Kirchen und Kathedralen – Wo Brüssel still und groß wird

5. Oktober 2026

Meine Frau hat wert darauf gelegt, dass wir in Brüssel auch Kathedralen und Kirchen besichtigen und ich muss zugeben: Es hat sich gelohnt. Hier zwei lohnenswerte Besichtigungen von der Kathedrale St. Michael und St. Gudula und die Kirche Notre-Dame des Victoires.

Kathedrale St. Michael und St. Gudula
Die Kathedrale St. Michael und St. Gudula gehört zu den bedeutendsten Wahrzeichen Brüssels. Der imposante gotische Bau erhebt sich auf einem Hügel im Zentrum der belgischen Hauptstadt und entstand in seiner heutigen Form über mehrere Jahrhunderte hinweg. Besonders eindrucksvoll sind die beiden mächtigen Türme der Westfassade, die großen Glasfenster und der helle, weitläufige Innenraum.

Die Kathedrale ist den beiden Schutzheiligen Michael und Gudula geweiht und spielt bis heute eine wichtige Rolle bei bedeutenden kirchlichen und staatlichen Feierlichkeiten Belgiens. Zu ihren größten Kunstschätzen gehören die prachtvolle barocke Kanzel, historische Glasmalereien und zahlreiche Skulpturen. Trotz ihrer monumentalen Architektur besitzt die Kirche im Inneren eine bemerkenswert ruhige und feierliche Atmosphäre.

Plötzlich wird es still. Hohe gotische Gewölbe ziehen den Blick nach oben, Licht fällt durch farbige Glasfenster und die mächtigen Säulen des Mittelschiffs vermitteln jene Mischung aus Größe und Ruhe, die große Kathedralen so faszinierend macht.

Ihre Geschichte reicht weit zurück. Bereits 1047 ließ Lambert II. von Löwen an dieser Stelle eine romanische Kirche errichten. Die Reliquien der heiligen Gudula wurden hierhergebracht, sodass das Gotteshaus fortan Michael und Gudula gewidmet war. Vom 13. Jahrhundert an entstand an ihrer Stelle die heutige gotische Kirche. Erst 1962 erhielt sie offiziell den Rang einer Kathedrale.

Besonders sehenswert sind die prachtvollen Glasfenster, die Apostelfiguren entlang der Säulen, die Kapellen und die große Orgel. Unter dem heutigen Bau lassen sich sogar noch Überreste der romanischen Vorgängerkirche entdecken. Die Krypta stammt aus dem 11. Jahrhundert und war vermutlich zur Aufnahme der Reliquien der heiligen Gudula bestimmt.

Die Kathedrale ist aber keineswegs nur ein historisches Monument. Sie gehört bis heute zum religiösen und zeremoniellen Leben Belgiens und war Schauplatz bedeutender Ereignisse – nach der großen Restaurierung von 1983 bis 2000 fand hier beispielsweise 1999 die Hochzeit des heutigen Königs Philippe mit Mathilde statt.

2026 ist zudem ein besonderes Jahr: Die Kathedrale feiert 800 Jahre gotische Architektur mit einem umfangreichen Kulturprogramm.

Wer Brüssel besucht, sollte deshalb nicht nur einen Blick auf die eindrucksvolle Doppelturmfassade werfen. Es lohnt sich, hineinzugehen, sich für einige Minuten in eine der Bänke zu setzen und den Raum einfach wirken zu lassen. Zwischen dem Trubel der europäischen Hauptstadt findet man hier einen Ort, an dem acht Jahrhunderte Geschichte plötzlich ganz nah erscheinen.

Achten Sie bei dem Besuch der Kathedrale unbedingt auf die Kanzel.Die monumentale Barockkanzel gehört zu den eindrucksvollsten Kunstwerken der Kirche. Sie wurde 1699 vom Antwerpener Bildhauer Hendrik Frans Verbruggen aus Eichenholz geschaffen und kam 1776 nach Brüssel.
Besonders dramatisch ist die Darstellung am Fuß der Kanzel: Adam und Eva werden nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben. Ein Engel mit Flammenschwert, die Schlange und ein Skelett als Sinnbild des Todes verstärken die theatralische Wirkung. Darüber steht die Darstellung von Maria mit dem Jesuskind, die den Sieg über die Schlange und damit die Erlösung symbolisiert. So erzählt die Kanzel in üppiger barocker Bildsprache den Weg von Sünde und Vertreibung hin zu Hoffnung und Erlösung.

Kirche Notre-Dame des Victoires
Die Kirche Notre-Dame des Victoires au Sablon (französisch) oder Onze-Lieve-Vrouw ter Zege op de Zavelkerk (niederländisch), auf Deutsch etwa „Liebfrauenkirche am Sablon“, ist ein am Place du Grand Sablon/Grote Zavel in Brüssel gelegener Sakralbau.

Wer vom Zentrum Brüssels hinauf zum eleganten Sablon-Viertel spaziert, entdeckt mit der Église Notre-Dame des Victoires au Sablon eine der schönsten gotischen Kirchen der belgischen Hauptstadt. Zwischen Antiquitätengeschäften, Galerien und Chocolatiers erhebt sich der reich verzierte Bau mit seinen hohen Spitzbogenfenstern, filigranen Steinmetzarbeiten und zahlreichen kleinen Türmchen beinahe wie eine steinerne Krone über dem Viertel.

Die Geschichte der Kirche beginnt im frühen 14. Jahrhundert. 1304 erhielten die Brüsseler Armbrustschützen das Gelände und errichteten dort zunächst eine kleine Marienkapelle. Ihre große Bedeutung erhielt der Ort durch eine Legende: 1348 soll Béatrice Soetkens eine wundertätige Marienstatue per Boot aus Antwerpen nach Brüssel gebracht haben. Die Verehrung der Madonna wurde so populär, dass zu Beginn des 15. Jahrhunderts der Bau der heutigen, wesentlich größeren Kirche begann. Die Überlieferung um die Marienfigur steht auch am Ursprung des berühmten Brüsseler Ommegang-Festzuges.

Besonders beeindruckend ist das Innere. Die hoch aufragenden Pfeiler und großen Fenster verleihen dem Kirchenraum eine überraschende Leichtigkeit. Gerade der Chor entfaltet durch seine hohen Lanzettfenster eine starke vertikale Wirkung – das Licht wird hier selbst zu einem Teil der Architektur.

Einen genaueren Blick verdient auch die kunstvoll geschnitzte Kanzel von Marc De Vos aus dem Jahr 1697. Einen spannenden Kontrast zur spätgotischen Architektur bilden zudem die beiden prächtigen barocken Kapellen neben dem Chor. Sie entstanden im 17. Jahrhundert für die bedeutende Familie Thurn und Taxis, deren Geschichte eng mit Brüssel verbunden ist.

Gerade dieser Wechsel der Stile macht Notre-Dame du Sablon so reizvoll. Gotische Strenge trifft auf barocke Pracht, mittelalterliche Legenden auf die Geschichte mächtiger Brüsseler Familien. Und überall fällt farbiges Licht durch die großen Glasfenster.

Notre-Dame du Sablon gehört für mich deshalb zu jenen Brüsseler Orten, die man nicht einfach nur fotografieren sollte. Hineingehen, nach oben schauen und ein paar Minuten bleiben – erst dann entfaltet dieser außergewöhnliche Kirchenraum seine ganze Wirkung.

„Rubber Soul – Special Edition Super Deluxe“ von The Beatles

4. Oktober 2026

Es gibt Alben, die eine Karriere markieren, und es gibt Alben, die eine Tür aufstoßen, durch die anschließend eine ganze Musikwelt marschiert. „Rubber Soul“ gehört zur zweiten Kategorie. Am 3. Dezember 1965 veröffentlicht, steht das sechste Studioalbum der Beatles genau an jener faszinierenden Schwelle, an der sich die vier Musiker von der erfolgreichsten Popband ihrer Zeit zu einer experimentierfreudigen Studioband verwandelten. Die am 2. Oktober 2026 veröffentlichte „Special Edition Super Deluxe“ macht diesen Übergang nun so detailliert hörbar wie nie zuvor.

„Rubber Soul“ ist noch nicht „Revolver“, erst recht nicht „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“. Und genau das macht seinen besonderen Reiz aus. Man hört noch die Beatles der Beatlemania, die Melodien scheinbar mühelos aus dem Ärmel schütteln können. Gleichzeitig scheint ihnen das traditionelle Popformat plötzlich zu eng zu werden. Folk, Soul, Rhythm & Blues, indische Musik und erste psychedelische Ideen sickern in die Songs ein. Vor allem aber verändern sich die Texte. Beziehungen sind nicht mehr einfach nur romantisch. Sie werden kompliziert, verletzend, zweideutig und manchmal erstaunlich düster.

Schon „Drive My Car“ macht deutlich, dass die Beatles 1965 anders klingen wollen. Der Song besitzt einen selbstbewussten Groove, Paul McCartneys Bass wird zunehmend zum eigenständigen melodischen Instrument. Danach folgt mit „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)“ einer jener Momente, die rückblickend wie ein Wegweiser in die Zukunft wirken. George Harrisons Sitar ist hier nicht bloß exotische Dekoration. Sie öffnet das Klangbild der westlichen Popmusik für Einflüsse, die in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen sollten.

Dann kommt „Nowhere Man“. John Lennon schreibt plötzlich nicht mehr über eine konkrete Liebesbeziehung, sondern über Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel. Der Popstar schaut nach innen. Auch deshalb ist „Rubber Soul“ ein Schlüsselalbum: Die Beatles entdecken, dass ein Popsong praktisch jedes Thema behandeln kann.

McCartneys „Michelle“ setzt einen völlig anderen Akzent. Französische Textzeilen, akustische Gitarren und eine beinahe chansonartige Eleganz stehen neben George Harrisons bissigem „Think For Yourself“, dessen verzerrter Bass bereits den experimentellen Beatles-Sound der kommenden Jahre ankündigt. „The Word“ wiederum lässt musikalisch und inhaltlich bereits jene Atmosphäre erahnen, die wenig später mit der psychedelischen Gegenkultur verbunden werden sollte.

Und dann ist da „In My Life“. Es gehört zu den schönsten Lennon-Kompositionen überhaupt. Erinnerung, Verlust, Freundschaft und Liebe werden auf gut zwei Minuten verdichtet. George Martins berühmtes, beschleunigt wiedergegebenes Klaviersolo wirkt wie ein barockes Miniaturstück mitten in einem Popsong. Besonders reizvoll an der neuen Edition ist deshalb ein bislang ungenutztes Orgelsolo aus der Entstehungsphase. Giles Martin berichtete, dass sein Vater zunächst tatsächlich mit einer Orgel experimentiert hatte, bevor die bekannte Klavierlösung entstand. Gerade solche Momente rechtfertigen eine Super-Deluxe-Ausgabe. Ein neuer Mix, ohne das Jahr 1965 zu zerstören

Im Mittelpunkt steht der neue Stereomix von Giles Martin und Sam Okell, der direkt auf den ursprünglichen Vier-Spur-Masterbändern basiert. (⁠The Beatles) Das ist bei „Rubber Soul“ besonders interessant, denn die Stereoabmischungen der frühen Beatles-Alben wirken aus heutiger Sicht teilweise extrem: Gesang auf einer Seite, Instrumente auf der anderen. Was in den sechziger Jahren unter den technischen Bedingungen der damaligen Stereowiedergabe funktionierte, kann über Kopfhörer heute mitunter befremdlich wirken.

Der neue Mix versucht nicht, aus den Beatles eine Band des Jahres 2026 zu machen. Vielmehr wird das vorhandene Material räumlich neu geordnet. Stimmen und Instrumente wirken natürlicher miteinander verbunden. Ringo Starrs Schlagzeug erhält mehr Präsenz, McCartneys Bass gewinnt Kontur und die Gesangsharmonien von Lennon, McCartney und Harrison lassen sich teilweise verblüffend deutlich verfolgen. Das Ergebnis ist keine Revolution des Materials, sondern eine behutsame Restaurierung seiner Wirkung. „Rubber Soul“ klingt größer und transparenter, ohne seine Wärme zu verlieren.

Dabei bleibt die Original-Mono-Fassung unverzichtbar. Sie ist in der Super-Deluxe-Box ebenfalls enthalten. Gerade bei den Beatles der sechziger Jahre sollte Mono keineswegs als technisch minderwertige Variante verstanden werden. Es war damals das zentrale Format, auf dessen Mischung erhebliches Augenmerk gelegt wurde. Die Gegenüberstellung mit dem neuen Stereo-Mix ist deshalb ausgesprochen reizvoll: Hier die historische Verdichtung, dort die moderne räumliche Auflösung.

Die Sessions sind der eigentliche Schatz. Für Beatles-Sammler liegt der größte Reiz jedoch in den Sessions und Demos. Die Vinyl-Super-Deluxe-Ausgabe verteilt 26 solcher Aufnahmen auf zwei LPs; die 4-CD-Version bietet auf ihrer Session-CD 28 Titel inklusive der 2023er Mixe von „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“.

Und hier wird aus einer Wiederveröffentlichung beinahe eine musikalische Dokumentation. Besonders faszinierend sind gleich drei Entwicklungsstufen von „Norwegian Wood“. Man kann verfolgen, wie die Beatles nach Klang, Tempo und Arrangement suchen. Der Klassiker erscheint plötzlich nicht mehr als fertige Eingebung, sondern als Ergebnis eines kreativen Prozesses.

