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Meine Vinyl im Juli 2026

31. Juli 2026

Vinyl erlebt seit Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Für viele Musikliebhaber ist die Schallplatte weit mehr als ein Tonträger – sie ist ein bewusstes Musikerlebnis. Das große Cover lädt zum Betrachten ein, das Auflegen der Platte wird zu einem kleinen Ritual und der warme, analoge Klang vermittelt vielen Hörern eine besondere Nähe zur Musik. Während Streaming unbegrenzten Zugriff auf Millionen von Songs bietet, steht Vinyl für Entschleunigung und Wertschätzung: Man hört ein Album oft bewusst von Anfang bis Ende. Zudem sind Schallplatten begehrte Sammlerstücke, deren Gestaltung und Haptik den Musikgenuss um eine greifbare Dimension erweitern.

Shadow Kingdom von Bob Dylan
Mit über 80 Jahren blickte Bob Dylan nicht einfach auf seine Klassiker zurück – er zerlegte sie, arrangierte sie neu und schuf mit Shadow Kingdom eines der ungewöhnlichsten Projekte seiner späten Karriere. Das Werk ist weder ein klassisches Livealbum noch eine gewöhnliche Neuaufnahme. Es ist eine künstlerische Neuinterpretation des eigenen Schaffens und zeigt, dass Dylans Musik auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung wandelbar bleibt.

Als Shadow Kingdom im Juli 2021 erstmals als Streaming-Event erschien, erwarteten viele Fans ein gewöhnliches Konzert. Tatsächlich präsentierte Regisseurin Alma Har’el einen stilisierten Schwarz-Weiß-Film, der Bob Dylan in einer zeitlosen, fast surrealen Bar-Atmosphäre zeigte. Die Musiker traten maskiert auf, Statisten bevölkerten den Raum, und die Inszenierung erinnerte eher an einen Film noir als an einen klassischen Konzertmitschnitt.

Die Musik war jedoch keine Liveaufnahme vor Publikum. Stattdessen entstanden die Stücke zuvor im Studio und wurden für den Film verwendet. Im Juni 2023 erschien schließlich der gleichnamige Soundtrack als eigenständiges Album mit 14 Titeln, darunter 13 neu eingespielte Dylan-Klassiker sowie das Instrumentalstück „Sierra’s Theme“.

Der besondere Reiz von Shadow Kingdom liegt nicht in neuem Songmaterial, sondern in der radikalen Neubetrachtung alter Werke. Dylan verzichtet weitgehend auf die energiegeladenen Arrangements der Originale und setzt stattdessen auf ein reduziertes Klangbild.

Lieder wie „Tombstone Blues“, „Queen Jane Approximately“, „Forever Young“ oder „Watching the River Flow“ wirken langsamer, ruhiger und teilweise beinahe jazzig. Gitarren, Kontrabass, Akkordeon und dezente Streicher ersetzen den rockigen Druck früherer Versionen. Auffällig ist außerdem der nahezu vollständige Verzicht auf Schlagzeug, wodurch die Musik offen und intim wirkt.

Auch Dylans Stimme spielt eine zentrale Rolle. Während sie in den vergangenen Jahrzehnten häufig als rau oder brüchig beschrieben wurde, wirkt sie auf Shadow Kingdom überraschend kontrolliert und erzählerisch. Die Songs erhalten dadurch einen anderen emotionalen Schwerpunkt: Statt jugendlicher Rebellion stehen Erinnerung, Melancholie und Gelassenheit im Vordergrund.

Viele Künstler veröffentlichen im hohen Alter Neuaufnahmen ihrer größten Erfolge. Dylan verfolgt jedoch einen anderen Ansatz. Er versucht nicht, die Originale möglichst originalgetreu nachzubilden. Vielmehr behandelt er seine eigenen Lieder so, als wären sie traditionelle Folk-Songs, die sich mit jeder Generation verändern dürfen.

Dieses Prinzip begleitet seine Karriere seit Jahrzehnten. Auf Tourneen hat Dylan seine Songs regelmäßig so stark umarrangiert, dass sie teilweise kaum wiederzuerkennen waren. Shadow Kingdom führt diese Arbeitsweise konsequent fort und macht sie zum eigentlichen Konzept des Albums.

Dadurch entsteht kein nostalgischer Rückblick, sondern eine neue Perspektive auf bekannte Werke. Die Texte bleiben weitgehend erhalten, ihre Bedeutung verändert sich jedoch durch Tempo, Instrumentierung und Dylans heutige Stimme.

Neben der Musik trägt vor allem die visuelle Gestaltung zum Eindruck von Shadow Kingdom bei. Der Film verzichtet auf große Bühnen, Lichteffekte oder Publikumsreaktionen. Stattdessen dominiert eine künstliche, traumähnliche Welt aus Schatten, Rauch und wechselnden Figuren. Diese Inszenierung verstärkt den Eindruck, dass Dylan nicht auf einer Bühne steht, sondern durch Erinnerungen wandert. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Der Titel Shadow Kingdom – „Schattenreich“ – passt deshalb sowohl zur Bildsprache als auch zum musikalischen Konzept.

