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Buchtipp: Hermann Hesse neu entdecken – Hilmar Klutes leidenschaftlicher „Aufbruch ins Leben“

16. Oktober 2026

Hermann Hesse gehört zu jenen Schriftstellern, die viele Leser bereits in jungen Jahren entdecken und die sie anschließend ein Leben lang begleiten können. Dazu gehöre auch ich. Ich habe meinen Hesse geliebt. Und genau von einer solchen Beziehung handelt Hilmar Klutes Buch Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben aus dem C.H. Beck-Verlag. Es ist weder eine klassische Biografie noch eine streng literaturwissenschaftliche Untersuchung. Klute nähert sich Hesse vielmehr als Leser, Schriftsteller und Literaturkritiker. Er verbindet Hesses Lebensgeschichte mit dessen Werk und zugleich mit der eigenen Leseerfahrung. Daraus entstand ein sehr persönliches, aber keineswegs unkritisches Porträt eines Autors, dessen Gedanken Klute erstaunlich häufig auf die Gegenwart bezieht.

Die Struktur des Buches verrät bereits, worum es Klute geht. Seine Kapitel tragen Überschriften wie „Lesen und Schreiben“, „Gehen und Bleiben“, „Kinder und Eltern“, „Innen und Außen“, „Ich und die Anderen“, „Körper und Seele“, „Arbeit und Müßiggang“, „Dank und Gruß“, „Krieg und Frieden“ sowie „Ernst und Spaß“. Das sind bewusst Gegensatzpaare. Hesse erscheint dadurch nicht als Persönlichkeit, die sich auf eine einfache Formel reduzieren ließe, sondern als Mensch voller Spannungen und Widersprüche.

Ausgangspunkt ist Klutes eigene Begegnung mit Hesse. Als Jugendlicher aus einem nach eigener Beschreibung bildungsfernen Elternhaus entdeckt er Hesses Essay Eine Bibliothek der Weltliteratur. Diese Lektüre wird für ihn zu einer Art Initialzündung. Bildung erscheint plötzlich nicht mehr als schulische Pflicht oder gesellschaftliches Statussymbol, sondern als etwas, das seinen Wert in sich selbst trägt. Hesse wird zum Wegweiser in die Literatur. Entsprechend versteht Klute ihn nicht als autoritären Bildungsbürger, der einen Kanon vorschreibt, sondern als Begleiter, der zum selbstständigen Lesen ermutigt.

Hier liegt eine zentrale These des Buches: Hesses Literatur handelt vom Aufbruch. Der Mensch soll sich entwickeln, Gewissheiten überprüfen, Räume verlassen und seinen eigenen Weg suchen. Klute findet dieses Prinzip in Romanen wie Peter Camenzind, Demian, Siddhartha, Der Steppenwolf und Das Glasperlenspiel, aber ebenso in Essays, Gedichten und Briefen. Schon Peter Camenzind enthält für ihn wesentliche Lebensthemen Hesses: die Suche nach Wahrheit in unterschiedlichen Kulturen, die Selbstfindung durch Schreiben und die Vorstellung, dass Kindheit und Jugend entscheidende Voraussetzungen des späteren Lebens bilden.

Besondere Bedeutung erhält dabei das berühmte Gedicht „Stufen“. Klute löst es aus der etwas abgegriffenen Verwendung seiner bekanntesten Zeile vom „Zauber“ des Anfangs und liest es als ernsthafte Aufforderung zur Veränderung. Aufbruch bedeutet bei Hesse nicht zwangsläufig Fortschrittsoptimismus. Er kann schmerzhaft sein, mit Verlust verbunden und sogar scheitern. Entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, sich nicht im Erreichten einzurichten. Diese Haltung verbindet Klute auch mit Josef Knecht im Glasperlenspiel: Wissen und Bildung dürfen nicht zum abgeschlossenen Selbstzweck einer Elite werden, sondern müssen wieder in die Welt und zu den Menschen zurückkehren.

Klute zeichnet Hesse dabei keineswegs als makelloses Vorbild. Besonders deutlich wird das beim Thema Familie. Der Schriftsteller, der die Empfindungen und Verletzungen von Kindern außergewöhnlich sensibel darstellen konnte, erwies sich im eigenen Familienleben als schwieriger Vater. Nach der Trennung von seiner Frau Maria wurden die drei Söhne Bruno, Heiner und Martin anderen Menschen anvertraut. Klute betrachtet Hesses Selbstdeutung dieser Jahre mit deutlicher Distanz. Er erkennt einen Künstler, der sein eigenes Leiden sehr genau wahrnimmt, die Belastungen seiner Umgebung aber gelegentlich vor allem als zusätzliche Belastung für sich selbst versteht.

Hesse erscheint hier als „Beziehungsflüchtling“, der im Konfliktfall zum Rückzug neigte und sein Werk im Zweifel über familiäre Verpflichtungen stellte. Gerade diese Widersprüche machen Klutes Hesse-Porträt interessant. Der gefeierte Individualist brauchte andere Menschen. Der Einsiedler schrieb unzählige Briefe. Der Kritiker moderner Medien arbeitete selbst höchst produktiv journalistisch. Der Kulturpessimist war zugleich ein leidenschaftlicher Kulturenthusiast. Und der angeblich weltabgewandte Dichter war politischer, als sein verbreitetes Image vermuten lässt.

Dieser politische Hesse gehört für mich zu den stärksten Aspekten des Buches. Klute arbeitet insbesondere dessen Pazifismus heraus. Der Erste Weltkrieg erschütterte Hesses Vertrauen in Deutschland und dessen Kultur tief. Seine Ablehnung des Krieges brachte ihm massive Anfeindungen ein. Später erkannte er früh die Gefahren des Nationalismus und des Nationalsozialismus. Während der NS-Zeit unterstützten Hermann und Ninon Hesse Verfolgte und Emigranten; ihr Haus in Montagnola wurde zeitweise zum Zufluchtsort. Hesse versuchte außerdem, Visa und Papiere für Menschen auf der Flucht zu beschaffen.

Klute interpretiert das Glasperlenspiel vor diesem Hintergrund auch als geistige Gegenwelt zum Nationalsozialismus. Hesses Widerstand bestand demnach auf zwei Ebenen: in konkreter Unterstützung und publizistischer Opposition einerseits sowie in der literarischen Konstruktion einer Welt des Geistes andererseits.
Hesses Individualismus bedeutet dabei gerade nicht Gleichgültigkeit gegenüber der Gesellschaft. Sein „Eigensinn“ soll den Einzelnen vielmehr widerstandsfähig gegen Ideologien, Massenbewegungen und vorgefertigte Wahrheiten machen.

