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Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann

26. Juni 2026

Sie zu lesen, bedeutet für mich seit jeher, mich ungeschützt einem emotionalen Gewitter auszuliefern – und an Ihrem 100. Geburtstag, treffen mich ihre Worte so tief und schmerzhaft klar wie nie zuvor.

Es gibt Stimmen, die für mich nie verhallen. Je älter ich werde und je lauter die Welt um mich herum aufschreit, desto dringlicher, fast schmerzhafter wird die Klarheit, mit der ihre Worte mich erreichen, Ingeborg Bachmann. Wenn ich an ihren 100. Geburtstag denke, dann feiere ich kein fernes, staubiges Denkmal der Literaturgeschichte. Ich begegne ihr – einer Frau, die das Schreiben nicht als Beruf verstand, sondern als ihre reine, nackte Existenzbedingung. Sie zu lesen bedeutet für mich bis heute, mich ungeschützt einem Strom auszuliefern, der mich gleichzeitig tröstet und verwundet. Ich habe gerade begeistert die Biografie „Zwei Menschen sind in mir“ gelesen. Klare Leseempfehlung.


Fünfzig Jahre nach dem Tod Ingeborg Bachmanns eröffnen ihre Briefe einen neuen Blick auf Leben und Werk einer Autorin, deren Bedeutung bis heute ungebrochen ist. Andrea Stolls Biografie zeichnet die vielschichtigen Widersprüche im Leben Bachmanns von ihren frühen Ursprüngen her nach und macht sichtbar, wie die ikonische Dichterin zunehmend in ein Spannungsfeld aus Selbstinszenierung und Selbstzerstörung geriet. Stoll verbindet fundierte wissenschaftliche Recherche mit Gesprächen von Zeitzeugen sowie der Auswertung jüngst veröffentlichter Briefe und Tagebucheinträge. Der erfahrenen Bachmann-Forscherin gelingt damit eine umfassende Biografie, die zentrale Rätsel dieses außergewöhnlichen Lebens von den Anfängen bis zu seinem tragischen Ende neu beleuchtet.

Ihre Kindheit in Kärnten, überschattet von den moralischen und physischen Trümmern des Krieges, hat sie zur Chronistin einer beschädigten Welt gemacht. Ein Satz von ihr hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt: „Der Krieg ist nicht zu Ende, er ist nur an eine andere Front verlegt.“ Wie recht sie hatte. Sie hat die unsichtbare Gewalt gespürt, die sich in unseren vermeintlich friedlichen Alltag schleicht, die Grausamkeit in den Beziehungen, das Ersticken der Wahrheit im höflichen Schweigen. Mit einer fast hellseherischen Sensibilität hat sie die Bruchkanten der menschlichen Seele freigelegt. Wenn ich ihre Prosa lese, allen voran Malina, dann sehe ich kein bloßes Erzählen – ich erlebe das Protokoll ihres inneren Verbrennens, einen leidenschaftlichen Schrei nach einer absoluten Freiheit, die diese Welt ihr einfach nicht gewähren wollte.

Doch ich weigere mich, sie nur auf das Tragische, auf ihr frühes, qualvolles Ende in Rom zu reduzieren. Ich sehe auch die leuchtende Kraft ihrer Anfänge vor mir. Ich stelle mir die junge, faszinierende Frau vor, die in den 1950er Jahren die Männerwelt der Gruppe 47 im Sturm eroberte. Ihre Lyrik besaß eine magische, dichte Musikalität. Wenn ich An die Sonne oder Die gestundete Zeit rezitiere, spüre ich diese in Stein gemeißelte Verzweiflung und die gleichzeitige, wilde Liebeserklärung an das Dasein. Sie hat mir Zeilen von unvergänglicher Schönheit geschenkt, Worte, die ich wie ein Amulett gegen die Kälte dieser Tage im Herzen trage. Und sie hat mir den Glauben an das Utopische hinterlassen: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Dieser Satz ist mein Kompass geworden.

Was bleibt mir also heute, ein Jahrhundert nach ihr Geburt? Es bleibt das Vermächtnis einer Unbeugsamen, die mich lehrt, mich nie mit den einfachen Antworten zufriedenzugeben. Sie hat geliebt, gelitten, gezweifelt und geschrieben, bis die Grenze zwischen Kunst und Leben vollends verschwand. Ihr Werk ist für mich ein brennendes Plädoyer für das genaue Hinsehen, für das Mitgefühl und für den Mut, die eigene Verletzlichkeit nicht zu verstecken, sondern sie als Waffe gegen die Gleichgültigkeit zu nutzen.

Ich verneige mich heute vor ihr. Die Suchende, deren Worte mir noch immer den Atem rauben. Sie lebt für mich weiter – in jeder Zeile, die ich aufschlage, und in jedem Gedanken an eine gerechtere, fühlendere Welt. Ihr Werk bleibt mein ewiger, wachhaltender Schmerz. Und mein unendlicher Trost.

