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Meine Vinyl-Käufe im Mai

31. Mai 2026

Live Lockdown von Andy Fairweather Low and the Low Riders
Mit Live Lockdown zeigen Andy Fairweather Low & The Low Riders eindrucksvoll, dass echte Live-Atmosphäre auch in Zeiten geschlossener Clubs funktionieren kann. Das 2021 veröffentlichte Doppelalbum entstand während eines gestreamten Konzerts im Londoner Hideaway Club im September 2020 – mitten in der Pandemie und ohne klassisches Publikum. Gerade daraus zieht die Aufnahme ihre besondere Stimmung.

Musikalisch bewegt sich das Album souverän zwischen Blues, Soul, Rhythm & Blues und entspanntem Roots-Rock. Fairweather Low verzichtet auf große Effekte und setzt stattdessen auf Groove, Spielfreude und die enorme Qualität seiner Band. Stücke wie „Sweet Soulful Music“, „Spider Jiving“, „Wide Eyed And Legless“ oder „If Paradise Is Half As Nice“ verbinden nostalgischen Charme mit erstaunlicher Frische.

Besonders überzeugend ist die lockere, warme Atmosphäre. Obwohl das Konzert ursprünglich für ein virtuelles Publikum gespielt wurde, wirkt nichts steril oder distanziert. Die Low Riders spielen mit Eleganz und Zurückhaltung, während Fairweather Low seine Songs mit trockenem Humor und lässiger Gelassenheit präsentiert. Seine Stimme mag heute rauer klingen als früher, doch genau das verleiht den Interpretationen Glaubwürdigkeit und Charakter.

Auch die Songauswahl funktioniert hervorragend. Neben bekannten Titeln aus der Amen-Corner-Ära und seiner Solokarriere gibt es Blues- und Soulklassiker, die perfekt zu seinem Stil passen. Das Album lebt weniger von spektakulären Höhepunkten als von konstant hoher musikalischer Qualität und entspannter Klasse.

Live Lockdown ist deshalb kein modernes Hochglanz-Livealbum, sondern vielmehr eine stilvolle, intime Momentaufnahme eines erfahrenen Musikers, der nichts mehr beweisen muss. Gerade diese Unaufgeregtheit macht die Aufnahme so sympathisch – warmherzig, musikalisch souverän und voller britischer Blues- und Soultradition.

Five Live Yardbirds von The Yardbirds
Mit Five Live Yardbirds veröffentlichten The Yardbirds 1964 eines der rohesten und einflussreichsten Live-Alben der britischen Bluesrock-Ära. Aufgenommen im legendären Marquee Club in London, dokumentiert die Platte die Band in ihrer frühen Hochphase – mit einem jungen Eric Clapton an der Gitarre, lange bevor er zum Weltstar wurde.

Das Album klingt weder geschniegelt noch perfekt produziert – genau darin liegt seine Stärke. Die Yardbirds spielen amerikanischen Blues und Rhythm & Blues mit einer wilden, fast aggressiven Energie. Stücke wie „Smokestack Lightning“, „I’m a Man“ oder „Too Much Monkey Business“ entwickeln sich zu fiebrigen Improvisationen voller Tempo, Spannung und sogenannter „Rave-Ups“, jener ekstatischen Instrumentalpassagen, die später zahlreiche Rockbands beeinflussen sollten.

Eric Claptons Gitarrenspiel ist dabei zwar prägend, aber nie selbstverliebt. Die Band funktioniert als Einheit: Keith Relfs rauer Gesang und die treibende Rhythmusgruppe verleihen den Songs eine clubartige Direktheit, die heute fast dokumentarisch wirkt. Gerade deshalb gilt Five Live Yardbirds vielen Kritikern rückblickend als eines der ersten wirklich bedeutenden Live-Rockalben überhaupt. AllMusic bezeichnete es sogar als „essential live album“ der britischen Rockbewegung der Sechzigerjahre.

Natürlich hört man dem Album sein Alter an. Der Sound ist rau, teilweise übersteuert und weit entfernt von moderner Live-Produktion. Doch genau diese Ungeschliffenheit transportiert die Atmosphäre eines verschwitzten Londoner Clubs besser als viele technisch perfekte Konzertmitschnitte. Five Live Yardbirds ist weniger ein Hochglanzalbum als vielmehr ein explosiver Schnappschuss jener Zeit, in der britischer Bluesrock gerade dabei war, die Rockmusik zu revolutionieren.

Hergest Ridge Demo von Mike Oldfield
Mit den Hergest Ridge 1974 Demo Recordings öffnet Mike Oldfield ein faszinierendes Fenster in die Entstehung seines zweiten großen Werkes nach Tubular Bells. Die Aufnahmen zeigen das Album noch im Rohzustand – weniger poliert, oft reduzierter instrumentiert, dafür unmittelbarer und erstaunlich intim.

Gerade darin liegt der besondere Reiz dieser Demo-Versionen. Wo das spätere Studioalbum teilweise orchestrale Breite und dichte Klangschichten entwickelt, wirken die Demos deutlich transparenter. Viele Passagen entfalten eine fast pastorale Ruhe: akustische Gitarrenfiguren, schwebende Orgeln und hypnotische Wiederholungen erzeugen eine meditative Stimmung, die den Hörer direkt in die hügelige Landschaft von Herefordshire versetzt, nach der das Werk benannt wurde.

Besonders spannend ist zu hören, wie Ideen entstehen und sich entwickeln. Manche Themen erscheinen hier noch skizzenhaft, andere wiederum besitzen bereits jene typische melancholische Schönheit, die Oldfields frühe Siebzigerjahre-Alben so einzigartig macht. Die Demo-Aufnahmen wirken weniger monumental als die spätere LP, dafür persönlicher und näher am Komponisten selbst – fast so, als säße man mit Oldfield allein im Studio während der kreativen Suche.

Auch klanglich besitzen die Aufnahmen ihren eigenen Charme. Das leicht raue Tape-Gefühl und die unfertige Struktur verleihen dem Material Authentizität. Für Gelegenheitshörer mögen die Demos manchmal unfokussiert wirken, doch für Fans von Oldfields Frühwerk sind sie eine Schatzkammer voller Details, Atmosphären und alternativer musikalischer Wege.

So sind die Hergest Ridge 1974 Demo Recordings weniger ein klassisches Album als vielmehr ein musikalisches Tagebuch – ein seltenes Dokument eines jungen Mike Oldfield auf dem Weg zu einem seiner poetischsten Werke.

No Reason to Cry von Eric Clapton
Eric Clapton veröffentlichte No Reason to Cry 1976 – ein Album, das oft im Schatten des späteren Erfolgswerks Slowhand steht, aber gerade deshalb seinen eigenen Reiz entfaltet. Eingespielt wurde die Platte in den Shangri-La-Studios von The Band in Malibu, gemeinsam mit einer beeindruckenden Musiker-Runde um Bob Dylan, Ron Wood und mehreren Mitgliedern von The Band.

Die Stärke des Albums liegt weniger in großen Hits als in seiner entspannten, fast nächtlichen Atmosphäre. Clapton klingt gelöst und unaufgeregt, bewegt sich zwischen Blues, Country-Rock und amerikanischem Roots-Sound. Songs wie „Hello Old Friend“, „Sign Language“ oder „All Our Past Times“ leben von ihrer Wärme und musikalischen Natürlichkeit. Besonders „Sign Language“, das Dylan mitgeschrieben und mitgesungen hat, gehört zu den heimlichen Höhepunkten der Platte.

Kritiker beschrieben das Album häufig als Jam-Session unter Freunden – charmant, aber manchmal auch etwas ziellos. Der Rolling Stone sprach eher von einem „Mélange als Meisterwerk“, während AllMusic vor allem die Zusammenarbeit mit The Band hervorhob.

Gerade diese Lockerheit macht No Reason to Cry heute aber interessant: Das Album wirkt intim, organisch und frei von kommerziellem Druck. Es ist kein Gitarren-Feuerwerk und kein Klassiker vom Format eines Layla oder Slowhand, sondern eher ein musikalisches Treffen Gleichgesinnter – warm, melancholisch und voller amerikanischer Westcoast-Stimmung der 70er Jahre. Für viele Fans gehört genau das zu seinem besonderen Charme.

Ossiach Live
Das Album Ossiach Live ist ein besonderer Meilenstein in der Geschichte von Tangerine Dream – obwohl es streng genommen kein reguläres Tangerine-Dream-Album ist. Die 1971 erschienene Dreifach-LP dokumentiert das experimentelle Musikfestival in Ossiach in Österreich und vereint unterschiedlichste Künstler zwischen Jazz, Avantgarde, Weltmusik und elektronischer Klangkunst.

Für Tangerine Dream ist die Veröffentlichung deshalb so bedeutend, weil darauf mit „Oszillator Planet Concert“ die erste offiziell veröffentlichte Live-Aufnahme der Band enthalten ist. Das Stück wurde am 29. Juni 1971 aufgenommen – in einer frühen Phase der Gruppe mit Edgar Froese, Christopher Franke und Peter Baumann.

Musikalisch zeigt der Titel die rohe, improvisierte Frühphase der Band: flächige Orgeln, elektronische Geräusche, freie Strukturen und psychedelische Klangexperimente prägen die Aufnahme. Der typische sequenzergesteuerte „Berlin School“-Sound der späteren Jahre ist hier erst in Ansätzen zu hören. Gerade deshalb besitzt das Stück heute Kultstatus unter Fans der sogenannten „Pink Years“ von Tangerine Dream.

Das komplette Ossiach Live-Set galt lange als Rarität. Erst Jahrzehnte später tauchten verschiedene CD-Ausgaben auf, die allerdings teilweise als inoffizielle beziehungsweise „Grey Market“-Veröffentlichungen eingestuft wurden.

Rückblickend dokumentiert Ossiach Live eine Zeit, in der Tangerine Dream noch zwischen Krautrock, Avantgarde und freier Elektronik experimentierten – kurz bevor mit Alben wie Zeit oder später Ricochet ihr weltbekannter elektronischer Stil entstand.

Radio-Aktivität / Radio-Activity von Kraftwerk
Mit Radio-Aktivität veröffentlichten Kraftwerk 1975 ein Album, das rückblickend wie ein Scharnier im Werk der Düsseldorfer wirkt. Nach Autobahn war klar, dass Ralf Hütter und Florian Schneider mehr wollten als bloße elektronische Experimente: Sie arbeiteten an einer eigenen Klangsprache, kühl, reduziert, deutsch, modern. Radio-Aktivität ist dabei weniger unmittelbar eingängig als der Vorgänger, aber konzeptionell vielleicht noch radikaler.

Der Titel ist doppeldeutig: Radioaktivität als atomare Strahlung und Radio-Aktivität als Sendung, Empfang, Äther, Kommunikation. Diese Ambivalenz zieht sich durch das ganze Album. Schon das eröffnende „Geiger Counter“ tickt bedrohlich, bevor „Radioactivity“ mit seiner fast sakralen Melodie einsetzt. Der Song klingt wie ein Kinderlied aus dem Atomzeitalter: einfach, schön, unheimlich. Genau darin liegt die Kraft des Stücks. Kraftwerk moralisieren nicht laut, sie inszenieren eine Atmosphäre, in der Technik zugleich Verheißung und Gefahr ist.

