Meine Vinyl-Käufe im Mai

31. Mai 2026

Live Lockdown von Andy Fairweather Low and the Low Riders
Mit Live Lockdown zeigen Andy Fairweather Low & The Low Riders eindrucksvoll, dass echte Live-Atmosphäre auch in Zeiten geschlossener Clubs funktionieren kann. Das 2021 veröffentlichte Doppelalbum entstand während eines gestreamten Konzerts im Londoner Hideaway Club im September 2020 – mitten in der Pandemie und ohne klassisches Publikum. Gerade daraus zieht die Aufnahme ihre besondere Stimmung.

Musikalisch bewegt sich das Album souverän zwischen Blues, Soul, Rhythm & Blues und entspanntem Roots-Rock. Fairweather Low verzichtet auf große Effekte und setzt stattdessen auf Groove, Spielfreude und die enorme Qualität seiner Band. Stücke wie „Sweet Soulful Music“, „Spider Jiving“, „Wide Eyed And Legless“ oder „If Paradise Is Half As Nice“ verbinden nostalgischen Charme mit erstaunlicher Frische.

Besonders überzeugend ist die lockere, warme Atmosphäre. Obwohl das Konzert ursprünglich für ein virtuelles Publikum gespielt wurde, wirkt nichts steril oder distanziert. Die Low Riders spielen mit Eleganz und Zurückhaltung, während Fairweather Low seine Songs mit trockenem Humor und lässiger Gelassenheit präsentiert. Seine Stimme mag heute rauer klingen als früher, doch genau das verleiht den Interpretationen Glaubwürdigkeit und Charakter.

Auch die Songauswahl funktioniert hervorragend. Neben bekannten Titeln aus der Amen-Corner-Ära und seiner Solokarriere gibt es Blues- und Soulklassiker, die perfekt zu seinem Stil passen. Das Album lebt weniger von spektakulären Höhepunkten als von konstant hoher musikalischer Qualität und entspannter Klasse.

Live Lockdown ist deshalb kein modernes Hochglanz-Livealbum, sondern vielmehr eine stilvolle, intime Momentaufnahme eines erfahrenen Musikers, der nichts mehr beweisen muss. Gerade diese Unaufgeregtheit macht die Aufnahme so sympathisch – warmherzig, musikalisch souverän und voller britischer Blues- und Soultradition.

Five Live Yardbirds von The Yardbirds
Mit Five Live Yardbirds veröffentlichten The Yardbirds 1964 eines der rohesten und einflussreichsten Live-Alben der britischen Bluesrock-Ära. Aufgenommen im legendären Marquee Club in London, dokumentiert die Platte die Band in ihrer frühen Hochphase – mit einem jungen Eric Clapton an der Gitarre, lange bevor er zum Weltstar wurde.

Das Album klingt weder geschniegelt noch perfekt produziert – genau darin liegt seine Stärke. Die Yardbirds spielen amerikanischen Blues und Rhythm & Blues mit einer wilden, fast aggressiven Energie. Stücke wie „Smokestack Lightning“, „I’m a Man“ oder „Too Much Monkey Business“ entwickeln sich zu fiebrigen Improvisationen voller Tempo, Spannung und sogenannter „Rave-Ups“, jener ekstatischen Instrumentalpassagen, die später zahlreiche Rockbands beeinflussen sollten.

Eric Claptons Gitarrenspiel ist dabei zwar prägend, aber nie selbstverliebt. Die Band funktioniert als Einheit: Keith Relfs rauer Gesang und die treibende Rhythmusgruppe verleihen den Songs eine clubartige Direktheit, die heute fast dokumentarisch wirkt. Gerade deshalb gilt Five Live Yardbirds vielen Kritikern rückblickend als eines der ersten wirklich bedeutenden Live-Rockalben überhaupt. AllMusic bezeichnete es sogar als „essential live album“ der britischen Rockbewegung der Sechzigerjahre.

Natürlich hört man dem Album sein Alter an. Der Sound ist rau, teilweise übersteuert und weit entfernt von moderner Live-Produktion. Doch genau diese Ungeschliffenheit transportiert die Atmosphäre eines verschwitzten Londoner Clubs besser als viele technisch perfekte Konzertmitschnitte. Five Live Yardbirds ist weniger ein Hochglanzalbum als vielmehr ein explosiver Schnappschuss jener Zeit, in der britischer Bluesrock gerade dabei war, die Rockmusik zu revolutionieren.

Hergest Ridge Demo von Mike Oldfield
Mit den Hergest Ridge 1974 Demo Recordings öffnet Mike Oldfield ein faszinierendes Fenster in die Entstehung seines zweiten großen Werkes nach Tubular Bells. Die Aufnahmen zeigen das Album noch im Rohzustand – weniger poliert, oft reduzierter instrumentiert, dafür unmittelbarer und erstaunlich intim.

Gerade darin liegt der besondere Reiz dieser Demo-Versionen. Wo das spätere Studioalbum teilweise orchestrale Breite und dichte Klangschichten entwickelt, wirken die Demos deutlich transparenter. Viele Passagen entfalten eine fast pastorale Ruhe: akustische Gitarrenfiguren, schwebende Orgeln und hypnotische Wiederholungen erzeugen eine meditative Stimmung, die den Hörer direkt in die hügelige Landschaft von Herefordshire versetzt, nach der das Werk benannt wurde.

Besonders spannend ist zu hören, wie Ideen entstehen und sich entwickeln. Manche Themen erscheinen hier noch skizzenhaft, andere wiederum besitzen bereits jene typische melancholische Schönheit, die Oldfields frühe Siebzigerjahre-Alben so einzigartig macht. Die Demo-Aufnahmen wirken weniger monumental als die spätere LP, dafür persönlicher und näher am Komponisten selbst – fast so, als säße man mit Oldfield allein im Studio während der kreativen Suche.

Auch klanglich besitzen die Aufnahmen ihren eigenen Charme. Das leicht raue Tape-Gefühl und die unfertige Struktur verleihen dem Material Authentizität. Für Gelegenheitshörer mögen die Demos manchmal unfokussiert wirken, doch für Fans von Oldfields Frühwerk sind sie eine Schatzkammer voller Details, Atmosphären und alternativer musikalischer Wege.

So sind die Hergest Ridge 1974 Demo Recordings weniger ein klassisches Album als vielmehr ein musikalisches Tagebuch – ein seltenes Dokument eines jungen Mike Oldfield auf dem Weg zu einem seiner poetischsten Werke.

No Reason to Cry von Eric Clapton
Eric Clapton veröffentlichte No Reason to Cry 1976 – ein Album, das oft im Schatten des späteren Erfolgswerks Slowhand steht, aber gerade deshalb seinen eigenen Reiz entfaltet. Eingespielt wurde die Platte in den Shangri-La-Studios von The Band in Malibu, gemeinsam mit einer beeindruckenden Musiker-Runde um Bob Dylan, Ron Wood und mehreren Mitgliedern von The Band.

Die Stärke des Albums liegt weniger in großen Hits als in seiner entspannten, fast nächtlichen Atmosphäre. Clapton klingt gelöst und unaufgeregt, bewegt sich zwischen Blues, Country-Rock und amerikanischem Roots-Sound. Songs wie „Hello Old Friend“, „Sign Language“ oder „All Our Past Times“ leben von ihrer Wärme und musikalischen Natürlichkeit. Besonders „Sign Language“, das Dylan mitgeschrieben und mitgesungen hat, gehört zu den heimlichen Höhepunkten der Platte.

Kritiker beschrieben das Album häufig als Jam-Session unter Freunden – charmant, aber manchmal auch etwas ziellos. Der Rolling Stone sprach eher von einem „Mélange als Meisterwerk“, während AllMusic vor allem die Zusammenarbeit mit The Band hervorhob.

Gerade diese Lockerheit macht No Reason to Cry heute aber interessant: Das Album wirkt intim, organisch und frei von kommerziellem Druck. Es ist kein Gitarren-Feuerwerk und kein Klassiker vom Format eines Layla oder Slowhand, sondern eher ein musikalisches Treffen Gleichgesinnter – warm, melancholisch und voller amerikanischer Westcoast-Stimmung der 70er Jahre. Für viele Fans gehört genau das zu seinem besonderen Charme.

Ossiach Live
Das Album Ossiach Live ist ein besonderer Meilenstein in der Geschichte von Tangerine Dream – obwohl es streng genommen kein reguläres Tangerine-Dream-Album ist. Die 1971 erschienene Dreifach-LP dokumentiert das experimentelle Musikfestival in Ossiach in Österreich und vereint unterschiedlichste Künstler zwischen Jazz, Avantgarde, Weltmusik und elektronischer Klangkunst.

Für Tangerine Dream ist die Veröffentlichung deshalb so bedeutend, weil darauf mit „Oszillator Planet Concert“ die erste offiziell veröffentlichte Live-Aufnahme der Band enthalten ist. Das Stück wurde am 29. Juni 1971 aufgenommen – in einer frühen Phase der Gruppe mit Edgar Froese, Christopher Franke und Peter Baumann.

Musikalisch zeigt der Titel die rohe, improvisierte Frühphase der Band: flächige Orgeln, elektronische Geräusche, freie Strukturen und psychedelische Klangexperimente prägen die Aufnahme. Der typische sequenzergesteuerte „Berlin School“-Sound der späteren Jahre ist hier erst in Ansätzen zu hören. Gerade deshalb besitzt das Stück heute Kultstatus unter Fans der sogenannten „Pink Years“ von Tangerine Dream.

Das komplette Ossiach Live-Set galt lange als Rarität. Erst Jahrzehnte später tauchten verschiedene CD-Ausgaben auf, die allerdings teilweise als inoffizielle beziehungsweise „Grey Market“-Veröffentlichungen eingestuft wurden.

Rückblickend dokumentiert Ossiach Live eine Zeit, in der Tangerine Dream noch zwischen Krautrock, Avantgarde und freier Elektronik experimentierten – kurz bevor mit Alben wie Zeit oder später Ricochet ihr weltbekannter elektronischer Stil entstand.

Radio-Aktivität / Radio-Activity von Kraftwerk
Mit Radio-Aktivität veröffentlichten Kraftwerk 1975 ein Album, das rückblickend wie ein Scharnier im Werk der Düsseldorfer wirkt. Nach Autobahn war klar, dass Ralf Hütter und Florian Schneider mehr wollten als bloße elektronische Experimente: Sie arbeiteten an einer eigenen Klangsprache, kühl, reduziert, deutsch, modern. Radio-Aktivität ist dabei weniger unmittelbar eingängig als der Vorgänger, aber konzeptionell vielleicht noch radikaler.

Der Titel ist doppeldeutig: Radioaktivität als atomare Strahlung und Radio-Aktivität als Sendung, Empfang, Äther, Kommunikation. Diese Ambivalenz zieht sich durch das ganze Album. Schon das eröffnende „Geiger Counter“ tickt bedrohlich, bevor „Radioactivity“ mit seiner fast sakralen Melodie einsetzt. Der Song klingt wie ein Kinderlied aus dem Atomzeitalter: einfach, schön, unheimlich. Genau darin liegt die Kraft des Stücks. Kraftwerk moralisieren nicht laut, sie inszenieren eine Atmosphäre, in der Technik zugleich Verheißung und Gefahr ist.

Musikalisch ist das Album karger und fragmentarischer als Autobahn. Viele Stücke sind Miniaturen, Übergänge, Klangbilder: „Radioland“, „Airwaves“, „Intermission“, „News“, „The Voice of Energy“. Das wirkt beim ersten Hören spröde, fast unfertig. Doch gerade diese Kürze macht das Album zu einer Art Hörspiel über Medien, Energie und moderne Wahrnehmung. Radiosignale, Stimmen, Rauschen, elektronische Pulse und monotone Melodien formen eine Welt, in der der Mensch zunehmend durch Apparate spricht.

Nicht alles besitzt die zwingende Prägnanz späterer Kraftwerk-Alben wie Trans Europa Express, Die Mensch-Maschine oder Computerwelt. Manche Passagen bleiben eher Skizze als Song. Doch Radio-Aktivität ist ein wichtiges Zwischenwerk: Es verabschiedet sich stärker vom Krautrock-Erbe und nähert sich jener maschinellen Eleganz, die Kraftwerk später perfektionieren sollten.

