Albumkritik: Foreign Tongues von The Rolling Stones

11. Juli 2026

Das Warten hat ein Ende: Pünktlich zum offiziellen Release am 10. Juli 2026 liegt mit „Foreign Tongues“ das mittlerweile 25. Studioalbum der Rolling Stones vor. Nach dem großen Erfolg von Hackney Diamonds (2023) beweisen die Rock-Ikonen um Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood, dass sie auch im hohen Alter nichts an Energie eingebüßt haben.

Foreign Tongues ist kein wehmütiges Abschiedswerk, sondern ein erstaunlich druckvolles, modernes Rockalbum. Ein Großteil der Songs basiert auf den über 20 Titeln, die während der Hackney Diamonds-Sessions aufgenommen, aber damals nicht finalisiert wurden. Der Star-Produzent Andrew Watt hat diese Rohlinge im Jahr 2025 und Anfang 2026 gründlich poliert und mit frischem Material ergänzt.
Das Album ist spürbar gitarrenlastiger als sein Vorgänger. Tracks wie die Vorabsingle „In the Stars“ oder „Never Wanna Lose You“ sind klassische, treibende Riff-Rocker, die präzise für die ganz großen Stadionbühnen maßgeschneidert wurden.
Mick Jagger gibt sich textlich überraschend reflektiert und politisch. Er setzt sich mit der aktuellen Weltlage und der eigenen Endlichkeit auseinander, ohne dabei den typischen, leicht arroganten Stones-Charme zu verlieren.
Neben straightem Rock bedient die Band ein breites Spektrum – vom staubigen Americana-Folk auf „Divine Intervention“ bis hin zu einer unerwarteten, rotzigen Coverversion von Amy Winehouses „You Know I’m No Good“.
Fehlen von Ecken und Kanten: Durch die extrem glatte, zeitgemäße Produktion von Andrew Watt vermisst man gelegentlich die dreckigen, ausgedehnten Blues-Jams oder die düstere, unvorhersehbare Atmosphäre früherer Meisterwerke.
Das visuelle Konzept: Das collagenartige Pastell-Cover „Trinity“ des Künstlers Nathaniel Mary Quinn spaltet die Gemüter und wirkt für manche Fans im Vergleich zur Musik etwas zu verkopft. Mir gefällt es.
Wie aufwändig ist das Album?
Um es kurz zu machen: Der Aufwand hinter „Foreign Tongues“ ist gigantisch – sowohl in finanzieller, personeller als auch in logistischer Hinsicht. Die Stones haben für dieses Album alle Hebel der modernen Musikindustrie in Bewegung gesetzt.

Die hochkarätige Gästeliste
Die Band hat eine Riege an Gastmusikern versammelt, die einer Rock-and-Roll-Hall-of-Fame-Gala gleicht. Finanziell und organisatorisch ist ein solches Aufgebot ein absoluter Kraftakt:
Paul McCartney greift erneut zum Bass, Robert Smith (The Cure) bringt eine düstere Post-Punk-Note ein, Chad Smith (Red Hot Chili Peppers) und der langjährige Stones-Begleiter Steve Jordan teilen sich die Drum-Arbeit sowie Steve Winwood und Bruno Mars steuern ebenfalls hochkarätige Parts bei.
Ein emotionaler Höhepunkt ist der Track „Hit Me in the Head“. Hierfür wurden Archiv-Schlagzeugspuren des 2021 verstorbenen Drummers Charlie Watts aus einer Studio-Session in Los Angeles restauriert und meisterhaft in den Song integriert.

Logistik & Studios
Die Aufnahmen erstreckten sich über mehrere Kontinente und Jahre (mit Sessions in 2019, 2021, 2022–2023 und final 2025–2026). Gearbeitet wurde in absoluten High-End-Studios, darunter den geschichtsträchtigen Henson Studios in Los Angeles und den Metropolis Studios in London. Letztere wurden von Mick Jagger bewusst gewählt, um in einer intensiven, kompakten „Londoner Atmosphäre“ den finalen Songs den nötigen Feinschliff zu verpassen.

Die Marketing-Maschinerie
Auch die Promotion-Kampagne war ein marketingtechnischer Geniestreich mit enormem Budget:
Weltweit tauchten im April 2026 in 20 verschiedenen Ländern Street-Art-Poster auf, die den Albumtitel in der jeweiligen Landessprache anteaserten.
Unter dem geheimen Fake-Namen „The Cockroaches“ (eine Anspielung auf ihre eigene Historie) ließen die Stones eine schneeweiße Vinyl-Single in Plattenläden auftauchen, um unter Hardcore-Fans einen Lauffeuer-Hype auszulösen.
Für mich zeigt Foreign Tongues die Rolling Stones als eine perfekt geölte, hochprofessionelle Rock-Maschine. Der immense finanzielle und kreative Aufwand hat sich gelohnt: Das Album klingt frisch, vermeidet pure Nostalgie-Kumpanei und festigt das späte Vermächtnis der Band auf beeindruckende Weise.

The Breakfast Club – Matinee am 12. Juli im Scala Fürstenfeldbruck

10. Juli 2026

Ein Samstag in der Schule. Fünf Jugendliche, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollen. Ein Streber, ein Rebell, eine Prinzessin, ein Sportler und eine Außenseiterin. Sie alle müssen nachsitzen – und glauben zunächst, genau zu wissen, wer die anderen sind. Doch im Laufe dieses einen Tages bröckeln die Fassaden. Aus Vorurteilen werden Gespräche, aus Abwehr wird Nähe, aus Rollenbildern werden Menschen. Ich bespreche und zeige den Teenie-Klassiker The Breakfast Club in meiner Matinee am 12. Juli im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

„The Breakfast Club“ ist weit mehr als ein Jugendfilm der 80er-Jahre. Es ist ein Film über das Erwachsenwerden, über den Druck von Eltern, Schule und Gesellschaft, über Einsamkeit, Unsicherheit und den Wunsch, endlich gesehen zu werden. Regisseur John Hughes schafft es, mit wenigen Räumen und einer scheinbar einfachen Ausgangssituation ein zeitloses Kammerspiel über Jugend, Identität und Verletzlichkeit zu erzählen.

Der Film lebt von seinen Figuren. Jede und jeder von ihnen scheint zunächst ein Klischee zu sein: Brian, der pflichtbewusste Musterschüler; Bender, der aufmüpfige Provokateur; Claire, das beliebte Mädchen aus gutem Haus; Andrew, der erfolgreiche Sportler; und Allison, die stille Außenseiterin. Doch je länger sie miteinander eingeschlossen sind, desto klarer wird: Hinter jeder Maske steckt Angst. Angst, nicht zu genügen. Angst, enttäuscht zu werden. Angst, nicht dazuzugehören.

