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Demokratie braucht Haltung – und eine Gesellschaft, die auf Krisen vorbereitet ist

19. September 2026

Wie widerstandsfähig ist unsere Gesellschaft, wenn Strom, Kommunikation oder andere Teile der kritischen Infrastruktur ausfallen? Wie gut sind Polizei, Hilfsorganisationen und Versorgungsunternehmen auf neue Bedrohungen vorbereitet? Und welche Verantwortung trägt dabei jeder Einzelne? Am Tag der Demokratie diskutierte der PresseClub München auf Einladung seines Fördervereins über eine Frage, die angesichts von Cyberangriffen, Sabotage, Extremwetterereignissen und hybriden Bedrohungen zunehmend an Bedeutung gewinnt: Wie resilient ist unsere Gesellschaft?

Christina Kahlert, die den Förderverein des PresseClubs München gegründet hat, machte bereits bei der Begrüßung deutlich, dass der Abend Auftakt für mehr sein soll. „Ich freue mich ganz besonders, dass wir heute hoffentlich eine Serie von Veranstaltungen starten unter dem Motto ‚Demokratie braucht Haltung‘“, sagte sie. Das könne man „in diesen Zeiten nicht genug diskutieren“. Hier die komplette Veranstaltung als Video:

Die Moderation übernahm der Vorsitzende des PresseClubs München, Dr. Uwe Brückner. Auf dem Podium saßen Vertreterinnen und Vertreter ganz unterschiedlicher Bereiche der Sicherheitsarchitektur und Daseinsvorsorge: Magdalena Strzedulla vom Technischen Hilfswerk, Polizeidirektorin Daniela Hand vom Polizeipräsidium München, Hannes Lindhuber von den Stadtwerken München sowie Wilko Beinlich vom Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen (BayZBE).

Schnell wurde deutlich: Resilienz beginnt nicht erst in dem Augenblick, in dem eine Katastrophe eingetreten ist. Sie muss lange vorher aufgebaut werden.

Für Magdalena Strzedulla ist dabei das Ehrenamt eine tragende Säule. Allein der THW-Landesverband Bayern umfasst 111 Ortsverbände. Die Helferinnen und Helfer werden für unterschiedlichste Aufgaben ausgebildet – von Elektroversorgung bis zu hoch spezialisierten Einsatzbereichen. Und sie alle engagieren sich neben Beruf und Privatleben. „Das basiert alles bei uns auf Ehrenamt“, betonte Strzedulla.

Ein ganzheitlicher Bevölkerungsschutz müsse deshalb früher einsetzen als bei der Alarmierung der Einsatzkräfte. „Wir können nicht erst mit entsprechender Vorbereitung starten, wenn eine Krise da ist beziehungsweise wenn wir in einen Einsatz gerufen werden“, sagte sie. Einsatzorganisationen müssten ihre Helfer vorbereiten, zugleich aber auch die Bevölkerung stärker einbeziehen.

Damit verändert sich ein lange vertrautes Bild des Katastrophenschutzes. Die Vorstellung, im Ernstfall würden professionelle und ehrenamtliche Einsatzkräfte kommen und sämtliche Probleme lösen, stößt gerade bei großen und lang anhaltenden Krisen an Grenzen. „Man muss sich ein Stück weit verabschieden von diesem Gedanken, dass nur Einsatzorganisationen entsprechend die Lage unterstützen und helfen“, sagte Strzedulla. Die vorhandenen Ressourcen seien begrenzt und müssten dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich gebraucht würden.

Polizeidirektorin Daniela Hand setzte an einem anderen Punkt an: bei Freiheit und Verantwortung. Eine demokratische Gesellschaft sei nichts Selbstverständliches und auch nichts, was unabhängig vom Verhalten ihrer Mitglieder existiere. „Jeder Einzelne von uns ist Bestandteil der Gesellschaft, und insofern prägen wir auch die Gesellschaft ganz extrem mit.“

Freiheit dürfe dabei nicht mit Rücksichtslosigkeit verwechselt werden. Hand sprach von einem teilweise „missverstandenen Freiheitsgedanken“. Wer Freiheit ausschließlich als Anspruch verstehe, selbst zuerst durch die Tür zu gehen, ohne die Auswirkungen des eigenen Handelns auf andere zu berücksichtigen, verkenne ihren gesellschaftlichen Charakter.

Das zeigt sich aus Sicht der erfahrenen Polizeibeamtin auch im Alltag. Bei Polizeieinsätzen werde gefilmt und beobachtet, gleichzeitig fehlten anschließend nicht selten Zeugen. Hand formulierte es drastisch: Viele Menschen könnten ihr Smartphone auf ein Ereignis richten und Aufnahmen verbreiten – „aber der Polizei als Zeuge zur Verfügung stehen, damit dann mein Mitbürger, meine Mitbürgerin zu ihrem Recht kommen kann, das ist dann schon wieder eine ganz schwierige Nummer“.

