Persönlicher Nachruf auf Alexander Kluge

26. März 2026

Alexander Kluge ist tot. Am 25. März 2026 ist der Filmemacher, Schriftsteller, Fernsehunternehmer und Theoretiker im Alter von 94 Jahren in München gestorben – ein leiser Abgang für einen, der mehr als sieben Jahrzehnte lang mit beharrlicher Intensität in die deutsche Öffentlichkeit hineingeredet, hineingeschrieben und hineingefilmt hat. Ich habe Kluge mehrmals auf dem Filmfest München getroffen und habe eine extrem hohe Meinung von ihm. Mit ihm verliert die Bundesrepublik einen ihrer letzten großen Aufklärer der Nachkriegszeit, einen Intellektuellen, der die Kunst nie als Dekor, sondern als Gegenmacht, als „Gegenproduktion“ zur Wirklichkeit verstand.

Geboren 1932 in Halberstadt, gehörte Kluge jener Generation an, die Kindheit und Jugend im Schatten des Kriegs und der NS-Verbrechen erlebte – eine Erfahrung, die sein Werk nachhaltig prägte. Der ausgebildete Jurist, der bei Theodor W. Adorno in Frankfurt promovierte, fand früh zur Kritischen Theorie und hielt ein Leben lang daran fest, dass Aufklärung nicht aus Seminarräumen, sondern aus den konkreten Geschichten der Menschen erwächst. Diese Verbindung von Theorie und Erfahrung, von akademischer Reflexion und populären Formen machte ihn zu einer Ausnahmegestalt im intellektuellen Milieu der Bundesrepublik.

International bekannt wurde Kluge in den 1960er-Jahren als einer der Väter des Neuen Deutschen Films. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen unterzeichnete er 1962 das Oberhausener Manifest – die Kampfansage an das alte Kino und die Geburtsurkunde eines Autorenfilms, der dem deutschen Nachkriegskino eine neue, eigenwillige Sprache gab. Filme wie „Abschied von gestern“ (1966) und „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (1968) gelten bis heute als Schlüsselwerke dieser Bewegung; letzterer wurde 1968 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Kluges Kino war spröde, essayistisch, fragmentarisch – eher Denkapparat als Illusionsmaschine, immer auf der Suche nach den Brüchen unter der Oberfläche des Alltags.

Doch Kluge blieb nie beim Film stehen. Er schrieb Erzählbände, Romane, Theorie- und Montagebücher, in denen sich historische Dokumente, Fiktion und philosophische Reflexion verschränken. Werke wie „Lebensläufe“, „Die Lücke, die der Teufel lässt“ oder seine späteren Text‑Bild‑Montagen machen sichtbar, was er „Arbeitsvermögen der Gefühle“ nannte: die Fähigkeit des Subjekts, sich gegen Überwältigung, gegen Kälte und Vereinzelung zu behaupten. Kluge war ein Sammler von Geschichten, von Nebensätzen, Randnotizen, Biografiesplittern – aus ihnen montierte er eine alternative Geschichtsschreibung, die beharrlich an den Rändern der offiziellen Erzählungen kratzt.

Seit den späten 1980er-Jahren suchte er sich ein weiteres, breites öffentliches Forum: das Privatfernsehen. Mit den von seiner Produktionsfirma dctp verantworteten Magazinen „10 vor 11“, „News & Stories“ und später nächtlichen Gesprächsformaten auf RTL, Sat.1 und Vox verwandelte er kommerzielle Sendeplätze in Laboratorien der Langsamkeit und des Denkens. Die Programmmacher des Privatfernsehens müssen ihn gehasst haben. Dort führte er mit Philosophinnen, Arbeiter, Militärs, Künstler oder Ingenieuren Gespräche, die sich jeder aktuellen Talkshow-Ökonomie verweigerten – unaufgeregte, hartnäckige Versuche, inmitten des Bilderrauschs so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.

Politisch blieb Kluge bis ins hohe Alter ein wacher, zuweilen unbequemer Zeitdiagnostiker. Er kommentierte Globalisierung, Kriege, Medienumbrüche und Demokratiekrisen in Essays, Interviews und Projekten, ohne je in bloße kulturpessimistische Klage zu verfallen. Noch 2022 gehörte er zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefes, der vor einer Eskalation des Ukraine-Kriegs und der Gefahr eines Dritten Weltkriegs warnte – eine Intervention, die ihm scharfe Kritik einbrachte und doch konsequent zu seiner Skepsis gegenüber militärischer Logik und staatlicher Macht passte. Kluge vertraute auf die „Gegenproduktion“ der Zivilgesellschaft, auf die Fähigkeit der Menschen, sich ihre eigene Urteilskraft zu bewahren.

Seine Bedeutung für die deutsche Kultur lässt sich kaum überschätzen. Kluge war nicht nur ein einflussreicher Filmemacher, sondern auch ein Theoretiker des Mediums, dessen Schriften zur Filmanalyse und Medienkritik Generationen von Studierenden geprägt haben. Gleichzeitig blieb er Erzähler im emphatischen Sinn – ein Chronist, der die großen historischen Verwerfungen immer durch die scheinbar kleinen Biografien hindurch betrachtete. Dass er sich in seinen späten Jahren auch neuen Formaten, von Ausstellungen bis zu multimedialen Archivprojekten, zuwandte, zeigte, wie sehr ihn die Frage umtrieb, wie Erinnerung in einer beschleunigten, digitalen Öffentlichkeit überhaupt noch Halt finden kann.

Mit Alexander Kluge ist eine Stimme verstummt, die nie laut, aber stets eindringlich war. Er verkörperte jenes seltene Modell des Intellektuellen, der seine Autorschaft nie als Distinktionsgewinn verstand, sondern als Verpflichtung, das eigene Wissen in den Kreislauf der Öffentlichkeit zurückzuspeisen – in Bildern, Texten, Gesprächen. Sein Werk bleibt als lebendiges Archiv zurück: als Vorrat an Geschichten, Formen und Gedanken, auf den eine Gesellschaft zugreifen kann, die sich selbst verstehen will, ohne sich zu schonen.