Die Musikkritik reagierte überwiegend sehr positiv. Gelobt wurden insbesondere die kreativen Neuarrangements sowie Dylans Fähigkeit, jahrzehntealte Songs mit neuer Bedeutung aufzuladen. Auf Metacritic erreichte das Album einen Metascore von 84 Punkten und erhielt ausschließlich positive Kritiken. Auch unter Fans entwickelte sich Shadow Kingdom zu einem Diskussionsobjekt. Während viele die ruhige, intime Atmosphäre und die neuen Interpretationen schätzen, vermissen andere die Energie der Originalaufnahmen oder sehen das Album eher als Begleitwerk zum Film. In Fan-Foren wird zudem häufig darüber diskutiert, ob es sich eher um ein Studioalbum, einen Soundtrack oder ein verkleidetes Livealbum handelt – ein Zeichen dafür, dass sich das Projekt bewusst einfachen Kategorien entzieht.

Shadow Kingdom nimmt innerhalb von Bob Dylans Diskografie eine Sonderstellung ein. Es enthält keine neuen Kompositionen, wirkt aber dennoch keineswegs wie eine klassische Best-of-Sammlung. Stattdessen zeigt es, wie konsequent Dylan seine eigene Musik immer wieder verändert und weiterentwickelt. Gerade im Kontext seiner späten Karriere fügt sich das Album logisch in sein Schaffen ein. Schon Werke wie Shadows in the Night oder Triplicate beschäftigten sich mit Neuinterpretationen bekannter Songs – allerdings stammten diese ursprünglich von anderen Komponisten. Auf Shadow Kingdom richtet Dylan diesen interpretatorischen Blick erstmals konsequent auf sein eigenes Werk.

Shadow Kingdom ist kein Album für Hörer, die möglichst originalgetreue Versionen von Dylans Klassikern erwarten. Es ist vielmehr eine künstlerische Reflexion über Erinnerung, Zeit und musikalische Veränderung. Die bekannten Songs erscheinen in einem völlig neuen Licht und beweisen, dass große Kompositionen nicht an eine einzige Aufnahme gebunden sind.

Gerade diese Offenheit macht das Album zu einem bemerkenswerten Spätwerk. Bob Dylan zeigt einmal mehr, dass Stillstand nie zu seinem Selbstverständnis gehörte. Selbst seine berühmtesten Lieder bleiben für ihn lebendige Werke, die sich mit jeder Lebensphase verändern dürfen.

Man on the Moon – Dr. Herbert Pichler (1969)

Man on the Moon von Dr. Herbert Pichler ist keine gewöhnliche Schallplatte und schon gar kein Musikalbum im klassischen Sinn. Vielmehr handelt es sich um ein einzigartiges Zeitdokument, das den historischen Flug von Apollo 11 und die erste bemannte Mondlandung in einer Mischung aus Originalaufnahmen, Kommentaren und dokumentarischer Aufbereitung festhält. Die 1969 veröffentlichte LP erschien bei Philips, enthält authentische NASA-Aufnahmen, ein aufwendig gestaltetes Klappcover sowie ein Poster mit Farbfotos der Mission und wurde unmittelbar nach der Mondlandung veröffentlicht.

Dr. Herbert Pichler, in Österreich als „Mondpichler“ bekannt, war Mediziner, Weltraummediziner und der prägende Fernsehkommentator der Apollo-Missionen im ORF. Seine Begeisterung für die Raumfahrt ist auf jeder Minute dieser Aufnahme spürbar. Anders als heutige Dokumentationen lebt Man on the Moon nicht von spektakulären Spezialeffekten oder nachträglicher Dramatisierung, sondern von der unmittelbaren Atmosphäre jener Julitage des Jahres 1969. Pichler ordnet die Ereignisse sachlich, verständlich und mit ansteckender Faszination ein, ohne den wissenschaftlichen Anspruch aus den Augen zu verlieren.

Besonders beeindruckend ist die Wirkung der Originalkommunikation zwischen NASA und Astronauten. Auch Jahrzehnte später erzeugen die historischen Funkmitschnitte eine Spannung, die viele moderne Produktionen kaum erreichen. Man hört förmlich die Nervosität im Kontrollzentrum, die Konzentration der Astronauten und schließlich den Moment, der Geschichte schrieb. Die Platte vermittelt damit das Gefühl, selbst Zeitzeuge eines der größten technischen und gesellschaftlichen Meilensteine des 20. Jahrhunderts zu sein.

Aus heutiger Sicht besitzt Man on the Moon einen besonderen Charme. Die Sprache, der dokumentarische Stil und die analoge Klangqualität spiegeln die Aufbruchsstimmung der späten 1960er-Jahre wider – eine Zeit, in der die Raumfahrt noch als grenzenloses Zukunftsversprechen galt. Gerade diese historische Authentizität macht den Reiz der LP aus. Sie ist weniger Unterhaltung als vielmehr ein akustisches Museumsexponat.

Für Vinylsammler, Raumfahrt-Enthusiasten und Liebhaber außergewöhnlicher Schallplatten gehört Man on the Moon zu den faszinierendsten Dokumentar-LPs ihrer Zeit. Sie erinnert daran, dass Schallplatten nicht nur Musik transportieren können, sondern auch Geschichte bewahren. Wer sich auf dieses ungewöhnliche Hörerlebnis einlässt, erhält eine bewegende Momentaufnahme jenes Augenblicks, in dem die Menschheit erstmals einen anderen Himmelskörper betrat – eingefangen auf schwarzem Vinyl mit einer Authentizität, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat.

Rendez-Vous – Jean-Michel Jarre

Mit Rendez-Vous erreichte Jean-Michel Jarre 1986 einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. Nach den eher experimentellen Klängen von Zoolook kehrte der französische Elektronik-Pionier zu eingängigeren Melodien zurück, ohne dabei seinen visionären Anspruch aufzugeben. Das Album verbindet majestätische Synthesizerflächen mit orchestraler Dramatik und der Faszination für Raumfahrt – ein Werk, das bis heute als eines der bedeutendsten Alben der elektronischen Musik gilt.

