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Ein Feld aus Beton gegen das Vergessen: Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas

19. August 2026

Leider komme ich nicht mehr so oft nach Berlin wie ich möchte, aber wenn ich in der Hauptstadt bin, besuche ich das Holocaust-Denkmal. Ich bin jedes Mal von diesem Gedenkort erschüttert. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der historischen Mitte Berlins erinnert an die rund sechs Millionen Juden, die unter der Herrschaft Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten ermordet wurden. Das von Peter Eisenman entworfene Mahnmal besteht aus 2711 quaderförmigen Beton-Stelen.

Mitten im politischen Zentrum Berlins stehen Tausende graue Betonstelen – ohne Namen, ohne Inschriften und ohne eindeutige Erklärung. Gerade diese Offenheit macht das Denkmal für die ermordeten Juden Europas für mich zu einem der eindringlichsten und zugleich meistdiskutierten Erinnerungsorte Deutschlands. Mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Eröffnung erinnert es daran, dass der Holocaust nicht nur Vergangenheit ist, sondern Teil einer historischen Verantwortung, die bis in die Gegenwart reicht.

Nur wenige Schritte vom Brandenburger Tor und dem Reichstagsgebäude entfernt erstreckt sich auf rund 19.000 Quadratmetern das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Die zentrale Holocaustgedenkstätte Deutschlands erinnert an die bis zu sechs Millionen jüdischen Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt und ermordet wurden. Das von dem amerikanischen Architekten Peter Eisenman entworfene Stelenfeld wurde am 10. Mai 2005 feierlich eröffnet und zwei Tage später der Öffentlichkeit übergeben.

Von einer Bürgerinitiative zum nationalen Denkmal
Die Geschichte des Denkmals begann lange vor seiner Errichtung. Ende der 1980er-Jahre entstand um die Publizistin Lea Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel eine bürgerschaftliche Initiative für ein zentrales Denkmal in der damaligen Bundesrepublik. Die Idee entwickelte sich zu einer jahrelangen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung darüber, wie Deutschland im öffentlichen Raum an den Holocaust erinnern sollte.

Die Diskussion war keineswegs nur architektonischer Natur. Es ging um grundsätzliche Fragen: Brauchte Deutschland überhaupt ein nationales Holocaust-Denkmal? Wem sollte es gewidmet sein? Sollte ein zentraler Erinnerungsort entstehen oder sollte die Aufmerksamkeit stärker den historischen Orten der nationalsozialistischen Verbrechen gelten? Und wie ließ sich das unermessliche Leid der Opfer darstellen, ohne es durch eine bestimmte Form oder Symbolik zu vereinfachen?

Zwei Architekturwettbewerbe führten zunächst nicht zu einer endgültigen Lösung. Ein Gewinnerentwurf des ersten Wettbewerbs von 1994 wurde nicht realisiert. Auch nach dem zweiten Wettbewerb von 1997 blieb die Entscheidung zunächst offen. Der Entwurf Peter Eisenmans entwickelte sich schließlich zum Favoriten und wurde noch einmal überarbeitet.

Am 25. Juni 1999 traf der Deutsche Bundestag die entscheidende politische Entscheidung. Mit breiter, parteiübergreifender Mehrheit beschloss er die Errichtung des Denkmals in Berlin nach Eisenmans Entwurf. Gleichzeitig sollte das Stelenfeld durch einen unterirdischen „Ort der Information“ ergänzt werden. Für den Bau bewilligte der Bundestag im Jahr 2000 insgesamt 25,3 Millionen Euro.

Zur Umsetzung wurde die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gegründet. Sie entstand am 6. April 2000 als bundesunmittelbare Stiftung des öffentlichen Rechts. Ihr gesetzlicher Auftrag beschränkt sich nicht allein auf den Betrieb des Holocaust-Denkmals: Sie soll auch dazu beitragen, die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus und deren Würdigung sicherzustellen.

Mehr als 2.700 Betonstelen mitten in Berlin
Das auffälligste Element des Denkmals ist sein Stelenfeld. Auf einer Fläche von knapp 19.000 Quadratmetern stehen mehr als 2.700 Betonquader. Sie sind in einem Raster angeordnet, unterscheiden sich jedoch erheblich in ihrer Höhe. Gleichzeitig senkt und hebt sich der Boden zwischen ihnen.

Von außen wirken viele der Stelen zunächst niedrig und überschaubar. Wer in das Feld hineingeht, erlebt jedoch eine Veränderung. Der Boden fällt ab, die Betonblöcke wachsen über Kopfhöhe, die Umgebung verschwindet zunehmend aus dem Blick. Zwischen den Stelen entstehen schmale Wege und immer neue Sichtachsen.

Eisenmans Architektur gibt den Besucherinnen und Besuchern dabei keine einfache Botschaft vor. Es gibt im Stelenfeld keine Namen der Ermordeten und keine traditionelle figurative Darstellung der Opfer. Das unterscheidet den Ort deutlich von klassischen Kriegs- und Opferdenkmälern.

