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Wenn Geschichte plötzlich ganz nah wird: Lesung aus den Meisaha-Heften berührt Maisach

25. April 2026

Vor kurzem lud der Historische Arbeitskreis der Gemeinde Maisach wieder zu einer Lesung in die Gemeindebücherei Maisach ein. Im Mittelpunkt standen ausgewählte Texte aus den Heften zur Gemeindegeschichte „Meisaha“, die seit Jahren wichtige Episoden, Entwicklungen und Erinnerungen aus Maisach und seinen Ortsteilen dokumentieren. Die Lesung versteht sich dabei nicht nur als Rückblick auf Vergangenes, sondern auch als lebendige Begegnung mit der eigenen Heimatgeschichte. Hier die einzelnen Lesungen aus den Meisaha-Heften. Die Hefte gibt u.a. es bei der Gemeinde Maisach zu kaufen.

Stefan Schader: Die Dampfmaschine der Brauerei Maisach
Die Lesung von Stefan Schader zeichnet die Geschichte der Brauerei Maisach und ihrer Dampfmaschinen als bedeutendes Kapitel der Orts- und Technikgeschichte nach. Die Brauerei, eines der Wahrzeichen Maisachs, wurde bereits 1556 erstmals erwähnt und erlebte im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Besitzerwechsel. Eine wichtige Zäsur war das Jahr 1907, als Josef Sedlmeier den Betrieb übernahm. Nach dem Brand des Sudhauses in der Nacht zum Pfingstsonntag 1909 wurde die Brauerei neu aufgebaut und zugleich in moderne Technik investiert. Dazu gehörte auch der Erwerb von Geräten aus der stillgelegten Schlossbrauerei Hof Hegnenberg, darunter eine Dampfmaschine.

Schader erklärt, warum Dampfmaschinen für Brauereien damals so wichtig waren. Mit der Umstellung vom obergärigen auf das untergärige Brauverfahren im 19. Jahrhundert entstand ein wachsender Bedarf an verlässlicher Kühlung. Untergäriges Bier benötigte über Wochen hinweg niedrige und gleichbleibende Temperaturen, was zunächst nur mit Natureis möglich war. Dieses wurde im Winter gewonnen und in Kellern gelagert, weshalb traditionell nur in der kalten Jahreszeit gebraut werden konnte. In milden Wintern geriet dieses System jedoch an seine Grenzen. Erst die Entwicklung von Kältemaschinen, angestoßen durch Karl Linde in den 1870er Jahren, schuf Abhilfe. Angetrieben wurden diese frühen Kühlanlagen in der Regel von Dampfmaschinen, da die Elektrizitätsversorgung damals noch zu schwach ausgebaut war.

In der Brauerei Maisach kamen zwei solcher Maschinen zum Einsatz. Die ältere, kleinere Maschine stammte ursprünglich aus Hof Hegnenberg, war bereits 1892 gebaut worden und wurde 1909 nach Maisach gebracht. Sie war direkt mit einem Kompressor verbunden, der ebenfalls aus Augsburg stammte. Schader schildert dazu anschaulich auch Details aus den damaligen Bedien- und Wartungsanleitungen, die von den Maschinenführern Aufmerksamkeit, Ordnung, Reinlichkeit, Ruhe und Nüchternheit verlangten. Die zweite Dampfmaschine war eine deutlich stärkere Flottmann-Maschine aus dem Jahr 1928, die direkt nach Maisach geliefert wurde. Auch sie trieb einen Kompressor an, allerdings über ein Riemensystem. Beide Maschinen dienten jedoch nicht nur der Kälteerzeugung, sondern auch der Stromversorgung der Brauerei: Sie setzten Generatoren in Gang, die wiederum Pumpen, Rührwerke und Beleuchtung betrieben. Für Notfälle stand zusätzlich ein Dieselmotor bereit, der noch bis in die 1980er Jahre als Reserve genutzt wurde.

Der Betrieb der Dampfmaschinen endete 1974. Heute stehen die Maschinenräume mit den Dampfmaschinen ebenso wie das Sudhaus mit seinem Kamin unter Denkmalschutz. Damit sind in Maisach seltene technische Zeugnisse erhalten geblieben, die von der Entwicklung des Brauwesens und der Industrialisierung im ländlichen Raum erzählen. Auch wenn die Anlage noch immer so wirkt, als könne sie jederzeit wieder in Gang gesetzt werden, wird eine Wiederinbetriebnahme wohl Wunschdenken bleiben, da eine Restaurierung nach jahrzehntelangem Stillstand mit enormem finanziellem Aufwand verbunden wäre.

Charly Muth über die Schmidhammer-Chronik
Die Lesung von Charly Muth über die Schmidhammer-Chronik gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Stimmung in Maisach während des Ersten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht Pfarrer Schmidhammer, der in diesen Jahren in Maisach wirkte und die Kriegsereignisse von 1915 bis 1917 chronologisch festhielt. Seine Aufzeichnungen spiegeln nicht nur die großen politischen und militärischen Entwicklungen wider, sondern auch die Sicht eines oberbayerischen Landpfarrers, geprägt von deutschnationalem Denken, religiöser Überzeugung und der allgemeinen Stimmung seiner Zeit. Zugleich erinnert Muth daran, dass die Chronik nur deshalb heute lesbar ist, weil der inzwischen verstorbene Jörg Pluta sie mit großem Aufwand aus der schwer entzifferbaren Handschrift Schmidhammers übertragen hat.

Aus den zitierten Passagen wird deutlich, wie eng sich in Schmidhammers Wahrnehmung Weltpolitik, Kriegsgeschehen, Religion und dörflicher Alltag miteinander verbanden. Er kommentierte Frontverläufe, Siege und Niederlagen ebenso wie die Unterbringung russischer Kriegsgefangener in Maisach, die Beteiligung der Bevölkerung an Kriegsanleihen oder die wachsenden Versorgungsschwierigkeiten. Seine Einträge zeigen Hoffnung auf einen schnellen Sieg, großes Mitgefühl mit den eigenen Soldaten und zugleich eine scharfe, oft polemische Ablehnung der Kriegsgegner. Immer wieder deutet er die Ereignisse moralisch und religiös, beklagt den Verlust von Vernunft und Glauben und sieht im Krieg auch eine Folge von Materialismus, Pressehetze und fehlender sittlicher Orientierung.

Zugleich wird in der Chronik der Alltag an der Heimatfront greifbar. Fleischkarten, Lebensmittelknappheit, Sparappelle und die Ermahnung zu Verzicht prägen das Leben ebenso wie Eingriffe in das kirchliche und dörfliche Leben. So berichtet Schmidhammer etwa von der Abnahme von Orgelpfeifen und Kirchenglocken für Kriegszwecke. Die Chronik nennt außerdem die vielen Gefallenen aus Maisach und macht damit deutlich, wie tief der Krieg in das Dorf hineingriff. Zwischen patriotischer Deutung, Frömmigkeit und Entbehrung zeigt sich eine Gesellschaft, die den Krieg nicht nur an den Fronten, sondern auch im Alltag, in der Kirche und im Denken der Menschen erlebte.

Am Ende lockert Muth die Lesung mit einem satirischen „Kochrezept“ aus der Kriegszeit auf, in dem Lebensmittel- und Bezugskarten symbolisch zu einem Gericht verarbeitet werden. Gerade dieser humorvolle Schluss macht noch einmal deutlich, wie sehr Mangel, Bürokratie und Improvisation den Alltag bestimmten. So wird die Schmidhammer-Chronik in der Lesung nicht nur als historisches Dokument vorgestellt, sondern als eindrückliches Zeugnis dafür, wie der Erste Weltkrieg in einem oberbayerischen Dorf wahrgenommen, gedeutet und durchlitten wurde.

Stefan Pfannes erzählt die lange und beinahe kuriose Geschichte des Bierausschanks in Oberlappach
Die Lesung von Stefan Pfannes erzählt die lange und beinahe kuriose Geschichte des Bierausschanks in Oberlappach. Ausgangspunkt ist die Frage, warum ein so kleiner Ort mit nur rund 100 bis 120 Einwohnern überhaupt ein Wirtshaus brauchte. Die Recherchen im Archiv zeigen jedoch, dass der Wunsch nach einer eigenen Gastwirtschaft in Oberlappach über Jahrzehnte hinweg erstaunlich groß war. Insgesamt wurde nach den Akten zehnmal versucht, eine Konzession für ein Wirtshaus zu erhalten. Allein 1913 und 1914 lagen sogar fünf gleichzeitige Gesuche vor. Der sogenannte „Bierdurst“ der Oberlappacher war also durchaus ausgeprägt.

Der erste Versuch geht auf das Jahr 1863 zurück, blieb aber zunächst erfolglos. Erst dem Schmiedmeister Anton Klotz gelang es, in seinem neu erbauten Haus in Oberlappach eine Gastwirtschaft einzurichten. Er durfte Bier, aber keinen Brandwein ausschenken, obwohl die Gemeinde Rottbach eigens argumentiert hatte, dass auch dafür ein gewisses Bedürfnis bestehe. Die Wirtschaft entwickelte sich zunächst offenbar ordentlich, doch 1878 kam es dort zu einer schweren Schlägerei, an der auch Klotz beteiligt war. In der Folge wurde ihm die Konzession entzogen. Trotz Fürsprache aus dem Ort erhielt er sie nicht zurück, und die Gaststätte musste schließen.

Damit war die Geschichte jedoch keineswegs beendet. Schon kurz darauf versuchten die Bewohner selbst, eine Konzession für die Gemeinde zu erhalten, was rechtlich nicht möglich war. Weitere Gesuche von Klotz, Josef Blum und Gregor Strixner scheiterten ebenfalls. Die Behörden vertraten die Auffassung, dass die umliegenden Wirtschaften in Rottbach, Maisach, Frauenberg oder Stephansberg den Bedarf ausreichend deckten. Zudem wollte man verhindern, dass in kleinen Orten ohne ausreichende wirtschaftliche Grundlage zahlreiche unbedeutende Gaststätten entstehen. Dennoch blieb der Wunsch nach einer Wirtschaft in Oberlappach bestehen, auch weil viele Einwohner als Kleinbegüterte kaum die Möglichkeit hatten, Bier auf Vorrat zu lagern oder weite Wege für den Einkauf in Kauf zu nehmen.

