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Konzertkritik: Yello in der Olympiahalle München

7. Dezember 2017

Wieder kann ich eine Band auf meiner privaten Konzertliste abstreichen. Bands, die ich unbedingt mal live sehen wollte. Abgestrichen habe ich das Schweizer Duo Yello, die auf ihrer Race Tour in der Münchner Olympiahalle gastierten.

Das Konzert begann mit einer Enttäuschung. Eigentlich waren es zwei Enttäuschungen. Zum einen war die Münchner Olympiahalle zu Hälfte mit schwarzem Tuch abgehängt und auch die restlichen Plätze waren nicht komplett ausverkauft. Die Plätze neben mir und vor mir waren leer. Das Münchner Publikum weiß anscheinend nicht, was hervorragende, coole Elektronikmusik bedeutet und war wohl beim Bayernspiel. Da macht sich Yellow nach gefühlten 100 Jahren auf zu einer Tour durch Deutschland und der Kartenvorverkauf in München lief schleppend. 3000 bis 4000 Fans waren in der 12000 Menschen fassenden Konzerthalle. Fußball schlägt Kultur, das war wohl schon immer so. Das ist schade und enttäuschte mich. Yello ist seit 1978 das erste Mal auf Tour und das in München vor leeren Stühlen – das ist peinlich.

Zum zweiten sind die Schweizer auch nicht mal das, was sie waren, nämlich pünktlich. Vergesst also die Schweizer Uhren. Mit 15 Minuten Verspätung startete das Konzert, vielleicht in der Hoffnung, dass sich die leeren Plätze noch füllen würden. Das taten sie nicht. Und Dieter Meier trat auf die Bühne und sagte dann auch noch, ob man überhaupt spielen sollte: die Band antwortete mit dem Opener just do it. Ob es einstudiert oder Zufall war, weiß ich nicht. Aber es passte genial.
Und dann rockte der Betonbunker durch die Mischung aus Elektronik, Bläser und Percussions. Beginnen wir mal mit dem Sound. Die Akustik in der Münchner Olympiahalle war noch nie die beste, aber Yello holte das Optimum heraus. Der elektronische Sound war glasklar, wirklich eindrucksvoll. Leider ging die coole Stimme von Dieter Meier etwas unter, die Stimmen von den beiden Gastsängerinnen Malia und die Asiatin Fifi Rong (top) kamen gut herüber. Perfektionist Boris Blank war der Herr über die Technik und der Effekte. Die Show war große Klasse, die Projektion perfekt. Allerdings hatte ich das Gefühl, bei den Stop-Motion-Filmen wieder in die Zeit der Videoclips der achtziger MTV-Jahre zurückversetzt worden sein. Da war die Idee, eine GoPro am drehenden Autoreifen zu befestigen, deutlich innovativer.
Es war kein herkömmliches Konzert, sondern die Olympiahalle verwandelte sich zu einem Kunsthappening. Nichts anderes hatte ich von Yello erwartet.
Bei der ausgezeichneten musikalischen Darbietungen war ich über die Mischung aus Blech, Percussions und Elektronik überrascht. Wer Yello auf eine reine Elektroband wie Kraftwerk reduziert, der wurde enttäuscht. Hier wird trotz Synthesizer Musik von Menschen gemacht – und was für starke Musik. Wem die Musik nicht gepackt hat und wer nicht zumindest mitwippen musste, der war im Grunde schon tot. Auf meinem Sitzplatz wackelte ich hin und her und hätte gerne einen Platz in der Arena gehabt zum Abtanzen.
Musikalisch ging es quer durch das Repertoire des Yello-Werks. Die Werkschau der Schweizer tat gut und brachte alte Erinnerungen hervor. Das erste Mal hörte ich Yello als Jugendlicher bei meinen Kumpel Christian. Er hatte 1983 eine Schallplatte mit einem Affen angeschleppt und das Ding hieß „you gotta say yes to another excess“. Der Spruch prägte sich mit in mein Unterbewusstsein ein. „you gotta say yes to another excess“ war schon cool. Und als ich damals hörte, dass zwei Schweizer diese coole Mucke machten, war ich sprachlos. Schweiz bedeutete mir als Jugendlicher nichts, vielleicht Krokus ein paar Jahre später. Yello war cool, absolut cool, aber Yello blieb ein Insidertipp. Zwar hatten die Schweizer ihre Erfolge, aber es war nie das ganz große Ding. Dafür waren Boris Blank und Dieter Meier nicht kommerziell genug – danke dafür.