Ähnlich aufschlussreich ist „I’m Looking Through You“. Mehrere frühe Fassungen zeigen, wie stark sich ein Beatles-Song während der Studioarbeit noch verändern konnte. Was auf dem fertigen Album selbstverständlich und leichtfüßig klingt, war das Resultat von Versuchen, verworfenen Ideen und neuen Anläufen.

Auch „Michelle“ darf gewissermaßen beim Erwachsenwerden beobachtet werden: Eine Gitarrenprobe und Take 1 führen zurück an den Anfang eines Songs, der später zu einem der bekanntesten McCartney-Stücke überhaupt wurde.

Bei „Day Tripper“ geht die Edition sogar noch näher an den Ursprung heran. Ein Songwriting-Arbeitsband dokumentiert die Entstehung, bevor verschiedene Takes den Weg zur bekannten Aufnahme nachvollziehbar machen.

Genau darin liegt der Wert solcher Archivveröffentlichungen. Man hört nicht nur Beatles-Songs. Man hört die Beatles bei der Arbeit. Das entmystifiziert die Musik keineswegs. Im Gegenteil. Gerade die Fehlversuche zeigen, wie gut Lennon, McCartney, Harrison und Starr als Band funktionierten. Ideen werden ausprobiert, verändert oder fallengelassen. Popgeschichte erscheint plötzlich als Handwerk.

Ein wunderbares Kuriosum ist „Beatle Talk“ aus den Gesangs-Overdubs zu „Think For Yourself“. Solche Fundstücke besitzen musikalisch vielleicht keine überragende Bedeutung, vermitteln aber jene Studioatmosphäre, die eine historische Edition lebendig macht.

Noch spannender ist „Little Girl“, ein Demo von John Lennon. Solche Aufnahmen führen unmittelbar in die Werkstatt des Songwriters und zeigen, dass das Beatles-Archiv noch immer Überraschungen bereithält. „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“ gehören dazu

Eine richtige Entscheidung ist außerdem, die zeitgleich entstandene Doppel-A-Seiten-Single „Day Tripper“ / „We Can Work It Out“ in den Zusammenhang der Edition einzubeziehen. Beide Songs gehörten ursprünglich nicht zur britischen LP, entstanden aber in derselben kreativen Phase.

„Day Tripper“ besitzt eines der berühmtesten Gitarrenriffs der Beatles. „We Can Work It Out“ zeigt dagegen exemplarisch das Zusammenspiel der beiden wichtigsten Songwriter: McCartneys grundsätzlich optimistische Grundidee trifft auf Lennons dunkleren Mittelteil.

Die Vinyl-Super-Deluxe-Ausgabe gibt dieser Single sogar eine eigene 7-Inch-Platte. Das ist mehr als Sammlernostalgie. Es stellt die Musik wieder in ihren historischen Veröffentlichungskontext.

Besonders erfreulich ist die Aufnahme der amerikanischen Capitol-Fassung des Albums. Sie enthält nur zwölf statt vierzehn Titel und beginnt nicht mit „Drive My Car“, sondern mit „I’ve Just Seen A Face“. Außerdem findet sich „It’s Only Love“ darauf, während unter anderem „Nowhere Man“, „Drive My Car“, „What Goes On“ und „If I Needed Someone“ fehlen. Dadurch verändert sich der Charakter des Albums erheblich.

Die US-Version wirkt folkiger, akustischer und fast intimer. Sie ist keine bloße gekürzte Variante, sondern vermittelt tatsächlich ein anderes „Rubber Soul“. Für amerikanische Hörer war dies über Jahre das Album, das sie kannten. Gerade deshalb ist es musikhistorisch sinnvoll, beide Fassungen nebeneinanderzustellen.

Eine Box für Menschen, die Musikgeschichte hören wollen. Die physische Super-Deluxe-Ausgabe unterstreicht den dokumentarischen Anspruch. Die Vinylbox enthält fünf LPs plus 7-Inch-Single, sämtliche LPs auf 180-Gramm-Vinyl, außerdem ein 88-seitiges Hardcover-Buch, zwei ausklappbare Poster und zwei Foto-Art-Cards. Das Buch enthält ein Vorwort von John Lennon, eine Einleitung von Paul McCartney sowie Fotos, Hintergrundinformationen und ausführliche Track-Kommentare.

Parallel gibt es eine 4-CD-Super-Deluxe-Box, ebenfalls mit dem 88-seitigen Buch, Postern und Art-Cards. (⁠The Beatles) Eine separate Blu-ray bietet außerdem den neuen Dolby-Atmos-Mix sowie hochauflösendes Stereo und Videos zu „Day Tripper“ und „We Can Work It Out“.

Schade ist allerdings, dass die Blu-ray nicht einfach Bestandteil der großen Super-Deluxe-Box geworden ist. Gerade Käufer einer solchen Komplettausgabe dürften eigentlich erwarten, auch die hochauflösenden und räumlichen Mischungen zu erhalten. Die Aufteilung auf unterschiedliche Produkte wirkt angesichts des ohnehin beträchtlichen Umfangs unnötig.

Das Scharnier zwischen zwei Beatles-Welten Doch letztlich ist die Verpackung zweitrangig. Entscheidend bleibt die Musik. „Rubber Soul“ dokumentiert einen Moment, in dem die Beatles erkennen, dass das Studio nicht nur ein Ort ist, an dem Songs aufgenommen werden. Es kann selbst zum Instrument werden.

Noch sind die technischen Möglichkeiten vergleichsweise bescheiden. Die Aufnahmen entstanden auf Vier-Spur-Technik. Aber Lennon, McCartney, Harrison, Starr und Produzent George Martin beginnen, innerhalb dieser Grenzen nach Möglichkeiten zu suchen, die Grenzen zu überwinden.

George Harrison erweitert mit der Sitar das Klangspektrum. McCartneys Bassspiel wird melodischer und selbstbewusster. Lennon schreibt zunehmend introspektive Texte. Harrison entwickelt sich als Komponist weiter. Ringo Starr hält all diese Experimente mit einem oftmals unterschätzten rhythmischen Gespür zusammen. Und George Martin hilft dabei, Ideen technisch umzusetzen, für die es eigentlich noch gar keine etablierten Produktionsmethoden gibt. Nur wenige Monate später folgt „Revolver“. Danach „Sgt. Pepper“. Insofern kann man „Rubber Soul“ heute als den Moment hören, in dem die Tür zur zweiten Hälfte der Beatles-Karriere endgültig aufgeht.

Die „Special Edition Super Deluxe“ macht genau diesen Übergang hervorragend nachvollziehbar. Der neue Mix lässt das Album frisch und erstaunlich unmittelbar erscheinen, während Mono- und US-Fassung seine Veröffentlichungsgeschichte dokumentieren. Die Sessions und Demos wiederum zeigen, dass selbst einige der berühmtesten Popsongs aller Zeiten nicht einfach fertig vom Himmel gefallen sind.

Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieser Edition: Man kennt „Rubber Soul“ seit mehr als 60 Jahren – und kann ihm trotzdem noch beim Entstehen zuhören.

„Rubber Soul“ ist nicht nur eines der großen Beatles-Alben. Es ist der Augenblick, in dem vier außergewöhnlich erfolgreiche Popmusiker entdecken, dass ihnen im Studio praktisch die ganze Welt offensteht. Die Super-Deluxe-Edition lässt uns diesen Augenblick noch einmal miterleben.

„Starship Troopers“ – Matinee am 4. Oktober im Scala Fürstenfeldbruck

3. Oktober 2026

Auf den ersten Blick ist „Starship Troopers“ von Paul Verhoeven ein spektakuläres Science-Fiction-Abenteuer: Die Menschheit kämpft gegen gigantische außerirdische Insekten, junge Rekruten ziehen voller Begeisterung in den Krieg und gewaltige Raumschlachten treffen auf brachiale Action. Doch hinter dem martialischen Spektakel verbirgt sich einer der klügsten und provokantesten Science-Fiction-Filme der 1990er-Jahre. Ich zeige diesen Film am Sonntag, 4. Oktober um 10:45 Uhr in meiner Matinee im Scala Kino Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Paul Verhoeven, der bereits mit „RoboCop“ bewiesen hatte, wie hervorragend sich Actionkino und Gesellschaftssatire verbinden lassen, macht aus Robert A. Heinleins Romanvorlage eine bitterböse Betrachtung über Militarismus, Propaganda und die Verführungskraft einfacher Feindbilder. Seine Zukunft sieht dabei keineswegs düster aus: Die Menschen sind jung, schön und erfolgreich, die Städte sauber und die Technik beeindruckend. Doch Bürgerrechte müssen verdient werden, militärischer Dienst genießt höchstes Ansehen und Gewalt gilt als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Interessen.

Mittendrin steht Johnny Rico, der zunächst vor allem deshalb zum Militär geht, weil er seiner großen Liebe Carmen folgen möchte. Aus dem unbeschwerten Jugendlichen wird jedoch Schritt für Schritt ein Soldat. Was in einem gewöhnlichen Kriegsfilm als klassische Heldengeschichte funktionieren würde, bekommt bei Verhoeven einen bitteren Beigeschmack: Ist Rico wirklich erwachsen geworden – oder wurde er lediglich perfekt an das System angepasst?

Legendär sind die Propagandasequenzen mit der immer wiederkehrenden Frage „Would you like to know more?“. Nachrichten, Werbung, Kriegsbilder und Rekrutierungsaufrufe verschmelzen zu einem permanenten Strom aus Unterhaltung und politischer Botschaft. Was 1997 wie eine groteske Zukunftsvision wirkte, erscheint im Zeitalter von Social Media, kurzen Videoclips, Desinformation und emotionalisierten Nachrichten erstaunlich aktuell.

Dabei verliert „Starship Troopers“ niemals seinen Unterhaltungswert. Riesige Bugs, spektakuläre Schlachten, schwarzer Humor, grandiose Spezialeffekte und eine bewusst überzeichnete Hochglanzwelt machen den Film zu einem großen Kinoerlebnis. Doch je länger man hinsieht, desto stärker verändert sich der Blick auf das vermeintlich einfache Abenteuer. Wer sind hier eigentlich die Guten? Was wissen wir wirklich über den Gegner? Und warum stellt kaum jemand die Geschichte infrage, die der Bevölkerung über diesen Krieg erzählt wird?

Gerade diese zweite Ebene macht „Starship Troopers“ zu einem idealen Film für eine Matinee. Man kann ihn als mitreißendes Science-Fiction-Spektakel genießen – und anschließend lange über ihn diskutieren. Denn Paul Verhoeven stellt eine Frage, die weit über seinen Film hinausgeht: Wie leicht lassen wir uns von starken Bildern, einfachen Botschaften und klar definierten Feindbildern überzeugen?

Ein moderner Science-Fiction-Klassiker, der kracht, provoziert, unterhält – und fast 30 Jahre nach seiner Premiere erstaunlich wenig von seiner Aktualität verloren hat. Would you like to know more?
Besuchen Sie unsere Matinee im Scala Fürstenfeldbruck am Sonntag, 4. Oktober um 10:45 Uhr. Karten hier.

PresseClub München: Slowenien setzt beim Gesundheitstourismus auf Natur, Individualität und Lebensqualität

2. Oktober 2026

Thermalwasser, medizinische Kompetenz, Bewegung, gesunde Ernährung und viel Natur: Bei einer Veranstaltung im PresseClub München präsentierte sich Slowenien als Gesundheits- und Wellnessdestination, die weit über den klassischen Kuraufenthalt hinausgehen will. Im Mittelpunkt steht zunehmend die Frage, wie Menschen ihre Gesundheit erhalten können, bevor Beschwerden entstehen.

Slowenien ist klein, doch gerade darin sehen die Tourismusverantwortlichen des Landes eine große Stärke. Zwischen Alpen und Adria, Wäldern, Weinregionen und Thermalquellen liegen oft nur kurze Wege. Diese Vielfalt soll künftig noch stärker für einen nachhaltigen Gesundheits- und Wellnesstourismus genutzt werden. Hier der komplette Vortrag als Video:

Bei einer Veranstaltung im PresseClub München unter dem Titel „Slowenien – Gesundheit und Wohlbefinden“ stellten Vertreter des slowenischen Tourismus und der Naturheilbäder ihre Konzepte vor. Rebeka Kumer Bizjak, Leiterin des Slowenischen Tourismusamtes in München, zeichnete zum Auftakt das Bild eines Landes, in dem Natur nicht nur Kulisse, sondern wesentlicher Bestandteil des touristischen Angebots ist.

„Slowenien ist ein Land faszinierender Kontraste“, erklärte Rebeka Kumer Bizjak. Alpenlandschaften, mediterrane Einflüsse, historische Städte, moderne Kultur, ausgezeichnete Gastronomie und eine ausgeprägte Thermaltradition lägen auf engem Raum beieinander. Gerade für Reisende, die Erholung mit Aktivität, Kulinarik und Kultur verbinden möchten, eröffne dies zahlreiche Möglichkeiten.

Eine besondere Rolle spielt dabei das Wasser. Slowenien verfügt über zahlreiche Thermal- und Mineralwasserquellen und eine lange Tradition der Naturheilbäder. Für Kumer Bizjak passt dies zu einem grundsätzlichen Wandel im Reiseverhalten. Gesundheit, Wohlbefinden und ein bewusster Umgang mit den eigenen Ressourcen würden für viele Gäste wichtiger. „Alles, was Sie hier erleben, kann Teil eines Weges zu mehr Wohlbefinden werden“, fasste sie den Anspruch zusammen.