Musikalisch ist das Album karger und fragmentarischer als Autobahn. Viele Stücke sind Miniaturen, Übergänge, Klangbilder: „Radioland“, „Airwaves“, „Intermission“, „News“, „The Voice of Energy“. Das wirkt beim ersten Hören spröde, fast unfertig. Doch gerade diese Kürze macht das Album zu einer Art Hörspiel über Medien, Energie und moderne Wahrnehmung. Radiosignale, Stimmen, Rauschen, elektronische Pulse und monotone Melodien formen eine Welt, in der der Mensch zunehmend durch Apparate spricht.

Nicht alles besitzt die zwingende Prägnanz späterer Kraftwerk-Alben wie Trans Europa Express, Die Mensch-Maschine oder Computerwelt. Manche Passagen bleiben eher Skizze als Song. Doch Radio-Aktivität ist ein wichtiges Zwischenwerk: Es verabschiedet sich stärker vom Krautrock-Erbe und nähert sich jener maschinellen Eleganz, die Kraftwerk später perfektionieren sollten.

Besonders faszinierend ist die emotionale Temperatur des Albums. Kraftwerk klingen hier nicht kalt im Sinne von gefühllos, sondern distanziert wie Beobachter einer neuen Epoche. Die Melancholie steckt in der Reduktion. Wenn Stimmen aus dem Radio auftauchen oder Synthesizerflächen wie ferne Signale schweben, entsteht eine fast poetische Einsamkeit. Das Album beschreibt keine Zukunft voller Lärm, sondern eine Zukunft des leisen Summens.

Radio-Aktivität ist kein perfektes Popalbum, aber ein visionäres Konzeptalbum. Es verlangt Geduld, belohnt aber mit einer einzigartigen Mischung aus technischer Faszination, unterschwelliger Bedrohung und minimalistischer Schönheit. Wer Kraftwerk nur über ihre großen Hits kennt, findet hier ein stilleres, dunkleres, experimentelleres Werk – und eines, das gerade wegen seiner Strenge bis heute nachhallt.

Dressed to Kill von Pino Donaggio
Der Soundtrack zu Brian De Palmas „Dressed to Kill“ von 1980 ist ein Paradebeispiel dafür, wie stark Musik die Wahrnehmung eines Thrillers prägen kann. Komponist Pino Donaggio knüpft hörbar an die Tradition Bernard Herrmanns an, vor allem an dessen Arbeiten für Alfred Hitchcock, ohne dabei bloß zu kopieren. Die Musik ist elegant, nervös, verführerisch und bedrohlich zugleich. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass der Film zwischen Erotik, Suspense und psychologischem Albtraum schwebt.

Besonders auffällig ist der starke melodramatische Ton. Donaggio arbeitet mit schwelgenden Streicherflächen, düsteren Motiven und plötzlichen Spannungsakzenten. Dadurch bekommt der Film eine fast opernhafte Qualität: Die Figuren wirken weniger realistisch als vielmehr gefangen in einem Spiel aus Begehren, Angst und Gewalt. Gerade in den wortarmen oder rein visuellen Sequenzen entfaltet die Musik ihre größte Wirkung. Sie kommentiert nicht nur das Geschehen, sondern treibt es emotional voran.

Gleichzeitig ist der Soundtrack bewusst überhöht. Wer eine zurückhaltende, moderne Thriller-Musik erwartet, könnte Donaggios Komposition als zu pathetisch empfinden. Doch genau diese Überzeichnung passt zu De Palmas Stil, der ebenfalls mit Spiegelungen, Zitaten, voyeuristischen Blicken und filmischer Künstlichkeit arbeitet. Die Musik macht aus „Dressed to Kill“ keinen nüchternen Kriminalfilm, sondern ein stilisiertes, fiebriges Genrestück.

Insgesamt ist Pino Donaggios Soundtrack ein großer Gewinn für den Film. Er ist sinnlich, dramatisch und unheilvoll, manchmal vielleicht etwas zu dick aufgetragen, aber stets wirkungsvoll. Als Filmmusik funktioniert er hervorragend, weil er die Spannung nicht nur begleitet, sondern die innere Nervosität des Films hörbar macht.

Bedside Companion von Nash the Slash
„Bedside Companion“ von Nash the Slash ist kein bequemes Album im klassischen Sinn, sondern ein eigenwilliges, düster schillerndes Stück elektronisch geprägter Avantgarde-Rockgeschichte. Die Musik wirkt wie ein Soundtrack zu einem Film, den man nur im Kopf sieht: fiebrig, kantig, nervös und zugleich von einer seltsamen Eleganz getragen. Nash the Slash verbindet elektrische Violine, Mandoline, Synthesizer und experimentelle Klangflächen zu einer Atmosphäre, die zwischen Progressive Rock, New Wave, früher Elektronik und unheimlicher Filmmusik pendelt. Gerade diese Mischung macht den Reiz der Platte aus.

Die Stücke entfalten weniger durch klassische Songstrukturen als durch Stimmungen und Spannungsbögen ihre Wirkung. „Fever Dream“ trägt den passenden Titel: Die Musik klingt traumartig, aber nie beruhigend, eher wie ein nächtlicher Gang durch fremde Räume. Auch „Masquerade“ und „Blind Windows“ arbeiten mit einer theatralischen, fast maskenhaften Künstlichkeit, die gut zur späteren Bühnenfigur Nash the Slash passt. Man hört hier einen Künstler, der sich nicht um Konventionen bemüht, sondern um eine eigene Klangsprache.

Für Hörer, die eingängige Melodien oder klare Rocknummern erwarten, kann „Bedside Companion“ sperrig wirken. Die EP fordert Aufmerksamkeit und lebt von Wiederholungen, Klangfarben und einer gewissen Kälte. Doch gerade darin liegt ihre Stärke. Sie ist atmosphärisch dicht, originell und ihrer Zeit voraus. Nash the Slash zeigt sich hier als musikalischer Außenseiter mit starkem Gespür für Drama, Klang und Irritation.
„Bedside Companion“ ist ein kurzes, aber markantes Werk zwischen Avantgarde, Elektronik und düsterem Kopfkino. Nicht leicht zugänglich, aber faszinierend – ein Album für Hörer, die Musik nicht nur konsumieren, sondern erkunden wollen.

„Der Kommissar – Music from the Original TV-Series 1969–1972“ von Peter Thomas
Das Album „Der Kommissar – Music from the Original TV-Series 1969–1972“ von Peter Thomas beziehungsweise dem Peter Thomas Sound Orchester ist eine reizvolle Wiederentdeckung deutscher Fernseh- und Krimimusik. Die Veröffentlichung würdigt erstmals gebündelt Thomas’ Arbeit für die ZDF-Serie „Der Kommissar“, zu der er Musik für 22 Folgen beisteuerte. Stilistisch reicht das Material von klassischer Spannungsmusik über Beat, Soul und Jazz-Anklänge bis zu experimentellen Soundcollagen.

Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz des Albums aus. Peter Thomas komponiert nicht nur funktionale Begleitmusik, sondern kleine, pointierte Klangminiaturen, die sofort Bilder erzeugen: nächtliche Straßen, verrauchte Bars, Großstadtmelancholie, Verbrechen, Verdacht und psychologische Unruhe. Viele Stücke sind sehr kurz, oft kaum länger als eine Minute, doch sie besitzen eine erstaunliche Prägnanz. Titel wie „The World Is Gone“, „Corinna“, „Papierblumenmörder“ oder „Tod am Bahndamm“ zeigen, wie stark Thomas mit knappen Motiven Atmosphäre schaffen konnte.

Das Album lebt weniger von großen Melodien als von Stimmungen, Farben und rhythmischer Raffinesse. Beat-Elemente und elegante Orchesterflächen treffen auf schräge Effekte und eine typisch späte Sechzigerjahre-Moderne. Man hört darin nicht nur Krimispannung, sondern auch Zeitkolorit: ein Deutschland zwischen Wirtschaftswunder-Nachhall, urbaner Nervosität und beginnender gesellschaftlicher Veränderung. Dass „Der Kommissar“ als wichtige deutsche Fernsehserie gilt, wird durch diese Musik nachvollziehbar; sie verleiht dem Format Stil, Kühle und eine eigene akustische Identität.

Als reines Höralbum hat die Zusammenstellung allerdings auch Grenzen. Die Kürze vieler Tracks und ihr Ursprung als Szenenmusik führen dazu, dass manche Stücke eher wie Skizzen oder Schlaglichter wirken als wie vollständig ausgearbeitete Kompositionen. Wer ein geschlossenes Album mit durchgehender Dramaturgie erwartet, könnte den Charakter der Sammlung als sprunghaft empfinden. Doch genau diese Fragmentierung gehört auch zum Charme: Es ist Musik wie aus Aktennotizen, Verhörzimmern und Schwarzweißbildern.

Insgesamt ist „Der Kommissar“ ein starkes Dokument der deutschen Soundtrack-Kultur und ein Beleg für Peter Thomas’ enorme stilistische Beweglichkeit. Das Album zeigt einen Komponisten, der Fernsehen nicht als Nebenprodukt behandelte, sondern als Experimentierfeld für präzise, eigenwillige und oft überraschend moderne Musik. Für Freunde von Krimi-Soundtracks, Library Music und deutscher Fernsehgeschichte ist diese Veröffentlichung sehr empfehlenswert.

RSD-2021-Vinyl Bob Dylan – Jokerman / I And I (The Reggae Remix EP)
Die Veröffentlichung ist zunächst ein reizvoller Sammler-Gegenstand: eine 12”-EP zum Record Store Day 2021, limitiert auf 7.000 Exemplare, erschienen bei Legacy, mit vier Doctor-Dread-Remixen: „Jokerman“, „Jokerman – Instrumental Dub“, „I And I“ und „I And I – Reggae Dub“. Der Ansatz ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn die Originalversionen stammen vom Album Infidels, auf dem Sly & Robbie als Rhythmussektion beteiligt waren — also Musiker, deren DNA tief im Reggae und Dub liegt.

Musikalisch ist die Platte aber eher Kuriosum als zwingende Neuinterpretation. Der Reggae-Groove legt sich zwar organisch unter „Jokerman“, doch gerade bei diesem Song ist Dylans Originalspannung entscheidend: die leicht unheimliche Offenheit, das Prophetische, das Rätselhafte. Der Remix glättet davon einiges. Wo das Original schillert und flirrt, wirkt die RSD-Version stellenweise etwas zu gemütlich, fast zu eindeutig. Der Dub-Mix ist interessanter, weil er den Song stärker dekonstruiert und Raum, Bass und Echo nach vorne rückt — aber auch hier bleibt die Frage, ob der Eingriff wirklich neue Tiefen freilegt oder eher ein schönes Effektgewand über einen ohnehin großen Song legt.

