Podcast Dombo bewegt (22): Praktikum mit Perspektive im Zentrum für Gesundheit Dombo

26. Oktober 2026

Wie findet der Nachwuchs seinen Weg in die Gesundheitsberufe – und wie wichtig sind Praktika, um junge Menschen für die Physiotherapie zu gewinnen? In einer 22. Folge des Podcasts „Dombo bewegt“ geben Norman Dombo und Matthias J. Lange gemeinsam mit Praktikant Lorenz einen Blick hinter die Kulissen des Zentrums für Gesundheit Dombo in Maisach. Dabei geht es nicht nur um den Alltag eines Praktikanten, sondern auch um Fachkräftemangel, persönliche Betreuung und die Frage, warum Physiotherapie trotz Digitalisierung ein Beruf mit Zukunft bleibt.

Diesmal ist die Runde bei „Dombo bewegt“ größer als gewohnt. Neben Norman Dombo und Journalist Matthias J. Lange sitzt Lorenz am Mikrofon. Der junge Mann absolviert derzeit ein Praktikum im Zentrum für Gesundheit Dombo in Maisach und interessiert sich ganz konkret für eine berufliche Zukunft in der Physiotherapie. Hier der Podcast:

Für Norman Dombo ist die Betreuung von Praktikanten längst ein fester Bestandteil der Arbeit. Seit vielen Jahren bietet das Zentrum jungen Menschen die Möglichkeit, Gesundheitsberufe aus nächster Nähe kennenzulernen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Fachoberschule in Fürstenfeldbruck mit ihrem Ausbildungszweig Gesundheit. Regelmäßig kommen Schülerinnen und Schüler für ihre fachpraktische Ausbildung in die Einrichtung nach Maisach.

In diesem Jahr gibt es sogar eine Besonderheit: Gleich zwei Praktikanten sind zeitgleich im Zentrum für Gesundheit tätig. Für Dombo ist das kein lästiger Zusatzaufwand, sondern eine Investition in die Zukunft. Junge Menschen müssten schließlich die Gelegenheit bekommen, Berufe nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern sie im Alltag zu erleben.

Lorenz bringt bereits erste Erfahrungen mit. Schon im vergangenen Jahr absolvierte er ein Praktikum in einer Physiotherapie. Diese Erfahrung habe sein Interesse verstärkt. „Das hat mir dort ziemlich gefallen und mich interessiert einfach der Beruf“, erzählt er im Podcast. Besonders wichtig sei ihm der unmittelbare Kontakt zu anderen Menschen: „Ich mag es gerne, den Leuten zu helfen, und in so einem Bereich kann man das ziemlich gut tun.“

Sein Berufsziel steht deshalb bereits ziemlich deutlich fest: „Der Berufswunsch ist tatsächlich Physiotherapeut.“

Das freut Norman Dombo, denn Nachwuchs wird in der Branche dringend benötigt. Aus seiner Sicht stehen der Physiotherapie in den kommenden Jahren erhebliche personelle Herausforderungen bevor. Viele erfahrene Therapeuten werden altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden, während deutlich weniger junge Fachkräfte nachrücken. Gleichzeitig wächst der Bedarf an therapeutischen Angeboten.

Für Berufseinsteiger bedeutet das gute Perspektiven. Wer sich heute für eine Ausbildung oder ein Studium im Bereich Physiotherapie entscheidet, dürfte auf einen Arbeitsmarkt treffen, auf dem qualifizierte Fachkräfte stark gefragt sind. „Der Beruf der Physiotherapie, den wird es auch in etlichen Jahren noch geben“, ist Dombo überzeugt.

Allerdings sieht er auch Unsicherheiten im Gesundheitswesen. Kosten, Beiträge und Zuzahlungen könnten steigen, und damit werde zunehmend die Frage gestellt, was sich Patienten künftig noch leisten können. Der grundsätzliche Bedarf an Physiotherapie werde dadurch jedoch nicht verschwinden. Im Gegenteil: Eine älter werdende Gesellschaft und der Wunsch, Mobilität und Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten, machen therapeutische Angebote weiterhin notwendig.

Gerade hier sieht Dombo auch eine Grenze der Digitalisierung. Apps, Videos und digitale Trainingsprogramme könnten zwar unterstützen und Übungen vermitteln. Sie ersetzten aber nicht den geschulten Blick eines Therapeuten. „Heute heißt es, alles ist digital und man kann mit einer App auch Übungen machen – aber es kontrolliert keiner“, sagt Dombo. Für ihn bleibt deshalb entscheidend: „Man muss am Menschen mit dem Menschen arbeiten.“

Damit beschreibt er einen Aspekt, den Lorenz während seines Praktikums unmittelbar erlebt. Er darf zwar nicht selbstständig therapeutisch am Patienten arbeiten, kann aber bei vielen unterschiedlichen Behandlungen zuschauen. „Vor allem schaue ich bei Behandlungen zu, bei sehr vielen verschiedenen Behandlungen mit Leuten mit unterschiedlichen Problemen“, erklärt er. Dadurch bekomme er einen Eindruck davon, wie vielfältig die Arbeit von Physiotherapeuten tatsächlich ist.

Dabei lernt er auch, dass Physiotherapie weit mehr bedeutet, als bestimmte Handgriffe oder Übungen zu beherrschen. Kommunikation gehört ebenso zum Beruf. Wer täglich mit Menschen arbeitet, die Schmerzen haben, nach Verletzungen wieder auf die Beine kommen wollen oder mit körperlichen Einschränkungen leben, braucht Einfühlungsvermögen und Geduld.

„Da spielt auch viel Psychologie und Kommunikation mit“, stellt Lorenz bereits nach seinen ersten Erfahrungen fest.

Genau dieser menschliche Faktor macht den Beruf nach Ansicht der Gesprächsrunde aus. Patienten kommen schließlich nicht nur mit einem medizinischen Befund in eine Praxis. Sie bringen Ängste, Erwartungen, Frustrationen und Hoffnungen mit. Physiotherapeuten müssen motivieren können, zuhören und zugleich vermitteln, dass nachhaltige Fortschritte häufig auch Eigeninitiative erfordern.

Matthias J. Lange nimmt das Thema im Podcast mit Humor auf und möchte von Lorenz wissen, ob Freunde bereits mit den ersten Beschwerden zu ihm kommen: Hier zwickt die Schulter, dort tut der Rücken weh – könne der angehende Physiotherapeut nicht einmal schnell helfen?

Noch sei das nicht der Fall, erzählt Lorenz lachend. Er könne sich aber durchaus vorstellen, dass solche Fragen häufiger kommen, wenn er sich intensiver mit dem Beruf beschäftigt.

Norman Dombo kennt dieses Phänomen aus langjähriger Erfahrung. Sobald Menschen erfahren, dass jemand aus der Physiotherapie kommt, seien die ersten Fragen nach Beschwerden meist nicht weit: „Dann heißt es immer: Da zwickt es, was kann das sein? Kann man da mal drücken, kann man da mal ziehen?“ Der Physiotherapeut werde auf einer Feier damit schnell zum gefragten Ansprechpartner – ähnlich wie der Arzt oder Rechtsanwalt, der plötzlich um eine kostenlose Einschätzung gebeten werde.

Dass Lorenz ausgerechnet beim Zentrum für Gesundheit Dombo gelandet ist, hatte zunächst ganz praktische Gründe. Er wollte erneut ein Praktikum im Bereich Physiotherapie absolvieren und suchte nach einer passenden Einrichtung. Die gute Erreichbarkeit in Maisach spielte dabei ebenfalls eine Rolle. „Ich habe gedacht, ich rufe hier halt mal an und frage nach“, erzählt Lorenz. Die Anfrage war erfolgreich.

Dass Praktikumsplätze keineswegs selbstverständlich sind, weiß Norman Dombo aus der Vergangenheit. Er erinnert sich an eine Praktikantin, deren bereits zugesagter zweiter Praktikumsplatz kurzfristig wegfiel. Die junge Frau stand plötzlich ohne Alternative da. Das Zentrum für Gesundheit sprang ein und ermöglichte ihr auch den zweiten Praktikumsabschnitt – allerdings in einem anderen Bereich der Einrichtung. So konnte sie zunächst die Physiotherapie und anschließend den Trainingsbereich kennenlernen.

Gerade darin sieht Dombo einen Vorteil seines Hauses. Das Zentrum versteht sich nicht ausschließlich als klassische Physiotherapiepraxis, sondern als Gesundheitseinrichtung mit einem breiteren Angebot. Für Praktikanten bedeutet dies, dass sie unterschiedliche Tätigkeitsfelder kennenlernen und „überall reinschnuppern“ können.

Das ist für junge Menschen besonders wichtig. Ein Praktikum soll schließlich nicht nur einen bereits vorhandenen Berufswunsch bestätigen. Es darf auch zeigen, dass eine Vorstellung vom Berufsalltag vielleicht nicht der Realität entspricht. Wer einen Gesundheitsberuf wählt, entscheidet sich für die intensive Arbeit mit Menschen – mit allen schönen, aber auch anstrengenden Seiten.

Für Einrichtungen wie das Zentrum für Gesundheit hat die Betreuung von Praktikanten zugleich eine zweite Bedeutung: Sie ist Nachwuchsarbeit. Angesichts des Fachkräftemangels kann aus einem Praktikum irgendwann eine Ausbildung, ein Studium und vielleicht später sogar eine Beschäftigung werden.

Auf die Frage von Matthias J. Lange, ob er insgeheim darauf hoffe, dass Praktikanten wie Lorenz eines Tages als ausgebildete Fachkräfte zurückkehren, antwortet Dombo deshalb ohne Umschweife: „Ja, natürlich auch.“

Nicht jeder Praktikant werde später Mitarbeiter. In den vergangenen Jahren habe man sehr unterschiedliche junge Menschen kennengelernt und von einigen sei das Team besonders begeistert gewesen. Welche Wege die aktuellen Praktikanten einschlagen werden, lasse sich noch nicht absehen. Sie seien schließlich erst seit wenigen Tagen dabei.

Die Tür bleibt jedoch offen. Wenn Lorenz seine Ausbildung abgeschlossen habe und Interesse an einer Tätigkeit in Maisach bestehe, könne man miteinander sprechen. Angesichts des Fachkräftemangels ist das mehr als eine freundliche Bemerkung. Es zeigt, wie wichtig der frühe Kontakt zwischen jungen Menschen und möglichen Arbeitgebern geworden ist.

Damit bekommt die Podcastfolge einen durchaus ernsten Hintergrund. Nachwuchsförderung beginnt nicht erst bei der Stellenausschreibung für fertig ausgebildete Fachkräfte. Sie beginnt wesentlich früher – möglicherweise mit einem Schüler, der neugierig durch die Tür einer Physiotherapiepraxis kommt und erst einmal zuschaut.

Für Lorenz bietet das Praktikum die Gelegenheit herauszufinden, ob sein bisheriger Berufswunsch auch dem tatsächlichen Berufsalltag standhält. Bislang scheint die Richtung zu stimmen. Er kann Behandlungen beobachten, erlebt den Umgang mit Patienten und bekommt einen Eindruck davon, wie viel Fachwissen, Kommunikation und Einfühlungsvermögen Physiotherapie verlangt.

Für Norman Dombo wiederum ist der Praktikant ein Beispiel dafür, warum Gesundheitseinrichtungen jungen Menschen solche Einblicke ermöglichen sollten. Wer Nachwuchs brauche, müsse Nachwuchs auch fördern und ihm Gelegenheit geben, praktische Erfahrungen zu sammeln.

Matthias J. Lange bringt es zum Abschluss auf eine einfache Formel: „Hier kann man wirklich etwas lernen, wenn man etwas lernen will.“

Die neue Folge von „Dombo bewegt“ ist damit tatsächlich ein Blick hinter die Kulissen. Diesmal stehen nicht eine bestimmte Therapieform oder gesundheitliche Beschwerden im Mittelpunkt, sondern diejenigen, die in Zukunft dafür sorgen sollen, dass Patienten weiterhin persönlich betreut werden können.