Vom klassischen Kurort zum Gesundheitszentrum
Dass traditionelle Heilbäder keineswegs ein Auslaufmodell sind, machte Saša Požar, Leiterin des Verbandes der slowenischen Naturheilbäder, deutlich. Im Gegenteil: Der Boom von Gesundheitskliniken und sogenannten Longevity-Angeboten sei für die Thermen eher Chance als Konkurrenz.

„Kliniken bieten wichtige Diagnostik, moderne Technologien und personalisierte Programme. Heilbäder können aber etwas hinzufügen, das sich nicht einfach technisch herstellen lässt: Natur, natürliche Heilfaktoren, Ruhe und Wohlbefinden an einem Ort“, sagte Požar.

Entscheidend sei ein verändertes Gesundheitsbewusstsein. Menschen beschäftigten sich heute zunehmend mit ihrer Gesundheit, bevor sie krank würden. Sie wollten möglichst lange aktiv, leistungsfähig und selbstständig bleiben. Damit verändere sich auch die Funktion der Heilbäder. „Die Thermen entwickeln sich von Orten, die man besucht, wenn man krank ist, zu Orten, die man besucht, um gesund zu bleiben“, brachte Požar den Wandel auf den Punkt.

Gerade angesichts von Stress und hoher Belastung im Alltag gewinne dieser Ansatz an Bedeutung. Ein Aufenthalt solle nicht lediglich ein paar angenehme Tage ermöglichen. Ruhe, guter Schlaf, Bewegung, Naturerlebnisse und bewusste Ernährung könnten zusammenspielen. „Die Menschen brauchen Möglichkeiten, körperlich und mental wieder Kraft zu schöpfen, Zeit in der Natur zu verbringen und wieder zu sich selbst zu finden.“

Thermalwasser trifft medizinisches Wissen
Die besondere Stärke Sloweniens sieht Požar in der Verbindung natürlicher Ressourcen mit medizinischem Fachwissen. Auf einer Fläche von gut 20.000 Quadratkilometern finden sich Thermal- und Mineralwasser, Heilklima und weitere natürliche Heilfaktoren. „Natur allein reicht nicht aus“, betonte Požar. „Wenn wir sie aber mit dem Wissen unserer medizinischen Fachkräfte und mit unserer jahrhundertelangen Erfahrung verbinden, entsteht eine Kombination, die die slowenischen Heilbäder besonders macht.“

Zwölf slowenische Naturheilbäder gehören dem Verband an. Dabei gebe es bewusst kein einheitliches Konzept. Einige Einrichtungen konzentrierten sich stärker auf medizinische Anwendungen und Rehabilitation, andere auf Wellness, Prävention, Familien oder Aktivurlaub. Auch die jeweilige Landschaft präge das Angebot.

Ein Vorurteil möchte Požar dabei ausräumen: dass Thermal- und Heilbäder vor allem etwas für ältere Menschen seien. „Das ist ein überholtes Bild.“ Junge Gäste kämen inzwischen wegen Fitness, Gesundheitsvorsorge oder Digital Detox, Familien wegen gemeinsamer Erlebnisse und ältere Gäste, um ihre Mobilität und Gesundheit möglichst lange zu erhalten.

Gerade die Generation Z beschäftige sich teilweise früher mit Ernährung, Bewegung und Gesundheit als frühere Generationen. Wellness und Prävention seien damit längst keine Frage des Alters mehr. „Heilbäder sind nicht für alte Menschen. Sie sind für Menschen, die auf sich achten und möglichst gesund alt werden wollen.“

Drei Landschaften, drei Gesundheitswelten
Wie unterschiedlich solche Angebote aussehen können, erläuterte Jože Berus, Direktor der Terme Krka. Das Unternehmen verbindet mehrere Standorte, die auf einer gemeinsamen Gesundheitsphilosophie basieren, landschaftlich und inhaltlich jedoch unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Dolenjske Toplice gehört zu den traditionsreichen Thermalorten Sloweniens und liegt in einer waldreichen Umgebung. Ruhe, Erholung und medizinische Anwendungen stehen hier im Mittelpunkt. Šmarješke Toplice verbindet Gesundheitsangebote stärker mit Bewegung und verfügt unter anderem über einen Schwerpunkt im Herz-Kreislauf-Bereich. An der Adriaküste wiederum nutzt das Talaso Strunjan die natürlichen Bedingungen des Meeres für Thalassotherapie.

„Die Philosophie ist ähnlich, aber die Natur ist jeweils eine andere“, erklärte Berus. „Wir haben Wald, Hügellandschaft und Meer.“ Genau diese Umgebung werde gezielt in die Programme einbezogen.

Dabei spielen medizinische Fachkräfte weiterhin eine zentrale Rolle. Ärzte, Physiotherapeuten, Ernährungsberater und Sportexperten arbeiten gemeinsam an individuell abgestimmten Angeboten. Neben Behandlung und Rehabilitation gewinnt die Prävention an Bedeutung.

Auch das Sicherheitsgefühl sei insbesondere für ältere Gäste wichtig. Medizinische Teams vor Ort könnten ihnen ermöglichen, einen Urlaub zu genießen und gleichzeitig zu wissen, dass im Bedarfsfall professionelle Hilfe vorhanden ist.

Gesundheit geht auch durch den Magen
Ein zentraler Bestandteil des Konzepts ist für Berus die Gastronomie. „Essen ist eine der wichtigsten Säulen der Gesundheit. Und wenn wir reisen, erinnern wir uns oft besonders an das, was wir gegessen haben.“

Deshalb setze Terme Krka möglichst auf regionale Rohstoffe und frisch zubereitete Speisen. Industriell vorgefertigte Lebensmittel seien weitgehend aus den Küchen verbannt worden. Je nach Gesundheitsprogramm könnten zudem individuelle Ernährungspläne entwickelt werden, beispielsweise für Menschen mit Diabetes, Zöliakie oder besonderen gesundheitlichen Zielen.

Wichtig sei dabei, dass gesundes Essen nicht nach Verzicht schmecke. „Das Essen muss nicht nur gesund sein, sondern auch gut schmecken. Die Gäste sollen es genießen.“ Idealerweise endet ein Gesundheitsaufenthalt deshalb nicht mit der Heimreise. Die Gäste sollen Wissen über Ernährung, Bewegung und einen gesundheitsbewussteren Lebensstil mitnehmen und in ihren Alltag integrieren können.

Individuelle Programme statt Wellness von der Stange
Dieser Ansatz zieht sich durch viele Angebote. Ärzte, Ernährungsfachleute, Physiotherapeuten, Sporttrainer und Köche sollen nicht nebeneinander, sondern gemeinsam arbeiten. Wandern und Radfahren, Thermalwasser und Massagen, medizinische Untersuchungen, Entspannung und Ernährung werden miteinander verbunden.

„Es geht darum, alle Bereiche unseres Lebens zusammenzubringen“, erklärte Berus. Ziel seien zunehmend maßgeschneiderte Programme statt standardisierter Wellnesspakete. Genau darin sieht auch Požar die Zukunft der Branche. In fünf oder zehn Jahren werde Wohlbefinden weniger ausschließlich mit Verwöhnen und klassischer Wellness verbunden sein. „Der Schwerpunkt wird stärker auf langfristiger Gesundheit liegen – auf Angeboten für Menschen, die gesund bleiben wollen.“

Slowenien bringe dafür gute Voraussetzungen mit: natürliche Heilfaktoren, medizinische Kompetenz und eine Thermaltradition, die teilweise Jahrhunderte zurückreiche.

Kein Massentourismus als Zukunftsmodell
Für Berus ist klar, dass Slowenien im Gesundheitstourismus nicht über Masse wachsen sollte. „Wir sind ein kleines Land mit rund zwei Millionen Einwohnern. Unser Weg kann nicht der Massentourismus sein.“

Statt immer größere Anlagen zu errichten und möglichst viele Gäste aufzunehmen, gehe es darum, die Qualität bestehender Angebote weiterzuentwickeln. „Unsere Vision sind individuelle Programme und hochwertige Leistungen mit einem Mehrwert für den Gast.“

Požar sieht gerade in der überschaubaren Größe Sloweniens einen Vorteil. Die Entfernungen seien kurz, sodass sich ein Aufenthalt in einer Therme problemlos mit Kultur, Gastronomie, Natur oder einem Ausflug ans Meer verbinden lasse. Gesundheitstourismus müsse deshalb nicht bedeuten, eine Woche ausschließlich innerhalb einer Thermalanlage zu verbringen. „In Slowenien ist alles nah beieinander“, sagte Požar. „Wer in ein Heilbad kommt, kann gleichzeitig Städte kennenlernen, die Landschaft erleben oder ans Meer fahren. Es gibt weit mehr zu entdecken als nur das Spa-Programm.“

Damit formuliert Slowenien einen Anspruch, der über klassische Wellness hinausgeht. Der Aufenthalt soll Erholung bieten, zugleich aber Anregungen für den Alltag liefern. Gesundheit wird dabei als Zusammenspiel von medizinischer Kompetenz, Bewegung, Ernährung, Natur und mentaler Erholung verstanden.

Oder, wie es bei der Präsentation in München immer wieder anklingt: Der moderne Kurgast soll nicht erst kommen, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Er soll kommen, damit es möglichst lange gut funktioniert.

Podcast: Nah dran (4) „Verbessere dich“ – Dietmar Schmidt über Journalismus, Vertrauen in der Pressearbeit

1. Oktober 2026

Manche journalistischen Karrieren lassen sich anhand von Jahreszahlen erzählen. Andere erzählen zugleich ein Stück Zeitgeschichte. Bei Dietmar Schmidt ist beides kaum voneinander zu trennen. Im Podcast „Nah dran“ des PresseClubs München spricht Vorstandsmitglied Matthias J. Lange mit seinem Vorstandskollegen über ein langes Berufsleben zwischen Universität, Pressearbeit, Wissenschaftsjournalismus und PresseClub – und über eine journalistische Tugend, die sich durch das gesamte Gespräch zieht: Vertrauen.

Dietmar Schmidt wurde am 9. November 1939 in Mähren geboren. Seine ersten Erinnerungen sind geprägt von Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung. 1945 geriet die Familie in tschechische Gefangenschaft, seine Eltern mussten Zwangsarbeit leisten. 1946 kam die Familie nach Deutschland. Schmidt erinnert sich noch an die Grenze und an die weißen Armbinden, die dort abgelegt werden durften. Es sind Erinnerungen eines Kindes an eine Zeit, die sich tief eingeprägt hat. Hier der Podcast des PresseClubs.

Nach Stationen in Franken und im Rheinland kam Schmidt 1959 zum Studium nach München. Zunächst begann er mit Chemie, wechselte jedoch bald zu Geschichte, Politischer Wissenschaft und der damaligen Zeitungswissenschaft. Der Weg in die Kommunikation zeichnete sich ab – auch wenn er zunächst anders geplant war.

1968 begann schließlich ein Berufsleben, das eng mit der Ludwig-Maximilians-Universität München verbunden werden sollte. Sein Doktorvater empfahl ihm, sich auf die neu geschaffene Stelle eines Pressereferenten zu bewerben. Schmidt bekam den Job. Aus dem jungen Akademiker wurde einer jener Männer, die Hochschulkommunikation in Deutschland überhaupt erst als professionelles Arbeitsfeld etablierten.

Der Zeitpunkt hätte kaum spannender sein können. Die Studentenbewegung erreichte die Universität, Hörsäle wurden besetzt, Senatssitzungen gesprengt, politische Auseinandersetzungen bestimmten den Alltag. „Es waren wilde Jahre“, erinnert sich Schmidt. Und er stand mittendrin.

Damals war er gerade 28 Jahre alt. Bei studentischen Veranstaltungen geriet er sogar unter Verdacht, ein „Polizeispion“ zu sein, und wurde von Studenten eingekesselt. Gleichzeitig musste er versuchen, die Position der Universität gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit zu vermitteln.

„Es war zu Beginn ganz klar Pressearbeit“, sagt Schmidt. Dabei ging es ihm nicht nur darum, den Standpunkt der Universität zu verbreiten. Entscheidend war für ihn, Informationen einzuordnen und Sachverhalte richtigzustellen: „Da musste man natürlich schon schauen, dass man sozusagen das, was stimmt, versucht unter die Leute zu bringen.“

Die Bedingungen dieser frühen Hochschulkommunikation erscheinen aus heutiger Sicht beinahe abenteuerlich. Schmidt begann „mit einer halben Sekretärin in einem kleinen Kämmerchen“. Selbst eine elektrische Schreibmaschine war keine Selbstverständlichkeit.

Im Frühjahr 1969 gehörte er zu den Gründern des Arbeitskreises der Hochschulpressestellen in Deutschland. Gerade einmal sieben hauptberufliche Pressereferenten deutscher Universitäten kamen damals zusammen. Für Schmidt zeigt diese Zahl eindrucksvoll, welchen Stellenwert Hochschulkommunikation zu jener Zeit besaß – und wie grundlegend sich das später verändern sollte.

