren diese Menschen? Was wurde aus ihnen? Wer hat das Foto aufgenommen? Natürlich bekomme ich darauf keine Antwort. Aber vielleicht braucht es die auch gar nicht.
Während ich zwischen den Ständen unterwegs war, merkte ich wieder, warum mich Flohmärkte faszinieren. Jeder Gegenstand besitzt eine Vergangenheit. Manches ist aber auch einfach nur Müll. Eine alte Tasse ist eben nicht nur eine alte Tasse. Vielleicht stand sie jeden Morgen auf demselben Küchentisch. Eine Schallplatte wurde möglicherweise hundertmal aufgelegt, bis jede Note vertraut war. Mit einem alten Spielzeugauto hat vielleicht ein Kind stundenlang auf dem Wohnzimmerboden gespielt. Ich habe ein paar interessante französisches Platten mit Chansons entdeckt, aber aufgrund des Transportproblems die Scheiben nicht gekauft.
Vielleicht hätte ich die eine oder andere Postkarte gekauft, aber dann setzte der Verstand ein. Was soll ich damit? Aber die Geschichten dahinter sind interessant. Postkarten haben oft eine Reise hinter sich und können eine Geschichte erzählen. Jemand hat sie ausgesucht, ein paar persönliche Worte geschrieben, eine Briefmarke aufgeklebt und sie einem Menschen geschickt, an den er gerade dachte. Heute landet sie in einer Kiste auf dem Place du Jeu de Balle. Ich finde solche Gedanken wunderbar, eine Recherche-Arbeit für einen Geschichtenerzähler.
Der Flohmarkt gehört zu den Marollen, einem der charaktervollsten Viertel Brüssels. Hier begegnet mir eine andere Stadt als auf dem prachtvollen Grand-Place oder in den eleganten Galeries Royales Saint-Hubert. Das Brüssel der Marollen ist rauer, lebendiger und weniger herausgeputzt. Es sind aber auch viele Taschendiebe unterwegs, also nicht allzu offen umherschreiten und Taschen eng am Körper tragen.
Das Schönste an diesem Flohmarkt ist für mich der Zufall. Im Internet finde ich heute innerhalb weniger Sekunden fast alles. Ich gebe einen Begriff ein und bekomme tausende Treffer. Algorithmen schlagen mir anschließend noch vor, was mir ebenfalls gefallen könnte. Auf dem Flohmarkt funktioniert die Welt anders. Hier muss ich schauen, genau hinschauen und ich muss aber auch den finanziellen Wert einer Ware einschätzen können. Ich muss eine Kiste durchwühlen, mich bücken, einen Gegenstand umdrehen und manchmal erst den Staub wegwischen. Kein Algorithmus hätte es mir vorgeschlagen. Klar ist: Auf diesem Markt gibt es jede Menge Krempel. Dinge, die ich nicht einmal geschenkt haben möchte. Kuriositäten, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt jemand aufgehoben hat. Aber genau das gehört dazu. Denn wer entscheidet eigentlich, was wertvoll ist? Ein Gegenstand kann objektiv nahezu wertlos sein und trotzdem einen ungeheuren persönlichen Wert besitzen. So geht es mir oft. Vielleicht erinnert er mich an meine Kindheit, an meine Großeltern, an eine frühere Reise oder an eine längst verschwundene Welt. Dann wird aus Krempel plötzlich ein Schatz.
Während ich weiter über den Markt ging, kam mir noch ein anderer Gedanke. Wir werfen unglaublich viel weg. Geräte werden ersetzt, obwohl sie noch funktionieren. Möbel verschwinden, weil sie nicht mehr modern sind. Bücher werden aussortiert, Schallplatten abgegeben, Geschirr entsorgt. Auf dem Flohmarkt bekommt all das eine zweite Chance. Das gefällt mir.
Der Flohmarkt auf dem Place du Jeu de Balle gehört für mich zu jenen Orten, an denen man Brüssel besonders unmittelbar erleben kann. Nicht als perfekt inszenierte europäische Hauptstadt, sondern als lebendige Stadt voller Menschen, Erinnerungen und Geschichten. Ich verlasse solche Märkte immer mit dem Gefühl, ein wenig durch die Zeit gereist zu sein.
Krafttraining, Ausdauer und Beweglichkeit gehören zusammen – doch gerade die Beweglichkeit kommt im Trainingsalltag häufig zu kurz. In einer neuen Folge des Podcasts „Dombo bewegt“ geht es deshalb nicht nur um Theorie. Barbara und Norman Dombo demonstrieren im Zentrum für Gesundheit in Maisach, wie sogenanntes Muskellängentraining funktioniert und warum es eine sinnvolle Ergänzung zum klassischen Krafttraining im Zentrum für Gesundheit Maisach sein kann.
