Einfach machen! Hans-Dieter Scherer über Musik, Mut und die Kultur in Maisach

1. November 2026

Er bringt internationale Gitarrenvirtuosen nach Maisach, organisiert Konzerte und Kabarettabende, begeistert sich für Veranstaltungstechnik und scheut auch vor großen Projekten nicht zurück. Hans-Dieter Scherer, den die meisten Menschen in Maisach einfach als „HD“ kennen, gehört seit Jahrzehnten zu den engagierten Kulturmachern der Gemeinde Maisach. Beim BistroTalk im Bistro SixtyFour sprach er mit Gastgeber Matthias J. Lange über seine ungewöhnliche Lebensgeschichte, musikalische Leidenschaften, spektakuläre Konzerterlebnisse, wirtschaftliche Risiken und die Schwierigkeiten, in einer Gemeinde kulturelle Angebote zu schaffen. Dabei wurde deutlich: Scherer ist ein Mann, der lieber handelt, als lange zu diskutieren.

„Einfach machen, riskieren, Mut haben, ausprobieren.“ Mit diesen Worten beschreibt Hans-Dieter Scherer seine Lebenseinstellung. Es ist ein Motto, das sich wie ein roter Faden durch seine Biografie zieht. Der Sponsor der Veranstaltung war das Zentrum für Gesundheit Dombo. Hier die Aufzeichnung des Live-Streams.

Der gebürtige Maisacher hat im Laufe seines Lebens erstaunlich viele unterschiedliche Tätigkeiten ausgeübt. Er arbeitete als Kfz-Mechaniker, beschäftigte sich mit Mediengestaltung und Webdesign, sammelte Erfahrungen beim Fernsehen und entwickelte sich schließlich zu einem Konzertveranstalter, der weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist. Eine geradlinige Karriere war das nicht. Doch Scherer betrachtet seine beruflichen Wechsel keineswegs als Nachteil. „Ich mache eigentlich hauptsächlich Sachen, die mir Spaß machen“, erklärte er im Gespräch. Schon früh habe er gewusst, welche Tätigkeiten er nicht ausüben wollte. Stattdessen sei er seinen Interessen gefolgt und habe neue Herausforderungen angenommen. „Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gesagt habe: Nicht nur rumquatschen, sondern einfach auch mal machen.“ Geprägt wurde er durch seine Familie und das handwerkliche Umfeld. Sein Vater betrieb ein Baugeschäft in Maisach, in dem Scherer bereits als Jugendlicher mitarbeitete und praktische Erfahrungen sammelte. Auch seine Linkshändigkeit spielte nach eigener Einschätzung eine Rolle. Während sein Vater ihn ursprünglich zum Rechtshänder umerziehen wollte, setzte sich eine Grundschullehrerin dafür ein, dass er seine natürliche Veranlagung behalten durfte. Scherer entwickelte dadurch nach eigener Darstellung eine besondere Freude daran, unterschiedliche handwerkliche und technische Fähigkeiten auszuprobieren. Seiner Heimatgemeinde ist er bis heute verbunden. Familie, Freunde und das Elternhaus seien wichtige Gründe, weshalb er Maisach trotz zahlreicher Reisen und beruflicher Veränderungen nie dauerhaft verlassen wollte. Hinzu kommt ein weiterer Antrieb: der Wunsch, das kulturelle Leben vor Ort zu bereichern.

Dass Heimatverbundenheit nicht zwangsläufig Provinzialität bedeutet, zeigt Scherers Reisebiografie. Immer wieder zog es ihn in andere Länder, wo er ungewöhnliche Erfahrungen sammelte und sich auf neue Situationen einließ. Nach dem Ende einer Beziehung verbrachte er ein halbes Jahr auf einem biologisch bewirtschafteten Bauernhof in Spanien. Ohne Spanischkenntnisse angekommen, lernte er die Sprache im Alltag und gewann gleichzeitig wichtige Erkenntnisse über seine eigenen Lebensvorstellungen. Dort begegnete er zahlreichen deutschen Auswanderern und beobachtete, wie schwer es vielen fiel, sich dauerhaft in ihrer neuen Heimat einzuleben. „Da habe ich sofort gewusst: Das ist nicht meins“, erinnerte er sich. Für ihn stand fest, dass er immer wieder nach Maisach zurückkehren wollte. In Kanada half er einem Freund beim Bau eines Holzhauses und arbeitete dabei mit kanadischen Zimmerleuten zusammen. Neben der handwerklichen Erfahrung lernte er Land und Leute kennen, besuchte Country-Bars und die Niagarafälle. Auch diese Reise hinterließ bleibende Eindrücke, änderte jedoch nichts an seiner Heimatverbundenheit. Besonders ungewöhnlich waren seine Aufenthalte in Indien und Mexiko. Für einen Bekannten, der Naturprodukte vertrieb, suchte Scherer in Bombay nach traditionellen Kajalstiften und in Mexiko nach der sogenannten Rose von Jericho. Die Wüstenpflanze, die sich bei Kontakt mit Wasser entfaltet, wurde anschließend nach Deutschland gebracht. Auf diese Weise verband Scherer seine Reiselust mit praktischen Aufgaben. Dieses Prinzip verfolgt er bis heute. Seine Gitarrenworkshops in Österreich ermöglichen es ihm, Organisation, Musik und Reisen miteinander zu verbinden. „Ich kann organisieren, bin dort, höre Musik und habe super Leute um mich herum“, beschrieb er die Vorteile.

Die Leidenschaft für Musik begann bereits in seiner Jugend. Mit etwa 13 Jahren bekam Scherer von seinen beiden Schwestern zwei Musikkassetten geschenkt: eine mit Musik der Beatles und eine mit Liedern von Donovan. „Die habe ich rauf und runter gehört“, erinnerte er sich. Später nahm er Musik aus dem Radio auf und entwickelte ein immer breiteres Interesse an unterschiedlichen Stilrichtungen. Auch selbst musizierte Scherer. Als Jugendlicher spielte er Posaune und trat unter anderem gemeinsam mit einem späteren Mitglied der bekannten bayerischen Musikerfamilie Well auf. Sogar ein gemeinsames Konzert in der Jahnhalle Fürstenfeldbruck gehörte zu seinen frühen musikalischen Erfahrungen. Zur Gitarre entwickelte er eine besondere Beziehung, auch wenn er selbst nie zum Gitarrenvirtuosen wurde. Als Linkshänder habe er damals nicht gewusst, dass es spezielle Gitarren für Linkshänder gibt. Auf der Bühne stand er dennoch gelegentlich als Sänger, allerdings ohne daraus eine eigene Musikerkarriere zu machen. Der eigentliche Einstieg in die Konzertorganisation erfolgte über Veranstaltungen in Maisach. Rund 20 Jahre lang war Scherer an einem Hobbyfußballturnier beteiligt, bei dem auch regionale Bands auftraten. Zu den Musikern gehörte unter anderem Wally Warning. So entstanden erste Kontakte zur professionellen Musikszene. Entscheidend wurde später die Zusammenarbeit mit dem damaligen Maisacher Brauereichef Benno Wieser, der die Konzertreihe „Beer & Guitar“ ins Leben gerufen hatte. Gemeinsam besuchten sie die Musikmesse in Frankfurt. Dort begegneten sie internationalen Gitarristen wie Jacques Stotzem, Joscho Stephan und Tommy Emmanuel. Scherer setzte dabei auf persönliche Gespräche statt auf formelle Anfragen über Agenturen. Aus Begegnungen wurden Kontakte und aus Kontakten schließlich Konzerte. Als Wieser die Reihe nicht mehr weiterführen konnte, übernahm Scherer die Organisation.

Dass international bekannte Musiker in einer vergleichsweise kleinen Gemeinde auftreten, ist für Scherer vor allem eine Frage des persönlichen Netzwerks. Viele Künstler kennt er inzwischen seit Jahren. Andere werden ihm von Konzertbesuchern empfohlen oder melden sich selbst bei ihm. „Ich habe so viele Kontakte, dass ich das hauptsächlich direkt mache, ohne Agenturen“, erklärte er. Gerade bei Gitarristen funktioniere diese persönliche Ansprache häufig sehr gut. Dabei nutzt Scherer geschickt bestehende Tourneepläne. Wenn ein Musiker aus Australien oder Kanada ohnehin durch Europa reist, kann Maisach zu einer zusätzlichen Station werden. So lassen sich hohe Reisekosten vermeiden. Als Beispiel nannte er den australischen Gitarristen Michael Fix, der für Herbst 2027 wieder eine Europatournee plant. Entscheidend ist für Scherer jedoch nicht allein der Bekanntheitsgrad eines Künstlers. Die Musik muss ihm selbst gefallen und zum Publikum passen. Neue Namen entdeckt er über Empfehlungen, persönliche Kontakte und Videos im Internet. Dabei hört er genau hin, bevor er sich für eine Verpflichtung entscheidet. Sein Publikum ist über die Jahre gewachsen und anspruchsvoller geworden. Viele Besucher spielen selbst Gitarre und wissen die technischen Fähigkeiten der auftretenden Musiker zu schätzen. „Für die ist das ein Wahnsinn, dass solche Leute überhaupt kommen“, sagte Scherer. Die Nähe zur Großstadt München empfindet er nicht als Konkurrenz. Im Gegenteil: Gerade die überschaubare Atmosphäre seiner Konzerte sei ein entscheidender Vorteil. Während in manchen Münchner Musiklokalen während eines Auftritts weitergeredet werde, herrsche in Maisach eine besondere Aufmerksamkeit. „Zu mir in den Keller kommen die Leute und hören zu. Das ist wirklich ein interessiertes Publikum.“ Dass sich dieses Konzept durchsetzen würde, war keineswegs selbstverständlich. „Es hat schon vier, fünf Jahre gedauert, bis das hier angekommen ist“, erinnerte sich Scherer. Heute reisen Konzertbesucher aus Starnberg und teilweise sogar aus Österreich an.

Zu den Höhepunkten seiner Veranstalterlaufbahn zählt Scherer das Konzert von LaBrassBanda beim Maisacher Volksfest 2017. Rund 2000 Menschen feierten damals im Festzelt die bayerische Band. „Das war genial. Diese ganze Menge hat getanzt, das war wunderschön“, schwärmte Scherer noch Jahre später. Möglich wurde die Veranstaltung durch persönliche Kontakte. Sein Tontechniker Flo Leitwieser arbeitete auch für LaBrassBanda und konnte den Kontakt zur Band herstellen. Anschließend mussten die Verhandlungen mit dem Management geführt und die Veranstaltung gemeinsam mit der Gemeinde und dem Festwirt geplant werden. Ein Konzert dieser Größenordnung ist allerdings mit erheblichen finanziellen Risiken verbunden. Scherer erläuterte, dass allein für eine bekannte Band eine Gage in der Größenordnung von 35.000 Euro anfallen könne. Hinzu kommen Kosten für Technik, Werbung, Personal und Unterbringung. Bei rund 2000 erwarteten Besuchern müsse deshalb sorgfältig kalkuliert werden, welcher Eintrittspreis erforderlich sei, um sämtliche Ausgaben zu decken. „Da kannst du runterrechnen, wie viel die Eintrittskarte kosten muss, dass zumindest noch ein kleiner Gewinn herauskommt.“ Auch die logistischen Anforderungen sind erheblich. Eine größere Band reist mit Technikern und weiteren Mitarbeitern an. Bis zu 20 Personen müssen untergebracht, versorgt und betreut werden. Hinzu kommen Bühnenaufbau, Stromversorgung, Sicherheitsfragen und die Abstimmung mit zahlreichen Beteiligten. Wenn schließlich alles vorbereitet ist und das Konzert beginnt, kann Scherer die Musik genießen. „Dann halte ich mich raus, dann genieße ich“, sagte er lachend.

Nicht jede Veranstaltung wird allerdings zum Erfolg. Scherer berichtete auch von Konzerten, bei denen organisatorisch oder wirtschaftlich einiges schiefging. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Auftritt eines tschechischen Gitarristen im Jahr 2008. Während seine Konzerte normalerweise gut besucht waren, erschienen an diesem Abend lediglich vier Zuschauer. Der Grund war nach Scherers Einschätzung ein parallel stattfindendes Fußballspiel zwischen Bayern München und der damals besonders erfolgreichen TSG Hoffenheim. Der Musiker spielte trotzdem sein Konzert. Für Scherer war das eine wichtige Erfahrung. Gerade in Bayern müsse man bei der Terminplanung auch den Fußballkalender berücksichtigen. Das sei allerdings schwierig, weil konkrete Spielansetzungen häufig erst vergleichsweise kurzfristig feststehen. Auch technische Pannen gehören zum Veranstalteralltag. Bei einem Konzert des Bluesmusikers Abi Wallenstein kam es wiederholt zu unangenehmen Rückkopplungen. Mehrfach wurde das Mikrofon ausgetauscht, bevor sich herausstellte, dass die Ursache in der Position eines Lautsprechers auf der Bühne lag. Solche Erfahrungen zeigen, dass selbst kleine Konzerte erhebliche technische Anforderungen stellen.

Besonders schwierig war für Scherer die Corona-Pandemie. Als Konzerte in geschlossenen Räumen kaum möglich waren, entwickelte er gemeinsam mit Verantwortlichen der Maisacher Brauerei alternative Veranstaltungskonzepte. Die Idee war, mit kleinen Bühnen ins Freie auszuweichen. Unter anderem wurden Veranstaltungen beim Schützenheim in Maisach und in Gernlinden organisiert. Dort trat auch die Kabarettistin Franziska Wanninger auf. Der erhoffte Erfolg blieb allerdings aus. Nur wenige Besucher kamen zu den Veranstaltungen. „Es kamen ganz, ganz wenige Leute“, erinnerte sich Scherer. Finanziell konnten die Verluste teilweise durch die Unterstützung der Brauerei aufgefangen werden. Dennoch bereut er diese Versuche nicht. Sie entsprachen seiner grundsätzlichen Einstellung, auch unter schwierigen Bedingungen nach Lösungen zu suchen. Nach dem Ende der Pandemie dauerte es nach seiner Beobachtung etwa ein weiteres Jahr, bis sich das Publikum wieder an regelmäßige Konzertbesuche gewöhnt hatte. Inzwischen funktioniere das Geschäft wieder gut. Reine Streamingveranstaltungen sind für Scherer dagegen keine Alternative. Ihm geht es um die unmittelbare Begegnung zwischen Künstlern und Publikum.

Im Gespräch mit Matthias J. Lange berichtete Scherer auch von Veranstaltungsprojekten, die nie verwirklicht wurden. Besonders spektakulär war die Idee, die australische Rockband AC/DC auf das Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck zu holen. Der frühere Brauereichef Benno Wieser verfügte nach Scherers Angaben über persönliche Kontakte zur Familie der Band in Schottland. Gemeinsam überlegten sie, ob sich ein großes Konzert auf dem weitläufigen Gelände organisieren ließe. Die Idee scheiterte letztlich an den unklaren Nutzungsmöglichkeiten und den fehlenden organisatorischen Voraussetzungen. Auch mögliche Großkonzerte auf einem geplanten Trabrennbahnareal blieben Gedankenspiele. Ein weiteres Projekt entstand gemeinsam mit Markus Libal. Auf dem ehemaligen Volksfestplatz in Maisach sollte eine dauerhafte Infrastruktur für Kulturveranstaltungen geschaffen werden. Vorgesehen waren unter anderem feste Toilettenanlagen, Stromanschlüsse und Möglichkeiten für Open-Air-Konzerte. Doch auch dieses Vorhaben wurde nicht umgesetzt. Nach Scherers Darstellung veränderten sich die Voraussetzungen durch die Verpachtung des Geländes. Inzwischen konzentriert sich Scherer bewusst wieder stärker auf kleinere Veranstaltungen und seine Gitarrenworkshops. Diese finden unter anderem in Österreich statt und sollen möglicherweise weiter ausgebaut werden.

Neben der Musik begeistert sich Scherer seit seiner Kindheit für Technik. Schon früh beschäftigte er sich mit Fischertechnik, Lego, Elektromotoren und selbst gebauten Radios. Später kamen Erfahrungen aus der Fernseh- und Medienbranche hinzu. Heute besitzt er eigene Tonanlagen und kümmert sich bei vielen Veranstaltungen selbst um technische Fragen. Dabei ist er keineswegs ein bedingungsloser Anhänger moderner Digitaltechnik. „Ich bin noch analog unterwegs“, erklärte er. Er arbeitet weiterhin gerne mit klassischen Mischpulten und setzt auf bewährte Mikrofone und Lautsprecher. Entscheidend sei nicht die teuerste Technik, sondern die Fähigkeit, richtig zuzuhören. Scherer kritisierte, dass bei manchen Konzerten Gesang und Instrumente schlecht aufeinander abgestimmt seien. „Ein guter Tontechniker muss das hören. Der muss auch mal nach vorne gehen, in die Ecke gehen und nach hinten gehen, um einen akustischen Eindruck zu bekommen.“ Besonders wichtig ist für ihn die Raumakustik. Kahle Wände erzeugen unangenehmen Nachhall, während Vorhänge, Holzverkleidungen und andere Oberflächen den Klang verbessern können. Auch das Publikum verändert die akustischen Bedingungen. Ein voller Saal absorbiert Schall und macht es notwendig, während des Konzerts nachzuregeln. Mit modernen Möglichkeiten wie Autotune und künstlicher Intelligenz beschäftigt sich Scherer durchaus interessiert. Dennoch bevorzugt er handgemachte Musik. „Ich stehe eher auf ehrliche Musik, wo ehrlich Gitarre gespielt und ehrlich gesungen wird“, betonte er. Diese Haltung spiegelt sich auch in seinem privaten Musikgeschmack wider. Er hört Rockmusik, Klassiker der 1960er- und 1970er-Jahre sowie akustische Gitarrenmusik. Zu den Künstlern, die er selbst live erlebt hat, gehören David Bowie, Iggy Pop und die Stranglers. Dass musikalische Klassiker auch bei jüngeren Generationen funktionieren, erlebt er in seiner eigenen Familie. Schmunzelnd erzählte er, wie ihm seine Kinder einmal begeistert eine vermeintlich neue musikalische Entdeckung vorspielten: „Smoke on the Water“ von Deep Purple.

Bei aller Begeisterung bleibt die Organisation von Konzerten eine wirtschaftliche Herausforderung. Scherer übernimmt viele Aufgaben selbst: Künstlerkontakte, Vertragsverhandlungen, Werbung, Internetauftritt, Plakatierung, Technik, Hotelbuchungen und die Abrechnung mit Verwertungsgesellschaften. Hinzu kommen gesetzliche Verpflichtungen und Kosten etwa für GEMA und Künstlersozialabgabe. Rechnet man die aufgewendete Arbeitszeit vollständig ein, bleibt häufig nur ein geringer finanzieller Ertrag. „Das darf man gar nicht nachrechnen, die Zeit, die man da aufwendet“, sagte Scherer. Er betonte allerdings, dass er seine Veranstaltungen nicht ausschließlich ehrenamtlich organisiere. Ein kleiner Überschuss solle möglichst entstehen. Davon leben könne er jedoch nicht. „Das Ganze ist natürlich eine Leidenschaftsgeschichte. Das macht mir Spaß.“ Sein Ziel sei es, kulturell interessante Veranstaltungen anzubieten und gleichzeitig das finanzielle Risiko überschaubar zu halten. Bei kleineren Konzerten sei er bereits zufrieden, wenn Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen seien. Gerade diese Verbindung aus persönlichem Engagement und unternehmerischem Risiko macht die Situation privater Kulturveranstalter deutlich. Sie schaffen Angebote, die das kulturelle Leben einer Gemeinde bereichern, tragen aber einen erheblichen Teil des wirtschaftlichen Risikos selbst.

