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New York, wir kommen – Meine Reiseimpressionen Teil 1

5. Januar 2017

Es lag an meiner großen Klappe. Ich hatte sie im September 2016 weit aufgerissen, als ich mit K2 über die US-Präsidentschaftswahl sprach. Großspurig hatte ich K2 versprochen, dass wir Weihnachten oder Silvester nach New York reisen würden, wenn Donald Trump gewinnt. Damals lag Hillary Clinton weit vorne – uneinholbar, wie ich dachte. Aber ich hatte mich verschätzt. Der Donald hatte gewonnen und K2 hatte nichts besseres zu tun, als mir mein Versprechen aufs Brot zu schmieren. „Papa, wir fahren nach New York“, lautete die Botschaft.
Nun ja, um etwas Medienkompetenz einzuüben, suchte K2 Flüge und Hotel aus, wir überzeugten meine Frau und K1, und damit war klar: Wir verbringen Silvester im Big Apple. New York, wir kommen!

Klar zum Abflug am Flughafen München.

Klar zum Abflug am Flughafen München.

Als Fluggesellschaft wählten wir aus Preisgründen United. Als Social Media-Fuzzi natürlich nicht ohne Hintergrund, denn wir wissen ja alle „United breaks guitars“. Bitte entsprechenden Blogpost in meinem Blog verfolgen, um den Hintergrund zu verstehen.


Nun galt es im Groschengrab New York zu dieser Zeit ein bezahlbares Hotel zu finden. K2 wählte das Hotel Marrakesch, 2688 Brodway 103rd Street aus. Also kurz vor Harlem – ich beruhigte mich, dass Harlem nicht mehr das gewalttätige Harlem der Siebziger und Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts sei. Außerdem waren wir in einem harmlosen Teil der Stadt. Harlem beginnt bei der 125 Straße. Bei der Buchung hatte ich allerdings übersehen, dass wir ein Zimmer mit nur einem Doppelbett haben – und das für vier Personen. Mir fiel dieser Fehler bei Booking.com erst ein paar Tage vor Abflug auf. Ein weiteres Zimmer zu Silvester in New York in dem Hotel zu bekommen, war illusorisch und auch zu kostspielig. Also mussten wir wohl improvisieren.
Beim Packen gilt: Wenig Gepäck und drei Koffer. New York hat so viel, die verkaufen uns gerne etwas. Die Damen der Familie suchen Klamotten, ich Schuhe und K1 wollte eigentlich erst gar nicht mit. Nur der Direktflug München – New York überzeugte K1.
8,5 Stunden reine Flugzeit lagen also vor uns. Tags zuvor spielte ich frische Filme auf die iPads, lud Bücher auf die Kindles, frischte die Powerbanks auf. Als musikalische Begleitung auf meinen iPhone wählte ich die großen Songs über New York.
Der Flieger war eine 22 Jahre alte Boing. Wir saßen verstreut in der Maschine, weil die Online-Sitzplatzbuchung über die Website OneTrip nicht geklappt hat. Aber mit ein wenig freundlichen Worten gelang ein Sitzplatztausch, so dass K1/2 und meine Frau und ich zusammensitzen konnten.

Tolles Entertainment-System an Bord, aber nicht, wenn man ein Lightning-Kabel hat.

Tolles Entertainment-System an Bord, aber nicht, wenn man ein Lightning-Kabel hat.

Erste Begeisterung kam auf, als ich das Entertainment-System an Bord betrachtete. Zahlreiche Filme wie Finding Dory, Snowden, Ghostbusters und mehr, die ich noch nicht gesehen hatte. Aber es scheiterte am Kopfhörer. Als iPhone 7plus-Besitzer hatte ich keinen Klinke-Kopfhörer mehr dabei. Das Lightning-Kabel passte nicht und die Bluetooth-Kopfhörer von Bose gingen natürlich auch nicht. K1/2 wollten mir ihre Kopfhörer nicht leihen, weil sie selbst schauen wollten. Zudem hatte K1 sich vorgenommen die beiden Pokémon-Spiele Sonne und Mond während des Flugs durchzuspielen. Das Nintendo 3DS wurde während des Fluges von einer USB-Steckdose am Entertainment-Center geladen. Naja und ich hatte vergessen, die freundlichen Stewardessen von United zu fragen – beim Rückflug habe ich es dann gemacht und einen kostenlosen Kopfhörer bekommen. Hätte ich nur beim Hinflug den Mund aufgemacht, wie sonst auch immer.

WLAN über den Wolken - eine Welt haben wir.

WLAN über den Wolken – eine Welt haben wir.

So hörte ich Musik: George Gershwin, Lou Reed, Bob Dylan, Velvet Underground, The Ramones, Frank Sinatra und freilich Leonard Cohens Chelsea Hotel – New Yorks Songs halt.


Als Filmunterhaltung wollte ich mir als erstes eine Arte-Dokumentation über den Abschuss des Lockerbie-Fluges ansehen, erntete aber stutzig Blicke meiner Nachbarn. Als setzte ich auf die vierte Staffel von House of Cards. Wir fliegen zwar nicht nach Washington, aber Wallstreet und die Klassiker Nie wieder New York und Frühstück bei Tiffany hatte ich schon im Vorfeld der Reise gesehen.

Über den Wolken glotzen alle Filme.

