Ich war neugierig auf Bob Sumners als ich die Einladung zu einem Privatkonzert nach München bekam. Bob Sumner ist ein kanadischer Sänger, Gitarrist und Songschreiber aus dem Umfeld von Americana, Folk, Country und Alt-Country. Er stammt aus dem Raum Vancouver und war lange gemeinsam mit seinem Bruder Brian als Teil der Sumner Brothers unterwegs, ehe er sich als Solokünstler ein eigenes Profil erarbeitete. Diese Herkunft hört man seiner Musik an: Sie ist verwurzelt in der Tradition nordamerikanischer Erzähllieder, aber sie klingt nicht museal oder nostalgisch. In München spielte er zusammen mit seinem Kumpel Etienne Tremblay, der ein exzellenter Gitarrist ist.
Sumner schreibt Songs, die von Beziehungen, Einsamkeit, Alkohol, Freundschaft, Sehnsucht, Verlust und der Suche nach einem Ort handeln, an dem man für einen Moment zur Ruhe kommen kann. Es ist Musik für kleine Bühnen, für aufmerksame Zuhörer und für Menschen, die in einem Lied mehr suchen als nur eine eingängige Melodie.
Sein aktuelles Album „Some Place to Rest Easy“, erschienen im September 2024, zeigt besonders deutlich, wohin Sumners musikalische Reise geht. Die Platte bewegt sich zwischen klassischem Country, Folkballade, Americana und moderner, atmosphärischer Produktion. Auf der Bandcamp-Seite zum Album wird beschrieben, dass Sumner traditionelle Elemente wie Steel Guitar, Dobro und Countrypolitan-Streicher mit ambienten Klangflächen und sogar dezenten Synthesizer-Spuren verbindet. Das ist ein wichtiger Punkt, denn Sumner klingt zwar nach einem Künstler, der George Jones, Willie Nelson oder Waylon Jennings kennt, aber er bleibt nicht einfach bei der Vergangenheit stehen. Seine Songs sind warm, erdig und oft melancholisch, aber sie besitzen zugleich eine klangliche Offenheit, die sie zeitgemäß macht.
Musikalisch lebt Sumners Werk stark von seiner Stimme. Sie ist nicht glatt, sondern trägt eine gewisse Rauheit und Lebenserfahrung in sich. Er singt mit einer Mischung aus Zärtlichkeit, Zurückhaltung und innerer Dringlichkeit. Gerade darin liegt seine Stärke: Er muss nichts übertreiben, um glaubwürdig zu sein. In Songs wie „Bridges“, „Motel Room“, „Don’t We Though“ oder „Forty Years On The Floor“ entwickelt er kleine Geschichten, die wie Momentaufnahmen aus einem Leben wirken. Da geht es um verbrannte Brücken, Nächte in Motelzimmern, brüchige Liebe, Alkohol, Reue und Erinnerungen. Americana Highways beschreibt „Bridges“ als atmosphärische Ballade mit erzählerischem Charakter und hebt Sumners Fähigkeit hervor, Geschichten nicht nur mit Texten, sondern auch mit Stimme, Gitarre und Komposition zu erzählen. 
Bemerkenswert ist, dass Sumner seine Musik nicht auf bloße Traurigkeit reduziert. Viele seiner Lieder kreisen zwar um gebrochene Herzen und schwierige Lebensphasen, doch sie haben auch Trost, Wärme und manchmal einen fast kameradschaftlichen Ton. Der Hörer sitzt nicht vor einem Künstler, der sich selbst ausstellt, sondern vor einem Erzähler, der das Scheitern kennt und trotzdem weiter singt. Genau daraus entsteht die emotionale Kraft seiner Musik. Sie erinnert an klassische Country-Songwriter, an Folk-Erzähler und an jene Americana-Künstler, die nicht auf große Gesten setzen, sondern auf Genauigkeit, Atmosphäre und Wahrhaftigkeit. Lonesome Highway ordnet seine Themen entsprechend als verletzlich und oft dunkel ein, betont aber, dass Sumner diese Stoffe feinfühlig behandelt.
Eine wichtige Rolle spielt dabei Etienne Tremblay, mit dem Sumner derzeit unterwegs ist. Tremblay ist nicht nur Begleitmusiker, sondern ein enger musikalischer Partner. Auf „Some Place to Rest Easy“ ist er unter anderem an der Leadgitarre zu hören; zudem war er an mehreren Songs beteiligt, darunter „Bridges“, „Forty Years“, „Baby I Know“ und „Familiar Feeling“. Das Zusammenspiel der beiden macht auch live den besonderen Reiz aus: Sumner bringt die Songs, die Stimme und die erzählerische Mitte mit, Tremblay öffnet den Raum mit Gitarrenlinien, die mal sparsam, mal melodisch, mal fast schwebend wirken.
Gerade in der Duo-Besetzung entfaltet diese Musik ihre Stärke. Ohne großes Bühnengetöse rücken Stimme, Text und Gitarre in den Vordergrund. Sumners Lieder brauchen keine überladene Produktion, um zu wirken; sie leben von Nuancen, vom Klang einer angeschlagenen Saite, vom Nachhall einer Zeile, vom Atem zwischen zwei Versen. Tremblays Gitarrenspiel ergänzt diese Zurückhaltung, weil es die Songs nicht überdeckt, sondern ihnen zusätzliche Farbe gibt. In dieser Form entsteht eine intime Konzertatmosphäre, die gut zu Sumners Musik passt: Man hört keine Show im üblichen Sinn, sondern Geschichten, die langsam ihre Wirkung entfalten.
