Weiße Sneakers – mein beleidigter Nachruf in Turnschuhform

13. März 2026

Ich weiß, ich oute mich als Langweiler und kann mir die entsprechenden Kommentare schon vorstellen, aber ich kann es nicht mehr sehen: Weiße Sneakers zum Anzug sind der modische Endgegner jeder Würde. Sie sind das, was passiert, wenn ein Mann geschniegelt wirken möchte, aber innerlich nicht bereit ist, sich auch nur bis zur Fußsohle auf einen feierlichen Anlass einzulassen. Oben Maßanzug, unten Turnbeutel-Mentalität. Man sieht solche Gestalten inzwischen überall: bei Hochzeiten, Preisverleihungen, Empfängen, Firmenjubiläen. Der Sakko sitzt, die Krawatte ist geschniegelt, das Einstecktuch wurde mit jener angestrengten Nachlässigkeit drapiert, die Männer für Eleganz halten – und darunter leuchten zwei weiße Treter, als wäre nach dem Sektempfang noch Brennball geplant.

Früher trug man zu besonderen Anlässen Schuhe, die ein Mindestmaß an Respekt vor dem Moment erkennen ließen. Lederschuhe, deren größter Beitrag zur Ästhetik darin bestand, nicht unangenehm aufzufallen. Heute hingegen muss jeder zweite Möchtegern-Stilikone mit seinen weißen Sneakers demonstrieren, dass er zwar geschniegelt auftritt, sich aber nicht vereinnahmen lässt von Begriffen wie Etikette, Form oder Geschmack. Er will geschniegelt rebellieren. Das ist ungefähr so eindrucksvoll wie ziviler Ungehorsam mit Fußmassagefunktion.

Besonders unerquicklich ist die Selbstgefälligkeit, mit der dieser modische Unfall präsentiert wird. Da steht einer geschniegelt wie ein Vorstandsvorsitzender auf Probe, geschniegelt wie ein Bräutigam mit Styling-Berater, geschniegelt wie ein Mann, der sehr gern für geschniegelt gehalten werden möchte – und darunter grinsen zwei Schuhe hervor, die aussehen, als hätte er kurz vor Beginn noch im Elektromarkt nach einem Ladekabel gesucht. Der weiße Sneaker ist nicht der große stilistische Befreiungsschlag, als der er verkauft wird. Er ist die Kapitulation des Dresscodes vor dem Innenleben des durchschnittlichen Bequemlichkeitsneurotikers.

Natürlich wird das Ganze dann als „modern“, „urban“, „stilbewusst“ oder, Gott bewahre, „smarter Bruch“ etikettiert. In Wahrheit ist es bloß die ästhetische Version von „Ich wollte mich nicht komplett anstrengen“. Diese Schuhe sagen nicht: „Ich kenne die Regeln und breche sie bewusst.“ Sie sagen: „Ich habe die Regeln gesehen und mich dann für das entschieden, was sich leichter putzen lässt.“ Der weiße Sneaker zum Anzug ist kein Statement, sondern ein Ausweichmanöver. Er ist das modische Äquivalent zu einem Mann, der beim Candle-Light-Dinner ein Wasser ohne Kohlensäure bestellt und sich dafür für wild hält.

Am schönsten ist allerdings die Tragik dieser Schuhe. Denn der weiße Sneaker lebt von einer Reinheit, die ungefähr bis zur ersten Bordsteinkante hält. Einmal durch eine Pfütze, einmal ein Hauch von Staub, einmal unachtsam am Buffet entlanggestreift – und schon sieht die große Stilrevolution aus wie ein verlorener Ausflug zur Restmülltonne. Während klassische Lederschuhe mit dem Alter Charakter entwickeln, entwickeln weiße Sneakers zum Anzug in erster Linie Schamspuren. Die große Rebellion endet dann nicht mit einem modischen Paukenschlag, sondern mit einem grauen Knick über der Zehenkappe und der Erkenntnis, dass man nun zugleich geschniegelt und verwahrlost aussieht.

Und damit sind diese Schuhe vielleicht tatsächlich das vollkommenste Symbol unserer Zeit. Sie wollen geschniegelt sein, aber nicht verbindlich. Elegant, aber nicht ernsthaft. Auffällig, aber bitte ohne Risiko. Sie sind geschniegelt bis zur Knöchelhöhe und darunter nichts als Feigheit auf Gummisohle. Wer weiße Sneakers zum Anzug trägt, möchte kein Stilgefühl beweisen, sondern sich vor ihm drücken – geschniegelt, versteht sich.

Die Pointe ist also einfach: Der weiße Sneaker ist nicht das Ende der alten Kleiderordnung. Er ist ihr beleidigter Nachruf in Turnschuhform.

Erinnerungen an Fukushima durch Manga Faktor 1F

12. März 2026

Gestern jährte sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum 15. Mal und dieses Ereignis hat die Welt verändert. Ich habe diesen Tag besonders gedacht und Manga zu diesem Ereignis gelesen. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 bildet den Hintergrund der Manga‑Reihe „Faktor 1F“ („Ichi‑F“). Am 11. März 2011 löste ein schweres Erdbeben einen Tsunami aus, der die Anlage Fukushima I überschwemmte; die Wellen zerstörten die Stromversorgung der Reaktoren, die Kühlung fiel aus, Brennstäbe überhitzten und es kam zu Kernschmelzen mit Wasserstoffexplosionen. Die Region wurde radioaktiv verseucht, rund 160 000 Menschen mussten evakuiert werden, und die Aufräumarbeiten werden voraussichtlich noch Jahrzehnte dauern. In diesem Zusammenhang erschien zwischen 2013 und 2015 in Japan der dokumentarische Manga „Ichi Efu: Fukushima Daiichi Genshiryoku Hatsudensho Rōdōki“, der im Deutschen als „Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima“ veröffentlicht wurde. Die Serie gewann 2013 den Manga‑Open‑New‑Face‑Preis, wurde in der Zeitschrift Morning serialisiert und später in drei Bänden herausgebracht; das erste Buch verkaufte sich in Japan innerhalb von zwei Wochen etwa 170 000 Mal. Die Teile in Deutsch gibt es hier, hier und hier

Der Autor Kazuto Tatsuta ist ein Pseudonym. Er hatte vor der Katastrophe Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen, nahm dann eine Stelle als Aufräumarbeiter im Reaktor F1 an und dokumentierte seine Eindrücke. Um seine erneute Anstellung nicht zu gefährden, verbarg er seine Identität; auch die deutsche Ausgabe enthält ein Vorwort, in dem er erklärt, dass er weder die Regierung noch den Betreiber TEPCO kritisieren will, sondern nur erzählen möchte, was er erlebt hat – ähnlich wie ein Soldat nach dem Krieg. Diese Haltung macht seine Erzählung ungewöhnlich nüchtern. Hier ein Podcast von Google NotebookLM.