Gerade deshalb wirkt „The Breakfast Club“ bis heute so stark. Der Film nimmt junge Menschen ernst. Er belächelt ihre Probleme nicht, sondern zeigt, wie schwer es sein kann, in eine Rolle gedrängt zu werden – und wie befreiend es ist, diese Rolle für einen Moment abzulegen. Dabei ist der Film mal witzig, mal bitter, mal rebellisch und immer überraschend ehrlich.

Unvergessen ist auch die Musik: „Don’t You (Forget About Me)“ von Simple Minds wurde zur Hymne einer ganzen Generation. Der Song fasst perfekt zusammen, worum es in diesem Film geht: um den Wunsch, nicht vergessen, nicht übersehen, nicht auf ein Etikett reduziert zu werden.

„The Breakfast Club“ ist Kult, weil er eine einfache Wahrheit erzählt: Niemand ist nur das, was andere in ihm sehen. Dieser Film ist ein Plädoyer für Offenheit, Empathie und den Mut, hinter die Oberfläche zu blicken. Ein Klassiker, der Jugendliche berührt, Erwachsene an ihre eigene Schulzeit erinnert und bis heute zeigt, wie viel Kraft in einem echten Gespräch liegen kann.

Ein Film für alle, die wissen wollen, warum manche Geschichten nicht altern – sondern mit jeder Generation neu verstanden werden. Ich bespreche und zeige den Teenie-Klassiker The Breakfast Club in meiner Matinee am 12. Juli im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

PresseClub München digital sichtbar machen

9. Juli 2026

Ich freue mich sehr und bedanke mich herzlich beim Vorstand des PresseClub München für das große Vertrauen, mir die Betreuung des LinkedIn-Auftritts dieser renommierten Vereinigung zu übertragen. Für mich ist dieser Auftrag nicht nur eine organisatorische Aufgabe, sondern auch eine besondere Ehre. Der PresseClub München ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Ort des journalistischen Austauschs, der persönlichen Begegnung, der fachlichen Debatte und der demokratischen Öffentlichkeit. Mit dieser Tradition verbunden zu sein und sie nun auch in der digitalen Kommunikation mitgestalten zu dürfen, bedeutet mir sehr viel.

Als Journalist, Publizist und langjähriges Mitglied des PresseClub München weiß ich, welche Bedeutung dieser Club für die Medienlandschaft in München, für den Austausch zwischen Kolleginnen und Kollegen sowie für die Verbindung von Journalismus, Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft hat. Unser PresseClub lebt von Gesprächen, von unterschiedlichen Perspektiven, von kritischen Fragen und von der Bereitschaft, miteinander im Dialog zu bleiben. Genau diese Stärke gilt es auch auf LinkedIn weiterhin sichtbar zu machen.

LinkedIn ist heute für einen Verband weit mehr als nur ein zusätzlicher Social-Media-Kanal. Die Plattform ist ein professioneller Kommunikationsraum, in dem sich Menschen informieren, vernetzen, Positionen wahrnehmen und Debatten verfolgen. Für eine Vereinigung wie den PresseClub München bietet LinkedIn die Möglichkeit, Veranstaltungen, Themen, Stimmen und Impulse gezielt sichtbar zu machen. Gleichzeitig kann der Verband dort zeigen, wofür er steht: für journalistische Qualität, für Medienkompetenz, für gesellschaftliche Verantwortung und für den offenen Austausch in einer Zeit, in der verlässliche Information wichtiger ist denn je.

Gerade traditionsreiche Institutionen stehen vor der Aufgabe, ihre Geschichte nicht nur zu bewahren, sondern sie in die Gegenwart zu übersetzen. Ein professioneller LinkedIn-Auftritt kann dabei helfen, die Arbeit des PresseClub München zeitgemäß zu vermitteln, bestehende Mitglieder stärker einzubinden und neue Zielgruppen zu erreichen. Er kann zeigen, welche Themen den Club bewegen, welche Persönlichkeiten dort zu Gast sind und welche Rolle der PresseClub als Forum der öffentlichen Diskussion in München und darüber hinaus einnimmt.

Ich nehme diese Aufgabe mit Respekt, Freude und Verantwortungsbewusstsein an. Mir ist bewusst, dass die digitale Kommunikation eines Verbandes sorgfältig, verlässlich und mit Augenmaß erfolgen muss. Sie soll informieren, Interesse wecken, die Marke des PresseClub München stärken und zugleich dem Anspruch gerecht werden, den diese Vereinigung seit vielen Jahrzehnten verkörpert. Ich freue mich darauf, meinen Teil dazu beizutragen, den LinkedIn-Auftritt des PresseClub München weiterzuentwickeln und die Arbeit des Clubs auch im digitalen Raum sichtbar zu machen. Folgen Sie uns.

Dropkick Murphys in München: Wenn Punkrock nach Schweiß, Herz und Freiheit klingt

8. Juli 2026

Es gibt Konzerte, bei denen man Musik hört. Und es gibt Konzerte, bei denen man sich danach fühlt, als hätte einem jemand das Herz einmal kräftig durchgeschüttelt, abgestaubt und wieder an den richtigen Platz gesetzt. Der Auftritt der Dropkick Murphys am 30. Juni 2026 in der Musik-Arena des Tollwood Sommerfestivals in München gehörte eindeutig zur zweiten Sorte. Schon vor dem ersten Ton lag dieses besondere Knistern in der Luft: ein Gemisch aus Vorfreude, Bierbecher, Bandshirts, Sommerabend und der stillen Gewissheit, dass hier gleich keine bloße Show beginnen würde, sondern ein kollektiver Ausbruch.

Die Dropkick Murphys sind keine Band, die höflich anklopft. Sie treten die Tür ein, nehmen dich am Kragen und ziehen dich mitten hinein in ihren wilden Kosmos aus Punkrock, irischem Folk, Arbeiterstolz, Trotz, Melancholie und unbändiger Lebensfreude. Genau das passierte auch auf dem Tollwood. Die Musik-Arena wurde nicht einfach bespielt, sie wurde übernommen. Vom ersten Moment an war da dieser Druck, dieses Rollen, dieses Stampfen: Gitarren wie offene Stromleitungen, Schlagzeug wie Maschinenraum, Dudelsack und Folk-Melodien wie der Ruf einer alten, widerspenstigen Seele. Und der Auftritt war ein massives Statement gegen Trump, denn die Band stammt nicht aus Irland oder Schottland, sondern aus den USA. Punkrock-Band kommt aus Boston, die seit den 1990er Jahren irische Folk-Tradition mit harter Punk-Energie verbindet. Dudelsack, Mandoline, treibende Gitarren und raue Chöre prägen ihren unverwechselbaren Sound. Ihre Musik klingt nach Kneipe, Arbeiterstolz, Rebellion und Gemeinschaft.

