Tohru in der Schreiberei – Wenn japanische Kochkunst auf Münchner Geschichte trifft

23. Oktober 2026

Es gibt Restaurants, in denen man hervorragend isst. Und es gibt Restaurants, in denen ein Abend zu einer kulinarischen Reise wird, die weit über das bloße Essen hinausgeht. Das Tohru in der Schreiberei in der Münchner Altstadt gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Hier verbindet der deutsch-japanische Spitzenkoch Tohru Nakamura die Präzision und Zurückhaltung japanischer Kochkunst mit der Opulenz und handwerklichen Raffinesse der klassischen französischen Haute Cuisine. Das Ergebnis ist eine Küche, die nicht auf vordergründige Effekte setzt, sondern auf außergewöhnliche Produkte, subtile Geschmackskombinationen und eine beinahe philosophische Auseinandersetzung mit dem Essen. Seit Juni 2025 trägt das Restaurant drei Michelin-Sterne und gehört damit zur absoluten Spitze der deutschen Gastronomie.

Ein historisches Haus, in dem Geschichte geschrieben wurde
Schon der Weg ins Restaurant ist außergewöhnlich. In der Burgstraße 5, nur wenige Schritte vom Münchner Marienplatz entfernt, befindet sich eines der geschichtsträchtigsten Bürgerhäuser der Stadt. Die ehemalige Stadtschreiberei gilt als ältestes erhaltenes Bürgerhaus Münchens. Seit 1552 wurde hier die Geschichte der Stadt dokumentiert. Wo einst Schreiber mit Feder und Tinte die Geschicke Münchens festhielten, entstehen heute kulinarische Kompositionen, die ihrerseits ein Stück Münchner Gastronomiegeschichte schreiben.

Über eine steile historische Holztreppe mit 23 Stufen gelangt man in das Restaurant im ersten Obergeschoss. Der Kontrast zwischen den alten Mauern und dem modernen Interieur ist bewusst gewählt. Edle Hölzer, geschmackvolle Beleuchtung und komfortable Sitzmöbel schaffen eine Atmosphäre, die luxuriös wirkt, ohne steif zu sein. Die Geschichte des Hauses ist dabei keineswegs nur dekorative Kulisse. Sie vermittelt Beständigkeit und handwerkliche Tradition – zwei Eigenschaften, die sich auch in Nakamuras Küche wiederfinden.

Der Weg von Tohru Nakamura an die kulinarische Weltspitze
Tohru Nakamura wurde in München geboren und wuchs als Sohn eines japanischen Vaters und einer deutschen Mutter zwischen zwei Kulturen auf. Diese doppelte kulturelle Prägung wurde zum Fundament seiner kulinarischen Handschrift. Seine Ausbildung und beruflichen Stationen führten ihn unter anderem in den Münchner Königshof, ins berühmte Vendôme nach Bergisch Gladbach und ins niederländische Oud Sluis. Hinzu kamen Erfahrungen in japanischen Spitzenrestaurants, darunter das Ishikawa in Tokio.

In München machte er sich insbesondere als Küchenchef des Werneckhof by Geisel einen Namen, wo er zwei Michelin-Sterne erkochte. Nach der Schließung des Restaurants fand Nakamura in der ehemaligen Stadtschreiberei eine neue Wirkungsstätte. Im Dezember 2021 eröffnete er dort sein eigenes Restaurant, wobei ihm ein großer Teil seiner bisherigen Mannschaft folgte. Bereits 2022 erhielt das neue Haus auf Anhieb zwei Michelin-Sterne. Der dritte Stern im Jahr 2025 war die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung.

Zehn kulinarische Kapitel zwischen Japan und Europa
Das vorliegende Menü zeigt eindrucksvoll, was Nakamuras Küche auszeichnet. Zehn Positionen, von Dim Sum bis zu den japanischen Süßigkeiten namens Okashi, bilden eine sorgfältig komponierte Dramaturgie. Auffällig ist der hohe Anteil an Fisch und Meeresfrüchten, bevor mit Kalbsbries und Taube zwei kräftigere Fleischgerichte folgen. Japanische Begriffe und Produkte treffen auf europäische Delikatessen, ohne dass die Kombinationen beliebig erscheinen.

Den Auftakt bildet Dim Sum mit Balfegó-Harmonica, Akami und Wasabi. Balfegó steht für hochwertigen Roten Thunfisch aus spanischer Aufzucht. Akami bezeichnet das besonders magere, tiefrote Fleisch des Thunfischs, während Harmonica einen speziellen Zuschnitt aus dem Rippenbereich beschreibt. Schon diese Kombination verdeutlicht Nakamuras Konzept: Ein aus der chinesischen Küche bekanntes Format trifft auf japanisch geprägte Fischkultur und ein europäisches Spitzenprodukt. Wasabi sorgt für aromatische Schärfe. Ein Auftakt, der weniger auf Masse als auf die Qualität und Charakteristik der einzelnen Zutaten setzt.

Es folgt eine Tartelette mit Ozaki-Wagyu, Pfifferlingen und Karashi. Ozaki-Wagyu gehört zu den besonders begehrten japanischen Rindfleischspezialitäten. Seine feine Fettmarmorierung und sein intensiver Geschmack treffen auf die erdigen, leicht pfeffrigen Noten der Pfifferlinge. Karashi, der scharfe japanische Senf, setzt einen bewussten Kontrapunkt zur Reichhaltigkeit des Fleisches. Die Tartelette steht beispielhaft für eine Küche, die Luxusprodukte nicht einfach präsentiert, sondern durch kluge Kombinationen geschmacklich einordnet.

Besonders interessant ist der dritte Gang: Koshihikari-Reis mit Lachsforelle, Sonnenblumenkernen und Shiokoji. Koshihikari zählt zu den angesehensten japanischen Reissorten. Seine leicht klebrige Konsistenz und seine feine natürliche Süße machen ihn zu einer idealen Grundlage für differenzierte Aromen. Shiokoji, eine traditionelle japanische Würzpaste aus fermentiertem Reis, Salz und Wasser, bringt Umami und aromatische Tiefe. Sonnenblumenkerne steuern eine nussige Komponente bei, während die Lachsforelle für elegante Frische sorgt. Gerade dieser Gang verdeutlicht, dass große Küche nicht zwingend von spektakulären Zutaten lebt. Ein vermeintlich schlichtes Grundnahrungsmittel wie Reis kann zum Mittelpunkt einer anspruchsvollen Komposition werden. Auch der Guide Michelin hebt Nakamuras besondere Behandlung des Koshihikari-Reises hervor.

Mit dem Carabinero, begleitet von Zucchini, Matcha und Verveine, rückt anschließend eine der begehrtesten Garnelenarten der Spitzengastronomie ins Zentrum. Der tiefrote Carabinero besitzt ein intensiv süßliches, beinahe konzentriertes Meeresaroma. Die Zucchini bildet einen zurückhaltenden pflanzlichen Gegenpol, während Matcha mit seinen herben, leicht bitteren Noten zusätzliche Komplexität verspricht. Verveine, das Zitronen-Eisenkraut, bringt eine frische, zitrische Kräuternote ein. Eine Kombination, die das kraftvolle Aroma des Schalentiers durch Bitterkeit und Frische ausbalancieren soll.

Der nächste Gang widmet sich Hamachi mit Tomate, Kombu und Tagetes. Hamachi, eine japanische Bezeichnung für die junge Gelbschwanzmakrele, zeichnet sich durch festes, zugleich fettreiches Fleisch aus. Kombu, eine essbare Braunalge, ist ein zentraler Umami-Lieferant der japanischen Küche. Tomate ergänzt Säure und natürliche Süße, während Tagetes mit ihren je nach Sorte zitrischen und würzigen Aromen einen ungewöhnlichen Akzent setzt. Die Verbindung von Fisch, Alge und Tomate ist besonders reizvoll, weil sie verschiedene Quellen natürlicher Glutamate miteinander kombiniert und dadurch geschmackliche Tiefe erzeugen kann.

Mit Chawanmushi, Steinbutt Pil Pil, Aubergine und Yuzu erreicht das Menü einen weiteren Höhepunkt seiner japanisch-europäischen Dramaturgie. Chawanmushi ist ein traditioneller japanischer, gedämpfter Eierstich, dessen seidige Textur und zurückhaltender Geschmack eine ideale Grundlage für feinste Aromen bilden. Steinbutt gehört zu den edelsten europäischen Speisefischen. Pil Pil verweist auf eine aus der baskischen Küche bekannte Emulsion, die klassisch aus Olivenöl und den natürlichen Gelatinebestandteilen des Fisches entsteht. Aubergine bringt eine weiche, erdige Komponente ein, während Yuzu, die aromatische japanische Zitrusfrucht, mit ihrer prägnanten Säure für Frische sorgt. Hier treffen gleich mehrere kulinarische Traditionen aufeinander, ohne dass eine davon ihre Identität verlieren muss.

Der Zander mit Gurke aus der Glut, Räucherfisch und Macvin führt das Menü wieder stärker in europäische Geschmackswelten. Zander ist ein fein strukturierter Süßwasserfisch, dessen zurückhaltendes Aroma viel Fingerspitzengefühl verlangt. Die Gurke aus der Glut verspricht Röstaromen und eine überraschende Interpretation eines ansonsten eher frisch und kühl wahrgenommenen Gemüses. Räucherfisch bringt zusätzliche Würze und Tiefe. Besonders spannend ist Macvin, ein französischer Likörwein aus dem Jura, der mit seiner fruchtigen Süße und aromatischen Fülle einen ungewöhnlichen Akzent setzen kann. Der Gang zeigt exemplarisch, wie Nakamuras Küche mit Gegensätzen arbeitet: Süßwasserfisch und Rauch, Frische und Röstaromen, Zurückhaltung und Intensität.

Danach folgt Kalbsbries mit Tagliolini, Austernsauce und Périgord-Trüffel. Kalbsbries gehört zu den klassischen Delikatessen der französischen Haute Cuisine. Seine zarte, cremige Konsistenz verlangt eine präzise Zubereitung. Die feinen italienischen Nudeln schaffen eine vertraute Grundlage, während Austernsauce eine intensive Umami-Komponente beisteuert. Der Périgord-Trüffel bringt schließlich jene unverwechselbare erdige Aromatik ins Spiel, die seit Jahrhunderten als Inbegriff europäischer Luxusgastronomie gilt. Dieser Gang ist eine besonders selbstbewusste Verbindung französischer Tradition, italienischer Pasta-Kultur und asiatischer Würztechnik.

Den herzhaften Abschluss bildet Taube mit Roter Bete, BBQ-Kirsche und Sakura. Taube ist ein anspruchsvolles Produkt, das in der gehobenen französischen Küche einen festen Platz besitzt. Ihr dunkles, aromatisches Fleisch verlangt nach einer präzisen Balance zwischen kräftigen und fruchtigen Komponenten. Rote Bete liefert erdige Süße, die BBQ-Kirsche verbindet Frucht mit rauchig-würzigen Anklängen, und Sakura, die japanische Kirschblüte, schlägt eine kulturelle Brücke nach Japan. Gerade diese Kombination erscheint als gelungene Zusammenfassung des gesamten Menükonzepts: europäische Produkttradition, japanische Inspiration und eine moderne Interpretation klassischer Aromenkombinationen.

Den Abschluss bilden Okashi, japanische Süßigkeiten. Der Begriff bezeichnet traditionell eine große Vielfalt kleiner Süßspeisen, die häufig mit Tee gereicht werden. Auf der vorliegenden Menükarte werden die einzelnen Bestandteile nicht näher beschrieben. Der Abschluss mit Okashi ist jedoch programmatisch: Statt eines ausschließlich französisch geprägten Dessertfinales verweist Nakamura noch einmal auf die japanische Kultur, in der Süßigkeiten häufig zurückhaltender und stärker von Textur, Saison und Ästhetik bestimmt sind.

Große Kochkunst zwischen Präzision und Inszenierung
Was dieses Menü besonders interessant macht, ist seine klare kulinarische Handschrift. Tohru Nakamura betreibt keine beliebige Fusionsküche, bei der asiatische Zutaten lediglich als exotische Dekoration dienen. Vielmehr verbindet er unterschiedliche Küchentraditionen auf einer tieferen Ebene. Die französische Schule liefert Saucenkunst, Produktverständnis und handwerkliche Präzision. Japan steuert Fermentation, Umami, Reduktion und eine besondere Sensibilität für Texturen bei. Italienische und spanische Einflüsse erweitern das Spektrum, ohne die Grundidee zu verwässern.

Bemerkenswert ist auch die Dramaturgie des Menüs. Der Weg führt von feinen Fisch- und Meeresfrüchtekompositionen über zunehmend intensive Aromen bis zu den beiden Fleischgängen. Immer wieder tauchen geschmackliche Gegensätze auf: Süße und Säure, Bitterkeit und Fett, Rauch und Frische. Dabei spielt die japanische Vorstellung von Umami eine zentrale Rolle. Sie verbindet scheinbar weit auseinanderliegende Zutaten wie Kombu, Tomate, Shiokoji, Austernsauce und Trüffel.

Allerdings stellt ein solches Menü auch hohe Anforderungen an seine Gäste. Wer klassische Gerichte und vertraute Geschmackskombinationen erwartet, dürfte mit Begriffen wie Chawanmushi, Karashi oder Shiokoji zunächst wenig anfangen können. Gerade deshalb ist ein kompetenter Service unverzichtbar. Das Restaurant legt großen Wert auf die Erläuterung seiner Gerichte. Auch die persönliche Begrüßung in der Küche gehört zum besonderen Konzept des Hauses. Sommelier Christian Rainer begleitet die Küche mit einer anspruchsvollen Getränkeauswahl, bei der neben europäischen Spitzenweinen auch Sake eine wichtige Rolle spielt. Die drei Michelin-Sterne dokumentieren, dass Nakamuras Küche zu den international herausragenden gastronomischen Adressen gezählt wird.

Eine kulinarische Handschrift mit Charakter
Tohru in der Schreiberei ist mehr als ein weiteres luxuriöses Restaurant in München. Es ist ein Ort, an dem sich Stadtgeschichte, internationale Kochkunst und die persönliche Biografie eines außergewöhnlichen Küchenchefs miteinander verbinden. Das historische Gebäude verleiht dem Abend einen unverwechselbaren Rahmen, während die Küche bewusst über nationale Grenzen hinausdenkt.

Das vorliegende Zehn-Gänge-Menü beeindruckt bereits in seiner Konzeption durch die Vielfalt seiner Produkte und die Konsequenz seiner aromatischen Ideen. Besonders die Kombinationen von Koshihikari-Reis mit Shiokoji, Carabinero mit Matcha, Chawanmushi mit Steinbutt sowie Kalbsbries mit Austernsauce und Trüffel zeigen, wie souverän hier unterschiedliche kulinarische Welten zusammengeführt werden sollen.

Die eigentliche Leistung liegt dabei nicht in der Verwendung kostspieliger Zutaten, sondern in dem Anspruch, aus ihnen etwas Eigenständiges zu schaffen. Genau daran muss sich eine Drei-Sterne-Küche messen lassen. Ob jede Kombination diese hohen Erwartungen auch auf dem Teller erfüllt, kann letztlich nur die persönliche Verkostung entscheiden.