Schon der Opener baut eine feierliche Atmosphäre auf, bevor sich die Musik in die epische Second Rendez-Vous entfaltet. Hier zeigt sich Jarre auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Könnens: hymnische Melodien, pulsierende Sequenzen und eine Dynamik, die gleichermaßen futuristisch wie emotional wirkt. Die Stücke fließen nahezu nahtlos ineinander und erzeugen den Eindruck einer einzigen musikalischen Reise durch den Weltraum.

Der größte Hit des Albums ist zweifellos Fourth Rendez-Vous, dessen markante Melodie bis heute zu Jarres bekanntesten Kompositionen zählt. Der Titel vereint eingängigen Synth-Pop mit der monumentalen Klangästhetik, für die Jarre berühmt wurde. Besonders live entwickelte sich das Stück zu einem Publikumsliebling und gehört bis heute zum festen Bestandteil seiner Konzerte.

Beeindruckend ist auch die klangliche Vielfalt. Jarre setzt digitale und analoge Synthesizer wie den Elka Synthex, Yamaha DX7 und Fairlight CMI ein und verbindet deren kalte Präzision mit warmen, fast romantischen Melodiebögen. Dadurch wirkt Rendez-Vous trotz seiner technischen Basis erstaunlich menschlich und emotional. Das Album klingt typisch nach den 1980er-Jahren, besitzt aber gleichzeitig eine zeitlose Eleganz, die viele Produktionen dieser Epoche vermissen lassen.

Über allem schwebt jedoch die tragische Geschichte von Last Rendez-Vous (Ron’s Piece). Das Stück war ursprünglich für den NASA-Astronauten Ronald McNair vorgesehen, der es während der Challenger-Mission mit seinem Saxophon aus dem All aufnehmen wollte. Nach der Challenger-Katastrophe wurde das Werk zu einer bewegenden Hommage an die sieben Astronauten. Diese Hintergrundgeschichte verleiht dem ohnehin melancholischen Finale eine außergewöhnliche emotionale Tiefe.

Rendez-Vous markiert zugleich den Beginn von Jarres spektakulären Großveranstaltungen. Das Album entstand im Zusammenhang mit seinem legendären Konzert in Houston zum 150-jährigen Stadtjubiläum und zum 25-jährigen Bestehen des NASA Johnson Space Centers – eine Verbindung von Musik, Technologie und visueller Inszenierung, die Jarre endgültig als Meister multimedialer Live-Performances etablierte.

Aus heutiger Sicht ist Rendez-Vous weit mehr als ein Klassiker der elektronischen Musik. Es verbindet die melodische Stärke von Oxygène mit der technischen Experimentierfreude späterer Werke und schlägt die Brücke zwischen Pop, New Age und orchestraler Elektronik. Kaum ein anderes Album vermittelt das Gefühl von Aufbruch, Hoffnung und kosmischer Weite so eindrucksvoll wie dieses.
Rendez-Vous ist ein Meisterwerk der Synthesizer-Musik. Jean-Michel Jarre gelingt hier die seltene Balance zwischen technischer Perfektion und emotionaler Ausdruckskraft. Fast vier Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung hat das Album nichts von seiner Faszination verloren und gehört nach wie vor zu den wichtigsten Werken der elektronischen Musikgeschichte.

John Williams – The Fury (1978)

Mit The Fury schuf John Williams 1978 einen der eindrucksvollsten, zugleich aber oft unterschätzten Soundtracks seiner Karriere. Zwischen den monumentalen Erfolgen von Star Wars und Superman komponiert, zeigt die Musik zu Brian De Palmas übernatürlichem Thriller eine andere Seite des Komponisten: düster, psychologisch vielschichtig und von einer permanenten unterschwelligen Bedrohung geprägt. Es ist eine Filmmusik, die weit weniger auf eingängige Themen setzt als auf emotionale Spannung, orchestrale Raffinesse und dramatische Zuspitzung.

Schon die Eröffnung macht deutlich, dass Williams hier nicht den Weg heroischer Melodien beschreitet. Stattdessen entfaltet sich eine Atmosphäre aus Unsicherheit, Angst und geheimnisvoller Vorahnung. Die Streicher arbeiten mit nervösen Figuren, Holzbläser und Harfe sorgen für schimmernde, fast unwirkliche Klangfarben, während die Blechbläser immer wieder mit scharfen Akzenten die Gefahr ankündigen. Das London Symphony Orchestra setzt diese komplexe Partitur mit beeindruckender Präzision um.

Besonders bemerkenswert ist Williams’ Fähigkeit, die übersinnlichen Fähigkeiten der jugendlichen Protagonisten musikalisch hörbar zu machen. Immer wieder wechseln lyrische Passagen von beinahe zerbrechlicher Schönheit mit explosiven orchestralen Ausbrüchen. Dadurch entsteht eine musikalische Spannung, die weit über den eigentlichen Film hinaus funktioniert und auch ohne Bilder ihre Wirkung entfaltet.

Im Mittelpunkt steht das elegante Hauptthema, das melancholische Schönheit mit unterschwelliger Tragik verbindet. Es gehört zwar nicht zu den bekanntesten Melodien des Komponisten, besitzt aber eine emotionale Tiefe, die sich erst nach mehrmaligem Hören vollständig erschließt. Gerade diese Zurückhaltung macht einen großen Reiz des Albums aus. Williams verzichtet auf schnelle Effekte und entwickelt seine musikalischen Ideen mit großer Geduld.