Bob Sumner ist damit ein Künstler, der die Tradition des Country und Folk ernst nimmt, ohne sich von ihr einsperren zu lassen. Seine Musik hat den Staub der Straße, den Geruch von Bars und Motelzimmern, aber auch die Weite moderner Americana-Produktionen. Sie erzählt von Menschen, die etwas verloren haben, die weiterziehen müssen oder bleiben wollen, obwohl sie nicht genau wissen, wo sie hingehören. Das macht seine Songs so zugänglich und zugleich so eigenständig. Wer Bob Sumner und Etienne Tremblay live erlebt, begegnet keiner lauten Pose, sondern einem konzentrierten, fein gearbeiteten Zusammenspiel zweier Musiker, die wissen, dass ein guter Song oft mehr sagt, wenn man ihm Raum lässt. Ich war von dem Privatkonzert begeistert und kann auch das Album absolut empfehlen.
Ich war sehr gespannt, denn ich wollte Eric Slowhand Clapton endlich mal live erleben. Ich bin Clapton-Fan der Zeiten der Yardbirds, Cream, Blind Faith, Derek and the Dominos, aber auch einiger Solo-Blues-Scheiben. Also für großen Taler eine Eintrittskarte eine Karte für die Olympia-Halle gekauft und das letzte Konzert der Tour auf dem Festland angeschaut.
Vorband war ein ausgezeichneter Andy Fairweather Low, der schon lange mit Clapton und auch Roger Waters spielt. Tadelloser Mann. Als Eric Clapton die Bühne der Münchner Olympiahalle betrat, lag sofort diese eigentümliche Spannung im Raum, die nur Musiker erzeugen können, die längst größer geworden sind als ihre Songs. Achtzig Jahre alt ist Clapton inzwischen, gezeichnet von Krankheiten, Rückenschmerzen und jener Müdigkeit, die man bei vielen seiner Generation nicht mehr übersehen kann – und doch steht da noch immer dieser Mann mit der Stratocaster, der für mehrere Generationen der Inbegriff des eleganten Bluesrocks geblieben ist. Schon der erste Ton machte klar: Hier geht es nicht mehr um Spektakel. Nicht um gigantische Bühnenbilder oder die verzweifelte Jagd nach Jugendlichkeit. Clapton spielte in München kein Konzert, er zelebrierte ein musikalisches Vermächtnis.
Und genau darin lag die Größe dieses Abends – aber auch seine Schwäche. Denn emotional war das Konzert stellenweise überwältigend. Wenn Clapton in „Tears in Heaven“ jede Note beinahe vorsichtig anschlug, schien die riesige Halle plötzlich still zu atmen. Da war keine pathetische Inszenierung, keine kalkulierte Sentimentalität. Nur diese fragile Stimme, die längst brüchig geworden ist und gerade deshalb glaubwürdig wirkt. Man hörte einem alten Mann zu, der nicht mehr versucht, gegen die Zeit anzusingen. Diese Ehrlichkeit hatte etwas Berührendes. Viele Künstler altern auf der Bühne peinlich. Clapton altert sichtbar – und gerade dadurch würdevoll.
Auch musikalisch blieb er in vielen Momenten unerreichbar. Seine Soli wirkten nie protzig, nie eitel. Während andere Gitarrenhelden ihres Formats jeden Song zur Technikdemonstration aufblasen, spielte Clapton reduziert, fast stoisch. Gerade bei Bluesstücken zeigte sich, warum sein Spitzname „Slowhand“ bis heute funktioniert: Er braucht keine Geschwindigkeit, um Intensität zu erzeugen. Jede Phrase saß. Jeder Bend erzählte mehr als ganze Alben jüngerer Virtuosen. Aber die Zeiten von Clapton is God sind vorbei.
Und dennoch blieb nach knapp zwei Stunden ein seltsamer Beigeschmack zurück. Denn so meisterhaft das Konzert klang, so wenig Risiko steckte darin. Die Setlist wirkte über weite Strecken wie ein routinierter Rückblick auf ein Lebenswerk, das man längst auswendig kennt. Natürlich jubelte die Halle bei „Layla“, natürlich funktionierten „Golden Ring“ oder „Cocaine“ noch immer. Aber genau darin lag das Problem: Vieles fühlte sich beinahe zu perfekt eingeübt an, zu kontrolliert, zu sicher. Man spürte selten echte Überraschung oder spontane Explosionen. Clapton spielte wie jemand, der nichts mehr beweisen muss – was menschlich verständlich ist, musikalisch aber manchmal etwas steril wirkte.
Besonders auffällig war dabei die Distanz zum Publikum. Clapton sprach kaum, lächelte selten, ließ Song auf Song folgen. Während andere Altmeister ihre Konzerte inzwischen fast wie autobiografische Erzählungen gestalten, blieb er kühl und zurückgenommen. Vielleicht hat Clapton dies von seinem alten Kumpel Dylan gelernt, der keine Silbe auf der Bühne äußert. Das kann man als britische Noblesse interpretieren. Man kann es aber auch als emotionale Barriere empfinden. Die Olympiahalle feierte ihn bedingungslos, doch zwischen Bühne und Publikum entstand nie ganz jene magische Nähe, die große Konzerte unvergesslich macht.
Vielleicht liegt genau darin mittlerweile die Tragik Eric Claptons. Er ist einer der letzten Giganten seiner Epoche, aber seine Musik wirkt heute oft wie aus einer anderen Zeit konserviert. Der Blues, den er spielt, besitzt Würde, Wärme und handwerkliche Vollkommenheit – aber manchmal fehlt ihm die Dringlichkeit. Der Schmerz ist noch da, die Wut nicht mehr. Selbst die stärkeren elektrischen Momente blieben kontrolliert, beinahe geschniegelt. Nichts geriet außer Kontrolle. Nichts brannte wirklich.