Im frühen 20. Jahrhundert verlagerte sich der Ausschank zunehmend auf den Flaschenbierhandel. Seit 1902 bestand in Oberlappach ein Flaschenbierhandel der Familie Heckmayer, dessen Bier bei Kontrollen sogar als sehr gut bewertet wurde. Offenbar war dies für manche dennoch kein Ersatz für ein richtiges Wirtshaus, denn zwischen 1913 und 1914 gab es erneut mehrere Bewerber für eine Gaststättenkonzession, darunter sogar der Maisacher Bräu Josef Sedlmayr. Doch auch diese Vorstöße scheiterten. 1925 unternahm Lorenz Puchner einen letzten Versuch. Er argumentierte, die Bewohner würden sich über billigeres Bier freuen, da Flaschenbier zu teuer sei. Sein Gesuch führte noch einmal zu Auseinandersetzungen bis hinauf in die Ministerien, blieb aber ebenfalls erfolglos. Die einzige Wirtin der Gemeinde, Sofie Treffler aus Rottbach, machte in ihrer Stellungnahme deutlich, dass sich schon ihre eigene Gastwirtschaft kaum rentiere und eine weitere Wirtschaft in Oberlappach wirtschaftlich kaum tragfähig wäre.

So blieb es letztlich beim Flaschenbierhandel. 1926 übernahm die Familie Heckmayer erneut die entsprechende Konzession, und erst 1958 wurde daraus noch eine sogenannte „Stopselwirtschaft“, in der Bier und kleine Brotzeiten in bäuerlicher Stube angeboten wurden. Damit fand der fast hundertjährige Kampf um eine eigene Gaststätte in Oberlappach doch noch einen kleinen Abschluss, wenn auch nicht in der Form eines klassischen Wirtshauses. Mitte der 1960er Jahre endete auch diese letzte Form des Bierausschanks, und seither mussten die Oberlappacher ihren Bierdurst anderswo stillen.

Torfbahn im Fußbergmoos von Hartwig Meis
Die Lesung von Hartwig Meis über die Torfbahn im Fußbergmoos erzählt die Geschichte eines heute fast vergessenen Infrastrukturprojekts, das nur wenige Jahre Bestand hatte. Ausgangspunkt war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Ernährungslage schwierig war und in Bayern verschiedene Maßnahmen zur wirtschaftlichen Nutzung von Moorflächen angestoßen wurden. 1919 gründeten Bauern aus Kirchheim und Aschheim bei München die „Torfverwertungsgesellschaft Fußberg mbH“, die im Fußbergmoos Torf abbauen wollte. Zu diesem Zweck pachtete sie 1920 von Bauern in Thal größere Waldflächen, unter denen sich Torfvorkommen befanden. Um den Torf abtransportieren zu können, wurde gleichzeitig mit Unterstützung des neu geschaffenen Kulturbauamts München eine fast drei Kilometer lange Kleinbahn gebaut, die den gestochenen Torf aus dem Moor zum Bahnhof Gernlinden bringen sollte.

Wie Meis zeigt, war diese Bahn technisch durchaus bemerkenswert, organisatorisch aber erstaunlich schlecht abgesichert. Obwohl bereits eine Dampflokomotive eingesetzt wurde und die Bahn eigentlich genehmigt und abgenommen werden musste, stellte das Bezirksamt Fürstenfeldbruck erst 1921 fest, dass dort bereits ein Bahnbetrieb lief. In den folgenden Jahren schoben sich verschiedene Behörden gegenseitig die Zuständigkeit zu: Das Kulturbauamt fühlte sich nicht mehr verantwortlich, die Eisenbahndirektion verwies auf die fehlende direkte Verbindung zur Staatsbahn, und das Bezirksamt musste schließlich selbst tätig werden, obwohl ihm dafür die fachliche Kompetenz fehlte. Eine eigentliche Betriebsgenehmigung wurde jedoch nie erteilt. So blieb die Torfbahn letztlich ein ungenehmigtes Unternehmen, ein Schwarzbau, wie man heute sagen würde.

1925 kam das abrupte Ende. Der Betriebsleiter meldete der Gendarmerie, dass das Torffeld dauerhaft geschlossen werde. Für die Behörden war nun vor allem wichtig, was aus den Beschäftigten werden sollte. Als ein Jahr später erneut nachgesehen wurde, war die Bahn bereits vollständig abgebaut: Schienen und Anlagen waren entfernt, die Firma war praktisch verschwunden. Am 2. November 1926 meldete das Bezirksamt schließlich der Regierung von Oberbayern, dass das Unternehmen endgültig erloschen sei. Damit war das Projekt nach nur kurzer Zeit beendet, ohne je vollständig genehmigt oder technisch überprüft worden zu sein. Geprüft worden war lediglich der Lokführer, denn für das Führen einer Dampflokomotive galten damals strenge Vorschriften.

Besonders anschaulich wird die Lesung durch die von Meis ausgewerteten Akten und Pläne. Ein großformatiger, in Wasserfarbe und Tusche gezeichneter Bahnplan, den er mit erheblichem Aufwand restauriert und rekonstruiert hat, enthält nahezu alle technischen Einzelheiten der Strecke. Daraus geht hervor, dass es sich um eine Schmalspurbahn mit einer für Bayern ungewöhnlichen Spurweite von 75 Zentimetern handelte. Auch die Lokomotive ließ sich genauer identifizieren: Sie stammte nicht aus Bayern, sondern aus Schlesien von der Firma Linke-Hoffmann in Breslau. Meis konnte sogar ein Bild dieses Loktyps und ein historisches Foto der Bahn im Moor mit Lok, beladenen Torfwagen und der Bedienungsmannschaft finden. Auf diesem Foto sind drei Brüder namens Ott zu sehen, darunter der Lokführer Michael Ott, der als besonders wichtiger Mann des Betriebs galt.

Heute sind von der Torfbahn nur noch wenige Spuren erhalten. Die Moosalm war einst Wohnhaus des Betriebsleiters und zugleich eine Art Geschäftsstelle. Außerdem ist ein Teil der früheren Trasse noch im Verlauf einer heutigen Straße erkennbar. Andere Bereiche, vor allem am Bahnhof Gernlinden, sind durch spätere Baumaßnahmen vollständig überprägt worden. So bleibt die Torfbahn im Fußbergmoos ein Beispiel für ein mit großem Elan begonnenes, aber nur kurzlebiges Projekt, das rasch wieder verschwand und heute vor allem durch Akten, Pläne und wenige Fotografien nachvollziehbar ist.

Helga Rueskäfer über den Bau der Bahnunterführung in Maisach
Die Lesung von Helga Rueskäfer schildert den Bau der Bahnunterführung in Maisach als eines der schwierigsten und nervenaufreibendsten Projekte in der Amtszeit von Bürgermeister Moser. Ausgangspunkt war die unhaltbare Verkehrssituation am Bahnhof Maisach, wo sich an den Bahnschranken immer wieder lange Rückstaus bildeten. Zudem gab es im Gemeindegebiet damals nur niveaugleiche Bahnübergänge. Schon Ende der 1950er Jahre wurde deshalb über eine Lösung diskutiert. Während die Bundesbahn zunächst nur einen eigenen Fußgängerübergang mit Drehkreuz und später eine Fußgängerunterführung vorschlug, bestand der Gemeinderat von Anfang an auf einer Unterführung für den Straßenverkehr.

In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus ein zäher Konflikt zwischen Gemeinde und Bahn. Immer wieder legte die Bahn neue Pläne vor, die aus Sicht der Maisacher nicht ausreichten. So wurde Mitte der 1960er Jahre eine Überführung bei der Gärtnerei Zick ins Gespräch gebracht, während am Bahnhof selbst nur an eine Lösung für Fußgänger und Radfahrer gedacht war. Der Gemeinderat lehnte diese Varianten jedoch ab, weil die Gemeinde die Unterführung direkt am Bahnhof wollte. Unterstützt wurde diese Haltung von der neu gegründeten Interessengemeinschaft Maisach-Süd, die als frühe Bürgerinitiative ebenfalls Druck machte. Die Zeit drängte zusätzlich, weil bis zur Einführung der S-Bahn 1972 eine tragfähige Lösung gefunden werden musste.

Erst 1970 gelang der Durchbruch. Die Bahn gab ihre Pläne für eine Überführung bei der Gärtnerei Zick schließlich auf, und die Gemeinde setzte sich mit ihrer Forderung nach einer Unterführung am Bahnhof durch. Der Gemeinderat beschloss den Bau einer Unterführung mit einer Höhe von 3,80 Metern. Parallel dazu wurden auch weitere Verkehrsprojekte vorangetrieben, darunter eine Bahnüberführung zwischen Maisach und Gernlinden sowie der Ausbau der Frauenstraße in Richtung Malching. Im März 1971 konnte schließlich der Finanzierungsplan beschlossen werden. Die Gesamtkosten für die Bahnhofsunterführung wurden mit 5,4 Millionen D-Mark veranschlagt, dazu kamen weitere Ausgaben für den Ausbau der angrenzenden Straßen. Die Gemeinde hoffte dabei auf erhebliche Zuschüsse von Bund und Land.

Rueskäfer macht in ihrer Lesung deutlich, dass dieses Projekt nur ein Beispiel für die Vielzahl an Aufgaben war, die Bürgermeister Moser in seiner Amtszeit zu bewältigen hatte. Als letzter ehrenamtlicher Bürgermeister Maisachs habe er die Modernisierung der Gemeinde entscheidend vorangetrieben, etwa mit Schulbauten, sozialem Wohnungsbau, zentraler Wasserversorgung und weiteren Infrastrukturmaßnahmen. Der Kampf um die Bahnunterführung gehört dabei zu seinen größten kommunalpolitischen Kraftakten. Die Einweihung der Unterführung, für die er so lange gestritten hatte, erlebte Moser schließlich nur noch als Ehrengast, denn zu diesem Zeitpunkt war bereits sein Nachfolger im Amt. Die Geschichte zeigt damit anschaulich, wie langwierig kommunale Großprojekte schon damals sein konnten und wie eng sie mit dem Engagement einzelner Persönlichkeiten verbunden waren.