Dabei sei die Schwelle zum Helfen denkbar niedrig. Niemand solle sich selbst in Gefahr bringen. „Aber das, was jeder von uns kann, ist, dass er Hilfe holt. Super einfach: 110.“

Für Hand beginnt Resilienz ohnehin im Kleinen. Wer nicht darüber nachdenke, welche persönlichen Daten er im Internet preisgibt, wie er nach einer Feier sicher nach Hause kommt oder welche alltäglichen Gefahren entstehen können, werde sich auch mit großen Krisen schwerer tun. „Wenn ich im Kleinen nicht in der Lage bin zu bedenken, was könnte sein, und keinen Plan B habe, dann bin ich es auch in großen Situationen eher nicht.“

Dass innere Sicherheit unmittelbar mit funktionierender Infrastruktur verbunden ist, machte Hannes Lindhuber deutlich. Die Stadtwerke München stehen für Strom, Wärme, Gas und Wasser, aber ebenso für Telekommunikation, öffentlichen Nahverkehr und Ladeinfrastruktur. Damit betreiben sie wesentliche Lebensadern der Stadt.

Ein wichtiges Prinzip sei Redundanz. Das sogenannte N-1-Prinzip soll dafür sorgen, dass eine zentrale Infrastrukturkomponente ausfallen kann, ohne dass dadurch das gesamte System zusammenbricht. Hinzu kommen kleinteilige Netzstrukturen und zahlreiche Querverbindungen.

Interessant war Lindhubers Hinweis auf die Energiewende. Eine stärker dezentrale und regionale Erzeugung erneuerbarer Energie könne auch die Widerstandsfähigkeit erhöhen: Die Versorgung verteile sich auf mehr Erzeugungsanlagen und werde dadurch weniger abhängig von einzelnen großen Kraftwerken.

Gleichzeitig warnte Lindhuber davor, Sicherheit vor allem über zusätzliche Bürokratie herstellen zu wollen. Europäische und nationale Regelwerke zur Cyber- und Infrastruktursicherheit verfolgten zwar die richtigen Ziele, doch aus Sicht eines Betreibers fließe zu viel Kraft in Dokumentations- und Nachweispflichten. „Eigentlich wird versucht, Sicherheit durch Akten zu schaffen und nicht durch wirksame Maßnahmen.“

Hinzu kommt ein Dilemma zwischen Transparenz und Sicherheit. Wo genau befinden sich Anlagen? Wie funktionieren sie? Welche Kapazitäten haben sie? Solche Informationen können journalistisch oder gesellschaftlich von berechtigtem Interesse sein – zugleich können sie potenziellen Angreifern helfen. Auch Führungen durch technische Anlagen müssten deshalb heute anders bewertet werden als noch vor einigen Jahren.

„Es ist ein Angriff auf unsere Lebensgrundlagen“, sagte Lindhuber über gezielte Attacken auf kritische Infrastruktur. Er begrüßte, dass solche Angriffe inzwischen wesentlich ernster genommen würden als noch vor zehn oder zwölf Jahren, als Beschädigungen von Kabel- oder Netzinfrastruktur teilweise eher als gewöhnlicher Vandalismus wahrgenommen worden seien.

Resilienz kostet allerdings Geld. Redundante Netze, Schutzmaßnahmen und zusätzliche Infrastruktur müssen finanziert werden, obwohl sie im besten Fall niemals gebraucht werden. Lindhuber forderte deshalb langfristig verlässliche Rahmenbedingungen. Sein Fazit: „Es ist ein Marathon, es ist kein Sprint.“ Resilienz entstehe durch Vorsorge und nicht erst in der Krise.

Wilko Beinlich vom Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen brachte die Perspektive des Krisenmanagements in die Diskussion ein. Das BayZBE trainiert Einsatzkräfte für Situationen, die über den normalen Rettungsdienst hinausgehen: Massenanfälle von Verletzten, Anschläge, aktive Täter, Naturkatastrophen oder länger andauernde Krisen.

Beinlich kritisierte eine gesellschaftliche und politische Neigung, erst auf Katastrophen zu reagieren, statt vorher konsequent vorzusorgen. „Wir sind immer noch reaktiv“, sagte er. Viele Sicherheitsstandards seien historisch erst eingeführt worden, nachdem Katastrophen ihre Notwendigkeit brutal bewiesen hätten.