Ich empfinde bei dieser Architektur: Beklemmung, Orientierungslosigkeit, Isolation oder Unsicherheit und viele Interpretationen. Gerade die fehlende eindeutige Symbolik ermöglicht sehr unterschiedliche persönliche Erfahrungen. Probieren Sie es aus.

Unter dem Beton beginnt die historische Einordnung
Wer nur durch das Stelenfeld geht, sieht jedoch lediglich einen Teil des Denkmals. Unterhalb des Geländes befindet sich der „Ort der Information“. Während das Stelenfeld bewusst abstrakt bleibt, stellt die dortige Ausstellung die historischen Ereignisse und vor allem die Menschen in den Mittelpunkt.

Ein Denkmal, über das gestritten wurde – und wird
Die lange Entstehungsgeschichte zeigt, dass das Holocaust-Mahnmal nie nur ein Bauprojekt war. Bereits in den 1990er-Jahren wurde die Diskussion über das Denkmal zu einer Debatte über das historische Selbstverständnis des wiedervereinigten Deutschlands. Der Bundestag beschreibt rückblickend, dass das Projekt eine grundsätzliche Auseinandersetzung über dieses Selbstverständnis ausgelöst habe.

Auch die Konzentration auf die jüdischen Opfer des Holocaust spielte in der Debatte eine wichtige Rolle. Der spätere institutionelle Umgang mit anderen NS-Opfergruppen entwickelte sich weiter. Heute betreut die Stiftung neben dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas unter anderem auch das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, das Denkmal für die verfolgten Homosexuellen und den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde.

Auch das Verhalten von Besucherinnen und Besuchern im Stelenfeld führt immer wieder zu grundsätzlichen Fragen darüber, wie Menschen sich an einem Gedenkort verhalten sollten. Die Zugänglichkeit des Denkmals ist dabei Teil seiner besonderen Stellung im Berliner Stadtraum: Das Stelenfeld liegt nicht abgeschirmt hinter Museumsmauern, sondern unmittelbar im Zentrum einer lebendigen Metropole. Die Stiftung weist zugleich ausdrücklich darauf hin, dass das Klettern auf den Stelen nicht gestattet ist. Leider gibt es immer wieder Deppen, die dies nicht beachten wollen.

Erinnerung im Zentrum der deutschen Demokratie
Der Standort besitzt eine kaum zu übersehende politische Dimension. Das Denkmal liegt im Zentrum Berlins in unmittelbarer Nähe zu Brandenburger Tor und Regierungsviertel. Damit befindet sich die Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden nicht am Rand der Hauptstadt, sondern im geografischen Umfeld der heutigen demokratischen Institutionen.

Darin lässt sich eine politische Aussage erkennen: Die Erinnerung an den Holocaust gehört zum Selbstverständnis der Bundesrepublik. Diese Interpretation wird durch den institutionellen Charakter des Denkmals gestützt. Nicht eine private Organisation allein, sondern der Deutsche Bundestag entschied über seine Errichtung; eine bundesunmittelbare Stiftung trägt dauerhaft Verantwortung für seinen Betrieb. Ihr gesetzlich festgelegter Zweck ist ausdrücklich die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas.

Das Denkmal ist inzwischen selbst Teil der deutschen Erinnerungsgeschichte geworden. Millionen Menschen aus aller Welt haben es seit seiner Eröffnung besucht. Seine Wirkung lässt sich dennoch nicht allein in Besucherzahlen messen. Entscheidend ist, dass es Fragen offenhält: Wie kann eine Gesellschaft an Millionen ermordete Menschen erinnern? Wie lässt sich historische Verantwortung über Generationen hinweg bewahren? Und was bedeutet Erinnerung in einer Gegenwart, in der die Zeitzeugen des Holocaust immer weniger werden?

Würzburg: Zurückgelassene Koffer, unvergessene Menschen

22. Juni 2026

Fröhlich bin ich mit einem neuen ICE pünktlich in Würzburg angekommen und spazierte zu meinem Hotel für eine Tagung. Meine Fröhlichkeit wich der Ernsthaftigkeit als ich das Bahnhofsgebäude verließ und auf den wichtigen DenkOrt Deportationen 1941–1944 traf. Es ist ein stiller, eindringlicher Ort der Erinnerung. Er steht nicht abseits, nicht verborgen, sondern am Bahnhofplatz vor dem Würzburger Hauptbahnhof – genau dort, wo täglich Menschen ankommen, weiterreisen, warten, Abschied nehmen. Diese Lage ist bewusst gewählt, denn Würzburg hatte für die nationalsozialistischen Deportationen in Unterfranken eine zentrale und schmerzvolle Bedeutung.