Auch die Verfilmung Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste von Margarethe von Trotta hat mich berührt. Margarethe von Trottas „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ ist weniger klassische Dichterinnen-Biografie als ein sensibles Porträt einer Frau im Spannungsfeld von Liebe, Kunst und Selbstbehauptung. Im Zentrum steht die zerstörerische Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, aber der Film von 2023 interessiert sich vor allem für Bachmanns Ringen um innere Freiheit. Vicky Krieps spielt die Schriftstellerin eindrucksvoll: verletzlich, klug, stolz und zugleich von tiefen Erschütterungen gezeichnet. Ronald Zehrfeld gibt Max Frisch als charismatische, aber zunehmend einengende Gegenfigur.
Von Trotta erzählt ruhig, elegant und manchmal etwas konventionell. Nicht jede Szene erreicht die emotionale Wucht, die Bachmanns Leben und Werk nahelegen würden. Doch die starken Bilder, die sorgfältige Ausstattung und Krieps’ intensive Darstellung machen den Film sehenswert. Besonders überzeugend ist, wie die Wüste zum Sinnbild für Befreiung, Erinnerung und Selbstfindung wird.
Ein zurückhaltendes, würdiges und visuell schönes Porträt, das Ingeborg Bachmann nicht vollständig erklärt, ihr aber mit Respekt und Empathie begegnet.

Privatkonzert: Bob Sumner und Etienne Tremblay: Wenn leise Songs ganz tief berühren

26. Mai 2026

Ich war neugierig auf Bob Sumners als ich die Einladung zu einem Privatkonzert nach München bekam. Bob Sumner ist ein kanadischer Sänger, Gitarrist und Songschreiber aus dem Umfeld von Americana, Folk, Country und Alt-Country. Er stammt aus dem Raum Vancouver und war lange gemeinsam mit seinem Bruder Brian als Teil der Sumner Brothers unterwegs, ehe er sich als Solokünstler ein eigenes Profil erarbeitete. Diese Herkunft hört man seiner Musik an: Sie ist verwurzelt in der Tradition nordamerikanischer Erzähllieder, aber sie klingt nicht museal oder nostalgisch. In München spielte er zusammen mit seinem Kumpel Etienne Tremblay, der ein exzellenter Gitarrist ist.

Sumner schreibt Songs, die von Beziehungen, Einsamkeit, Alkohol, Freundschaft, Sehnsucht, Verlust und der Suche nach einem Ort handeln, an dem man für einen Moment zur Ruhe kommen kann. Es ist Musik für kleine Bühnen, für aufmerksame Zuhörer und für Menschen, die in einem Lied mehr suchen als nur eine eingängige Melodie.

Sein aktuelles Album „Some Place to Rest Easy“, erschienen im September 2024, zeigt besonders deutlich, wohin Sumners musikalische Reise geht. Die Platte bewegt sich zwischen klassischem Country, Folkballade, Americana und moderner, atmosphärischer Produktion. Auf der Bandcamp-Seite zum Album wird beschrieben, dass Sumner traditionelle Elemente wie Steel Guitar, Dobro und Countrypolitan-Streicher mit ambienten Klangflächen und sogar dezenten Synthesizer-Spuren verbindet. Das ist ein wichtiger Punkt, denn Sumner klingt zwar nach einem Künstler, der George Jones, Willie Nelson oder Waylon Jennings kennt, aber er bleibt nicht einfach bei der Vergangenheit stehen. Seine Songs sind warm, erdig und oft melancholisch, aber sie besitzen zugleich eine klangliche Offenheit, die sie zeitgemäß macht.

Musikalisch lebt Sumners Werk stark von seiner Stimme. Sie ist nicht glatt, sondern trägt eine gewisse Rauheit und Lebenserfahrung in sich. Er singt mit einer Mischung aus Zärtlichkeit, Zurückhaltung und innerer Dringlichkeit. Gerade darin liegt seine Stärke: Er muss nichts übertreiben, um glaubwürdig zu sein. In Songs wie „Bridges“, „Motel Room“, „Don’t We Though“ oder „Forty Years On The Floor“ entwickelt er kleine Geschichten, die wie Momentaufnahmen aus einem Leben wirken. Da geht es um verbrannte Brücken, Nächte in Motelzimmern, brüchige Liebe, Alkohol, Reue und Erinnerungen. Americana Highways beschreibt „Bridges“ als atmosphärische Ballade mit erzählerischem Charakter und hebt Sumners Fähigkeit hervor, Geschichten nicht nur mit Texten, sondern auch mit Stimme, Gitarre und Komposition zu erzählen. 