Bei „I And I“ funktioniert die Idee etwas besser. Der stoische, dunkle Charakter des Stücks verträgt die Dub-Behandlung gut; Bass und Hall betonen die innere Schwere des Songs. Allerdings waren die beiden „I And I“-Remixe bereits 2003 auf Is It Rolling Bob: A Reggae Tribute To Bob Dylan erschienen, während die „Jokerman“-Remixe für diese EP neu beauftragt und zuvor unveröffentlicht waren.  Dadurch fühlt sich die Platte ein wenig halb neu, halb Archiv-Verwertung an.

Als Vinyl-Veröffentlichung hat sie dennoch Charme: 12”-Format, überschaubare Tracklist, klares Konzept, Sammlerwert. Wer Dylan-Raritäten, Dub-Versionen oder RSD-Sonderpressungen mag, bekommt ein hübsches Nischenstück. Wer aber eine essentielle Dylan-Veröffentlichung erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Es ist keine Offenbarung, sondern eine interessante Fußnote: respektvoll gemacht, rhythmisch angenehm, aber nicht stark genug, um die Originale ernsthaft herauszufordern.

Nosferatu: The Call Of The Deathbird von Jozef Van Wissem
Jozef Van Wissem ist kein Musiker, der Horror mit grellen Effekten ausbuchstabiert. Auf Nosferatu: The Call Of The Deathbird nähert sich der niederländische Lautenist und Komponist F. W. Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu von 1922 mit einer Mischung aus Laute, Elektronik, Beats, E-Gitarre und verfremdeten Vogelgeräuschen. Das Album erschien am 31. Oktober 2022 bei Incunabulum Records und ist in sechs Akte gegliedert.

Schon diese Anlage macht deutlich: Van Wissem komponiert keine gefällige Begleitmusik, sondern eine eigene Schattenarchitektur. Die Laute, sein zentrales Instrument, wirkt hier nicht historisierend oder dekorativ, sondern spröde, streng und unheimlich nah. Ihre gezupften Figuren legen ein asketisches Fundament, über dem sich nach und nach elektronische Drones, dunkle Verzerrungen und eine beinahe rituelle Schwere ausbreiten.

Der besondere Reiz dieser Musik liegt in ihrem langsamen Übergang von Stille zu Bedrohung. Van Wissem selbst beschreibt die Entwicklung des Soundtracks als Bewegung „from silence to noise“, die am Ende in dichter, langsamer Schwere kulminiert; auch die Bandcamp-Beschreibung verweist auf verzerrte Aufnahmen ausgestorbener Vögel und eine Entwicklung hin zu gotischem Horror.  Das hört man dem Album an: Die ersten Stücke tasten sich noch vorsichtig voran, fast karg und kontemplativ. Doch je weiter die sechs Akte fortschreiten, desto stärker verdunkelt sich der Klangraum.

Besonders wirkungsvoll ist, dass Nosferatu nicht auf Schock setzt. Die Musik kriecht eher, als dass sie springt. Sie erzeugt Spannung durch Wiederholung, Reduktion und minimale Verschiebungen. In den besten Momenten klingt sie wie ein altes Gebet, das in eine moderne Verstärkeranlage geraten ist. Die Laute steht dabei für eine vormoderne, fast sakrale Welt; die Elektronik und E-Gitarre reißen diese Welt auf und lassen etwas Kaltes, Körperloses eindringen.

Das lange „Nosferatu, Act 5“, mit knapp 18 Minuten der zentrale Schlussblock des Albums, bündelt diese Qualitäten am stärksten. Hier wird aus der anfänglichen Strenge ein schwerer, dunkler Sog. Die Musik braucht Geduld, belohnt diese aber mit einer Atmosphäre, die tatsächlich filmisch wirkt, ohne bloß illustrativ zu sein. Man muss Murnaus Film nicht vor Augen haben, um die Bilder zu spüren: Schatten, starre Fenster, langsame Bewegungen, ein Unheil, das nicht plötzlich erscheint, sondern schon die ganze Zeit im Raum war.

Gleichzeitig ist genau diese Konsequenz auch die Grenze des Albums. Wer melodische Entwicklung, klare Themen oder klassische Soundtrack-Dramaturgie erwartet, wird mit The Call Of The Deathbird möglicherweise fremdeln. Die Stücke sind weniger Songs als Zustände. Van Wissem arbeitet mit Askese, Wiederholung und klanglicher Verdichtung. Das macht die Platte faszinierend, aber nicht leicht zugänglich.

Im Vergleich zu vielen modernen Horror-Soundtracks wirkt Nosferatu deshalb bemerkenswert eigenständig. Es klingt weder nach Retro-Synth-Nostalgie noch nach orchestraler Schauerromantik. Stattdessen verbindet Van Wissem frühe Musik, Dark Ambient, Drone und experimentellen Rock zu einer düsteren Meditation über Tod, Verfall und Verführung. Dass er 2013 für Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive den Cannes Soundtrack Award erhielt, passt als biografischer Hinweis gut ins Bild: Van Wissem versteht das Unheimliche nicht als Effekt, sondern als Stimmung, als Raum, als langsame Infektion des Klangs. 

Nosferatu: The Call Of The Deathbird ist ein streng gebautes, dunkles und atmosphärisch starkes Album. Keine leichte Kost, aber ein eindrucksvolles Werk für Hörer, die sich auf minimalistische Spannung, sakrale Kälte und experimentelle Filmmusik einlassen. Jozef Van Wissem liefert keine bloße Neuvertonung eines Stummfilmklassikers, sondern eine eigenständige akustische Beschwörung.

Children of the Night von Nash the Slash
Es gibt Alben, die man am besten nicht erklärt, sondern einfach geschehen lässt. Children of the Night von Nash the Slash ist eines davon – und zugleich ein Werk, das man unmöglich ignorieren kann, wenn man auch nur einen flüchtigen Blick auf die Randgebiete der frühen 1980er Jahre wirft. Das Album erschien 1981, nachdem Nash 1980 Gary Numan als Vorband durch Großbritannien begleitet hatte, und gewann schnell Kultstatus durch seinen unverwechselbaren Klang, der aus elektrischen Mandolinen, elektrischen Violinen, Drummaschinen und anderen Klangerzeugern besteht. Das Plattencover verkündet stolz: „There are no guitars.“ Dieser Satz ist kein bloßes Marketingversprechen, sondern eine ästhetische Grundsatzentscheidung: Nash the Slash – bürgerlich Jeff Plewman aus Toronto – verweigerte der Rockgitarre als Leitinstrument die Gefolgschaft und schuf stattdessen eine Klangwelt, die zwischen Kammermusik, New Wave, Industrial und Science-Fiction-Soundtrack mäandert, ohne sich je wirklich in einem dieser Genres festzusetzen. Es war Nash‘ zweites Studioalbum und sein erstes mit Gesang. Dass er sich gerade in diesem Moment entschied, seine Stimme einzusetzen, macht das Album zu einem doppelten Statement: als Instrumentalist war er bereits eine Eigenheit, als Sänger wird er vollends zur Erscheinung. Als Sänger trägt Nash eine Melodie sicher und ist selbst über industriellem Lärm klar verständlich. Seine Stimme ist kein Schöngesang, sondern ein Werkzeug – trocken, leicht angezerrt, zuweilen in ein genussvolles Knurren abgleitend.

Nash the Slashs „Children of the Night“ ist ein Album, das aus der Dunkelheit kommt, aber nicht einfach düster sein will. Es lebt von einer eigentümlichen Mischung aus New Wave, Art Rock, elektronischer Kälte und theatralischer Exzentrik. Statt klassischer Rock-Gesten dominieren hier Violine, Mandoline, Synthesizer und eine fast filmische Atmosphäre. Das Ergebnis klingt zugleich mechanisch und menschlich, verspielt und unheimlich.

Besonders reizvoll ist die Art, wie Nash the Slash Spannung aufbaut: Viele Stücke wirken wie kleine nächtliche Szenen, in denen sich Melancholie, Ironie und latente Bedrohung überlagern. Die Musik hat einen starken visuellen Charakter; man hört gewissermaßen Nebel, Neonlicht, Schatten und Großstadtangst mit. Dabei bleibt das Album trotz aller Schrägheit erstaunlich zugänglich, weil die Melodien klar geführt sind und die Arrangements nie bloß Selbstzweck werden.

„Children of the Night“ ist kein bequemes Popalbum, sondern ein eigenwilliges Werk für Hörerinnen und Hörer, die Musik mit Charakter suchen. Es besitzt den Charme einer Zeit, in der New Wave noch experimentieren durfte und Popmusik auch bizarr, kantig und kunstvoll sein konnte. Gerade deshalb hat das Album bis heute nichts von seiner Faszination verloren: Es klingt wie ein nächtlicher Spaziergang durch ein Paralleluniversum – elegant, seltsam und wunderbar unheimlich.

Rocket to Russia von the Ramones
Es gibt Alben, die die Popmusik verändert haben. Und dann gibt es Rocket to Russia – ein Album, das die Popmusik auf ihre nackten Knochen reduziert, sie mit Amphetaminen füttert und zurück auf die Straße wirft. Das dritte Studioalbum der Ramones, erschienen am 4. November 1977 auf Sire Records, ist kein Revolutionsprogramm und kein Manifest. Es ist schlicht das beste Rock’n’Roll-Album, das vier Männer aus Queens je aufgenommen haben – und nach Meinung vieler das beste, das sie je aufnehmen würden.

Bereits am ersten Tag der Aufnahmen, dem 21. August 1977, erschien Gitarrist Johnny Ramone im Media Sound Studio in Manhattan – einer ehemaligen Episkopalkirche – mit einer Kopie der neuen Sex-Pistols-Single „God Save the Queen“ unterm Arm. Er war wütend. Er fand, seine Band sei von den Briten bestohlen worden, und er wollte, dass das neue Ramones-Album schärfer produziert klingt als alles, was die Pistols je hinbekommen würden. Dieser Gründungsmythos des Albums sagt alles über seinen Charakter: Rocket to Russia entstand aus Stolz, aus Konkurrenzdruck und aus dem unbedingten Willen, der Welt zu beweisen, dass New York der eigentliche Geburtsort des Punk war – und dass der Punk der Ramones Melodien hatte.

Die Produktionskosten lagen zwischen 25.000 und 30.000 Dollar – nach den Maßstäben großer Plattenfirmen immer noch niedrig, aber erheblich mehr als die Kosten der beiden Vorgängeralben zusammen. Dieses Budget ist im Ergebnis zu hören, ohne dass das Album seinen rauen Charakter verlöre. Der AllMusic-Kritiker Stephen Thomas Erlewine vergab fünf von fünf Sternen und erklärte, die Produktion verleihe der Musik der Ramones nur noch mehr Kraft – das Album sei ihr zugänglichstes und genussreichstes Werk, dank eines Überflusses an Hooks und einer größeren Tempovarianz als auf den Vorgängern. Der Schlagzeuger und Mitproduzent Tommy Ramone hatte begriffen, dass Rohheit kein Selbstzweck ist, sondern ein Mittel – und dass man sie gezielt einsetzen kann.