Darin entdeckt Klute eine auffällige Aktualität. Hesses Skepsis gegenüber der Beschleunigung des Lebens, der Vermarktung von Kultur und der Übermacht von Medien verbindet er mit heutigen Erfahrungen von sozialen Netzwerken, Informationsüberflutung und künstlicher Intelligenz. Solche Gegenwartsbezüge sind bewusst zugespitzt. Klute behauptet nicht, Hesse habe unsere digitale Welt vorhergesagt. Er zeigt vielmehr, dass dessen Frage nach der Selbstständigkeit des Individuums unter dem Druck äußerer Einflüsse heute erneut gestellt werden kann.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Hesses Verhältnis zu Krankheit, psychischen Krisen und dem Tod. Klute romantisiert diese dunklen Seiten nicht. Hesse erscheint als zeitweise schwer verzweifelter Mensch, der sich mit Gedanken an Selbsttötung beschäftigte. Gleichzeitig entdeckt Klute bei ihm eine überraschende Fähigkeit zur Selbstironie und zur Rückkehr ins Leben. Gerade in scheinbar kleinen Augenblicken kann die Todessehnsucht wieder in Lebensbejahung umschlagen.
Der „Aufbruch ins Leben“ des Buchtitels bekommt dadurch eine tiefere Bedeutung: Aufbruch ist bei Hesse kein einmaliges biografisches Ereignis, sondern eine immer wieder notwendige Bewegung aus Erstarrung, Verzweiflung und Selbstverlust heraus.

Besonders sympathisch ist Klutes Versuch, mit einem weiteren Hesse-Klischee aufzuräumen: dem angeblich völlig humorlosen Dichter des deutschen Seelenschmerzes. Das letzte Kapitel „Ernst und Spaß“ zeigt einen Hesse, der parodieren, spotten und vor allem über sich selbst lachen konnte. Klute widerspricht ausdrücklich Kurt Tucholskys Urteil, Hesse fehle es an Humor und Selbstironie. Nicht alle humoristischen Texte Hesses seien gelungen, einige seien in ihrer Zivilisationskritik schlecht gealtert. Andere aber zeigten beträchtliches komisches Talent. Klute verweist zudem auf Hesses Bewunderung für Joachim Ringelnatz und Karl Valentin und sieht gerade in der Selbstironie einen wichtigen Bestandteil seines Wesens.

Auch Hesses umfangreiche Korrespondenz spielt eine wichtige Rolle. Sie korrigiert das Bild vom weltabgewandten Einsiedler. Hesse suchte das Gespräch und benötigte geistige Verbündete. Besonders die Verbindung mit Stefan Zweig und Romain Rolland interpretiert Klute als eine Art europäische Friedenskultur. Die Briefe sind für ihn deshalb nicht bloß biografisches Begleitmaterial, sondern Bestandteil von Hesses Werk.

Das Besondere an Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben besteht letztlich darin, dass Klute keinen Anspruch auf endgültige Deutung erhebt. Sein Buch ist eine Einladung zum Wiederlesen. Dabei verschweigt er seine Verehrung nicht. Hesse war für ihn eine prägende literarische Erfahrung, und diese persönliche Bindung bestimmt den Ton des gesamten Buches. Gerade deshalb ist Klutes Darstellung keine distanzierte Biografie. Sie ist vielmehr ein literarischer Essay über einen Schriftsteller und darüber, was Literatur im Leben eines Menschen bewirken kann.

Diese Nähe ist zugleich Stärke und mögliche Schwäche des Buches. Wer eine systematische Hesse-Biografie oder eine nüchterne literaturhistorische Neubewertung erwartet, wird hier nicht vollständig bedient. Klute verteidigt Hesse deutlich gegen manche seiner Kritiker und betrachtet ihn mit großer Sympathie. Gelegentlich geraten die Aktualisierungen – etwa bei sozialen Medien, Technik oder künstlicher Intelligenz – sehr nahe an unsere Gegenwart und entfernen sich damit vom historischen Hesse. Doch Klute macht aus dieser Subjektivität kein Geheimnis. Sein Verfahren besteht gerade darin, Hesse aus der musealen Distanz herauszuholen.

Daraus entsteht ein ausgesprochen zugängliches und lebendiges Buch. Klute zeigt Hesse nicht als bronzenen Nobelpreisträger, sondern als widersprüchlichen Menschen: verletzlich und selbstbezogen, großzügig und schwierig, weltabgewandt und politisch hellwach, depressiv und humorvoll, kulturkritisch und zugleich von Literatur und Kunst begeistert. Vor allem aber erscheint Hesse als Schriftsteller des Individuums. Seine zentrale Frage lautet in Klutes Lesart immer wieder: Wie kann ein Mensch unter dem Druck von Familie, Schule, Gesellschaft, Politik, Ideologien und eigenen Ängsten zu sich selbst finden, ohne sich von der Welt abzuwenden?

Gerade darin liegt die bleibende Aktualität, die Klute seinem Autor zuschreibt. Hesse liefert keine fertige Weltanschauung. Im Gegenteil: Er misstraut denjenigen, die solche Gewissheiten anbieten. Seine Literatur fordert dazu auf, selbst zu lesen, selbst zu denken, Zweifel auszuhalten und immer wieder neu anzufangen. Hilmar Klutes Buch macht überzeugend deutlich, weshalb diese Haltung Hermann Hesse weit über die Rolle eines einstigen Kultautors jugendlicher Sinnsucher hinaushebt. Es ist eine kenntnisreiche und bewusst persönliche Wiederentdeckung eines Schriftstellers, dessen Werk weniger Antworten bereithält als die Aufforderung, den eigenen Weg überhaupt erst zu suchen.

Jenseits des Hollywood-Mythos – „Marilyn 100“ auf Kloster Banz zeigt die Frau hinter der Ikone

2. August 2026

Marilyn Monroe gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Filmgeschichte. Kaum eine andere Schauspielerin wurde so oft fotografiert, porträtiert und interpretiert wie sie. Doch nur wenige Aufnahmen vermitteln einen so unmittelbaren und persönlichen Eindruck von Norma Jeane Baker, der Frau hinter dem Weltstar, wie jene Fotografien, die derzeit in der Kunsthalle Kloster Banz in Bad Staffelstein zu sehen sind. Kloster Banz wird von der Hanns-Seidel-Stiftung betrieben. Die Sonderausstellung „Marilyn 100“, die anlässlich ihres 100. Geburtstags entstanden ist, verzichtet bewusst auf den bekannten Glamour der Filmstudios und eröffnet stattdessen einen außergewöhnlich intimen Blick auf eine Frau, deren Leben bis heute von Mythen umgeben ist.

Bereits der Ausstellungsort verleiht der Präsentation eine besondere Atmosphäre. Die historischen Mauern des ehemaligen Benediktinerklosters Banz bilden einen spannenden Kontrast zur schillernden Popkultur Hollywoods. Zwischen barocker Architektur und moderner Ausstellungsgestaltung entsteht ein Raum der Ruhe, der den Besucher dazu einlädt, Marilyn Monroe nicht als unerreichbare Leinwandgöttin, sondern als Menschen kennenzulernen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen 432 bislang unveröffentlichte Fotografien des renommierten LIFE-Magazin-Fotografen Allan Grant. Sie entstanden im Juli 1962 während des letzten großen Interviews mit Marilyn Monroe in ihrem Privathaus in Los Angeles – nur wenige Wochen vor ihrem frühen Tod. Jahrzehntelang blieben diese Aufnahmen im Familienarchiv Grants verborgen. Erst 2025 wurden sie gemeinsam mit rund vier Stunden Original-Tonmaterial wiederentdeckt und wissenschaftlich aufgearbeitet. Nun werden sie erstmals in diesem Umfang der Öffentlichkeit präsentiert.