Besonders faszinierend ist die emotionale Temperatur des Albums. Kraftwerk klingen hier nicht kalt im Sinne von gefühllos, sondern distanziert wie Beobachter einer neuen Epoche. Die Melancholie steckt in der Reduktion. Wenn Stimmen aus dem Radio auftauchen oder Synthesizerflächen wie ferne Signale schweben, entsteht eine fast poetische Einsamkeit. Das Album beschreibt keine Zukunft voller Lärm, sondern eine Zukunft des leisen Summens.

Radio-Aktivität ist kein perfektes Popalbum, aber ein visionäres Konzeptalbum. Es verlangt Geduld, belohnt aber mit einer einzigartigen Mischung aus technischer Faszination, unterschwelliger Bedrohung und minimalistischer Schönheit. Wer Kraftwerk nur über ihre großen Hits kennt, findet hier ein stilleres, dunkleres, experimentelleres Werk – und eines, das gerade wegen seiner Strenge bis heute nachhallt.

Dressed to Kill von Pino Donaggio
Der Soundtrack zu Brian De Palmas „Dressed to Kill“ von 1980 ist ein Paradebeispiel dafür, wie stark Musik die Wahrnehmung eines Thrillers prägen kann. Komponist Pino Donaggio knüpft hörbar an die Tradition Bernard Herrmanns an, vor allem an dessen Arbeiten für Alfred Hitchcock, ohne dabei bloß zu kopieren. Die Musik ist elegant, nervös, verführerisch und bedrohlich zugleich. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass der Film zwischen Erotik, Suspense und psychologischem Albtraum schwebt.

Besonders auffällig ist der starke melodramatische Ton. Donaggio arbeitet mit schwelgenden Streicherflächen, düsteren Motiven und plötzlichen Spannungsakzenten. Dadurch bekommt der Film eine fast opernhafte Qualität: Die Figuren wirken weniger realistisch als vielmehr gefangen in einem Spiel aus Begehren, Angst und Gewalt. Gerade in den wortarmen oder rein visuellen Sequenzen entfaltet die Musik ihre größte Wirkung. Sie kommentiert nicht nur das Geschehen, sondern treibt es emotional voran.

Gleichzeitig ist der Soundtrack bewusst überhöht. Wer eine zurückhaltende, moderne Thriller-Musik erwartet, könnte Donaggios Komposition als zu pathetisch empfinden. Doch genau diese Überzeichnung passt zu De Palmas Stil, der ebenfalls mit Spiegelungen, Zitaten, voyeuristischen Blicken und filmischer Künstlichkeit arbeitet. Die Musik macht aus „Dressed to Kill“ keinen nüchternen Kriminalfilm, sondern ein stilisiertes, fiebriges Genrestück.

Insgesamt ist Pino Donaggios Soundtrack ein großer Gewinn für den Film. Er ist sinnlich, dramatisch und unheilvoll, manchmal vielleicht etwas zu dick aufgetragen, aber stets wirkungsvoll. Als Filmmusik funktioniert er hervorragend, weil er die Spannung nicht nur begleitet, sondern die innere Nervosität des Films hörbar macht.

Bedside Companion von Nash the Slash
„Bedside Companion“ von Nash the Slash ist kein bequemes Album im klassischen Sinn, sondern ein eigenwilliges, düster schillerndes Stück elektronisch geprägter Avantgarde-Rockgeschichte. Die Musik wirkt wie ein Soundtrack zu einem Film, den man nur im Kopf sieht: fiebrig, kantig, nervös und zugleich von einer seltsamen Eleganz getragen. Nash the Slash verbindet elektrische Violine, Mandoline, Synthesizer und experimentelle Klangflächen zu einer Atmosphäre, die zwischen Progressive Rock, New Wave, früher Elektronik und unheimlicher Filmmusik pendelt. Gerade diese Mischung macht den Reiz der Platte aus.

Die Stücke entfalten weniger durch klassische Songstrukturen als durch Stimmungen und Spannungsbögen ihre Wirkung. „Fever Dream“ trägt den passenden Titel: Die Musik klingt traumartig, aber nie beruhigend, eher wie ein nächtlicher Gang durch fremde Räume. Auch „Masquerade“ und „Blind Windows“ arbeiten mit einer theatralischen, fast maskenhaften Künstlichkeit, die gut zur späteren Bühnenfigur Nash the Slash passt. Man hört hier einen Künstler, der sich nicht um Konventionen bemüht, sondern um eine eigene Klangsprache.

Für Hörer, die eingängige Melodien oder klare Rocknummern erwarten, kann „Bedside Companion“ sperrig wirken. Die EP fordert Aufmerksamkeit und lebt von Wiederholungen, Klangfarben und einer gewissen Kälte. Doch gerade darin liegt ihre Stärke. Sie ist atmosphärisch dicht, originell und ihrer Zeit voraus. Nash the Slash zeigt sich hier als musikalischer Außenseiter mit starkem Gespür für Drama, Klang und Irritation.
„Bedside Companion“ ist ein kurzes, aber markantes Werk zwischen Avantgarde, Elektronik und düsterem Kopfkino. Nicht leicht zugänglich, aber faszinierend – ein Album für Hörer, die Musik nicht nur konsumieren, sondern erkunden wollen.

„Der Kommissar – Music from the Original TV-Series 1969–1972“ von Peter Thomas
Das Album „Der Kommissar – Music from the Original TV-Series 1969–1972“ von Peter Thomas beziehungsweise dem Peter Thomas Sound Orchester ist eine reizvolle Wiederentdeckung deutscher Fernseh- und Krimimusik. Die Veröffentlichung würdigt erstmals gebündelt Thomas’ Arbeit für die ZDF-Serie „Der Kommissar“, zu der er Musik für 22 Folgen beisteuerte. Stilistisch reicht das Material von klassischer Spannungsmusik über Beat, Soul und Jazz-Anklänge bis zu experimentellen Soundcollagen.

Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz des Albums aus. Peter Thomas komponiert nicht nur funktionale Begleitmusik, sondern kleine, pointierte Klangminiaturen, die sofort Bilder erzeugen: nächtliche Straßen, verrauchte Bars, Großstadtmelancholie, Verbrechen, Verdacht und psychologische Unruhe. Viele Stücke sind sehr kurz, oft kaum länger als eine Minute, doch sie besitzen eine erstaunliche Prägnanz. Titel wie „The World Is Gone“, „Corinna“, „Papierblumenmörder“ oder „Tod am Bahndamm“ zeigen, wie stark Thomas mit knappen Motiven Atmosphäre schaffen konnte.

Das Album lebt weniger von großen Melodien als von Stimmungen, Farben und rhythmischer Raffinesse. Beat-Elemente und elegante Orchesterflächen treffen auf schräge Effekte und eine typisch späte Sechzigerjahre-Moderne. Man hört darin nicht nur Krimispannung, sondern auch Zeitkolorit: ein Deutschland zwischen Wirtschaftswunder-Nachhall, urbaner Nervosität und beginnender gesellschaftlicher Veränderung. Dass „Der Kommissar“ als wichtige deutsche Fernsehserie gilt, wird durch diese Musik nachvollziehbar; sie verleiht dem Format Stil, Kühle und eine eigene akustische Identität.

Als reines Höralbum hat die Zusammenstellung allerdings auch Grenzen. Die Kürze vieler Tracks und ihr Ursprung als Szenenmusik führen dazu, dass manche Stücke eher wie Skizzen oder Schlaglichter wirken als wie vollständig ausgearbeitete Kompositionen. Wer ein geschlossenes Album mit durchgehender Dramaturgie erwartet, könnte den Charakter der Sammlung als sprunghaft empfinden. Doch genau diese Fragmentierung gehört auch zum Charme: Es ist Musik wie aus Aktennotizen, Verhörzimmern und Schwarzweißbildern.

Insgesamt ist „Der Kommissar“ ein starkes Dokument der deutschen Soundtrack-Kultur und ein Beleg für Peter Thomas’ enorme stilistische Beweglichkeit. Das Album zeigt einen Komponisten, der Fernsehen nicht als Nebenprodukt behandelte, sondern als Experimentierfeld für präzise, eigenwillige und oft überraschend moderne Musik. Für Freunde von Krimi-Soundtracks, Library Music und deutscher Fernsehgeschichte ist diese Veröffentlichung sehr empfehlenswert.

RSD-2021-Vinyl Bob Dylan – Jokerman / I And I (The Reggae Remix EP)
Die Veröffentlichung ist zunächst ein reizvoller Sammler-Gegenstand: eine 12”-EP zum Record Store Day 2021, limitiert auf 7.000 Exemplare, erschienen bei Legacy, mit vier Doctor-Dread-Remixen: „Jokerman“, „Jokerman – Instrumental Dub“, „I And I“ und „I And I – Reggae Dub“. Der Ansatz ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn die Originalversionen stammen vom Album Infidels, auf dem Sly & Robbie als Rhythmussektion beteiligt waren — also Musiker, deren DNA tief im Reggae und Dub liegt.

Musikalisch ist die Platte aber eher Kuriosum als zwingende Neuinterpretation. Der Reggae-Groove legt sich zwar organisch unter „Jokerman“, doch gerade bei diesem Song ist Dylans Originalspannung entscheidend: die leicht unheimliche Offenheit, das Prophetische, das Rätselhafte. Der Remix glättet davon einiges. Wo das Original schillert und flirrt, wirkt die RSD-Version stellenweise etwas zu gemütlich, fast zu eindeutig. Der Dub-Mix ist interessanter, weil er den Song stärker dekonstruiert und Raum, Bass und Echo nach vorne rückt — aber auch hier bleibt die Frage, ob der Eingriff wirklich neue Tiefen freilegt oder eher ein schönes Effektgewand über einen ohnehin großen Song legt.

Bei „I And I“ funktioniert die Idee etwas besser. Der stoische, dunkle Charakter des Stücks verträgt die Dub-Behandlung gut; Bass und Hall betonen die innere Schwere des Songs. Allerdings waren die beiden „I And I“-Remixe bereits 2003 auf Is It Rolling Bob: A Reggae Tribute To Bob Dylan erschienen, während die „Jokerman“-Remixe für diese EP neu beauftragt und zuvor unveröffentlicht waren.  Dadurch fühlt sich die Platte ein wenig halb neu, halb Archiv-Verwertung an.

Als Vinyl-Veröffentlichung hat sie dennoch Charme: 12”-Format, überschaubare Tracklist, klares Konzept, Sammlerwert. Wer Dylan-Raritäten, Dub-Versionen oder RSD-Sonderpressungen mag, bekommt ein hübsches Nischenstück. Wer aber eine essentielle Dylan-Veröffentlichung erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Es ist keine Offenbarung, sondern eine interessante Fußnote: respektvoll gemacht, rhythmisch angenehm, aber nicht stark genug, um die Originale ernsthaft herauszufordern.

Nosferatu: The Call Of The Deathbird von Jozef Van Wissem
Jozef Van Wissem ist kein Musiker, der Horror mit grellen Effekten ausbuchstabiert. Auf Nosferatu: The Call Of The Deathbird nähert sich der niederländische Lautenist und Komponist F. W. Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu von 1922 mit einer Mischung aus Laute, Elektronik, Beats, E-Gitarre und verfremdeten Vogelgeräuschen. Das Album erschien am 31. Oktober 2022 bei Incunabulum Records und ist in sechs Akte gegliedert.

Schon diese Anlage macht deutlich: Van Wissem komponiert keine gefällige Begleitmusik, sondern eine eigene Schattenarchitektur. Die Laute, sein zentrales Instrument, wirkt hier nicht historisierend oder dekorativ, sondern spröde, streng und unheimlich nah. Ihre gezupften Figuren legen ein asketisches Fundament, über dem sich nach und nach elektronische Drones, dunkle Verzerrungen und eine beinahe rituelle Schwere ausbreiten.

Der besondere Reiz dieser Musik liegt in ihrem langsamen Übergang von Stille zu Bedrohung. Van Wissem selbst beschreibt die Entwicklung des Soundtracks als Bewegung „from silence to noise“, die am Ende in dichter, langsamer Schwere kulminiert; auch die Bandcamp-Beschreibung verweist auf verzerrte Aufnahmen ausgestorbener Vögel und eine Entwicklung hin zu gotischem Horror.  Das hört man dem Album an: Die ersten Stücke tasten sich noch vorsichtig voran, fast karg und kontemplativ. Doch je weiter die sechs Akte fortschreiten, desto stärker verdunkelt sich der Klangraum.