Aus der klassischen Pressestelle entwickelte sich über Jahrzehnte eine professionelle Hochschulkommunikation. Interne Medien kamen hinzu, Wissenschaftskommunikation gewann an Bedeutung, neue Kanäle entstanden. Kommunikation wurde schließlich zur strategischen Aufgabe der Hochschulleitungen.

Doch Technik und Organisationsstrukturen waren für Schmidt nie das Entscheidende. Pressearbeit lebte für ihn vor allem von persönlichen Beziehungen.

Zu den Journalistinnen und Journalisten der Münchner Medienlandschaft pflegte er einen engen Kontakt. Süddeutsche Zeitung, Münchner Merkur, Abendzeitung, Rundfunk – man kannte sich. Und man wusste, was man voneinander erwarten konnte.

„Die wussten, dass ich sie nicht belüge“, beschreibt Schmidt dieses Verhältnis mit einem bemerkenswert einfachen Satz. Ebenso wichtig sei gewesen, den Journalisten Hilfestellung zu geben und manchmal einen Hinweis auf eine interessante Geschichte.

Vertrauen war die eigentliche Währung.
Dabei konnte es durchaus turbulent werden. Die Universitätskliniken gehörten zeitweise ebenfalls zu seinem Verantwortungsbereich. Erste Herztransplantationen, Herz-Lungen-Transplantationen, prominente Patienten oder Mehrlingsgeburten sorgten für enormes Medieninteresse. Schmidt erzählt von Pressekonferenzen auf Parkplätzen, von Reportern, die sich mit Blumensträußen Zugang zu Patientenzimmern verschaffen wollten, und von Fotografen, die gegenüberliegende Dächer erklommen, um einen Blick durch Klinikfenster zu erhaschen.

Geschichten aus einer Medienwelt, die technisch weit von der heutigen entfernt scheint – und in manchen Mechanismen doch erstaunlich vertraut wirkt.

Eine zentrale Herausforderung war schon damals die Vermittlung komplizierter Wissenschaft. Wie erklärt man Forschung so, dass Journalisten und Öffentlichkeit sie verstehen können, ohne sie bis zur Unkenntlichkeit zu vereinfachen?

Schmidt entwickelte dafür einen bemerkenswert pragmatischen Ansatz. Eine freie Mitarbeiterin wählte er einmal ganz bewusst aus, weil sie zuvor nichts mit Wissenschaft zu tun gehabt hatte und aus der Modebranche kam. Seine Überlegung: Wenn man ihr ein wissenschaftliches Thema verständlich erklären konnte, konnte sie es anschließend auch anderen verständlich machen.

Bei aller Kommunikation blieb Schmidt die Trennung zwischen Pressearbeit und PR wichtig. Er bestand darauf, dass seine Abteilung „Pressereferat“ hieß. Der Weg über unabhängige und durchaus kritische journalistische Multiplikatoren war für ihn entscheidend. PR beschreibt er zugespitzt mit den Worten: „Wir sind schön, wir sind gut und wir sind besonders toll.“

Sein Verständnis von Pressearbeit war ein anderes: informieren, erklären, vermitteln – und dabei aushalten, dass Journalisten ihre eigenen Fragen stellen.

Diese Haltung führte Schmidt auch zur TELI, der Technisch-Literarischen Gesellschaft. Die traditionsreiche Organisation für Wissenschafts- und Technikjournalismus entstand in einer Zeit, als Pressestellen noch „literarische Büros“ genannt wurden. Schmidt war lange Vorsitzender der Münchner Gruppe. Die TELI hatte einst mehrere hundert Mitglieder, organisierte regelmäßige Veranstaltungen und brachte Wissenschaft, Wirtschaft und Journalismus miteinander ins Gespräch.

Heute blickt Schmidt mit einer gewissen Wehmut auf diese Entwicklung. Viele Funktionen solcher Vereinigungen haben sich durch digitale Medien verändert. Vorträge und Fachinformationen sind jederzeit online verfügbar, Kommunikationswege haben sich vervielfacht. Dennoch hält er seriöse Wissenschaftskommunikation keineswegs für überholt. Im Gegenteil.

„Es kommt immer auf den Weg an, den eine Nachricht nimmt“, sagt Schmidt. Wissenschaft brauche weiterhin ausführliche Formen, aber ebenso kurze Formate für Menschen, die keine langen Fachtexte lesen. Print, Fernsehen, Blogs und soziale Medien können dabei unterschiedliche Aufgaben übernehmen.

Auch der PresseClub München ist für Schmidt seit Jahrzehnten ein solcher Ort der Kommunikation. Seit den frühen 1970er Jahren gehört er dem Club an, seit vielen Jahren engagiert er sich im Vorstand beziehungsweise Beirat.

Ursprünglich sei er in den PresseClub gegangen, um Menschen kennenzulernen, Kontakte aufzubauen und sich beruflich auszutauschen. Der Netzwerkgedanke stand im Mittelpunkt.

Der PresseClub selbst hat sich seitdem grundlegend verändert. Früher war er nicht nur Veranstaltungsort, sondern Arbeitsstätte für Journalisten. Hier konnte man Texte schreiben und Nachrichten übermitteln. Bar und Sitzecken machten ihn zugleich zum Treffpunkt einer Branche.

Heute sitzt der PresseClub direkt am Marienplatz, gegenüber dem Münchner Rathaus. Die technische Funktion des Clubs ist weitgehend verschwunden – ein Smartphone reicht längst für viele Arbeiten aus. Umso wichtiger bleibt seine andere Funktion: Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Ein Thema liegt Dietmar Schmidt dabei besonders am Herzen: der Herwig-Weber-Preis.
Herwig Weber war Münchner Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Vorsitzender des PresseClubs. Schmidt beschreibt ihn als Journalisten, der „sehr liebevoll, sehr sachkundig“ über München schrieb. Nach Webers frühem Tod entstand Anfang der 1970er Jahre die Idee, mit einem Journalistenpreis an ihn zu erinnern.

Bis heute soll der Preis journalistische Arbeiten würdigen, die München nicht nur als touristische Kulisse betrachten, sondern sich mit dem tatsächlichen Leben der Stadt beschäftigen – mit seinen schönen und schwierigen Seiten, seinen Menschen, Konflikten und Besonderheiten.

Das Spektrum ist bewusst weit. Reportage, Bericht, Audio, Video oder Online-Beitrag können berücksichtigt werden. Entscheidend ist etwas anderes.

„Wir achten vor allen Dingen auf Qualität“, sagt Schmidt. „Es muss journalistisch gut geschrieben sein, es muss eine saubere Recherche sein. Und man muss es mit Freuden lesen können.“

Und vor allem muss München wirklich eine Rolle spielen. Eine Geschichte, die genauso gut in Hamburg oder Berlin spielen könnte, reicht nicht. „Es muss spezifisch München sein.“

Schmidt gehört seit vielen Jahren der Jury an. Das Verfahren ist gründlich: Beiträge werden auf mehrere Jurymitglieder verteilt, diskutiert, erneut gelesen und schrittweise ausgewählt. Gerade Nachwuchsjournalisten sollen dabei eine Chance erhalten. Volontäre und Journalistenschüler wurden in der Vergangenheit bewusst berücksichtigt.

Für Schmidt kann eine solche Auszeichnung gerade am Beginn einer Karriere wichtig sein. Ein Journalistenpreis im Lebenslauf kann Türen öffnen und Mut machen.

Doch die Zukunft des Herwig-Weber-Preises ist nicht selbstverständlich. Die Finanzierung bereitet zunehmend Schwierigkeiten. Für die kommende Preisvergabe konnte erstmals die FAZ-Stiftung als Unterstützer gewonnen werden. Schmidt macht zugleich deutlich, dass eine dauerhaftere finanzielle Basis notwendig ist, wenn der traditionsreiche Preis langfristig bestehen soll. 2027 soll er auf jeden Fall wieder verliehen werden.

Vielleicht liegt gerade darin eine Parallele zwischen dem Preis, dem PresseClub und dem Journalismus selbst. Alle drei müssen sich verändern, ohne ihren Kern aufzugeben.

Denn die Werkzeuge haben sich längst gewandelt. Auf Schreibmaschine und Fernschreiber folgten Computer, Smartphone, soziale Netzwerke und inzwischen Künstliche Intelligenz. Nachrichten verbreiten sich heute in Sekunden. Wissenschaftler können ihre Öffentlichkeit selbst erreichen. Journalisten konkurrieren mit Blogs, Plattformen, Influencern und Algorithmen.

Was aber bleibt?
Am Ende des Gesprächs stellt Matthias J. Lange seinem Gast eine persönliche Frage. Dietmar Schmidt hat Herwig Weber selbst nie kennengelernt. Doch welchen Rat, so die hypothetische Frage, würde dieser erfahrene Journalist heute wohl einem jungen Kollegen geben?

Schmidt muss nicht lange über journalistische Werkzeuge, Plattformen oder Reichweiten sprechen. Seine Antwort besteht aus zwei Worten: „Verbessere dich.“

Es ist ein bemerkenswert schlichtes Schlusswort nach einem Berufsleben, das von Schreibmaschinen über Fernschreiber und Pressekonferenzen bis zur digitalen Kommunikation reicht.

Vielleicht steckt darin tatsächlich vieles von dem, was guten Journalismus ausmacht: neugierig bleiben, genau hinschauen, sauber recherchieren, verständlich schreiben, Kritik aushalten und niemals glauben, dass man schon alles kann. Die Technik verändert sich. Diese Haltung nicht.

Meine Vinyl-Käufe im September

30. September 2026

Im September habe ich mich zurückgehalten mit demKauf von neuen Vinyl-Scheiben. Ich hatte schlichtweg keine Zeit mich in Ruhe hinzusetzen und mich bei Musik zu entspannen. Aber es sind ein paar Perlen dabei.

Disclosure Day von John Williams
Wenn John Williams für Steven Spielberg ins Weltall blickt, erwartet man große Melodien, überwältigendes Staunen und ein Orchester, das den Himmel aufzureißen scheint. Doch „Disclosure Day“ wählt einen überraschend anderen Weg. Statt die Begegnung mit dem Unbekannten in monumentalen Fanfaren zu feiern, komponiert Williams einen nachdenklichen, stellenweise geradezu zerbrechlichen Science-Fiction-Score über Erinnerung, Angst, Empathie und die Ahnung, dass der Mensch im Universum vielleicht doch nicht allein ist.

Es gibt Kombinationen in der Filmgeschichte, bei denen bereits zwei Namen genügen, um eine ganze Welt von Erinnerungen hervorzurufen: Steven Spielberg und John Williams gehören zweifellos dazu. „Jaws“, „Close Encounters of the Third Kind“, „E.T.“, „Indiana Jones“, „Jurassic Park“, „Schindler’s List“ oder „Saving Private Ryan“ – über Jahrzehnte hinweg hat Williams Spielbergs Bilder nicht einfach begleitet, sondern ihnen eine zweite emotionale Ebene gegeben. Mit „Disclosure Day“ setzen beide diese außergewöhnliche Zusammenarbeit fort. Es handelt sich um den 30. Spielfilm Spielbergs, den Williams vertont hat.

Das am 12. Juni 2026 bei Back Lot Music digital veröffentlichte Soundtrackalbum umfasst 16 Stücke und läuft knapp 65 Minuten. Die Titel sind auffällig minimalistisch gestaltet: „listen…“, „memory…“, „dive…“, „chase…“, „believe…“, „empathy…“, „celestial…“, „unseen…“ oder schließlich „reprise…“. Schon diese Kleinschreibung und die konsequent gesetzten Auslassungspunkte wirken wie eine Aufforderung, die Begriffe nicht als abgeschlossene Aussagen zu verstehen. Etwas bleibt offen. Etwas folgt noch. Genau dieses Gefühl des Unvollständigen und Unbekannten zieht sich auch durch die Musik.

Wer allerdings einen zweiten „Close Encounters of the Third Kind“ erwartet, könnte zunächst irritiert sein. Williams greift für Spielbergs neue Science-Fiction-Geschichte nicht einfach in die Schatztruhe seiner berühmtesten musikalischen Gesten. Das Außerirdische wird nicht permanent durch überwältigende orchestrale Größe dargestellt. „Disclosure Day“ ist über weite Strecken zurückhaltender, dunkler und nachdenklicher. Streicher erzeugen Unruhe, tiefes Blech legt Schatten über die Musik, Klavierpassagen schaffen Intimität. Selbst dort, wo das Orchester größer wird, bleibt häufig etwas Fragendes zurück. Auch zeitgenössische Besprechungen haben genau diese Zurückhaltung hervorgehoben. Der Score ist erkennbar Williams, zugleich ungewöhnlich zurückgenommen und nachdenklich.

Das macht bereits „listen…“ deutlich. Das mehr als vierminütige Eröffnungsstück ist weniger triumphale Ouvertüre als Einladung zum Hinhören. Williams formuliert hier musikalisches Material, das später wiederkehrt und dem Album emotionalen Halt gibt. Es ist eine Musik, die nicht sofort alles preisgeben möchte. Statt eines großen melodischen Ausrufezeichens entsteht ein vorsichtiges Fragen. Das Unbekannte wird zunächst nicht bestaunt, sondern belauscht.