Podcast: Friseurhandwerk im Wandel: Zwischen Kleinstbetrieb, Ausbildungskrise und Spezialisierung

26. März 2026

Ich durfte wieder einen Podcast Hertlein & Lange für den LIV Friseure und Kosmetiker Bayern aufnehmen. Bildungsexperte Christian Hertlein beschreibt das Friseurhandwerk als eine sehr vielfältige Branche, die derzeit von einem hohen Anteil an Solo-Selbstständigen und Kleinstbetrieben geprägt ist. Hier der Podcast:

Daneben gebe es einen mittleren Bereich mit kleinen Teams von ein bis vier Mitarbeitenden sowie größere Betriebe und Filialisten. Für die Zukunft sieht er jedoch deutliche Verschiebungen: Der klassische Familienbetrieb mit gewachsener Struktur verliere an Bedeutung, während kleinere Einheiten und Formen gemeinsamer Selbstständigkeit zunehmen dürften. Gleichzeitig stünden auch große Filialkonzepte unter Druck, weil sich Standorte und Kundenverhalten verändern.

Besonders kritisch bewertet Hertlein die Zunahme von Klein- und Kleinstbetrieben mit Blick auf die Ausbildung. Je kleiner ein Betrieb sei, desto schwieriger werde es, qualitativ hochwertige Ausbildung im Alltag zu leisten. Für eine gute Ausbildung brauche es aus seiner Sicht mindestens drei bis vier Mitarbeitende, damit Zeit, Anleitung und fachliche Begleitung überhaupt möglich seien. Wenn immer weniger Betriebe diese Voraussetzungen erfüllten, sinke automatisch auch die Zahl der Ausbildungsplätze, was den Fachkräftemangel weiter verschärfe. Gerade deshalb sieht Hertlein seine Aufgabe als Berufsbildungsexperte heute als besonders wichtig an: Es gehe darum, tragfähige Konzepte für Ausbildung, Weiterbildung und Kooperationen zu entwickeln, damit Betriebe trotz schwieriger Rahmenbedingungen Nachwuchs gewinnen und fördern können.

Für die kommenden zehn Jahre wünscht sich Hertlein vor allem eine starke, qualitativ hochwertige Branche mit gutem fachlichem Anspruch und angemessenen Preisen. Idealerweise sollten sich wieder mehr mittlere Betriebsgrößen mit etwa vier bis acht Mitarbeitenden entwickeln, auch wenn dies mit höherem unternehmerischem Risiko verbunden sei. Viele junge Friseurinnen und Friseure scheuten heute genau dieses Risiko, weil Personalführung, Ausfälle, Qualitätsmanagement und wirtschaftliche Verantwortung komplexer geworden seien. Deshalb hält er es oft für sinnvoll, nach der Meisterprüfung zunächst Berufserfahrung als angestellte Fach- oder Führungskraft zu sammeln, statt sofort den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Denn seit der Wegfall früherer Wartezeiten den direkten Anschluss von Ausbildung, Meisterprüfung und Selbstständigkeit erleichtert habe, fehle manchen jungen Meisterinnen und Meistern noch die nötige praktische Reife.

Auch in Quereinsteigern und Rückkehrern in den Beruf sieht Hertlein Potenzial, etwa bei Menschen, die nach einer Familienphase wieder in den Salonalltag einsteigen wollen. Allerdings sei auch hier Einarbeitung, Schulung und fachliche Weiterentwicklung nötig, was kleinere Betriebe oft weder zeitlich noch finanziell leisten könnten. Größere Teams hätten hier deutlich bessere Möglichkeiten. Als wichtigen Zukunftsweg nennt Hertlein daher Kooperationen: in Städten etwa das Teilen von Ladenlokalen, im ländlichen Raum eher die Zusammenarbeit zwischen Betrieben bei einzelnen Dienstleistungen, Spezialisierungen, Ausbildung oder Mitarbeiterschulungen. Insgesamt erwartet er, dass die Zahl der Spezialisten weiter zunimmt. Gerade in kleineren Strukturen sei es schwierig, das gesamte Leistungsspektrum dauerhaft auf hohem Niveau anzubieten. Deshalb werde sich aus seiner Sicht künftig mehr Spezialisierung durchsetzen als die breite Tätigkeit des Generalisten.

Retrocade stellt die Retromaschine in den Raum

25. März 2026

Apple erweitert das Spieleangebot für die Vision Pro um Retrocade – und genau dieser Titel hat mich sofort angesprochen. Statt nur ein weiteres Spiele-Menü zu öffnen, verwandelt die App mein Wohnzimmer in eine virtuelle Arcade-Halle: Über die Passthrough-Funktion blendet Vision Pro die Automaten direkt in den realen Raum ein, sodass ich mich wie zwischen echten Cabinets bewege und nicht nur vor einem schwebenden 2D-Bildschirm sitze. Als Retro-Gamer bin ich voll begeistert.


In Retrocade warten sieben Klassiker, mit denen viele groß geworden sind: Asteroids, Bubble Bobble, Breakout, Centipede, Galaga, Pac-Man und Space Invaders. Für mich steckt darin genau diese Mischung aus Nostalgie und Vertrautheit, die den Reiz ausmacht – man kennt Sound, Tempo und Spielprinzip, erlebt sie hier aber in einem neuen, räumlichen Kontext wieder.
Besonders stimmig finde ich, dass die Automaten frei im Raum platziert werden können und sich mit Gesten bedienen lassen: Joysticks, Knöpfe und Displays wirken wie echte, dreidimensionale Objekte, die in meiner Umgebung stehen. So fühlt sich Retrocade weniger wie eine „App“ an, sondern eher wie ein kleiner persönlicher Arcade-Raum, der sich an die Wohnung anpasst.
Dass hinter dem Projekt mit Resolution Games AB ein Studio steckt, das Erfahrung mit VR- und Mixed-Reality-Projekten hat, macht das Konzept für mich glaubwürdiger. Gleichzeitig sorgt die Einbettung in Apple Arcade für klare Rahmenbedingungen: ein Abo, dafür aber keine Werbung und keine In-App-Käufe, was dem nostalgischen Charakter eher zuträglich ist als aggressive Monetarisierung.


Um das klassische Spielhallen-Gefühl noch stärker zu bekommen, habe ich mir zusätzlich ein kabelloses Arcade-Joystick-Controller-System von 8BitDo angeschafft. Der Stick unterstützt Bluetooth, 2,4‑GHz-Funk und USB‑C und lässt sich damit flexibel mit unterschiedlichen Geräten nutzen. Mit seinem typischen Arcade-Layout – Steuerstick, mehrere Tasten, anpassbare Belegung und Makrofunktionen – fühlt er sich gerade bei Retro- und Fighting-Games deutlich authentischer an als ein Standard-Controller. Besonders schätze ich die wertige Verarbeitung und das präzise Steuergefühl: Zusammen mit Retrocade kommt das nostalgische Spielhallen-Erlebnis damit erstaunlich nah an das heran, was man aus klassischen Arcades kennt.