Diesmal steht Norman Dombo nicht allein vor dem Mikrofon. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara zeigt er direkt an den Trainingsgeräten, wie sich unterschiedliche Muskelketten gezielt ansprechen lassen. Schauplatz ist der Five-Bereich des Zentrums für Gesundheit. Die dort eingesetzten Geräte sind darauf ausgelegt, Beweglichkeit zu fördern und Muskeln beziehungsweise Muskelketten kontrolliert in die Länge zu bringen. Hier der Videopodcast.
„Ich nenne es immer Muskellängentraining“, erklärt Norman Dombo. Der Begriff sei ihm wichtig, weil es um mehr gehe als um das klassische Dehnen, das viele noch aus dem Sportunterricht kennen. Die Übungen werden gezielt ausgeführt, Positionen gehalten und Bewegungsabläufe durch die Geräte unterstützt.
Die Hüfte wieder beweglicher machen Barbara Dombo übernimmt in der Podcastfolge den praktischen Teil. An der Station „Hip“ demonstriert sie eine Übung für den Hüftbereich. Dabei wird die Muskulatur durch eine kontrollierte Bewegung in eine verlängerte Position gebracht.
„Wir wollen die Muskulatur in der Hüfte etwas dehnen. Das Gerät unterstützt dabei hervorragend“, erläutert Norman Dombo, während seine Frau die Bewegung vormacht. Wichtig seien dabei nicht möglichst große oder schnelle Bewegungen, sondern eine kontrollierte Ausführung und die richtige Körperhaltung.
Gerade die Hüfte ist für die alltägliche Beweglichkeit von großer Bedeutung. Viel Sitzen und einseitige Belastungen können dazu führen, dass Bewegungsabläufe zunehmend eingeschränkt werden. Das Training soll deshalb nicht allein auf Muskelkraft abzielen, sondern den Körper möglichst beweglich halten. Barbara Dombo zeigt dabei, dass die Übungen keineswegs spektakulär aussehen müssen, um anspruchsvoll zu sein. Norman Dombo ist mit der Demonstration jedenfalls zufrieden: „Das war gerade perfekt.“
Muskelketten statt einzelner Muskeln Anschließend wechselt Norman Dombo selbst an ein Gerät. An der „Chest“-Station zeigt er, wie sich größere Muskelketten ansprechen lassen. Dabei wird der Körper kontrolliert nach hinten geführt und über eine bewegliche Rolle abgerollt.
„Für mich ist das wahnsinnig gut, um alles lang zu machen – die gesamte Muskelkette“, erklärt Dombo. Die Geräte lassen sich dabei individuell an Körpergröße und Beweglichkeit anpassen. Entscheidend ist für ihn auch die Dauer der Übungen. „15 bis 20 Sekunden einfach eine Stellung halten“, empfiehlt Dombo. Dabei müsse niemand versuchen, mit Gewalt eine möglichst große Dehnung zu erreichen. Vielmehr gehe es darum, dem Körper Zeit zu geben und die jeweilige Position bewusst einzunehmen.
Das Konzept zieht sich durch den gesamten Trainingsbereich. Verschiedene Stationen widmen sich unterschiedlichen Regionen und Muskelketten. Das Ziel bleibt jedoch gleich: Beweglichkeit erhalten beziehungsweise zurückgewinnen und damit einen Gegenpol zu einseitigem Krafttraining und einem bewegungsarmen Alltag schaffen.
Wenn die Füße mit dem Gehirn kommunizieren Eine Besonderheit im Trainingsbereich ist ein Gerät, das Norman Dombo augenzwinkernd als seinen „Feet-Zauber“ bezeichnet. Über unterschiedliche Kontaktpunkte an den Fußsohlen sollen Reize gesetzt werden. Dombo beschreibt das Prinzip so: „Es ist eine Kombination aus Triggerpunkten und Reflexzonen in den Füßen in Verbindung mit dem Hirn.“ Die gesetzten Reize sollen dazu beitragen, dass der Körper anschließend Bewegungen leichter beziehungsweise mit einem größeren Bewegungsumfang ausführen kann.
Dabei werden nacheinander unterschiedliche Flächen genutzt, die auf den ersten Blick ähnlich aussehen, laut Dombo jedoch verschiedene Punkte an den Fußsohlen ansprechen. Schon wenige Sekunden reichen für die jeweilige Anwendung. Danach wird überprüft, ob sich die Beweglichkeit verändert hat.