Und trotzdem: Als am Ende die letzten Akkorde verklungen waren, erhob sich die Olympiahalle beinahe geschlossen. Nicht nur aus Begeisterung, sondern auch aus Respekt. Man applaudierte nicht einfach einem Konzert, sondern einem Musiker, dessen Karriere seit mehr als einem halben Jahrhundert Teil der Rockgeschichte ist. Vielleicht war dieser Abend deshalb weniger ein Triumph als ein melancholischer Abschied von einer Ära. Eric Clapton zeigte in München keinen jungen, wilden Bluesrocker mehr. Er zeigte einen alten Meister, der gelernt hat, mit leisen Tönen zu altern.
Und genau deshalb wird dieses Konzert vielen länger im Gedächtnis bleiben als manch lautere, spektakulärere Show. Ich war dankbar ihn nochmal gesehen zu haben und das war mir sehr wichtig.
Kraftwerk in München und es ist für mich eine Selbstverständlichkeit hier dabei zu sein. Begleitet wurde ich von einer begeisterten Tochter, die Ehefrau blieb navh verschiedenen Kraftwerk-Konzerte zu Hause beim Plätzchenbacken.
Der Sound im Zenit war großartig, ebenso wie bei meinem letzten Konzert von Kraftwerk in Stuttgart. Kraftwerk gelten seit Jahrzehnten als Pioniere der elektronischen Musik, die Klang und Technologie zu Kunst verschmolzen haben. Gegründet 1970 in Düsseldorf, schuf das Kollektiv um Ralf Hütter und (bis zu seinem Austritt) Florian Schneider visionäre elektronische Klangwelten in ihrem legendären Kling-Klang-Studio. Bereits Mitte der 1970er erlangten sie internationale Anerkennung für ihren revolutionären Sound und ihre Experimente mit Robotik und neuen technischen Innovationen. Alben wie Autobahn (1974) brachten deutsche Elektronik-Klänge unerhört in die internationalen Charts, Radio-Aktivität (1975) thematisierte das Thema Kernkraft, Trans Europa Express (1977) feierte futuristische Mobilität, und Die Mensch-Maschine (1978) definierte das Bild der Symbiose von Mensch und Technik in der Popkultur. Mit Computerwelt (1981) antizipierten Kraftwerk die digitale Gesellschaft und übten subtile Kritik an der Datenüberwachung – lange bevor diese Themen Mainstream wurden.
Jeder dieser musikalischen Meilensteine transportierte Ideen ihrer Zeit und prägte künftige Musikergenerationen. So wurde etwa der treibende Beat von „Trans Europa Express“ zur Blaupause für Afrika Bambaataas Hip-Hop-Klassiker Planet Rock, und sogar Coldplay entlehnten sich eine Melodie von Kraftwerk für ihren Hit „Talk“. Diese Beispiele verdeutlichen, wie musikalische Ideen von Kraftwerk weit über ihr eigenes Schaffen hinaus weitergetragen wurden – ein direkter Beleg für das Motto „Musik als Träger von Ideen“.
„Musik als Träger von Ideen“ Und es erwischte mich am Konzertende wieder voll. Die Zeile „Es wird immer weitergehn: Musik als Träger von Ideen“ stammt ursprünglich aus dem Song „Techno Pop“ (1986) und ist weit mehr als ein Liedtext – sie ist zu einem Leitsatz des Kraftwerk’schen Schaffens geworden. Wie der Musikjournalist Michael Döringer anmerkt, „sagt diese Textzeile alles aus über das Musikverständnis der Düsseldorfer Elektronikpioniere“.
Ich stehe in der Halle und mir wieder schlagartig wieder bewusst, welche enorme künstlicherische Kraft von Kraftwerk ausgeht. Kraftwerk wussten genau um die gesellschaftliche Kraft der Musik und darum, „was Kunst alles sein kann“. In ihrer Vision ist Musik kein bloßer Hintergrundklang, sondern ein Medium für Ideen, Botschaften und Visionen. Der Ausspruch impliziert, dass musikalische Innovation und Inspiration niemals stagnieren – Ideen werden immer weitergetragen, von einer Generation zur nächsten, von einem Genre ins nächste.
Diese Haltung spiegelt sich im Werk der Band wider. Kraftwerk haben konsequent den Zeitgeist reflektiert und in ihren Stücken verarbeitet. Oft wirkten ihre Songs wie klangliche Essays zu Themen der modernen Zivilisation: „Radioaktivität“ etwa beleuchtete 1975 wissenschaftlich-neutral die Wunder der Kernenergie, wurde aber später – nach Tschernobyl und Fukushima – live in einen eindringlichen Appell gegen radioaktive Gefahren umgewandelt (“Stoppt die Radioaktivität!”). Hier zeigt sich Musik als Träger einer sich wandelnden Idee: von naiver Faszination hin zu mahnender Verantwortung. Ähnlich verknüpfte „Trans Europa Express“ Fortschrittseuphorie mit kultureller Reflexion, wenn Europas neue Verbundenheit im Hochgeschwindigkeitszug besungen und zugleich der Bogen zu Kunstikonen wie Iggy Pop und David Bowie geschlagen wird. Kraftwerk demonstrieren damit, dass Musik Bedeutung transportiert – sei es als Feier technologischer Utopien, als Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen oder als Bewahrer kultureller Erinnerungen.
Philosophisch knüpft diese Sichtweise an den Gedanken an, dass Kunst eine transformative Kraft besitzt. Seit jeher haben Denker Musik eine besondere Fähigkeit zugeschrieben, Ideen auszudrücken und Menschen innerlich zu bewegen. Kraftwerk führen dies im Kontext des elektronischen Zeitalters fort: Ihre Musik, so minimalistisch die Texte oft sind, vermittelt Konzepte von Fortschritt und Mensch-Maschine-Beziehung, von Urbanität und Natur, von Euphorie und Nachdenklichkeit. Die Textzeile „Musik als Träger von Ideen“ unterstreicht, dass jeder Klang, jeder Beat mehr bedeuten kann – nämlich eine Idee transportieren, die beim Hörer resoniert und einen Denkprozess auslöst. Gerade in der heutigen digitalen Welt – der Welt, die Kraftwerk mit ihren „Zukunfts-Visionen“ gewissermaßen den Soundtrack geliefert haben – behält diese Maxime ihre Gültigkeit.