Ein Problem sei dabei die von ihm so bezeichnete „Katastrophendemenz“. Nach einer Krise würden Konzepte entwickelt, Erfahrungen ausgewertet und Verbesserungen versprochen. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand lasse die Aufmerksamkeit jedoch wieder nach. Dabei sei die nächste Krise keine theoretische Möglichkeit. „Es ist keine Frage, ob die Krise wieder eintreffen wird, sondern eher wann.“

Beinlich brachte seine Forderung nach mehr praktischem Handeln mit einem Satz auf den Punkt, der im PresseClub für Aufmerksamkeit sorgte: „Machen ist wie wollen, nur geiler.“

Mehr Investitionen in Bevölkerungsschutz seien aus seiner Sicht kein verlorenes Geld, selbst wenn die befürchtete Krise nicht eintrete. Würden Hilfsorganisationen, Ehrenamt, Polizei und Bevölkerungsschutz gestärkt und die erwartete extreme Lage bliebe aus, habe die Gesellschaft trotzdem gewonnen: Sie verfüge dann über besser ausgestattete Strukturen, die ebenso bei Hochwasser, Hitze, Sturm oder anderen Katastrophen eingesetzt werden könnten.

Wie wichtig dabei gesellschaftlicher Zusammenhalt ist, zeigte Beinlich am Beispiel von Hochwasserereignissen. Nicht allein Feuerwehr, THW oder Rettungsdienste seien entscheidend. Oft seien es Nachbarn, die Pumpen bereitstellten, Keller leer räumten oder älteren Menschen halfen. „Die Menschen helfen sich, und dieser Staat funktioniert auch ziemlich gut“, sagte Beinlich.

Genau dort trafen sich die unterschiedlichen Perspektiven des Podiums. Resilienz bedeutet nicht, aus jedem Bürger einen „Prepper“ mit Generator, Treibstoff und riesigen Lebensmittelvorräten zu machen. Vielmehr geht es um überschaubare Vorsorge, Information und Nachbarschaftshilfe.

Strzedulla verwies auf Angebote wie „Krisenscout“-Veranstaltungen, bei denen Bürger erfahren können, wie sie sich auf Ausfälle und Notlagen vorbereiten. Beinlich empfahl darüber hinaus die Informationen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Schon die Frage, wie ein Haushalt die ersten Tage einer Krise überstehen kann, könne viel bewirken. Und manchmal beginne Resilienz schlicht damit, beim älteren Nachbarn zu klingeln, wenn dort seit Tagen niemand gesehen wurde.

Ein weiterer Schwerpunkt des Abends waren neue technologische Bedrohungen. Daniela Hand schilderte, dass auch die Polizei ihre Kommunikation und den Umgang mit sensiblen Informationen ständig neu bewerten müsse. In Zeiten von Smartphones und digitaler Kommunikation reiche klassische Verschlusssachensicherheit nicht mehr aus. Selbst scheinbar belanglose Informationen könnten zusammengesetzt ein aussagekräftiges Bild ergeben.

Das gelte auch für die Beschäftigten kritischer Infrastruktur, ergänzte Lindhuber. In sozialen Netzwerken sei es selbstverständlich geworden, über den Arbeitsplatz, Veranstaltungen und berufliche Kontakte zu berichten. Was einzeln harmlos erscheine, könne in der Summe sicherheitsrelevant werden. Unternehmen müssten deshalb ihre Beschäftigten stärker für einen verantwortungsvollen Umgang mit Informationen sensibilisieren.

Auch Drohnen waren Thema. Auf die Frage, ob München gegen mögliche Drohnenangriffe ausreichend geschützt sei, verwies Hand auf die entstehenden Strukturen zur Drohnenabwehr. Absolute Sicherheit könne es allerdings nicht geben. Technologische Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten entwickelten sich permanent weiter.

Beinlich wiederum machte deutlich, dass moderne Technik nicht ausschließlich als Bedrohung betrachtet werden dürfe. Gerade künstliche Intelligenz könne im Katastrophenschutz helfen, riesige Datenmengen aus Sensoren und unterschiedlichen Quellen zu einem Lagebild zusammenzuführen. Entscheidend sei, die chaotische Anfangsphase einer Krise möglichst schnell in eine „Strukturierungsphase“ zu überführen. Je besser Informationen zusammengeführt würden, desto eher könnten Einsatzleitungen „vor die Lage kommen“, statt ihr hinterherzulaufen.

Am Ende kehrte die Diskussion zu ihrem Ausgangspunkt zurück: Demokratie braucht Menschen, die sich beteiligen.

Gerade bei jungen Menschen sieht Strzedulla Anlass zu Optimismus. Die Bereitschaft, sich bei Feuerwehr, THW, Rettungsorganisationen oder Vereinen zu engagieren, sei vorhanden – zunehmend auch bei Mädchen und jungen Frauen. Es müsse gelingen, ihnen Strukturen anzubieten, in denen dieses Engagement wachsen könne.