Eine Bordsteinkante für die Waden Dass wirkungsvolle Übungen nicht immer komplizierte Maschinen benötigen, zeigt die nächste Station. Ein massiver Granitblock erinnert optisch ein wenig an eine Bordsteinkante. Norman Dombo stellt sich mit dem Vorderfuß auf die Kante und senkt die Fersen kontrolliert ab. „Damit mache ich automatisch die Wadenmuskulatur lang“, erklärt er. Wird zusätzlich der Oberkörper nach vorne gebeugt, erweitert sich die Dehnung. „Dann mache ich gerade die gesamte Muskulatur im Bein lang. Das geht bis in den Rücken hinein.“
Das Beispiel macht deutlich, was Dombo unter Muskellängentraining versteht. Nicht einzelne Muskeln sollen isoliert betrachtet werden. Vielmehr geht es um zusammenhängende Muskelketten und darum, Bewegungen des gesamten Körpers zu verbessern Weitere Stationen widmen sich unter anderem den Faszien. Auch der große Gesäßmuskel, der Gluteus maximus, wird gezielt angesprochen. Barbara Dombo demonstriert die entsprechende Übung: Ein Bein wird erhöht aufgesetzt, anschließend bewegt sich der Oberkörper langsam nach vorne.
Norman Dombo kommentiert die Demonstration mit einem Augenzwinkern: „Sie macht gleich die Königsdisziplin und hält sich gar nicht mehr fest – hervorragend, als ob sie es schon öfter gemacht hätte.“
Kraft allein reicht nicht Hinter der lockeren Atmosphäre der Podcastfolge steckt eine klare Botschaft. Norman Dombo möchte dafür sensibilisieren, Training nicht ausschließlich mit Muskelaufbau und möglichst hohen Gewichten gleichzusetzen. Kraft sei wichtig, Beweglichkeit aber ebenso.
Gerade Menschen, die regelmäßig Krafttraining betreiben, sollten nach seiner Auffassung darauf achten, die Beweglichkeit nicht zu vernachlässigen. Umgekehrt kann Muskellängentraining auch für Menschen interessant sein, die im Alltag viel sitzen oder sich insgesamt zu wenig bewegen. Seine Empfehlung fällt entsprechend eindeutig aus: „Trainiert eure Muskeln nicht nur auf Kraft, sondern dehnt sie regelmäßig, denn das hält euch lange gesund.“
Wer das Konzept kennenlernen möchte, kann den Five-Bereich im Zentrum für Gesundheit in Maisach auch im Rahmen eines Probetrainings ausprobieren. Für Norman Dombo ist ohnehin die praktische Erfahrung entscheidend. Seine abschließende Einladung ist deshalb denkbar unkompliziert: „Einfach ausprobieren, vorbeikommen und machen.“
Damit wird die neue Ausgabe von „Dombo bewegt“ ihrem Namen besonders gerecht. Statt ausschließlich über Bewegung zu sprechen, zeigen Barbara und Norman Dombo diesmal unmittelbar, was damit gemeint ist: bewegen, ausprobieren und erleben, wie unterschiedlich sich Kraft, Beweglichkeit und Muskellänge trainieren lassen.
Brüssel besitzt gewaltige Bauwerke. Das Atomium ragt weithin sichtbar über die Stadt, der Grand-Place überwältigt mit seiner beinahe verschwenderischen Pracht und die Galeries Royales Saint-Hubert erzählen von Eleganz und großbürgerlicher Vergangenheit. Und doch wird Brüssel ausgerechnet von einer Figur verkörpert, die gerade einmal 58 Zentimeter groß ist und seit Jahrhunderten nichts anderes tut, als ziemlich ungeniert in einen Brunnen zu pinkeln. Manneken Pis ist vielleicht das wunderbarste Wahrzeichen, das eine europäische Hauptstadt haben kann.
Denn dieser kleine Junge aus Bronze nimmt sich selbst und damit irgendwie auch seine ganze Stadt nicht besonders ernst. Während andere Metropolen ihre Helden auf Pferde setzen, Feldherren auf monumentale Sockel stellen und Könige in Stein verewigen, präsentiert Brüssel seinen Besuchern einen nackten kleinen Kerl, der ihnen frech entgegenpinkelt. Genau darin steckt viel von dem, was den besonderen Charakter dieser Stadt ausmacht: Humor, Selbstironie, ein wenig Anarchie und die sympathische Weigerung, vor Autoritäten allzu ehrfürchtig den Kopf zu senken.