Musik bleibt ein Vehikel, um Ideen in die Zukunft zu tragen. Und Kraftwerk selbst sind der lebende Beweis: Noch 50 Jahre nach Bandgründung lässt ihr Gesamtkunstwerk keinen Zweifel daran, dass diese Überzeugung Bestand hat. Ihre Klänge und Botschaften haben Generationen von Künstlern beeinflusst und ganze Genres hervorgebracht, von Synth-Pop über Techno bis Industrial und Hip-Hop .
Technologie, Kunst und kulturelle Entwicklung in Einklang Schon früh erhoben Kraftwerk Technologie und moderne Ästhetik zur Kunstform. In einer Zeit, als Rock und Jazz dominierten, suchten sie bewusst nach einer neuen, deutschen Klangsprache jenseits angloamerikanischer Vorbilder. Sie integrierten technische Geräte – Synthesizer, Drum-Computer, Vocoder – als gleichberechtigte kreative Instrumente und gestalteten damit einen völlig neuartigen, minimalistisch-präzisen Sound. Damit wurden sie nicht nur Musiker, sondern Ingenieure einer audiovisuellen Zukunftsvision. Die Verbindung von elektronischer Musik mit visueller Kunst ist ihnen inhärent: Kraftwerk-Konzerte sind legendär für ihre streng durchgestalteten Projektionen, Computeranimationen und die ikonische Roboter-Ästhetik. Jede Show wird zum Gesamtkunstwerk aus Klang und Bild, in dem die Grenzen zwischen Konzert und Kunstinstallation verschwimmen. Diese multimediale Präsentation knüpft an das Konzept der Gesamtkunstwerk-Idee an, wie sie in der europäischen Kunsttradition (etwa bei Wagner) formuliert wurde, und übersetzt es ins digitale Zeitalter.
Damit schlagen Kraftwerk eine Brücke von der Popkultur zur Hochkultur. Längst werden sie in einem Atemzug mit bildenden Künstlern genannt – ihre minimalistische, konstruktivistische Gestaltung von Klang und Auftreten brachte ihnen Ausstellungen in Museen und Kunsthallen weltweit ein . Vom New Yorker MoMA (2012) über die Tate Modern bis zur Neuen Nationalgalerie Berlin haben Kraftwerk ihre Werke in renommierten Kunststätten präsentiert  – Anerkennung dafür, dass ihre audiovisuelle Performance als kulturelles Erbe und Kunstform anerkannt ist. Die Band selbst inszeniert sich dabei als Teil ihrer Kunst: anonymisierte Akteure in identischen Anzügen, die Idee der „Mensch-Maschine“ verkörpernd. Ralf Hütter und seine Kollegen sprechen oft von sich als Musik-Arbeiter; der individuelle Künstler tritt zurück hinter die Konzeptfigur des avancierenden Technikers-Musikers. Hier manifestiert sich der philosophische Gedanke, dass in einer technologischen Welt die traditionelle Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt – ein Leitmotiv, das Kraftwerk künstlerisch durchdekliniert haben.
Die kulturelle Entwicklung, die Kraftwerk angestoßen haben, ist kaum zu überschätzen. Indem sie elektronische Klänge salonfähig machten und deren ästhetische Tiefe aufzeigten, ebneten sie den Weg für ganze Subkulturen. Ihre Musik war Träger einer Idee von Zukunft, die in unterschiedlichen Regionen auf fruchtbaren Boden fiel – Detroit etwa empfing via Radio Kraftwerks maschinelle Rhythmen als Inspirationsquelle und gebar daraus den Techno der zweiten Generation. In Europa wie in den USA veränderten junge Künstler ihr Schaffen, nachdem sie Kraftwerk gehört hatten – viele nennen es bis heute ein Erweckungserlebnis. So gesehen, fungierte Kraftwerks Œuvre selbst als Träger von Ideen, die andere weiterführten. Technologie, Kunst und Kultur sind in ihrem Werk untrennbar verwoben: Jedes Kraftwerk-Album reflektiert technische Errungenschaften und deren Einfluss auf den Menschen, präsentiert in künstlerischer Form, und beeinflusst wiederum die Kultur, indem es neue Denkanstöße liefert. Im Zeitalter von KI wäre ein weiteres Statement von Kraftwerk wünschenswert.
Live-Performance als Vision Besonders deutlich erfahrbar wird Kraftwerks Motto im Live-Konzerterlebnis – etwa beim jüngsten Auftritt der Band in München im Zenith. Wenn die vier Musiker in ihren futuristischen Anzügen hinter Pulten stehen und die ersten elektronischen Klänge ertönen, verwandelt sich der Ort in einen anderen Raum: Als die Lichter erlöschen, ist es, als würde eine Zeitmaschine anspringen. Das Publikum taucht ein in eine digitale Kathedrale aus Klang und Licht. Die Bühne erweckt den Eindruck einer Zeitreise durch Kraftwerks Gesamtkatalog und darüber hinaus – eine Reise durch Vergangenheit und Zukunft, in der nostalgische Elemente nahtlos in eine immerwährende Gegenwart übergehen. Hier wird keine müde Nostalgie gefeiert; stattdessen entfaltet sich eine musikalische Vision, „die nie an Aktualität verloren hat“. Die Beats kommen glasklar und präzise aus den Boxen, doch trotz aller elektronischen Kühle schwingt eine gewisse Wärme und Menschlichkeit mit, die Kraftwerks Sound zeitlos faszinierend macht.