Und vielleicht sitzt mit Lorenz diesmal nicht nur ein Praktikant am Podcast-Mikrofon, sondern bereits ein Physiotherapeut von morgen.

Style Vision 2026: Branchentreff für das Friseur- und Kosmetikhandwerk in Fürth – die Vorbereitungen

25. Oktober 2026

Am Sonntag, 8. November 2026, findet in der Stadthalle Fürth die zweite Ausgabe der Style Vision statt. Der Landesinnungsverband des bayerischen Friseur- und Kosmetikhandwerks bringt mit der Fachveranstaltung Unternehmen, Fachkräfte, Auszubildende und Vertreter der Industrie zusammen. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen der Branche, fachliche Weiterbildung, neue Produkte und Dienstleistungen sowie die Förderung des beruflichen Nachwuchses. Im Moment arbeitet das Team mit Hochdruck an der Vorbereitung der Veranstaltung.

Nach der Premiere im vergangenen Jahr wird die Style Vision 2026 mit einem erweiterten Programm fortgesetzt. Mehr als 20 Aussteller präsentieren ihre Produkte, Dienstleistungen und Lösungen für den Salonalltag. Ergänzt wird die Ausstellung durch zehn Workshops und Fachvorträge, Bühnenshows sowie handwerkliche Wettbewerbe. Ziel des Veranstalters ist es, den fachlichen Austausch innerhalb des Friseur- und Kosmetikhandwerks zu fördern und den Betrieben praktische Anregungen für ihre tägliche Arbeit zu vermitteln. Die Veranstaltung richtet sich insbesondere an Saloninhaberinnen und Saloninhaber, Beschäftigte, Führungskräfte, Auszubildende und weitere Interessierte aus der Branche. Hier führte ich ein Gespräch mit dem stellvertretenden Landesinnungsmeister Christian Hertlein.

Ein Schwerpunkt liegt auf aktuellen Frisurentrends, modernen Schnitt- und Farbtechniken sowie neuen Entwicklungen in der professionellen Haarpflege. Auf der Hauptbühne präsentieren unter anderem Thomas-Armin Mathes und Andrew Kube von TOM|CO. aktuelle internationale Trends und deren Umsetzung im Salon. Der Herrenfach-Experte Holger Maas, unterstützt von Wella Professionals, widmet sich mit seiner Show „London is Calling“ modernen Herrenfrisuren und zeitgemäßen Stylingtechniken. Das Unternehmen Wild Beauty stellt verschiedene professionelle Friseurmarken und Produktlösungen vor. Darüber hinaus präsentiert das Kreativteam des Landesinnungsverbandes unter der Leitung von Ulrich Feigl die aktuelle Frisurenmode des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks. Hier erkundete die LIV-Geschäftsführerin den Veranstaltungsort in Fürth.

Neben den handwerklichen und kreativen Themen beschäftigt sich die Style Vision mit wirtschaftlichen und organisatorischen Fragen des Salonbetriebs. Digitalisierung, Kundenkommunikation, Personalgewinnung, betriebliche Abläufe und neue Dienstleistungen gehören zu den Themen, die von Ausstellern und Fachleuten aufgegriffen werden. Damit soll die Veranstaltung nicht nur neue modische Impulse vermitteln, sondern auch Möglichkeiten aufzeigen, wie Friseur- und Kosmetikunternehmen auf veränderte Marktbedingungen und Kundenanforderungen reagieren können.

Eine besondere Bedeutung kommt der Nachwuchsförderung zu. Im Rahmen der Style Vision wird der Bundesentscheid der German Craft Skills, der Deutschen Meisterschaft im Friseurhandwerk, ausgetragen. Die besten Nachwuchskräfte aus den Bundesländern, die sich zuvor auf Kammer- und Landesebene qualifiziert haben, treten gegeneinander an und stellen ihre fachlichen Fertigkeiten unter Beweis. Darüber hinaus bietet der Bavarian Young Talents Award jungen Talenten die Möglichkeit, ihre Kreativität und ihr handwerkliches Können zu präsentieren. Die Wettbewerbe sollen die Leistungsfähigkeit der beruflichen Ausbildung sichtbar machen und junge Menschen für eine Karriere im Friseurhandwerk motivieren.

Mit der Stadthalle Fürth steht für die Veranstaltung ein Veranstaltungszentrum zur Verfügung, das unterschiedliche Bereiche für Ausstellungen, Workshops, Fachvorträge und Wettbewerbe bietet. Die räumliche Nähe der einzelnen Programmpunkte soll den Austausch zwischen den Besucherinnen und Besuchern erleichtern. Neben der fachlichen Information spielt deshalb auch die persönliche Begegnung eine wichtige Rolle. Friseurinnen und Friseure können Kontakte zu Unternehmen, Branchenpartnern und Berufskollegen knüpfen, Erfahrungen austauschen und sich über neue Entwicklungen informieren.

Der Landesinnungsverband Friseure & Kosmetiker Bayern verfolgt mit der Style Vision das Ziel, eine regelmäßige Plattform für Information, Weiterbildung und Vernetzung zu etablieren. Angesichts des Fachkräftemangels, steigender betrieblicher Kosten und veränderter Anforderungen an die Unternehmensführung gewinnt der Erfahrungsaustausch innerhalb der Branche zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig soll die Veranstaltung die Innovationskraft und die beruflichen Perspektiven des Friseur- und Kosmetikhandwerks verdeutlichen.

Die Style Vision 2026 findet am Sonntag, 8. November 2026, in der Stadthalle Fürth, Rosenstraße 50, statt. Veranstalter ist der Landesinnungsverband Friseure & Kosmetiker Bayern. Informationen zum Programm, zu den Ausstellern und zum Kartenvorverkauf sind auf der offiziellen Veranstaltungswebsite erhältlich.

Rückblick auf meine Matinee: Starship Troopers (USA 1997)

24. Oktober 2026

Gigantische außerirdische Insekten, gewaltige Raumschlachten, junge Soldaten voller Kampfgeist und ein Krieg, der über das Schicksal der Menschheit entscheiden soll: Auf den ersten Blick präsentiert sich Paul Verhoevens „Starship Troopers“ aus dem Jahr 1997 als ebenso aufwendiges wie kompromissloses Science-Fiction-Spektakel. Ich besprach den Film bei meiner Matinee im Scala Fürstenfeldbruck. Die nächste Matinee ist am 1. November um 10:45 Uhr im Scala der John Carpenter-Film The Fog – Nebel des Grauens. Karten gibt es hier.

Doch wer genauer hinsieht, entdeckt hinter der glänzenden Oberfläche und der brachialen Action eine der bissigsten politischen Satiren, die das Hollywoodkino der 1990er-Jahre hervorgebracht hat. Ein Film, der unterhalten will, aber zugleich verstört, provoziert und unbequeme Fragen stellt. Hier die Aufzeichnung meines Vortrags.

Schon mit „RoboCop“ hatte der niederländische Regisseur Paul Verhoeven bewiesen, dass sich spektakuläres Genrekino hervorragend als Transportmittel für scharfe Gesellschaftskritik eignet. Mit „Starship Troopers“, frei nach dem Roman von Robert A. Heinlein, treibt er dieses Prinzip auf die Spitze. Seine Zukunftsgesellschaft erscheint zunächst geradezu beneidenswert: attraktive, sportliche und erfolgreiche Menschen, blitzsaubere Städte, technische Wunderwerke und scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten. Doch hinter dieser perfekten Fassade verbirgt sich ein autoritärer Staat, in dem politische Mitbestimmung an den Dienst für die Föderation geknüpft ist. Militärische Tugenden bestimmen das gesellschaftliche Ideal, Gehorsam wird belohnt und der Krieg zum identitätsstiftenden Gemeinschaftserlebnis verklärt.

Im Mittelpunkt steht Johnny Rico, gespielt von Casper Van Dien. Der junge Mann meldet sich weniger aus patriotischer Überzeugung zum Militär als vielmehr aus Liebe zu seiner Freundin Carmen, dargestellt von Denise Richards. Was als jugendliches Abenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer blutigen Odyssee durch Ausbildung, Verlust, Kameradschaft und Krieg. Rico wächst an seinen Aufgaben, übernimmt Verantwortung und wird schließlich zum gefeierten Soldaten. Doch genau hier liegt die perfide Ironie des Films: Erleben wir tatsächlich die Reifung eines jungen Menschen zum Helden oder beobachten wir vielmehr die erfolgreiche Formung eines Individuums zum gehorsamen Werkzeug eines militaristischen Systems?

Besonders brillant ist Verhoevens Umgang mit den Medien. Immer wieder unterbrechen propagandistische Nachrichtenbeiträge, Rekrutierungsfilme und vermeintlich objektive Informationssendungen die Handlung. Die legendäre Frage „Would you like to know more?“ wird zum Markenzeichen einer Gesellschaft, in der Information und Manipulation kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Krieg wird als Unterhaltung inszeniert, Gewalt als notwendige Konsequenz verkauft und der Feind auf eine gesichtslose Bedrohung reduziert. Zweifel sind unerwünscht, einfache Antworten dagegen jederzeit verfügbar.

Was 1997 noch wie eine groteske Überzeichnung medialer Propaganda erschien, wirkt heute beinahe erschreckend vertraut. In einer Welt der sozialen Netzwerke, algorithmisch gesteuerten Nachrichtenströme, emotionalisierten Videoclips und gezielten Desinformation gewinnen Verhoevens Beobachtungen eine neue Aktualität. Bilder ersetzen Argumente, Empörung verdrängt Differenzierung und politische Botschaften werden zunehmend nach den Regeln der Unterhaltungsindustrie verbreitet. „Starship Troopers“ zeigt, wie wirkungsvoll Propaganda sein kann, wenn sie nicht als plumpe Belehrung daherkommt, sondern als aufregendes Spektakel, das sein Publikum begeistert.

Dabei ist der Film selbst ein Meisterwerk dieser Doppelbödigkeit. Verhoeven liefert genau jene Bilder, deren manipulative Kraft er gleichzeitig entlarvt. Die Schlachten sind überwältigend, die Spezialeffekte auch Jahrzehnte später beeindruckend, die außerirdischen Bugs furchteinflößend und die Actionsequenzen von geradezu hemmungsloser Intensität. Dazu kommen schwarzer Humor, bewusst überzeichnete Figuren und eine Ästhetik, die sich unübersehbar an totalitären Propagandabildern orientiert. Das Publikum soll mitfiebern, jubeln und sich anschließend fragen, warum es sich von dieser Inszenierung so bereitwillig hat mitreißen lassen.

Gerade darin liegt die außergewöhnliche Qualität von „Starship Troopers“. Der Film liefert keine bequeme moralische Orientierung. Stattdessen zwingt er dazu, die vermeintlich selbstverständliche Einteilung in Gut und Böse zu hinterfragen. Wer hat diesen Krieg eigentlich begonnen? Welche Interessen verfolgt die Föderation? Was erfahren die Menschen tatsächlich über ihren Gegner? Und weshalb scheint eine Gesellschaft, die sich selbst für überlegen und zivilisiert hält, so wenig Interesse an friedlichen Alternativen zu besitzen?

Auch fast drei Jahrzehnte nach seiner Premiere hat „Starship Troopers“ nichts von seiner Sprengkraft verloren. Im Gegenteil: Die politische Dimension des Films ist heute womöglich noch leichter zu erkennen als bei seiner Veröffentlichung, als zahlreiche Kritiker die Satire missverstanden und den Film lediglich als brutales Actionabenteuer wahrnahmen. Inzwischen gilt Verhoevens Werk längst als moderner Science-Fiction-Klassiker, dessen Bedeutung weit über seine spektakulären Schauwerte hinausreicht.

Damit bietet „Starship Troopers“ den idealen Stoff für eine Kinomatinee im Scala Fürstenfeldbruck. Ein Film, der auf der großen Leinwand mit seiner visuellen Wucht begeistert, zugleich aber reichlich Gesprächsstoff über Militarismus, Demokratie, Propaganda, Medienmacht und die Mechanismen politischer Verführung liefert. Denn Verhoeven erinnert uns daran, dass die gefährlichste Manipulation häufig jene ist, die wir gar nicht als solche erkennen, weil sie uns so hervorragend unterhält.