Dieser Ansatz ist für das gesamte Album entscheidend. Williams interessiert sich weniger für die schiere Größe außerirdischen Lebens als für die Wirkung, die eine solche Entdeckung auf Menschen haben könnte. Darin unterscheidet sich „Disclosure Day“ von jenem Bild des Komponisten, das sich durch seine berühmtesten Konzertstücke eingeprägt hat. Natürlich kann Williams noch immer große orchestrale Bögen schreiben. Aber hier scheint ihn die Verletzlichkeit hinter dem Spektakel stärker zu beschäftigen.

„memory…“ führt diese Stimmung weiter. Erinnerung wird nicht als nostalgische Wärme dargestellt, sondern erhält etwas Unsicheres, beinahe Flüchtiges. Melodische Fragmente scheinen aufzutauchen und sich wieder zu entfernen. Das passt zu einem Score, dessen emotionale Grundhaltung weniger Gewissheit als Suche ist. Williams komponiert nicht ständig Antworten. Er lässt musikalische Fragen im Raum stehen.

Dann zeigt „dive…“, wie mühelos er aus dieser Zurückhaltung heraus Spannung entwickeln kann. Die Musik beginnt sich zu bewegen, rhythmische Impulse werden deutlicher, orchestrale Farben verändern sich. Williams muss dafür nicht auf die aggressive Klangsprache vieler moderner Thriller-Scores zurückgreifen. Seine Spannung entsteht weiterhin aus dem Orchester selbst: aus Bewegung, Harmonie, Instrumentation und dem gezielten Zurückhalten einer erwarteten Auflösung.

Mit „chase…“ tritt die bedrohlichere Seite des Albums hervor. Das nur etwas mehr als zwei Minuten lange Stück verdichtet die Energie erheblich. Hier erinnert „Disclosure Day“ stärker an Williams’ dunklere Thriller- und Science-Fiction-Arbeiten. Statt heroischem Abenteuer herrscht Nervosität. Blech und Streicher treiben die Musik vorwärts, ohne daraus eine klassische Actionfanfare zu machen. Eine andere Soundtrackkritik zog bei den aggressiveren Passagen Parallelen zur Atmosphäre von „War of the Worlds“.

Doch gerade weil „Disclosure Day“ seine Kraft nicht permanent ausspielt, wirken die ruhigeren Momente besonders stark. Titel wie „believe…“ und vor allem „empathy…“ verraten bereits, wohin Williams emotional möchte. Das zentrale Thema ist nicht allein die Existenz außerirdischer Intelligenz. Es geht um die menschliche Reaktion darauf – um Glauben, Erinnerung, Angst und die Möglichkeit, etwas vollkommen Fremdem nicht zuerst mit Gewalt, sondern mit Verständnis zu begegnen.

„empathy…“ gehört deshalb zu den emotionalen Schlüsselmomenten des Albums. Das Klavier erhält besonderes Gewicht, und Williams verzichtet darauf, Gefühle mit maximaler orchestraler Lautstärke zu erzwingen. Gerade die Zurückhaltung macht das Stück berührend. Die Musik scheint zu sagen, dass Empathie etwas Leises ist. Keine Fanfare, keine Heldentat, sondern die Entscheidung, einem anderen Wesen überhaupt zuzuhören.

Der vielleicht faszinierendste Moment folgt mit „celestial…“. Mit 6:50 Minuten ist es das längste Stück des Albums und zugleich jener Abschnitt, in dem die Musik am stärksten in Richtung Transzendenz blickt. Hier öffnet sich der zuvor häufig verschlossene Klangraum. Besonders der Einsatz der Stimme beziehungsweise des vokalen Elements verleiht der Musik eine beinahe körperlose Qualität. Eine zeitgenössische Soundtrackbesprechung hob gerade diese Vokalpassagen als einen der Höhepunkte des Albums hervor.

Und natürlich lässt sich bei einem solchen Moment an Williams’ frühere musikalische Begegnungen mit dem Kosmos denken. Doch der entscheidende Unterschied liegt in der Perspektive. Das Staunen des jungen beziehungsweise mittleren Williams war häufig unmittelbar, hell und überwältigend. Der Williams von „Disclosure Day“ klingt wissender. Das Wunder ist noch vorhanden, aber es steht neben Melancholie. Der Blick zu den Sternen scheint gleichzeitig ein Blick auf die eigene Vergänglichkeit zu sein.

Vielleicht ist das eine Interpretation, die sich angesichts des Alters des Komponisten besonders leicht aufdrängt. Williams ist 94 Jahre alt, und es wäre unseriös, jede ruhige Passage automatisch als persönliche Meditation über Alter oder Abschied zu deuten. Musikalisch lässt sich jedoch durchaus feststellen, dass „Disclosure Day“ wesentlich stärker von Nachdenklichkeit als von jugendlichem Überschwang geprägt ist. Der Score besitzt die Geduld eines Komponisten, der niemandem mehr beweisen muss, wie spektakulär er ein Orchester klingen lassen kann.

Genau deshalb sind Stücke wie „unseen…“, „signs…“ und „home…“ so wichtig. Sie halten die Balance zwischen dem Geheimnisvollen und dem Menschlichen. Williams verliert sich nicht in abstrakten Klangflächen. Selbst in den rätselhaftesten Momenten bleibt seine Musik melodisch und tonal orientiert. Das unterscheidet ihn weiterhin von vielen zeitgenössischen Ansätzen der Filmmusik. Atmosphäre entsteht bei Williams nicht anstelle musikalischer Gestaltung, sondern durch sie.

Mit „caught…“ zieht sich die Spannung erneut zusammen. Das Stück gehört mit fast sechs Minuten zu den umfangreicheren Passagen des Albums und führt verschiedene zuvor etablierte Stimmungen zusammen. Dunklere Bläserfarben, unruhige Streicher und dramatische Steigerungen sorgen dafür, dass die kontemplative Grundhaltung nicht in Gleichförmigkeit endet. Williams erinnert daran, dass „Disclosure Day“ neben philosophischer Science-Fiction eben auch Thriller ist.

Der Titeltrack „disclosure…“ klingt dagegen bemerkenswert wenig nach jener gewaltigen Enthüllung, die sein Name vermuten lässt. Statt einen gigantischen musikalischen Vorhang aufzureißen, beginnt Williams vergleichsweise nachdenklich und entwickelt daraus allmählich größere orchestrale Gesten. Auch darin liegt die Konsequenz des Albums: Die Wahrheit selbst ist nicht das Ende. Entscheidend ist, was sie mit den Menschen macht.

Schließlich kommt „reprise…“ – und hier fügt Williams vieles zusammen, was zuvor nur angedeutet wurde. Bereits etablierte Themen kehren zurück, das vokale Element erscheint erneut, Streicher gewinnen an Bewegung und die Musik erlaubt sich eine größere emotionale Offenheit. Doch auch dieser Abschluss wird nicht zum simplen Triumph. Melancholie bleibt Teil des Klangbildes. Die Offenheit der mit Auslassungspunkten versehenen Tracktitel erhält damit fast programmatische Bedeutung: Die Geschichte scheint musikalisch weiterzugehen, selbst nachdem das Album verstummt.

Gerade beim Hören ohne Film offenbart sich allerdings auch die mögliche Schwäche von „Disclosure Day“. Wer Williams vor allem wegen sofort wiedererkennbarer Themen wie „Star Wars“, „Superman“, „Indiana Jones“ oder „Jurassic Park“ liebt, findet hier weniger Material, das sich nach einmaligem Hören unauslöschlich einprägt. Die Musik verlangt Aufmerksamkeit und Wiederholungen. Auch die zeitgenössische Kritik ist in diesem Punkt nicht vollkommen einig: Während einige den Score zu Williams’ stärksten Arbeiten der vergangenen Jahre zählen, wurde andernorts gerade das Fehlen eines besonders markanten Themas bemängelt.

Doch vielleicht wäre es falsch, „Disclosure Day“ an den Kriterien von Williams’ größten Blockbuster-Themen zu messen. Dieser Score möchte offenbar etwas anderes sein. Er will nicht in vier Takten ein neues Popkulturmotiv erschaffen. Er entwickelt Atmosphäre, Gedanken und Gefühle über längere Bögen. Wiederkehrende Motive gewinnen erst durch ihre Veränderungen an Bedeutung. Das Album verlangt mehr Geduld, belohnt diese aber mit einer ungewöhnlich geschlossenen emotionalen Welt.

Bemerkenswert ist außerdem, wie wenig Williams versucht, zeitgenössischen Filmmusikmoden hinterherzulaufen. Das Orchester bleibt sein eigentliches Ausdrucksmittel. Gleichzeitig klingt „Disclosure Day“ keineswegs wie eine bloße nostalgische Wiederholung früherer Erfolge. Die musikalische Sprache ist unverkennbar seine, doch sie ist sparsamer und introspektiver geworden. Darin liegt vielleicht die größte Stärke des Albums: Williams imitiert weder seine jüngeren Kollegen noch sein eigenes jüngeres Ich.

Dass der Score auch im Zusammenhang mit dem Film große Aufmerksamkeit erhielt, überrascht daher kaum. Mehrere der zum Kinostart veröffentlichten Kritiken bezeichneten Williams’ Arbeit als einen der stärksten Aspekte des Films; in einer Zusammenstellung erster Rezensionen wurde sie unter anderem als eine seiner besten Arbeiten seit Jahren beschrieben. Andere Stimmen blieben zurückhaltender. Gerade diese unterschiedlichen Reaktionen passen zu einem Album, das weniger auf unmittelbare Überwältigung als auf langsame Wirkung setzt.

„Disclosure Day“ ist deshalb kein John-Williams-Best-of in neuem Gewand und auch kein Versuch, „Close Encounters“ ein halbes Jahrhundert später noch einmal zu schreiben. Es ist ein ruhigerer, dunklerer und erstaunlich empfindsamer Score. Seine stärksten Momente entstehen dort, wo Williams das riesige Science-Fiction-Szenario auf etwas sehr Menschliches reduziert: zuhören, erinnern, glauben, zweifeln und versuchen zu verstehen.

Vielleicht ist genau das nach all den Jahrzehnten die beeindruckendste Erkenntnis dieses Albums. John Williams muss das Universum nicht mehr mit einer Fanfare erobern. Manchmal reichen ein paar Streicher, eine menschliche Stimme, ein vorsichtiger Klavierton und eine Melodie, die sich nicht vollständig erklären lässt.

Dann wird es still – und für einen Augenblick scheint das Unendliche ganz nah.

The Super Mario Bros. Movie von Brian Tyler
Es gibt Filmmusiken, die einen Film begleiten – und es gibt Soundtracks, die eine ganze Kindheit wieder zum Leben erwecken. Brian Tylers Musik zu „The Super Mario Bros. Movie“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Denn hier musste ein Komponist nicht einfach nur einen Animationsfilm vertonen. Tyler stand vor der schwierigen Aufgabe, eines der bekanntesten musikalischen Universen der Videospielgeschichte für das Kino neu zu erfinden, ohne dabei das zu zerstören, was Generationen von Spielern mit Super Mario verbinden.

Das Ergebnis ist ein wunderbar überbordender, farbenfroher und erstaunlich liebevoll komponierter Score. Tyler behandelt die legendären Melodien von Koji Kondo nicht wie nostalgische Zitate, die gelegentlich in den Hintergrund gestreut werden. Vielmehr macht er sie zum musikalischen Fundament seiner eigenen Komposition. Bekannte Motive aus verschiedenen Mario-Spielen tauchen auf, verändern sich, verschwinden wieder und werden plötzlich von großem Orchester, Chor oder elektronischen Klängen aufgegriffen. Gerade darin liegt die große Stärke des Albums.

Schon „Press Start“ macht deutlich, wohin die Reise geht. Tyler verbindet den Charme klassischer Videospielmusik mit der Größe eines modernen Hollywood-Scores. Aus kleinen Melodien, die ursprünglich für die technischen Möglichkeiten früher Nintendo-Konsolen geschaffen wurden, werden plötzlich breite orchestrale Themen. Streicher rasen durch musikalische Level, Blechbläser kündigen neue Abenteuer an, Schlagwerk treibt Mario und Luigi vorwärts.

Dabei gelingt Tyler etwas Entscheidendes: Der Soundtrack klingt trotz aller Zitate nicht wie ein nostalgisches Best-of-Album. Er entwickelt eine eigene musikalische Identität. Für Mario, Luigi, Peach, Bowser und die verschiedenen Welten entstehen neue Motive und Klangfarben, die sich mit Kondos bekannten Themen verbinden. Besonders eindrucksvoll ist die Musik für Bowser. In „King of the Koopas“ bekommt der König der Koopas eine entsprechend monumentale musikalische Präsenz – bedrohlich, pompös und gleichzeitig mit jenem Augenzwinkern versehen, das zur Figur gehört.

Wunderbar verspielt kwird es dagegen in Stücken wie „Welcome to the Mushroom Kingdom“ oder „World 1-1“. Hier kann Tyler mit all den musikalischen Erinnerungen spielen, die Nintendo über Jahrzehnte geschaffen hat. Für Kenner der Spiele wird das Album damit fast zu einer Schatzsuche. Immer wieder erkennt man Melodien, rhythmische Figuren oder kleine Klanggesten, manchmal nur für wenige Sekunden. Trotzdem funktionieren die Stücke auch dann, wenn man nicht jede Referenz identifizieren kann.