Wer Manneken Pis zum ersten Mal besucht, erlebt häufig einen fast komischen Moment. Man folgt den Menschen durch die Straßen rund um den Grand-Place, sieht plötzlich eine Ansammlung von Touristen, Smartphones und Kameras – und fragt sich: Wo ist er denn nun? Und dann entdeckt man ihn. So klein. Manche Besucher dürften im ersten Augenblick beinahe enttäuscht sein. Ist das wirklich das weltberühmte Manneken Pis?
Ja, genau das ist es. Und vielleicht gehört diese überraschende Winzigkeit sogar zum Geheimnis seiner Wirkung. Manneken Pis braucht keine Monumentalität. Er muss niemanden beeindrucken. Er steht einfach da, selbstbewusst und unbekümmert, an der Ecke Rue de l’Étuve und Rue du Chêne und tut das, was er seit Jahrhunderten tut.
Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits im 15. Jahrhundert gab es an dieser Stelle einen Brunnen, der zur Wasserversorgung Brüssels gehörte. Die heute berühmte bronzene Gestalt wurde 1619 von Jérôme Duquesnoy dem Älteren geschaffen. Aus einem Bestandteil der städtischen Wasserversorgung entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Identifikationsfigur der Brüsseler Bevölkerung.
Dabei hat der kleine Mann einiges erlebt. Er überstand die Bombardierung Brüssels von 1695, wurde mehrfach gestohlen und beschädigt und entwickelte sich immer stärker zu einem Symbol der Stadt. Das historische Original steht deshalb heute geschützt im Brüsseler Stadtmuseum am Grand-Place. Am bekannten Brunnen befindet sich eine Replik. Das ändert jedoch nichts an der Faszination. Für die Menschen, die sich vor der kleinen Figur versammeln, bleibt es Manneken Pis.
Natürlich wäre Manneken Pis nicht Manneken Pis, wenn es nicht zahlreiche Geschichten darüber gäbe, warum dieser kleine Junge überhaupt dort steht. Eine der schönsten Legenden erzählt von einem Jungen, der Brüssel vor einer Katastrophe gerettet haben soll. Feinde hätten versucht, die Stadt zu zerstören, eine bereits brennende Lunte drohte das Unheil auszulösen. Doch der kleine Junge tat das Naheliegende – zumindest für ihn: Er urinierte darauf und löschte die Lunte. Brüssel war gerettet.
Historisch belegt ist diese Geschichte natürlich nicht. Aber sie passt hervorragend zu Manneken Pis. Andere Städte hätten aus einem solchen Retter vermutlich einen Ritter mit Schwert gemacht. Brüssel lässt einen kleinen Jungen die Stadt retten, weil er zufällig im entscheidenden Augenblick pinkeln musste. Man kann den besonderen Brüsseler Humor kaum schöner zusammenfassen.
Noch ungewöhnlicher ist die Tradition, Manneken Pis einzukleiden. Zu besonderen Anlässen trägt er Uniformen, Trachten, Sportkleidung und zahllose andere Kostüme. Diese Tradition reicht Jahrhunderte zurück, und inzwischen besitzt der kleine Brüsseler eine Garderobe mit weit mehr als tausend Kleidungsstücken. Seine Kostüme sind längst selbst zu einem Stück Stadtgeschichte geworden.
Die Kostüme machen aus der kleinen Brunnenfigur etwas Lebendiges. Manneken Pis ist kein Denkmal, das irgendwann aufgestellt wurde und seitdem unverändert geblieben ist. Er nimmt gewissermaßen am Leben der Stadt teil. Er wird eingekleidet, gefeiert und zum Mittelpunkt kleiner Zeremonien. Vielleicht lieben ihn die Brüsseler deshalb so sehr. Er steht nicht über ihnen. Er ist einer von ihnen.
Doch irgendwann stellte sich eine naheliegende Frage: Warum darf eigentlich seit Jahrhunderten nur ein kleiner Junge öffentlich in einen Brunnen pinkeln? Brüssel wäre nicht Brüssel, wenn die Antwort darauf in einer langen kulturpolitischen Debatte gesucht worden wäre. Stattdessen bekam Manneken Pis weibliche Gesellschaft.
Jeanneke Pis Versteckt in der kleinen Impasse de la Fidélité, der „Gasse der Treue“, sitzt seit 1987 Jeanneke Pis. Auch sie ist aus Bronze, ungefähr 50 Zentimeter groß – und auch sie verrichtet völlig unbekümmert ihr kleines Geschäft. Entworfen wurde sie Mitte der 1980er-Jahre von Denis-Adrien Debouvrie. 1987 wurde sie der Öffentlichkeit präsentiert.