München bekam an diesem Abend keine weichgespülte Festivalunterhaltung, sondern eine Band, die immer noch weiß, woher sie kommt. Ihre Songs tragen Narben, aber sie verstecken sie nicht. Sie feiern sie. Und genau deshalb funktioniert diese Musik live so überwältigend. Wenn Tausende Stimmen gemeinsam brüllen, singen, lachen und schwitzen, wird aus einem Konzert plötzlich eine Gemeinschaft auf Zeit. Für ein paar Stunden sind Alter, Beruf, Alltag und Sorgen egal. Da stehen Menschen nebeneinander, die sich nicht kennen, und singen, als hätten sie ihr Leben lang auf diesen Moment gewartet.

Besonders stark war dieser Wechsel zwischen brachialer Energie und sentimentaler Wucht. Die Dropkick Murphys können prügeln, ohne stumpf zu werden. Sie können Pathos, ohne peinlich zu wirken. Sie können Melodie, ohne ihre Kanten abzuschleifen. In solchen Momenten verwandelte sich das Tollwood-Zelt in eine einzige bebende Bewegung.

Gerade in München passte dieser Auftritt erstaunlich gut. Das Tollwood ist ohnehin ein Ort, an dem Kultur, Haltung und Lebensfreude zusammenkommen. Die Dropkick Murphys brachten dazu den Soundtrack der Aufrechten mit: laut, kämpferisch, emotional und doch voller Wärme. Man spürte: Diese Band spielt nicht von oben herab. Sie spielt auf Augenhöhe. Sie spielt für die Leute, nicht nur vor den Leuten. Das aktuelle Motto „For the People“ war deshalb mehr als ein Albumtitel oder Konzertversprechen. Es war der Kern dieses Abends.

Natürlich ist diese Musik nicht fein ziseliert, nicht elegant, nicht zurückhaltend. Sie will es auch gar nicht sein. Sie ist ein Faustschlag auf den Tresen, eine Umarmung im Gedränge, ein Chor aus heiseren Kehlen. Wer hier Perfektion im klinischen Sinn suchte, war am falschen Ort. Wer aber erleben wollte, wie lebendig Rockmusik sein kann, wenn sie nicht glattgebügelt wird, bekam einen Abend, der lange nachhallt.

Am Ende blieb dieses seltene Gefühl zurück, das gute Konzerte auslösen können: Man geht hinaus in die Nacht und ist ein bisschen erschöpft, ein bisschen taub, aber innerlich heller als vorher. Und man hat Lust auf ein kaltes Bier. Die Dropkick Murphys haben München nicht einfach besucht. Sie haben das Tollwood für einen Abend in eine irisch-amerikanische Punkrock-Kathedrale verwandelt. Laut, ehrlich, sentimental, kämpferisch — und voller Herz. Mir hat es gefallen.

Konzertkritik: B-52s in der Berliner Zitadelle

7. Juli 2026

Mitte der 80er Jahre des vergangene Jahrhunderts machte mich mein Schulfreund Robert auf eine Band aufmerksam, die ich vom Namen her in ein anderes Genre verordnet hätte B-52s. Es war ein Bomber, obwohl die schrille Musik eingeschlagen hatte, wie eine Bombe. Die B-52s klangen wie eine wilde Party aus den 80ern: New Wave und Post-Punk mit knalligen Surf-Gitarren, treibenden Synthesizern und vor allem den unverwechselbaren Doppelstimmen von Kate Pierson und Cindy Wilson – mal schrill, mal sinnlich, immer exzentrisch.


Dazu kommen absurde, spielerische Texte voller Kitsch, Sci-Fi und Camp-Humor. Der Sound ist tanzbar, energiegeladen und hat diesen unnachahmlichen Retro-Futurismus: gleichzeitig altmodisch und total eigen. Songs wie Rock Lobster oder Love Shack sind Paradebeispiele – laut, schräg und unwiderstehlich.


Jetzt habe ich die Band in der Berliner Zitadelle wieder gesehen und es war ein Erlebnis. Es war einer dieser Sommerabende, an denen die Luft so schwer und warm ist, dass man das Gefühl hat, die Zeit stehe still. Die Zitadelle Spandau, dieses monumental schlafende Gemäuer aus dem 16. Jahrhundert, hatte sich für eine Nacht in etwas Leichteres verwandelt – in einen Ort der reinen, schreienden Lebensfreude. Und dann kamen die B-52s.
Drei alte Leute Fred Schneider, Kate Pierson und Cindy Wilson betraten die Bühne, und irgendetwas in der Brust – tief drin, da wo man Dinge aufbewahrt, die man nie ganz erklären kann – zog sich zusammen. Nicht vor Trauer. Vor Wiedererkennung. Und die Stimme der 78jährigen von Kate Pierson war noch immer ein Hammer.


Schon bei den ersten unverkennbaren Riffs von „Planet Claire“ lag eine beinahe greifbare Elektrizität in der Abendluft. Die Band schaffte es ab der ersten Sekunde, diese ganz besondere, bittersüße Melancholie des Abschieds mit einer puren, unbändigen Lebensfreude zu verschmelzen. Es war unmöglich, sich dem hypnotischen Groove und dem einzigartigen, perfekt gealterten Gesangsharmonien zu entziehen. Als dann die ikonischen Klänge von „Love Shack“ und schließlich das ekstatische „Rock Lobster“ durch die alten Gemäuer der Zitadelle hallten, gab es kein Halten mehr: Wildfremde Menschen lagen sich tanzend in den Armen, schrien sich die Kehle aus dem Leib und feierten das Leben, die Musik und diese unvergängliche Band. Es war kein bloßes Konzert – es war eine emotionale Zeitreise, ein farbenfrohes Fest der Nostalgie, das uns mit glücklichen Tränen in den Augen und einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit in die Berliner Nacht entließ

Für Einsteiger empfehlenswert ist für mich das Album B52

Podcast Seitensprung: Sommer in der Bücherei: Tauschen, Lesen und Filme drehen

6. Juli 2026

Die Gemeindebücherei Maisach startet mit viel Programm in den Sommer. In der fünften Folge des Podcasts „Seitensprung“ spricht Büchereileiterin Beate Seyschab mit Matthias J. Lange über eine neue Sommersachentauschbörse, Lesungen im Juli, Kinderangebote in den Ferien und die Öffnungszeiten während der Sommerpause.

Im Mittelpunkt steht zunächst eine neue Aktion im Eingangsbereich der Bücherei: die Sommersachentauschbörse. Nach erfolgreichen Tauschbörsen zu Weihnachten und Ostern probiert das Büchereiteam nun erstmals eine Sommerausgabe aus. Gesucht und angeboten werden Dinge, die in vielen Kellern, Garagen oder Speichern liegen und oft nur selten genutzt werden: Frisbee-Scheiben, Fußbälle, Wasserbälle, Luftmatratzen, Schwimmflügel, Schwimmflossen, Badelatschen, Kühltaschen, Seifenblasen oder Wasserspielzeug. „Alles, was man für den Sommer braucht“, sagt Beate Seyschab.