Live. Lokal. Echt. Der BistroTalk in Youtube mit Beate Seyschab, Gemeindebücherei Maisach, im sixtyfour am Mittwoch, 25. März, 18 Uhr Online und in Maisach

24. März 2026

Die Leiterin der Gemeindebücherei Maisach Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange sprechen locker und persönlich über aktuelle Buchtipps, Veranstaltungen und den ganz normalen Büchereialltag – von der Auswahl neuer Titel bis zu besonderen Aktionen.

Im gemütlichen Ambiente des Maisacher Bistros sixtyfour geht das lebendige Talk-Format: der BistroTalk in eine weitere Runde. Gastgeber Matthias J. Lange hat mit Beate Seyschab, Leiterin der Gemeindebücherei Maisach, eine Expertin für Bücher eingeladen – direkt vor Ort und live im Netz. Wir diskutieren die Abläufe einer Bücherei – offen, nahbar und ganz ohne Script.
Termin ist am Mittwoch, 25. März um 18 Uhr, der Talk dauert etwa eine Stunde und wird ab 18 Uhr live auf YouTube gestreamt. Die Adresse ist: https://www.youtube.com/@redaktion42/streams

Auch das Mitteilungsblatt der Gemeinde druckte einen Hinweis auf die Veranstaltung ab – vielen Dank

Es können Interessierte den Stream live verfolgen, kommentieren und Fragen stellen. Der Stream wird moderiert.
Unterstützt wird das Format vom Treffpunkt Bistro sixtyfour in der Maisacher Zentrumspassage von Gastronom Uwe Flügel.
https://www.youtube.com/@redaktion42/streams

Sicherlich werden wir auch über unseren neuen Podcast Seitensprung aus der Gemeindebücherei sprechen, auf dem wir viel positive Resonanz bekommen haben.

Unbedingt ansehen: Ausstellung „HAAR – MACHT – LUST“

23. März 2026

Die Ausstellung „HAAR – MACHT – LUST“ in der Kunsthalle München ist ein herausragendes kulturelles Highlight, das die tiefgreifende gesellschaftliche und politische Bedeutung von Haaren beleuchtet. Bis zum 4. Oktober 2026 lädt die Schau zu einem fesselnden Streifzug durch drei Jahrtausende Kunst- und Kulturgeschichte ein. Als Pressebeauftragter des Landesinnungsverbandes Friseure und Kosmetiker Bayern besuchte ich die Ausstellung und war schwer begeistert.

Eine universelle Sprache
Haare sind weit mehr als ein bloßes modisches Accessoire oder eine Frage des persönlichen Stils. Sie fungieren seit Jahrtausenden als kraftvolles Ausdrucksmittel, um Zugehörigkeit zu demonstrieren, soziale Rollen zu definieren oder Rebellion und Widerstand zu artikulieren. Die Ausstellung zeigt auf faszinierende Weise, wie das scheinbar Alltägliche von Schönheit und Begehren, aber auch von spürbaren Machtgefällen und Ohnmacht erzählt.

Meisterhafte Kuration
Unter der Leitung von Kuratorin Juliane Au und Direktor Roger Diederen wurden rund 200 hochkarätige Exponate von der Antike bis zur Gegenwart raffiniert und tiefgründig in Szene gesetzt. Die beeindruckende Bandbreite reicht von klassischen Gemälden und Skulpturen über Videoarbeiten bis hin zu skurrilen Alltagsgegenständen wie historischen Barttassen aus dem 19. Jahrhundert. Leihgaben aus weltberühmten Häusern wie dem Louvre, dem Prado und dem Rijksmuseum unterstreichen den internationalen und kulturübergreifenden Anspruch dieser hervorragend gegliederten Schau.

Historie und moderner Protest
Jeder Ausstellungsraum widmet sich einem spezifischen Aspekt und verwebt historische Kontexte nahtlos mit hochaktuellen Themen. So wird dokumentiert, wie im Militär vergangener Epochen die Länge des Bartes den sozialen Rang spiegelte, oder wie historische Herrscher ihre Macht über Frauen durch deren Haartracht inszenierten. Im direkten Kontrast dazu stehen moderne Werke, welche die iranischen „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste von 2024 aufgreifen und eindrucksvoll zeigen, wie das Abschneiden der Haare zum ultimativen Symbol der Selbstbestimmung wird.

Die Ausstellung überzeugt nicht nur durch ihre schiere Vielfalt, sondern setzt mit ausgewählten Exponaten wie filmischen Arbeiten, popkulturellen Ikonen und mythologischen Figuren brillante Akzente.

Multimediale Videoarbeiten
Die Schau besticht durch einen integrativen Ansatz, der klassische Kunstwerke fließend mit modernen Videoarbeiten verknüpft. Diese filmischen Darstellungen machen das Motiv greifbar, indem sie die Dynamik, Sinnlichkeit und Wandelbarkeit von Kopf- und Körperhaar auf eine Weise einfangen, die statische Medien kaum leisten können. Durch die bewegten Bilder wird das faszinierende Zusammenspiel von Identität, Schönheit und Körperlichkeit für die Besucher auf einer sehr direkten, modernen Ebene erlebbar gemacht. Besonders habe ich mich über Charlie Chaplins-Film der große Diktator gefreut, eine Satire über Hitler, bei dem Chaplin einen jüdischen Friseur spielt.

Friedensprotest von John Lennon
Ein absolutes Highlight für mich als Popkultur-Fan ist die ikonische Fotografie „Hair Peace, Bed Peace“ von Nico Koster aus dem Jahr 1969. Das Bild zeigt John Lennon und Yoko Ono bei ihrem weltberühmten „Bed-in“-Protest und demonstriert eindrucksvoll, wie Haare als bewusstes politisches Statement eingesetzt wurden. In diesem historischen Kontext wird die wachsende Haarpracht zum ultimativen Symbol für Rebellion, Gewaltlosigkeit und den gesellschaftlichen Aufbruch einer ganzen Generation.

Die Schlangen der Medusa
Auch die fesselnde Kraft der Mythologie findet ihren verdienten Platz in der Ausstellung, was besonders an den Darstellungen der Medusa deutlich wird. Ihre legendären, furchteinflößenden Schlangenhaare dienen in der Kunstgeschichte als eindringliches Symbol für unbändige Stärke, Gefahr und weibliche Urgewalt. Diese klassischen Interpretationen belegen auf faszinierende Weise, dass den Haaren schon in der Antike eine mystische und zutiefst Respekt einflößende Macht zugeschrieben wurde.