Tohru Nakamura schreibt in der ehemaligen Münchner Stadtschreiberei seine ganz eigene Geschichte – nicht mit Feder und Tinte, sondern mit Reis, Fisch, Fleisch, Fermentation und einer bemerkenswerten kulinarischen Vorstellungskraft.

Filmkritik: Jennerwein – Hochsaison: Bayerische Heimatidylle mit schwarzem Humor

22. Oktober 2026

Mit „Kommissar Jennerwein – Hochsaison“ kommt am 5. November 2026 eine der erfolgreichsten bayerischen Krimifiguren auf die große Kinoleinwand. Die Vorlage stammt vom Garmisch-Partenkirchner Schriftsteller und Kabarettisten Jörg Maurer, dessen Alpenkrimis längst Kultstatus erreicht haben. Seit dem ersten Jennerwein-Roman „Föhnlage“ aus dem Jahr 2009 hat sich die Reihe zu einem Bestsellerphänomen entwickelt. Mehr als drei Millionen verkaufte Bücher belegen, dass die Mischung aus Kriminalspannung, bayerischem Lokalkolorit und schwarzem Humor beim Publikum hervorragend ankommt. Die Filmhandlung basiert auf dem 2010 veröffentlichten Roman „Hochsaison“.

Bayern ist schön, Bayern ist gemütlich, und hinter jeder noch so malerischen Bergkulisse lauern menschliche Abgründe. Genau mit diesem Gegensatz spielt der Heimatkrimi „Jennerwein – Hochsaison“, der bayerisches Lokalkolorit mit Kriminalgeschichte, schwarzem Humor und einer gehörigen Portion Selbstironie verbindet. Herausgekommen ist ein kerniger Heimatfilm, der sich erfreulicherweise nicht dem üblichen Postkartenkitsch hingibt, sondern die vermeintlich heile Welt des Alpenlandes mit sichtlichem Vergnügen demontiert.

Die bayerische Bergwelt liefert dabei eine eindrucksvolle Kulisse. Doch wo andere Heimatfilme auf romantische Sonnenuntergänge, urige Wirtshäuser und traditionsbewusste Dorfbewohner setzen, interessiert sich „Jennerwein – Hochsaison“ vor allem für die weniger liebenswerten Seiten seiner Figuren. Hinter freundlichen Fassaden verbergen sich Eigeninteressen, Boshaftigkeiten und menschliche Schwächen. Die Idylle wird zur Bühne für eine Geschichte, in der das Verbrechen beinahe selbstverständlich zum Alltag gehört.

Besonders reizvoll ist der eigenwillige Humor. Die Figuren sind keine glattgebügelten Sympathieträger, sondern bisweilen ausgesprochen schrullige Zeitgenossen. Der bayerische Dialekt gehört ebenso selbstverständlich dazu wie die rustikale Mentalität und die Neigung, unangenehme Wahrheiten mit einem deftigen Spruch zu kommentieren. Gerade diese sprachliche und kulturelle Verwurzelung verleiht dem Film seinen besonderen Charakter. Hier wird nicht versucht, bayerische Eigenheiten für ein überregionales Publikum zu entschärfen.

Allerdings hat diese Erzählweise auch ihre Schwächen. Nicht jeder Witz zündet, manche Pointe wird allzu deutlich vorbereitet, und gelegentlich droht der derbe Humor die eigentliche Kriminalgeschichte zu überlagern. Auch die Figurenzeichnung bewegt sich mitunter gefährlich nahe an der Karikatur. Was zunächst als liebevolle Überzeichnung erscheint, kann auf Dauer etwas anstrengend werden. Der Film vertraut stark auf seine skurrilen Charaktere und seine regionale Atmosphäre, während die dramaturgische Geschlossenheit nicht immer dieselbe Aufmerksamkeit erhält.

Dennoch besitzt „Jennerwein – Hochsaison“ eine Qualität, die vielen modernen Heimatproduktionen fehlt: Er nimmt seine Figuren ernst genug, um ihre Schwächen zu zeigen, und gleichzeitig nicht so ernst, dass daraus eine bleischwere Provinztragödie entsteht. Die Mischung aus Krimi und Komödie funktioniert besonders dann, wenn der Film seine Boshaftigkeit nicht übertreibt, sondern beiläufig in scheinbar harmlosen Alltagssituationen aufblitzen lässt.

Interessant ist auch die filmische Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff. Heimat erscheint hier keineswegs als konfliktfreier Sehnsuchtsort, sondern als gesellschaftlicher Mikrokosmos, in dem jeder jeden kennt und gerade deshalb Geheimnisse, Vorurteile und alte Rechnungen eine besondere Bedeutung besitzen. Die Berge mögen majestätisch sein, die Menschen darunter sind es keineswegs immer. Darin liegt eine durchaus reizvolle Brechung traditioneller Heimatfilmklischees.

„Jennerwein – Hochsaison“ ist sicherlich kein subtiler Kriminalfilm und auch keine fein austarierte Gesellschaftssatire. Dafür ist er zu rustikal, gelegentlich zu grob und mitunter zu sehr auf den schnellen Lacher bedacht. Doch gerade diese Ungehobeltheit gehört zu seinem Wesen. Der Film will unterhalten, provozieren und seine bayerische Herkunft keineswegs verleugnen.

Am Ende bleibt ein unterhaltsamer Heimatkrimi mit Ecken und Kanten, der seine Stärken vor allem aus dem Lokalkolorit, den eigenwilligen Figuren und dem schwarzen Humor bezieht. Wer einen perfekt konstruierten Kriminalfall erwartet, dürfte gelegentlich die Stirn runzeln. Wer dagegen Freude an bayerischen Geschichten hat, in denen hinter der schönen Alpenkulisse ordentlich Gift verspritzt wird, kommt auf seine Kosten. Denn eines macht „Jennerwein – Hochsaison“ deutlich: Auch im schönsten Bayern ist der Mensch nicht unbedingt besser – nur die Aussicht ist schöner.

Für die Regie zeichnet der finnischstämmige Regisseur Hannu Salonen verantwortlich, der sich im deutschen Fernsehen insbesondere mit Kriminalproduktionen einen Namen gemacht hat. Zu seinen Arbeiten gehört unter anderem die historische Fernsehserie „Oktoberfest 1900“. Salonen verfügt über Erfahrung darin, Spannung mit regionalen Eigenheiten und ausgeprägten Charakteren zu verbinden. Bei „Jennerwein – Hochsaison“ setzt er auf eine Mischung aus Kriminalfilm, schwarzer Komödie und modernem Heimatkino.

Die Hauptrolle des Kommissars Hubertus Jennerwein übernimmt Florian Brückner. An seiner Seite spielen Sarah Thonig, Frederic Linkemann, Eva-Maria Reichert, Helmfried von Lüttichau und Cornelius Obonya. Gerade Helmfried von Lüttichau dürfte vielen Zuschauern durch seine Rolle in der erfolgreichen bayerischen Krimiserie „Hubert und Staller“ bekannt sein. Das Ensemble vereint damit Schauspieler, die bereits umfangreiche Erfahrungen mit regional geprägten Fernseh- und Kinoproduktionen gesammelt haben.

Das Drehbuch stammt von Maximilian Brückner, Linus Herbig-Matten und Dinah Marte Golch. Produziert wurde der Film von Wiedemann & Berg Television in Zusammenarbeit mit RTL Deutschland. Als Produzenten fungieren Benjamin Benedict, Kerstin Nommsen, Quirin Berg und Max Wiedemann. Die Münchner Produktionsfirma ist für zahlreiche erfolgreiche deutsche Film- und Fernsehproduktionen bekannt.

Die Dreharbeiten begannen Mitte November 2025 und fanden unter anderem in Garmisch-Partenkirchen und im österreichischen Seefeld statt. Die winterliche Alpenlandschaft spielt dabei eine zentrale Rolle. Verschneite Berge, Wintersportanlagen und die vermeintliche Beschaulichkeit des oberbayerischen Lebens bilden den reizvollen Gegensatz zu einer Geschichte voller Intrigen, Mordanschläge und menschlicher Abgründe. Für die Bildgestaltung war Kameramann Felix Cramer verantwortlich, die Filmmusik komponierten Martina Eisenreich und Michael Kadelbach.

Bereits 2011 wurde mit „Föhnlage – Ein Alpenkrimi“ ein Jennerwein-Roman für das Fernsehen adaptiert. Damals verkörperte Martin Feifel den eigenwilligen Ermittler. Mit „Hochsaison“ wagt die Buchreihe nun erstmals den Sprung ins Kino. Der neue Film steht damit in einer Tradition bayerischer Kriminalkomödien, die das Heimatgenre bewusst gegen den Strich bürsten. Statt einer verklärten Alpenwelt präsentiert sich Bayern als Schauplatz von Verbrechen, menschlichen Eitelkeiten und gesellschaftlichen Konflikten. Dass dabei ausgerechnet die majestätische Bergwelt als Kulisse dient, gehört zum besonderen Reiz dieser Geschichte. „Kommissar Jennerwein – Hochsaison“ zeigt, dass der moderne Heimatfilm längst mehr sein kann als Trachtenromantik und Bergpanorama.

Buchtipp: Der Mann fürs Bunte von Norbert Frei, Tim Scharnetzky und Sybille Steinacher

21. Oktober 2026

Mit „Der Mann fürs Bunte“ legen die Historiker Norbert Frei, Tim Scharnetzky und Sybille Steinacher eine Untersuchung vor, die weit über eine klassische Unternehmerbiografie hinausgeht. Im Mittelpunkt steht Franz Burda, der Gründer des späteren Burda-Verlagsimperiums – und die Frage, welche Rolle Nationalsozialismus, persönliche Anpassung und wirtschaftlicher Opportunismus bei seinem Aufstieg spielten.

Dass die Untersuchung im Auftrag von Hubert Burda entstand, macht das Buch besonders interessant. Hier wird Familiengeschichte nicht ausgespart, sondern wissenschaftlicher Prüfung ausgesetzt. Das Ergebnis ist kein schlichtes Schwarz-Weiß-Bild. Die Autoren beschreiben Franz Burda als autoritären und ehrgeizigen Unternehmer, der 1937 in die NSDAP eintrat und während der NS-Zeit wirtschaftlich vom System profitierte. Zugleich zeichnen sie ihn nicht als überzeugten nationalsozialistischen Ideologen. Gerade diese Differenzierung gehört zu den Stärken des Buches.

Der Titel „Der Mann fürs Bunte“ spielt dabei geschickt mit dem späteren Image des Verlegers und seiner Medienwelt. Denn die entscheidende Frage lautet nicht allein, ob Franz Burda ein „Mann fürs Braune“ war. Viel aufschlussreicher ist die Untersuchung jener Grauzonen, in denen wirtschaftlicher Ehrgeiz, politische Anpassung und persönliche Verantwortung ineinandergreifen.

Besonders schwer wiegt die Übernahme einer jüdischen Großdruckerei im Jahr 1938. Deren Eigentümer waren unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Verfolgung zum Verkauf gezwungen. Die Autoren bewerten Burdas Verhalten in diesem Zusammenhang moralisch deutlich. Damit berührt das Buch eines der zentralen Themen der deutschen Wirtschaftsgeschichte des „Dritten Reiches“: Wie stark profitierten Unternehmer von Entrechtung, „Arisierung“ und Verfolgung, auch wenn sie selbst nicht zu den ideologischen Antreibern des Regimes gehörten?

Gerade deshalb ist „Der Mann fürs Bunte“ lesenswert. Das Buch entzieht sich der bequemen Versuchung, historische Verantwortung allein danach zu bemessen, ob jemand überzeugter Nationalsozialist war oder nicht. Es zeigt vielmehr, dass ein diktatorisches System auch von Menschen getragen und genutzt werden kann, deren wichtigste Motive Karriere, Geschäft und gesellschaftlicher Aufstieg sind.

Frei, Scharnetzky und Steinacher betreiben dabei keine nachträgliche Heldenverehrung, aber ebenso wenig eine pauschale Verurteilung. Sie versuchen, Franz Burda in seiner Zeit und anhand der Quellen zu erfassen. Das macht die Studie gerade für die Geschichte deutscher Medienunternehmen interessant. Denn hinter den Erfolgsgeschichten der Nachkriegszeit liegen bisweilen Biografien, deren entscheidende Weichen bereits während der NS-Diktatur gestellt wurden.

„Der Mann fürs Bunte“ ist deshalb mehr als eine Familien- und Verlagsgeschichte. Es ist ein Buch über Opportunismus, wirtschaftliche Verantwortung und die unbequeme Frage, wie viel Anpassung notwendig war – und wie viel davon dem eigenen Vorteil diente. Gerade weil die Antworten nicht immer eindeutig ausfallen, lohnt die Auseinandersetzung mit diesem Buch.

Eine Reise in die Welt der Träume – Mein Besuch im Magritte-Museum in Brüssel

20. Oktober 2026

Brüssel ist eine Stadt voller Überraschungen. Zwischen prächtigen Jugendstilfassaden, mittelalterlichen Plätzen, europäischen Institutionen und belgischer Lebensfreude begegnet man immer wieder einer Kunst, die sich jeder einfachen Erklärung entzieht. Einer ihrer bedeutendsten Vertreter ist René Magritte, jener belgische Maler, der mit seinen surrealistischen Bildern unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit auf den Kopf stellte. Ein Besuch im Magritte-Museum in Brüssel ist deshalb weit mehr als ein gewöhnlicher Museumsrundgang. Es ist eine Reise in eine Welt, in der nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, in der Gegenstände ihre vertraute Bedeutung verlieren und in der die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen. Zunächst wollte ich nicht, aber meine Gattin überzeugte mich. Für sie gehörte dieser Museumsbesuch zu den besonders eindrucksvollen kulturellen Erlebnissen der belgischen Hauptstadt – und ich muss ihr zustimmen.

Das Magritte-Museum liegt im historischen Herzen Brüssels am Place Royale, unmittelbar neben dem Königlichen Palast und unweit des Mont des Arts. Schon die Umgebung vermittelt ein Gefühl kultureller Größe. Das Museum gehört zu den Königlichen Museen der Schönen Künste Belgiens und befindet sich im neoklassizistischen Hôtel Altenloh. Hinter der historischen Fassade erwartet den Besucher eine umfangreiche Auseinandersetzung mit einem der eigenwilligsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Die Sammlung umfasst mehr als 200 Werke und Dokumente, darunter Gemälde, Zeichnungen, Gouachen, Fotografien, Plakate und archivalische Materialien. Gerade diese Vielfalt macht den Reiz des Hauses aus, denn sie ermöglicht nicht nur einen Blick auf die berühmten Bildwelten Magrittes, sondern auch auf den Menschen, seine künstlerische Entwicklung und seine intellektuellen Überzeugungen.