Besonders stark ist der Soundtrack immer dann, wenn Tyler die Energie der Spiele auf das große Orchester überträgt. „The Adventure Begins“, „Karts!“ oder „Rainbow Road Rage“ besitzen ein enormes Tempo. Musik wird hier tatsächlich zum musikalischen Gegenstück eines Levels: Hindernis, Beschleunigung, Gefahr, Erfolg – alles scheint innerhalb weniger Minuten aufeinanderzufolgen. Tyler komponiert nicht statisch, sondern permanent in Bewegung.

Das kann allerdings auch anstrengend werden. Mit einer Laufzeit von rund 88 Minuten und einer großen Zahl kurzer Stücke ist das Album ausgesprochen umfangreich. Die Musik springt ähnlich schnell zwischen Stimmungen und Ideen wie der Film selbst zwischen seinen Schauplätzen. Wer einen ruhigen, thematisch konzentrierten Filmscore erwartet, dürfte sich von dieser Dauerbeschallung gelegentlich erschlagen fühlen. Gerade als eigenständiges Album hätte eine etwas straffere Auswahl möglicherweise noch besser funktioniert.

Doch Zurückhaltung wäre wahrscheinlich ohnehin der falsche Ansatz für Super Mario gewesen. Dieses Universum lebt von Farben, Bewegung, Überraschungen und einer gewissen hemmungslosen Freude am Spiel. Genau das übersetzt Brian Tyler in Musik.

Ein besonderer Spaß ist dabei „Peaches“, Bowsers völlig überzogene musikalische Liebeserklärung an Prinzessin Peach, gesungen von Jack Black. Der Song fällt stilistisch aus dem orchestralen Score heraus, passt aber perfekt zum humoristischen Charakter des Films und entwickelte sich nicht ohne Grund zu einem der bekanntesten Musikstücke der Produktion.

Am Ende bleibt vor allem „Super Mario Bros. Opus“ als eine Art musikalische Zusammenfassung dessen, was Tyler erreichen wollte. Hier verschmelzen seine eigenen Themen und die musikalische Tradition der Spiele zu einer großen orchestralen Liebeserklärung an Mario. Man hört gleichzeitig Videospielgeschichte und Hollywood-Kino.

Brian Tylers „The Super Mario Bros. Movie“ ist deshalb mehr als nur ein effektvoller Animationsfilmscore. Es ist ein musikalischer Brückenschlag zwischen 8-Bit-Erinnerungen und großem Sinfonieorchester. Tyler respektiert Koji Kondos Melodien, ohne sich ihnen vollkommen unterzuordnen, und schafft daraus einen Score voller Tempo, Humor und Abenteuerlust.

Vielleicht ist das seine größte Leistung: Man hört diese Musik und hat unmittelbar wieder das Gefühl, vor einem Bildschirm zu sitzen, den Controller in der Hand zu halten und darauf zu warten, dass irgendwo die vertrauten Worte erscheinen: Press Start.

Interstellar Sentinel von Chris Huelsbeck
„Interstellar Sentinel“ ist eines dieser Alben, bei denen schon nach wenigen Takten klar wird, wer hier am Werk ist. Chris Huelsbeck besitzt eine musikalische Handschrift, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat und dennoch sofort wiederzuerkennen ist: treibende Rhythmen, große Melodien, elektronische Weite und dieses besondere Gefühl zwischen Abenteuer, Melancholie und Aufbruch. „Interstellar Sentinel“ ist der Soundtrack zum gleichnamigen Bullet-Hell-Shoot’em-up. Das Spiel versteht sich als Liebeserklärung an Klassiker wie „R-Type“, „Gradius“, „Darius“, „Salamander“, „Einhander“ oder „Ikaruga“. Huelsbeck greift diesen Geist musikalisch auf und orientiert sich gleichzeitig bewusst an seinen eigenen großen Arbeiten wie „Turrican“, „X-Out“ und „Katakis“. Die insgesamt 17 Stücke des Albums erschienen ursprünglich digital; Huelsbeck komponierte und produzierte die Musik selbst.

Der Soundtrack trägt deutlich die DNA klassischer Videospielmusik in sich, ohne sich in Nostalgie zu verlieren. Huelsbeck erinnert an die Zeit von C64 und Amiga, an Shoot’em-ups, endlose Sternenfelder und nächtliche Spielesessions – aber er bleibt nicht in dieser Vergangenheit stehen. „Interstellar Sentinel“ klingt modern, kraftvoll und erstaunlich frisch.

Besonders schön ist, wie selbstverständlich Huelsbeck Technik und Emotion verbindet. Die Synthesizer wirken nie kalt oder steril. Hinter den elektronischen Klangflächen steckt immer eine Melodie, die etwas erzählen will. Mal entsteht Spannung, mal Euphorie, mal eine beinahe verträumte Weite. Selbst in den dynamischen Passagen bleibt diese emotionale Ebene erhalten.

Gerade deshalb funktioniert das Album auch losgelöst vom Spiel. Man muss kein Raumschiff über einen Bildschirm steuern, um die Bilder zu sehen. Die Musik erzeugt ihre eigenen Welten: fremde Planeten, gefährliche Begegnungen und diesen alten Traum vom Aufbruch ins Unbekannte.

Für langjährige Fans liegt darin natürlich auch viel Erinnerung. Man hört Spuren jener Klangwelt, mit der Huelsbeck einst eine ganze Generation von Computerspielern geprägt hat. Doch „Interstellar Sentinel“ ist keine bloße Rückschau. Es zeigt vielmehr, dass seine musikalische Sprache noch immer funktioniert.

Vielleicht ist genau das die schönste Qualität dieses Albums: Es klingt vertraut, ohne alt zu wirken. Es erinnert an eine Vergangenheit, in der Videospielmusik noch aus wenigen technischen Möglichkeiten ganze Universen erschaffen musste – und beweist zugleich, dass diese Form elektronischer Musik auch heute noch voller Leben steckt. Das Album zeigt, dass diese Art elektronischer Videospielmusik auch Jahrzehnte später noch funktioniert. Huelsbecks Handschrift ist unverkennbar: starke Melodien, klare Themen, treibende Rhythmen und diese eigentümliche Mischung aus Euphorie und Melancholie, die seine besten Arbeiten seit den Achtzigern begleitet.

„Interstellar Sentinel“ ist damit nicht nur ein Gamesoundtrack, sondern eine kleine Reise durch Raum, Zeit und Erinnerung. Chris Huelsbeck blickt zurück – aber sein Raumschiff fliegt weiter nach vorne.

Zombie Flesh Eaters von Fabio Frizzi
Fabio Frizzis Soundtrack zu „Zombie Flesh Eaters“ ist weit mehr als musikalische Begleitung zu Lucio Fulcis berüchtigtem Zombiefilm. Die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil jener fiebrigen, morbiden Atmosphäre, die den Film bis heute auszeichnet. Frizzi verzichtet weitgehend auf einen klassischen orchestralen Horror-Score und setzt stattdessen auf Synthesizer, repetitive Rhythmen, elektronische Klangflächen und ein Hauptthema, das sich mit beinahe hypnotischer Beharrlichkeit im Gedächtnis festsetzt.

Gerade das berühmte Zombie-Thema zeigt Frizzis Stärke. Es ist erstaunlich einfach aufgebaut: ein schwerfälliger Rhythmus, eine düstere Melodielinie und elektronische Klänge, die heute unverkennbar nach den späten siebziger Jahren klingen. Doch anstatt antiquiert zu wirken, besitzt diese Musik eine eigentümliche Zeitlosigkeit. Sie scheint sich ebenso langsam und unausweichlich vorwärtszubewegen wie Fulcis Untote. Der Schrecken entsteht nicht durch musikalische Schocks, sondern durch Wiederholung und das Gefühl, dass es kein Entkommen gibt.

Besonders reizvoll ist der Kontrast zwischen den elektronischen Passagen und den karibisch beziehungsweise exotisch gefärbten Elementen des Scores. Frizzi erinnert damit immer wieder an den Schauplatz der Handlung, ohne in musikalische Postkartenromantik zu verfallen. Unter der tropischen Oberfläche lauert permanent etwas Bedrohliches. Die Musik vermittelt Hitze, Verfall und Krankheit – beinahe so, als könne man die feuchte Luft der Insel hören.

Natürlich ist der Soundtrack ein Kind seiner Zeit. Analoge Synthesizer, einfache elektronische Beats und manche Klangfarben tragen unüberhörbar den Stempel des italienischen Genrekinos der siebziger Jahre. Aber genau darin liegt heute ein großer Teil seines Reizes. Frizzi entwickelte aus vergleichsweise begrenzten musikalischen Mitteln eine unverwechselbare Klangidentität. Wo moderne Horror-Scores bisweilen in gewaltigen Sounddesign-Flächen untergehen, reichen ihm wenige Töne, um Unbehagen zu erzeugen.

Losgelöst vom Film funktioniert die Musik überraschend gut. Sie besitzt etwas Hypnotisches, beinahe Meditatives – allerdings eine Meditation über Tod und Verwesung. Vor allem das Hauptmotiv gehört zu jenen Melodien, die nach dem Hören noch lange im Kopf weiterlaufen.

Fabio Frizzis „Zombie Flesh Eaters“ ist deshalb ein Klassiker des europäischen Horror-Soundtracks: minimalistisch, elektronisch, morbide und von geradezu unheimlicher Eingängigkeit. Die Musik macht nicht einfach Angst. Sie klingt, als hätte der Tod selbst einen langsamen, monotonen Rhythmus gefunden.

Zwischen Zauberstab und Magie – Warum uns Harry Potter bis heute verzaubert – Vortrag am 30. September in Maisach

29. September 2026

Harry Potter hat eine ganze Generation für die Welt der Magie begeistert – und seine Faszination reicht längst über die ursprüngliche Leserschaft hinaus. Doch warum ziehen uns Geschichten über Zauberer, Hexen und geheimnisvolle Welten so sehr in ihren Bann? Dieser Frage gehe ich am Mittwoch in meinen Maisacher Gesprächen zur Popkultur um 18 Uhr in der Gemeindebücherei Maisach nach. Der Eintritt ist kostenlos.

Der Erfolg der Bücher und Filme lässt sich nicht allein mit Zauberstäben, fliegenden Besen, Quidditch oder der beeindruckenden Welt von Hogwarts erklären. Harry Potter greift vielmehr eine Sehnsucht auf, die Menschen seit Jahrtausenden begleitet: den Wunsch, hinter die sichtbare Wirklichkeit zu schauen und das Mystische, Verborgene und Unerklärliche zu entdecken.

Magie gehört zu den ältesten Vorstellungen der Menschheitsgeschichte. Schon lange bevor Wissenschaft viele Naturphänomene erklären konnte, versuchten Menschen, ihre Umwelt durch Rituale, Beschwörungen, Orakel und magische Handlungen zu verstehen und zu beeinflussen. Amulette sollten schützen, Orakel einen Blick in die Zukunft ermöglichen und bestimmte Rituale Glück, Heilung oder eine gute Ernte bringen. Dabei waren die Grenzen zwischen Religion, Volksglauben, Medizin und Magie über lange Zeit fließend. Was heute als Aberglaube erscheint, konnte für frühere Gesellschaften ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens sein.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Figur der Hexe. Ihr Bild hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. Sie konnte als weise und heilkundige Frau erscheinen, aber ebenso als gefährliche Außenseiterin oder vermeintliche Verbündete dunkler Mächte. Die europäischen Hexenverfolgungen zeigen auf erschreckende Weise, welche realen Folgen solche Vorstellungen entwickeln konnten. Später verwandelte sich die Hexe zunehmend in eine Figur der Märchen, Literatur und Popkultur. Von der bösen Märchenhexe über Bibi Blocksberg bis zu Hermine Granger reicht heute ein erstaunlich breites Spektrum.

Auch der Zauberer besitzt eine lange kulturelle Tradition. Merlin aus der Artussage ist Seher, Berater und Magier, Gandalf bei J. R. R. Tolkien verkörpert Weisheit, Hoffnung und verantwortungsvollen Umgang mit Macht. Figuren wie diese haben unser modernes Bild des Zauberers geprägt. Harry Potter führt viele dieser Traditionen fort, verändert sie aber zugleich. In Hogwarts wird Magie geradezu alltäglich: Es gibt Unterricht und Prüfungen, Regeln und Ministerien, Geschäfte für Zauberbedarf, Zeitungen, Sportveranstaltungen und eine eigene Bürokratie. Das Wunderbare bekommt einen Stundenplan.

Gerade darin liegt ein wesentlicher Reiz der Geschichte. Die magische Welt befindet sich nicht irgendwo in einer unerreichbaren Vergangenheit, sondern unmittelbar neben unserer eigenen. Hinter einer unscheinbaren Mauer könnte die Winkelgasse liegen, der Bahnsteig 9¾ könnte sich mitten in einem gewöhnlichen Bahnhof befinden und ein scheinbar belangloser Brief könnte plötzlich das bisherige Leben verändern. Die Vorstellung, dass hinter unserer vertrauten Wirklichkeit eine zweite, geheimnisvolle Welt verborgen sein könnte, gehört zu den stärksten Motiven fantastischer Literatur.

Harry Potter erzählt zugleich von sehr menschlichen Erfahrungen. Es geht um Freundschaft und Einsamkeit, Mut und Angst, Liebe und Verlust, Vorurteile und Ausgrenzung, Macht und Verantwortung. Hogwarts ist deshalb nicht nur eine Zauberschule, sondern auch ein Ort des Erwachsenwerdens. Harry, Hermine und Ron müssen lernen, Entscheidungen zu treffen und mit deren Folgen zu leben. Magische Fähigkeiten lösen dabei keineswegs alle Probleme. Im Gegenteil: Je größer die Macht wird, desto wichtiger wird die Frage, wie sie eingesetzt wird.