Der absolute Höhepunkt ist das monumentale Finale. Hier entfesselt Williams das gesamte Orchester in einer der spektakulärsten Schlusssequenzen seiner Laufbahn. Gewaltige Blechbläser, rasende Streicher und wuchtige Schlagwerke steigern sich zu einer musikalischen Explosion, die den Schrecken der Bilder kongenial widerspiegelt. Dieses Finale zählt bis heute zu den eindrucksvollsten Action- und Horrorpassagen der Filmmusikgeschichte und zeigt Williams auf dem Höhepunkt seiner orchestralen Meisterschaft.

Gerade im Vergleich zu seinen berühmteren Werken wird deutlich, wie experimentierfreudig der Komponist hier arbeitet. The Fury verzichtet weitgehend auf eingängige Ohrwürmer und fordert vom Hörer Aufmerksamkeit. Dafür belohnt der Soundtrack mit einer außergewöhnlich dichten Atmosphäre und einer enormen kompositorischen Komplexität. Man erkennt Einflüsse spätromantischer Komponisten ebenso wie moderne Filmmusiktechniken, ohne dass Williams jemals seine eigene musikalische Handschrift verliert.

Die restaurierten Veröffentlichungen der vollständigen Filmmusik zeigen zudem, wie detailreich die Partitur tatsächlich ist. Viele feine orchestrale Nuancen, die im Film teilweise unter Dialogen verschwinden, treten hier deutlich hervor und machen das Album zu einem faszinierenden Hörerlebnis.

The Fury ist deshalb kein Soundtrack für den schnellen Konsum, sondern eine Filmmusik, die entdeckt werden möchte. Wer bereit ist, sich auf ihre düstere, psychologisch aufgeladene Klangwelt einzulassen, erlebt John Williams von einer Seite, die oft im Schatten seiner großen Blockbuster steht. Gerade deshalb gehört The Fury zu den spannendsten und künstlerisch anspruchsvollsten Werken seines Schaffens – ein orchestrales Meisterstück, das eindrucksvoll beweist, dass Williams weit mehr ist als nur der Komponist großer Abenteuer- und Heldenmelodien.

Salò oder die 120 Tage von Sodom von Ennio Morricone

Der Soundtrack zu Pier Paolo Pasolinis Film „Salò oder die 120 Tage von Sodom“ aus dem Jahr 1975 spielt eine entscheidende Rolle für die verstörende Wirkung des Werkes. Die Musik stammt von Ennio Morricone, der auf eine klassische, zurückhaltende und teilweise beinahe elegante Klangsprache setzt. Gerade dieser Kontrast zwischen der kultivierten musikalischen Oberfläche und den Bildern von Gewalt, Erniedrigung und Machtmissbrauch verleiht dem Film seine besondere emotionale Härte.

Morricone verzichtet weitgehend auf eine dramatische Untermalung, die das Geschehen kommentieren oder moralisch einordnen würde. Stattdessen erklingen ruhige Klavierpassagen, Walzer, Marschmusik und bekannte Lieder, die eine scheinbar normale oder sogar festliche Atmosphäre erzeugen. Die Musik wirkt dadurch kühl und distanziert. Sie bietet dem Publikum keine emotionale Entlastung, sondern verstärkt das Gefühl, Zeuge eines streng organisierten und ritualisierten Systems der Unterdrückung zu sein.

Besonders prägend ist die Verwendung des Liedes „Son tanto triste“ sowie von Tanz- und Unterhaltungsmusik aus der Zeit des italienischen Faschismus. Die Musik verweist auf bürgerliche Kultur, gesellschaftliche Konventionen und eine Welt äußerer Ordnung. Gleichzeitig zeigt der Film, wie leicht diese kulturelle Fassade mit Grausamkeit und totalitärer Herrschaft verbunden sein kann. Die Musik steht deshalb nicht nur im Gegensatz zu den Bildern, sondern wird selbst zu einem Bestandteil der Inszenierung von Macht.

Der Soundtrack von „Salò“ ist kein klassischer Filmscore mit eingängigen Leitmotiven oder emotionalen Höhepunkten. Seine Wirkung entsteht vielmehr aus Zurückhaltung, Wiederholung und bitterer Ironie. Morricones Musik macht das Geschehen nicht erträglicher, sondern noch beklemmender. Sie unterstreicht Pasolinis Aussage, dass Gewalt und Entmenschlichung nicht zwangsläufig im Chaos stattfinden, sondern auch hinter einer Fassade aus Bildung, Kunst, Ordnung und gesellschaftlichem Anstand verborgen sein können.

Never Mind the Bollocks von Sex Pistols

Die Sex Pistols-Platte „Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“ ist mehr als nur ein Album – sie ist ein kulturgeschichtlicher Sprengsatz. 1977 veröffentlicht, bündelt sie die Wut, den Lärm und die Provokation des britischen Punk in ihrer reinsten Form. Songs wie „God Save the Queen“, „Anarchy in the U.K.“ oder „Pretty Vacant“ klingen bis heute wie ein Angriff auf Establishment, Langeweile und musikalische Selbstzufriedenheit.

Die Platte ist roh, direkt und kompromisslos, aber zugleich erstaunlich präzise produziert. Johnny Rottens beißender Gesang, Steve Jones’ massive Gitarrenwände und die rebellische Haltung der Band machten das Album zu einem Meilenstein. „Never Mind the Bollocks“ war kein höfliches Musikangebot, sondern eine Kampfansage – und genau deshalb bleibt es eine der wichtigsten und einflussreichsten Rockplatten aller Zeiten.