Ein ebenso intelligenter wie kompromissloser Kultfilm, der kracht, provoziert und zum Nachdenken zwingt. Eine bitterböse Satire über eine Gesellschaft, die den Krieg feiert und das kritische Denken verlernt hat.

Would you like to know more?

Die nächste Matinee im Scala Fürstenfeldbruck ist am 1. November um 10:45 Uhr im Scala der John Carpenter-Film The Fog – Nebel des Grauens. Karten gibt es hier.

Tohru in der Schreiberei – Wenn japanische Kochkunst auf Münchner Geschichte trifft

23. Oktober 2026

Es gibt Restaurants, in denen man hervorragend isst. Und es gibt Restaurants, in denen ein Abend zu einer kulinarischen Reise wird, die weit über das bloße Essen hinausgeht. Das Tohru in der Schreiberei in der Münchner Altstadt gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Hier verbindet der deutsch-japanische Spitzenkoch Tohru Nakamura die Präzision und Zurückhaltung japanischer Kochkunst mit der Opulenz und handwerklichen Raffinesse der klassischen französischen Haute Cuisine. Das Ergebnis ist eine Küche, die nicht auf vordergründige Effekte setzt, sondern auf außergewöhnliche Produkte, subtile Geschmackskombinationen und eine beinahe philosophische Auseinandersetzung mit dem Essen. Seit Juni 2025 trägt das Restaurant drei Michelin-Sterne und gehört damit zur absoluten Spitze der deutschen Gastronomie.

Ein historisches Haus, in dem Geschichte geschrieben wurde
Schon der Weg ins Restaurant ist außergewöhnlich. In der Burgstraße 5, nur wenige Schritte vom Münchner Marienplatz entfernt, befindet sich eines der geschichtsträchtigsten Bürgerhäuser der Stadt. Die ehemalige Stadtschreiberei gilt als ältestes erhaltenes Bürgerhaus Münchens. Seit 1552 wurde hier die Geschichte der Stadt dokumentiert. Wo einst Schreiber mit Feder und Tinte die Geschicke Münchens festhielten, entstehen heute kulinarische Kompositionen, die ihrerseits ein Stück Münchner Gastronomiegeschichte schreiben.

Über eine steile historische Holztreppe mit 23 Stufen gelangt man in das Restaurant im ersten Obergeschoss. Der Kontrast zwischen den alten Mauern und dem modernen Interieur ist bewusst gewählt. Edle Hölzer, geschmackvolle Beleuchtung und komfortable Sitzmöbel schaffen eine Atmosphäre, die luxuriös wirkt, ohne steif zu sein. Die Geschichte des Hauses ist dabei keineswegs nur dekorative Kulisse. Sie vermittelt Beständigkeit und handwerkliche Tradition – zwei Eigenschaften, die sich auch in Nakamuras Küche wiederfinden.

Der Weg von Tohru Nakamura an die kulinarische Weltspitze
Tohru Nakamura wurde in München geboren und wuchs als Sohn eines japanischen Vaters und einer deutschen Mutter zwischen zwei Kulturen auf. Diese doppelte kulturelle Prägung wurde zum Fundament seiner kulinarischen Handschrift. Seine Ausbildung und beruflichen Stationen führten ihn unter anderem in den Münchner Königshof, ins berühmte Vendôme nach Bergisch Gladbach und ins niederländische Oud Sluis. Hinzu kamen Erfahrungen in japanischen Spitzenrestaurants, darunter das Ishikawa in Tokio.

In München machte er sich insbesondere als Küchenchef des Werneckhof by Geisel einen Namen, wo er zwei Michelin-Sterne erkochte. Nach der Schließung des Restaurants fand Nakamura in der ehemaligen Stadtschreiberei eine neue Wirkungsstätte. Im Dezember 2021 eröffnete er dort sein eigenes Restaurant, wobei ihm ein großer Teil seiner bisherigen Mannschaft folgte. Bereits 2022 erhielt das neue Haus auf Anhieb zwei Michelin-Sterne. Der dritte Stern im Jahr 2025 war die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung.

Zehn kulinarische Kapitel zwischen Japan und Europa
Das vorliegende Menü zeigt eindrucksvoll, was Nakamuras Küche auszeichnet. Zehn Positionen, von Dim Sum bis zu den japanischen Süßigkeiten namens Okashi, bilden eine sorgfältig komponierte Dramaturgie. Auffällig ist der hohe Anteil an Fisch und Meeresfrüchten, bevor mit Kalbsbries und Taube zwei kräftigere Fleischgerichte folgen. Japanische Begriffe und Produkte treffen auf europäische Delikatessen, ohne dass die Kombinationen beliebig erscheinen.

Den Auftakt bildet Dim Sum mit Balfegó-Harmonica, Akami und Wasabi. Balfegó steht für hochwertigen Roten Thunfisch aus spanischer Aufzucht. Akami bezeichnet das besonders magere, tiefrote Fleisch des Thunfischs, während Harmonica einen speziellen Zuschnitt aus dem Rippenbereich beschreibt. Schon diese Kombination verdeutlicht Nakamuras Konzept: Ein aus der chinesischen Küche bekanntes Format trifft auf japanisch geprägte Fischkultur und ein europäisches Spitzenprodukt. Wasabi sorgt für aromatische Schärfe. Ein Auftakt, der weniger auf Masse als auf die Qualität und Charakteristik der einzelnen Zutaten setzt.

Es folgt eine Tartelette mit Ozaki-Wagyu, Pfifferlingen und Karashi. Ozaki-Wagyu gehört zu den besonders begehrten japanischen Rindfleischspezialitäten. Seine feine Fettmarmorierung und sein intensiver Geschmack treffen auf die erdigen, leicht pfeffrigen Noten der Pfifferlinge. Karashi, der scharfe japanische Senf, setzt einen bewussten Kontrapunkt zur Reichhaltigkeit des Fleisches. Die Tartelette steht beispielhaft für eine Küche, die Luxusprodukte nicht einfach präsentiert, sondern durch kluge Kombinationen geschmacklich einordnet.

Besonders interessant ist der dritte Gang: Koshihikari-Reis mit Lachsforelle, Sonnenblumenkernen und Shiokoji. Koshihikari zählt zu den angesehensten japanischen Reissorten. Seine leicht klebrige Konsistenz und seine feine natürliche Süße machen ihn zu einer idealen Grundlage für differenzierte Aromen. Shiokoji, eine traditionelle japanische Würzpaste aus fermentiertem Reis, Salz und Wasser, bringt Umami und aromatische Tiefe. Sonnenblumenkerne steuern eine nussige Komponente bei, während die Lachsforelle für elegante Frische sorgt. Gerade dieser Gang verdeutlicht, dass große Küche nicht zwingend von spektakulären Zutaten lebt. Ein vermeintlich schlichtes Grundnahrungsmittel wie Reis kann zum Mittelpunkt einer anspruchsvollen Komposition werden. Auch der Guide Michelin hebt Nakamuras besondere Behandlung des Koshihikari-Reises hervor.

Mit dem Carabinero, begleitet von Zucchini, Matcha und Verveine, rückt anschließend eine der begehrtesten Garnelenarten der Spitzengastronomie ins Zentrum. Der tiefrote Carabinero besitzt ein intensiv süßliches, beinahe konzentriertes Meeresaroma. Die Zucchini bildet einen zurückhaltenden pflanzlichen Gegenpol, während Matcha mit seinen herben, leicht bitteren Noten zusätzliche Komplexität verspricht. Verveine, das Zitronen-Eisenkraut, bringt eine frische, zitrische Kräuternote ein. Eine Kombination, die das kraftvolle Aroma des Schalentiers durch Bitterkeit und Frische ausbalancieren soll.

Der nächste Gang widmet sich Hamachi mit Tomate, Kombu und Tagetes. Hamachi, eine japanische Bezeichnung für die junge Gelbschwanzmakrele, zeichnet sich durch festes, zugleich fettreiches Fleisch aus. Kombu, eine essbare Braunalge, ist ein zentraler Umami-Lieferant der japanischen Küche. Tomate ergänzt Säure und natürliche Süße, während Tagetes mit ihren je nach Sorte zitrischen und würzigen Aromen einen ungewöhnlichen Akzent setzt. Die Verbindung von Fisch, Alge und Tomate ist besonders reizvoll, weil sie verschiedene Quellen natürlicher Glutamate miteinander kombiniert und dadurch geschmackliche Tiefe erzeugen kann.

Mit Chawanmushi, Steinbutt Pil Pil, Aubergine und Yuzu erreicht das Menü einen weiteren Höhepunkt seiner japanisch-europäischen Dramaturgie. Chawanmushi ist ein traditioneller japanischer, gedämpfter Eierstich, dessen seidige Textur und zurückhaltender Geschmack eine ideale Grundlage für feinste Aromen bilden. Steinbutt gehört zu den edelsten europäischen Speisefischen. Pil Pil verweist auf eine aus der baskischen Küche bekannte Emulsion, die klassisch aus Olivenöl und den natürlichen Gelatinebestandteilen des Fisches entsteht. Aubergine bringt eine weiche, erdige Komponente ein, während Yuzu, die aromatische japanische Zitrusfrucht, mit ihrer prägnanten Säure für Frische sorgt. Hier treffen gleich mehrere kulinarische Traditionen aufeinander, ohne dass eine davon ihre Identität verlieren muss.

Der Zander mit Gurke aus der Glut, Räucherfisch und Macvin führt das Menü wieder stärker in europäische Geschmackswelten. Zander ist ein fein strukturierter Süßwasserfisch, dessen zurückhaltendes Aroma viel Fingerspitzengefühl verlangt. Die Gurke aus der Glut verspricht Röstaromen und eine überraschende Interpretation eines ansonsten eher frisch und kühl wahrgenommenen Gemüses. Räucherfisch bringt zusätzliche Würze und Tiefe. Besonders spannend ist Macvin, ein französischer Likörwein aus dem Jura, der mit seiner fruchtigen Süße und aromatischen Fülle einen ungewöhnlichen Akzent setzen kann. Der Gang zeigt exemplarisch, wie Nakamuras Küche mit Gegensätzen arbeitet: Süßwasserfisch und Rauch, Frische und Röstaromen, Zurückhaltung und Intensität.

Danach folgt Kalbsbries mit Tagliolini, Austernsauce und Périgord-Trüffel. Kalbsbries gehört zu den klassischen Delikatessen der französischen Haute Cuisine. Seine zarte, cremige Konsistenz verlangt eine präzise Zubereitung. Die feinen italienischen Nudeln schaffen eine vertraute Grundlage, während Austernsauce eine intensive Umami-Komponente beisteuert. Der Périgord-Trüffel bringt schließlich jene unverwechselbare erdige Aromatik ins Spiel, die seit Jahrhunderten als Inbegriff europäischer Luxusgastronomie gilt. Dieser Gang ist eine besonders selbstbewusste Verbindung französischer Tradition, italienischer Pasta-Kultur und asiatischer Würztechnik.

Den herzhaften Abschluss bildet Taube mit Roter Bete, BBQ-Kirsche und Sakura. Taube ist ein anspruchsvolles Produkt, das in der gehobenen französischen Küche einen festen Platz besitzt. Ihr dunkles, aromatisches Fleisch verlangt nach einer präzisen Balance zwischen kräftigen und fruchtigen Komponenten. Rote Bete liefert erdige Süße, die BBQ-Kirsche verbindet Frucht mit rauchig-würzigen Anklängen, und Sakura, die japanische Kirschblüte, schlägt eine kulturelle Brücke nach Japan. Gerade diese Kombination erscheint als gelungene Zusammenfassung des gesamten Menükonzepts: europäische Produkttradition, japanische Inspiration und eine moderne Interpretation klassischer Aromenkombinationen.