Zwischen 1941 und 1944 wurden Jüdinnen und Juden aus Würzburg und vielen Orten Unterfrankens von hier aus in die Vernichtung geführt. Zwei Würzburger Bahnhöfe waren dabei entscheidend: der ehemalige kleine Güterbahnhof an der Aumühle, der sogenannte Aumühl-Ladehof, und der Hauptbahnhof. Von dort mussten Menschen ihre Heimat verlassen; in Osteuropa wurden sie ermordet, weil sie jüdisch waren. Der DenkOrt erinnert an diese Bürger und daran, dass hinter historischen Zahlen einzelne Leben, Familien, Nachbarschaften, Stimmen und Geschichten standen. Ich hielt an, betrachtete das Denkmahl und sprach ein stilles Gebet.

Besonders stark wirkt dieser Erinnerungsort durch seine Gepäckstücke. Sie sind das zentrale Element des Denkmals. Es sind Koffer, Rucksäcke und Deckenrollen, gefertigt aus dauerhaften Materialien wie Stein, Beton, Holz, Metall, Keramik oder Kunststoff. Sie stehen auf niedrigen Sockeln, als wären sie für einen Augenblick abgestellt worden. Doch dieser Augenblick geht nie vorüber. Gerade darin liegt die erschütternde Kraft des Denkmals: Die Gepäckstücke erzählen von Aufbruch, aber nicht von einer freien Reise. Sie erzählen von Menschen, denen man vorgaukelte oder befahl, nur das Nötigste mitzunehmen, denen aber am Ende selbst dieses Wenige genommen wurde. Der Koffer wird hier zum Symbol eines geraubten Lebens. Er steht für Kleidung, Dokumente, Erinnerungsstücke, vielleicht ein Foto, ein Gebetbuch, ein Stück Wäsche, ein Kinderspielzeug – für alles, was Menschen noch greifen konnten, als ihr bisheriges Leben bereits zerstört war. Die offizielle Projektbeschreibung formuliert diesen Gedanken sehr klar: Die Deportierten konnten nicht mehr als den Inhalt eines Koffers aus ihrem bisherigen Leben mitnehmen; am Ende verloren sie auch diesen Besitz, und ihnen blieb nicht einmal das nackte Leben.

Und wenn ich in unserem Land das Aufkeimen des Rechtsextremismus sehe, bekomme ich einen Würggreiz. Demokraten müssen gegen dieses Pack aufstehen.
Die Koffer sind deshalb keine dekorativen Objekte. Sie sind Stellvertreter. Jeder von ihnen verweist auf eine jüdische Gemeinde oder einen Wohnort in Unterfranken, aus dem Menschen deportiert wurden. Das Denkmal macht sichtbar, dass die Verfolgung nicht nur Würzburg betraf, sondern ein ganzes Netz unterfränkischer Orte: Städte, Märkte, Dörfer, Nachbarschaften. Das Besondere am Konzept ist, dass jedes Gepäckstück zweimal entsteht. Ein Exemplar bleibt in der jeweiligen Gemeinde, das zweite wird Teil der zentralen Gedenkstätte in Würzburg. So verbindet der DenkOrt den Bahnhofplatz mit den Herkunftsorten der deportierten Menschen. Die Erinnerung bleibt nicht nur an einem zentralen Ort gesammelt, sondern kehrt zugleich in die Gemeinden zurück, aus denen die Menschen einst herausgerissen wurden.

Diese doppelte Anlage macht den DenkOrt zu einem partizipativen Denkmal. Unterfränkische Kommunen, in denen es 1932/33 jüdische Gemeinden gab, sind eingeladen, sich mit einem Gepäckstück zu beteiligen. Dadurch wächst der DenkOrt weiter. Er wurde am 17. Juni 2020 eröffnet, 2021 kamen 32 neue Gepäckstücke hinzu, 2023 weitere neun und 2025 erneut elf. Das Denkmal bleibt damit nicht abgeschlossen, sondern in Bewegung. Es zeigt, dass Erinnerung keine einmalige Geste ist, sondern eine fortdauernde Aufgabe.

Gerade die Schlichtheit der Koffer berührt. Sie tragen am DenkOrt nicht die Namen aller Ermordeten, denn dafür reicht der Raum nicht aus. Stattdessen erhält jedes Gepäckstück ein einheitliches Schild mit dem Namen der historischen jüdischen Gemeinde, für die es steht. Die Namen und biografischen Angaben der Opfer sind online über das Projekt zugänglich. Diese Entscheidung gibt dem Denkmal eine besondere Würde: Vor Ort wirkt zunächst das Bild des verlassenen Gepäcks, die Leere, das Schweigen, die körperliche Vorstellung von Verlust.

Die unterschiedlichen Formen der Gepäckstücke sind ebenfalls bedeutungsvoll. Ein Koffer wirkt geordnet, vielleicht bürgerlich, fast vertraut. Ein Rucksack erinnert stärker an Eile, an Flucht, an den Körper, der Last tragen muss. Eine Deckenrolle steht für elementare Bedürftigkeit, für Kälte, Schutzlosigkeit, die Hoffnung auf Schlaf und Wärme. Zusammen bilden diese Formen ein stilles Bild von erzwungener Bewegung. Sie zeigen nicht die Täter, nicht die Züge, nicht die Gewalt selbst – und doch ist all das gegenwärtig. Die Abwesenheit der Menschen macht ihre Geschichte besonders spürbar. Man sieht kein Gesicht, aber man versteht: Zu jedem Gepäckstück gehörte ein Mensch. Zu jedem Menschen gehörte ein Zuhause. Zu jedem Zuhause gehörte eine zerstörte Zukunft.