Damit berührt Harry Potter ein uraltes Thema der Magie: den Wunsch des Menschen nach Kontrolle über eine Welt, die sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Ein Zauberspruch verspricht eine unmittelbare Veränderung der Wirklichkeit. Worte bekommen Macht. Ein Zauberstab genügt, und scheinbar Unmögliches wird möglich. Gleichzeitig zeigen die Geschichten immer wieder die Grenzen dieser Macht. Nicht jeder Verlust lässt sich rückgängig machen, nicht jeder Konflikt durch Magie lösen und nicht jeder Mensch durch Macht beherrschen.

Genau hier wird die Geschichte überraschend erwachsen. Die entscheidenden Kräfte im Harry-Potter-Universum sind letztlich nicht die spektakulärsten Zaubersprüche. Es sind Freundschaft, Loyalität, Mut, Vertrauen, die Bereitschaft zum Opfer und immer wieder die Liebe. Der Kampf zwischen Harry und Voldemort ist deshalb auch ein Konflikt zwischen zwei Vorstellungen von Macht: auf der einen Seite Kontrolle, Angst und der Wunsch nach Unsterblichkeit, auf der anderen Bindung, Mitgefühl und die Bereitschaft, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen.

Mein Vortrag „Zwischen Zauberstab und Magie – Warum uns Harry Potter bis heute verzaubert“ begibt sich deshalb am Mittwoch um 18 Uhr in der Gemeindebücherei Maisach auf eine Reise weit über Hogwarts hinaus. Wir begegnen Hexen und Zauberern, Merlin und Gandalf, alten Vorstellungen von Magie und modernen Fantasiewelten. Wir fragen, warum Menschen an Zauberei glaubten, weshalb die Figur der Hexe gleichermaßen Angst und Faszination auslöste und warum Magier bis heute zu den beliebtesten Figuren unserer Geschichten gehören.

Und schließlich geht es um die vielleicht spannendste Frage: Warum möchten wir überhaupt an Magie glauben? Vielleicht deshalb, weil eine vollständig erklärte Welt auch etwas von ihrem Geheimnis verliert. Magische Geschichten eröffnen Räume für Fantasie und die Vorstellung, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist. Harry Potter erinnert uns daran, wie faszinierend es sein kann, hinter einer gewöhnlichen Tür etwas Außergewöhnliches zu vermuten.

Vielleicht warten wir deshalb insgeheim noch immer ein wenig auf unseren eigenen Brief aus Hogwarts. Denn die Vorstellung, dass irgendwo zwischen Alltag und Wirklichkeit noch ein kleines Stück Magie verborgen sein könnte, hat auch nach Jahrtausenden nichts von ihrem Zauber verloren.

Filmkritik: „Alte Liebe“ (2026) von Andreas Dresen

28. September 2026

Ich ertappte mich beim Ansehen des Films, dass ich mich immer wieder selbst erkannt habe. Alte Liebe ist wunderbares Schauspielkino mit ein wenig Längen, aber sehr unterhaltsam. Ein Film, der zum Nachdenken anregt, wenn man sich mit Beziehungen und dem Älterwerden beschäftigen will.

Im Mittelpunkt stehen Lore und Harry, gespielt von Dagmar Manzel und Joachim Król. Die beiden sind seit rund 40 Jahren verheiratet. Harry ist inzwischen pensioniert, kümmert sich um seinen Garten, trinkt sein Bier und scheint mit einem eher ruhigen Leben durchaus zufrieden zu sein. Lore dagegen arbeitet weiterhin als Bibliothekarin. Sie spürt immer stärker, dass ihr etwas fehlt: Sie möchte reisen, etwas erleben und fragt sich, welche Möglichkeiten sie in ihrem Leben verpasst hat.

Das Interessante daran: „Alte Liebe“ ist weniger eine klassische Liebesgeschichte als eine Bestandsaufnahme einer jahrzehntelangen Ehe. Lore und Harry reden viel miteinander, verstehen sich aber trotzdem nicht immer. Alte Eifersüchteleien, Enttäuschungen und unterschiedliche Vorstellungen vom Ruhestand kommen wieder hoch. Als ihre erwachsene Tochter zum dritten Mal heiraten möchte, verschärfen sich die Konflikte. Hinter den alltäglichen Streitereien steckt schließlich die große Frage: Kann man sich nach 40 gemeinsamen Jahren noch einmal verändern – und kann man sich vielleicht sogar neu ineinander verlieben?

Die Kombination aus Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler funktioniert einwandfrei. Die beiden haben bereits bei „Gundermann“, „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ und „In Liebe, Eure Hilde“ zusammengearbeitet. „Alte Liebe“ ist ihre neunte gemeinsame Arbeit. Vorlage ist der gleichnamige Bestseller von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder.

Dresen kommt dabei genau das zugute, was viele seiner besten Filme auszeichnet: Er interessiert sich für gewöhnliche Menschen, ihre kleinen Verletzungen, ihre Schwächen und ihren oftmals ziemlich trockenen Humor. Dadurch wird Alte Liebe bissig, ironisch, sentimental, heiter und zart. Gerade Joachim Król und Dagmar Manzel sind für diese Mischung sehr passend.

Alte Liebe ist einer dieser angenehm unspektakulären, aber ehrlichen Dresen-Filme, die gerade deshalb lange nachwirken. Keine künstlich konstruierte Romanze, sondern Liebe nach vier Jahrzehnten – mit Gewohnheiten, Verletzungen, Langeweile, Zärtlichkeit und der Frage, ob ein Neuanfang auch mit über 60 noch möglich ist.

„Alte Liebe“ – vom pointierten Dialogroman zum Kinofilm
Die Vorlage zu „Alte Liebe“ stammt von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder und erschien 2009. Die besondere Stärke des Buches liegt in seinen Dialogen und verbalen Schlagabtauschen. Heidenreich und Schroeder erzählen weniger eine klassische Handlung als vielmehr „Szenen einer Ehe“: mal komisch, mal böse, dann wieder überraschend zärtlich. Hinter den alltäglichen Streitereien stehen große Fragen: Was ist aus unseren Träumen geworden? Haben wir richtig gelebt? Und was bleibt von der Liebe, wenn man fast ein ganzes Leben miteinander verbracht hat?

Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler übertragen diesen Ton ins Kino und verdichten die literarische Vorlage stärker zu einer filmischen Geschichte. Mit Dagmar Manzel als Lore und Joachim Król als Harry bekommen die Wortgefechte Gesichter, Gesten und vor allem jene stillen Momente, die ein Roman nur beschreiben kann. Der Film bewahrt dabei die Mischung aus Ironie, Melancholie und Zärtlichkeit der Vorlage, rückt aber das emotionale Wiederannähern des Ehepaares stärker in den Vordergrund.

So ergänzen sich Buch und Film hervorragend: Der Roman lebt vor allem vom Wortwitz und der genauen Beobachtung einer jahrzehntelangen Beziehung, Dresens Film von seinen Schauspielern und den Zwischentönen. Beide erzählen letztlich dieselbe schöne und ein wenig schmerzhafte Wahrheit: Auch eine alte Liebe ist niemals fertig – solange zwei Menschen noch bereit sind, einander neu zu entdecken.

Stonehenge-Ausstellung: Ein Monument, das Menschen zusammenbrachte

27. September 2026

Die Stonehenge-Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München entführt die Besucher rund 5.000 Jahre zurück in die faszinierende Welt eines der berühmtesten Monumente der Menschheitsgeschichte. Archäologische Funde, Rekonstruktionen, digitale Vermittlung und Videoinstallationen zeigen Stonehenge nicht als isolierten Steinkreis, sondern als Teil einer weitläufigen prähistorischen Kulturlandschaft. Besonders spannend ist der europäische Blickwinkel: Funde aus Bayern verdeutlichen, dass die Menschen jener Zeit über große Entfernungen miteinander verbunden waren. Eine anschauliche Ausstellung für Archäologie-Fans ebenso wie für Familien und neugierige Entdecker.

Ich habe mir in Ruhe die Ausstellung in München angeschaut, viel gesehen, viel gelesen und viel nachgedacht. Hier ein Rundgang in VR 360.

Mehr als 50 Jahre arbeitet Prof. Mike Parker Pearson als Archäologe, geforscht hat er in zahlreichen Teilen der Welt. Ausgerechnet Stonehenge gehörte lange Zeit nicht zu den Orten, an denen der Professor für jüngere britische Vorgeschichte am Institute of Archaeology des University College London unbedingt arbeiten wollte. Mit einem Augenzwinkern erklärte er bei seinem Vortrag anlässlich der Stonehenge-Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München auch warum: Stonehenge ziehe schließlich „einige sehr seltsame Leute an – britische Exzentriker aller Art“.

Dass Parker Pearson schließlich doch zu einem der bedeutenden Stonehenge-Forscher wurde, verdankt sich ausgerechnet seiner Arbeit in Madagaskar. Dort untersuchte er gemeinsam mit seinem madagassischen Kollegen Ramiri Salina Megalithen. Anders als in Europa ist das Errichten großer Steine dort keine längst verschwundene Tradition. Noch heute werden solche Monumente geschaffen.

Als Parker Pearson seinem Kollegen bei einem Besuch in Großbritannien Stonehenge zeigte und eingestand, dass man nicht genau wisse, welchem Zweck die Anlage einst gedient habe, reagierte dieser erstaunt: „Was meinst du damit, ihr wisst nicht, wofür es da ist? Hast du bei unserer gemeinsamen Arbeit über Megalithen nichts gelernt?“

Sein Kollege verwies auf eine grundlegende Unterscheidung in Madagaskar: „Für die Ahnen bauen wir aus Stein. Denn Stein ist dauerhaft, ewig – wie die Ahnen. Für die Häuser und die Lebenswelt der Lebenden bauen wir aus Holz.“

Für Parker Pearson war dies ein Schlüsselmoment. Denn unweit von Stonehenge befinden sich mit Woodhenge und den Anlagen von Durrington Walls auch die Überreste großer Holzkreise. Daraus entstand die Frage, ob Stein und Holz auch dort unterschiedliche Welten symbolisierten: Stonehenge als Ort der Ahnen und Toten, die Holzanlagen dagegen als Orte der Lebenden.

Die Toten in Stonehenge, die Lebenden in Durrington Walls
Ab 2003 führte Parker Pearsons Team über sechs Jahre hinweg umfangreiche Ausgrabungen durch. Die Ergebnisse stützten die ursprüngliche Überlegung erstaunlich deutlich. In Stonehenge fanden die Archäologen Brandbestattungen. Im Umfeld der Holzkreise kamen dagegen Häuser, Tierknochen und zahlreiche Hinterlassenschaften großer gemeinschaftlicher Mahlzeiten zum Vorschein – Spuren des alltäglichen Lebens und offenbar großer Zusammenkünfte.

Neue naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden veränderten das Bild zusätzlich. Isotopenanalysen ermöglichten es, die Herkunft von Menschen und Tieren zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass Stonehenge kein Monument einer kleinen, isolierten Gemeinschaft gewesen sein dürfte. Menschen kamen aus weit entfernten Regionen Britanniens dorthin. „Wir entdeckten, dass Stonehenge ein gewaltiges Einzugsgebiet hatte. Die Menschen kamen aus ganz unterschiedlichen Teilen Britanniens“, erklärte Parker Pearson.

Parallel dazu eröffneten genetische Untersuchungen neue Einblicke in die Bevölkerungsgeschichte. Die Menschen, die Stonehenge errichteten, gehörten zu bäuerlichen Bevölkerungsgruppen, die frühere Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften weitgehend abgelöst hatten. Später kam es erneut zu tiefgreifenden Veränderungen durch Bevölkerungsgruppen, die sich über weite Teile Europas ausbreiteten und mit der Glockenbecherkultur verbunden werden.

Damit wird Stonehenge für Parker Pearson auch zu einem Teil einer europäischen Geschichte. Gerade deshalb sei es von besonderem Wert, dass die Münchner Ausstellung archäologische Funde aus der Region einbezieht und damit Verbindungen zur Glockenbecherzeit in Mitteleuropa sichtbar macht.

Steine aus Hunderten Kilometern Entfernung
Besonders spektakulär sind für Parker Pearson die jüngsten geologischen Erkenntnisse. Die Steine von Stonehenge stammen nicht einfach aus der unmittelbaren Umgebung. Selbst die großen Sarsensteine wurden über beträchtliche Entfernungen transportiert. Die sogenannten Blausteine kamen aus Wales und legten mehr als 200 Kilometer zurück.

Noch erstaunlicher ist die Herkunft des sogenannten Altarsteins im Zentrum der Anlage. Untersuchungen ergaben, dass sein Gestein aus dem Norden Schottlands stammt – rund 900 Kilometer von Stonehenge entfernt. „Keiner der Steine von Stonehenge stammt von dort“, fasste Parker Pearson die Erkenntnisse pointiert zusammen.

Damit verändert sich auch die Frage nach der Bedeutung des Monuments. Entscheidend ist nicht allein, wie Menschen vor rund 5.000 Jahren tonnenschwere Steine bewegten. Ebenso wichtig ist die Frage, warum sie Gestein aus weit entfernten Landschaften zusammentrugen.