Den Abschluss bilden Okashi, japanische Süßigkeiten. Der Begriff bezeichnet traditionell eine große Vielfalt kleiner Süßspeisen, die häufig mit Tee gereicht werden. Auf der vorliegenden Menükarte werden die einzelnen Bestandteile nicht näher beschrieben. Der Abschluss mit Okashi ist jedoch programmatisch: Statt eines ausschließlich französisch geprägten Dessertfinales verweist Nakamura noch einmal auf die japanische Kultur, in der Süßigkeiten häufig zurückhaltender und stärker von Textur, Saison und Ästhetik bestimmt sind.

Große Kochkunst zwischen Präzision und Inszenierung
Was dieses Menü besonders interessant macht, ist seine klare kulinarische Handschrift. Tohru Nakamura betreibt keine beliebige Fusionsküche, bei der asiatische Zutaten lediglich als exotische Dekoration dienen. Vielmehr verbindet er unterschiedliche Küchentraditionen auf einer tieferen Ebene. Die französische Schule liefert Saucenkunst, Produktverständnis und handwerkliche Präzision. Japan steuert Fermentation, Umami, Reduktion und eine besondere Sensibilität für Texturen bei. Italienische und spanische Einflüsse erweitern das Spektrum, ohne die Grundidee zu verwässern.

Bemerkenswert ist auch die Dramaturgie des Menüs. Der Weg führt von feinen Fisch- und Meeresfrüchtekompositionen über zunehmend intensive Aromen bis zu den beiden Fleischgängen. Immer wieder tauchen geschmackliche Gegensätze auf: Süße und Säure, Bitterkeit und Fett, Rauch und Frische. Dabei spielt die japanische Vorstellung von Umami eine zentrale Rolle. Sie verbindet scheinbar weit auseinanderliegende Zutaten wie Kombu, Tomate, Shiokoji, Austernsauce und Trüffel.

Allerdings stellt ein solches Menü auch hohe Anforderungen an seine Gäste. Wer klassische Gerichte und vertraute Geschmackskombinationen erwartet, dürfte mit Begriffen wie Chawanmushi, Karashi oder Shiokoji zunächst wenig anfangen können. Gerade deshalb ist ein kompetenter Service unverzichtbar. Das Restaurant legt großen Wert auf die Erläuterung seiner Gerichte. Auch die persönliche Begrüßung in der Küche gehört zum besonderen Konzept des Hauses. Sommelier Christian Rainer begleitet die Küche mit einer anspruchsvollen Getränkeauswahl, bei der neben europäischen Spitzenweinen auch Sake eine wichtige Rolle spielt. Die drei Michelin-Sterne dokumentieren, dass Nakamuras Küche zu den international herausragenden gastronomischen Adressen gezählt wird.

Eine kulinarische Handschrift mit Charakter
Tohru in der Schreiberei ist mehr als ein weiteres luxuriöses Restaurant in München. Es ist ein Ort, an dem sich Stadtgeschichte, internationale Kochkunst und die persönliche Biografie eines außergewöhnlichen Küchenchefs miteinander verbinden. Das historische Gebäude verleiht dem Abend einen unverwechselbaren Rahmen, während die Küche bewusst über nationale Grenzen hinausdenkt.

Das vorliegende Zehn-Gänge-Menü beeindruckt bereits in seiner Konzeption durch die Vielfalt seiner Produkte und die Konsequenz seiner aromatischen Ideen. Besonders die Kombinationen von Koshihikari-Reis mit Shiokoji, Carabinero mit Matcha, Chawanmushi mit Steinbutt sowie Kalbsbries mit Austernsauce und Trüffel zeigen, wie souverän hier unterschiedliche kulinarische Welten zusammengeführt werden sollen.

Die eigentliche Leistung liegt dabei nicht in der Verwendung kostspieliger Zutaten, sondern in dem Anspruch, aus ihnen etwas Eigenständiges zu schaffen. Genau daran muss sich eine Drei-Sterne-Küche messen lassen. Ob jede Kombination diese hohen Erwartungen auch auf dem Teller erfüllt, kann letztlich nur die persönliche Verkostung entscheiden.

Tohru Nakamura schreibt in der ehemaligen Münchner Stadtschreiberei seine ganz eigene Geschichte – nicht mit Feder und Tinte, sondern mit Reis, Fisch, Fleisch, Fermentation und einer bemerkenswerten kulinarischen Vorstellungskraft.

Filmkritik: Jennerwein – Hochsaison: Bayerische Heimatidylle mit schwarzem Humor

22. Oktober 2026

Mit „Kommissar Jennerwein – Hochsaison“ kommt am 5. November 2026 eine der erfolgreichsten bayerischen Krimifiguren auf die große Kinoleinwand. Die Vorlage stammt vom Garmisch-Partenkirchner Schriftsteller und Kabarettisten Jörg Maurer, dessen Alpenkrimis längst Kultstatus erreicht haben. Seit dem ersten Jennerwein-Roman „Föhnlage“ aus dem Jahr 2009 hat sich die Reihe zu einem Bestsellerphänomen entwickelt. Mehr als drei Millionen verkaufte Bücher belegen, dass die Mischung aus Kriminalspannung, bayerischem Lokalkolorit und schwarzem Humor beim Publikum hervorragend ankommt. Die Filmhandlung basiert auf dem 2010 veröffentlichten Roman „Hochsaison“.

Bayern ist schön, Bayern ist gemütlich, und hinter jeder noch so malerischen Bergkulisse lauern menschliche Abgründe. Genau mit diesem Gegensatz spielt der Heimatkrimi „Jennerwein – Hochsaison“, der bayerisches Lokalkolorit mit Kriminalgeschichte, schwarzem Humor und einer gehörigen Portion Selbstironie verbindet. Herausgekommen ist ein kerniger Heimatfilm, der sich erfreulicherweise nicht dem üblichen Postkartenkitsch hingibt, sondern die vermeintlich heile Welt des Alpenlandes mit sichtlichem Vergnügen demontiert.

Die bayerische Bergwelt liefert dabei eine eindrucksvolle Kulisse. Doch wo andere Heimatfilme auf romantische Sonnenuntergänge, urige Wirtshäuser und traditionsbewusste Dorfbewohner setzen, interessiert sich „Jennerwein – Hochsaison“ vor allem für die weniger liebenswerten Seiten seiner Figuren. Hinter freundlichen Fassaden verbergen sich Eigeninteressen, Boshaftigkeiten und menschliche Schwächen. Die Idylle wird zur Bühne für eine Geschichte, in der das Verbrechen beinahe selbstverständlich zum Alltag gehört.

Besonders reizvoll ist der eigenwillige Humor. Die Figuren sind keine glattgebügelten Sympathieträger, sondern bisweilen ausgesprochen schrullige Zeitgenossen. Der bayerische Dialekt gehört ebenso selbstverständlich dazu wie die rustikale Mentalität und die Neigung, unangenehme Wahrheiten mit einem deftigen Spruch zu kommentieren. Gerade diese sprachliche und kulturelle Verwurzelung verleiht dem Film seinen besonderen Charakter. Hier wird nicht versucht, bayerische Eigenheiten für ein überregionales Publikum zu entschärfen.

Allerdings hat diese Erzählweise auch ihre Schwächen. Nicht jeder Witz zündet, manche Pointe wird allzu deutlich vorbereitet, und gelegentlich droht der derbe Humor die eigentliche Kriminalgeschichte zu überlagern. Auch die Figurenzeichnung bewegt sich mitunter gefährlich nahe an der Karikatur. Was zunächst als liebevolle Überzeichnung erscheint, kann auf Dauer etwas anstrengend werden. Der Film vertraut stark auf seine skurrilen Charaktere und seine regionale Atmosphäre, während die dramaturgische Geschlossenheit nicht immer dieselbe Aufmerksamkeit erhält.

Dennoch besitzt „Jennerwein – Hochsaison“ eine Qualität, die vielen modernen Heimatproduktionen fehlt: Er nimmt seine Figuren ernst genug, um ihre Schwächen zu zeigen, und gleichzeitig nicht so ernst, dass daraus eine bleischwere Provinztragödie entsteht. Die Mischung aus Krimi und Komödie funktioniert besonders dann, wenn der Film seine Boshaftigkeit nicht übertreibt, sondern beiläufig in scheinbar harmlosen Alltagssituationen aufblitzen lässt.

Interessant ist auch die filmische Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff. Heimat erscheint hier keineswegs als konfliktfreier Sehnsuchtsort, sondern als gesellschaftlicher Mikrokosmos, in dem jeder jeden kennt und gerade deshalb Geheimnisse, Vorurteile und alte Rechnungen eine besondere Bedeutung besitzen. Die Berge mögen majestätisch sein, die Menschen darunter sind es keineswegs immer. Darin liegt eine durchaus reizvolle Brechung traditioneller Heimatfilmklischees.

„Jennerwein – Hochsaison“ ist sicherlich kein subtiler Kriminalfilm und auch keine fein austarierte Gesellschaftssatire. Dafür ist er zu rustikal, gelegentlich zu grob und mitunter zu sehr auf den schnellen Lacher bedacht. Doch gerade diese Ungehobeltheit gehört zu seinem Wesen. Der Film will unterhalten, provozieren und seine bayerische Herkunft keineswegs verleugnen.

Am Ende bleibt ein unterhaltsamer Heimatkrimi mit Ecken und Kanten, der seine Stärken vor allem aus dem Lokalkolorit, den eigenwilligen Figuren und dem schwarzen Humor bezieht. Wer einen perfekt konstruierten Kriminalfall erwartet, dürfte gelegentlich die Stirn runzeln. Wer dagegen Freude an bayerischen Geschichten hat, in denen hinter der schönen Alpenkulisse ordentlich Gift verspritzt wird, kommt auf seine Kosten. Denn eines macht „Jennerwein – Hochsaison“ deutlich: Auch im schönsten Bayern ist der Mensch nicht unbedingt besser – nur die Aussicht ist schöner.

Für die Regie zeichnet der finnischstämmige Regisseur Hannu Salonen verantwortlich, der sich im deutschen Fernsehen insbesondere mit Kriminalproduktionen einen Namen gemacht hat. Zu seinen Arbeiten gehört unter anderem die historische Fernsehserie „Oktoberfest 1900“. Salonen verfügt über Erfahrung darin, Spannung mit regionalen Eigenheiten und ausgeprägten Charakteren zu verbinden. Bei „Jennerwein – Hochsaison“ setzt er auf eine Mischung aus Kriminalfilm, schwarzer Komödie und modernem Heimatkino.

Die Hauptrolle des Kommissars Hubertus Jennerwein übernimmt Florian Brückner. An seiner Seite spielen Sarah Thonig, Frederic Linkemann, Eva-Maria Reichert, Helmfried von Lüttichau und Cornelius Obonya. Gerade Helmfried von Lüttichau dürfte vielen Zuschauern durch seine Rolle in der erfolgreichen bayerischen Krimiserie „Hubert und Staller“ bekannt sein. Das Ensemble vereint damit Schauspieler, die bereits umfangreiche Erfahrungen mit regional geprägten Fernseh- und Kinoproduktionen gesammelt haben.

Das Drehbuch stammt von Maximilian Brückner, Linus Herbig-Matten und Dinah Marte Golch. Produziert wurde der Film von Wiedemann & Berg Television in Zusammenarbeit mit RTL Deutschland. Als Produzenten fungieren Benjamin Benedict, Kerstin Nommsen, Quirin Berg und Max Wiedemann. Die Münchner Produktionsfirma ist für zahlreiche erfolgreiche deutsche Film- und Fernsehproduktionen bekannt.

Die Dreharbeiten begannen Mitte November 2025 und fanden unter anderem in Garmisch-Partenkirchen und im österreichischen Seefeld statt. Die winterliche Alpenlandschaft spielt dabei eine zentrale Rolle. Verschneite Berge, Wintersportanlagen und die vermeintliche Beschaulichkeit des oberbayerischen Lebens bilden den reizvollen Gegensatz zu einer Geschichte voller Intrigen, Mordanschläge und menschlicher Abgründe. Für die Bildgestaltung war Kameramann Felix Cramer verantwortlich, die Filmmusik komponierten Martina Eisenreich und Michael Kadelbach.