Über den Wolken glotzen alle Filme.

Ohne Verspätung gelandet und ab zur Homeland Security. Ich hatte schon lange Wartezeiten in der Vergangenheit, aber dieses Mal ging zügig voran. Eine kurze Runde noch beim Landwirtschaftsministerium, weil der Grenzer uns ein F wie Fruits auf das Einreisedokument gemalt hatte und schon waren wir im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Eigentlich darf man dieses Bild nicht machen. Ich hab es aber trotzdem gemacht.

Eigentlich darf man dieses Bild nicht machen. Ich hab es aber trotzdem gemacht.

Gelandet waren wir in Newark Liberty International Airport im US-Bundesstaat New Jersey. Das war auch für mich Premiere. Um in die Stadt zu unserem Hotel zu gelangen, wählte wir ein gelbes Taxi. Die Reise mit dem Zug nahmen wir dann beim Rückflug auf uns. Jetzt hieß es nur: Ankommen im Hotel und ab nach New York.

Der gelbe Taxi-Berechtigungsschein.

Der gelbe Taxi-Berechtigungsschein.

Am Flughafen wurden Taxibestellungen auf einen gelben EWR-Wisch ausgegeben – ohne diesen Wisch kein Taxi. Ab in die Reihe, denn Amerikaner lieben die Schlange stehen und sind darin noch besser als die Briten. Taxis kamen und fuhren, aber leider kein Minivan, wie uns die beschäftigte Dame mit Trillerpfeife am Taxistand erklärte. Daher wählte sie ein ganz normales Cab aus, sehr zum Missfallen des Taxifahrers. Bei vier Personen sollte ich mich auf den Beifahrersitz setzen, was in New York absolut unüblich ist. Passagiere kommen hinten rein, denn auf dem Beifahrersitz hat der Taxifahrer seine persönlichen Gegenstände samt Pausenbrot. Mit Bleifuß ging es dann ab zum Hotel – inzwischen war es schon dunkel geworden und New York breitete sein Lichtermeer vor uns aus. Beeindruckend dieses Stadt, beeindruckend aber auch der Verkehr. Bisher war ich es gewohnt, dass ist die Mautgebühren an den Tunnels direkt zu bezahlen hatte. Unser Taxi war mit einem E-ZPass ausgestattet, eine Art elektronische Mautkarte. E-ZPass ist ein elektronisches Maut-System auf Basis von RFID-Chips, das in weiten Teilen der nord-östlichen Vereinigten Staaten von Amerika etabliert ist. Es klappte einwandfrei und so hatten wir freie Fahrt für freie Bürger. New York, wir sind da.

Taxifahren mit E-ZPass - eine Form von Mautkarte.

Taxifahren mit E-ZPass – eine Form von Mautkarte.

Persönlicher Nachruf auf Leonard Cohen

11. November 2016
Leonard Cohen ist tot.

Leonard Cohen ist tot.

Gerade noch gestern Abend saß ich mit einem Kollegen in der Lobby meiner Seminarunterkunft und habe das göttliche Halleluja gehört. Heute morgen wachte ich auf und erfuhr, dass er verstorben ist. Leonard Cohen hat mit 82 Jahren diese Welt verlassen.
Das Jahr 2016 ist ein schlimmes Jahr für die Musikwelt. Viele Musiker wurden uns genommen. Lemmy, David Bowie, Prince, Keith Emerson und nun auch der legendäre Leonard Cohen. Vor ein paar Tagen habe ich sein jüngstes Album You want it darker in meinem Blog besprochen. Seine Musik war voller Todesahnungen. Er sang, er sei bereit für seinen Schöpfer. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich seine Musik und könnte weinen. Er hatte seine Vorahnung.
Neben Bob Dylan gehört Leonard Cohen für mich zu den wichtigsten und engsten musikalischen Begleitern meines Lebens. Ich fühle mich heute, als hätte ich ein Familienmitglied verloren – einen weisen Mann voller Erfahrungen.
Wie ich in meiner Kritik zum Album geschrieben habe, hatte Cohen seiner ewigen Muse Marianne bei ihrem bevorstehenden Tode geschrieben, dass er bald folgen würde. Das war kein Marketinggag, sondern es wurde heute Wirklichkeit. Die Zeilen lauteten: „Well Marianne, it’s come to this time when we are really so old and our bodies are falling apart and I think I will follow you very soon. Know that I am so close behind you that if you stretch out your hand, I think you can reach mine.“ Jetzt sind die beiden in der Ewigkeit wieder vereint.
Ich hörte Cohen, wenn ich Trost brauchte, wenn ich Rat brauchte, wenn ich Zweifel hatte. Er stellte die richtigen Fragen. Neben all den Klassikern, die wir von ihm kennen und für die wir ihn verehren, ist für mich einer aus dem Album Ten new songs von 2001 ein ganz bedeutender Song: Alexandra is leaving. Das Lied handelt vom Abschied, vom Loslassen.
Ich habe gehört, dass in Montreal, dem Geburtsort von Leonard Cohen, die Fahnen auf Halbmast gesetzt sind. Das finde ich eine schöne Geste für den verstorbenen Dichter. Ich werde heute nur seine Musik hören und wenn ich heute Abend wieder zu Hause bin, seine Gedichte lesen. Im Moment sitze ich in einem Zimmer meiner Seminarunterkunft und höre, während ich diese Zeilen schreibe, meine Cohen-Playlist. Und ich höre immer wieder sein göttliches Hallelujah. Es ist dunkler geworden, viel dunkler. Vielen Dank Leonard Cohen, vielen Dank für alles.