Ich kann Magritte von den Büchern aus dem Taschen-Verlag, das ich mir als Jugendlicher gekauft habe. René Magritte wurde am 21. November 1898 in Lessines in Belgien geboren und starb am 15. August 1967 in Brüssel. Er gehört neben Salvador Dalí und Max Ernst zu den bekanntesten Vertretern des Surrealismus, entwickelte allerdings eine ganz eigene Bildsprache. Während Dalí seine traumartigen Visionen häufig in dramatischen, beinahe halluzinatorischen Landschaften inszenierte, bevorzugte Magritte eine nüchterne, präzise und nahezu sachliche Malweise. Gerade darin liegt seine ungeheure Wirkung. Seine Bilder sehen zunächst erstaunlich normal aus. Ein Mann trägt einen Anzug und eine Melone. Ein Apfel liegt auf einem Tisch. Eine Wolke zieht über einen blauen Himmel. Ein Fenster gibt den Blick auf eine Landschaft frei. Doch plötzlich stimmt etwas nicht. Der Apfel verdeckt das Gesicht des Mannes, der Himmel befindet sich dort, wo eigentlich eine Wand sein müsste, oder eine gewöhnliche Pfeife wird zum Ausgangspunkt einer philosophischen Provokation. Magritte verändert nicht unbedingt die Dinge selbst, sondern ihre Beziehungen zueinander. Er zwingt uns, die Wirklichkeit neu zu betrachten.

Besonders faszinierend ist die Frage, wie sehr wir unseren eigenen Augen vertrauen können. Magrittes wohl berühmtestes Werk, „La Trahison des images“ – „Der Verrat der Bilder“ – zeigt eine Pfeife mit der Aufschrift „Ceci n’est pas une pipe“, also „Dies ist keine Pfeife“. Was zunächst wie ein Widerspruch erscheint, ist bei genauer Betrachtung vollkommen richtig. Schließlich sehen wir keine echte Pfeife, sondern lediglich ihre gemalte Darstellung. Das Original dieses berühmten Gemäldes aus dem Jahr 1929 gehört übrigens nicht zur Brüsseler Museumssammlung, sondern befindet sich im Los Angeles County Museum of Art. Dennoch ist die dahinterstehende Idee für das Verständnis des gesamten Museums entscheidend. Magritte hinterfragt die Beziehung zwischen Gegenstand, Bild und Sprache. Was sehen wir tatsächlich? Was glauben wir zu sehen? Und welche Bedeutung geben wir einem Bild, weil wir bestimmte Dinge zu erkennen gelernt haben? Solche Fragen machen seine Kunst auch heute noch erstaunlich modern.

Beim Rundgang durch das Museum wird mir deutlich, dass Magrittes Werk keineswegs aus einer zufälligen Aneinanderreihung merkwürdiger Einfälle besteht. Hinter seinen Bildern steckt ein konsequentes künstlerisches und philosophisches Programm. Bereits in jungen Jahren beschäftigte er sich mit den Möglichkeiten der Malerei. Er studierte an der Académie Royale des Beaux-Arts in Brüssel und setzte sich zunächst mit verschiedenen zeitgenössischen Kunstrichtungen auseinander. Ein entscheidender Impuls ging von Giorgio de Chiricos metaphysischer Malerei aus. Dessen Bildwelten eröffneten Magritte die Möglichkeit, gewöhnliche Gegenstände aus ihren vertrauten Zusammenhängen zu lösen und ihnen dadurch eine neue, rätselhafte Bedeutung zu verleihen. In den 1920er-Jahren fand Magritte zunehmend zu jener unverwechselbaren Ausdrucksform, die ihn später weltberühmt machen sollte.

1927 zog Magritte mit seiner Frau Georgette nach Paris, wo er Anschluss an den Kreis der französischen Surrealisten um André Breton fand. Der Surrealismus wollte die Grenzen rationalen Denkens überwinden und das Unbewusste, die Träume und die verborgenen Mechanismen menschlicher Wahrnehmung erforschen. Doch Magritte blieb innerhalb dieser Bewegung ein eigenständiger Kopf. Ihm ging es weniger darum, fantastische Traumwelten möglichst spektakulär darzustellen, sondern vielmehr darum, die scheinbare Selbstverständlichkeit unserer Alltagswelt zu erschüttern. 1930 kehrte er nach Brüssel zurück, wo er den größten Teil seines weiteren Lebens verbrachte. Auch diese enge Verbindung zu seiner Heimatstadt macht den Besuch des Museums besonders interessant. Man begegnet einem Künstler, dessen Werk international berühmt wurde, der aber zugleich tief in der belgischen Kultur verwurzelt blieb.

Eine zentrale Rolle in Magrittes Bildwelt spielt der Mann mit der Melone. Diese Figur, häufig in einem dunklen Anzug dargestellt, ist längst zu einer Ikone der modernen Kunst geworden. Sie erscheint anonym, beinahe austauschbar, und ist doch sofort als Motiv Magrittes zu erkennen. Besonders bekannt ist das Gemälde „Le Fils de l’homme“ – „Der Sohn des Menschen“ – aus dem Jahr 1964, auf dem ein grüner Apfel das Gesicht eines Mannes verdeckt. Auch dieses Original befindet sich nicht im Magritte-Museum in Brüssel. Es ist dennoch ein hervorragendes Beispiel für die Bildsprache des Künstlers. Der Apfel, eigentlich ein völlig gewöhnlicher Gegenstand, wird zum Hindernis der Erkenntnis. Wir sehen einen Menschen, können ihn aber nicht wirklich erkennen. Magritte spielt mit unserem Bedürfnis, hinter die Oberfläche zu blicken. Gerade das Verborgene erzeugt eine beinahe unwiderstehliche Neugier.

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv ist die Verbindung von Tag und Nacht. Besonders eindrucksvoll kommt diese Idee in der Werkgruppe „L’Empire des lumières“, dem „Reich der Lichter“, zum Ausdruck. Magritte zeigt eine nächtliche Straße oder ein dunkles Haus, darüber jedoch einen hellblauen Himmel mit weißen Wolken. Zwei Tageszeiten, die eigentlich nicht gleichzeitig existieren können, werden zu einer einzigen Szene verbunden. Das Ergebnis ist von einer eigentümlichen Ruhe und zugleich von einer tiefen Unheimlichkeit geprägt. Nichts explodiert, nichts bewegt sich, keine fantastische Kreatur erscheint. Und doch entsteht eine Atmosphäre, die den Betrachter nachhaltig beschäftigt. Eine Fassung dieser berühmten Bildidee aus dem Jahr 1954 gehört zur Sammlung in Brüssel. Gerade vor solchen Werken wird deutlich, dass Magrittes Kunst nicht laut sein muss, um eine enorme Wirkung zu entfalten.

Mich fasziniert an Magritte vor allem diese stille Form der Provokation. Seine Bilder verweigern sich einer eindeutigen Interpretation. Sie erzählen keine abgeschlossenen Geschichten und liefern keine fertigen Antworten. Vielmehr öffnen sie gedankliche Räume. Wer vor einem seiner Gemälde steht, beginnt unweigerlich, eigene Zusammenhänge herzustellen. Ist das Dargestellte ein Traum? Eine Erinnerung? Eine Kritik an unserer Wahrnehmung? Oder einfach eine poetische Möglichkeit, die Welt anders zu sehen? Magritte selbst wehrte sich häufig gegen allzu einfache symbolische Deutungen. Seine Bilder sollten Geheimnisse sichtbar machen, ohne sie vollständig aufzulösen. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sie auch Jahrzehnte nach seinem Tod nichts von ihrer Anziehungskraft verloren haben.

Das Museum zeigt darüber hinaus, wie vielseitig Magritte arbeitete. Neben seinen bekannten Ölgemälden begegnet man Zeichnungen, kleineren Arbeiten, Fotografien und Dokumenten, die Einblicke in seinen Alltag geben. Interessant ist insbesondere seine Beschäftigung mit Werbung und Gebrauchsgrafik. Magritte arbeitete zeitweise als Werbegrafiker, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Diese Tätigkeit steht in einem bemerkenswerten Spannungsverhältnis zu seinem künstlerischen Werk. Denn auch die Werbung lebt davon, Bilder mit Bedeutungen aufzuladen, Erwartungen zu erzeugen und unsere Wahrnehmung zu beeinflussen. Magritte verstand die Mechanismen visueller Kommunikation offenbar sehr genau. Während die Werbung allerdings meist eine eindeutige Botschaft vermitteln will, tat Magritte in seiner Kunst häufig das Gegenteil: Er stellte die vermeintliche Eindeutigkeit von Bildern infrage.

Auch sein Verhältnis zur Fotografie ist bemerkenswert. Zahlreiche Aufnahmen zeigen Magritte und seine Freunde in spielerischen Inszenierungen, die den Geist des Surrealismus unmittelbar erfahrbar machen. Hier wird deutlich, dass Magritte nicht nur auf der Leinwand mit der Wirklichkeit experimentierte. Das absurde Arrangement, die überraschende Perspektive und der Humor gehörten zu seiner gesamten künstlerischen Haltung. Hinter der oft ernsten Erscheinung seiner Bilder verbirgt sich nicht selten ein hintergründiger Witz. Magritte konnte mit einer einzigen Verschiebung der Realität etwas zugleich Komisches, Rätselhaftes und Beunruhigendes schaffen.

Bemerkenswert ist außerdem, wie stark Magrittes Bildsprache die moderne Populärkultur beeinflusst hat. Seine Motive begegnen uns längst nicht mehr ausschließlich in Museen. Sie finden sich in der Werbung, im Grafikdesign, auf Plattencovern, in Musikvideos und in Filmen. Besonders die Verbindung scheinbar unvereinbarer Dinge, das Spiel mit Identitäten und die Irritation vertrauter Bilder gehören heute zum festen Repertoire visueller Erzählkunst. Der britische Künstler Storm Thorgerson, der unter anderem legendäre Plattencover für Pink Floyd gestaltete, arbeitete ebenfalls häufig mit rätselhaften, surreal anmutenden Bildkompositionen. Auch wenn sich daraus nicht für jede einzelne Arbeit ein direkter Einfluss Magrittes ableiten lässt, sind die ästhetischen Verwandtschaften unverkennbar. Die Idee, mit einem einzigen ungewöhnlichen Bild eine ganze Gedankenwelt zu eröffnen, verbindet beide Bildsprachen.

Für Filmfreunde besitzt Magrittes Werk einen besonderen Reiz. Seine präzise komponierten, scheinbar alltäglichen und doch verstörenden Szenen erinnern an die Bildsprache des psychologischen Kinos. Gerade bei Regisseuren wie David Lynch lässt sich eine verwandte Faszination für das Unheimliche hinter der bürgerlichen Normalität entdecken. Ein ordentliches Haus, eine menschenleere Straße oder ein vertrautes Gesicht können plötzlich zum Ausgangspunkt tiefgreifender Verunsicherung werden. Auch die surrealistischen Filme von Luis Buñuel leben von der Auflösung logischer Zusammenhänge. Magritte beweist mit seinen Gemälden, dass eine vergleichbare Irritation bereits durch ein einziges unbewegtes Bild entstehen kann. Man braucht weder Spezialeffekte noch komplizierte Erzählstrukturen. Manchmal genügt ein Apfel vor einem Gesicht oder ein heller Himmel über einer nächtlichen Straße.

Bei aller philosophischen Tiefe ist Magrittes Kunst erstaunlich zugänglich. Man muss kein Kunsthistoriker sein, um sich von seinen Bildern angesprochen zu fühlen. Kinder können über seine ungewöhnlichen Kombinationen staunen, Erwachsene entdecken darin Fragen nach Identität, Wirklichkeit und Erkenntnis. Vielleicht liegt darin eine seiner größten Leistungen. Er verbindet intellektuellen Anspruch mit unmittelbarer visueller Wirkung. Seine Bilder funktionieren auf verschiedenen Ebenen und lassen dem Betrachter die Freiheit, eigene Gedanken zu entwickeln. Das Museum in Brüssel bietet dafür einen ausgezeichneten Rahmen, weil es die Entwicklung des Künstlers über mehrere Jahrzehnte nachvollziehbar macht und zugleich die unterschiedlichen Facetten seines Schaffens sichtbar werden lässt.

Besonders spannend ist die Erkenntnis, dass Magritte im Grunde ein Künstler des Zweifels war. Er misstraute einfachen Erklärungen und stellte die Gewissheiten infrage, auf denen unser Verständnis der Welt beruht. In einer Gegenwart, die zunehmend von digitalen Bildern, künstlicher Intelligenz und manipulierten Wirklichkeiten geprägt wird, erhält sein Werk eine überraschende Aktualität. Was ist echt? Was ist nur eine Darstellung? Welche Bedeutung hat ein Bild, wenn es nicht mehr zwingend einen realen Gegenstand voraussetzt? Magrittes berühmte Pfeife könnte heute beinahe als Kommentar zu KI-generierten Bildern verstanden werden. Auch ein fotorealistisches Bild ist noch lange kein Beweis dafür, dass das Dargestellte tatsächlich existiert. Magritte hat diese grundlegende Unterscheidung zwischen Bild und Wirklichkeit bereits vor nahezu einem Jahrhundert zum Gegenstand seiner Kunst gemacht.

Das macht den Museumsbesuch für mich zu mehr als einer Begegnung mit einem großen Maler. Er wird zu einer Auseinandersetzung mit unserer eigenen Medienkompetenz. Magritte fordert uns auf, genau hinzusehen, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und die Macht der Bilder nicht zu unterschätzen. Gerade in Zeiten, in denen soziale Netzwerke und digitale Plattformen täglich Millionen von Bildern verbreiten, erscheint diese Botschaft bemerkenswert zeitgemäß. Seine Kunst lehrt uns, dass Sehen und Verstehen keineswegs dasselbe sind.

Natürlich gehört zu einem solchen Museumsbesuch auch die besondere Atmosphäre des Ortes. Das historische Brüssel mit seinen prächtigen Gebäuden, den engen Gassen und der lebendigen Kunstszene bildet einen reizvollen Kontrast zu Magrittes rätselhaften Bildwelten. Verlässt man das Museum und tritt wieder auf den Place Royale, betrachtet man die Umgebung möglicherweise mit etwas anderen Augen. Die Fassaden, die Menschen, die Wolken über der Stadt – alles scheint für einen Moment ein wenig weniger selbstverständlich. Vielleicht ist das die nachhaltigste Wirkung eines großen Künstlers: Er verändert nicht die Welt, sondern unseren Blick auf sie.

Mein Fazit fällt deshalb eindeutig aus: Das Magritte-Museum gehört für Kunst- und Kulturinteressierte zu den wichtigsten Adressen in Brüssel. Es vermittelt nicht nur einen umfassenden Eindruck vom Werk eines außergewöhnlichen belgischen Künstlers, sondern lädt zu einer geistigen Entdeckungsreise ein. René Magritte war kein Maler, der die Welt einfach abbilden wollte. Er wollte zeigen, wie geheimnisvoll sie bereits ist, wenn wir bereit sind, unsere gewohnten Denkmuster zu verlassen. Seine Bilder sind Rätsel ohne endgültige Lösung, visuelle Gedankenspiele und zugleich kleine philosophische Revolutionen.

Wer das Magritte-Museum besucht, nimmt deshalb mehr mit nach Hause als die Erinnerung an beeindruckende Kunstwerke. Er nimmt eine neue Sensibilität für Bilder, Symbole und die vermeintliche Realität mit. Und vielleicht bleibt am Ende vor allem eine Erkenntnis: Die Welt ist wesentlich rätselhafter, als wir glauben. René Magritte hat uns gelehrt, dieses Rätsel nicht als Problem zu betrachten, sondern als Einladung zum Staunen. Genau darin liegt für mich die zeitlose Faszination seiner Kunst.