Kraftwerks Live-Performance ist streng durchchoreografiert und doch emotional mitreißend. Die Musiker selbst agieren betont statisch – Interaktion in klassischem Rock-’n’-Roll-Sinn findet kaum statt; die wenigen gesprochenen Worte (etwa die Begrüßung oder eine Widmung) kommen verzerrt aus dem Vocoder. Weil es Weihnachten ist, gab es eine Widmung an Ryūichi Sakamoto mit Merry Christmas Mr. Lawrence. Sakamoto lieferte auch den japanischen Text zu Radioaktivität. Was für eine Verbeugung von dem 2003 verstorbenen Sakamoto, den Kraftwerk 1981 bei ihrem ersten Tokyo-Konzert trafen.
Diese demonstrative Unnahbarkeit lenkt den Fokus ganz auf die Inhalte, die visuell und akustisch vermittelt werden. Über riesige Projektionsflächen laufen synchronisierte 3D-Animationen: leuchtend grüne Zahlenkolonnen bei „Nummern“, eine endlose Autobahn bei „Autobahn“, DNA-Helices bei „Vitamin“ oder Geigerzähler-Symbole bei „Radioaktivität“. Zu letzterem Song etwa wechseln die Warnzeichen auf den Bildschirmen bedrohlich von Gelb auf Rot und mahnen vor atomarer Gefahr, während die Musik düster und eindringlich wird – ein Gänsehautmoment der Reflexion über Verantwortung in der Technikwelt. Man spürt, wie politisch und relevant Kraftwerk immer noch sind, wenn plötzlich inmitten der mitreißenden Elektronik solche nachdenklichen Töne angeschlagen werden. Das Publikum verstummt in diesen Augenblicken spürbar, bevor es im nächsten Moment von hypnotischen Rhythmen wieder mitgerissen wird.
Auffällig ist die generationenübergreifende Wirkung der Show. Im Zenith stehen bei einem Kraftwerk-Konzert Menschen jeden Alters nebeneinander: grauhaarige Ersthörer der 70er neben jungen Techno-Fans, Familienväter neben ihren staunenden Kindern (so einer war ich). Diese Vielfalt im Publikum – „von jung bis alt, von Nerd bis Tänzer“ – zeigt, wie zeitlos und verbindend Musik sein kann. Für die Dauer des Konzerts verschwinden die Unterschiede: Musik als universeller Träger verbindet die Menschen direkt. Man beobachtet, wie bei Klassikern wie „Computerwelt“ oder „Autobahn“ die Menge unwillkürlich im Takt schwingt – die Menge wiegt sich im Takt, von den ersten Reihen bis zu den hinteren Stehplätzen. Es ist, als verschmelze der Puls der Stadt mit dem der Musik: Die Live-Elektronik wird zum kollektiven Herzschlag aller Anwesenden. Hier erfüllt sich spürbar, was der Kraftwerk-Slogan verheißt – eine Idee vereint durch Musik.
In den ekstatischen Momenten, etwa wenn in der Zugabe „Die Roboter“ ertönt, steigert sich dieses Gemeinschaftsgefühl weiter. Obwohl die Musiker selbst fast regungslos bleiben, ist plötzlich alles in Bewegung: „Visuals, Musik, Publikum – für einen Moment scheint es, als wären wir alle Teil einer großen Choreografie – Mensch und Maschine, vereint im Rhythmus“ . Diese Szene lässt erahnen, was Kraftwerk mit der Mensch-Maschine-Idee künstlerisch intendieren: Die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen Performer und Publikum, verschwimmt. Im Gleichschritt mit den Maschinenrhythmen tanzen alle als Einheit – ein symbolischer Augenblick, in dem Musik buchstäblich zur gemeinsamen Sprache wird, welche die Trennung zwischen Mensch und Technologie aufhebt. Man kann hier von einer fast rituellen Erfahrung sprechen, in der die Transformation unmittelbar erlebt wird: Musik transformiert die Menschenmenge zu einem Kollektiv, die Konzerthalle zum visionären Raum.
Am Ende des Abends schließlich wird das Motto „Es wird immer weitergehen…“ in einer letzten Geste greifbar. Nach rund zwei Stunden verabschieden sich die Musiker nämlich während noch der Sequencer pulsiert: Bei „Musique Non Stop“ verlässt einer nach dem anderen mit einer Verneigung die Bühne, doch die Musik läuft weiter. Die Maschine spielt unbeirrt alleine weiter, als hätte sie ein Eigenleben: Die Maschine spielt weiter, auch wenn der Mensch die Bühne verlässt. Dieser Schlussmoment, in dem die letzten Projektionen flimmern und Kraftwerk im Dunkel verschwinden, lässt das Publikum mit einem tiefen Eindruck zurück. Viele Zuschauer bleiben noch eine Weile stehen, benommen und erfüllt von dem Erlebten. Die Botschaft ist klar spürbar: Die Ideen, die Kraftwerk durch ihre Musik in die Welt gesetzt haben, klingen über den Auftritt der physischen Personen hinaus fort. Die Musik als Träger von Ideen setzt ihren Weg fort – zeit- und ortsunabhängig.