Und Jeanneke ist eine herrliche Erscheinung. Sie hockt da, die Haare zu kleinen Zöpfen gebunden, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen kindlicher Freude, Frechheit und völliger Unbekümmertheit liegt. Wer sie zum ersten Mal entdeckt, muss fast zwangsläufig lächeln.
Dabei ist der Besuch bei Jeanneke ganz anders als die Begegnung mit ihrem berühmten männlichen Gegenstück. Manneken Pis steht mitten im touristischen Trubel. Rund um ihn drängen sich Menschen, Reisegruppen bleiben stehen, Smartphones werden hochgehalten und Souvenirläden verkaufen seine Gestalt in nahezu jeder denkbaren Form.
Jeanneke muss man dagegen beinahe suchen. Man biegt von den belebten Straßen des Zentrums ab und gelangt in die schmale Impasse de la Fidélité. Plötzlich wird die Welt kleiner. Zwischen Häuserfassaden und Gastronomie entdeckt man schließlich die kleine Bronzefigur. Und genau diese Entdeckung macht einen Teil ihres Reizes aus.
Jeanneke wirkt wie ein kleiner Insiderwitz der Stadt. Als hätte Brüssel irgendwann beschlossen: Wenn alle Welt unseren pinkelnden Jungen sehen möchte, dann stellen wir eben noch ein Mädchen dazu. Hinter ihrer Entstehung steckte allerdings auch der Wunsch, mehr Menschen in die damals weniger frequentierte Gasse zu locken. Gleichzeitig wurde Jeanneke zum weiblichen Gegenstück von Manneken Pis und damit augenzwinkernd auch als Zeichen der Gleichberechtigung verstanden. Vor allem aber verkörpert sie ebenfalls die Brüsseler „Zwanze“ – jenen schwer übersetzbaren, respektlosen und selbstironischen Humor der Stadt.
Besonders schön ist die Legende, die sich im Laufe der Zeit um Jeanneke Pis entwickelt hat. Schließlich steht sie nicht irgendwo. Ihre Heimat heißt Impasse de la Fidélité – Gasse der Treue. Wer gemeinsam mit seinem geliebten Menschen Jeanneke besucht, dem soll sie der Überlieferung nach Treue versprechen. Besucher werfen deshalb Münzen in das Becken des Brunnens. So bekommt ausgerechnet diese freche kleine Figur etwas überraschend Romantisches. Vielleicht ist das typisch Brüssel: Selbst die Romantik darf hier ein wenig schräg sein.
Manneken Pis und Jeanneke Pis erzählen gemeinsam viel über Brüssel. Natürlich könnte man beide Figuren als touristische Kuriositäten abtun. Man könnte schnell ein Foto machen, darüber lachen und weitergehen. Aber damit würde man etwas übersehen. Manneken Pis ist über Jahrhunderte zu einem Symbol für die Lebensfreude und die Fähigkeit der Brüsseler zur Selbstironie geworden. Jeanneke führt diesen Gedanken auf ihre eigene Weise fort. Sie ist jünger, versteckter und vielleicht noch ein bisschen frecher.
Beide verweigern sich jeder Form von Pathos. Und vielleicht passen sie gerade deshalb so wunderbar zu Brüssel. Denn diese Stadt lebt von Gegensätzen. Hier stehen prächtige historische Fassaden neben Comic-Wandbildern. Europäische Institutionen treffen auf alte Bierkneipen. Königliche Geschichte begegnet surrealistischem Humor. Pralinen, Pommes, Jugendstil, Jacques Brel, René Magritte und belgisches Bier existieren scheinbar mühelos nebeneinander. Und mittendrin pinkeln zwei kleine Bronzefiguren auf jede Form übertriebener Feierlichkeit.
Für mich liegt genau darin der Zauber von Manneken Pis und Jeanneke Pis. Sie erzählen eine Geschichte darüber, dass eine Stadt nicht immer groß auftreten muss, um eine starke Identität zu besitzen. Manneken Pis ist winzig – und dennoch weltberühmt. Jeanneke Pis versteckt sich in einer Sackgasse – und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis.
Wenn man beide besucht hat, versteht man Brüssel vielleicht ein kleines bisschen besser. Diese Stadt kann prächtig sein, politisch bedeutend, historisch schwergewichtig und europäisch weltläufig. Aber sie besitzt gleichzeitig die wunderbare Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.
