Posts Tagged ‘Konzert’

Wolf Biermann spielt Heinrich Heine in München

16. September 2022

Ich dachte immer, im Alter kommt die Milde. Ich habe mich getäuscht: Bei Wolf Biermann ist das absolut nicht der Fall. Mit seinen 85 Jahren ist Biermann ein starkes Denkmal und Mahnmal der deutsch-deutschen Geschichte, der sich trotz oder vielleicht auch wegen des hohen Alters immer wieder zu Wort meldet. Und Diplomatie war nie sein zweiter Vorname.

Im ausverkauften jüdischen Gemeindezentrum in München spielte er vor ausverkauftem Saal. Drei Tage zuvor trat er in der Elbphilharmonie seiner Geburtsstadt Hamburg auf. Kern des Programms waren aber nicht nur die klassischen nachdenklichen und provokanten Lieder und Gedichte, sondern Wolf Biermann war im Zwiegespräch mit dem deutsch-jüdischen Dichter Heinrich Heine. Geschickt führte uns Biermann in die Welt Heines ein, führte Dialoge mit dem Dichter und da durften Wintermärchen und Loreley nicht fehlen – zudem gab es zu diesen Werken die musikalischen Interpretationen aus Sicht Biermanns.

Sehr bewegt war für mich persönlich Auseinandersetzung Biermanns mit Heine mit dem Gedicht „Sie saßen und tranken am Teetisch“ und seiner Mutter – hier das Video dazu.

Spott und klare Worte fand Biermann immer wieder zum Kommunismus, mit dem er gebrochen hat. Dieses Mal bekam die Partei der Linken als Nachfolger der SED- und Stasi-Dikaturpartei nicht direkt seinen Zorn und Häme zu spüren. Dafür bekam Brecht und seiner Verehrung des Kommunismus in seinen Werken das Fett ab.

Und Biermann bezog Stellung zum Ukraine-Krieg und dem deutschen Pazifismus. Er präsentierte ein neues Lied in München. Ein Vers lautet:

„Und jetzt wedelt mit seinem russischen Hund
Manch deutschnational-pazifistischer Schwanz
Mein Herz spielt verrückt im Ukrainekrieg
verrückt Toleranz mit der Intoleranz.“


Mit klaren Worten bezieht der 85jährige Stellung. Er muss nicht mehr gefallen und er hat sich nie angebiedert, was ja auch 1976 zu seiner Ausbürgerung aus der DDR führte. Es hat gut, einen solchen Mahner mal live zu erleben. Der Mann hat seine Verdienste. Ich wollte mich in der anschließenden Autogrammstunde persönlich bei ihm mit einem Händedruck bedanken, was er aber auch Corona-Hygienevorschriften ausschlug.

Dennoch: Danke Wolf Biermann für Ihr Werk. Und es tat gut, den Song Ermutigung aus seinem Mund live zu hören.
Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich

Sixty 2022 – Rolling Stones in München

6. Juni 2022

„Servus Minga“ – zwei Worte genügten, damit war alles gesagt. Die Rolling Stones rockten München und ich war dabei. Dabei sah es am Abend nicht so aus: Gewitter und Wolkenbrüche über dem Olympiastadion, so dass das Konzert um eine Stunde verschoben werden musste.
Aber als Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood samt Band die Bühne betraten, kam die Sonne heraus und es wurde zu einem kraftvollen Konzertabend. Die Briten feierten das 70. Thronjubiläum der Queen, die Münchner feierten das 60. Bandjubiläum der Rolling Stones.

Jagger gilt als München Fan. Er postete in Instagram tags zuvor Fotos vom Chinesischen Turm, vom Englischen Garten und aus Schwabing und Friedensengel. 116 Mal waren die Stones in Deutschland, ein paar Mal war ich mit dabei und es immer noch eine Freude, die Herren auf der Bühne zu sehen. Vorfreude kam auf, als schwarze Vans mit dunklen Scheiben ins Stadion einfuhren. Die Helden des Abends entstiegen den Fahrzeugen und machten sich bereit für einen Abend voller Rock‘n Roll.

Natürlich ist Jagger mit seinen fast 79 Jahren etwas ruhiger geworden, etwas, aber nicht viel. Seine Bühnenpräsenz ist nach wie vor einzigartig. Richards mit blauer Wollmütze spielte Riff um Riff, während Wood für konstante Gitarrenklänge sorgte. Alles wie gehabt. Alles? – Nein natürlich nicht. Charlie Watts fehlte – ich habe die Stones noch nie ohne Charlie Watts gesehen, aber der Schlagzeuger verstarb im August 2021. Die Stones beschlossen dennoch weiterzumachen. Aber die Erinnerung an den ruhigen Mann hinter den Drums war zu spüren. Vor dem Startschuss des Konzerts erinnerte ein Film an Charlie Watts.

Mick Jagger würdigte seinen verstorbenen Bandkollegen. Watts Nachfolger Steve Jordan machte seine Sache hervorragend, blieb aber im Hintergrund.
Die Europa-Tour startete in Madrid und der zweite Termin war nun München. Die Songs der beiden Europakonzerte variierten ein wenig. München bekam Ruby Thuesday statt Beast of Bruden. Genügend Material haben die Steine ja im Laufe der sechs Jahrzehnte angehäuft. Richards dufte auch zwei Songs anbringen: Happy Connection und Slipping Away – Zeit für Mick ein wenig durchzuschnaufen.