Gerade diese Fotografien machen den außergewöhnlichen Wert der Ausstellung aus. Grant zeigt Marilyn nicht im Rampenlicht eines Filmsets oder auf einem roten Teppich. Seine Kamera begleitet sie in ihrer vertrauten Umgebung. Sie sitzt entspannt auf einem Sofa, blickt nachdenklich aus dem Fenster, lacht ungezwungen oder wirkt für einen Moment völlig in Gedanken versunken. Es sind Bilder ohne große Inszenierung, geprägt von natürlichem Licht und einer bemerkenswerten Nähe zwischen Fotograf und Porträtierter.

Viele Fotografien wirken fast dokumentarisch. Sie zeigen eine Frau, die sich ihrer Berühmtheit bewusst ist, gleichzeitig aber den Wunsch nach einem normalen Leben erkennen lässt. Der Blick der Kamera ist respektvoll und zurückhaltend. Gerade dadurch entstehen Momente großer Authentizität. Die berühmte Marilyn Monroe erscheint hier nicht als perfektes Hollywood-Produkt, sondern als verletzlicher Mensch mit Hoffnungen, Zweifeln und einer bemerkenswerten Intelligenz.

Besonders eindrucksvoll ist die Kombination aus den Fotografien und den erstmals öffentlich zugänglichen Tonaufnahmen des Interviews. Während die Besucher die Bilder betrachten, entsteht durch Marilyns eigene Stimme eine zusätzliche emotionale Ebene. Man hört ihre Gedanken, ihre Unsicherheiten, aber auch ihren Humor und ihre Selbstreflexion. Dadurch gewinnt jede Fotografie eine neue Tiefe. Die Ausstellung zeigt nicht nur ihr Gesicht, sondern vermittelt auch ihre Persönlichkeit. Genau diese Verbindung von Bild und Ton macht „Marilyn 100“ zu weit mehr als einer klassischen Fotoausstellung.

Kurator Stephan Zipfel beschreibt die Ausstellung als einen Blick auf Marilyn Monroe „frei vom Filter Hollywoods“. Tatsächlich gelingt genau das. Die Fotografien verzichten auf jede Überhöhung. Statt der ewigen Sexikone begegnet den Besuchern eine Frau, die in ihrem eigenen Zuhause für wenige Stunden einfach sie selbst sein durfte. Diese Authentizität verleiht den Bildern ihre außergewöhnliche Kraft.

Ergänzt werden die historischen Fotografien durch Werke des amerikanischen Pop-Art-Künstlers James Francis Gill, der bereits Anfang der 1960er-Jahre Marilyn Monroe zu einem zentralen Motiv seiner Kunst machte. Gemeinsam mit Andy Warhol trug Gill entscheidend dazu bei, Marilyn nach ihrem Tod zur Ikone der Pop-Art werden zu lassen. Für die Ausstellung schuf der heute über 90-jährige Künstler eigens ein neues „Marilyn Triptych“, das unmittelbar von Allan Grants Fotografien inspiriert wurde. Seine Werke schlagen eine faszinierende Brücke zwischen dokumentarischer Realität und künstlerischer Interpretation. Während Grants Kamera den Menschen zeigt, verwandelt Gill dieselbe Persönlichkeit in ein zeitloses Symbol der Popkultur.

Gerade dieser Dialog zwischen Fotografie und Kunst macht den besonderen Reiz der Ausstellung aus. Die Besucher erleben zunächst den echten Menschen und anschließend die mediale Ikone, zu der Marilyn Monroe nach ihrem Tod wurde. So wird eindrucksvoll sichtbar, wie sich Erinnerung, Kunst und öffentliche Wahrnehmung gegenseitig beeinflussen.

Dabei verzichtet „Marilyn 100“ weitgehend auf spektakuläre Effekte. Die Fotografien sprechen für sich selbst. Viele Besucher dürften überrascht sein, wie still und nachdenklich zahlreiche Motive wirken. Statt Glamour dominieren leise Gesten, feine Gesichtsausdrücke und kleine Alltagsszenen. Gerade diese Zurückhaltung macht die emotionale Wirkung der Ausstellung aus.

„Marilyn 100“ ist deshalb weit mehr als eine Hommage an einen Filmstar. Die Ausstellung erzählt von Ruhm und Einsamkeit, von öffentlicher Verehrung und privater Verletzlichkeit. Sie erinnert daran, dass hinter jedem Mythos ein Mensch steht – mit Stärken, Schwächen und Sehnsüchten.

Die Kunsthalle Kloster Banz ist mit dieser außergewöhnlichen Präsentation Teil eines internationalen Ausstellungsprogramms, das Stationen in Europa und Nordamerika umfasst. Dennoch besitzt die Schau in Oberfranken ihren ganz eigenen Charakter. Die Verbindung aus den historischen Fotografien Allan Grants, den eindrucksvollen Original-Tonaufnahmen und den Pop-Art-Werken James Francis Gills macht „Marilyn 100“ zu einer der persönlichsten und berührendsten Ausstellungen über Marilyn Monroe, die bislang in Deutschland zu sehen waren. Sie lädt dazu ein, den Blick von der Legende zu lösen – und einer Frau zu begegnen, deren Ausstrahlung auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod nichts von ihrer Faszination verloren hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 9. August 2026 in der Kunsthalle Kloster Banz zu sehen.

Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann

26. Juni 2026

Sie zu lesen, bedeutet für mich seit jeher, mich ungeschützt einem emotionalen Gewitter auszuliefern – und an Ihrem 100. Geburtstag, treffen mich ihre Worte so tief und schmerzhaft klar wie nie zuvor.

Es gibt Stimmen, die für mich nie verhallen. Je älter ich werde und je lauter die Welt um mich herum aufschreit, desto dringlicher, fast schmerzhafter wird die Klarheit, mit der ihre Worte mich erreichen, Ingeborg Bachmann. Wenn ich an ihren 100. Geburtstag denke, dann feiere ich kein fernes, staubiges Denkmal der Literaturgeschichte. Ich begegne ihr – einer Frau, die das Schreiben nicht als Beruf verstand, sondern als ihre reine, nackte Existenzbedingung. Sie zu lesen bedeutet für mich bis heute, mich ungeschützt einem Strom auszuliefern, der mich gleichzeitig tröstet und verwundet. Ich habe gerade begeistert die Biografie „Zwei Menschen sind in mir“ gelesen. Klare Leseempfehlung.


Fünfzig Jahre nach dem Tod Ingeborg Bachmanns eröffnen ihre Briefe einen neuen Blick auf Leben und Werk einer Autorin, deren Bedeutung bis heute ungebrochen ist. Andrea Stolls Biografie zeichnet die vielschichtigen Widersprüche im Leben Bachmanns von ihren frühen Ursprüngen her nach und macht sichtbar, wie die ikonische Dichterin zunehmend in ein Spannungsfeld aus Selbstinszenierung und Selbstzerstörung geriet. Stoll verbindet fundierte wissenschaftliche Recherche mit Gesprächen von Zeitzeugen sowie der Auswertung jüngst veröffentlichter Briefe und Tagebucheinträge. Der erfahrenen Bachmann-Forscherin gelingt damit eine umfassende Biografie, die zentrale Rätsel dieses außergewöhnlichen Lebens von den Anfängen bis zu seinem tragischen Ende neu beleuchtet.