„Jeder und jede kann sich da einbringen – mit ihren Strukturen, mit ihren Kapazitäten, mit ihrem Engagement, ihrer Motivation, egal ob groß oder klein“, sagte Strzedulla zum Abschluss.

So blieb nach der Diskussion im PresseClub München weniger das Bild einer hilflosen Gesellschaft als vielmehr das einer Gesellschaft mit erheblichen Ressourcen – wenn sie diese nutzt. Polizei, Hilfsorganisationen und Infrastrukturbetreiber können vorsorgen, trainieren und investieren. Doch Resilienz lässt sich nicht vollständig delegieren.

Sie beginnt auch beim Einzelnen: mit einem Notruf, mit einem Vorrat für einige Tage, mit dem verantwortungsvollen Umgang mit Informationen, mit dem Blick auf den Nachbarn und nicht zuletzt mit der Bereitschaft, sich für andere zu engagieren. In diesem Sinne bekam das Motto des Abends eine zusätzliche Bedeutung: Demokratie braucht Haltung – und Widerstandsfähigkeit braucht Gemeinschaft.

Filmkritik: Corpus Delicti

16. September 2026

Es gibt Dystopien, die ihre Zukunft möglichst fremd aussehen lassen. Und es gibt Dystopien, deren eigentliche Stärke darin besteht, dass ihre Zukunft erschreckend vertraut wirkt. „Corpus Delicti“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Lena Stahls Verfilmung des gleichnamigen Romans von Juli Zeh erzählt von einer Gesellschaft, die auf den ersten Blick beinahe beneidenswert erscheint: Die Menschen sind gesund, der Staat sorgt für Sicherheit, Krankheiten werden bekämpft und wissenschaftliche Erkenntnisse bestimmen politische Entscheidungen. Vernunft scheint über Ideologie gesiegt zu haben. Und genau darin liegt der Schrecken.
Denn „Corpus Delicti“ erzählt nicht von einer klassischen Diktatur mit Uniformen, Aufmärschen und allgegenwärtiger sichtbarer Gewalt. Die Herrschaft trägt hier das freundliche Gesicht der Fürsorge. Sie verspricht Gesundheit, Sicherheit und ein langes Leben. Dafür verlangt sie Daten, Kontrolle, Disziplin und die Bereitschaft, das eigene Verhalten den Vorgaben des Systems unterzuordnen. Freiheit verschwindet nicht mit einem großen Knall, sondern wird Stück für Stück gegen vermeintliche Sicherheit eingetauscht.

Der Film basiert auf Juli Zehs 2009 erschienenem Roman, dessen gesellschaftspolitische Sprengkraft über die Jahre eher größer als kleiner geworden ist. Zeh entwarf darin eine Gesundheitsdiktatur des 21. Jahrhunderts, in der körperliches Wohlergehen zur höchsten Bürgerpflicht erhoben wird. Lena Stahl macht daraus einen dystopischen Thriller, der politische Fragen mit einer sehr persönlichen Geschichte verbindet.

Hinter der Kamera ist der Film prominent besetzt. Die Kamera führt Philipp Haberlandt, die Musik stammt von Volker Bertelmann und Lennart Saathoff. Bertelmann – international auch als Hauschka bekannt – gewann für „Im Westen nichts Neues“ den Oscar für die beste Filmmusik. Hoffe, dass der Score auf Vinyl erscheint.

Im Mittelpunkt steht Mia Holl, gespielt von Hannah Herzsprung. Mia ist Wissenschaftlerin und zunächst keineswegs eine Rebellin. Im Gegenteil: Sie gehört zu jener Gesellschaft, die auf Rationalität, Messbarkeit und wissenschaftliche Evidenz vertraut. Das macht die Figur so interessant. Sie kämpft nicht gegen das System, weil sie grundsätzlich gegen Regeln wäre. Sie beginnt erst dann zu zweifeln, als ihr Bruder Moritz des Mordes beschuldigt wird. Die Beweise scheinen eindeutig. Das System hat seine Daten, seine Analysen und seine wissenschaftlich abgesicherten Schlussfolgerungen. Für die sogenannte Methode ist der Fall damit praktisch erledigt. Doch Mia glaubt an die Unschuld ihres Bruders. Plötzlich kollidieren zwei Wahrheiten miteinander: die Wahrheit der Daten und die Wahrheit persönlicher Erfahrung.