Der Konzertstart war der klassische Street Fighting Man und es folgten die klassischen Hits, ein bisschen Best of ohne Überraschungen. Zum ersten Mal live hörte ich Living in a Ghost Town von 2020, die zweite Nummer 1 der Stones in Deutschland nach Jumpin’ Jack Flash, der auch in München gespielt wurde. Jagger sagte auch etwas, dass der Song nach Madrid zum zweiten Mal gespielt werde.

Persönlich empfand ich meine beiden Klassiker Sympathy for the Devil, You Can’t always … sowie Start me up als Höhepunkte. Die Zugaben waren Gimme Shelter und natürlich (I Can’t Get No) Satisfaction zum Abschluss. Während die Stones spielten leuchtete der Olympiaturm in den Farben der Ukraine – eben gibt uns Schutz – ein großes Symbol.

Das meist ältere Publikum war zufrieden, sehr sogar und ich auch. Das Olympiastadion war ausverkauft, die Kasse für die Stones stimmte. Und auch das Wetter spielte mit, also alles prima. Nachdem ich bereits zahlreiche Abschiedstouren der Stones gesehen habe, war Sixty im Hinblick auf das hohe Alter der Herrschaften vielleicht wirklich die letzte. Ich hab sie genossen.

VR-Silvesterkonzert von Jean-Michel Jarre in Notre Dame

1. Januar 2021

Er hat es wieder getan und er hat es wieder richtig gut gemacht. Zum Jahresende absolvierte der französische Altmeister der elektronischen Musik Jean-Michel Jarre in einem virtuellen Auftritt zum Jahresabschluss. Ort des Geschehens war das Netz und der ehrwürdige Sakralbau Notre Dame.

Nachdem er bereits am 21. Juni 2020 sein Alone Together Konzert in VR gespielt hatte, war nun das Silvesterkonzert an der Reihe. Und wieder blieb mir die Spucke weg, wenn ein 72jähriger der Masse der Musiker und Veranstaltungstechniker zeigt, wo es langgeht in Corona-Zeiten. Er warb damit für sein neues Album Welcome to the other Side, das es leider bisher nur Download vorliegt. Ich hoffe, ein Datenträger folgt 2021.

Jarre war schon immer ein Pionier gewesen und ging an die Grenzen, nur nich musikalisch, sondern auch dramaturgisch. Seine Mammutkonzerte sind legendär und nun sucht der Musikant aufgrund Corona neue Wege im Netz. Siehst so die Musik der Zukunft aus?

Das Konzert war aber auch ein Statement zur Virtual Reality VR. Leider, ich muss es gestehen, habe ich das Konzert nur via YouTube live in 2D verfolgen können. Freunde mit passenden VR-Brillen schwärmten von einem noch intensiverem Konzerterlebnis. Leider war das Konzert mit meiner Sony VR-Brille nicht kompatibel.
Die Musik war so enorm kraftvoll und mit Kopfhörer beamte sie uns Zuschauer so richtig weg. Genau der richtige Knaller als Auftakt für 2021 – ein gutes neues Jahr.

Filmtipp: The Band – the last Waltz als Mediabook

22. Oktober 2020

Immer wieder stelle ich mir als Musikfan die Frage: Bei welchem Konzert hättest du dabei sein wollen? Es fallen einen spontan viele große Rockkonzerte ein: Elvis TV Special von 1968, Cream in der Royal Albert Hall vom 26. November 1968, California Jam am 6. April 1974 mit Deep Purple und ELP oder ganz gerne Bob Dylan in Newport am 25. Juli 1965, als der Meister die elektrische Gitarre anschloss. Aber bei einem Konzert wäre ich wirklich gerne dabei gewesen: The Last Waltz.

Das war das Abschiedskonzert von The Band. Das fünfstündige Konzert fand am 25. November 1976 (Thanksgiving) im Winterland in San Francisco statt und die Musikgrößen der damaligen Zeit verbeugten sich vor der kanadischen Band, die soviel zur US-amerikanische Musikgeschichte beigetragen hat.
Jetzt erschien The last Waltz als limitierte Mediabook-Version mit Bluray, DVD und 28-seitiges Booklet von Christoph N. Kellerbach, den ich vor allem aus dem Horror-Genre kenne. Das Mediabook hat einen netten Goldeffekt, der an die CD-Auflage zum 40. Jubiläum des Konzerts erinnert. Die Bluray kommt in FullHD1080 daher und der Ton liegt als DTS-HD Master 5.1 vor – passend für ein Konzert von 1978. Danke an den Verleih, der mir das Mediabook The Last Waltz zur Verfügung stellte.

Das Konzert ist für mich ein Musst-have. Die erste Garde spielte auf, allen voran mein Meister Bob Dylan, der The Band 1974 als Begleitband buchte und hier mit dem Besuch der alten Dame Respekt zollt. Aus der Geschichte wissen wir, dass in der Postproduktion viel geschraubt wurde. Robbie Robertsons Soli verblassen gegen den großen Eric Clapton und Neil Young hat bei Helpless immer noch Kokain an der Nase hängen. Die Mitglieder von The Band empfanden die Show als Ego-Show für Robbie Robertson und sahen wenig Kohle. Was soll es: Für mich war es ein großartiges Konzert.

Ich war von dem Konzert so begeistert, dass ich mir als Jugendlicher das 3-fach LP-Album einfach holen musste. Das Cover war edel und ich liebte es. Gerne hätte ich damals ein Booklet gehabt, aber die LPs waren nur in sandfarbigen Hüllen. Späte erwarb ich dann die CDs, wobei ich am liebsten die Schuberbox mit Booklet hatte, weil sie das meiste Material enthielt. Das Ding The Last Waltz gibt es auch ohne Schuber aus dem Jahre 2013.