Besonders wirkungsvoll ist, dass Nosferatu nicht auf Schock setzt. Die Musik kriecht eher, als dass sie springt. Sie erzeugt Spannung durch Wiederholung, Reduktion und minimale Verschiebungen. In den besten Momenten klingt sie wie ein altes Gebet, das in eine moderne Verstärkeranlage geraten ist. Die Laute steht dabei für eine vormoderne, fast sakrale Welt; die Elektronik und E-Gitarre reißen diese Welt auf und lassen etwas Kaltes, Körperloses eindringen.

Das lange „Nosferatu, Act 5“, mit knapp 18 Minuten der zentrale Schlussblock des Albums, bündelt diese Qualitäten am stärksten. Hier wird aus der anfänglichen Strenge ein schwerer, dunkler Sog. Die Musik braucht Geduld, belohnt diese aber mit einer Atmosphäre, die tatsächlich filmisch wirkt, ohne bloß illustrativ zu sein. Man muss Murnaus Film nicht vor Augen haben, um die Bilder zu spüren: Schatten, starre Fenster, langsame Bewegungen, ein Unheil, das nicht plötzlich erscheint, sondern schon die ganze Zeit im Raum war.

Gleichzeitig ist genau diese Konsequenz auch die Grenze des Albums. Wer melodische Entwicklung, klare Themen oder klassische Soundtrack-Dramaturgie erwartet, wird mit The Call Of The Deathbird möglicherweise fremdeln. Die Stücke sind weniger Songs als Zustände. Van Wissem arbeitet mit Askese, Wiederholung und klanglicher Verdichtung. Das macht die Platte faszinierend, aber nicht leicht zugänglich.

Im Vergleich zu vielen modernen Horror-Soundtracks wirkt Nosferatu deshalb bemerkenswert eigenständig. Es klingt weder nach Retro-Synth-Nostalgie noch nach orchestraler Schauerromantik. Stattdessen verbindet Van Wissem frühe Musik, Dark Ambient, Drone und experimentellen Rock zu einer düsteren Meditation über Tod, Verfall und Verführung. Dass er 2013 für Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive den Cannes Soundtrack Award erhielt, passt als biografischer Hinweis gut ins Bild: Van Wissem versteht das Unheimliche nicht als Effekt, sondern als Stimmung, als Raum, als langsame Infektion des Klangs. 

Nosferatu: The Call Of The Deathbird ist ein streng gebautes, dunkles und atmosphärisch starkes Album. Keine leichte Kost, aber ein eindrucksvolles Werk für Hörer, die sich auf minimalistische Spannung, sakrale Kälte und experimentelle Filmmusik einlassen. Jozef Van Wissem liefert keine bloße Neuvertonung eines Stummfilmklassikers, sondern eine eigenständige akustische Beschwörung.

Children of the Night von Nash the Slash
Es gibt Alben, die man am besten nicht erklärt, sondern einfach geschehen lässt. Children of the Night von Nash the Slash ist eines davon – und zugleich ein Werk, das man unmöglich ignorieren kann, wenn man auch nur einen flüchtigen Blick auf die Randgebiete der frühen 1980er Jahre wirft. Das Album erschien 1981, nachdem Nash 1980 Gary Numan als Vorband durch Großbritannien begleitet hatte, und gewann schnell Kultstatus durch seinen unverwechselbaren Klang, der aus elektrischen Mandolinen, elektrischen Violinen, Drummaschinen und anderen Klangerzeugern besteht. Das Plattencover verkündet stolz: „There are no guitars.“ Dieser Satz ist kein bloßes Marketingversprechen, sondern eine ästhetische Grundsatzentscheidung: Nash the Slash – bürgerlich Jeff Plewman aus Toronto – verweigerte der Rockgitarre als Leitinstrument die Gefolgschaft und schuf stattdessen eine Klangwelt, die zwischen Kammermusik, New Wave, Industrial und Science-Fiction-Soundtrack mäandert, ohne sich je wirklich in einem dieser Genres festzusetzen. Es war Nash‘ zweites Studioalbum und sein erstes mit Gesang. Dass er sich gerade in diesem Moment entschied, seine Stimme einzusetzen, macht das Album zu einem doppelten Statement: als Instrumentalist war er bereits eine Eigenheit, als Sänger wird er vollends zur Erscheinung. Als Sänger trägt Nash eine Melodie sicher und ist selbst über industriellem Lärm klar verständlich. Seine Stimme ist kein Schöngesang, sondern ein Werkzeug – trocken, leicht angezerrt, zuweilen in ein genussvolles Knurren abgleitend.

Nash the Slashs „Children of the Night“ ist ein Album, das aus der Dunkelheit kommt, aber nicht einfach düster sein will. Es lebt von einer eigentümlichen Mischung aus New Wave, Art Rock, elektronischer Kälte und theatralischer Exzentrik. Statt klassischer Rock-Gesten dominieren hier Violine, Mandoline, Synthesizer und eine fast filmische Atmosphäre. Das Ergebnis klingt zugleich mechanisch und menschlich, verspielt und unheimlich.

Besonders reizvoll ist die Art, wie Nash the Slash Spannung aufbaut: Viele Stücke wirken wie kleine nächtliche Szenen, in denen sich Melancholie, Ironie und latente Bedrohung überlagern. Die Musik hat einen starken visuellen Charakter; man hört gewissermaßen Nebel, Neonlicht, Schatten und Großstadtangst mit. Dabei bleibt das Album trotz aller Schrägheit erstaunlich zugänglich, weil die Melodien klar geführt sind und die Arrangements nie bloß Selbstzweck werden.

„Children of the Night“ ist kein bequemes Popalbum, sondern ein eigenwilliges Werk für Hörerinnen und Hörer, die Musik mit Charakter suchen. Es besitzt den Charme einer Zeit, in der New Wave noch experimentieren durfte und Popmusik auch bizarr, kantig und kunstvoll sein konnte. Gerade deshalb hat das Album bis heute nichts von seiner Faszination verloren: Es klingt wie ein nächtlicher Spaziergang durch ein Paralleluniversum – elegant, seltsam und wunderbar unheimlich.

Rocket to Russia von the Ramones
Es gibt Alben, die die Popmusik verändert haben. Und dann gibt es Rocket to Russia – ein Album, das die Popmusik auf ihre nackten Knochen reduziert, sie mit Amphetaminen füttert und zurück auf die Straße wirft. Das dritte Studioalbum der Ramones, erschienen am 4. November 1977 auf Sire Records, ist kein Revolutionsprogramm und kein Manifest. Es ist schlicht das beste Rock’n’Roll-Album, das vier Männer aus Queens je aufgenommen haben – und nach Meinung vieler das beste, das sie je aufnehmen würden.

Bereits am ersten Tag der Aufnahmen, dem 21. August 1977, erschien Gitarrist Johnny Ramone im Media Sound Studio in Manhattan – einer ehemaligen Episkopalkirche – mit einer Kopie der neuen Sex-Pistols-Single „God Save the Queen“ unterm Arm. Er war wütend. Er fand, seine Band sei von den Briten bestohlen worden, und er wollte, dass das neue Ramones-Album schärfer produziert klingt als alles, was die Pistols je hinbekommen würden. Dieser Gründungsmythos des Albums sagt alles über seinen Charakter: Rocket to Russia entstand aus Stolz, aus Konkurrenzdruck und aus dem unbedingten Willen, der Welt zu beweisen, dass New York der eigentliche Geburtsort des Punk war – und dass der Punk der Ramones Melodien hatte.

Die Produktionskosten lagen zwischen 25.000 und 30.000 Dollar – nach den Maßstäben großer Plattenfirmen immer noch niedrig, aber erheblich mehr als die Kosten der beiden Vorgängeralben zusammen. Dieses Budget ist im Ergebnis zu hören, ohne dass das Album seinen rauen Charakter verlöre. Der AllMusic-Kritiker Stephen Thomas Erlewine vergab fünf von fünf Sternen und erklärte, die Produktion verleihe der Musik der Ramones nur noch mehr Kraft – das Album sei ihr zugänglichstes und genussreichstes Werk, dank eines Überflusses an Hooks und einer größeren Tempovarianz als auf den Vorgängern. Der Schlagzeuger und Mitproduzent Tommy Ramone hatte begriffen, dass Rohheit kein Selbstzweck ist, sondern ein Mittel – und dass man sie gezielt einsetzen kann.

Nach Ansicht von Bandmitgliedern und Biographen ist Rocket to Russia das Ramones-Album mit den meisten Klassikern und den humorvollsten Songtexten der Gruppe. Die meisten Eigenkompositionen beschäftigen sich in absurd-humorvoller Weise mit psychischen Störungen, der Psychiatrie und dysfunktionalen Beziehungen. „Cretin Hop“, „Teenage Lobotomy“, „We’re a Happy Family“ – das sind keine Songs über Außenseiter, die Mitgefühl einfordern. Das sind Songs, die den Wahnsinn des Alltags feiern, mit breitem Grinsen und ohne jede Sentimentalität. Der Rolling-Stone-Kritiker Dave Marsh schrieb bei Erscheinen, es sei „der beste amerikanische Rock’n’Roll des Jahres und möglicherweise das lustigste Rockalbum, das je gemacht wurde“.

Daneben stehen die beiden großen Sommerhits des Albums: „Rockaway Beach“ und „Sheena Is a Punk Rocker“. „Rockaway Beach“ wurde von Dee Dee Ramone geschrieben, inspiriert von den Beach Boys und ähnlichen Surf-Rock-Bands, und wurde zur erfolgreichsten Single der Ramones in den USA, die Platz 66 der Billboard Hot 100 erreichte. In diesen Songs ist kein Zynismus und keine Ironie – nur pure, aufrichtige Freude an Melodie und Tempo. Die Ramones, die nie wirklich Punk-Politiker sein wollten, zeigen hier, was sie im Herzen immer waren: eine Bubblegum-Band mit Lederjacken.

Die Coverversionen auf dem Album sind mit derselben Chuzpe gewählt wie alles andere. „Do You Wanna Dance?“ von Bobby Freeman und das völlig entfesselte „Surfin‘ Bird“ der Trashmen – beide werden durch die Ramones-Maschine gejagt und kommen am anderen Ende schneller, lauter und seltsamer heraus als im Original. Es ist keine Verehrung, es ist Aneignung: Die Ramones nehmen sich, was ihnen gefällt, und machen es zu ihrem eigenen.

Rocket to Russia ist das letzte Studioalbum, das mit allen vier Originalmitgliedern aufgenommen wurde. Tommy Ramone verließ nach der anschließenden Tour die Band, erschöpft vom Tourneeleben und enttäuscht vom ausbleibenden kommerziellen Durchbruch. Die Bandmitglieder machten die Sex Pistols mitverantwortlich für die enttäuschenden Verkaufszahlen – ihre Eskapaden hätten Punk in der Öffentlichkeit als bedrohliches Phänomen erscheinen lassen und dem Album jede Chance auf Airplay genommen. Es ist eine der großen Ironien der Musikgeschichte: Das Album, das Johnny Ramone mit dem Anspruch aufnahm, besser zu klingen als die Pistols, wurde von eben diesen aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt.

In seiner posthum erschienenen Autobiografie vergab Gitarrist Johnny Ramone an Rocket to Russia als einzigem Ramones-Album die Bestnote A+ und nannte es „das beste Ramones-Album, mit den Klassikern darauf“. Es fällt schwer, ihm zu widersprechen. In 29 Minuten und zwölf Tracks – kein Song dauert länger als drei Minuten, die meisten kommen in unter zwei – entfaltet dieses Album eine Dichte an unvergesslichen Momenten, die die meisten Bands in einem ganzen Jahrzehnt nicht erreichen. Rocket to Russia ist kein Kultobjekt für Eingeweihte. Es ist schlicht eines der großen Alben der Popgeschichte.

Nekromantik von Hermann Kopp
Der Soundtrack zu „Nekromantik“ ist kein bloßes Begleitwerk, sondern ein eigenständiges Stück verstörender Filmästhetik. Die Musik bewegt sich zwischen melancholischen Synthieflächen, düsteren Klangcollagen und beinahe zärtlichen Motiven, die in irritierendem Kontrast zum morbiden Inhalt des Films stehen. Gerade diese Mischung aus Kälte, Traurigkeit und bizarrer Romantik macht den Reiz aus: Statt plumper Schockeffekte setzt der Score auf Atmosphäre und Unbehagen.


