Archive for the ‘Musik’ Category

Meine Vinyl-Käufe im April

5. Mai 2026

Vinyl erlebt seit Jahren ein Comeback, weil Schallplatten für viele Menschen mehr sind als nur ein Tonträger. Wer Vinyl kauft, entscheidet sich bewusst für ein musikalisches Erlebnis: das große Cover, das Auflegen der Platte und das Hören eines Albums in Ruhe von Anfang bis Ende. Dazu kommt für viele der warme, direkte Klang, der als besonders authentisch empfunden wird. Schallplatten stehen deshalb nicht nur für Musik, sondern auch für Wertschätzung, Sammelleidenschaft und ein Stück entschleunigten Musikgenuss.

EPIC von Elvis Presley
EPIC“ ist weniger ein klassisches neues Elvis-Album als ein groß aufgezogener Sampler, der noch einmal zeigen soll, warum Presley bis heute so überlebensgroß wirkt. Die Stärke der Sammlung liegt in ihrer Wucht: Stimme, Präsenz und Spannbreite sind sofort da. Zwischen Rock’n’Roll, Ballade und Gospel wird hörbar, wie mühelos Elvis Stile wechseln konnte, ohne je beliebig zu klingen.


Gerade deshalb funktioniert „EPIC“ vor allem als Monument und weniger als Überraschung. Wer Elvis kennt, bekommt viele Gründe geliefert, ihn erneut zu bewundern; wer nach neuen Perspektiven sucht, findet eher Verdichtung als Entdeckung. Das Album lebt vom Mythos, aber es zeigt auch sehr konkret, warum es diesen Mythos gibt: wegen dieser markanten Stimme, der Mischung aus Lässigkeit und Pathos und einer Präsenz, die selbst Jahrzehnte später nicht verblasst.
Unterm Strich ist „EPIC“ eine wirkungsvolle, massentaugliche Elvis-Schau — nicht unbedingt für die feine Neubewertung, aber stark darin, Größe, Vielseitigkeit und zeitlose Wirkung des Künstlers noch einmal eindrucksvoll hörbar zu machen.

Echoes vom Søren Bebe Trio
Echoes von Søren Bebe ist ein Jazzalbum, das seine Wirkung nicht aus demonstrativer Virtuosität bezieht, sondern aus Ruhe, Klarheit und jener seltenen Kunst, Stille musikalisch fruchtbar zu machen. Das Album erschien 2019 als Werk des Søren Bebe Trio und umfasst zehn Stücke mit einer Laufzeit von ungefähr 45 Minuten. In Rezensionen und den offiziellen Albumangaben wird es als besonders fein austariertes, melodisches und bewegendes Trio-Album beschrieben.

Gerade darin liegt die große Stärke dieser Platte. Echoes drängt sich nie auf, sondern entfaltet sich langsam, fast beiläufig, und gewinnt genau dadurch Tiefe. Das Trio spielt mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit zusammen; All About Jazz hebt hervor, wie sehr die Musiker seit Jahren aufeinander eingespielt sind und sich in der melodischen Entwicklung beinahe vorausahnend begegnen. Diese Form des Zusammenspiels hört man dem Album an: Nichts wirkt forciert, nichts effekthascherisch, alles bleibt im Fluss.

Die Kompositionen von Søren Bebe sind dabei der eigentliche Kern des Albums. Stücke wie „Alba“, „Alone“ oder „New Beginning“ zeigen laut der All-About-Jazz-Besprechung sehr unterschiedliche Seiten des Albums: romantische Melodik, innere Wärme, aber auch Momente eines freieren, rhythmisch bewegteren Zugriffs. Genau diese Balance macht Echoes reizvoll. Das Album bleibt insgesamt lyrisch und introspektiv, kippt aber nie in Belanglosigkeit oder bloße Hintergrundmusik.

Als Kritik im eigentlichen Sinn lässt sich sagen: Wer von modernem Jazz scharfe Brüche, wilde Experimente oder demonstrative Dramatik erwartet, wird Echoes vielleicht als zu zurückhaltend empfinden. Das Album sucht nicht den Schock, sondern die Vertiefung. Seine Sprache ist leise, sein Ausdruck fein ziseliert. Doch gerade in dieser Beschränkung liegt seine Qualität. Echoes vertraut auf Melodie, Atmosphäre und Präzision, nicht auf äußeren Effekt. Dadurch besitzt es eine fast meditative Kraft, die weit über den Moment des Hörens hinaus nachwirkt. Diese Wirkung spiegelt sich auch in den positiven offiziellen Hörerstimmen wider, die das Album als bewegend, zart und ungewöhnlich zugänglich beschreiben.

Unterm Strich ist Echoes ein sehr elegantes, reifes und emotional klug gebautes Album. Es zeigt, wie überzeugend zeitgenössischer Klaviertrio-Jazz sein kann, wenn Technik nicht Selbstzweck bleibt, sondern ganz in den Dienst von Stimmung, Klang und innerer Bewegung gestellt wird. Søren Bebe gelingt hier kein lauter Wurf, sondern ein stiller, nachhaltiger. Gerade deshalb ist Echoes ein Album, das man nicht nur hört, sondern in das man sich allmählich hineinbegibt.

Live On Air 1988 von Bob Dylan und Neil Young
Als Kritik lässt sich sagen: „Live On Air 1988“ lebt weniger von perfektem Klang oder editorischer Sorgfalt als von seinem historischen Reiz. Das Material dokumentiert Dylan in einer Phase des Umbruchs und zeigt mit Neil Young einen prominenten Mitstreiter, der der Aufnahme zusätzliches Gewicht verleiht. Solche Veröffentlichungen sind in erster Linie keine ausgefeilten Live-Alben im klassischen Sinn, sondern Fundstücke für Hörer, die Atmosphäre, Zeitkolorit und den raueren Charakter eines Konzertmitschnitts schätzen. Discogs führt das Release ausdrücklich als inoffizielle Veröffentlichung bzw. Radio-Broadcast.

Gerade darin liegt zugleich Stärke und Schwäche der Platte. Der Reiz entsteht aus der Unmittelbarkeit: Man hört kein glatt poliertes Produkt, sondern ein Dokument eines bestimmten Moments. Die Tracklists der gelisteten Editionen zeigen ein stark Dylan-geprägtes Programm mit Stücken wie „Subterranean Homesick Blues“, „Absolutely Sweet Marie“, „Masters of War“, „Gates of Eden“ und „Maggie’s Farm“. Das macht die Aufnahme vor allem für Fans interessant, die Dylan nicht nur in seinen kanonischen Studiofassungen hören wollen, sondern in seiner lebendigen, wandelbaren Bühnenform.

Künstlerisch wirkt das Material vor allem dann überzeugend, wenn man es als Momentaufnahme und nicht als definitive Live-Aussage hört. Der Bootleg-Charakter bringt naturgemäß Einschränkungen mit sich: Klang, Zusammenstellung und dramaturgischer Fluss erreichen meist nicht das Niveau offiziell kuratierter Konzertalben. Dafür entsteht eine gewisse Rauheit, die bei Dylan durchaus ihren eigenen Wert hat. Seine Auftritte gewinnen oft gerade dann, wenn sie nicht geschniegelt, sondern kantig, wetterfest und ein wenig spröde wirken. Neil Young verstärkt diesen Eindruck noch, weil sein Name sofort eine Aura von Authentizität, Erdigkeit und Rock-Folk-Wucht mitbringt.

Unterm Strich ist „Live On Air 1988“ kein Meisterwerk im Sinne eines großen offiziellen Livealbums, wohl aber ein reizvolles Sammlerstück für Dylan- und Young-Hörer mit Sinn für historische Konzertdokumente. Wer exzellenten Sound und definitive Versionen sucht, wird hier eher Vorbehalte haben. Wer hingegen den Charme des Unfertigen, die Energie des Augenblicks und das Gefühl einer archivierten Rockgeschichte schätzt, kann an dieser Veröffentlichung durchaus Gefallen finden.

Wake of the Flood von Grateful Dead
Wake of the Flood von den Grateful Dead ist ein Album, das innerhalb der Bandgeschichte eine besondere Stellung einnimmt. Es erschien 1973 als sechstes Studioalbum der Gruppe und war zugleich das erste Album auf dem bandeigenen Label Grateful Dead Records. Damit markiert es einen Einschnitt: Die Band trat künstlerisch und organisatorisch selbstbewusster auf und löste sich ein Stück weit aus den üblichen Strukturen des Musikgeschäfts. Offizielle Band- und Labelquellen beschreiben das Album deshalb ausdrücklich als Werk einer Übergangsphase, geprägt von Neuaufbruch, Wachstum und Selbstständigkeit.


Musikalisch zeigt Wake of the Flood die Grateful Dead in einer reiferen, offeneren und klanglich beweglicheren Form. Nach den stark amerikanisch geprägten Vorgängern wie Workingman’s Dead und American Beauty wirkt dieses Album freier, fließender und stellenweise deutlich jazziger. Gerade diese Mischung aus Folk, Rock, Country, Improvisationsgeist und eleganterem Songwriting macht den besonderen Reiz aus. Die Band selbst beschreibt diese Phase rückblickend als ein Abbiegen weg von der reinen Americana-Richtung hin zu einem breiteren, progressiveren Klangbild.

Zugleich steht das Album für eine personelle und emotionale Übergangszeit. Es war das erste Studioalbum nach dem Tod des Gründungsmitglieds Ron “Pigpen” McKernan und entstand in einer Besetzung, in der Keith und Donna Godchaux das Klangbild entscheidend mitprägten. Dadurch bekam die Musik mehr Wärme, mehr melodische Offenheit und eine neue Leichtigkeit, ohne den typischen Charakter der Band zu verlieren. Rhino nennt das Album deshalb ein Dokument von Wandel, Ausdauer und Optimismus.

Besonders wichtig sind auch die einzelnen Stücke. Zu den bekanntesten Songs des Albums zählen „Eyes of the World“, „Mississippi Half-Step Uptown Toodeloo“ und „Stella Blue“. Diese Titel wurden nicht nur zu festen Größen im Kosmos der Grateful Dead, sondern zeigen auch exemplarisch, wie stark die Band auf Wake of the Flood Melodie, Rhythmus und offene Strukturen miteinander verbindet. Offizielle Veröffentlichungen zum Album heben genau diese Stücke immer wieder hervor.
Rückblickend gilt Wake of the Flood vielen als eines der feinsten und stimmungsvollsten Studioalben der Grateful Dead. Es ist vielleicht kein lautes oder spektakuläres Album, aber gerade in seiner Gelassenheit, seiner klanglichen Eleganz und seiner inneren Beweglichkeit liegt seine Größe. Es zeigt eine Band, die nach Verlusten und Umbrüchen nicht stehenbleibt, sondern neue Formen findet. Dadurch wirkt das Album bis heute wie ein stiller, aber sehr bedeutender Aufbruch in eine neue Phase der Grateful-Dead-Geschichte.

Murderock von Keith Emerson
„Murderock“ ist kein Emerson-Album, das man nach den Maßstäben von ELPs symphonischem Prog bewerten sollte. Gerade darin liegt aber seine interessante Spannung: Emerson schreibt hier keine monumentale Keyboard-Architektur, sondern eine funktionale, filmische Musik, die sich stark an den urbanen Dance-, Synth- und Thriller-Sound der frühen 1980er anlehnt. Das Ergebnis ist ein Werk, das weniger durch kompositorische Größe als durch Atmosphäre, Rhythmus und stilistische Anpassungsfähigkeit überzeugt.

Die Stärke des Albums liegt vor allem in seiner Zeitgebundenheit. Stücke wie „Tonight Is Your Night“ oder der Titelsong sind durch und durch 80er-Jahre-Musik: synthetisch, kühl, pulsierend, teilweise fast geschniegelt. Genau das verleiht dem Soundtrack heute einen eigentümlichen Reiz. Emerson verbindet Club-Ästhetik, Suspense und melodische Eingängigkeit zu einem Sound, der das Milieu des Films — Tanzschule, Großstadt, Körper, Bedrohung — sehr direkt abbildet. Als atmosphärisches Produkt seiner Epoche funktioniert das Album daher erstaunlich gut.
Zugleich ist das seine größte Schwäche. Wer von Emerson die eruptive Kühnheit von „Tarkus“, die harmonische Opulenz von „Brain Salad Surgery“ oder auch die infernalische Wucht seines „Inferno“-Scores erwartet, wird hier eher Ernüchterung erleben. „Murderock“ wirkt streckenweise wie ein Auftragswerk, das bewusst an Trends andockt, statt sie zu übersteigen. Manche Motive bleiben eher Skizzen als voll ausgearbeitete Kompositionen; einige Passagen funktionieren im Filmkontext besser als isoliert auf Albumlänge. Als eigenständiges Hörerlebnis hat die Platte deshalb Längen.