The Band war einfach eine wichtige Band und so entschloss ich mich einen Original Abzug samt Autogramm vom Fotografen Elliott Landy zu erwerben, der gerahmt im Gang zu meinen Arbeitszimmer hängt. Es zeigt die Mitglieder der Band zu Woodstock-Zeiten als man an Big Pig gearbeitet hat. Irgendwie sehen die Typen aus, als ob sie aus einem anderen Jahrhundert stammen.

Über die jüngst veröffentlichte Bluray freue ich mich sehr, obwohl es eigentlich kein neuer Content ist, dafür aber schärfer. Ich sah den Film von Martin Scorsese im Kino und war fasziniert. Kein hektisches Herumschneiden, sondern die Kamera von Michael Chapman hielt einfach drauf und fing die Aura der Musikanten ein. Ich musste mir einfach die Lobbycards gönnen, die auch mal bei mir gerahmt in meinem Jugendzimmer hingen. Das Kinoplakat liegt noch irgendwo in meinem Archiv.

Die VHS-Kassette besaß ich nicht, wohl aber die deutlich schärfere Laserdisk-Version. Später kam noch die DVD The Last Waltz mit schrägen Cover aber achtseitigem Booklet von Robbie Robertson hinzu – und eine Postkarte lag auch bei. Aber jetzt genieße ich erst einmal das Mediabook The Last Waltz.

Musiktipp: John Williams in Vienna

19. August 2020

John WIlliams in Vienna - hier die goldene Ausgabe.

John WIlliams in Vienna – hier die goldene Ausgabe.

Wow, ich war dabei als am 18. Januar 2020 Musikgeschichte geschrieben wurde. Am 18./19. Januar 2020 gastierte John Williams mit Anne-Sophie Mutter bei den Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins in Wien. Jetzt erschien die Aufnahmen John Williams in Vienna auf LP, CD und Bluray und selbstverständlich musste ich mir alle Versionen kaufen. Eine goldene Vinyl limitiert auf 1000 Exemplare von der Deutschen Grammophon kam ein paar Tage später bei mir an.

Über das Konzert ist viel geschrieben worden, auch von mir. Als John Williams Fan war es absolutes Erlebnis, den Meister mit seinen damals 87 Jahren live auf der Bühne zu erleben. Ich habe schon viele Konzerte vieler Künstler genossen, aber selten so eine ausgezeichnete Darbietung. Meine Frau hatte mir die Karte zu Weihnachten 2019 geschenkt und am Heiligen Abend beschlossen wir als Familie komplett nach Wien zu fahren. Die ganze Familie sollte diese Kunst geniessen dürfen. Und es wurde das kulturelle Ereignis des Jahres 2020, von dem wir noch lange zehren. Corona machte weiteren Konzerten eine Strich durch die Rechnung. Aber was hätte Besseres als John Williams denn überhaupt kommen können? Die Kombination Williams, Sophie-Mutter und Wiener Philharmoniker waren schlichtweg genial.

Und diesen Kunstgenuss allererster Güte gibt es jetzt auf Konserve. Die Deutsche Grammophon und Servus TV haben sich viel Mühe bei den Aufnahmen gegeben. Einziges Manko: Auf den Audio-Aufnahmen fehlt der frenetische Applaus des Publikums – auf der Bluray ist er zu hören. Es war eine Stimmung wie auf einem Rockkonzert – und das bei Filmmusik.
Und das Ergebnis John Williams in Vienna ist auch etwas für mein persönliches Ego. Es ist mein erstes Konzert gewesen, dass dann auch als Album und Bluray veröffentlicht wurde. Und für mich genial: Ich bin im Bild zu sehen, mehrmals. Wenn ich ehrlich bin, erkennt man mich trotz HD-Aufösung nicht richtig, aber ich weiß ja, wo ich saß und wie ich aussehe. Voller Stolz habe ich es meiner Frau und meinen Kindern gezeigt. Während die Kinder es als Wichtigtuerei abgetan haben (was es ja auch ist), hat sich meine Frau im Konzertfilm selbst gesucht, aber leider haben sie die Kameraleute von Servus TV nicht eingefangen. Aber ich kann beweisen: Ich war dabei.

Nochmals eine Empfehlung für John Williams in Vienna von mir, aber die braucht es gar nicht. Wer Williams kennt, der kauft die Aufnahmen. Wer in Wien dabei war, hat sie mit Freudentränen schon längst erstanden. Schlichtweg genial.

Konzertempfindung: John Williams und Anne-Sophie Mutter in Wien 2020

21. Januar 2020

John Willams bedankt sich bei seinen Fans. Foto: Lange

John Willams bedankt sich bei seinen Fans. Foto: Lange

Endlich konnte ich ihn sehen, nachdem ich ihn jahreslang nur gehört habe. John Williams kam nach Wien zu den Wiener Philharmoniker in den Goldenen Saal des Musikvereins und hatte zudem Anne-Sophie Mutter mit dabei. Und ich war dabei.

John Williams ist für mich der größte lebende Filmkomponist und seit Jahren bin ich ein Fan seiner Musik. Er steht für mich in der Tradition des Musikdramas, der Programmmusik und der Leitmotive im Stile des musikalisch von mir verehrten Richard Wagners. Und zu Weihnachten machte mir meine Frau das wunderbare Geschenk des Konzertbesuchs in Wien. Und weil die Familie von meiner Begeisterung angesteckt wurde, kauften wir kurzerhand für die ganze Familie Eintrittskarten, die wir über Wartelisten und die geniale John Williams-Facebook-Gruppe erhielten.
Den Goldenen Saal des Musikvereins Wien kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen. Es war uns noch nie gelungen Karten für das Neujahrskonzert zu erhalten. Neujahrskonzert ist gut, aber John Williams ist besser, viel besser – und es wurde ein musikalisches Fest.