Aus diesem Konflikt entwickelt „Corpus Delicti“ seine stärkste Idee. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Wissenschaft nicht mehr als Methode des Zweifelns begreift, sondern aus ihren Ergebnissen eine politische Unfehlbarkeit konstruiert? Wissenschaft lebt eigentlich davon, dass Erkenntnisse überprüfbar, Hypothesen widerlegbar und Ergebnisse diskutierbar bleiben.

Das System in „Corpus Delicti“ hat diesen Grundgedanken pervertiert. Es benutzt Wissenschaft nicht mehr ausschließlich als Werkzeug der Erkenntnis, sondern als Legitimation von Macht. Wer widerspricht, erscheint deshalb nicht einfach als politischer Gegner. Er wird zum Gegner der Vernunft erklärt. Das ist wesentlich gefährlicher. Hannah Herzsprung ist für diese Geschichte eine ausgezeichnete Besetzung, denn Mia Holl braucht keine klassische Actionheldin zu sein. Ihre eigentliche Bewegung findet im Denken statt. Aus einer Frau, die an die Rationalität des Systems glaubt, wird eine Zweiflerin. Und in einem System, das keinen Zweifel duldet, wird bereits das Stellen einer Frage zum revolutionären Akt. Ihr Bruder Moritz, gespielt von Damian Hardung, steht stärker für Individualität, Freiheit und die Möglichkeit, unvernünftig sein zu dürfen. Gerade darin steckt eine der faszinierendsten Fragen des Stoffes: Hat ein Mensch ein Recht darauf, ungesund zu leben? Darf er Risiken eingehen? Darf er seinem Körper schaden? Und wo endet die Verantwortung des Staates für seine Bürger?

„Corpus Delicti“ verweigert sich der einfachen Antwort. Natürlich ist Gesundheit etwas Positives. Natürlich wünschen wir uns Schutz vor Krankheiten, und selbstverständlich können wissenschaftliche Erkenntnisse Leben retten. Die Dystopie funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie nicht auf einem offensichtlich bösen Gedanken basiert. Die Methode beginnt mit einem Versprechen, dem kaum jemand widersprechen würde: Wir wollen, dass Menschen gesund sind. Das Problem entsteht erst durch den nächsten Schritt: Deshalb müssen sie gesund sein. Aus einem Recht wird eine Pflicht, aus Fürsorge wird Kontrolle, aus Prävention wird Überwachung und aus dem Menschen schließlich ein Datensatz.

Besonders interessant ist dabei Heinrich Kramer, verkörpert von Alexander Fehling. Kramer ist Journalist, aber keineswegs automatisch Vertreter einer freien, kritischen Öffentlichkeit. Gerade diese Figur zeigt, wie wichtig Sprache für autoritäre Systeme ist. Macht funktioniert nicht ausschließlich durch Polizei und Gerichte. Sie funktioniert über Begriffe, Erzählungen und öffentliche Deutung. Wer bestimmt, wer vernünftig ist? Wer entscheidet, wer radikal ist? Wann wird aus einem Zweifler ein Staatsfeind? Damit berührt „Corpus Delicti“ einen hochaktuellen Kern politischer Kommunikation. Ein System muss seine Gegner nicht unbedingt zum Schweigen bringen, wenn es ihm gelingt, ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Wer außerhalb des akzeptierten Meinungskorridors steht, kann als irrational, gefährlich oder gesellschaftsschädlich markiert werden.

Lena Stahl setzt dabei bewusst auf die Mechanismen eines Thrillers. Das ist für die Verfilmung eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Juli Zehs Roman ist stark von philosophischen und juristischen Auseinandersetzungen geprägt. Literatur kann lange Gedankenräume öffnen, Argumente gegeneinanderstellen und innere Widersprüche ausführlich untersuchen. Kino braucht dagegen Bilder, Konflikte und Bewegung. Die Suche nach der Wahrheit über Moritz wird deshalb zum dramaturgischen Motor. Mia gerät immer tiefer in einen Apparat hinein, dessen Macht sie zuvor selbst akzeptiert hat. Je mehr sie zweifelt, desto stärker wird sie vom System beobachtet. Schließlich wird aus der Wissenschaftlerin selbst eine Verdächtige. Darin besitzt die Geschichte eine beinahe kafkaeske Qualität. Mia muss nicht einmal etwas Spektakuläres tun. Schon ihre Abweichung wird zum Problem. Wer sich einem System verweigert, das behauptet, ausschließlich dem Wohl des Menschen zu dienen, muss in dessen Logik irgendwann entweder irrational oder gefährlich sein.