Aber in der Olympiahalle konnte ich vieles von alten LPs und spätere CDs wieder hören. Oh Yeah gehört einfach dazu und natürlich The Race. Das war die Musik, die die Jugendsendung Formel eins im bayerischen Fernsehen einläutete.
Die Setlist, wie ich sie mir notierte, war folgende:
Magma
Do It
The Evening’s Young
Limbo
Bostich
The Rhythm Divine mit Malia
30’000 Days
Tool of Love
The Time Tunnel (Boris Blank solo)
Kiss the Cloud mit Fifi Rong
Lost in Motion mit Fifi Rong
Tied Up
Liquid Lies
Starlight Scene mit Malia
Oh Yeah

Blue Biscuit
Si Senor The Hairy Grill
Zugaben: Bostich – dabei wurde auch die App Yellofier eingesetzt, die ich mir sofort zu Hause gekauft habe
Vicious Games mit Malia
The Race

Mein Fazit zu Yello in München: Es war gut, Yello gesehen zu haben und ich möchte mich für das fehlende Publikum bei Boris Blank und Dieter Meier entschuldigen. Das hat yello nicht verdient.

Konzertkritik: Jean-Michel Jarre in Nürnberg 2016

20. November 2016

Ich weiß nicht, ob mir der neue Jean-Michel Jarre gefällt. Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, was ich im Konzert in der Nürnberg Arena gesehen und gehört habe. Ich weiß es einfach nicht.
Fest steht auf jeden Fall, dass es der alte Recke mit seinen 68 Jahren noch immer kann. Auf der Bühne wirkt der Pionier der elektronischen Musik frisch, nahezu jung. Begleitet von zwei Musikern an seiner Seite lieferte er in Nürnberg eine eindrucksvolle Show im Rahmen der Electronica World Tour ab bei der richtig Stimmung aufkam.
Hart und kräftig waren die Beats, die das elektrische Trio von der Bühne ins Publikum abfeuerte. Elektronik pur und schneidende Klänge, die den Körper durchdrangen, die zum Tanzen und Bewegen aufforderten.

So etwas habe ich bei einem Jean-Michel Jarre Konzert nicht erwartet und hatte damit die erste Zeit zu kämpfen. Jarre führt auf der Bühne das fort, was er mit seinen jüngsten beiden Alben begonnen hat. Mein Problem nur: Ich mag die beiden jüngsten Alben Electronica 1 und 2 nur teilweise. Ich bin dem musikalischen Weg von Jarre jahrelang, jahrzehntelang gefolgt. Nur bei den jüngsten Alben versagte meine Gefolgschaft. Jarre kooperierte mit Musikern, die ihn und uns beeinflussten. Das klingt gut, aber die meisten der Musiker mag ich nicht.


Das schien aber nur mein Problem in Nürnberg zu sein. Das Publikum quittierte jeden Song mit donnernden Applaus. Und richtig: Jean-Michel Jarre hat seine Sache in Nürnberg wirklich gut gemacht. Die Show war großartig. Er hat die Nürnberg Arena zum Kochen gebracht.
Das lag zum einen an der harten elektronischen Musik, es lang zum anderen aber auch an einer gewaltigen Licht- und Tonanlage. Der Sound war nahezu perfekt. Und die Lightshow war absolut state of the art und hat die Zuschauer in ihren Bann gezogen. Jarre wich selbst bei vielen Stücken hinter die Light- und Lasershow zurück und trat mit seinen Keyboards und Controllern in den Hintergrund.


Absolut faszinierend war auch sein Ausflug in die Laserharfe. Direkt, wenige Meter vor dem Publikum, spielte er auf dieser grünen Lichtharfe und entlockte ihr intensive Klänge. Ich war fasziniert, begeistert und dann erstarrte ich. Jarre spielte mit seiner Laserharfe und erzeugte einen Lichtdom. Verdammt, wusste Jean-Michel Jarre nicht, wo er gerade auftritt? Hat es ihm keiner gesagt, dass er nur wenige Hundert Meter von Hitlers Aufmarschgebiet in Nürnberg spielte? Hat ihm keiner gesagt, dass Leni Riefenstahl und Albert Speer Lichtdome in Nürnberg nutzten, um den Nationalsozialismus zu feiern? Ich bekam die Bilder nicht aus den Kopf. Ich denke, ich hoffe, dass die Konzertagentur dies dem Franzosen verheimlicht haben. Mir lief es bei diesem technisch und musikalisch perfekten Auftritt der Kombination von Musik, Licht, Farbe, Sound und Effekte kalt den Rücken herunter.