Bereits 2011 wurde mit „Föhnlage – Ein Alpenkrimi“ ein Jennerwein-Roman für das Fernsehen adaptiert. Damals verkörperte Martin Feifel den eigenwilligen Ermittler. Mit „Hochsaison“ wagt die Buchreihe nun erstmals den Sprung ins Kino. Der neue Film steht damit in einer Tradition bayerischer Kriminalkomödien, die das Heimatgenre bewusst gegen den Strich bürsten. Statt einer verklärten Alpenwelt präsentiert sich Bayern als Schauplatz von Verbrechen, menschlichen Eitelkeiten und gesellschaftlichen Konflikten. Dass dabei ausgerechnet die majestätische Bergwelt als Kulisse dient, gehört zum besonderen Reiz dieser Geschichte. „Kommissar Jennerwein – Hochsaison“ zeigt, dass der moderne Heimatfilm längst mehr sein kann als Trachtenromantik und Bergpanorama.

Buchtipp: Der Mann fürs Bunte von Norbert Frei, Tim Scharnetzky und Sybille Steinacher

21. Oktober 2026

Mit „Der Mann fürs Bunte“ legen die Historiker Norbert Frei, Tim Scharnetzky und Sybille Steinacher eine Untersuchung vor, die weit über eine klassische Unternehmerbiografie hinausgeht. Im Mittelpunkt steht Franz Burda, der Gründer des späteren Burda-Verlagsimperiums – und die Frage, welche Rolle Nationalsozialismus, persönliche Anpassung und wirtschaftlicher Opportunismus bei seinem Aufstieg spielten.

Dass die Untersuchung im Auftrag von Hubert Burda entstand, macht das Buch besonders interessant. Hier wird Familiengeschichte nicht ausgespart, sondern wissenschaftlicher Prüfung ausgesetzt. Das Ergebnis ist kein schlichtes Schwarz-Weiß-Bild. Die Autoren beschreiben Franz Burda als autoritären und ehrgeizigen Unternehmer, der 1937 in die NSDAP eintrat und während der NS-Zeit wirtschaftlich vom System profitierte. Zugleich zeichnen sie ihn nicht als überzeugten nationalsozialistischen Ideologen. Gerade diese Differenzierung gehört zu den Stärken des Buches.

Der Titel „Der Mann fürs Bunte“ spielt dabei geschickt mit dem späteren Image des Verlegers und seiner Medienwelt. Denn die entscheidende Frage lautet nicht allein, ob Franz Burda ein „Mann fürs Braune“ war. Viel aufschlussreicher ist die Untersuchung jener Grauzonen, in denen wirtschaftlicher Ehrgeiz, politische Anpassung und persönliche Verantwortung ineinandergreifen.

Besonders schwer wiegt die Übernahme einer jüdischen Großdruckerei im Jahr 1938. Deren Eigentümer waren unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Verfolgung zum Verkauf gezwungen. Die Autoren bewerten Burdas Verhalten in diesem Zusammenhang moralisch deutlich. Damit berührt das Buch eines der zentralen Themen der deutschen Wirtschaftsgeschichte des „Dritten Reiches“: Wie stark profitierten Unternehmer von Entrechtung, „Arisierung“ und Verfolgung, auch wenn sie selbst nicht zu den ideologischen Antreibern des Regimes gehörten?

Gerade deshalb ist „Der Mann fürs Bunte“ lesenswert. Das Buch entzieht sich der bequemen Versuchung, historische Verantwortung allein danach zu bemessen, ob jemand überzeugter Nationalsozialist war oder nicht. Es zeigt vielmehr, dass ein diktatorisches System auch von Menschen getragen und genutzt werden kann, deren wichtigste Motive Karriere, Geschäft und gesellschaftlicher Aufstieg sind.

Frei, Scharnetzky und Steinacher betreiben dabei keine nachträgliche Heldenverehrung, aber ebenso wenig eine pauschale Verurteilung. Sie versuchen, Franz Burda in seiner Zeit und anhand der Quellen zu erfassen. Das macht die Studie gerade für die Geschichte deutscher Medienunternehmen interessant. Denn hinter den Erfolgsgeschichten der Nachkriegszeit liegen bisweilen Biografien, deren entscheidende Weichen bereits während der NS-Diktatur gestellt wurden.

„Der Mann fürs Bunte“ ist deshalb mehr als eine Familien- und Verlagsgeschichte. Es ist ein Buch über Opportunismus, wirtschaftliche Verantwortung und die unbequeme Frage, wie viel Anpassung notwendig war – und wie viel davon dem eigenen Vorteil diente. Gerade weil die Antworten nicht immer eindeutig ausfallen, lohnt die Auseinandersetzung mit diesem Buch.

Eine Reise in die Welt der Träume – Mein Besuch im Magritte-Museum in Brüssel

20. Oktober 2026

Brüssel ist eine Stadt voller Überraschungen. Zwischen prächtigen Jugendstilfassaden, mittelalterlichen Plätzen, europäischen Institutionen und belgischer Lebensfreude begegnet man immer wieder einer Kunst, die sich jeder einfachen Erklärung entzieht. Einer ihrer bedeutendsten Vertreter ist René Magritte, jener belgische Maler, der mit seinen surrealistischen Bildern unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit auf den Kopf stellte. Ein Besuch im Magritte-Museum in Brüssel ist deshalb weit mehr als ein gewöhnlicher Museumsrundgang. Es ist eine Reise in eine Welt, in der nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, in der Gegenstände ihre vertraute Bedeutung verlieren und in der die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen. Zunächst wollte ich nicht, aber meine Gattin überzeugte mich. Für sie gehörte dieser Museumsbesuch zu den besonders eindrucksvollen kulturellen Erlebnissen der belgischen Hauptstadt – und ich muss ihr zustimmen.

Das Magritte-Museum liegt im historischen Herzen Brüssels am Place Royale, unmittelbar neben dem Königlichen Palast und unweit des Mont des Arts. Schon die Umgebung vermittelt ein Gefühl kultureller Größe. Das Museum gehört zu den Königlichen Museen der Schönen Künste Belgiens und befindet sich im neoklassizistischen Hôtel Altenloh. Hinter der historischen Fassade erwartet den Besucher eine umfangreiche Auseinandersetzung mit einem der eigenwilligsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Die Sammlung umfasst mehr als 200 Werke und Dokumente, darunter Gemälde, Zeichnungen, Gouachen, Fotografien, Plakate und archivalische Materialien. Gerade diese Vielfalt macht den Reiz des Hauses aus, denn sie ermöglicht nicht nur einen Blick auf die berühmten Bildwelten Magrittes, sondern auch auf den Menschen, seine künstlerische Entwicklung und seine intellektuellen Überzeugungen.

Ich kann Magritte von den Büchern aus dem Taschen-Verlag, das ich mir als Jugendlicher gekauft habe. René Magritte wurde am 21. November 1898 in Lessines in Belgien geboren und starb am 15. August 1967 in Brüssel. Er gehört neben Salvador Dalí und Max Ernst zu den bekanntesten Vertretern des Surrealismus, entwickelte allerdings eine ganz eigene Bildsprache. Während Dalí seine traumartigen Visionen häufig in dramatischen, beinahe halluzinatorischen Landschaften inszenierte, bevorzugte Magritte eine nüchterne, präzise und nahezu sachliche Malweise. Gerade darin liegt seine ungeheure Wirkung. Seine Bilder sehen zunächst erstaunlich normal aus. Ein Mann trägt einen Anzug und eine Melone. Ein Apfel liegt auf einem Tisch. Eine Wolke zieht über einen blauen Himmel. Ein Fenster gibt den Blick auf eine Landschaft frei. Doch plötzlich stimmt etwas nicht. Der Apfel verdeckt das Gesicht des Mannes, der Himmel befindet sich dort, wo eigentlich eine Wand sein müsste, oder eine gewöhnliche Pfeife wird zum Ausgangspunkt einer philosophischen Provokation. Magritte verändert nicht unbedingt die Dinge selbst, sondern ihre Beziehungen zueinander. Er zwingt uns, die Wirklichkeit neu zu betrachten.

Besonders faszinierend ist die Frage, wie sehr wir unseren eigenen Augen vertrauen können. Magrittes wohl berühmtestes Werk, „La Trahison des images“ – „Der Verrat der Bilder“ – zeigt eine Pfeife mit der Aufschrift „Ceci n’est pas une pipe“, also „Dies ist keine Pfeife“. Was zunächst wie ein Widerspruch erscheint, ist bei genauer Betrachtung vollkommen richtig. Schließlich sehen wir keine echte Pfeife, sondern lediglich ihre gemalte Darstellung. Das Original dieses berühmten Gemäldes aus dem Jahr 1929 gehört übrigens nicht zur Brüsseler Museumssammlung, sondern befindet sich im Los Angeles County Museum of Art. Dennoch ist die dahinterstehende Idee für das Verständnis des gesamten Museums entscheidend. Magritte hinterfragt die Beziehung zwischen Gegenstand, Bild und Sprache. Was sehen wir tatsächlich? Was glauben wir zu sehen? Und welche Bedeutung geben wir einem Bild, weil wir bestimmte Dinge zu erkennen gelernt haben? Solche Fragen machen seine Kunst auch heute noch erstaunlich modern.

Beim Rundgang durch das Museum wird mir deutlich, dass Magrittes Werk keineswegs aus einer zufälligen Aneinanderreihung merkwürdiger Einfälle besteht. Hinter seinen Bildern steckt ein konsequentes künstlerisches und philosophisches Programm. Bereits in jungen Jahren beschäftigte er sich mit den Möglichkeiten der Malerei. Er studierte an der Académie Royale des Beaux-Arts in Brüssel und setzte sich zunächst mit verschiedenen zeitgenössischen Kunstrichtungen auseinander. Ein entscheidender Impuls ging von Giorgio de Chiricos metaphysischer Malerei aus. Dessen Bildwelten eröffneten Magritte die Möglichkeit, gewöhnliche Gegenstände aus ihren vertrauten Zusammenhängen zu lösen und ihnen dadurch eine neue, rätselhafte Bedeutung zu verleihen. In den 1920er-Jahren fand Magritte zunehmend zu jener unverwechselbaren Ausdrucksform, die ihn später weltberühmt machen sollte.

1927 zog Magritte mit seiner Frau Georgette nach Paris, wo er Anschluss an den Kreis der französischen Surrealisten um André Breton fand. Der Surrealismus wollte die Grenzen rationalen Denkens überwinden und das Unbewusste, die Träume und die verborgenen Mechanismen menschlicher Wahrnehmung erforschen. Doch Magritte blieb innerhalb dieser Bewegung ein eigenständiger Kopf. Ihm ging es weniger darum, fantastische Traumwelten möglichst spektakulär darzustellen, sondern vielmehr darum, die scheinbare Selbstverständlichkeit unserer Alltagswelt zu erschüttern. 1930 kehrte er nach Brüssel zurück, wo er den größten Teil seines weiteren Lebens verbrachte. Auch diese enge Verbindung zu seiner Heimatstadt macht den Besuch des Museums besonders interessant. Man begegnet einem Künstler, dessen Werk international berühmt wurde, der aber zugleich tief in der belgischen Kultur verwurzelt blieb.

Eine zentrale Rolle in Magrittes Bildwelt spielt der Mann mit der Melone. Diese Figur, häufig in einem dunklen Anzug dargestellt, ist längst zu einer Ikone der modernen Kunst geworden. Sie erscheint anonym, beinahe austauschbar, und ist doch sofort als Motiv Magrittes zu erkennen. Besonders bekannt ist das Gemälde „Le Fils de l’homme“ – „Der Sohn des Menschen“ – aus dem Jahr 1964, auf dem ein grüner Apfel das Gesicht eines Mannes verdeckt. Auch dieses Original befindet sich nicht im Magritte-Museum in Brüssel. Es ist dennoch ein hervorragendes Beispiel für die Bildsprache des Künstlers. Der Apfel, eigentlich ein völlig gewöhnlicher Gegenstand, wird zum Hindernis der Erkenntnis. Wir sehen einen Menschen, können ihn aber nicht wirklich erkennen. Magritte spielt mit unserem Bedürfnis, hinter die Oberfläche zu blicken. Gerade das Verborgene erzeugt eine beinahe unwiderstehliche Neugier.