Ihre Kindheit in Kärnten, überschattet von den moralischen und physischen Trümmern des Krieges, hat sie zur Chronistin einer beschädigten Welt gemacht. Ein Satz von ihr hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt: „Der Krieg ist nicht zu Ende, er ist nur an eine andere Front verlegt.“ Wie recht sie hatte. Sie hat die unsichtbare Gewalt gespürt, die sich in unseren vermeintlich friedlichen Alltag schleicht, die Grausamkeit in den Beziehungen, das Ersticken der Wahrheit im höflichen Schweigen. Mit einer fast hellseherischen Sensibilität hat sie die Bruchkanten der menschlichen Seele freigelegt. Wenn ich ihre Prosa lese, allen voran Malina, dann sehe ich kein bloßes Erzählen – ich erlebe das Protokoll ihres inneren Verbrennens, einen leidenschaftlichen Schrei nach einer absoluten Freiheit, die diese Welt ihr einfach nicht gewähren wollte.

Doch ich weigere mich, sie nur auf das Tragische, auf ihr frühes, qualvolles Ende in Rom zu reduzieren. Ich sehe auch die leuchtende Kraft ihrer Anfänge vor mir. Ich stelle mir die junge, faszinierende Frau vor, die in den 1950er Jahren die Männerwelt der Gruppe 47 im Sturm eroberte. Ihre Lyrik besaß eine magische, dichte Musikalität. Wenn ich An die Sonne oder Die gestundete Zeit rezitiere, spüre ich diese in Stein gemeißelte Verzweiflung und die gleichzeitige, wilde Liebeserklärung an das Dasein. Sie hat mir Zeilen von unvergänglicher Schönheit geschenkt, Worte, die ich wie ein Amulett gegen die Kälte dieser Tage im Herzen trage. Und sie hat mir den Glauben an das Utopische hinterlassen: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Dieser Satz ist mein Kompass geworden.

Was bleibt mir also heute, ein Jahrhundert nach ihr Geburt? Es bleibt das Vermächtnis einer Unbeugsamen, die mich lehrt, mich nie mit den einfachen Antworten zufriedenzugeben. Sie hat geliebt, gelitten, gezweifelt und geschrieben, bis die Grenze zwischen Kunst und Leben vollends verschwand. Ihr Werk ist für mich ein brennendes Plädoyer für das genaue Hinsehen, für das Mitgefühl und für den Mut, die eigene Verletzlichkeit nicht zu verstecken, sondern sie als Waffe gegen die Gleichgültigkeit zu nutzen.

Ich verneige mich heute vor ihr. Die Suchende, deren Worte mir noch immer den Atem rauben. Sie lebt für mich weiter – in jeder Zeile, die ich aufschlage, und in jedem Gedanken an eine gerechtere, fühlendere Welt. Ihr Werk bleibt mein ewiger, wachhaltender Schmerz. Und mein unendlicher Trost.

Auch die Verfilmung Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste von Margarethe von Trotta hat mich berührt. Margarethe von Trottas „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ ist weniger klassische Dichterinnen-Biografie als ein sensibles Porträt einer Frau im Spannungsfeld von Liebe, Kunst und Selbstbehauptung. Im Zentrum steht die zerstörerische Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, aber der Film von 2023 interessiert sich vor allem für Bachmanns Ringen um innere Freiheit. Vicky Krieps spielt die Schriftstellerin eindrucksvoll: verletzlich, klug, stolz und zugleich von tiefen Erschütterungen gezeichnet. Ronald Zehrfeld gibt Max Frisch als charismatische, aber zunehmend einengende Gegenfigur.
Von Trotta erzählt ruhig, elegant und manchmal etwas konventionell. Nicht jede Szene erreicht die emotionale Wucht, die Bachmanns Leben und Werk nahelegen würden. Doch die starken Bilder, die sorgfältige Ausstattung und Krieps’ intensive Darstellung machen den Film sehenswert. Besonders überzeugend ist, wie die Wüste zum Sinnbild für Befreiung, Erinnerung und Selbstfindung wird.
Ein zurückhaltendes, würdiges und visuell schönes Porträt, das Ingeborg Bachmann nicht vollständig erklärt, ihr aber mit Respekt und Empathie begegnet.

US-Präsidenten – Eine Fotoreise (1): Barack Obama: Yes, we can – Bilder einer Persönlichkeit mit Fotografien von Callie Shell

5. April 2026

Ich bin ein Fan von US-Fotografen, die US-Präsidenten abgelichtet haben. Es gibt berühmte Fotografen, die entweder im Dienst des Weißen Hauses standen oder für Zeitungen/Zeitschriften dokumentieren.
Das Buch Barack Obama: Yes, we can – Bilder einer Persönlichkeit mit Fotografien von Callie Shell erschien 2009 im Knesebeck Verlag, umfasst rund 95 Seiten und ist vor allem als großformatiger Fotoband über Barack Obamas Aufstieg zum 44. Präsidenten der USA angelegt. Callie Shell begleitete Obama bereits seit den Jahren vor seinem Wahlsieg fotografisch.
Mit Barack Obama: Yes, we can – Bilder einer Persönlichkeit legt Callie Shell keinen klassischen politischen Analyseband vor, sondern ein atmosphärisch dichtes Porträt in Bildern. Der besondere Reiz des Buches liegt darin, dass Obama hier nicht nur als historische Figur, sondern als Mensch sichtbar wird: konzentriert, erschöpft, nachdenklich, familär und zugleich von jener symbolischen Aufladung umgeben, die seinen Wahlkampf weltweit so faszinierend machte. Gerade weil Shell Obama über längere Zeit begleitete, entstehen Fotografien mit großer Nähe und einem Gespür für ungestellte Momente.

Die größte Stärke des Bandes ist seine Bildsprache. Viele Aufnahmen wirken nicht wie bloße Pressefotos, sondern wie kleine politische Momentaufnahmen eines Epochenwechsels. Das Buch vermittelt die Aufbruchsstimmung jener Jahre sehr eindringlich. Es zeigt, warum Obama für viele Menschen weit über die USA hinaus zur Projektionsfigur für Hoffnung, Veränderung und gesellschaftliche Erneuerung wurde. In dieser Hinsicht funktioniert der Band hervorragend: Er dokumentiert nicht nur eine Karriere, sondern auch einen historischen Stimmungsumschwung. 

Allerdings ist genau darin auch die Schwäche des Buches zu finden. Der Band bleibt stark auf Wirkung, Aura und Symbolik konzentriert. Wer sich eine kritisch-distanzierte Auseinandersetzung mit Obamas Politik, seinen Positionen oder den Widersprüchen seiner öffentlichen Figur erhofft, wird eher nicht fündig. Das Buch bewundert mehr, als dass es hinterfragt. Dadurch wirkt es stellenweise weniger wie eine kritische Biografie als wie eine visuell eindrucksvolle Huldigung an eine Ausnahmeerscheinung der politischen Gegenwart.