Musiktipp: You want it darker von Leonard Cohen

28. Oktober 2016

cohen

Seine Texte und seine Stimme berühren mich ganz tief. Leonard Cohen ist ein Meister der leisen Stimmungen, ein großer Dichter und er hat mit You Want It Darker wieder große musikalische Dichtkunst vorgelegt. You want it darker ist sein 14. Studioalbum und es wohl sein Abschied. Nachdem Marianne von uns gegangen ist, wird Leonard Cohen wohl bald folgen. Für Marianne schrieb er damals: : „Bird On A Wire“, „Hey, That’s No Way To Say Goodbye“ und „So Long, Marianne“. Nun schrieb er seiner Heiligen noch einen letzten Brief, den sie vor ihrem Krebstod am 28. Juli 2016 erhalten hat: „Well Marianne, it’s come to this time when we are really so old and our bodies are falling apart and I think I will follow you very soon. Know that I am so close behind you that if you stretch out your hand, I think you can reach mine.“ Er scheint vorbereitet zu sein. Ich wünsche dem 82jährigen Barden aber noch ein langes und zufriedenes Leben.


Aber als ich die ersten Takte von You want it darker hörte, wurde ich nachdenklich. Fast kamen mir die Tränen. Seine tiefe Stimme nimmt mich wie seit Jahren gefangen. I’m ready Lord singt Cohen und ich glaube es ihm. Die Texte drehen sich um Liebe, Religion und Abschied. Ich will aber nicht Abschied nehmen. Leonard Cohen ist mir ans Herz gewachsen. Zusammen mit Bob Dylan bin ich mit seiner Musik aufwachsen und ich will ihn nicht gehen lassen. Er machte gerade in den vergangenen Jahren so eindrucksvolle Musik, an der ich mich nicht satt hören kann. Und auch bei You want it darker sind die neun Songs wieder eine Reise durch die Gefühlswelten eines Leonard Cohen. Leise und dennoch eindringlich meldet er sich mit seinem Sprechgesang zu Wort.
Und auch die Produktion ist gereifter. Das Album ist von seinem Sohn Adam arrangiert. Die hervorragende Instrumentierung ist durchdacht und zurückhaltend. Trotz Streicher und Chöre ist  You Want It Darker meilenweit vom Kitsch entfernt.
„Hineni, Hineni!“ – „Hier bin ich!“ – so ein Ausruf in You want it darker und die Worte, die Abraham laut der Bibel sprach, als Gott ihm befahl, seinen Sohn zu töten. Ich schauderte, als ich die Bedeutung dieser Worte beim Hören des Cohen-Albums erfasste. Hört euch dieses Vermächtnis an und geht in euch.

Meine Meinung: Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis 2016

14. Oktober 2016

Die Nachricht erreichte mich als Breaking News während meines Referats bei einer Lehrerfortbildung. Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis 2016. Ich musste grinsen, ich freute mich. Nach all den Jahren in denen Dylan immer wieder im Gespräch war, wurde ihm nun von den Schweden die Ehre zu Teil. Seine Reaktion würde mich interessieren. Wahrscheinlich war er wie seit Jahren mit seiner Band auf seiner Neverending Tour und ihm wurde hinter der Bühne die Nachricht zugesteckt. Und wahrscheinlich genuschelt zugestimmt und hat dann seine Show als Song- and Danceman weitergeführt.
Und das bringt mich auch zum Thema. Ich freue mich wirklich, das Bob Dylan diesen Literaturnobelpreis erhalten wird. Er hat es absolut verdient und ich habe gestern mit einem Glas Wein auf diese Auszeichnung angestoßen und ein paar Dylan Songs gehört.
Als erstes dachte ich, Dylan bekommt den Preis für sein gedrucktes Werk. Ich holte mal wieder sein Buch Tarantula aus dem Jahr 1971 hervor und versuchte sein Buch zu lesen. Ich hangelte mich von Wort zu Wort, von Absatz zu Absatz, aber mir erschloss sich diese Lyrik nur schwer. Die gedruckten Gedichte von Leonard Cohen liebe ich, aber diese Lyrik von Dylan? Ich fragte mich, sollte Dylan dafür ernsthaft den Literaturnobelpreis bekommen? Tarantula ist für mich absolut schwer verdauliche Kost. Und so schaute ich nach, wie die Begründung der Jury lautete. Und diese Begründung versöhnte mich: The Nobel Prize in Literature for 2016 is awarded to Bob Dylan „for having created new poetic expressions within the great American song tradition“. Der Nobelpreis in Literatur des Jahres 2016 wird Bob Dylan verliehen „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“.

Die Website der Schweden.

Die Website der Schweden.