Die Handlung beginnt gut ein Jahr nach der Dreifachkatastrophe. Tatsuta führt die Leser in das geisterhaft verlassene Sperrgebiet und die monströsen Ruinen des zerstörten Kraftwerks; Lagepläne und Legenden der einzelnen Räume wirken wie technische Zeichnungen. Das dreibändige Werk ist keine dramatisierte Thriller‑Story, sondern eine Aneinanderreihung von Vignetten, in denen Tatsuta seine Arbeitswelt schildert. Er beschreibt akribisch, wie schwierig es war, überhaupt eine Stelle zu bekommen, wie irritiert sein Umfeld reagierte und welche Hürden die Bürokratie und das mehrstufige System aus Subunternehmen aufstellten. Die Zeichnungen entstanden während der Pausen direkt in Fukushima, was dem Manga eine dokumentarische Authentizität verleiht.

Den Schwerpunkt legt Tatsuta auf die alltägliche Arbeit, nicht auf spektakuläre Szenen. Er schildert, wie Arbeiter ihre Zeit in kleinen, überfüllten Zimmern verbringen und oft tagelang warten müssen, bis sie überhaupt eingesetzt werden können; erst nach der Hälfte des Bandes wird er als Arbeiter eingesetzt und soll lediglich Aufenthaltsräume herrichten. Er beschreibt die Hitze und den Schweiß unter den Schutzanzügen, die eingeschränkte Beweglichkeit und die ständige Wiederholung von An‑ und Ausziehen, Strahlenmessung und Pausen. Der eigentliche Schrecken liegt für ihn nicht in der Radioaktivität, sondern in banalen, körperlich quälenden Problemen: Durst, Hitzeschläge, juckende Haut. Tatsuta hält die Strahlung für „ehrlich“ – ein berechenbares, mathematisch quantifizierbares Risiko . Gefährlicher seien menschliche Faktoren wie Missmanagement, Medienpanik und das mafiöse Subunternehmersystem. Diese Einstellung unterscheidet sein Werk von vielen kritischen Fukushima‑Narrativen; manche Leser sehen darin Naivität oder regierungsnahe Propaganda, andere schätzen den Einblick in die reale Arbeitswelt ohne ideologische Schlagseite. So hab ich es auch gesehen.

Die grafische Umsetzung ist unspektakulär. Der Zeichenstil entspricht dem zurückhaltenden Realismus eines Seinen‑Mangas; Diagramme und erklärende Texte wirken wie eine Bedienungsanleitung und verdeutlichen Tatsutas Liebe zum Detail. Dieser sachliche Ton lässt Emotionen weitgehend außen vor, vermittelt aber ein Gefühl für die Monotonie und den „endlosen Alltag“ im verseuchten Kraftwerk. Kritiker loben die genaue Darstellung der Ausrüstung, der Sicherheitsprozeduren und der Schutzmaßnahmen, bemängeln aber die fehlende narrative Spannung und die Abwesenheit politischer Einordnung. Das Buch ist eher „Arbeitsplatz‑Slice‑of‑Life“ als Katastrophendrama.

Gleichwohl bietet „Faktor 1F“ einen einzigartigen Blick auf den Schrecken der Atomkatastrophe. Durch die Nüchternheit seiner Darstellung wird der Horror der verlassenen Ruinen, der verstrahlten Umwelt und der entwurzelten Menschen umso eindringlicher. Die Ghost Town, in die Tatsuta den Leser führt, ruft die Bilder des Super‑GAUs wach, bei dem Reaktorgebäude explodierten und riesige Stahlbetonskelette zurückblieben. Gleichzeitig erinnert er daran, dass hinter den Katastrophenmeldungen Menschen stehen, die in unwürdigen Verhältnissen arbeiten, sich gegenseitig stützen und versuchen, eine gewisse Normalität zu finden. Seine neutrale Haltung – er dokumentiert den Glauben vieler Japaner, dass Atomkraft beherrschbar sei  – fordert europäische Leser heraus, ihre eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. Heute haben wir in Bayern wieder die Forderung des Ministerpräsidenten nach der Rückkehr zur vermeindlich sicheren Atomkraft, nachdem man noch vor Jahren den Ausstieg propagierte. Gerade weil der Manga keine klaren Botschaften liefert, sondern Beobachtungen, eröffnet er einen Raum für Reflexion über Technikgläubigkeit, Arbeitsausbeutung und die menschlichen Konsequenzen von Atomkatastrophen.

Insgesamt empfand ich „Faktor 1F“ als keine leichte Lektüre. Der Manga verlangt Geduld und Interesse an technischen Details, bietet dafür aber ein dichtes Dokument der Nachsorge in Fukushima. Wer einen spannungsreichen Katastrophen‑Comic erwartet, wird enttäuscht sein; wer hingegen eine authentische, ungeschönte Sicht auf den Alltag der Arbeiter sucht, wird reich belohnt. Die Serie zeigt, dass der Schrecken der Atomkatastrophe nicht nur in Explosionen und Strahlenwerten liegt, sondern auch in der Monotonie, der hitzebedingten Ohnmacht und der Perspektivlosigkeit der Menschen vor Ort – und sie macht deutlich, wie wichtig es ist, diese individuellen Geschichten neben den statistischen Angaben zu hören. Und der Manga hat mich wieder zum Nachdenken gebracht und brachte mir die schrecklichen Bilder von damals vor Augen. Japan stand damit einige Jahre nicht mehr auf meinem Reiseprogramm.