Gerade diese funktionale Zersplitterung ist typisch für Soundtracks, aber bei Emerson fällt sie besonders auf, weil seine stärksten Arbeiten meist von struktureller Dramatik und virtuoser Stringenz leben. Auf „Murderock“ dominiert dagegen oft das Pattern, der Groove, die klangliche Oberfläche. Das ist handwerklich sauber und stellenweise ausgesprochen charmant, aber eben selten überwältigend. Man hört einen großen Musiker, der sich diszipliniert in den Dienst eines Genres stellt — nicht unbedingt einen, der seine schöpferischen Grenzen austestet.

Trotzdem sollte man das Album nicht vorschnell als Nebensache abtun. In seiner Mischung aus Italo-Thriller, New-Wave-Kälte und tanzbarer Nervosität besitzt „Murderock“ einen eigenen Kultwert. Es ist eines jener Emerson-Werke, die weniger von Größe als von Kuriosität und Stilgefühl leben. Wer die Schnittstelle zwischen Prog-Musiker, Genrekino und 80er-Sounddesign spannend findet, entdeckt hier ein faszinierendes Seitenstück seiner Karriere.

„Murderock“ ist kein zentrales Meisterwerk Keith Emersons, aber ein hörenswerter, eigentümlich reizvoller Soundtrack. Seine Qualitäten liegen in Atmosphäre, Zeitkolorit und kultiger Eigenart; seine Schwächen in der kompositorischen Uneinheitlichkeit und der Nähe zum modischen 80er-Produktionsstil. Kritisch gewürdigt ist es also eher ein interessantes Randwerk als ein großer Wurf — aber gerade als Randwerk ein sehr aufschlussreiches.

Wagner: Tannhäuser (1961) unter Franz Konwitschny
Die 1961 erschienene „Tannhäuser“-Aufnahme unter Franz Konwitschny ist eine der markanten deutschsprachigen Wagner-Einspielungen ihrer Zeit. Sie entstand im Oktober 1960 in Berlin mit dem Orchester der Staatsoper Berlin; zu den zentralen Solisten gehören Hans Hopf als Tannhäuser, Elisabeth Grümmer als Elisabeth, Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram und Gottlob Frick als Landgraf. Es handelt sich um die Dresdner Fassung.

Künstlerisch liegt die große Stärke dieser Einspielung in Konwitschnys dramatischem Zugriff. Er macht aus „Tannhäuser“ kein bloß feierliches Monument, sondern ein Musikdrama mit Zug, Spannung und innerer Glut. Die Tempi wirken häufig straff, aber nie gehetzt; vielmehr entsteht der Eindruck eines Dirigenten, der die Konflikte der Oper – Sinnlichkeit, Reue, Erlösungssehnsucht – in klaren musikalischen Linien formt. Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung dieser Aufnahme: Sie verbindet theatralische Energie mit einem sehr deutschen, kernigen Wagner-Ton. Ein zeitgenössischer Kritikeindruck beschreibt Konwitschnys Deutung als „weicher und delikater“ in manchen Passagen, zugleich aber im Venusberg auch deutlich bewegt und vorwärtsdrängend.

Die Besetzung ist insgesamt hochkarätig. Hans Hopf bringt für die Titelpartie das nötige heldische Format mit: kein eleganter Schönsänger, sondern ein Tannhäuser mit Metall, Attacke und dramatischer Entschlossenheit. Das passt sehr gut zu Konwitschnys eher geradliniger, zupackender Lesart. Elisabeth Grümmer ist dagegen eine Idealbesetzung für Elisabeth: leuchtend, nobel, innig und von einer fast schwerelosen Reinheit des Tons. Dass gerade Szenen aus dieser Aufnahme später in Sänger-Editionen besonders hervorgehoben wurden, spricht für die Qualität ihres Beitrags. Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram bringt Wortdeutlichkeit, Formbewusstsein und kultivierte Linienführung ein; sein Wolfram ist vielleicht weniger warmherzig als bei manch anderem, dafür psychologisch scharf konturiert. Gottlob Frick sorgt mit seinem schwarzen, autoritativen Bass für Gravität.

Gerade diese Mischung macht die Aufnahme reizvoll: Sie ist nicht luxuriös im modernen Sinn, aber musikalisch außerordentlich konzentriert. Sie hat Profil, Charakter und stilistische Geschlossenheit. Wo spätere Aufnahmen oft auf orchestralen Glanz oder klangliche Opulenz setzen, überzeugt Konwitschny eher durch dramatische Logik und Ensemblekultur. Man hört eine Wagner-Tradition, die aus dem Theater kommt und weniger aus dem Tonstudio.

Natürlich hat die Aufnahme auch Grenzen. Die Klangtechnik stammt aus einer anderen Epoche; gegenüber späteren Referenzen wirkt der Klang heute nicht immer voll ausgeleuchtet oder räumlich großzügig. Wer eine audiophile, farbensatte Wagner-Aufnahme sucht, wird eher zu späteren Produktionen greifen. Auch vokal ist nicht alles makellos im rein schönen Sinn: Hopfs Stimme etwa beeindruckt mehr durch Kraft und Wahrhaftigkeit als durch mühelose Eleganz. Aber genau das gehört hier fast schon zum ästhetischen Mehrwert. Diese „Tannhäuser“-Einspielung will nicht geschniegelt erscheinen, sondern wahr, direkt und dramatisch zwingend.

Konwitschnys „Tannhäuser“ von 1961 ist keine bequeme Luxusaufnahme, sondern eine große Charakteraufnahme. Ihre Vorzüge liegen in der packenden Leitung, der starken Ensembleleistung und einer unverwechselbaren Wagner-Tradition zwischen Theaterwucht und musikalischer Disziplin. Wer Wagner vor allem als lebendiges Drama hören will, findet hier eine hochrangige, bis heute eindrucksvolle Deutung. Wer dagegen primär perfekten Klang und vokale Makellosigkeit sucht, wird sie eher als historisch bedeutend denn als letzte Referenz empfinden.

Wagner: Der fliegende Holländer von Karl Böhm
Die Aufnahme von „Der fliegende Holländer“ aus Bayreuth 1971 unter Karl Böhm gehört zu den markanten Wagner-Mitschnitten dieser Zeit. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt der Bayreuther Festspiele 1971 mit Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele; in den Hauptrollen singen Thomas Stewart als Holländer, Gwyneth Jones als Senta, Karl Ridderbusch als Daland, Hermin Esser als Erik, Sieglinde Wagner als Mary und Harald Ek als Steuermann. Veröffentlicht wurde die Aufnahme zunächst als 3-LP-Box, später auch auf CD bei Deutsche Grammophon.

Musikalisch ist diese Einspielung vor allem wegen Böhms Zugriff interessant. Sein Wagner ist hier nicht schwerfällig oder mystisch aufgeladen, sondern eher direkt, straff und dramatisch zugespitzt. Gerade beim „Holländer“ passt das sehr gut, weil die Oper von innerer Unruhe, Sturm, Vorwärtsdrang und plötzlichen Spannungsentladungen lebt. Mehrere Besprechungen heben genau diese Energie hervor: Böhm treibe die Musik mit Nachdruck voran, setze auf klare Linien und kräftige dramatische Höhepunkte.

Besonders geschätzt wird häufig Thomas Stewart in der Titelrolle. Sein Holländer wirkt stimmlich markant, ausdrucksstark und textdeutlich, also weniger als bloß finstere Sagenfigur, sondern als sehr präsente, dramatisch aufgeladene Gestalt. Auch Karl Ridderbusch bringt als Daland viel Profil mit. Bei Gwyneth Jones als Senta gehen die Urteile etwas stärker auseinander: Sie wird als intensive, engagierte Sängerin wahrgenommen, zugleich gibt es Stimmen, die in dieser Aufnahme nicht alles ideal finden. Gerade das macht den Mitschnitt aber interessant, weil er nicht geschniegelt wirkt, sondern die Live-Spannung Bayreuths hörbar macht.

Für Wagner-Freunde ist dieses Album deshalb vor allem ein Dokument einer bestimmten Bayreuth-Ästhetik der frühen 1970er Jahre: großes Theater, starke Stimmen, ein berühmter Dirigent und ein Zugriff, der eher auf dramatische Wirkung als auf klangliche Schönfärberei setzt. Wer den „Fliegenden Holländer“ in einer packenden, zügigen und sehr theaternahen Lesart hören möchte, findet hier eine wichtige Aufnahme

Wagner: Tannhäuser von Karl Elmendorff
Das Album „Tannhäuser“ von den Bayreuther Festspielen 1930 unter Karl Elmendorff ist vor allem ein bedeutendes historisches Dokument der frühen Wagner-Aufnahmekultur. Es handelt sich um Wagners Oper in der Pariser Version von 1861, eingespielt mit dem Bayreuther Festspielchor und dem Bayreuther Festspielorchester; aufgenommen wurde das Ganze im August 1930 im Bayreuther Festspielhaus. In den Hauptpartien sind Sigismund Pilinszky als Tannhäuser, Maria Müller als Elisabeth, Ruth Jost-Arden als Venus, Herbert Janssen als Wolfram und Ivar Andrésen als Landgraf Hermann zu hören.

Interessant ist diese Einspielung vor allem, weil sie einen sehr direkten Eindruck von der Bayreuth-Tradition der Zwischenkriegszeit vermittelt. Karl Elmendorff steht hier für einen zupackenden, klar strukturierten Wagner-Stil, der weniger auf klangliche Üppigkeit als auf dramatischen Zug und theatralische Zuspitzung setzt. Gerade bei „Tannhäuser“ funktioniert das gut, weil die Oper ständig zwischen sinnlicher Verführung, religiöser Innigkeit und großer öffentlicher Szene wechselt. Man hört also keine glatte Studioperfektion im modernen Sinn, sondern eher ein spannungsreiches, historisch geprägtes Musiktheaterdokument.
Auch die Besetzung macht die Aufnahme bemerkenswert. Maria Müller war eine der wichtigen Wagner-Sopranistinnen ihrer Zeit, und Herbert Janssen bringt als Wolfram große Noblesse und stilistische Geschlossenheit mit. Sigismund Pilinszky in der Titelrolle wirkt aus heutiger Sicht vielleicht nicht immer makellos, aber gerade das gehört zum Reiz solcher historischen Aufnahmen: Sie zeigen starke Sängerpersönlichkeiten, nicht bloß schönpolierte Stimmen. Dazu kommt mit Erna Berger als junger Hirt noch ein klanglich besonders interessanter Name.

Natürlich muss man das Album mit dem Ohr für historische Aufnahmen hören. Der Klang ist technisch durch die Zeit begrenzt und weit entfernt von späteren Bayreuth-Mitschnitten. Aber genau darin liegt auch sein Wert: Diese 1930er Aufnahme gehört zu den frühen erhaltenen Bayreuth-Dokumenten aus einer Zeit, aus der insgesamt nur wenige vollständige Tondokumente überliefert sind. Für Wagner-Freunde und Sammler ist dieser „Tannhäuser“ deshalb weniger eine luxuriöse Klangaufnahme als vielmehr ein faszinierendes Zeugnis der Aufführungsgeschichte auf dem Grünen Hügel.

Buchtipp: The Making of Pink Floyd: The Wall

16. April 2026

Auch wenn sich Roger Waters nicht zu seinem Vorteil entwickelt hat, mag ich seine alte und neue Musik. Ich gebe zu, ich bevorzuge seine Phase bei Pink Floyd sehr und höre jetzt wieder verstärkt die Musik des Doppelalbums The Wall. Dabei lese ich das Buch the Making of Pink Floyd The Wall von Gerald Scarfe.

Ich hatte noch die deutsche Ausgabe des Buches im Archiv, das 2011 bei Edel erschienen ist. The Wall ist mehr als nur ein für mich geniales Album. Es ist auch der grandiose Kinofilm von Alan Parker, das noch grandiosere Konzertereignis – The Wall ist ein Gesamtkunstwerk. Und natürlich ist nicht alles auf dem Mist von Roger Waters gewachsen. Er hat Künstler wie Gerald Scarfe an seiner Seite, die seine Visionen der Isolation eindrucksvoll visualisieren konnten. Gerald Scarfe war ein guter Kumpel von Nick Mason, David Gilmour und natürlich auch von Waters. Und eben dieser Gerald Scarfe zeichnet in seinem Buch die visuelle Entstehungsgeschickte von The Wall in all seinen Phasen nach. Für Pink Floyd-Fans ist das Buch ein Leckerbissen, ein wunderbares Coffee table-Buch zum Angeben und Genießen.