Besonders spannend ist „Corpus Delicti“ deshalb als politischer Film. Die Geschichte lässt sich nicht bequem einer einzigen politischen Richtung zuordnen. Sie handelt von einem grundsätzlichen Konflikt moderner Gesellschaften: Wie viel Freiheit sind wir bereit für Sicherheit aufzugeben? Diese Frage betrifft Gesundheitsdaten ebenso wie digitale Überwachung, biometrische Systeme, Algorithmen oder künstliche Intelligenz. Jede einzelne Technologie kann einen vernünftigen Nutzen besitzen. Problematisch wird es dort, wo aus vielen einzelnen Informationen ein nahezu vollständiges Bild des Menschen entsteht. Wer schläft wann? Wer bewegt sich wie viel? Welche Krankheiten hat jemand? Was isst er? Wo befindet er sich? Mit wem kommuniziert er? Welche Risiken geht er ein? Die technische Möglichkeit, all diese Informationen zu erfassen, führt zwangsläufig zur politischen Frage, wer sie verwenden darf und zu welchem Zweck. Genau hier entfaltet „Corpus Delicti“ seine beklemmende Aktualität. Der Film erzählt letztlich weniger von Gesundheit als von Daten. Gesundheit ist die moralische Legitimation für die Datenerfassung. Denn gegen Überwachung lässt sich protestieren. Gegen Gesundheit zu protestieren klingt dagegen absurd. Darin liegt die Raffinesse des Systems: Es definiert sein politisches Ziel so positiv, dass jeder Widerspruch automatisch verdächtig erscheint.

Der Film stellt damit eine Frage, die weit über seine Handlung hinausweist: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft keine Abweichung mehr erträgt? Demokratie besteht schließlich nicht nur aus Mehrheitsentscheidungen. Sie lebt auch vom Recht des Einzelnen, anders zu leben, anders zu denken und sogar Entscheidungen zu treffen, die andere für falsch halten. Eine vollkommen optimierte Gesellschaft müsste zwangsläufig einen Teil dieser Freiheit beseitigen, denn Freiheit produziert Unordnung. Menschen rauchen, trinken, essen zu viel, schlafen zu wenig, treiben keinen Sport, verlieben sich in die falschen Menschen, glauben Unsinn und treffen schlechte Entscheidungen. Das ist ineffizient, aber es ist menschlich. Die eigentliche Provokation von „Corpus Delicti“ besteht deshalb in dem Gedanken, dass eine vollkommen vernünftige Gesellschaft möglicherweise eine zutiefst unmenschliche Gesellschaft wäre.

Damit liegt „Corpus Delicti“ irgendwo zwischen Science-Fiction-Dystopie, Politthriller und Justizdrama. Die Geschichte erinnert in ihrer Grundidee an Orwell, „Gattaca“ oder auch „Minority Report“, verfolgt aber einen ausgesprochen deutschen, juristisch-politischen Ansatz: Nicht die Technik selbst ist der eigentliche Gegner, sondern die Vorstellung, aus Daten ließe sich eine objektive und unangreifbare Wahrheit ableiten. Wobei ich Gattaca deutlich eleganter und nicht so deutsch sperrig mit dem Zeigefinger empfang.
Es werden die Menschen im Film nicht ausschließlich durch Angst kontrolliert. Das System bietet ihnen etwas an: Gesundheit, Sicherheit, Ordnung und die Befreiung von vielen Risiken des Lebens. Auch Parallelen zu „Gattaca“ drängen sich auf. Dort entscheidet genetische Optimierung über gesellschaftliche Möglichkeiten, bei „Corpus Delicti“ ist es die körperliche und gesundheitliche Normierung. In beiden Fällen entsteht Unterdrückung aus dem Versprechen der Verbesserung. Gerade für das deutsche Kino ist dieser Stoff deshalb bemerkenswert. Science-Fiction wird hierzulande noch immer vergleichsweise selten als ernsthafte gesellschaftspolitische Kinogattung verstanden. „Corpus Delicti“ zeigt, welches Potenzial darin steckt. Man braucht keine gigantischen Raumschlachten, um über Zukunft zu erzählen. Manchmal genügt eine Gesellschaft, die beschlossen hat, nur noch das Beste für ihre Bürger zu wollen – und eine Frau, die plötzlich fragt, wer eigentlich bestimmt, was dieses Beste ist.