Ich brauchte einige Zeit, bis ich mir wieder gefangen hatte und die schrecklichen Bilder der deutschen Vergangenheit an diesem Ort abschütteln konnte. Dann genoss ich allerdings das Konzert, wobei ich die früheren Stücke der Klassiker einfach besser fand. Sie wurden zwar härter auf der Bühne gespielt, aber für mich kamen schöne Erinnerungen an meine Jugend hoch, als ich die Musik von Jean-Michel Jarre entdeckte. Ich weiß noch, wie ich mir mit meinen Schulfreunden heftige Wortgefechte lieferte, ob Equinux oder Oxgene nun Fahrstuhlmusik oder ernstzunehmende Unterhaltung war. Ich war der Meinung, dass die Musik von Jarre eine besondere Art von Kunst darstellen. Durch ihn entdeckte ich die elektronische Musik. Jarre ebene die Wege für Tangerine Dream, Klaus Schulze, Kitaro, Tomita, Cluster, Autechre, Yello, Keith Emerson und immer wieder Kraftwerk. Ohne Jarre hätte ich nie Kraftwerk entdeckt und dafür bin ich ihm noch heute Dank schuldig. Kraftwerk war minimal, Jarre war maximal.
Der erste Höhepunkt des Nürnberger Konzertes war für mich eindeutig der Song Exit, bei dem Jarre den Whistleblower Edward Snowden zu Wort kommen ließ. Jarre unterstützt ausdrücklich die Arbeit von Snowden und dem schließe ich mich an. Wenn nicht wir gegen Überwachung aufstehen, wer sollte es denn sonst tun? Weise Worte.
In meinen Stuhl lehnte ich mich zurück, als Jarre Gedanken aus meiner Jugend wieder zurück in mein Bewusstein brachte. Er spielte auf der Bühne nicht nur Oxygene 8, sondern auch Souvenirs of China. Mein Gott, ist diese Musik lange her. 1987 habe ich das Stück zum ersten Mal gehört. Wirklich begeistert war ich von den alten Stücken des Meisters – und das Publikum war es ebenso.


Als Abschluss gab es noch ein Zuckerl. Es gab einen Ausblick auf das neue Album Oxygene 3. Die Musik ist eine versöhnliche Geste an die alten Fans wie mich, die mit dem Techno-Sound der vergangenen beiden Alben nicht viel anfangen konnte. Oxygene 3 wird im Dezember veröffentlicht und wir durften in Nürnberg aus der Überraschungstüte naschen. Gut hat es getan.

Kritik: Paul McCartney im Münchner Olympiastadion 2016

12. Juni 2016

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Auch Petrus ist ein Beatles Fan. Nach rund zwei Wochen Dauerregen kam Paul McCartney ins Münchner Olympiastadion und siehe da: Here comes the sun. Bei strahlendem Sonnenschein gab Paul McCartney ein routiniertes Konzert im fast vollbesetzten Haus.
Jemand wie Paul McCartney hat ein Problem vor dem andere Musiker gerne stehen würden. Er hat zu viel Material, zu viel gutes Material. Andere Musiker haben einige Hits und müssen eine zwei-Stunden-Show damit bestreiten. Paul McCartney hat Hits en masse und muss wählen, was er zum Besten gibt. Die Wahl des Abends war gut: Eine Brise Solo, eine Brise Wings und ein bisschen mehr Beatles – und uns Fans hat es gefallen.
Sir Paul sprach an dem Abend Deutsch, was die anwesenden Fans im Olympiastadion honorierten. „Servus München! Ich werde versuchen, ein bisschen Deutsch zu sprechen.“ Hat er gemacht und es war eine nette Geste. Schließlich war Paul McCartney schon mal zu Gast in München. 1966 mit seinen Freunden John, George und Ringo als ihn die Bravo-Blitztournee in den Circus Krone geführt hat. Zur Vorbereitung habe ich mir mein Bravo-Programm der damaligen Tour aus meinem Archiv geholt und ein bisschen in den vergilbten Seiten geschmökert.