Trotzdem ist Barack Obama: Yes, we can ein sehenswerter Bildband. Er überzeugt vor allem dort, wo Fotografie Geschichte verdichtet: in Gesten, Blicken und Zwischentönen. Für Leser, die sich für politische Bildsprache, den Obama-Wahlkampf oder das Verhältnis von Medien und Macht interessieren, ist das Buch ausgesprochen reizvoll. Wer hingegen eine analytische oder kontroverse Obama-Biografie sucht, wird mit einem anderen Titel besser bedient sein.

Also für mich ein eindrucksvoller, emotional starker Fotoband, der Barack Obama als Symbolfigur eines politischen Aufbruchs inszeniert. Das Buch ist weniger kritische Analyse als atmosphärisches Zeitdokument — gerade deshalb visuell stark, inhaltlich aber nur begrenzt tief. Mal sehen, ob ich mal ein Seminar über Fotos zu US-Präsidenten mache. Ich hätte schon ein paar Ideen.

Buchkritik: In Hütten und Palästen – Ein Reporterleben von Rolf Seelmann‑Eggebert

19. November 2025

Ab und zu lese ich Werke von renommierten Journalisten wie beispielsweise Peter von Zahn, Peter Scholl-Latour und Kollegen aus alten Zeiten, um mich für meinen Job zu motivieren und auch Ideen zu bekommen. Jetzt griff ich wieder zu Rolf Seelmann-Eggebert, der unlängst verstorben ist. Hier mein Nachruf von damals.

Er blickt in seinem autobiografischen Werk „In Hütten und Palästen – Ein Reporterleben“ auf ein Leben zurück, das in der journalistischen Landschaft Deutschlands kaum seinesgleichen hat. Erstmals wird deutlich, wie vielseitig sein Werdegang war: Vom Auslandskorrespondenten in Afrika über Hör- und Fernfunk beim Norddeutscher Rundfunk (NDR) bis hin zum gefeierten „Adelsexperten“ im europäischen Königshaus-Milieu.

Das Buch beginnt mit den frühen Jahren des Autors, seinen Anfängen beim NWDR/NDR als freier Mitarbeiter für Hörfunk und Fernsehen, schildert dann die Jahre als Korrespondent in Westafrika (ab 1968) und später in Nairobi, Kenia (1972–1976) für den Hörfunk beziehungsweise das Fernsehen.
Diese Phase ist besonders bedeutsam, weil Seelmann-Eggebert nicht nur über Ereignisse berichtete, sondern in einem ganz anderen Medienumfeld arbeitete – mit Begrenzungen, improvisierten Bedingungen und unmittelbarer Nähe zu den Reportage-Realitäten vor Ort. Das eröffnet dem Leser einen Blick auf eine journalistische Form, die heute selten geworden ist.

Parallel schildert er seine spätere Tätigkeit beim Fernsehen, insbesondere seine Berichterstattung über Königshäuser, royale Großereignisse und Staatenbesuche. Diese Kapitel sind reich an Anekdoten: etwa der Ausfall des Tons bei der Trauung von Charles III. (damals noch Prinz Charles) und Diana, Princess of Wales, bei der er dank seiner Vorbereitung den Predigttext live ins Deutsche übertrug.

Dabei wird deutlich: Seelmann-Eggebert verstand sich nicht allein als Boulevard-Kommentator, sondern als Journalist mit Anspruch. Er ordnete gesellschaftliche Entwicklungen ein, reflektierte Medien- und Adelshistorie und vermied nach eigenen Aussagen Pathos: „Wenn du mit einem König auf dem Sofa sitzt, dann glauben alle, ich sei nah dran. Aber das täuscht.“

Ein besonders gelungener Teil des Buches ist der Wechsel zwischen den Extremen – von „Hütten“ zu „Palästen“, wie der Titel treffend formuliert. Die „Hütte“ steht metaphorisch für Reportage-Alltag in Afrika – unter schwierigeren Bedingungen, aber mit direkter Begegnung und menschlicher Nähe. Die „Paläste“ stehen für die glanzvolle Welt der Monarchien – elegant, protokollarisch, aber eben auch geerdet durch seine Perspektive. Dieses Spannungsverhältnis macht die Stärke des Buches aus: Es sind nicht nur die royalen Anlässe, die faszinieren, sondern gerade die Schnittstellen zwischen Macht und Alltag, zwischen den privilegierten Sphären und den realen Lebenswelten.

Stilistisch überzeugt Seelmann-Eggebert durch einen klaren, persönlichen Ton. Er nimmt den Leser mit auf seine Reisen, lässt kurze Reportage-Momente, Begegnungen mit Königinnen und Königen, aber auch Gespräche mit Einheimischen in Afrika Revue passieren. Dabei spart er nicht mit kleinen Selbstreflexionen – etwa über die Rolle des Journalisten, die Verantwortung, aber auch die Grenzen. Die Co-Autorschaft mit seiner Tochter Adele bringt weiteren Gewinn: Dialoge, Briefausschnitte und Interviewmaterial verleihen dem Text Authentizität und Tiefe.

Auch kritisch zeigt sich das Buch: Seelmann-Eggebert überrascht nicht mit einer groß angelegten Medien- oder Adelskritik, doch er thematisiert etwa die Diskrepanz zwischen Glamour und Machtlosigkeit, zwischen Repräsentation und Lebenswirklichkeit – insbesondere in den Auslandsreportagen Afrikas. Er schreibt über die „menschenunwürdigen Zustände“ dort im Vergleich zur deutschen Wohlstandsgesellschaft – und wie ihn diese Erfahrung immer wieder einholte.

Ein paar Anmerkungen zur Bewertung: Wer sich vorrangig für royale Themen interessiert, findet hier zahlreiche Insider-Momente, Interviews, historische Wegmarken – vom Buckingham Palace bis zu anderen europäischen Königshäusern. Wer hingegen mehr an Journalismusgeschichte, Medienwandel oder Reportagereisen interessiert ist, wird ebenfalls fündig sein – gerade die Afrika-Jahre verleihen dem Buch eine Tiefe, die über glänzendes Protokoll hinausgeht. Manchmal fehlt dem Text eine stärkere Struktur oder kritische Distanz gegenüber dem eigenen Wirken – aber das lässt sich bei einer Lebenserinnerung verzeihen.

„In Hütten und Palästen“ ist eine eindrucksvolle Biografie, die zeigt, wie ein Journalist zwischen zwei Welten lebte – zwischen Afrika und den Königshäusern Europas –, wie er Begegnungen mit Macht, Repräsentation und Alltag meisterte und gleichzeitig seine Neugier bewahrte. Für Leserinnen und Leser, die mehr wollen als reine Adelschroniken, bietet das Buch Horizont, Menschlichkeit und spannende Einblicke in ein außergewöhnliches (Reporter-)Leben.

Ich habe noch ein Autogramm von ihm, das in meiner Heldengalerie in meinem Arbeitszimmer hängt. Auch eine Art der Motivation für mich.

Persönlicher Nachruf auf Georg Stefan Troller

28. September 2025

Ich bin um Trauer um ein journalistisches Vorbild. Georg Stefan Troller ist im Alter von 103 Jahren in Paris gestorben – und mit ihm verlässt die Welt einen der eindringlichsten, neugierigsten und zugleich sensibelsten Journalisten ihrer Zeit. Ich durfte Troller im hohen Alter in München treffen und verneige mich vor seinem journallistischen Werk. Es hat mich inspiriert.