Nach Ansicht von Bandmitgliedern und Biographen ist Rocket to Russia das Ramones-Album mit den meisten Klassikern und den humorvollsten Songtexten der Gruppe. Die meisten Eigenkompositionen beschäftigen sich in absurd-humorvoller Weise mit psychischen Störungen, der Psychiatrie und dysfunktionalen Beziehungen. „Cretin Hop“, „Teenage Lobotomy“, „We’re a Happy Family“ – das sind keine Songs über Außenseiter, die Mitgefühl einfordern. Das sind Songs, die den Wahnsinn des Alltags feiern, mit breitem Grinsen und ohne jede Sentimentalität. Der Rolling-Stone-Kritiker Dave Marsh schrieb bei Erscheinen, es sei „der beste amerikanische Rock’n’Roll des Jahres und möglicherweise das lustigste Rockalbum, das je gemacht wurde“.

Daneben stehen die beiden großen Sommerhits des Albums: „Rockaway Beach“ und „Sheena Is a Punk Rocker“. „Rockaway Beach“ wurde von Dee Dee Ramone geschrieben, inspiriert von den Beach Boys und ähnlichen Surf-Rock-Bands, und wurde zur erfolgreichsten Single der Ramones in den USA, die Platz 66 der Billboard Hot 100 erreichte. In diesen Songs ist kein Zynismus und keine Ironie – nur pure, aufrichtige Freude an Melodie und Tempo. Die Ramones, die nie wirklich Punk-Politiker sein wollten, zeigen hier, was sie im Herzen immer waren: eine Bubblegum-Band mit Lederjacken.

Die Coverversionen auf dem Album sind mit derselben Chuzpe gewählt wie alles andere. „Do You Wanna Dance?“ von Bobby Freeman und das völlig entfesselte „Surfin‘ Bird“ der Trashmen – beide werden durch die Ramones-Maschine gejagt und kommen am anderen Ende schneller, lauter und seltsamer heraus als im Original. Es ist keine Verehrung, es ist Aneignung: Die Ramones nehmen sich, was ihnen gefällt, und machen es zu ihrem eigenen.

Rocket to Russia ist das letzte Studioalbum, das mit allen vier Originalmitgliedern aufgenommen wurde. Tommy Ramone verließ nach der anschließenden Tour die Band, erschöpft vom Tourneeleben und enttäuscht vom ausbleibenden kommerziellen Durchbruch. Die Bandmitglieder machten die Sex Pistols mitverantwortlich für die enttäuschenden Verkaufszahlen – ihre Eskapaden hätten Punk in der Öffentlichkeit als bedrohliches Phänomen erscheinen lassen und dem Album jede Chance auf Airplay genommen. Es ist eine der großen Ironien der Musikgeschichte: Das Album, das Johnny Ramone mit dem Anspruch aufnahm, besser zu klingen als die Pistols, wurde von eben diesen aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt.

In seiner posthum erschienenen Autobiografie vergab Gitarrist Johnny Ramone an Rocket to Russia als einzigem Ramones-Album die Bestnote A+ und nannte es „das beste Ramones-Album, mit den Klassikern darauf“. Es fällt schwer, ihm zu widersprechen. In 29 Minuten und zwölf Tracks – kein Song dauert länger als drei Minuten, die meisten kommen in unter zwei – entfaltet dieses Album eine Dichte an unvergesslichen Momenten, die die meisten Bands in einem ganzen Jahrzehnt nicht erreichen. Rocket to Russia ist kein Kultobjekt für Eingeweihte. Es ist schlicht eines der großen Alben der Popgeschichte.

Nekromantik von Hermann Kopp
Der Soundtrack zu „Nekromantik“ ist kein bloßes Begleitwerk, sondern ein eigenständiges Stück verstörender Filmästhetik. Die Musik bewegt sich zwischen melancholischen Synthieflächen, düsteren Klangcollagen und beinahe zärtlichen Motiven, die in irritierendem Kontrast zum morbiden Inhalt des Films stehen. Gerade diese Mischung aus Kälte, Traurigkeit und bizarrer Romantik macht den Reiz aus: Statt plumper Schockeffekte setzt der Score auf Atmosphäre und Unbehagen.


Das Album klingt sperrig, manchmal fragmentarisch, aber genau darin liegt seine Stärke. Es öffnet keinen bequemen Hörraum, sondern zieht einen in eine abseitige, fiebrige Welt, in der Schönheit und Ekel nah beieinanderliegen. Für Fans experimenteller Filmmusik und des deutschen Underground-Kinos ist der Soundtrack ein faszinierendes Dokument – unangenehm, eigenwillig und erstaunlich poetisch.

Tres Hombres von ZZ Top
Mit „Tres Hombres“ gelang ZZ Top 1973 der entscheidende Durchbruch – und bis heute gilt das Album als eines der stärksten Werke des texanischen Trios. Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard fanden hier endgültig ihren unverwechselbaren Sound: staubtrockener Bluesrock, treibender Boogie, schwere Gitarrenriffs und eine Lässigkeit, die nie aufgesetzt wirkt. Dieses Album klingt nach heißem Asphalt, verrauchten Bars, ölverschmierten Garagen und endlosen Highways.

Der bekannteste Song ist natürlich „La Grange“. Das Stück ist ein Meisterwerk der Reduktion: ein hypnotisches Riff, ein lässig gemurmelter Gesang, ein Groove, der immer weiter nach vorne rollt. Mehr braucht es nicht. „La Grange“ wurde zum Klassiker, weil ZZ Top hier alles auf den Punkt bringen, was die Band ausmacht: Coolness, Humor, Schmutz und musikalische Präzision.

Doch „Tres Hombres“ ist weit mehr als nur dieser eine Hit. Schon der Opener „Waitin’ for the Bus“ legt mit seinem schleppenden Groove und der rauen Gitarre die Richtung fest. Direkt danach geht „Jesus Just Left Chicago“ nahtlos weiter und zeigt die bluesige, beinahe spirituelle Seite der Band. Diese beiden Stücke wirken zusammen wie eine Visitenkarte: ZZ Top können hart rocken, aber sie vergessen nie ihre Wurzeln im Blues.

Auch Songs wie „Beer Drinkers & Hell Raisers“ oder „Move Me on Down the Line“ zeigen die Band in Bestform. Hier wird nicht lange philosophiert, hier wird gespielt. Der Sound ist direkt, trocken und kraftvoll. Gibbons’ Gitarre knurrt und singt zugleich, Dusty Hills Bass hält alles erdig zusammen, und Frank Beards Schlagzeug ist präzise, aber nie steril. Gerade diese unaufgeregte Rhythmusarbeit macht den Reiz des Albums aus.

Besonders stark ist die Atmosphäre. „Tres Hombres“ klingt nicht wie ein glatt produziertes Studioalbum, sondern wie eine Band, die genau weiß, woher sie kommt. Der Blues ist immer präsent, aber ZZ Top kopieren ihn nicht einfach. Sie verwandeln ihn in etwas Eigenes: texanisch, dreckig, humorvoll und zugleich unglaublich souverän. Die Songs haben keine überflüssigen Verzierungen. Alles sitzt dort, wo es sitzen muss.

Aus heutiger Sicht wirkt „Tres Hombres“ wie ein Schlüsselalbum des Southern- und Bluesrock. Es zeigt ZZ Top noch vor der großen MTV-Ära der 80er Jahre, bevor Synthesizer, Videos und Sonnenbrillen-Mythos die Band endgültig zu Pop-Ikonen machten. Hier stehen noch die drei Musiker und ihr kompromissloser Groove im Mittelpunkt.

Fazit: „Tres Hombres“ ist ein raues, lässiges und zeitloses Bluesrock-Album. Es verbindet texanischen Humor mit musikalischer Klasse und enthält mit „La Grange“ einen der größten Rockklassiker der 70er Jahre. Wer ZZ Top verstehen will, sollte hier anfangen. Ein Album wie ein staubiger Roadtrip durch Texas – kurz, knackig, dreckig und verdammt cool.

The Yardbirds – No. 4
„The Yardbirds – No. 4“ ist eine Zusammenstellung der britischen Rockband, die 1982 in der Schweiz als LP und Picture Disc veröffentlicht wurde. Die Compilation enthält Songs aus den 1960er Jahren, darunter „For Your Love“ und „I’m A Man“. Zudem gibt es weitere Veröffentlichungen mit ähnlichen Namen, wie „Classic Yardbirds Vol. 4“ und „The Yardbirds Story, Part 4“.
„No. 4“ ist kein reguläres Studioalbum der Yardbirds, sondern eine 1982 erschienene Compilation auf dem Schweizer Label Astan. Das ist für die Einordnung wichtig: Wer hier ein geschlossen konzipiertes Album erwartet, wird eher eine lose, aber sehr reizvolle Zusammenstellung früher Yardbirds-Aufnahmen hören. Die Platte versammelt zehn Stücke, darunter „Got Honey in Your Hips“, „Boom Boom“, „Five Long Years“, „Pretty Girl“, „Got Love If You Want It“, „Putty“, „Still I’m Sad“, „For Your Love“, „I’m a Man“ und „Jeff’s Blues“.

Gerade diese Mischung macht den Reiz aus. „No. 4“ zeigt die Yardbirds nicht als sauber sortierte Hitmaschine, sondern als Band im Übergang: vom britischen Rhythm & Blues der frühen Sechziger hin zu jenem experimentierfreudigen Rock, der später Hardrock, Psychedelic und Gitarrenrock entscheidend beeinflussen sollte. Die Yardbirds waren eine der zentralen britischen Bands der Sechziger und wurden nicht zuletzt dadurch legendär, dass nacheinander Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page bei ihnen spielten. 

Die stärksten Momente der Platte liegen dort, wo die Band tief im Blues verwurzelt ist. „Boom Boom“ und „Five Long Years“ zeigen die Yardbirds als junge, hungrige britische Bluesband, die amerikanische Vorbilder nicht nur nachspielt, sondern mit nervöser Energie auflädt. Das klingt rau, direkt und manchmal auch ein wenig ungestüm – aber genau darin liegt die Stärke. Die Band wirkt nicht museal oder ehrfürchtig, sondern körperlich. Rhythmus, Mundharmonika, Gitarre und Gesang drängen nach vorne, als müsse der Blues aus dem engen Clubraum herausbrechen.

„Got Love If You Want It“ und „Got Honey in Your Hips“ besitzen ebenfalls diese frühe Club-Atmosphäre. Man spürt den Ursprung der Yardbirds als Live-Band, die nicht auf perfekte Studiopolitur setzte, sondern auf Spannung, Tempo und Druck. Das ist Musik, die nach schwitzenden Bühnen, kleinen Verstärkern und unmittelbarer Publikumsnähe klingt. In solchen Momenten versteht man, warum die Yardbirds im Londoner Blues- und R&B-Umfeld so schnell Bedeutung gewannen.

Der bekannteste Titel der Zusammenstellung ist natürlich „For Your Love“. Das Stück markiert einen Bruch in der Bandgeschichte: weg vom puristischen Blues, hin zu einem poppigeren, ungewöhnlich arrangierten Sound. Gerade dieser Song machte die Yardbirds einem breiteren Publikum bekannt, war aber auch ein Auslöser für Spannungen innerhalb der Band, weil er deutlich kommerzieller klang als ihre frühen Bluesnummern. Das auf „No. 4“ nebeneinanderzustellen, ist interessant: Die Compilation zeigt nicht nur, was die Yardbirds konnten, sondern auch, wohin sie sich bewegten. „For Your Love“ wirkt zwischen den erdigeren Bluesstücken fast wie ein Fremdkörper – aber ein produktiver Fremdkörper. Der Song öffnet die Tür zu jener stilistischen Abenteuerlust, die später mit Jeff Beck und Jimmy Page noch stärker wurde.