Doch welcher Bob Dylan-Maske wird eigentlich dieser Preis verliehen? Das ist doch die Frage. Dylan hat so viele Phasen, so viele Gesichter, so viele Masken, dass der Mensch dahinter nicht greifbar wird. Wer ist dieser Bob Dylan eigentlich? Seine Lyrik zieht sich durch Jahrzehnte, aber er hat sich immer wieder radikal verändert. Begonnen als Rock’n Roller, dann erfolgreich als Folkie, dann wieder elektrisch Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit epochalen Alben. Es folgte die Hinwendung zum Country, die Erschaffung des Folk Rocks, dann des Country Rocks, und dann wieder ein Abdriften in puren reaktionären Country. Auch dabei war ein Exkurs Richtung Schlager, mit musikalische Hochphasen während seiner Scheidung, ein Ausflug nach Las Vegas und dann entwickelte er eine Power als reisender musikalischer Zigeuner. Oder bekommt Dylan den Preis für seine Maske, als er überraschend eine Hardliner Phase als religiöser Prediger und wiedergeborener Christ annahm? Sie wiederum wurde gefolgt von den Phasen als Rocker, dann als Blueser, dann wieder als Rocker. Heute ist Bob Dylan ein Gesamtkunstwerk, das auf der Bühne kaum aktiv zum Publikum spricht. Seine einzige Kommunikation sind seine Lieder, die inzwischen fast zum Volkslied mutierten. Aber Dylan ist weit entfernt vom Best-of-Musikant, sondern er interpretiert seine Lieder und Texte neu, variiert, streckt, zerreißt die Lieder. Mal bellt er sie als Punk heraus, dann interpretiert er sie herzzerreißend. Ein Dylan-Konzert ist immer ein Erlebnis, so oder so.
Ich bin sehr gespannt, wie und ob Dylan den Preis entgegen nehmen wird. Außer Thank you wird er nix sagen und so die vorangegangenen Literaturen bloßstellen, die lange Plädoyers über ihr jeweiligen Werk abgegeben haben. Als ihm sein Präsident Obama einen der höchsten Ordnen der USA umhängt, trug der Meister eine dunkle Sonnenbrille und sagte nichts. Oder er karikiert seinen Auftritt wie 1991 beim Grammy Lifetime Achievement Award mit einer vermeintlich wirren Rede, deren Gehalt erst viel später erkannt wurde. Wir können gespannt sein. Gewiss ist nur, dass Bob Dylan anschließend weiter auf Tour gehen wird, um seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition weiter zu pflegen. Herzlichen Glückwunsch Bob Dylan.

 

Hier nochmal die offizielle Verkündigung: Applaus für Dylan

Ali, Ali – Ali hat den letzten Kampf verloren – mein Nachruf

4. Juni 2016

Wenn es ums Boxen in meiner Familie ging, dann wurden nur zwei Namen genannt: Max Schmeling und Muhammad Ali. Nun verstarb Ali im Alter von 74 Jahren. Neben all den sportlichen Leistungen imponierte er mir vor allem durch eine Eigenschaft: Der Kerl war unbeugsam und machte sein Ding.
Mit meiner Mutter, die der Boxfan in unserer Familie war, schaute ich als Kind zusammen nachts die Kämpfe von Ali an. Mutter erklärte mir, dass Ali eigentlich Cassius Clay hieß, aber dann zum Islam konvertierte und sich Muhammad Ali nannte. Warum, das habe ich als Kind ebenso wenig verstanden wie seine Aussagen zu Black Panther oder sein Engagement in der US-Bürgerrechtsbewegung – ich war einfach zu jung. Mir hat einfach das Boxen gefallen. Mitschüler von mir gingen nach Alis Kämpfen in den örtlichen Boxclub BC Piccolo, aber das war für mich als schüchterner Brillenträger nichts. Ich schaute Ali im Fernsehen an und war zufrieden.
Was mir auch auffiel und imponierte, war die große Klappe von Muhammad Ali. Eigentlich war er ein Großmaul, aber ein begnadetes Großmaul. Er hatte eine Meinung und ließ sie jeden wissen. Das faszinierte mich. Ich erkannte, dieser schwarze Mann geht unbeugsam seinen Weg. Das ist gut so.
Mein musikalischer Held Bob Dylan traf sich mit Ali im Rahmen der Rolling Thunder Tour als es um die Unterstützung des schwarzen Boxers Rubin „Hurricane“ Carter ging. Der Song war das erste Lied auf dem legendären Album Desire. Hier hörte ich wieder diese unbeugsame Stimme, die sich wehrt.

Ali und Apple

Ali und Apple

Als große Ehrung sah ich es an, als Ali in der Think different-Plakatserie von Apple erschien. Ich war gerade in den USA als mir Muhammad Ali die Faust auf einem schwarzweiß-Plakat entgegenstreckte. Think different – das war das Comeback von Apple, eben To the crazy ones. Noch heute erinnere ich mich an das Mantra und Teil dieses Mantras war Muhammad Ali.

Here’s to the crazy ones.
The misfits.
The rebels.
The troublemakers.
The round pegs in the square holes.
The ones who see things differently.
They’re not fond of rules.
And they have no respect for the status quo.
You can quote them, disagree with them, glorify or vilify them.
But the only thing you can’t do is ignore them.
Because they change things.
They push the human race forward.
And while some may see them as the crazy ones,
We see genius.
Because the people who are crazy enough to think
they can change the world,
Are the ones who do.