Deutlich wurde Scherer, als das Gespräch auf die Kulturpolitik der Gemeinde Maisach kam. Zwar würdigte er ausdrücklich bestehende Angebote wie den Winterzauber, den Künstlermarkt und die Leistungen örtlicher Musikgruppen. Insgesamt sieht er jedoch erheblichen Verbesserungsbedarf. Besonders kritisch beurteilt er die geplante Abschaffung der öffentlichen Anschlagtafeln in Maisach. Diese seien für Veranstalter eine wichtige Werbemöglichkeit und würden insbesondere von älteren Menschen genutzt, die sich nicht ausschließlich digital informieren. „Die Entscheidung finde ich absolut falsch“, sagte Scherer. Er berichtete von einem Gespräch mit Bürgermeister Hans Seidl, bei dem die Bedeutung der Plakatwerbung unterschiedlich eingeschätzt worden sei. Nach Scherers Darstellung verwies der Bürgermeister auf digitale Informationsmöglichkeiten. Scherer hielt dagegen, dass bei Wahlkämpfen schließlich ebenfalls weiterhin Plakate eingesetzt würden. Auch die Regelung, nach der kommerzielle Veranstaltungen nicht im gemeindlichen Mitteilungsblatt angekündigt werden können, kritisierte er. Gerade kleinere private Kulturveranstalter seien auf solche Informationsmöglichkeiten angewiesen. „Das wäre echt interessant, dann würde es auch jeder in der Gemeinde Maisach mitkriegen“, erklärte er. Scherer sieht darin eine grundsätzliche Frage: Welche Unterstützung erhalten Menschen, die außerhalb klassischer Vereinsstrukturen kulturelle Angebote organisieren? Er selbst sei kein Verein, leiste aber seit Jahrzehnten Kulturarbeit für die Gemeinde. Deshalb wünsche er sich mehr Offenheit gegenüber privaten Initiativen. Auch die fehlenden Veranstaltungsräume seien ein Problem. Durch die Schließung des Bürgerzentrums Gernlinden habe sich die Situation weiter verschärft. Zwar habe er dort früher bereits Veranstaltungen organisiert, doch grundsätzlich wünsche er sich Räume mit einer angenehmen Atmosphäre, die auch für kleinere Konzerte geeignet seien. Moderne Gemeindebauten empfindet er teilweise als zu kühl und steril. Gerade bei Musikveranstaltungen sei die Atmosphäre jedoch entscheidend.

Auf die Frage nach seinem größten Wunsch an die Maisacher Kommunalpolitik musste Scherer nicht lange überlegen. „Einen schönen, tollen Veranstaltungsraum, einen Konzertsaal. Das wäre schon mal sehr interessant.“ Darüber hinaus wünscht er sich mehr Austausch zwischen Kulturveranstaltern und politischen Entscheidungsträgern. Nach seiner Darstellung habe es bislang kaum Möglichkeiten gegeben, gemeinsam über kulturelle Projekte und neue Veranstaltungsformate zu sprechen. Seine Erfahrungen mit einzelnen kommunalpolitischen Ansprechpartnern schilderte er kritisch. Mehrere Ideen seien nicht weiterverfolgt worden, und er habe sich mit seinen Vorschlägen nicht ausreichend wahrgenommen gefühlt. Dabei machte Scherer deutlich, dass er sich keineswegs nur als Vertreter einer bestimmten Musikrichtung versteht, sondern ein breites kulturelles Angebot im Blick hat. Trotz dieser Enttäuschungen will er weitermachen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte haben ihm gezeigt, dass sich Beharrlichkeit auszahlen kann. Zu Beginn seiner Konzertreihe kamen nur wenige Besucher aus Maisach. Viele reisten aus anderen Gemeinden an. Inzwischen hat sich das verändert. Immer mehr Maisacher entdecken die Veranstaltungen vor ihrer Haustür. Für Scherer ist das eine wichtige Bestätigung seiner Arbeit. Er hat sich ein Publikum aufgebaut, internationale Künstler in die Gemeinde gebracht und bewiesen, dass anspruchsvolle Musik auch außerhalb großer Städte erfolgreich sein kann.

Das Gespräch im Bistro SixtyFour zeigte einen Menschen, dessen Lebensgeschichte von Neugier, Tatendrang und einer bemerkenswerten Vielseitigkeit geprägt ist. Hans-Dieter Scherer ist Handwerker, Techniker, Organisator und Musikliebhaber zugleich. Vor allem aber ist er jemand, der Menschen zusammenbringen möchte. „Ich hasse Streit, ich hasse schlechte Stimmung“, sagte er über seine persönliche Einstellung. Harmonie, gegenseitiger Respekt und gemeinsame Freude seien ihm wichtig. Vielleicht erklärt gerade diese Haltung einen Teil seines Erfolgs. Denn Konzerte entstehen nicht allein durch Verträge, Technik und Eintrittskarten. Sie leben von persönlichen Beziehungen, Vertrauen und der Bereitschaft, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Scherer hat in Maisach über Jahrzehnte ein kulturelles Netzwerk aufgebaut, das weit über die Gemeindegrenzen hinausreicht. Seine Erfahrungen zeigen aber auch, wie viel persönlicher Einsatz notwendig ist, damit kulturelle Vielfalt im ländlichen Raum entstehen kann. Zum Abschluss bedankte sich Gastgeber Matthias J. Lange bei seinem Gast für das offene Gespräch. Sein Fazit: Scherer sei eine faszinierende Persönlichkeit, die noch viele weitere Geschichten erzählen könnte. Der Konzertveranstalter nahm das Kompliment mit einem Lächeln entgegen. „Ich könnte auch viel mehr erzählen.“ Die vielleicht wichtigste Botschaft des Abends blieb jedoch sein Lebensmotto: „Einfach machen.“

Der BistroTalk wurde im Bistro SixtyFour in Maisach aufgezeichnet. Matthias J. Lange dankte den Gastgebern Uwe und Ruby Flügel für die Bereitstellung der Räumlichkeiten sowie Norman Dombo vom Zentrum für Gesundheit Maisach für die Unterstützung der Gesprächsreihe. Der nächste BistroTalk ist für den 11. November vorgesehen. Dann wird Friseurmeisterin Monika Huber über die Herausforderungen des Friseurhandwerks in einer kleineren Gemeinde sprechen.

Meine Vinyl-Käufe im Oktober

31. Oktober 2026

Während ich arbeite, höre ich auf meiner alten Braun-Anlage immer wieder Vinyl-Scheiben. Hier meine Käufe im Monat Oktober 2026, vielleicht ist ja was für euch dabei.

„Rubber Soul – Special Edition Super Deluxe“ von The Beatles

Es gibt Alben, die eine Karriere markieren, und es gibt Alben, die eine Tür aufstoßen, durch die anschließend eine ganze Musikwelt marschiert. „Rubber Soul“ gehört zur zweiten Kategorie. Am 3. Dezember 1965 veröffentlicht, steht das sechste Studioalbum der Beatles genau an jener faszinierenden Schwelle, an der sich die vier Musiker von der erfolgreichsten Popband ihrer Zeit zu einer experimentierfreudigen Studioband verwandelten. Die am 2. Oktober 2026 veröffentlichte „Special Edition Super Deluxe“ macht diesen Übergang nun so detailliert hörbar wie nie zuvor.

„Rubber Soul“ ist noch nicht „Revolver“, erst recht nicht „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“. Und genau das macht seinen besonderen Reiz aus. Man hört noch die Beatles der Beatlemania, die Melodien scheinbar mühelos aus dem Ärmel schütteln können. Gleichzeitig scheint ihnen das traditionelle Popformat plötzlich zu eng zu werden. Folk, Soul, Rhythm & Blues, indische Musik und erste psychedelische Ideen sickern in die Songs ein. Vor allem aber verändern sich die Texte. Beziehungen sind nicht mehr einfach nur romantisch. Sie werden kompliziert, verletzend, zweideutig und manchmal erstaunlich düster.

Schon „Drive My Car“ macht deutlich, dass die Beatles 1965 anders klingen wollen. Der Song besitzt einen selbstbewussten Groove, Paul McCartneys Bass wird zunehmend zum eigenständigen melodischen Instrument. Danach folgt mit „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)“ einer jener Momente, die rückblickend wie ein Wegweiser in die Zukunft wirken. George Harrisons Sitar ist hier nicht bloß exotische Dekoration. Sie öffnet das Klangbild der westlichen Popmusik für Einflüsse, die in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen sollten.

Dann kommt „Nowhere Man“. John Lennon schreibt plötzlich nicht mehr über eine konkrete Liebesbeziehung, sondern über Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel. Der Popstar schaut nach innen. Auch deshalb ist „Rubber Soul“ ein Schlüsselalbum: Die Beatles entdecken, dass ein Popsong praktisch jedes Thema behandeln kann.

McCartneys „Michelle“ setzt einen völlig anderen Akzent. Französische Textzeilen, akustische Gitarren und eine beinahe chansonartige Eleganz stehen neben George Harrisons bissigem „Think For Yourself“, dessen verzerrter Bass bereits den experimentellen Beatles-Sound der kommenden Jahre ankündigt. „The Word“ wiederum lässt musikalisch und inhaltlich bereits jene Atmosphäre erahnen, die wenig später mit der psychedelischen Gegenkultur verbunden werden sollte.

Und dann ist da „In My Life“. Es gehört zu den schönsten Lennon-Kompositionen überhaupt. Erinnerung, Verlust, Freundschaft und Liebe werden auf gut zwei Minuten verdichtet. George Martins berühmtes, beschleunigt wiedergegebenes Klaviersolo wirkt wie ein barockes Miniaturstück mitten in einem Popsong. Besonders reizvoll an der neuen Edition ist deshalb ein bislang ungenutztes Orgelsolo aus der Entstehungsphase. Giles Martin berichtete, dass sein Vater zunächst tatsächlich mit einer Orgel experimentiert hatte, bevor die bekannte Klavierlösung entstand. Gerade solche Momente rechtfertigen eine Super-Deluxe-Ausgabe. Ein neuer Mix, ohne das Jahr 1965 zu zerstören

Im Mittelpunkt steht der neue Stereomix von Giles Martin und Sam Okell, der direkt auf den ursprünglichen Vier-Spur-Masterbändern basiert. (⁠The Beatles) Das ist bei „Rubber Soul“ besonders interessant, denn die Stereoabmischungen der frühen Beatles-Alben wirken aus heutiger Sicht teilweise extrem: Gesang auf einer Seite, Instrumente auf der anderen. Was in den sechziger Jahren unter den technischen Bedingungen der damaligen Stereowiedergabe funktionierte, kann über Kopfhörer heute mitunter befremdlich wirken.

Der neue Mix versucht nicht, aus den Beatles eine Band des Jahres 2026 zu machen. Vielmehr wird das vorhandene Material räumlich neu geordnet. Stimmen und Instrumente wirken natürlicher miteinander verbunden. Ringo Starrs Schlagzeug erhält mehr Präsenz, McCartneys Bass gewinnt Kontur und die Gesangsharmonien von Lennon, McCartney und Harrison lassen sich teilweise verblüffend deutlich verfolgen. Das Ergebnis ist keine Revolution des Materials, sondern eine behutsame Restaurierung seiner Wirkung. „Rubber Soul“ klingt größer und transparenter, ohne seine Wärme zu verlieren.

Dabei bleibt die Original-Mono-Fassung unverzichtbar. Sie ist in der Super-Deluxe-Box ebenfalls enthalten. Gerade bei den Beatles der sechziger Jahre sollte Mono keineswegs als technisch minderwertige Variante verstanden werden. Es war damals das zentrale Format, auf dessen Mischung erhebliches Augenmerk gelegt wurde. Die Gegenüberstellung mit dem neuen Stereo-Mix ist deshalb ausgesprochen reizvoll: Hier die historische Verdichtung, dort die moderne räumliche Auflösung.

Die Sessions sind der eigentliche Schatz. Für Beatles-Sammler liegt der größte Reiz jedoch in den Sessions und Demos. Die Vinyl-Super-Deluxe-Ausgabe verteilt 26 solcher Aufnahmen auf zwei LPs; die 4-CD-Version bietet auf ihrer Session-CD 28 Titel inklusive der 2023er Mixe von „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“.

Und hier wird aus einer Wiederveröffentlichung beinahe eine musikalische Dokumentation. Besonders faszinierend sind gleich drei Entwicklungsstufen von „Norwegian Wood“. Man kann verfolgen, wie die Beatles nach Klang, Tempo und Arrangement suchen. Der Klassiker erscheint plötzlich nicht mehr als fertige Eingebung, sondern als Ergebnis eines kreativen Prozesses.

Ähnlich aufschlussreich ist „I’m Looking Through You“. Mehrere frühe Fassungen zeigen, wie stark sich ein Beatles-Song während der Studioarbeit noch verändern konnte. Was auf dem fertigen Album selbstverständlich und leichtfüßig klingt, war das Resultat von Versuchen, verworfenen Ideen und neuen Anläufen. Auch „Michelle“ darf gewissermaßen beim Erwachsenwerden beobachtet werden: Eine Gitarrenprobe und Take 1 führen zurück an den Anfang eines Songs, der später zu einem der bekanntesten McCartney-Stücke überhaupt wurde. Bei „Day Tripper“ geht die Edition sogar noch näher an den Ursprung heran. Ein Songwriting-Arbeitsband dokumentiert die Entstehung, bevor verschiedene Takes den Weg zur bekannten Aufnahme nachvollziehbar machen. Genau darin liegt der Wert solcher Archivveröffentlichungen. Man hört nicht nur Beatles-Songs. Man hört die Beatles bei der Arbeit.

Das entmystifiziert die Musik keineswegs. Im Gegenteil. Gerade die Fehlversuche zeigen, wie gut Lennon, McCartney, Harrison und Starr als Band funktionierten. Ideen werden ausprobiert, verändert oder fallengelassen. Popgeschichte erscheint plötzlich als Handwerk. Ein wunderbares Kuriosum ist „Beatle Talk“ aus den Gesangs-Overdubs zu „Think For Yourself“. Solche Fundstücke besitzen musikalisch vielleicht keine überragende Bedeutung, vermitteln aber jene Studioatmosphäre, die eine historische Edition lebendig macht.

Noch spannender ist „Little Girl“, ein Demo von John Lennon. Solche Aufnahmen führen unmittelbar in die Werkstatt des Songwriters und zeigen, dass das Beatles-Archiv noch immer Überraschungen bereithält. „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“ gehören dazu. Eine richtige Entscheidung ist außerdem, die zeitgleich entstandene Doppel-A-Seiten-Single „Day Tripper“ / „We Can Work It Out“ in den Zusammenhang der Edition einzubeziehen. Beide Songs gehörten ursprünglich nicht zur britischen LP, entstanden aber in derselben kreativen Phase. „Day Tripper“ besitzt eines der berühmtesten Gitarrenriffs der Beatles. „We Can Work It Out“ zeigt dagegen exemplarisch das Zusammenspiel der beiden wichtigsten Songwriter: McCartneys grundsätzlich optimistische Grundidee trifft auf Lennons dunkleren Mittelteil.

Die Vinyl-Super-Deluxe-Ausgabe gibt dieser Single sogar eine eigene 7-Inch-Platte. Das ist mehr als Sammlernostalgie. Es stellt die Musik wieder in ihren historischen Veröffentlichungskontext. Besonders erfreulich ist die Aufnahme der amerikanischen Capitol-Fassung des Albums. Sie enthält nur zwölf statt vierzehn Titel und beginnt nicht mit „Drive My Car“, sondern mit „I’ve Just Seen A Face“. Außerdem findet sich „It’s Only Love“ darauf, während unter anderem „Nowhere Man“, „Drive My Car“, „What Goes On“ und „If I Needed Someone“ fehlen. Dadurch verändert sich der Charakter des Albums erheblich.

Die US-Version wirkt folkiger, akustischer und fast intimer. Sie ist keine bloße gekürzte Variante, sondern vermittelt tatsächlich ein anderes „Rubber Soul“. Für amerikanische Hörer war dies über Jahre das Album, das sie kannten. Gerade deshalb ist es musikhistorisch sinnvoll, beide Fassungen nebeneinanderzustellen.

Eine Box für Menschen, die Musikgeschichte hören wollen. Die physische Super-Deluxe-Ausgabe unterstreicht den dokumentarischen Anspruch. Die Vinylbox enthält fünf LPs plus 7-Inch-Single, sämtliche LPs auf 180-Gramm-Vinyl, außerdem ein 88-seitiges Hardcover-Buch, zwei ausklappbare Poster und zwei Foto-Art-Cards. Das Buch enthält ein Vorwort von John Lennon, eine Einleitung von Paul McCartney sowie Fotos, Hintergrundinformationen und ausführliche Track-Kommentare. Parallel gibt es eine 4-CD-Super-Deluxe-Box, ebenfalls mit dem 88-seitigen Buch, Postern und Art-Cards. (⁠The Beatles) Eine separate Blu-ray bietet außerdem den neuen Dolby-Atmos-Mix sowie hochauflösendes Stereo und Videos zu „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“. Schade ist allerdings, dass die Blu-ray nicht einfach Bestandteil der großen Super-Deluxe-Box geworden ist. Gerade Käufer einer solchen Komplettausgabe dürften eigentlich erwarten, auch die hochauflösenden und räumlichen Mischungen zu erhalten. Die Aufteilung auf unterschiedliche Produkte wirkt angesichts des ohnehin beträchtlichen Umfangs unnötig.

Das Scharnier zwischen zwei Beatles-Welten Doch letztlich ist die Verpackung zweitrangig. Entscheidend bleibt die Musik. „Rubber Soul“ dokumentiert einen Moment, in dem die Beatles erkennen, dass das Studio nicht nur ein Ort ist, an dem Songs aufgenommen werden. Es kann selbst zum Instrument werden. Noch sind die technischen Möglichkeiten vergleichsweise bescheiden. Die Aufnahmen entstanden auf Vier-Spur-Technik. Aber Lennon, McCartney, Harrison, Starr und Produzent George Martin beginnen, innerhalb dieser Grenzen nach Möglichkeiten zu suchen, die Grenzen zu überwinden.

George Harrison erweitert mit der Sitar das Klangspektrum. McCartneys Bassspiel wird melodischer und selbstbewusster. Lennon schreibt zunehmend introspektive Texte. Harrison entwickelt sich als Komponist weiter. Ringo Starr hält all diese Experimente mit einem oftmals unterschätzten rhythmischen Gespür zusammen. Und George Martin hilft dabei, Ideen technisch umzusetzen, für die es eigentlich noch gar keine etablierten Produktionsmethoden gibt. Nur wenige Monate später folgt „Revolver“. Danach „Sgt. Pepper“. Insofern kann man „Rubber Soul“ heute als den Moment hören, in dem die Tür zur zweiten Hälfte der Beatles-Karriere endgültig aufgeht. Die „Special Edition Super Deluxe“ macht genau diesen Übergang hervorragend nachvollziehbar. Der neue Mix lässt das Album frisch und erstaunlich unmittelbar erscheinen, während Mono- und US-Fassung seine Veröffentlichungsgeschichte dokumentieren. Die Sessions und Demos wiederum zeigen, dass selbst einige der berühmtesten Popsongs aller Zeiten nicht einfach fertig vom Himmel gefallen sind.

Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieser Edition: Man kennt „Rubber Soul“ seit mehr als 60 Jahren – und kann ihm trotzdem noch beim Entstehen zuhören. „Rubber Soul“ ist nicht nur eines der großen Beatles-Alben. Es ist der Augenblick, in dem vier außergewöhnlich erfolgreiche Popmusiker entdecken, dass ihnen im Studio praktisch die ganze Welt offensteht. Die Super-Deluxe-Edition lässt uns diesen Augenblick noch einmal miterleben.