Trollers Leben war vom Fluch der Geschichte ebenso geprägt wie von einer fast trotzigen Hingabe zur Sprache: Geboren als jüdischer Pelzhändler-Sohn in Wien, vertrieben vom Nationalsozialismus, floh der Jugendliche 1938 mutterseelenallein über die Tschechoslowakei und Frankreich in die USA, bevor er als GI nach Deutschland zurückkehrte, das KZ Dachau miterlebte und Zeugnis ablegte für ein Jahrhundert voller Brüche.

Doch Trollers Antwort auf die Unwirklichkeit der Vertreibung war nie Resignation, sondern das Gespräch, die lebendige Begegnung, das behutsame Öffnen der Biografie des Gegenübers. Seine Fernseharbeit – legendär das „Pariser Journal“ und die „Personenbeschreibung“ im ZDF – wurde zur Schule der Empathie, zur Bühne des Menschlichen jenseits glänzender Oberflächen. Während andere am Sensationshunger der Medien rührten, suchte Troller nach den verborgenen Wunden, nach Absurdität und Wahrheit – immer mit der leisen Hoffnung, dass sich im Erzählen der Schmerz mildern lässt und Herkunft nicht mehr Fluch, sondern eigene Wahrheit sein darf. Dass er dabei strikt seine jüdische Herkunft jahrzehntelang verheimlichte – aus Furcht vor antisemitischer Ablehnung – macht seine Sendungen umso eindringlicher: denn seine Fragen galten nie nur dem Porträtierten, sie leuchteten stets in die Schatten der eigenen Geschichte. Troller starb in einer Zeit, in der der Antisemitismus in unserem Land wieder erwacht. Ich könnte kotzen.

Seine Interviewtechnik veränderte den deutschen Fernsehjournalismus nachhaltig. Er lehnte jede neutrale Distanz ab, bestand auf Subjektivität, auf der Aufrichtigkeit der eigenen Zweifel und Sehnsüchte. Der poetische Kommentar, die Montage von Bild, Wort und biografischer Erschütterung, machten seine Fernseharbeiten stilbildend – für Generationen von Kulturvermittlern, die ihm nachfolgen sollten. Vielleicht war Troller einer der ersten Blogger. Troller selbst bezeichnete den Journalismus als Mittel der Selbstrettung, der Begegnung mit Menschen als Versuch, Lebensberechtigung zu finden, dort, wo Sprache und Erinnerung ihre Heimat haben. Zu seinem 100. Geburtstag habe ich ein Video für ihn aufgenommen.

Sein Paris wurde ihm als Emigrant zum Symbol einer zweiten Geburt. Im Viertel Saint-Germain-des-Prés, im Herz der Geschichte, fand er Vergangenheit und Zukunft, die Brücken seiner eigenen Existenz. Der Verlust von 19 Angehörigen im Holocaust, die unablässige Fremdheit, wurden nie Schlusspunkt – sondern der Ausgang einer lebenslangen Reise, der Suche nach eigenen Leuten, nach dem, was Mensch-Sein jenseits aller historischen Verheerung bedeutet.

Was bleibt nach Trollers Tod, ist mehr als ein Nachruf. Es ist die Einladung, hinter Fassaden zu schauen, der Welt subtil und mitfühlend Fragen zu stellen. Sein Werk mahnt, die Verletzlichkeit in anderen zu sehen, das Gespräch zu suchen, selbst und immer wieder. Troller, der Zeitzeuge und Menschenfreund, hat mit seinen Fragen das Fernsehmedium in eine Schule der Sensibilität verwandelt und die Hoffnung hinterlassen, dass Verständigung möglich bleibt – solange Sprache, Erinnerung und Menschlichkeit nicht verstummen.

Gerne hätte ich ihn noch einmal getroffen und mit ihm über seinen Deutschland-Film gesprochen. In seinem Leben hat Troller mehr als 1.700 Interviews geführt, drehte rund 200 Filme und schrieb Drehbücher und Bücher, darunter 1988 die Autobiographie „Selbstbeschreibung“. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit mehreren Adolf-Grimme-Preisen, einer Oscar-Nominierung, Bambis und der Goldenen Kamera.

Buchtipp: „Capa – Die Wahrheit ist das beste Bild“ von Florent Silloray

6. September 2025

Ich habe eine erfolgreiche Online-Seminarreihe zum Thema politische Fotografie und Fotografen und natürlich wurde Reihe mit dem wichtigsten Krisenfotografen Robert Capa eröffnet. Nun bekam ich die interessante Grafic Novel “Capa – Die Wahrheit ist das beste Bild” von Florent Silloray (Originaltitel Capa – l’Étoile filante) in die Hände.

Es ist eine grafische Biografie, die das bewegte Leben eines der bedeutendsten Kriegsfotografen des 20. Jahrhunderts, Robert Capa (eigentlich Endre Ernö Friedmann), chronologisch nacherzählt. Sie umfasst etwa 88 bis 90 Seiten im Hardcoverformat und ist 2017 im Knesebeck Verlag erschienen. Der deutsche Titel des Buches stammt von Capas offizieller Biografie.

In einer reduzierten Farbpalette – vor allem Schwarz, Weiß, Grau- und Sepiatöne mit gelegentlichen roten Akzenten – gelingt Silloray eine historisch wirkungsvolle Atmosphäre, die sowohl Capas fotografisches Schaffen als auch seine inneren Lebenskonflikte einfängt. Charakteristisch sind die sparsamen Farbhöhepunkte, etwa die rote Flagge, das rote Licht in einer Dunkelkammer oder Blut – ebenso einige grafische Effekte, die etwa Schärfentiefe andeuten.

Der narrative Fokus liegt auf Capas Lebensrückblick aus seiner letzten Lebensphase: Silloray eröffnet mit einer Rückblende in den „letzten Winter“ Capas in den Schweizer Alpen (Frühjahr 1954), gezeichnet als ein erschöpfter, sich mit Rückenschmerzen und Selbstzweifeln ringender Mann. Darauf folgen zentrale Stationen seines Lebens – vom Spanischen Bürgerkrieg über die ikonischen Kriegsbilder bis zur Gründung der Agentur Magnum, seinen persönlichen Beziehungen und Reflexionen bis hin zu seinem tragischen Tod 1954 in Indochina.

Die Illustrationen zeigen ihn direkt in den Momenten, in denen er seine berühmten Fotos macht – etwa den berühmten „Tod eines loyalistischen Milizionärs“ während des Spanischen Bürgerkriegs oder die Landung in der Normandie am D-Day – und bieten so eine originelle Perspektive auf die Entstehungsgeschichte der Bilder.

Inhaltlich gestaltet sich die Darstellung jedoch eher sparsam und psychologisch einseitig. Dem Buch kann man vorwerfen, dass Sillorays die Themen Alkohol, Glücksspiel und Frauen zu stark betont, was ein unausgewogenes Porträt Capa zeichne. Nun, ich denke, dass diese Themen für Capa sehr wichtig waren und großen Raum einnehmen müssen. Auch lässt die Erzählweise dramaturgische Tiefe vermissen, wünschenswert wären etwa pointiertere Dialoge oder stärkere emotionale Entwicklungen gewesen.