Gut gelaunter John Williams
Im Vorfeld haben wir Fotos der Proben gesehen. Die Philharmoniker schienen ihren Spaß mit dem Maestro zu haben und brachten Star Wars-LPs zur Probe mit. Vielleicht war es für sie auch mal was anderes, wenn sie Filmmusik spielen mussten. Und auch John Williams war konzentriert und wirkte glücklich.
Beim Betreten des Goldenen Saals wurde mir klar, warum der 87jährige den Stress einer Konzertreise nach Wien auf sich genommen hatte. Am Geld kann es nicht liegen. John Williams hat gut verdient und sein Häuschen längst abgezahlt. Aber der Goldene Saal des Musikvereins Wien hat eine ganz besondere Atmophäre. Williams würde mit Kusshand in jedem Konzertsaal der Welt genommen, aber er entschied sich für Wien – und das aus gutem Grunde. Berühmte Komponisten und Dirigenten haben hier mit den berühmten Wiener Philharmoniker gespielt. Die Akkustik ist hervorragend und die Atmosphäre kann ausgezeichnet, wenn das Publikum dein Freund ist.

Standings Ovations für John Williams
Williams kam, sah und siegte. Das internationale Publikum erwartete ihn mit donnernden Applaus. John Williams war sichtlich gerührt, erfreut und genoss es vor so einem begeisterten Publikum zu spielen. Es gab Applaus, Standing Ovations und Beifallsrufe. Die Stimmung im ehrbaren Musikverein war eher die eines Rockkonzerts und Williams war unser gefeierter Star. Wir hingen bei seinen Statements an den Lippen, beobachteten jede Geste mit seines Dirigats und nahmen auch wahr, dass sich der 87jährige mit der linken Hand immer wieder festhielt. Und als dann noch von ihm Anne-Sophie Mutter auf die Bühne gebeten wurde, brach Jubelsturm um Jubelsturm los. Der Musikverein wurde zum Tollhaus. Während die Musik dargebotene wurde, war es mucksmäuschenstill – am Ende eines jeden Stück brachen die Emotionen hervor.

Neue Fans für Anne-Sophie Mutter
Anne-Sophie Mutter hat lange um John Williams geworben und ihn sogar mit Lebkuchen zu Weihnachten gelockt, damit der Meister seine Stücke für Geige arrangierte. Herausgekommen ist das formidable Album Across the Stars, die zum Teil auch in Wien zu Gehör gebracht wurden. Anne-Sophie Mutter hat es damit geschafft einen weiteren, neuen Fankreis für sich zu erschließen. Sie ist sicherlich eine der berühmtesten Violinistinnen dieses Planeten, aber einem klassisch interessierten Publikum bestens bekannt. Mit ihrem Berliner Club-Album versuchte sie neue Hörer zu erschließen. Mit Across the Stars schaffte sie aber den Sprung in die Filmmusik und damit zu weiteren neuen Hörerkreisen. Dass sah man auch im Musikverein. Neben den Besuchen in feiner Abendgarderobe saßen Fans mit Star Wars- oder John Williams-T-Shirts und es passte einfach zusammen.

Die Musik von John Williams
Die Musik an beiden Konzerttagen war ein Streifzug durch die Werke von John Williams. Hook, Unheimliche Begegnung, Sabrina, In einem fernen Land, Harry Potter, ET – und auf einmal der Devil‘s Dance aus dem Film „Die Hexen von Eastwick“. Dieses Stück ist auf keinem Album oder Single mit Anne-Sophie Mutter bisher herausgekommen. Es wurde nach den Album Across the Stars arrangiert und ist bisher beispielsweise in einem IIndy-Jones Podcast am Ende (ca 12. vor Schluss) zu hören. Dürfen wir also auf eine Fortsetzung von Across the Stars hoffen?
Auf jeden Fall hat die Deutsche Grammophon angekündigt, die beiden Wiener-Konzerte als CD und DVD/Bluray herauszubringen. Die Konzerte wurden mitgeschnitten und veröffentlicht. Es soll auch eine TV-Ausstrahlung bei ARTE vorgesehen sein. Für mich eine Premiere: Ich war bei vielen Konzerten, aber es wird das erste Mal sein, das MEIN Konzert offiziell veröffentlicht wird.