Der Text ist gut und flüssig zu lesen. Die Aufmachung ist einfach klasse. Der weiße Schriftzug ist mit dicker Farbe gedruckt, so als sei der Meister selbst mit Deckfarbe über den Schutzumschlag gegangen. Die Erzählungen des Autors, die immer konzentriert am Thema bleiben und informativ dicht und damit kurzweilig zu lesen sind, werden von Kommentaren ergänzt, die die Macher von The Wall bei der Durchsicht des Buchentwurfs gemacht haben. Die Abbildungen sind hochwertig, sowohl von den Fotographien her, als auch durch den Abdruck der Unmengen von Zeichnungen. Auch die Überschriften der einzelnen Kapitel sind in der Gerald Scarfe’schen Schrift in deutsch übernommen worden. Wer sich für die internen Querelen der Band interessiert, die mit The Wall an allen Ecken und Enden aufflammten, erfährt hier fast mehr als in Nick Masons „Inside Out“. Allerdings wird auch hier vermieden, detailierter darauf einzugehen. Es geht halt um The Wall, den Versuch, die Pink Floyd Musik filmisch zu ergänzen.

Das Buch beginnt schon Mitte der 1970iger Jahre(!), weil da Gerald Scarfe bereits begann für Pink Floyd zu arbeiten. Es gibt interessante Statemants zum Trickfilm und den Schwierigkeiten den Trickfilm von der „Disney-Putzigkeit“ zu etablieren. Insofern kann ich mir vorstellen, dass das Buch auch für jene interessant sein könnte, die mit Pink Floyd selbst gar nicht so viel am Hut haben.
Umfassend wird die Entstehunggeschichte der Show und des (Kino-)Films beschrieben. Das Buch erzählt die Wall-Geschichte einschließlich der Wiederaufführung durch Roger Waters 2010/2011.

Gerald Scarfes Buch kann auch für jene interessant sein, die selber mit Tinte und Farbe zu Werke gehen. Allein seine Art zu zeichen, mit diesesr rasenden Strichführung, hat mich begeistert. Darüber hinaus werden auch die Umsetzungen der Zeichnungen in die Filme, als auch die Konstruktion der riesigen Bühnenpuppen beschrieben. Bilder, wo sie bemalt werden, sind genauso dabei, wie Fotos von Pappmodellen der Filmkulissen.
Die Zeichnungen sind fantastisch (im Sinne von eine schier tobenden Fantasie) sie sind irre (im Sinne seiner zeichnerischen Qualitäten, aber auch im Sinne dessen, was sie darstellen.) Manchmal wird es eklig, bleibt aber immer genial…

Ich bin begeistert. Sowohl als Pink Floyd Fan als auch als Liebhaber schön gemachter Bücher. Als Kunstinteressierter ebenso wie jemand, der es faszinierend findet, wie andere ihren Weg gehen und ihre Ideen umzusetzen vermögen.

Es war immer schwer, wirklich brauchbare Informationen über Gerald Scarfe und seine Arbeiten an „The Wall“ zu finden. Dieses Buch ist für Interessierte an Scarfe’s Anteil an dem Erfolg von „The Wall“ ein Quell ewiger Freude. Wirklich dick und randvoll mit Zeug. Für mich gehört das Buch in das Regal von jedem Pink Floyd Fan.

Zwischen Verehrung und Zweifel: Die Wagner-Büste auf dem Grünen Hügel

6. April 2026

Die Bayreuther Festspiele feiern dieses Jahr ihren 150. Geburtstag. Grund genug, dass ich mal wieder auf den Grünen Hügel vorbeischaute. Wie jedes Mal schaute ich mir die berühmte Büste des Komponisten vor dem Festspielhaus an und machte mir so meine Gedanken. Ich liebe Wagner als Musiker, lehne ihn aber als Politiker ab. Bei näheren Betrachten habe ich so meine Zweifel an der Büste.

Die Wagner-Büste von Arno Breker auf dem Grünen Hügel in Bayreuth gehört zu jenen Kunstwerken, an denen sich Glanz, Mythos und historische Belastung des Festspielorts auf besondere Weise verdichten. Sie steht im Park vor dem Festspielhaus und zeigt Richard Wagner in einer idealisierenden, repräsentativen Form, wie sie für Brekers Porträtkunst typisch ist; Bildnachweise und Ortsangaben verorten die Bronze ausdrücklich im Festspielpark beziehungsweise nahe dem Festspielhaus, die Entstehung wird mit 1986 angegeben.

Als plastisches Denkmal will die Büste den Festspielgründer ehren und die Aura des Ortes unterstreichen. Zugleich trägt sie aber die Handschrift eines Künstlers, dessen Name untrennbar mit der Kunstpolitik des Nationalsozialismus verbunden ist. Arno Breker war einer der prominentesten Bildhauer des NS-Staates und wurde von Adolf Hitler besonders gefördert; gerade deshalb wird seine Wagner-Büste in Bayreuth von mir nicht nur als Huldigung an den Komponisten wahrgenommen, sondern immer auch als geschichtspolitisch aufgeladenes Objekt.

So steht die Büste heute weniger einfach als dekoratives Denkmal im Park, sondern eher als stiller Prüfstein für den Umgang Bayreuths mit seiner eigenen Vergangenheit. Wer auf dem Grünen Hügel an ihr vorbeigeht, sieht nicht nur das Gesicht Richard Wagners, sondern begegnet zugleich einer schwierigen Erinnerungsschicht deutscher Kulturgeschichte: dem Nachleben eines Komponistenmythos, der Verehrungskultur von Bayreuth und der Frage, wie mit Werken eines politisch schwer belasteten Künstlers im öffentlichen Raum umzugehen ist. Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung dieser Büste: Sie ist nicht bloß ein Porträt, sondern ein Symbol für die Spannungen zwischen Kunst, Erinnerung und Geschichte am wohl berühmtesten Opernort Deutschlands.

Meine Vinyl-Käufe im März

31. März 2026

Ich kaufe kaum noch CD, aber dafür mehr Vinyl für meine drei Braun-Player und der März hat wieder einiges auf Vinyl gebracht. Hier die Einkäufe.

The Rainbow Concert von Eric Clapton
Ich habe Konzertkarten für dieses Jahr und höre mir die alten Scheiben an, „Eric Clapton’s Rainbow Concert“ ist weniger ein makellos gespieltes Livealbum als ein dokumentierter Wendepunkt – und genau darin liegt seine Faszination. Aufgenommen im Januar 1973 im Londoner Rainbow Theatre, markiert das Konzert Claptons Rückkehr aus einer jahrelangen, heroingeschuldeten Versenkung; sein Freund Pete Townshend stellte ihm dafür eine All-Star-Band zur Seite, von Steve Winwood bis Ronnie Wood. Man hört dem Material diese Ausnahmesituation deutlich an: Die Band klingt stellenweise ad hoc und überladen, der Groove ist nicht immer straff, manche Nummer wirkt eher schleppend als präzise – Kritiker sprechen zu Recht von „sloppy“ Momenten und einer gewissen Schwere durch „zu viele Köche“.


Gleichzeitig hat das Album eine emotionale Spannung, die vielen technisch besseren Clapton-Liveplatten fehlt: In Stücken wie „Layla“, „Little Wing“ oder „Presence of the Lord“ mischen sich Unsicherheit, Melancholie und eruptive Energie zu einem eigenwilligen, dunklen Rock-Tonfall, den der „Rolling Stone“ einmal als „gigantischen Schwermut“ beschrieben hat. „Rainbow Concert“ eignet sich daher weniger als Einstiegsalbum in Claptons Werk, ist aber als historisches Dokument und als Momentaufnahme eines Künstlers am Rand und auf dem Weg zurück höchst hörenswert – gerade weil die Brüche nicht geglättet werden, sondern im Sound offen zutage treten.

Frankenstein von Alexandre Desplat
Alexandre Desplats Soundtrack zu Frankenstein ist keine laute Horrormusik, sondern ein erstaunlich elegisches, oft fast melancholisches Album. Desplat schrieb die Musik für Guillermo del Toros Netflix-Film, der am 7. November 2025 erschien; schon im Vorfeld hatte er angekündigt, eher auf Lyrik, Emotion und die Verletzlichkeit der Kreatur als auf bloße Schockeffekte zu setzen. Genau das hört man dieser Partitur an:

Statt billiger Dramatik entfaltet sie einen langen, düsteren Sog, der Trauer, Sehnsucht und Größe miteinander verbindet. Besonders stark ist, wie die Musik die tragische Seite der Geschichte betont und dem Monster mehr Menschlichkeit verleiht als viele Dialoge. Manchmal ist der Score in seiner Laufzeit sehr ausufernd, doch gerade in seinen besten Momenten wirkt er wie ein dunkles, romantisches Gegenstück zu Desplats feineren Arbeiten der vergangenen Jahre. Ein atmosphärisch dichter, kluger und emotional überraschender Soundtrack, der Frankenstein nicht als Schauerstück, sondern als Tragödie begreift.

King of the Delta Blues Singers von Robert Johnson

„King of the Delta Blues Singers“ ist mehr als nur ein Blues-Album – es ist ein musikalisches Gründungsdokument. Die 1961 veröffentlichte Zusammenstellung machte Robert Johnson, der zu Lebzeiten kaum über den Kreis von Blueskennern hinaus bekannt war, posthum zu einer Legende. Und obwohl die Aufnahmen aus den Jahren 1936 und 1937 stammen, besitzen sie bis heute eine verstörende Unmittelbarkeit.

Was dieses Album so besonders macht, ist zunächst Johnsons Fähigkeit, mit wenigen Mitteln eine ungeheure Intensität zu erzeugen. Seine Gitarre klingt nie bloß begleitend, sondern wie ein zweiter Erzähler: treibend, klagend, nervös, manchmal fast gespenstisch. Dazu kommt seine Stimme, die nicht geschniegelt oder schön sein will, sondern rau, drängend und voller innerer Spannung wirkt. Johnson singt nicht einfach den Blues – er verkörpert ihn.
Stücke wie „Cross Road Blues“, „Hellhound on My Trail“ oder „Love in Vain“ bündeln alles, was den Mythos Robert Johnson ausmacht: die Erfahrung von Verlust, Rastlosigkeit, Begehren, Angst und Verlorenheit. Seine Songs wirken oft wie Momentaufnahmen eines Lebens am Rand, voll dunkler Vorahnung und existenzieller Unruhe. Gerade darin liegt ihre enorme Kraft. Hier wird nichts ausgestellt oder romantisiert; diese Musik klingt, als sei sie direkt aus einer inneren Not heraus entstanden.
Natürlich muss man hören, dass es sich nicht um ein modernes Studioalbum handelt. Die Klangqualität ist spröde, teils kratzig, die Aufnahmen sind technisch begrenzt. Doch das ist kein Makel, sondern Teil der Wirkung. Die rohe Aufnahmeweise verstärkt die Direktheit dieser Musik sogar noch. Wer sich darauf einlässt, hört schnell nicht mehr die historische Distanz, sondern nur noch Ausdruck, Rhythmus und emotionale Wucht.
Beeindruckend ist auch, wie stark dieses Album nachgewirkt hat. Ganze Generationen von Rock- und Bluesmusikern haben hier eine Art Urtext entdeckt. Trotzdem lebt „King of the Delta Blues Singers“ nicht nur von seinem Einfluss oder seinem Ruf, sondern vor allem von der Qualität der Songs selbst. Diese Lieder stehen nicht unter Denkmalschutz – sie leben.

„Neu!“ von Neu!
Mit „Neu!“ veröffentlichte das Düsseldorfer Duo Michael Rother und Klaus Dinger 1972 ein Debütalbum, das bis heute wie ein Gegenentwurf zur herkömmlichen Rockmusik wirkt. Während viele Bands ihrer Zeit auf Virtuosität, Bombast oder psychedelische Überladung setzten, suchten Neu! nach Reduktion, Wiederholung und hypnotischer Wirkung. Genau daraus bezieht dieses Album seine eigentümliche Größe.