Podcast: Ein Ort mit Seele: Die Gemeindebücherei Maisach startet ihren Seitensprung

11. März 2026

Mit der Premiere von „Seitensprung – Der Videopodcast der Gemeindebücherei Maisach“ ist ein neues Format gestartet, das Lust auf Bücher, Begegnungen und Kultur vor Ort machen soll. Zum Auftakt sprachen Büchereileiterin Beate Seyschab und Matthias J. Lange von redaktion42 in lockerer Atmosphäre über das, was die Gemeindebücherei heute ausmacht: Sie ist längst nicht mehr nur ein Ort zum Ausleihen von Büchern, sondern auch Treffpunkt, Veranstaltungsraum und Kommunikationszentrum. Hier der Videopodcast:

Schon zu Beginn wurde deutlich, wie lebendig der Alltag in der Bücherei ist. Aktuell läuft dort eine Osterdekobörse, bei der Bürgerinnen und Bürger österliche Dekoration bringen, tauschen oder mitnehmen können. Seyschab berichtete, dass dieses Prinzip bereits bei der Weihnachtsdekoration sehr gut funktioniert habe und auch jetzt wieder rege angenommen werde. Besonders wichtig sei dabei nicht nur das Tauschen selbst, sondern auch das Miteinander: Gerade im Eingangsbereich entstünden immer wieder Gespräche, die die Bücherei zu einem Ort der Begegnung machten.

Im Gespräch wurde auch ein Blick auf das umfangreiche Angebot der Gemeindebücherei geworfen. Neben klassischen Büchern gehören dazu Zeitschriften, DVDs für Kinder und Erwachsene, Hörbücher und Musik-CDs. Ergänzt wird das Angebot durch digitale Medien im Online-Verbund, darunter E-Books, E-Audios und weitere elektronische Formate. Seyschab machte damit deutlich, dass die Bücherei längst sowohl analog als auch digital aufgestellt ist.

Ein besonderer Publikumsmagnet sind derzeit die sogenannten Tonies. Diese Hörfiguren für Kinder, die auf eine Toniebox gestellt werden und dann Geschichten oder Lieder abspielen, zählen zu den erfolgreichsten Angeboten der Bücherei. Rund 880 Figuren sind inzwischen im Bestand, und die Nachfrage ist enorm. Bis zu zehn Tonies können gleichzeitig für zwei Wochen ausgeliehen werden. Vor allem für Familien sei das eine attraktive Möglichkeit, da die Figuren im Handel vergleichsweise teuer seien. Besonders beliebt ist laut Seyschab die Figur „Furzipups“, die auch im Podcast mit einem Augenzwinkern thematisiert wurde.

Deutlich wurde in der Premierenfolge außerdem, dass die Gemeindebücherei Maisach weit mehr bietet als Medien. Regelmäßig finden Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene statt. Dazu gehört unter anderem eine englische Vorlesestunde an jedem zweiten Dienstag im Monat, die sich an Kinder ohne Vorkenntnisse richtet und spielerisch an die Sprache heranführt. Hinzu kommen Bastelaktionen, Autorenlesungen und die klassische Vorlesestunde auf Deutsch am letzten Donnerstag im Monat. Seyschab betonte, wie wichtig diese Angebote gerade für Kinder seien, um früh Freude an Geschichten, Sprache und Büchern zu entwickeln.

Auch auf das aktuelle Veranstaltungsprogramm wurde eingegangen. So stehen in den kommenden Wochen unter anderem die „Maisacher Gespräche zur Popkultur“, ein frühlingshaftes Osterbasteln für Kinder sowie eine Autorenlesung mit Georg Brun an. Damit präsentiert sich die Bücherei einmal mehr als kultureller Veranstaltungsort mit vielseitigem Programm.

Zum Abschluss durfte natürlich auch ein Medientipp nicht fehlen. Als derzeit besonders gefragt nannte Seyschab die Minecraft-Bücher für Erstleser. Die Reihe erfreue sich großer Beliebtheit, vor allem bei Schulkindern, die mit dem Thema bereits aus der digitalen Spielewelt vertraut seien. Einige Bände wurden deshalb sogar mehrfach angeschafft. Sollte ein Exemplar gerade vergriffen sein, können Leserinnen und Leser Medien bequem vormerken lassen und werden benachrichtigt, sobald diese verfügbar sind.

Die Premiere von „Seitensprung“ zeigte damit auf unterhaltsame Weise, wie modern, offen und vielseitig die Gemeindebücherei Maisach aufgestellt ist. Sie ist nicht nur ein Haus voller Bücher, sondern ein lebendiger Ort für Austausch, Bildung und gemeinsame Erlebnisse. Das neue Podcastformat dürfte dazu beitragen, diese Arbeit noch sichtbarer zu machen und neue Besucherinnen und Besucher für die Bücherei zu begeistern.

Maisacher Gespräche zur Popkultur am Mittwoch: Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett

10. März 2026

Krimis gehören seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Genres in Deutschland. Vielleicht, weil sie genau das verbinden, was gute Unterhaltung ausmacht: Spannung, Rätsel, starke Figuren und das gute Gefühl, dem Geheimnis Stück für Stück näherzukommen. Daher halte ich am Mittwoch Abend um 18 Uhr in der Gemeindebücherei Maisach einen kostenlosen Vortrag im Rahmen der Maisacher Gespräche zur Popkultur (MGP) unter der Überschrift „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“.

Wer einen Krimi liest, schaut nicht nur zu, sondern ermittelt mit, verdächtigt, verwirft, kombiniert – und ist damit mitten im Geschehen. Gerade diese Mischung aus Nervenkitzel und gedanklichem Mitfiebern fasziniert viele Leserinnen und Leser immer wieder aufs Neue.

Hinzu kommt, dass Kriminalgeschichten oft weit mehr sind als bloße Unterhaltung. Sie erzählen von menschlichen Abgründen, von Schuld und Gerechtigkeit, von Angst, Macht und Moral. Sie halten der Gesellschaft einen Spiegel vor und spielen zugleich mit unserer Sehnsucht nach Ordnung: Am Ende soll ans Licht kommen, was verborgen war. Vielleicht lieben die Deutschen Krimis auch deshalb so sehr, weil sie Spannung mit Verlässlichkeit verbinden. So dunkel der Fall auch sein mag – die Hoffnung, dass sich alles aufklärt, liest immer mit.