Die Ausstellung beweist enorme kuratorische Stärke, indem sie die untrennbare Verbindung von Haaren und menschlicher Würde auch in ihren dunkelsten, schmerzhaftesten historischen Dimensionen schonungslos beleuchtet. Im Spannungsfeld von Macht und Ohnmacht wird das Haar hier vom ästhetischen Objekt zum Zeugen tiefster menschlicher Abgründe und systematischer Unterwerfung.

Instrument der öffentlichen Demütigung
Ein historisch erschütterndes Beispiel für die gewaltvolle Instrumentalisierung von Haaren ist die Behandlung französischer Kollaborateurinnen nach der Befreiung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Frauen, denen eine sogenannte „horizontale Kollaboration“ mit deutschen Besatzern vorgeworfen wurde, wurden auf den Straßen öffentlich und systematisch kahlgeschoren, um sie gesellschaftlich zu brandmarken und vor der Masse maximal zu demütigen. Die Thematik der Ausstellung verdeutlicht hier auf schmerzhafte Weise, wie der erzwungene Verlust der Haare als direktes Instrument der politischen Machtausübung, der Rache und der gezielten Identitätsberaubung fungiert.


Die absolute Dehumanisierung im KZ Auschwitz
Den unfassbaren Tiefpunkt der historischen Ohnmacht markiert die beispiellose Entwürdigung von Menschen durch die Nationalsozialisten in Vernichtungslagern wie dem KZ Auschwitz. Das dortige systematische Scheren der Opfer unmittelbar nach ihrer Ankunft besiegelte den ultimativen Akt der Entmenschlichung und den endgültigen Raub jeglicher persönlicher Identität. Die verabscheuungswürdige, geradezu industrielle Verwertung dieses menschlichen Haares als bloßes Rohmaterial für die Kriegsindustrie offenbart eine absolute Grausamkeit, die dem Ausstellungsaspekt der „Ohnmacht“ eine zutiefst bedrückende und historisch notwendige Dimension verleiht. Auch das gehört zu dieser Ausstellung dazu.

Politische Fotografie: DDR-Fotograf Thomas Billhardt

22. März 2026

„Ich bin kein Künstler, sondern Dokumentarist. Ich wollte immer die graue Maus sein, die nicht auffällt, damit ich wahrhaftige, nicht gestellte Fotos machen kann.“ – das war das Geheimrezept des DDR-Fotografen Thomas Billhardt über den ich vor kurzem einen Vortrag über politische Fotografie gehalten habe. Für mich liefert das Buch Thomas Billard Fotografie einen hervorragenden Überblick über diesen Fotografen.

Thomas Billhardt (* 2. Mai 1937 in Chemnitz; † 23. Januar 2025) wuchs in einer Fotofamilie auf; seine Mutter Maria Schmid‑Billhardt, selbst Fotografin, bildete ihn ab seinem 14. Lebensjahr aus. Nach dem Studium an der Fachschule für angewandte Kunst in Magdeburg und der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig arbeitete er zunächst als Werks‑ und Verlagsfotograf und wurde bald freier Fotojournalist. Diese Unabhängigkeit ermöglichte ihm eine außerordentliche Reisetätigkeit – er bereiste insgesamt 49 Länder, dokumentierte Krisenregionen und arbeitete u. a. für staatliche Stellen der DDR und UNICEF. Damit war er für mich ein politischer Unterstützer der DDR. Unbestritten ist natürlich seine fotografische Leistung. Berühmt wurde er durch seine Kriegsfotografien aus Vietnam, die ab 1967 weltweit publiziert wurden.
In der DDR war sein Schaffen ein Balanceakt zwischen politischer Nähe und humanistischer Fotografie. Die SED entsandte ihn als Augenzeugen des sozialistischen Kampfes an Brennpunkte des Kalten Krieges; er verstand sich dabei als „Zeitzeuge“ und versuchte, jeder Situation eine menschliche Seite abzugewinnen. Seine Reisen prägten sein Lebenswerk; er suchte stets den Moment, die Wahrheit und die Geschichte hinter den Bildern. Billhardt reiste zwischen 1967 und 1975 zwölfmal nach Vietnam. Er wollte das Schicksal der Menschen im Kriegsgebiet sichtbar machen und das Mitgefühl des Publikums wecken. Er beschrieb seine Motivation so: „Ich wollte, dass die Leute überall auf der Welt Anteil am Schicksal der Menschen in Vietnam nehmen“. Seine Bilder zeigen nicht nur das Grauen, sondern spiegeln auch persönliche Schicksale und intime Momente; sie seien „Erzählungen von persönlichen Schicksalen, Beobachtungen intimer Momente und eine Besinnung auf das Menschliche.“

Neben Kriegsschauplätzen widmete sich Billhardt dem Alltag in der DDR. Seine frühen Serien dokumentierten das Leben in Städten wie Berlin und den Alexanderplatz. Laut Guardian hatte er „die Fähigkeit, ein unsichtbarer Beobachter von Ereignissen zu sein“ – seine Fotos wirken selten arrangiert und fangen spontane Gesten, Blicke und Bewegungen ein. Die Arbeiten bilden ein visuelles Tagebuch über das geteilte Deutschland und andere von ihm bereiste Länder.

Der Zyklus „Hanoi 1967 – 1975“ porträtiert die vietnamesische Hauptstadt während des Krieges. Hanoitimes bezeichnet ihn als „lebendige und vollständige Serie von Alltagsfotos“; die schwarz‑weißen Bilder gleichen Filmen, die das Leben in einer Zeit extremer Knappheit dokumentieren. Billhardt zeigt Frauen, die für einen Tropfen Wasser anstehen, Kinder, die zwischen Baustellen spielen, und Outdoor‑Malunterricht. Trotz chronischem Mangel und Bombenangriffen lächeln die Menschen – ein Kontrast, der seine humanistische Perspektive unterstreicht.

Billhardt arbeitete am DDR‑Dokumentarfilm Piloten im Pyjama mit; das Foto des amerikanischen Piloten Major Dewey Wayne Waddell, der von einer Milizionärin bewacht wird, wurde zum ikonischen Bild des Vietnamkriegs. Die DDR nutzte solche Bilder, um die eigene Position zu propagieren, weshalb sie Teil eines „Bilderkrieges“ gegen die USA wurden. Billhardt betonte aber, dass seine Fotos gleichzeitig menschliche Schicksale erzählten – sie sprechen die Sprache des Krieges und erzählen doch individuelle Geschichten.