Filmkritik: EPiC: Elvis Presley in Concert

6. März 2026

Es gibt Momente im Kino, in denen die Zeit stillzustehen scheint – und „EPiC: Elvis Presley in Concert“ ist genau so ein Moment. Wer den Kinosaal betritt, verlässt ihn als ein anderer Mensch, tief berührt von einer Kraft, die man längst vergessen glaubte, weil man sie schlicht nie so erlebt hatte: Elvis Presley, der King of Rock’n’Roll, lebendig, atemberaubend, unendlich nah. Ich habe mir den Film im Scala Fürstenfeldbruck mit meiner Frau angesehen und wir waren absolut geflasht.


Regisseur Baz Luhrmann, der mit seinem oscarnominierten Biopic „Elvis“ von 2022 bereits bewies, wie tief er in die Seele dieses einzigartigen Künstlers vorzudringen vermag, hat diesmal etwas noch Kühneres gewagt – und ist dabei auf etwas gestoßen, das man fast als kinematografisches Wunder bezeichnen kann.

Während der Dreharbeiten zu seinem Biopic entdeckte Luhrmann in den Warner-Bros.-Archiven über 59 Stunden lang verschollen geglaubtes Filmmaterial aus Elvis‘ legendärer Las-Vegas-Residenz im Jahr 1970 sowie seltene 16-mm-Aufnahmen aus dem damaligen Konzertfilm „Elvis on Tour“ und kostbare Super-8-Schätze aus dem Graceland-Privatarchiv. Das Material war ohne Ton – ein Hindernis. Doch Luhrmann ließ sich nicht aufhalten. Gemeinsam mit seinem langjährigen Cutter Jonathan Redmond und dem technischen Wizardkollegen Peter Jackson, der bereits die Beatles mit „Get Back“ aus dem Archivstaub auferstehen ließ, arbeitete das Team mehr als zwei Jahre daran, Bild und Ton mit modernster Technik zu restaurieren, zu synchronisieren und aufzubereiten. „There’s not a frame of AI in this film“, betonte Luhrmann ausdrücklich – und genau das macht diesen Film so unglaublich aufrichtig und so ehrfurchtgebietend.

Das Ergebnis ist ein 90-minütiges Kinoerlebnis, das sich keinem klassischen Genre zuordnen lässt. Es ist kein Konzertfilm. Es ist keine Dokumentation. Es ist – wie Luhrmann selbst sagt – „etwas völlig Neues im Elvis-Kanon“, das weder Grenzen noch Schubladen kennt, sondern beides miteinander verwirkt zu einem facettenreichen, zutiefst menschlichen Porträt. Dazu trägt eine wiederentdeckte 45-minütige Audioaufnahme ganz wesentlich bei: Elvis selbst erzählt darin seine Geschichte – in seinen eigenen Worten, mit seiner eigenen Stimme, intim und ungefiltert. Man hört ihn sprechen, lachen, nachdenken – und man spürt: Dieser Mensch war weit mehr als das Klischee, zu dem ihn die Popgeschichte oft gemacht hat.

Was „EPiC“ so erschütternd schön macht, ist die Unmittelbarkeit. Kein sprechendes Archivkopf, kein erklärender Off-Kommentar stört den Fluss des Films, wie Kritiker zu Recht bewundernd anmerkten. Nach rund 20 Minuten hebt der Film ab – und dann fliegt er einfach, getragen von Elvis‘ Stimme, die in nie zuvor gehörter Tonqualität durch den Kinosaal strömt wie ein physisches Erlebnis. Man sieht ihn in Proben mit seiner Kernband, entspannt und albern und voller Lebensfreude, und dann auf der Bühne des International Hotel in Las Vegas, wo er mit jeder Geste die Welt in Besitz nimmt. Hinzu kommen Performances aus dem Jahr 1972 auf Tour und die legendären Aufnahmen im goldenen Jackett aus Hawaii von 1957 – ein überwältigendes Zeitpanorama eines Künstlers, der in jeder Sekunde brennt.

Das Publikum weltweit hat reagiert. Beim Toronto International Film Festival feierte „EPiC“ im September 2025 seine Weltpremiere, und Anfang Januar 2026, zum 91. Geburtstag von Elvis Presley, rückte der Film ins weltweite Scheinwerferlicht. Am 20. Februar 2026 startete er zunächst für eine Woche exklusiv im IMAX, bevor er am 27. Februar in alle Kinos weltweit kam. Und wer die Chance hat, ihn auf einer großen Leinwand zu sehen – am besten im IMAX, wie Luhrmann es ausdrücklich empfiehlt –, der sollte diese nicht versäumen. Denn „EPiC“ ist mehr als ein Film. Es ist eine Begegnung. Eine, nach der man mit einem leisen, unerklärbaren Vermissen aus dem Kino geht – als hätte man gerade jemanden verloren, den man eigentlich nie kennen durfte, aber durch diese 90 Minuten auf einmal doch gekannt hat.

Warten auf Pink Floyd: Live at Pompeii – MCMLXXII

21. April 2025

Am 2. Mai 2025 hat das Warten ein Ende. Die neue Version des Konzerts „Pink Floyd: Live at Pompeii MCMLXXII“ aus dem Jahr 1971 erscheint in aufgepäppelter Form als CD-Album, Vinyl und Film.