Schon der eröffnende Longtrack „Hallogallo“ ist legendär: ein stoischer, fließender Beat, dazu schimmernde Gitarren und eine Atmosphäre, die zugleich kühl, frei und fast schwerelos wirkt. Der berühmte „Motorik“-Rhythmus, für den Neu! später berühmt wurde, treibt den Song nicht einfach nur voran – er erzeugt einen Sog. Man hört kein klassisches Rockstück, sondern eher eine Bewegung, ein endloses Fahren, ein Schweben nach vorn. Das ist Musik, die weniger erzählt als einen Zustand erzeugt.
Überhaupt ist „Neu!“ kein Album, das mit traditionellen Songstrukturen beeindrucken will. Viele Stücke wirken wie Skizzen, Versuche oder Klangideen, doch genau das macht seinen Reiz aus. „Sonderangebot“, „Weissensee“ oder „Im Glück“ zeigen, wie stark Neu! mit Stimmung arbeiten: mal verspielt und entrückt, mal spröde und fast mechanisch, dann wieder überraschend zart. Besonders faszinierend ist dabei die Spannung zwischen Mensch und Maschine – einerseits wirkt vieles kontrolliert, repetitiv und fast industriell, andererseits steckt in diesen Aufnahmen etwas Improvisiertes, Rohes und sehr Körperliches.
Nicht jedes Stück entfaltet dieselbe Kraft. Manche Passagen klingen fragmentarisch oder bewusst unfertig, was Hörerinnen und Hörer, die klare Melodien oder klassische Dramaturgie erwarten, auf Distanz halten kann. Doch gerade diese Offenheit gehört zum Konzept. Neu! wollten keine gefällige Platte machen, sondern einen neuen musikalischen Raum öffnen. Das gelingt ihnen eindrucksvoll.
Der größte Verdienst von „Neu!“ liegt vielleicht darin, wie modern dieses Album noch immer klingt. Zahlreiche spätere Strömungen – von Post-Punk über Ambient bis Indie und Elektronik – haben hier hörbar Anleihen genommen. Dennoch wirkt die Platte nicht wie ein bloßes historisches Dokument, sondern lebendig, frisch und eigensinnig.

The B-52s – die Kollektion
Die B-52s sind weit mehr als nur eine schrille Popband der späten 70er- und 80er-Jahre. Sie stehen für einen ganz eigenen Sound, für Mut zur Exzentrik und für die Kunst, aus Spaß, Stil und Anderssein etwas Dauerhaftes zu machen. Während viele Gruppen ihrer Zeit klar einem Genre zuzuordnen waren, schufen die B-52s eine unverwechselbare Mischung aus New Wave, Surf, Punk, Dance und Pop. Ihre Musik klang verspielt, futuristisch und zugleich herrlich schräg — und gerade darin lag ihre Stärke.
Mit Songs wie „Rock Lobster“, „Private Idaho“, „Love Shack“ oder „Roam“ bewies die Band, dass Pop nicht geschniegelt und glatt sein muss, um erfolgreich zu sein. Die B-52s machten das Abseitige tanzbar und das Skurrile massentauglich. Ihr Markenzeichen waren nicht nur eingängige Melodien, sondern auch die theatralischen Stimmen, der trockene Humor und eine Ästhetik, die mit Camp, Retro-Charme und bewusstem Übermaß spielte.
Zugleich waren die B-52s kulturell bedeutend, weil sie früh einen Raum eröffneten für Individualität, queere Ausdrucksformen und künstlerische Freiheit, ohne daraus je ein starres Programm zu machen. Sie wirkten leichtfüßig, aber nie belanglos. Hinter der bunten Oberfläche steckte eine Haltung: Man darf anders sein, laut sein, verspielt sein — und genau darin liegt oft die größte kreative Kraft.
Dass die Band trotz persönlicher Verluste, insbesondere nach dem Tod von Gitarrist Ricky Wilson, weiter Bestand hatte, verleiht ihrer Geschichte zusätzliche Tiefe. Die B-52s blieben nicht bloß eine stilvolle Kuriosität, sondern wurden zu einer der prägenden Popformationen ihrer Zeit. Ihr Werk erinnert daran, dass Musik nicht nur Gefühle ausdrücken, sondern auch Räume öffnen kann — für Freude, Freiheit und Fantasie.

Nina Simone at Town Hall von Nina Simone
Mit Nina Simone at Town Hall (1959) festigt Nina Simone ihren Ruf als außergewöhnliche Grenzgängerin zwischen Jazz, Klassik, Folk und Blues. Das Live-Album, aufgenommen in der Town Hall in New York, zeigt sie auf dem frühen Höhepunkt ihrer Karriere – selbstbewusst, technisch brillant und emotional kompromisslos.

Besonders eindrucksvoll ist „Black Is the Color of My True Love’s Hair“: Simone verwandelt das schlichte Traditional in ein dramatisches Kunstlied, getragen von ihrem klassisch geschulten Klavierspiel. Auch „The Other Woman“ besticht durch kühle Intensität und erzählerische Tiefe. Ihre Stimme wirkt nie gefällig, sondern stets wahrhaftig – rau, dunkel, kontrolliert.

Die Live-Atmosphäre bleibt dabei erstaunlich intim. Man hört keine effekthascherische Show, sondern eine Künstlerin, die ganz in ihren Interpretationen aufgeht. Nina Simone at Town Hall ist weniger ein Konzertmitschnitt als ein künstlerisches Statement: konzentriert, ernsthaft und von zeitloser Eleganz.

Søren Bebe Trio – Gratitude
Das neunte Studioalbum des Søren Bebe Trios, Gratitude, erschienen im Januar 2026, ist eine meisterhafte Hommage an die nordische Jazztradition – lyrisch, atmosphärisch und von tiefer Dankbarkeit gegenüber Musik und Stille geprägt. Das Trio aus Pianist Søren Bebe, Bassist Kasper Tagel und Drummer Knut Finsrud, seit 2007 ein eingespieltes Gespann, destilliert hier seine Essenz in neun Tracks mit einer Gesamtlänge von rund 39 Minuten.


Gratitude atmet die klare, unhurried Nordic-Jazz-Ästhetik, die an ECM-Klassiker und Ensembles wie das Tord Gustavsen Trio erinnert: besonnene Melodien, viel Raum für Atempausen und eine Balance aus Intimität und Tiefe. Die Musik ist kitschfrei, spirituell ohne Religiöses, geprägt von fein ziselierten Klangforschungen, bei denen Anschwellen und Verklingen ebenso zählen wie der Ton selbst – ein warmer Impetus gegen winterliche Kälte. Kritiker loben die telepathische Empathie der Musiker und die pristine Produktion von August Wanngren.

Leave Home von The Ramones
Leave Home (1977) zeigt die Band auf dem Höhepunkt ihrer frühen Explosivität: schneller, schärfer und noch kompromissloser als das Debüt. Die Songs sind kurz, laut und direkt, getragen von knochentrockenen Gitarrenriffs, simplen Schlagzeugbeats und der unverwechselbaren Stimme von Joey Ramone. Klassiker wie Pinhead oder „Gimme Gimme Shock Treatment“ verbinden eingängige Hooks mit rotziger Attitüde und machen das Album zu einem Paradebeispiel für die rohe Essenz des frühen Punk. Trotz minimaler musikalischer Mittel besitzt die Platte eine mitreißende Energie, die bis heute frisch und rebellisch klingt.

Filmkritik: EPiC: Elvis Presley in Concert

6. März 2026

Es gibt Momente im Kino, in denen die Zeit stillzustehen scheint – und „EPiC: Elvis Presley in Concert“ ist genau so ein Moment. Wer den Kinosaal betritt, verlässt ihn als ein anderer Mensch, tief berührt von einer Kraft, die man längst vergessen glaubte, weil man sie schlicht nie so erlebt hatte: Elvis Presley, der King of Rock’n’Roll, lebendig, atemberaubend, unendlich nah. Ich habe mir den Film im Scala Fürstenfeldbruck mit meiner Frau angesehen und wir waren absolut geflasht.


Regisseur Baz Luhrmann, der mit seinem oscarnominierten Biopic „Elvis“ von 2022 bereits bewies, wie tief er in die Seele dieses einzigartigen Künstlers vorzudringen vermag, hat diesmal etwas noch Kühneres gewagt – und ist dabei auf etwas gestoßen, das man fast als kinematografisches Wunder bezeichnen kann.

Während der Dreharbeiten zu seinem Biopic entdeckte Luhrmann in den Warner-Bros.-Archiven über 59 Stunden lang verschollen geglaubtes Filmmaterial aus Elvis‘ legendärer Las-Vegas-Residenz im Jahr 1970 sowie seltene 16-mm-Aufnahmen aus dem damaligen Konzertfilm „Elvis on Tour“ und kostbare Super-8-Schätze aus dem Graceland-Privatarchiv. Das Material war ohne Ton – ein Hindernis. Doch Luhrmann ließ sich nicht aufhalten. Gemeinsam mit seinem langjährigen Cutter Jonathan Redmond und dem technischen Wizardkollegen Peter Jackson, der bereits die Beatles mit „Get Back“ aus dem Archivstaub auferstehen ließ, arbeitete das Team mehr als zwei Jahre daran, Bild und Ton mit modernster Technik zu restaurieren, zu synchronisieren und aufzubereiten. „There’s not a frame of AI in this film“, betonte Luhrmann ausdrücklich – und genau das macht diesen Film so unglaublich aufrichtig und so ehrfurchtgebietend.

Das Ergebnis ist ein 90-minütiges Kinoerlebnis, das sich keinem klassischen Genre zuordnen lässt. Es ist kein Konzertfilm. Es ist keine Dokumentation. Es ist – wie Luhrmann selbst sagt – „etwas völlig Neues im Elvis-Kanon“, das weder Grenzen noch Schubladen kennt, sondern beides miteinander verwirkt zu einem facettenreichen, zutiefst menschlichen Porträt. Dazu trägt eine wiederentdeckte 45-minütige Audioaufnahme ganz wesentlich bei: Elvis selbst erzählt darin seine Geschichte – in seinen eigenen Worten, mit seiner eigenen Stimme, intim und ungefiltert. Man hört ihn sprechen, lachen, nachdenken – und man spürt: Dieser Mensch war weit mehr als das Klischee, zu dem ihn die Popgeschichte oft gemacht hat.

Was „EPiC“ so erschütternd schön macht, ist die Unmittelbarkeit. Kein sprechendes Archivkopf, kein erklärender Off-Kommentar stört den Fluss des Films, wie Kritiker zu Recht bewundernd anmerkten. Nach rund 20 Minuten hebt der Film ab – und dann fliegt er einfach, getragen von Elvis‘ Stimme, die in nie zuvor gehörter Tonqualität durch den Kinosaal strömt wie ein physisches Erlebnis. Man sieht ihn in Proben mit seiner Kernband, entspannt und albern und voller Lebensfreude, und dann auf der Bühne des International Hotel in Las Vegas, wo er mit jeder Geste die Welt in Besitz nimmt. Hinzu kommen Performances aus dem Jahr 1972 auf Tour und die legendären Aufnahmen im goldenen Jackett aus Hawaii von 1957 – ein überwältigendes Zeitpanorama eines Künstlers, der in jeder Sekunde brennt.

Das Publikum weltweit hat reagiert. Beim Toronto International Film Festival feierte „EPiC“ im September 2025 seine Weltpremiere, und Anfang Januar 2026, zum 91. Geburtstag von Elvis Presley, rückte der Film ins weltweite Scheinwerferlicht. Am 20. Februar 2026 startete er zunächst für eine Woche exklusiv im IMAX, bevor er am 27. Februar in alle Kinos weltweit kam. Und wer die Chance hat, ihn auf einer großen Leinwand zu sehen – am besten im IMAX, wie Luhrmann es ausdrücklich empfiehlt –, der sollte diese nicht versäumen. Denn „EPiC“ ist mehr als ein Film. Es ist eine Begegnung. Eine, nach der man mit einem leisen, unerklärbaren Vermissen aus dem Kino geht – als hätte man gerade jemanden verloren, den man eigentlich nie kennen durfte, aber durch diese 90 Minuten auf einmal doch gekannt hat.

Meine Vinyl-Käufe im Februar

1. März 2026

Der Februar war ein ruhiger Monat. Ich musste/durfte viel Arbeiten und hörte Musik. Aber beim Kauf von Vinylplatten habe ich mich im Monat Februar zurückgehalten. Hier meine Auswahl.

Lofi: City Pop 2
„Lofi City Pop 2“ ist eine entspannte Klangreise, die den nostalgischen Charme des japanischen City-Pop der 70er- und 80er-Jahre mit modernen Lo-Fi-Beats verbindet. Warme Synthesizerflächen, weiche Basslinien und zurückgelehnte Rhythmen schaffen eine atmosphärische Mischung aus Retro-Groove und chilliger Studioproduktion. Die Stücke wirken wie musikalische Postkarten aus einer neonbeleuchteten Großstadtnacht und eignen sich perfekt zum Abschalten, Arbeiten oder nächtlichen Durchstreifen gedanklicher Großstadtlandschaften.