Muhammad Ali war immer da und zeigte auch nach seiner Erkrankung wirkliche Größe. Zuletzt mit der klaren Positionierung gegen Donald Trump. Politiker sollten für ein Verständnis für den Islam sorgen und klar stellen, dass „fehlgeleitete Mörder“ das Ansehen seiner Religion gefährden. Gut gesprochen, obwohl ich mir das alte Großmaul von früher hier gewünscht hätte.
Heute werde ich mir die Ali-Verfilmung mit Will Smith ansehen – und naürlich „Rumble in the Jungle“.

Bob Dylan wird 75. Jahre – Happy Birthday

24. Mai 2016

Wir sind alle älter geworden und heute feiert einer meiner Helden seinen 75. Geburtstag: Bob Dylan. Als Robert Zimmerman geboren hat dieser Künstler meine Musikwelt und mein Leben geprägt. Ich war von seiner künstlerischen Präsenz von Anfang an fasziniert und begeistert. Kaum einen Künstler bin ich durch alle Höhen und Tiefen gefolgt. Für mich steht fest: Dieser Mann hat absolutes Talent, kann musizieren und er hat etwas zu sagen. In diesem Blog habe ich mich immer wieder zum Phänomen Bob Dylan geäußert und seine Alben besprochen. Vor wenigen Tagen erschien meine Kritik zu seinem 47. Album Fallen Angels in meinem Blog.
Zum 75. Geburtstag von Bob Dylan will ich mit in den Gratulationsreigen einreihen und dem Meister gratulieren. Ich hab keine Ahnung, ob und wie er feiert. Ich stoße auf ihn heute Abend mit einem Gläschen an. Privat scheint er ein schwieriger Mensch zu sein und privat muss ich ihn auch nicht mögen (allerdings kenne ich ihn nicht). Musikalisch muss ich ihn einfach verehren.

Traveling_Wilburys
Im Moment habe ich wieder das Musikprojekt Traveling Wilburys für mich wieder entdeckt. Als George Harrison, Jeff Lyne, Roy Orbison, Tom Petty und Bob Dylan im Jahr 1988 als Wilburys-Brüder unter dem Namen Traveling Wilburys auftauchten, glänzten meine Augen und freuten sich meine Ohren. Dylan lieferte in dieser Zeit extrem schlechte Alben ab, war in einer Crazy Mood und die musikalischen Freunde brachten sein Talent wieder hervor. Nett war, dass Dylan den Namen Lucky Wilbury tragen durfte. Das erste Album der musikalischen Brüder löste für mich eine Welle der handgemachten Musik aus. Ich kaufte das Album und hörte es wochenlang. Das Anhören machte wirklich Spaß.
Die Geschichte des Albums der Traveling Wilburys ist bekannt. Harrison suchte ein Studio für die B-Seite einer Single. Jeff Lyne verwies auf das Heimstudio von Bob Dylan und man lud Tom Petty und Roy Orbison dazu ein. Die Herrschaften musizierten und eine fabelhafte Boygroup war geboren.
Wenn ich mal niedergeschlagen bin, dann sorgen die Wilburys für neuen Schwung. Handle with care war der erste gemeinsame Song und noch einige in zehn Tagen sollten folgen. So ein Album entsteht eben, wenn Genies zusammenarbeiten und dies ohne Marketingdruck und Castingshow. Die Kreativität und der gegenseitige Respekt sind auf dem Album überall zu spüren. Wir trauerten, als Roy Orbison verstarb und die Verbeugung im Video End of The Line war rührend. Der Schaukelstuhl, das Foto von Orbison und die schwarze Gitarre taten bei mir ihre Wirkung.
Im zweiten Album Vol.3 wechselten die verbliebenen Wilbury-Brüder ihre Namen. Aus Lucky wurde bei Bob Dylan nun Boo Wilbury und auch das Album gefiel mir gut. Leider gingen die Herrschaften nie auf Tour. Ich bin noch im Besitz der alten Originalscheiben und habe mir auch die Neuauflagen gekauft. Großartiges Zeug für Musikfreunde.
Und nun: Bob Dylan ist 75 Jahre. Meinen höchsten Respekt Mr. Dylan. Gerade in diesem dunklen Jahr für die Musik, nach dem Tod zahlreicher musikalischer Helden, will ich Ihnen nur eines wünschen: Bleiben Sie gesund und genießen Sie Ihr Leben.

Musiktipp: Bob Dylan: Fallen Angels

23. Mai 2016
Das 47- Album von Bob Dylan Fallen Angels.

Das 47- Album von Bob Dylan Fallen Angels.

Frank Dylan ist zurück. Kurz vor seinem 75. Geburtstag veröffentlichte der große Barde der amerikanischen Popkultur sein 47. Album mit dem Titel Fallen Angels. Wer das Vorgängeralbum Shadow in The Night mochte, der wird Fallen Angels lieben.
Frank, Verzeihung Bob Dylan geht seinen Weg weiter voran, konsequent. So wie er es seit Jahrzehnten gemacht hat. Er nimmt auf seine Fans wenig Rücksicht – nur dieses Mal hat der Künstler hörbar Spaß dabei.
Fallen Angels ist eine Verbeugung an die große Zeit von Frank Sinatra, als Musik noch Musik war und ein Song and Dance-Man noch ein Entertainer.
Das Album selbst ist für mich keine große Überraschung mehr. Die Konzerte der jüngsten Zeit deuteten den Wandel an. Bei der unlängst stattgefundenen Japan-Tour wurde speziell für diese Konzerte von Sony eine CD mit den vier ausgekoppelten Songs Melancholy Mood, All of Nothing at all, Come Rain of Come shine sowie That old Black Magic für das Land der aufgehenden Sonne veröffentlicht. Der Titel der CD Melancholy Mood sagt viel über die Stimungslage aus. Als Dylan-Fan musste ich sie natürlich haben und die Interpretation der wunderschönen Melodien hören.

