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Wenn der Frieden hörbar wird – Die Friedensglocke im Werksviertel-Mitte setzt ein starkes Zeichen der Hoffnung

3. August 2026

Die Friedensglocke im Werksviertel-Mitte in München ist ein öffentliches Symbol für Frieden, Freiheit, Toleranz und das Einstehen für eine demokratische Werteordnung. Sie befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Pfanni-Industrieareals am Münchner Ostbahnhof, das sich heute als lebendiges Stadtquartier zwischen Kultur, Arbeit und Wohnen präsentiert. Bei einer Exkursion des Münchner Presseclubs war die Friedensglocke das Ende Veranstaltung.

Entstehung und Einweihung
Eingeweiht wurde die Friedensglocke am 2. Oktober 2021 anlässlich der bayerischen Langen Nacht der Demokratie. Die Initiative zur Anschaffung und Aufstellung ging aus einer Kooperation mehrerer Stiftungen und Institutionen hervor: Stiftung Otto Eckart, Wertebündnis Bayern, Bell Amani Friedensstiftung und St. Korbinian Stiftung
Gegossen wurde die Bronzeglocke von der traditionsreichen Glockengießerei Anton Gugg im niederbayerischen Straubing, deren Familienhandwerk auf eine über 500-jährige Geschichte zurückgeht.

Gestaltung und Integration im Quartier
Die Glocke ist freihängend im Werksviertel-Mitte installiert. Um ihre Visibilität auch in den Abend- und Nachtstunden zu unterstreichen, wurde sie mit einem speziellen Lichtkonzept versehen: Ein kreisrunder, leuchtender Ring sowie dezent ausgerichtete Mikrospots heben die Bronzeoberfläche hervor und verleihen dem Objekt eine prägnante optische Präsenz im öffentlichen Raum.

Symbolik und Nutzung im Zeitverlauf
Obwohl die Glocke primär als dauerhaftes Denkmal für ein friedliches Miteinander konzipiert wurde, erhielt sie durch weltpolitische Ereignisse rasch eine aktive Rolle im Münchner Stadtleben.

Tägliches Läuten für den Frieden
Nach dem Beginn des verbrecherischen russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 riefen die Initiatoren zu einer täglichen Läute-Aktion auf. Seit März 2022 erklingt die Glocke jeden Tag um 12:00 Uhr als unüberhörbares Zeichen der Solidarität und des Wunsches nach Frieden.

Mitmach-Aktionen
Um die Glocke herum finden regelmäßig gesellschaftliche Aktionen statt, wie etwa das Aufstellen gebastelter Papier-Mohnblumen als Mahnmal gegen Krieg und Unterdrückung.
Das Werksviertel-Mitte führt damit seine Tradition fort, Kunst-, Kultur- und Partizipationsprojekte im öffentlichen Raum zu verankern und gesellschaftlich relevante Themen mitten in den Alltag von Anwohnern und Besuchern zu tragen.

Die Friedensglocke im Werksviertel-Mitte ist weit mehr als ein Kunstobjekt – sie ist ein sichtbares Zeichen für Verständigung, Dialog und ein friedliches Miteinander. In dem ehemaligen Industrieareal am Münchner Ostbahnhof, das sich in den vergangenen Jahren zu einem lebendigen Quartier für Kultur, Kreativität und Innovation entwickelt hat, setzt die Glocke einen bewusst ruhigen Gegenpol zum geschäftigen Treiben. Das Werksviertel-Mitte versteht sich als Ort der Begegnung, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenkommen. Die Friedensglocke fügt sich deshalb auf besondere Weise in die Philosophie des Quartiers ein.

Die Glocke entstand im Rahmen eines interkulturellen Kinder- und Jugendprojekts der Bell Amani Stiftung. Dabei beschäftigten sich junge Menschen mit den Themen Frieden, Konfliktlösung und gegenseitiger Respekt. Die Friedensglocke steht sinnbildlich für die Hoffnung, dass Verständigung nicht erst auf politischer Ebene beginnt, sondern bereits im täglichen Miteinander – in Schulen, Familien, Nachbarschaften und Stadtvierteln. Erstmals wurde sie im Werksviertel-Mitte im Rahmen der „Langen Nacht der Demokratie“ aufgestellt und machte dort auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie Kunst und gesellschaftliches Engagement miteinander verbunden werden können.

Gerade das Werksviertel-Mitte bietet für dieses Symbol den passenden Rahmen. Wo früher Kartoffelprodukte hergestellt wurden und später das legendäre Nachtleben des Kunstparks Ost und der Kultfabrik pulsierte, entstand ein modernes Stadtquartier, das Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit miteinander verbindet. Zwischen moderner Architektur, Street Art, Musik, Gastronomie und innovativen Unternehmen erinnert die Friedensglocke daran, dass eine lebenswerte Stadt nicht allein durch Gebäude entsteht, sondern vor allem durch die Werte ihrer Menschen.