Seine Arbeiten sind meist schwarz‑weiß und nutzen starke Kontraste. Die Kompositionen sind durchdacht: Fluchtlinien wie Straßenbahnschienen, Fensterrahmen und diagonale Linien leiten den Blick. Billhardt verwendet natürliches Licht und betont Texturen – nasser Asphalt in Berlin oder raue Mauern in Hanoi. In Vietnam arbeitete er mit leichtem 35‑mm‑Equipment; die Unmittelbarkeit seiner Aufnahmen verdankt sich unter anderem der schnellen Leica‑M‑Kamera. Diese kostbare Kamera zeigt, welchen Status Billhardt innerhalb der kommunistischen DDR hatte.

Für mich eine klare Buchempfehlung: Thomas Billard Fotografie

Bond hinter der Maske: Ein Bildband voller Mythos, Schweiß und Magie

21. März 2026

Das Buch Blood, Sweat and Bond: Behind the Scenes of SPECTRE ist weniger ein klassisches Sachbuch als vielmehr ein sorgfältig gestalteter Bildband, der den Entstehungsprozess des James-Bond-Films Spectre visuell interpretiert.

Von Anfang an wird klar, dass hier nicht die analytische Zerlegung einer Filmproduktion im Vordergrund steht, sondern die Inszenierung ihrer Atmosphäre. Kuratiert vom Fotografen Rankin und ergänzt durch Beiträge weiterer renommierter Bildkünstler, versteht sich das Werk als ästhetische Annäherung an das Bond-Universum hinter den Kulissen. Der Leser erlebt den Film nicht chronologisch nach Produktionsphasen, sondern geografisch und emotional entlang der Drehorte, wodurch sich ein fast filmischer Lesefluss ergibt: Man reist mit der Crew von Location zu Location und spürt die Dimensionen der Produktion, ohne mit technischen Details überfrachtet zu werden.

Die große Stärke des Bandes liegt eindeutig in seiner Fotografie. Viele der Aufnahmen sind so komponiert, dass sie nicht wie beiläufige Set-Dokumentation wirken, sondern wie eigenständige Kunstbilder. Lichtstimmungen, Perspektiven und Bewegungsmomente sind bewusst gewählt und vermitteln ein Gefühl für den Mythos Bond, der auch hinter der Kamera präsent bleibt. Besonders eindrucksvoll sind jene Bilder, die nicht nur Stars zeigen, sondern die gewaltige Maschinerie eines Blockbusters sichtbar machen: riesige Kulissen, komplexe Kameraaufbauten, Stunt-Vorbereitungen und das Zusammenspiel hunderter Crewmitglieder. Dadurch entsteht ein visuelles Verständnis dafür, wie viel Planung, Logistik und Koordination nötig sind, um wenige Sekunden fertigen Films zu erzeugen.

Textlich hingegen bleibt das Buch zurückhaltend. Die kurzen Begleittexte und eingestreuten Zitate von Schauspielern und Crewmitgliedern setzen zwar Akzente und geben punktuelle Einblicke in kreative Entscheidungen oder Herausforderungen während der Dreharbeiten, doch wer eine tiefgehende Analyse der Produktionsprozesse erwartet, wird sie hier nicht finden. Dramaturgische Überlegungen, Drehbuchentwicklungen oder detaillierte technische Hintergründe werden nur angerissen. Diese bewusste Reduktion zugunsten der Bildwirkung passt zwar zum Konzept des Bandes, führt aber dazu, dass er eher ein atmosphärisches Erlebnis als eine umfassende Dokumentation ist. Hinzu kommt, dass die Typografie der Textpassagen teilweise sehr klein geraten ist, was den Lesekomfort mindert und den Eindruck verstärkt, dass die Worte gegenüber den Bildern zweitrangig sind.

Gerade darin liegt jedoch auch der Reiz des Buches. Es will kein Produktionshandbuch sein, sondern ein visueller Zugang zu einer Filmwelt, die sonst meist nur im fertigen Endprodukt sichtbar wird. Wer sich für Fotografie, Set-Ästhetik oder die ikonische Bildsprache der Bond-Reihe interessiert, erhält einen hochwertigen, beinahe musealen Einblick. Leser hingegen, die ein klassisches „Making-of“ mit detaillierten Hintergrundinformationen erwarten, könnten das Werk als zu oberflächlich empfinden. Insgesamt ist es somit ein Bildband mit dokumentarischem Anspruch und kein Sachbuch mit Bildanteil – ein Unterschied, der über die eigene Zufriedenheit mit dem Buch entscheiden dürfte.

Die Lust am Schrecken: Warum wir Krimis so lieben

20. März 2026

Mit einem ebenso unterhaltsamen wie kenntnisreichen Vortrag startete ich wieder den zweiten Teil meiner Reihe in der Maisacher Gemeindebücherei in die Reihe „Maisacher Gespräche zur Popkultur“.

Unter dem augenzwinkernden Titel „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ widmete ich sich der Frage, warum Krimis bis heute eine so große Faszination ausüben. Dabei spannte ich den Bogen von den Anfängen der Kriminalliteratur im 19. Jahrhundert bis zu modernen Thrillern, Serien und Polizeifilmen. Hier die Aufzeichnung:

Gleich zu Beginn gab es noch einen aktuellen Hinweis in eigener Sache: Die Gemeindebücherei Maisach ist seit kurzem auch mit einem Podcast am Start, dessen erste Folge bereits online ist.

Ich führte mein Publikum mit spürbarer Leidenschaft durch die Geschichte des Krimis. Ich erinnerte an Edgar Allan Poe als Wegbereiter des Genres, an Arthur Conan Doyle mit Sherlock Holmes, an Agatha Christie mit Miss Marple und Hercule Poirot sowie an die Blütezeit des klassischen Rätselkrimis. Zugleich zeigte ich, wie sich das Genre im Lauf der Jahrzehnte immer weiter ausdifferenziert hat: vom Landhauskrimi über den Psychothriller bis hin zum Justizroman, Lokalkrimi oder Serial-Killer-Stoff. Auch aktuelle Autorinnen und Autoren wie Simon Beckett, Sebastian Fitzek oder David Safier mit seiner Reihe um „Miss Merkel“ fanden ihren Platz in meinen Streifzug durch die Welt des Verbrechens.