Das Album klingt sperrig, manchmal fragmentarisch, aber genau darin liegt seine Stärke. Es öffnet keinen bequemen Hörraum, sondern zieht einen in eine abseitige, fiebrige Welt, in der Schönheit und Ekel nah beieinanderliegen. Für Fans experimenteller Filmmusik und des deutschen Underground-Kinos ist der Soundtrack ein faszinierendes Dokument – unangenehm, eigenwillig und erstaunlich poetisch.

Tres Hombres von ZZ Top
Mit „Tres Hombres“ gelang ZZ Top 1973 der entscheidende Durchbruch – und bis heute gilt das Album als eines der stärksten Werke des texanischen Trios. Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard fanden hier endgültig ihren unverwechselbaren Sound: staubtrockener Bluesrock, treibender Boogie, schwere Gitarrenriffs und eine Lässigkeit, die nie aufgesetzt wirkt. Dieses Album klingt nach heißem Asphalt, verrauchten Bars, ölverschmierten Garagen und endlosen Highways.

Der bekannteste Song ist natürlich „La Grange“. Das Stück ist ein Meisterwerk der Reduktion: ein hypnotisches Riff, ein lässig gemurmelter Gesang, ein Groove, der immer weiter nach vorne rollt. Mehr braucht es nicht. „La Grange“ wurde zum Klassiker, weil ZZ Top hier alles auf den Punkt bringen, was die Band ausmacht: Coolness, Humor, Schmutz und musikalische Präzision.

Doch „Tres Hombres“ ist weit mehr als nur dieser eine Hit. Schon der Opener „Waitin’ for the Bus“ legt mit seinem schleppenden Groove und der rauen Gitarre die Richtung fest. Direkt danach geht „Jesus Just Left Chicago“ nahtlos weiter und zeigt die bluesige, beinahe spirituelle Seite der Band. Diese beiden Stücke wirken zusammen wie eine Visitenkarte: ZZ Top können hart rocken, aber sie vergessen nie ihre Wurzeln im Blues.

Auch Songs wie „Beer Drinkers & Hell Raisers“ oder „Move Me on Down the Line“ zeigen die Band in Bestform. Hier wird nicht lange philosophiert, hier wird gespielt. Der Sound ist direkt, trocken und kraftvoll. Gibbons’ Gitarre knurrt und singt zugleich, Dusty Hills Bass hält alles erdig zusammen, und Frank Beards Schlagzeug ist präzise, aber nie steril. Gerade diese unaufgeregte Rhythmusarbeit macht den Reiz des Albums aus.

Besonders stark ist die Atmosphäre. „Tres Hombres“ klingt nicht wie ein glatt produziertes Studioalbum, sondern wie eine Band, die genau weiß, woher sie kommt. Der Blues ist immer präsent, aber ZZ Top kopieren ihn nicht einfach. Sie verwandeln ihn in etwas Eigenes: texanisch, dreckig, humorvoll und zugleich unglaublich souverän. Die Songs haben keine überflüssigen Verzierungen. Alles sitzt dort, wo es sitzen muss.

Aus heutiger Sicht wirkt „Tres Hombres“ wie ein Schlüsselalbum des Southern- und Bluesrock. Es zeigt ZZ Top noch vor der großen MTV-Ära der 80er Jahre, bevor Synthesizer, Videos und Sonnenbrillen-Mythos die Band endgültig zu Pop-Ikonen machten. Hier stehen noch die drei Musiker und ihr kompromissloser Groove im Mittelpunkt.

Fazit: „Tres Hombres“ ist ein raues, lässiges und zeitloses Bluesrock-Album. Es verbindet texanischen Humor mit musikalischer Klasse und enthält mit „La Grange“ einen der größten Rockklassiker der 70er Jahre. Wer ZZ Top verstehen will, sollte hier anfangen. Ein Album wie ein staubiger Roadtrip durch Texas – kurz, knackig, dreckig und verdammt cool.

The Yardbirds – No. 4
„The Yardbirds – No. 4“ ist eine Zusammenstellung der britischen Rockband, die 1982 in der Schweiz als LP und Picture Disc veröffentlicht wurde. Die Compilation enthält Songs aus den 1960er Jahren, darunter „For Your Love“ und „I’m A Man“. Zudem gibt es weitere Veröffentlichungen mit ähnlichen Namen, wie „Classic Yardbirds Vol. 4“ und „The Yardbirds Story, Part 4“.
„No. 4“ ist kein reguläres Studioalbum der Yardbirds, sondern eine 1982 erschienene Compilation auf dem Schweizer Label Astan. Das ist für die Einordnung wichtig: Wer hier ein geschlossen konzipiertes Album erwartet, wird eher eine lose, aber sehr reizvolle Zusammenstellung früher Yardbirds-Aufnahmen hören. Die Platte versammelt zehn Stücke, darunter „Got Honey in Your Hips“, „Boom Boom“, „Five Long Years“, „Pretty Girl“, „Got Love If You Want It“, „Putty“, „Still I’m Sad“, „For Your Love“, „I’m a Man“ und „Jeff’s Blues“.

Gerade diese Mischung macht den Reiz aus. „No. 4“ zeigt die Yardbirds nicht als sauber sortierte Hitmaschine, sondern als Band im Übergang: vom britischen Rhythm & Blues der frühen Sechziger hin zu jenem experimentierfreudigen Rock, der später Hardrock, Psychedelic und Gitarrenrock entscheidend beeinflussen sollte. Die Yardbirds waren eine der zentralen britischen Bands der Sechziger und wurden nicht zuletzt dadurch legendär, dass nacheinander Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page bei ihnen spielten. 

Die stärksten Momente der Platte liegen dort, wo die Band tief im Blues verwurzelt ist. „Boom Boom“ und „Five Long Years“ zeigen die Yardbirds als junge, hungrige britische Bluesband, die amerikanische Vorbilder nicht nur nachspielt, sondern mit nervöser Energie auflädt. Das klingt rau, direkt und manchmal auch ein wenig ungestüm – aber genau darin liegt die Stärke. Die Band wirkt nicht museal oder ehrfürchtig, sondern körperlich. Rhythmus, Mundharmonika, Gitarre und Gesang drängen nach vorne, als müsse der Blues aus dem engen Clubraum herausbrechen.

„Got Love If You Want It“ und „Got Honey in Your Hips“ besitzen ebenfalls diese frühe Club-Atmosphäre. Man spürt den Ursprung der Yardbirds als Live-Band, die nicht auf perfekte Studiopolitur setzte, sondern auf Spannung, Tempo und Druck. Das ist Musik, die nach schwitzenden Bühnen, kleinen Verstärkern und unmittelbarer Publikumsnähe klingt. In solchen Momenten versteht man, warum die Yardbirds im Londoner Blues- und R&B-Umfeld so schnell Bedeutung gewannen.

Der bekannteste Titel der Zusammenstellung ist natürlich „For Your Love“. Das Stück markiert einen Bruch in der Bandgeschichte: weg vom puristischen Blues, hin zu einem poppigeren, ungewöhnlich arrangierten Sound. Gerade dieser Song machte die Yardbirds einem breiteren Publikum bekannt, war aber auch ein Auslöser für Spannungen innerhalb der Band, weil er deutlich kommerzieller klang als ihre frühen Bluesnummern. Das auf „No. 4“ nebeneinanderzustellen, ist interessant: Die Compilation zeigt nicht nur, was die Yardbirds konnten, sondern auch, wohin sie sich bewegten. „For Your Love“ wirkt zwischen den erdigeren Bluesstücken fast wie ein Fremdkörper – aber ein produktiver Fremdkörper. Der Song öffnet die Tür zu jener stilistischen Abenteuerlust, die später mit Jeff Beck und Jimmy Page noch stärker wurde.

Besonders faszinierend ist „Still I’m Sad“. Das Stück gehört zu den ungewöhnlichsten Yardbirds-Aufnahmen überhaupt: düster, beinahe sakral, mit einem hypnotischen Charakter. Es zeigt, dass die Band schon früh mehr wollte als Bluesrock nach Schema. Hier kündigt sich eine psychedelische, atmosphärische Seite an, die im Rückblick fast moderner wirkt als manche der geradlinigeren Nummern. „Still I’m Sad“ ist weniger Song als Stimmung – und genau deshalb einer der Höhepunkte dieser Zusammenstellung.

„I’m a Man“ wiederum bringt die andere Seite der Yardbirds auf den Punkt: den treibenden, aggressiven R&B, der sich in langen Instrumentalpassagen steigern kann. Die Band verstand es, einfache Bluesstrukturen in eine Art kontrollierte Explosion zu verwandeln. Der berühmte „rave-up“-Stil der Yardbirds – also das allmähliche Hochfahren von Tempo, Lautstärke und Intensität – ist hier besonders gut zu erkennen. Aus heutiger Sicht hört man darin schon Vorformen dessen, was später bei Cream, Led Zeppelin und im Hardrock weiterentwickelt wurde.

Als Album im engeren Sinn ist „No. 4“ allerdings etwas uneinheitlich. Das liegt weniger an der Qualität der einzelnen Stücke als am Charakter der Veröffentlichung. Die Platte erzählt keine klare Dramaturgie, sondern funktioniert eher wie ein Schaufenster. Sie springt zwischen Blues, Pop, instrumentaler Gitarrenarbeit und experimentelleren Ansätzen. Wer einen roten Faden sucht, findet ihn weniger in der Trackfolge als in der Entwicklung der Band selbst: Die Yardbirds ringen hier hörbar mit ihrer Identität. Genau das macht die Platte spannend, aber auch etwas fragmentarisch.

Klanglich sollte man keine audiophile Offenbarung erwarten. Als Compilation aus dem Jahr 1982 wirkt „No. 4“ eher wie eine Sammlerplatte, die Material bündelt, als wie eine sorgfältig kuratierte Werkschau mit historischer Einordnung. Das schmälert aber nicht den musikalischen Wert. Im Gegenteil: Der etwas rohe Charakter passt zur Band. Die Yardbirds waren nie glatt. Ihre Stärke lag in der Reibung – zwischen Blues und Pop, Kontrolle und Ausbruch, Tradition und Experiment.

Für Einsteiger ist „No. 4“ nur bedingt die ideale erste Yardbirds-Platte, weil sie nicht so klar einordnet wie klassische Best-of-Zusammenstellungen oder die bekannten Alben aus den Sechzigern. Für Hörerinnen und Hörer, die bereits wissen, warum diese Band wichtig ist, bietet sie aber einen kompakten Blick auf mehrere zentrale Facetten: den Blues-Ursprung, den Pop-Erfolg, die dunklere Experimentierfreude und die Gitarrenenergie, die später Rockgeschichte schrieb.

Unterm Strich ist „No. 4“ eine reizvolle, wenn auch nicht endgültige Yardbirds-Veröffentlichung. Die Platte lebt von starken Einzelmomenten und von der historischen Spannung einer Band, die noch nicht festgelegt war. Man hört Musiker, die aus dem Blues kommen, aber bereits an dessen Grenzen rütteln. Genau darin liegt die Bedeutung der Yardbirds: Sie waren keine Band, die nur einen Stil perfektionierte, sondern eine, die Türen aufstieß. „No. 4“ ist deshalb weniger ein perfektes Album als ein lebendiges Dokument einer der wichtigsten britischen Rockbands der Sechziger.

Rückblick auf meine Matinee: Dressed to Kill (USA 1980)

30. Mai 2026

Brian De Palmas „Dressed to Kill“ ist kein Thriller, der sein Publikum einfach nur durch eine Geschichte führt. Er zieht es hinein in ein Spiel aus Blicken, Täuschungen, Verlangen und Angst. Von Beginn an entsteht eine Atmosphäre, in der Traum und Realität, Erotik und Bedrohung, Eleganz und Gewalt gefährlich nah beieinanderliegen. Ich besprach den Film in meiner Matinee im Scala Kino Fürstenfeldbruck. Die nächste Matinee am 7 Juni dreht sich um Über dem Jenseits von 1981, der auch unter dem Titel Die Geisterstadt der Zombies bekannt ist Karten gibt es hier.

De Palma inszeniert in „Dressed to Kill“ ein Kino der Beobachtung. Figuren sehen einander an, verfolgen einander, deuten Zeichen und geraten dabei immer tiefer in Unsicherheit. Was ist wirklich? Was ist Fantasie? Wer blickt – und wer wird selbst zum Objekt eines fremden Blicks? Aus dieser Spannung entwickelt „Dressed to Kill“ seine besondere Kraft. Der Film ist weniger ein geradliniger Krimi als ein nervöser, hoch stilisierter Albtraum über Begehren, Schuldgefühle und die dunklen Winkel der menschlichen Psyche. Hier die Aufzeichnung meines Vortrags.