Ramones – Live at CBGB, 1977
Das Vinyl „Live at CBGB, 1977“ der Ramones ist ein eindrucksvolles Zeitdokument aus der Frühphase des Punkrock und fängt die rohe Energie der legendären Auftritte der Band im New Yorker Club CBGB ein. Die Aufnahme transportiert die ungeschliffene Direktheit, für die die Ramones berühmt wurden: rasend schnelle Songs, minimalistische Akkordfolgen und Joey Ramones markante Stimme, die zwischen Melodie und rotziger Attitüde pendelt. Anders als spätere, technisch perfektere Liveproduktionen lebt dieses Album gerade von seinem rauen Klangbild – man hört das Publikum, das Dröhnen der Verstärker und die dichte Atmosphäre des kleinen Clubs, in dem der Punk praktisch geboren wurde.

Das Konzert zeigt die Band in Höchstform, als sie noch am Beginn ihres Mythos stand und Songs wie „Blitzkrieg Bop“, „Beat on the Brat“ oder „Now I Wanna Sniff Some Glue“ mit kompromissloser Geschwindigkeit durchjagte. Gerade für Sammler und Vinyl-Liebhaber besitzt diese Pressung besonderen Reiz, weil sie nicht nur Musik enthält, sondern ein akustisches Stück Musikgeschichte: den Sound einer Band, die mit drei Akkorden und Lederjacken eine kulturelle Revolution auslöste.

„Der Traum Von Asgard“ von Reinhard Lakomy

Mit dem Album „Der Traum Von Asgard“ schuf Reinhard Lakomy ein vielschichtiges Werk zwischen Rock, elektronischen Klängen und erzählerischem Konzept. Das Album entfaltet eine märchenhaft-fantastische Atmosphäre, die von poetischen Texten und sorgfältig arrangierten Kompositionen getragen wird. Lakomy verbindet eingängige Melodien mit experimentellen Elementen und schafft so eine Klangwelt, die gleichermaßen verspielt wie nachdenklich wirkt.
Besonders hervorzuheben ist die dichte Produktion: Synthesizerflächen, rhythmische Passagen und ruhige Zwischentöne greifen ineinander und erzeugen einen fast cineastischen Eindruck. Die Stücke wirken wie Kapitel einer zusammenhängenden Geschichte und laden zum konzentrierten Hören ein. Dabei gelingt Lakomy der Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und emotionaler Zugänglichkeit.

„Der Traum Von Asgard“ ist weniger ein Album für nebenbei als vielmehr ein atmosphärisches Gesamterlebnis. Es zeigt Reinhard Lakomy als kreativen Grenzgänger, der musikalische Fantasie und erzählerische Tiefe überzeugend verbindet. Reinhard Lakomy war ein deutscher Musiker, Komponist und Entertainer, der vor allem durch seine vielseitigen Werke zwischen Rock, Elektronik und Kinderliedern bekannt wurde. Er prägte die Musikszene der DDR mit experimentellen Konzeptalben ebenso wie mit beliebten Hörspielen und Kinderproduktionen. Lakomy galt als kreativer Grenzgänger, der musikalische Fantasie mit erzählerischem Anspruch verband und bis heute als einflussreicher Künstler erinnert wird. „Der Traumzauberbaum“. ist eines der bekanntesten Kinderalben von Reinhard Lakomy und erschien 1980. Die Mischung aus Liedern und Hörspiel machte es zu einem Klassiker der deutschsprachigen Kindermusik, der bis heute generationenübergreifend beliebt ist.

Oxymoreworks von Jean-Michel Jarre
Mit Oxymoreworks erweitert Jean-Michel Jarre das Klanguniversum von „Oxymore“ um eine Reihe von Remixen und Neuinterpretationen. Das Album versteht sich als offenes Projekt, bei dem verschiedene Produzenten Jarres elektronische Motive aufgreifen und in cluborientierte, teils experimentelle Richtungen weiterdenken.

Im Mittelpunkt stehen treibende Beats, klare rhythmische Strukturen und eine moderne elektronische Ästhetik. Die Remixe verleihen den ursprünglichen Kompositionen zusätzliche Energie und verschieben den Fokus stärker auf Tanzbarkeit und Sounddesign. Gleichzeitig bleibt die charakteristische Atmosphäre von Jarres Vorlage erhalten.

„Oxymoreworks“ ist weniger ein klassisches Album als eine kreative Plattform für elektronische Variationen. Es richtet sich vor allem an Hörer, die zeitgenössische Club- und Elektronikmusik schätzen, und zeigt, wie flexibel Jarres Klangideen interpretiert werden können.

Vom Protest zur Klage: Wie Dylan und Springsteen Amerika den Spiegel vorhalten

8. Februar 2026

Als Bruce Springsteen bei seinem ersten Auftreten als Zukunft des Rock’n Roll bezeichnet wurde, sahen viele in ihn den Nachfolger von Bob Dylan. Das war natürlich Nonsens, aber dieser Gedanke kam mir wieder, als ich seinen Song Streets of Minneapolis hörte. Das Lied entstand kurz nach der ICE-Schüssen in Minneapolis und wurde in 19 Ländern Nummer eins bei den iTunes-Charts. Dieser Ohrwurm in Form eines Protestsongs erinnerte mich dann doch wieder an den frühen Bob Dylan der Bürgerrechtsbewegung. Ich dachte an das Lied The Lonesome Death of Hattie Carroll.

Was für ein schönes, trauriges Paar von Liedern das ist: Auf der einen Seite Dylan, der 1963 den Mord an Hattie Carroll akribisch dokumentiert und in eine balladenhafte, fast protokollarische Form bringt, die das amerikanische Klassen‑ und Rassensystem vorführt wie einen Angeklagten im Zeugenstand. Auf der anderen Seite Springsteen, der 2026 in Streets of Minneapolis die Tötungen von Alex Pretti und Renée Good durch ICE‑ und CBP‑Beamte aufgreift und daraus einen wütenden, hymnischen Protestsong macht, der direkt „King Trump“, seine „Privatarmee“ und den „Staatsterror“ gegen Migrantinnen und Migranten adressiert.

Beiden Liedern gemeinsam ist, dass sie nicht „über“ Politik reden, sondern konkrete Körper und konkrete Tode in den Mittelpunkt stellen: Hattie Carroll, die Hotelangestellte, die von William Zantzinger erschlagen wird und deren Tod von einem milden Urteil entwertet wird; Alex Pretti und Renée Good, die im Winter ’26 im Schneematsch von Minneapolis liegenbleiben, während die offizielle Darstellung der Behörden von Handyvideos widerlegt wird. Dylan arbeitet mit der strengen Form der Erzählballade und treibt den Hörer immer wieder mit „now ain’t the time for your tears“ vor sich her, bis die Farce des Urteils offenliegt; Springsteen setzt auf den kollektiven Refrain „We’ll remember the names of those who died / On the streets of Minneapolis“ und verwandelt individuelle Trauer in eine singbare Bürgerrechts‑Litanei, die aus der Menge kommen könnte.

Interessant ist, wie stark Streets of Minneapolis Dylans Tradition bewusst aufnimmt und ins Heute zieht: Die ersten Zeilen über „winter’s ice and cold“ und eine „city aflame“ unter „an occupier’s boots“ knüpfen an das klassische Protestsong‑Vokabular an, während die direkte Anklage gegen ICE, DHS und „Miller and Noem‘s dirty lies“ die Zurückhaltung früherer Springsteen‑Texte hinter sich lässt. Gleichzeitig bleibt seine Erzählweise zutiefst springsteensche Empathiearbeit: Die Stadt hat ein „heart and soul“, das „through broken glass and bloody tears“ weiterlebt, die Stimmen der Demonstrierenden („ICE out“) werden zum moralischen Zentrum, nicht der Sänger selbst. Dylans Lied, das aus der Perspektive eines empörten, aber distanzierten Beobachters den Fall Carroll aufrollt, und Springsteens Song, der mitten in der heißen Gegenwart einer traumatisierten Stadt steht, wirken wie zwei Kapitel derselben langen Geschichte von amerikanischem Unrecht – nur dass das zweite Kapitel ausdrücklich zeigt, dass Dylans alte Warnungen nicht Geschichte geworden sind, sondern Gegenwart.

Meine Vinyl-Käufe im Januar

1. Februar 2026

Vinyl zu lieben heißt, Musik nicht nur zu hören, sondern sie zu berühren, zu sehen und zu riechen. Man zieht die Platte vorsichtig aus der Hülle, spürt das Gewicht in den Händen, betrachtet das große Cover wie ein kleines Kunstwerk und legt sie behutsam auf den Teller. Dann senkt sich die Nadel, ein leises Knistern erfüllt den Raum – und genau in diesem Moment fühlt es sich an, als würde die Zeit kurz langsamer werden. Jede Rille trägt nicht nur Klänge, sondern Erinnerungen: an Nächte mit Freunden, an einsame Stunden im Halbdunkel, an das Suchen und Finden einer lang gesuchten Scheibe auf dem Flohmarkt. Vinyl ist mehr als ein Tonträger – es ist ein bewusstes Ritual in einer Welt, in der Musik oft nur im Hintergrund läuft; ein kleines Versprechen, sich hinzusetzen, zuzuhören und der Musik wieder den Platz zu geben, den sie verdient.

Dracula und Frankenstein von James Bernard
James Bernard hat mit seinen Soundtracks zu Dracula (1958) und Frankenstein (ab The Curse of Frankenstein, 1957) die musikalische Identität des klassischen britischen Horrorfilms entscheidend geprägt. Seine Kompositionen für die Hammer-Studios sind weit mehr als bloße Begleitmusik – sie sind dramatische Triebkräfte, emotionale Kommentatoren und psychologische Verstärker des Grauens.

Besonders berühmt ist Bernards Dracula-Thema, das seinen eigenen Namen musikalisch buchstabiert („DRA-CU-LA“). Mit scharf akzentuierten, aufsteigenden und abfallenden Intervallen und aggressiven Blechbläsern schafft Bernard eine Musik, die den Vampir nicht mystifiziert, sondern frontal angreift: bedrohlich, unerbittlich und von archaischer Gewalt. Das Orchester wirkt wie ein zusätzlicher Antagonist, der den Zuschauer in einen Zustand permanenter Anspannung versetzt. Bernards Musik gibt Dracula eine klangliche Körperlichkeit – sie lässt ihn schon erscheinen, bevor er überhaupt im Bild ist.

Im Frankenstein-Zyklus wählt Bernard einen anderen, subtileren Ansatz. Hier dominiert weniger das eruptive Grauen als vielmehr eine tragische Grundhaltung. Die Musik spiegelt das zentrale Motiv der Reihe wider: Hybris, Schuld und das Leiden der Kreatur. Bernard arbeitet mit düsteren Streicherflächen, schweren Harmonien und einer fast elegischen Melancholie, die Frankensteins Monster nicht als bloße Bedrohung, sondern als Opfer menschlicher Überheblichkeit erscheinen lässt. Die Musik verleiht der Figur Würde – und dem Schrecken eine zutiefst menschliche Dimension.

Charakteristisch für Bernard ist sein kompromissloser Stil: keine Zurückhaltung, kein atmosphärisches „Hintergrundrauschen“, sondern klare Themen, harte Kontraste und eine fast opernhafte Dramatik. Er nimmt den Horror ernst – und erhebt ihn durch Musik zur Tragödie. Damit unterscheidet er sich deutlich von vielen zeitgenössischen Filmmusiken, die Angst eher andeuten als ausformulieren.

James Bernards Soundtracks zu Dracula und Frankenstein sind bis heute Referenzwerke des Horror-Genres. Sie haben den Klang des filmischen Grauens neu definiert und Generationen von Komponisten beeinflusst. Ohne Bernards Musik wären diese Filme nicht nur weniger furchteinflößend – sie wären auch weniger bedeutend.

The Nightmare Before Christmas Glow Edition von Danny Elfman
Huhu, die Platten leuchten im Dunkeln. Mit dem Soundtrack zu The Nightmare Before Christmas hat Danny Elfman eines der geschlossensten und eigenständigsten Werke der Filmmusikgeschichte geschaffen. Dieses Album ist weit mehr als die Begleitmusik zu einem Animationsfilm – es ist ein durchkomponiertes Gothic-Musical, ein düsteres Märchen in Tönen, das auch ohne Bilder vollständig funktioniert.