Vielleicht ist das die entscheidende Stärke von „Corpus Delicti“: Die Geschichte zwingt uns nicht, zwischen Gesundheit und Krankheit zu wählen. Sie zwingt uns, über die Grenze zwischen Verantwortung und Bevormundung nachzudenken. Wann wird Schutz zur Kontrolle? Wann wird Wissenschaft zum Herrschaftsinstrument? Wann wird Datenerfassung zur Überwachung? Und wann verwandelt sich das Versprechen einer besseren Gesellschaft in die Forderung nach einem besseren Menschen? „Corpus Delicti“ ist deshalb keine Dystopie über eine ferne Zukunft. Es ist eine Warnung vor einem uralten politischen Reflex: dem Wunsch, Menschen zu ihrem eigenen Glück zwingen zu wollen. Der gefährlichste Staat ist vielleicht nicht jener, der offen verkündet, dass ihm der einzelne Mensch gleichgültig ist. Viel schwieriger ist ein Staat zu erkennen, der behauptet, alles nur zu unserem Besten zu tun. Genau deshalb besitzt Juli Zehs Geschichte eine solche Kraft – und genau deshalb ist ihre Verfilmung im Jahr 2026 so bemerkenswert aktuell. Am Ende bleibt eine Frage, die weit über den Kinosaal hinausreicht: Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben, wenn man uns dafür Sicherheit verspricht? Und vielleicht noch wichtiger: Merken wir überhaupt, wann wir sie aufgegeben haben?
Der Film läuft 103 Minuten, ist FSK 12 und startet am 1. Oktober 2026.

Mödlareuth – wo eine Mauer Familien trennte und Geschichte bis heute unter die Haut geht

25. August 2026

Mödlareuth ist ein kleines Dorf, dessen Geschichte wie kaum eine andere die deutsche Teilung im Kleinen sichtbar macht. Häufig wird der Ort als „Klein-Berlin“ bezeichnet. Doch dieser Vergleich greift eigentlich zu kurz. Denn während Berlin erst infolge des Zweiten Weltkriegs und schließlich durch den Mauerbau geteilt wurde, verlief durch Mödlareuth bereits seit Jahrhunderten eine Grenze. Lange bevor es Bundesrepublik und DDR gab, bevor Deutschland überhaupt ein Nationalstaat war, gehörten die beiden Seiten des Dorfes unterschiedlichen Herrschaftsgebieten an. Im Rahmen eines Seminars zum Mauerbau besuchte ich mit meinen Seminarteilnehmern das Deutsch-deutsche Museum und sah mir die Grenzanlagen an.

Historische Grenze
Die historische Grenze geht bis in die frühe Neuzeit zurück. Im 16. Jahrhundert wurde sie zwischen verschiedenen deutschen Territorien festgelegt. Auf der einen Seite lag fränkisches Herrschaftsgebiet, auf der anderen das Gebiet des Hauses Reuß. Um den Grenzverlauf möglichst eindeutig festzulegen, orientierte man sich nicht allein an Grenzsteinen, die versetzt werden konnten, sondern an natürlichen oder dauerhaft vorhandenen Gegebenheiten. In Mödlareuth spielte dabei der Tannbach eine entscheidende Rolle. Auch ein alter Handelsweg diente der Orientierung. Von einer Teilung des Dorfes im späteren politischen Sinne konnte damals allerdings keine Rede sein. Die Grenze trennte Herrschafts- und Verwaltungsgebiete, aber keine Gesellschaften oder politischen Systeme.

Mit dem Wachstum Mödlareuths entwickelte sich auf beiden Seiten des Tannbachs eine Dorfgemeinschaft. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten beispielsweise auf der thüringischen Seite bereits rund 50 Menschen. Die politische Grenze hatte dennoch konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben. Sie war eine Zollgrenze, und Waren, die von einem Territorium ins andere gebracht wurden, konnten mit erheblichen Abgaben belastet werden. Auch Handwerker konnten nicht ohne Weiteres auf der jeweils anderen Seite arbeiten. Selbst eine Heirat über die Grenze hinweg konnte teuer werden, weil beim Wechsel des Herrschaftsgebietes Abgaben fällig wurden.

Gleichzeitig zeigte sich aber, wie wenig politische Grenzen gewachsene soziale Verbindungen vollständig trennen können. Besonders deutlich wurde dies im kirchlichen Leben. Die Bewohner beider Dorfteile gehörten lange Zeit derselben Kirchengemeinde an. Am Sonntag verlor die politische Grenze damit einen Teil ihrer Bedeutung. Die Menschen gingen gemeinsam zur Kirche, waren miteinander verwandt, arbeiteten miteinander und sprachen denselben regionalen Dialekt. Mödlareuth war politisch geteilt, gesellschaftlich aber ein Dorf.

Im 19. Jahrhundert verlor die alte Grenze zunehmend an Bedeutung. Mit der wirtschaftlichen Annäherung der deutschen Staaten und schließlich der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde aus der früheren Staatsgrenze eine Landesgrenze innerhalb eines gemeinsamen deutschen Staates. Im Alltag spielte sie immer weniger eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchien verstärkte sich diese Entwicklung. Während der Weimarer Republik konnten die Bewohner die Grenze praktisch problemlos überschreiten. Mödlareuth entwickelte sich wie viele andere kleine Orte: Landwirtschaft, Schule, Feuerwehr, Wirtshaus und gemeinschaftliches Leben prägten das Dorf. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass der Tannbach eines Tages zu einer nahezu unüberwindbaren politischen Grenze werden würde.