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv ist die Verbindung von Tag und Nacht. Besonders eindrucksvoll kommt diese Idee in der Werkgruppe „L’Empire des lumières“, dem „Reich der Lichter“, zum Ausdruck. Magritte zeigt eine nächtliche Straße oder ein dunkles Haus, darüber jedoch einen hellblauen Himmel mit weißen Wolken. Zwei Tageszeiten, die eigentlich nicht gleichzeitig existieren können, werden zu einer einzigen Szene verbunden. Das Ergebnis ist von einer eigentümlichen Ruhe und zugleich von einer tiefen Unheimlichkeit geprägt. Nichts explodiert, nichts bewegt sich, keine fantastische Kreatur erscheint. Und doch entsteht eine Atmosphäre, die den Betrachter nachhaltig beschäftigt. Eine Fassung dieser berühmten Bildidee aus dem Jahr 1954 gehört zur Sammlung in Brüssel. Gerade vor solchen Werken wird deutlich, dass Magrittes Kunst nicht laut sein muss, um eine enorme Wirkung zu entfalten.

Mich fasziniert an Magritte vor allem diese stille Form der Provokation. Seine Bilder verweigern sich einer eindeutigen Interpretation. Sie erzählen keine abgeschlossenen Geschichten und liefern keine fertigen Antworten. Vielmehr öffnen sie gedankliche Räume. Wer vor einem seiner Gemälde steht, beginnt unweigerlich, eigene Zusammenhänge herzustellen. Ist das Dargestellte ein Traum? Eine Erinnerung? Eine Kritik an unserer Wahrnehmung? Oder einfach eine poetische Möglichkeit, die Welt anders zu sehen? Magritte selbst wehrte sich häufig gegen allzu einfache symbolische Deutungen. Seine Bilder sollten Geheimnisse sichtbar machen, ohne sie vollständig aufzulösen. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sie auch Jahrzehnte nach seinem Tod nichts von ihrer Anziehungskraft verloren haben.

Das Museum zeigt darüber hinaus, wie vielseitig Magritte arbeitete. Neben seinen bekannten Ölgemälden begegnet man Zeichnungen, kleineren Arbeiten, Fotografien und Dokumenten, die Einblicke in seinen Alltag geben. Interessant ist insbesondere seine Beschäftigung mit Werbung und Gebrauchsgrafik. Magritte arbeitete zeitweise als Werbegrafiker, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Diese Tätigkeit steht in einem bemerkenswerten Spannungsverhältnis zu seinem künstlerischen Werk. Denn auch die Werbung lebt davon, Bilder mit Bedeutungen aufzuladen, Erwartungen zu erzeugen und unsere Wahrnehmung zu beeinflussen. Magritte verstand die Mechanismen visueller Kommunikation offenbar sehr genau. Während die Werbung allerdings meist eine eindeutige Botschaft vermitteln will, tat Magritte in seiner Kunst häufig das Gegenteil: Er stellte die vermeintliche Eindeutigkeit von Bildern infrage.

Auch sein Verhältnis zur Fotografie ist bemerkenswert. Zahlreiche Aufnahmen zeigen Magritte und seine Freunde in spielerischen Inszenierungen, die den Geist des Surrealismus unmittelbar erfahrbar machen. Hier wird deutlich, dass Magritte nicht nur auf der Leinwand mit der Wirklichkeit experimentierte. Das absurde Arrangement, die überraschende Perspektive und der Humor gehörten zu seiner gesamten künstlerischen Haltung. Hinter der oft ernsten Erscheinung seiner Bilder verbirgt sich nicht selten ein hintergründiger Witz. Magritte konnte mit einer einzigen Verschiebung der Realität etwas zugleich Komisches, Rätselhaftes und Beunruhigendes schaffen.

Bemerkenswert ist außerdem, wie stark Magrittes Bildsprache die moderne Populärkultur beeinflusst hat. Seine Motive begegnen uns längst nicht mehr ausschließlich in Museen. Sie finden sich in der Werbung, im Grafikdesign, auf Plattencovern, in Musikvideos und in Filmen. Besonders die Verbindung scheinbar unvereinbarer Dinge, das Spiel mit Identitäten und die Irritation vertrauter Bilder gehören heute zum festen Repertoire visueller Erzählkunst. Der britische Künstler Storm Thorgerson, der unter anderem legendäre Plattencover für Pink Floyd gestaltete, arbeitete ebenfalls häufig mit rätselhaften, surreal anmutenden Bildkompositionen. Auch wenn sich daraus nicht für jede einzelne Arbeit ein direkter Einfluss Magrittes ableiten lässt, sind die ästhetischen Verwandtschaften unverkennbar. Die Idee, mit einem einzigen ungewöhnlichen Bild eine ganze Gedankenwelt zu eröffnen, verbindet beide Bildsprachen.

Für Filmfreunde besitzt Magrittes Werk einen besonderen Reiz. Seine präzise komponierten, scheinbar alltäglichen und doch verstörenden Szenen erinnern an die Bildsprache des psychologischen Kinos. Gerade bei Regisseuren wie David Lynch lässt sich eine verwandte Faszination für das Unheimliche hinter der bürgerlichen Normalität entdecken. Ein ordentliches Haus, eine menschenleere Straße oder ein vertrautes Gesicht können plötzlich zum Ausgangspunkt tiefgreifender Verunsicherung werden. Auch die surrealistischen Filme von Luis Buñuel leben von der Auflösung logischer Zusammenhänge. Magritte beweist mit seinen Gemälden, dass eine vergleichbare Irritation bereits durch ein einziges unbewegtes Bild entstehen kann. Man braucht weder Spezialeffekte noch komplizierte Erzählstrukturen. Manchmal genügt ein Apfel vor einem Gesicht oder ein heller Himmel über einer nächtlichen Straße.

Bei aller philosophischen Tiefe ist Magrittes Kunst erstaunlich zugänglich. Man muss kein Kunsthistoriker sein, um sich von seinen Bildern angesprochen zu fühlen. Kinder können über seine ungewöhnlichen Kombinationen staunen, Erwachsene entdecken darin Fragen nach Identität, Wirklichkeit und Erkenntnis. Vielleicht liegt darin eine seiner größten Leistungen. Er verbindet intellektuellen Anspruch mit unmittelbarer visueller Wirkung. Seine Bilder funktionieren auf verschiedenen Ebenen und lassen dem Betrachter die Freiheit, eigene Gedanken zu entwickeln. Das Museum in Brüssel bietet dafür einen ausgezeichneten Rahmen, weil es die Entwicklung des Künstlers über mehrere Jahrzehnte nachvollziehbar macht und zugleich die unterschiedlichen Facetten seines Schaffens sichtbar werden lässt.

Besonders spannend ist die Erkenntnis, dass Magritte im Grunde ein Künstler des Zweifels war. Er misstraute einfachen Erklärungen und stellte die Gewissheiten infrage, auf denen unser Verständnis der Welt beruht. In einer Gegenwart, die zunehmend von digitalen Bildern, künstlicher Intelligenz und manipulierten Wirklichkeiten geprägt wird, erhält sein Werk eine überraschende Aktualität. Was ist echt? Was ist nur eine Darstellung? Welche Bedeutung hat ein Bild, wenn es nicht mehr zwingend einen realen Gegenstand voraussetzt? Magrittes berühmte Pfeife könnte heute beinahe als Kommentar zu KI-generierten Bildern verstanden werden. Auch ein fotorealistisches Bild ist noch lange kein Beweis dafür, dass das Dargestellte tatsächlich existiert. Magritte hat diese grundlegende Unterscheidung zwischen Bild und Wirklichkeit bereits vor nahezu einem Jahrhundert zum Gegenstand seiner Kunst gemacht.

Das macht den Museumsbesuch für mich zu mehr als einer Begegnung mit einem großen Maler. Er wird zu einer Auseinandersetzung mit unserer eigenen Medienkompetenz. Magritte fordert uns auf, genau hinzusehen, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und die Macht der Bilder nicht zu unterschätzen. Gerade in Zeiten, in denen soziale Netzwerke und digitale Plattformen täglich Millionen von Bildern verbreiten, erscheint diese Botschaft bemerkenswert zeitgemäß. Seine Kunst lehrt uns, dass Sehen und Verstehen keineswegs dasselbe sind.

Natürlich gehört zu einem solchen Museumsbesuch auch die besondere Atmosphäre des Ortes. Das historische Brüssel mit seinen prächtigen Gebäuden, den engen Gassen und der lebendigen Kunstszene bildet einen reizvollen Kontrast zu Magrittes rätselhaften Bildwelten. Verlässt man das Museum und tritt wieder auf den Place Royale, betrachtet man die Umgebung möglicherweise mit etwas anderen Augen. Die Fassaden, die Menschen, die Wolken über der Stadt – alles scheint für einen Moment ein wenig weniger selbstverständlich. Vielleicht ist das die nachhaltigste Wirkung eines großen Künstlers: Er verändert nicht die Welt, sondern unseren Blick auf sie.

Mein Fazit fällt deshalb eindeutig aus: Das Magritte-Museum gehört für Kunst- und Kulturinteressierte zu den wichtigsten Adressen in Brüssel. Es vermittelt nicht nur einen umfassenden Eindruck vom Werk eines außergewöhnlichen belgischen Künstlers, sondern lädt zu einer geistigen Entdeckungsreise ein. René Magritte war kein Maler, der die Welt einfach abbilden wollte. Er wollte zeigen, wie geheimnisvoll sie bereits ist, wenn wir bereit sind, unsere gewohnten Denkmuster zu verlassen. Seine Bilder sind Rätsel ohne endgültige Lösung, visuelle Gedankenspiele und zugleich kleine philosophische Revolutionen.

Wer das Magritte-Museum besucht, nimmt deshalb mehr mit nach Hause als die Erinnerung an beeindruckende Kunstwerke. Er nimmt eine neue Sensibilität für Bilder, Symbole und die vermeintliche Realität mit. Und vielleicht bleibt am Ende vor allem eine Erkenntnis: Die Welt ist wesentlich rätselhafter, als wir glauben. René Magritte hat uns gelehrt, dieses Rätsel nicht als Problem zu betrachten, sondern als Einladung zum Staunen. Genau darin liegt für mich die zeitlose Faszination seiner Kunst.

Podcast Seitensprung Extra: Beichte & Bestechung – Wenn 15 Autorinnen gemeinsam morden und ein Kloster zum Tatort wird

19. Oktober 2026

Was passiert, wenn 15 Krimiautorinnen gemeinsam eine Geschichte entwickeln, fünf Jahre daran arbeiten und ihre unterschiedlichen literarischen Handschriften miteinander verbinden? Das Ergebnis trägt den vielversprechenden Titel „Beichte & Bestechung“ und ist eine ebenso ungewöhnliche wie unterhaltsame Sammlung miteinander verflochtener Klosterkrimis. Ich habe drei Autorinnen Hannelore Koch, Bhavya Heubisch und Thea Lehmannn zusammen mit Büchereileiterin Beate Seyschab in einem 360 Grad Interview zu unserem Seitensprung Extra-Podcast eingeladen. Hier das VR 360 Grad Interview

Das Buch selbst erschien am März 2025 im myshow Verlag, umfasst 296 Seiten und kostet 16 Euro. Herausgegeben wurde es von Thea Lehmann. Die Idee und Konzeption entstanden unter Mitwirkung von Claudia Westhagen und dem Verlag. Beteiligt waren Autorinnen aus dem Umfeld des Vereins Mörderische Schwestern, der sich für die von Frauen geschriebene Kriminalliteratur engagiert.

Bereits die Ausgangssituation verspricht eine gehörige Portion schwarzen Humors. In einem bayerischen Kloster herrscht Krisenstimmung. Der Nachwuchs bleibt aus, die finanziellen Mittel werden knapp, und die Zukunft der geistlichen Einrichtung steht auf dem Spiel. Doch Äbtissin Fabiola denkt nicht daran, ihr Kloster kampflos aufzugeben. Sie entwickelt eine ebenso fromme wie gewagte Geschäftsidee: Eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit krimineller Vergangenheit soll nicht nur der Resozialisierung dienen, sondern zugleich neues Leben in die alten Klostermauern bringen.