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Paul McCartney im Münchner Olympiastadium

Damals 1966 als Paul in München rockte, war ich noch nicht geboren – der Fluch der späten Geburt. Das Phänomen Beatles kenne ich nur aus Erzählungen, bei der Auflösung der Fab Four war ich noch zu klein. Aber die Musik kenne ich und ich liebe sie. Beatles laufen heute bei uns auf Vinyl, auf CD und digital. Beatles Songs gehören für mich zur Volksmusik, zum Kulturerbe. Jeder kann sie mitsingen. Und als ich bei Paul McCartney im Münchner Olympiastadion saß, meine Augen geschlossen hatte und der Musik lauschte, da passierte es. Ich hörte die wunderbare Musik und es wurde mir klar: Dieser Mann auf der Bühne hat zusammen mit John Lennon diese fantastische Musik geschrieben – und ich bin live dabei. Was für ein Gefühl! Mir ist bewusst geworden: Ich sehe hier eine Legende. Und ich verneige mich vor dieser Legende.


Und Paul gedachte auch der alten Zeiten. Er widmete Songs seiner verstorbenen Frau Linda, George Martin und seinen Kumpels John Lennon und George Harrison. Besonders Harrisons Song Something berührte uns alle sehr. Paul begann auf der Ukulele die Harrison-Komposition anzustimmen, sang ein, zwei Strophen und dann setzte die Band mit ein – ein wahres Gänsehaut-Feeling.
Ein ähnliches Feeling kam auf, als das ganze Stadium Hey Jude, Yesterday, meinen Lieblingssong Let it be und Ob-La-Di, Ob-La-Da oder gleich als Opener A Hard Days Night mitsang. Wunderschön auch aus den Pepper-Zeiten Being for the Benefit of Mr. Kite! sowie ein absolutes starkes Birthday – gegen Ende des Konzerts wurden sogar zwei Geburtstagskinder aus dem Publikum auf die Bühne gebeten. Auch eine schöne Geste. Eine Besonderheit gab es auch: Es gab von The Quarrymen, der Band vor den Beatlesm den den Song In Spite of all the Danger.
Die Lightshow kam bei Sonnenschein nicht so zur Wirkung. Kaum war die Sonne untergegangen, dann drehten die Licht- und Pyrotechniker voll auf. Absoluter Höhepunkt war wohl hier der James Bond-Klassiker und Wings-Hit Live and let die. Sir Paul, die Band und vor allem die Technik zogen alle Register. Expositionen, Laser, Light und ein bombastisches Feuerwerk stieg in den Himmel über den Olympiastadium und auch die nichtzahlenden Fans vom Olympiahügel kamen in den Genuss des Showspektakels.
Paul McCartney ist ein toller Showman und sich um seiner Wirkung bewusst. Sehr nett seine Standard-Aussage beim Ablegen des Sakkos: „Das ist der einzige Klamottenwechsel des gesamten Abends.“ Er bleibt auch mit 74 Jahren der symathische Spitzbub. Während John Lennon der Intellektuelle, George Harrison der Geheimnisvolle und Ringo Star der Witzbold war, spielte McCartney immer die Rolle des Symapthieträgers.
Am Ende des Konzerts kommt wie immer das Medley von Abbey Road – mit The End. Danke Paul McCartney, danke für den schönen Abend und danke, dass du meine Frau wieder zum Teenager wurde. Ach ja, lieber Petrus, lass George und John im Himmel lauter jammen – George Martin produziert freilich.

Die Setlist Paul McCartney in München 2016, wie ich sie in Erinnerung habe.
„A hard Day’s Night“
„Save us“
„Can’t buy me Love“
„Letting go“
„Temporary Secretary“
„Let me roll it“ (mit „Foxy Lady“ zum Ausklang)
„I’ve got a Feeling“
„My Valentine“
„Nineteen Hundred and Eighty-Five“
„Here, there and everywhere“
„Maybe I’m amazed“

„We can work it out“
„In Spite of all the Danger“
„You won’t see me“
„Love me do“
„And I love her“
„Blackbird“
„Here today“

„Queenie Eye“
„New“
„The Fool on the Hill“
„Lady Madonna“
„FourFiveSeconds“
„Eleanor Rigby“
„Being for the Benefit of Mr. Kite!“
„Something“
„Ob-La-Di, Ob-La-Da“
„Band on the Run“
„Back in the U.S.S.R.“
„Let it be“
„Live and let die“
„Hey Jude“

„Yesterday“
„Hi, Hi, Hi“
„Birthday“
„Golden Slumbers“
„Carry that Weight“
„The End“

Konzertkritik: Steve Wilson in München

15. Januar 2016
Steve Wilson live in München im Gasteig.

Steve Wilson live in München im Gasteig.