Vielen Dank für das geniale Konzert. Foto: Lange

Vielen Dank für das geniale Konzert. Foto: Lange

Meine Empfindung zu John Williams
Zur Musik von John Williams etwas zu schreiben, wäre Eulen nach Athen zu tragen. Am Ende des Beitrags habe ich die Setlist der Konzerte aufgeführt. Aber ich möchte eine Empfindung festhalten, die ich am ersten Konzertabend verspürte. Nach der Pause gegen Ende des offiziellen Parts kam die Musik mit der sich John Williams 1977 in mein Herz komponierte. Das Thema zu Star Wars erklang.
Ich hab Krieg der Sterne als Neujähriger im Kino gesehen und mir dann die Doppel-LP von meinem Taschengeld gekauft. Ich glaubte, dass ich das Hörspiel erworben hatte, aber es lief der Soundtrack von John Williams auf dem Plattenteller meiner Grundig-Anlage. Und die Musik packte mich, ich verschlang die Leitmotive, sog sie in mich auf. Und nun kam dieses Gefühl in Wien wieder als ich das berühmte Star Wars Thema live hörte.
Ich schloss die Augen und ließ seine Musik wirken. Und mitten im Goldenen Saal des Musikvereins erschien der Todesstern, da flog der Falke, ich sah die Weite von Tatooine, ich traf Luke, Leia, Han und Vader und mir kamen die Tränen vor Glück. Was löst diese Musik für Emotionen bei mir aus?
Aber nicht nur bei mir: Mit dieser Musik hatte es John Williams geschafft, dass sich Scharen von Kindern und Jugendlichen 1977 und später aufmachten auch klassische Musik zu hören. Williams brachte mir durch seine Kompositionen die Musik von Bach, Beethoven, Mahler, Mozart und Wagner näher – ohne Williams hätte ich diese Musik nie entdeckt. Ich hätte nie Erich Wolfgang Krongold, Franz Waxman, Max Steiner, Alfred Newman oder Bernard Herrmann entdeckt oder später Jerry Goldsmith, Ennio Morricone, Howard Shore, James Horner, Danny Elfman, James Newton Howard und viele mehr.

Die Setlist von beiden Wiener Konzerten
Flight to Neverland from Hook (1991)
Excerpts from Close Encounters of the Third Kind (1977)
Hedwig’s Theme from Harry Potter and the Philosopher’s Stone (2001/2019)
Theme from Sabrina (1995/2019)
Donnybrook Fair from Far and Away (1992/2019)
Devil’s Dance from The Witches of Eastwick (1987/2019)
Adventures on Earth from E.T. The Extra-Terrestrial (1982)
Theme from Jurassic Park (1993)
Dartmoor, 1912 from War Horse (2011)
Out to Sea / Shark Cafe Fugue from Jaws (1975)
Marion’s Theme from Raiders of the Lost Ark (1981/2017)
The Rebellion is Reborn from The Last Jedi (2017)
Luke and Leia from The Return of the Jedi (1983)
Main Title from Star Wars: A New Hope (1977)
Nice to Be Around from Cinderella Liberty (1973/2019)
The Duel from The Adventures of Tintin (2011/2019)
Remembrances from Schindler’s List (1993)
Raiders March from Raiders of the Lost Ark (1981)
The Imperial March from The Empire Strikes Back (1980)

Autogramm-Jagd auf John Williams und Anne-Sophie Mutter im Musikverein Wien

20. Januar 2020

Ein Traum geht in Erfüllung: John Williams, Anne-Anne Sophie Mutter und die Wiener Philharmoniker im Musikverein Wien.. Foto: Lange

Ein Traum geht in Erfüllung: John Williams, Anne-Anne Sophie Mutter und die Wiener Philharmoniker im Musikverein Wien.. Foto: Lange

Ja, ich verehre John Williams als den besten lebenden Filmkomponisten und ich wäre stolz, wenn ich ein Autogramm vom Meister bekommen würde. Ich weiß nicht warum, aber es würde mich stolz machen. Bei seinem Konzert in Wien hab ich vielleicht die Chance. Doch wie sollte ich das anstellen? Wie sollte ich sein Autogramm bekommen? Ich stand auf keiner Gästeliste, Meet and Greet-Karten gab es für mich auch nicht, was sollte ein einfacher Fan also machen? Ich habe meine Eindrücke in diesem Video zusammengefasst:

Auswahl an Scores – was nehme ich mit?
Im Vorfeld meiner Wien-Reise zum Konzert im Goldenen Saal des Musikvereins sichtete ich erst einmal meine Scores von John Williams, unter auch meine verschiedenen Star Wars-Ausgaben. Eine LP mitzunehmen schied aus Platzgründen aus, so blieben die gleich im Archiv. Also nur CDs hervorgesucht. Ich entschied mich für Jaws, Empire Strikes Back, Nixon und natürlich Across the Stars, falls mir Anne-Sophie Mutter über den Weg laufen sollte. Dazu einen Edding mit silberner Farbe zum Unterschreiben.

Warten vor dem Hotel Imperial
Wo ist Williams am besten anzutreffen? Aus Facebook wusste ich, dass er im Hotel Imperial nächtigt (wo er wahrscheinlich den Imperial March hört – Sparwitz). Das Hotel befindet sich genau gegenüber des Künstlereingangs des Musikvereins. Williams und Gefolge mussten nur durch die Türe des Hotels raus, die Straße überqueren und zur Türe des Musikvereins rein. Und da würde ich ihn abpassen. So war mein Plan.