Unter dem Titel „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ lädt die Gemeindebücherei zu einem Abend ein, der sich ganz dieser besonderen Faszination widmet. Freuen Sie sich auf unterhaltsame Einblicke in die Welt des Verbrechens zwischen Buchdeckeln, auf bekannte Ermittler, dunkle Geheimnisse und die Frage, warum uns das Schaurige so sehr in den Bann zieht. Ein Abend für alle, die Spannung lieben und ohne einen guten Krimi tatsächlich nur schwer einschlafen können.
Danke an die Gemeinde Maisach, die überall im Gemeindegebiet an den Anschlagtafeln für die Veranstaltung wirbt.

Hanf, Herzblut und Hochgenuss – Denis Michael Kleinknecht kocht sich auf der Food & Life in die Herzen des Publikums

9. März 2026

Wenn Denis Michael Kleinknecht auf der Food & Life in München die Bühne betritt, dauert es nicht lange, bis der Funke überspringt. Da steht keiner, der einfach nur ein Rezept nachkocht. Da kocht ein Mensch, der für gutes Essen brennt, der mit jeder Bewegung, mit jedem Satz und mit jedem Handgriff zeigt, wie viel Leidenschaft in seiner Küche steckt.

Der Küchenchef vom Gasthof Heinzinger aus Rottbach nimmt sein Publikum nicht nur mit an den Herd, sondern hinein in eine kulinarische Haltung, bei der Genuss, Handwerk und Begeisterung untrennbar zusammengehören. Und genau das wurde bei seiner Show eindrucksvoll spürbar. Hier die Aufzeichnung der Show von der Food & Life in München.

Im Mittelpunkt stand ein Produkt, das für Kleinknecht weit mehr ist als eine Zutat: Hanf. Mit spürbarer Überzeugung sprach er über eine Pflanze, die für ihn ein echter Gamechanger ist – in der Küche, in der Landwirtschaft und in der Ernährung insgesamt. Hanf, so machte er deutlich, ist für ihn kein Randthema und schon gar kein Klischee, sondern ein außergewöhnlich vielseitiges Lebensmittel mit großem Potenzial. Immer wieder war zu hören, wie sehr ihn dieses Produkt begeistert: die nussigen Aromen der Hanfnuss, die floralen, grasigen Noten des Hanfkrauts, die ernährungsphysiologischen Qualitäten und die vielen Möglichkeiten, Hanf kreativ und selbstverständlich in den Alltag zu holen. Kleinknecht wirbt dafür, Hanf endlich aus der Schmuddelecke zu holen und als das zu sehen, was er ist: eine uralte Kulturpflanze mit erstaunlicher Kraft. Kleinknecht bezieht seinen Hanft beim Bio-Ackerbaubetrieb Salabaur bei Moorenweis, geführt von der charmanten Familie Rottenkolber.

Wie lebendig und genussvoll das werden kann, zeigte er mit seinem Gericht: Kartoffel-Hanf-Knödel mit Paprikasauce von gerösteten Paprika. Schon beim Zubereiten war seine Begeisterung ansteckend. Er erklärte, verrührte, würzte, formte und sprach mit sichtbarer Freude über die Besonderheiten seines Teigs, über den richtigen Umgang mit Kartoffeln und über die Kunst, aus wenigen guten Zutaten etwas Besonderes zu schaffen. Dabei wurde schnell klar: Hier kocht einer nicht nur mit Erfahrung, sondern mit echter Hingabe. Besonders eindrucksvoll war, wie selbstverständlich Hanf in dieses Gericht eingebunden wurde – nicht als Effekt, sondern als geschmacklich tragendes Element. Die geröstete Hanfnuss brachte Tiefe und Wärme, die Hanfasche verlieh dem Gericht eine besondere Würze, und die Knödel bekamen dadurch genau jenen eigenständigen Charakter, den Kleinknecht so leidenschaftlich beschrieb.

Diese Begeisterung übertrug sich auch auf das Publikum. Die Hanfknödel wurden mit Neugier, Offenheit und sichtlicher Freude probiert, und in der Atmosphäre lag genau das, was gutes Kochen ausmacht: Gemeinschaft, Entdeckung und echter Genuss. Kleinknecht vermittelte dabei nicht nur Wissen, sondern auch eine Haltung. Er sprach über Nachhaltigkeit, Regionalität und handwerkliche Qualität, über die Slow-Food-Idee und über die enge Verbindung zu Erzeugern aus der Region. Doch bei aller fachlichen Tiefe blieb vor allem eines in Erinnerung: seine spürbare Freude am Kochen. Er wirkte wie jemand, der jede Zutat ernst nimmt, der Lebensmittel mit Respekt behandelt und der es liebt, andere mit seiner Begeisterung anzustecken.

So wurde diese Kochshow zu weit mehr als einer Vorführung. Sie war ein leidenschaftliches Plädoyer für bewusstes Essen, für kreative Küche und für Hanf als wertvolle, geschmackvolle und zukunftsweisende Zutat. Denis Michael Kleinknecht zeigte auf eindrucksvolle Weise, wie viel Genuss, Wissen und Emotion in einem Teller Hanfknödel stecken können – und dass Kochen dann am schönsten ist, wenn einer vorne steht, der nicht nur sein Handwerk beherrscht, sondern es von Herzen liebt.

Spannung im Landratsamt: Wie Maisach seine Wahl erlebte

8. März 2026

Es juckte mich in den Finger und ich wollte meinen Senf bei den Ereignissen der Kommunalwahl in meiner Wohnortgemeinde Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck dazugeben. Und auch ein bisschen Wahlparty-Stimmung schnuppern. Also auf ins Landratsamt und im Foyer auf die Politprofis meiner Gemeinde und des Landkreises sowie Landtag und Bundestag gewartet.