Annemarie Karg über die Bewohner der Ringstraße in Gernlinden
Die Lesung von Annemarie Karg über die Bewohner der Ringstraße in Gernlinden erzählt von der Entstehung eines besonderen Wohngebiets in der frühen Nachkriegszeit. Die Häuser in der Ringstraße wurden Anfang der 1960er Jahre nahezu gleichzeitig gebaut, einheitlich geplant und waren vor allem für Menschen bestimmt, die sozial wohnungsberechtigt waren. Dazu gehörten Flüchtlinge, Vertriebene, Kriegsbeschädigte und Familien, die nach den Entbehrungen des Krieges dringend Wohnraum suchten. Auch Kargs eigene Familie gehörte dazu: Ihr Vater war schwer kriegsbeschädigt und bei der Bundesbahn beschäftigt. Voraussetzung für den Erhalt eines Grundstücks war unter anderem, dass Kinder oder weitere Familienmitglieder vorhanden waren. Die Häuser waren größtenteils ähnlich groß und ähnlich gebaut, und zugleich war vorgesehen, dass in ihnen auch weiterer Wohnraum für bedürftige Mieter geschaffen wurde.

Exemplarisch schildert Karg die Geschichte der Familie Ruderer, die eng mit ihrer eigenen Familiengeschichte verbunden ist. Christa Ruderer, geborene Lux, kam aus Oberschlesien und erlebte als Kind die Flucht im Winter 1944/45. Wie viele andere musste ihre Familie in großer Unsicherheit die Heimat verlassen, mit der Hoffnung auf eine Rückkehr, die sich jedoch nie erfüllte. Nach Stationen in Waldenfels und weiteren schweren Einschnitten, darunter der Tod ihres Bruders im Krieg, ging Christa als junge Frau nach München, um Arbeit zu finden. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Josef Ruderer kennen, der aus dem Bayerischen Wald stammte und ebenfalls auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach München gekommen war. Nach der Heirat lebte das Paar zunächst sehr beengt als Untermieter in Gernlinden. Erst als Josef Ruderer eine Stelle bei der Deutschen Bundesbahn erhielt, ergab sich für die Familie die Möglichkeit, in der Ringstraße ein eigenes Haus zu bauen.

Die Lesung macht deutlich, dass die Ringstraße nicht nur ein Bauprojekt war, sondern ein Ort des Neuanfangs für Menschen mit oft schwierigen Lebensgeschichten. Viele Bewohner kamen aus unterschiedlichen Regionen und hatten Krieg, Flucht, Verlust und Wohnungsnot erlebt. In Gernlinden fanden sie die Chance, sich mit viel Eigenleistung und unter oft bescheidenen Bedingungen ein eigenes Zuhause aufzubauen. Damit wird die Ringstraße zu einem Beispiel für den sozialen Wohnungsbau und den Wiederaufbau der Nachkriegszeit, aber auch für die Lebensleistung einer Generation, die sich nach den Zerstörungen des Krieges Schritt für Schritt eine neue Heimat schuf. Annemarie Karg versteht ihre Arbeit zugleich als Erinnerung an diese Menschen und kündigt an, das Thema weiterzuverfolgen, solange noch persönliche Erinnerungen, Fotos und Berichte der Nachkommen erhalten sind.

Die Pizzaria Salerno von Conny Schader
Die Lesung von Conny Schader über die Pizzeria Salerno erzählt die Geschichte eines Lokals, das seit 1979 italienische Esskultur nach Gernlinden bringt und zugleich eng mit der Lebensgeschichte der Familie Morena verbunden ist. Gründer Ferdinand Morena stammt aus der Provinz Salerno in Süditalien. Nach einer Ausbildung als Kellner und ersten Berufserfahrungen in der Tourismusregion um Sorrent führte ihn die Cholera-Epidemie von 1973, die dem Tourismus im Süden Italiens schwer schadete, nach Bayern. Dort fand er über seine in Fürstenfeldbruck lebende Schwester Arbeit, zunächst in München und später in Fürstenfeldbruck. Nach dem Militärdienst in Italien kehrte er zurück und erfuhr, dass in Gernlinden ein Lokal zu mieten war. Trotz hoher Ablösesumme und großer finanzieller Risiken gelang es ihm gemeinsam mit einem Verwandten, das ehemalige Lokal zu übernehmen und am 20. August 1979 die Pizzeria Salerno zu eröffnen.

Die Anfangszeit war keineswegs einfach. Zwar war das Lokal bei der Eröffnung gut besucht, doch zeigte sich schnell, dass nicht nur gutes Essen, sondern auch viel organisatorisches Geschick nötig war, um sich zu etablieren. Besonders schwierig war es, die Pizzeria als gepflegtes Speiselokal zu positionieren, weil ein Teil der bisherigen Stammgäste weiterhin eher eine traditionelle Gaststätte mit Bier und Kartenspiel erwartete. Ferdinand Morena musste sich deshalb in den ersten Jahren mit Konflikten auseinandersetzen und sogar Lokalverbote aussprechen. Zugleich entwickelte sich die Speisekarte weiter, blieb aber in vielen Bereichen ihrer Linie treu. Einige Gerichte aus der Anfangszeit sind bis heute geblieben, andere verschwanden. Auch die eigene Eisherstellung wurde irgendwann aufgegeben, weil der Betrieb mit dem kleinen Team im Sommer nicht mehr zu bewältigen war. Nachdem ein geschätzter Koch 1986 nach Italien zurückkehrte, übernahm Morena selbst die Küche und setzte damit seine Erfahrung und sein über Jahre erworbenes Wissen noch stärker ein.

Eine wichtige Rolle spielte später auch seine Frau Virginia Morena, die 1984 nach Gernlinden kam. Für sie waren die ersten Jahre besonders schwer, weil sie kaum Deutsch sprach und sich dadurch weitgehend isoliert fühlte. Erst nach der Geburt der Kinder und durch Kontakte im Kindergarten fand sie allmählich Anschluss und begann, Gernlinden als Heimat zu empfinden. Im Restaurant übernahm sie Aufgaben im Service und im Hintergrund, oft zusätzlich zur Familienarbeit. Gemeinsam entschloss sich das Ehepaar schließlich, das Lokal ganz zu übernehmen, was erneut ein großes finanzielles Risiko bedeutete, zugleich aber den Grundstein für die weitere Entwicklung legte. So wurde das Salerno nicht nur zu einem gastronomischen Betrieb, sondern zum Mittelpunkt des gesamten Familienlebens.

Die Lesung macht deutlich, dass die Geschichte der Pizzeria Salerno weit über die eines Restaurants hinausgeht. Sie erzählt von Migration, Neuanfang, harter Arbeit, Integration und davon, wie aus einem italienischen Familienbetrieb ein fester Bestandteil des Lebens in Gernlinden wurde. Symbolisch dafür steht auch, dass die Familie Morena zum 40-jährigen Bestehen des Lokals den Gernlindnern den Maibaum spendete. Damit wurde sichtbar, wie sehr sich italienische Herkunft und bayerische Heimat in diesem Ort miteinander verbunden haben.

Corona in Maisach von Matthias J. Lange
Die Lesung von Matthias J. Lange zeichnet ein eindringliches Bild von Maisach in den ersten Wochen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020. Grundlage ist ein Blog, den Lange ab dem 22. März 2020 über 45 Tage hinweg täglich führte und in dem er den Ausnahmezustand in der Gemeinde dokumentierte. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht große politische Entscheidungen, sondern der veränderte Alltag vor Ort: die ungewohnte Ruhe auf den Straßen, leere Parkplätze, geschlossene Cafés, abgesagte Veranstaltungen und die spürbare Verunsicherung der Menschen. Zugleich beschreibt Lange, wie sich die Bewohner rasch auf die neuen Regeln einstellten, Abstand hielten und ihren Alltag mit Vorsicht, aber auch mit Disziplin und gegenseitiger Rücksicht neu organisierten.

Besonders deutlich wird in seiner Schilderung, wie wichtig in dieser Zeit die Versorgung und die gegenseitige Hilfe im Ort waren. Supermärkte, Bäckereien und andere Lebensmittelgeschäfte blieben geöffnet, entwickelten schnell neue Routinen und sorgten trotz einzelner Engpässe dafür, dass die Grundversorgung gesichert war. Zugleich entstanden in sozialen Netzwerken lokale Hilfsangebote, über die Einkaufsdienste, Besorgungen oder Fahrdienste organisiert wurden. Auch in Maisach zeigte sich damit, dass die Krise nicht nur Unsicherheit auslöste, sondern auch neues bürgerschaftliches Engagement. Die sozialen Medien wurden zu einem zentralen Informations- und Austauschraum, weil viele Menschen zu Hause blieben und das Bedürfnis nach Orientierung und Kommunikation stark zunahm.

Ein weiterer Schwerpunkt der Lesung ist der Umgang von Kirche, Feuerwehr und Gastronomie mit der Ausnahmesituation. Gottesdienste fielen zunächst aus oder wurden digital übertragen, gleichzeitig suchten viele Menschen in der Krise nach Halt und religiöser Gemeinschaft. Die Feuerwehr blieb einsatzbereit, musste ihren Betrieb aber ebenfalls anpassen und den direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit stark einschränken. Besonders hart trafen die Corona-Maßnahmen die Gastronomie, die von einem Tag auf den anderen ihr Geschäftsmodell umstellen musste. Während manche Betriebe vorübergehend schlossen, versuchten andere mit Abhol- und Lieferangeboten zu überleben. Hinter diesen Anpassungen standen oft große Existenzsorgen und die Angst um die wirtschaftliche Zukunft.