Zu Beginn steht Kate Miller im Zentrum, eine Frau, die in einem geordneten, aber innerlich leeren Leben festzustecken scheint. Sie sehnt sich nach Nähe, nach Leidenschaft, nach einem Ausbruch aus der Routine. Diese Sehnsucht führt sie in eine der berühmtesten Szenen des Films: eine fast stumme Begegnung in einem Museum. Ohne viele Worte erzählt De Palma hier von Anziehung, Unsicherheit, Verführung und Kontrollverlust. Die Kamera folgt Blicken und Bewegungen, lässt Räume zu Labyrinthen werden und verwandelt das Museum in einen Ort der Versuchung. Doch was zunächst wie ein Moment möglicher Befreiung wirkt, kippt plötzlich ins Grauen. Aus Verlangen wird Gefahr, aus Schönheit wird Schock, aus einem Spiel der Blicke eine Katastrophe.

Unübersehbar steht „Dressed to Kill“ in der Tradition Alfred Hitchcocks, besonders von „Psycho“. De Palma greift Motive auf, spiegelt sie, überhöht sie und treibt sie in ein bewusst künstliches, fast opernhaftes Kino. Der abrupte Perspektivwechsel, die Unsicherheit über Identität, der Psychiater als erklärende Instanz, die Verbindung von Sexualität und Gewalt – all das erinnert an Hitchcock. Doch De Palma macht daraus keinen bloßen Nachbau. Er formt ein eigenes Werk, das mit Split Screens, Spiegeln, langen Kamerafahrten und raffinierten Bildkompositionen arbeitet. Die Kamera wird zum Komplizen des Voyeurismus. Wir schauen hin, obwohl wir spüren, dass dieses Schauen selbst Teil des Problems ist.

Gerade deshalb bleibt der Film bis heute reizvoll und schwierig zugleich. „Dressed to Kill“ ist brillant fotografiert, elegant montiert und ungeheuer spannend. Gleichzeitig ist er ein Werk, das aus heutiger Sicht Fragen aufwirft. Seine Darstellung von Geschlecht, Sexualität und Gewalt ist problematisch und fordert Widerspruch heraus. Der Film fasziniert und irritiert, oft im selben Augenblick. Genau darin liegt seine Aktualität als Gesprächsanlass: Wie betrachten wir heute einen Thriller von 1980, der damals provozierte und heute anders gelesen wird? Wo liegt die Grenze zwischen stilistischer Meisterschaft und fragwürdiger Projektion? Warum entfalten diese Bilder trotz aller berechtigten Kritik noch immer eine solche Wirkung?

Die Matinee bietet die Möglichkeit, „Dressed to Kill“ nicht nur als spannenden Klassiker zu erleben, sondern ihn auch gemeinsam einzuordnen. Es geht um die Macht des Kinos, Angst und Lust miteinander zu verknüpfen. Um Frauenbilder im Thriller. Um Masken, Identitäten und verdrängte Wünsche. Und natürlich um Brian De Palma, einen Regisseur, der sein Publikum selten beruhigt, sondern es gezielt verunsichert.

Auf der großen Leinwand entfaltet der Film eine besondere Wirkung. Die Musik, die Farben, die gleitenden Kamerabewegungen und die plötzlichen Schocks machen „Dressed to Kill“ zu einem körperlichen Kinoerlebnis. Das ist kein Film für nebenbei, sondern ein Werk, das im dunklen Kinosaal seine ganze suggestive Kraft entwickelt. Man glaubt, die Mechanismen zu durchschauen, und merkt doch immer wieder, wie sehr man selbst in De Palmas Spiel aus Täuschung, Begierde und Angst verstrickt wird.

„Dressed to Kill“ ist ein Film wie ein Spiegel in einem dunklen Raum. Er zeigt nicht nur Täter, Opfer und Abgründe, sondern auch unsere eigene Lust am Sehen. Darum lohnt sich diese Matinee: als Wiederentdeckung eines großen, umstrittenen und sinnlichen Thrillers, als Blick auf ein prägendes Stück Suspense-Kino und als Einladung zum Gespräch über die Schattenseiten der Popkultur. Ein Film, der nicht einfach endet, wenn das Licht wieder angeht. Er bleibt haften – in Bildern, Fragen und vielleicht auch in einem leichten Schauder auf dem Heimweg.
Die nächste Matinee am 7 Juni dreht sich um Über dem Jenseits von 1981, der auch unter dem Titel Die Geisterstadt der Zombies bekannt ist. Karten gibt es hier.

Podcast Dombo bewegt: Stoßwellentherapie: Wenn Impulse Bewegung zurückbringen

29. Mai 2026

In der 13. Folge des Podcasts „Dombo bewegt“ des Zentrums für Gesundheit Dombo in Maisach ging es diesmal um ein Gerät, das auf den ersten Blick technisch wirkt, in der therapeutischen Praxis aber vor allem einem Ziel dient: Schmerzen lindern und Bewegung wieder ermöglichen. Im Gespräch stellte Norman Dombo die radiale Stoßwellentherapie vor, die seit über einem Jahr im Zentrum für Gesundheit eingesetzt wird.

Wichtig ist zunächst die Unterscheidung zwischen zwei Formen der Stoßwelle. Die fokussierte Stoßwelle wird gezielt in tieferliegende Strukturen geleitet und darf nur von Ärztinnen und Ärzten angewendet werden. Sie wird beispielsweise in der Medizin genutzt, um Steine im Körper zu zertrümmern. Im Zentrum für Gesundheit Dombo kommt dagegen die radiale Stoßwelle zum Einsatz. Sie wirkt oberflächlicher, dringt nach Angaben von Norman Dombo etwa drei bis vier Zentimeter tief ins Gewebe ein und wird vor allem zur Behandlung von Muskel- und Sehnenbeschwerden genutzt. Und hier ist der Podcast:

Anschaulich erklärt Dombo die Technik mit dem Bild einer kleinen Pistole: Im Inneren des Handstücks wird ein Projektil mit Druckluft beschleunigt. Dieses trifft vorne im geschlossenen Lauf auf, erzeugt dadurch Stoßimpulse und gibt diese über den Behandlungskopf an das Gewebe weiter. Mit Ultraschallgel wird das Gerät auf die betroffene Stelle gesetzt. Die Intensität lässt sich steuern: Frequenz, Anzahl der Stöße und Druck können je nach Beschwerdebild und Körperregion angepasst werden.

Ziel der Behandlung ist es, verspannte oder schmerzhafte Strukturen zu lockern, die Durchblutung anzuregen und Heilungsprozesse im Gewebe zu unterstützen. Besonders häufig wird die radiale Stoßwelle bei Fersensporn eingesetzt, aber auch beim Tennisarm, medizinisch Epikondylitis genannt. Dieser entsteht längst nicht nur beim Sport. Dombo berichtet, dass viele Betroffene gar nicht wissen, woher ihre Beschwerden kommen. Einseitige Belastungen im Alltag, langes Arbeiten an der Tastatur, dauerhafte Maushaltung oder auch das Tragen eines Kindes können solche Beschwerden auslösen.

Gerade bei langwierigen Problemen wie Tennisarm oder Fersensporn sieht Dombo gute Einsatzmöglichkeiten. Die Behandlung kommt ohne Medikamente aus und gilt als Selbstzahlerleistung, da sie in der Regel nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Für das Zentrum war das Gerät eine Investition, die sich aus Sicht von Norman Dombo vor allem dann lohnt, wenn Patientinnen und Patienten anschließend zufriedener und schmerzfreier aus der Behandlung gehen.

Ein weiterer Vorteil ist die Mobilität des Geräts. Es kann in verschiedene Behandlungsräume gefahren und dort flexibel eingesetzt werden. Je nach Körperstelle wird die Behandlung angepasst: An empfindlichen Bereichen wie der Fußsohle arbeitet man anders als an muskulöseren Regionen wie Oberschenkel oder Oberarm. Ganz schmerzfrei ist die Anwendung nicht immer. Im Podcast wird sie als leichtes Pieksen beschrieben – spürbar, aber gut auszuhalten.

Für das Zentrum für Gesundheit Dombo passt die Stoßwellentherapie in das eigene Leitmotiv „Dombo bewegt“. Menschen sollen wieder in Bewegung kommen, möglichst schmerzfrei und alltagstauglich. Mit der radialen Stoßwelle erweitert das Maisacher Zentrum sein therapeutisches Angebot um eine moderne Methode, die besonders bei hartnäckigen Beschwerden helfen kann. Der Podcast macht deutlich: Hinter dem technischen Gerät steht ein sehr praktischer Anspruch – Schmerzen dort anzugehen, wo sie Bewegung verhindern.

100 Jahre GEDOK: Künstlerinnen feiern die Freiheit der Kunst in Tutzing

28. Mai 2026

Die GEDOK feiert 2026 ihren 100. Geburtstag – und damit ein Jahrhundert Einsatz für Künstlerinnen, Sichtbarkeit und kulturelle Teilhabe. Ich hatte über den PresseClub München eine Einladung zur Vernissage an die politische Akademie Tutzing, um einen Eindruck von der Vereinigung zu bekommen.

Gegründet wurde die Vereinigung 1926 in Hamburg von der Mäzenin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel. Ihr Anliegen war damals ebenso einfach wie notwendig: Künstlerinnen sollten nicht länger am Rand des Kulturbetriebs stehen, sondern eigene Netzwerke, Ausstellungsräume, Fördermöglichkeiten und öffentliche Anerkennung erhalten. Aus dieser Idee entstand ein Verband, der bis heute spartenübergreifend arbeitet und Künstlerinnen aus Bildender Kunst, Angewandter Kunst, Literatur, Musik, Film, Fotografie, Darstellender Kunst und interdisziplinären Bereichen verbindet. 

Zum Jubiläum rückt die GEDOK München ihre Geschichte und Gegenwart unter das Leitmotiv „Sichtbar. Verknüpft. Frei.“. Diese drei Begriffe beschreiben sehr treffend, wofür die Vereinigung seit 100 Jahren steht: Sichtbarkeit für künstlerische Arbeit von Frauen, Vernetzung über Sparten und Generationen hinweg sowie die Freiheit, eigene Themen, Formen und Haltungen zu entwickeln. In einer Kunstwelt, in der Frauen lange weniger präsent waren als ihre männlichen Kollegen, war und ist die GEDOK ein wichtiger Ort der Ermutigung und Professionalisierung. 

Ein besonderer Beitrag zum Jubiläumsjahr ist die Ausstellung „Freiheit“ in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. 20 Künstlerinnen der GEDOK München zeigen dort Arbeiten, die sich mit unterschiedlichen Facetten von Freiheit auseinandersetzen. Dabei geht es nicht nur um politische Freiheit, sondern auch um Kunstfreiheit, innere Freiheit, persönliche Selbstbestimmung und die Frage, wie frei künstlerisches Arbeiten heute tatsächlich sein kann. Die Ausstellung ist von Mai 2026 bis Mai 2027 im Erdgeschoss der Akademie zu sehen; der Eintritt ist frei. 

Der Ort ist dabei gut gewählt. Die Akademie für Politische Bildung in Tutzing ist ein Haus des Dialogs, der gesellschaftlichen Debatte und der demokratischen Bildung. Wenn dort Kunst unter dem Titel „Freiheit“ gezeigt wird, entsteht eine Verbindung zwischen ästhetischem Ausdruck und politischem Denken. Die Werke der Künstlerinnen laden dazu ein, über Freiheit nicht abstrakt zu sprechen, sondern sie sinnlich, visuell und emotional zu erfahren. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen erhält eine solche Ausstellung zusätzliches Gewicht: Kunst kann Räume öffnen, in denen Widerspruch, Vielfalt und persönliche Perspektiven sichtbar werden.

Die GEDOK-Ausstellung in Tutzing knüpft zudem an eine lange Zusammenarbeit zwischen der Künstlerinnenvereinigung und der Akademie an. Seit vielen Jahren präsentieren Künstlerinnen der GEDOK München dort regelmäßig ihre Arbeiten. Die Jahresausstellungen haben sich zu einem festen Bestandteil des Kulturprogramms entwickelt. 2025/26 stand die Schau unter dem Titel „Perspektiven Wechsel“, 2026/27 folgt nun mit „Freiheit“ ein Thema, das besonders gut zum Jubiläum passt. 