Besonders anschaulich wurde der Vortrag dort, wo ich die Verbindung von Literatur und Film in den Mittelpunkt rückte. Krimis, so meine These, seien aus der Populärkultur nicht wegzudenken, gerade weil sie in so vielen Formen funktionieren: als Roman, Hörspiel, Podcast, Kinofilm oder Fernsehserie. Ich sprach über den Film noir der 1940er Jahre mit seiner düsteren Bildsprache und moralisch zwielichtigen Figuren, über Alfred Hitchcock und dessen Spiel mit Suspense und Voyeurismus, über Edgar-Wallace-Verfilmungen, Humphrey Bogart, Dirty Harry und French Connection. Auch Serien und neuere Formate wie Nordic Noir oder True Crime bezog ich in meine Betrachtungen mit ein.

Im Zentrum stand immer wieder die Frage, warum Menschen Krimis so lieben. Ich erklärte das Genre als intellektuelles Rätselspiel, das Spannung erzeugt, ohne das Publikum selbst in Gefahr zu bringen. Hinzu komme der Wunsch nach Ordnung und Gerechtigkeit: Während die Wirklichkeit oft chaotisch und unerquicklich sei, stelle der Krimi am Ende zumindest erzählerisch die Ordnung wieder her. Darüber hinaus erlaube das Genre einen Blick in die dunklen Seiten der menschlichen Natur, in Aggression, Angst, Rache und Abgründe, die im Alltag meist verborgen bleiben. Gerade diese Mischung aus Nervenkitzel, moralischer Orientierung und sicherer Distanz mache die anhaltende Attraktivität des Krimis aus.

Mit vielen Beispielen, Anekdoten und Querverweisen gelang mir einen Abend, der zugleich informativ und kurzweilig war. Dabei blieb auch Raum für Diskussionen mit dem Publikum, das sich mit eigenen Beobachtungen einbrachte, etwa zur Entwicklung des modernen Krimis, zur Rolle von Hörspielen oder zu immer brutaleren Darstellungen in neueren Stoffen. So wurde der Vortrag nicht nur zu einer kleinen Kulturgeschichte des Verbrechens, sondern auch zu einer lebendigen Reflexion darüber, was Krimis über unsere Gesellschaft und über uns selbst erzählen. Zum Abschluss warb ich bereits für die nächste Ausgabe der „Maisacher Gespräche zur Popkultur“: Dann geht es um Monster, Vampire, Frankenstein und Dracula.

Mit Herz und Kruste: Zwei Podcasts feiern die Leidenschaft fürs Brot

19. März 2026

Gleich zwei Podcasts durfte ich für die Handwerksbäckerei Martin Reicherzer in Fürstenfeldbruck und Aubing produzieren. Und beide Podcasts drehen sich um Brot.

Im Mittelpunkt des ersten Podcasts stand diesmal das Roggenbrot, das zum Brot des Jahres 2026 gewählt wurde. Hier zum Anhören:

Für Martin Reicherzer war diese Auszeichnung zwar eine Überraschung. Aus seiner Sicht geht der Trend im Verkauf derzeit eher in Richtung Weizenbrot und verschiedener Weizenbrotsorten, etwa mit Urgetreide. Umso bemerkenswerter sei es, dass nun gerade das Roggenbrot in den Mittelpunkt des Zentralverbandes der Bäcker rücke. Vielleicht, so seine Einschätzung, wolle man damit auch wieder stärker auf die besonderen Qualitäten dieses wertvollen Roggen-Getreides aufmerksam machen.

Was ein gutes Roggenbrot ausmacht, erklärt der Bäckermeister sehr anschaulich. Entscheidend sei vor allem die richtige Versäuerung des Teiges sowie das scharfe Anbacken im Ofen. Dadurch entstehe eine kräftige Kruste, während das Innere, die Krume, besonders wattig und saftig werde. Genau daran könne auch der Kunde ein hochwertiges Roggenbrot erkennen. Roggenmehl nehme deutlich mehr Wasser auf als andere Mehlsorten. Gleichzeitig seien seine Backeigenschaften anders, da bestimmte Inhaltsstoffe die Ausbildung des Klebergerüsts hemmen. Deshalb neige Roggenbrot stärker dazu, etwas auseinanderzulaufen, wenn es nicht fachgerecht verarbeitet werde.

In der deutschen Brotkultur spielt Roggenbrot nach den Worten Martin Reicherzer eine große Rolle. Historisch hänge das vor allem mit den Anbaubedingungen zusammen. Weizen lasse sich nur bis zu einer bestimmten Höhenlage wirklich ertragreich und in guter Qualität anbauen. In höheren Lagen sei deshalb häufig Roggen die bessere Wahl gewesen. Daraus habe sich über die Zeit eine große Vielfalt an Broten entwickelt, vor allem an Sauerteig- und Mischbroten. Roggenbrot ist damit nicht nur ein traditionelles Brot, sondern ein wichtiger Teil der deutschen Brotkultur.

Fast immer wird Roggenbrot mit Sauerteig hergestellt. Auch dafür gibt es einen guten Grund. Roggen ist ohne Säuerung nur schwer backfähig. Die Versäuerung sorgt dafür, dass sich der Teig stabilisiert und überhaupt zu einem guten Brot verarbeitet werden kann. Gleichzeitig bringt Sauerteig ein ganz eigenes Aroma mit, das für viele erst den typischen Geschmack eines Roggenbrotes ausmacht.

Wer wissen möchte, wie viel Zeit in einem echten Roggenbrot steckt, bekommt von Martin Reicherzer ebenfalls einen Einblick. In seiner Bäckerei wird täglich Sauerteig angesetzt. Dieser müsse mindestens 15 Stunden reifen, damit er richtig durchsäuert sei und die nötige Reife erreiche. Roggenbrot brauche also vor allem eines: Zeit. Industrielle Abkürzungen seien für ihn als Handwerksbäcker keine Alternative. Zwar gebe es Backmischungen und künstliche Säuerungsmittel, die etwa auf Zitronensäure oder anderen industriell hergestellten Bestandteilen basierten. Doch das sei aus seiner Sicht kein Vergleich zu einem natürlich geführten Sauerteig. Gerade beim Roggenbrot zeige sich, wie wichtig handwerkliche Herstellung und Geduld seien. In der Bäckerei komme hinzu, dass das Brot in Bio-Qualität hergestellt werde. Viele künstliche Teigsäurungsmittel seien dort ohnehin nicht erlaubt.