Es begann mit der Musik von Blackstar von David Bowie. Bis alle Besucher des Steven Wilson Konzerts im Kulturzentrum Gasteig Platz genommen hatten und die Bühne eingenebelt war, lief das jüngste Werk von Bowie zur Untermalung. Sichtlich bewegt kam Steven Wilson dann auf die blau ausgeleuchtete Bühne und berichtete von einer der traurigsten Woche des Rock’n Roll seit langem. Durch die Tode von Lemmy und Bowie sind zwei Größen des Rock’n Roll-Zirkuses verschwunden.


Aber man sei auch gekommen um Spaß zu haben, sagte Wilson, und dann bretterte seine Band in voller Lautstärke los. Wilson stellte auch gleich klar, dass er lachen kann. Ihm werde immer vorgeworfen auf der Bühne so ernst zu sein. Dabei schneide er bei den Songs doch allerhand Grimassen – und damit hatte er die Lacher auf seiner Seite.
Steven Wilson ist der breiten Masse der Hitparadenhörer komplett unbekannt, aber er hat seine Fans, eine ganze Menge Fans. Und diese kamen auch ins Kulturzentrum am Gasteig. Wo ich vor Weihnachten noch das Weihnachtsoratorium von Bach gehört und am Sektglas genippt habe, hörte ich die progressive Rockmusik von Steven Wilson und trank das Bier aus der Flasche.
Steven Wilson spielte bei verschiedenen Progrock Bands wie seine eigene Porcupine Tree und ist seit einiger Zeit als Solo-Künstler unterwegs. Andere Musiker verehren ihn, weil er als Produzent und Tontüftler Material aufbereitet von Größen wie King Crimson oder Emerson, Lake & Palmer. In wenigen Tagen kommt sein neues Album 4 1/2, aus dem er auch Material in München zum Besten gab. Aber schön der Reihe nach.
Der erste Teil des Konzerts bestand aus Songs des aktuellen Albums Hand.Cannot.Erase. Unter den Fans ist dieses Werk etwas umstritten und auch ich finde so richtig den Zugang nicht. Es ist keinesfalls schlecht, aber der Hammer wie frühere Veröffentlichungen wie The Raven That Refused to Sing oder Grace for Drowning ist es nicht. Das merkte wohl auch der Meister, der bei seiner Einführung spöttisch anmerkte: Wer Hand.Cannot.Erase. nicht möge, der könne nach der Pause wieder kommen. Wieder ein Lacher und alle blieben sitzen. Die Videoelemente des ersten Teils drehten sich um Einsamkeit und Verlorenheit, irgendwie depri. Experimentalfilme wurden über die Köpfe der Band eingespielt.
Wilson hält immer wieder Kontakt zu seinen Fans. Er sagt die Songs an wie dass er Transience erstmals live spielen wolle. Und dass er seinen Song Lazarus dem großen David Bowie widme, der ja auch einen Song mit diesen Namen geschrieben habe. Er macht scherzhaft Werbung für seine Gitarrenedition. „Die Bestelladresse gibt es im Programmheft, das es zu kaufen gibt“, scherzt er. Und nach der Pause ging es lauter und deutlich kraftvoller zu. Wilson und Band spielten Prog Rock – hoch professionell und perfekt und es endete konsequent im Progressive Metal. Die Songliste des Münchner Konzerts gibt es hier als Foto.


Das Videomaterial nach der Pause war deutlich progressiver. Für mich am faszinierendsten waren die Filme mit Scherenschnitten. Eine schöne alte Technik in einer morbiden Erzählung. Gegen Ende der Show war die Verehrung von Steven Wilson für Pink Floyd nicht zu übersehen. Die moderne Lightshow war wie in alten Tagen, zudem wurde ein transparenter Vorhang zwischen Band und Publikum gespannt, auf dem eine weitere Lightshow projiziert wurde. Nach dem Fall des Vorhangs kamen noch die Zugaben und die große Verbeugung. Steven Wilson hält dabei immer Kontakt zu seinen Fans und das ist bei all seiner musikalischen Leistung wohl die größe Leistung von ihm.

Anmerkung zum Gasteig: München braucht für solche und andere Konzerte einen Konzertsaal, der den Namen verdient. Zum Teil war die Akustik grausam und das lag nicht an der PA der Wilson Crew.