Visionäres Vermächtnis im Konzertformat Der Auftritt von Kraftwerk – sei es im Münchner Zenith 2025 oder an einem anderen Ort – erweist sich als weit mehr als nostalgische Konzertreise. Er gleicht eher einer kulturellen Reflexion in Echtzeit, einem Nachdenken über Technik, Kunst und Menschlichkeit, verpackt in mitreißende audiovisuelle Performance. Kraftwerk demonstrieren mit jedem Track, dass ihre Maxime „Musik als Träger von Ideen“ gelebte Realität ist: Musik kann unterhalten und zugleich tiefgründige Ideen vermitteln, sie kann Vergangenheit und Zukunft verknüpfen und Menschen jeden Hintergrunds zusammenbringen. Die philosophische Tiefe des Kraftwerk-Zitats zeigt sich nicht nur in ihren Studioalben, sondern intensiv auf der Live-Bühne – dort, wo das Publikum Teil des Gesamtkunstwerks wird und am eigenen Leib erfährt, was die Mensch-Maschine-Symbiose bedeutet.
Noch heute, nach über fünf Jahrzehnten, wirkt Kraftwerks Kunstvision frisch und zukunftsgewandt. Ihr Konzertabend in München führte das eindrücklich vor Augen: Hier stand ein Stück Musikgeschichte in Form von vier regungslosen Gestalten auf der Bühne – doch was aus den Lautsprechern und Leinwänden strömte, war lebendige Gegenwart und vorweggenommene Zukunft zugleich. Es ging immer weiter: von den experimentellen Anfängen bis in die digitale Gegenwart hat Kraftwerks Musik Ideen transportiert und Transformation bewirkt. Und es wird immer weitergehen – denn die Ideen leben in der Musik weiter, ob auf Vinyl, in digitalen Samples oder in den Köpfen und Herzen eines begeisterten Publikums. Kraftwerk haben der Welt eine Philosophie des Klangs hinterlassen, die in jedem Konzert neu aufblüht: Musik als Träger von Ideen, gestern, heute und morgen.
Es gibt diese seltenen Momente, in denen Musik nicht nur erklingt, sondern den Raum verwandelt. Am 8. Juli 2025 wurde der Stuttgarter Schlossplatz zur digitalen Kathedrale, als Kraftwerk die Bühne der Jazzopen betraten. 7.200 Menschen, ausverkauftes Haus, und doch lag eine gespannte Ruhe in der Luft, als die ersten Vocoder-Klänge den Countdown zur „Mensch-Maschine“ einleiteten.
Der Himmel über dem Schlossplatz färbt sich langsam violett. Die Jazzopen 2025 haben geladen, und mit Kraftwerk steht eine Legende der elektronischen Musik auf dem Programm. Schon Stunden vor Beginn ist die Atmosphäre elektrisiert. Menschen aller Generationen strömen herbei, viele tragen T-Shirts mit den ikonischen Kraftwerk-Grafiken, einige sogar in Anzügen und Krawatten – Hommage an die Ästhetik der Band. Ich habe nach Essen und Wien nun die wichtigste deutsche Band zum dritten Mal gesehen, jedes Mal mit einem anderen Konzept, aber immer mit der für mich wegweisenden Musik. Es wird immer weiter gehen, Musik als Träger von Ideen.
Die Bühne als Zeitmaschine Als die Lichter erlöschen, ist es, als würde eine Zeitmaschine anspringen. Vier Silhouetten erscheinen hinter ihren Pulten, umgeben von geometrischen Formen, die über die Leinwand tanzen. Die ersten Takte von „Nummern“ erklingen, und sofort ist klar: Hier wird keine Nostalgie zelebriert, sondern eine musikalische Vision, die nie an Aktualität verloren hat. Die Beats sind präzise, die Sounds glasklar – und doch schwingt eine Wärme mit, die Kraftwerk immer von ihren Nachfolgern unterschieden hat. Der Sound in Stuttgart war wirklich für mich hervorragend. Mich drückte der Sound regelrecht in den Klappstuhl.
Wackelkontakt Ich will nicht päpstlicher sein als der Papst, aber dieses Mal hatte die Band ihre Anzugtechnik nicht im Griff. Da schaffen es die Techniker eine großartige Light- und Multimedia-Show auf die Bühne zu bekommen, aber die Lampen an den Anzügen der vier Akteure flackerten. Techniker kamen während des Konzerts auf die Bühne und legten wohl eine Duracell nach. Am Ende stand Mastermind Ralf Hütter mit halberleuchteten Anzug hinter seinem Pult. Ist es wirklich so schwer, Lampen in einen Bühnenanzug zu schrauben? Es gab wohl bei fast allen im Team Schwierigkeiten.
Der Puls der Stadt Der Schlossplatz vibriert. „Computerwelt“ und „Autobahn“ – Hymnen einer digitalisierten Gesellschaft – entfalten ihre hypnotische Wirkung. Die Menge wiegt sich im Takt, von den ersten Reihen bis zu den hinteren Stehplätzen. Die Projektionen, mal minimalistisch, mal verspielt, erzählen Geschichten von Datenströmen, urbaner Mobilität und dem ewigen Traum vom Fortschritt. Es ist, als würde der Puls der Stadt mit dem der Musik verschmelzen. Erinnerungen kommen hoch, als Alexander Gerst einmal von der ISS zugeschaltet wurde. Was war das für ein geschichtsträchtiger Moment! So etwas lässt sich nicht toppen. Ausfallende Lampen am Anzug sind vielleicht ein Zeichen, dass Ralf Hütter vielleicht mal was neues auflegen sollte.
Zwischen Euphorie und Melancholie Doch Kraftwerk können auch anders. Bei „Radioaktivität“ wird die Stimmung nachdenklicher. Die Projektionen zeigen atomare Warnzeichen und Mahnungen an die Verantwortung des Menschen. Die Musik wird düsterer, fast bedrohlich. Es ist ein Moment der Reflexion, der zeigt, wie politisch und relevant Kraftwerk immer noch sind. Für mich eines der stärksten Songs der Band.