Die Idee dahinter ist einfach: Was zu Hause nicht mehr gebraucht wird, kann anderen noch Freude machen. „Wir wollen halt einfach diese Nachhaltigkeit ein bisschen predigen und auch pflegen“, erklärt Seyschab. Die Bücherei versteht die Tauschbörse deshalb nicht als Flohmarkt, sondern als unkomplizierten Beitrag zu Umweltschutz und Gemeinschaft. Wer etwas bringt, hilft mit, dass Dinge nicht weggeworfen werden. Wer etwas mitnimmt, schenkt ihnen ein zweites Leben.

Die Aktion läuft noch bis zum Beginn der Sommerferien. Die Annahme ist bis zum 24. Juli möglich, danach bleibt die Tauschbörse noch etwa eine Woche bestehen. Abgegeben werden können die Sachen während der Öffnungszeiten an der Theke. Dort wirft das Büchereiteam einen kurzen Blick darauf, ob alles in Ordnung ist. „Es wäre schön, wenn man was bringt, weil wenn man nichts bringt, ist halt irgendwann nichts mehr da“, sagt Seyschab. Verpflichtend ist eine Spende allerdings nicht.

Dass solche Aktionen funktionieren können, hat die Gemeindebücherei bereits bewiesen. Besonders die Weihnachtstauschbörse sei sehr erfolgreich gewesen. Übrig gebliebene Dekoration wurde teilweise an Altersheime und Kindergärten weitergegeben. Für Seyschab ist genau das ein wichtiger Punkt: „Also es bleibt ja dann auch noch im Ort. Das finde ich total schön.“ Die Bücherei wird so zu einem Ort, an dem nicht nur Medien ausgeliehen werden, sondern auch Nachbarschaft praktisch gelebt wird.

Neben der Tauschbörse bietet die Bücherei im Juli mehrere Veranstaltungen an. Am 8. Juli ist Autorin Stephanie Schürmann zu Gast. Sie stellt den zweiten Band ihrer Reihe „Das Amulett der Sekhmet“ vor, einen mystisch angehauchten Roman über das alte Ägypten. Beginn ist wie gewohnt um 20 Uhr in der Bücherei.

Am 14. Juli folgt eine Englisch-Vorlesestunde für Kinder ab sechs Jahren. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Die Veranstaltung soll spielerisch an die englische Sprache heranführen. „Das ist einfach so spielerisch eine halbe Stunde mal reinhören“, beschreibt Seyschab das Format.

Ein besonderer Abend ist für den 29. Juli geplant. Dann kommt Christian Pantle nach Maisach. Er ist Herausgeber des Bandes „Gefährliche Liebschaften“, in dem es um bekannte Persönlichkeiten in schwierigen Beziehungen geht. Bei gutem Wetter soll die Lesung draußen im Garten neben dem Rathaus stattfinden – mit Bierbänken und sommerlicher Atmosphäre. „Wir haben ja einen tollen Rathausgarten. Der ist schön und den sollten wir auch ausnutzen“, sagt Seyschab. Als Getränk ist Aperol Spritz im Gespräch.

Auch für Kinder bleibt die Bücherei aktiv. Am 30. Juli gibt es eine Bilderbuch-Vorlesestunde für Kinder ab vier Jahren. Im August beteiligt sich die Gemeindebücherei außerdem am Ferienprogramm der Gemeinde. Am 12. August ist unter dem Titel „Lesen und Mehr“ ein sommerliches Lese-Picknick geplant. Dabei sollen Kinder nicht nur zuhören, sondern auch selbst aktiv werden. „Nicht nur konsumieren, sondern auch kreativ“, beschreibt Seyschab den Ansatz.

Am 19. August folgt ein Stop-Motion-Workshop mit Matthias J. Lange. Kinder entwickeln dabei mit Playmobil-Figuren eine eigene kleine Filmgeschichte. Sie überlegen sich ein Drehbuch, gestalten ein Set und setzen die Figuren Bild für Bild in Bewegung. Am Ende soll der fertige Film präsentiert werden. Weitere Informationen zu Alter, Kosten, Uhrzeit und Anmeldung gibt es ab dem 6. Juli im Ferienprogramm der Gemeinde.

Seyschab hofft, dass die Angebote gut angenommen werden. Seit der Corona-Zeit sei die Beteiligung an Ferienaktionen spürbar zurückgegangen. Früher seien Veranstaltungen oft schnell voll gewesen, inzwischen müsse man manchmal um genügend Anmeldungen kämpfen. „Ist schon immer schade, wenn wir dann absagen müssen“, sagt Seyschab. Besonders leid täten ihr die Kinder, die sich bereits angemeldet haben und sich auf die Aktion freuen.

Zum Abschluss räumt die Büchereileiterin noch mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Die Gemeindebücherei ist nicht während der gesamten Sommerferien geschlossen. In den ersten drei Ferienwochen bleibt sie geöffnet. Erst vom 24. August bis 14. September macht die Bücherei Sommerpause. Wer sich vorher mit Lesestoff eindecken möchte, kann das entspannt tun. Die Ausleihfristen werden entsprechend verlängert.

So zeigt die fünfte Folge von „Seitensprung“ eine Bücherei, die weit mehr ist als ein Ort für Bücher. Sie organisiert Tauschbörsen, Lesungen, Kinderaktionen, Ferienangebote und schafft Räume für Begegnung. Zwischen Wasserball, Ägypten-Roman, Rathausgarten und Sommerlektüre wird deutlich: Die Gemeindebücherei Maisach ist ein lebendiger Treffpunkt mitten im Ort.

Kunst im Stadl: Kulturgenuss in Anzhofen für den guten Zweck

5. Juli 2026

Jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende verwandelt sich das idyllische Künstlerdorf Anzhofen bei Maisach (Landkreis Fürstenfeldbruck) in eine lebendige Galerie unter freiem Himmel. Das beliebte Kulturfestival „Kunst im Stadl“ lockt Besucher mit einer bunten Mischung aus hochwertigem Kunsthandwerk von über 100 Ausstellern, Live-Musik, Mitmach-Aktionen und einem kreativen Kinderprogramm auf der Erlebniswiese. Zwischen historischen Stadeln und alten Obstbäumen lädt die entspannte Atmosphäre zum Entdecken und Verweilen ein.