Bemerkenswert ist, dass Sumner seine Musik nicht auf bloße Traurigkeit reduziert. Viele seiner Lieder kreisen zwar um gebrochene Herzen und schwierige Lebensphasen, doch sie haben auch Trost, Wärme und manchmal einen fast kameradschaftlichen Ton. Der Hörer sitzt nicht vor einem Künstler, der sich selbst ausstellt, sondern vor einem Erzähler, der das Scheitern kennt und trotzdem weiter singt. Genau daraus entsteht die emotionale Kraft seiner Musik. Sie erinnert an klassische Country-Songwriter, an Folk-Erzähler und an jene Americana-Künstler, die nicht auf große Gesten setzen, sondern auf Genauigkeit, Atmosphäre und Wahrhaftigkeit. Lonesome Highway ordnet seine Themen entsprechend als verletzlich und oft dunkel ein, betont aber, dass Sumner diese Stoffe feinfühlig behandelt.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Etienne Tremblay, mit dem Sumner derzeit unterwegs ist. Tremblay ist nicht nur Begleitmusiker, sondern ein enger musikalischer Partner. Auf „Some Place to Rest Easy“ ist er unter anderem an der Leadgitarre zu hören; zudem war er an mehreren Songs beteiligt, darunter „Bridges“, „Forty Years“, „Baby I Know“ und „Familiar Feeling“. Das Zusammenspiel der beiden macht auch live den besonderen Reiz aus: Sumner bringt die Songs, die Stimme und die erzählerische Mitte mit, Tremblay öffnet den Raum mit Gitarrenlinien, die mal sparsam, mal melodisch, mal fast schwebend wirken.

Gerade in der Duo-Besetzung entfaltet diese Musik ihre Stärke. Ohne großes Bühnengetöse rücken Stimme, Text und Gitarre in den Vordergrund. Sumners Lieder brauchen keine überladene Produktion, um zu wirken; sie leben von Nuancen, vom Klang einer angeschlagenen Saite, vom Nachhall einer Zeile, vom Atem zwischen zwei Versen. Tremblays Gitarrenspiel ergänzt diese Zurückhaltung, weil es die Songs nicht überdeckt, sondern ihnen zusätzliche Farbe gibt. In dieser Form entsteht eine intime Konzertatmosphäre, die gut zu Sumners Musik passt: Man hört keine Show im üblichen Sinn, sondern Geschichten, die langsam ihre Wirkung entfalten.

Bob Sumner ist damit ein Künstler, der die Tradition des Country und Folk ernst nimmt, ohne sich von ihr einsperren zu lassen. Seine Musik hat den Staub der Straße, den Geruch von Bars und Motelzimmern, aber auch die Weite moderner Americana-Produktionen. Sie erzählt von Menschen, die etwas verloren haben, die weiterziehen müssen oder bleiben wollen, obwohl sie nicht genau wissen, wo sie hingehören. Das macht seine Songs so zugänglich und zugleich so eigenständig. Wer Bob Sumner und Etienne Tremblay live erlebt, begegnet keiner lauten Pose, sondern einem konzentrierten, fein gearbeiteten Zusammenspiel zweier Musiker, die wissen, dass ein guter Song oft mehr sagt, wenn man ihm Raum lässt. Ich war von dem Privatkonzert begeistert und kann auch das Album absolut empfehlen.

Buchtipp: Oscar von Dr. David Dosa

27. März 2025

Ja ich bin mittlerweile ein Katzenfan. Zeit meines Lebens hatte ich Wellensittiche, aber seit Corona sind zwei Kater auf Wunsch der Familie bei uns eingezogen. Und als Selbstständiger, der zu Hause arbeitet, hängen nun Parsifal und Atari bei mir rum – und ich liebe die Herrschaften.

Und so lese ich auch immer wieder Bücher rund um die Katzen. Ein Buch, was ich verschlungen habe, war Oscar
Das Buch Oscar von Dr. David Dosa erzählt die berührende Geschichte einer außergewöhnlichen Therapiekatze namens Oscar, die im Steere House Pflege- und Rehabilitationszentrum in Rhode Island lebt. Oscar besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, zu erkennen, wann Patienten kurz vor ihrem Tod stehen. In diesen Momenten bleibt er an ihrer Seite, spendet Trost und bietet sowohl den Sterbenden als auch ihren Angehörigen emotionale Unterstützung. Das hat mich bewegt, denn auch meine beiden Katzen haben ein Gespür, wenn sie mich aufheitern müssen. Sie kommen und kuscheln.

Die Erzählung verbindet die Geschichten der Patienten, die Oscar begleitet, mit den Erfahrungen der Pflegekräfte und Angehörigen. Dabei beleuchtet Dosa Themen wie Mitgefühl, die Bedeutung von zwischenmenschlichen Verbindungen und die Herausforderungen des Lebensendes. Oscars Verhalten regt den Autor dazu an, über die Rolle von Tieren in der Altenpflege und die emotionalen Aspekte des Sterbens nachzudenken.

Das Buch ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Reflexion und persönlichen Geschichten, die zeigen, wie Oscar durch seine intuitive Präsenz eine Quelle des Trostes und der Hoffnung in schwierigen Zeiten wird. „Wenn wir sterben, zählt allein die Wärme, die uns begleitet“, dieser Satz hat mich tief getroffen. Klare Buchempfehlung.