Besonders faszinierend ist „Still I’m Sad“. Das Stück gehört zu den ungewöhnlichsten Yardbirds-Aufnahmen überhaupt: düster, beinahe sakral, mit einem hypnotischen Charakter. Es zeigt, dass die Band schon früh mehr wollte als Bluesrock nach Schema. Hier kündigt sich eine psychedelische, atmosphärische Seite an, die im Rückblick fast moderner wirkt als manche der geradlinigeren Nummern. „Still I’m Sad“ ist weniger Song als Stimmung – und genau deshalb einer der Höhepunkte dieser Zusammenstellung.

„I’m a Man“ wiederum bringt die andere Seite der Yardbirds auf den Punkt: den treibenden, aggressiven R&B, der sich in langen Instrumentalpassagen steigern kann. Die Band verstand es, einfache Bluesstrukturen in eine Art kontrollierte Explosion zu verwandeln. Der berühmte „rave-up“-Stil der Yardbirds – also das allmähliche Hochfahren von Tempo, Lautstärke und Intensität – ist hier besonders gut zu erkennen. Aus heutiger Sicht hört man darin schon Vorformen dessen, was später bei Cream, Led Zeppelin und im Hardrock weiterentwickelt wurde.

Als Album im engeren Sinn ist „No. 4“ allerdings etwas uneinheitlich. Das liegt weniger an der Qualität der einzelnen Stücke als am Charakter der Veröffentlichung. Die Platte erzählt keine klare Dramaturgie, sondern funktioniert eher wie ein Schaufenster. Sie springt zwischen Blues, Pop, instrumentaler Gitarrenarbeit und experimentelleren Ansätzen. Wer einen roten Faden sucht, findet ihn weniger in der Trackfolge als in der Entwicklung der Band selbst: Die Yardbirds ringen hier hörbar mit ihrer Identität. Genau das macht die Platte spannend, aber auch etwas fragmentarisch.

Klanglich sollte man keine audiophile Offenbarung erwarten. Als Compilation aus dem Jahr 1982 wirkt „No. 4“ eher wie eine Sammlerplatte, die Material bündelt, als wie eine sorgfältig kuratierte Werkschau mit historischer Einordnung. Das schmälert aber nicht den musikalischen Wert. Im Gegenteil: Der etwas rohe Charakter passt zur Band. Die Yardbirds waren nie glatt. Ihre Stärke lag in der Reibung – zwischen Blues und Pop, Kontrolle und Ausbruch, Tradition und Experiment.

Für Einsteiger ist „No. 4“ nur bedingt die ideale erste Yardbirds-Platte, weil sie nicht so klar einordnet wie klassische Best-of-Zusammenstellungen oder die bekannten Alben aus den Sechzigern. Für Hörerinnen und Hörer, die bereits wissen, warum diese Band wichtig ist, bietet sie aber einen kompakten Blick auf mehrere zentrale Facetten: den Blues-Ursprung, den Pop-Erfolg, die dunklere Experimentierfreude und die Gitarrenenergie, die später Rockgeschichte schrieb.

Unterm Strich ist „No. 4“ eine reizvolle, wenn auch nicht endgültige Yardbirds-Veröffentlichung. Die Platte lebt von starken Einzelmomenten und von der historischen Spannung einer Band, die noch nicht festgelegt war. Man hört Musiker, die aus dem Blues kommen, aber bereits an dessen Grenzen rütteln. Genau darin liegt die Bedeutung der Yardbirds: Sie waren keine Band, die nur einen Stil perfektionierte, sondern eine, die Türen aufstieß. „No. 4“ ist deshalb weniger ein perfektes Album als ein lebendiges Dokument einer der wichtigsten britischen Rockbands der Sechziger.

Persönlicher Nachruf auf Georg Stefan Troller

28. September 2025

Ich bin um Trauer um ein journalistisches Vorbild. Georg Stefan Troller ist im Alter von 103 Jahren in Paris gestorben – und mit ihm verlässt die Welt einen der eindringlichsten, neugierigsten und zugleich sensibelsten Journalisten ihrer Zeit. Ich durfte Troller im hohen Alter in München treffen und verneige mich vor seinem journallistischen Werk. Es hat mich inspiriert.

Trollers Leben war vom Fluch der Geschichte ebenso geprägt wie von einer fast trotzigen Hingabe zur Sprache: Geboren als jüdischer Pelzhändler-Sohn in Wien, vertrieben vom Nationalsozialismus, floh der Jugendliche 1938 mutterseelenallein über die Tschechoslowakei und Frankreich in die USA, bevor er als GI nach Deutschland zurückkehrte, das KZ Dachau miterlebte und Zeugnis ablegte für ein Jahrhundert voller Brüche.

Doch Trollers Antwort auf die Unwirklichkeit der Vertreibung war nie Resignation, sondern das Gespräch, die lebendige Begegnung, das behutsame Öffnen der Biografie des Gegenübers. Seine Fernseharbeit – legendär das „Pariser Journal“ und die „Personenbeschreibung“ im ZDF – wurde zur Schule der Empathie, zur Bühne des Menschlichen jenseits glänzender Oberflächen. Während andere am Sensationshunger der Medien rührten, suchte Troller nach den verborgenen Wunden, nach Absurdität und Wahrheit – immer mit der leisen Hoffnung, dass sich im Erzählen der Schmerz mildern lässt und Herkunft nicht mehr Fluch, sondern eigene Wahrheit sein darf. Dass er dabei strikt seine jüdische Herkunft jahrzehntelang verheimlichte – aus Furcht vor antisemitischer Ablehnung – macht seine Sendungen umso eindringlicher: denn seine Fragen galten nie nur dem Porträtierten, sie leuchteten stets in die Schatten der eigenen Geschichte. Troller starb in einer Zeit, in der der Antisemitismus in unserem Land wieder erwacht. Ich könnte kotzen.

Seine Interviewtechnik veränderte den deutschen Fernsehjournalismus nachhaltig. Er lehnte jede neutrale Distanz ab, bestand auf Subjektivität, auf der Aufrichtigkeit der eigenen Zweifel und Sehnsüchte. Der poetische Kommentar, die Montage von Bild, Wort und biografischer Erschütterung, machten seine Fernseharbeiten stilbildend – für Generationen von Kulturvermittlern, die ihm nachfolgen sollten. Vielleicht war Troller einer der ersten Blogger. Troller selbst bezeichnete den Journalismus als Mittel der Selbstrettung, der Begegnung mit Menschen als Versuch, Lebensberechtigung zu finden, dort, wo Sprache und Erinnerung ihre Heimat haben. Zu seinem 100. Geburtstag habe ich ein Video für ihn aufgenommen.

Sein Paris wurde ihm als Emigrant zum Symbol einer zweiten Geburt. Im Viertel Saint-Germain-des-Prés, im Herz der Geschichte, fand er Vergangenheit und Zukunft, die Brücken seiner eigenen Existenz. Der Verlust von 19 Angehörigen im Holocaust, die unablässige Fremdheit, wurden nie Schlusspunkt – sondern der Ausgang einer lebenslangen Reise, der Suche nach eigenen Leuten, nach dem, was Mensch-Sein jenseits aller historischen Verheerung bedeutet.

Was bleibt nach Trollers Tod, ist mehr als ein Nachruf. Es ist die Einladung, hinter Fassaden zu schauen, der Welt subtil und mitfühlend Fragen zu stellen. Sein Werk mahnt, die Verletzlichkeit in anderen zu sehen, das Gespräch zu suchen, selbst und immer wieder. Troller, der Zeitzeuge und Menschenfreund, hat mit seinen Fragen das Fernsehmedium in eine Schule der Sensibilität verwandelt und die Hoffnung hinterlassen, dass Verständigung möglich bleibt – solange Sprache, Erinnerung und Menschlichkeit nicht verstummen.

Gerne hätte ich ihn noch einmal getroffen und mit ihm über seinen Deutschland-Film gesprochen. In seinem Leben hat Troller mehr als 1.700 Interviews geführt, drehte rund 200 Filme und schrieb Drehbücher und Bücher, darunter 1988 die Autobiographie „Selbstbeschreibung“. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit mehreren Adolf-Grimme-Preisen, einer Oscar-Nominierung, Bambis und der Goldenen Kamera.

Olympia 1972: Buchtipp Augenzeuge in Olympia

3. September 2022

Über den technischen Aufwand zur Übertragung der Olympischen Spiele 1972 habe ich ja bereits gebloggt. Jetzt ist mir ein Weihnachtsgeschenk des ZDF aus dem Jahre 1972 in die Hände gefallen. Das Buch heißt Augenzeuge in Olympia und beinhaltet Reflexionen über ein Fernsehereignis. Für mich als Medienfuzzi höchst interessant.

Es enthält viele Fotos von Kameramännern, Besprechungen, BTS-Fotos und auch einige Sportlerbilder – und natürlich das Attentat. Das Buch zeigt deutlich, welcher technische Aufwand damals gefahren wurde. Zum einen wurde noch klassisch auf 16mm Film gedreht, der dann schnell entwickelt und kopiert wurde, bevor er gesendet werden konnte. Zum anderen gab es Live-Übertragungen der Sportveranstaltungen, die dann im Sendestudio geschnitten wurden.

Für mich auch sehr interessant, war eine Dokumentation über die Zeitplanung. Wann wurde welche Entscheidung von wem gefällt und wer damals alles mitgeschnabelt hat.
Und wir sind ja in den siebziger Jahren. Da darf die klassische Mediendiskussion nicht fehlen. Mir hat am besten ein Beitrag von Manfred Delling gefallen, der am 17. Juni 2018 im Alter von 90 Jahren verstorben ist. Er war Dozent für den Bereich Fernsehen an der Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, war Lektor beim Rowohlt Verlag, hatte eine Fernsehkolumne im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt und betätigte sich als Publizist. Sein Buch „Bonanza & Co.“ war 1976 eine kritische Bestandsaufnahme des Fernsehens als Unterhaltung und Politik. 1995 erschien in der Reihe „Trouvaillen“ ein Band mit über 100 ausgewählten Fernsehkritiken aus der Zeit von 1964 bis 1993: „Engagement für ein neues Medium“. Manfred Delling hat die Veränderungen des Fernsehens über alle Jahrzehnte kritisch verfolgt und immer versucht, dagegen zu halten. Und so war es auch im Buch „Augenzeuge in Olympia“, wo Delling sich mit der Live-Berichterstattung auseinandersetzte. Kritisch hinterfragte er, wie sich Fernsehen veränderte, warum es vielleicht einfacher gewesen wäre, die Spiele mit all der Zeitlupenaufnahmen und Wiederholungen auf der Mattscheibe anzuschauen anstatt im Münchner Olympiastadion. Diskussionen, die man heute in Live-Streamings genauso führen könnte. Alles in allem ein interessantes Zeitdokument zu Olympia, das ich 50 Jahre später gerne aus dem Archiv entnommen habe.