Auch Regionalität spielt in der Bäckerei eine große Rolle. Das Mehl bezieht Martin Reicherzer nach wie vor von der Weiss-Mühle. Diese arbeitet mit Vertragsbauern aus der Umgebung zusammen, sodass die Rohstoffe sehr regional sind. Für Reicherzer ist das ein großer Vorteil, denn der Müller kann gezielt bestimmte Sorten anbauen lassen und verschiedene Mehle so miteinander verschneiden, dass eine konstant hohe Qualität entsteht. Das sorge für Verlässlichkeit und ein hochwertiges Endprodukt.

So zeigt das Gespräch, dass Roggenbrot weit mehr ist als nur ein klassisches Alltagsbrot. Es ist ein Stück deutscher Brotkultur, ein handwerklich anspruchsvolles Produkt und für Martin Reicherzerein Brot, das Zeit, Können und gute Zutaten braucht.

Goldregen fürs Brot

Der zweite Brot-Podcast drehte sich um besonderen Erfolg bei der Brotprüfung der Bäckerinnung Fürstenfeldbruck, bei der die Brote der Bäckerei ausgezeichnet wurden. Hier zum Anhören:

Bäckermeister Martin Reicherzer berichtet von einem echten „Goldregen“. Insgesamt wurden fünf Brote zur Prüfung eingereicht. Zwei davon erhielten Gold, drei weitere wurden sogar überdurchschnittlich bewertet. Dabei erreichten die Brote 88, 87 und 82 Punkte. Martin Reicherzer erklärt, dass früher 80 Punkte bereits für Gold standen. Alles, was darüber liege, sei deshalb noch einmal eine ganz besondere Auszeichnung und zeige, was in diesen Broten steckt.

Gold gab es für das „Brot der Bayern“ und für das Kartoffelbrot. Besonders herausragend war jedoch das Urkornbrot, das mit 88 Punkten die höchste Bewertung erhielt. Dieses Brot ist auch als „36-Stunden-Brot“ bekannt, weil es mit einer extrem langen Teigführung hergestellt wird. Hinzu kommen ein Kochstück und ein Brühstück, was die Herstellung besonders aufwendig macht. Für Reicherzer ist diese Bewertung deshalb ein absolutes Spitzenergebnis. 87 Punkte erhielt außerdem das Gröbenzeller Brot, ein kerniges und kräftig gewürztes Sauerteigbrot mit 70 Prozent Roggen und 30 Prozent Weizen, wobei auch der Weizen in Schrotform verarbeitet wird. Das Kartoffelbrot kam auf 82 Punkte und wurde ebenfalls stark bewertet.

Gefragt nach einer Feier anlässlich der Auszeichnungen bleibt Martin Reicherzer sachlich. Für ihn steht weniger das Feiern im Vordergrund, sondern vielmehr die Überprüfung der eigenen Qualität. Er betont, wie wichtig es sei, die eigenen Brote regelmäßig auch von außen bewerten zu lassen. Denn was man selbst täglich herstelle, schmecke einem natürlich immer gut. Gerade deshalb könne man mit der Zeit betriebsblind werden. Eine unabhängige Prüfung helfe dabei, mögliche Fehler frühzeitig zu erkennen und die Qualität konstant hochzuhalten.

Ein besonderes Gewicht haben die Auszeichnungen auch deshalb, weil die Prüfung von Brotprüfer und Brotsommelier Manfred Stiefel vorgenommen wurde. Reicherzer beschreibt ihn als absoluten Fachmann, der seit vielen Jahren in ganz Deutschland unterwegs ist, um Brote zu prüfen. Stiefel kenne die deutsche Brotlandschaft bis ins Detail und könne oft schon anhand eines Brotes einschätzen, aus welcher Region es stamme und welche Tradition dahinterstehe. Dass ein so erfahrener Prüfer der Bäckerei diese hohen Bewertungen verleiht, ist für Reicherzer eine echte Ehre.

Natürlich stellt sich auch die Frage, wie diese Erfolge an die Kundinnen und Kunden weitergegeben werden. In der Bäckerei sind die Urkunden gut sichtbar im Schaufenster ausgestellt. Besonders im Laden in Fürstenfeldbruck ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich. So wird für die Kundschaft unmittelbar sichtbar, dass hier handwerklich auf höchstem Niveau gearbeitet wird. Auch im Verkauf werde darauf hingewiesen, dass die Brote ausgezeichnet wurden. Für Reicherzer sind diese Urkunden ein schöner Beleg nach außen, dass die Handwerksbäckerei ihr Handwerk beherrscht.

Zugleich sieht er in den Auszeichnungen nicht nur eine Bestätigung für sich selbst, sondern ausdrücklich auch für sein Team. Denn die Qualität der Brote hängt davon ab, dass alle im Betrieb präzise arbeiten und die Abläufe genau eingehalten werden. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei es ebenfalls eine Auszeichnung, in einer Bäckerei zu arbeiten, die solche Ergebnisse erzielt. Gleichzeitig wachse damit aber auch der Anspruch, bei der nächsten Brotprüfung wieder auf diesem hohen Niveau abzuschneiden. Schlechter wolle man natürlich nicht werden. Reicherzer sieht darin jedoch vor allem einen Ansporn. Das Team lerne, worauf es ankomme, eigne sich wichtiges Wissen an und wisse genau, an welchen Stellschrauben gedreht werden müsse, um die Qualität immer wieder auf Spitzenniveau zu bringen.

So bleibt am Ende nicht nur die Freude über die ausgezeichneten Brote, sondern auch das gute Gefühl, dass handwerkliche Sorgfalt, Erfahrung und Teamarbeit in der Bäckerei Martin Reicherzer sichtbar Früchte tragen. Die Rückmeldungen der Kunden sind seit Langem sehr positiv, und nun kommt auch noch die Anerkennung durch einen erfahrenen Brotprüfer und das Deutsche Brotinstitut hinzu. Für Martin Reicherzer ist das ein Grund, rundum zufrieden zu sein — mit seinen Broten, mit seinem Team und mit dem Weg, den seine Bäckerei geht.

Zwischen Krisen, Kraft und klaren Kanten: Markus Söder wirbt für ein starkes Bayern in unsicheren Zeiten

18. März 2026

Beim Internationalen PresseClub München hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor Journalisten und Gästen zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Stellung genommen. Im Mittelpunkt seines Auftritts standen die Folgen internationaler Krisen, die Lage der deutschen und bayerischen Wirtschaft, die Kommunalwahlen in Bayern sowie Fragen zur Energiepolitik.