Auf die Idee kamen rund 50 andere John Williams Fans übrigens auch. Also warteten wir geduldig vor dem Konzerthaus. In Wien begann es derweil zu schneien. Das Konzert begann um 15:30 Uhr. Ich war mit meiner Familie gegen 14 Uhr vor dem Musikverein und postierte mich strategisch. K2 stattete ich mit dem Stift und den Covers meiner Scores aus. Wenn Williams Autogramme gibt, dann eher meiner Tochter als mir alten Mann. Der Rest der Familie wartete mit ihren Smartphone auf den großen Moment.
Wir Fans brachten uns in Stimmung und in Stellung. Viele hatten schöne LP-Covers dabei. Ich habe seltene Star Wars-Aufnahmen gesehen. Es wurde in allen Sprachen gefachsimpelt und dabei die Tür des Imperial im Auge behalten. Immer wieder fuhren Taxis vor und die Musikerinnen und Musiker der Wiener Philharmoniker steigen aus und bahnten sich den Weg durch die wachsende Fanmenge in der ich auch ganz vorne stand.
Wenn sich die Tür des Hotel Imperial öffnete, dann ging ein Raunen durch die Menge. Ist er es? Aber es waren in der Regel nur Hotelgäste, die über den Rummel etwas verwundert waren. Dann gab es auch Menschen aus dem Umfeld der Künstler, die ich nicht kannte, aber die wichtig zu sein schienen. Und dann kam auch noch die Security, darunter ein freundlicher Österreicher und ein finster dreinblickender US-Sicherheitsmann mit Knopf im Ohr.
Die Uhr rückte vor und meine Familie wurde langsam nervös. Wann erscheint der Meister und würden wir ein Autogramm bekommen? Und würden wir es dann noch rechtzeitig in den Goldenen Saal schaffen? Wir mussten schließlich unsere nassen Mäntel an der Garderobe abgeben und den Platz suchen. Meiner Gattin wurde es schließlich zu kalt und zu bunt und zog mit K1 ab. K2 und ich harrten noch aus.
Gegen 15:15 Uhr trat dann die Security auf den Plan. Der Eingang vom Hotel wurde geräumt und eine Gasse gebildet. Auch vor dem Künstlereingang wurde der Weg freigemacht. Wir Fans wussten: Es geht gleich los. Fotoapparate wurden gezückt, Smartphones eingeschaltet, Stifte bereit gehalten – es würde schnell gehen, doch wir waren bereit.
Und dann kam es anders. Ein BMW kam mit hohem Tempo um die Ecke gefahren. Aufgrund des Schneefalls hatte der Meister beschlossen mit dem Auto die paar Meter zu fahren. Das Tor des Künstlereingangs öffnete sich, der BMW fuhr hinein und darin wohl John Williams – gesehen hab ich ihn nicht. So eine Pleite: Kein Autogramm, kein Blick, dafür komplett nass und durchgefroren. Also ab in den Musikverein – wir hatten nur noch 15 Minuten bis Konzertstart.

Goldener Saal des Musikvereins Wien

Über das Konzert blogge ich noch separat. Nur soviel: Es war schlichtweg genial und hat mich tief berührt. Es gab fünf Zugaben. Nach dem Konzert traf sich die John Williams Facebook-Fangruppe noch in einem Restaurant zum Meinungsaustausch. Da es noch ein wenig Zeit bis dahin war, schaute ich mit meiner Frau den wunderbaren Goldenen Saal des Musikvereins an. Wir genossen die Atmosphäre, während sich der Saal immer mehr leerte. Hier finden die Neujahrskonzerte statt, zu denen wir eigentlich immer mal wollten, aber nie Karten bekommen hatten. Nun, bei John Williams hat es geklappt und ich war dankbar.

Backstage bei Anne-Sophie Mutter
Beim Hinausgehen ging meine Frau zur Garderobe und traf sich mit den Kindern. Ich wollte nochmal mein Glück versuchen und hinter die Bühne kommen. Ich wollte schließlich mein Autogramm von John Williams. Also suchte ich den Backstage-Bereich, wo ein paar Fans warteten. Die Security versperrte uns den Weg. Eintritt nur, wer auf der Gästeliste stand. Wenn die Tür aufging, konnten wir einen Blick erhaschen. Aber für mich gilt die umgedrehte Regel von Herbert Wehner. Wer reingeht, der kommt auch wieder raus. Also warten war angesagt.

Nun, John Williams wurde abgeschirmt und nahm einen anderen Ausgang – wohl wieder zum Auto. Aber Anne-Sophie Mutter stand auf einmal mit ihrem Geigenkoffer da und wollte nach getaner Arbeit nach Hause. Da musste sie an ein paar Fans und damit mir vorbei. Ich hatte ja das Cover zu Across the Stars dabei, bat sie um ein Autogramm. Zunächst war die Geigerin genervt, aber dann sofort wieder Profi und unterschrieb. Ihr Sohn schaute zu und grinste, wie Mama Mutter sich den Weg durch uns Fans bahnte. Der junge Mann hatte das Glück, sich lange mit John Williams zu unterhalten – ich bin neidisch und sagte es ihm auch. Ich wünschte ihm viel Erfolg, machte ein Selfie mit seiner Mutter. Anne-Sophie Mutter unterschrieb noch ein paar LP-Cover und ging ab durch die Mitte mit ihrem Gefolge.

Wunderbarer Abend mit John WIlliams und Anne-Sophie Mutter

Nun, von John Williams habe kein Autogramm und das ist sehr, sehr schade. Von Anne-Sophie Mutter habe ich eines und das freut mich sehr. Das nächste Konzert von John Williams ist in Pittsburgh im Juni. Aber nein, das ist wohl zu weit. Zurück bleibt die Erinnerung an einen wunderbaren Abend im Musikverein Wien mit John Williams, Anne-Sophie Mutter und den Wiener Philharmonikern.

Vielen Dank für das geniale Konzert. Foto: Lange

Vielen Dank für das geniale Konzert. Foto: Lange

Konzertkritik: Burt Bacharach in München 2019

13. Juli 2019

Burt Bacharach Im Gasteig

Burt Bacharach Im Gasteig

Burt Bacharach ist ein Künstler, den ich schon immer einmal live erleben wollte. Viel Zeit bleibt nicht mehr, denn Burt Bacharach hat das stolze Alter von 91 Jahren. So viele Welttourneen wird der Mann nicht mehr machen. Als ich hörte, dass diese Musiklegende nach München kommen würde, musste ich Karten kaufen. Leider war die Philharmonie im Gasteig schwach besucht, was aber der Stimmung keinen Abbruch tat. Teure Plätze wurde mit Besuchern von billigen Karten aufgefüllt – warum habe ich mir eigentlich teure Karte gekauft?