Das Konzert von 4. bis 7. Oktober 1971 ist ein Höhepunkt der Musik- und Filmgeschichte. Es war nicht nur ein Musikerlebnis, sondern auch ein innovatives audiovisuelles Experiment, das die Grenzen traditioneller Konzertfilme sprengte. Gerade das gefällt mir an dem Film und im Grunde ist es ein frühes MTV-Video. Die Erstveröffentlichung war am 2. September 1972.

Unter der Regie von Adrian Maben wurde das Konzert ohne Publikum in den Ruinen des antiken römischen Amphitheaters von Pompeji aufgezeichnet – ein Schauplatz, der sowohl visuell als auch symbolisch eine einzigartige Atmosphäre schuf.

Ein Konzert ohne Publikum
Eines der interessantesten Elemente des Konzerts war das Fehlen eines Publikums. Pink Floyd spielte allein in der monumentalen Kulisse von Pompeji, wodurch die Musik und die Umgebung in den Vordergrund rückten. Diese Entscheidung hob sich deutlich von anderen Live-Aufnahmen ab, die oft auf die Energie und Interaktion mit einem Publikum setzten. Stattdessen entstand ein intimes und fast meditatives Erlebnis, bei dem die Klänge der Band mit der zeitlosen Stille der antiken Ruinen verschmolzen.

Technologische Innovation
Die Produktion des Films war für die damalige Zeit technisch anspruchsvoll. Pink Floyd bestand darauf, ausschließlich live zu spielen, ohne Playback. Dies erforderte den Einsatz leistungsstarker Aufnahmegeräte und Technik, darunter lange Stromkabel, die quer durch Pompeji verlegt wurden, um das Equipment zu versorgen. Natürlich gab es mit der Stromversorgung Pannen, aber zum Glück gelang es schließlich doch. Die Aufnahmen fanden sowohl bei Tageslicht als auch nachts statt, was visuell beeindruckende Kontraste schuf. Besonders möchte ich ist das Stück „Echoes“ hervorheben, das mit seinen hypnotischen Klängen und dynamischen Kamerafahrten eine perfekte Symbiose aus Bild und Ton darstellt.

Symbolik und Atmosphäre
Die Wahl von Pompeji als Ort des Konzerts war nicht zufällig. Die Ruinenstadt, die durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. zerstört wurde, symbolisiert Vergänglichkeit und Ewigkeit zugleich. Diese Themen spiegeln sich auch in Pink Floyds Musik wider, die oft existenzielle Fragen und kosmische Dimensionen behandelt. Die leeren Tribünen des Amphitheaters und die monumentalen Steine verstärkten den Eindruck einer zeitlosen Performance, während die Band selbst wie eine Art musikalischer Chronist wirkte.

Musikalische Höhepunkte
Der Film enthält einige der bekanntesten Stücke der Band, darunter „Echoes“, „A Saucerful of Secrets“ und „Careful with That Axe, Eugene“. Diese Songs zeigen Pink Floyd auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Phase, bevor sie mit „The Dark Side of the Moon“ weltweiten Ruhm erlangten. Besonders „Echoes“ wird oft als Meisterwerk betrachtet: Mit seiner Länge von über 20 Minuten entfaltet es eine epische Struktur, die perfekt zur majestätischen Kulisse passt. Eigentlich ist es ja ein Film über die Band, aber die meiste Screenzeit hat wohl Drummer Nick Mason, der mit langem Haar seine Schießbude bearbeitet und dabei auch mal den Drumstick verliert und ihn professionell durch einen neuen ersetzt ohne aus dem Rhythmus zu kommen.

Einfluss auf spätere Werke
„Live at Pompeii“ war nicht nur ein künstlerisches Experiment, sondern auch ein Vorbote für zukünftige audiovisuelle Produktionen. Der Film beeinflusste zahlreiche Künstler und setzte neue Maßstäbe für Konzertfilme. Jahrzehnte später kehrte David Gilmour, Gitarrist von Pink Floyd, nach Pompeji zurück und spielte dort allerdings vor Publikum – eine Hommage an das ursprüngliche Projekt.

Verschiedene Versionen
Meine erste Version des Konzerts hatte ich auf Laserdisc von 1982. Die PAL-Bildplatte hatte 58 Minuten und lief im Player früher rauf und runter.

Im Jahre 2003 kaufte ich mir den Directors Cut auf DVD, wobei das Konzert auch 58 Minuten Dauerte und mit einem Interview mit Regisseur Adrian Maben von 20 Minuten ergänzt wurde, der sich auch zu Dark Side äußerte.

Richtig überarbeitet wurde das Konzert dann für die Pink Floyd Box The early years 1965-1972. Hier gab es 2016 den Film mit fünf Songs überarbeitet und der Ton war ein 5.1 Audio Mix.