Elfman greift tief in die Trickkiste des klassischen Hollywood-Musicals, verbindet diese jedoch mit Burton’scher Morbidität, Jahrmarkt-Melodik und expressionistischer Schärfe. Bereits das eröffnende „This Is Halloween“ etabliert die ästhetische Leitlinie des Albums: scharf konturierte Bläser, marschartige Rhythmen, kinderliedhafte Motive, die jederzeit ins Bedrohliche kippen können. Die Musik tanzt auf dem schmalen Grat zwischen Grusel und Vergnügen – und macht genau daraus ihren Reiz.
Zentral ist das Thema um Jack Skellington, dessen innere Zerrissenheit Elfman mit großer melodischer Eleganz einfängt. „Jack’s Lament“ gehört zu den stärksten Charakterstudien der Filmmusik: melancholisch, selbstironisch, getragen von einer Melodie, die gleichermaßen Broadway und Gruft atmet. Elfmans Entscheidung, Jack selbst zu singen, verleiht dem Werk zusätzliche Authentizität – Komponist und Figur verschmelzen.

Orchestrierung und Arrangement sind bis ins Detail ausgearbeitet. Streicher, Blech, Orgel, Chor und Perkussion greifen präzise ineinander, ohne je überladen zu wirken. Elfman versteht es meisterhaft, Leitmotive zu variieren und wieder aufzugreifen, sodass das Album trotz seiner stilistischen Vielfalt stets geschlossen bleibt. Selbst scheinbar leichte Nummern wie „What’s This?“ tragen eine unterschwellige Unruhe in sich.

Bemerkenswert ist, wie zeitlos dieser Soundtrack wirkt. Während viele Filmmusiken ihrer Entstehungszeit verhaftet bleiben, hat The Nightmare Before Christmas eine eigene musikalische Welt geschaffen, die sich jeder Mode entzieht. Das Album funktioniert als Hörspiel, als Musical, als Pop-Statement – und als dunkles Weihnachtsalbum jenseits von Kitsch und Sentimentalität.
The Nightmare Before Christmas ist ein Ausnahmealbum: verspielt, düster, emotional und handwerklich brillant. Danny Elfman beweist hier nicht nur sein Talent als Filmkomponist, sondern als vollwertiger Musical-Autor mit unverwechselbarer Handschrift. Ein Werk, das man nicht nur zur passenden Jahreszeit hört – sondern immer dann, wenn man sich an der Grenze zwischen Licht und Schatten bewegen möchte.

fiction world von Jahrund
Die elektronische Musik von Jahrund ist von einer warmen, pulsierenden Energie geprägt, gespeist aus der Faszination für die Geheimnisse unseres Planeten und des unendlichen Weltraums. Ihre Texte verbinden astronomische Motive mit tiefen psychologischen und gesellschaftlichen Fragestellungen.

Die Stücke sind dramaturgisch sorgfältig aufgebaut, düster gefärbt und poetisch zugespitzt. Hörerinnen und Hörer tauchen mitten in diese Klangwelten ein und erleben die Geschichten aus der Perspektive der Hauptfigur. Vor allem aber ist Jahrund ein über lange Zeit gewachsenes musikalisches Mikrouniversum – ein konsequenter Ausdruck der inneren Welt, der Überzeugungen und Prinzipien der Künstler.

Kraftwerk: Random Access Memory
Kraftwerk spielten 1981 eine legendäre Konzertreihe in Paris, hauptsächlich im Club Captain Video (oft fälschlicherweise als Olympia angegeben) am 6. Juli, die zur Grundlage vieler beliebter Bootlegs wie „Random Access Memory“ wurde, und präsentierten Stücke von „Computer World“ mit Klassikern, wobei die Aufnahmen hohe Qualität und eine Mischung aus französischen und deutschen Titeln boten.

Anthology Collection (Ltd.12LP Box) von The Beatles
Die Beatles sind zurück! Die Anthology Collection handelt von der Geschichte der Beatles, erzählt von den Beatles selbst. Ab dem 21. November 2025 als 12LP Box und als 8CD Box erhältlich. Beide enthalten jeweils neue 2025er Mixes, Demos, Live Performances, Outtakes aus dem Studio und Songs, die bisher nie veröffentlicht wurden. All das als Remaster und mit Originalem Artwork sowohl als auch mit neuen Fotos der Band und besonderen Notizen.

Die vier Beatles-Anthology-Veröffentlichungen dokumentieren die Geschichte der Band aus erster Hand und geben tiefe Einblicke in ihren kreativen Prozess. Anthology 1 konzentriert sich auf die frühen Jahre von den Quarrymen bis 1964 und enthält viele rare Demos und Liveaufnahmen. Anthology 2 deckt die Phase 1965–1968 ab, in der sich die Beatles musikalisch radikal weiterentwickelten. Anthology 3 zeigt schließlich die späten Jahre bis zur Auflösung 1970 und erlaubt einen Blick hinter die Kulissen legendärer Studiosessions.

Warriors Code von Dropkick Murphys
11 Short Stories of Pain & Glory – oft auch unter dem zentralen Song Warriors Code wahrgenommen – ist ein wuchtiges, emotional aufgeladenes Album der Dropkick Murphys. Die Dropkick Murphys stammen aus Boston.Gegründet wurden sie 1996 in der stark irisch geprägten Arbeiterstadt – ein Hintergrund, der ihren Sound, ihre Texte und ihre klare Nähe zu Themen wie Zusammenhalt, Arbeiterkultur und Sport bis heute prägt. Die Band entstand aus der Bostoner Arbeiterklasse-Punkszene und wollte Punk-Rock mit irischer Folklore verbinden. Ihre Musik zeichnet sich durch energiegeladene Refrains, Dudelsack-Melodien und Chorgesang aus. Frontmann Ken Casey ist seit der Gründung die konstante kreative Kraft;

Die Band verbindet hier ihren rauen Celtic-Punk-Sound mit ungewohnt persönlichen Themen: Verlust, Stolz, Durchhaltewillen und Arbeiter-Mentalität. Warriors Code steht exemplarisch für den Ton der Platte – kämpferisch, hymnisch und zugleich melancholisch. Musikalisch bleibt vieles vertraut, doch die erzählerische Tiefe und der spürbare Ernst geben dem Album mehr Gravitas als manch früherer Veröffentlichung. Kein revolutionärer Neuanfang, aber ein kraftvolles, ehrliches Statement einer Band, die genau weiß, wofür sie steht.


Gram Parsons feat. Emmylou Harris – Live 1973
Gram Parsons gilt als eine der tragischsten und zugleich einflussreichsten Figuren der amerikanischen Musikgeschichte. Seine Songs verbinden Country, Folk und Rock zu einer emotional offenen, oft schmerzhaft ehrlichen Klangsprache. Parsons’ Stimme ist brüchig, nie perfekt, aber genau darin liegt ihre Glaubwürdigkeit. Seine Musik wirkt zeitlos, weil sie große Gefühle ohne Pathos erzählt – verletzlich, suchend und von einer melancholischen Schönheit, die bis heute nachhallt

Das Verhältnis zwischen Gram Parsons und Emmylou Harris war musikalisch außergewöhnlich eng und persönlich intensiv. Parsons entdeckte Harris 1971, förderte sie konsequent und machte sie zu seiner wichtigsten Duettpartnerin. Gemeinsam entwickelten sie einen harmonisch einzigartigen Country-Rock-Sound, geprägt von gegenseitigem Vertrauen und großer emotionaler Offenheit. Ob ihre Beziehung auch romantisch war, bleibt bewusst vage – sicher ist jedoch, dass Harris für Parsons kreative Muse und Seelenverwandte war. Nach seinem frühen Tod bewahrte sie sein musikalisches Erbe und machte es zu einem zentralen Teil ihrer eigenen Karriere.

Solaris von Cliff Martinez
Der Soundtrack zu Solaris von Cliff Martinez ist eine schwebende, zutiefst introspektive Klanglandschaft. Mit minimalistischen Synthesizern, sanften Pulsationen und kaum greifbaren Melodien erschafft Martinez eine Musik, die weniger begleitet als vielmehr atmet. Die Stücke wirken entrückt, melancholisch und emotional distanziert – und genau darin liegt ihre Kraft. Der Score spiegelt Themen wie Erinnerung, Verlust und unerreichbare Nähe wider, ohne sie auszuformulieren. Statt dramatischer Akzente setzt Martinez auf Stille, Raum und Wiederholung, wodurch die Musik fast zeitlos erscheint und den Zuschauer in einen Zustand meditativer Unsicherheit versetzt.

Now Playing von Gram Parsons
Gram Parsons starb am 19. November 1973 im Alter von nur 26 Jahren an den Folgen einer Überdosis Alkohol und Drogen in einem Motel nahe des Joshua-Tree-Nationalparks. Sein Tod beendete abrupt das Leben eines Musikers, der Country, Folk und Rock nachhaltig geprägt hatte. Ebenso ungewöhnlich wie sein Leben waren die Umstände seiner Beerdigung: Parsons hatte sich gewünscht, im Joshua Tree verbrannt zu werden. Zwei Freunde entführten daraufhin seinen Leichnam vom Flughafen in Los Angeles, fuhren in die Wüste und versuchten, ihn dort auf einem Felsen zu verbrennen.

Zu einer Obduktion kam es nicht, da die Leiche, die zu seinem Stiefvater nach New Orleans überführt werden sollte, von seinem Manager Phil Kaufman auf dem Los Angeles International Airport gestohlen und am Cap Rock im Joshua-Tree-Nationalpark in der kalifornischen Mojave-Wüste verbrannt wurde. Angeblich erfüllte Kaufman damit den letzten Willen von Gram Parsons, der ein problematisches Verhältnis zu seiner Familie gehabt hatte.


Kaufman hatte unterschätzt, welche Mengen an Benzin man benötigt, um einen Leichnam zu verbrennen, sodass die Polizei nach der misslungenen Einäscherung am Cap Rock eine nur halb verbrannte Leiche vorfand und die Überreste dann nach New Orleans überführt wurden, wo sich heute das Grab von Gram Parsons findet. Da das kalifornische Recht den Diebstahl einer Leiche nicht regelte, wurde Kaufman lediglich für den Diebstahl des Sarges angeklagt.

Gram Parsons wurde schließlich – gegen seinen Willen – auf dem Friedhof in New Orleans beigesetzt. Das bizarre Ende verstärkte den Mythos um ihn und machte seine Geschichte zu einer der tragischsten und legendärsten der Rockmusik. Hier eine Best-off.

Peace von Eurythmics
Peace ist ein spätes, überraschend ruhiges Statement der Eurythmics. Annie Lennox und Dave Stewart verzichten hier weitgehend auf den kühlen Synth-Pop und die große Geste früherer Jahre und setzen stattdessen auf organischere Arrangements, Soul-, Gospel- und Rockeinflüsse. Der Sound wirkt wärmer, erwachsener und bewusst zurückgenommen.

Inhaltlich ist Peace deutlich politischer und gesellschaftskritischer als viele frühere Veröffentlichungen des Duos. Themen wie Krieg, Gewalt, Verantwortung und Menschlichkeit ziehen sich durch das Album, ohne dabei platt oder belehrend zu wirken. Annie Lennox’ Stimme steht klar im Mittelpunkt: eindringlich, kontrolliert und voller emotionaler Autorität. Songs wie die titelgebende Friedensbitte wirken eher nachdenklich als hymnisch, eher fragend als anklagend.

Peace ist kein Album für den schnellen Effekt oder nostalgische Erwartungen an alte Eurythmics-Hits. Es verlangt Aufmerksamkeit und Zeit, belohnt diese aber mit Tiefe und Ernsthaftigkeit. Gerade darin liegt seine Stärke: als reifes, reflektiertes Werk einer Band, die sich nicht wiederholen wollte, sondern Haltung zeigt – leise, konsequent und erstaunlich zeitlos.

The Devil Rides Out von James Bernard
The Devil Rides Out von James Bernard ist ein Musterbeispiel für atmosphärische Horrormusik der klassischen Hammer-Ära. Die Braut des Teufels ist ein 1967 entstandener, britischer Horrorfilm aus der Hammer Films-Produktion mit Christopher Lee in der Hauptrolle. Der Film basiert auf dem 1934 veröffentlichten Roman The Devil Rides Out von Dennis Wheatley.
James Bernard verzichtet weitgehend auf eingängige Melodien und setzt stattdessen auf scharfe Dissonanzen, drängende Streicherfiguren und bedrohliche Bläser, die eine permanente Spannung erzeugen. Die Musik wirkt weniger erzählerisch als beschwörend – fast wie ein akustisches Ritual, das den okkulten Kern des Films verstärkt.

Besonders eindrucksvoll ist Bernards Gespür für Dramaturgie: Der Score arbeitet mit abrupten Dynamikwechseln, dunklen Klangflächen und aggressiven Akzenten, die das Gefühl von Gefahr und Übernatürlichem konsequent aufrechterhalten. Dabei bleibt die Musik stets funktional im besten Sinne – sie dominiert nicht, sondern verdichtet die Bilder und verleiht ihnen eine unheimliche Schwere.