The Bluegrass Album von The Bluegrass Album Band

Manchmal braucht es keine Neuerfindung, sondern Musiker, die eine Tradition so gut beherrschen, dass sie plötzlich wieder aufregend klingt. Genau das gelang der Bluegrass Album Band mit ihrem Debüt The Bluegrass Album. Die 1981 bei Rounder erschienene LP versammelt Klassiker des Genres und spielt sie mit einer Präzision und Spielfreude, die das Album bis heute bemerkenswert frisch wirken lässt. Die Aufnahmen entstanden bereits im September 1980.

Hinter dem etwas nüchternen Namen verbarg sich eine regelrechte Bluegrass-Supergroup: Tony Rice an Gitarre und Gesang, J. D. Crowe am Banjo, Doyle Lawson an der Mandoline, Bobby Hicks an der Fiddle und Todd Phillips am Bass. Die Idee ging wesentlich auf Rice zurück: Statt Bluegrass mit Rock, Pop oder Jazz zu kreuzen, sollte bewusst zu den Wurzeln zurückgekehrt werden. Alte Stücke von Bill Monroe, Lester Flatt und anderen Pionieren standen im Mittelpunkt. Aus dem zunächst überschaubaren Projekt entwickelte sich schließlich eine ganze Albumserie.

Und genau diese Konzentration macht den Reiz der ersten LP aus. Bereits „Blue Ridge Cabin Home“ legt die Richtung fest: akustische Instrumente, messerscharfes Zusammenspiel und mehrstimmiger Gesang, bei dem keine Stimme unnötig in den Vordergrund drängt. Tony Rice zeigt dabei, warum er zu den einflussreichsten Gitarristen des modernen Bluegrass zählt. Seine Läufe sind technisch brillant, wirken aber niemals wie eine Demonstration um ihrer selbst willen.

Das gilt für die gesamte Platte. J. D. Crowes Banjo treibt die Musik vorwärts, Doyle Lawsons Mandoline setzt präzise Akzente, während Bobby Hicks mit seiner Fiddle immer wieder melodische Gegenstimmen einstreut. Todd Phillips hält das Ganze mit einem angenehm unaufdringlichen Bass zusammen. Gerade weil die Arrangements vergleichsweise schlicht bleiben, hört man, wie außergewöhnlich gut diese Musiker aufeinander reagieren.

Mit „Molly and Tenbrooks“, „I Believe in You Darling“, „On My Way Back to the Old Home“ und „Toy Heart“ nimmt sich die Band gleich mehrerer Bill-Monroe-Kompositionen an. Hinzu kommen Stücke aus dem Umfeld von Lester Flatt sowie das traditionelle „Model Church“. Insgesamt umfasst die ursprüngliche LP elf Titel und gerade einmal rund 33 Minuten. Das klingt nach wenig, ist aber gerade eine Stärke. Hier gibt es keine überlangen Soli und kein musikalisches Füllmaterial. Die Stücke kommen auf den Punkt. Banjo, Gitarre, Mandoline und Fiddle reichen sich gewissermaßen gegenseitig die Melodie weiter. Besonders schön ist dabei das Verhältnis zwischen technischer Perfektion und emotionaler Wärme. Die Bluegrass Album Band spielt unglaublich sauber, aber niemals steril.

Auch der Gesang trägt entscheidend dazu bei. Rice, Crowe und Lawson verbinden ihre Stimmen zu jener engen, hohen Harmonie, die zum klassischen Bluegrass gehört. Songs über verlorene Liebe, Heimat, Sehnsucht, Glauben und Tod erhalten dadurch eine eigentümliche Mischung aus Melancholie und Lebensfreude. Besonders „River of Death“ bildet einen eindrucksvollen Abschluss der Platte. Aus heutiger Perspektive wirkt The Bluegrass Album beinahe wie eine musikalische Standortbestimmung: Anfang der achtziger Jahre blickten einige der besten Musiker ihrer Generation zurück auf die Pioniere des Genres – und bewiesen dabei, dass Traditionspflege keineswegs Stillstand bedeuten muss. Die Virtuosität steckt nicht in spektakulären Effekten, sondern im Zusammenspiel.

The Bluegrass Album ist eine wunderbare LP für alle, die verstehen möchten, was klassischen Bluegrass ausmacht. Tony Rice und seine Mitstreiter behandeln die alten Stücke mit Respekt, ohne sie museal klingen zu lassen. Das Ergebnis ist handgemachte, direkte und hervorragend gespielte Musik. Vor allem auf Vinyl passt das ausgezeichnet: Man legt die Platte auf und hat das Gefühl, fünf erstklassigen Musikern dabei zuzuhören, wie sie einfach gemeinsam spielen – ohne Studiotricks und ohne unnötigen Ballast. Gerade darin liegt die zeitlose Qualität dieses Albums.

Fantasia: Live in Tokyo 2007 von Asia

Als sich John Wetton, Steve Howe, Geoff Downes und Carl Palmer nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder gemeinsam unter dem Namen Asia auf die Bühne stellten, war das weit mehr als eine weitere Nostalgie-Tour. Fantasia: Live in Tokyo 2007 dokumentiert eine Band, die hörbar Freude daran hat, ihre gemeinsame Vergangenheit wiederzuentdecken – und dabei demonstriert, wie erstaunlich gut diese Mischung aus Progressive Rock, AOR und großen Popmelodien gealtert ist.

Aufgenommen wurde das Konzert am 8. März 2007 im Shinjuku Kosei Nenkin Hall in Tokio. Anlass war die Tour zum 25-jährigen Jubiläum des Debütalbums. Das Besondere daran: Hier steht tatsächlich wieder die klassische Originalbesetzung auf der Bühne – Wetton am Bass und Mikrofon, Howe an der Gitarre, Downes an den Keyboards und Palmer am Schlagzeug.

Schon „Time Again“ und „Wildest Dreams“ zeigen, dass Asia ihre Songs nicht einfach pflichtbewusst reproduzieren. Carl Palmer spielt kraftvoll und mit einer Präsenz, die dem Material zusätzliche Härte verleiht. Geoff Downes baut mit seinen Keyboards jene monumentalen Klangflächen auf, die zum Markenzeichen der Band wurden, während Steve Howe immer wieder kleine Ecken und Kanten in den ansonsten ausgesprochen geschliffenen Asia-Sound bringt.

Über allem steht John Wetton. Seine Stimme besitzt 2007 nicht mehr ganz die jugendliche Leichtigkeit von 1982, dafür aber Wärme, Ausdruck und eine gewisse Melancholie. Gerade „The Smile Has Left Your Eyes“ profitiert davon enorm. Die reduzierte Darbietung gehört zu den emotionalsten Momenten des Konzerts. Auch zeitgenössische bzw. spätere Kritiken heben Wettons Gesangsleistung und gerade diese Interpretation hervor. Besonders reizvoll ist, dass Asia nicht ausschließlich das eigene Repertoire spielen. Jeder Musiker bringt ein Stück seiner Vergangenheit mit. Steve Howe führt die Band durch Yes’ „Roundabout“, Carl Palmer bekommt bei „Fanfare for the Common Man“ seinen großen Auftritt, Geoff Downes’ Vergangenheit wird mit „Video Killed the Radio Star“ aufgegriffen, und mit „In the Court of the Crimson King“ wird die Verbindung zu John Wettons King-Crimson-Geschichte hergestellt. Dadurch wird das Album beinahe zu einer kleinen Reise durch die Geschichte des britischen Progressive Rock.

Nicht jede dieser Fremdinterpretationen funktioniert gleichermaßen gut. Bei „Video Killed the Radio Star“ wirkt die pompöse Asia-Behandlung etwas schwerfälliger als das federnde Original. Dafür entwickelt „Fanfare for the Common Man“ eine enorme Live-Wucht, und „In the Court of the Crimson King“ passt erstaunlich selbstverständlich in das Klangbild der Band.

Natürlich wartet man letztlich auf die großen Asia-Klassiker. „Only Time Will Tell“, „Sole Survivor“ und schließlich „Heat of the Moment“ liefern genau jene Mischung aus Pathos, Melodie und musikalischer Virtuosität, wegen der das Debütalbum von 1982 zu einem der prägenden AOR-Alben seiner Zeit wurde. Die komplette Setlist umfasst 18 Titel und greift besonders stark auf dieses erste Album zurück.

Klanglich ist Fantasia angenehm transparent. Man hört die einzelnen Musiker deutlich, ohne dass das Konzert seinen Live-Charakter verliert. Besonders Palmer profitiert von der druckvollen Aufnahme, während Wettons Bass das notwendige Fundament liefert. Howe und Downes stehen sich dabei nicht im Weg, sondern ergänzen sich: hier die manchmal kantige und filigrane Gitarre, dort die großen Keyboardflächen.

Vielleicht ist gerade das die größte Qualität von Fantasia: Live in Tokyo 2007: Man hört vier Musiker, die längst nichts mehr beweisen müssen. Aus der einstigen Supergroup ist eine Gruppe erfahrener Musiker geworden, die ihre gemeinsame Geschichte wieder genießen kann. Das Konzert wirkt deshalb weniger wie der Versuch, 1982 künstlich wiederzubeleben, sondern wie eine respektvolle Begegnung mit der eigenen Vergangenheit.

Und rückblickend besitzt die Aufnahme noch eine zusätzliche emotionale Dimension. John Wetton starb 2017. Wenn am Ende „Heat of the Moment“ erklingt und seine unverwechselbare Stimme über Howes Gitarren und Downes’ Keyboards liegt, wird Fantasia damit auch zu einem eindrucksvollen Dokument dieses großartigen Sängers und Bassisten.

Fantasia: Live in Tokyo 2007 ist kein revolutionäres Livealbum – und will es auch nicht sein. Es ist eine hervorragend gespielte Feier der klassischen Asia-Jahre und zugleich eine Hommage an die musikalischen Wurzeln ihrer vier Mitglieder. Für Fans von Asia ist das Album nahezu Pflicht, für Freunde von Yes, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer eine hörenswerte Begegnung mit vier Veteranen des Progressive Rock. Und wer wissen möchte, warum „Heat of the Moment“ auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Veröffentlichung noch funktioniert, bekommt hier eine ziemlich überzeugende Antwort.

Live in London von Asia

Mehr als vier Jahrzehnte nach dem gigantischen Erfolg ihres Debütalbums sind Asia noch immer unterwegs – wenn auch in einer Besetzung, die mit der legendären Formation von 1982 nur noch Geoff Downes gemeinsam hat. Live in London, offiziell auch als Live In England: Night One veröffentlicht, dokumentiert einen Auftritt vom April 2025 im Trading Boundaries in Sussex und erschien im März 2026. Im Mittelpunkt steht eine reizvolle Idee: Das komplette erste Asia-Album wird live gespielt.

Neben Downes an den Keyboards stehen John Mitchell an der Gitarre, der technisch überragende Virgil Donati am Schlagzeug und Harry Whitley an Bass und Gesang auf der Bühne. Gerade Whitley hat dabei die schwierigste Aufgabe. Er muss jene Songs singen, die untrennbar mit der mächtigen, warmen Stimme des 2017 verstorbenen John Wetton verbunden sind.

Und genau hier entscheidet sich, ob diese neue Inkarnation von Asia funktioniert. Whitley versucht klugerweise nicht, Wetton einfach zu kopieren. Natürlich fehlt gelegentlich dessen unverwechselbare Schwere und Melancholie, doch Whitley bringt genügend Kraft und Persönlichkeit mit, um Songs wie „Heat of the Moment“, „Only Time Will Tell“ und „Sole Survivor“ glaubwürdig zu tragen.

Musikalisch ist die Band ohnehin hervorragend aufgestellt. Virgil Donati spielt kraftvoller und teilweise moderner als Carl Palmer in den frühen Asia-Jahren. John Mitchell wiederum steht vor der undankbaren Aufgabe, Gitarrenparts zu übernehmen, die einst Steve Howe geprägt hat. Er löst das souverän und vermeidet ebenfalls den Fehler einer bloßen Kopie.

Über allem schweben die Keyboards von Geoff Downes. Sie sind das vielleicht wichtigste Bindeglied zwischen 1982 und heute. Diese Synthesizerflächen, Fanfaren und melodischen Figuren definieren den Asia-Sound mindestens ebenso stark wie die Gitarren. Sobald die berühmten Akkorde von „Only Time Will Tell“ erklingen, ist man unmittelbar wieder in jener Epoche, in der Progressive Rock, AOR und der gerade entstehende MTV-Pop eine bemerkenswerte Verbindung eingingen.

Besonders interessant ist, dass nicht nur die Hits gespielt werden. Das komplette Debüt bedeutet auch ein Wiedersehen mit „One Step Closer“, „Time Again“, „Wildest Dreams“, „Without You“, „Cutting It Fine“ und „Here Comes the Feeling“. Gerade diese Stücke zeigen, dass Asia von 1982 wesentlich mehr war als nur die beiden großen Singles. „Time Again“ profitiert beispielsweise enorm von der Live-Situation. Hier darf die Band ihre progressive Vergangenheit deutlicher zeigen. Donati treibt das Stück mit enormer Energie voran, während Downes und Mitchell demonstrieren, dass hinter der manchmal sehr radiotauglichen Oberfläche von Asia immer ausgezeichnete Instrumentalisten standen.

Auch „Wildest Dreams“ besitzt live eine Wucht, die der hochpolierten Studioproduktion von 1982 naturgemäß etwas fehlte. Das ist überhaupt eine der Stärken dieser Veröffentlichung: Die neuen Asia versuchen nicht, den Studiosound bis ins letzte Detail nachzubauen. Die Stücke dürfen kantiger und kräftiger werden. Als Zugaben beziehungsweise Bonusstücke folgen „Ride Easy“, Downes’ Buggles-Klassiker „Video Killed the Radio Star“ und „The Heat Goes On“. Damit schlägt das Konzert einen schönen Bogen durch die Geschichte von Geoff Downes und Asia.

Natürlich bleibt eine Frage im Raum: Ist Asia ohne John Wetton, Steve Howe und Carl Palmer noch Asia? Darüber werden Fans vermutlich endlos diskutieren können. Live in London liefert darauf keine theoretische Antwort. Stattdessen lässt Downes die Musik sprechen. Und die Songs erweisen sich als erstaunlich widerstandsfähig. Live in London ist deshalb weniger nostalgische Denkmalpflege als eine überzeugende Wiederbegegnung mit einem außergewöhnlichen Album. Die neuen Musiker respektieren das Original, ohne sich ihm sklavisch unterzuordnen. Besonders Harry Whitley verdient Anerkennung dafür, dass er sich einer nahezu unmöglichen Aufgabe stellt: John Wettons Gesang zu übernehmen, ohne zur Wetton-Kopie zu werden.

Für mich liegt der größte Reiz aber in den Stücken abseits von „Heat of the Moment“ und „Only Time Will Tell“. Wer Time Again, Wildest Dreams oder Cutting It Fine hört, wird daran erinnert, wie viel Progressive Rock tatsächlich im vermeintlichen AOR-Schwergewicht Asia steckte. Und dann ist da Geoff Downes. Wenn seine Keyboards einsetzen, ist dieser charakteristische Asia-Sound sofort wieder da. Die Besetzung hat sich verändert – die Melodien sind geblieben. Und manche davon funktionieren nach über 40 Jahren erstaunlich gut.

Eyes Wide Shut von Jocelyn Pooks

Stanley Kubricks letzter Film „Eyes Wide Shut“ von 1999 lebt nicht allein von seinen Bildern, der geheimnisvollen Atmosphäre und dem Spiel von Tom Cruise und Nicole Kidman. Einen wesentlichen Anteil an der verstörenden Wirkung besitzt die Musik. Der Soundtrack ist keine konventionelle Filmmusik, sondern eine ebenso elegante wie unheimliche Klangreise zwischen Klassik, Jazz, Avantgarde und Jocelyn Pooks eigens komponierter Musik.

Das musikalische Herz des Films ist jedoch zunächst ein erstaunlich schlichtes Klaviermotiv: „Musica Ricercata II“ von György Ligeti. Einzelne, hart angeschlagene Töne werden durch ihre Wiederholung zunehmend bedrohlich. Kubrick beweist damit erneut sein außergewöhnliches Gespür für bereits existierende Musik. Was auf dem Papier geradezu minimalistisch erscheint, entwickelt im Film eine ungeheure psychologische Kraft. Jeder Anschlag scheint Bill Harford tiefer in eine Welt hineinzutreiben, deren Regeln er nicht versteht.

Einen vollkommen anderen Ton schlägt Dmitri Schostakowitschs „Walzer Nr. 2“ aus der Suite für Varieté-Orchester an. Die elegante, leicht melancholische Melodie eröffnet den Film und wird zu seinem musikalischen Erkennungszeichen. Der Walzer besitzt Schönheit und gesellschaftliche Eleganz, gleichzeitig liegt darin etwas Zweideutiges und beinahe Dekadentes. Genau diese Mischung passt perfekt zu Kubricks Geschichte über Begehren, Eifersucht, gesellschaftliche Fassaden und verborgene sexuelle Fantasien.

Besonders eindringlich ist die Musik von Jocelyn Pook. Ihr „Masked Ball“ begleitet die berüchtigte Maskenzeremonie und gehört zu den verstörendsten musikalischen Momenten des Films. Stimmen, sakral anmutende Klänge und elektronische Elemente verwandeln die Szene in ein dunkles Ritual. Die Musik vermittelt weniger Erotik als vielmehr Bedrohung. Sexualität erscheint hier nicht befreiend, sondern geheimnisvoll, reglementiert und gefährlich.

Gerade diese Gegensätze machen den Soundtrack so faszinierend. Chris Isaaks „Baby Did a Bad Bad Thing“ bringt lasziven Bluesrock ins Spiel, während Jazzstücke und klassische Kompositionen die nächtliche Reise durch New York begleiten. Kubrick und Pook versuchen gar nicht erst, daraus ein homogenes musikalisches Ganzes zu formen. Die unterschiedlichen Stile spiegeln vielmehr die verschiedenen Ebenen des Films: bürgerliche Normalität, sexuelles Verlangen, Traum, Angst und schließlich Paranoia.

Als reines Hörerlebnis ist das Album deshalb ungewöhnlich. Wer einen klassischen orchestralen Filmscore erwartet, wird kaum bedient. Stattdessen funktioniert der Soundtrack wie eine Sammlung musikalischer Erinnerungsstücke. Hat man den Film gesehen, entstehen bereits nach wenigen Takten wieder Bilder: die Weihnachtsbeleuchtung, die nächtlichen Straßen, Masken, lange Flure und jene rätselhafte Zeremonie, bei der Bill Harford endgültig die Kontrolle über sein Abenteuer verliert.

Dabei zeigt sich einmal mehr Kubricks besonderes Verhältnis zur Filmmusik. Wie schon bei „2001: A Space Odyssey“, „A Clockwork Orange“ oder „Barry Lyndon“ benutzt er Musik nicht einfach zur emotionalen Untermalung. Er setzt sie als eigenständiges erzählerisches Mittel ein. Ein Walzer kann verführerisch und gleichzeitig unheilvoll wirken, während wenige Klaviertöne mehr Spannung erzeugen als ein komplettes Orchester.