Olympia 1972: Ein technischer Mammutprojekt der Medien

15. August 2022

Die Olympischen Spiele von 1972 waren auch ein medialer Höhepunkt. Presse, Funk und Fernsehen (online gab es ja noch nicht) berichteten aus München – erst vom Sport, dann vom Terror.

Als gelernter Redakteur interessiert mich das Medienaufgebot der damaligen Zeit. Es gab ja nur öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen sowie Zeitungen und Zeitschriften.
Hauptquartier der Rundfunk- und Fernseh- Journalisten war das Deutsche Olympia- Zentrum (DOZ) mitten im Olympiapark in München. Für das Übertragen der Olvmischen Spiele standen 27 Farbfernseh-Ü-Wagen, 130 Farbfernsehkameras – die Betonung liegt auf Farbe. 80 Filmkameras, ein Post-Richtfunknetz mit über 300 Fernmeldetürmen, bewegliche Richtfunkanlagen, darunter 45 Post-Übertragungswagen und mobile Antennenmasten, die bis zu 40 Metern Höhe ausgefahren werden konnten, zur Verfügung. Das war ein wahrhaft technischer Overkill zu dieser Zeit, eine richtige Materialschlacht. Die Generation meiner Eltern schaffte sich zu diesem Zweck den ersten Farbfernseher an, es war ein Grundig mit Fernbedienung.

Es gibt leider nicht viele Dokumentationen über die Technik der Spiele. Ich habe mich mit ein paar Journalisten der damaligen Zeit unterhalten, wie denn die ihre Arbeit mit Bleistift, Schreibblock und Schreibmaschine war.

Es gab ja auch allerhand zu berichten. Das Medienereignis Olympische Spiele 1972 verschaffte der Stadt München eine perfekte Bühne, um sich als Gastgeberin zu präsentieren und der Bundesrepublik nach der NS-Zeit ein neues demokratisches Image zu verleihen. Die im Wettbewerb 1967 prämierte schwebende Zeltdachkonstruktion war letztlich auch ein gezielt gewähltes Zeichen, mit dem der Welt das Bild eines neuen Deutschland vermittelt werden sollte. Nach der Vergabe im April 1966 war die Presse im Westen zunächst durchaus verhalten, der Osten versuchte sogar mit dem Slogan „36+36=72“ die Bundesrepublik zu diskreditieren. Um das Deutschlandbild zu korrigieren, wurden weltweite PR-Kampagnen in Gang gesetzt.

12.000 Vertreter der Weltpresse wurden mit Material versorgt und über die Olympia-Baustellen geführt. Zuerst monatlich und dann 14-tägig erschiender auf sattgrünem Papier gedruckter Newsletter „Olympia-Press“, der in 126 Länder per Post verschickt wurde, und auf allen fünf Kontinenten fanden Pressekonferenzen statt. Aufwendig gestaltete Bulletins über die XX. Olympiade sowie die Imagefilme „Eine Stadt bereitet sich vor“ und „Eine Stadt lädt ein“ warben für die Offenheit, Toleranz und Internationalität Münchens.

Im Vorfeld wurde dann aber ausgerechnet das Zeltdach als eine „Zurschaustellung wirtschaftlicher Potenz“ kritisiert und „alte Klischees des Größenwahns“ heraufbeschworen, die zu innenpolitischen Unstimmigkeiten führten. Die Los Angeles Times schrieb 1972: „German Efficiency Hits its Peak in Olympic Games Installations“, und der Christian Science Monitor titelte: „An Affluent West Germany Seeks Acceptance“. Nach der Eröffnungsfeier, die etwa eine Milliarde Menschen – ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung – an ihren Fernsehgeräten verfolgte, belegte allerdings ein überragendes Echo aus Presse und Politik die nationale und internationale Anerkennung der Inszenierung Deutschlands. Der westdeutsche Sportinformationsdienst schrieb von einer „Überraschung und Entzückung“, zu der auch der Mut „zum Bau des verrückten Daches“ gehört habe, „denn man weiß ja – wir tun uns ein bißchen schwer mit der Leichtigkeit“.

Dann der Terror im Fernsehen. Der palästinensische Terroranschlag am 5. September fand vor laufenden Fernsehkameras statt, doch ein Imageverlust für die Gastgeber blieb weitgehend aus. Gleichwohl legte sich über die Wahrnehmung der heiteren Spiele und die Erinnerung an München ’72 ein langer Schatten.

Otl Eicher: Vom Waldi über Dirndl bis hin zu Piktogrammen

29. Oktober 2019

Olympia 1972 im Haus der Bayerischen Geschichte

Olympia 1972 im Haus der Bayerischen Geschichte

Farbenfroh sollten die Olympischen Spiele von München im Jahre 1972 sein, doch sie endeten im Terror. Auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck starben israelische Sportler und arabische Terroristen. Meine Ausbildung als Redakteur absolvierte ich in Fürstenfeldbruck und die älteren Kollegen berichteten mir von dem Tod in Fürstenfeldbruck. Mein alter Tagblatt-Kollege Franz Schmotz machte damals Fotos von den ausgebrannten Hubschraubern.
Diese Erinnerungen kamen wieder hoch als ich auf der Herbstreise des PresseClubs München in der Dauerausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg auf Exponate von Olympia 1972 stieß. Aber es waren die schönen Seiten von Olympia, die ich sah. Ich stieß vor allem auf das Werk von Otl Aicher. Er war mit Sicherheit einer der wichtigsten Designer, die dieses Land hervorgebracht hat. In meinen Schülerzeitungsseminaren gehe ich auf den Stil des großen Otl Aichers ein. In Regensburg wurde Teile seiner Olympia-Arbeit ausgestellt und sein Grafikdesign fasziniert bis heute.

Waldi von Olympia 1972
Ich sah in einer Vitrine den berühmten Olympia-Waldi von 1972. Meine Eltern hatten ihn als Schlüsselanhänger, leider ist er im Laufe der Jahre verloren gegangen. In Regensburg war ein gut erhaltener Waldi zu betrachten. Er war das erste Maskottchen einer Olympiade und geht auf eine Idee von Willi Daume, dem Präsidenten des Organisationskomitees, zurück. Der Dackel soll neben Beweglichkeit und Widerstandsfähigkeit auch das beliebte Haustier der Münchner repräsentieren. Wer von euch hat einen solchen Dackel von Otl Aicher noch zu Hause?

Wer kennt den Waldi noch?

Wer kennt den Waldi noch?

Aicher und das Olympia-Dirndl
Otl Aicher war so sicherlich kein großer Spaßvogel. Die Videoaufnahmen, die ich über ihn gefunden habe, zeigen ihn als ernsten, zielstrebigen aber humorlosen Mann. So stellt man sich einen deutschen Grafikdesigner vor – nicht so dagegen amerikanische Ikonen wie David Carson mit seinem The End of Print, die locker, flockig durch die Welt gehen.
Aber das Werk von Aicher war humorvoll. Beispielsweise die Olympia-Mode von 1972. Die Hostessen der Olympischen Spiele wurden in einem weiß-blauen Dirndl-Look eingekleidet. Darunter war auch „unsere Silvia“, wie meine Mutter sie nannte. Silvia Sommerlath war eine der 1500 Hostessen, die internationale Gäste betreuten. Darunter war auch der spätere schwedische König Carl XVI. Gustav und es funkte zwischen den beiden. So wurde „unsere Silvia“ bald Königin von Schweden – ein Herzensgeschichte von 1972. Welche Rolle das Dirndl von Otl Aicher dabei gespielt hat, ist nicht überliefert.
Die Basis für das Dirndl war Bayern. Als Grundfarbe wählte Aicher Hellblau für den Münchner Himmel, die Alpensilhouette, Oberbayern mit seinen Seen.

"Unser Silvia" trug so eins.

„Unser Silvia“ trug so eins.

Piktogramme für die Olympische Spiele
Waldi und Dirndl sind prima, aber wirklich stilprägend waren die Piktogramme von Otl Aicher. Sie waren der Hinweis auf die verschiedenen Sportstätten und Sportarten. Für diese Idee wurde Aicher in den Olymp des Grafikdesigns gehoben und es hatte Auswirkungen weltweit – keine Haltestelle, kein Flughafen, kein Stadion ohne Otl Aicher.


Wer sich für Otl Aicher interessiert und nicht unbedingt Grafikdesign in der Theorie studierte, sollte sich sich das Buch Otl Aicher von Markus Rathgeb besorgen. Es gibt einen Überblick über das geniale Werk des Designers mit zahlreichen großartigen Abbildungen und Erklärungen. Das Buch zeigt neben den Olympia-Arbeiten auch die Designs Aichers vom ZDF, ERCO Leuchten, Flughafen Frankfurt, Dresdner Bank, Westdeutsche Landesbank, Sparkasse, Raiffeisenbank, Bulthaup Küchen, Bayerische Rück, FSB, Durst Phototechnik, Schulz Bürozentrum sowie vom Verlag Severin & Siedler.

Umgang mit Videospielen – Meine Schlüsse nach dem Amoklauf in München

24. Juli 2016

Ich bin seit Jahren mit dem Thema Medienkompetenz in Vorträgen vor Schülern, Lehrern und Eltern unterwegs. Nach dem Amoklauf in München setzt wieder die Debatte um die Killerspiele ein. Auf dem Rechner des Täters wurden solche Spiele gefunden. Ich höre aus dem Netz wieder Rufe nach einem Verbot solcher Spiele. Ich rufe zurück: Informiert euch und lernt Medienkompetenz.
In einem ZDF Spezial „Amoklauf in München – Eine Stadt im Ausnahmezustand“ wurde Bundesinnenminister Thomas de Maizieres vom ZDF-Moderator Matthias Fronoff interviewt. Vielen Dank an Patrick Heyer @patthemav für den Link. Der Moderator Fronoff gibt die Vorlage nach der Frage zu „gewaltlastigen Computerspielen“. Die Ursache sei nicht zu belegen, aber eine Verrohung liegt nahe. Er fragte den Minister: „Wollen Sie ran an dieses Thema?“

Bundesinnenminister Thomas de Maizieles im ZDF Interview.

Bundesinnenminister Thomas de Maizieles im ZDF Interview.