Ausstellungskatalog Kraftwerk 3D

14. Januar 2015

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Über die musikalische Bedeutung von Kraftwerk noch groß Worte zu verlieren, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Soviel nur: Ich liebe Kraftwerk, bin ein Fan der Band und ärgere mich wahnsinnig, dass ich es bisher noch nie zu einem Konzert geschafft habe. Derzeit spielt Kraftwerk in Berlin und wieder kann ich nicht dabei sein.

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Als Kraftwerk 2011 in München in der Alten Kongresshalle gastierte (und ich wieder nicht konnte), gab es aber eine Ausstellung zu Kraftwerk. Zum ersten Mal außerhalb eines Konzertsaals konnte ich die Kunst von Kraft in einer Ausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses genießen. 2011 erschien dazu der Katalog Kraftwerk 3D als Kling Klang Produkt. Dem schön gebundenen Buch ist eine kleine 3D-Brille (rot/grün) beigelegt, um die Artworks von Emil Schult des Buches genießen zu können. Schult war einst Mitglied von Kraftwerk, kümmerte sich dann aber um das Design und das Artwork der Band. Jeder Kraftwerk—Fan kennt die Bilder, Grafiken, Illustrationen. In einem Video mache ich ein Unboxing des Kataloges und zeige ein paar Bilder:

Das Buch beginnt mit Autobahn – es zeigt den VW Käfer, den Benz. Das Buch nimmt uns mit in die visuelle Welt von Kraftwerk. Erläuternde Texte gibt es in dem Buch keine. Als Betrachter muss man die Bilder auf sich wirken lassen. Wer dieses Buch ansieht, sollte Zeit mitbringen. Ein schnelles Durchblättern bringt nichts. Unter anderem werden Radioaktivität, Computerwelt, Zahlen behandelt und interpretiert.

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Das Buch Kraftwerk 3D ist sicherlich nur etwas für Hardcore-Fans von Kraftwerk. Ich sehe es als ideale Ergänzung zur Musikbox und zu einem Konzert.

Konzertkritik: Roger Waters: The Wall – Frankfurt 2013

29. Dezember 2013
 Die vollbesetzte Commerzbank-Arena in Frankfurt.


Die vollbesetzte Commerzbank-Arena in Frankfurt.

Das Jahr 2013 brachte für mich ein paar Konzerte, aber wirklich in Erinnerung blieb mir die gigantische Show von Roger Waters. Mit modernster Technik umgesetzt konnte ich die Wall-Show des Egomanen Waters bestaunen und mich haute es regelrecht von den Socken. Als das letzte Mauerteil gefallen ist, konnte ich es noch gar nicht glauben, welches Spektakel ist gerade erlebt habe. Roger Waters präsentiert den Pink Floyd-Klassiker The Wall in Frankfurt vor 28000 begeisterten Fans und ich bin einer von ihnen.

Mit dem explodierenden Flieger ging es los.

Mit dem explodierenden Flieger ging es los.

Als Pink Floyd in den 80er Jahren in der Dortmunder Westfalenhalle gastierten, durfte ich nicht hinfahren. Meine Mutter hatte es verboten. Ich hatte als Floyd-Fan immer über die damaligen Show gelesen und ärgerte mich, dass ich sie nie selbst erleben durfte. Wir Fans wissen ja: Eigentlich war The Wall ja kein Gemeinschaftswerk der Band mehr, sondern der Beginn des Egotripps von Roger Waters, der dann in The final Cut enden sollte. Die Rest-Floyds waren eigentlich nur noch Gastmusiker. Dann kam der Bruch und Jahre später die Reunion von Pink Floyd ohne Waters. The Wall blieb Geschichte. Es gab die extrem katastrophale Aufführung von Waters zur Deutschen Wiedervereinigung in Berlin, über die hüllen wir besser den Mantel des Vergessens. Songs von The Wall wurden von David Gilmour und Roger Waters immer wieder vorgetragen, aber nicht mehr die komplette Show.

Als der 69jährige Rogar Waters angkündigte, die komplette Show noch einmal mit heutigen technischen Mitteln auf die Bühne zu bringen, musste ich dabei sein. Es wird wohl aufgrund des Alters des Musikers das letzte Mal sein, die Bombast-Show zu erleben. Und es war ein Erlebnis. Ich habe die Genesis gesehen, ich habe die Stones gesehen und ich habe U2 gesehen und habe jedes Mal geglaubt, es geht nicht größer. Doch! Es geht! Roger Waters hat es mit The Wall bewiesen. Er zeigt wo der Bombast-Hammer hängt und hat die Besucher in Frankfurt von den Stühlen gerissen.