Ein fester und unverzichtbarer Bestandteil des Festivals ist das soziale Engagement vor Ort: Der Verein Aktion PiT – Togohilfe e.V. ist traditionell mit großem Einsatz dabei. Die ehrenamtlichen Helfer betreiben den beliebten Kuchenstand und organisieren eine Tombola. Besucher können sich hier mit einer riesigen Auswahl an selbstgebackenen Kuchen und Torten verwöhnen lassen – und das mit bestem Gewissen. Sämtliche Einnahmen und Gewinne dieser Aktion fließen ohne Abzüge direkt in die Hilfsprojekte des Vereins in Togo, wie etwa den Brunnenbau für sauberes Trinkwasser oder die Schulspeisung für Kinder. So verbindet „Kunst im Stadl“ auf wunderbare Weise regionalen Kulturgenuss mit globaler Hilfe.

Andy Kopp zog am Ende der zweitägigen Veranstaltung ein rundum positives Fazit. „Großartig“, sagte er auf die Frage, wie die beiden Tage gelaufen seien. Besonders der Samstag sei für den Verein ein voller Erfolg gewesen. Neben dem traditionellen Kuchenverkauf gab es auch eine Tombola, bei der alle Lose verkauft wurden. Das kam beim Publikum gut an, denn jedes Los brachte auch einen Gewinn. Neben größeren Preisen sorgten viele kleine Trostpreise dafür, dass niemand mit leeren Händen nach Hause ging. Diese Mischung aus Spiel, Überraschung und guter Laune trug zur entspannten Stimmung am Stand bei.

Auch das Wetter spielte mit. Trotz sommerlicher Temperaturen sei es insgesamt sehr angenehm gewesen, berichtete Kopp. Die Besucherinnen und Besucher seien zahlreich gekommen und hätten das Angebot gerne angenommen. Besonders der Kuchenverkauf entwickelte sich zu einem großen Erfolg. Über 80 Kuchen waren gespendet worden, darunter Käsekuchen, Torten und viele weitere hausgemachte Spezialitäten. Am Ende blieb nur noch wenig übrig. „Das meiste waren wirklich grandiose Sachen“, freute sich Kopp. Die Kuchenspenden seien hervorragend angekommen.

Die Aktion PIT Togohilfe ist bei „Kunst im Stadl“ längst keine Unbekannte mehr. Andy Kopp erinnerte daran, dass die ältesten Aufzeichnungen über eine Teilnahme bis ins Jahr 2012 zurückreichen. Nach einigen Jahren regelmäßiger Präsenz und einer kurzen Unterbrechung sei der Verein inzwischen wieder dauerhaft bei der Veranstaltung vertreten. Für die Aktion PIT ist der Termin deshalb nicht nur eine Möglichkeit, Spenden für die Projekte in Togo zu sammeln. Mindestens ebenso wichtig ist der persönliche Kontakt.

Viele Menschen kämen jedes Jahr gezielt vorbei, um den Verein zu besuchen, mit den Engagierten zu sprechen und sich über neue Entwicklungen zu informieren. Gerade weil die Aktion PIT in Maisach und Umgebung verwurzelt ist, gibt es viele bekannte Gesichter, Unterstützerinnen, Unterstützer und Freunde, die den Stand als Treffpunkt nutzen. Kopp sprach deshalb auch von Gemeinschaft. Es gehe nicht allein darum, Geld einzunehmen, sondern auch darum, Beziehungen zu pflegen, Fragen zu beantworten und über die laufenden Projekte in Togo zu berichten. Dazu gebe es Kaffee und Kuchen – eine entspannte Kombination, die gut zur Atmosphäre von „Kunst im Stadl“ passe.

Selbst ein kurzer Regenschauer tat der Stimmung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Er sorgte eher für eine kleine Abkühlung. Auch kleinere Widrigkeiten wie lästige Insekten konnten den positiven Gesamteindruck nicht trüben. In Togo, so Kopp mit einem Lächeln, seien die Tiere ohnehin noch etwas größer.

Nach dem erfolgreichen Wochenende richtet sich der Blick bereits auf die nächsten Termine. Als nächste wichtige Veranstaltung nannte Andy Kopp die Mitgliederversammlung der Aktion PIT Togohilfe am Dienstag, 7. Juli, um 19 Uhr im Sportlerheim des SC Maisach. Die Versammlung ist offen für alle Interessierten. Dort will Kopp unter anderem über sein Jahr in Togo berichten und einen Einblick in die aktuelle Arbeit des Vereins geben.

Als „Kunst im Stadl“ langsam zu Ende ging und bereits abgebaut wurde, blieb bei Andy Kopp vor allem Dankbarkeit. Die Veranstaltung war für die Aktion PIT Togohilfe erneut ein Ort der Unterstützung, der Begegnung und der gelebten Solidarität. Wer in diesem Jahr nicht dabei war, sollte sich den Termin fürs nächste Mal vormerken – denn eines steht für Kopp fest: Auch im kommenden Jahr will die Aktion PIT Togohilfe wieder dabei sein.

Podcast: „Wir dürfen uns von Rückschlägen nicht entmutigen lassen“

5. Juli 2026

Der Podcast „Hertlein und Lange“ des Landesinnungsverbandes Friseure und Kosmetiker Bayern widmet sich diesmal einem Thema, das weit über das Friseurhandwerk hinausreicht: der Zukunft der beruflichen Bildung. Im Mittelpunkt steht Christian Hertlein, Berufsbildungsexperte des Landesinnungsverbandes und des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks. Im Gespräch mit Matthias J. Lange von redaktion42 spricht Hertlein offen über Schwächen des Bildungssystems, blockierte Reformansätze und die Frage, wie junge Menschen besser auf das Berufsleben vorbereitet werden können.

Hertleins Diagnose fällt deutlich aus. Das Bildungssystem stehe „auf ganz alten Füßen“ und brauche dringend Modernisierung. Zwar hätten die Verbände in der beruflichen Ausbildung Einfluss auf Rahmenbedingungen und Inhalte, doch gerade im theoretischen Unterricht der Berufsschulen und bei den allgemeinbildenden Fächern seien die Gestaltungsmöglichkeiten begrenzt. Dort werde aus seiner Sicht vielfach noch nach überkommenen Methoden gearbeitet. Die Lehrerinnen und Lehrer allein sieht Hertlein dabei nicht als Problem. Auch sie seien Teil eines Systems mit festen Vorgaben. Veränderung müsse deshalb auf mehreren Ebenen ansetzen: bei Schulen, Ministerien, Politik, Betrieben und Handwerksorganisationen.