Zu Beginn ging Söder auf die Kommunalwahlen ein und zeigte sich mit dem Abschneiden der CSU zufrieden. Trotz Zugewinnen der AfD habe sich die CSU in Bayern stabil gehalten. Zugleich betonte er, dass die Grünen in vielen Teilen Bayerns deutlich verloren hätten. In München verwies Söder auf die laufende Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt und erklärte, dass er sich persönlich heraushalte, zugleich aber Verständnis für die Empfehlung der Münchner CSU habe, Amtsinhaber Dieter Reiter zu unterstützen. Kommunalwahlen seien heute stark von Persönlichkeiten geprägt. Die CSU könne in jeder Stadt gewinnen, aber auch in jedem Dorf verlieren, sagte Söder. Hier die komplette Veranstaltung

Mit Blick auf die AfD bekräftigte der Ministerpräsident seine ablehnende Haltung gegenüber einer Zusammenarbeit. Es gebe in Bayern keine Kooperation mit der AfD, weder auf kommunaler noch auf anderer Ebene. Zur Begründung verwies er nicht nur auf programmatische Unterschiede, sondern vor allem auf das Demokratieverständnis, die Sprache und das Personal der Partei. Gleichzeitig warnte Söder davor, die AfD allein mit moralischer Abgrenzung bekämpfen zu wollen. Wer Probleme nicht löse, sondern nur über die AfD rede, stärke sie am Ende eher. Entscheidend sei es, bei Themen wie Migration, innerer Sicherheit und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit konkrete Lösungen anzubieten.

Ein zentrales Thema seines Auftritts war die wirtschaftliche Lage. Söder zeichnete das Bild einer Welt im Dauerkrisenmodus, verwies aber zugleich darauf, dass Krisen auch früher zum politischen Alltag gehört hätten. Neu sei heute vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich Entwicklungen zuspitzen und medial verbreiten. Mit Sorge blickte er auf die Belastungen für die exportorientierte bayerische Wirtschaft. Zölle, hohe Energiepreise, internationale Konflikte und strukturelle Schwächen der deutschen Industrie träfen Bayern besonders, weil der Freistaat stark von Maschinenbau, Autoindustrie und Chemie geprägt sei. Söder warnte vor Steuererhöhungen und sprach sich stattdessen für Steuersenkungen aus, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken.

Ausführlich äußerte sich Söder auch zur Energiepolitik. Deutschland brauche mehr Energie, nicht weniger, sagte er. Angesichts von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Rechenzentren, Elektromobilität und neuer industrieller Entwicklungen werde der Strombedarf in den kommenden Jahren weiter deutlich steigen. Deshalb dürfe sich Deutschland nicht auf einzelne Energieformen beschränken. Söder sprach sich zwar für einen weiteren Ausbau erneuerbarer Energien aus, verwies aber zugleich auf Gaskraftwerke, neue Technologien und die Notwendigkeit, alle Optionen offen zu halten. Dabei warb er auch für eine neue Debatte über sogenannte Small Modular Reactors, also kleine modulare Atomreaktoren. Die klassischen großen Kernkraftwerke seien aus seiner Sicht kein realistisches Zukunftsmodell mehr, bei kleineren Reaktoren und neuen Formen der Kerntechnik wolle Bayern aber in Forschung und Entwicklung vorn mit dabei sein. Auch auf Kernfusion setzte Söder große Hoffnungen. Bayern wolle hier eine führende Rolle einnehmen und strebe an, Standort für neue Demonstrationsprojekte zu werden.

Im Zusammenhang mit den stark gestiegenen Spritpreisen infolge der Krise im Nahen Osten sprach Söder sich für schärfere kartellrechtliche Eingriffsmöglichkeiten aus. Es sei nicht akzeptabel, dass die Preise schon stiegen, bevor sich eine tatsächliche Verknappung beim Rohstoff bemerkbar mache. Zugleich verteidigte er die von ihm durchgesetzte Erhöhung der Pendlerpauschale und brachte erneut ins Gespräch, staatliche Mehreinnahmen aus höheren Energiepreisen an die Bürger zurückzugeben. Die CO2-Bepreisung sei davon allerdings zu unterscheiden. Hier sprach sich Söder grundsätzlich dafür aus, zusätzliche Belastungen für Unternehmen zu begrenzen, um Wettbewerbsnachteile gegenüber China und den USA zu vermeiden.

Mit Blick auf die internationale Lage äußerte Söder Verständnis für das Vorgehen Israels im Nahen Osten und bezeichnete das iranische Regime als eines der schlimmsten der Welt. Zugleich zeigte er sich unsicher, welche Strategie die USA in der Region langfristig verfolgten. Die Sperrung der Straße von Hormus und die daraus resultierenden Folgen für die Energiepreise bereiteten ihm Sorgen. Unabhängig davon mahnte er, den Krieg in der Ukraine nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Leistungen der Ukrainer bezeichnete er als nahezu übermenschlich. Deutschland und Europa müssten deshalb weiter an ihrer Verteidigungsfähigkeit arbeiten und insbesondere den Schutz der östlichen Partner ernst nehmen.

Auch auf innenpolitische und gesellschaftliche Fragen ging Söder ein. Er betonte die Bedeutung von Ehrenamt, Vereinen, Feuerwehren und kommunalem Engagement in Bayern. Die Vorstellung eines weitgehenden gesellschaftlichen Rückzugs in private Räume teile er nicht. Bayern sei nach wie vor stark von bürgerschaftlichem Engagement geprägt. Zugleich hob er die Bedeutung direkter Begegnungen hervor und verteidigte seine starke Präsenz in sozialen Medien als zeitgemäße Form politischer Kommunikation. Diese könne das persönliche Gespräch nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen.

Kritisch äußerte sich Söder erneut zum Länderfinanzausgleich. Bayern trage dort eine aus seiner Sicht überproportionale Last. Der Freistaat zahle inzwischen den größten Teil des Volumens und wolle deshalb weiter rechtlich gegen die bestehende Regelung vorgehen. Bayern sei wirtschaftlich stark genug, um eigenständig bestehen zu können, sagte Söder in einem scherzhaft formulierten, aber bewusst zugespitzten Seitenhieb auf die bundesstaatlichen Finanzstrukturen.

Insgesamt präsentierte sich Söder im PresseClub als Politiker, der auf technologische Modernisierung, wirtschaftliche Stärke und politische Handlungsfähigkeit setzt. Er warb für mehr Mut zu Zukunftstechnologien, schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und eine Politik, die Probleme nicht verwalte, sondern aktiv löse. Seine zentrale Botschaft lautete, dass Bayern in einer unsicherer gewordenen Welt nur dann stark bleibe, wenn es wirtschaftlich leistungsfähig, technologisch mutig und politisch entschlossen handle.