Dabei habe ich die alten Kollegen der Lokalpresse getroffen, die deutlich unter dem Druck der Aktualität gearbeitet haben.
Schnell stellte sich heraus, dass es bei der Wahl um dem Landrat zur Stichwahl zwischen Amtsinhaber Thomas Karmasin (CSU) und der Grünen-Herausforderin Ronja von Wurmb-Seibel kommen wird. Der ehemalige Olchinger SPD-Bürgermeister Andreas Magg zog den Kürzeren. Stichwahl ist dann in zwei Wochen.

Auch bei der Landratswahl folgte Maisach dem allgemeinen Trend im Landkreis: In Maisach erhielt Amtsinhaber Thomas Karmasin 46,1 Prozent, Ronja von Wurmb-Seibel erhielt 20,1 Prozent. Sie war die einzige Frau unter den Kandidaten.

Mich interessierte aber das Maisacher Bürgermeisterergebnis, das relativ lange auf sich Warten ließ. Um 20:26 Uhr kamen dann die Zahlen, nachdem es zuvor immer wieder Wasserstandsmeldungen aus den Wahllokalen aufs Smartphone kamen. Die Website der Gemeinde schmierte wohl unter der hohen Last der Zugriffe ab, aber die Server des Landratsamtes informierten stabil.

Bei der Kommunalwahl in der Gemeinde Maisach ist Amtsinhaber Hans Seidl deutlich im Amt bestätigt worden. Da es keinen Gegenkandidaten gab, entfielen 74,5 Prozent der Stimmen auf den CSU-Bürgermeister. Insgesamt wurden 6.543 gültige Stimmen abgegeben. Die Wahlbeteiligung lag mit 73,6 Prozent auf einem sehr hohen Niveau und zeigt das große Interesse der Bürgerinnen und Bürger an der lokalen Politik. Mit dem klaren Ergebnis kann Hans Seidl seine Arbeit als Bürgermeister der Gemeinde Maisach fortsetzen.


In der Nacht wurden dann Gemeinderat und später Kreistag ausgezählt.

Die Schönheit des Vergessenen: Lost Places von Agnes Hörter im Kulturhaus Abraxas

8. März 2026

Bis zum 31. März 2026 läuft im Kulturhaus Abraxas in Augsburg die Vernissage der Ausstellung „Vergessene Welten – Lost Place Art“ von Agnes Hörter. Die Schau bietet einen intensiven Einblick in die faszinierende Welt verlassener Orte und räumt den Betrachtern viel Raum für eigene Empfindungen ein.

Das Kulturhaus Abraxas in Augsburg ist ein kulturelles Zentrum der Stadt und befindet sich im Stadtteil Kriegshaber auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne. Es wurde 1995 vom Kulturamt der Stadt Augsburg eröffnet und ist in einem früheren Offizierskasino der Somme-Kaserne untergebracht, das in den 1930er-Jahren errichtet wurde und später von der US-Armee genutzt wurde. 

Die Ausstellung vereint einzigartige Fotografien mit Kunstwerken auf Fundstücken und zeigt die vergessenen Spuren vergangener Zeiten in höchst atmosphärischen Bildern. 

Agnes Hörter, eine lang in Augsburg lebende Fotografin und Autorin, widmet sich seit vielen Jahren der visuellen Dokumentation von verlassenen Gebäuden. Ich habe mit ihr früher schon mal ein ausführliches Interview gemacht und ihre Ausstellungen besucht.
Ihr Blick richtet sich auf das, was oft unbeachtet bleibt: verlassene Fabrikhallen, alte Werkstätten, leere Wohnhäuser und stillgelegte Anlagen. In ihren Arbeiten verschmilzt sie verfallene Strukturen mit einer eigenen künstlerischen Handschrift, die den Betrachter dazu einlädt, die Geschichte dieser Orte nachzuempfinden. 

Die Ausstellung bietet nicht nur spannende Motive aus der Welt der Lost Places, sondern verknüpft Fotografie mit Objektkunst und lädt dazu ein, die Schönheit im Verfall zu entdecken. Für viele Besucher ist dies eine Einladung, die oft unbeachteten Spuren unserer gebauten Umwelt mit neuen Augen wahrzunehmen und die Geschichten hinter den Mauern zu erahnen.

Was mich besonders freut: Einige Aufnahmen entstanden in der Brauerei Seelmann. Mit deren Betreibern bin ich seit Jahren bekannt. Die Brauerei Seelmann ist eine kleine, traditionsreiche Braustätte im Bamberger Land, genauer im Ort Zettmannsdorf bei Bamberg. Ihre Wurzeln reichen bis ins Jahr 1608 zurück, wodurch sie zu den historischen Brauereien der Region zählt. Über Jahrhunderte blieb der Betrieb in Familienbesitz und bewahrte viele originale Anlagen wie Sudhaus, Gärkeller und Abfülltechnik. Die historische Anlage mit ihren erhaltenen Maschinen und Räumen gilt als eindrucksvolles Zeugnis fränkischer Braukultur und als idealer Foto-Hotspot.

Zur Ausstellung ist auch ein Katalog mit Bildern und Erklärungen erschienen, der sich ebenso wie ihre Bilder über die Künstlerin Agnes Hörtner beziehen lässt.

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964) – Matinee am 8. März im Scala Fürstenfeldbruck

7. März 2026

Ein Knopfdruck – und die Welt steht am Abgrund. Doch noch nie war der Untergang so bitterböse komisch wie in Stanley Kubricks Meisterwerk „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ aus dem Jahr 1964. Ich bespreche und zeige diesen Klassiker am Sonntag, 8. März um 10:45 Uhr im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Mit messerscharfem Witz, ikonischen Bildern und grandiosen Schauspielern wie Peter Sellers in einer Dreifachtolle entlarvt diese rabenschwarze Satire die Absurdität des Kalten Krieges. Im Zentrum: ein außer Kontrolle geratener Atomschlag, ein fanatischer General, ein hilfloser US-Präsident – und der unvergessliche, exzentrische Wissenschaftler Dr. Seltsam.