Die Friedensglocke lädt Besucher dazu ein, für einen Moment innezuhalten. Ihr Klang steht symbolisch für Versöhnung, Hoffnung und den Wunsch nach einer Welt, in der Konflikte durch Gespräche statt durch Gewalt gelöst werden. Damit ist sie nicht nur ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, sondern auch ein Ort des Nachdenkens – über Frieden, Demokratie und die Verantwortung jedes Einzelnen für ein respektvolles Zusammenleben. In einem Quartier, das Wandel und Zukunft wie kaum ein anderer Ort in München verkörpert, erinnert die Friedensglocke daran, dass echter Fortschritt immer auch von Menschlichkeit begleitet sein sollte.

Persönlicher Nachruf auf Georg Stefan Troller

28. September 2025

Ich bin um Trauer um ein journalistisches Vorbild. Georg Stefan Troller ist im Alter von 103 Jahren in Paris gestorben – und mit ihm verlässt die Welt einen der eindringlichsten, neugierigsten und zugleich sensibelsten Journalisten ihrer Zeit. Ich durfte Troller im hohen Alter in München treffen und verneige mich vor seinem journallistischen Werk. Es hat mich inspiriert.

Trollers Leben war vom Fluch der Geschichte ebenso geprägt wie von einer fast trotzigen Hingabe zur Sprache: Geboren als jüdischer Pelzhändler-Sohn in Wien, vertrieben vom Nationalsozialismus, floh der Jugendliche 1938 mutterseelenallein über die Tschechoslowakei und Frankreich in die USA, bevor er als GI nach Deutschland zurückkehrte, das KZ Dachau miterlebte und Zeugnis ablegte für ein Jahrhundert voller Brüche.

Doch Trollers Antwort auf die Unwirklichkeit der Vertreibung war nie Resignation, sondern das Gespräch, die lebendige Begegnung, das behutsame Öffnen der Biografie des Gegenübers. Seine Fernseharbeit – legendär das „Pariser Journal“ und die „Personenbeschreibung“ im ZDF – wurde zur Schule der Empathie, zur Bühne des Menschlichen jenseits glänzender Oberflächen. Während andere am Sensationshunger der Medien rührten, suchte Troller nach den verborgenen Wunden, nach Absurdität und Wahrheit – immer mit der leisen Hoffnung, dass sich im Erzählen der Schmerz mildern lässt und Herkunft nicht mehr Fluch, sondern eigene Wahrheit sein darf. Dass er dabei strikt seine jüdische Herkunft jahrzehntelang verheimlichte – aus Furcht vor antisemitischer Ablehnung – macht seine Sendungen umso eindringlicher: denn seine Fragen galten nie nur dem Porträtierten, sie leuchteten stets in die Schatten der eigenen Geschichte. Troller starb in einer Zeit, in der der Antisemitismus in unserem Land wieder erwacht. Ich könnte kotzen.

Seine Interviewtechnik veränderte den deutschen Fernsehjournalismus nachhaltig. Er lehnte jede neutrale Distanz ab, bestand auf Subjektivität, auf der Aufrichtigkeit der eigenen Zweifel und Sehnsüchte. Der poetische Kommentar, die Montage von Bild, Wort und biografischer Erschütterung, machten seine Fernseharbeiten stilbildend – für Generationen von Kulturvermittlern, die ihm nachfolgen sollten. Vielleicht war Troller einer der ersten Blogger. Troller selbst bezeichnete den Journalismus als Mittel der Selbstrettung, der Begegnung mit Menschen als Versuch, Lebensberechtigung zu finden, dort, wo Sprache und Erinnerung ihre Heimat haben. Zu seinem 100. Geburtstag habe ich ein Video für ihn aufgenommen.

Sein Paris wurde ihm als Emigrant zum Symbol einer zweiten Geburt. Im Viertel Saint-Germain-des-Prés, im Herz der Geschichte, fand er Vergangenheit und Zukunft, die Brücken seiner eigenen Existenz. Der Verlust von 19 Angehörigen im Holocaust, die unablässige Fremdheit, wurden nie Schlusspunkt – sondern der Ausgang einer lebenslangen Reise, der Suche nach eigenen Leuten, nach dem, was Mensch-Sein jenseits aller historischen Verheerung bedeutet.

Was bleibt nach Trollers Tod, ist mehr als ein Nachruf. Es ist die Einladung, hinter Fassaden zu schauen, der Welt subtil und mitfühlend Fragen zu stellen. Sein Werk mahnt, die Verletzlichkeit in anderen zu sehen, das Gespräch zu suchen, selbst und immer wieder. Troller, der Zeitzeuge und Menschenfreund, hat mit seinen Fragen das Fernsehmedium in eine Schule der Sensibilität verwandelt und die Hoffnung hinterlassen, dass Verständigung möglich bleibt – solange Sprache, Erinnerung und Menschlichkeit nicht verstummen.

Gerne hätte ich ihn noch einmal getroffen und mit ihm über seinen Deutschland-Film gesprochen. In seinem Leben hat Troller mehr als 1.700 Interviews geführt, drehte rund 200 Filme und schrieb Drehbücher und Bücher, darunter 1988 die Autobiographie „Selbstbeschreibung“. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit mehreren Adolf-Grimme-Preisen, einer Oscar-Nominierung, Bambis und der Goldenen Kamera.