Podcast Seitensprung Extra: Beichte & Bestechung – Wenn 15 Autorinnen gemeinsam morden und ein Kloster zum Tatort wird

19. Oktober 2026

Was passiert, wenn 15 Krimiautorinnen gemeinsam eine Geschichte entwickeln, fünf Jahre daran arbeiten und ihre unterschiedlichen literarischen Handschriften miteinander verbinden? Das Ergebnis trägt den vielversprechenden Titel „Beichte & Bestechung“ und ist eine ebenso ungewöhnliche wie unterhaltsame Sammlung miteinander verflochtener Klosterkrimis. Ich habe drei Autorinnen Hannelore Koch, Bhavya Heubisch und Thea Lehmannn zusammen mit Büchereileiterin Beate Seyschab in einem 360 Grad Interview zu unserem Seitensprung Extra-Podcast eingeladen. Hier das VR 360 Grad Interview

Das Buch selbst erschien am März 2025 im myshow Verlag, umfasst 296 Seiten und kostet 16 Euro. Herausgegeben wurde es von Thea Lehmann. Die Idee und Konzeption entstanden unter Mitwirkung von Claudia Westhagen und dem Verlag. Beteiligt waren Autorinnen aus dem Umfeld des Vereins Mörderische Schwestern, der sich für die von Frauen geschriebene Kriminalliteratur engagiert.

Bereits die Ausgangssituation verspricht eine gehörige Portion schwarzen Humors. In einem bayerischen Kloster herrscht Krisenstimmung. Der Nachwuchs bleibt aus, die finanziellen Mittel werden knapp, und die Zukunft der geistlichen Einrichtung steht auf dem Spiel. Doch Äbtissin Fabiola denkt nicht daran, ihr Kloster kampflos aufzugeben. Sie entwickelt eine ebenso fromme wie gewagte Geschäftsidee: Eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit krimineller Vergangenheit soll nicht nur der Resozialisierung dienen, sondern zugleich neues Leben in die alten Klostermauern bringen.

Allerdings entwickelt sich die gut gemeinte Initiative anders als erwartet. Statt reuiger Sünder erscheinen zwielichtige Gestalten, ehemalige Mafiosi, Betrüger und andere Persönlichkeiten, deren Verhältnis zu Recht und Gesetz ausgesprochen flexibel ist. Bald wird das Kloster zum Treffpunkt der Unterwelt. Zwischen Gebeten, Beichten und kriminellen Machenschaften entstehen absurde Situationen, überraschende Wendungen und mörderische Verwicklungen. Besonders verdächtig erscheint der ehemalige Mafioso Salvatore, der sich als Gärtner betätigt und dessen Rosen auf geradezu unheimliche Weise gedeihen. Was steckt hinter dieser außergewöhnlichen Blütenpracht?

Fünfzehn Autorinnen und eine gemeinsame literarische Welt
Die eigentliche Besonderheit von „Beichte & Bestechung“ liegt jedoch weniger in seiner Handlung als in seiner Entstehung. Fünfzehn Autorinnen haben über einen Zeitraum von rund fünf Jahren an einem gemeinsamen literarischen Projekt gearbeitet. Dabei entstand kein klassischer Roman, bei dem eine einzige Erzählerin die Handlung bestimmt, sondern ein Geflecht aus vierzehn Geschichten, die durch einen gemeinsamen Schauplatz, wiederkehrende Figuren und eine übergeordnete Rahmenhandlung verbunden sind.

Ein solches Projekt verlangt erheblich mehr Abstimmung als eine gewöhnliche Anthologie. Schließlich muss jede Autorin ihre eigene Geschichte entwickeln können, ohne die Logik der gemeinsamen Erzählwelt zu beschädigen. Figuren müssen wiedererkennbar bleiben, Ereignisse aufeinander abgestimmt werden und die unterschiedlichen Erzählstränge miteinander harmonieren. Gerade bei Kriminalgeschichten, deren Wirkung häufig auf präzise konstruierten Überraschungen beruht, ist dies eine besondere Herausforderung.

Die unterschiedlichen literarischen Stimmen sind zugleich eine Stärke des Buches. Wo eine Autorin auf Spannung setzt, bevorzugt eine andere möglicherweise groteske Situationen, psychologische Abgründe oder pointierte Dialoge. Dadurch entsteht Abwechslung, ohne dass die gemeinsame Grundidee verloren geht. Das Buch bewegt sich zwischen Kriminalkomödie, klassischer Kurzgeschichte und einer episodenhaft aufgebauten Romanhandlung.

Dass diese Konstruktion anspruchsvoll ist, bestätigt auch Herausgeberin Thea Lehmannn über die Arbeit an Gemeinschaftsprojekten. Sie beschreibt die Schwierigkeit, einzelne Autorinnen bei der Ausgestaltung einer übergeordneten Rahmenhandlung zu begrenzen, damit das Zusammenspiel der Geschichten funktioniert. Für „Beichte & Bestechung“ wurde deshalb besonderer Wert darauf gelegt, die Figuren über die einzelnen Erzählungen hinweg miteinander zu verbinden.

Zwischen schwarzem Humor und menschlichen Abgründen
Literarisch lebt „Beichte & Bestechung“ vom reizvollen Gegensatz zwischen dem vermeintlich heiligen Ort und den ausgesprochen unheiligen Absichten seiner Besucher. Ein Kloster steht traditionell für Besinnung, Vergebung und moralische Orientierung. Hier wird es zum Schauplatz von Täuschung, krimineller Energie und menschlichen Schwächen. Diese Umkehrung vertrauter Vorstellungen liefert reichlich Stoff für Situationskomik und satirische Zuspitzungen.

Interessant ist dabei die Frage nach Schuld und Sühne. Können Menschen mit krimineller Vergangenheit tatsächlich einen neuen Weg einschlagen? Ist Reue eine Frage des Glaubens oder der persönlichen Überzeugung? Und wie weit darf jemand gehen, um eine vermeintlich gute Sache zu retten? Hinter dem unterhaltsamen Kriminalgeschehen verbergen sich damit durchaus ernsthafte Fragen nach Moral, Verantwortung und menschlicher Veränderung.

Die Verbindung von Religion und Verbrechen hat in der Kriminalliteratur eine lange Tradition. Schon Umberto Ecos „Der Name der Rose“ nutzte das Kloster als abgeschlossene Welt, in der sich Macht, Geheimnisse und Mord begegnen. Allerdings verfolgt „Beichte & Bestechung“ einen wesentlich leichteren Ansatz. Statt philosophischer Schwere dominieren schwarzer Humor, skurrile Charaktere und die Lust an überraschenden Verwicklungen.

Die besondere Stärke des Konzepts liegt in der Vielfalt der Perspektiven. Jede Autorin bringt ihre eigene Vorstellung davon ein, was einen gelungenen Krimi ausmacht. Dadurch entsteht ein literarisches Mosaik, das seinen Reiz gerade aus den unterschiedlichen Erzählweisen bezieht.

Allerdings birgt diese Konstruktion auch Risiken. Nicht jede Geschichte kann dieselbe Spannung entwickeln, nicht jede Pointe wird bei allen Leserinnen und Lesern gleichermaßen funktionieren. Auch die wechselnden Schreibstile können den Lesefluss gelegentlich unterbrechen. Wer einen streng durchkomponierten Kriminalroman mit kontinuierlich steigender Spannung erwartet, dürfte deshalb mit einer anderen Erwartung an das Buch herangehen müssen.

Frauen schreiben Krimis – und bestimmen die Spielregeln
Auch der Hintergrund des Projekts verdient Aufmerksamkeit. Die beteiligten Schriftstellerinnen stehen teilweise dem Netzwerk der Mörderischen Schwestern nahe. Dieser Zusammenschluss engagiert sich für die Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen und unterstützt Autorinnen bei ihrer literarischen Arbeit.

„Beichte & Bestechung“ zeigt, welches kreative Potenzial in einer solchen Zusammenarbeit steckt. Statt ausschließlich auf die individuelle Leistung einer einzelnen Schriftstellerin zu setzen, steht hier die gemeinsame Entwicklung einer Geschichte im Mittelpunkt. Die Autorinnen müssen Ideen teilen, Kompromisse eingehen und sich auf die Figuren und Handlungsentwicklungen ihrer Kolleginnen einlassen.

Dass daraus nach fünf Jahren tatsächlich ein veröffentlichtes Buch entstanden ist, kann bereits als bemerkenswerte Gemeinschaftsleistung gelten. Denn kreatives Schreiben ist häufig ein einsamer Prozess. Hier wurde daraus ein langfristiges Gemeinschaftsprojekt, bei dem unterschiedliche Temperamente, Erfahrungen und literarische Vorlieben zusammenfinden mussten.

Autorenlesung in der Gemeindebücherei Maisach
Vor kurzem stellten Hannelore Koch, Bhavya Heubisch und Herausgeberin Thea Lehmann das Buch in der Gemeindebücherei Maisach vor. Die Veranstaltung bot die Gelegenheit, nicht nur ausgewählte Geschichten kennenzulernen, sondern auch mehr über die außergewöhnliche Entstehung des Werkes zu erfahren.

Im Anschluss waren die drei Autorinnen zu Gast in einer Extra-Ausgabe des Podcasts „Seitensprung“ der Gemeindebücherei Maisach. Büchereileiterin Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange sprachen mit ihnen über das gemeinsame Schreiben, die Herausforderungen eines Projekts mit 15 Beteiligten und die Frage, wie aus zahlreichen individuellen Ideen eine zusammenhängende literarische Welt entstehen kann.

Fazit: Ein Krimiprojekt, das aus der Reihe fällt

Ein Abend zu zweit beim Heinzinger – wenn aus einem Menü eine kleine Liebesgeschichte wird

18. Oktober 2026

Manchmal braucht es für einen romantischen Abend gar nicht die große Reise, kein Hotel am Meer und keinen Tisch mit Blick auf den Eiffelturm. Manchmal genügt eine Fahrt nach Rottbach. Dort, im kleinen Ortsteil von Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck, steht mit dem Gasthof Heinzinger – Denis Michael Kleinknecht ein Haus, das auf wunderbare Weise zwei Welten miteinander verbindet: die jahrhundertealte Tradition eines bayerischen Dorfwirtshauses und eine moderne, ambitionierte Küche, die sich nicht davor scheut, mit Champagner, Wagyu und überraschenden Geschmackskombinationen zu spielen.

Und genau hier kann man einen dieser Abende verbringen, an die man sich gerne erinnert. Einen Abend zu zweit, an dem die Zeit ein wenig langsamer vergeht und ein Essen nicht bloß aus Vorspeise, Hauptgang und Dessert besteht, sondern aus einer Folge kleiner gemeinsamer Entdeckungen.

Schon die Geschichte des Hauses macht den Heinzinger besonders. Bereits 1389 wird an dieser Stelle eine Taferne erwähnt. Rottbach lag damals an einer Verbindung zwischen Überacker und dem nördlichen Hinterland; selbst Handelswagen der Fugger sollen diese Strecke benutzt haben. 1929 ging die Wirtschaft an die Familie Heinzinger, in deren Besitz das Gebäude bis heute ist. 1954 kam der Saal hinzu. Damit gehört das Haus zu den ältesten urkundlich erwähnten Gebäuden Rottbachs.

Man sitzt also an einem Ort, an dem seit Jahrhunderten Menschen zusammenkommen, essen, trinken, erzählen und feiern. Selbst Künstler entdeckten Rottbach für sich. Im 19. Jahrhundert kamen Maler aus München und der Umgebung ins Brucker Land. Ferdinand Feldhütter hielt sich mehrfach mit Künstlerkollegen in Rottbach auf und rückte in seinen Darstellungen des Ortes ausgerechnet die damalige Tafernwirtschaft, den heutigen Heinzinger, ins Zentrum. Später gehörte auch der Puchheimer Künstler Martin Ludwig zu den Stammgästen.

Seit 2016 trägt vor allem ein Mann die kulinarische Handschrift des Hauses: Denis Michael Kleinknecht. Seine berufliche Biografie erklärt, warum aus dem traditionellen Wirtshaus längst ein bemerkenswertes Gourmetziel geworden ist. Kleinknecht begann 1991 seine Kochlehre in Germering, arbeitete anschließend unter anderem im Münchner „Le Gourmet“ bei Otto Koch, im Randolph Hotel in Oxford, im Acquarello in München und später bei Röckenwagner in Santa Monica. 2016 übernahm er als Küchenchef und Gastwirt den Heinzinger.

Dabei hat er dem alten Gasthof seine Seele nicht genommen. Das ist vielleicht das Entscheidende. Der Heinzinger möchte kein steriler Gourmettempel sein, bei dem man sich kaum zu sprechen traut. Holz, Wirtshausatmosphäre und Geschichte bleiben spürbar, während auf den Tellern eine Küche erscheint, die deutlich über das klassische Repertoire eines Landgasthofs hinausgeht. Der renommierte Restaurantführer Gusto beschreibt genau diesen Gegensatz: Von außen wirke das Haus zunächst wie ein gewöhnliches bayerisches Gasthaus – der Blick auf die Karte zeige dann schnell, dass hier einiges anders läuft.

Und dann beginnt unser Gourmetmenü.
Mit Kalbskopf-Carpaccio, Vinaigrette und Pfifferlingssalat startet der Abend ausgesprochen bodenständig und zugleich elegant. Kalbskopf ist ein Produkt der traditionellen Küche, das heute nur noch selten auf Speisekarten auftaucht. Hier wird daraus ein feines Carpaccio. Die Säure der Vinaigrette nimmt dem Gericht die Schwere, die Pfifferlinge bringen Wald, Erde und Spätsommer beziehungsweise frühen Herbst auf den Teller. Bereits dieser erste Gang erzählt viel über die Philosophie des Hauses: Tradition wird nicht museal bewahrt, sondern weitergedacht.

Das passt zu Kleinknechts erklärtem Konzept. Regionalität bedeutet für ihn nicht Einschränkung, sondern die Möglichkeit, aus dem Vorhandenen etwas Besonderes herauszuarbeiten. Auf der eigenen Website beschreibt der Heinzinger seine Küche als saisonal und regional geprägt; Gemüse soll möglichst umfassend genutzt und regionale Vielfalt kulinarisch veredelt werden.

Danach wird es exotischer: Kokos, Kürbis und Kräuter-Ei. Schon die drei Begriffe zeigen, wie spielerisch diese Küche arbeitet. Kürbis steht für die Region und die Jahreszeit, Kokos öffnet geschmacklich die Tür in eine andere Welt. Das Kräuter-Ei verbindet beides. Es ist ein Gericht der Kontraste – süßlich, erdig, cremig, aromatisch. Und vielleicht ist gerade das ein schönes Bild für einen Abend zu zweit: Vertrautes trifft auf Neues.

Beim dritten Gang wird es ausgesprochen festlich: Ravioli, Garnele und Champagner. Pasta und Krustentier wären für sich genommen schon eine klassische Kombination. Champagner aber verändert die Tonlage. Er bringt Säure, Eleganz und dieses kleine bisschen Luxus hinein, das ein Gourmetmenü von einem gewöhnlichen Abendessen unterscheidet. Es ist einer jener Gänge, bei denen man nicht unbedingt analysieren muss, was der Koch beabsichtigt hat. Man darf einfach probieren, den anderen anschauen und genießen.

Mit der Gelbschwanzmakrele, Riesenbovist und Kapern wird es anschließend ungewöhnlicher. Fisch, Pilz und die intensive salzig-säuerliche Würze der Kapern treffen aufeinander. Der Riesenbovist ist dabei eine besonders schöne Idee: ein heimischer Pilz, den viele eher von einer Wiese als aus der gehobenen Gastronomie kennen. Gerade solche Kombinationen machen den Reiz einer Küche aus, die internationale Erfahrungen mit Produkten aus der Umgebung verbinden möchte.