Als eigenständiges Hörerlebnis ist The Devil Rides Out kein leicht zugängliches Album, sondern fordert Aufmerksamkeit und Stimmung. Wer sich jedoch auf diese düstere Klangwelt einlässt, entdeckt eine kompromisslose, handwerklich brillante Filmmusik, die zeigt, warum James Bernard zu den prägendsten Horror-Komponisten seiner Zeit zählt.

The Fabelmans von John Williams
The Fabelmans (Original Motion Picture Soundtrack) von John Williams ist ein leises, zutiefst persönliches Werk innerhalb seines monumentalen Œuvres. Statt großer Themen und orchestraler Wucht setzt Williams hier auf Zurückhaltung, Intimität und emotionale Feinzeichnung. Die Musik begleitet nicht das Spektakel des Kinos, sondern dessen Ursprung: Erinnerung, Familie, erste Liebe zur Kunst und die schmerzhaften Brüche des Erwachsenwerdens.

Der Score ist geprägt von warmen Streichern, dezenten Holzbläsern und einer fast kammermusikalischen Transparenz. Viele Motive wirken skizzenhaft, bewusst unaufdringlich, als wollten sie den Bildern Raum lassen – und genau darin liegt ihre Stärke. Williams komponiert nicht auf Effekt, sondern auf Gefühl, oft mit melancholischer Grundierung und einem sanften nostalgischen Schimmer, der die autobiografische Ebene des Films sensibel widerspiegelt.

Als Album ist The Fabelmans kein klassischer „Williams-Hitparaden“-Score, sondern eine stille Erzählung in Tönen. Die Musik entfaltet ihre Wirkung weniger im einzelnen Stück als im Gesamtfluss. Sie wirkt wie ein Rückblick aus der Distanz: wehmütig, liebevoll, manchmal schmerzlich, aber nie sentimental. Gerade diese Zurückgenommenheit macht den Soundtrack zu einem der reifsten und menschlichsten Arbeiten von John Williams – ein spätes, berührendes Bekenntnis zur Magie des Kinos und zur Kraft der Erinnerung.

Three of a Perfect Pair von King Crimson
Three of a Perfect Pair ist das vielleicht widersprüchlichste Album von King Crimson – und genau darin liegt seine Stärke. Erschienen 1984, markiert es zugleich den Abschluss der sogenannten Discipline-Ära und einen inneren Bruch, der bewusst inszeniert ist.

Schon das Konzept ist Programm: Die Platte ist in zwei Hälften gedacht. Seite A präsentiert die „zugängliche“ Band – kantiger New Wave, nervöse Funk-Grooves, Songs mit klaren Strukturen. Stücke wie „Three of a Perfect Pair“ oder „Model Man“ wirken fast poppig, zumindest nach Crimson-Maßstäben. Adrian Belews Gesang ist emotional, manchmal verletzlich, manchmal ironisch gebrochen. Die Gitarren verzahnen sich präzise, fast mechanisch, während Tony Levins Bass (inklusive Chapman Stick) den Stücken einen elastischen Unterbau gibt.

Seite B dagegen ist sperrig, kühl und experimentell. Instrumentals wie „Industry“ oder „Dig Me“ klingen wie industrielle Skizzen: dissonant, fragmentiert, bewusst ungemütlich. Robert Fripps Gitarrenarbeit ist hier weniger melodisch als textural – Klangflächen, Reibung, kontrolliertes Chaos. Diese zweite Hälfte fordert Geduld, belohnt aber mit einer hypnotischen Konsequenz, die weit über konventionelles Rockdenken hinausgeht.

Produktionstechnisch ist das Album trocken und klar, typisch für die frühen Achtziger, ohne sich vollständig dem Zeitgeist anzubiedern. Gerade dieser leicht spröde Sound verstärkt den Eindruck von Kontrolle und Distanz – passend zur inneren Spannung der Platte.

Fazit: Three of a Perfect Pair ist kein sofortiger Klassiker wie Discipline, aber ein faszinierender Abgesang auf eine der innovativsten Phasen der Band. Es zeigt King Crimson als Gruppe, die sich selbst infrage stellt, statt sich zu wiederholen. Ein Album für Hörer, die Widersprüche aushalten – und darin Schönheit finden.

Ein Dreier-Unboxing: Luxury Liner (1977), Roses in the Snow (1980) und The Ballad of Sally Rose (1985) von Emmylou Harris
Luxury Liner (1977)

Solide Klassiker-Scheibe, die zeigt, wie Harris in den 70ern Country-Tradition und Americana-Spirit verband – zugänglich, melodisch und stimmungsvoll, wenn auch nicht so introspektiv wie spätere Werke.

Roses in the Snow (1980)
Dieses Album taucht tief in traditionellen Bluegrass und akustische Country-Formen ein. Harris interpretiert eine Mischung aus klassischen Bluegrass-Nummern, traditionellen Liedern und ausgewählten Covers (z. B. „The Boxer“ von Paul Simon) mit einer bemerkenswerten Mischung aus Authentizität, technischer Finesse und emotionaler Wärme.
Für viele Fans ein Klassiker ihrer frühen Jahre, der nicht nur ihre vokale Meisterschaft zeigt, sondern auch ihre Fähigkeit, traditionellen Americana-Stoff mit frischer Seele zu füllen – ehrlich, direkt und warm.

The Ballad of Sally Rose (1985)
Ein ungewöhnliches, sehr persönliches Werk in Harris’ Diskografie: Ein Country-Opern-Konzeptalbum, das ausnahmslos von ihr und Paul Kennerley geschrieben wurde – eine Seltenheit in ihrer Karriere und eine kreative Abkehr vom üblichen Interpretations-Album. Es erzählt lose die Geschichte einer Sängerin, deren Mentor und Liebhaber auf der Straße stirbt. Musikalisch bewegt sich das Album in klassischem Outlaw-Country mit Balladen und Up-Tempo-Nummern, und Harris’ Stimme bleibt dabei stets zutiefst ausdrucksstark.
Starkes Songwriting, hohe emotionale Dichte und musikalische Kohärenz machen dieses Album zu einer der persönlichsten und mutigsten Arbeiten Harris’ – auch wenn es kommerziell eher ein Nischenfall blieb.

Das sind die Bewertungssysteme bei Vinyl

5. Januar 2026

Wer wieder wie ich seine Vinyl-Scheiben auf den Plattenspieler legt und die Schallplatten second Hand nachkauft, wird oft mit kryptischen Abkürzungen konfrontiert, wie VG+/VG = Platte VG+, Cover VG. Zeit also für den Einsteiger, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, was diese Abkürzungen bedeuten.
Hier ist ein Spickzettel zu den gängigen Abkürzungen/Grading-Begriffen für gebrauchte Schallplatten (Vinyl). Wichtig: Es gibt zwei getrennte Bewertungen – Platte (Vinyl/Record) und Cover (Sleeve/Jacket).

Das wichtigste Bewertungssystem: Goldmine / Record Collector (Grading)

M / Mint (Minze)
• Bedeutung: absolut neuwertig – praktisch wie frisch aus dem Presswerk.
• Realität: Wird sehr selten korrekt vergeben. Viele Händler nutzen Mint zu großzügig.
• Bei Platte: keinerlei Spielspuren, keinerlei optische Mängel.
• Bei Cover: keine Knicke, keine Ringwear, keine Abnutzung.

NM / Near Mint (nahezu neuwertig)
• Bedeutung: fast wie neu, höchstens minimale Spuren.
• Platte: spielt in der Regel nahezu perfekt, höchstens ganz leichte, kaum hörbare Nebengeräusche in leisen Passagen.
• Cover: minimale Lagerspuren, keine starken Knicke/Abplatzungen.

EX / Excellent (häufig im UK-Umfeld)
• Oft ungefähr zwischen NM und VG+.
• Manche Händler nutzen EX statt NM.

VG+ / Very Good Plus
• Bedeutung: sehr guter Zustand, leichte Gebrauchsspuren sind okay.
• Platte: feine Hairlines/leichte Wischspuren möglich; geringes Knistern in ruhigen Stellen kann vorkommen, aber keine „Dauerstörung“.
• Cover: leichte Kantenabnutzung, kleine Knicke, evtl. leichte Ringwear.

VG / Very Good
• Bedeutung: sichtbar gebraucht, aber noch ordentlich hörbar/sammelbar.
• Platte: deutlichere Spuren; hörbares Knistern/leichte Knackser sind möglich, aber die Platte springt normalerweise nicht.
• Cover: deutliche Abnutzung, Ringwear, mehrere Knicke, evtl. kleinere Risse.

G / Good (oder G+)
• Bedeutung: „abgespielt“ – Sammlerzustand eher nicht, eher als Lückenfüller.
• Platte: deutliches Rauschen/Knistern, evtl. wiederkehrende Knackser, kann stellenweise stören.
• Cover: stark abgenutzt, Risse, Flecken, evtl. Beschriftungen.

F / Fair und P / Poor
• Bedeutung: sehr schlecht.
• Platte: kann springen, stark verzogen, tiefe Kratzer.
• Cover: praktisch kaputt.
• Eher nur interessant, wenn extrem selten und sehr günstig.

Zudem gibt es noch typische Schreibweisen in Angeboten
in shrink
• Platte/Album ist noch in der (originalen) Schutzfolie („Shrinkwrap“).
Das sagt nicht automatisch etwas über den Zustand der Platte aus, ist aber ein gutes Zeichen.
sealed
• verschweißt, ungeöffnet. (Achtung: Kann trotzdem Pressfehler haben.)
played once / unplayed
• „Einmal gespielt“ / „ungespielt“ – nette Info, aber nicht standardisiert.
1st press / first pressing
• Erstpressung (frühe Pressung). Oft begehrt.
RE / Reissue
• Wiederveröffentlichung.
RP / Repress
• Nachpressung (oft später, aber nicht zwingend „Reissue“ mit neuer Katalognummer).
OG
• Original (Originalausgabe).
Promo / DJ Copy
• Promoplatte (oft Stempel/Sticker). Kann rar sein.
Ltd / Limited
• limitierte Auflage.
Mono / Stereo
• Abmischung/Format.
Gatefold
• Klappcover.
OIS
• Original Inner Sleeve (Original-Innenhülle vorhanden).
OBI
• Japanische Veröffentlichungen: der Papierstreifen („Obi“) – wichtig für Sammler.

Und hier noch ein paar Abkürzungen/Begriffe zu typischen Mängeln
Optische / physische Themen (Platte)
• Hairlines: feine Oberflächenlinien (oft von Hülle), meist kaum hörbar.
• Scuffs: Wischspuren/Schrammen, können hörbar sein, müssen aber nicht.
• Marks: allgemeine „Spuren“.
• Scratches: Kratzer – eher kritisch, oft hörbar.
• Feelable scratch: fühlbarer Kratzer → meist deutlich hörbar.
• Warp / warped: verzogen (Welligkeit). Leicht kann ok sein, stark ist problematisch.
• Dish warp: „tellerförmig“ verzogen.
• Edge warp: Randwelle.
• DNAP / does not affect play
• „Beeinflusst das Abspielen nicht“ (Behauptung – trotzdem skeptisch prüfen).
• Plays VG+ / visually VG
• „Klingt besser als es aussieht“ oder „sieht so aus“. Gut, wenn getrennt angegeben.
• No skips
• Springt nicht (gut), heißt aber nicht: geräuschfrei.

Klang-/Abspielbegriffe
• Surface noise: Grundrauschen/Oberflächengeräusch.
• Crackle: feines Knistern.
• Pops: einzelne Knackser.
• Ticks: kleine, wiederkehrende Klicks.
• Background noise: Nebengeräusche.
• Plays through: läuft durch ohne zu springen.

Label / Mitte
• Spindle marks: Spuren am Label rund ums Loch (vom Auflegen).
• Center hole wear: Loch ausgeleiert.
• Off-center: Mittelloch nicht exakt → Ton „eiert“ (Pitch-Schwankung).

Cover-Themen
• Ringwear: „Abdruckring“ vom Vinyl am Cover.
• Corner wear / corner dings: Ecken bestoßen.
• Edge wear: Kantenabnutzung.
• Seam split: Naht aufgeplatzt (oben/unten/seitlich).
• Crease: Knickfalte.
• Cut-out: z. B. abgesägte Ecke/Lochung (Restposten-Markierung).
• Sticker / sticker residue: Aufkleber / Klebereste.
• Writing / name on cover: Beschriftung.
• Stamp: Stempel (z. B. Radio, Bibliothek).
• WC / water damage: Wasserschaden.
• Foxing: Stockflecken (bräunliche Punkte, v. a. bei Papier).