„Eyes Wide Shut“ ist deshalb auch musikalisch ein Film der Gegensätze: Schönheit trifft auf Unbehagen, Erotik auf Kälte, Verführung auf Gefahr und klassische Eleganz auf avantgardistische Verstörung. Besonders Ligetis unerbittliches Klavier und Jocelyn Pooks düstere Klangwelten bleiben lange im Gedächtnis. Der Soundtrack ist damit vielleicht nicht die Platte, die man beiläufig zum Abendessen auflegt. Aber genau darin liegt seine Qualität. Diese Musik soll nicht beruhigen. Sie soll verführen, irritieren und unterschwellig beunruhigen. Wie Kubricks Film öffnet sie eine Tür in eine geheimnisvolle Welt – und hinterlässt das unangenehme Gefühl, vielleicht Dinge gesehen und gehört zu haben, die eigentlich verborgen bleiben sollten.

Meddle von Pink Floyd

Es gibt Alben, die Musikgeschichte geschrieben haben, ohne bei ihrer Veröffentlichung sofort als Meilensteine erkannt worden zu sein. „Meddle“ von Pink Floyd gehört zweifellos dazu. Als die britische Band am 30. Oktober 1971 ihr sechstes Studioalbum veröffentlichte, befand sie sich in einer entscheidenden Phase ihrer künstlerischen Entwicklung. Die experimentellen Jahre nach dem Ausscheiden des genialischen, aber zunehmend unberechenbaren Syd Barrett lagen hinter ihr, während die großen Welterfolge von „The Dark Side of the Moon“, „Wish You Were Here“ und „The Wall“ noch in der Zukunft lagen. „Meddle“ steht genau zwischen diesen beiden Welten. Es ist ein Album des Suchens, des Experimentierens und vor allem des Findens. Hier entstand jener unverwechselbare Pink-Floyd-Sound, der die Rockmusik der siebziger Jahre nachhaltig verändern sollte.

Nach den ambitionierten, aber teilweise zerfaserten Experimenten von „Ummagumma“ aus dem Jahr 1969 und dem atmosphärisch dichten „Atom Heart Mother“ von 1970 suchten Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason nach einer neuen musikalischen Identität. Die vier Musiker wollten sich von den Konventionen des klassischen Rock lösen, ohne dabei den emotionalen Zugang zu ihrer Musik zu verlieren. Das Ergebnis war „Meddle“, aufgenommen in verschiedenen Londoner Studios, darunter die Abbey Road Studios. Dabei nutzte die Band zunehmend die Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnik und entwickelte einen Klang, der weit über die übliche Besetzung aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards hinausging. Das Tonstudio wurde selbst zu einem Instrument, in dem Klanglandschaften erschaffen, Geräusche verfremdet und musikalische Ideen zu komplexen Kompositionen zusammengefügt werden konnten.

Schon der Auftakt des Albums ist eine kleine Sensation. „One of These Days“ beginnt mit einem pulsierenden Bassmotiv, das sich wie eine bedrohliche Maschine durch den Raum bewegt. Zwei Bassspuren, darunter eine mit Echoeffekten bearbeitete, bilden das rhythmische Fundament, während Nick Masons Schlagzeug und David Gilmours Slide-Gitarre eine zunehmend aggressive Atmosphäre erzeugen. Das Stück ist weitgehend instrumental, doch mitten in diesem musikalischen Sturm erklingt eine einzige, elektronisch verfremdete Gesangszeile, gesprochen von Nick Mason: „One of these days I’m going to cut you into little pieces.“ Es ist eine ebenso bizarre wie wirkungsvolle Drohung, die den experimentellen Humor der Band erkennen lässt. Der Song entwickelt eine ungeheure Energie und beweist, dass Pink Floyd keineswegs nur für sphärische Klangexperimente standen. Hier konnten sie auch kraftvoll, düster und geradezu brachial auftreten. „One of These Days“ wurde zu einem Klassiker ihrer Liveauftritte und gehört zu den eindrucksvollsten Instrumentalstücken der frühen siebziger Jahre.

Danach schlägt das Album einen vollkommen anderen Ton an. „A Pillow of Winds“ ist eine zarte, beinahe schwebende Ballade, getragen von Gilmours sanfter Stimme und fein verwobenen Gitarrenklängen. Das Stück wirkt wie eine musikalische Atempause nach dem gewaltigen Auftakt. Es zeigt die lyrische Seite von Pink Floyd, die später in Songs wie „Breathe“ oder „Us and Them“ zu großer Vollendung gelangen sollte. Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit der Musiker, mit wenigen Mitteln eine intensive Stimmung zu erzeugen. Hier geht es nicht um virtuose Selbstdarstellung, sondern um Atmosphäre, um das Zusammenspiel von Klangfarben und um die Kunst, musikalische Räume entstehen zu lassen.

Mit „Fearless“ folgt eines der unterschätztesten Stücke im gesamten Pink-Floyd-Katalog. Die von Roger Waters und David Gilmour geschriebene Komposition verbindet eine warme akustische Gitarrenfigur mit einem zurückhaltenden, aber ungemein wirkungsvollen Arrangement. Der Text erzählt von Selbstbehauptung, Unabhängigkeit und dem Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Besonders ungewöhnlich ist die Einbindung von Gesängen der Anhänger des FC Liverpool, die „You’ll Never Walk Alone“ anstimmen. Diese Fußballatmosphäre verleiht dem Stück eine zusätzliche emotionale Ebene und verbindet die individuelle Botschaft des Songs mit einem kollektiven Gemeinschaftsgefühl. „Fearless“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Pink Floyd alltägliche Geräusche und musikalische Fremdelemente in ihre Kompositionen integrierten, ohne dass diese wie bloße Effekthascherei wirkten.

Wesentlich verspielter präsentiert sich „San Tropez“, eine von Roger Waters geschriebene Komposition, die mit ihrem lässigen Rhythmus und den jazzigen Klavierpassagen beinahe wie ein musikalischer Ausflug an die französische Riviera klingt. Der Song wirkt auf einem Pink-Floyd-Album zunächst ungewöhnlich leichtfüßig, doch gerade diese stilistische Offenheit macht den Reiz von „Meddle“ aus. Die Band war zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf die monumentalen Konzepte ihrer späteren Alben festgelegt. Sie erlaubte sich musikalische Freiheiten, kleine humorvolle Exkurse und überraschende Stilwechsel. Richard Wrights Klavierspiel verleiht dem Stück eine elegante Leichtigkeit, die einen reizvollen Kontrast zu den düsteren und experimentellen Momenten des Albums bildet.

Noch ungewöhnlicher wird es mit „Seamus“, einem kurzen Bluesstück, bei dem ein Hund namens Seamus, der dem Musiker Steve Marriott gehörte, mit seinem Heulen gewissermaßen die Gesangsbegleitung übernimmt. Das Stück ist sicherlich kein Höhepunkt der Pink-Floyd-Diskografie, aber es dokumentiert den eigenwilligen Humor der Musiker. Man kann „Seamus“ als musikalischen Scherz betrachten, vielleicht sogar als bewusste Provokation gegenüber jenen Hörern, die von der Band ausschließlich ernste und anspruchsvolle Klangkunst erwarteten. Im Zusammenhang mit dem gesamten Album besitzt dieser kleine Blues dennoch seinen Platz. Er zeigt eine Band, die noch bereit war, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und die Grenzen zwischen Experiment, Unterhaltung und musikalischem Unsinn auszuloten.

Doch all diese Stücke erscheinen letztlich wie die Vorbereitung auf das eigentliche Herzstück von „Meddle“. Die gesamte zweite Seite der ursprünglichen Vinyl-LP gehört einer einzigen Komposition: „Echoes“. Mit einer Länge von rund 23 Minuten ist das Werk nicht nur der musikalische Höhepunkt des Albums, sondern eine der bedeutendsten Kompositionen in der Geschichte des Progressive Rock. Hier finden Pink Floyd endgültig zu jener musikalischen Sprache, die sie wenige Jahre später zu einer der erfolgreichsten Bands der Welt machen sollte.

„Echoes“ beginnt mit einem einzelnen, glockenartigen Klavierton, der durch die Bearbeitung mit einem Leslie-Lautsprecher seinen charakteristischen, fast sonarartigen Klang erhält. Richard Wright erschafft damit eines der eindrucksvollsten musikalischen Eröffnungsmotive der Rockgeschichte. Dieser Ton wirkt wie ein Signal aus einer unbekannten Tiefe, wie der Ruf eines Wesens aus einer fremden Welt. Langsam entwickeln sich weitere Klangschichten, bis David Gilmours Gitarre, Roger Waters’ Bass und Nick Masons Schlagzeug ein gemeinsames musikalisches Fundament bilden. Der Gesang von Gilmour und Wright verschmilzt zu einer beinahe überirdischen Einheit. Ihre Stimmen erzählen von menschlicher Begegnung, Verständigung und der Überwindung von Isolation.

Das Besondere an „Echoes“ ist seine dramaturgische Entwicklung. Die Komposition bewegt sich durch unterschiedliche musikalische Landschaften, ohne dabei ihre innere Geschlossenheit zu verlieren. Auf einen ruhigen, melodischen Beginn folgt ein kraftvoller instrumentaler Abschnitt, der von einem treibenden Rhythmus und Gilmours expressivem Gitarrenspiel geprägt ist. Dann zerfällt die Musik plötzlich in eine gespenstische Geräuschwelt. Gitarrenklänge verwandeln sich in das Kreischen unbekannter Kreaturen, elektronische Effekte erzeugen eine Atmosphäre der Verlorenheit, und die Musik scheint sich vollständig aufzulösen. Es ist einer der kühnsten Momente im Werk von Pink Floyd. Der Zuhörer verliert jeden festen musikalischen Orientierungspunkt und wird in eine abstrakte Klanglandschaft hineingezogen.

Doch aus diesem scheinbaren Chaos entsteht langsam wieder Ordnung. Wrights Orgelklänge steigen wie Lichtstrahlen aus der Dunkelheit auf, und schließlich kehrt das musikalische Hauptthema zurück. Was folgt, gehört zu den emotional bewegendsten Momenten der gesamten Pink-Floyd-Geschichte. Die Musik gewinnt an Intensität, die Instrumente verschmelzen zu einem majestätischen Klangbild, und die Komposition erreicht einen Höhepunkt, der nicht durch technische Virtuosität, sondern durch seine emotionale Wirkung überzeugt. Am Ende löst sich „Echoes“ wieder in jene geheimnisvolle Atmosphäre auf, aus der es entstanden ist. Ein musikalischer Kreislauf schließt sich.

Gerade in „Echoes“ zeigt sich die außergewöhnliche Bedeutung von Richard Wright für den Sound der Band. Während in späteren Jahren häufig der Konflikt zwischen Roger Waters und David Gilmour die öffentliche Wahrnehmung von Pink Floyd bestimmte, war Wrights Beitrag zur musikalischen Identität der Gruppe von unschätzbarem Wert. Seine Orgel- und Klavierklänge, seine harmonischen Vorstellungen und sein Gesang bildeten das atmosphärische Fundament vieler großer Kompositionen. Auf „Meddle“ sind diese Qualitäten besonders deutlich zu hören. Wright war nicht einfach der Keyboarder im Hintergrund, sondern ein entscheidender Architekt jener Klangwelt, die Pink Floyd unverwechselbar machte.

Auch Nick Mason verdient besondere Aufmerksamkeit. Sein Schlagzeugspiel ist niemals aufdringlich, aber stets präzise und musikalisch durchdacht. Mason versteht es, die Dynamik der Kompositionen zu unterstützen, statt sie mit übertriebener Virtuosität zu dominieren. Besonders in „Echoes“ beweist er ein bemerkenswertes Gespür für musikalische Spannungsbögen. Roger Waters wiederum entwickelt sich auf diesem Album zunehmend zum konzeptionellen Denker der Band. Seine Texte beschäftigen sich bereits mit Fragen menschlicher Existenz, Isolation und gesellschaftlicher Beziehungen. David Gilmour schließlich prägt mit seinem unverwechselbaren Gitarrenton die emotionale Ausdruckskraft des Albums. Sein Spiel ist melodisch, kontrolliert und zugleich voller Leidenschaft. Gerade diese vier unterschiedlichen musikalischen Persönlichkeiten bilden auf „Meddle“ eine bemerkenswerte Einheit.

Eine besondere Würdigung verdient auch die Livegeschichte von „Echoes“. Die Komposition wurde zu einem zentralen Bestandteil der Pink-Floyd-Konzerte und erfuhr durch ihre Aufführung im Konzertfilm „Pink Floyd: Live at Pompeii“ von Adrian Maben eine zusätzliche Dimension. In den Ruinen des antiken Amphitheaters von Pompeji, ohne das übliche Konzertpublikum, entfaltet die Musik eine beinahe mystische Wirkung. Die monumentale Architektur, die menschenleeren Ränge und die experimentellen Kameraeinstellungen verbinden sich mit dem Klang der Band zu einem außergewöhnlichen audiovisuellen Erlebnis. Diese Aufnahmen gehören zu den faszinierendsten Dokumenten der Rockgeschichte und haben entscheidend dazu beigetragen, „Echoes“ als eines der großen Werke von Pink Floyd zu etablieren.

Auch das Albumcover von „Meddle“ verdient Beachtung. Das von Hipgnosis gestaltete Motiv zeigt in verfremdeter Form ein Ohr unter Wasser, das von konzentrischen Wellen umgeben ist. Die Gestaltung wirkt zunächst rätselhaft und erschließt sich erst bei genauerer Betrachtung. Damit passt sie hervorragend zur Musik, die ebenfalls mit Wahrnehmung, Klang und ungewöhnlichen Perspektiven spielt. Das Cover gehört zwar nicht zu den ikonischsten Entwürfen der Band, besitzt aber gerade durch seine geheimnisvolle Bildsprache einen besonderen Reiz. Es ist ein visuelles Versprechen, dass den Zuhörer hinter der Plattenhülle eine ungewöhnliche akustische Erfahrung erwartet.

Rückblickend ist „Meddle“ weit mehr als ein Übergangsalbum. Hier vollzieht Pink Floyd den entscheidenden Schritt von einer experimentellen Psychedelic-Rock-Band zu einer Gruppe, die große musikalische Ideen in geschlossene, emotional berührende Werke verwandeln konnte. Die Erfahrungen aus „Echoes“ flossen unmittelbar in die Entwicklung von „The Dark Side of the Moon“ ein, das 1973 erscheinen und die Band endgültig in den Olymp der Rockmusik führen sollte. Die langen Spannungsbögen, die fließenden Übergänge, die Verbindung von elektronischen Effekten und traditionellen Instrumenten sowie die philosophisch geprägten Texte sind auf „Meddle“ bereits in bemerkenswerter Reife vorhanden.

Vielleicht liegt die besondere Schönheit dieses Albums aber gerade darin, dass Pink Floyd hier noch nicht unter dem Druck ihrer späteren gigantischen Erfolge standen. „Meddle“ besitzt eine Freiheit, eine Neugier und eine spielerische Experimentierfreude, die auf den konzeptionell strengeren Nachfolgewerken teilweise zurücktreten sollten. Die Band sucht noch, probiert aus, wagt Umwege und entdeckt dabei Möglichkeiten, die andere Musiker kaum zu denken wagten. Nicht jede Idee ist vollkommen ausgearbeitet, nicht jedes Stück besitzt dieselbe Qualität. Doch gerade diese Unvollkommenheit macht das Album menschlich und lebendig.

Mehr als fünf Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung hat „Meddle“ nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der Musik häufig auf wenige Sekunden Aufmerksamkeit und möglichst schnelle Wiedererkennbarkeit reduziert wird, wirkt ein Werk wie „Echoes“ beinahe wie ein künstlerischer Gegenentwurf. Pink Floyd verlangen Zeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf eine musikalische Reise einzulassen. Wer diese Bereitschaft mitbringt, wird mit einer Klangwelt belohnt, die weit über das hinausgeht, was gewöhnliche Rockmusik leisten kann.

„Meddle“ ist deshalb nicht einfach nur die Vorstufe zu „The Dark Side of the Moon“. Es ist ein eigenständiges Meisterwerk, das die schöpferische Kraft einer Band auf dem Höhepunkt ihrer experimentellen Entwicklung dokumentiert. Die Platte vereint düstere Energie, lyrische Schönheit, musikalischen Humor und monumentale Klangarchitektur. Vor allem aber enthält sie mit „Echoes“ eine Komposition, die zu den größten Leistungen des Progressive Rock gehört. Hier haben vier Musiker einen musikalischen Kosmos erschaffen, in dem Zeit und Raum für einen Moment ihre Bedeutung verlieren.

Wer verstehen möchte, warum Pink Floyd zu einer der bedeutendsten Bands der Rockgeschichte wurden, sollte nicht nur „The Dark Side of the Moon“ oder „Wish You Were Here“ hören. Er sollte sich „Meddle“ auflegen, die Augen schließen und sich auf die Reise begeben. Am besten auf Vinyl, mit etwas Zeit und ohne Ablenkung. Denn wenn die ersten geheimnisvollen Klaviertöne von „Echoes“ erklingen, beginnt eine musikalische Erfahrung, die auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch immer einzigartig ist. „Meddle“ ist der Moment, in dem Pink Floyd ihren eigenen musikalischen Kosmos nicht mehr nur suchten, sondern endgültig fanden.

Asia von Asia

Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum „Asia“ gelang der britischen Supergroup 1982 ein beeindruckender Start. John Wetton, Steve Howe, Geoff Downes und Carl Palmer verbanden ihre Erfahrungen aus Bands wie Yes, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer mit dem eingängigen, radiotauglichen Rocksound der frühen Achtziger.

Das Ergebnis ist weniger klassischer Progressive Rock als vielmehr eine elegante Mischung aus AOR, Art Rock und Pop, geprägt von großen Melodien, üppigen Keyboards, präzisen Gitarren und Wettons markanter Stimme. Der Welthit „Heat of the Moment“ eröffnet das Album mit einem unwiderstehlichen Refrain, doch Stücke wie „Only Time Will Tell“, „Sole Survivor“, „Wildest Dreams“ oder das atmosphärische „Time Again“ zeigen, dass Asia musikalisch weit mehr zu bieten hatte als einen einzelnen Hit.

Besonders reizvoll ist die Balance: Die vier Musiker stellen ihre enorme Virtuosität nie demonstrativ in den Vordergrund, sondern ordnen sie konsequent den Songs unter. Geoff Downes liefert die typischen Keyboardflächen der Epoche, Steve Howe setzt charakteristische Akzente, während Carl Palmer und John Wetton für ein kraftvolles Fundament sorgen. Wetton ist zugleich das emotionale Zentrum der Platte.

Auch das ikonische Cover von Roger Dean trägt zum Mythos des Albums bei. „Asia“ klingt unverkennbar nach 1982 und ist gerade deshalb heute ein faszinierendes Zeitdokument. Bombastisch, melodisch, perfekt produziert und mit einem bemerkenswert hohen Hitanteil gehört das Debüt zu den prägenden AOR- und Melodic-Rock-Alben der frühen Achtziger. Ein Album, bei dem sich Progressive-Rock-Tradition und der kommerzielle Sound einer neuen Ära nahezu ideal begegnen.

und zum Schluss ein paar Singles

Matinee: John Carpenters „The Fog“ Matinee am 1. November im Scala Fürstenfeldbruck

30. Oktober 2026

Ein geheimnisvoller Nebel zieht vom Meer auf, verschluckt Straßen und Häuser und bringt eine tödliche Bedrohung mit sich. Was zunächst wie ein harmloses Naturphänomen erscheint, entwickelt sich zu einem Albtraum. Willkommen in der Welt von John Carpenter, einem der einflussreichsten Regisseure des modernen Horrorkinos! Mit „The Fog – Nebel des Grauens“ schuf Carpenter 1980 einen Klassiker, der bis heute nichts von seiner unheimlichen Faszination verloren hat. Diesen außergewöhnlichen Film wollen wir in unserer nächsten Kinomatinee am Sonntag, 1. November um 10:45 Uhr auf der großen Leinwand im Scala Kino Fürstenfeldbruck feiern und dabei einen Blick auf seine Entstehung, seine filmhistorische Bedeutung und seinen nachhaltigen Einfluss auf das Horrorgenre werfen. Karten gibt es hier.