Allen voran brilliert Peter Sellers in gleich mehreren Rollen und sorgt für ein Feuerwerk an Wortwitz, grotesker Komik und unvergesslichen Szenen. Die legendäre War-Room-Sequenz, das nervenaufreibende Telefonat mit Moskau oder der irrwitzige Ritt auf der Atombombe – Bilder, die Filmgeschichte geschrieben haben.

„Dr. Seltsam“ ist weit mehr als eine Komödie: Es ist eine zeitlose, erschreckend aktuelle Satire über Macht, Militärlogik und menschliche Hybris. Intelligent, provokant und schwarzhumorig bis zur letzten Explosion – ein Klassiker, den man gesehen haben muss. Ein Film, bei denen das Lachen im Halse stecken bleibt. Ich bespreche und zeige diesen Klassiker am Sonntag, 8. März um 10:45 Uhr im Scala Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Filmkritik: EPiC: Elvis Presley in Concert

6. März 2026

Es gibt Momente im Kino, in denen die Zeit stillzustehen scheint – und „EPiC: Elvis Presley in Concert“ ist genau so ein Moment. Wer den Kinosaal betritt, verlässt ihn als ein anderer Mensch, tief berührt von einer Kraft, die man längst vergessen glaubte, weil man sie schlicht nie so erlebt hatte: Elvis Presley, der King of Rock’n’Roll, lebendig, atemberaubend, unendlich nah. Ich habe mir den Film im Scala Fürstenfeldbruck mit meiner Frau angesehen und wir waren absolut geflasht.


Regisseur Baz Luhrmann, der mit seinem oscarnominierten Biopic „Elvis“ von 2022 bereits bewies, wie tief er in die Seele dieses einzigartigen Künstlers vorzudringen vermag, hat diesmal etwas noch Kühneres gewagt – und ist dabei auf etwas gestoßen, das man fast als kinematografisches Wunder bezeichnen kann.

Während der Dreharbeiten zu seinem Biopic entdeckte Luhrmann in den Warner-Bros.-Archiven über 59 Stunden lang verschollen geglaubtes Filmmaterial aus Elvis‘ legendärer Las-Vegas-Residenz im Jahr 1970 sowie seltene 16-mm-Aufnahmen aus dem damaligen Konzertfilm „Elvis on Tour“ und kostbare Super-8-Schätze aus dem Graceland-Privatarchiv. Das Material war ohne Ton – ein Hindernis. Doch Luhrmann ließ sich nicht aufhalten. Gemeinsam mit seinem langjährigen Cutter Jonathan Redmond und dem technischen Wizardkollegen Peter Jackson, der bereits die Beatles mit „Get Back“ aus dem Archivstaub auferstehen ließ, arbeitete das Team mehr als zwei Jahre daran, Bild und Ton mit modernster Technik zu restaurieren, zu synchronisieren und aufzubereiten. „There’s not a frame of AI in this film“, betonte Luhrmann ausdrücklich – und genau das macht diesen Film so unglaublich aufrichtig und so ehrfurchtgebietend.

Das Ergebnis ist ein 90-minütiges Kinoerlebnis, das sich keinem klassischen Genre zuordnen lässt. Es ist kein Konzertfilm. Es ist keine Dokumentation. Es ist – wie Luhrmann selbst sagt – „etwas völlig Neues im Elvis-Kanon“, das weder Grenzen noch Schubladen kennt, sondern beides miteinander verwirkt zu einem facettenreichen, zutiefst menschlichen Porträt. Dazu trägt eine wiederentdeckte 45-minütige Audioaufnahme ganz wesentlich bei: Elvis selbst erzählt darin seine Geschichte – in seinen eigenen Worten, mit seiner eigenen Stimme, intim und ungefiltert. Man hört ihn sprechen, lachen, nachdenken – und man spürt: Dieser Mensch war weit mehr als das Klischee, zu dem ihn die Popgeschichte oft gemacht hat.

Was „EPiC“ so erschütternd schön macht, ist die Unmittelbarkeit. Kein sprechendes Archivkopf, kein erklärender Off-Kommentar stört den Fluss des Films, wie Kritiker zu Recht bewundernd anmerkten. Nach rund 20 Minuten hebt der Film ab – und dann fliegt er einfach, getragen von Elvis‘ Stimme, die in nie zuvor gehörter Tonqualität durch den Kinosaal strömt wie ein physisches Erlebnis. Man sieht ihn in Proben mit seiner Kernband, entspannt und albern und voller Lebensfreude, und dann auf der Bühne des International Hotel in Las Vegas, wo er mit jeder Geste die Welt in Besitz nimmt. Hinzu kommen Performances aus dem Jahr 1972 auf Tour und die legendären Aufnahmen im goldenen Jackett aus Hawaii von 1957 – ein überwältigendes Zeitpanorama eines Künstlers, der in jeder Sekunde brennt.

Das Publikum weltweit hat reagiert. Beim Toronto International Film Festival feierte „EPiC“ im September 2025 seine Weltpremiere, und Anfang Januar 2026, zum 91. Geburtstag von Elvis Presley, rückte der Film ins weltweite Scheinwerferlicht. Am 20. Februar 2026 startete er zunächst für eine Woche exklusiv im IMAX, bevor er am 27. Februar in alle Kinos weltweit kam. Und wer die Chance hat, ihn auf einer großen Leinwand zu sehen – am besten im IMAX, wie Luhrmann es ausdrücklich empfiehlt –, der sollte diese nicht versäumen. Denn „EPiC“ ist mehr als ein Film. Es ist eine Begegnung. Eine, nach der man mit einem leisen, unerklärbaren Vermissen aus dem Kino geht – als hätte man gerade jemanden verloren, den man eigentlich nie kennen durfte, aber durch diese 90 Minuten auf einmal doch gekannt hat.

Saal 600 – Der Gerichtssaal, in dem die Welt über die Verbrechen des Nationalsozialismus erfuhr

5. März 2026

Der Saal 600 wurde 1945/46 nicht nur zum Ort eines internationalen Strafverfahrens, sondern zu einer gezielt für Öffentlichkeit umgebauten „Medien-Infrastruktur“: Die räumliche Neuordnung (u. a. gedrehte Richterbank, vergrößerte Anklagebank, Pressetribüne) und technische Einbauten (Simultandolmetschen, Tonprotokoll, Filmleinwand, Foto-/Radiofenster) machten den Gerichtssaal zugleich verhandlungsfähig und weltweit berichtsfähig. Ich hatte die Möglichkeit, ein Seminar zu den Nürnberger Prozessen durchzuführen und konnte mich ausführlich dem historischen Ort in Nürnberg widmen. Hier spürt man regelrecht Geschichte.