Auch die Materialien der Koffer sprechen eine eigene Sprache. Sie sind robust, wetterfest, dauerhaft. Das ist aus praktischen Gründen notwendig, weil der DenkOrt an einem stark frequentierten öffentlichen Platz steht. Zugleich hat diese Dauerhaftigkeit eine symbolische Dimension: Was die Nationalsozialisten auslöschen wollten, soll im Gedächtnis bleiben. Stein, Beton oder Metall widersprechen dem Vergessen. Sie halten aus, auch wenn die Stadt um sie herum weiterläuft. Reisende gehen vorbei, Straßenbahnen fahren, Menschen telefonieren, der Alltag nimmt seinen Lauf – und mitten darin liegen diese Koffer wie eine stille Unterbrechung. Sie mahnen dazu, nicht achtlos vorbeizugehen.

Für Würzburg selbst haben die Gepäckstücke eine zusätzliche Bedeutung. Die Stadt war nicht nur Herkunftsort deportierter jüdischer ürger, sondern auch Sammel- und Abfahrtsort für Menschen aus ganz Unterfranken. Deshalb ist der Bahnhofplatz ein Ort, an dem regionale Verantwortung sichtbar wird. Der DenkOrt sagt nicht nur: „Hier ist etwas geschehen.“ Er sagt auch: „Von hier aus wurden Menschen aus vielen Gemeinden ihrer Heimat beraubt.“ Genau darum sind die Koffer aus den Orten Unterfrankens so wichtig. Sie bringen die verstreute Geschichte zusammen, ohne sie zu vereinfachen. Jeder Koffer steht für einen Ort, aber auch für die Pflicht dieses Ortes, sich zu erinnern.

So ist der DenkOrt Deportationen 1941–1944 kein Denkmal, das fertige Antworten gibt. Er stellt Fragen: Was bleibt von einem Menschen, wenn ihm Heimat, Besitz, Rechte und schließlich das Leben genommen werden? Wie kann eine Stadt erinnern, ohne das Geschehen zu glätten? Wie lässt sich Trauer in eine Form bringen, die nicht pathetisch ist, sondern wahrhaftig? Die Koffer antworten darauf mit stiller Eindringlichkeit. Sie liegen da, als warteten sie auf Menschen, die nicht zurückkommen. Gerade diese Zurückhaltung macht sie so stark. Sie zwingen niemanden zu großen Worten, aber sie lassen auch kein Ausweichen zu.

Der DenkOrt ist deshalb ein Ort des Respekts, der Trauer und der Verantwortung. Er erinnert an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Unterfrankens, die entrechtet, verschleppt und ermordet wurden. Und er tut dies durch ein Symbol, das jeder Mensch versteht: Gepäck. Ein Koffer steht normalerweise für Reise, Hoffnung, Rückkehr, vielleicht für Ferien oder Neubeginn. Am DenkOrt Deportationen bedeutet er das Gegenteil: er steht für erzwungenen Abschied, für den Verlust von Heimat, für eine Reise ohne Wiederkehr. Gerade deshalb berühren diese Koffer so tief. Sie machen sichtbar, was nicht wiedergutzumachen ist, und sie bewahren die Erinnerung an Menschen, deren Namen, Geschichten und Würde nicht verloren gehen dürfen.

Persönlicher Nachruf auf Georg Stefan Troller

28. September 2025

Ich bin um Trauer um ein journalistisches Vorbild. Georg Stefan Troller ist im Alter von 103 Jahren in Paris gestorben – und mit ihm verlässt die Welt einen der eindringlichsten, neugierigsten und zugleich sensibelsten Journalisten ihrer Zeit. Ich durfte Troller im hohen Alter in München treffen und verneige mich vor seinem journallistischen Werk. Es hat mich inspiriert.

Trollers Leben war vom Fluch der Geschichte ebenso geprägt wie von einer fast trotzigen Hingabe zur Sprache: Geboren als jüdischer Pelzhändler-Sohn in Wien, vertrieben vom Nationalsozialismus, floh der Jugendliche 1938 mutterseelenallein über die Tschechoslowakei und Frankreich in die USA, bevor er als GI nach Deutschland zurückkehrte, das KZ Dachau miterlebte und Zeugnis ablegte für ein Jahrhundert voller Brüche.