Die Geschichte führt in das kleine kalifornische Küstenstädtchen Antonio Bay, das gerade sein hundertjähriges Bestehen feiert. Doch hinter der idyllischen Fassade verbirgt sich ein schreckliches Geheimnis. Vor einem Jahrhundert wurde ein Schiff mit Leprakranken von den Gründervätern des Ortes absichtlich ins Verderben gelockt. Nun kehren die Ermordeten zurück, um Rache zu nehmen. Verborgen in einer unnatürlich leuchtenden Nebelbank suchen sie ihre Opfer heim. Während sich der Nebel unaufhaltsam durch die Straßen bewegt, wird aus der beschaulichen Kleinstadt ein Ort des Grauens. Die Vergangenheit lässt sich eben nicht einfach begraben.

Nach seinem Welterfolg „Halloween – Die Nacht des Grauens“ von 1978 stand John Carpenter vor der Herausforderung, erneut ein Publikum das Fürchten zu lehren. Doch anstatt einen weiteren Serienkiller auf die Leinwand zu schicken, besann er sich auf die Tradition klassischer Geistergeschichten. Gemeinsam mit Drehbuchautorin Debra Hill entwickelte er einen Film, der seine Spannung nicht aus spektakulären Effekten, sondern aus Atmosphäre, Andeutungen und der Fantasie des Publikums gewinnt. Carpenter wusste: Das, was wir nicht sehen, ist häufig viel erschreckender als das, was uns offen gezeigt wird. Genau dieses Prinzip macht „The Fog“ zu einem Meisterwerk des subtilen Horrors.

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die unverwechselbare Bildsprache. Kameramann Dean Cundey verwandelt die kalifornische Küstenlandschaft in eine gespenstische Welt aus Schatten, Licht und undurchdringlichem Nebel. Dazu kommt Carpenters legendäre elektronische Filmmusik, die er selbst komponierte. Mit minimalistischen Synthesizer-Klängen, bedrohlichen Rhythmen und einer geradezu hypnotischen Atmosphäre erzeugt er eine Spannung, die sich langsam, aber unerbittlich steigert. Es ist ein Horror, der nicht nur auf der Leinwand stattfindet, sondern sich tief in den Köpfen der Zuschauer festsetzt.

Auch die Besetzung ist für Filmfreunde ein besonderer Genuss. Jamie Lee Curtis, die bereits in „Halloween“ zum Star geworden war, trifft hier auf ihre Mutter Janet Leigh, die mit Alfred Hitchcocks „Psycho“ Filmgeschichte geschrieben hatte. Hinzu kommen Adrienne Barbeau als Radiomoderatorin Stevie Wayne, Tom Atkins und Hal Holbrook. Damit schlägt „The Fog“ eine faszinierende Brücke zwischen dem klassischen Spannungskino eines Alfred Hitchcock und dem modernen amerikanischen Horrorfilm der achtziger Jahre.

Doch „The Fog“ ist weit mehr als eine effektvoll erzählte Geistergeschichte. Hinter dem Schrecken verbirgt sich eine bemerkenswert aktuelle Auseinandersetzung mit historischer Schuld, Verdrängung und der Frage, ob eine Gemeinschaft ihrer Vergangenheit jemals wirklich entkommen kann. Die Bewohner von Antonio Bay feiern stolz ihre Stadtgeschichte, ohne zu wissen, auf welchem Verbrechen ihr Wohlstand beruht. Carpenter verbindet damit klassische Gruselelemente mit einer düsteren moralischen Botschaft. Der Nebel wird zum Sinnbild einer Vergangenheit, die zurückkehrt und ihre Opfer fordert.

Der Film wurde mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln produziert und entwickelte sich zu einem großen kommerziellen Erfolg. Über die Jahrzehnte wuchs sein Ruf, und längst gilt „The Fog“ als einer der atmosphärisch dichtesten Horrorfilme seiner Zeit. Sein Einfluss reicht bis in das moderne Genrekino. Filme wie „Der Nebel“, „It Follows“ oder „The Witch“ zeigen auf unterschiedliche Weise, wie wirkungsvoll das Spiel mit unsichtbaren Bedrohungen, unheimlichen Landschaften und langsam wachsender Angst sein kann. Nicht immer sind es die Monster, die uns erschrecken. Manchmal genügt eine geschlossene Tür, ein unbekanntes Geräusch oder eben eine Nebelbank, die sich auf unerklärliche Weise gegen den Wind bewegt.

In unserer Kinomatinee am Sonntag 1. November im Scala wollen wir deshalb nicht nur einen großartigen Horrorfilm zeigen, sondern auch seine Geheimnisse entschlüsseln. Wie entstand die Idee zu „The Fog“? Welche Schwierigkeiten gab es während der Produktion? Warum musste Carpenter Teile seines Films nachdrehen? Was verbindet ihn mit Alfred Hitchcock und den klassischen Geistergeschichten? Welche Rolle spielen Musik, Kamera und Licht bei der Erzeugung von Angst? Und weshalb scheiterte die Neuverfilmung von 2005 daran, den besonderen Zauber des Originals wiederzubeleben?

Diesen und weiteren Fragen widmen wir uns in einer unterhaltsamen filmhistorischen Einführung, bevor wir gemeinsam in die düstere Welt von Antonio Bay eintauchen. Dabei geht es um spannende Hintergrundgeschichten, überraschende Zusammenhänge und natürlich um die große Leidenschaft für das Kino. Denn gerade Filme wie „The Fog“ beweisen, dass das Kino seine größte Wirkung auf der großen Leinwand entfaltet, wenn sich der Saal verdunkelt, die Musik einsetzt und die Zuschauer gemeinsam dem Unbekannten entgegenblicken.
Und eines ist sicher: Nach diesem Film werden Sie eine aufziehende Nebelbank mit anderen Augen betrachten. Aber Vorsicht – wenn der Nebel kommt, ist es bereits zu spät! Karten gibt es hier.

Journalismus zwischen Nähe, Haltung und Verantwortung – Dr. Uwe Brückner im PresseClub München

29. Oktober 2026

Was zeichnet guten Journalismus aus, welche Verantwortung tragen Medien für die Demokratie und wie verändert die digitale Kommunikation das Verhältnis zwischen Journalisten und ihrem Publikum? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Dr. Uwe Brückner, Vorsitzender des PresseClubs München, bei einer Veranstaltung des Fördervereins des PresseClubs vor Lehrerinnen und Lehrern. In seinem ebenso persönlichen wie medienkritischen Vortrag plädierte er für einen Journalismus, der unterschiedliche Positionen sichtbar macht, sorgfältig recherchiert und die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Zugleich warnte er vor einer zunehmenden Skandalisierung und Zuspitzung in der medialen Berichterstattung. Hier die Aufzeichnung:

„Ein guter Journalist ist ein Grenzgänger“, erklärte Brückner zu Beginn seines Referats. Damit meine er keineswegs die Missachtung gesellschaftlicher oder ethischer Grenzen. Vielmehr müsse Journalismus bereit sein, unterschiedliche Perspektiven zu erkunden, Positionen zu hinterfragen und sich auch mit unbequemen Themen auseinanderzusetzen. Jedes Thema besitze mehrere Grenzen, an denen verschiedene Interessen, Erfahrungen und Überzeugungen aufeinandertreffen. Diese sichtbar zu machen, gehöre zu den wesentlichen Aufgaben journalistischer Arbeit.

Wie sehr diese Haltung seine eigene Biografie geprägt hat, verdeutlichte Brückner anhand seiner Kindheit im oberfränkischen Bad Rodach, nur wenige Hundert Meter von der damaligen innerdeutschen Grenze entfernt. Dort wuchs er mit westdeutschen und ostdeutschen Medien auf. Während er im DDR-Fernsehen unter anderem die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ verfolgte, lernte er durch Gespräche mit seiner Mutter, politische Aussagen kritisch einzuordnen. Die unterschiedlichen Darstellungen derselben Wirklichkeit hätten früh sein Interesse an Medien, politischen Zusammenhängen und der Bedeutung unabhängiger Informationen geweckt.

Brückner stammt aus einer Lehrerfamilie und besuchte ein musisches Gymnasium. Seine journalistischen Anfänge reichen bis in die Schulzeit zurück. Ein Schülerpressetag weckte sein Interesse an der Zeitungsproduktion und an der Fotografie. Bereits als Jugendlicher berichtete er über kulturelle Veranstaltungen und sammelte erste Erfahrungen als freier Mitarbeiter. Diese frühen praktischen Begegnungen mit dem Journalismus seien für seine weitere Entwicklung entscheidend gewesen.

Sein beruflicher Weg verlief allerdings keineswegs geradlinig. Nach erfolglosen Bewerbungen an der Deutschen Journalistenschule gelang ihm die Aufnahme an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Dort entwickelte er ein besonderes Interesse am Dokumentarfilm und an gesellschaftlichen Themen, die in der Öffentlichkeit häufig verdrängt wurden.

Als Beispiel schilderte er einen frühen Dokumentarfilm über sterbende Menschen. Für das Projekt arbeitete er zuvor mehrere Monate als Hilfspfleger in einem Krankenhaus, um die Lebenssituation der Betroffenen kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Vor der Kamera sprachen schwer kranke Menschen über ihre Ängste, Hoffnungen und ihre letzten Lebenswochen. Dabei wurden auch familiäre Sprachlosigkeit und der gesellschaftliche Umgang mit dem Sterben sichtbar. Für Brückner war diese Arbeit eine grundlegende journalistische Erfahrung: Entscheidend sei nicht allein die technische Qualität einer Produktion, sondern vor allem die Fähigkeit, Menschen zuzuhören und ihnen Raum für ihre persönliche Geschichte zu geben.

Diese Überzeugung prägte auch seine spätere Tätigkeit im Fernsehen. Brückner gehörte zu den frühen Akteuren des deutschen Privatfernsehens und war nach eigenen Angaben am Aufbau zahlreicher Fernsehprogramme beteiligt, darunter regionale Sender und Formate sowie Produktionen für RTL. Seine beruflichen Stationen führten ihn unter anderem zum Münchner Kabelpilotprojekt, zu RTL Plus und in den Bereich des Lokalfernsehens.

Ausführlich beschäftigte er sich mit der Entwicklung der journalistischen Bildsprache. Geprägt habe ihn dabei insbesondere sein Kameradozent an der Münchner Filmhochschule, der ihm die Bedeutung unterschiedlicher Einstellungsgrößen und räumlicher Distanzen vermittelte. Eine Kamera dürfe nicht lediglich aus sicherer Entfernung beobachten. Wer Menschen verstehen und authentische Aussagen erhalten wolle, müsse sich ihnen auch räumlich und emotional nähern.

Brückner kritisierte in diesem Zusammenhang die traditionelle Produktionsweise vieler Fernsehinterviews. Umfangreiche Technik, große Aufnahmeteams und mehrfach wiederholte Aussagen könnten dazu führen, dass Gesprächspartner zunehmend distanziert und formelhaft antworteten. Eine kleinere Kamera, unmittelbarer Blickkontakt und eine persönliche Gesprächssituation ermöglichten dagegen häufig offenere und glaubwürdigere Begegnungen.

Diesen Ansatz verfolgte er auch bei der Entwicklung und Etablierung des Videojournalismus. Die Verbindung von Recherche, Kameraarbeit und Schnitt in einer Person eröffne neue Möglichkeiten einer unmittelbaren Berichterstattung. Nicht die technische Perfektion allein entscheide über die journalistische Wirkung, sondern die Nähe zum Geschehen und die Fähigkeit, Vertrauen herzustellen.

Ein weiteres Beispiel für seinen Anspruch, journalistische Grenzen zu verschieben, war die Fernsehsendung „Der heiße Stuhl für Kinder“. Das Format entstand als Gegenentwurf zu einer konfrontativen Erwachsenensendung. Kinder im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren diskutierten darin mit Erwachsenen über gesellschaftspolitische Fragen. Themen waren unter anderem der Umgang mit ausländischen Mitbürgern, persönliche Freiheit und Tierversuche.

Brückner berichtete, dass die Sendung zunächst auf erhebliche Vorbehalte gestoßen sei. Kritiker hätten bezweifelt, dass Kinder in der Lage seien, komplexe politische und gesellschaftliche Themen öffentlich zu diskutieren. Die Erfahrungen hätten jedoch das Gegenteil gezeigt. Kinder argumentierten direkt, stellten unbequeme Fragen und ließen sich von der gesellschaftlichen Stellung ihrer erwachsenen Gesprächspartner kaum beeindrucken. Nach Brückners Angaben erreichte das Format zeitweise einen Marktanteil von 52 Prozent.

Für den Referenten war dies ein Beleg dafür, dass politische Kommunikation nicht ausschließlich Erwachsenen vorbehalten bleiben dürfe. Junge Menschen hätten eigene Erfahrungen, Interessen und Positionen, die in der öffentlichen Diskussion berücksichtigt werden müssten. Gerade vor einem Publikum aus Lehrerinnen und Lehrern unterstrich diese Erfahrung die Bedeutung einer frühen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen und demokratischer Streitkultur.

Einen Schwerpunkt seines Vortrags bildete der tiefgreifende Wandel der Medien durch das Internet und die sozialen Netzwerke. Über Jahrzehnte habe die klassische Medienwelt nach einem weitgehend einseitigen Sender-Empfänger-Modell funktioniert. Zeitungen, Radio und Fernsehen verbreiteten Informationen, während Leser, Hörer und Zuschauer überwiegend die Rolle passiver Empfänger einnahmen.

Mit der Digitalisierung habe sich dieses Verhältnis grundlegend verändert. Heute könne jeder Mensch selbst Inhalte produzieren, veröffentlichen und verbreiten. Die Bürger seien nicht länger ausschließlich Publikum, sondern zunehmend selbst Akteure öffentlicher Kommunikation.

Brückner erinnerte an die Erkenntnis eines früheren Kollegen aus dem Privatfernsehen, der bereits vor vielen Jahren auf die entscheidende Veränderung hingewiesen habe: Künftig würden die Zuschauer selbst zurücksenden. Diese Entwicklung habe die traditionellen Medien zunächst vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Während Fernsehsender vergleichsweise schnell mit Mediatheken und digitalen Angeboten reagierten, hätten viele Zeitungsverlage die Bedeutung der neuen Kommunikationsmöglichkeiten erst spät erkannt.

Besonders aufmerksam beobachtet Brückner inzwischen die Plattform TikTok. Dort interessiere ihn weniger die reine Unterhaltung als vielmehr die Frage, welche Themen Menschen eigenständig aufgreifen und öffentlich verhandeln. Gesundheit, persönliche Krisen, Beziehungen, gesellschaftliche Konflikte und individuelle Lebensgeschichten spielten dabei eine große Rolle.

Die sozialen Netzwerke machten sichtbar, welche Bedürfnisse nach Austausch, Information und öffentlicher Aufmerksamkeit von den klassischen Medien möglicherweise nicht ausreichend berücksichtigt würden. Gleichzeitig entstünden neue Formen unmittelbarer und emotionaler Kommunikation. Für den Journalismus ergebe sich daraus die Aufgabe, diese Entwicklungen ernst zu nehmen, ohne die eigenen professionellen Maßstäbe aufzugeben.

Deutliche Kritik übte der Vorsitzende des PresseClubs München an der zunehmenden Skandalisierung journalistischer Berichterstattung. Insbesondere im digitalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit würden politische Auseinandersetzungen häufig mit Begriffen aus dem Bereich von Krieg, Terror und Katastrophen beschrieben. Differenzierte Debatten gerieten dadurch in den Hintergrund.

Brückner verwies auf die Berichterstattung über politische Koalitionen und gesellschaftliche Konflikte. Demokratische Politik bestehe wesentlich darin, unterschiedliche Interessen auszuhandeln, Kompromisse zu finden und gegensätzliche Positionen auszuhalten. Wenn Medien diese Prozesse überwiegend als Kampf oder Zerwürfnis darstellten, werde ein verzerrtes Bild parlamentarischer Demokratie vermittelt.

Die Zuspitzung diene häufig der digitalen Reichweite und dem sogenannten Clickbaiting. Emotional aufgeladene Schlagzeilen sollten Aufmerksamkeit erzeugen und Nutzer zum Anklicken bewegen. Diese Entwicklung betrachtete Brückner kritisch, weil sie das Vertrauen in die Medien und das Verständnis demokratischer Entscheidungsprozesse beeinträchtigen könne.

„Weg von Skandalisierung, hin zu einem demokratischen Gegeneinander, Miteinander, Ringen um Gemeinsamkeiten“, formulierte er seinen journalistischen Anspruch.

Der PresseClub München verstehe sich deshalb auch als Ort der kritischen Auseinandersetzung mit journalistischen Arbeitsweisen. In Veranstaltungen und Diskussionen würden Entscheidungen von Redaktionen hinterfragt, medienethische Fragen aufgegriffen und aktuelle Entwicklungen der Branche diskutiert. Journalismus müsse bereit sein, nicht nur andere gesellschaftliche Akteure zu kontrollieren, sondern auch das eigene Handeln kritisch zu überprüfen.

Ein zentrales Anliegen Brückners war die Bedeutung verlässlicher Quellen. In einer digitalen Öffentlichkeit, in der Informationen innerhalb kürzester Zeit verbreitet werden können, müsse sorgfältige Recherche weiterhin das Fundament professioneller journalistischer Arbeit bilden.

Das Internet selbst sei keine hinreichende Quelle. Entscheidend sei vielmehr, wer eine Information ursprünglich verbreitet habe, welche Interessen dahinterstünden und ob sich die Aussage unabhängig überprüfen lasse. Journalisten müssten deshalb unterschiedliche Informationsquellen erschließen, Kontakte aufbauen und über lange Zeit pflegen.

Brückner verwies auf seine eigenen Erfahrungen als Reporter, unter anderem bei der Berichterstattung über internationale Konflikte. Verlässliche Informanten seien häufig über Jahrzehnte gewachsene Kontakte. Gerade bei schwierigen politischen und gesellschaftlichen Themen komme es darauf an, Aussagen einordnen, Widersprüche erkennen und unterschiedliche Perspektiven miteinander vergleichen zu können.

Daraus leitete er eine grundsätzliche journalistische Haltung ab: „Parteifrei, staatsfern, bürgernah.“ Diese drei Begriffe beschreiben nach seiner Auffassung die notwendige Unabhängigkeit des Journalismus gegenüber politischen Parteien und staatlichen Institutionen sowie seine Verpflichtung gegenüber den Menschen.

Journalisten dürften sich nicht mit einer politischen Position identifizieren, sondern müssten unterschiedliche Standpunkte sichtbar machen. Dabei gehe es nicht um Beliebigkeit, sondern um die nachvollziehbare Darstellung von Interessen, Argumenten und überprüfbaren Tatsachen.

Auch die Rolle des Journalisten selbst müsse kritisch reflektiert werden. Brückner sprach sich dafür aus, bei Recherchen möglichst unaufdringlich aufzutreten. Bereits die erkennbare Anwesenheit eines Journalisten könne das Verhalten von Menschen verändern. Gesprächspartner formulierten dann möglicherweise nicht mehr ihre tatsächlichen Gedanken, sondern Aussagen, von denen sie annähmen, dass diese öffentlich erwünscht seien. Beobachtung, Zurückhaltung und die Fähigkeit zuzuhören seien deshalb wichtige Voraussetzungen authentischer Berichterstattung.