Burt Bacharach ist eine Legende des Easy Listening (keinesfalls Schlager) und so lehnte ich mich in meinen Stuhl, schloss die Augen und ging auf eine musikalische Reise. Bacharach ist einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Immer wieder erhob sich der 91jährige von seinem Klavier und richtete das Wort an sein begeistertes Publikum. So erfuhren wir, dass er schon einmal in München war – als Bandleader für die große Marlene Dietrich – das war vor meiner Geburt. Er war damals der Boy in the Backroom.

Mitte der Sechziger Jahre komponierte Bacharach selbst und schreib Songs für die damaligen Größen des Showgeschäfts wie Dionne Warwick. Im Gasteig war  What the World Needs Now Is Love, damals gesungen von Jackie DeShannon der Einstieg. Die jüngeren kennen ihn aus dem Film Austin Powers in Goldmember.

Es folgte ein Medley und weiter ging es durch die musikalische Geschichte Amerikas. Bacharach erzählte von seinen Scheidungen (die schnellste in Mexico), was zum Lied Mexian Divorce führte. Immer wieder wurde er politisch ohne Trump zu nennen, aber der 91jährige bezog eindeutig in seinen Aussagen Stellung. Sein Songs „Live to See Another Day“ ist eine Anklage gegen das Schulmassaker in den USA. 

Der Meister am Klavier.

Der Meister am Klavier.

Im letzten Drittel sang Burt Bacharach selbst. Er ist kein Sänger und hatte in seinem künstlerischen Leben viele große Stimmen zur Seite. Gegen Ende des Münchner Konzerts sang er aber selbst mit brüchiger Stimme eines alten Mannes. Für mich als Filmfan waren die Filmmusiken des Abends das pure Vergnügen. Das erste Zusammentreffen mit der Musik von Burt Bacharach war der großartige Soundtrack zu Casino Royale und später dann Raindrops Keep Fallung on my Head. Und in München das Highlight für mich war die Musik für The Man who Shot Liberty Valance – einfach großartig. Und am Ende der Zugaben durften wir alle gemeinsam Raindrops singen – danke für den schönen Abend, an dem es aber nicht regnete. 

Hier die Setlist des Abends:

What the World Needs Now Is Love

Don’t Make Me Over / Walk On By / This Guy’s in Love with You / I Say a Little Prayer / Trains and Boats and Planes / Wishin‘ & Hopin‘ / (There’s) Always Something There to Remind Me

Do You Know the Way to San Jose

Anyone Who Had a Heart

This House Is Empty Now

Mexican Divorce

Falling Out of Love

My Little Red Book

Stronger Than Before

Live to See Another Day

Baby It’s You / Message to Michael

Make It Easy on Yourself / On My Own

With a Voice

(They Long to Be) Close to You

The Look of Love / Arthur’s Theme (Best That You Can Do) / What’s New Pussycat? / The World Is a Circle / The April Fools / Raindrops Keep Fallin‘ on My Head / The Man Who Shot Liberty Valance / Making Love / Wives & Lovers / Alfie

A House Is Not a Home

Zugaben:

Hush

Any Day Now

That’s What Friends Are For

Raindrops Keep Fallin‘ on My Head

 

Musikritik: Bruce Springsteen on Broadway

16. Dezember 2018

Der Boss hat mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich bin ein Bruce Springsteen Fan der ersten Garde und mein absolutes Lieblingsalbum ist Nebraska. Aber ich muss zugeben, dass ich die Karriere meiner Musikstars nicht mehr so im Auge habe – einzige Ausnahme ist Bob Dylan. Und als ich las, dass Springsteen mit Springsteen on Broadway ein neues Live-Album veröffentlichte, griff ich blind zu. Was der Boss macht, das hat Qualität. Ich habe ihn live erlebt und weiß, welche Power der Kerl hat. Über den Hintergrund von On Broadway hatte ich nichts gelesen, kaufte blind und bin nun enttäuscht.

Ich hatte mir was anderes vorgestellt und bin vom neuen Springsteen-Album enttäuscht.

Ich hatte mir was anderes vorgestellt und bin vom neuen Springsteen-Album enttäuscht.