Außerdem bleiben wesentliche biografische Hintergründe unerwähnt – etwa Capas frühes Exil, seine politische Sozialisation oder weitere kontextuelle Details, die eine fundiertere Einordnung ermöglicht hätten. Die grafische Umsetzung ist gelungen, das Lettering jedoch teils beengt oder formal unausgewogen, und es finden sich kleinere textliche oder grafische Ungenauigkeiten.

Für Leser, die einen schnellen, atmosphärischen Einstieg in Capas Leben suchen – gerne auch zur Illustration begleitender Foto-Bildbände – ist diese Graphic Biography gut geeignet. Wer jedoch auf der Suche nach einer tiefgründig psychologischen oder historisch umfassenden Biografie ist, findet in Sillorays Werk eher einen Einstieg als eine abschließende Darstellung.

Die Stimme des Adels – Rolf Seelmann-Eggebert ist verstummt – mein persönlicher Nachruf

23. August 2025

Es gibt Stimmen, die man nicht nur hört, sondern fühlt. Stimmen, die einen in eine andere Welt entführen – in eine Welt voller Geschichte, Tradition und gelebter Kultur. Eine solche Stimme gehörte den großen Journalisten, Peter von Zahn. Eine weitere große Stimme ist gerade gestorben: Rolf Seelmann-Eggebert. Für Generationen von Fernsehzuschauern war er das vertraute Gesicht und die unverwechselbare Stimme, wenn es um Europas Königshäuser geht.

Rolf Seelmann-Eggebert Foto: NDR

Ich hab ihn leider nie kennengelernt, aber seine Stimme bedeutete für mich Seriosität, nicht Yellow-Press, sondern seriöse Adelsberichterstattung. Seelmann-Eggebert hat es geschafft, das Thema Adel aus dem Staub der Klischees zu holen und ihm jene Würde zu verleihen, die es verdient. Mit seinem unvergleichlichen Fachwissen, gepaart mit journalistischer Sorgfalt, öffnete er uns seinen Zuhörern und Zuschauern Türen zu Palästen und Geschichten, die sonst verborgen geblieben wären. Doch was ihn wirklich auszeichnet, ist nicht allein die Tiefe seines Wissens, sondern die Art, wie er es vermittelt.

Seine Stimme trug einen warmen, kultivierten Ton, der Vertrautheit schafft. Er sprach mit jener Mischung aus Respekt und kritischer Distanz, die leider selten geworden ist im Journalismus. Ich will keine Medienschelte betreiben, gehöre ich ja dazu, aber es war eine andere Zeit von Journalisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn er von den Windsors, den Grimaldis oder den Hohenzollern erzählt, geschah das nie reißerisch. Stattdessen ließ er die Geschichte atmen, führte sein Publikum mit leiser Eleganz an Intrigen, Tragödien und Triumphen vorbei – immer informativ, nie sensationslüstern. Die Queen durfte er zu Lebzeiten allerdings nie interviewen, vielleicht hat er jetzt die Chance.

Seelmann-Eggebert war kein bloßer Chronist, er war ein Erzähler, ein Geschichtenerzähler im besten Sinne des Wortes. Gute Journalisten erzählen Geschichten und das konnte er. Einer, der die Schicksale der Mächtigen keannte, ohne die Menschen dahinter aus den Augen zu verlieren. In Zeiten von schnellen Schlagzeilen und oberflächlichen Skandalen war er ein Gegenentwurf: ein Wissender, der zuhört, recherchiert und die Faszination am Adel verständlich machte. Gut, er war schon lange nicht mehr journalistisch tätig. Vielleicht wäre ein guter YouTuber aus ihm geworden. Im Jahr 2019 erschien die Biografie „In Hütten und Palästen. Ein Reporterleben“, die Rolf Seelmann-Eggebert gemeinsam mit seiner Tochter Adele Seelmann-Eggebert verfasst hatte. Ein gut geschriebenes Buch, das ich wieder hervorholen werde.

Sein Werk ist mehr als Berichterstattung; es ist gelebte Kulturgeschichte. Wer ihn einmal über das Protokoll am britischen Hof sprechen gehört hat oder seine Analysen zur europäischen Monarchie verfolgte, der versteht, warum er in Deutschland als „Königskenner“ galt, so erzählte es mir vor Jahren ein Verwandter von ihm.

Rolf Seelmann-Eggebert hatte es geschafft, mit Stimme, Stil und Substanz eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Und genau darin liegt sein Verdienst: Er ließ uns die Welt des Adels nicht nur sehen, sondern verstehen.

Nachfolgend die offizielle Pressemeldung des NDR: Rolf Seelmann-Eggebert ist tot. Der Journalist, der einem großen Publikum unter anderem durch seine kenntnisreichen Dokumentationen und Live-Sendungen über Europas Königshäuser bekannt wurde, starb im Alter von 88 Jahren am 22. August in Hamburg.

„NDR Intendant Joachim Knuth: „Rolf Seelmann-Eggebert hat unser Programm entscheidend geprägt – als Adelsexperte, aber auch in vielen anderen Bereichen. Über sechs Jahrzehnte hinweg machte er für den NDR Reportagen und Dokumentationen, war Moderator und Kommentator. Ob er aus Krisengebieten berichtete, die ungleiche Verteilung des globalen Reichtums thematisierte oder royale Großereignisse begleitete – immer überzeugte er die Zuschauerinnen und Zuschauer durch seine profunde Sachkenntnis und seinen taktvollen Umgang mit Themen und Menschen. Rolf Seelmann-Eggebert war ein vorbildlicher Journalist. Der NDR hat ihm viel zu verdanken.“

Rolf Seelmann-Eggebert, geboren in Berlin, absolvierte nach einem Soziologie-Studium 1956 ein Volontariat beim NDR in Hannover. 1964 wurde er dort Leiter der Reportageabteilung. Von 1968 bis 1971 arbeitete Seelmann-Eggebert als ARD-Hörfunk-Korrespondent für Westafrika mit Sitz in Abidjan. Anschließend war er bis 1976 ARD-Fernsehkorrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi. Weitere berufliche Stationen waren die Leitung des ARD-Studios London in den Jahren 1978 bis 1981 und 1994 bis 1996. 1982 wurde er Programmdirektor Fernsehen des NDR. Mit der Initiative „Ein Tag für Afrika“ sammelte Seelmann-Eggebert 1985 rund 100 Millionen Mark für die Menschen, die Äthiopien zu verhungern drohten.

1996 wurde er Chefkorrespondent Fernsehen des NDR. In dieser Funktion baute er u. a. die „One World Group of Broadcasters“ mit auf, einen internationalen Verbund von TV-Sendern für Programminitiativen zu Gunsten der Länder Afrikas, Asiens und Südamerikas.

Mit Erreichen der Altersgrenze wechselte Seelmann-Eggebert 2002 in den Ruhestand, machte aber weiter Filme und Live-Reportagen für den NDR. Zudem kümmerte er sich bis 2004 als Vorsitzender der NDR Volontärskommission um den journalistischen Nachwuchs.