Melancholy Hood wurde speziell für Japan veröffentlicht.

Melancholy Hood wurde speziell für Japan veröffentlicht.

Der Folkie-Dylan ist schon lange nicht mehr, der Rock’n Roller liegt erst einmal auf Eis, ebenso der Gospel-Guru auf der Suche nach Jesus. Dylan hat sich dem Easy Listening zugewandt und sich Songs angenommen, die auch schon Frank Sinatra berühmt gemacht haben. Dylan liefert aber nicht ein Neuarrangement der Songs ab, sondern wirft alles Überflüssige über Bord. Keine Bläser, kein aufgemotzter Sound, der zu Sinatra gepasst hat, aber nicht zu Dylan. Bob Dylan reduziert die Songs, reduziert die Instrumentierung. Die Aufnahmen müssen sehr intim gewesen sein und die Band unterstützt kongenial die Stimme des Meisters. Und wahrlich, Bob Dylan war nie für seine Stimme berühmt. Er bemüht sich gewaltig und schafft eine wunderbare Stimmung.
Ich hörte Fallen Angels auf einer langen Zugfahrt rauf und runter via Kopfhörer. Ich schloss die Augen und genoss die Musik. Anders als bei so manchen früheren Dylan-Alben musste ich nicht exakt auf die Text-Musik-Kombination achten, um Geheimnisse auf dem Dylan-Universum zu erkunden. Ich konnte einfach die Musik genießen, mich den puren Genuss an toller Musik und toller Interpretation hingeben. Dafür herzlichen Dank lieber Bob Dylan. Ich bin gespannt, wohin uns unser gemeinsamer Weg noch treibt.

Musiktipp: The Cutting Edge 1965-1966: The Bootleg Series, Vol.12 Deluxe von Bob Dylan

6. Januar 2016

collectors-edition-set

Endlich hatte ich Zeit, die neue Bob Dylan Bootleg Series, Ausgabe 12, ausführlich durchzuhören. Warum ich so lange brauchte? Ich hab mir die volle Dröhnung gegeben: Es gibt The Cutting Edge 1965-1966: The Bootleg Series, Vol.12 in drei verschiedenen Versionen: die preiswerte Doppel-CD fürs Volk, die teuere Deluxe-Version mit 6 CDs für ambitionierte Dylan-Freunde und die fette, teuere geniale Sammleredition mit 18 CDs für die Irren. Nun ratet mal, welche Version ich mir geleistet habe?

Ich habe die Nummer 1206 der auf 5000 Exemplaren bestehenden Sammleredition aus den USA.

Ich habe die Nummer 1206 der auf 5000 Exemplaren bestehenden Sammleredition aus den USA.

Ja, ich habe die Nummer 1206 der auf 5000 Exemplaren bestehenden Sammleredition aus den USA. So sagt es das Echtheits-Zertifikat der Plattenfirma. Die Musik ist schlichtweg eine Offenbarung für Dylan-Fans, nicht mehr, nicht weniger. Die beiden Jahren 1965 und 1966 waren für Dylan und die Musikwelt extrem bedeutend. Der Folkie Dylan wechselte auf die E-Gitarre und revolutionierte nebenbei die Musikwelt. Die Alben der Zeit lauteten Bringing It All Back Home, Highway 61 Revisited und Blonde on Blonde und die 12. Ausgabe der Bootleg-Serie bringt nun fast alle Studioaufnahmen dieser Zeit. Und wenn ich fast alle schreibe, dann meine ich auch fast alle. Sämtliche veröffentliche Aufnahmen wurden anhand der Original-Mehrspurbänder abgemischt. Und die Soundqualität der von Tom Wilson und dann von Bob Johnson produzierten Aufnahmen sind tadellos.
Die Sammleredition für den deutschen Endpreis von 780 Euro wird aufgewertet durch einen Filmstreifen von Don’t look back, zwei fette Fotobücher samt Datierung der Aufnahmesessions und zahlreichen Vinyl-Singles mit den Single-Ausgaben der damaligen Zeit. Das Ganze ist in einer edlen mit blauem Leinenstoff verkleideten Box untergebracht.


Für mich als Dylan-Fan ist es ein wahres Soundjuwel geworden, das ich immer wieder durchhören kann und immer wieder neues entdecke. 379 Songs insgesamt. Es reizt mich die einzelnen Songversionen zu vergleichen und persönliche Rückschlüsse zu ziehen. Seit November habe ich die Box und kann sagen: Es ist keine Musik für nebenbei. Natürlich kennt der Fan die Songs, aber ich kannte noch nicht alle Variationen und Interpretationen. Natürlich gab es den einen oder anderen Bootleg aus den Sessions, aber das Gesamtwerk in einer Mammutbox ist doch gewaltig. 18 CDs mit meisterhaften Material.