Doch Trollers Antwort auf die Unwirklichkeit der Vertreibung war nie Resignation, sondern das Gespräch, die lebendige Begegnung, das behutsame Öffnen der Biografie des Gegenübers. Seine Fernseharbeit – legendär das „Pariser Journal“ und die „Personenbeschreibung“ im ZDF – wurde zur Schule der Empathie, zur Bühne des Menschlichen jenseits glänzender Oberflächen. Während andere am Sensationshunger der Medien rührten, suchte Troller nach den verborgenen Wunden, nach Absurdität und Wahrheit – immer mit der leisen Hoffnung, dass sich im Erzählen der Schmerz mildern lässt und Herkunft nicht mehr Fluch, sondern eigene Wahrheit sein darf. Dass er dabei strikt seine jüdische Herkunft jahrzehntelang verheimlichte – aus Furcht vor antisemitischer Ablehnung – macht seine Sendungen umso eindringlicher: denn seine Fragen galten nie nur dem Porträtierten, sie leuchteten stets in die Schatten der eigenen Geschichte. Troller starb in einer Zeit, in der der Antisemitismus in unserem Land wieder erwacht. Ich könnte kotzen.

Seine Interviewtechnik veränderte den deutschen Fernsehjournalismus nachhaltig. Er lehnte jede neutrale Distanz ab, bestand auf Subjektivität, auf der Aufrichtigkeit der eigenen Zweifel und Sehnsüchte. Der poetische Kommentar, die Montage von Bild, Wort und biografischer Erschütterung, machten seine Fernseharbeiten stilbildend – für Generationen von Kulturvermittlern, die ihm nachfolgen sollten. Vielleicht war Troller einer der ersten Blogger. Troller selbst bezeichnete den Journalismus als Mittel der Selbstrettung, der Begegnung mit Menschen als Versuch, Lebensberechtigung zu finden, dort, wo Sprache und Erinnerung ihre Heimat haben. Zu seinem 100. Geburtstag habe ich ein Video für ihn aufgenommen.

Sein Paris wurde ihm als Emigrant zum Symbol einer zweiten Geburt. Im Viertel Saint-Germain-des-Prés, im Herz der Geschichte, fand er Vergangenheit und Zukunft, die Brücken seiner eigenen Existenz. Der Verlust von 19 Angehörigen im Holocaust, die unablässige Fremdheit, wurden nie Schlusspunkt – sondern der Ausgang einer lebenslangen Reise, der Suche nach eigenen Leuten, nach dem, was Mensch-Sein jenseits aller historischen Verheerung bedeutet.

Was bleibt nach Trollers Tod, ist mehr als ein Nachruf. Es ist die Einladung, hinter Fassaden zu schauen, der Welt subtil und mitfühlend Fragen zu stellen. Sein Werk mahnt, die Verletzlichkeit in anderen zu sehen, das Gespräch zu suchen, selbst und immer wieder. Troller, der Zeitzeuge und Menschenfreund, hat mit seinen Fragen das Fernsehmedium in eine Schule der Sensibilität verwandelt und die Hoffnung hinterlassen, dass Verständigung möglich bleibt – solange Sprache, Erinnerung und Menschlichkeit nicht verstummen.

Gerne hätte ich ihn noch einmal getroffen und mit ihm über seinen Deutschland-Film gesprochen. In seinem Leben hat Troller mehr als 1.700 Interviews geführt, drehte rund 200 Filme und schrieb Drehbücher und Bücher, darunter 1988 die Autobiographie „Selbstbeschreibung“. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit mehreren Adolf-Grimme-Preisen, einer Oscar-Nominierung, Bambis und der Goldenen Kamera.

Lee Millers Sohn Anthony Penrose über die emotionale Kraft von „Die Fotografin“ im Amerika-Haus München

22. April 2025

Die Fotografin ist weit mehr als ein klassisches Biopic. Der Film zeichnet das bewegende Porträt einer außergewöhnlichen Frau – Lee Miller –, die als Kriegsfotografin, Künstlerin und Kämpferin gegen das Vergessen in die Geschichte einging. Im Amerika-Haus München fand vor kurzem eine Vorführung des Films statt. Anthony Penrose, der Sohn der berühmten Kriegsfotografin, wurde live zu einem Filmgespräch zugeschaltet.

Mit großer Sensibilität und visueller Kraft erzählt der Film nicht nur von den historischen Ereignissen, die Miller dokumentierte, sondern auch von den inneren Narben, die sie davontrug. Kate Winslet verkörpert die widersprüchliche, brillante und verletzliche Lee Miller mit beeindruckender Tiefe und Authentizität.

Im Amerika-Haus ist noch bis 31. Juli eine Ausstellung über das Werk von Lee Miller zu sehen ist. Ich habe hier darüber gebloggt. Im Zentrum des Abends stand jedoch für mich nicht nur der Film selbst, sondern das Gespräch zwischen Anthony Penrose und Julia Weigel, Co-Direktorin des Filmfests München. Penrose, der auch Ko-Direktor des Lee Miller Archivs ist, gab Einblicke in die Entstehung des Films, seine persönliche Beziehung zur Mutter – und wie beides auf unerwartete Weise zusammenfand.