Im Saal liefen der Hauptkriegsverbrecherprozess vor dem Internationaler Militärgerichtshof (1945–1946) und anschließend 12 US-Nachfolgeprozesse (1946–1949); im Hauptverfahren dominierten dokumentenbasierte Beweisführung und – als Besonderheit – der gezielte Einsatz von Filmbeweisen, die auch medial ikonisch wurden. Hier der Saal als VR 360 Video


Was mich natürlich als Journalist interessierte war die mediale Berichterstattung der Prozesse. Zeitgenössische Berichterstattung war quantitativ enorm (Agenturen, Radio, Pressefotografie, Wochenschauen), organisatorisch streng gerahmt (Akkreditierung, räumliche Trennung von Presse und Publikum, Kontrolle der deutschen Medien durch Lizenzierung) und sie wirkte nachhaltig auf die Nachkriegswahrnehmung: Sie vermittelte rechtsstaatliche Verfahrensformen, blieb aber zugleich politisch gerahmt. Unter anderem waren folgende Journalisten mit dabei: Walter Cronkite arbeitete als Chefkorres-pondent für die amerikanische Nachrichtenagentur United Press, Marguerite Higgins, Korrespondentin für die New York, Yu Jevons, chinesischer Kriegsberichterstatter, John Steinbeck, 1948. Der amerikanische Schriftsteller war als Prozessbeobachter nach Nürnberg gereist, Alfred Döblin, 1950. Unter dem Pseudonym Hans Fiedeler veröffentlichte der bekannte deutsche Schriftsteller 1946 die Broschüre
„Der Nürnberger Lehrprozess“, Rebecca West, 1955. Die britische Schriftstellerin entsandte der Daily Telegraph im Jahr
1946 als Berichterstatterin nach Nürnberg, John Dos Passos, 5, Oktober 1955. Der amerikanische Schriftsteller schrieb 1945 für das US-Magazin Life über den Prozess, Erich Kästner, 1950. Für die Neue Zeitung, die in der amerikanischen Zone erschien, schrieb der deutsche Schriftsteller und Kinderbuchautor über den Prozess, Erika Mann, 1960. Die in die USA emigrierte Schriftstellerin berichtete 1945 für den Londoner Evening Standard und Ilja Ehrenburg, 1945. Unter dem Titel „Auf den Straßen Europas“ veröffentlichte der sowjetische Autor 1947 auch eine Reportage aus Nürnberg.

Saal 600 als bauliche Infrastruktur
Der Saal 600 liegt im Ostbau des Justizpalast Nürnberg in Nürnberg. Der Gebäudekomplex entstand 1909–1916 (u. a. erster Spatenstich 1909, Einweihung 1916) und war nach Kriegsende – trotz Schäden – infrastrukturell nutzbar; entscheidend für die Wahl des Ortes waren nach zeitgenössischer/amtlicher Darstellung vor allem Logistik und Sicherheit: ausreichend Platz für Personal mehrerer Nationen sowie die unmittelbare Nähe zum (Zellen‑)Gefängnis zur Sicherung und Zuführung der Gefangenen. Davon steht heute nur noch ein Teil.

Für den Prozess wurde der Saal ab Sommer/Herbst 1945 tiefgreifend umgebaut. Die Richterbank wurde um 90 Grad gedreht und vor die (aus Sicherheitsgründen geschlossenen) Fenster verlegt; Dolmetscher- und Technikplätze traten in Bereiche, die sonst richterlich bzw. publikumsbezogen genutzt wurden. Die größte räumliche Veränderung betraf den Zuschauerraum: Die Rückwand wurde entfernt, darunter gab es eine Pressetribüne mit 235 Plätzen, darüber eine Galerie für weitere 128 Besucher. Zugleich wurden in Wände Fensteröffnungen für Foto-/Filmaufnahmen und direkte Rundfunkberichte eingebaut, links im Saal Dolmetscherplätze hinter Glasscheiben und an der Stirnseite eine in die Wand eingelassene Filmleinwand mit davor platziertem Zeugenstand.

Zur Größe existieren leicht abweichende Angaben: Ein musealer Hintergrundbeitrag nennt 240 m², während spätere Berichte 246 m² ausweisen; ob dies Messdifferenzen, Umbauzustände oder Rundungen widerspiegelt, bleibt in den Quellen in Nürnberg uneinheitlich.

Hauptprozess und Nachfolgeprozesse im Saal
Der Hauptkriegsverbrecherprozess begann am 20. November 1945 im Saal 600; das Urteil wurde am 30. September/1. Oktober 1946 verkündet. In der Schlussphase hielt das Tribunal fest, dass bis dahin 403 öffentliche Sitzungen stattgefunden hatten; die Beweisaufnahme und Plädoyers endeten am 31. August 1946.
Die Richterbank setzte sich aus je einem Richter und Stellvertreter der vier Siegermächte zusammen: Sir Geoffrey Lawrence und Norman Birkett (Großbritannien), Francis Biddle und John J. Parker (USA), Henri Donnedieu de Vabres und Robert Falco (Frankreich), Iona T. Nikitschenko und Alexander F. Volchkov (Sowjetunion).

Die Chefankläger repräsentierten ebenfalls die vier Mächte: Robert H. Jackson, Roman A. Rudenko, Hartley Shawcross sowie François de Menthon (später Auguste Champetier de Ribes). Der Verfahrensstil war – auch nach Selbstauskunft einer amtlichen Dokumentation – stark von angelsächsischen Prozessformen und dem Kreuzverhör geprägt; das stellte deutsche Verteidiger vor Adaptionsprobleme und war Teil der Inszenierung rechtsstaatlicher Fairness gegenüber dem Vorwurf „Siegerjustiz“.