Für die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer bot der Vortrag zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Medienbildung. Die zunehmende Verbreitung digitaler Inhalte macht es erforderlich, junge Menschen frühzeitig für journalistische Qualitätskriterien, die Überprüfung von Quellen und den Unterschied zwischen Information, Meinung und gezielter Emotionalisierung zu sensibilisieren.

Dabei wurde deutlich, dass Medienkompetenz weit über die technische Bedienung digitaler Plattformen hinausgeht. Sie umfasst die Fähigkeit, Informationen kritisch zu hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven zu erkennen und die Mechanismen öffentlicher Kommunikation zu verstehen.

Brückners Referat verband persönliche Erfahrungen aus mehreren Jahrzehnten Fernsehjournalismus mit einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über die gesellschaftliche Verantwortung der Medien. Trotz aller technischen Veränderungen, neuer Plattformen und veränderter Nutzungsgewohnheiten bleibt für ihn der Kern journalistischer Arbeit unverändert: sorgfältige Recherche, glaubwürdige Quellen, Unabhängigkeit und die unmittelbare Nähe zu den Menschen.

Der Journalist als Grenzgänger müsse bereit sein, unbequeme Fragen zu stellen, neue Wege zu gehen und vertraute Sichtweisen zu hinterfragen. Gerade in einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit sei es Aufgabe des Journalismus, nicht zusätzliche Gräben aufzureißen, sondern durch Information, Einordnung und kritische Diskussion zum demokratischen Verständnis beizutragen.

Podcast Seitensprung (9): Von Tonies, Maschenmachern und Weihnachtsdekoration

28. Oktober 2026

Die Gemeindebücherei Maisach ist längst mehr als ein Ort, an dem Bücher ausgeliehen werden. Sie entwickelt sich zunehmend zu einem Treffpunkt für Menschen aller Generationen. In der aktuellen Ausgabe des Podcasts „Seitensprung“ sprechen Büchereileiterin Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange über die Begeisterung für Tonies, den Ärger über Diebstähle, neue Veranstaltungsformate und die Herausforderungen knapper kommunaler Kassen. Auch die kommenden Veranstaltungen bis Weihnachten stehen im Mittelpunkt des Gesprächs.

Schnell wenden sich die beiden einem Thema zu, das besonders bei jungen Büchereibesuchern hoch im Kurs steht: den Tonies. Die kleinen Hörspielfiguren haben sich zu einem beliebten Ausleihmedium entwickelt und füllen inzwischen ganze Regale in der Gemeindebücherei Maisach.

„Was früher die CD oder die Kassette war, ist heute der Tonie“, erklärt Seyschab. Die Figuren werden auf eine sogenannte Toniebox gestellt und spielen anschließend Geschichten, Hörspiele oder Musik ab. Das Konzept ist einfach und begeistert vor allem Kinder. Allerdings hat die Begeisterung ihren Preis. „So eine Figur kostet 16,99 Euro. Und auch wir zahlen den vollen Preis“, betont die Büchereileiterin. Entgegen einer verbreiteten Vorstellung erhalten öffentliche Büchereien keineswegs sämtliche Medien kostenlos.

Problematisch wird es, wenn die begehrten Figuren verschwinden. In mehreren Büchereien des Landkreises Fürstenfeldbruck kam es bereits zu größeren Diebstählen. Maisach blieb von solchen gezielten Aktionen bislang verschont, doch auch hier gibt es Verluste. Seyschab möchte dabei nicht grundsätzlich kriminelle Absichten unterstellen. Manchmal könne eine Figur versehentlich im Kinderwagen landen und werde anschließend nicht zurückgebracht. Dennoch stellt sie klar: „Wenn sich Einzelne bereichern auf Kosten der Allgemeinheit, ist das eine Straftat.“

Die Büchereileiterin verweist auf die gesellschaftliche Bedeutung öffentlicher Bibliotheken. Gerade Menschen mit geringem Einkommen sollen unkompliziert Zugang zu Bildung, Literatur und Unterhaltung erhalten. Kinder können in Maisach sogar kostenlos ausleihen. Jeder verschwundene Tonie bedeutet deshalb einen Verlust für die gesamte Gemeinschaft. „Wir haben nicht das Geld, alle, die weg sind, neu zu kaufen“, erklärt Seyschab mit Blick auf die angespannte kommunale Haushaltslage. Bei nachgewiesenem vorsätzlichem Diebstahl würde sie die betreffende Person von der Büchereinutzung ausschließen und Anzeige erstatten.

Neben dem finanziellen Wert haben die Figuren inzwischen auch einen erheblichen Sammlerwert. Manche älteren oder limitierten Tonies werden auf Internetplattformen zu Preisen gehandelt, die über dem ursprünglichen Verkaufspreis liegen. Lange erinnert sich in diesem Zusammenhang an seine Kindheit mit Märchenschallplatten, Pumuckl und Hui Buh. Besonders die Hörspielproduktionen des Labels Europa sind ihm in Erinnerung geblieben. „Ich komme ja noch aus dem Zeitalter der Schallplatte“, erzählt er und schwärmt von den Geschichten, die ihn als Kind begleitet haben.

Viele dieser Klassiker erleben auf den neuen Tonträgern eine Renaissance. Auch Figuren aus den Büchern von Otfried Preußler sind vertreten. Für Lange ist das ein schönes Beispiel dafür, wie alte Geschichten durch neue Technik weitere Generationen erreichen können. Gleichzeitig interessiert ihn, ob künftig auch klassische Gruselliteratur von Edgar Allan Poe oder andere anspruchsvollere Stoffe ihren Weg auf die Toniebox finden könnten.

Eine weitere Möglichkeit bieten sogenannte Kreativ-Tonies, die sich mit eigenen Aufnahmen bespielen lassen. Eltern können damit beispielsweise Gute-Nacht-Geschichten für ihre Kinder aufnehmen. Daraus entwickelt sich während des Gesprächs spontan eine Idee für die Gemeindebücherei: ein Ferienprogramm, bei dem Kinder eigene Hörbücher produzieren. „Wir machen ein Hörbuch“, schlägt Lange vor. Seyschab zeigt sich aufgeschlossen: „Ja, also warum nicht?“

Die Bücherei als Wohnzimmer der Gemeinde

Ein besonderes Anliegen der Büchereileiterin ist es, die Einrichtung als sozialen Treffpunkt weiterzuentwickeln. Dazu gehört ein neues Angebot, das am Mittwoch, 4. November, erstmals stattfindet. Von 10 bis 11.30 Uhr treffen sich die „Maisacher Maschenmacher“ im Lesecafé. Willkommen sind alle, die gerne stricken oder häkeln, unabhängig von Alter oder Vorkenntnissen. Eigene Handarbeiten können mitgebracht werden, gleichzeitig bereitet eine Mitarbeiterin kleine gemeinsame Projekte vor.

„Wir möchten einfach so ein bisschen die Geselligkeit, das Miteinander fördern, vielleicht mal mit dem Nachbarn ins Gespräch kommen“, erläutert Seyschab. Kaffee und Tee gehören selbstverständlich dazu. Das neue Format ist zunächst ein Versuch, dessen Fortsetzung vom Interesse der Besucher abhängt.

Lange begrüßt die Initiative ausdrücklich. Für ihn muss eine moderne Bücherei mehr sein als ein stiller Raum voller Bücher. „Ich sage immer, die Bücherei ist das Wohnzimmer des Ortes“, formuliert er seinen Anspruch. Seyschab kann diesem Gedanken viel abgewinnen: „Das möchte ich auch erreichen, dass die Leute, wenn sie hier reinkommen, sich wohlfühlen.“

Gleichzeitig soll die Bücherei weiterhin Rückzugsmöglichkeiten zum konzentrierten Lesen, Lernen und Arbeiten bieten. Seyschab sieht darin keinen Widerspruch. Gerade am Mittwochvormittag sei der Publikumsverkehr überschaubar, sodass sich geselliges Beisammensein im Lesecafé und ruhiges Arbeiten gut miteinander vereinbaren ließen. Die positive Resonanz der Besucher bestätigt die Büchereileiterin in ihrem Konzept.

Krimilesung mit Weinprobe und Weihnachtsdekoration für einen guten Zweck

Auch der Veranstaltungskalender der kommenden Wochen zeigt, wie vielseitig die Gemeindebücherei aufgestellt ist. Am 29. Oktober findet von 15 bis 16 Uhr eine Vorlesestunde für Kinder ab vier Jahren statt. Am 10. November folgt von 15 bis 15.30 Uhr die englischsprachige Vorlesestunde.

Ein besonderer literarischer Höhepunkt steht am 11. November auf dem Programm. Dann besucht die österreichische Autorin Fanny Svoboda die Gemeindebücherei und stellt ihre Kriminalromane „Marillenknödelmord“ und „Sonnenwendmord“ vor. Passend zum Schauplatz ihrer Geschichten bringt sie Wein aus der Wachau mit, den die Besucher probieren können. „Da freue ich mich sehr drauf. Das ist mal was ganz anderes“, sagt Seyschab über die Verbindung von Literatur und Weinverkostung.

Eine feste Größe im Veranstaltungskalender ist inzwischen die Weihnachtsdekotauschbörse. Sie beginnt am 17. November und läuft bis einschließlich 13. Dezember. Das Prinzip ist einfach: Wer Weihnachtsdekoration übrig hat, kann sie vorbeibringen. Andere Besucher dürfen sich kostenlos etwas aussuchen. Dabei geht es nicht nur um Nachhaltigkeit und die Wiederverwendung gut erhaltener Gegenstände, sondern auch um soziale Unterstützung.

„Was ich so schön finde, gerade an dieser Weihnachtsgeschichte, ist, dass wir dadurch auch die Altersheime beglücken können“, erklärt Seyschab. Ein Teil der gespendeten Dekoration wird an Senioreneinrichtungen weitergegeben. Besonders pflegebedürftige Bewohner, die ihre Zimmer nur selten verlassen können, freuen sich über weihnachtlichen Schmuck. Die Einrichtungen entscheiden selbst, welche Gegenstände sie benötigen.

Am 26. November steht eine weitere Vorlesestunde auf dem Programm. Für Donnerstag, 3. Dezember, ist von 15 bis 16.30 Uhr ein Weihnachtsbasteln für Kinder ab sechs Jahren geplant. Mitgebracht werden sollen Stifte, Schere und Kleber. Gerade bei solchen Angeboten zeigt sich allerdings erneut, wie wichtig ein sparsamer Umgang mit den vorhandenen Mitteln geworden ist.

Die Bücherei freut sich deshalb auch über Sachspenden, beispielsweise gut erhaltene Scheren oder anderes Bastelmaterial. „Bevor wir für viel Geld wieder irgendwelches Material kaufen, das dann vielleicht auch verschwindet, lieber, wenn es zu Hause rumliegt“, sagt Seyschab. Solche Spenden helfen, auch Kindern eine Teilnahme zu ermöglichen, die ihre eigenen Bastelutensilien vergessen haben.

Neue Versäumnisgebühren sollen für mehr Verbindlichkeit sorgen

Zum Abschluss des Podcasts informiert Seyschab über eine Änderung der Büchereisatzung. Seit dem 23. Oktober gelten neue Gebühren für überfällige Medien. Wer die Leihfrist überschreitet, muss künftig 20 Cent pro Medium und Tag bezahlen. Die entsprechende Änderung wurde vom Gemeinderat beschlossen.

Seyschab hält die Anpassung für angemessen. „Wir sind von den Gebühren, die wir insgesamt im Haus haben, nicht besonders extrem“, betont sie. Viele Dienstleistungen bleiben weiterhin kostenlos. Dazu zählen beispielsweise Vormerkungen oder die Ausleihe aktueller Bestseller. Auch im Vergleich mit anderen Büchereien des Landkreises bewege sich Maisach mit der neuen Versäumnisgebühr weiterhin im unteren Bereich.

Lange unterstützt die Entscheidung. Angesichts der zahlreichen kostenlosen Leistungen sei die Gebühr vertretbar. Schließlich müsse eine öffentliche Einrichtung ihre Medien zuverlässig zurückerhalten, damit sie möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen.

Zum Ende der Folge bedanken sich beide Gesprächspartner ausdrücklich bei den Mitarbeiterinnen der Gemeindebücherei und der Pressestelle der Gemeinde Maisach. Deren Unterstützung sei für die Öffentlichkeitsarbeit und die Durchführung der Veranstaltungen von großer Bedeutung.

Die aktuelle Ausgabe von „Seitensprung“ macht deutlich, wie sehr sich das Selbstverständnis öffentlicher Büchereien verändert hat. Bücher und Hörmedien bleiben das Fundament, doch hinzu kommen Begegnung, Kreativität, gemeinsames Lernen und gesellschaftlicher Austausch. Zwischen Toniefiguren, Krimilesungen, Stricknadeln und Weihnachtsdekoration entsteht in Maisach ein Ort, der Menschen zusammenbringt.

Oder, wie Matthias J. Lange es auf den Punkt bringt: „Die Bücherei ist das Wohnzimmer des Ortes.“

Die Frau hinter der Legende: Marilyn Monroes letzte Worte und verschollene Fotografien

27. Oktober 2026

Nur wenige Wochen vor ihrem Tod sprach Marilyn Monroe so offen wie selten zuvor über Ruhm, Einsamkeit und den Kampf um ihre künstlerische Selbstbestimmung. Mehr als sechs Jahrzehnte später führt ein neuer Bildband dieses Gespräch erstmals vollständig mit Hunderten lange unveröffentlichten Aufnahmen zusammen.

Der zunächst unter dem Arbeitstitel Untitled on Marilyn Monroe: The Lost Photographs, the Last Interview angekündigte Band erschien im Mai 2026 unter dem endgültigen Titel Marilyn: The Lost Photographs, the Last Interview. Das 256 Seiten umfassende Buch enthält das vollständige Transkript von Monroes letztem ausführlichen Interview sowie mehr als 400 restaurierte Fotografien des LIFE-Fotojournalisten Allan Grant. Ein Großteil des Materials war zuvor nie öffentlich zu sehen.

Im Sommer 1962 befand sich Marilyn Monroe beruflich und persönlich an einem Wendepunkt. Die 36-Jährige war in einen Konflikt mit dem Filmstudio 20th Century Fox um die unvollendet gebliebene Komödie Something’s Got to Give geraten. Zugleich versuchte sie, sich von dem Bild der unzuverlässigen, austauschbaren „Blondine“ zu lösen und mehr Kontrolle über ihre Karriere zu gewinnen. In dieser Situation traf sie den LIFE-Journalisten Richard Meryman zu einem Gespräch, das ursprünglich lediglich vom Leben mit dem Ruhm handeln sollte. Aus dem geplanten Porträt entwickelte sich jedoch eine insgesamt etwa vierstündige Unterhaltung über ihre Kindheit, ihre Ehen, Hollywood, Arbeit, Alter, Sexualisierung und Einsamkeit.

Monroe bestand darauf, möglichst in ihren eigenen Worten wiedergegeben zu werden. Gerade darin liegt die historische Bedeutung des Materials: Es zeigt sie nicht nur als Gegenstand fremder Erinnerungen oder späterer Spekulationen, sondern als aktive Erzählerin ihres eigenen Lebens. Sie spricht über ihre Kindheit in Pflegefamilien, über ihren frühen Aufstieg und über die Erfahrung, von der Filmindustrie zugleich begehrt und unterschätzt zu werden. Auch ihr Unbehagen darüber, als Sexsymbol eher wie ein Objekt denn wie ein Mensch behandelt zu werden, zieht sich durch das Gespräch.

Die Fotografien entstanden während Monroes letzter formeller Porträtsitzung in ihrem Haus im Los-Angeles-Stadtteil Brentwood. Allan Grant fotografierte sie nicht in einem Filmstudio oder auf einem roten Teppich, sondern in privater Umgebung und legerer Kleidung. Die Bilder zeigen wechselnde Stimmungen: Monroe erscheint ausgelassen, nachdenklich, konzentriert und gelegentlich verletzlich. Lediglich acht Aufnahmen wurden damals zusammen mit dem gekürzten LIFE-Text veröffentlicht; der weitaus größere Teil des Archivs blieb jahrzehntelang verwahrt.

Der ursprüngliche LIFE-Artikel erschien am 3. August 1962. Nur zwei Tage später wurde Monroe tot in ihrem Haus gefunden; als Todesursache wurde eine akute Barbituratvergiftung festgestellt und ihr Tod offiziell als wahrscheinlicher Suizid eingestuft. Das vollständige Interview und die Tonaufnahmen verschwanden anschließend in Merymans Archiv, während Grants Fotografien größtenteils in dessen Besitz blieben. Erst die spätere Zusammenführung und Restaurierung beider Bestände ermöglichte die Veröffentlichung des heutigen Bandes.

Die zeitliche Nähe zu Monroes Tod verleiht dem Werk zwangsläufig eine düstere Wirkung. Dennoch sollte das Interview nicht ausschließlich als Abschiedsdokument gelesen werden. Vieles darin weist nicht auf Resignation, sondern auf beruflichen Ehrgeiz und den Wunsch nach Veränderung hin. Monroe äußert sich selbstbewusst über ihr schauspielerisches Handwerk, kritisiert die Machtverhältnisse der Studios und macht deutlich, dass sie ernst genommen werden wollte. Die Aufnahmen vermitteln deshalb nicht nur Verletzlichkeit, sondern auch Humor, Wachheit und Widerstandskraft.

Genau hier liegt der besondere Wert von The Lost Photographs, the Last Interview. Der Band widerspricht der verbreiteten Tendenz, Marilyn Monroe fast ausschließlich durch ihren frühen Tod zu betrachten. Bilder und Gespräch dokumentieren eine Künstlerin, die sich der Mechanismen ihres eigenen Ruhms sehr bewusst war und gegen die von Hollywood geschaffene Kunstfigur anzukämpfen versuchte.

Allerdings bleibt auch diese Veröffentlichung Teil der fortdauernden Vermarktung Monroes. Die Bezeichnung der Materialien als „verloren“ ist vor allem im Sinne von lange unveröffentlicht oder unzugänglich zu verstehen: Die Aufzeichnungen und Negative waren nicht spurlos verschwunden, sondern in privaten Archiven aufbewahrt worden. Zudem ersetzt das Interview keine umfassende historische Biografie. Es zeigt Monroes Perspektive in einer bestimmten Lebensphase – außergewöhnlich unmittelbar, aber dennoch geprägt von der Interviewsituation, der späteren redaktionellen Bearbeitung und der heutigen Präsentation.

Als Quellenband und fotografisches Zeitdokument eröffnet das Buch dennoch einen seltenen Zugang. Es lässt Marilyn Monroe für einen Moment aus dem Schatten der Legenden, Verschwörungserzählungen und nachträglichen Deutungen hervortreten. Was sichtbar wird, ist keine vollständig entschlüsselte Ikone, sondern eine intelligente, widersprüchliche und ehrgeizige Frau, die darum kämpfte, nicht länger nur angesehen, sondern tatsächlich gehört zu werden.

Podcast Dombo bewegt (22): Praktikum mit Perspektive im Zentrum für Gesundheit Dombo

26. Oktober 2026

Wie findet der Nachwuchs seinen Weg in die Gesundheitsberufe – und wie wichtig sind Praktika, um junge Menschen für die Physiotherapie zu gewinnen? In einer 22. Folge des Podcasts „Dombo bewegt“ geben Norman Dombo und Matthias J. Lange gemeinsam mit Praktikant Lorenz einen Blick hinter die Kulissen des Zentrums für Gesundheit Dombo in Maisach. Dabei geht es nicht nur um den Alltag eines Praktikanten, sondern auch um Fachkräftemangel, persönliche Betreuung und die Frage, warum Physiotherapie trotz Digitalisierung ein Beruf mit Zukunft bleibt.