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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als 1000 Steine bilden die zwölf Meter hohe, bis zu 150 Meter breite Mauer. Der Aufbau mit Hilfe von zwei Autokränen braucht vier Tage und es werden 32187 Meter Kabel verlegt und 82 Scheinwerfer installiert, 41 Projektoren werfen die Bilder, Filme und Effekte auf die Mauer und Leinwand. Zwei Terabyte Daten verbrauchen die Effekte, 730 Pyro-Effekte werden verballert und natürlich kommen die Show-Elemente der alten Show zum Einsatz: Überlebensgroße Marionetten, das Flugzeug und das fliegende Schwein.

Das Motto ist heute aktueller denn je.

Das Motto ist heute aktueller denn je.

Aber nur Effekte machen noch keine gute Show aus. Die Musik gehört dazu. Und was soll ich nach all den Jahren noch über die Musik sagen? Ja, es ist ein schreckliches Selbstmitleid und ein Egotrip von Herrn Waters, eine Anklage gegen Krieg und Gewalt. Und natürlich kommt im ersten Drittel gleich der legendäre Hit We don’t need no education! Musikalisch hat sich The Wall nicht weiter entwickelt, aber das wollen wir auch nicht. Wir wollen die Schau, die wir 1980 verpasst haben, aber mit der Technik von heute. Die Musiker, die Herrn Waters begleitet haben, waren alle samt hervorragend. Aber natürlich hätte ich gerne die alten Recken von Floyd gesehen, allen voran natürlich David Gilmour. Aber in Frankfurt mussten wir auf Herrn Gilmour verzichten. Auch gut.

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Nicht verzichten müssen wir gottseidank auf die Puppen, Marionetten und Ballons aus dem Jahre 1980. Die Show beginnt mit dem Abfackeln eines eindrucksvollen Feuerwerks. Hinzu kommt der Flieger, der sich durch die Halle der Commerzbank Arena in Richtung Bühne bewegt und dort mit lauten Bum explodiert. Ja, so wird Bombastrock der Superlative eingeleitet. Was bei anderen Shows am Ende steht, kommt bei Waters gleich zu Beginn. Aber es geht noch mehr. Und weiter ging es Schlag auf Schlag.Der Lehrer, der den bekannten Schüler-Protestsong einleitet, war für mich einer der ersten Höhepunkte.

Ich kann mein Glück kaum fassen, als ich endlich im zweiten Teil der Show das legendäre fliegende Schwein erblicke. Im Vorfeld der Show gab es Diskussionen, warum Roger Waters auf das Schwein verschiedene Symbole gekritzelt hat. Es kam zum Vorwurf des Antisemitismus an Waters, da er auch den Davidstern auf das Schwein malte. Das halte ich für Quatsch. Ja, Roger Waters war immer ein politischer Musiker. Erinnert sei nur an seine Positionen gegenüber Margaret Thatcher – Maggie what have we done? Aber ich glaube nicht, dass er antisemitisch ist. Im Konzert in Frankfurt war auf jeden Fall nichts davon zu bemerken.

Zu bemerken war eine offene Politik des Veranstalters. Die Zuschauer wurden nahezu dazu aufgefordert vom Konzert Fotos zu machen. Einzige Bedingung: kein Blitz. Das ist für mich ein absolutes Novum. Ich kenne noch Konzerte, wo ein absolutes Fotografierverbot herrschte. Zuletzt bei Dylan, wo es Greiftrupps unter dem Publikum gab, um illegale Fotografen aufzubringen. Aber der Konzertveranstalter weiß genau, dass er Smartphones im Konzert nicht verbieten kann. Und er nutzt die Chance der neuen Kommunikation. Viele der Bilder von the Wall landen mit dem Hashtag #Wall auf Facebook oder Twitter. Der Radiosender hr1 macht daraus sogar eine hervorragende Social Media-Aktion und bringt die Wall-Show ins Netz. So geht Cross Media.

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Hier mein Fazit gleich nach der Show – die Dame, die sich ins Bild drängt, gehört nicht zu mir. Aber so ist nun mal Berichterstattung: