Filmkritik: Like A Complete Unknown

BioPics von lebenden und verstorbenen Musikern gehören zum Filmgeschäft dazu. Sei es Spielfilme mit biografischen Hintergrund wie von Freddie Mercury, Elvis Presley, Elton John oder Johnny Cash. Nun kommt mit Like A Complete Unknown eine weitere verfilmte Biografie hinzu: Sie dreht sich um die Anfangsjahre von Bob Dylan bis zu seinem Auftritt in Newport 1965, als Dylan seine Gitarre an einen Verstärker anschloss.

Und anders als viele andere Biopics wird Dylan von Starregisseur James Mangold durchgehend als egoistischer Eigenbrödler gezeigt, der konsequent seinen Weg geht, wohl als Künstler seinen Weg gehen muss und seine Umwelt damit oftmals vor den Kopf stößt. Freunde, Freundinnen und Förderer werden oft beiseite gestoßen. Dylan will sich nicht vereinnahmen lassen und bricht mit ehemaligen Wegbereitern. Immer wieder wird im Film klar, dass sich Dylan nicht vor den Karren anderer spannen lassen will, nicht vor die US-Bürgerrechtswegung, den Folktraditionalisten, der Herzdame Joan Baez, die ihn den Weg auf die großen Bühnen bereitet hatte und Dankbarkeit erwartete. Die einzigen denen Dylan im Film treu ergeben sind, sind sein Idol Woody Guthrie und Country-Outlaw Johnny Cash.

Dylan bleibt der A Complete Unknown, wie der weitaus bessere Originaltitel des Films heißt. Der deutsche Verleih hatte wohl ein wenig zu viel Like a Rolling Stone gehört und führt den Zuschauer auf die falsche Fährte. Dylan ist ein Künstler mit tausend Masken, tausend Gesichtern, die nicht fassbar sind. Das zeigt der Film hervorragend, geht dabei einen anderen Weg als das Biopic I’m Not There von 2007. Sympathisch ist das nicht, aber so ist der Mann nun eben mal und trägt damit seine eigene Bürde. Das wird dem Zuschauer, der sich mit dem Phänomen Dylan nicht so auskennt oder gar ein hardcore Dylanolge ist, nicht gefallen: Kein PR Märchen mit versöhnlichen Abschluss. Dylan zerlegt das Folkfestival in Newport, wendet sich elektrisch gegen die Puristen und streut noch mit Songs wie I don’t work on Maggies Farm noch Salz in die Wunde.

Freunde wie der linke Liedermacher Pete Seeger oder Folkqueen Joan Baez oder der US-amerikanischer Folklore- und Musikforscher Alan Lomax bleiben mit Tränen und geplatzten Illusionen zurück. Der einzige, der sich wirklich freut ist Dylans Manager Albert Grossman (wunderbar dargestellt von Dan Fogler), der das Talent von Dylan erkennt und auch das große Geld darin.

Im Film selbst spielt sich Hauptdarsteller Timothée Chalamet die Seele aus dem Leib. Er hat jahrelang Studien über Dylan vorgenommen und er singt – wie die anderen Darsteller auch – die Songs selbst. Der Soundtrack ist hervorragend. Der 29-Jährige brilliert in der Rolle und es ist ein Genuss sich seinem Schauspiel hinzugeben. Ganze fünf Jahre bereitete er sich auf die Rolle des Bob Dylan vor, nahm Musikunterricht und zehn Kilo zu.
Um Timothée Chalamet versammelt Erfolgsregisseur James Mangold („Indiana Jones und das Rad des Schicksals“, „Walk the Line“, „Cop Land“) einen kreativen Cast: Edward Norton spielt Pete Seeger, Elle Fanning als Sylvie Russo, Monica Barbaro als Joan Baez, Boyd Holbrook als Johnny Cash und Scoot McNairy als Woody Guthrie.

Bei den Oscars 2025 fiel der Film (unverständlicherweise) durch und auch im Kino wird dem Film in Deutschland auch kein großer Erfolg beschert sein. Und dennoch sollte man sich ihn unbedingt ansehen. Ich hab den Genuss in meinem Lieblingskino Scala Fürstenfeldbruck erlebt und kann den Film auch den Nicht-Dylan-Fans absolut empfehlen.

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8 Antworten to “Filmkritik: Like A Complete Unknown”

  1. Avatar von Christian Tiemann Christian Tiemann Says:

    sehr treffend beschrieben

  2. Avatar von comicfreund comicfreund Says:

    Sauber geschöntes Kino: der jahrelange Drogenkonsum des Meisters wurde einfach weggelassen…

  3. Avatar von Andi Andi Says:

    Dave van Ronk und Ramblin‘ Jack Elliott kommen ein wenig zu kurz meiner Meinung nach, aber dann hätte man den Film nur über die Folkzeit drehen können.

    Becka denke ich ist eine fiktive Version von Mavis Staples (meine Vermutung).

    Ich finde den Film in der Hinsicht auf alle Fälle schon mal sehr klasse, dass er Fans von Timothy Chalamet auf Dylan bringt. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es eine ganz neue Akzeptanz und Faszination für His Bobness. Und wenn selbst 15 Jährige auf Youtube und Spotify nach Dylan suchen, hat der Film definitiv schon viel mehr erreicht, als 10 Oscars hätten bewirken können.

  4. Avatar von wortpresse2012 wortpresse2012 Says:

    Danke! Ich fand ihn hervorragend und meiner Frau, die nicht so tief in Dylan eingestiegen ist, hat er auch sehr gut gefallen. In den Gesprächen vor Newport 1965, als es schon darum ging, ob Dylan wirklich elektrisch spielen will, kam gut der Kontrast raus zwischen den Folk-Puristen, die friedlich für Frieden singen wollten, und Dylan, den es angesichts der Ereignisse in der Welt auf andere Wege zog.

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