Diesmal ist die Runde bei „Dombo bewegt“ größer als gewohnt. Neben Norman Dombo und Journalist Matthias J. Lange sitzt Lorenz am Mikrofon. Der junge Mann absolviert derzeit ein Praktikum im Zentrum für Gesundheit Dombo in Maisach und interessiert sich ganz konkret für eine berufliche Zukunft in der Physiotherapie. Hier der Podcast:

Für Norman Dombo ist die Betreuung von Praktikanten längst ein fester Bestandteil der Arbeit. Seit vielen Jahren bietet das Zentrum jungen Menschen die Möglichkeit, Gesundheitsberufe aus nächster Nähe kennenzulernen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Fachoberschule in Fürstenfeldbruck mit ihrem Ausbildungszweig Gesundheit. Regelmäßig kommen Schülerinnen und Schüler für ihre fachpraktische Ausbildung in die Einrichtung nach Maisach.

In diesem Jahr gibt es sogar eine Besonderheit: Gleich zwei Praktikanten sind zeitgleich im Zentrum für Gesundheit tätig. Für Dombo ist das kein lästiger Zusatzaufwand, sondern eine Investition in die Zukunft. Junge Menschen müssten schließlich die Gelegenheit bekommen, Berufe nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern sie im Alltag zu erleben.

Lorenz bringt bereits erste Erfahrungen mit. Schon im vergangenen Jahr absolvierte er ein Praktikum in einer Physiotherapie. Diese Erfahrung habe sein Interesse verstärkt. „Das hat mir dort ziemlich gefallen und mich interessiert einfach der Beruf“, erzählt er im Podcast. Besonders wichtig sei ihm der unmittelbare Kontakt zu anderen Menschen: „Ich mag es gerne, den Leuten zu helfen, und in so einem Bereich kann man das ziemlich gut tun.“

Sein Berufsziel steht deshalb bereits ziemlich deutlich fest: „Der Berufswunsch ist tatsächlich Physiotherapeut.“

Das freut Norman Dombo, denn Nachwuchs wird in der Branche dringend benötigt. Aus seiner Sicht stehen der Physiotherapie in den kommenden Jahren erhebliche personelle Herausforderungen bevor. Viele erfahrene Therapeuten werden altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden, während deutlich weniger junge Fachkräfte nachrücken. Gleichzeitig wächst der Bedarf an therapeutischen Angeboten.

Für Berufseinsteiger bedeutet das gute Perspektiven. Wer sich heute für eine Ausbildung oder ein Studium im Bereich Physiotherapie entscheidet, dürfte auf einen Arbeitsmarkt treffen, auf dem qualifizierte Fachkräfte stark gefragt sind. „Der Beruf der Physiotherapie, den wird es auch in etlichen Jahren noch geben“, ist Dombo überzeugt.

Allerdings sieht er auch Unsicherheiten im Gesundheitswesen. Kosten, Beiträge und Zuzahlungen könnten steigen, und damit werde zunehmend die Frage gestellt, was sich Patienten künftig noch leisten können. Der grundsätzliche Bedarf an Physiotherapie werde dadurch jedoch nicht verschwinden. Im Gegenteil: Eine älter werdende Gesellschaft und der Wunsch, Mobilität und Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten, machen therapeutische Angebote weiterhin notwendig.

Gerade hier sieht Dombo auch eine Grenze der Digitalisierung. Apps, Videos und digitale Trainingsprogramme könnten zwar unterstützen und Übungen vermitteln. Sie ersetzten aber nicht den geschulten Blick eines Therapeuten. „Heute heißt es, alles ist digital und man kann mit einer App auch Übungen machen – aber es kontrolliert keiner“, sagt Dombo. Für ihn bleibt deshalb entscheidend: „Man muss am Menschen mit dem Menschen arbeiten.“

Damit beschreibt er einen Aspekt, den Lorenz während seines Praktikums unmittelbar erlebt. Er darf zwar nicht selbstständig therapeutisch am Patienten arbeiten, kann aber bei vielen unterschiedlichen Behandlungen zuschauen. „Vor allem schaue ich bei Behandlungen zu, bei sehr vielen verschiedenen Behandlungen mit Leuten mit unterschiedlichen Problemen“, erklärt er. Dadurch bekomme er einen Eindruck davon, wie vielfältig die Arbeit von Physiotherapeuten tatsächlich ist.

Dabei lernt er auch, dass Physiotherapie weit mehr bedeutet, als bestimmte Handgriffe oder Übungen zu beherrschen. Kommunikation gehört ebenso zum Beruf. Wer täglich mit Menschen arbeitet, die Schmerzen haben, nach Verletzungen wieder auf die Beine kommen wollen oder mit körperlichen Einschränkungen leben, braucht Einfühlungsvermögen und Geduld.

„Da spielt auch viel Psychologie und Kommunikation mit“, stellt Lorenz bereits nach seinen ersten Erfahrungen fest.

Genau dieser menschliche Faktor macht den Beruf nach Ansicht der Gesprächsrunde aus. Patienten kommen schließlich nicht nur mit einem medizinischen Befund in eine Praxis. Sie bringen Ängste, Erwartungen, Frustrationen und Hoffnungen mit. Physiotherapeuten müssen motivieren können, zuhören und zugleich vermitteln, dass nachhaltige Fortschritte häufig auch Eigeninitiative erfordern.

Matthias J. Lange nimmt das Thema im Podcast mit Humor auf und möchte von Lorenz wissen, ob Freunde bereits mit den ersten Beschwerden zu ihm kommen: Hier zwickt die Schulter, dort tut der Rücken weh – könne der angehende Physiotherapeut nicht einmal schnell helfen?

Noch sei das nicht der Fall, erzählt Lorenz lachend. Er könne sich aber durchaus vorstellen, dass solche Fragen häufiger kommen, wenn er sich intensiver mit dem Beruf beschäftigt.

Norman Dombo kennt dieses Phänomen aus langjähriger Erfahrung. Sobald Menschen erfahren, dass jemand aus der Physiotherapie kommt, seien die ersten Fragen nach Beschwerden meist nicht weit: „Dann heißt es immer: Da zwickt es, was kann das sein? Kann man da mal drücken, kann man da mal ziehen?“ Der Physiotherapeut werde auf einer Feier damit schnell zum gefragten Ansprechpartner – ähnlich wie der Arzt oder Rechtsanwalt, der plötzlich um eine kostenlose Einschätzung gebeten werde.

Dass Lorenz ausgerechnet beim Zentrum für Gesundheit Dombo gelandet ist, hatte zunächst ganz praktische Gründe. Er wollte erneut ein Praktikum im Bereich Physiotherapie absolvieren und suchte nach einer passenden Einrichtung. Die gute Erreichbarkeit in Maisach spielte dabei ebenfalls eine Rolle. „Ich habe gedacht, ich rufe hier halt mal an und frage nach“, erzählt Lorenz. Die Anfrage war erfolgreich.

Dass Praktikumsplätze keineswegs selbstverständlich sind, weiß Norman Dombo aus der Vergangenheit. Er erinnert sich an eine Praktikantin, deren bereits zugesagter zweiter Praktikumsplatz kurzfristig wegfiel. Die junge Frau stand plötzlich ohne Alternative da. Das Zentrum für Gesundheit sprang ein und ermöglichte ihr auch den zweiten Praktikumsabschnitt – allerdings in einem anderen Bereich der Einrichtung. So konnte sie zunächst die Physiotherapie und anschließend den Trainingsbereich kennenlernen.

Gerade darin sieht Dombo einen Vorteil seines Hauses. Das Zentrum versteht sich nicht ausschließlich als klassische Physiotherapiepraxis, sondern als Gesundheitseinrichtung mit einem breiteren Angebot. Für Praktikanten bedeutet dies, dass sie unterschiedliche Tätigkeitsfelder kennenlernen und „überall reinschnuppern“ können.

Das ist für junge Menschen besonders wichtig. Ein Praktikum soll schließlich nicht nur einen bereits vorhandenen Berufswunsch bestätigen. Es darf auch zeigen, dass eine Vorstellung vom Berufsalltag vielleicht nicht der Realität entspricht. Wer einen Gesundheitsberuf wählt, entscheidet sich für die intensive Arbeit mit Menschen – mit allen schönen, aber auch anstrengenden Seiten.

Für Einrichtungen wie das Zentrum für Gesundheit hat die Betreuung von Praktikanten zugleich eine zweite Bedeutung: Sie ist Nachwuchsarbeit. Angesichts des Fachkräftemangels kann aus einem Praktikum irgendwann eine Ausbildung, ein Studium und vielleicht später sogar eine Beschäftigung werden.

Auf die Frage von Matthias J. Lange, ob er insgeheim darauf hoffe, dass Praktikanten wie Lorenz eines Tages als ausgebildete Fachkräfte zurückkehren, antwortet Dombo deshalb ohne Umschweife: „Ja, natürlich auch.“

Nicht jeder Praktikant werde später Mitarbeiter. In den vergangenen Jahren habe man sehr unterschiedliche junge Menschen kennengelernt und von einigen sei das Team besonders begeistert gewesen. Welche Wege die aktuellen Praktikanten einschlagen werden, lasse sich noch nicht absehen. Sie seien schließlich erst seit wenigen Tagen dabei.

Die Tür bleibt jedoch offen. Wenn Lorenz seine Ausbildung abgeschlossen habe und Interesse an einer Tätigkeit in Maisach bestehe, könne man miteinander sprechen. Angesichts des Fachkräftemangels ist das mehr als eine freundliche Bemerkung. Es zeigt, wie wichtig der frühe Kontakt zwischen jungen Menschen und möglichen Arbeitgebern geworden ist.

Damit bekommt die Podcastfolge einen durchaus ernsten Hintergrund. Nachwuchsförderung beginnt nicht erst bei der Stellenausschreibung für fertig ausgebildete Fachkräfte. Sie beginnt wesentlich früher – möglicherweise mit einem Schüler, der neugierig durch die Tür einer Physiotherapiepraxis kommt und erst einmal zuschaut.

Für Lorenz bietet das Praktikum die Gelegenheit herauszufinden, ob sein bisheriger Berufswunsch auch dem tatsächlichen Berufsalltag standhält. Bislang scheint die Richtung zu stimmen. Er kann Behandlungen beobachten, erlebt den Umgang mit Patienten und bekommt einen Eindruck davon, wie viel Fachwissen, Kommunikation und Einfühlungsvermögen Physiotherapie verlangt.

Für Norman Dombo wiederum ist der Praktikant ein Beispiel dafür, warum Gesundheitseinrichtungen jungen Menschen solche Einblicke ermöglichen sollten. Wer Nachwuchs brauche, müsse Nachwuchs auch fördern und ihm Gelegenheit geben, praktische Erfahrungen zu sammeln.

Matthias J. Lange bringt es zum Abschluss auf eine einfache Formel: „Hier kann man wirklich etwas lernen, wenn man etwas lernen will.“

Die neue Folge von „Dombo bewegt“ ist damit tatsächlich ein Blick hinter die Kulissen. Diesmal stehen nicht eine bestimmte Therapieform oder gesundheitliche Beschwerden im Mittelpunkt, sondern diejenigen, die in Zukunft dafür sorgen sollen, dass Patienten weiterhin persönlich betreut werden können.

Und vielleicht sitzt mit Lorenz diesmal nicht nur ein Praktikant am Podcast-Mikrofon, sondern bereits ein Physiotherapeut von morgen.

Style Vision 2026: Branchentreff für das Friseur- und Kosmetikhandwerk in Fürth – die Vorbereitungen

25. Oktober 2026

Am Sonntag, 8. November 2026, findet in der Stadthalle Fürth die zweite Ausgabe der Style Vision statt. Der Landesinnungsverband des bayerischen Friseur- und Kosmetikhandwerks bringt mit der Fachveranstaltung Unternehmen, Fachkräfte, Auszubildende und Vertreter der Industrie zusammen. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen der Branche, fachliche Weiterbildung, neue Produkte und Dienstleistungen sowie die Förderung des beruflichen Nachwuchses. Im Moment arbeitet das Team mit Hochdruck an der Vorbereitung der Veranstaltung.

Nach der Premiere im vergangenen Jahr wird die Style Vision 2026 mit einem erweiterten Programm fortgesetzt. Mehr als 20 Aussteller präsentieren ihre Produkte, Dienstleistungen und Lösungen für den Salonalltag. Ergänzt wird die Ausstellung durch zehn Workshops und Fachvorträge, Bühnenshows sowie handwerkliche Wettbewerbe. Ziel des Veranstalters ist es, den fachlichen Austausch innerhalb des Friseur- und Kosmetikhandwerks zu fördern und den Betrieben praktische Anregungen für ihre tägliche Arbeit zu vermitteln. Die Veranstaltung richtet sich insbesondere an Saloninhaberinnen und Saloninhaber, Beschäftigte, Führungskräfte, Auszubildende und weitere Interessierte aus der Branche. Hier führte ich ein Gespräch mit dem stellvertretenden Landesinnungsmeister Christian Hertlein.

Ein Schwerpunkt liegt auf aktuellen Frisurentrends, modernen Schnitt- und Farbtechniken sowie neuen Entwicklungen in der professionellen Haarpflege. Auf der Hauptbühne präsentieren unter anderem Thomas-Armin Mathes und Andrew Kube von TOM|CO. aktuelle internationale Trends und deren Umsetzung im Salon. Der Herrenfach-Experte Holger Maas, unterstützt von Wella Professionals, widmet sich mit seiner Show „London is Calling“ modernen Herrenfrisuren und zeitgemäßen Stylingtechniken. Das Unternehmen Wild Beauty stellt verschiedene professionelle Friseurmarken und Produktlösungen vor. Darüber hinaus präsentiert das Kreativteam des Landesinnungsverbandes unter der Leitung von Ulrich Feigl die aktuelle Frisurenmode des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks. Hier erkundete die LIV-Geschäftsführerin den Veranstaltungsort in Fürth.

Neben den handwerklichen und kreativen Themen beschäftigt sich die Style Vision mit wirtschaftlichen und organisatorischen Fragen des Salonbetriebs. Digitalisierung, Kundenkommunikation, Personalgewinnung, betriebliche Abläufe und neue Dienstleistungen gehören zu den Themen, die von Ausstellern und Fachleuten aufgegriffen werden. Damit soll die Veranstaltung nicht nur neue modische Impulse vermitteln, sondern auch Möglichkeiten aufzeigen, wie Friseur- und Kosmetikunternehmen auf veränderte Marktbedingungen und Kundenanforderungen reagieren können.

Eine besondere Bedeutung kommt der Nachwuchsförderung zu. Im Rahmen der Style Vision wird der Bundesentscheid der German Craft Skills, der Deutschen Meisterschaft im Friseurhandwerk, ausgetragen. Die besten Nachwuchskräfte aus den Bundesländern, die sich zuvor auf Kammer- und Landesebene qualifiziert haben, treten gegeneinander an und stellen ihre fachlichen Fertigkeiten unter Beweis. Darüber hinaus bietet der Bavarian Young Talents Award jungen Talenten die Möglichkeit, ihre Kreativität und ihr handwerkliches Können zu präsentieren. Die Wettbewerbe sollen die Leistungsfähigkeit der beruflichen Ausbildung sichtbar machen und junge Menschen für eine Karriere im Friseurhandwerk motivieren.

Mit der Stadthalle Fürth steht für die Veranstaltung ein Veranstaltungszentrum zur Verfügung, das unterschiedliche Bereiche für Ausstellungen, Workshops, Fachvorträge und Wettbewerbe bietet. Die räumliche Nähe der einzelnen Programmpunkte soll den Austausch zwischen den Besucherinnen und Besuchern erleichtern. Neben der fachlichen Information spielt deshalb auch die persönliche Begegnung eine wichtige Rolle. Friseurinnen und Friseure können Kontakte zu Unternehmen, Branchenpartnern und Berufskollegen knüpfen, Erfahrungen austauschen und sich über neue Entwicklungen informieren.

Der Landesinnungsverband Friseure & Kosmetiker Bayern verfolgt mit der Style Vision das Ziel, eine regelmäßige Plattform für Information, Weiterbildung und Vernetzung zu etablieren. Angesichts des Fachkräftemangels, steigender betrieblicher Kosten und veränderter Anforderungen an die Unternehmensführung gewinnt der Erfahrungsaustausch innerhalb der Branche zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig soll die Veranstaltung die Innovationskraft und die beruflichen Perspektiven des Friseur- und Kosmetikhandwerks verdeutlichen.

Die Style Vision 2026 findet am Sonntag, 8. November 2026, in der Stadthalle Fürth, Rosenstraße 50, statt. Veranstalter ist der Landesinnungsverband Friseure & Kosmetiker Bayern. Informationen zum Programm, zu den Ausstellern und zum Kartenvorverkauf sind auf der offiziellen Veranstaltungswebsite erhältlich.

Rückblick auf meine Matinee: Starship Troopers (USA 1997)

24. Oktober 2026

Gigantische außerirdische Insekten, gewaltige Raumschlachten, junge Soldaten voller Kampfgeist und ein Krieg, der über das Schicksal der Menschheit entscheiden soll: Auf den ersten Blick präsentiert sich Paul Verhoevens „Starship Troopers“ aus dem Jahr 1997 als ebenso aufwendiges wie kompromissloses Science-Fiction-Spektakel. Ich besprach den Film bei meiner Matinee im Scala Fürstenfeldbruck. Die nächste Matinee ist am 1. November um 10:45 Uhr im Scala der John Carpenter-Film The Fog – Nebel des Grauens. Karten gibt es hier.

Doch wer genauer hinsieht, entdeckt hinter der glänzenden Oberfläche und der brachialen Action eine der bissigsten politischen Satiren, die das Hollywoodkino der 1990er-Jahre hervorgebracht hat. Ein Film, der unterhalten will, aber zugleich verstört, provoziert und unbequeme Fragen stellt. Hier die Aufzeichnung meines Vortrags.

Schon mit „RoboCop“ hatte der niederländische Regisseur Paul Verhoeven bewiesen, dass sich spektakuläres Genrekino hervorragend als Transportmittel für scharfe Gesellschaftskritik eignet. Mit „Starship Troopers“, frei nach dem Roman von Robert A. Heinlein, treibt er dieses Prinzip auf die Spitze. Seine Zukunftsgesellschaft erscheint zunächst geradezu beneidenswert: attraktive, sportliche und erfolgreiche Menschen, blitzsaubere Städte, technische Wunderwerke und scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten. Doch hinter dieser perfekten Fassade verbirgt sich ein autoritärer Staat, in dem politische Mitbestimmung an den Dienst für die Föderation geknüpft ist. Militärische Tugenden bestimmen das gesellschaftliche Ideal, Gehorsam wird belohnt und der Krieg zum identitätsstiftenden Gemeinschaftserlebnis verklärt.

Im Mittelpunkt steht Johnny Rico, gespielt von Casper Van Dien. Der junge Mann meldet sich weniger aus patriotischer Überzeugung zum Militär als vielmehr aus Liebe zu seiner Freundin Carmen, dargestellt von Denise Richards. Was als jugendliches Abenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer blutigen Odyssee durch Ausbildung, Verlust, Kameradschaft und Krieg. Rico wächst an seinen Aufgaben, übernimmt Verantwortung und wird schließlich zum gefeierten Soldaten. Doch genau hier liegt die perfide Ironie des Films: Erleben wir tatsächlich die Reifung eines jungen Menschen zum Helden oder beobachten wir vielmehr die erfolgreiche Formung eines Individuums zum gehorsamen Werkzeug eines militaristischen Systems?