Besonders spannend war die Entstehung des Fotobuchs, das die Grundlage für die Ausstellung im Amerikahaus bildet. Penrose erklärte, dass die Auswahl der Bilder bereits vor Fertigstellung des Films erfolgte: „Ich kannte das Drehbuch gut, weil ich eng mit den Autorinnen zusammenarbeitete, aber bei der Auswahl der Fotos war vieles auch einfach ein Ratespiel – und zum Glück lagen wir meistens richtig.“ Zudem sei es wichtig gewesen, gemeinsam mit dem Amerikahaus Motive auszuwählen, die einen Bezug zur Münchner Geschichte und zum lokalen Kontext haben.

Detailtreue als oberstes Prinzip
Der Film selbst basiert auf einem sehr persönlichen Buch Penroses über das Leben seiner Mutter. Er erzählte, wie Kate Winslet, die nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Produzentin des Films ist, durch die Lektüre des Buches auf Lee Miller aufmerksam wurde.

Die Arbeit am Drehbuch sei von einem hohen Maß an historischer Genauigkeit geprägt gewesen. Penrose betonte: „Kate und unsere Drehbuchautorin Marion Hume ließen nichts im Film, was wir nicht auch beweisen konnten. Selbst Details wie: Können zwei Menschen nebeneinander die Treppe in Hitlers Wohnung hochgehen? mussten wir belegen.“

Eine Anekdote zur Datierung der Aufnahmen in Dachau veranschaulichte diese Sorgfalt eindrucksvoll. Da Lee Miller ihre Aufnahmen nicht datierte, halfen ihm die Schneeverhältnisse auf den Fotos sowie Archivmaterial aus Dachau, den exakten Tag – den 30. April 1945 – zu bestimmen.

Die Kraft der Fiktion: Gespräch mit der verstorbenen Mutter
Eine besondere narrative Ebene des Films ist der fiktive Dialog zwischen Lee Miller und ihrem erwachsenen Sohn – dargestellt von Josh O’Connor.

Penrose sagte dazu: „Diese Gespräche hat es so nie gegeben – aber es sind die Fragen, die ich ihr gerne gestellt hätte, nachdem ich ihre Fotos und Manuskripte entdeckt habe. Fragen, die ich leider erst nach ihrem Tod hatte.“ Der Film wurde für ihn zu einem emotionalen Raum, in dem Versäumtes doch noch ausgesprochen werden konnte. „Es war sehr berührend für mich, diese Szenen zu sehen. Denn obwohl es Fiktion ist, spiegelte es meine inneren Prozesse wider.“

Kate Winslet als Lee Miller – mehr als Schauspiel
Mit sichtbarer Bewunderung sprach Penrose über die Zusammenarbeit mit Kate Winslet:
„Sie ist warmherzig, klug, absolut professionell – und sie wollte Lee wirklich verstehen. Dafür verbrachte sie Wochen im Archiv, las Briefe, Manuskripte, betrachtete Fotos. Sie hat sich nicht auf mein Urteil verlassen, sondern ist selbst zur Quelle gegangen.“

Der Moment, als Penrose sie zum ersten Mal als alte Lee Miller auf der Leinwand sah, war für ihn überwältigend: „Es war, als ob meine Mutter plötzlich vor mir stand. Die Stimme, die Mimik, die Gesten – alles stimmte. Ich war völlig verwirrt: Ist das meine Mutter? Nein, es ist Kate. Oder doch nicht?“ Diese Erfahrung beschrieb er als tief emotional – als eine Begegnung mit seiner Mutter, die er so zu Lebzeiten nie hatte.

Vom Konflikt zur Versöhnung
Penrose schilderte auch die schwierige Beziehung, die er über viele Jahre zu seiner Mutter hatte. Lee Miller litt nach dem Krieg an posttraumatischer Belastungsstörung, Depressionen und Alkoholismus. „Die Frau, mit der ich aufwuchs, war eine ganz andere als die junge, kraftvolle Frau, die wir im Film sehen“, sagte er.

Die Beziehung war über lange Zeit von Konflikten geprägt – aber kurz vor ihrem Tod fanden Mutter und Sohn wieder zueinander. „Wir wurden keine klassische Mutter-Sohn-Beziehung, aber wir wurden Freunde.“ Erst durch das Schreiben ihrer Biografie, das Studium ihrer Werke – und letztlich durch Kate Winslets Darstellung – habe er seine Mutter wirklich verstehen und sogar lieben gelernt: „Ich hatte dieses Gefühl nie zuvor. Aber durch Kate habe ich meine Mutter bekommen. Und darauf bin ich sehr stolz.“

Eine Einladung zur Begegnung
Zum Abschluss wandte sich Penrose direkt an das Publikum und stimmte auf den Film ein:
„Sie werden vielleicht nicht mit einem Lächeln aus dem Film kommen – aber ich hoffe, Sie werden das Gefühl haben, meiner Mutter begegnet zu sein. Und dass sie in Ihrer Vorstellung weiterlebt. Denn sie ist es wert, gekannt zu werden.“