Und so stehen beziehungsweise hocken Manneken und Jeanneke dort und erinnern uns an etwas, das vielen großen Denkmälern fehlt: Man muss nicht auf einem hohen Sockel stehen, um ein Wahrzeichen zu sein. Manchmal reichen ein halber Meter Bronze, ein Wasserstrahl und eine gehörige Portion Frechheit.
Brüssel hat eine hohe Kneipendichte und eine noch größere Bierauswahl. Nicht jedes Bier ist für einen an das Reinheitsgebot gewöhnten Bayern genießbar, aber die Auswahl ist enorm. Ich will zwei Kniepern herausstellen, in denen ich in Brüssel zeitweise versumpft bin: Poechenellekelder und
Poechenellekelder Wer Brüssel wirklich spüren möchte, sollte irgendwann die Tür des Poechenellekelder öffnen. Nur wenige Schritte vom Manneken Pis entfernt liegt diese eindrucksvolle Kneipe in der Rue du Chêne – ein Ort, der weniger wie ein gewöhnliches Lokal und mehr wie ein begehbares Stück Brüsseler Seele wirkt. Seit 1991 gehört der Poechenellekelder hier zum Stadtbild und ist längst selbst Teil der Brüsseler Folklore geworden. Die Nähe zum Manneken Pis sorgt dafür, dass natürlich sehr viele Touristen hereinschauen, dessen sollte man sich gewiss sein.
Schon beim Betreten bleibt der Blick überall hängen. Alte Fotografien und Stiche bedecken die Wände, dazu kommen Puppen, Figuren, Plakate und unzählige Erinnerungsstücke rund um Brüssel und natürlich das berühmteste kleine Kerlchen der Stadt: Manneken Pis. Man hat beinahe das Gefühl, in eine über Jahrzehnte zusammengetragene Wunderkammer geraten zu sein. Nichts wirkt glatt oder durchgestylt. Gerade dieses scheinbare Durcheinander macht den Charme aus.
Dann sitzt man zwischen all diesen Geschichten, bestellt sich eines der zahlreichen belgischen Biere und lässt den Raum wirken. Stimmen vermischen sich mit dem Klirren der Gläser, Menschen aus aller Welt sitzen neben Brüsselern, und für einen Moment scheint die hektische Stadt draußen ziemlich weit entfernt zu sein. Der Poechenellekelder versteht sich ganz bewusst als traditionelles Brüsseler „Estaminet“ – als Kneipe, in der man zusammenkommt, erzählt, diskutiert und bei einer Gueuze die Zeit vergisst. Zum Bier habe ich Blauschimmelkäse gegessen.
Besonders schön ist die enge Verbindung zum Manneken Pis. Im März 2026 bekam das Brüsseler Wahrzeichen sogar ein eigenes Poechenellekelder-Kostüm – passend zum 35-jährigen Bestehen des Lokals. Das sagt eigentlich alles über den Stellenwert dieser Kneipe aus: Der Poechenellekelder ist nicht einfach nur ein Platz, an dem Bier ausgeschenkt wird. Er gehört inzwischen selbst zu jener eigentümlichen Mischung aus Humor, Selbstironie, Geschichte und Lebensfreude, die Brüssel so sympathisch macht.
Vielleicht ist genau das das Schönste an diesem Ort: Man kommt wegen eines Bieres hinein und bleibt wegen der Atmosphäre. Und wenn man später wieder hinaus auf die Straße tritt und wenige Meter weiter Manneken Pis begegnet, hat man das Gefühl, Brüssel ein kleines bisschen besser verstanden zu haben.
À La Mort Subite Es gibt Kneipen, in die man auf ein Bier geht. Und es gibt Kneipen, in denen man das Gefühl bekommt, durch eine Tür direkt in eine andere Zeit getreten zu sein. À La Mort Subite gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Nur wenige Schritte von den Galeries Royales Saint-Hubert entfernt liegt dieses legendäre Brüsseler Café in der Rue Montagne aux Herbes Potagères. Wer den großen Gastraum betritt, begegnet einem Brüssel, das sich erstaunlich erfolgreich gegen die Moderne gewehrt hat. Spiegel an den Wänden, lange Sitzbänke, dunkles Holz, alte Fotografien, hohe Decken und dieses warme Licht schaffen eine Atmosphäre, die nicht künstlich auf „historisch“ getrimmt werden musste. Sie ist einfach da. Das Lokal bewahrt bis heute weitgehend den Charakter eines alten Brüsseler Bistros.