Die Personenanklage umfasste 24 Namen: Martin Bormann, Karl Dönitz, Hans Frank, Wilhelm Frick, Hans Fritzsche, Walther Funk, Hermann Göring, Rudolf Heß, Alfred Jodl, Ernst Kaltenbrunner, Wilhelm Keitel, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Robert Ley, Konstantin von Neurath, Franz von Papen, Erich Raeder, Joachim von Ribbentrop, Alfred Rosenberg, Fritz Sauckel, Hjalmar Schacht, Baldur von Schirach, Arthur Seyß-Inquart, Albert Speer und Julius Streicher. Von ihnen erschienen 21 physisch; gegen Martin Bormann wurde in Abwesenheit verhandelt, ein Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit ausgesetzt und ein Angeklagter beging vor Prozessbeginn Suizid.


Nach dem Hauptverfahren folgten 12 Nachfolgeprozesse (1946–1949) vor US-Militärtribunalen, beginnend am 9. Dezember 1946 mit dem Ärzteprozess; zwar liefen Verfahren teils auch in anderen Sälen, Saal 600 blieb jedoch das symbolische Zentrum.Hier der Rundgang durch das Museum:

Beweismittel und Medientechnik im Gerichtssaal
Die Anklage setzte in hohem Maß auf dokumentarische Beweise – der Prozess wurde in der Forschung und in archivalischer Vermittlung ausdrücklich als „Dokumentenprozess“ beschrieben. In der Urteilseröffnung wurden für das Hauptverfahren 33 Zeugen der Anklage (mündlich), 61 Entlastungszeugen sowie die Aussagen von 19 Angeklagten genannt; zusätzlich kamen umfangreiche schriftliche Beantwortungen von Befragungen hinzu.

Zum ikonischen Kern der Beweisführung wurde der Einsatz von Filmen im Gerichtssaal. Die bauliche Integration einer Leinwand und die Möglichkeit, den Saal abzudunkeln, waren ausdrücklich eingeplant. Am 29. November 1945 wurde der Film Nazi Concentration Camps im Prozess gezeigt und als Beweis eingeführt; die Holocaust-Enzyklopädie betont die Wirkung dieser Bildbeweise als (auch psychologisch) markanten Wendepunkt der Verhandlung. Der Film The Nazi Plan wurde am 11. Dezember 1945 als Beweismittel angeboten (Dokument 3054‑PS, US‑Exhibit 167) und bestand programmatisch aus deutschem Originalmaterial, u. a. Wochenschauen.

Technisch war Saal 600 zugleich Übersetzungs- und Aufzeichnungsraum. Eine Anlage der Firma IBM ermöglichte Simultanübersetzung in vier Prozesssprachen; das Signal wurde an „mehr als 400 Plätze“ verteilt und per Kopfhörer mit Wahlschalter empfangen. Gleichzeitig entstand über die Anlage ein Tonprotokoll, das bis heute zugänglich ist.

Medienberichterstattung und Öffentlichkeitsregime
Der Umbau des Saals zielte erkennbar darauf, das Verfahren als öffentliches Ereignis kontrolliert verfügbar zu machen: Die Presse saß auf einer eigenen, kapazitätsstarken Tribüne; Zusätzlich wurden Fensteröffnungen in Wände eingebaut, die Foto-/Filmaufnahmen und „direkte Rundfunkberichterstattung“ ermöglichten.

Quantitativ lässt sich der Umfang zumindest indikatorisch fassen: Eine museale Bildquelle beziffert die von Nachrichtenagenturen weltweit versandte Textmenge auf über 14  Millionen Wörter. Für die Logistik der Auslandsberichterstattung wurde in der Nähe ein Presselager eingerichtet: Das Schloss der Faber-Castell‑Gruppe in Stein diente 1945–1949 als Press Camp; dort arbeiteten „hunderte“ Reporter, die von dort aus in die Welt berichteten, einschließlich prominenter Schriftsteller und Fotografen.

Wochenschauen verbanden internationale Prozessbilder mit lokaler Kinoöffentlichkeit. Die Reihe Welt im Film berichtete regelmäßig; ein LeMO‑Eintrag zur Urteilsverkündung nennt sie als vom US‑Informationsdienst in Auftrag gegeben und belegt zugleich, dass Filmaufnahmen beim Strafmaß auf Wunsch des Tribunals unterblieben. In der sowjetischen Sphäre war die Bildpolitik anders akzentuiert: Der sowjetische Film Das Gericht der Völker rahmt den Prozess nach Programmtexten u. a. mit Bildern der Roten Armee und kombiniert Prozessgeschehen mit Kriegs- und Verbrechensbildern, also stärker „episch“ und geopolitisch als rein prozedural. Hier der Rundgang in VR 360.

Wirkung und Ikonographie
Die Verfahren in Saal 600 wurden bewusst als „Weltöffentlichkeit“ inszeniert: Eine archivalische Darstellung hält fest, die Presse habe für die Alliierten die Doppelfunktion, Strafverfolgung sichtbar zu machen und die deutsche Bevölkerung über den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus aufzuklären. Zugleich zeigen Analysen der Rezeptionsgeschichte, dass mediale Prozesspräsenz in Deutschland zwar keineswegs alle Abwehrreaktionen auflöste, aber zumindest teilweise die Rechtsstaatlichkeit des Vorgehens kommunizierbar machte und damit den Vorwurf „Siegerjustiz“ abschwächen konnte.

Gerade deshalb wurden Bildmotive ikonisch, die den Saal als „technisierten“ Gerichtsort zeigen: die Anklagebank in strenger Ordnung, die Kopfhörer als Symbol des viersprachigen Verfahrens, die Leinwand im Saal und die abgedunkelte Vorführung von Lagerbildern. Die Einbindung von Filmbeweisen – insbesondere die Vorführung von Nazi Concentration Camps – wurde zeitgenössisch wie historiografisch als Moment beschrieben, der die Dimension der Verbrechen unmittelbar in den Raum der juristischen Argumentation übersetzte.
Wenn möglich möchte ich das Seminar im kommenden Jahr wiederholen und inhaltlich ergänzen. Infos gibt es rechtzeitig in meinem kostenlosen Newsletter.