Die Geschichte der GEDOK ist allerdings nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern auch eine Geschichte von Brüchen. Die Gründerin Ida Dehmel wurde während der NS-Zeit wegen ihrer jüdischen Herkunft aus der Organisation gedrängt; 1942 nahm sie sich angesichts der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime das Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich die GEDOK neu und setzte ihren Auftrag fort: Künstlerinnen zu fördern, ihnen Öffentlichkeit zu verschaffen und ihre Interessen kulturpolitisch zu vertreten. 

Heute wirkt die GEDOK lebendig und zeitgemäß. Ihr Jubiläum ist kein rückwärtsgewandter Festakt, sondern ein Anlass, nach vorne zu schauen. Was bedeutet künstlerische Freiheit heute? Welche Stimmen werden gehört, welche übersehen? Wie können Netzwerke Künstlerinnen stärken, ohne sie auf ihr Geschlecht zu reduzieren? Und welche Rolle spielt Kunst in einer demokratischen Gesellschaft?

Die Ausstellung „Freiheit“ in Tutzing gibt darauf keine einfachen Antworten. Sie versammelt unterschiedliche künstlerische Positionen, Materialien und Denkansätze. Gerade diese Vielfalt macht ihren Reiz aus. Sie zeigt die GEDOK als das, was sie seit 100 Jahren sein will: ein Netzwerk, ein Resonanzraum und eine Bühne für Künstlerinnen, die ihre Sicht auf die Welt selbstbewusst formulieren.

Für mich sehr interessant war das Werk von Cornelia Hesse. Sie wurde 1976 in Wolfratshausen geboren und war zunächst als Juristin tätig, bevor sie sich nach mehreren Jahren im Staatsdienst vollständig der Kunst zuwandte. Seit 2014 arbeitet sie intensiv an Malerei, Zeichnung und Plastik, bildet sich an freien Kunstakademien fort. Die Reihe „Walk on Air“ entstand 2022 als Folge großformatiger Leinwände in Mischtechnik, etwa in Form dreiteiliger Arbeiten im Format 100 x 80 Zentimeter. Hesse beschreibt ihre Großform-Arbeiten als spontan und absichtslos: schlaglichtartige innere Eindrücke, die sie mit unterschiedlichen Techniken auf Papier oder Leinwand bringt – „Walk on Air“ steht dabei sinnbildlich für einen Moment des Schwebens zwischen Bodenhaftung und Aufbruch.
In den „Walk on Air“-Bildern überlagern sich gestisch-expressive Malerei und drucktechnische Elemente, die aus bearbeiteten Fotografien entwickelt werden. So entstehen vielschichtige Bildräume, in denen Fragilität und Energie, Zufall und Struktur miteinander in Spannung stehen und das Motiv des „Gehen auf Luft“ als innere Haltung erfahrbar machen.

Live. Lokal. Echt. Der BistroTalk in Youtube mit Metzgermeister Alexander Häuserer, Da Häuserer Gernlinden Maisach, im sixtyfour am Mittwoch, 27. Mai, 18 Uhr Online und in Maisach

27. Mai 2026

Der Metzgermeister Alexander Häuserer von Da Häuserer aus Gernlinden und Journalist Matthias J. Lange sprechen locker und persönlich über das Metzgerhandwerk, die Versorgung der Bevölkerung und die bevorstehende Grillsaison. Die Adresse ist hier

Im gemütlichen Ambiente des Maisacher Bistros sixtyfour geht das lebendige Talk-Format: der BistroTalk in eine weitere Runde. Gastgeber Matthias J. Lange hat mit Metzgermeister Alexander Häuserer von Da Häuserer aus Gernlinden einen Experten für Wurst und Fleisch eingeladen – direkt vor Ort und live im Netz. Wir diskutieren offen, nahbar und ganz ohne Script.

Termin ist am Mittwoch, 27. Mai um 18 Uhr, der Talk dauert etwa eine Stunde und wird ab 18 Uhr live auf YouTube gestreamt. Die Adresse ist: https://www.youtube.com/@redaktion42/streams
Hier die vergangenen beiden BistroTalks zum Nachschauen:

Einmal mit Beate Seyschab, Leiterin der Gemeindebücherei Maisach

Und einmal mit Starkoch Denis M. Kleinknecht, Gasthof Heinzinger, Rottbach

Privatkonzert: Bob Sumner und Etienne Tremblay: Wenn leise Songs ganz tief berühren

26. Mai 2026

Ich war neugierig auf Bob Sumners als ich die Einladung zu einem Privatkonzert nach München bekam. Bob Sumner ist ein kanadischer Sänger, Gitarrist und Songschreiber aus dem Umfeld von Americana, Folk, Country und Alt-Country. Er stammt aus dem Raum Vancouver und war lange gemeinsam mit seinem Bruder Brian als Teil der Sumner Brothers unterwegs, ehe er sich als Solokünstler ein eigenes Profil erarbeitete. Diese Herkunft hört man seiner Musik an: Sie ist verwurzelt in der Tradition nordamerikanischer Erzähllieder, aber sie klingt nicht museal oder nostalgisch. In München spielte er zusammen mit seinem Kumpel Etienne Tremblay, der ein exzellenter Gitarrist ist.

Sumner schreibt Songs, die von Beziehungen, Einsamkeit, Alkohol, Freundschaft, Sehnsucht, Verlust und der Suche nach einem Ort handeln, an dem man für einen Moment zur Ruhe kommen kann. Es ist Musik für kleine Bühnen, für aufmerksame Zuhörer und für Menschen, die in einem Lied mehr suchen als nur eine eingängige Melodie.

Sein aktuelles Album „Some Place to Rest Easy“, erschienen im September 2024, zeigt besonders deutlich, wohin Sumners musikalische Reise geht. Die Platte bewegt sich zwischen klassischem Country, Folkballade, Americana und moderner, atmosphärischer Produktion. Auf der Bandcamp-Seite zum Album wird beschrieben, dass Sumner traditionelle Elemente wie Steel Guitar, Dobro und Countrypolitan-Streicher mit ambienten Klangflächen und sogar dezenten Synthesizer-Spuren verbindet. Das ist ein wichtiger Punkt, denn Sumner klingt zwar nach einem Künstler, der George Jones, Willie Nelson oder Waylon Jennings kennt, aber er bleibt nicht einfach bei der Vergangenheit stehen. Seine Songs sind warm, erdig und oft melancholisch, aber sie besitzen zugleich eine klangliche Offenheit, die sie zeitgemäß macht.

Musikalisch lebt Sumners Werk stark von seiner Stimme. Sie ist nicht glatt, sondern trägt eine gewisse Rauheit und Lebenserfahrung in sich. Er singt mit einer Mischung aus Zärtlichkeit, Zurückhaltung und innerer Dringlichkeit. Gerade darin liegt seine Stärke: Er muss nichts übertreiben, um glaubwürdig zu sein. In Songs wie „Bridges“, „Motel Room“, „Don’t We Though“ oder „Forty Years On The Floor“ entwickelt er kleine Geschichten, die wie Momentaufnahmen aus einem Leben wirken. Da geht es um verbrannte Brücken, Nächte in Motelzimmern, brüchige Liebe, Alkohol, Reue und Erinnerungen. Americana Highways beschreibt „Bridges“ als atmosphärische Ballade mit erzählerischem Charakter und hebt Sumners Fähigkeit hervor, Geschichten nicht nur mit Texten, sondern auch mit Stimme, Gitarre und Komposition zu erzählen. 

Bemerkenswert ist, dass Sumner seine Musik nicht auf bloße Traurigkeit reduziert. Viele seiner Lieder kreisen zwar um gebrochene Herzen und schwierige Lebensphasen, doch sie haben auch Trost, Wärme und manchmal einen fast kameradschaftlichen Ton. Der Hörer sitzt nicht vor einem Künstler, der sich selbst ausstellt, sondern vor einem Erzähler, der das Scheitern kennt und trotzdem weiter singt. Genau daraus entsteht die emotionale Kraft seiner Musik. Sie erinnert an klassische Country-Songwriter, an Folk-Erzähler und an jene Americana-Künstler, die nicht auf große Gesten setzen, sondern auf Genauigkeit, Atmosphäre und Wahrhaftigkeit. Lonesome Highway ordnet seine Themen entsprechend als verletzlich und oft dunkel ein, betont aber, dass Sumner diese Stoffe feinfühlig behandelt.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Etienne Tremblay, mit dem Sumner derzeit unterwegs ist. Tremblay ist nicht nur Begleitmusiker, sondern ein enger musikalischer Partner. Auf „Some Place to Rest Easy“ ist er unter anderem an der Leadgitarre zu hören; zudem war er an mehreren Songs beteiligt, darunter „Bridges“, „Forty Years“, „Baby I Know“ und „Familiar Feeling“. Das Zusammenspiel der beiden macht auch live den besonderen Reiz aus: Sumner bringt die Songs, die Stimme und die erzählerische Mitte mit, Tremblay öffnet den Raum mit Gitarrenlinien, die mal sparsam, mal melodisch, mal fast schwebend wirken.

Gerade in der Duo-Besetzung entfaltet diese Musik ihre Stärke. Ohne großes Bühnengetöse rücken Stimme, Text und Gitarre in den Vordergrund. Sumners Lieder brauchen keine überladene Produktion, um zu wirken; sie leben von Nuancen, vom Klang einer angeschlagenen Saite, vom Nachhall einer Zeile, vom Atem zwischen zwei Versen. Tremblays Gitarrenspiel ergänzt diese Zurückhaltung, weil es die Songs nicht überdeckt, sondern ihnen zusätzliche Farbe gibt. In dieser Form entsteht eine intime Konzertatmosphäre, die gut zu Sumners Musik passt: Man hört keine Show im üblichen Sinn, sondern Geschichten, die langsam ihre Wirkung entfalten.

Bob Sumner ist damit ein Künstler, der die Tradition des Country und Folk ernst nimmt, ohne sich von ihr einsperren zu lassen. Seine Musik hat den Staub der Straße, den Geruch von Bars und Motelzimmern, aber auch die Weite moderner Americana-Produktionen. Sie erzählt von Menschen, die etwas verloren haben, die weiterziehen müssen oder bleiben wollen, obwohl sie nicht genau wissen, wo sie hingehören. Das macht seine Songs so zugänglich und zugleich so eigenständig. Wer Bob Sumner und Etienne Tremblay live erlebt, begegnet keiner lauten Pose, sondern einem konzentrierten, fein gearbeiteten Zusammenspiel zweier Musiker, die wissen, dass ein guter Song oft mehr sagt, wenn man ihm Raum lässt. Ich war von dem Privatkonzert begeistert und kann auch das Album absolut empfehlen.

Ein Nachmittag gegen die Einsamkeit: Warum das Seniorenkino im Scala so wichtig ist

25. Mai 2026

Das Seniorenkino im Scala in Fürstenfeldbruck ist weit mehr als nur ein zusätzliches Filmangebot für ältere Menschen. Mit seinen vier Vorstellungen im Jahr hat sich die Veranstaltungsreihe längst zu einem wichtigen kulturellen und sozialen Treffpunkt entwickelt, der vielen Seniorinnen und Senioren Lebensqualität, Gemeinschaft und Teilhabe ermöglicht. Gerade in einer Zeit, in der Einsamkeit im Alter zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem wird, erfüllt das Seniorenkino eine Aufgabe, die weit über den eigentlichen Kinofilm hinausgeht.

Rund 200 Seniorinnen und Senioren kamen ins Scala Kino, um gemeinsam den Film Sole mio anzusehen. Die Veranstaltung des Seniorenbeirats der Stadt Fürstenfeldbruck nutzte Oberbürgermeister Christian Götz zugleich, um sich vor Ort über die Arbeit des Gremiums, dessen Angebote für ältere Bürgerinnen und Bürger und die Arbeit des Scala-Kinos zu informieren.

Am Rande der Veranstaltung tauschte sich der Oberbürgermeister mit Scala-Geschäftsführer Markus Schmölz über die Bedeutung des Kinos als kulturellen Treffpunkt im Fürstenfeldbrucker Westen aus. Dabei dankte Götz dem Kinobetreiber ausdrücklich für dessen langjähriges Engagement und sicherte auch künftig Unterstützung für das Scala Kino zu. Erste Ideen wurden schon ausgetauscht. 

„Das Scala ist seit vielen Jahren weit mehr als nur ein Kino. Es ist ein wichtiger kultureller und sozialer Treffpunkt für die Menschen im Westen der Stadt“, betonte Oberbürgermeister Christian Götz.