Große Publikumserfolge waren u. a. seine Fernsehreihen „Europäische Königshäuser“, „Royalty“, „Königskinder“, „Deutsche Fürstenhäuser“ oder „Die Windsors – 100 turbulente Jahre“. Eine weitere Domäne Seelmann-Eggeberts waren Live-Reportagen von großen Ereignissen an Europas Höfen. Unvergesslich bleiben u. a. seine mehrstündigen Live-Kommentierungen der Hochzeiten von Prinz Charles und Lady Diana, Prinz William und Catherine „Kate“ Middleton sowie Prinz Harry und Meghan Markle.

Am Pfingstsonntag 2018 zeigte das Erste die letzte Fernseh-Reportage von Rolf Seelmann-Eggebert, „Ein Wiedersehen mit Kenia“. Dafür bereiste er als 81-Jähriger das ostafrikanische Land, um zu erleben, wie es sich verändert hat, seit er dort Korrespondent war.

Rolf Seelmann-Eggebert erhielt im Lauf seines Berufslebens zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Journalisten-Preis, das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, das Bundesverdienstkreuz am Bande, den „Order of the British Empire“, den Journalistenpreis Entwicklungspolitik, den „Goldenen Gong“, die „Goldene Kamera“ und den „Bambi“. 2011 wurde er für seine Royalty-Berichterstattung in der Kategorie „Besondere Leistung Unterhaltung“ mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Seelmann-Eggebert nahm vielfältige Ehrenämter wahr, u. a. als Vorstandsmitglied des Deutschen Komitees für UNICEF und der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, als Mitglied des deutschen Kuratoriums der World Childhood Foundation und Ehrenmitglied der Deutsch-Britischen Gesellschaft.

Buchtipp: Das Churchill-Prinzip von Helge Hesse

1. April 2025

Eigentlich bin ich bei Ratgeberbüchern immer etwas skeptisch. Da werden Binsenweisheiten zur großen Philosophie aufgebauscht, dabei hilft oftmals der normale Menschenverstand. Aber nachdem Winston Churchill nicht irgendwer ist, zudem vergangenes Jahr der 150. Geburtstag war, war ich dann doch neugierig auf das Churchill-Prinzip. Die Ideen stammen aus dem vergangenen Jahrhundert und ich wollte prüfen, ob die Aussagen der Vergangenheit heute in einer anderen Welt noch Bestand haben.

Helge Hesses Buch Das Churchill-Prinzip beleuchtet die Lebensgeschichte von Winston Churchill und destilliert daraus Prinzipien für Erfolg und Führung. Churchill, sicherlich eine der prägendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, wird als Vorbild dargestellt, insbesondere durch Eigenschaften wie Entschlossenheit, strategisches Denken, Durchhaltevermögen und seine Fähigkeit, Menschen zu motivieren. Das Buch zeigt, dass Churchill diese Fähigkeiten nicht angeboren hatte, sondern sie sich mühsam erarbeitete – vom Schulversager und Stotterer bis hin zum visionären Führer, der Hitler im Zweiten Weltkrieg trotzte.

Hesse kombiniert eine Biografie mit praktischen Lebensweisheiten, die Manager und Führungskräfte inspirieren können. Dabei bleibt er differenziert und beleuchtet auch Churchills Schwächen. Die chronologische Darstellung seines Lebensweges wird genutzt, um universelle Prinzipien für persönliche und berufliche Entwicklung abzuleiten

Die zentralen Thesen des Buches Das Churchill-Prinzip von Helge Hesse basieren auf den Führungs- und Lebensprinzipien von Winston Churchill, die als Inspiration für persönliches und berufliches Wachstum dienen. Für mich die wichtigsten Punkte sind:

Entschlossenheit und Durchhaltevermögen:
Churchill zeigte außergewöhnliche Resilienz und die Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten standhaft zu bleiben. Sein Motto „Never give up“ wird als Schlüssel zum Erfolg betont.

Vision und strategisches Denken:
Churchill war ein Meister darin, langfristige Ziele zu setzen und Strategien zu entwickeln, um diese zu erreichen. Er verstand es, Chancen zu erkennen und Risiken einzugehen. Das klingt sehr mutig, war aber manches Mal auch fast tödlich, wenn es um sein eigenes Ego ging.

Krisenmanagement:
Das Buch hebt hervor, wie Churchill Krisen analysierte und entschlossen handelte. Er bewies Führungsstärke, indem er klare Entscheidungen traf und andere motivierte.

Kommunikation und Überzeugungskraft:
Churchills rhetorische Fähigkeiten waren entscheidend, um Menschen zu inspirieren und hinter sich zu vereinen. Seine berühmten Reden sind Beispiele für effektive Kommunikation.

Also für mich steht fest. Das Buch verbindet diese Prinzipien mit praktischen Tipps für modernes Leadership und persönliche Weiterentwicklung. Es hat mir Spaß gemacht, aber jetzt ist auch wieder gut mit Ratgeberbüchern.

Make Something Wonderful – PDF mit Gedanken von Apple-CEO Steve Jobs

22. Mai 2023

Ich hatte (für mich) die große Ehre mehrmals den ehemaligen Apple-CEO Steve Jobs bei Veranstaltungen zu treffen und einmal durfte ich ihn sogar einmal kurz persönlich sprechen. Und ja, ich geb es zu, ich bin ein Steve Jobs-Fanboy und hänge am Steve-Tropf, obwohl der Meister schon vor einigen Jahren verstorben ist.

Vor kurzem kam mit Make Something Wonderful eine kuratierte englischsprachige Sammlung von Steves Reden, Interviews und Korrespondenz auf den Markt. Es gibt ein paar gedruckte Exemplare, aber für den Rest von uns gibt es ein kostenloses PDF. Das PDF-Buch und bietet einen Einblick in das Leben und die Arbeit des Menschen und Unternehmers Steve Jobs. Auf diesen Seiten erzählt Steve von seiner Kindheit, von der Gründung und dem Rauswurf bei Apple, von seiner Zeit bei Pixar und NeXT und schließlich von seiner Rückkehr zu dem Unternehmen, mit dem alles begann. Und nein, es ist keine verspätete Autobiografie, sondern eine Sammlung von Statements, die zusammengefasst wurden. Die Einführung macht die Jobs-Witwe Laurene Powell Jobs. Das PDF wurde von Leslie Berlin herausgegeben. LoveFrom, die Firma von Jony Ive, dem ehemaligen Design-Chef von Apple, hat das Buch gestaltet.

Es ist keine Verklärung, sondern die Texte zeigen einen Getriebenen. Hier gibt es keine Sammlung weiser Zitate, sondern für mich brachte die Lektüre vor allem Inspiration auf Kreativität. Schließlich heißt das Buch auch „Make Something Wonderful: Steve Jobs in his own words„. Ich habe mich von dieser Mischung aus posthumen Memoiren und einem Sammelalbum, das anhand von Notizen und Entwürfen, die Jobs an sich selbst gemailt hat, gut unterhalten.

Natürlich geht das Buch auch auf die Stanford-Rede ein. Und es gibt hier die interessanten ersten Entwürfe. „Stellen Sie sich vor, Sie wären ein alter Mensch, der auf Ihr Leben zurückblickt“, schrieb Jobs im Juni 2005 in einer E-Mail an sich selbst. „Ihr Leben wird eine Geschichte sein. Es wird Ihre Geschichte sein, mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Helden und Schurken, ihren Weggabelungen, die alles bedeuten.“