Besonders kritisch blickt Hertlein auf das allgemeinbildende Schulsystem. Bayern gehöre im innerdeutschen Vergleich zwar zu den besseren Bildungssystemen, international aber sei das deutsche Modell kaum Vorbild. Das humboldtsche Bildungsideal, auf das sich das System gerne berufe, sei im Grundsatz richtig: Es gehe um Reflexionsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und Selbstbestimmung. Doch genau diese Fähigkeiten sehe er bei vielen jungen Menschen, die in die Ausbildung kommen, nicht ausreichend entwickelt. Für die berufliche Bildung sei das ein großes Problem. Wer eine Aufgabe ausführen, das eigene Ergebnis überprüfen und bei Bedarf den Weg korrigieren müsse, brauche genau diese Kompetenzen.

Hertlein kritisiert dabei nicht Allgemeinbildung an sich. Ein Grundbestand an Wissen sei selbstverständlich notwendig. Zugleich stellt er aber die Frage, ob manche Inhalte und Strukturen noch zur heutigen Lebenswirklichkeit passten. Als Beispiel nennt er den verpflichtenden Religionsunterricht an Berufsschulen. In Klassen, die kulturell und religiös sehr unterschiedlich zusammengesetzt seien, müsse man überlegen, ob nicht stärker Sozialkompetenz, Wertebildung und gesellschaftliches Zusammenleben im Mittelpunkt stehen sollten. Viele Defizite, die eigentlich früher aufgefangen werden müssten, landeten am Ende bei Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben.

Ein konkreter Reformversuch im bayerischen Friseurhandwerk ist nach Hertleins Darstellung vorerst gescheitert. Geplant war ein Pilotprojekt für ein Berufsgrundschuljahr an einem Berufsschulstandort und in nur einer Klasse. Das erste Ausbildungsjahr sollte schulisch organisiert werden, um sprachliche Defizite, Sozialkompetenzen und berufliche Grundlagen gezielt zu stärken. Junge Menschen hätten dadurch besser vorbereitet in die Betriebe gehen können. Gleichzeitig sollten die Betriebe entlastet und Ausbildungsabbrüche in der schwierigen Anfangsphase reduziert werden. Der Standort sei vorbereitet gewesen, inklusive sozialpädagogischer Begleitung und Sprachförderung.

Trotzdem kam das Projekt nicht zustande. Hertlein sieht die Gründe weniger in fachlichen Einwänden als in handwerkspolitischen Widerständen. Innerhalb der Handwerksorganisation habe es die Sorge gegeben, ein solches Modell könne sich ausweiten und auch andere Gewerke erfassen. Man habe an der klassischen Vorstellung festhalten wollen, dass Ausbildung vor allem im Betrieb stattfindet. Hertlein betont, dass dieser Grundsatz des dualen Systems richtig sei. Angesichts veränderter Voraussetzungen bei vielen Jugendlichen hätte ein schulisch gestützter Einstieg aber helfen können, Lücken zu schließen und den Übergang in die Praxis erfolgreicher zu gestalten.

Die Verantwortung für Reformen sieht Hertlein vor allem bei der Politik. Solange dort signalisiert werde, das bestehende System solle im Wesentlichen bleiben, wie es ist, seien Veränderungen schwer durchzusetzen. Er fordert mehr Bereitschaft, über Landesgrenzen hinauszuschauen und von anderen Ländern zu lernen. Als Beispiel nennt er Skandinavien: Dort seien Erfahrungen mit Digitalisierung in Schulen bereits gemacht und teilweise korrigiert worden. Bayern stehe in diesem Bereich aus seiner Sicht an einem Punkt, an dem andere schon vor Jahren gewesen seien, nutze deren Erfahrungen aber zu wenig.

Auch in der Berufsschule gebe es Stellschrauben, die Wirkung entfalten könnten. Kleinere Klassen in den ersten Ausbildungsjahren wären nach Hertleins Einschätzung ein wichtiger Schritt. Doch dafür brauche es mehr Räume, mehr Lehrkräfte und damit mehr Geld. Ebenso müssten Lehrpläne und Unterrichtsstrukturen stärker auf die Bedürfnisse der Auszubildenden ausgerichtet werden. Fachtheoretischer Unterricht in Lernfeldern sei bereits ein Ansatz, weil dort verschiedene Aufgaben miteinander verzahnt würden. Was aber fehle, sei eine konsequente Entwicklung der Persönlichkeit, des Selbstbildes und der Fähigkeit, eigenständig und reflektiert zu handeln.

Auf Bundesebene sieht Hertlein ähnliche Probleme, aber unterschiedliche Lösungsansätze. In der beruflichen Bildung gebe es zwar bundesweite Rahmenlehrpläne, deren Umsetzung liege jedoch bei den Ländern. Dadurch entstünden Unterschiede, etwa bei theoretischen Prüfungen, die von Multiple-Choice-Aufgaben bis zu offenen handlungsorientierten Aufgaben reichten. Hertlein spricht von einer breiten Spannweite und auch von einem gewissen Nord-Süd-Gefälle: Während im Süden manches sehr anspruchsvoll angesetzt werde, sei man im Norden teils lockerer.

Trotz der Rückschläge will Hertlein nicht aufgeben. Das Berufsgrundschuljahr sei zwar mittelfristig vom Tisch, bleibe aber als Idee im Hintergrund. Politische Konstellationen und handelnde Personen könnten sich ändern. Entscheidend sei, die Diskussion weiterzuführen und immer wieder deutlich zu machen, dass das Bildungssystem junge Menschen besser auf Ausbildung und Beruf vorbereiten müsse. Hertlein zeigt sich enttäuscht über das Scheitern des Pilotprojekts, bleibt aber kämpferisch. Man werde weiter nach Lösungen suchen, auch wenn es zunächst nur kleine Schritte seien. Sein Fazit: Wer die Probleme erkenne, dürfe sich von einem Rückschlag nicht entmutigen lassen.

Buchtipp: Wie die siebziger Jahre von morgen träumten

4. Juli 2026

„Die Zukunft kann man am besten voraussagen, wenn man sie selbst gestaltet“ – der große Informatiker Alan Kay hat dies einmal gesagt und ich finde Aussagen über die Zukunft faszinierend.
Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb ich Science Fiction so mag: Bücher, Filme, Ideen, Visionen. Und ich bin fasziniert vom Beruf der Zukunftsforscher. Die einen sehen in die Glaskugel, die anderen rechnen Statistiken weiter ohne das Innovator’s Dilemma zu berücksichtigen.
Ich habe ein Buch mit dem schlichten Titel „Zukunft – das Bild der Welt von morgen“ gefunden, verfasst von Ulrich Schippke. Meine Ausgabe von Bertelsmann stammt aus dem Jahre 1974 und ist Bestandteil einer ganzen Reihe, die damals von Roland Göock herausgegeben wurde. Meine Eltern hatten ein paar Ausgaben der Reihe, ich habe meine Zukunft-Ausgabe allerdings aus einem Bücherschrank.