Insgesamt zeigt die Lesung Maisach als eine Gemeinde, die in der Pandemie zwar stiller und leerer wurde, aber nicht handlungsunfähig. Vielmehr entsteht das Bild eines Dorfes im Ausnahmezustand, das mit Ruhe, Improvisation und Zusammenhalt auf die Krise reagierte. Die leeren Straßen, die geschlossenen Kirchenbänke, die improvisierten Hilfsangebote und die neuen digitalen Formen des Kontakts stehen dabei sinnbildlich für einen tiefen Einschnitt in das Alltagsleben. Matthias J. Lange hält damit nicht nur eine lokale Chronik der ersten Corona-Wochen fest, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte, das zeigt, wie tief die Pandemie selbst in einer einzelnen Gemeinde das öffentliche und private Leben verändert hat.

aniMUC 2026: Wo Popkultur, Nostalgie und Begegnung verschmelzen

12. April 2026

Es gibt Orte, an denen die Zeit sich anders anfühlt. Orte, an denen Welten aufeinanderprallen und sich dabei, wider aller Erwartung, nicht abstoßen, sondern umarmen. Das Veranstaltungsforum Fürstenfeld ist so ein Ort — und an einem Wochenende im April wird er jedes Jahr zu etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt. Auch ich war wieder einmal mit von der Partie. Zum einen wollte ich in die Welt der Cosplayer eintauchen, zum andere durfte ich wieder einen Vortrag in einem Panel halten. Nachdem ich vergangenes Jahr zu Godzilla sprach, widmete ich mich dieses Jahr dem emotionalen Thema GameBoy.

Vom 10. bis 12. April 2026 verwandelt sich das alte Klosterareal in Fürstenfeldbruck in ein Stück Japan — unter dem Motto Yokai, der Welt der Geisterwesen. Spürbar: Eine Leidenschaft. Eine Sehnsucht. Eine Zugehörigkeit.

Seit 2009 hat sich die aniMUC zu einem bedeutenden Treffpunkt für Fans von Anime, Manga, Cosplay, J-Pop und japanischer Kultur in Bayern entwickelt — ehrenamtlich, aus Liebe, von Menschen, die wissen, wie es sich anfühlt, wenn man für etwas brennt. Hier findet man sie. Hier sind sie alle. Leider regnete es am ersten Tag, aber am zweiten Tag war prächtiges Fotowetter.

Das Veranstaltungsforum Fürstenfeld ist aus ehemaligen Klostergebäuden entstanden, und gegenüber dem Congelände steht noch immer die Klosterkirche — still, geduldig, jahrhundertealt. Und davor: ein junges Mädchen in einem aufwendigen Kimono, das lacht, weil ihre Freundin sie gerade anrempelt. Ein Typ mit aufgemalten Dämonenaugen, der einem Fremden erklärt, woher seine Figur stammt. Ein Kind, das zum ersten Mal einen echten Cosplayer sieht und den Mund nicht mehr zumacht. Ich hatte einen einfachen Pac Man-Anzug an, schließlich drehte sich mein Vortrag über Videospiele.

Vor 25 interessierten Besuchern sprach ich zum Thema GameBoy. Der Game Boy ist weit mehr als eine kleine graue Spielkonsole – er ist ein Stück Kindheit, ein kulturelles Phänomen und ein Symbol für eine Zeit, in der digitale Unterhaltung plötzlich in jede Hosentasche passte. Der Game Boy prägte die Popkultur wie nur wenige technische Geräte zuvor. Pokémon, Zelda, Super Mario – ikonische Marken wuchsen auf diesem kleinen Bildschirm und formten die Träume einer Generation. In einer Welt, die heute von Smartphones, Streaming und VR geprägt ist, wirkt der Game Boy fast naiv – und doch berührt er uns tiefer denn je. Der Game Boy zeigt uns, dass große Geschichten nicht viel brauchen: nur ein paar Knöpfe, eine Idee – und manchmal ein paar fallende Klötzchen, die unser Herz erobern. Hier mein kompletter Vortrag. Dabei entstand auch gleich eine Idee für einen Vortrag im kommenden Jahr.

Wer ein bisschen Ruhe von all dem Trubel braucht, schlendert über die schönen Wiesen im Zentrum des Geländes und bewundert die liebevoll gestalteten Cosplays der Besucher. Und ja, manchmal braucht man diese Pause — nicht weil es zu viel wird, sondern weil man innehalten und begreifen möchte, was man gerade erlebt. Dass da Hunderte, Tausende Menschen zusammengekommen sind, weil sie etwas lieben. Einfach so.

Workshops, Konzerte, Showacts auf mehreren Bühnen, ein Videoprogramm, AMV-Wettbewerb, Gamesroom, Trading Card Games und Tabletop, ein großer Marktplatz und eine Kreativallee für Artists — das Programm ist reich, aber das ist es nicht, was einen am Ende bewegt. Was einen bewegt, ist das Gefühl, das man mitnimmt. Dieses warme, leicht erschöpfte, tief zufriedene Gefühl auf dem Heimweg, wenn die Füße schmerzen und das Herz voll ist – und der Geldbeutel leer ist, weil man wieder viel zu viel gekauft hat. Beispielsweise bei der Mangaküche bei der bezaubernden Angelina Paustian, für mich ist ihr Shop ein Groschengrab.

Man kann jeden ansprechen, sich mit jedem anfreunden, und die Stimmung ist so, dass man sich wie in einer großen Familie fühlt — einer seltsamen, bunten, lauten, herzlichen Familie, die sich einmal im Jahr im Schatten eines alten Klosters findet und einfach sie selbst sein darf. Vollständig. Ohne Erklärung. Ich traf wieder auf meinen Kollegen Bernhard, der in seinem Obi Wan Kostüm unterwegs war.

Bei der Animuc gehe ich auch immer gerne auf Entdeckungstour und lauschte dieses Mal der Musik von YUZU, mit bürgerlichem Namen Yuzu Natsumi. Sie begeistert als Shamisen-Sängerin mit einer mitreißenden Mischung aus traditioneller japanischer Musik und modernem Pop. Während sie gleichzeitig singt und Shamisen spielt, entstehen kraftvolle, energiegeladene Shows, die musikalische Grenzen überschreiten und ein internationales Publikum faszinieren. Bereits in 28 Ländern stand sie auf der Bühne, darunter in den USA, Frankreich, der Ukraine, Ägypten und Thailand.

Charakteristisch für ihre Auftritte sind farbenprächtige Kimonos, starke Bühnenpräsenz und eigene Songs wie „Kawaii Sensation“ und „TURN UP!“. Mit der Verbindung aus traditionellen Klängen und zeitgemäßen Pop-Beats eröffnet YUZU einen frischen, modernen Zugang zur japanischen Kultur. Hier ein sympathisches Lied.

Interaktive Elemente und mitreißende Call-and-Response-Momente machen ihre Konzerte zu lebendigen, charmanten und energiegeladenen Erlebnissen voller kulturellem Selbstbewusstsein. YUZUs Live-Auftritte sind weit mehr als klassische Konzerte – sie sind moderne Kulturshows, die zeigen, wie spannend und zeitgemäß traditionelle Instrumente heute klingen können. Ideal für alle, die japanische Kultur und moderne Musik auf besondere Weise erleben möchten. Nach dem Konzert traf ich sie am Stand der Ehrengäste, kaufte ihre CD und hielt ein kleines Schwätzchen.

Zwischen Krisen, Kraft und klaren Kanten: Markus Söder wirbt für ein starkes Bayern in unsicheren Zeiten

18. März 2026

Beim Internationalen PresseClub München hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor Journalisten und Gästen zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Stellung genommen. Im Mittelpunkt seines Auftritts standen die Folgen internationaler Krisen, die Lage der deutschen und bayerischen Wirtschaft, die Kommunalwahlen in Bayern sowie Fragen zur Energiepolitik.

Zu Beginn ging Söder auf die Kommunalwahlen ein und zeigte sich mit dem Abschneiden der CSU zufrieden. Trotz Zugewinnen der AfD habe sich die CSU in Bayern stabil gehalten. Zugleich betonte er, dass die Grünen in vielen Teilen Bayerns deutlich verloren hätten. In München verwies Söder auf die laufende Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt und erklärte, dass er sich persönlich heraushalte, zugleich aber Verständnis für die Empfehlung der Münchner CSU habe, Amtsinhaber Dieter Reiter zu unterstützen. Kommunalwahlen seien heute stark von Persönlichkeiten geprägt. Die CSU könne in jeder Stadt gewinnen, aber auch in jedem Dorf verlieren, sagte Söder. Hier die komplette Veranstaltung

Mit Blick auf die AfD bekräftigte der Ministerpräsident seine ablehnende Haltung gegenüber einer Zusammenarbeit. Es gebe in Bayern keine Kooperation mit der AfD, weder auf kommunaler noch auf anderer Ebene. Zur Begründung verwies er nicht nur auf programmatische Unterschiede, sondern vor allem auf das Demokratieverständnis, die Sprache und das Personal der Partei. Gleichzeitig warnte Söder davor, die AfD allein mit moralischer Abgrenzung bekämpfen zu wollen. Wer Probleme nicht löse, sondern nur über die AfD rede, stärke sie am Ende eher. Entscheidend sei es, bei Themen wie Migration, innerer Sicherheit und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit konkrete Lösungen anzubieten.

Ein zentrales Thema seines Auftritts war die wirtschaftliche Lage. Söder zeichnete das Bild einer Welt im Dauerkrisenmodus, verwies aber zugleich darauf, dass Krisen auch früher zum politischen Alltag gehört hätten. Neu sei heute vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich Entwicklungen zuspitzen und medial verbreiten. Mit Sorge blickte er auf die Belastungen für die exportorientierte bayerische Wirtschaft. Zölle, hohe Energiepreise, internationale Konflikte und strukturelle Schwächen der deutschen Industrie träfen Bayern besonders, weil der Freistaat stark von Maschinenbau, Autoindustrie und Chemie geprägt sei. Söder warnte vor Steuererhöhungen und sprach sich stattdessen für Steuersenkungen aus, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken.