Auch Markus Schmölz zeigte sich erfreut über den Besuch des Oberbürgermeisters und den Austausch mit dem Seniorenbeirat: „Wir freuen uns sehr über die Wertschätzung und Unterstützung durch die Stadt. Das Scala steht immer für weitere Gespräche und Kooperationen offen – gerade wenn es darum geht, Menschen zusammenzubringen und kulturelle Angebote für alle Generationen zu schaffen.“

Denn für viele Besucherinnen und Besucher ist der Nachmittag im Scala nicht einfach ein Kinobesuch. Er ist Anlass, das Haus zu verlassen, Bekannte zu treffen, gemeinsam zu lachen, Erinnerungen auszutauschen und am öffentlichen Leben teilzunehmen. Das Kino wird so zu einem Ort der Begegnung. Besonders ältere Menschen, die alleine leben oder in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, erleben solche Veranstaltungen oft als wertvolle Abwechslung im Alltag. Die vertraute Atmosphäre des Scala, die persönliche Ansprache und die bewusst ausgewählten Filme schaffen dabei ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit.

Hinzu kommt die kulturelle Bedeutung. Kino ist Erinnerung, Emotion und gemeinsames Erleben. Viele Seniorinnen und Senioren verbinden mit dem Kino noch die große Zeit der Lichtspielhäuser, als ein Filmabend etwas Besonderes war. Das Seniorenkino knüpft genau an dieses Lebensgefühl an. Es bewahrt ein Stück Kinokultur, die heute vielerorts verloren gegangen ist. Während Streamingdienste Filme immer stärker zum individuellen Konsum auf dem heimischen Sofa machen, bietet das Scala weiterhin das gemeinschaftliche Erlebnis im dunklen Saal – mit gemeinsamem Lachen, Mitfiebern und Nachdenken.

Die vier Vorstellungen im Jahr mögen auf den ersten Blick nicht viel erscheinen, doch gerade ihre Regelmäßigkeit macht sie wichtig. Sie setzen feste kulturelle Höhepunkte im Jahreslauf und geben vielen Besucherinnen und Besuchern Orientierung und Vorfreude. Oft entstehen daraus Gespräche, Verabredungen und soziale Kontakte, die weit über den Kinonachmittag hinausreichen.

Nicht zuletzt zeigt das Seniorenkino auch, welche Rolle ein Programmkino heute für eine Stadt wie Fürstenfeldbruck spielen kann. Das Scala ist eben nicht nur ein Ort für Blockbuster und Unterhaltung, sondern auch ein kultureller Raum mit gesellschaftlicher Verantwortung. Es schafft Angebote für Generationen, die im schnelllebigen Kulturbetrieb oft übersehen werden. Gerade deshalb ist das Seniorenkino ein wichtiges Zeichen für gelebte Teilhabe und Wertschätzung älterer Menschen.

In einer alternden Gesellschaft werden solche Angebote künftig noch bedeutender werden. Das Seniorenkino im Scala beweist schon heute, dass Kultur nicht nur Unterhaltung ist, sondern auch Nähe, Gemeinschaft und ein Stück Lebensfreude.

Bob Dylan zum 85. Geburtstag: Der Maler

24. Mai 2026

Bob Dylan hat die Welt mit Worten verändert, er hat meine Welt verändert – und wie sagte es Bruce Springsteen richtig: Dylan war der Bruder, den er niemals hatte. Mit Liedern, die sich wie staubige Landstraßen durch das kollektive Gedächtnis ziehen, hat er Generationen begleitet, geprägt, aufgewühlt. Doch jenseits der Bühne, fern vom Scheinwerferlicht und den Mythen des Mannes der 1000 Masken existiert ein zweiter Dylan – einer, der nicht singt, sondern sieht. Einer, der nicht reimt, sondern malt. Zum 85. Geburtstag von His Bobness ein paar Gedanken zu seinen Bildern. Ich habe die Gallerien mit seinen Werken in London und Glasgow besucht und auch einen signierten Druck erstanden. Die Originale kann ich mir nicht leisten.

Seine Bilder erzählen keine lauten Geschichten. Sie flüstern. Straßenzüge, Tankstellen, einsame Fensterfronten, flüchtige Szenen des Alltags – Dylans Malerei ist durchzogen von einer stillen Melancholie, die vertraut wirkt, ohne sich je vollständig greifen zu lassen. Es sind Momentaufnahmen einer Welt, die oft übersehen wird: unspektakulär, beiläufig, und gerade deshalb so eindringlich. Wie in seinen Songs liegt auch hier eine tiefe Sehnsucht nach dem Flüchtigen, nach dem, was im Vorübergehen verloren geht.

Dass Dylan zur Malerei fand, wirkt beinahe folgerichtig. Schon immer war er ein Chronist des Unterwegsseins, ein Beobachter der Ränder. Wo seine Musik Sprache fand, findet seine Kunst nun Farbe und Form. Die Linien sind nicht perfekt, die Perspektiven nicht immer akademisch – doch gerade darin liegt ihre Kraft. Sie sind ehrlich, ungekünstelt, fast trotzig in ihrer Weigerung, sich konventionellen Erwartungen zu beugen.

Zum 85. Geburtstag wird dieser andere Blick auf Bob Dylan umso bedeutender. Er zeigt einen Künstler, der sich nie festlegen ließ, der sich jeder Schublade entzog und stattdessen immer wieder neue Ausdrucksformen suchte. Der Maler Dylan ist kein Nebenwerk, kein spätes Hobby eines alternden Musikers. Er ist vielmehr die Fortsetzung eines lebenslangen Drangs, die Welt zu deuten – mit anderen Mitteln, aber derselben unstillbaren Neugier.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis seiner Beständigkeit: dass Dylan nie stehen geblieben ist. Weder musikalisch noch künstlerisch. Seine Bilder sind keine Antworten, sondern Fragen. Sie laden ein, genauer hinzusehen, innezuhalten, die leisen Zwischentöne wahrzunehmen. Und so erzählen sie – genau wie seine Songs – weniger von ihm selbst als von uns allen.

Zum 85. Geburtstag lohnt es sich, Bob Dylan nicht nur als Musiker, sondern als dauerhaft im Ausstellungskalender verankerten Bildkünstler zu feiern – als jemanden, der längst seinen festen Platz in Galerien und Museen gefunden hat.

Als im Herbst 2007 die Kunstsammlungen Chemnitz „The Drawn Blank Series“ als Weltpremiere zeigten, war das mehr als ein hübsches Kuriosum im Schatten eines berühmten Namens. Rund 140 Aquarelle und Gouachen, entstanden aus frühen Schwarzweißzeichnungen, holten Bob Dylan damals aus der Plattenkiste in den weißen Museumssaal – die erste große Einladung der Kunstwelt, ihn ernsthaft als Maler zu betrachten. Chemnitz wurde in diesen Monaten zum Pilgerort für Fans aus aller Welt, die plötzlich vor Gleisanlagen, Tankstellen, Bars und Zimmerinterieurs standen und darin die stille, visuelle Entsprechung jener Songs wiedererkannten, die sie seit Jahrzehnten begleiteten.

Was mit „Drawn Blank“ begann, hat sich seither zu einem dichten Werkgeflecht aus Serien entwickelt: „The Beaten Path“, „Mondo Scripto“ und „The Asia Series“ erzählen in Bildern weiter, was Dylan in Liedern begonnen hat. Straßen, Brücken, Neonlichter, Motelschilder – seine Malerei tastet sich an die Ränder des Alltäglichen heran und macht daraus eine Chronik des Unterwegsseins, die ohne eine einzige Note auskommt. Gerade in „Mondo Scripto“, wo handgeschriebene Songtexte auf Zeichnungen treffen, verschränken sich die beiden Welten des Künstlers so eng, dass man beim Lesen und Schauen fast vergisst, ob man einem Bild oder einem Lied folgt.

Besonders in Deutschland hat sich um Dylans Bilder ein erstaunlich kontinuierliches Ausstellungsnetz gespannt. Zum 80. Geburtstag würdigten Galerien in Köln, Heilbronn, Fulda und auf Schloss Hohenstein bei Coburg den Musiker mit der Ausstellungsreihe „On the Road“, die sein malerisches und zeichnerisches Gesamtwerk ins Zentrum rückte. In Fulda und anderswo wurden Werkzyklen wie „Mondo Scripto“, „The Beaten Path“, „The Drawn Blank Series“ und „The Asia Series“ gezeigt – nicht als höfliche Randnotiz eines Popgenies, sondern als eigenständige Position im zeitgenössischen Kunstbetrieb.

Auch darüber hinaus taucht sein Name immer wieder auf deutschen Galerielisten auf: Die Galerie Bilder Fuchs in Fulda etwa widmet seinem Werk regelmäßig eigene Schauen, zuletzt unter dem Titel „His Own Beaten Pathes“ mit Arbeiten aus „The Beaten Path“ und „Mondo Scripto“. In Emmendingen bei Freiburg präsentierten die Queens Kunstgalerien 2024 mit „Bob Dylan | The Drawn Blank Series and More“ über 70 original signierte Arbeiten, eingebettet in einen Ausstellungsrahmen, in dem Dylan selbstverständlich neben etablierten Kunstgrößen steht.

Was in Deutschland im Museumssaal begann, fand international seine Fortsetzung: Unter dem Titel „Retrospectrum“ widmete das MAXXI, das Nationalmuseum für Kunst des 21. Jahrhunderts in Rom, dem Singer-Songwriter eine große Schau seiner visuellen Arbeiten, die von Dezember 2022 bis April 2023 zu sehen war. Parallel dazu wanderten Teile seiner Serien über Europa, etwa nach Château La Coste in der Provence, wo Dylans „Drawn Blank“-Arbeiten neben Werken von Claude Monet, Henri Matisse und Marc Chagall hingen – eine Hängung, die wie eine leise, aber deutliche Anerkennung seiner Bildsprache wirkt.

Im Jahr seines 85. Geburtstags sind Dylans Bilder längst keine Raritäten mehr, die man zufällig entdeckt, sondern programmierte Ereignisse im Kulturkalender. In Püttlingen im Saarland zeigt die Galerie Schwan 2026 eine umfangreiche Schau mit mehr als 40 Arbeiten der „Drawn Blank Series“ – mit Straßen, Bahngleisen, Bars und urbanen Szenerien, die vertraut wirken und doch eine eigentümliche Spannung halten. Dylan wird hier nicht als Pop-Trophäe ausgestellt, sondern als ein Künstler, der seit Jahrzehnten zeichnend, beobachtend und erzählend unterwegs ist.

So entsteht, über die Jahre und über viele Orte hinweg, ein stilles Parallelwerk: Während die Welt ihn als Musiker feiert, wächst in Galerien und Museen ein zweiter, leiser Kosmos aus Aquarellen, Grafiken und Zeichnungen. Zum 85. Geburtstag zeigt sich Bob Dylan damit als jemand, der nie bei einer Ausdrucksform stehen geblieben ist – ein Künstler, der auch dann noch weiterarbeitet, wenn der Applaus im Konzertsaal längst verklungen ist und die Aufmerksamkeit sich in den stillen Raum einer Ausstellung verlagert.

Also schaue ich mir heute wieder in Ruhe meinen signierten Dylan-Druck und genieße ausnahmsweise keinen schottischen Whisky, sondern Bob Dylans Whiskey – Heaven’s Door. Er verbindet amerikanische Whiskey-Tradition mit dem künstlerischen Geist einer Musiklegende und es floß sicherlich einiges an Geld. Die Marke wurde 2018 vorgestellt und umfasst unter anderem Bourbon-, Rye– und Double-Barrel-Whiskeys. Besonders reizvoll ist die Verbindung aus handwerklicher Herstellung, charaktervollem Geschmack und Flaschendesign, das von Bob Dylans Metallarbeiten inspiriert ist. Ein stilvoller Whiskey für mich an Dylans 85. Geburtstag. Und was höre ich zum Ehrentag: Ich lasse an diesem Tag die Wilburys laufen. Für mich waren The Traveling Wilburys eine außergewöhnliche Supergroup der Rockgeschichte: Bob Dylan, George Harrison, Jeff Lynne, Roy Orbison und Tom Petty verbanden ihre unterschiedlichen Stile zu eingängigen Songs mit viel Spielfreude und lässigem Charme.