Mehrere Abende habe ich das 170seitige Fotobuch Mixing Up The Medicine betrachtet. Die Mehrzahl der Bilder ist in Farbe, viele bekannte Fotos sind enthalten, aber auch einige neue Schätze aus dem Studio, auf Tour, hinter den Kulissen. Das zweite Buch ist deutlich textlastiger. Die Herrschaften Bill Flanagan, Sean Wilentz und Ben Rollins erzählen Geschichten aus der Produktion der 60er Jahre Aufnahmen. Ergänzt werden die Berichte durch Anekdoten von Al Kooper. Viel Lesestoff war dies über die Weihnachtszeit.
Sehr nett waren die neun Singles, die in den besagten Jahren erschienen sind. Freilich sind es Nachpressungen. Es handelt sich dabei um US- und internationale Covers. Die Aufnahmen selbst sind in Mono. Ich habe sie einmal abgespielt und mir die Zeiten von damals vorgestellt, als sie auf den Markt kamen Am Boden der Box gibt es noch ein Single-Zwischenstück aus Plastik in Leopardenmuster.
Um nicht die 18 CDs zu rippen liegt zudem ein Download-Code bei, um sich die Sachen auf den heimischen Server zu laden. Über Weihnachten kam zudem eine Mail von Sony, dass es noch 200 Live-Songs als Geschenk gibt. Hab ich gleich geladen. Darunter sind 14 komplette Konzerte – allerdings nicht immer in Top Qualität. Aber geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
Auf jeden Fall ist diese Box eine Offenbarung für alle Bob Dylan-Fans. Einsteiger kommen sowieso nicht in die Verlegenheit, eine Box für 780 Euro zu kaufen, die irren Dylan-Fanatiker tun es auf jeden Fall – und die Box ist jeden Cent wert.
Wie ich von den entsprechenden einschlägigen Fanseiten lese, plant der Meister die Sessions zu Blood on the Tracks als nächstes auf den Markt zu bringen. Ok, ich bin bereit lieber Bob Dylan. Ich habe Blut geleckt und bei Blood on the Tracks bitte keine halben Sachen.

Wasserschaden – reinigende Wirkung und Verlust zugleich

31. August 2015

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Ich hatte in meinem persönlichen Archiv einen Wasserschaden. Ein Kaltwasserventil war undicht und es tropfte in einen meiner Archivräume im Keller. Es muss schon eine ganze Weile getropft haben, denn der Schaden war enorm. Es erwischte einen Teil meiner Sammlung, die komplett aufweichte. Um die paar Holzregale war es mir nicht schade, aber um viele Inhalte tut es mir weh, persönlich und materiell.

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Was wurde alles getroffen? Zunächst zahlreiche Bücher. Sie sogen das Wasser auf und sind komplett unbrauchbar. Es handelte sich in der Regel um Fotobücher. Darunter waren Erstausgaben von Büchern über den 11. September von Magnum, Fotobände von Annie Leibovitz, die BILD-Sonderausgabe und Wirtschaftswunder-Ausgabe von Taschen in der Erstauflage, ein paar Bücher von Helmut Newton, ein Sammelband von Tween-Ausgaben und eine Originalausgabe von The end of Print von David Carson. Zudem erwischte es den schweren Ausstellungskatalog zur Documenta aus Kassel und einen Gutenberg-Katalog aus Mainz.
Ein Opfer des Wassers wurden zahlreiche Seminarunterlagen, die ich für meine Arbeit benötige, wie verschiedene Zeitschriften seit den sechziger Jahren, an denen ich die Layoutentwicklung zeige. Sehr ärgerlich, denn ich hatte die Layouts nicht gescannt, weil ich in den Seminaren immer gerne die Originale gezeigt hatte. Außerdem waren einige Bücher über die Geschichte der Fotografie und erste Experimentalbücher über digitale Fotografie darunter. Signierte Ausgaben von Sonderveröffentlichungen sind für den Müll.


Es erwischte auch einen Teil meiner Schallplattensammlung. Ich habe, nein ich hatte, eine große Sammlung von Vinyl-Schallplatten der sechziger und siebziger Jahre. Viele Erstveröffentlichungen von Pink Floyd (noch mit Poster), Emerson, Lake & Palmer als sie noch bei Atlantic unter Vertrag waren, Klaus Schulze Unikate versanken in den Fluten. Mehrere kostbare Dylan-Bootlegs, viele seltene Schallplatten von den Doors, Fats Domino, Buddy Holly und viele mehr wie eine Who Leeds-Ausgabe mit Fotos und Vertragstexten kann ich wegwerfen. Ich habe in den vergangenen Tagen eine Auflistung für die Versicherung gemacht. Mir blutet das Herz als ich die Original-Elvis Scheiben im Wasser sah. Die Covers waren aufgelöst und sogar die Labels von den LPs hatten sich bei einigen Platten gelöst. Der Sammlerwert ist heute nach dem Wasserschaden gleich null.
Einen tiefen Stich gab es im Herzen, als ich sah, dass es auch meine Postersammlung erwischt hatte. Als passionierter Apple Fanboy litten einige Think different-Plakate und 20 Plakate von der MacWorld Expo aus San Francisco mit dem iMac G4 2002 sind unwiderruflich verloren. Sie waren nur noch ein Klumpen. Einige teuere Plakate der ersten iPhone-Kampagne waren auch darunter. Ich bin also in Trauer.
Es wurden die Sachen Zug um Zug fotografiert und eine Liste für die Versicherung geschrieben. Ich hoffe, der Münchener Verein kann den materiellen Schaden ausgleichen. Meine Frau hat sofort unseren Ansprechpartner bei MV informiert. Der immaterielle Schaden ist enorm. Der Schadensregulierer vom Münchener Verein war schon vor Ort und wir haben den Schaden aufgelistet.
Aber bei all den Schattenseiten gibt es auch positives. Ich gehe jetzt daran, mein Archiv neu zu ordnen und zu strukturieren. Zudem haben meine Frau und ich viele Altkleider, Schuhe zu Kleidersammlungen gebracht. Auch Kuscheltiere der Kinder wurden an syrische Kinder gespendet, ich habe darüber gebloggt. Wir haben viele Regalmeter an durchweichten Bretter zum örtlichen Wertstoffhof gefahren und Teile des Kellers und der Garage aufgeräumt. Das hätte ich nicht in Angriff genommen ohne Wasserschaden. Aber ehrlich: Auf dieses Dreckwasser hätte ich verzichten können.