Ausführlich äußerte sich Söder auch zur Energiepolitik. Deutschland brauche mehr Energie, nicht weniger, sagte er. Angesichts von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Rechenzentren, Elektromobilität und neuer industrieller Entwicklungen werde der Strombedarf in den kommenden Jahren weiter deutlich steigen. Deshalb dürfe sich Deutschland nicht auf einzelne Energieformen beschränken. Söder sprach sich zwar für einen weiteren Ausbau erneuerbarer Energien aus, verwies aber zugleich auf Gaskraftwerke, neue Technologien und die Notwendigkeit, alle Optionen offen zu halten. Dabei warb er auch für eine neue Debatte über sogenannte Small Modular Reactors, also kleine modulare Atomreaktoren. Die klassischen großen Kernkraftwerke seien aus seiner Sicht kein realistisches Zukunftsmodell mehr, bei kleineren Reaktoren und neuen Formen der Kerntechnik wolle Bayern aber in Forschung und Entwicklung vorn mit dabei sein. Auch auf Kernfusion setzte Söder große Hoffnungen. Bayern wolle hier eine führende Rolle einnehmen und strebe an, Standort für neue Demonstrationsprojekte zu werden.

Im Zusammenhang mit den stark gestiegenen Spritpreisen infolge der Krise im Nahen Osten sprach Söder sich für schärfere kartellrechtliche Eingriffsmöglichkeiten aus. Es sei nicht akzeptabel, dass die Preise schon stiegen, bevor sich eine tatsächliche Verknappung beim Rohstoff bemerkbar mache. Zugleich verteidigte er die von ihm durchgesetzte Erhöhung der Pendlerpauschale und brachte erneut ins Gespräch, staatliche Mehreinnahmen aus höheren Energiepreisen an die Bürger zurückzugeben. Die CO2-Bepreisung sei davon allerdings zu unterscheiden. Hier sprach sich Söder grundsätzlich dafür aus, zusätzliche Belastungen für Unternehmen zu begrenzen, um Wettbewerbsnachteile gegenüber China und den USA zu vermeiden.

Mit Blick auf die internationale Lage äußerte Söder Verständnis für das Vorgehen Israels im Nahen Osten und bezeichnete das iranische Regime als eines der schlimmsten der Welt. Zugleich zeigte er sich unsicher, welche Strategie die USA in der Region langfristig verfolgten. Die Sperrung der Straße von Hormus und die daraus resultierenden Folgen für die Energiepreise bereiteten ihm Sorgen. Unabhängig davon mahnte er, den Krieg in der Ukraine nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Leistungen der Ukrainer bezeichnete er als nahezu übermenschlich. Deutschland und Europa müssten deshalb weiter an ihrer Verteidigungsfähigkeit arbeiten und insbesondere den Schutz der östlichen Partner ernst nehmen.

Auch auf innenpolitische und gesellschaftliche Fragen ging Söder ein. Er betonte die Bedeutung von Ehrenamt, Vereinen, Feuerwehren und kommunalem Engagement in Bayern. Die Vorstellung eines weitgehenden gesellschaftlichen Rückzugs in private Räume teile er nicht. Bayern sei nach wie vor stark von bürgerschaftlichem Engagement geprägt. Zugleich hob er die Bedeutung direkter Begegnungen hervor und verteidigte seine starke Präsenz in sozialen Medien als zeitgemäße Form politischer Kommunikation. Diese könne das persönliche Gespräch nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen.

Kritisch äußerte sich Söder erneut zum Länderfinanzausgleich. Bayern trage dort eine aus seiner Sicht überproportionale Last. Der Freistaat zahle inzwischen den größten Teil des Volumens und wolle deshalb weiter rechtlich gegen die bestehende Regelung vorgehen. Bayern sei wirtschaftlich stark genug, um eigenständig bestehen zu können, sagte Söder in einem scherzhaft formulierten, aber bewusst zugespitzten Seitenhieb auf die bundesstaatlichen Finanzstrukturen.

Insgesamt präsentierte sich Söder im PresseClub als Politiker, der auf technologische Modernisierung, wirtschaftliche Stärke und politische Handlungsfähigkeit setzt. Er warb für mehr Mut zu Zukunftstechnologien, schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und eine Politik, die Probleme nicht verwalte, sondern aktiv löse. Seine zentrale Botschaft lautete, dass Bayern in einer unsicherer gewordenen Welt nur dann stark bleibe, wenn es wirtschaftlich leistungsfähig, technologisch mutig und politisch entschlossen handle.

Podcast: Eine Vision für ein gesünderes Morgen: Wie eine Idee Bewegung in eine ganze Gemeinde bringen will

3. März 2026

In der aktuellen Episode des Podcasts Dombo bewegt des Zentrums für Gesundheit Maisach spricht Norman Dombo mit Journalist Matthias J. Lange über den „Masterplan Prävention“ der bayerischen Staatsregierung und dessen mögliche Umsetzung auf lokaler Ebene. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie gesundheitliche Vorsorge und Bewegung stärker in den Alltag der Bevölkerung integriert werden können.

Dombo erläutert, dass der staatliche Plan auf steigende Gesundheitsrisiken wie Bewegungsmangel, Übergewicht und zunehmende Bildschirmnutzung – besonders bei jungen Menschen – reagiert. Ziel sei es, präventive Maßnahmen zu stärken und Akteure des Gesundheitswesens stärker zu vernetzen. Dazu zählten neben Fitness- und Trainingsangeboten auch Zahnmedizin, Ergo- und Logotherapie sowie weitere Gesundheitsberufe.

Für den Landkreis und insbesondere die Gemeinde Maisach skizziert Dombo eine eigene Vision: öffentliche Trainingsgeräte im Freien, die Bürger niedrigschwellig zu Bewegung motivieren sollen. Erste Gespräche mit Bürgermeister und Landrat hätten bereits stattgefunden; Entscheidungen lägen nun bei den zuständigen Gremien. Die Finanzierung könnte über Förderprogramme, Spenden oder Kooperationen erfolgen. Parallel plant Dombo, ein Netzwerk regionaler Gesundheitsanbieter aufzubauen, um gemeinsame Präventionsprojekte zu entwickeln.

Im Gespräch wird außerdem die Bedeutung individueller Initiativen angesprochen, etwa Fasten als persönlicher Gesundheitsimpuls. Beide Gesprächspartner betonen, dass strukturelle Maßnahmen und Eigenverantwortung zusammenspielen müssten. Abschließend ruft Dombo Zuhörer dazu auf, Ideen einzubringen und sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen.

Der Podcast verbindet Information über ein politisches Präventionsprogramm mit lokalem Engagement und persönlicher Initiative. Inhaltlich steht weniger konkrete Politik als vielmehr die praktische Umsetzung gesundheitsfördernder Maßnahmen vor Ort im Fokus.

Wenn der Jahreswechsel zur Nacht der Angst wird – warum das Böllern endlich ein Ende haben muss

27. Dezember 2025

Wenn sich das Jahr seinem Ende zuneigt und der Kalender die letzten Stunden zählt, liegt über vielen Städten längst keine unbeschwerte Vorfreude mehr. Der Jahreswechsel, einst Sinnbild für Aufbruch und Hoffnung, ist für Kommunen, Einsatzkräfte und Tiere zu einem Moment der Anspannung geworden. Der grelle Lärm der Böller, das Zischen der Raketen und der beißende Rauch erzählen inzwischen eine andere Geschichte – eine von Überforderung, Angst und wachsendem Zweifel an einem Brauch, der nicht mehr in die Zeit zu passen scheint. Daher fordere ich endlich ein Böllerverbot. Die Politik eiert herum, man hat Angst vor dem Wähler.

Ich bin mir sicher, im Dorf bei uns wird wieder geballert. Allerdings: In Bayern wird diese Entwicklung immer deutlicher spürbar. München und Nürnberg gehören zu den Städten, die offen darüber sprechen, dass sie mehr Handlungsspielraum brauchen. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter fordert seit Jahren eine Änderung des Bundessprengstoffgesetzes. Sein Anliegen ist klar: Die Kommunen sollen selbst entscheiden dürfen, wo Feuerwerk erlaubt ist und wo nicht. Nicht aus Prinzip, sondern aus Verantwortung. In München steht etwa ein Böller- und Raketenverbot rund um den Tierpark Hellabrunn zur Diskussion – ein Ort, an dem Tiere in der Silvesternacht unter Stress, Panik und Orientierungslosigkeit leiden. Reiter betont dabei immer wieder, dass solche Entscheidungen nicht über die Köpfe der Menschen hinweg getroffen werden sollten.

Auch Nürnberg signalisiert Zustimmung zu diesem Kurs. Die Stadt zeigt sich offen für eine Gesetzesänderung, die Kommunen mehr Mitsprache einräumt. Dahinter steht die Erkenntnis, dass jede Stadt ihre eigenen Herausforderungen kennt – enge Altstädte, sensible Wohngebiete, Krankenhäuser, Altenheime oder eben Orte, an denen Tiere besonderen Schutz brauchen. Ein starres Bundesrecht wird diesen Realitäten immer weniger gerecht.