Besonders brillant ist Verhoevens Umgang mit den Medien. Immer wieder unterbrechen propagandistische Nachrichtenbeiträge, Rekrutierungsfilme und vermeintlich objektive Informationssendungen die Handlung. Die legendäre Frage „Would you like to know more?“ wird zum Markenzeichen einer Gesellschaft, in der Information und Manipulation kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Krieg wird als Unterhaltung inszeniert, Gewalt als notwendige Konsequenz verkauft und der Feind auf eine gesichtslose Bedrohung reduziert. Zweifel sind unerwünscht, einfache Antworten dagegen jederzeit verfügbar.

Was 1997 noch wie eine groteske Überzeichnung medialer Propaganda erschien, wirkt heute beinahe erschreckend vertraut. In einer Welt der sozialen Netzwerke, algorithmisch gesteuerten Nachrichtenströme, emotionalisierten Videoclips und gezielten Desinformation gewinnen Verhoevens Beobachtungen eine neue Aktualität. Bilder ersetzen Argumente, Empörung verdrängt Differenzierung und politische Botschaften werden zunehmend nach den Regeln der Unterhaltungsindustrie verbreitet. „Starship Troopers“ zeigt, wie wirkungsvoll Propaganda sein kann, wenn sie nicht als plumpe Belehrung daherkommt, sondern als aufregendes Spektakel, das sein Publikum begeistert.

Dabei ist der Film selbst ein Meisterwerk dieser Doppelbödigkeit. Verhoeven liefert genau jene Bilder, deren manipulative Kraft er gleichzeitig entlarvt. Die Schlachten sind überwältigend, die Spezialeffekte auch Jahrzehnte später beeindruckend, die außerirdischen Bugs furchteinflößend und die Actionsequenzen von geradezu hemmungsloser Intensität. Dazu kommen schwarzer Humor, bewusst überzeichnete Figuren und eine Ästhetik, die sich unübersehbar an totalitären Propagandabildern orientiert. Das Publikum soll mitfiebern, jubeln und sich anschließend fragen, warum es sich von dieser Inszenierung so bereitwillig hat mitreißen lassen.

Gerade darin liegt die außergewöhnliche Qualität von „Starship Troopers“. Der Film liefert keine bequeme moralische Orientierung. Stattdessen zwingt er dazu, die vermeintlich selbstverständliche Einteilung in Gut und Böse zu hinterfragen. Wer hat diesen Krieg eigentlich begonnen? Welche Interessen verfolgt die Föderation? Was erfahren die Menschen tatsächlich über ihren Gegner? Und weshalb scheint eine Gesellschaft, die sich selbst für überlegen und zivilisiert hält, so wenig Interesse an friedlichen Alternativen zu besitzen?

Auch fast drei Jahrzehnte nach seiner Premiere hat „Starship Troopers“ nichts von seiner Sprengkraft verloren. Im Gegenteil: Die politische Dimension des Films ist heute womöglich noch leichter zu erkennen als bei seiner Veröffentlichung, als zahlreiche Kritiker die Satire missverstanden und den Film lediglich als brutales Actionabenteuer wahrnahmen. Inzwischen gilt Verhoevens Werk längst als moderner Science-Fiction-Klassiker, dessen Bedeutung weit über seine spektakulären Schauwerte hinausreicht.

Damit bietet „Starship Troopers“ den idealen Stoff für eine Kinomatinee im Scala Fürstenfeldbruck. Ein Film, der auf der großen Leinwand mit seiner visuellen Wucht begeistert, zugleich aber reichlich Gesprächsstoff über Militarismus, Demokratie, Propaganda, Medienmacht und die Mechanismen politischer Verführung liefert. Denn Verhoeven erinnert uns daran, dass die gefährlichste Manipulation häufig jene ist, die wir gar nicht als solche erkennen, weil sie uns so hervorragend unterhält.

Ein ebenso intelligenter wie kompromissloser Kultfilm, der kracht, provoziert und zum Nachdenken zwingt. Eine bitterböse Satire über eine Gesellschaft, die den Krieg feiert und das kritische Denken verlernt hat.

Would you like to know more?

Die nächste Matinee im Scala Fürstenfeldbruck ist am 1. November um 10:45 Uhr im Scala der John Carpenter-Film The Fog – Nebel des Grauens. Karten gibt es hier.

Tohru in der Schreiberei – Wenn japanische Kochkunst auf Münchner Geschichte trifft

23. Oktober 2026

Es gibt Restaurants, in denen man hervorragend isst. Und es gibt Restaurants, in denen ein Abend zu einer kulinarischen Reise wird, die weit über das bloße Essen hinausgeht. Das Tohru in der Schreiberei in der Münchner Altstadt gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Hier verbindet der deutsch-japanische Spitzenkoch Tohru Nakamura die Präzision und Zurückhaltung japanischer Kochkunst mit der Opulenz und handwerklichen Raffinesse der klassischen französischen Haute Cuisine. Das Ergebnis ist eine Küche, die nicht auf vordergründige Effekte setzt, sondern auf außergewöhnliche Produkte, subtile Geschmackskombinationen und eine beinahe philosophische Auseinandersetzung mit dem Essen. Seit Juni 2025 trägt das Restaurant drei Michelin-Sterne und gehört damit zur absoluten Spitze der deutschen Gastronomie.

Ein historisches Haus, in dem Geschichte geschrieben wurde
Schon der Weg ins Restaurant ist außergewöhnlich. In der Burgstraße 5, nur wenige Schritte vom Münchner Marienplatz entfernt, befindet sich eines der geschichtsträchtigsten Bürgerhäuser der Stadt. Die ehemalige Stadtschreiberei gilt als ältestes erhaltenes Bürgerhaus Münchens. Seit 1552 wurde hier die Geschichte der Stadt dokumentiert. Wo einst Schreiber mit Feder und Tinte die Geschicke Münchens festhielten, entstehen heute kulinarische Kompositionen, die ihrerseits ein Stück Münchner Gastronomiegeschichte schreiben.

Über eine steile historische Holztreppe mit 23 Stufen gelangt man in das Restaurant im ersten Obergeschoss. Der Kontrast zwischen den alten Mauern und dem modernen Interieur ist bewusst gewählt. Edle Hölzer, geschmackvolle Beleuchtung und komfortable Sitzmöbel schaffen eine Atmosphäre, die luxuriös wirkt, ohne steif zu sein. Die Geschichte des Hauses ist dabei keineswegs nur dekorative Kulisse. Sie vermittelt Beständigkeit und handwerkliche Tradition – zwei Eigenschaften, die sich auch in Nakamuras Küche wiederfinden.

Der Weg von Tohru Nakamura an die kulinarische Weltspitze
Tohru Nakamura wurde in München geboren und wuchs als Sohn eines japanischen Vaters und einer deutschen Mutter zwischen zwei Kulturen auf. Diese doppelte kulturelle Prägung wurde zum Fundament seiner kulinarischen Handschrift. Seine Ausbildung und beruflichen Stationen führten ihn unter anderem in den Münchner Königshof, ins berühmte Vendôme nach Bergisch Gladbach und ins niederländische Oud Sluis. Hinzu kamen Erfahrungen in japanischen Spitzenrestaurants, darunter das Ishikawa in Tokio.

In München machte er sich insbesondere als Küchenchef des Werneckhof by Geisel einen Namen, wo er zwei Michelin-Sterne erkochte. Nach der Schließung des Restaurants fand Nakamura in der ehemaligen Stadtschreiberei eine neue Wirkungsstätte. Im Dezember 2021 eröffnete er dort sein eigenes Restaurant, wobei ihm ein großer Teil seiner bisherigen Mannschaft folgte. Bereits 2022 erhielt das neue Haus auf Anhieb zwei Michelin-Sterne. Der dritte Stern im Jahr 2025 war die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung.

Zehn kulinarische Kapitel zwischen Japan und Europa
Das vorliegende Menü zeigt eindrucksvoll, was Nakamuras Küche auszeichnet. Zehn Positionen, von Dim Sum bis zu den japanischen Süßigkeiten namens Okashi, bilden eine sorgfältig komponierte Dramaturgie. Auffällig ist der hohe Anteil an Fisch und Meeresfrüchten, bevor mit Kalbsbries und Taube zwei kräftigere Fleischgerichte folgen. Japanische Begriffe und Produkte treffen auf europäische Delikatessen, ohne dass die Kombinationen beliebig erscheinen.

Den Auftakt bildet Dim Sum mit Balfegó-Harmonica, Akami und Wasabi. Balfegó steht für hochwertigen Roten Thunfisch aus spanischer Aufzucht. Akami bezeichnet das besonders magere, tiefrote Fleisch des Thunfischs, während Harmonica einen speziellen Zuschnitt aus dem Rippenbereich beschreibt. Schon diese Kombination verdeutlicht Nakamuras Konzept: Ein aus der chinesischen Küche bekanntes Format trifft auf japanisch geprägte Fischkultur und ein europäisches Spitzenprodukt. Wasabi sorgt für aromatische Schärfe. Ein Auftakt, der weniger auf Masse als auf die Qualität und Charakteristik der einzelnen Zutaten setzt.

Es folgt eine Tartelette mit Ozaki-Wagyu, Pfifferlingen und Karashi. Ozaki-Wagyu gehört zu den besonders begehrten japanischen Rindfleischspezialitäten. Seine feine Fettmarmorierung und sein intensiver Geschmack treffen auf die erdigen, leicht pfeffrigen Noten der Pfifferlinge. Karashi, der scharfe japanische Senf, setzt einen bewussten Kontrapunkt zur Reichhaltigkeit des Fleisches. Die Tartelette steht beispielhaft für eine Küche, die Luxusprodukte nicht einfach präsentiert, sondern durch kluge Kombinationen geschmacklich einordnet.

Besonders interessant ist der dritte Gang: Koshihikari-Reis mit Lachsforelle, Sonnenblumenkernen und Shiokoji. Koshihikari zählt zu den angesehensten japanischen Reissorten. Seine leicht klebrige Konsistenz und seine feine natürliche Süße machen ihn zu einer idealen Grundlage für differenzierte Aromen. Shiokoji, eine traditionelle japanische Würzpaste aus fermentiertem Reis, Salz und Wasser, bringt Umami und aromatische Tiefe. Sonnenblumenkerne steuern eine nussige Komponente bei, während die Lachsforelle für elegante Frische sorgt. Gerade dieser Gang verdeutlicht, dass große Küche nicht zwingend von spektakulären Zutaten lebt. Ein vermeintlich schlichtes Grundnahrungsmittel wie Reis kann zum Mittelpunkt einer anspruchsvollen Komposition werden. Auch der Guide Michelin hebt Nakamuras besondere Behandlung des Koshihikari-Reises hervor.

Mit dem Carabinero, begleitet von Zucchini, Matcha und Verveine, rückt anschließend eine der begehrtesten Garnelenarten der Spitzengastronomie ins Zentrum. Der tiefrote Carabinero besitzt ein intensiv süßliches, beinahe konzentriertes Meeresaroma. Die Zucchini bildet einen zurückhaltenden pflanzlichen Gegenpol, während Matcha mit seinen herben, leicht bitteren Noten zusätzliche Komplexität verspricht. Verveine, das Zitronen-Eisenkraut, bringt eine frische, zitrische Kräuternote ein. Eine Kombination, die das kraftvolle Aroma des Schalentiers durch Bitterkeit und Frische ausbalancieren soll.

Der nächste Gang widmet sich Hamachi mit Tomate, Kombu und Tagetes. Hamachi, eine japanische Bezeichnung für die junge Gelbschwanzmakrele, zeichnet sich durch festes, zugleich fettreiches Fleisch aus. Kombu, eine essbare Braunalge, ist ein zentraler Umami-Lieferant der japanischen Küche. Tomate ergänzt Säure und natürliche Süße, während Tagetes mit ihren je nach Sorte zitrischen und würzigen Aromen einen ungewöhnlichen Akzent setzt. Die Verbindung von Fisch, Alge und Tomate ist besonders reizvoll, weil sie verschiedene Quellen natürlicher Glutamate miteinander kombiniert und dadurch geschmackliche Tiefe erzeugen kann.

Mit Chawanmushi, Steinbutt Pil Pil, Aubergine und Yuzu erreicht das Menü einen weiteren Höhepunkt seiner japanisch-europäischen Dramaturgie. Chawanmushi ist ein traditioneller japanischer, gedämpfter Eierstich, dessen seidige Textur und zurückhaltender Geschmack eine ideale Grundlage für feinste Aromen bilden. Steinbutt gehört zu den edelsten europäischen Speisefischen. Pil Pil verweist auf eine aus der baskischen Küche bekannte Emulsion, die klassisch aus Olivenöl und den natürlichen Gelatinebestandteilen des Fisches entsteht. Aubergine bringt eine weiche, erdige Komponente ein, während Yuzu, die aromatische japanische Zitrusfrucht, mit ihrer prägnanten Säure für Frische sorgt. Hier treffen gleich mehrere kulinarische Traditionen aufeinander, ohne dass eine davon ihre Identität verlieren muss.

Der Zander mit Gurke aus der Glut, Räucherfisch und Macvin führt das Menü wieder stärker in europäische Geschmackswelten. Zander ist ein fein strukturierter Süßwasserfisch, dessen zurückhaltendes Aroma viel Fingerspitzengefühl verlangt. Die Gurke aus der Glut verspricht Röstaromen und eine überraschende Interpretation eines ansonsten eher frisch und kühl wahrgenommenen Gemüses. Räucherfisch bringt zusätzliche Würze und Tiefe. Besonders spannend ist Macvin, ein französischer Likörwein aus dem Jura, der mit seiner fruchtigen Süße und aromatischen Fülle einen ungewöhnlichen Akzent setzen kann. Der Gang zeigt exemplarisch, wie Nakamuras Küche mit Gegensätzen arbeitet: Süßwasserfisch und Rauch, Frische und Röstaromen, Zurückhaltung und Intensität.

Danach folgt Kalbsbries mit Tagliolini, Austernsauce und Périgord-Trüffel. Kalbsbries gehört zu den klassischen Delikatessen der französischen Haute Cuisine. Seine zarte, cremige Konsistenz verlangt eine präzise Zubereitung. Die feinen italienischen Nudeln schaffen eine vertraute Grundlage, während Austernsauce eine intensive Umami-Komponente beisteuert. Der Périgord-Trüffel bringt schließlich jene unverwechselbare erdige Aromatik ins Spiel, die seit Jahrhunderten als Inbegriff europäischer Luxusgastronomie gilt. Dieser Gang ist eine besonders selbstbewusste Verbindung französischer Tradition, italienischer Pasta-Kultur und asiatischer Würztechnik.

Den herzhaften Abschluss bildet Taube mit Roter Bete, BBQ-Kirsche und Sakura. Taube ist ein anspruchsvolles Produkt, das in der gehobenen französischen Küche einen festen Platz besitzt. Ihr dunkles, aromatisches Fleisch verlangt nach einer präzisen Balance zwischen kräftigen und fruchtigen Komponenten. Rote Bete liefert erdige Süße, die BBQ-Kirsche verbindet Frucht mit rauchig-würzigen Anklängen, und Sakura, die japanische Kirschblüte, schlägt eine kulturelle Brücke nach Japan. Gerade diese Kombination erscheint als gelungene Zusammenfassung des gesamten Menükonzepts: europäische Produkttradition, japanische Inspiration und eine moderne Interpretation klassischer Aromenkombinationen.

Den Abschluss bilden Okashi, japanische Süßigkeiten. Der Begriff bezeichnet traditionell eine große Vielfalt kleiner Süßspeisen, die häufig mit Tee gereicht werden. Auf der vorliegenden Menükarte werden die einzelnen Bestandteile nicht näher beschrieben. Der Abschluss mit Okashi ist jedoch programmatisch: Statt eines ausschließlich französisch geprägten Dessertfinales verweist Nakamura noch einmal auf die japanische Kultur, in der Süßigkeiten häufig zurückhaltender und stärker von Textur, Saison und Ästhetik bestimmt sind.

Große Kochkunst zwischen Präzision und Inszenierung
Was dieses Menü besonders interessant macht, ist seine klare kulinarische Handschrift. Tohru Nakamura betreibt keine beliebige Fusionsküche, bei der asiatische Zutaten lediglich als exotische Dekoration dienen. Vielmehr verbindet er unterschiedliche Küchentraditionen auf einer tieferen Ebene. Die französische Schule liefert Saucenkunst, Produktverständnis und handwerkliche Präzision. Japan steuert Fermentation, Umami, Reduktion und eine besondere Sensibilität für Texturen bei. Italienische und spanische Einflüsse erweitern das Spektrum, ohne die Grundidee zu verwässern.

Bemerkenswert ist auch die Dramaturgie des Menüs. Der Weg führt von feinen Fisch- und Meeresfrüchtekompositionen über zunehmend intensive Aromen bis zu den beiden Fleischgängen. Immer wieder tauchen geschmackliche Gegensätze auf: Süße und Säure, Bitterkeit und Fett, Rauch und Frische. Dabei spielt die japanische Vorstellung von Umami eine zentrale Rolle. Sie verbindet scheinbar weit auseinanderliegende Zutaten wie Kombu, Tomate, Shiokoji, Austernsauce und Trüffel.

Allerdings stellt ein solches Menü auch hohe Anforderungen an seine Gäste. Wer klassische Gerichte und vertraute Geschmackskombinationen erwartet, dürfte mit Begriffen wie Chawanmushi, Karashi oder Shiokoji zunächst wenig anfangen können. Gerade deshalb ist ein kompetenter Service unverzichtbar. Das Restaurant legt großen Wert auf die Erläuterung seiner Gerichte. Auch die persönliche Begrüßung in der Küche gehört zum besonderen Konzept des Hauses. Sommelier Christian Rainer begleitet die Küche mit einer anspruchsvollen Getränkeauswahl, bei der neben europäischen Spitzenweinen auch Sake eine wichtige Rolle spielt. Die drei Michelin-Sterne dokumentieren, dass Nakamuras Küche zu den international herausragenden gastronomischen Adressen gezählt wird.

Eine kulinarische Handschrift mit Charakter
Tohru in der Schreiberei ist mehr als ein weiteres luxuriöses Restaurant in München. Es ist ein Ort, an dem sich Stadtgeschichte, internationale Kochkunst und die persönliche Biografie eines außergewöhnlichen Küchenchefs miteinander verbinden. Das historische Gebäude verleiht dem Abend einen unverwechselbaren Rahmen, während die Küche bewusst über nationale Grenzen hinausdenkt.

Das vorliegende Zehn-Gänge-Menü beeindruckt bereits in seiner Konzeption durch die Vielfalt seiner Produkte und die Konsequenz seiner aromatischen Ideen. Besonders die Kombinationen von Koshihikari-Reis mit Shiokoji, Carabinero mit Matcha, Chawanmushi mit Steinbutt sowie Kalbsbries mit Austernsauce und Trüffel zeigen, wie souverän hier unterschiedliche kulinarische Welten zusammengeführt werden sollen.

Die eigentliche Leistung liegt dabei nicht in der Verwendung kostspieliger Zutaten, sondern in dem Anspruch, aus ihnen etwas Eigenständiges zu schaffen. Genau daran muss sich eine Drei-Sterne-Küche messen lassen. Ob jede Kombination diese hohen Erwartungen auch auf dem Teller erfüllt, kann letztlich nur die persönliche Verkostung entscheiden.

Tohru Nakamura schreibt in der ehemaligen Münchner Stadtschreiberei seine ganz eigene Geschichte – nicht mit Feder und Tinte, sondern mit Reis, Fisch, Fleisch, Fermentation und einer bemerkenswerten kulinarischen Vorstellungskraft.