Auf die neue Version bin ich sehr gespannt, denn eigentlich war ich mit dem Klang der Version von 2016 sehr zufrieden. Die 5.1 Surround Sound Mischung für den Konzertfilm „Pink Floyd: Live at Pompeii“ wurde mit modernsten Techniken erstellt, um die ursprüngliche Atmosphäre des Films zu bewahren und gleichzeitig die Klangqualität erheblich zu verbessern. Ursprünglich wurde der Ton des Films mit einem 8-Kanal-Mischpult aufgenommen, was für die damalige Zeit eine fortschrittliche Methode darstellte. Die Mehrspurmischung wurde später im Studio de Boulogne in Paris überarbeitet, wobei zusätzliche Spuren hinzugefügt wurden, um die Klangtiefe zu erhöhen. Toningenieure wie Charles B. Raucher arbeiteten daran, die Musik und Soundeffekte auf der Original-Tonspur zu optimieren. Für die jüngste Restaurierung des Films wurde Steven Wilson beauftragt, den Soundtrack in 5.1 Surround Sound und Dolby Atmos neu zu mischen. Sein Ziel war es, den Klang so authentisch wie möglich zu gestalten und dabei die Tiefe und Klarheit der Aufnahme zu maximieren. Wilson nutzte fortschrittliche Technologien, um die räumliche Dimension der Musik hervorzuheben und eine immersive Hörerfahrung zu schaffen, die den Eindruck vermittelt, direkt bei der Aufnahme in Pompeji dabei zu sein. Der neue Mix kombiniert präzise direktionale Effekte mit einem kräftigen Bassfundament, wodurch die Musik lebendig und dynamisch wirkt.

Die restaurierte Version des Films „Pink Floyd: Live at Pompeii“ in 4K wurde durch eine hochpräzise Abtastung der originalen analogen Filmrollen erstellt. Dieser Prozess beginnt mit der Digitalisierung des Original-Kameranegativs, das die höchstmögliche Bildqualität und feine Details enthält. Mithilfe 4K-Scanner wird das Filmmaterial Bild für Bild mit extrem hoher Auflösung erfasst, wodurch die ursprünglichen Farben, Kontraste und Texturen erhalten bleiben und gleichzeitig digitale Artefakte vermieden werden. Im Netz gibt es bereits Farbvergleiche beispielsweise beim Keyboardspiel von Richard Wright.

Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass analoge Filmnegative oft mehr Details bieten, als frühere digitale Formate wie SD oder HD darstellen konnten. Durch die Abtastung in 4K wird die Qualität des Originalmaterials optimal genutzt, was zu einer deutlich verbesserten Bildschärfe und Farbgenauigkeit führt. Nach der Digitalisierung wird das Material sorgfältig restauriert, um Schäden wie Kratzer oder Verfärbungen zu beheben. Anschließend erfolgt die Farbkorrektur und das Mastering für moderne Wiedergabeformate wie Blu-ray oder Streaming-Plattformen.

Dieser Prozess stellt sicher, dass selbst ältere Filme wie „Live at Pompeii“ in einer Qualität präsentiert werden können, die den aktuellen Standards entspricht und die ursprüngliche visuelle Ästhetik bewahrt.

Alles Gute zum 82. Geburtstag Bob Dylan – Don‘t Look back

24. Mai 2023

Ja, Bob Dylan ist einer meiner wenigen musikalischen Helden. Ich freue mich immer, wenn ich den alten Herren auf Konzerte oder in der Konserve treffe. Der Meister feiert heute seinen 82. Geburtstag.

In wenigen Tagen wird Sony das Streaming-Konzert Shadow Kingdom veröffentlichen. Es entstand in der Corona-Zeit Juli 2021 und das geschäftstüchtige Management versorgte uns mit einem neu aufgenommenen schwarzweiß-Konzert mit alten Songs im neuen Gewand. Die Setlist des Albums umfasst 13 Originalsongs, die Dylan für seinen Auftritt in „Shadow Kingdom“ ausgewählt hat sowie das abschließende Instrumental „Sierra’s Theme“. Im Juni 2023 kommt das Album und ich hoffe später auch das Konzert, das für kurze Zeit illegal bei YouTube zu sehen war. Ich freu mich darauf und werde natürlich darüber bloggen.

Nachdem ich ihn das letzte Mal live in Berlin gesehen und gestaunt habe, greife ich an seinem Geburtstag auf eine frühe Dokumentation über ihn zurück. Don‘t Look back aus dem Jahre 1967 von der Konzerttour 1965. Ich hab den Film von Regisseur D. A. Pennebaker in verschiedenen Versionen: VHS, Laserdisc, DVD und Bluray. Es zeigt einen rastlosen und ruhelosen Geist im Umbruch, der sich auf seiner Großbritannien-Tournee 1965 weiterentwickelt hatte, weiter als es seine Folkie-Fans wahrhaben wollten. Dylan stand kurz davor elektrisch zu spielen und seine alten Fans zu brüskieren, die der Entwicklung nicht folgen wollten. Der Aufschrei Judas im Jahre 1967 brachte es auf den Punkt.

Als Provokation gibt es das erste Musikvideo überhaupt als Starter Subterranean Homesick Blues. Dylan mit seinen Papptafeln. Genialer Song – geniales Video und wir wissen ja: look out kid.

Neben Dylan sind in Don’t Look Back mit intensiver Handkamera auch seine damalige noch Freundin Joan Baez, sein Manager Albert Grossman (dear Landlord), sein Tour-Manager Bob Neuwirth, der Beat-Poet Allen Ginsberg sowie der schottische Folksänger Donovan zu sehen. Es ist weniger ein Konzertfilm als vielmehr ein Film zwischen den Konzerten. In dieser Zeit war Dylan arrogant, aufbrausend, stand sicherlich unter Drogen, aber er schöpfte aus all dem Chaos um ihn herum seine Energie und Kreativität.

D. A. Pennebaker als Gründer des Direct Cinema hielt schonungslos seine Kamera auf die Ereignisse. Das wäre bei heutigen Touren von Superstars nicht möglich, denn ein Management würde vieles glätten oder schlichtweg verbieten. Dylans Manager zu dieser Zeit, der aufbrausende Albert Grossman, ließ es zu und heraus kam ein wunderbares Zeitdokument. Pennebaker ist in meinem Herzen auch wegen der Dokus zu Jimi Plays Monterey (1968) und Ziggy Stardust and the Spiders from Mars (1973) geblieben.