Ich gehe einen Schritt weiter: Feuerwerker sind für mich Tierquäler. Hunde, Katzen, Vögel haben Todesangst.
Was in der Silvesternacht passiert: 5.000+ Vögel sterben durch Kollisionen (Gebäude/Autos), Winterschläfer wachen auf und erfrieren (Igel, Siebenschläfer), 70% aller Haustier-Vermisstenanzeigen kommen am 1. Januar.
Ein einziges Feuerwerk bedeutet sechs Stunden Todesangst für Wildtiere. Bei Hunden gibt es eine Umfrage der Hunde-Community-App Dogorama. „In unserer Community hören wir immer wieder, wie sehr die Tiere unter der Knallerei leiden. An den Tagen rund um Silvester können viele Hunde kaum noch das Haus verlassen. Für zahlreiche Halter bleibt nur ein regelrechter Spießrutenlauf, um den Hund kurz vor die Tür zu bringen und sofort wieder in die ’sichere‘ Wohnung zu flüchten. Die Böller sind eine enorme Belastung für Tiere, die die Geräusche nicht einordnen können und aufgrund dessen in Panik den Fluchtreflex aktivieren. Ein eingeschränktes oder stärker reguliertes Böllern würde vielen Hunden enorm helfen“ mahnt Jan Wittmann, Gründer und Geschäftsführer von Dogorama. Meine beiden Kater drehten in den vergangenen Jahren durch und die armen Tiere hatten Angst.
Das Leid der Tiere, für die die Detonationen nicht ein Spektakel, bedeutet Böllern blanke Angst. Panik, Fluchtreaktionen, teils tödliche Verletzungen – all das gehört für Haustiere wie für Wildtiere zur bitteren Realität der Silvesternacht.
Jedes Aufschrecken kann lebensbedrohlich sein, wenn sie in Städten über Straßen flüchten. Füchse, die nachts in Siedlungen auf der Suche nach Nahrung sind, kehren unter Umständen nicht in ihr gewohntes Versteck zurück, sondern suchen Zuflucht in Gärten und Garagen. Igel und Bilche wie die Haselmaus oder der Gartenschläfer liegen zwar im Winterschlaf, aber störanfällig sind sie trotzdem.

In Bremen berieten die Innenminister von Bund und Ländern über ein mögliches Böllerverbot an Silvester. Der Gastgeber, Bremens Innensenator Ulrich Mäurer, fand deutliche Worte. Für Polizei und Feuerwehr sei das private Feuerwerk ein Albtraum, sagt er. Eine Nacht voller Notrufe, Brände, Verletzungen – und immer häufiger auch Angriffe auf diejenigen, die helfen wollen. Was für manche wenige Minuten Spaß bedeutet, wird für Einsatzkräfte zu Stunden am Rand der Belastungsgrenze. Die Gewerkschaft der Polizei unterstützt ein Ende des privaten Feuerwerks ebenso wie zahlreiche Umweltverbände. Sie verweisen auf die massive Feinstaubbelastung, den Müll auf Straßen und Plätzen, die Verletzungen und Traumatisierungen – und auf eine Gesellschaft, die sich fragen muss, ob diese Form des Feierns noch zeitgemäß ist.

So verdichtet sich die Debatte zu einer grundsätzlichen Frage: Wie wollen wir das neue Jahr beginnen? Mit Lärm, Chaos und Angst – oder mit Rücksicht, Verantwortung und neuen Formen des gemeinsamen Feierns? Die Stimmen aus München, Nürnberg und Bremen zeigen, dass sich etwas bewegt. Dass Kommunen nicht länger nur zuschauen wollen, sondern Gestaltungsspielraum einfordern. Nicht um Traditionen zu verbieten, sondern um sie weiterzuentwickeln.

Allerdings: Die Forderung privates Silvesterfeuerwerk zu verbieten, um Ausschreitungen oder gar Anschläge auf Personen, Polizei und Sachgüter zu verhindern, wird von immerhin der Hälfte der Bevölkerung (50%) als unwirksam eingestuft. Diese sind der Auffassung, dazu wären andere Maßnahmen wie zum Beispiel mehr Polizeikontrollen nötig. Es soll dieses Jahr mehr Feuerwerk verkauft werden als die Jahre zuvor. Eine schlimme Entwicklung. Hier eine VR 360 Aufnahme bei uns im Dorf.

Die schweren und tödlichen Verletzungen der letzten Silvestersaison sind, wie in den Medien berichtet wurde, ausschließlich auf illegales Feuerwerk zurückzuführen. Daher muss vielmehr die Einfuhr von illegalem Feuerwerk aus dem Ausland stärker kontrolliert und verfolgt werden, argumentiert die Röder Feuerwerk Handelsgesellschaft mbH mit Sitz in Schlüsselfeld, einer von Deutschlands größten Online-Shops für Konsumentenfeuerwerk zu Silvester. Naja, die Verletzungen entstanden meiner Meinung nach durch Leichtsinn und unsachgemäße Handhabung. Feuerwerk in Kinderhände oder in die Hände von Besoffenen hat Folgen.

„Der Lärm von Böllern und Raketen ist zwar nur kurz, aber dennoch kann dieser sogenannte Impulslärm das Gehör nachhaltig schädigen. Schon ein einziger, nah am Ohr abgefeuerter oder explodierender Feuerwerkskörper kann zu viel sein. Das wird oft unterschätzt“, warnt Hörakustiker-Meister Eberhard Schmidt vom Hörakustiker-Verband. Jeder Mensch nimmt Lautstärke etwas unterschiedlich wahr. Was von einer Person als zu laut empfunden wird, ist für eine andere Person vollkommen in Ordnung. Aber ganz unabhängig von der eigenen Wahrnehmung gilt, dass das Gehör bei einer anhaltenden Lärmeinwirkung von 85 Dezibel Schaden nehmen kann.

Vom Feinstaub will ich gar nicht reden. Es gibt Menschen mit Lungenkrankheit. Für die wird der Feinstaub zur Tortur.

Vielleicht liegt die Zukunft des Jahreswechsels nicht mehr im lauten Knall, sondern in leuchtenden Ideen: organisierte Feuerwerke, Lichtinstallationen, gemeinschaftliche Rituale, die verbinden statt zu verletzen. Der Wunsch nach Veränderung ist da – leise vielleicht, aber beharrlich. Und genau darin liegt die Hoffnung auf einen Jahresanfang, der wirklich ein Neuanfang sein kann. Also verbietet endlich diese Drecks-Böller.

München verdient die Olympischen Spiele – Ein Plädoyer aus meinem Herzen

26. Oktober 2025

Nein, ich kann am Sonntag als Nicht-Münchner nicht abstimmen, habe aber eine klare Meinung zu den möglichen Olympischen Spielen in der bayerischen Landeshauptstadt. Meine Geburtstadt war voller Werbung, die um Zustimmung werben. Am Schönsten fand ich eine Neufassung des Olympia-Waldis auf dem Marienplatz. Otl Aicher wäre beim Neudesign seines Waldis zwar wohl nicht erfreut gewesen, aber der Waldi ist für mich das Symbol für Olympia in München 1972.

Es gibt Momente im Leben einer Stadt, in denen sich die Gelegenheit bietet, über sich hinauszuwachsen, der Welt etwas Besonderes zu zeigen und gleichzeitig sich selbst neu zu erfinden. Für München ist die Bewerbung um die Olympischen Spiele genau so ein Moment, und ich stehe mit ganzem Herzen hinter diesem Vorhaben. Natürlich darf man das Hirn nicht außer Acht lassen, aber ich spreche hier erst mal mit dem Herzen.

München hat bereits 1972 bewiesen, dass es Olympia kann – und zwar mit einer Leichtigkeit und Lebensfreude, die bis heute nachhallt. Die damals geschaffene Infrastruktur, vom ikonischen Olympiapark bis zu den Sportstätten, wird noch immer intensiv genutzt und geliebt. Das ist kein museales Relikt, sondern lebendiges Erbe, das zeigt, wie nachhaltig diese Stadt denkt. Wenn München heute erneut die olympische Fackel tragen möchte, dann nicht aus Nostalgie, sondern mit dem Selbstbewusstsein einer weltoffenen, modernen Metropole, die weiß, wie man große Ereignisse mit Herz und Verstand umsetzt. Aber bitte mit besseren Sicherheitskonzept.

Was mich besonders begeistert, ist die Vision hinter dieser Bewerbung. Es geht nicht darum, gigantische neue Arenen aus dem Boden zu stampfen, die später leer stehen. München will zeigen, dass Olympische Spiele im 21. Jahrhundert anders funktionieren können – nachhaltig, bürgernah und mit Respekt vor den vorhandenen Ressourcen. Die Stadt würde auf bestehende Sportstätten setzen, sie klug modernisieren und damit ein Zeichen setzen für eine neue, verantwortungsvolle Art, solche Großereignisse zu gestalten.

Und dann ist da dieser olympische Geist, der Menschen aus aller Welt zusammenbringt. Ich stelle mir vor, wie München zu einem Treffpunkt der Nationen wird, wie die Isar zur Flaniermeile für Athleten und Gäste aus allen Kontinenten, wie in den Biergärten nicht nur Bayerisch, sondern Dutzende Sprachen zu hören sind. Diese Stadt, die bereits so international und weltoffen ist, würde für ein paar Wochen zum Herzen der Welt schlagen. Was für eine wunderbare Vorstellung! Ich bin bei einer möglichen Austragung bereits ein alter Mann, werde mich aber in die Stadt begeben und die ganze Sache genießen, so wie meine Eltern die Spiele von 1972 genossen haben.

Für die Menschen hier würde es eine Zeit der Inspiration bedeuten. Kinder würden mit leuchtenden Augen zu Wettkämpfen gehen und davon träumen, selbst einmal auf dieser Bühne zu stehen. Familien würden gemeinsam die unterschiedlichsten Sportarten entdecken. Die ganze Stadt würde in einem positiven Taumel vereint sein, über alle sozialen und kulturellen Grenzen hinweg. Solche Momente prägen Generationen und genau das brauchen wir.

Auch wirtschaftlich und infrastrukturell würde München profitieren, ohne dass wir uns dabei in unverantwortliche Abenteuer stürzen müssten. Verbesserte Verkehrsanbindungen, modernisierte Sportstätten, neue Impulse für Tourismus und Wirtschaft – all das würde nachhaltig in der Stadt bleiben und den Menschen hier langfristig zugutekommen.

Deshalb sage ich Ja zu Olympia in München. Weil diese Stadt es kann, weil sie es mit Verantwortung tun würde, und weil wir alle verdient haben, noch einmal Teil von etwas so Großem, Verbindendem und zutiefst Menschlichem zu sein. Olympia in München wäre nicht nur ein Sportfest – es wäre eine Feier dessen, was uns als Menschen ausmacht: der Wunsch nach Exzellenz, nach friedlichem Miteinander und nach gemeinsamer Freude. Darauf freue ich mich von ganzem Herzen.