Allerdings entwickelt sich die gut gemeinte Initiative anders als erwartet. Statt reuiger Sünder erscheinen zwielichtige Gestalten, ehemalige Mafiosi, Betrüger und andere Persönlichkeiten, deren Verhältnis zu Recht und Gesetz ausgesprochen flexibel ist. Bald wird das Kloster zum Treffpunkt der Unterwelt. Zwischen Gebeten, Beichten und kriminellen Machenschaften entstehen absurde Situationen, überraschende Wendungen und mörderische Verwicklungen. Besonders verdächtig erscheint der ehemalige Mafioso Salvatore, der sich als Gärtner betätigt und dessen Rosen auf geradezu unheimliche Weise gedeihen. Was steckt hinter dieser außergewöhnlichen Blütenpracht?

Fünfzehn Autorinnen und eine gemeinsame literarische Welt
Die eigentliche Besonderheit von „Beichte & Bestechung“ liegt jedoch weniger in seiner Handlung als in seiner Entstehung. Fünfzehn Autorinnen haben über einen Zeitraum von rund fünf Jahren an einem gemeinsamen literarischen Projekt gearbeitet. Dabei entstand kein klassischer Roman, bei dem eine einzige Erzählerin die Handlung bestimmt, sondern ein Geflecht aus vierzehn Geschichten, die durch einen gemeinsamen Schauplatz, wiederkehrende Figuren und eine übergeordnete Rahmenhandlung verbunden sind.

Ein solches Projekt verlangt erheblich mehr Abstimmung als eine gewöhnliche Anthologie. Schließlich muss jede Autorin ihre eigene Geschichte entwickeln können, ohne die Logik der gemeinsamen Erzählwelt zu beschädigen. Figuren müssen wiedererkennbar bleiben, Ereignisse aufeinander abgestimmt werden und die unterschiedlichen Erzählstränge miteinander harmonieren. Gerade bei Kriminalgeschichten, deren Wirkung häufig auf präzise konstruierten Überraschungen beruht, ist dies eine besondere Herausforderung.

Die unterschiedlichen literarischen Stimmen sind zugleich eine Stärke des Buches. Wo eine Autorin auf Spannung setzt, bevorzugt eine andere möglicherweise groteske Situationen, psychologische Abgründe oder pointierte Dialoge. Dadurch entsteht Abwechslung, ohne dass die gemeinsame Grundidee verloren geht. Das Buch bewegt sich zwischen Kriminalkomödie, klassischer Kurzgeschichte und einer episodenhaft aufgebauten Romanhandlung.

Dass diese Konstruktion anspruchsvoll ist, bestätigt auch Herausgeberin Thea Lehmannn über die Arbeit an Gemeinschaftsprojekten. Sie beschreibt die Schwierigkeit, einzelne Autorinnen bei der Ausgestaltung einer übergeordneten Rahmenhandlung zu begrenzen, damit das Zusammenspiel der Geschichten funktioniert. Für „Beichte & Bestechung“ wurde deshalb besonderer Wert darauf gelegt, die Figuren über die einzelnen Erzählungen hinweg miteinander zu verbinden.

Zwischen schwarzem Humor und menschlichen Abgründen
Literarisch lebt „Beichte & Bestechung“ vom reizvollen Gegensatz zwischen dem vermeintlich heiligen Ort und den ausgesprochen unheiligen Absichten seiner Besucher. Ein Kloster steht traditionell für Besinnung, Vergebung und moralische Orientierung. Hier wird es zum Schauplatz von Täuschung, krimineller Energie und menschlichen Schwächen. Diese Umkehrung vertrauter Vorstellungen liefert reichlich Stoff für Situationskomik und satirische Zuspitzungen.

Interessant ist dabei die Frage nach Schuld und Sühne. Können Menschen mit krimineller Vergangenheit tatsächlich einen neuen Weg einschlagen? Ist Reue eine Frage des Glaubens oder der persönlichen Überzeugung? Und wie weit darf jemand gehen, um eine vermeintlich gute Sache zu retten? Hinter dem unterhaltsamen Kriminalgeschehen verbergen sich damit durchaus ernsthafte Fragen nach Moral, Verantwortung und menschlicher Veränderung.

Die Verbindung von Religion und Verbrechen hat in der Kriminalliteratur eine lange Tradition. Schon Umberto Ecos „Der Name der Rose“ nutzte das Kloster als abgeschlossene Welt, in der sich Macht, Geheimnisse und Mord begegnen. Allerdings verfolgt „Beichte & Bestechung“ einen wesentlich leichteren Ansatz. Statt philosophischer Schwere dominieren schwarzer Humor, skurrile Charaktere und die Lust an überraschenden Verwicklungen.

Die besondere Stärke des Konzepts liegt in der Vielfalt der Perspektiven. Jede Autorin bringt ihre eigene Vorstellung davon ein, was einen gelungenen Krimi ausmacht. Dadurch entsteht ein literarisches Mosaik, das seinen Reiz gerade aus den unterschiedlichen Erzählweisen bezieht.

Allerdings birgt diese Konstruktion auch Risiken. Nicht jede Geschichte kann dieselbe Spannung entwickeln, nicht jede Pointe wird bei allen Leserinnen und Lesern gleichermaßen funktionieren. Auch die wechselnden Schreibstile können den Lesefluss gelegentlich unterbrechen. Wer einen streng durchkomponierten Kriminalroman mit kontinuierlich steigender Spannung erwartet, dürfte deshalb mit einer anderen Erwartung an das Buch herangehen müssen.

Frauen schreiben Krimis – und bestimmen die Spielregeln
Auch der Hintergrund des Projekts verdient Aufmerksamkeit. Die beteiligten Schriftstellerinnen stehen teilweise dem Netzwerk der Mörderischen Schwestern nahe. Dieser Zusammenschluss engagiert sich für die Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen und unterstützt Autorinnen bei ihrer literarischen Arbeit.

„Beichte & Bestechung“ zeigt, welches kreative Potenzial in einer solchen Zusammenarbeit steckt. Statt ausschließlich auf die individuelle Leistung einer einzelnen Schriftstellerin zu setzen, steht hier die gemeinsame Entwicklung einer Geschichte im Mittelpunkt. Die Autorinnen müssen Ideen teilen, Kompromisse eingehen und sich auf die Figuren und Handlungsentwicklungen ihrer Kolleginnen einlassen.

Dass daraus nach fünf Jahren tatsächlich ein veröffentlichtes Buch entstanden ist, kann bereits als bemerkenswerte Gemeinschaftsleistung gelten. Denn kreatives Schreiben ist häufig ein einsamer Prozess. Hier wurde daraus ein langfristiges Gemeinschaftsprojekt, bei dem unterschiedliche Temperamente, Erfahrungen und literarische Vorlieben zusammenfinden mussten.

Autorenlesung in der Gemeindebücherei Maisach
Vor kurzem stellten Hannelore Koch, Bhavya Heubisch und Herausgeberin Thea Lehmann das Buch in der Gemeindebücherei Maisach vor. Die Veranstaltung bot die Gelegenheit, nicht nur ausgewählte Geschichten kennenzulernen, sondern auch mehr über die außergewöhnliche Entstehung des Werkes zu erfahren.

Im Anschluss waren die drei Autorinnen zu Gast in einer Extra-Ausgabe des Podcasts „Seitensprung“ der Gemeindebücherei Maisach. Büchereileiterin Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange sprachen mit ihnen über das gemeinsame Schreiben, die Herausforderungen eines Projekts mit 15 Beteiligten und die Frage, wie aus zahlreichen individuellen Ideen eine zusammenhängende literarische Welt entstehen kann.

Fazit: Ein Krimiprojekt, das aus der Reihe fällt

Ein Abend zu zweit beim Heinzinger – wenn aus einem Menü eine kleine Liebesgeschichte wird

18. Oktober 2026

Manchmal braucht es für einen romantischen Abend gar nicht die große Reise, kein Hotel am Meer und keinen Tisch mit Blick auf den Eiffelturm. Manchmal genügt eine Fahrt nach Rottbach. Dort, im kleinen Ortsteil von Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck, steht mit dem Gasthof Heinzinger – Denis Michael Kleinknecht ein Haus, das auf wunderbare Weise zwei Welten miteinander verbindet: die jahrhundertealte Tradition eines bayerischen Dorfwirtshauses und eine moderne, ambitionierte Küche, die sich nicht davor scheut, mit Champagner, Wagyu und überraschenden Geschmackskombinationen zu spielen.

Und genau hier kann man einen dieser Abende verbringen, an die man sich gerne erinnert. Einen Abend zu zweit, an dem die Zeit ein wenig langsamer vergeht und ein Essen nicht bloß aus Vorspeise, Hauptgang und Dessert besteht, sondern aus einer Folge kleiner gemeinsamer Entdeckungen.

Schon die Geschichte des Hauses macht den Heinzinger besonders. Bereits 1389 wird an dieser Stelle eine Taferne erwähnt. Rottbach lag damals an einer Verbindung zwischen Überacker und dem nördlichen Hinterland; selbst Handelswagen der Fugger sollen diese Strecke benutzt haben. 1929 ging die Wirtschaft an die Familie Heinzinger, in deren Besitz das Gebäude bis heute ist. 1954 kam der Saal hinzu. Damit gehört das Haus zu den ältesten urkundlich erwähnten Gebäuden Rottbachs.

Man sitzt also an einem Ort, an dem seit Jahrhunderten Menschen zusammenkommen, essen, trinken, erzählen und feiern. Selbst Künstler entdeckten Rottbach für sich. Im 19. Jahrhundert kamen Maler aus München und der Umgebung ins Brucker Land. Ferdinand Feldhütter hielt sich mehrfach mit Künstlerkollegen in Rottbach auf und rückte in seinen Darstellungen des Ortes ausgerechnet die damalige Tafernwirtschaft, den heutigen Heinzinger, ins Zentrum. Später gehörte auch der Puchheimer Künstler Martin Ludwig zu den Stammgästen.

Seit 2016 trägt vor allem ein Mann die kulinarische Handschrift des Hauses: Denis Michael Kleinknecht. Seine berufliche Biografie erklärt, warum aus dem traditionellen Wirtshaus längst ein bemerkenswertes Gourmetziel geworden ist. Kleinknecht begann 1991 seine Kochlehre in Germering, arbeitete anschließend unter anderem im Münchner „Le Gourmet“ bei Otto Koch, im Randolph Hotel in Oxford, im Acquarello in München und später bei Röckenwagner in Santa Monica. 2016 übernahm er als Küchenchef und Gastwirt den Heinzinger.

Dabei hat er dem alten Gasthof seine Seele nicht genommen. Das ist vielleicht das Entscheidende. Der Heinzinger möchte kein steriler Gourmettempel sein, bei dem man sich kaum zu sprechen traut. Holz, Wirtshausatmosphäre und Geschichte bleiben spürbar, während auf den Tellern eine Küche erscheint, die deutlich über das klassische Repertoire eines Landgasthofs hinausgeht. Der renommierte Restaurantführer Gusto beschreibt genau diesen Gegensatz: Von außen wirke das Haus zunächst wie ein gewöhnliches bayerisches Gasthaus – der Blick auf die Karte zeige dann schnell, dass hier einiges anders läuft.

Und dann beginnt unser Gourmetmenü.
Mit Kalbskopf-Carpaccio, Vinaigrette und Pfifferlingssalat startet der Abend ausgesprochen bodenständig und zugleich elegant. Kalbskopf ist ein Produkt der traditionellen Küche, das heute nur noch selten auf Speisekarten auftaucht. Hier wird daraus ein feines Carpaccio. Die Säure der Vinaigrette nimmt dem Gericht die Schwere, die Pfifferlinge bringen Wald, Erde und Spätsommer beziehungsweise frühen Herbst auf den Teller. Bereits dieser erste Gang erzählt viel über die Philosophie des Hauses: Tradition wird nicht museal bewahrt, sondern weitergedacht.