Die Roboter tanzen – und wir mit ihnen Als die Zugabe „Die Roboter“ erklingt, wird die Bühne zur futuristischen Performance. Die Musiker bewegen sich kaum, und doch ist alles Bewegung: Die Visuals, die Musik, das Publikum. Für einen Moment scheint es, als wären wir alle Teil einer großen Choreografie – Mensch und Maschine, vereint im Rhythmus. Es ist ein Gänsehautmoment, in dem die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum verschwindet.
Ein Fest für die Sinne Die Setlist ist ein Streifzug durch fünf Jahrzehnte Musikgeschichte: „Das Model“, „Spacelab“, „Tour de France“ „Trans Europa Express“ – jeder Song ein Meilenstein, jeder Beat ein Stück Zukunft. Die Visuals sind ein Fest für die Sinne: Mal leuchtende Zahlenkolonnen, mal rasende Autobahnen, dann wieder die ikonischen Roboterfiguren. Wer mittig steht, erlebt ein Gesamtkunstwerk aus Klang und Bild; an den Rändern bleibt manches Detail verborgen, doch die Energie ist überall spürbar. Die Mensch-Maschine funktioniert.
Das Publikum: Von jung bis alt, von Nerd bis Tänzer Was besonders berührt: Das Publikum ist so vielfältig wie selten bei einem Konzert. Ältere Fans, die Kraftwerk noch aus den 70ern kennen, tanzen neben jungen Menschen, die die Band erst durch Techno und Electro für sich entdeckt haben. Es ist ein generationenübergreifendes Erlebnis, das zeigt, wie zeitlos und verbindend Musik sein kann.
Finale mit Zukunftsvision Nach mehr als zwei Stunden endet das Konzert mit „Musique Non Stop“. Die Musiker verabschieden sich einzeln, jeder mit einer kleinen Verbeugung, während die Musik weiterläuft. Es ist ein symbolischer Akt: Die Maschine spielt weiter, auch wenn der Mensch die Bühne verlässt. Ein letzter Blick auf die leuchtenden Projektionen, dann verschwindet Kraftwerk im Dunkel der Nacht – und hinterlässt ein Publikum, das noch lange nach dem letzten Ton auf dem Schlossplatz verweilt. Als Zugabe gab es die Roboter. Ralf Hütter, Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Georg Bonartz machten die gewohnte Verbeugung vor der Zugabe.
Ein Abend, der bleibt Kraftwerk bei den Jazzopen 2025 war weit mehr als ein Konzert. Es war eine Reise durch Raum und Zeit, ein Fest der Sinne, ein Nachdenken über Technik, Kunst und Menschlichkeit. Es war ein Abend, der zeigte, dass Musik nicht nur unterhalten, sondern bewegen, verbinden und inspirieren kann. Wer dabei war, wird diesen Moment nicht so schnell vergessen – denn für ein paar Stunden war die Zukunft in Stuttgart zu Gast. Jetzt bin ich gespannt auf München im Winter. Dort spielen die Herrschaften in der schlechtesten Halle der Stadt. Ich hoffe, dass ausgefallene Anzugslampen das kleinste Übel sein werden.
Dreimal habe ich Neil Young live erlebt – zuletzt vor wenigen Tagen, unter freiem Himmel auf der Berliner Waldbühne. Der 80-Jährige trat auf mit Chrome Hearts, einer jungen Band, die er forderte, antrieb, mitnahm. Die Ära Crazy Horse ist vorbei – aber das Feuer brennt weiter, nun in neuen Körpern, neuen Händen, unter den alten Akkorden.
Zuvor hatte ich ihn gesehen – nicht leibhaftig, sondern durch die Linse des Netzes – beim legendären Glastonbury-Festival. Ein alter Mann mit aufrechter Haltung, ein Gitarrengurt wie eine Schärpe, ein Blick, der nicht fragt, ob er darf. Diese Energie! Also Zugticket gebucht, ab nach Berlin, mein erstes Mal auf der Waldbühne – einem Ort, der wie geschaffen scheint für Legenden.
Die Setlist war ein Geschenk an die Getreuen, an jene, die ihn seit Jahrzehnten begleiten. Es war eine Reise durch Jahrzehnte, ein Streifzug durch Höhen und Nebel. Nicht jeder Song ein Geniestreich – doch stets kraftvoll, aufrichtig, mit Haltung gespielt. Als „Hey Hey, My My“ erklang, laut und roh, stimmten 22.000 Seelen ein in die Hymne: „Rock and roll can never die.“
Ich lauschte, als die Zeilen kamen: „It’s better to burn out than to fade away. The king is gone but he’s not forgotten.“ Und ich wurde still. Da steht er, 80 Jahre alt, vor der Wand aus Lautsprechern, trotzt der Zeit – und stellt sich ihr zugleich.
Die Band spielte mit einer Freude, die mitriss. Besonders in den langen, offenen Passagen, wo Musik fließt, tastet, sich verliert und neu findet. Young selbst: ganz bei sich, ganz bei seiner Old Black – dieser schwarzen, zerschrammten Gibson Les Paul von 1953. Ein Relikt, ein Werkzeug, ein Begleiter.
Und dann die Momente, die unter die Haut gingen: „Like a Hurricane“, aufbäumend, stürmisch – „Rockin’ in the Free World“, trotzig, wütend, frei.
Am Ende reißt Neil die Saiten aus dem Holz, spielt mit der Rückkopplung, als würde er mit der Welt sprechen. Keine Pose. Kein Trick. Einfach Neil. Hier das Video
Hat er etwas Neues gesagt? Nein. Keine Revolution wie einst bei der Trans-Tour. Aber das war nicht nötig. Es war Rock’n’Roll. Echt. Ehrlich. Unverstellt. Und was will man mehr?
Es war wieder einmal soweit. Zusammen mit meiner Frau besuchte ich das Münchner Konzert von Martin Kohlstedt im Münchner Werk 7, dem ehemaligen Kartoffelkeller der Pfanniwerke. Der Künstler aus dem thüringischen Breitenworbis zählt für mich zu den herausragenden Komponisten und Pianisten der zeitgenössischen Musikszene.