Und dann kommt ein Gericht, dessen Name beinahe programmatisch für den Heinzinger steht: „Zwiebelrostbraten 2.0“ mit Wagyu, Schalotte, Kartoffel und Jus. Ein Zwiebelrostbraten gehört zum vertrauten süddeutschen und österreichischen Wirtshausrepertoire. Doch die Bezeichnung „2.0“ verrät, dass hier keine nostalgische Kopie serviert werden soll. Wagyu statt gewöhnlichem Rind, Schalotte, Kartoffel und konzentrierte Jus zerlegen den Klassiker gedanklich in seine Bestandteile und setzen ihn neu zusammen. Es ist Wirtshausküche mit Gourmetambition – ohne die eigene Herkunft zu verleugnen.

Gerade dieser Umgang mit Tradition passt zu einem Haus, das selbst mehr als sechs Jahrhunderte gastronomische Geschichte in sich trägt. Die alte Taferne ist nicht zur Kulisse geworden. Sie lebt weiter, nur dass sich das Verständnis davon, was ein Wirtshaus seinen Gästen bieten kann, verändert hat.

Und schließlich darf ein romantischer Abend natürlich nicht ohne eine kleine Liebeserklärung enden. Das Dessert heißt tatsächlich „eine wirklich heiße Liebe“. Schon der Name nimmt der Gourmetküche wohltuend ihre gelegentliche Ernsthaftigkeit. Nach fünf Gängen darf geflirtet werden – sogar auf der Speisekarte. Was genau sich hinter dieser Interpretation der „Heißen Liebe“ verbirgt, lässt das Menü bewusst offen. Gerade das macht neugierig.

Wer es weniger süß und dafür kräftig und herzhaft mag, kann stattdessen Rohmilch-Trüffel-Camembert mit Brot und Feigensenf wählen. Auch das ist ein schöner Abschluss: Käse, gutes Brot, etwas Süße und vielleicht noch ein Glas Wein – mehr braucht es manchmal nicht.

Das Menü wird tischweise serviert. Gerade dieser letzte Punkt passt wunderbar zu einem Essen zu zweit oder zu viert. Man entscheidet sich gemeinsam für die kulinarische Reise. Niemand hetzt zum nächsten Programmpunkt, niemand schaut auf die Uhr. Gang folgt auf Gang, dazwischen bleibt Zeit zum Reden.

Der Heinzinger ist deshalb für mich weit mehr als ein gutes Restaurant auf dem Land. Es ist ein Stück Rottbacher Geschichte, das sich entschieden hat, nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Aus einer mittelalterlichen Taferne wurde über die Jahrhunderte ein Dorfwirtshaus und schließlich ein bemerkenswertes Gourmet-Wirtshaus. Denis Michael Kleinknecht hat diese Geschichte nicht wegmodernisiert, sondern ihr ein neues Kapitel hinzugefügt.

Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Romantik dieses Ortes. Draußen ist Rottbach, ein kleiner Ort im Brucker Land. Drinnen sitzt man in einem Gasthaus, in dem schon Generationen vor uns gegessen und getrunken haben. Vor einem stehen Kalbskopf und Pfifferlinge, Garnele und Champagner, Gelbschwanzmakrele und Riesenbovist, Wagyu und schließlich eine „wirklich heiße Liebe“.

Und gegenüber sitzt im besten Fall genau der Mensch, mit dem man all das teilen möchte – in meinem Fall meine Frau. Dann kann Rottbach für einen Abend tatsächlich ziemlich romantisch sein.

KI-Brillen als Werkzeug für die Arbeitswelt

17. Oktober 2026

In seinem Vortrag zeigte Illya Trubman von Meta, welches Potenzial KI-Brillen künftig vor allem in Unternehmen entfalten könnten. Im Mittelpunkt stand bei seinem Vortrag bei der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft vbw im Rahmen der Veranstaltung XR-Technologien im Unternehmen dabei weniger die Nutzung als Lifestyle-Produkt, sondern der praktische Einsatz in Produktion, Wartung, Logistik, Schulung und Wissensmanagement. Interessant für mich auch die Statements vom vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossard und dem Amtschef des bayerischen Digitalministeriums Dr. Hans Michael Strepp.

Trubman betonte zunächst, dass Meta zwar Hersteller und Plattformanbieter sei, der eigentliche wirtschaftliche Nutzen aber erst durch Partner und Unternehmen entstehe, die Anwendungen für die Brillen entwickeln. Eine wichtige Rolle spiele dabei das europäische Ökosystem. Als zentralen Partner nannte er EssilorLuxottica, zu dessen Marken unter anderem Ray-Ban und Oakley gehören. Über ein Entwickler-Kit könnten Unternehmen zudem eigene Anwendungen erstellen und dabei auf Kamera, Mikrofone und Lautsprecher der Brillen zugreifen. Nach Angaben Trubmans hätten dies bereits mehr als 5.000 Entwickler getan. Hier der Vortrag als Video.

Als entscheidenden Punkt bezeichnete er die Wertschöpfung durch die praktische Anwendung neuer Technologien. Nicht allein die Erfindung einer Technologie entscheide über deren wirtschaftliche Bedeutung, sondern vor allem die Fähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften, sie produktiv einzusetzen. Dies gelte seiner Ansicht nach für künstliche Intelligenz ebenso wie für KI-Brillen.

Eine KI-Brille besteht nach Trubmans Definition aus drei wesentlichen Komponenten: Zunächst bleibt sie eine vollwertige Brille, die auch mit individuellen Sehstärken erhältlich sein kann. Hinzu kommt die fest integrierte künstliche Intelligenz, die beispielsweise die Umgebung beschreiben, Fragen beantworten, Texte übersetzen oder Bilder analysieren kann. Mikrofone, Lautsprecher und Kamera ergänzen das System. Entscheidend sei dabei die Multimodalität: Die KI könne visuelle und akustische Informationen miteinander verbinden und gleichzeitig per Sprache mit dem Nutzer kommunizieren.

Besonders großes Potenzial sieht Trubman bei Beschäftigten, die nicht am Schreibtisch arbeiten, sondern beispielsweise an Maschinen, in Werkstätten oder Lagern tätig sind. Gerade dort sei eine freihändige Bedienung entscheidend. Ein Mitarbeiter könne während seiner Arbeit Fragen stellen, ohne Werkzeug oder Bauteile aus der Hand legen zu müssen. Gleichzeitig erfasse die Kamera den jeweiligen Arbeitskontext, sodass die KI ihre Antworten auf die konkrete Situation beziehen könne.

Als Beispiel stellte Trubman das Münchner Unternehmen Circus SE vor. Das Unternehmen entwickelt automatisierte Küchenrobotik, mit der große Mengen unterschiedlicher Mahlzeiten zubereitet werden können. Für Betrieb, Wartung und Schulung werden dennoch qualifizierte Mitarbeiter benötigt. Bei einer internationalen Expansion sei es jedoch weder praktikabel, sämtliche Mitarbeiter zur Schulung nach München zu holen, noch große Maschinen für Trainingszwecke durch die Welt zu transportieren.

Hier sollen KI-Brillen eine dezentrale Ausbildung ermöglichen. Trainingsunterlagen, Prozesswissen und standardisierte Abläufe können in ein KI-System integriert werden. Mitarbeiter erhalten damit Unterstützung genau in dem Moment, in dem sie vor einer Maschine stehen und Hilfe benötigen. Erkennt die Kamera beispielsweise einen bestimmten Zustand oder eine Warnanzeige, kann das System erklären, welche Arbeitsschritte als Nächstes notwendig sind.

Trubman hob zudem die Möglichkeiten einer individuelleren Wissensvermittlung hervor. Informationen könnten abhängig von Situation und Nutzer über Sprache, visuelle Hinweise oder ein Display vermittelt werden. Auch Sprachbarrieren ließen sich durch Übersetzungsfunktionen reduzieren. Statt umfangreiches Wissen ausschließlich vor einer Tätigkeit zu vermitteln, werde Unterstützung unmittelbar während der Arbeit verfügbar.

Bei Circus komme dafür eine als „Operator AI“ bezeichnete Anwendung zum Einsatz. Sie verbindet vorhandenes Trainings- und Unternehmenswissen mit dem aktuellen Arbeitskontext. Nach Trubmans Darstellung soll das System zudem aus den Interaktionen lernen und dadurch die Unterstützung für nachfolgende Anwender verbessern.

Über dieses Beispiel hinaus sieht Meta zahlreiche Einsatzmöglichkeiten für KI-Brillen. Dazu gehören Instandhaltung und Service, Logistik und Produktion, Qualitätskontrolle, Schulung sowie Dokumentation und Wissensmanagement. In einem Lager könnten Mitarbeiter beispielsweise bei der Navigation und Kommissionierung unterstützt werden. Bei Wartungsarbeiten könnten Arbeitsschritte dokumentiert, Bauteile erkannt oder festgestellte Mängel protokolliert werden.

Eine weitere Möglichkeit ist die Verbindung mit menschlichen Experten. Reicht die Unterstützung der KI nicht aus, könnte ein Mitarbeiter über die Brille Kontakt zu einem Spezialisten aufnehmen. Dieser sieht aus der Perspektive des Mitarbeiters das Kamerabild und kann unmittelbar Hinweise geben. Damit verbindet das Konzept automatisierte KI-Unterstützung mit klassischem Remote-Support.

Trubmans zentrale Botschaft lautete damit: Der Wert von KI-Brillen liegt weniger in der Hardware selbst als in ihrer Integration in konkrete Arbeitsprozesse. Besonders dort, wo Beschäftigte beide Hände benötigen und gleichzeitig Informationen, Schulungswissen oder Unterstützung brauchen, könnten solche Systeme zu einer neuen Schnittstelle zwischen Mensch, Unternehmenswissen und künstlicher Intelligenz werden. Entscheidend werde sein, welche Anwendungen Unternehmen auf dieser technischen Grundlage entwickeln und wie sinnvoll sie diese in ihre bestehenden Prozesse integrieren.

Buchtipp: Hermann Hesse neu entdecken – Hilmar Klutes leidenschaftlicher „Aufbruch ins Leben“

16. Oktober 2026

Hermann Hesse gehört zu jenen Schriftstellern, die viele Leser bereits in jungen Jahren entdecken und die sie anschließend ein Leben lang begleiten können. Dazu gehöre auch ich. Ich habe meinen Hesse geliebt. Und genau von einer solchen Beziehung handelt Hilmar Klutes Buch Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben aus dem C.H. Beck-Verlag. Es ist weder eine klassische Biografie noch eine streng literaturwissenschaftliche Untersuchung. Klute nähert sich Hesse vielmehr als Leser, Schriftsteller und Literaturkritiker. Er verbindet Hesses Lebensgeschichte mit dessen Werk und zugleich mit der eigenen Leseerfahrung. Daraus entstand ein sehr persönliches, aber keineswegs unkritisches Porträt eines Autors, dessen Gedanken Klute erstaunlich häufig auf die Gegenwart bezieht.

Die Struktur des Buches verrät bereits, worum es Klute geht. Seine Kapitel tragen Überschriften wie „Lesen und Schreiben“, „Gehen und Bleiben“, „Kinder und Eltern“, „Innen und Außen“, „Ich und die Anderen“, „Körper und Seele“, „Arbeit und Müßiggang“, „Dank und Gruß“, „Krieg und Frieden“ sowie „Ernst und Spaß“. Das sind bewusst Gegensatzpaare. Hesse erscheint dadurch nicht als Persönlichkeit, die sich auf eine einfache Formel reduzieren ließe, sondern als Mensch voller Spannungen und Widersprüche.

Ausgangspunkt ist Klutes eigene Begegnung mit Hesse. Als Jugendlicher aus einem nach eigener Beschreibung bildungsfernen Elternhaus entdeckt er Hesses Essay Eine Bibliothek der Weltliteratur. Diese Lektüre wird für ihn zu einer Art Initialzündung. Bildung erscheint plötzlich nicht mehr als schulische Pflicht oder gesellschaftliches Statussymbol, sondern als etwas, das seinen Wert in sich selbst trägt. Hesse wird zum Wegweiser in die Literatur. Entsprechend versteht Klute ihn nicht als autoritären Bildungsbürger, der einen Kanon vorschreibt, sondern als Begleiter, der zum selbstständigen Lesen ermutigt.

Hier liegt eine zentrale These des Buches: Hesses Literatur handelt vom Aufbruch. Der Mensch soll sich entwickeln, Gewissheiten überprüfen, Räume verlassen und seinen eigenen Weg suchen. Klute findet dieses Prinzip in Romanen wie Peter Camenzind, Demian, Siddhartha, Der Steppenwolf und Das Glasperlenspiel, aber ebenso in Essays, Gedichten und Briefen. Schon Peter Camenzind enthält für ihn wesentliche Lebensthemen Hesses: die Suche nach Wahrheit in unterschiedlichen Kulturen, die Selbstfindung durch Schreiben und die Vorstellung, dass Kindheit und Jugend entscheidende Voraussetzungen des späteren Lebens bilden.

Besondere Bedeutung erhält dabei das berühmte Gedicht „Stufen“. Klute löst es aus der etwas abgegriffenen Verwendung seiner bekanntesten Zeile vom „Zauber“ des Anfangs und liest es als ernsthafte Aufforderung zur Veränderung. Aufbruch bedeutet bei Hesse nicht zwangsläufig Fortschrittsoptimismus. Er kann schmerzhaft sein, mit Verlust verbunden und sogar scheitern. Entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, sich nicht im Erreichten einzurichten. Diese Haltung verbindet Klute auch mit Josef Knecht im Glasperlenspiel: Wissen und Bildung dürfen nicht zum abgeschlossenen Selbstzweck einer Elite werden, sondern müssen wieder in die Welt und zu den Menschen zurückkehren.

Klute zeichnet Hesse dabei keineswegs als makelloses Vorbild. Besonders deutlich wird das beim Thema Familie. Der Schriftsteller, der die Empfindungen und Verletzungen von Kindern außergewöhnlich sensibel darstellen konnte, erwies sich im eigenen Familienleben als schwieriger Vater. Nach der Trennung von seiner Frau Maria wurden die drei Söhne Bruno, Heiner und Martin anderen Menschen anvertraut. Klute betrachtet Hesses Selbstdeutung dieser Jahre mit deutlicher Distanz. Er erkennt einen Künstler, der sein eigenes Leiden sehr genau wahrnimmt, die Belastungen seiner Umgebung aber gelegentlich vor allem als zusätzliche Belastung für sich selbst versteht.

Hesse erscheint hier als „Beziehungsflüchtling“, der im Konfliktfall zum Rückzug neigte und sein Werk im Zweifel über familiäre Verpflichtungen stellte. Gerade diese Widersprüche machen Klutes Hesse-Porträt interessant. Der gefeierte Individualist brauchte andere Menschen. Der Einsiedler schrieb unzählige Briefe. Der Kritiker moderner Medien arbeitete selbst höchst produktiv journalistisch. Der Kulturpessimist war zugleich ein leidenschaftlicher Kulturenthusiast. Und der angeblich weltabgewandte Dichter war politischer, als sein verbreitetes Image vermuten lässt.