Die Songs, die Bruce Springsteen auf diesem Doppelalbum Springsteen on Broadway darbringt, sind außergewöhnlich gut. Solo, mal mit Gitarre, mal mit Klavier und eine super Stimme – alles so, wie ich den Boss kenne und ich ihn mag. Aber dann kommt dieses Gequatsche. Was ist jetzt das? Das Album on Broadway enthält Storytelling allererster Güte, aber darauf war ich nicht vorbereitet. Ich wollte Musik hören und nicht die Monologe vom Boss anhören.
Ich war enttäuscht und bin ich es beim dritten, vierten, fünften Anhören noch immer. Ich geb ja zu, der Fehler liegt bei mir. Hätte ich vorher bei Apple Musik hineingehört, dann hätte ich mir dieses Album nicht gekauft. Und hätte ich mich vorher erkundigt, was Springsteen da macht, wäre ich anders an den Kauf herangegangen.
Der Hintergrund des On Broadway-Albums ist gewaltig. In den vergangenen 14 Monate hat Springsteen viele Abende im Walter Kerr-Theater am New Yorker Broadway verbracht. Seit Oktober 2017 hat er dienstags bis samstags vor je 1000 Leuten seine Show dargeboten- ein gewaltiges Pensum für den fast 70jährigen Bruce Springsteen. Und er hat keine Rock‘n Roll-Show abgeliefert, sondern er er lieferte eine Broadway-Performance. Er erzählte aus seinem Leben, spielte wichtige Songs, erzählte wieder und lieferte eine interessante Performance. Gestern Abend spielte er seine letzte Show im Walter Kerr-Theater. Übrigens: Alle Shows waren komplett ausverkauft – die Ticketpreise stiegen auf 1400 US-Dollar pro Karte. Ich geb zu, ich hätte gerne so eine Performance gesehen. Nun, das kann ich noch: Netflix hat die Show mitgedreht und zeigt sie ab heute in seinem Streamingdienst.
Ich werde mir jetzt die Show ansehen und gebe dann dem Album eine neue Chance. Der Trailer bei Netflix ist vielversprechend und ich freue mich, wenn der Stream heute online ist. On Broadway ist kein typisches Konzertalbum, was ich eigentlich erwartet habe. Springsteen erzählt viel von seinem Elternhaus, von seiner Mutter, vom seinem Vater. Obwohl Springsteen nie Fabrikarbeiter war, kann er sich hervorragend in die Rolle des kleinen Mannes hineinversetzen. Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Ich will seine Geschichten, aber in musikalischer Form und nicht in Erzählform. Ich will im Moment kein Hörbuch, ich wollte musikalisches Storytelling.
Nun, ich werde mir das Konzert auf Netflix in Ruhe ansehen und werde von der Bühnenpräsens eines Bruce Springsteen sicher gefesselt sein. Dann werde ich das Doppelalbum On Broadway nochmal anhören und nachdem ich darüber geschlafen habe, werde ich wohl davon schwärmen. Im Moment bin ich enttäuscht, aber gebt mir ein wenig Zeit.

Maisacher Kirchenkonzert – drei Chöre zeigen, was Europa bedeutet

3. September 2018

Die drei Dirigenten der drei Chöre in der Pfarrkirche Maisach.

Die drei Dirigenten der drei Chöre in der Pfarrkirche Maisach.

Es sind kleine Mosaiksteine, die ein friedliches und vereintes Europa formen. Und so ein kleiner Mosaikstein wurde vor kurzem in meiner Gemeinde Maisach gelegt, als drei Chöre zu einem gemeinsamen Kirchenkonzert in die Pfarrkirche St. Vitus in Maisach im bayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck einluden. Und die Chöre konnten unterschiedlicher nicht sein – haben aber ein gemeinsames Anliegen: Miteinander musizieren, miteinander feiern, miteinander leben. Die Chöre waren der Männergesangverein MGV 1912 aus Neuenkirchen im Münsterland, der Bergchor Coro Peralba aus den Dolomiten und der Gemischte Chor des Gesangverein Maisach. 

Männergesangverein MGV 1912 aus Neuenkirchen im Münsterland

Männergesangverein MGV 1912 aus Neuenkirchen im Münsterland

Gemischte Chor des Gesangverein Maisach

Gemischte Chor des Gesangverein Maisach

Bergchor Coro Peralba aus den Dolomiten

Bergchor Coro Peralba aus den Dolomiten

Jeder der Chöre hatte ein rund 20 minütiges Soloprogramm, anschließend sangen je zwei Chöre gemeinsam in der katholischen Pfarrkirche St. Vitus. Wenn Südtiroler da sind, da wird natürlich das Lied La Montanara (Das Lied der Berge) gesungen.

Und den Abschluss sangen alle drei Chöre und die Besucher gemeinsam die Europahymne „Freude schöner Götterfunken“. Sehr schön, dass der Chor aus Italien ihren Landsmann Alberto auf die Bühne gebeten haben, der in der Gemeinde Maisach seit Jahren erfolgreiche eine Eisdiele führt und seinen Chor nach Maisach geladen hatte. Auch ihm bedeutete die Europahymne sehr viel. 

Gerade das Lied von Beethoven mit dem Schlusschor seiner neunten Sinfonie ließ mich erschaudern und es lief mir vor Begeisterung kalt den Rücken herunter. Wie wichtig ist ein gemeinsames Europa ohne Hass und Zweitracht gerade in der heutigen Zeit. Heute wird er europäische Gedanke von Faschisten, Nazis, Nationalisten und AfD-Propagandisten bedroht. Ich will mir meine Heimat und mein Europa aber durch diese brauen Unmenschen nicht kaputtmachen lassen, daher fand ich diesen Appell der Chöre für ein gemeinsames, friedliches Europa in unserer Pfarrkirche so wunderbar.  

1972 wurde das Hauptthema des letzten Satzes vom Europarat zu seiner Hymne erklärt und 1985 von der Europäischen Gemeinschaft als offizielle Europahymne angenommen. In der Begründung heißt es, „sie versinnbildliche die Werte, die alle teilen, sowie die Einheit in der Vielfalt“. Richtig so. 

Die drei Chöre singen zusammen die Europahymne - ein wunderbares Zeichen.

Die drei Chöre singen zusammen die Europahymne – ein wunderbares Zeichen.

„An die Freude“ ist eines der berühmtesten Gedichte Friedrich Schillers. Es entstand im Sommer 1785 und wurde unter anderem von Ludwig van Beethoven im 4. Satz seiner 9. Sinfonie vertont. Vielen Dank für diesen schönen und wichtigen Abend bei uns in Maisach.