Die verlorene Kindheit im Feed: Warum Social Media zur großen Bildungsfrage unserer Zeit geworden ist

23. Mai 2026

Die Studie „Social Media – Bildung – Integrität“ ist ein Gutachten des Aktionsrats Bildung, herausgegeben von der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Ihr Kernbegriff ist „mediale Integrität“: Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollen Social Media nicht nur technisch bedienen können, sondern verantwortungsvoll, werteorientiert, selbstreflektiert und sozial verträglich nutzen. Mein Gefühl nach der Veranstaltung und der Diskussion über Social Media und Ki: Es sprechen oftmals Blinde von der Farbe, aber das mit mahnenden Worten. 

Die Studie bewertet Social Media nicht pauschal als schlecht. Sie sieht Chancen für Kommunikation, Lernen, Kreativität, politische Teilhabe und Vernetzung. Zugleich warnt sie deutlich vor Risiken: Suchtverhalten, Cybermobbing, Desinformation, oberflächliche Informationsverarbeitung, sozialer Druck, problematische Körperbilder, Datenschutzprobleme, Manipulation durch Algorithmen und der Verlust von Empathie im digitalen Raum.

Der zentrale Gedanke lautet: Medienkompetenz reicht nicht mehr aus. Es geht nicht nur darum, Apps zu verstehen, sondern darum, im digitalen Raum integer zu handeln. Dazu gehören Respekt, Ehrlichkeit, Selbstkontrolle, Quellenkritik, Empathie und Verantwortung. Mein persönlicher Vorschlag: Schickt die Eltern und die Lehrer in die Schule. Oftmals wird über Sachen debattiert, die nicht nicht gelebte Realität der Vortragenden ist.

Empfehlungen
Die Studie fordert gesetzliche Altersgrenzen für Social-Media-Plattformen, eine wirksame Altersverifikation und altersgerechte Schutzmechanismen. Anbieter sollen Minderjährige besser vor suchtfördernden Designs, Werbung, manipulativen Mechanismen und übermäßiger Nutzung schützen. Für Bildungseinrichtungen sollen klare Nutzungs- und Datenschutzregeln geschaffen werden. Digitale Bildungsplattformen der Länder sollen so erweitert werden, dass Unterricht über Social Media möglich ist, ohne auf externe Plattformen ausweichen zu müssen.

Für Schulen empfiehlt das Gutachten, Integrität im Umgang mit Social Media als Bildungsziel systematisch zu verankern. Lehrkräfte sollen besser medienpädagogisch ausgebildet werden. Außerdem fordert die Studie Konzepte gegen Cybermobbing und problematische Nutzung. Eltern sollen stärker einbezogen werden, weil Medienerziehung nicht allein Aufgabe der Schule sein kann. 

Nach Bildungsphasen
In der frühen Bildung liegt der Schwerpunkt auf Familie, Kita und Kinderschutz. Besonders kritisch sieht die Studie hohe Bildschirmzeiten kleiner Kinder und das sogenannte Sharenting, also das Teilen von Kinderbildern durch Eltern. Hohe Bildschirmzeiten können laut Gutachten Entwicklungsprobleme verstärken und mit geringerem emotionalem Wohlbefinden zusammenhängen.

In der Primarstufe betont die Studie, dass Social Media bereits bei Grundschulkindern eine Rolle spielt, obwohl viele Angebote eigentlich erst ab 13 Jahren vorgesehen sind. Klare Familienregeln, feste Medienzeiten und Begleitung durch Eltern gelten als entscheidend. Grundschulen sollen Eltern beraten und Kinder auf einen späteren verantwortungsvollen Umgang vorbereiten. 

In der Sekundarstufe werden die Risiken besonders deutlich: FOMO, ständige Ablenkung, oberflächliche Informationsverarbeitung, sozialer Vergleich, Cybermobbing und psychische Belastungen. Die Studie hält fest, dass negative Auswirkungen besonders dann problematisch werden, wenn Social Media sehr früh, sehr intensiv und auf Kosten anderer Aktivitäten genutzt wird. 

In der beruflichen Bildung sieht das Gutachten Chancen für berufliche Orientierung, Netzwerke, Lerncommunities und digitale Kommunikation. Gleichzeitig entstehen neue Risiken: unprofessionelles Auftreten, Datenschutzprobleme, Vermischung von Privatem und Beruflichem sowie Unsicherheiten bei Betrieben und Berufsschulen.

In der Hochschule geht es um Social Media in Lehre, Forschung und Wissenschaftskommunikation. Chancen liegen in Austausch, Sichtbarkeit und kollaborativem Lernen. Risiken bestehen in Qualitätsproblemen, Reputationsdruck, Datenschutz, Desinformation und fehlenden Standards.

In der Weiterbildung sieht die Studie große Potenziale für informelles Lernen, berufliche Netzwerke und niedrigschwellige Bildungsangebote. Gleichzeitig warnt sie vor Ungleichheiten: Wer wenig digitale Kompetenzen besitzt, kann von diesen Angeboten ausgeschlossen werden.

Die Studie ist stark, weil sie Social Media nicht kulturpessimistisch verdammt, sondern differenziert betrachtet. Besonders überzeugend ist der Begriff der medialen Integrität, weil er über reine Technikkompetenz hinausgeht. Die Studie macht klar: Es reicht nicht, Jugendlichen zu erklären, wie TikTok, Instagram oder YouTube funktionieren. Sie müssen lernen, was ihr Handeln dort mit anderen Menschen, mit Demokratie, Wahrheit, Selbstbild und sozialem Zusammenleben macht.

Kritisch ist allerdings, dass die Studie stark regulierend denkt. Altersgrenzen, Verbote und technische Schutzmechanismen spielen eine große Rolle. Das ist nachvollziehbar, birgt aber die Gefahr, dass pädagogische Arbeit zu sehr auf Kontrolle und Einschränkung verengt wird. Entscheidend wird sein, Schutz und Befähigung zusammenzubringen: Kinder und Jugendliche brauchen Grenzen, aber auch geschützte Räume, in denen sie digitale Verantwortung praktisch einüben können.

Das Gutachten versteht Social Media als eine der zentralen Bildungsfragen unserer Zeit. Es fordert eine neue Stufe der Medienbildung: weg von bloßer Bedienkompetenz, hin zu Verantwortung, Haltung und Integrität. Für Schulen, Eltern, Politik und Bildungsanbieter ist die Studie ein deutlicher Auftrag: Social Media darf nicht nebenbei behandelt werden. Es muss fester Bestandteil von Bildung werden – kritisch, praktisch, altersgerecht und werteorientiert.
Die Studie gibt es hier zum Download. Dank an die vbw für die Organisation der Veranstaltung und den guten Willen auf diesem Feld Aufklärungsarbeit zu machen.

Der letzte große Blues: Eric Claptons leiser Abschied in München

22. Mai 2026

Ich war sehr gespannt, denn ich wollte Eric Slowhand Clapton endlich mal live erleben. Ich bin Clapton-Fan der Zeiten der Yardbirds, Cream, Blind Faith, Derek and the Dominos, aber auch einiger Solo-Blues-Scheiben. Also für großen Taler eine Eintrittskarte eine Karte für die Olympia-Halle gekauft und das letzte Konzert der Tour auf dem Festland angeschaut.

Vorband war ein ausgezeichneter Andy Fairweather Low, der schon lange mit Clapton und auch Roger Waters spielt. Tadelloser Mann.
Als Eric Clapton die Bühne der Münchner Olympiahalle betrat, lag sofort diese eigentümliche Spannung im Raum, die nur Musiker erzeugen können, die längst größer geworden sind als ihre Songs. Achtzig Jahre alt ist Clapton inzwischen, gezeichnet von Krankheiten, Rückenschmerzen und jener Müdigkeit, die man bei vielen seiner Generation nicht mehr übersehen kann – und doch steht da noch immer dieser Mann mit der Stratocaster, der für mehrere Generationen der Inbegriff des eleganten Bluesrocks geblieben ist. Schon der erste Ton machte klar: Hier geht es nicht mehr um Spektakel. Nicht um gigantische Bühnenbilder oder die verzweifelte Jagd nach Jugendlichkeit. Clapton spielte in München kein Konzert, er zelebrierte ein musikalisches Vermächtnis.

Und genau darin lag die Größe dieses Abends – aber auch seine Schwäche. Denn emotional war das Konzert stellenweise überwältigend. Wenn Clapton in „Tears in Heaven“ jede Note beinahe vorsichtig anschlug, schien die riesige Halle plötzlich still zu atmen. Da war keine pathetische Inszenierung, keine kalkulierte Sentimentalität. Nur diese fragile Stimme, die längst brüchig geworden ist und gerade deshalb glaubwürdig wirkt. Man hörte einem alten Mann zu, der nicht mehr versucht, gegen die Zeit anzusingen. Diese Ehrlichkeit hatte etwas Berührendes. Viele Künstler altern auf der Bühne peinlich. Clapton altert sichtbar – und gerade dadurch würdevoll.

Auch musikalisch blieb er in vielen Momenten unerreichbar. Seine Soli wirkten nie protzig, nie eitel. Während andere Gitarrenhelden ihres Formats jeden Song zur Technikdemonstration aufblasen, spielte Clapton reduziert, fast stoisch. Gerade bei Bluesstücken zeigte sich, warum sein Spitzname „Slowhand“ bis heute funktioniert: Er braucht keine Geschwindigkeit, um Intensität zu erzeugen. Jede Phrase saß. Jeder Bend erzählte mehr als ganze Alben jüngerer Virtuosen. Aber die Zeiten von Clapton is God sind vorbei.

Und dennoch blieb nach knapp zwei Stunden ein seltsamer Beigeschmack zurück. Denn so meisterhaft das Konzert klang, so wenig Risiko steckte darin. Die Setlist wirkte über weite Strecken wie ein routinierter Rückblick auf ein Lebenswerk, das man längst auswendig kennt. Natürlich jubelte die Halle bei „Layla“, natürlich funktionierten „Golden Ring“ oder „Cocaine“ noch immer. Aber genau darin lag das Problem: Vieles fühlte sich beinahe zu perfekt eingeübt an, zu kontrolliert, zu sicher. Man spürte selten echte Überraschung oder spontane Explosionen. Clapton spielte wie jemand, der nichts mehr beweisen muss – was menschlich verständlich ist, musikalisch aber manchmal etwas steril wirkte.

Besonders auffällig war dabei die Distanz zum Publikum. Clapton sprach kaum, lächelte selten, ließ Song auf Song folgen. Während andere Altmeister ihre Konzerte inzwischen fast wie autobiografische Erzählungen gestalten, blieb er kühl und zurückgenommen. Vielleicht hat Clapton dies von seinem alten Kumpel Dylan gelernt, der keine Silbe auf der Bühne äußert. Das kann man als britische Noblesse interpretieren. Man kann es aber auch als emotionale Barriere empfinden. Die Olympiahalle feierte ihn bedingungslos, doch zwischen Bühne und Publikum entstand nie ganz jene magische Nähe, die große Konzerte unvergesslich macht.

Vielleicht liegt genau darin mittlerweile die Tragik Eric Claptons. Er ist einer der letzten Giganten seiner Epoche, aber seine Musik wirkt heute oft wie aus einer anderen Zeit konserviert. Der Blues, den er spielt, besitzt Würde, Wärme und handwerkliche Vollkommenheit – aber manchmal fehlt ihm die Dringlichkeit. Der Schmerz ist noch da, die Wut nicht mehr. Selbst die stärkeren elektrischen Momente blieben kontrolliert, beinahe geschniegelt. Nichts geriet außer Kontrolle. Nichts brannte wirklich.

Und trotzdem: Als am Ende die letzten Akkorde verklungen waren, erhob sich die Olympiahalle beinahe geschlossen. Nicht nur aus Begeisterung, sondern auch aus Respekt. Man applaudierte nicht einfach einem Konzert, sondern einem Musiker, dessen Karriere seit mehr als einem halben Jahrhundert Teil der Rockgeschichte ist. Vielleicht war dieser Abend deshalb weniger ein Triumph als ein melancholischer Abschied von einer Ära. Eric Clapton zeigte in München keinen jungen, wilden Bluesrocker mehr. Er zeigte einen alten Meister, der gelernt hat, mit leisen Tönen zu altern.

Und genau deshalb wird dieses Konzert vielen länger im Gedächtnis bleiben als manch lautere, spektakulärere Show. Ich war dankbar ihn nochmal gesehen zu haben und das war mir sehr wichtig.