Dieser politische Hesse gehört für mich zu den stärksten Aspekten des Buches. Klute arbeitet insbesondere dessen Pazifismus heraus. Der Erste Weltkrieg erschütterte Hesses Vertrauen in Deutschland und dessen Kultur tief. Seine Ablehnung des Krieges brachte ihm massive Anfeindungen ein. Später erkannte er früh die Gefahren des Nationalismus und des Nationalsozialismus. Während der NS-Zeit unterstützten Hermann und Ninon Hesse Verfolgte und Emigranten; ihr Haus in Montagnola wurde zeitweise zum Zufluchtsort. Hesse versuchte außerdem, Visa und Papiere für Menschen auf der Flucht zu beschaffen.

Klute interpretiert das Glasperlenspiel vor diesem Hintergrund auch als geistige Gegenwelt zum Nationalsozialismus. Hesses Widerstand bestand demnach auf zwei Ebenen: in konkreter Unterstützung und publizistischer Opposition einerseits sowie in der literarischen Konstruktion einer Welt des Geistes andererseits.
Hesses Individualismus bedeutet dabei gerade nicht Gleichgültigkeit gegenüber der Gesellschaft. Sein „Eigensinn“ soll den Einzelnen vielmehr widerstandsfähig gegen Ideologien, Massenbewegungen und vorgefertigte Wahrheiten machen.

Darin entdeckt Klute eine auffällige Aktualität. Hesses Skepsis gegenüber der Beschleunigung des Lebens, der Vermarktung von Kultur und der Übermacht von Medien verbindet er mit heutigen Erfahrungen von sozialen Netzwerken, Informationsüberflutung und künstlicher Intelligenz. Solche Gegenwartsbezüge sind bewusst zugespitzt. Klute behauptet nicht, Hesse habe unsere digitale Welt vorhergesagt. Er zeigt vielmehr, dass dessen Frage nach der Selbstständigkeit des Individuums unter dem Druck äußerer Einflüsse heute erneut gestellt werden kann.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Hesses Verhältnis zu Krankheit, psychischen Krisen und dem Tod. Klute romantisiert diese dunklen Seiten nicht. Hesse erscheint als zeitweise schwer verzweifelter Mensch, der sich mit Gedanken an Selbsttötung beschäftigte. Gleichzeitig entdeckt Klute bei ihm eine überraschende Fähigkeit zur Selbstironie und zur Rückkehr ins Leben. Gerade in scheinbar kleinen Augenblicken kann die Todessehnsucht wieder in Lebensbejahung umschlagen.
Der „Aufbruch ins Leben“ des Buchtitels bekommt dadurch eine tiefere Bedeutung: Aufbruch ist bei Hesse kein einmaliges biografisches Ereignis, sondern eine immer wieder notwendige Bewegung aus Erstarrung, Verzweiflung und Selbstverlust heraus.

Besonders sympathisch ist Klutes Versuch, mit einem weiteren Hesse-Klischee aufzuräumen: dem angeblich völlig humorlosen Dichter des deutschen Seelenschmerzes. Das letzte Kapitel „Ernst und Spaß“ zeigt einen Hesse, der parodieren, spotten und vor allem über sich selbst lachen konnte. Klute widerspricht ausdrücklich Kurt Tucholskys Urteil, Hesse fehle es an Humor und Selbstironie. Nicht alle humoristischen Texte Hesses seien gelungen, einige seien in ihrer Zivilisationskritik schlecht gealtert. Andere aber zeigten beträchtliches komisches Talent. Klute verweist zudem auf Hesses Bewunderung für Joachim Ringelnatz und Karl Valentin und sieht gerade in der Selbstironie einen wichtigen Bestandteil seines Wesens.

Auch Hesses umfangreiche Korrespondenz spielt eine wichtige Rolle. Sie korrigiert das Bild vom weltabgewandten Einsiedler. Hesse suchte das Gespräch und benötigte geistige Verbündete. Besonders die Verbindung mit Stefan Zweig und Romain Rolland interpretiert Klute als eine Art europäische Friedenskultur. Die Briefe sind für ihn deshalb nicht bloß biografisches Begleitmaterial, sondern Bestandteil von Hesses Werk.

Das Besondere an Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben besteht letztlich darin, dass Klute keinen Anspruch auf endgültige Deutung erhebt. Sein Buch ist eine Einladung zum Wiederlesen. Dabei verschweigt er seine Verehrung nicht. Hesse war für ihn eine prägende literarische Erfahrung, und diese persönliche Bindung bestimmt den Ton des gesamten Buches. Gerade deshalb ist Klutes Darstellung keine distanzierte Biografie. Sie ist vielmehr ein literarischer Essay über einen Schriftsteller und darüber, was Literatur im Leben eines Menschen bewirken kann.

Diese Nähe ist zugleich Stärke und mögliche Schwäche des Buches. Wer eine systematische Hesse-Biografie oder eine nüchterne literaturhistorische Neubewertung erwartet, wird hier nicht vollständig bedient. Klute verteidigt Hesse deutlich gegen manche seiner Kritiker und betrachtet ihn mit großer Sympathie. Gelegentlich geraten die Aktualisierungen – etwa bei sozialen Medien, Technik oder künstlicher Intelligenz – sehr nahe an unsere Gegenwart und entfernen sich damit vom historischen Hesse. Doch Klute macht aus dieser Subjektivität kein Geheimnis. Sein Verfahren besteht gerade darin, Hesse aus der musealen Distanz herauszuholen.

Daraus entsteht ein ausgesprochen zugängliches und lebendiges Buch. Klute zeigt Hesse nicht als bronzenen Nobelpreisträger, sondern als widersprüchlichen Menschen: verletzlich und selbstbezogen, großzügig und schwierig, weltabgewandt und politisch hellwach, depressiv und humorvoll, kulturkritisch und zugleich von Literatur und Kunst begeistert. Vor allem aber erscheint Hesse als Schriftsteller des Individuums. Seine zentrale Frage lautet in Klutes Lesart immer wieder: Wie kann ein Mensch unter dem Druck von Familie, Schule, Gesellschaft, Politik, Ideologien und eigenen Ängsten zu sich selbst finden, ohne sich von der Welt abzuwenden?

Gerade darin liegt die bleibende Aktualität, die Klute seinem Autor zuschreibt. Hesse liefert keine fertige Weltanschauung. Im Gegenteil: Er misstraut denjenigen, die solche Gewissheiten anbieten. Seine Literatur fordert dazu auf, selbst zu lesen, selbst zu denken, Zweifel auszuhalten und immer wieder neu anzufangen. Hilmar Klutes Buch macht überzeugend deutlich, weshalb diese Haltung Hermann Hesse weit über die Rolle eines einstigen Kultautors jugendlicher Sinnsucher hinaushebt. Es ist eine kenntnisreiche und bewusst persönliche Wiederentdeckung eines Schriftstellers, dessen Werk weniger Antworten bereithält als die Aufforderung, den eigenen Weg überhaupt erst zu suchen.

Wärme, Moor und Wohlgefühl – warum das ZfG im Herbst auf Fango setzt

15. Oktober 2026

Mit dem Herbst kommt die Wärme: In der 21. Folge des Videopodcasts „Dombo bewegt“ sprechen Norman Dombo vom Zentrum für Gesundheit in Maisach und Matthias J. Lange über eine Behandlung, die seit vielen Jahren zum Angebot der Praxis gehört – Fango. Doch Fango ist nicht gleich Fango. Das ZfG setzt bewusst auf Naturmoor-Einmalpackungen und wiederverwendbare Wärmeträger.

Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken und damit beginnt im Zentrum für Gesundheit traditionell auch wieder die Zeit der Herbstaktionen. Wärme spielt dabei eine wichtige Rolle. Für Norman Dombo ist das eine gute Gelegenheit, einmal genauer zu erklären, was eigentlich auf der Behandlungsliege landet, wenn von einer Fangopackung die Rede ist.

Im ZfG kommt echtes Naturmoor zum Einsatz. Es handelt sich um ein Naturprodukt, das aus der Erde gewonnen, aufbereitet, gewässert und auf eine Folie aufgebracht wird. Chemische Zusätze sind nach Dombos Angaben nicht enthalten. Über das Moor kommt ein sogenanntes Pelliod, darüber ein Tuch und schließlich der eigentliche Wärmeträger. Dieser ist ebenfalls mit Moor gefüllt, jedoch vollständig verschlossen und mehrfach verwendbar. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, Wärme zu speichern und über längere Zeit gleichmäßig abzugeben.

Damit unterscheidet sich das Verfahren von einem klassischen Paraffin-Fango, wie es ebenfalls in therapeutischen Praxen eingesetzt wird. Dort wird das Material stark erhitzt, anschließend wieder auf Behandlungstemperatur heruntergekühlt und nach der Anwendung erneut aufbereitet. Norman Dombo sieht darin unter anderem einen vergleichsweise hohen Energieaufwand. Zudem bevorzugt er das Temperaturverhalten des im ZfG eingesetzten Systems.

Ein wichtiger Vorteil für ihn: Die Naturmoorpackung wird zunächst bei Zimmertemperatur aufgelegt. Die Wärme kommt anschließend vom darüberliegenden Wärmeträger und gelangt allmählich durch die Packung zum Körper. Die Behandlungstemperatur steigt also langsam an. Gerade für Menschen, die starke Hitze zu Beginn einer Behandlung als unangenehm empfinden, kann dies angenehmer sein. Die Wärmeträger werden im ZfG in einem Wasserbad auf knapp 60 Grad Celsius erwärmt und geben ihre gespeicherte Wärme nach und nach ab.

Eingesetzt werden solche Wärmeanwendungen vor allem dort, wo therapeutisch Wärme gewünscht ist – beispielsweise im Schulter- und Nackenbereich oder am unteren Rücken. Grundsätzlich können je nach ärztlicher Diagnose und Verordnung aber auch andere Körperregionen behandelt werden. Wärme kann dazu beitragen, die Muskulatur zu entspannen und auf weitere therapeutische Maßnahmen vorzubereiten.

Naturmoor bringt dabei seine eigenen Eigenschaften mit. Es ist mineralstoffreich, leicht sauer und kann je nach Charge aufgrund natürlicher Bestandteile auch einen charakteristischen Geruch entwickeln. „Manche Chargen riechen ein bisschen nach faulen Eiern“, erklärt Dombo mit einem Lachen. Das sei kein Qualitätsmangel, sondern schlicht Natur.

Bei aller Begeisterung für die wohltuende Wärme betont Dombo allerdings einen Punkt besonders: Eine intensive Wärmeanwendung ist nicht für jeden Menschen automatisch geeignet. Vor allem bei bekannten Herz-Kreislauf-Problemen ist Vorsicht angebracht. Deshalb klärt das Zentrum für Gesundheit auch bei Selbstzahlern im Zweifelsfall zunächst ab, ob aus medizinischer Sicht etwas gegen eine Fangobehandlung spricht. Sicherheit gehe vor schneller Behandlung, betont Dombo.

Interessant ist auch die Frage nach der Nachhaltigkeit. Während die Wärmeträger immer wieder verwendet werden können, handelt es sich beim eigentlichen Naturmoor um Einmalpackungen. Weil das Material weitgehend aus einem Naturprodukt besteht, hatte das ZfG in der Vergangenheit sogar eine ungewöhnliche Recyclingidee: Patienten konnten das verwendete Moor mitnehmen und im Garten weiterverwenden. Gerade Pflanzen, die einen eher sauren Boden bevorzugen, können davon profitieren. So fand manche Fangopackung nach ihrem Einsatz in der Praxis noch eine zweite Verwendung im heimischen Garten.

Für die kalte Jahreszeit hat sich das Zentrum für Gesundheit jedenfalls bereits vorbereitet: Kartonweise wurde Nachschub bestellt. Denn die Fangobehandlungen gehören seit Jahren zu den wiederkehrenden Herbstangeboten des ZfG.

Und Matthias J. Lange? Der zeigt sich am Ende des Gesprächs durchaus überzeugt von der Aussicht auf eine warme Behandlungsliege. Seine Idee für eine der nächsten Folgen steht jedenfalls schon: Er legt sich einfach auf die Liege, Norman Dombo übernimmt die Fangopackung – und der Podcast läuft währenddessen weiter.

Folge 21 von „Dombo bewegt“ zeigt damit einmal mehr, was das Format ausmacht: verständliche Informationen aus dem Praxisalltag, medizinische Hintergründe und ein Gespräch, bei dem auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Zwischen Verfall und Vergessen: Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter zu Gast im PresseClub München

14. Oktober 2026

Verlassene Fabriken, vergessene Bauernhöfe, geplünderte Krankenhäuser und die Geschichten hinter zerfallenden Mauern: Im PresseClub München gewährte die Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter faszinierende Einblicke in ihre Arbeit. Im Gespräch mit Matthias J. Lange, Beirat im Vorstand des PresseClubs München, sprach sie über die Ästhetik des Verfalls, ihre fotografische Leidenschaft, gefährliche Begegnungen, den verantwortungsvollen Umgang mit verlassenen Orten und die zerstörerischen Auswirkungen sozialer Medien. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt einer neuen Reihe zur Fotografie im PresseClub München.

Es sind Orte, die ihre ursprüngliche Bestimmung längst verloren haben. Gebäude, in denen einst Menschen lebten, arbeiteten, feierten oder litten. Heute stehen sie leer, verfallen langsam und werden von der Natur zurückerobert. Für viele Menschen sind solche Ruinen lediglich Schandflecken oder gefährliche Überreste vergangener Zeiten. Für Agnes Hörter dagegen sind sie faszinierende Zeitzeugen, die Geschichten erzählen. Die Fotografin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sogenannten Lost Places und hat ihre Entdeckungen bereits in drei Büchern dokumentiert. Hier die Aufzeichnung des Gesprächs im PresseClub.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Ort seine Geschichte selbst erzählt“, erklärte Hörter im PresseClub München. „Der eine gibt mehr oder weniger von sich preis.“ Genau diese Geschichten sind es, die sie antreiben. Dabei geht es ihr nicht ausschließlich um spektakuläre Bilder, sondern um die Menschen, die Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich hinter verlassenen Mauern verbergen.

Mit der Veranstaltung eröffnete der PresseClub München eine neue Reihe, die sich verstärkt der Fotografie widmen soll. Moderator Matthias J. Lange betonte zur Begrüßung die Bedeutung der Fotografie als Bestandteil journalistischer Arbeit. Bilder seien weit mehr als Illustrationen. Sie dokumentierten Wirklichkeit, vermittelten Zusammenhänge und könnten Geschichten erzählen, die sich mit Worten allein kaum beschreiben ließen. Mit Agnes Hörter habe man bewusst eine Fotografin eingeladen, die sich einem ungewöhnlichen fotografischen Genre verschrieben habe.