Bundesinnenminister Thomas de Maizieres forderte in diesem Interview kein Verbot solcher Spiele, wie jetzt immer wieder aus dem Netz zu hören ist. Bundesinnenminister Thomas de Maizieres antwortete eindeutig. „Ich beobachte seit längerem mit Sorge die Verrohung der Gesellschaft. … Es ist eine Hasssprache eine Beleidigung eingezogen, insbesondere auch im Internet, die unserer Gesellschaft nicht gut zu Gesicht steht. So sind wir nicht und so wollen wir nicht sein. … Ich glaube, dass die extremen Gewaltspiele, die wir dort erleben, ob die nun Ursache sind oder Beschleuniger für solche Radikalisierungen und Gewaltexzesse ist mir fast schon egal. Aber wir müssen darüber reden, es ist kein gutes Spielmaterial für junge Menschen. Jetzt rufen alle nach einem Verbot. Das wird nicht gehen. Aber ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Internet, raus aus der Anonymität, den Namen sagen, unser Gesicht zeigen und mit Respekt miteinander umgehen. Das ist etwas, was uns nach solchen Tagen beschäftigen muss.“

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Mit der Debatte über Medienkompetenz stimme ich mit dem Bundesinnenminister Thomas de Maizieres überein und stehe zur Verfügung. Das ist aktive Gesellschaftspolitik. In meinen Vorträgen über den Umgang mit Videospielen erkläre ich: „Videospiele sind heute ein Leitmedium der jungen Generation!“ Mit dieser Aussage konfrontierte ich beispielsweise Eltern und Schüler des Gymnasiums Münchberg. Die Regionalbeauftragte für Oberfranken der Hanns Seidel Stiftung Sabine Habla hatte in Kooperation mit dem Gymnasium zu Vorträgen geladen und über 200 Eltern und Schüler folgten der Einladung.

Videospiele bestimmen das Freizeitverhalten
Videospiele bestimmen das Freizeitverhalten der Jugendlichen in einem hohen Maß.. Ich selbst begann in seiner Jugend mit dem Atari 2600 und steift heute durch die Welt der Spiele. Während früher die Welten getrennt waren, wächst heute alles zusammen. Wir haben eine Vermischung der Medien, die Konvergenz nimmt zu und dadurch auch die Mediennutzung in der Gesellschaft. Wichtigstes Device ist sicherlich das Smartphone, das die Mediennutzung revolutioniert hat. Wir haben das Smartphone immer und überall dabei – und als Zeitvertreib werden Spiele-Apps am Smartphone stark genutzt. Aber auch Streaming-Angebote wie Apple TV oder Amazon Fire TV setzen nicht nur auf das Ausstrahlen von Filmen, sondern auch auf das Laden von Spielen.
Vor allem durch YouTube als zweitwichtigstes soziales Netzwerk verbreiten sich Spiele bei der jungen Zielgruppe rasant. YouTuber wie Gronkh haben mit ihren Let’s play-Videos riesigen Erfolg. Dabei kennt kaum ein Erwachsener die Namen wie Gronkh, Dner, PietSmiet, Sarazar, ungespielt, GermanLetsPlay, ConCrafter, Rewinside, GommeHD oder Paluten. „Hier haben sich Eltern von der Mediennutzung ihrer Kinder völlig entkoppelt, „stelle ich klar und mahne Medienkompetenz bei Eltern und Schülern an.
Zudem sind Videogames heute ein offizieller Beitrag zur Kultur. „Videogames sind junge künstlerische Ausdrucksform, die eine Fusion aus Musik, Film und Literatur bilden, ergänzt um interaktive Elemente. Damit gebührt Videospielen der Platz als gleichberechtigte Säule im kulturellen Kanon unserer Gesellschaft“, so ein Leitsatz der Vereinigung Videospielkultur e.V. Videospiele haben seit 2008 einen festen Platz im Deutschen Kulturrat. Zur Begründung hieß es, die Branche sei Auftraggeber für Künstler unterschiedlicher Sparten wie Designer, Drehbuchautoren bis hin zu Komponisten. Drehbuchautoren, die früher die Grundlagen für Kino-Filme lieferten, schreiben jetzt Drehbuch für Videospiele und Filmmusiker, die früher Filmmusik für Kinoschlager produzierten, schaffen nun die Musik für Videospiele. Klar sei aber auch, nicht jedes Spiel sei ein wertvoller kultureller Beitrag, ebenso wie nicht jedes Musikstück ein Beitrag zur Hochkultur sei.
In 40 Jahren haben Videospiele die Populärkultur beeinflusst, wie kaum eine andere Kunstform des 20. Jahrhunderts. Markennamen wie Mario, GameBoy, Lara Croft oder Pokémon kennen heute viele und sind mit ihnen groß geworden. „Videospiele zählen kulturell als auch ökonomisch zu den bedeutendsten Medientrends des 21. Jahrhunderts“ zitier ich den heutigen Leiter der BLM Siegfried Schneider.

Eltern müssen hinsehen
Bei all der Eurphorie müssten aber Eltern genau hinschauen, was ihre Kinder spielen. Der Bereich der Egoshooter sei extrem populär. Counter Strike sei nach wie vor ein Klassiker und werde bei eSports-Veranstaltungen als Wettbewerbsspiel gespielt. Vor 15 Jahren war das Gymnasium Münchberg in den Medien als ein Schüler online Maps für Counter Strike vom Gymnasium bereit stellte. Hier hört für mich der Spaß auf. Ich brauche keine Maps von der Schule, um dann dort einen Ego-Shooter zu spielen. Klar ist aber auch: Nicht jeder der Counter Strike spielt, ist ein potenzieller Massenmörder.
Starken Eindruck auf die Eltern machte die nächste Generation von Spielen, die über VR Brillen gespielt werden. Brillen wie Samsung VR, Sony VR für PS4, Microsoft Hololens oder das Highend-Modell Oculus Rift werden das Spiel in eine neue Dimension tragen. Der Spieler taucht durch die Brille voll in die Spielewelt ein. Ablenkungen wie sie heute noch möglich sind, werden ausgeblendet. Das Spielerlebnis wird gesteigert und auch die Gefahr sich in der virtuellen Spielewelt zu verlieren. Es gilt jetzt mehr denn je genau hinzuschauen. Ich rufe besonders die Schüler auf, ein Auge auf Mitschüler zu achten. Spielsucht ist eine ernstzunehmende Krankheit.

Merkmale von Spielsucht
Die Merkmale von Spielsucht sind vielfältig. Die Nutzung von Spielen wird immer häufer, länger und intensiver und die realen Freundschaften brechen immer mehr weg. Die Beziehungskontakte werden ausschließlich virtuell und die Leistungsfähigkeit in Schule und Beruf nehmen rapide ab. Ein weiteres Kennzeichen: Wenn das Spielgerät nicht zur Verfügung steht, dann treten innere Unruhe, Depressionen und Aggressionen auf. Es kommt zum ständigen Streit zwischen den Angehörigen über die Nutzung des Spielgeräts und trotz negativer Konsequenzen ändert sich nichts am Verhalten.
Damit es nicht soweit kommt, empfehle ich: Sprechen Sie mit Ihrem Kind im Vorfeld. Informieren und interessieren Sie sich, was Ihr Kind spielt. Und spielen Sie doch einfach mal mit. Hinweise wie Altersfreigabe und klare Regeln sind eigentlich selbstverständlich. Aber auch: Bieten Sie Alternativen und seien Sie als Erwachsene ein Vorbild.

Der Schöpfer des Königlich Bayerischen Amtsgerichts ist tot

21. Januar 2015

Das Buch mit den gesammelten Fällen des Amtsgerichts aus dem Bücherschrank meiner Eltern.

Das Buch mit den gesammelten Fällen des Amtsgerichts aus dem Bücherschrank meiner Eltern.

Georg Lohmeier ist tot und viele werden den königstreuen, bayerischen Dramatiker nicht kennen. Ich kannte im Grunde auch nur ein Werk von ihm und das habe ich als Kind genossen: Das Königlich Bayerische Amtsgericht
Es war für mich eine schöne Fernsehzeit, wenn ich es mir als Kind mit meinen Eltern vor dem Grundig-Fernseher bequem machte und diese harmlose Serie aus der guten alten Zeit verfolgte. Ich glaube, die Serie lief am Sonntag nach 18 Uhr. Es war die Zeit, als wir zu Hause fünf Fernsehprogramme empfingen: ARD, ZDF, drittes Programm, ORF 1 und 2. Bei gutem Wetter hatten wir das Schweizer Fernsehen, aber das haben eher reinbekommen. Fernsehen begann in meiner Jugend am Nachmittag, eine der ersten Sendungen des Tages war die Drehscheibe im ZDF. Gegen 0:00 Uhr kam Nationalhymne mit Deutschlandfahne, dann Testbild, dann kam der Sendeschluss mit Bildrauschen.
Für mich war es im Großen und Ganzen eine harmlose Fernsehzeit. Und dazu gehörte auch das Königlich Bayerische Amtsgericht. Als ich vom Tod von Georg Lohmeier erfuhr, kam mir der Claim der Serie sofort wieder in den Sinn. Und genau so wie ich die einführenden Worte beim Raumschiff Enterprise auswendig kenne, musste ich mit Erschrecken feststellen, dass ich die einführenden Sätze des Königlich Bayerischen Amtsgerichts genauso konnte. „In Bayern war sie besonders gut, diese Zeit. Damals regierte seine königliche Hoheit, der Prinzregent, das Bier war noch dunkel, und die Menschen noch typisch. Die Burschen schneidig und die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisschen vornehmen und ein bisschen leger. Es war halt vieles noch in Ordnung damals. Denn für Ruhe und geordnete Verhältnisse sorgte die Gendarmerie und für die Gerechtigkeit das königliche Amtsgericht“. – na, wer von euch konnte diese Zeilen mit aufsagen?
Im Mittelpunkt der Serie stammt natürlich Amtsgerichtsrat August Stierhammer. Am liebsten mochte ich als Kind den Gerichtsdiener. Er war schön dämlich und ich konnte als Kind vortrefflich über ihn lachen. Als er Zeugen in den Gerichtssaal bringen musste, ging das immer nach gleichen Schema ab, ein früher Running Gag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Der Gerichtsdiener stand auf, rückte sich seine Schirmmütze zurecht und wiederholte die Worte des Rates: Zeuge XY, jawohl!
Die Darsteller waren allesamt erste Sahne – viele große bayerische Volksschauspieler. Vielleicht kam diese Serie in Norddeutschlandnicht gut an, bei uns in Bayern war sie ein Gassenfeger. Georg Lohmeier zeichnete die Personen wunderbar. Die Bauernschlauen Leute, die Naiven, die Aufbrausenden und die Grattler und Gantler. Der Autor hatte wunderbar dem Volk aufs Maul geschaut. Sie waren so schön skurril übertrieben, dass es als Kind ein Genuss war, sie anzuschauen.
Als die Serie in irgendeinem privaten TV-Programm wiederholt wurde, zappte ich hinein und blieb ein paar Minuten in meiner eigenen Fernsehvergangenheit hängen. Schön war es. Für heutige Sehgewohnheiten ist die Serie zu ruhig, es war ja im Grunde nichts anderes als abgefilmtes Theater ohne große Schnitte und Einstellungen. Georg Lohmeier nahm die Gerichtsserien der achtziger und neunziger Jahre vortrefflichen hinweg und packte sie in die Zeit des bayerischen Prinzregenten. So eine Art Ally McBeal des frühen 20. Jahrhunderts. Das gefiel den Leuten, und auch meine Eltern haben sich irgendwann eine Sonderausgabe mit allen Verhandlungen in einen Band gekauft.
Nun ist Georg Lohmeier im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit gestorben. Übrigens, bei YouTube sind einige Folgen zu sehen. Ach ja, Amazon verkauft die Folgen Königlich Bayerisches Amtsgericht für wenig Geld.