Auftritt als Komparse
Penrose erklärte in dem Interview, dass er im Film als Komparse zu sehen ist. Er spielt einen Dachau-Häftling – in einer kurzen, aber für ihn sehr bedeutungsvollen Szene. Er hatte sich bewusst diese Rolle gewünscht: „Ich bin der erste Gefangene, den man sieht – in gestreifter Kleidung, an ein Fenster gelehnt, mit einem sehr traurigen Blick. Es war emotional überwältigend für mich.“ Diese Szene war für ihn besonders bewegend, da sie mit einem historischen Ort und mit den Fotografien seiner Mutter verbunden ist. Die Kulisse war so detailgetreu rekonstruiert, dass Penrose den Eindruck hatte, die Fotos seiner Mutter seien zum Leben erwacht.

Gedenktag an die Opfer des Holocaust

27. Januar 2021

Der 27. Januar ist der Gedenktag an die Millionen Opfer des Holocaust. Es darf nie vergessen werden, was damals geschah. „Nie wieder“ lautet das Motto.

Schindlers Liste – als Buch und Film sehr bewegend.

In meiner Jugend wurde ich als Schüler mit den Schicksalen der Opfer konfrontiert, hörte mir Zeitzeugen und sprach mit ihnen. Viele sind heute verstorben und dennoch darf der Holocaust niemals vergessen werden. Antisemitismus, Rassismus und Extremismus jeglicher Couleur sind eine immerwährende Gefahr.

Als Erinnerung und Mahnung nutze ich heute das Medium Film, um an die Opfer und die Verbrechen zu erinnern. Als Kind sah ich zusammen mit meinen Eltern die TV-Serie Holocaust, die uns erschütterte. Heute wähle ich die Steven Spielberg-Verfilmung Schindlers Liste. Ich habe schon vergangenes Jahr an gleicher Stelle über Schindlers Liste geschrieben und will mich nicht wiederholen. Nur soviel: Es ist ein wichtiger Film und gerade Jugendliche kann ich mit dem Medium Film auf die Herausforderung aufmerksam machen. „Nie wieder“ darf sich der Holocaust wiederholen. Heute Abend habe ich ein Webinar zum Thema Hatespeech und da werde ich das Thema auch ansprechen.

Holocaust-Gedenktag 2019: Auschwitz in 360 Grad

27. Januar 2019

Foto: Lange

Foto: Lange

Heute ist der Holocaust Gedenktag und bei einem Spaziergang dachte ich über dieses und andere Verbrechen der Nazis nach. Ich erinnerte mich an meinen Besuch in Auschwitz und welche Gefühle des Schreckens damals bei mir zu Tage kamen. Ich habe in der Schule und in meinem privaten Umfeld viel über Auschwitz und die Gräuel gehört, aber selbst an dem Ort des Verbrechens zu sein, ist noch einmal etwas anderes. Nie wieder, nie wieder darf sich so etwas wiederholen und nie dürfen wir vergessen. Gerade dem Erstarken des Nationalismus muss sich jeder Demokrat und jeder Mensch entschlossen entgegen stellen. 

Foto: Lange

Foto: Lange

Bei meinen Gedanken über Auschwitz kam mir ein Besuch der re:publica 2017 in den Sinn. Diese Social-Media-Messe re17 stand damals unter dem Motto Love out loud. Am letzten Messetag wanderte ich mit einer Freundin durch die Hallen und wir kamen zu einer Aktionsbühne, hörten uns auf Kissen Vorträge an und genossen den Tag. Im ersten Stock gab es zahlreiche VR-Vorführungen. Ich mag das Thema VR, drehe selbst 360 Grad Videos und es galt die coolen Sachen auszuprobieren. Dann kamen wir zum Stand des WDR. Dort war es mit dem Fun und der Coolness vorbei. Es gab die 360 Grad Version von Auschwitz. 

Zu sehen gab es die Doku Inside Auschwitz, die 2017 für den Grimme Preis normiert war. Der WDR zeigt mit seiner 360-Grad Dokumentation eine neue Sichtweise auf das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Ein Journalisten-Team besuchte den historischen Ort und erzählt die Geschichten von drei überlebenden Frauen.

Anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 veröffentlichte der WDR die weltweit erste 360°-Doku über das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Der User kann seine eigene Perspektive wählen, um die Monstrosität des Lagers zu erfassen.

Ich habe es ausprobiert und war erschüttert. Die Gefühle von meinem Besuch in Auschwitz kamen wieder hoch und am heutigen Tag habe ich mir die zehnminütige Dokumentation nochmals angesehen. Niemals dürfen wir vergessen.