Eine verlassene Möbelfabrik als Beginn einer Leidenschaft

Der Ursprung von Hörters Begeisterung liegt in einer zufälligen Entdeckung. Bei einem Spaziergang stieß sie auf eine verlassene Möbelfabrik. Eine eingestürzte Industriehalle, überwucherte Gleise und die Überreste einer längst eingestellten Produktion weckten ihre Neugier. „Das ist schon irre, wenn man sich vorstellt, dass da mal produziert wurde und dann wachsen da Farne, kleine Bäume, Moose, Pilze“, erinnerte sie sich. „Da, wo früher gearbeitet wurde, das ist so ein ganz neuer kleiner Kosmos.“

Was von außen wie eine gewöhnliche Ruine ausgesehen habe, entpuppte sich im Inneren als geheimnisvolle Welt. „Das ist auch so ganz anders wie das, was man sonst sieht. Und das sieht man nicht, wenn man nicht in dieses Gebäude kommt.“ Aus dieser ersten Entdeckung entwickelte sich eine Leidenschaft, die Hörter bis heute nicht losgelassen hat. Die Faszination beginnt für sie bereits vor dem Betreten eines Gebäudes. „Ich glaube, in allererster Linie bin ich aufgeregt. Es ist spannend. Ich habe da was gefunden. Und dann juckt es mich so ein bisschen in den Fingern.“

Allerdings unterscheidet sie deutlich zwischen verlassenen Industrieanlagen und ehemaligen Wohnhäusern. Während Fabriken vor allem ihre Neugier auf technische und historische Zusammenhänge wecken, lösen zurückgelassene Wohnungen und Bauernhöfe häufig ganz andere Gefühle aus. „Ich glaube, das berührt einen schon, wenn du plötzlich in einem Zimmer stehst und da ist noch ganz viel drin“, sagte Hörter. „Da fühlt man sich dann schon so als Eindringling.“

Besonders bewegend sei der Anblick vollständig eingerichteter Häuser, deren Bewohner offenbar eines Tages verschwunden seien. Möbel, Kleidung, Zeitungen und persönliche Gegenstände ließen erahnen, wie die Menschen einst gelebt hätten. „Das ist dann auch so ein Moment, wo man sich überlegt: Mache ich das jetzt eigentlich? Gucke ich mich in einem fremden Leben um oder lasse ich es lieber?“ Ihre Antwort fiel bemerkenswert offen aus: „Aber meistens, muss ich zugeben, bin ich einfach zu neugierig und das ist zu spannend.“

Wenn verlassene Häuser von Einsamkeit erzählen

Wie intensiv sich Hörter mit den Geschichten hinter ihren Motiven beschäftigt, verdeutlichte sie anhand eines verlassenen Bauernhofs. Dessen ehemaliger Bewohner war ein hochdekorierter Feuerwehrkommandant gewesen. In seinen letzten Lebensjahren hatte er offenbar nur noch wenige Räume im Erdgeschoss genutzt. Die oberen Stockwerke waren über Jahrzehnte weitgehend unverändert geblieben, während Teile des Gebäudes bereits einstürzten.

Für die Fotografin entstand daraus ein berührendes Bild menschlicher Vergänglichkeit. Wie konnte ein Mann, der beruflich große Verantwortung getragen hatte, am Ende unter derart schwierigen Bedingungen leben? „Da fragt man sich unwillkürlich, was ist da passiert?“, erzählte Hörter. Vielleicht sei der Mann zu stolz gewesen, um Hilfe anzunehmen. Vielleicht habe er seine Selbstständigkeit nicht aufgeben wollen. Sie machte allerdings deutlich, dass solche Überlegungen Interpretationen seien und keine gesicherten Erkenntnisse. „Das sind natürlich alle Spekulationen.“

Gerade hier zeigte sich die besondere Verbindung zwischen Fotografie und journalistischem Erzählen. Denn Hörter möchte nicht bloß den Verfall dokumentieren. Sie versucht, den Menschen hinter den zurückgelassenen Gegenständen gerecht zu werden. „Ich glaube, es gibt auch eine Grenze dessen, was man zeigen kann oder zeigen sollte.“

Im Fall des ehemaligen Feuerwehrkommandanten entschied sie sich deshalb, vor allem die erhalten gebliebenen schönen Wohnbereiche und dessen Engagement bei der Feuerwehr zu dokumentieren. Die Verwahrlosung sollte nicht im Mittelpunkt stehen. „Man muss ja nicht das Schlechte hervorheben“, betonte sie.

Damit berührte das Gespräch eine zentrale Frage des dokumentarischen Journalismus: Darf alles gezeigt werden, nur weil es fotografiert werden kann? Und welche Verantwortung trägt derjenige, der private Lebensgeschichten öffentlich macht? Für Hörter gehört der Respekt vor den früheren Bewohnern untrennbar zu ihrer fotografischen Arbeit.

Die Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die fotografische Arbeitsweise. Hörter besitzt eine künstlerische Ausbildung, betrachtet ihre Arbeit aber nicht ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten. „Ich glaube, jedes Foto ist irgendwo auch ein bisschen künstlerisch“, erklärte sie.

Entscheidend sei zunächst, die besondere Atmosphäre eines Ortes einzufangen. Dabei arbeite sie mit vergleichsweise überschaubarer Ausrüstung. Neben einer kleinen Digitalkamera nutzt sie inzwischen eine zweite Kamera, ein Weitwinkelobjektiv, ein Stativ und bei Bedarf zusätzliche Beleuchtung. Die Ausrüstung müsse vor allem zuverlässig funktionieren. Schließlich seien die Bedingungen in verlassenen Gebäuden selten ideal. Häufig herrsche Zeitdruck, Räume seien dunkel und manche Orte könnten nur schwer erreicht werden. „Manchmal weißt du einfach, du hast nicht viel Zeit, du musst dich beeilen. Dann brauchst du eine kleine Kamera, auf die du dich verlassen kannst.“

Bei größeren Fabrikanlagen könne eine fotografische Erkundung durchaus sechs oder acht Stunden dauern. Deshalb gehörten neben Kameras und Taschenlampen auch Proviant und Verbandsmaterial zur Ausrüstung. Hörter versucht, jeden Raum möglichst vollständig zu dokumentieren. Neben Gesamtansichten entstehen Detailaufnahmen von Maschinen, Möbeln, Werkzeugen oder persönlichen Gegenständen. „Ich versuche immer, das Raum für Raum vorzugehen“, beschrieb sie ihre Methode.

Dabei habe sie durchaus aus Fehlern gelernt. Einmal sei sie aus einem großen Bauernhaus mit zahlreichen gelungenen Detailaufnahmen zurückgekehrt, habe aber vergessen, einen besonders interessanten Raum vollständig zu fotografieren. „Da habe ich mich aber geärgert.“

Die digitale Nachbearbeitung ihrer Bilder hält Hörter bewusst zurückhaltend. Sie fotografiert überwiegend im JPEG-Format und korrigiert anschließend vor allem Kontraste, Helligkeit und Farben. „Ich versuche vorrangig, die Stimmung vor Ort zu transportieren. Und im Grunde braucht es da nicht sehr viel.“ Auch HDR-Techniken setzt sie gelegentlich ein, etwa um verborgene Strukturen oder alte Tapetenmuster sichtbar zu machen. Allerdings gilt für sie der Grundsatz: „So wenig wie möglich, nur das, was nötig ist.“

Besonders interessant war ihre Haltung zum Bewegtbild. Obwohl sie mittlerweile auch eine Drohne besitzt, möchte sie sich nicht unbedingt zur Videoproduzentin entwickeln. „Ich glaube, Videos wird nicht so mein Ding“, sagte sie. Das Internet sei bereits von zahllosen, häufig reißerisch aufgemachten Videos überschwemmt. Sie sehe keinen Grund, sich diesem Trend anschließen zu müssen.

Drohnen eröffnen neue Perspektiven

Die Drohnenfotografie betrachtet Hörter dagegen als wertvolle Ergänzung ihrer Arbeit. Gerade bei weitläufigen Industrieanlagen ermögliche der Blick aus der Luft Erkenntnisse, die vom Boden aus kaum zu gewinnen seien. „Denn eine große Kristallfabrik oder so, du kriegst ja diesen ganzen Komplex nie zusammen“, erläuterte sie.

Aus 60 oder 70 Metern Höhe ließen sich beispielsweise Produktionshallen, Lagerflächen und Transportwege erkennen. Mitunter würden dadurch sogar historische Produktionsabläufe verständlich. Auch ehemalige Schwimmbäder oder Freizeitparks entwickelten aus der Vogelperspektive eine eigene Ästhetik. Die Anordnung von Wasserbecken, Rutschen und Gebäuden werde erst aus der Luft vollständig sichtbar.

Hörter betonte allerdings, dass der Einsatz einer Drohne zusätzliche technische Kenntnisse und die Beachtung gesetzlicher Vorschriften erfordere. Besonders bei Flügen innerhalb einsturzgefährdeter Gebäude sei sie zurückhaltend.

Wenn aus Fotografieren ein Polizeieinsatz wird

Dass Lost-Places-Fotografie nicht nur romantische Entdeckungen bereithält, sondern durchaus gefährlich werden kann, verdeutlichte Hörter mit einer spektakulären Geschichte aus Hessen. Gemeinsam mit zwei Begleitern erkundete sie einen verlassenen Krankenhauskomplex. Die Eingangstür stand offen. Im Keller begegnete die Gruppe zunächst mehreren mutmaßlichen Kabeldieben, die sich beim Anblick der Fotografen erschreckten und flüchteten.

Die Fotografen setzten ihre Erkundung fort. Wenig später hörte Hörter plötzlich schwere Schritte und den Ruf: „Hände hoch, Polizei!“ Zunächst glaubte sie an einen Scherz anderer Besucher. Doch die Situation wurde schnell ernst. Schwer ausgerüstete Polizisten durchsuchten das Gebäude und kontrollierten ihre Begleiter. „In dem Moment merkst du, okay, das ist ernst.“

Hörter selbst hatte sich zunächst in einem Raum aufgehalten und wurde schließlich ebenfalls entdeckt. Rückblickend berichtete sie mit trockenem Humor von ihrer Reaktion. „Ich war vielleicht so schockiert, dass ich gar keine Angst mehr haben konnte. Ich war eigentlich nur besorgt um meine Fotos.“

Wie sich herausstellte, waren die Fotografen mitten in eine verdeckte Polizeiaktion gegen Kabeldiebe geraten. „Das war echt ungünstig“, kommentierte Hörter die Situation. Nachdem die Personalien aufgenommen worden waren, durfte die Gruppe das Gebäude verlassen. Konsequenzen habe die Begegnung für sie nicht gehabt.

Eine weitere abenteuerliche Geschichte spielte in einem ehemaligen Swingerclub, dessen Räume aufwendig künstlerisch gestaltet worden waren. Ein Ägyptenzimmer, ein Dschungelzimmer und weitere Themenräume machten das Gebäude zu einem außergewöhnlichen fotografischen Motiv. Allerdings fühlten sich Hörter und ihre Begleitung zunehmend unwohl. Als im Keller plötzlich ein rotes Warnlicht aufleuchtete, ertönte der vereinbarte Alarmruf: „Lauf!“

„Was dazu geführt hat, dass ich dann einen Hechtsprung aus dem Fenster gemacht habe. James Bond hätte es nicht besser machen können.“

Nach Hörters Schilderung gehörte das Gebäude einer Rockergruppe. Ob tatsächlich Gefahr bestanden habe, blieb offen. Hörter war jedenfalls froh, den Ort verlassen zu haben. Solche Erlebnisse seien jedoch keineswegs der Grund, weshalb sie Lost Places fotografiere. Auf die Frage nach ihrer Abenteuerlust erklärte sie: „Da bin ich eher so zurückhaltend. Abenteuer brauche ich nicht unbedingt. Also manchmal ist mir das entspannte Fotografieren lieber.“

„Zu ist zu“ – der schwierige Ehrenkodex der Lost-Places-Szene

Ausführlich diskutierten Hörter und Lange über die rechtlichen und moralischen Grenzen der Lost-Places-Fotografie. Ein Grundsatz, den Hörter auch in ihren Büchern vertritt, lautet: „Zu ist zu.“

Sie selbst breche keine Türen auf und zerstöre keine Schlösser. Gleichzeitig räumte sie offen ein, dass viele ihrer fotografischen Entdeckungen nur deshalb möglich seien, weil andere Menschen zuvor unbefugt Zugänge geschaffen hätten. „Die Krux an der Geschichte ist, ich würde in die meisten Gebäude ja nicht reinkommen, wenn nicht vorher jemand eingebrochen oder aufgebrochen hätte.“

Das sei ein Widerspruch, mit dem sie leben müsse. Viel lieber würde sie offizielle Genehmigungen erhalten. Doch gerade bei leerstehenden Gebäuden seien Eigentumsverhältnisse häufig kompliziert und Ansprechpartner schwer zu erreichen. „Es wäre mir schon lieber, ich würde eine Genehmigung bekommen. Aber da rennst du ja oft gegen Wände.“

Hörter warnte zugleich davor, die gesamte Lost-Places-Szene pauschal als verantwortungsbewusste Gemeinschaft darzustellen. „Es heißt immer, ja, das sind die Lost-Place-Fotografen, die machen sowas nicht. Aber ich glaube, es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Tatsächlich gebe es auch Fotografen, die Motive bewusst zerstörten, nachdem sie ihre eigenen Bilder aufgenommen hätten, damit andere diese Aufnahmen nicht mehr machen könnten. „Ich glaube, es ist schon so ein bisschen eine Blase zu sagen, wir sind die Guten.“ Der Ehrenkodex existiere durchaus noch. Doch Hörter beobachtet mit Sorge, dass er zunehmend an Bedeutung verliere.

Wenn die Veröffentlichung zur Zerstörung führt

Besonders eindringlich wurde das Gespräch, als es um die Verantwortung von Medien und sozialen Netzwerken ging. Hörter machte deutlich, dass die Veröffentlichung von Lost-Places-Fotografien schwerwiegende Folgen für die dokumentierten Orte haben könne. „Man sagt immer so, die sozialen Medien sind dafür verantwortlich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es auch Presseberichte sind. Ganz eindeutig.“

Problematisch seien vor allem Veröffentlichungen, die genaue Standorte nennen und zugleich darauf hinweisen, dass Gebäude unbewacht seien. „Gerade wenn noch explizit herausgearbeitet wird, dass da schon lange keiner mehr ist und da sich niemand drum kümmert.“

Als Beispiel schilderte sie eine ehemalige Westernstadt bei Nürnberg. Nachdem ein Onlineartikel über den verlassenen Ort erschienen war, hätten sich zahlreiche Besucher auf den Weg gemacht. Innerhalb kürzester Zeit seien Zäune beschädigt, Gegenstände gestohlen und Scheiben eingeschlagen worden. „Es ist wirklich ein echtes Problem.“

Die Entwicklung habe sich durch soziale Medien dramatisch beschleunigt. Während sich früher kleine Gruppen von Fotografen untereinander austauschten, würden heute Standortdaten teilweise systematisch gesammelt und sogar verkauft. „Inzwischen werden Apps gemacht. Du kannst dir eine App runterladen, die dir, wenn du rumfährst, gleich bimmelt, wenn da irgendwo was ist.“

Teilweise würden Koordinaten gegen Bezahlung angeboten. Was früher mühsame Recherche erforderte, sei heute mit wenigen Klicks verfügbar. „Heute kann es wirklich eine Woche dauern. Ein Ort wird gefunden, kommt in so eine Karte. Du siehst zehn, zwanzig, dreißig Fotos, Videos und Filmchen im Internet. Und danach war es das.“

Besonders erschütternd sei die Entwicklung bei verlassenen Schwimmbädern, Krankenhäusern und Hotels. Ein bekannt gewordener Standort ziehe nicht nur Fotografen an, sondern auch Diebe, Randalierer und Menschen, die gezielt Zerstörung suchten.