Man möchte sich hinsetzen, eine Gueuze oder ein anderes belgisches Bier bestellen und erst einmal schauen. Auf die Kellner, die durch den Raum gehen. Auf die Gäste, die miteinander reden. Auf die Spiegel, in denen sich das Leben der Kneipe vervielfacht. Und irgendwann beginnt man sich vorzustellen, wer hier wohl schon alles gesessen hat. Selbst Jacques Brel gehörte zu den Stammgästen; Künstler, Schriftsteller und Schauspieler gingen hier ein und aus.
Auch der merkwürdige Name erzählt eine herrlich Brüsseler Geschichte. Um 1910 führte Théophile Vossen in der Nähe ein Lokal namens „La Cour Royale“. Gäste der Nationalbank vertrieben sich dort beim Würfelspiel Pitjesbak die Wartezeit. Musste eine Partie schnell beendet werden, entschied ein letzter Wurf über Sieg oder Niederlage – die „Mort Subite“, der plötzliche Tod. Der Ausdruck wurde schließlich zum Namen des Lokals und später auch der Gueuze. 1928 zog das Café an seinen heutigen Standort.
Vielleicht liegt genau darin die Magie von À La Mort Subite. Geschichte wird hier nicht hinter Glas ausgestellt. Man kann sich mitten hineinsetzen. Man bestellt ein Bier, hört das Stimmengewirr, betrachtet die alten Spiegel und lässt für eine Weile die Stadt draußen vorbeiziehen.
Und plötzlich versteht man, dass Brüssel nicht nur aus Grand-Place, Atomium, Manneken Pis und prächtigen Galerien besteht. Brüssel findet auch an einem alten Holztisch statt, vor einem Glas Gueuze, während rundherum geredet, gelacht und getrunken wird.
À La Mort Subite ist keine Kneipe, die man einfach besucht. Es ist ein Ort, den man ein wenig in Erinnerung mitnimmt. Gerne hätte ich hier mein MacBook aufgeschlagen und über die Atomsphäre gebloggt. Leider war das im Hotel eingeschlossen, so blieben nur Notizen.
Wer den Grote Markt in Brüssel betritt, steht nicht einfach auf einem historischen Platz. Er steht inmitten einer Stadtgeschichte, die von Wohlstand und Macht, von Zerstörung und Tod – aber auch von einem beinahe trotzigen Willen zum Wiederaufstehen erzählt. Und bei meinem Besuch erzählte der Platz vor allem das Thema Bier. Es fand ein großes Bierfest statt. Was dann doch noch mal ein paar Touristen mehr anzog. 
Im Herzen von Brussels öffnet sich zwischen den engen Gassen der Altstadt plötzlich ein Raum, der Reisende innehalten lässt. Gold schimmert an reich verzierten Fassaden, steinerne Figuren blicken von den Gebäuden herab, und über allem erhebt sich der filigrane Turm des gotischen Rathauses. Der Grote Markt, auf Französisch Grand-Place, ist die historische Mitte Brüssels – und seit 1998 UNESCO-Weltkulturerbe. Der eindrucksvolle Platz fasziniert mich, obwohl mir zu viele Touristen da waren. Auch Vorsicht vor Taschendieben. Hier ein VR 360 Rundgang über den belebten Platz.
Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits 1174 findet sich eine schriftliche Erwähnung des damaligen „Nedermarckt“, des unteren Marktes. Wo sich heute eines der prachtvollsten Stadtbilder Europas entfaltet, befand sich ursprünglich sumpfiges Gelände am rechten Ufer der Senne. Im Laufe des Mittelalters entwickelte sich der Platz zum wirtschaftlichen und politischen Zentrum Brüssels. Händler kamen hier zusammen, Waren wechselten ihre Besitzer, und rund um den Markt entstanden Häuser, Hallen und öffentliche Gebäude.
Mit dem wachsenden Wohlstand wuchs auch das Selbstbewusstsein der Stadt. Besonders eindrucksvoll verkörpert es das Brüsseler Rathaus. Sein Bau begann zu Beginn des 15. Jahrhunderts; der hoch aufragende Turm wurde zu einem Wahrzeichen kommunaler Macht. Gegenüber steht die Maison du Roi beziehungsweise das niederländische Broodhuis, die heute das Brüsseler Stadtmuseum beherbergt. Ringsum liegen die ehemaligen Häuser mächtiger Zünfte und Korporationen.
Doch der Grote Markt war keineswegs immer nur eine glanzvolle Kulisse. Er wurde auch zum Schauplatz dramatischer Kapitel europäischer Geschichte. 1523 wurden hier die Augustinermönche Hendrik Voes und Jan van Essen als frühe Märtyrer der Reformation verbrannt. 1568 wurden die Grafen Egmont und Hoorn auf dem Platz enthauptet. Hinter den prachtvollen Fassaden liegt damit auch die Erinnerung an religiöse Verfolgung und politische Gewalt.