Zwischen Verfall und Schönheit – Agnes Hörter öffnet die Türen zu Bayerns Lost Places

27. August 2025

Ich finde es großartig, mit welchem Engagement Leute ihr Hobby oder Passion vorantreiben. So eine engagierte Person ist die Lost Place-Fotografin Agnes Hörter aus Augsburg. Vor kurzem hat sie im Museum der Gaswerkfreunde Augsburg ihren allerersten Vortrag „Vergessene Welten – Lost Places entdecken“ gehabt und mit Bravour absolviert. Ziel des Vortrages war, ihr Publikum auf eine Entdeckungsreise in „verlassene Welten“ mitzunehmen – visuell und erzählerisch. Das ist ihr gelungen.

Agnes Hörter hat inzwischen ihr drittes Lost Place-Buch herausgebracht. Nach zwei selbstverlegten Büchern jetzt ist das Buch Lost Places in Bayern im Volk Verlag erschienen. An dem nächsten Werk samt Ausstellung 2026 arbeitet die engagierte junge Frau bereits.

Dem Verfall preisgegebene Fabriken, ein wild überwuchertes Thermalbad oder ein verwaister Freizeitpark – die Faszination für Lost Places ist ungebrochen. Ihre morbide Schönheit, aber auch ihre Rolle als Zeitzeugen machen ihren ganz besonderen Reiz aus. Die atmosphärischen Fotos von Agnes Hörter nehmen die Leser mit auf eine Reise zu den faszinierendsten Lost Places in Bayern. Dabei versprühen die verlassenen Orte nicht nur ihren brüchigen Charme, sondern erzählen auch von ihrer früheren Bedeutung. Eine einstige Kristallglasfabrik oder eine aufgegebene Brauerei entfalten hier ebenso ihren Zauber wie verlassene Bauernhöfe oder stillgelegte Rüstungsanlagen.

Der Vortrag im Gaswerkmuseum macht Lust auf mehr. Hier ein Beispiel von der Teppichfabrik in Oelsnitz. „Unsere Reise führt uns als erstes nach Sachen zu den verlassenen Gebäuden der Halbmond Teppichfabrik in Oelsnitz. Der Halbmond im Firmenlogo ist der bildliche Bezug zum Orient. Der starke Verfall der großen Hallen übte einen besonderen Reiz auf mich aus. Nie zuvor boten sich mir derart skurrile Motive. Gegründet wurde die Fabrik 1880 mit anfangs 30 Mitarbeiter. Zehn Jahre später waren es bereits 660.

1930 waren die Halbmondwerke die größte Teppichweberei Europas, In einer Festschrift zum 50jährigen Jubiläum verkündete man stolz, dass der Garnverbrauch im Jahr zu diesem Zeitpunkt 9,13 Milliarden laufende Meter betrug. 1936 statteten die Halbmondwerke Hitlers Reichskanzlei mit edler Auslegware aus.

1945, nach Ende des Zweiten Weltkrieges folge die Enteignung. Aus dem Betrieb wurde im Zusammenschluss mit zwei weiteren Teppichfabriken der VEB Halbmond, ein volkseigener Betrieb der DDR. Weitere Betriebe wurden eingegliedert. Das Werk in Oelsnitz wurde modernisiert und Gebäude wie z.B, ein Kulturhaus und eine Kantine für die Belegschaft errichtet. Auch im 1976 eröffneten Palast der Republik in Berlin (Erichs Lampenladen) lagen Teppiche aus Oelsnitz. Auch ins Ausland wurde exportiert. So stattete man eine Mosche in Jordanien mit 800m2 edelsten Teppichs aus. Bei der Parteileitung der DDR waren vor allem die hochwertigen Wandteppiche mit Gesichter von Marx und Lenin sehr beliebt.

1990, nach der Wiedervereinigung, wurde aus dem VEB Halbmond Oelsnitz eine GmbH. Der Betrieb wurde im modernen Werksteil fortgesetzt. Die alten Fabrikhallen aus der Gründungszeit wurden stillgelegt und verfielen über viele Jahrzehnte. 2020 wurden sie abgerissen.“

Hier übrigens die nächste Veranstaltung der Künstlerin

Ein Ort der Stille am Rand der Bewegung – mein erster Besuch in der Autobahnkapelle Maria am Wege

3. August 2025

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich ein sehr religiöser Mensch im Sinne der Amtskirche bin, aber dennoch fasziniert mich das Mysterium des Glaubens. Etliche Male bin ich an der Autobahnkapelle vorbeigefahren und habe mir immer mal gedacht, wie es dort wohl aussieht. Nun sind meine Frau und ich herausgefahren und haben zum ersten Mal die Autobahnkapelle „Maria am Wege“ in Windach, Landkreis Landsberg am Lech besucht.

Sie ist ein bedeutendes architektonisches und spirituelles Bauwerk an der Autobahn A96 nahe der Ausfahrten Schöffelding und Windach. Erbaut wurde die Kirche zwischen 1968 und 1971 nach den Plänen des renommierten Architekten Josef Wiedemann aus München. Die Weihe erfolgte im Jahr 1971 durch den damaligen Diözesanbischof Josef Stimpfle.

Ich muss sagen, die Architektur hat mich beeindruckt. Ursprünglich wurde das Gebäude als katholische Pfarrkirche für die örtliche Gemeinde geplant. Aufgrund ihrer verkehrsgünstigen Lage an einer stark Frequentierten Autobahn wurde die Kirche 1992 auch offiziell als Autobahnkapelle für Reisende geöffnet.

Die Architektur der Kapelle verzichtet auf Prunk und Symbolüberladung und setzt stattdessen auf Schlichtheit, Offenheit und Natürlichkeit. Das hat mich beeindruckt und fasziniert.

Architektonisch zeichnet sich „Maria am Wege“ durch ihre außergewöhnliche Zeltform aus – ein Symbol für das Unterwegssein, das die Nähe zur Reisebewegung der Autobahnreisenden betont und im Namen „Maria am Wege“ seine Entsprechung findet. Die Kapelle wirkt von außen schlicht und modern, während der Innenraum von sakraler Stille und ausgewählten Kunstwerken geprägt ist. Die Tageslichtführung durch einen schmalen Lichtschlitz an der Decke lenkt den Blick nach oben und schafft eine ruhige, spirituelle Atmosphäre. Die Innenausstattung ist bewusst schlicht gehalten – ein Holzkreuz, reduzierte Bänke und eine Statue der Maria laden zum stillen Verweilen und Gebet ein.

Besonders auffällig ist die Marienstatue aus dem 13. Jahrhundert, die einen direkten Bezug zur Namenspatronin und zur langen Tradition der Marienverehrung herstellt. Ergänzt wird die Ausstattung durch einen ebenso romanischen Ambo und einen Taufstein, die auf die historischen Wurzeln der Kirche hinweisen.

Ein weiteres Highlight stellt der Osterkerzenleuchter dar, der ein mittelalterliches Steinfragment aus der Normandie beinhaltet. Dieses Steinfragment zeigt Christus, Maria und einen schützenden Engel und gibt dem Raum eine besondere spirituelle Tiefe. Die 17 eigens für die Kapelle angefertigten, farbenfrohen Kreuzwegbilder sind künstlerisch interessant und eröffnen den Besuchern einen Zugang zur Passion Christi. Die Orgel wurde 1976 aufgestellt, ein Werk der Firma Anton Staller, Grafing, mit 31 Registern, verteilt auf drei Manuale und Pedal.

Mit etwa 500 Sitzplätzen bietet die Kapelle ausreichend Raum für größere Gottesdienste und ist vollständig barrierefrei zugänglich. Dies macht sie sowohl für Gemeindemitglieder als auch für das breite Spektrum der Reisenden attraktiv. Als wir dort das Gotteshaus besuchten, war die Kirche leer. Besucher finden umfangreiche Parkmöglichkeiten direkt vor der Kapelle, darunter auch Stellplätze für Busse und Lastkraftwagen. Die ganztägigen Öffnungszeiten von 8:00 bis 18:00 Uhr ermöglichen es auch Reisenden mit engem Zeitplan, die Kirche zur Ruhe, Meditation oder zum Gebet zu nutzen.

Die Lage der Autobahnkapelle ist zudem landschaftlich reizvoll: Sie liegt in unmittelbarer Nähe zum Ammersee, rund 45 km westlich von München und nicht weit vom berühmten Benediktinerkloster St. Ottilien entfernt. Dadurch wird sie nicht nur zu einem geistlichen und architektonischen Anziehungspunkt, sondern auch zu einem touristisch interessanten Ziel in der Region. Die Kombination aus moderner Architektur, spiritueller Tiefe und praktischer Ausrichtung auf Reisende macht die Kapelle „Maria am Wege“ zu einem einzigartigen Ort, an dem Glaube, Kunst und Erholung zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. Sie ist ein Beispiel für gelungene Integration sakraler Räume in den Kontext der Mobilitätsgesellschaft und leistet einen wichtigen Beitrag zur christlichen Präsenz im öffentlichen Raum der Gegenwart.

Buchkritik: Vergängliche Schönheit – Unterwegs mit Agnes Hörter zu den verlorenen Orten Bayerns

15. Juni 2025

Ich muss Agnes Hörter einfach dankbar sein. Sie dokumentiert mit ihrer Kamera Lost Places und hat sich in ihrem neuen Buch Lost Places in Bayern auch zur Aufgabe gemacht, ehemalige Lost Places zu porträtieren.

Viele der Gebäude, Fabriken und Freizeitanlagen, die Agnes mit einem guten Auge fotografiert hat, gibt es nicht mehr. Sie wurden abgetragen oder abgerissen – und es bleibt die Erinnerung an vergangene Geschichten. Als Beispiel seien nur die Königstherme in Königsbrunn bei Augsburg oder das geschichtsträchtige Hotel Lederer genannt, in dem 1934 Adolf Hitler seinen SA-Gefährten Ernst Röhm verhaften ließ. Die Nazis erfanden die Geschichte vom Röhm-Putsch und ließen die SA-Führung ermorden.