 

 

Erinnerung an die Pogromnacht 1938

9. November 2017

Vergessen wir unsere Vergangenheit? Nein, ein klares Nein, ich zumindest nicht. Für mich ist es wichtig, meinen Kindern Geschichte weiterzugeben, denn aus der Geschichte lernen wir. Daher war es für mich heute wichtig, an die Pogromnacht 1938 in Deutschland zu erinnern. Niemals wieder darf so etwas passieren und dennoch begegne ich heute einen Hass auf der Straße und im Netz, den ich nicht für möglich gehalten hätte. Immer wieder stoße ich auf eine Neiddiskussion, auf eine Unzufriedenheit, auf ein Geschwätz von oben und unten.
Heute wurde es mir wieder bewusst, wie wichtig an die Erinnerung an die Pogromnacht von 1938 ist. Und ich habe an verschiedene persönliche Ereignisse gedacht: Mir sind spontan zwei Ereignisse eingefallen: Zum einen der Besuch in der neuen Synagoge in München, zum anderen das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin.

Synagoge in München
Mit meiner Frau besuchte ich im Frühjahr diesen Jahres die Synagoge in München. Das Jüdische Zentrum München ist das Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern in der Altstadt Münchens. Zu ihm zählen die im November 2006 geweihte Hauptsynagoge Ohel Jakob, ein Kultur- und Gemeindehaus mit Versammlungsräumen, Schule, Kindergarten, Jugendzentrum und Restaurant sowie das Jüdische Museum. Ich hatte das Haus zu seiner Eröffnung besucht und mir war es wichtig, das Gemeindezentrum zusammen mit meiner Frau zu besuchen und den Erklärungen zu lauschen. Die Münchner Bauwerke befinden sich am Sankt-Jakobs-Platz zwischen der Schrannenhalle, dem katholischen Kloster der Armen Schulschwestern mit angegliederter Kirche St. Jakob und dem Oberanger.


Wikipedia beschreibt das Innere der Synagoge wie folgt: „Der Sockel der 28 Meter hohen Synagoge, die 585 Sitzplätze aufweist, erinnert an die Klagemauer, den einzig erhaltenen Teil des Jerusalemer Tempels. Darüber thronen – in einem quaderförmigen Oberlicht – ineinander verschachtelte Davidsterne aus Stahl. Sie sind verglast und mit einem bronzefarbenen Metallnetz verhängt. Das Oberlicht soll tagsüber Licht einlassen und nachts Licht in die Umgebung abgeben. Die einfallenden Sonnenstrahlen werden mehrfach gebrochen und tauchen das Innere der Synagoge, das mit Zedernholz aus dem Libanon und hellem Jerusalem-Stein verkleidet ist, in warmes Licht.

Der Glasaufbau deutet ein Zelt an, das die 40-jährige Wanderung der Juden durch die Wüste Sinai symbolisiert. Das sechs Meter hohe Portal wurde in Budapest gefertigt. Darauf stehen (von oben nach unten, von links nach rechts) die ersten zehn Buchstaben des hebräischen Alphabets, das auf hebräisch auch zum Zählen benutzt wird; sie erinnern damit an die Zehn Gebote.


Für mich haben die Räume eine würdevolle Atmosphäre. Ich verstehe die umfangreichen sichtbaren und unsichtbaren Sicherheitsmaßnahmen vor der Synagoge und zugleich widert es mich an, dass ich so ein Haus vor hirnlosen Deppen beschützen muss. Mir war es wichtig für mein Verständnis des Judentums, dieses Haus einmal zu besuchen. Und – nur so nebenbei – das Essen im Restaurant ist wirklich gut. Bei der Besichtigung war es mir wichtig, dass meine Frau und ich Hand in Hand durch den Gang der Erinnerung gehen. In einem 32 Meter langen, unterirdischen Gang der Erinnerung zwischen dem Gemeindezentrum und der Synagoge sind rund 4500 Namen von Münchner Juden verewigt, die während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. 4500 Namen, 4500 Schicksale – es hat mich schwer erschüttert.

Holocaust-Mahnmal
Wenn ich in Berlin bin und es meine Zeit erlaubt, besuche ich das Mahnmal in Berlin für die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten im Holocaust ermordeten Juden. Das Mahnmal hat nicht direkt mit der Pogromnacht zu tun, aber ist für mich ein wichtiges Denkmal. Das Mahnmal, das von Peter Eisenman entworfen wurde und aus 2711 Beton-Stelen besteht, wurde zwischen 2003 und Frühjahr 2005 auf einer rund 19.000 Quadratmeter großen Fläche in der Nähe des Brandenburger Tors errichtet. Ich sehe immer wieder Jugendliche, die mit Selfies in dem Steinmeer posieren und es ist natürlich geschmacklos.


Anfang 2017 kam es zu einer von den Medien stark beachteten Aktion von Shahak Shapira. Er zeigte in seinem Projekt Yolo­caust den leichtfertigen Umgang mit dem Denkmahl. Er kombinerte Selfies, die am Mahnmal geschossen wurden, mit historischen Fotos von Konzentrationslagern und Massengräbern. Die Reaktion war enorm.