Der Rosenhof: Ein Beispiel für den Verlust eines Kulturguts

Eine besonders traurige Geschichte erzählte Hörter über einen alten Bauernhof, den sie als Rosenhof bezeichnete. Das Gebäude war liebevoll eingerichtet und dekoriert worden. Möbel, Bilder und zahlreiche persönliche Gegenstände vermittelten einen Eindruck vom früheren Leben seiner Bewohner. Ein wunderschöner Rosengarten ergänzte das Anwesen.

Doch nachdem Aufnahmen des Hauses im Internet aufgetaucht waren, begann dessen Plünderung. Ein Bekannter habe ihr schließlich Bilder von Möbeln geschickt, die auf einer tschechischen Kleinanzeigenplattform angeboten wurden. Hörter erkannte die Einrichtungsgegenstände des Bauernhofs wieder. „Und beim Ranzoomen hat man gesehen, auch die Farbfehler. Das waren genau die Möbel aus diesem Hof.“

Offenbar waren große Teile der Einrichtung systematisch abtransportiert worden. „Es ist komplett ausgeräumt worden.“ Als Hörter später zurückkehrte, fand sie ein verwüstetes Gebäude vor. Die einstige Atmosphäre war unwiederbringlich zerstört.

Besonders bitter: Die Erben hatten offenbar versucht, das Anwesen zu schützen. Nach Hörters Schilderung deuteten Aufnahmen einer Überwachungskamera auf den Abtransport von Gegenständen hin. „Und das alles, weil es ein Video im Internet gab“, sagte Hörter.

Die Geschichte verdeutlichte ein grundlegendes Dilemma ihrer Arbeit: Fotografien können historische Orte bewahren, indem sie deren Zustand dokumentieren. Gleichzeitig können genau diese Bilder Menschen anlocken, die zur endgültigen Zerstörung beitragen.

Respektlosigkeit, Vandalismus und die Frage nach den Ursachen

Im weiteren Verlauf berichtete Hörter von zahlreichen verlassenen Gebäuden, die nach ihrer Entdeckung mutwillig zerstört wurden. Besonders erschütternd sei für sie der Zustand einer ehemaligen Klinik in Höchenschwand im Schwarzwald gewesen. „Das sind so Momente, die machen mich wirklich sprachlos und wütend.“

Dabei gehe es längst nicht mehr ausschließlich um Diebstahl. Zwar würden professionelle Täter weiterhin Kupferleitungen, Kabel und andere wertvolle Materialien aus leerstehenden Gebäuden entfernen. Doch daneben gebe es Menschen, die offenbar aus reiner Zerstörungslust handelten. „Wirklich zu fünft, zu sechst nachts in so ein Gebäude einzudringen und es von oben bis unten klein zu klopfen. Das ist leider so.“

Auf die Frage aus dem Publikum, woher diese Wut komme, konnte auch Hörter keine abschließende Antwort geben. „Ich glaube, es gibt wirklich Leute, die Frust ablassen wollen.“

Sie schilderte einen ehemaligen Hotelkomplex am Tegernsee, in dem Waschbecken, Türen und andere Einrichtungsgegenstände mit einer Axt zerstört worden waren. Gleichzeitig hätten Diebe bereits Metallbeschläge für den Abtransport bereitgelegt. Besonders bemerkenswert sei gewesen, dass sich das Gebäude mitten in einem belebten Ort befunden habe. „Also auch wenn das sehr prominent ist, das Hausgebäude, das hilft nicht, dass so was passiert.“

Hörter kritisierte außerdem eine Entwicklung, bei der sich Menschen beim Eindringen in verlassene Gebäude selbst filmten und ihre Aktionen anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlichten. „Inzwischen siehst du ganz viele Videos, wo sich Leute zeigen, wie sie in ein Gebäude einsteigen.“

Hinzu komme eine zunehmende Inszenierung. Gegenstände würden verschoben, Räume dekoriert oder zurückgelassene Kostüme für Videos verwendet. Für Hörter ist dies mit ihrer Vorstellung dokumentarischer Fotografie kaum vereinbar. „Ich fasse ja teilweise nicht mal was an“, erklärte sie. „Und ich finde auch, dass es sehr respektlos diesem Ort gegenüber ist.“

Selbst vermeintlich gut gemeinte Aufräumaktionen betrachtet sie kritisch. Denn wenn Menschen Möbel umstellen, Müll beseitigen und Räume dekorieren, verändern sie den ursprünglichen Zustand und damit die Geschichte des Ortes. Allerdings räumte sie ein: „Die Leute sind mir dann doch lieber als die, die alles zerstören.“

Industriekultur als Gedächtnis einer Gesellschaft

Eine besondere Leidenschaft entwickelt Hörter für historische Industrieanlagen, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern. Dort dokumentiert sie nicht nur verlassene Fabriken, sondern beschäftigt sich intensiv mit der wirtschaftlichen und technischen Vergangenheit. „Es macht mich manchmal auch sprachlos, wenn ich sehe, was da passiert ist“, erklärte sie.

Besonders faszinierend sei für sie die Vielfalt der ehemaligen volkseigenen Betriebe der DDR. „Ich hätte gar nicht gewusst, es gab auch wirklich für alles eine Fabrik. Nur für Hausschuhe. Und eine Fabrik nur für irgendwelche Bolzen.“

Je intensiver sie sich mit einem Betrieb beschäftige, desto mehr Zusammenhänge würden sichtbar. Lieferketten, Produktionsverfahren und Verbindungen zwischen verschiedenen Unternehmen ergäben ein immer komplexeres Bild. „Man hat mal so angefangen zu graben. Das wird immer größer.“

Gerade die historische Industriekultur sei deshalb für sie ein nahezu unerschöpfliches Forschungsgebiet. Hörter verwies dabei auch auf die Veränderungen durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Wie frühere industrielle Umbrüche würden auch diese Entwicklungen Unternehmen, Produktionsstätten und ganze Berufsbilder verändern.

Die Frage, welche Spuren unsere heutige Gesellschaft für kommende Generationen hinterlassen werde, schwang dabei mit. Während historische Fabriken mit ihren Backsteinfassaden, Maschinenhallen und Schornsteinen häufig eine besondere architektonische Qualität besäßen, könnten moderne Zweckbauten diese Faszination möglicherweise nur schwer vermitteln.

Ein viertes Buch über Kunst in Ruinen

Neben ihren bisherigen drei Büchern arbeitet Agnes Hörter bereits an einem weiteren Projekt. Diesmal soll es um die Verbindung zwischen verlassenen Gebäuden und zeitgenössischer Kunst gehen. Im Mittelpunkt stehen Graffiti, großflächige Wandbilder und künstlerische Installationen in ehemaligen Industrieanlagen.

Dabei unterscheidet Hörter deutlich zwischen wahllosen Schmierereien und anspruchsvoller Street-Art. „Aber es gibt auch richtig gute Leute“, sagte sie über die Graffiti-Künstler. „Und da habe ich so nach und nach Sachen gesehen, da war ich echt sprachlos und hab mir gedacht, das muss ich den Leuten zeigen.“

Das geplante Buch soll deshalb nicht nur fotografische Dokumentationen enthalten, sondern auch einzelne Künstler porträtieren. Besonders interessant findet Hörter organisierte Kunstprojekte, bei denen leerstehende Industriegebäude vorübergehend für internationale Künstler geöffnet werden.

Dabei entstehen großformatige Wandbilder, Installationen und andere Kunstwerke, die den verlassenen Räumen für kurze Zeit neues Leben verleihen. Anschließend können Besucher die Gebäude im Rahmen von Veranstaltungen besichtigen. Historische Führungen vermitteln zusätzlich die ursprüngliche Bedeutung der Anlagen.

Für Hörter ist das ein überzeugendes Konzept: Industriekultur wird nicht einfach dem Verfall überlassen, sondern für Kunst und Öffentlichkeit neu erschlossen.

Wie groß ihre Leidenschaft für besondere Motive ist, zeigte eine weitere Geschichte. Jahrelang hatte sie nach einem außergewöhnlichen Graffiti in einem ehemaligen Kraftwerk gesucht. Schließlich gelang es ihr, den Standort durch aufwendige Recherchen einzugrenzen. Als sich eine Gelegenheit ergab, konnte sie das Gebäude schließlich fotografisch erkunden. „Wir haben sechs Stunden lang gesucht, nur für dieses eine Foto.“ Ein Aufwand, der eindrucksvoll verdeutlicht, wie viel Geduld und Beharrlichkeit hinter ihren Bildern stecken.

Schiffswracks als neue fotografische Herausforderung

Zum Abschluss des moderierten Gesprächs richtete Matthias J. Lange den Blick auf einen weiteren Traum der Fotografin: die Dokumentation versunkener Schiffe. „Ja, definitiv“, antwortete Hörter auf die Frage, ob diese Idee noch aktuell sei.

Bereits an der französischen Atlantikküste hatte sie zwei Schiffswracks entdeckt, die bei Niedrigwasser zugänglich waren. Mithilfe von Satellitenbildern und Informationen über die Gezeiten gelang es ihr, die Überreste aufzuspüren. „Wir hatten dann ungefähr eine halbe Stunde Zeit, um die dann zu fotografieren.“

Besonders beeindruckend seien die Drohnenaufnahmen gewesen, auf denen sich die Wracks im Sand und im zurückkehrenden Wasser abzeichneten. Inzwischen hat Hörter sogar eine Unterwasserdrohne angeschafft. Erste Versuche auf bayerischen Seen erwiesen sich allerdings als schwieriger als erwartet. „Ich hatte null Ahnung, wo dieses Ding unter Wasser rumfährt.“

Vor allem die schlechte Sicht unter Wasser mache die Navigation kompliziert. Doch aufgeben möchte sie nicht. „Ich habe es noch nicht aufgegeben. Die meisten Wracks werden ja auch noch eine Weile liegen bleiben.“ Damit dürfte sich für die Fotografin möglicherweise ein weiteres Kapitel ihrer Arbeit eröffnen.

Eine Archäologin der jüngeren Vergangenheit?

In der anschließenden Publikumsdiskussion wurden Fragen nach Eigentumsrechten, Drohnenvorschriften, Vandalismus und dem gesellschaftlichen Wert der Lost-Places-Fotografie vertieft. Besonders interessant war die Frage eines Besuchers, ob Hörter sich als eine Art Archäologin verstehe. „Werden Sie beleidigt, wenn ich Sie als Archäologin bezeichne?“, wollte er wissen. „Nein, überhaupt nicht“, antwortete sie.

Tatsächlich gibt es bemerkenswerte Parallelen zwischen ihrer Arbeit und archäologischer Forschung. Beide beschäftigen sich mit den materiellen Hinterlassenschaften vergangener Lebenswelten. Beide versuchen, aus Gegenständen, Gebäuden und räumlichen Zusammenhängen Rückschlüsse auf die Menschen zu ziehen, die diese Orte einst nutzten.

Allerdings handelt es sich bei Hörters Arbeit nicht um wissenschaftliche Archäologie, sondern um eine Verbindung aus fotografischer Dokumentation, historischer Recherche und persönlicher Interpretation. Gerade diese Mischung macht ihre Bilder und Bücher interessant. Sie dokumentiert nicht nur den Zustand eines Gebäudes, sondern fragt nach seiner ursprünglichen Funktion, seinen Bewohnern und seiner Bedeutung für die Gesellschaft.

Dabei kommt ihr eine Eigenschaft zugute, die auch für journalistische Arbeit unverzichtbar ist: Neugier. „Also mich interessiert es unheimlich“, erklärte sie über ihre historischen Recherchen. „Und wenn ich sowas finde, dann muss ich auch immer gucken, dass das nicht alles zu ausufernd wird.“

Die Fotografien bilden den Ausgangspunkt. Doch häufig beginnt die eigentliche Geschichte erst danach.

„Diese verlorenen Orte sind für mich Orte der Ruhe und der Stille“

Die vielleicht persönlichste Antwort des Abends gab Agnes Hörter auf die Frage nach ihrer tiefsten Motivation. Warum zieht es sie immer wieder in verlassene Gebäude, obwohl diese oft schmutzig, gefährlich und schwer zugänglich sind? Warum verbringt sie Stunden in dunklen Fabrikhallen, einsturzgefährdeten Bauernhäusern und überwucherten Industrieanlagen?

Hörter verwies auf eine Fernsehdokumentation über ihr Leben, die unter dem Titel „Weibsbilder“ im Bayerischen Fernsehen gezeigt wurde. Darin werde deutlich, was diese Orte für sie persönlich bedeuteten. „Diese verlassenen, verlorenen Orte, wo andere sich gruseln, die sind eher für mich Orte der Ruhe und der Stille.“

Gerade die Abwesenheit anderer Menschen mache einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus. „Ich möchte auch am liebsten niemandem begegnen. Ich hasse das, wenn da noch andere rumlaufen.“ Was für Außenstehende wie eine unwirtliche Ruine erscheint, empfindet Hörter als Rückzugsort. „Aber für mich ist das so eine Oase der Stille, der Ruhe. Und das zieht mich an.“

Dann wurde die Fotografin ungewöhnlich persönlich. Vielleicht, so überlegte sie, gebe es eine Verbindung zwischen den verlassenen Orten und eigenen Erfahrungen aus ihrer Kindheit. „Diese verlorenen Orte haben so ein bisschen auch das, was ich vielleicht als Kind so, diese Verlorenheit, die ich hatte.“

Es sei schwer, diese Verbindung genau zu erklären. Doch sie spüre, dass darin ein wesentlicher Teil ihrer Motivation liege. „Wir haben uns da schon irgendwie gefunden.“

Dabei romantisiere sie die tatsächlichen Bedingungen keineswegs. „Es stinkt, es ist dreckig, man saut sich ein. Du musst gucken, wegen Schimmel und Zeug. Es ist, weiß Gott, nichts, was irgendwie heimelig ist.“ Ein gewöhnlicher Spaziergang im Wald wäre sicherlich angenehmer. „Aber ich kann es nicht lassen.“

Mit diesen Worten endete ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich stimmender Abend im PresseClub München. Moderator Matthias J. Lange dankte Agnes Hörter für ihre Offenheit, ihre eindrucksvollen Fotografien und die vielen persönlichen Geschichten. Zugleich kündigte er an, dass sich der PresseClub künftig verstärkt mit unterschiedlichen Facetten der Fotografie beschäftigen wolle.

Der Auftakt machte deutlich, wie eng Fotografie, Geschichtsschreibung und Journalismus miteinander verbunden sind. Bilder können Erinnerungen bewahren, historische Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen für den Wert vergessener Orte sensibilisieren. Sie können allerdings auch Begehrlichkeiten wecken und damit unbeabsichtigt zur Zerstörung dessen beitragen, was sie dokumentieren.

Agnes Hörter bewegt sich seit Jahren in diesem Spannungsfeld. Ihre Fotografien sind Momentaufnahmen einer verschwindenden Welt, ihre Bücher zugleich Erinnerungsarbeit und persönliche Spurensuche.

Am Ende blieb vor allem eine Erkenntnis: Verlassene Orte sind nicht geschichtslos. Ihre Geschichten sind lediglich verstummt. Menschen wie Agnes Hörter sorgen dafür, dass sie wieder gehört und gesehen werden – bevor die letzten Spuren für immer verschwinden.