Für Parker Pearson liegt genau darin möglicherweise eines der großen Geheimnisse von Stonehenge. Das Monument könnte Ausdruck eines außergewöhnlichen gesellschaftlichen Vorgangs gewesen sein, bei dem Menschen, Materialien und möglicherweise auch Traditionen aus verschiedenen Teilen Britanniens zusammengeführt wurden.

„Es geht darum, Menschen und Ressourcen – und ganz besonders Steine – aus allen Teilen der Insel Großbritannien zusammenzubringen, vielleicht in einem großen Akt der Vereinigung.“

Damit formuliert Parker Pearson eine Interpretation, die sich deutlich von der populären Vorstellung eines geheimnisvollen Tempels absetzt. Für ihn steht weniger ein einzelner religiöser Zweck im Mittelpunkt als die gesellschaftliche Dimension des Bauwerks.

Sein prägnantes Fazit lautet: „Es ist kein Tempel. Es ist vielmehr ein Monument für ein außergewöhnliches Ereignis und außergewöhnliche Menschen vor fünf- bis viereinhalbtausend Jahren.“

Stonehenge als europäische Geschichte
Die Ausstellung in München versucht diese neuen Erkenntnisse nicht nur wissenschaftlich zu vermitteln, sondern räumlich und anschaulich erfahrbar zu machen. Parker Pearson würdigte dabei ausdrücklich die gestalterische Umsetzung. Dem Ausstellungsgestalter sei es gelungen, „mein archäologisches Wissen in eine dreidimensionale Realität zu verwandeln“ – und zwar sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.

Gerade die Verbindung mit Funden aus Bayern erweitert den Blick. Stonehenge erscheint dadurch nicht als isoliertes britisches Weltwunder, sondern als Teil einer Epoche, in der Menschen, Ideen, Materialien und kulturelle Traditionen über enorme Entfernungen hinweg miteinander verbunden waren.

Vielleicht liegt darin tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis dieses bis heute faszinierenden Ortes: Stonehenge erzählt nicht nur von gewaltigen Steinen. Es erzählt von Menschen, die enorme Anstrengungen auf sich nahmen, um etwas Gemeinsames zu schaffen – ein Monument aus verschiedenen Landschaften für eine Gemeinschaft, deren Verbindungen offenbar weit über den Horizont der Salisbury Plain hinausreichten.

Für ein ganzes Jahr rückt der geheimnisvolle Steinkreis im Süden Englands in den Mittelpunkt
Bei der Eröffnung unterstrich Prof. Dr. Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung, die besondere Bedeutung der Schau. Dass die Ausstellung ein Jahr lang zu sehen sein wird, bezeichnete er zugleich als „Zeichen der Nachhaltigkeit“, denn das Museum wolle Ausstellungen nicht mehr in allzu kurzen Abständen wechseln. Den Besucherinnen und Besuchern werde dadurch ausreichend Gelegenheit gegeben, sich intensiv mit Stonehenge und seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

Die Ausstellung führt dabei weit über das bekannte Bild der mächtigen Steine hinaus. Stonehenge wird in den Zusammenhang einer ganzen prähistorischen Landschaft gestellt. Über lange Zeit hatten unterschiedliche Theorien die Wahrnehmung des Monuments geprägt. Besonders populär war die Vorstellung eines vorgeschichtlichen Observatoriums. Die moderne Archäologie zeichnet heute ein wesentlich komplexeres Bild und betrachtet nicht nur den Steinkreis selbst, sondern die ihn umgebende Kulturlandschaft mit ihren Siedlungs- und Bestattungsplätzen.

Gebhard erinnerte zugleich daran, dass die Faszination für Stonehenge keineswegs eine moderne Erscheinung ist. Bereits im Mittelalter versuchten Menschen, sich die Herkunft der gewaltigen Steine zu erklären. Im 13. Jahrhundert wurden Geschichten um den Zauberer Merlin und sogar um Riesen mit Stonehenge verbunden. Für Gebhard reicht die Beschäftigung mit dem Monument damit von einer Art früher, fantasievoller „Urarchäologie Stonehenge“ bis zur modernen Forschung.

Heute haben naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden viele dieser Spekulationen abgelöst. Moderne Archäologie versucht, Herkunft, Alter und Bedeutung der Funde mit wissenschaftlichen Methoden zu rekonstruieren. Die Ausstellung macht damit auch deutlich, wie sich archäologische Forschung im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.

Gebhard zeigte sich bei der Eröffnung besonders zufrieden damit, wie sich die Schau in die neuen Räumlichkeiten der Archäologischen Staatssammlung einfügt: „Die Ausstellung ist wirklich toll“, sagte der Direktor und versprach den Gästen: „Sie werden fasziniert sein, wie man in unserem tollen neuen Ausstellungssaal diese Ausstellung einbetten konnte.“

Blume ist sehr stolz und glücklich
Auch Bayerns Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume, MdL, stellte die internationale Bedeutung der Ausstellung heraus. Dass die Schau nach Bayern gekommen sei und hier erstmals in Mitteleuropa gezeigt werde, mache ihn „sehr stolz und glücklich“. Besonders freue ihn, dass eine Ausstellung dieser Größenordnung in der renovierten Archäologischen Staatssammlung präsentiert werden könne.

Mit einem augenzwinkernden Satz brachte Blume seine Begeisterung auf den Punkt: „Ich hätte es auch nicht erwartet, dass ich mal hier als bayerischer Kunstminister stehen kann und sagen darf: Stonehenge wird bayerisch.“

Hinter diesem humorvollen Ausspruch steht jedoch ein ernsthafter wissenschaftlicher Gedanke. Stonehenge dürfe nicht ausschließlich als britisches Phänomen betrachtet werden. Neuere Forschungen zeigen vielmehr, wie weitreichend die Verbindungen der damaligen Gesellschaften waren. „Die Geschichte von Stonehenge ist eine sehr, sehr frühe europäische Geschichte“, betonte Blume. Unterschiedliche Kulturen hätten miteinander in Verbindung gestanden, es habe Austausch und weitreichende Kontakte gegeben.

Damit schlägt die Münchner Ausstellung bewusst eine Brücke nach Mitteleuropa und Bayern. Archäologische Funde aus dem Freistaat zeigen, dass auch hier vor Jahrtausenden Gesellschaften existierten, die zu bemerkenswerten kulturellen und technischen Leistungen fähig waren. Stonehenge wird dadurch nicht als isoliertes Monument auf einer fernen britischen Insel präsentiert, sondern in einen größeren europäischen Zusammenhang eingeordnet.

Blume griff dieses Zusammenspiel mit einem weiteren Wortspiel auf: „Zumindest mit dieser Ausstellung wird Stonehenge bayerisch.“ Umgekehrt zeige die Schau aber auch, „dass Bayern auch Stonehenge kann – jedenfalls ausstellungsmäßig“.

Für den Minister unterstreicht die Sonderausstellung zugleich die internationale Bedeutung der Archäologischen Staatssammlung. Sie sei ein attraktiver Partner für anspruchsvolle Ausstellungsprojekte und verfüge nach ihrer Wiedereröffnung über hervorragende Möglichkeiten zeitgemäßer Präsentation und Vermittlung. Blume zeigte sich überzeugt, dass Stonehenge das Potenzial zu einem „absoluten Publikumsrenner“ habe. Schließlich liege eine besondere Faszination in der Frage, wozu Menschen bereits vor rund 4.000 bis 5.000 Jahren in der Lage waren.

Dabei bleibt es nicht bei klassischen Vitrinen und archäologischen Exponaten. Videoinstallationen, digitale Vermittlungsformen und ein umfangreiches Begleitprogramm sollen unterschiedliche Zielgruppen erreichen. „Vom Anfänger bis zum Kenner“ sei etwas dabei, betonte Blume. Insbesondere Kinder und Familien sollen spielerisch Zugang zur Vorgeschichte erhalten – bis hin zur Möglichkeit, selbst einen Steinkreis nachzubauen.

Mit viel Humor stellte sich Blume bereits vor, wie Archäologen in ferner Zukunft über solche Hinterlassenschaften rätseln könnten. Vielleicht müsse man vorsichtshalber eine Plakette anbringen, damit spätere Generationen wissen, „dass es nur ein Mitmachprojekt der Archäologischen Staatssammlung war“.

Die Eröffnung machte damit deutlich, welchen Anspruch die Ausstellung verfolgt: Stonehenge soll nicht allein als ikonische Ansammlung monumentaler Steine präsentiert werden. Die Schau möchte eine längst vergangene Welt wieder sichtbar machen und zugleich zeigen, wie moderne Archäologie unser Bild dieser Welt immer wieder verändert. Vor allem aber rückt sie Stonehenge aus der vermeintlichen Isolation heraus und stellt das Monument in einen europäischen Zusammenhang. Oder, um es mit Markus Blume zu sagen: „Stonehenge wird bayerisch.“

Über den Dächern von Brüssel – eine Runde mit dem Riesenrad „The View“

26. September 2026

Manchmal muss man nur ein paar Meter Abstand gewinnen, um eine Stadt mit anderen Augen zu sehen. Eine Fahrt mit dem Riesenrad „The View“ am Place Poelaert ist genau so ein Moment: Langsam verschwindet der Trubel Brüssels unter der Gondel, Dächer und Straßenzüge rücken zusammen und am Horizont tauchen die Wahrzeichen der belgischen Hauptstadt auf. Für ein paar Minuten gehört Brüssel ganz dem Blick – und vielleicht auch ein wenig dem Herzen.

Brüssel ist eine Stadt, die man erlaufen muss. Durch die engen Straßen rund um den Grand-Place, vorbei an Jugendstilfassaden, hinunter in die Marollen, hinein in kleine Kneipen, Cafés und Geschäfte. Doch manchmal lohnt es sich, diese Stadt für ein paar Minuten zu verlassen – zumindest den Boden unter den Füßen. Genau das geschieht bei einer Fahrt mit dem Riesenrad „The View“ am Place Poelaert.

Schon der Standort könnte kaum eindrucksvoller sein. Direkt neben dem monumentalen Justizpalast erhebt sich das Riesenrad über dem Platz. Seit 2019 gehört „The View“ zum Bild des Place Poelaert. Das Rad selbst ist 55 Meter hoch. Weil der Platz bereits deutlich über der Unterstadt liegt, eröffnet sich aus der Gondel ein Panorama aus mehr als 100 Metern Höhe über Brüssel.

Und dann beginnt die Fahrt. Ganz langsam löst sich die Gondel vom Boden. Erst verschwinden die Menschen auf dem Platz ein wenig unter einem, dann die Autos, schließlich verändert sich die gesamte Perspektive. Das geschäftige Brüssel wird plötzlich stiller. Dächer schieben sich ins Blickfeld, Straßenzüge werden zu Linien und die Stadt breitet sich wie ein großes Modell vor den Augen aus.

Genau darin liegt für mich der Reiz von „The View“. Es geht gar nicht um Geschwindigkeit oder Nervenkitzel. Es ist das Gegenteil. Das Riesenrad zwingt einen geradezu zur Langsamkeit. Man sitzt in der Gondel und schaut. Mehr muss man nicht tun.

Insgesamt besitzt das 55 Meter hohe Rad 42 Gondeln. Auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität können die Attraktion nutzen. Doch Zahlen erzählen nur einen kleinen Teil dieses Erlebnisses.

Denn oben beginnt die Suche nach vertrauten Punkten. Irgendwo am Horizont taucht das Atomium auf, auch die mächtige Basilika von Koekelberg lässt sich entdecken. Unter einem liegen die Marollen mit ihrem Gewirr aus Häusern und Straßen. Und plötzlich versteht man ein wenig besser, wie Brüssel aufgebaut ist – diese manchmal chaotisch wirkende, widersprüchliche und gerade deshalb so faszinierende Stadt.

Besonders schön stelle ich mir die Fahrt am Abend vor, wenn die Sonne langsam verschwindet und in den Straßen die Lichter angehen. Dann wird auch „The View“ selbst Teil der Inszenierung: Nach Einbruch der Dunkelheit ist das Riesenrad farbig beleuchtet und prägt damit selbst die Brüsseler Skyline. Ich bin allerdings mittag auf dem Ding gefahren.

Vielleicht ist das überhaupt das Schönste an einem Riesenrad: Man steigt dort unten als Tourist ein – und für einige Minuten wird man zum stillen Beobachter.

Brüssel liegt einem zu Füßen. Der Lärm bleibt unten. Der Blick wandert über Dächer, Türme und Fassaden bis weit an den Horizont. Für einen kurzen Moment scheint diese lebhafte europäische Metropole beinahe ruhig zu werden.

Und irgendwann geht es wieder hinunter. Die Häuser werden größer, die Menschen auf dem Place Poelaert bekommen wieder Gesichter, die Geräusche der Stadt kehren zurück. Die Gondel erreicht den Boden und Brüssel hat einen wieder. Nur der Blick auf die Stadt ist danach ein anderer.

„The View“ ist deshalb für mich weniger ein klassisches Fahrgeschäft als ein kleiner Perspektivwechsel. Eine gute Gelegenheit, Brüssel nicht nur zu besuchen, sondern die Stadt für ein paar Minuten von oben zu betrachten – und vielleicht ein kleines bisschen neu zu entdecken.