Ulrich Schippkes „Zukunft – Das Bild der Welt von morgen“ ist heute weniger ein Zukunftsbuch als ein faszinierendes Zeitdokument und versteht sich ausdrücklich als Bilddokumentation. Schon dieser Anspruch prägt die Lektüre: Nicht die nüchterne Prognose steht im Mittelpunkt, sondern die große, oft staunende Schau auf eine Welt, die technisch machbar, planbar und grundsätzlich verbesserbar erscheint.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich aus heutiger Sicht wie ein Panorama der Zukunftshoffnungen der frühen siebziger Jahre: Energie als „Schlüssel zum Paradies“, Nahrung aus der Retorte, Städte wie Raumstationen, fliegende Untertassen im Verkehr, denkende Maschinen, Wetterlenkung, Unterwasser-Siedlungen, Raumfahrtfabriken, Retortenzeugung und die Vision eines geeinten Planeten. Gerade diese thematische Breite macht den Reiz des Buches aus. Schippke erzählt Zukunft nicht als einzelne Erfindung, sondern als umfassende Umgestaltung des Lebens.

Dabei ist der Ton unverkennbar von Fortschrittsglauben getragen. Technik erscheint häufig als Antwort auf nahezu jedes Problem: Hunger, Krankheit, Energieknappheit, Verkehrschaos, Umweltgrenzen. Heute wirkt manches naiv, manches erstaunlich hellsichtig. Die „denkenden Maschinen“ sind längst Alltag geworden, wenn auch anders, als man es sich damals vorstellte. Die globale Medienwelt, im Buch als überschaubares Dorf beschrieben, ist mit Internet, Satellitenkommunikation und sozialen Netzwerken tatsächlich Realität geworden. Andere Visionen – etwa die massenhafte Besiedlung der Meere oder Wetter nach menschlichem Willen – sind eher Mahnungen daran, wie optimistisch, aber auch wie technokratisch Zukunft damals gedacht wurde.

Die Stärke des Bandes liegt gerade in dieser Mischung aus Treffer, Irrtum und Zeitkolorit. Schippkes Buch zeigt, welche Sehnsüchte eine Epoche bewegten: Kontrolle über Natur, Überwindung von Mangel, Verlängerung des Lebens, Globalisierung des Denkens. Zugleich offenbart es blinde Flecken. Fragen nach ökologischen Folgen, sozialer Ungleichheit, politischem Missbrauch von Technik oder ethischen Grenzen werden zwar berührt, treten aber hinter der Faszination des Machbaren zurück. Besonders Kapitel wie „Kinder mit Qualitätsgarantie“ oder „Der beste Kopf, den es je gab“ lesen sich heute mit Unbehagen, weil sie an Debatten über Genetik, Optimierung und Menschenbild rühren.

Als Sachbuch im engeren Sinn ist „Zukunft“ daher überholt. Als historisches Dokument ist es umso wertvoller. Es zeigt nicht nur, was man 1974 über morgen dachte, sondern auch, wie stark Zukunftsbilder von ihrer Gegenwart geprägt sind. Der Band ist ein Spiegel der Bundesrepublik im technischen Aufbruch: Raumfahrt, Computer, Atomenergie und globale Planung schienen Horizonte zu öffnen, die kaum Grenzen kannten.

Ulrich Schippkes „Zukunft – Das Bild der Welt von morgen“ ist keine zuverlässige Prognose, aber ein reizvolles, bildstarkes und manchmal verblüffendes Dokument des Fortschrittsoptimismus. Wer wissen will, wie sich die siebziger Jahre das 21. Jahrhundert ausmalten, findet hier eine Fundgrube – mit großem Staunwert und gelegentlichem Kopfschütteln.

Rückblick auf meine Matinee: Die Glücksritter (Trading Places, 1983)

3. Juli 2026

John Landis’ Die Glücksritter ist auf den ersten Blick eine temporeiche Verwechslungskomödie mit Eddie Murphy und Dan Aykroyd. Bei genauerem Hinsehen ist der Film aber eine ziemlich bissige Satire auf Klassendenken, Rassismus, Geldgier und den Glauben, der soziale Status eines Menschen sei entweder angeboren oder allein durch Leistung verdient. Der Originaltitel Trading Places bringt das genauer auf den Punkt als der deutsche Titel: Es geht um das Tauschen von Plätzen – sozial, wirtschaftlich und moralisch. Ich hatte den Film bei meiner Matinee im Scala. Die nächste Matinee ist ein wunderbarer Film der 80er Jahre: The Breakfast Club am Sonntag, 12. Juli. Karten gibt es hier.

Der Film erschien 1983, wurde von John Landis inszeniert und von Timothy Harris und Herschel Weingrod geschrieben. Die Hauptrollen spielen Dan Aykroyd als Louis Winthorpe III, Eddie Murphy als Billy Ray Valentine, Jamie Lee Curtis als Ophelia, Denholm Elliott als Butler Coleman sowie Don Ameche und Ralph Bellamy als die Duke-Brüder. Die Geschichte dreht sich um zwei alte, reiche Börsenmakler, die aus einer Laune heraus eine Wette abschließen: Was passiert, wenn man einem privilegierten Mann alles nimmt und einem mittellosen Außenseiter plötzlich Reichtum, Ansehen und Einfluss gibt? Hier der Vortrag auf meiner Matinee zum Anschauen.

Die Handlung ist bewusst einfach konstruiert. Louis Winthorpe III ist ein wohlhabender, kultivierter, eingebildeter Mann der oberen Gesellschaft. Billy Ray Valentine ist ein armer Trickbetrüger, der sich auf der Straße durchschlägt. Randolph und Mortimer Duke manipulieren beide Leben: Winthorpe wird verleumdet, verliert Beruf, Verlobte, Wohnung und Vermögen; Valentine wird in die Firma der Dukes geholt und erhält genau jene Chancen, die Winthorpe zuvor selbstverständlich besaß. Aus dieser Versuchsanordnung entwickelt der Film seine zentrale Frage: Sind Menschen „von Natur aus“ erfolgreich oder werden sie durch Umstände, Bildung, Netzwerke und Geld geformt?

Gerade darin liegt die politische Schärfe des Films. Die Duke-Brüder betrachten Menschen wie Versuchstiere. Für sie sind Winthorpe und Valentine keine Persönlichkeiten, sondern Spielmaterial. Ihre Wette ist der eigentliche Skandal: Zwei Männer, die durch Kapital fast unbegrenzte Macht besitzen, zerstören Leben aus Langeweile. Der Film zeigt damit eine Gesellschaft, in der Reichtum nicht nur Besitz bedeutet, sondern Zugriff auf Institutionen, Polizei, Justiz, Arbeitsmarkt und soziale Reputation.