Das passt zu Kleinknechts erklärtem Konzept. Regionalität bedeutet für ihn nicht Einschränkung, sondern die Möglichkeit, aus dem Vorhandenen etwas Besonderes herauszuarbeiten. Auf der eigenen Website beschreibt der Heinzinger seine Küche als saisonal und regional geprägt; Gemüse soll möglichst umfassend genutzt und regionale Vielfalt kulinarisch veredelt werden.

Danach wird es exotischer: Kokos, Kürbis und Kräuter-Ei. Schon die drei Begriffe zeigen, wie spielerisch diese Küche arbeitet. Kürbis steht für die Region und die Jahreszeit, Kokos öffnet geschmacklich die Tür in eine andere Welt. Das Kräuter-Ei verbindet beides. Es ist ein Gericht der Kontraste – süßlich, erdig, cremig, aromatisch. Und vielleicht ist gerade das ein schönes Bild für einen Abend zu zweit: Vertrautes trifft auf Neues.

Beim dritten Gang wird es ausgesprochen festlich: Ravioli, Garnele und Champagner. Pasta und Krustentier wären für sich genommen schon eine klassische Kombination. Champagner aber verändert die Tonlage. Er bringt Säure, Eleganz und dieses kleine bisschen Luxus hinein, das ein Gourmetmenü von einem gewöhnlichen Abendessen unterscheidet. Es ist einer jener Gänge, bei denen man nicht unbedingt analysieren muss, was der Koch beabsichtigt hat. Man darf einfach probieren, den anderen anschauen und genießen.

Mit der Gelbschwanzmakrele, Riesenbovist und Kapern wird es anschließend ungewöhnlicher. Fisch, Pilz und die intensive salzig-säuerliche Würze der Kapern treffen aufeinander. Der Riesenbovist ist dabei eine besonders schöne Idee: ein heimischer Pilz, den viele eher von einer Wiese als aus der gehobenen Gastronomie kennen. Gerade solche Kombinationen machen den Reiz einer Küche aus, die internationale Erfahrungen mit Produkten aus der Umgebung verbinden möchte.

Und dann kommt ein Gericht, dessen Name beinahe programmatisch für den Heinzinger steht: „Zwiebelrostbraten 2.0“ mit Wagyu, Schalotte, Kartoffel und Jus. Ein Zwiebelrostbraten gehört zum vertrauten süddeutschen und österreichischen Wirtshausrepertoire. Doch die Bezeichnung „2.0“ verrät, dass hier keine nostalgische Kopie serviert werden soll. Wagyu statt gewöhnlichem Rind, Schalotte, Kartoffel und konzentrierte Jus zerlegen den Klassiker gedanklich in seine Bestandteile und setzen ihn neu zusammen. Es ist Wirtshausküche mit Gourmetambition – ohne die eigene Herkunft zu verleugnen.

Gerade dieser Umgang mit Tradition passt zu einem Haus, das selbst mehr als sechs Jahrhunderte gastronomische Geschichte in sich trägt. Die alte Taferne ist nicht zur Kulisse geworden. Sie lebt weiter, nur dass sich das Verständnis davon, was ein Wirtshaus seinen Gästen bieten kann, verändert hat.

Und schließlich darf ein romantischer Abend natürlich nicht ohne eine kleine Liebeserklärung enden. Das Dessert heißt tatsächlich „eine wirklich heiße Liebe“. Schon der Name nimmt der Gourmetküche wohltuend ihre gelegentliche Ernsthaftigkeit. Nach fünf Gängen darf geflirtet werden – sogar auf der Speisekarte. Was genau sich hinter dieser Interpretation der „Heißen Liebe“ verbirgt, lässt das Menü bewusst offen. Gerade das macht neugierig.

Wer es weniger süß und dafür kräftig und herzhaft mag, kann stattdessen Rohmilch-Trüffel-Camembert mit Brot und Feigensenf wählen. Auch das ist ein schöner Abschluss: Käse, gutes Brot, etwas Süße und vielleicht noch ein Glas Wein – mehr braucht es manchmal nicht.

Das Menü wird tischweise serviert. Gerade dieser letzte Punkt passt wunderbar zu einem Essen zu zweit oder zu viert. Man entscheidet sich gemeinsam für die kulinarische Reise. Niemand hetzt zum nächsten Programmpunkt, niemand schaut auf die Uhr. Gang folgt auf Gang, dazwischen bleibt Zeit zum Reden.

Der Heinzinger ist deshalb für mich weit mehr als ein gutes Restaurant auf dem Land. Es ist ein Stück Rottbacher Geschichte, das sich entschieden hat, nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Aus einer mittelalterlichen Taferne wurde über die Jahrhunderte ein Dorfwirtshaus und schließlich ein bemerkenswertes Gourmet-Wirtshaus. Denis Michael Kleinknecht hat diese Geschichte nicht wegmodernisiert, sondern ihr ein neues Kapitel hinzugefügt.

Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Romantik dieses Ortes. Draußen ist Rottbach, ein kleiner Ort im Brucker Land. Drinnen sitzt man in einem Gasthaus, in dem schon Generationen vor uns gegessen und getrunken haben. Vor einem stehen Kalbskopf und Pfifferlinge, Garnele und Champagner, Gelbschwanzmakrele und Riesenbovist, Wagyu und schließlich eine „wirklich heiße Liebe“.

Und gegenüber sitzt im besten Fall genau der Mensch, mit dem man all das teilen möchte – in meinem Fall meine Frau. Dann kann Rottbach für einen Abend tatsächlich ziemlich romantisch sein.

KI-Brillen als Werkzeug für die Arbeitswelt

17. Oktober 2026

In seinem Vortrag zeigte Illya Trubman von Meta, welches Potenzial KI-Brillen künftig vor allem in Unternehmen entfalten könnten. Im Mittelpunkt stand bei seinem Vortrag bei der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft vbw im Rahmen der Veranstaltung XR-Technologien im Unternehmen dabei weniger die Nutzung als Lifestyle-Produkt, sondern der praktische Einsatz in Produktion, Wartung, Logistik, Schulung und Wissensmanagement. Interessant für mich auch die Statements vom vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossard und dem Amtschef des bayerischen Digitalministeriums Dr. Hans Michael Strepp.

Trubman betonte zunächst, dass Meta zwar Hersteller und Plattformanbieter sei, der eigentliche wirtschaftliche Nutzen aber erst durch Partner und Unternehmen entstehe, die Anwendungen für die Brillen entwickeln. Eine wichtige Rolle spiele dabei das europäische Ökosystem. Als zentralen Partner nannte er EssilorLuxottica, zu dessen Marken unter anderem Ray-Ban und Oakley gehören. Über ein Entwickler-Kit könnten Unternehmen zudem eigene Anwendungen erstellen und dabei auf Kamera, Mikrofone und Lautsprecher der Brillen zugreifen. Nach Angaben Trubmans hätten dies bereits mehr als 5.000 Entwickler getan. Hier der Vortrag als Video.

Als entscheidenden Punkt bezeichnete er die Wertschöpfung durch die praktische Anwendung neuer Technologien. Nicht allein die Erfindung einer Technologie entscheide über deren wirtschaftliche Bedeutung, sondern vor allem die Fähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften, sie produktiv einzusetzen. Dies gelte seiner Ansicht nach für künstliche Intelligenz ebenso wie für KI-Brillen.

Eine KI-Brille besteht nach Trubmans Definition aus drei wesentlichen Komponenten: Zunächst bleibt sie eine vollwertige Brille, die auch mit individuellen Sehstärken erhältlich sein kann. Hinzu kommt die fest integrierte künstliche Intelligenz, die beispielsweise die Umgebung beschreiben, Fragen beantworten, Texte übersetzen oder Bilder analysieren kann. Mikrofone, Lautsprecher und Kamera ergänzen das System. Entscheidend sei dabei die Multimodalität: Die KI könne visuelle und akustische Informationen miteinander verbinden und gleichzeitig per Sprache mit dem Nutzer kommunizieren.

Besonders großes Potenzial sieht Trubman bei Beschäftigten, die nicht am Schreibtisch arbeiten, sondern beispielsweise an Maschinen, in Werkstätten oder Lagern tätig sind. Gerade dort sei eine freihändige Bedienung entscheidend. Ein Mitarbeiter könne während seiner Arbeit Fragen stellen, ohne Werkzeug oder Bauteile aus der Hand legen zu müssen. Gleichzeitig erfasse die Kamera den jeweiligen Arbeitskontext, sodass die KI ihre Antworten auf die konkrete Situation beziehen könne.

Als Beispiel stellte Trubman das Münchner Unternehmen Circus SE vor. Das Unternehmen entwickelt automatisierte Küchenrobotik, mit der große Mengen unterschiedlicher Mahlzeiten zubereitet werden können. Für Betrieb, Wartung und Schulung werden dennoch qualifizierte Mitarbeiter benötigt. Bei einer internationalen Expansion sei es jedoch weder praktikabel, sämtliche Mitarbeiter zur Schulung nach München zu holen, noch große Maschinen für Trainingszwecke durch die Welt zu transportieren.

Hier sollen KI-Brillen eine dezentrale Ausbildung ermöglichen. Trainingsunterlagen, Prozesswissen und standardisierte Abläufe können in ein KI-System integriert werden. Mitarbeiter erhalten damit Unterstützung genau in dem Moment, in dem sie vor einer Maschine stehen und Hilfe benötigen. Erkennt die Kamera beispielsweise einen bestimmten Zustand oder eine Warnanzeige, kann das System erklären, welche Arbeitsschritte als Nächstes notwendig sind.

Trubman hob zudem die Möglichkeiten einer individuelleren Wissensvermittlung hervor. Informationen könnten abhängig von Situation und Nutzer über Sprache, visuelle Hinweise oder ein Display vermittelt werden. Auch Sprachbarrieren ließen sich durch Übersetzungsfunktionen reduzieren. Statt umfangreiches Wissen ausschließlich vor einer Tätigkeit zu vermitteln, werde Unterstützung unmittelbar während der Arbeit verfügbar.

Bei Circus komme dafür eine als „Operator AI“ bezeichnete Anwendung zum Einsatz. Sie verbindet vorhandenes Trainings- und Unternehmenswissen mit dem aktuellen Arbeitskontext. Nach Trubmans Darstellung soll das System zudem aus den Interaktionen lernen und dadurch die Unterstützung für nachfolgende Anwender verbessern.

Über dieses Beispiel hinaus sieht Meta zahlreiche Einsatzmöglichkeiten für KI-Brillen. Dazu gehören Instandhaltung und Service, Logistik und Produktion, Qualitätskontrolle, Schulung sowie Dokumentation und Wissensmanagement. In einem Lager könnten Mitarbeiter beispielsweise bei der Navigation und Kommissionierung unterstützt werden. Bei Wartungsarbeiten könnten Arbeitsschritte dokumentiert, Bauteile erkannt oder festgestellte Mängel protokolliert werden.

Eine weitere Möglichkeit ist die Verbindung mit menschlichen Experten. Reicht die Unterstützung der KI nicht aus, könnte ein Mitarbeiter über die Brille Kontakt zu einem Spezialisten aufnehmen. Dieser sieht aus der Perspektive des Mitarbeiters das Kamerabild und kann unmittelbar Hinweise geben. Damit verbindet das Konzept automatisierte KI-Unterstützung mit klassischem Remote-Support.

Trubmans zentrale Botschaft lautete damit: Der Wert von KI-Brillen liegt weniger in der Hardware selbst als in ihrer Integration in konkrete Arbeitsprozesse. Besonders dort, wo Beschäftigte beide Hände benötigen und gleichzeitig Informationen, Schulungswissen oder Unterstützung brauchen, könnten solche Systeme zu einer neuen Schnittstelle zwischen Mensch, Unternehmenswissen und künstlicher Intelligenz werden. Entscheidend werde sein, welche Anwendungen Unternehmen auf dieser technischen Grundlage entwickeln und wie sinnvoll sie diese in ihre bestehenden Prozesse integrieren.