Nach einem Konzert in eindrucksvollen Konzerthaus in Göggingen sollte ich ihn nun in der nüchternen Industrieatmosphäre in München sehen. Dieses Jahr treffe ich ihn noch bei den Jazz Open in Stuttgart und fiebere einer möglichen Zusammenarbeit mit Jean-MichelJarre entgegen.#Kohlstedt Werke zeichnen sich durch eine einzigartige Verbindung von klassischem Klavierspiel und elektronischen Elementen aus, wodurch er eine eigene musikalische Sprache entwickelt hat.
Kohlstedts Ansatz des “modularen Komponierens” bedeutet, dass seine Kompositionen nicht als abgeschlossene Werke betrachtet werden, sondern als flexible Module, die je nach Kontext neu kombiniert und interpretiert werden können. Diese Herangehensweise erlaubt es ihm, seine Musik in Live-Auftritten stets neu zu gestalten und auf das Publikum sowie die Atmosphäre des Raumes einzugehen. Improvisation spielt dabei eine zentrale Rolle und macht jedes Konzert zu einem einzigartigen Erlebnis. Das machen Konzerte von Martin Kohlstedt für mich zu einem besonderen Erlebnis.
Kohlstedts Live-Auftritte sind bekannt für ihre emotionale Tiefe und die direkte Interaktion mit dem Publikum, so auch in München. Seine Konzerte bieten den Zuhörern ein intensives und persönliches Musikerlebnis.
Zwischen klassischer Komposition und elektronischer Improvisation bewegt sich sein Werk – immer im Wandel, nie abgeschlossen. Doch wer ihn wirklich verstehen will, muss ihn live erleben – und dass tat ich wieder in München.
Eine Klangsprache, die sich im Raum entfaltet Was Martin Kohlstedts Musik so besonders macht, ist nicht allein ihr Klang, sondern das, was zwischen den Tönen entsteht. Sein Konzert in München war keine klassische Darbietung, bei denen ein vorgefertigtes Programm abgespult wird – sie war eine Begegnung: Mit dem Raum, dem Publikum, dem Moment. Um einen Eindruck zu bekommen, hier das letzte Stück des Münchner Konzerts.
Die Atmosphäre bei seinem Auftritt war andächtig. Es ist still – nicht aus Höflichkeit, sondern aus Spannung. Jeder Ton, jedes Echo, jede Pause bekam eine Bedeutung. Das Publikum lauschte, als würde es selbst Teil des Stücks werden. Und tatsächlich: Kohlstedt lädt das Publikum ein, mitzuschwingen, zu atmen, zu hören.
Improvisation als Haltung Seine modular aufgebauten Kompositionen gaben ihm die Freiheit, sich ganz auf den Moment einzulassen. Ein Stück, das am Vorabend ganz ruhig dahinfloss, kann an einem anderen Ort eruptiv und kantig klingen. München war sehr experimentell. Diese Unvorhersehbarkeit ist gewollt – Kohlstedt vertraut auf seine Intuition, auf die Energie des Raums und auf die Reaktion des Publikums.
Das Ergebnis: Musik, die sich lebendig anfühlt. Keine sterile Studioarbeit, sondern ein lebendiger Prozess. Besonders eindrucksvoll ist dies, wenn er während des Spiels zwischen Flügel und Synthesizer wechselte, eigene Soundschleifen kreierte und dabei doch nie die emotionale Tiefe verlor, die sein Spiel prägte.
Ein Konzert wie eine Reise – nach innen Wer ein Konzert von Martin Kohlstedt besucht, kommt selten so wieder heraus, wie er hineingegangen ist. Es ist eine Reise – keine laute, spektakuläre, sondern eine stille, eindringliche. Seine Musik schafft Räume für Gedanken, Erinnerungen, Sehnsüchte. Sie fordert nicht, sie begleitet. Und genau das macht sie so kraftvoll.Alben als musikalische Reisen Seine Diskografie umfasst mehrere Alben, die jeweils unterschiedliche Facetten seines Schaffens beleuchten. Das Debütalbum “Tag” (2012) und das Nachfolgewerk “Nacht” (2014) präsentieren seine frühen Solo-Klavierkompositionen. Mit “Strom” (2017) integrierte er erstmals elektronische Klänge in seine Musik. Das Album “Ströme” (2019), eine Zusammenarbeit mit dem GewandhausChor Leipzig, verbindet Chormusik mit seinen modularen Kompositionen. Während der Pandemie entstand “Flur” (2020), ein introspektives Solo-Klavieralbum, das in seinem Wohnzimmer in Weimar aufgenommen wurde. Sein jüngstes Werk “Feld” (2023) kombiniert elektronische Produktion mit akustischen und klassischen Elementen und reflektiert die Herausforderungen und Veränderungen der vergangenen Jahre. Ich denke, nach all den Touren wird in nächster Zeit ein Live-Album herauskommen.
Engagement für Umwelt und Gemeinschaft Neben seiner musikalischen Tätigkeit engagiert sich Kohlstedt für Umweltprojekte. Als Sohn eines Försters hat er eine enge Verbindung zur Natur und nutzt Einnahmen aus seiner Musik, um Brachflächen im Thüringer Wald aufzukaufen und aufzuforsten. Dieses Projekt unterstreicht sein Bestreben, Kunst und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verbinden.
Persönliche Bemerkung Nach dem Münchner Konzert holte ich mir ein Autogramm auf seiner Strom-Platte. Was mich erfreute, dass Martin Kohlstedt mich als Blogger noch erkannte. Ich hatte in Göggingen ein Interview mit ihm geführt. Das Interview hat heute noch Gültigkeit.