Louis Winthorpe ist anfangs keineswegs ein sympathischer Held. Er ist höflich, aber arrogant; gebildet, aber blind für seine eigenen Privilegien. Erst als ihm alle Sicherheiten entzogen werden, begreift er, wie dünn die Fassade von Ansehen und Würde ist. Sein sozialer Absturz ist komisch inszeniert, aber bitter gemeint. Der Film macht deutlich: Gesellschaftlicher Status kann erstaunlich schnell verschwinden, wenn Geld, Wohnung, Arbeit und soziale Anerkennung wegfallen.

Billy Ray Valentine wiederum ist nicht deshalb erfolgreich, weil er plötzlich „veredelt“ wird, sondern weil er Fähigkeiten besitzt, die im alten Umfeld nur kriminalisiert oder missachtet wurden: Beobachtungsgabe, Schlagfertigkeit, Menschenkenntnis, Improvisation. Sobald diese Fähigkeiten in einem anderen sozialen Rahmen eingesetzt werden, gelten sie plötzlich als geschäftstüchtig. Das ist einer der klügsten Punkte des Films: Talent ist nicht gleichmäßig sichtbar, weil Gesellschaften entscheiden, welche Talente belohnt und welche bestraft werden.

Der Film arbeitet stark mit Elementen der klassischen Screwball-Komödie. Reiche werden lächerlich gemacht, soziale Rollen werden vertauscht, Liebes- und Betrugshandlungen laufen ineinander, und am Ende werden die Mächtigen durch ihre eigene Gier geschlagen. Kritiker haben Trading Places deshalb häufig mit sozial bewussten Komödien der 1930er- und 1940er-Jahre verglichen, etwa mit Filmen von Preston Sturges oder Frank Capra. 

Besonders interessant ist die Verbindung zu Mozarts Le nozze di Figaro. John Landis nutzte Motive aus dieser Oper bewusst als musikalischen Bezugspunkt. In Figaro setzt sich ein Diener gegen die Anmaßungen seines adeligen Herrn zur Wehr; in Die Glücksritter wehren sich Winthorpe, Valentine, Ophelia und Coleman gegen die Macht der Duke-Brüder. Auch hier wird eine hierarchische Ordnung nicht frontal revolutioniert, aber listig unterlaufen. 

Die Inszenierung lebt stark von den Gegensätzen: Philadelphia im Winter, elegante Clubs, Börsenräume, Luxushäuser, Obdachlosigkeit, Gefängniszellen, Weihnachtsdekoration und soziale Kälte. Landis nutzt die Weihnachtszeit nicht als gemütliche Kulisse, sondern als ironischen Kontrast. Während überall Nächstenliebe behauptet wird, handeln fast alle Figuren zunächst aus Eigennutz. Das macht den Film auch zu einer zynischen Weihnachtskomödie.

Eddie Murphy ist der große Motor des Films. Seine Energie, sein Timing und seine Fähigkeit, Rollen innerhalb der Rolle zu spielen, geben Die Glücksritter enorme Lebendigkeit. Billy Ray Valentine ist Trickster, Überlebenskünstler und später Mitverschwörer gegen das System. Dan Aykroyd spielt dagegen hervorragend den Zusammenbruch eines Mannes, der sein ganzes Leben für naturgegeben hielt. Seine Komik entsteht aus dem Verlust der Kontrolle. Jamie Lee Curtis als Ophelia ist ebenfalls wichtig: Sie ist nicht nur romantische Nebenfigur, sondern eine pragmatische Frau, die die Spielregeln des Geldes besser versteht als viele Männer im Film.

Trotzdem ist Die Glücksritter nicht frei von Problemen. Manche Witze über Rasse, Geschlecht und soziale Milieus sind deutlich im Ton der frühen achtziger Jahre verankert und wirken heute stellenweise unangenehm oder grob. Besonders der Umgang mit Stereotypen zeigt, dass der Film zwar Rassismus kritisiert, aber selbst nicht immer frei von klischeehaften Darstellungen ist. Auch Ophelia wird einerseits als kluge, selbstbestimmte Figur gezeichnet, andererseits stark sexualisiert. Diese Ambivalenz gehört zur heutigen Neubewertung des Films.

Das Finale an der Warenterminbörse ist mehr als nur ein komödiantischer Coup. Die Helden besiegen die Dukes mit deren eigenen Waffen: Insiderwissen, Spekulation, Marktmanipulation und Timing. Moralisch ist das interessant, weil der Film das System nicht abschafft. Winthorpe und Valentine werden nicht zu Revolutionären, sondern schlagen die Kapitalisten, indem sie bessere Kapitalisten werden. Genau darin steckt eine gewisse Begrenzung der Satire: Der Film kritisiert Gier, aber am Ende besteht der Sieg darin, selbst reich zu werden.

Dennoch funktioniert der Schluss dramaturgisch hervorragend. Die Duke-Brüder, die Menschen wie Waren behandelt haben, werden selbst vom Markt vernichtet. Das ist die poetische Gerechtigkeit des Films. Aus der sozialen Versuchsanordnung wird eine Rachekomödie: Die Figuren, die benutzt wurden, übernehmen die Kontrolle über das Spiel.

Filmgeschichtlich gehört Die Glücksritter zu den prägenden amerikanischen Komödien der achtziger Jahre. Der Film war ein großer Publikumserfolg und spielte laut den verfügbaren Produktionsdaten weltweit rund 120 Millionen Dollar ein. Außerdem erhielt er mehrere Auszeichnungen und Nominierungen, unter anderem eine Oscar-Nominierung für Elmer Bernsteins Filmmusik sowie BAFTA-Auszeichnungen für Jamie Lee Curtis und Denholm Elliott. 

Die Glücksritter ist bis heute unterhaltsam, weil der Film seine Gesellschaftskritik nicht trocken formuliert, sondern in Tempo, Dialogwitz und Situationskomik verpackt. Seine zentrale Beobachtung bleibt aktuell: Wer oben steht, hält Erfolg gern für Charakter; wer unten steht, wird schnell für sein Scheitern verantwortlich gemacht. Landis’ Film dreht diese Behauptung um und zeigt, wie stark Herkunft, Geld, Zufall und Macht darüber entscheiden, wer als Gewinner und wer als Verlierer gilt.

Als Komödie ist Die Glücksritter schnell, laut und stellenweise derb. Als Satire ist er nicht perfekt, aber erstaunlich treffsicher. Der Film lacht über Reiche, über Börsenrituale, über Standesdünkel und über die Vorstellung, dass gesellschaftlicher Erfolg etwas Naturgegebenes sei. Sein Humor ist manchmal gealtert, seine Grundidee aber nicht: Menschen sind mehr als ihr Kontostand, und eine Gesellschaft, die alles zur Wette macht, ist selbst der eigentliche Witz.
Die nächste Matinee ist ein wunderbarer Film der 80er Jahre: The Breakfast Club am Sonntag, 12. Juli. Karten gibt es hier.