Konzertkritik: Bob Dylan in Bamberg

24. Juni 2015
Dylans Bühne in Bamberg.

Dylans Bühne in Bamberg.

Die Revolution ist in Bamberg ausgeblieben. So sehr hatte ich auf den Song Blind Willie McTell gehofft, den Altmeister Bob Dylan nach rund 120 Konzerten bei dem Vorgängerkonzert am 21. Juni in Tübingen gespielt hat. Am 23. Juni kam der Klassiker aus den Infidels-Sessions nicht vor. Aber das tat der Stimmung in der ausverkauften Brose-Arena in Bamberg keinen Abbruch.
Dylan verschlug es bei seiner Europa-Tour in die fränkische Provinz und lieferte eine gute, nein – eine sehr gute Show ab. Der Song-and-Dance-Man nahm uns Zuschauer auf eine musikalische Reise durch die amerikanische Musikkultur mit: Rock’n Roll, Country, Blues, sogar Walzer. Wie in den vergangenen Jahren gewohnt, lieferte er auch in Bamberg keine Best-of-Show ab. Natürlich waren ein paar Klassiker dabei, aber Dylan hätte mit einer klassischen Best-of-Show locker das Publikum unterhalten können, doch kein Rolling Stone, erst recht freilich kein Knocking On Heaven‘s Door. Dass er dies nicht macht, das wissen die Dylan-Fans und freuen sich auf Neuinterpretationen. So mancher Bamberger im fortgeschrittenen Alter schaute aber verständnislos, wenn er erst am Refrain einen Dylan-Song erkannte, nachdem ihn der Meister komplett umgebaut hat. Immer wieder Diskussionen in meiner Umgebung, welcher Song das nun sei. Meine Sitznachbarn waren zudem mehr damit beschäftigt, warum in der Brose-Arena Oettinger Bier ausgeschenkt wird und nicht ein Bier einer lokalen Brauerei. OMG, habt ihr Probleme!

Der Dylan-Shop im Vorraum.

Der Dylan-Shop im Vorraum.

Die Performance des 74jährigen Bob Dylan war in Bamberg ausgezeichnet. Stimmlich ist der Mann voll auf der Höhe seiner Songs. Wer während des Konzerts die Augen schloss und sich auf die Stimme von Dylan einließ, der empfand: Dieser Mann singt und spielt für mich, ganz allein für mich. Seine assoziative Lyrik steigt im Kopf auf und vermischt sich mit der unglaublich tiefen Musik. Und seine Band erst: Es ist ein hervorragendes eingespieltes Team. Hier stimmte jeder Ton, jeder Takt, jedes Solo, jede Note. Den Meister immer im Blick hatten Stu Kimball (Gitarre), Charlie Sextons (Gitarre), George Recile (Drums), Tony Garnier (Bass). Dylan selbst sang und spielte Mundharmonika und Klavier. Nach diesem Bühnensound muss Dylan lange gesucht haben. Wir haben schon viele Experimente von Dylan zu hören bekommen, dieser Sound gefällt mir. Er passt fantastisch zur Stimmung des Songwriters, der sich zuletzt mit Sinatra-Interpretationen in mein Herz gesungen hat. Die Pause gab es dann auch passend nach I’m a Fool to Want You. Autumn Leaves aus der Sinatra-Phase gab es dann eher gegen Ende des Konzerts und zeigt deutlich, in welcher Grundstimmung der Meister ist.
Am Ende gab es von den Franken das höchste Lob: Passt scho und ich sage auch: Vielen Dank your Bobness, bis zum nächsten Mal.

Hier die Setlist von Bamberg:
Things Have Changed
She Belongs To Me
Beyond Here Lies Nothin‘
Workingman’s Blues #2
Duquesne Whistle
Waiting For You
Pay In Blood
Tangled Up In Blue
I’m a Fool to Want You
High Water (For Charley Patton)
Simple Twist Of Fate
Early Roman Kings
Forgetful Heart
Spirit On The Water
Scarlet Town
Soon After Midnight
Long And Wasted Years
Autumn Leaves
Blowin‘ In The Wind
Love Sick

Das Konzert in Bamberg war ausverkauft.

Das Konzert in Bamberg war ausverkauft.