Agnes hat mit Lost Places in Bayern nunmehr ihr drittes Buch auf den Markt gebracht. Nach zwei Eigenpublikationen ist sie nun Autorin des Münchner Volk Verlags.

Agnes Hörters Lost Places in Bayern ist ein eindrucksvoller Bildband, der auf besondere Weise die Schönheit des Verfalls sichtbar macht. Die Fotografin, die in Augsburg lebt, entwickelt einen außergewöhnlich einfühlsamen Blick auf verlassene Orte – stille Zeugen vergangener Zeiten, die sie mit viel Gespür für Atmosphäre und Geschichte ins Bild setzt. Ich hatte neulich ein ausführliches Interview mit ihr geführt.

Auf über 200 Seiten nimmt Hörter die Leser mit zu rund zwei Dutzend „Lost Places“ in ganz Bayern – darunter stillgelegte Bunker, aufgegebene Thermen, leerstehende Hotels, verlassene Bauernhöfe und sogar Kirchen. Jeder Ort wird dabei nicht nur durch ausdrucksstarke Fotografien, sondern auch durch kurze, prägnante Begleittexte zum Leben erweckt. Diese Texte erzählen kleine Geschichten: vom einst mondänen Hotel, das später zum Lazarett wurde, oder vom Freizeitpark, der einst Kinderaugen zum Leuchten brachte und nun langsam von der Natur zurückerobert wird.

Die Bildsprache ist poetisch, manchmal melancholisch, dabei stets respektvoll. Man spürt: Hier wird nicht nur dokumentiert, sondern gewürdigt. Die Kombination aus Licht, Perspektive und Motiv macht viele Bilder zu kleinen Kunstwerken, die lange nachwirken. Man verweilt vor jedem Foto, entdeckt Details, spürt die Stille der Orte – und gleichzeitig deren Geschichte.

Lost Places in Bayern ist mehr als ein Fotobuch. Es ist eine stille Liebeserklärung an das Vergängliche, eine Einladung zum Innehalten, ein Nachdenken über Erinnerung, Zeit und Wertschätzung. Für alle, die sich für verlassene Orte interessieren, für Menschen mit einem Faible für visuelle Erzählkunst oder für Liebhaber Bayerns mit seinen vielen verborgenen Winkeln: Dieses Buch ist eine klare Empfehlung.

Dass die Edition im hochwertigen Großformat erscheint, unterstreicht die Wertigkeit des Projekts. Das Buch ist ideal als Geschenk, als Coffee-Table-Schmuckstück oder als Inspiration für eigene Entdeckungsreisen – und beweist einmal mehr, dass Schönheit oft dort liegt, wo man sie nicht erwartet.

Agnes Hörter ist mit diesem Werk ein atmosphärisch dichter, berührender und gleichzeitig visuell beeindruckender Band gelungen, der den Zauber des Verfalls mit einer stillen Würde einfängt. Ein Buch, das man nicht einfach durchblättert – sondern erlebt. Und irgendwann möchte ich Agnes einmal bei einer ihrer Touren begleiten.

Verlassene Orte, lebendige Geschichten – Agnes und ihre Faszination für Lost Places

15. Mai 2025

Im idyllischen Kreuzgang des Augsburger Doms treffe ich auf Agnes Hörter, eine passionierte Fotografin und Autorin, die sich auf eine besondere Nische spezialisiert hat: Lost Places – vergessene, verlassene Orte, die sie mit ihrer Kamera dokumentiert und in ihren Büchern lebendig werden lässt. Mit ihrem dritten Werk Lost Places in Bayern widmet sich Agnes erneut dieser Thematik, die für sie weit mehr als bloße Fotografie ist: Es ist eine Reise in vergangene Zeiten, in verfallene Gebäude, die Geschichten erzählen, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Die Magie des Verfalls
Was fasziniert Agnes an Lost Places? Es sind die einzigartigen Atmosphären, die jeder dieser Orte ausstrahlt – kein verlassener Ort gleicht dem anderen. Ob alte Industrieruinen, verlassene Bauernhöfe oder ehemalige Gaststätten: Sie alle erzählen stille Geschichten. Besonders beeindruckt ist Agnes von großen Industrieanlagen wie der Maxhütte oder der Völklinger Hütte. Die imposante Architektur, alte Maschinen, Rohre und rostige Schornsteine – das ist für sie eine ganz eigene Welt voller Ästhetik und Geschichte. Doch auch kleine, private Orte wie ein verlassener Märchenhof mit zurückgelassener Brille, Zeitung und Wasserflasche berühren sie tief – dort spürt man noch das Leben, das einst dort stattfand.

Dokumentation trifft Emotion
Agnes’ Zugang zu den Lost Places ist geprägt von Respekt und Neugier. Sie dokumentiert die Orte, wie sie sind, ohne große Inszenierungen. Nur selten räumt sie störenden Müll weg oder rückt ein Objekt leicht zur Seite. Ihre Aufnahmen entstehen mit einfachen, aber verlässlichen Kamera – eine Sony Alpha 6000 mit Weitwinkelobjektiv und Stativ für größere Anlagen. Eine Drohne ergänzt ihr Equipment, um beeindruckende Luftaufnahmen zu machen.

Zwischen rechtlicher Grauzone und Abenteuerlust
Der Zugang zu Lost Places ist nicht immer legal. Agnes betritt nur Orte, die offen zugänglich sind, und achtet darauf, nichts zu beschädigen. Dennoch bewegt sie sich in einer rechtlichen Grauzone, da viele Gebäude keine klaren Eigentümer mehr haben. „Zu ist zu“, ist ihr Grundsatz – abgeschlossen bedeutet: Kein Zutritt. Einmal geriet sie dennoch in eine brenzlige Situation, als sie in einem leerstehenden Krankenhaus unversehens in eine verdeckte Ermittlung der Kriminalpolizei platzte – man hielt sie irrtümlich für eine Kabeldiebin.

Verlust durch Vandalismus
Ein großes Problem der Szene ist Vandalismus. Immer häufiger werden Lost Places verwüstet oder gar geplündert. Für Agnes, die mit viel Gefühl und Respekt an die Orte herangeht, ist das besonders schmerzlich. Ein Hotel im Schwarzwald, das bei ihrem ersten Besuch noch vollständig eingerichtet war, wurde kurze Zeit später völlig zerstört. Besonders tragisch ist der Fall des „Rosenhofs“, den sie noch vollständig dokumentieren konnte, bevor er von Dieben ausgeräumt wurde – samt schwerem Mobiliar.

Vernetzte Szene, aber mit Kodex
In der Lost-Place-Community gibt es einen unausgesprochenen Ehrenkodex. Adressen werden nur vertrauensvoll weitergegeben, oft mit dem Hinweis, diese nicht weiterzuleiten. Der Schutz der Orte steht im Vordergrund. Dennoch hat sich durch Social Media die Szene stark gewandelt – aus einem einst stillen Hobby ist ein öffentlicher Trend geworden. YouTube-Videos mit reißerischen Titeln sorgen für eine Massenbewegung, die Orte schnell zerstört. Seiten, auf denen Koordinaten verkauft werden, tun ihr Übriges.

Vom Buch zur Ausstellung
Agnes plant nicht nur weitere Bücher, sondern auch eine Ausstellung: Im Frühjahr 2026 wird im Kulturhaus Abraxas in Augsburg ihre Ausstellung „Vergessene Welten“ zu sehen sein. Neben klassischen Fotografien wird sie auch Kunstobjekte zeigen – etwa Fotos, die auf Fundstücke wie Ziegel oder alte Teller aufgebracht sind. Ein kreativer Weg, um die Seele der Orte greifbar zu machen.

Technik als Mittel zum Zweck
Obwohl sie sich selbst nicht als technikaffin bezeichnet, weiß Agnes ihre Ausrüstung effektiv zu nutzen. RAW-Dateien bearbeitet sie nicht – ihre ältere Software lässt es nicht zu. Stattdessen konzentriert sie sich auf eine natürliche, aber stimmungsvolle Bearbeitung. Ihr Ziel: Die Atmosphäre, die sie selbst vor Ort gespürt hat, im Bild transportieren.

Keine Inszenierung, sondern Bewahrung
Agnes versteht sich nicht als Künstlerin, die inszeniert – vielmehr als Dokumentarin, die bewahrt. Ihre Bücher sollen keine Emotionen vorschreiben, sondern Raum lassen für eigene Gedanken. Die Bilder sprechen für sich. Ihre Texte enthalten oft historische Details oder Gedanken, die während der Recherche entstanden sind – manchmal auch mit einem humorvollen Augenzwinkern.

Zukunftsprojekte und Träume
Mit dem vierten Buch ist sie bereits gedanklich beschäftigt. Es trägt den Titel „Bunte Ruinen“ und widmet sich der Verbindung von Lost Places und Street Art. Ein spannender Themenkomplex, der erneut aufzeigt, wie kreativ sich verlassene Orte weiterentwickeln können. Und ein Traum bleibt: Lost Places unter Wasser – etwa Wracks oder überflutete Städte. Aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen bleibt es aktuell nur ein Wunschtraum, aber: „Man muss ja noch was zum Träumen haben“, sagt Agnes.

Leidenschaft für Vergänglichkeit
Agnes lebt ihre Leidenschaft für vergessene Orte mit Herz, Verstand und einem unerschütterlichen Sinn für Authentizität. Sie ist keine Abenteurerin im klassischen Sinn, keine Influencerin mit Effekthascherei – sondern eine sensible Beobachterin und Geschichtenerzählerin. Wer ihre Bücher liest, begibt sich auf eine Reise in die stille Magie des Verfalls und entdeckt dabei nicht nur verlassene Gebäude, sondern auch die Geschichten, die sie bewahren. Also unbedingt in ihr Buch Lost Places in Bayern reinschauen.