Muss das sein? Äffle und Pferdle als 3D-Animation

27. Juli 2013

Es ist wohl der Lauf der Dinge, dass alles digitalisiert werden muss. Obwohl ich ja ein Verfechter der digitalen Welt bin, muss ich nicht alles 3D-animiert haben. Dazu gehören zum einen die Mainzelmännchen, die Biene Maja und jetzt kommt auch noch “Äffle und Pferdle”.

Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich weiß, dass man neue Zielgruppen mit zeitgemäßer Bildsprache erreichen kann und dennoch bin ich in diesem Fall ein konservativer Knochen. Nicht alles, was geht, muss auch gemacht werden. Aber vielleicht werde ich einfach nur alt, aber mir gefällt es einfach nicht.

Originalclip ab 0:35 min

Um was geht es? Die Abteilung Forschung & Entwicklung des Instituts für Animation, Visual Effects und digitale Postproduktion an der Filmakademie Baden-Württemberg hat in Kooperation mit der Lang-Film Medienproduktion neue Produktionstechniken für die beliebten schwäbischen Zeichentrickfiguren „Äffle und Pferdle“ entwickelt. Dadurch sind die beiden Figuren ab sofort auch als Computer-Animationen zu bewundern. Die Filmakademie gehört zu den führenden Schulen im digitalen Bereich und ich habe lange in meiner Zeit als Chefredakteur für 3D-Zeitschriften mit den Kreativen zusammengearbeitet. Großartige Talente sind dort zu finden.

Die animierten Sequenzen von „Äffle und Pferdle“, die im Südwestrundfunk seit 1960 zwischen den ausgestrahlten Werbespots gezeigt werden (ähnlich den Mainzelmännchen im ZDF), wurden bis 1998 mit der Hand gezeichnet. Die Entwicklung der neuen Produktionstechniken und die erstmalige 3D-Adaption, die auf der Website der R&D-Abteilung mit mehreren Videobeispielen veranschaulicht werden, sollen nun die Basis für die Produktion von neuen Episoden bilden. Dabei sollen Charme und Stil der Originale unbedingt beibehalten werden.

Clip von 2D zu 3D-Roto

Die „Äffle und Pferdle“-Cartoons, in denen der unverwechselbare Dialekt der Region gesprochen wird, greifen typisch schwäbische Verhaltensformen auf. Das „Pferdle“ ist dabei eine Referenz an das Stuttgarter Stadtwappen. Die beiden Tiere zählen zu den beliebtesten Charakteren in Baden-Württemberg und haben allein auf Facebook über 73.000 Follower und meine Familie gehört auch dazu.

Clip Komplett animiert

Roto vs Full Animation

Technisch sind die Umsetzungen hervorragend und auch der Charme ging nicht verloren. Ich bin dennoch nicht begeistert und muss mich wohl daran gewöhnen. Meinen Kindern gefällt es übrigens. Tja, der Lauf der Dinge.

Alles auf einmal:

300 Prozent Steigerung bei mobiler Videonutzung

2. Mai 2013

Ich hab mir die Papst-Wahl im Internet angeschaut.

Ich hab mir die Papst-Wahl im Internet angeschaut.

Die Kommunikation wird mobil und auf meinen Seminaren erarbeiten wir die Chancen von mobilen Endgeräten für Verbraucher und Firmen. Dabei spielt Bewegtbild eine immer größere Rolle. Nicht zuletzt die Tatsache, dass Smartphones und Tablets eine Videokamera in Board haben, ist erleichtert geworden, selbst bewegte Bilder zu erzeugen und ins Internet hochzulaufen.

Jetzt liefert mir Adobe Zahlenmaterial für den rasanten Anstieg der Nutzung von Video-Content über mobile Geräte. Interessant: Auch TV-Nutzung über mobile Geräte setzt sich zunehmend durch. Was Adobe aber nicht wusste, sind aktuelle Entwicklungen in Deutschland. Die Volumentarife bei Handys und Tablets zwangen die User auf WLAN auszuweichen. Jetzt stehen aktuelle Drosselungbemühungen der Telekom dem Trend zu mobiler Videonutzung entgegen.

Adobe hat die Ergebnisse des neuesten Digital Index Report vorgestellt. Darin untersucht das Unternehmen das Nutzungsverhalten von Online-Konsumenten in Bezug auf Videos und Werbung. Gemäß dem Report werden über mobile Geräte 300 Prozent mehr Videos betrachtet. Die Nutzung digitaler TV Everywhere-Angebote hat sich im vergangenen Jahr verzwölffacht. Auf Facebook werden Video-Inhalte doppelt so oft mit „Gefällt mir“ markiert,. geteilt oder kommentiert als sonstiger Content – das kann ich aus eigenen Erfahrungen nur bestätigen. In Bezug auf Video-Werbung machen pre-roll Ads bei längeren Videos 82 Prozent aller Ad-Betrachtungen aus und werden damit deutlich häufiger aufgerufen als mid-role Ads oder post-roll Ads.

 

Im Internet konnte ich live das Ausrufen des neuen Papstes erleben. Mobiles Video macht es möglich.

Im Internet konnte ich live das Ausrufen des neuen Papstes erleben. Mobiles Video macht es möglich.

Die Kernaussagen des Adobe-Berichts lauten:

Nutzung von TV Everywhere 

2012 stellte in den USA ein Rekordjahr für die Nutzung von TV Everywhere-Angeboten dar. Die Zahl der Anmeldungen stieg um das zwölffache im Vergleich zum Vorjahr und wurde durch Events wie die olympischen Sommerspiele, die Fußball-Europameisterschaft 2012 und die NBA Playoffs weiter gefördert. In Deutschland Streaming ARD und ZDF ihre Programme live ins Internet.

Videokonsum nach Geräten

Der Anteil gestarteter Videos über mobile Geräte hat sich im vergangenen Jahr um mehr als das dreifache von 3 Prozent auf 10,4 Prozent erhöht. 89,6 Prozent der Videos werden noch immer über  Desktop-Rechner abgerufen. Innerhalb der mobilen Geräte steigen die Video-Abrufe über Tablets am stärksten. Konsumenten rufen Videos am Wochenende bevorzugt über Tablets ab. An Sonntagen finden 17 Prozent der Video-Starts über Tablets statt. Bei Betrachtung aller mobilen Geräte ist die Video-Nutzung an Montagen, Donnerstagen und Sonntagen mit je 16 Prozent am höchsten.

Social Media und Video 

Facebook-User kommentieren, liken und teilen Video-Inhalte zweimal häufiger als anderen Content. Das Ergebnis verdeutlicht, dass Video-Inhalte Marken helfen können, die Interaktion mit ihren Fans zu fördern. Auf Twitter wird dreimal häufiger auf Video-Inhalte von Medienseiten verwiesen, als auf anderen Content.

 

Videoinhalte werden durch Social Media geteilt.

Videoinhalte werden durch Social Media geteilt.

Meistgenutzte Video-Inhalte 

Inhalte von TV-bezogenen Medienseiten werden über alle Geräte hinweg deutlich häufiger bis zum Ende geschaut, als solche von nicht TV-bezogene Seiten. Der Traffic über Tablets steigt hier ebenfalls am stärksten. Mobile Video-Klicks steigen zudem speziell bei besonderen Sportevents um das Doppelte, beispielsweise bei den Olympischen Spielen 2012 oder dem US-College NCAA Tournament 2012.

 

Das kleine Gespenst kommt als Realfilm

4. Juli 2012

Wo ist das kleine Gespenst?

Wo ist das kleine Gespenst?

Als Kind liebte ich die Geschichten von Otfried Preußler. Und bei meinen Kindern ist es ebenso. Renner bei uns zu Hause ist das Buch Das kleine Gespenst. Immer und immer wird es gelesen und darüber diskutiert. Ich erinnere mich noch, als 1992 die Trickfilm-Version vom Das kleine Gespenst in die Kinos kam und ich restlos enttäuscht war. Regie führte  Zeichentrickveteran Curt Linda und ich war von der langweiligen Animation frustriert. Ich hab den Film nie meinen Kindern gezeigt, weil ich damals so enttäuscht war.

Jetzt wird an einer Realverfilmung vom kleinen Gespenst gearbeitet. Vor kurzem fiel auf Schloss Wernigerode in Sachsen-Anhalt unter der Regie von Alain Gsponer die erste Klappe zum generationenübergreifenden Familienfilm. Otfried Preußlers beliebtes Kinderbuch  „Das kleine Gespenst“ erschien 1966. Mit 2,3 Millionen verkauften Exemplaren – plus verkaufter Hörspiele – gehört seine charmante Geistergeschichte nun schon seit vier Jahrzehnten zur Grundausstattung deutscher Kinderzimmer. Das Produzententeam Uli Putz und Jakob Claussen („Jenseits der Stille“, „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“) hat 2008 bereits den Preußler-Klassiker „Krabat“ mit großem Erfolg auf die Leinwand gebracht. „Das kleine Gespenst“ kommt pünktlich zu Otfried Preußlers 90. Geburtstag am 20. Oktober 2013 im Verleih von Universum Film ins Kino. Gedreht wird noch bis 7. August in Werningerode und Quedlinburg sowie in München. Mal sehen, ob ich am Drehort mal vorbeischauen darf. Ich werde die Produktion mal bequatschen. Ich hoffe, dass der Film mich nicht so enttäuscht, wie der Streifen von 1992. Ich will mit meinen Kindern ins Kino gehen.

Neben den Newcomern Jonas Holdenrieder (Karl), Emily Kusche (Marie), Nico Hartung (Hannes) und Carlos Richter (Peter) sorgen Uwe Ochsenknecht („Die wilden Kerle“) als „alter Schwede“ Torsten Torstenson, Herbert Knaup („Jerry Cotton“) als Uhrmachermeister Zifferle und Aykut Kayacik („Almanya – Willkommen in Deutschland“) als grantiger Burgverwalter für geistreichen Spaß. Mit großem Aufwand erweckt ein Team von VFX und Character Designern, die bereits in „Wickie auf großer Fahrt“ und „Krabat“ involviert waren, das kleine Gespenst digital zum Leben. Anna Thalbach leiht dem weiß-schwarzen Helden ihre Stimme, Veteran Wolfgang Hess spricht den weisen Uhu Schuhu.

Regisseur Alain Gsponer, für „Das wahre Leben“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, inszeniert mit  „Das kleine Gespenst“ seinen ersten Kinderfilm. Martin Ritzenhoff, der schon das Drehbuch zu „Vorstadtkrokodile“ lieferte, adaptiert Otfried Preußlers zeitlosen Klassiker für die Leinwand.

„Das kleine Gespenst“ ist eine Produktion der Claussen+Wöbke+Putz Filmproduktion, in Koproduktion mit Zodiac Pictures Ltd, dem Zweiten Deutschen Fernsehen ZDF, dem Schweizer Radio und Fernsehen SRF und der Teleclub AG. Das Projekt wird gefördert durch den FilmFernsehFonds Bayern, die Mitteldeutsche Medienförderung, die Filmförderungsanstalt, den BKM – Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, den Deutschen Filmförderfonds, MEDIA Development, das Bundesamt für Kultur (EDI) und die Zürcher Filmstiftung.