Und hier noch Kurz-Glossar: Häufige Abkürzungen auf einen Blick
• M Mint
• NM Near Mint
• VG+ Very Good Plus
• VG Very Good
• G / G+ Good / Good Plus
• F / P Fair / Poor
• OIS Original Inner Sleeve
• OBI Japanischer Obi-Streifen
• RE Reissue
• RP Repress
• OG Original
• Promo Promo/DJ Copy
• DNAP Does Not Affect Play

Meine Käufe von Vinyl-Schallplatten im Dezember

29. Dezember 2025

Vinyl ist für mich mehr als nur Musik. Es ist das leise Knistern vor dem ersten Ton, das schwere Cover in den Händen, das bewusste Auflegen der Nadel. Schallplatten zwingen mich zum Innehalten – kein Skippen, kein Nebenbei. Jede Platte erzählt eine Geschichte, nicht nur durch die Musik, sondern durch ihren Klang, ihre Patina, ihre Zeit. Vinyl ist für mich Nähe, Wärme und ein kleines Stück Entschleunigung in einer lauten Welt. Hier meine Käufe von Vinyl-Schallplatten im Dezember.

Akira von Shoji Yamashiro
Der Soundtrack zu Akira wurde komponiert von Shoji Yamashiro – Pseudonym von Tsutomu Ōhashi – und eingespielt vom musikalischen Kollektiv Geinoh Yamashirogumi. Schon bei der Planung des Films legten Regisseur und Komponist besonderen Wert auf Musik: Bevor auch nur ein einziger Frame animiert war, sollte der Klang „stehen“ – Musik war nicht nur Begleitung, sondern Teil der erzählerischen Architektur.
Was diesen Soundtrack so radikal machte, war seine Mischung aus scheinbar unvereinbaren Klangwelten. Yamashiro und Geinoh Yamashirogumi verbanden Elemente traditioneller indonesischer Gamelan-Musik, japanischer Nō-Musik, buddhistischer Choräle und westlicher, orchestraler Ansätze mit modernen elektronischen Synthesizern und experimentellen Klangformen. Heraus kam ein Sound, der ebenso archaisch wie futuristisch, ebenso spirituell wie apokalyptisch wirkt — perfekt für die dystopische Welt von Neo-Tokio, in der Akira spielt.
Wenn man den Film hört — etwa beim ikonischen Stück Kaneda — spürt man sofort den Herzschlag aus Stahl und Staub: donnernde Percussion, virile Bambus-Rhythmen und ein Chor, der zwischen Verwüstung und ekstatischem Aufruhr schwankt. Szenen anarchischer Jugend, rasender Motorräder und entfesselter Gewalt erhalten durch diese Musik eine monumentale Wucht. Sie sind nicht nur Bilder und Handlung — sie sind ein Klangereignis, ein Inferno aus Rhythmus, Körper und Klang.
Doch der Soundtrack kann auch andere Seiten – er schafft düstere Intensität, seelische Unruhe, apokalyptische Bewusstheit. Stücke wie Dolls’ Polyphony oder Requiem spielen mit menschlicher Stimme, Minimalismus und bedrohlicher Leere. Die Musik wird Orgasmus und Katastrophe zugleich, Gebet und Kriegsgeschrei. In Momenten großer Tragik, städtischer Verfallsvisionen oder existenzieller Wendepunkte wird der Score zu einem eigenständigen Charakter — laut, rätselhaft, grausam schön.
So verstärkt der Soundtrack die Themen des Films: Jugendgewalt, soziale Zerstörung, mentale Überlastung und die Zerbrechlichkeit der Menschheit — aber auch Energie, Aufruhr, Rebellion und entfesselte Kraft. Musik und Bild verschmelzen so vollständig, dass man kaum irgendwann den Anfangspunkt unterscheiden kann: Der Klang treibt den Film, der Film die Musik.
Auch außerhalb des Films bewirkte dieses Klangexperiment einiges: Der Score von Akira gilt bis heute als Meilenstein der Filmmusik, als Paradebeispiel dafür, wie ein Soundtrack zur Seele eines Films werden kann – nicht nur untermalt, sondern gestaltet. Die Kombination aus traditionellen, globalen Musikstilen und moderner Elektronik, das Spiel mit Klangtexturen und Stimme, all das wirkte damals neu, schockierend und zugleich magisch — und inspirierte unzählige Musiker*innen und Filme danach.
Kurz gesagt: Der Soundtrack von Akira ist ein Klangmonolith. Er lässt Neo-Tokio vibrieren, er lässt Chaos atmen, er lässt Angst hörbar werden. Aber er erzählt auch von Widerstand, Sehnsucht und apokalyptischer Schönheit. Ohne diese Musik wäre Akira nicht das, was er ist — ein filmisches Manifest, ein Schrei gegen Verfall, ein Rausch der Sinne. Die Musik allein reicht, um dich mitten hinein in die Ruinen der Zukunft und zugleich in die inneren Dämonen der Menschheit zu katapultieren.

Greatest Hits I II von Billy Joel
Billy Joel zählt zu den prägendsten Persönlichkeiten der modernen Musikgeschichte. Seit den 1970er-Jahren hat er mit seinen zeitlosen Kompositionen, seiner unverwechselbaren Stimme und seinem außergewöhnlichen Gespür für Melodien ein Werk geschaffen, das Generationen von Hörerinnen und Hörern berührt. Kaum ein anderer Künstler versteht es so meisterhaft, Geschichten des Alltags, persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Beobachtungen in eingängige Popsongs zu verwandeln, die zugleich künstlerischen Anspruch besitzen. Seine Hymnen wie Piano Man, New York State of Mind oder Just the Way You Are haben längst den Sprung von Radiohits zu kulturellen Fixpunkten geschafft und sind fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses.

Dabei ist Billy Joel nicht nur ein brillanter Songwriter und Pianist, sondern auch ein außergewöhnlicher Live-Künstler, dessen Konzerte weltweit legendären Ruf genießen. Mit Empathie, Humor und handwerklicher Perfektion schafft er Momente, die weit über das Musikalische hinausreichen und Menschen unterschiedlichster Herkunft verbinden. Seine Karriere ist geprägt von künstlerischer Integrität, Respekt vor musikalischen Traditionen und dem Mut, immer wieder neue Wege zu gehen. Billy Joel hat nicht nur die Popmusik bereichert – er hat ihr emotionale Tiefe und erzählerische Größe verliehen. Seine Bedeutung reicht weit über seine zahlreichen Auszeichnungen hinaus: Er ist ein musikalischer Chronist menschlicher Gefühle, ein Botschafter des Alltäglichen und zugleich ein Ausnahmekünstler, dessen Werk auch in Zukunft nichts von seiner Strahlkraft verlieren wird. Ich höre dieses Doppelalbum sehr gerne.

Vixen von Bill Loose
Der Soundtrack zu Vixen! — komponiert von Bill Loose — ist ein eigenwilliges, ambivalentes Musikzeugnis aus der Zeit des 60er-Jahre Sexploitation-Films und funktioniert gleichermaßen als stimmungsvolles Sound-Setting wie als klangliches Zeitdokument mit deutlichem Trash- und Cult-Charakter.

Bereits der erste Höreindruck offenbart: Loose mischt Rock ’n’ Roll, bump-and-grind-Jazz, jazzige „Library Music“-Momente und streicherlastige „Widescreen“-Passagen — eine Mischung, die gleichzeitig provokativ und atmosphärisch dicht wirkt.  Die Musik unterstreicht mit ihrem Wechsel zwischen Schmelz und grobem Groove die wechselnden Tonlagen des Films – zwischen Verführung, Exzess und unterschwelliger Verstörung. 

In ruhigeren Momenten, etwa bei Tracks wie „Conversation Piece“ oder „Janet’s Theme“, erinnert der Sound an subtile Jazz- oder Lounge-Stimmungen — fast nostalgisch, aber immer mit einem Hauch von Unbehagen.  Hier zeigt Loose, dass er nicht nur für schockierende Wirkung zuständig ist, sondern durchaus musikalisch nuanciert und atmosphärisch differenziert arbeiten kann.

Gleichzeitig lebt der Score aber stark von seinem Kontext — er funktioniert als Teil des Films, weniger als eigenständige Musik. Wird man sich der Bilder und der filmischen Stimmung entledigt, wirkt der Soundtrack mitunter fragmentarisch, überzeichnet oder sogar ein wenig skurril. 

In seiner Gesamtheit ist der Soundtrack ein gelungenes Beispiel dafür, wie Musik in einem solchen Film nicht nur ergänzen, sondern bewusst übersteigern und provozieren kann — mit all der schillernden, verruchten, unkonventionellen Ästhetik, die Russ Meyer’s Kino auszeichnet. Für Fans des Kult-, B-Movie- und Exploitation-Kinos ist er daher ein lohnender akustischer Einstieg — als eigenständiges Hörerlebnis bleibt er dagegen deutlich ambivalent, reizt eher durch Stimmung als durch melodische oder kompositorische Meisterschaft.

Led Zeppelin – Houses of the Holy
Mit Houses of the Holy wagten Led Zeppelin 1973 einen stilistischen Befreiungsschlag. Das Album sprengt den reinen Hardrock-Rahmen und verbindet hymnische Gitarrenwände, psychedelische Klangräume und mutige Genre-Experimente zu einem facettenreichen Werk. Songs wie The Rain Song und No Quarter zeigen eine unerwartete Eleganz und Tiefe, während D’yer Mak’er und The Crunge mit Reggae- und Funk-Anleihen provozieren. Nicht jeder Stilbruch zündet sofort, doch genau dieser Mut macht das Album zu einem Meilenstein. Houses of the Holy ist weniger brachial als seine Vorgänger, aber reifer, fantasievoller und klanglich visionär – ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Rock-Ikone.

Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith von John Williams
Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith (Original Motion Picture Soundtrack) ist der Soundtrack zum Film Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith und wurde von John Williams komponiert und dirigiert. Er erschien am 3. Mai 2005 unter dem Label Sony Classical – also rund anderthalb Wochen vor dem Kinostart des Films. Die Aufnahmen entstanden im Februar 2005 in den berühmten Abbey Road Studios in London und wurden von Williams’ langjährigem Ensemble, dem London Symphony Orchestra, sowie dem Chor London Voices eingespielt.

Musikalisch ist das Album typisch für Williams’ filmische Tonsprache: Es verbindet heroische, epische Themen mit tragischen, düsteren Motiven – passend zur dramatischen Geschichte von Anakin Skywalkers Fall und der Umwandlung der Republik zur galaktischen Diktatur. Klassiker ihrer Art sind der neu geschriebene, äußerst expressive Titel Battle of the Heroes, der das finale Duell zwischen Anakin und Obi-Wan musikalisch untermalt, sowie Stücke wie Anakin’s Betrayal oder The Immolation Scene, die die Tragik und den Verrat in diesem Kapitel der Saga hörbar machen.
Das Album umfasst 15 ausgewählte Musikstücke (nicht die gesamte Filmmusik), in einer dramaturgisch gestalteten Reihenfolge – also nicht exakt chronologisch zum Film. Mit einer Spieldauer von knapp über 70 Minuten bietet es einen konzentrierten, intensiven Eindruck der musikalischen Themen dieses Kapitels der Saga.
Kritisch wie lobend wurde das Album aufgenommen: Viele Rezensenten sehen es als würdiges und kraftvolles Finale der Prequel-Trilogie, mit einigen der stärksten musikalischen Momente, die Williams je schrieb. Besonders „Battle of the Heroes“ wird oft als Höhepunkt hervorgehoben. Allerdings wird – wie bei manchen anderen Alben der Saga – auch bemängelt, dass die Auswahl der Stücke vergleichsweise begrenzt sei und der Score als Ganzes im Vergleich zu früheren Werken etwas weniger frisch wirke.

Billy Joel: Live at Yankee Stadium
Live at Yankee Stadium zeigt Billy Joel auf dem Höhepunkt seiner Live-Stärke. Vor der monumentalen Kulisse des Yankee Stadiums verbindet er musikalische Präzision mit spürbarer Spielfreude und großer Nähe zum Publikum. Klassiker wie „Piano Man“, „New York State of Mind“ oder „Only the Good Die Young“ entfalten hier eine besondere Wucht und gewinnen durch die Stadionatmosphäre zusätzliche emotionale Tiefe. Joel beweist eindrucksvoll, warum er nicht nur ein herausragender Songwriter, sondern auch ein charismatischer Entertainer ist. Das Album ist weniger intime Konzertaufnahme als vielmehr ein kraftvolles Zeitdokument – ein Fest für Fans und ein überzeugender Einstieg für Neulinge.