Meine Beatles bei iTunes

18. November 2010

Weltveränderer Beatles

Weltveränderer Beatles

Der Tag, der die Welt verändern sollte, ist vorbei und für viele geht das Leben weiter wie bisher. Die vollmundige Ankündigung von Apple war eine ungeheure PR-Maßnahme und das Ergebnis fiel für viele enttäuschend aus. Die Beatles in Apple iTunes Store reißt die Massen nicht zu Begeisterungsstürmen hin.

Dennoch: Die Ankündigung von Apple bedeutet viel, sie sagt enorm viel über das Unternehmen aus Cupertino und die Haltung von Steve Jobs aus. Wir Apple-Fans erwarteten eine bedeutende technische Neuerung in der beliebten iTunes Software, wie eine Streaming-Möglichkeit. Aber mal ehrlich: Sind wir denn so verblödet, dass wir ein technisches Feature als weltverändernd ansehen würden. Nein, Steve Jobs hat höhere Ziele. Mit dem Verkauf der Beatles über seine Plattform ermöglicht er den Zugang zu modernen Kulturgütern ersten Grades an die digital natives. Die Beatles haben die Geschichte verändert und Apple verbeugt sich vor dieser Veränderung (und kassiert mit).

Ein jahrzehntelanger Rechtsstreit zwischen Apple Plattenlabel und Apple Computer ist zu Ende und die Gewinner sind wir Fans. Natürlich haben die Beatles Liebhaber die Schallplatten, die CDs der ersten und zweiten Auflage und diverse CD-Sammlungen zu Hause. Aber Steve Jobs denkt an die zukünftige Generationen, die nicht mehr in Vinyl oder Datenträger denken. Beatles sind nach wie vor ein fettes Geschäft und in Sachen Geschäfte kennt sich Apple aus. Aber ich bin davon überzeugt, dass es wirklich ein persönliches Anliegen von Steve Jobs war, die Beatles auf seiner Plattform zu veröffentlichen. Jobs ist ein Kind der sechziger Jahre und liebt die Musik seiner Zeit. Er bekennt sich in seinen zahlreichen Keynotes zur Musik seiner Zeit, spielt Beatles und Dylan auf der Bühne einem jungen Publikum vor. Er selbst war in grauer Vorzeit sogar einmal mit Joan Baez leiert.

Zum Tode von Beatles George.

Zum Tode von Beatles George.

Ich erinnere mich daran, wie Steve Jobs die Website von Apple beim Tode von George Harrison änderte und einen Nachruf veröffentlichte. Welches Unternehmen – außer das Plattenlabel – hätte so etwas gemacht? Natürlich geht es Steve Jobs um seine Produkte. Er ist Geschäftsmann. Aber es geht ihm auch um seine Kultur. Dafür gebührt im Dank und wir bräuchten mehr Steve Jobs in Unternehmensführungen. Leute mit Visionen. In einer Pressemitteilung besteht Jobs auch: „Wir lieben die Beatles, fühlen uns geehrt und sind begeistert sie bei iTunes willkommen zu heißen. Es war eine ‚long and winding road‘ bis hier her. Dank den Beatles und EMI wird nun ein Traum für uns wahr, den wir seit dem Start von iTunes vor zehn Jahren hatten.“

Dazu passt auch das Statement von Ringo: „Es freut mich besonders, dass ich in Zukunft nicht mehr gefragt werde, wann die Beatles endlich in iTunes verfügbar sein werden.“ Ringo at his best.

Aber natürlich sind die Beatles auch ein großartiges Geschäft: Apple Corps Ltd. wurde 1968 von The Beatles gegründet, mit dem Ziel sich der eigenen Geschäfte der Band anzunehmen. Das Unternehmen mit Sitz in London hat den Katalog der Veröffentlichungen seit 1960 von The Beatles verwaltet, von denen bisher über 600 Millionen Langspielplatten, Kassetten und CDs verkauft wurden. Seit den Neunziger Jahren hat Apple neue Beatles-Projekte angeführt, die zum Maßstab für Pionierleistungen wurden, darunter das The Beatles Anthology-Projekt, das über 29 Millionen-fach verkaufte Album The Beatles 1, die The Beatles LOVE-Show und -CD und die 09/09/09-Veröffentlichung des The Beatles Remastered-Katalogs und das The Beatles Rock Band Spiel.

Neben der Musik gibt es auch einen Konzertfilm zum Ansehen und beim Kauf zum Download: Für Fans gibt es das spezielle digitale ‚Beatles Box Set‘ inklusive dem Konzertfilm ‚Live at the Washington Coliseum, 1964‘ – ein weltweit exklusiv über iTunes erhältliches Video, das das allererste US-Konzert der Beatles zeigt. Schön zu sehen in dem Film, wie Ringo sein Bühnenset selbst aufbaut. Was müssen das für Zeiten gewesen sein?

Maulen muss ich aber auch als Fan: handelt es sich bei dem ‚Beatles Box Set‘ nun um die Stereo- oder die Mono-Aufnahmen? Stereo hab ich auf CD, aber Mono würde ich mir glatt kaufen. Die Apple-Presseagentur gab dazu keine Antwort. 

Kreisch: Das US-Konzert der Beatles 1964.

Kreisch: Das US-Konzert der Beatles 1964.