Die wohl größte Katastrophe traf den Platz jedoch im August 1695. Französische Truppen unter Marschall François de Villeroy beschossen auf Befehl Ludwigs XIV. Brüssel. Das historische Zentrum wurde schwer getroffen, und ein Großteil der Gebäude am Grote Markt ging in Flammen auf. Selbst das Rathaus, eines der Ziele des Angriffs, wurde beschädigt. Von vielen Häusern blieben nur Teile der steinernen Strukturen stehen.
Was anschließend geschah, prägt das Gesicht Brüssels bis heute. Anstatt das zerstörte Zentrum aufzugeben, bauten die Brüsseler ihren Platz innerhalb weniger Jahre wieder auf. Besonders 1697 und 1698 entstanden zahlreiche der zerstörten Häuser neu. Die unterschiedlichen Zünfte schufen prächtige Fassaden mit Giebeln, Skulpturen und vergoldeten Ornamenten. Obwohl jedes Haus seinen eigenen Charakter erhielt, entstand ein erstaunlich geschlossenes Gesamtbild. Aus persönlichen Gründen hat mir das Zunfthaus der Bäcker am besten gefallen. Genau diese Verbindung verschiedener architektonischer und künstlerischer Stile gehört zu den Gründen, weshalb die UNESCO den Platz als außergewöhnliches Kulturerbe anerkennt.
Vielleicht liegt darin die eigentliche emotionale Kraft des Grote Markt: Seine Schönheit ist nicht die Schönheit eines Ortes, der von der Geschichte verschont geblieben ist. Es ist die Schönheit eines Ortes, der zerstört wurde und sich dennoch neu erfand.
Heute ist von der Gewalt jener Augusttage auf den ersten Blick kaum noch etwas zu spüren. Menschen sitzen in Cafés, fotografieren die Fassaden oder stehen am Abend unter den beleuchteten Gebäuden. Feste, Konzerte und traditionelle Veranstaltungen bringen regelmäßig Tausende Besucher auf den Platz. Auch der berühmte Blumenteppich wird hier veranstaltet und verwandelt den steinernen Platz in bestimmten Jahren für kurze Zeit in ein monumentales farbiges Muster. Nun, bei mir war es ein Fest der belgischen Brauereien.
Ich beobachtete eine chinesische Infuenzerin, die aufgeregt und konsequent in ihr Smartphone sprach. Laut Google-Übersetzung ging es um den hervorragenden Geschmack von belgischen Pralinen. Trotz des Wirbels um sie herum, hat die Dame konsequent gestreamt. Es machte mir Spaß ihr bei der Arbeit zuzusenden. Natürlich interessierte ich mich auch für ihr mobiles technisches Equipment.
Zurück zur Geschichte, die überall gegenwärtig bleibt. Im gotischen Rathaus, in den barocken Zunfthäusern und in den vergoldeten Ornamenten steckt die Erinnerung an eine Handelsstadt, die ihren Wohlstand demonstrieren wollte. In den historischen Ereignissen des Platzes zeigt sich zugleich eine dunklere Vergangenheit aus Machtkämpfen, Verfolgung und Krieg.
Die UNESCO bezeichnet den Grote Markt als außergewöhnliches Beispiel für die Entwicklung und die Leistungen einer erfolgreichen nordeuropäischen Handelsstadt auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands. Bemerkenswert ist zudem, dass sich auf dem Platz selbst keine Kirche und kein anderes Gotteshaus befindet. Sein Charakter wurde vielmehr von Handel, städtischer Verwaltung und den mächtigen Korporationen geprägt.
Wer heute mitten auf dem Grote Markt steht und langsam den Blick über die goldenen Fassaden bis hinauf zum Rathausturm wandern lässt, sieht deshalb weit mehr als eine prachtvolle Sehenswürdigkeit. Ich bin abends nochmal gekommen, um etwas Ruhe einzufangen, aber vergeblich. Der Platz war rappelvoll.
Man sieht ein steinernes Gedächtnis Brüssels – einen Ort, der Macht und Wohlstand erlebt hat, Zeuge von Hinrichtungen wurde, in Flammen unterging und anschließend schöner denn je wiederauferstand. Gerade deshalb wirkt der Grote Markt nicht wie ein Museum. Er wirkt wie Geschichte, die noch immer lebt.