Kalter Krieg
Diese Situation änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend. Nach dem 8. Mai 1945 wurde Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Grenzen dieser Zonen orientierten sich teilweise an den historischen Landesgrenzen. Damit erhielt die jahrhundertealte Grenze zwischen Bayern und Thüringen plötzlich weltpolitische Bedeutung. Der bayerische Teil Mödlareuths lag in der amerikanischen, der thüringische Teil in der sowjetischen Besatzungszone.

Dabei kam es zunächst sogar zu einer bemerkenswerten Kuriosität. Aufgrund ungenauen Kartenmaterials wurde auch ein kleiner Teil des bayerischen Mödlareuth zeitweise von sowjetischen Truppen besetzt. Erst nachdem der Irrtum erkannt worden war, zogen sich die sowjetischen Einheiten zurück. Damit war die alte Landesgrenze wiederhergestellt – nun allerdings als Grenze zwischen zwei Besatzungssystemen.

In den ersten Nachkriegsjahren blieb das Dorfleben dennoch erstaunlich eng miteinander verbunden. Die Menschen konnten die Grenze zunächst noch überschreiten. Familien besaßen Felder und Grundstücke auf der jeweils anderen Seite. Bauern gingen mit ihren Tieren und Geräten über den Tannbach, um ihre Flächen zu bewirtschaften. Schule, Feuerwehr und andere Einrichtungen wurden teilweise weiterhin gemeinsam genutzt. Die politische Großwetterlage war zwar spürbar, hatte das alltägliche Zusammenleben aber noch nicht vollständig zerstört.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1949 wurde aus der Besatzungszonengrenze schließlich eine Grenze zwischen zwei deutschen Staaten. Die entscheidende Zäsur für Mödlareuth kam jedoch 1952. Angesichts der zunehmenden Fluchtbewegung aus der DDR begann die SED-Führung, die innerdeutsche Grenze systematisch abzuriegeln.

Trennungslinie
Damit wurde aus der historischen Grenze durch Mödlareuth eine tatsächliche Trennungslinie. Die DDR richtete entlang der innerdeutschen Grenze ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet ein. Innerhalb dieses Gebietes galten besondere Aufenthalts- und Kontrollbestimmungen. Bewohner benötigten entsprechende Einträge in ihren Ausweisdokumenten. Wer von außerhalb Verwandte im Grenzgebiet besuchen wollte, musste eine Genehmigung beantragen. Selbst Familienbesuche wurden damit zu staatlich kontrollierten Vorgängen.

Für Mödlareuth bedeutete das einen dramatischen Einschnitt. Menschen, die wenige Meter oder wenige hundert Meter voneinander entfernt wohnten und miteinander verwandt waren, konnten plötzlich nicht mehr selbstverständlich miteinander sprechen oder sich besuchen. Kontaktaufnahmen über die Grenze hinweg waren untersagt. Selbst Winken und Zurufen konnten verboten sein. Familien wurden auseinandergerissen, obwohl ihre Häuser teilweise nur einen Steinwurf voneinander entfernt standen.

Grenzbefestigungen
1952 entstand zunächst ein Bretterzaun entlang der Grenze. Damit erlebte Mödlareuth bereits neun Jahre vor Berlin eine sichtbare Abriegelung. Als am 13. August 1961 in Berlin mit dem Bau der Mauer begonnen wurde, kannten die Menschen in Mödlareuth die physische Teilung ihres Lebensraumes längst. Deshalb ist der häufig verwendete Begriff „Klein-Berlin“ zwar verständlich, historisch aber nur bedingt passend: Mödlareuth war früher geteilt und früher mit Grenzanlagen versehen worden.

Nach dem Berliner Mauerbau wurde auch die innerdeutsche Grenze weiter ausgebaut. Ab 1962 entstanden umfangreiche Sperranlagen mit Zäunen, Kontrollstreifen, Wachtürmen und Minenfeldern. Entlang der gesamten innerdeutschen Grenze setzte die DDR Hunderttausende Landminen ein. Sie sollten Fluchtversuche verhindern und konnten Menschen schwer verletzen oder töten. Für die Bewohner der Grenzregion wurde die staatliche Gewalt damit permanent sichtbar.

Auch Mödlareuth wurde immer stärker befestigt. Unterschiedliche Zaunsysteme folgten aufeinander, bis 1966 schließlich eine massive Betonmauer errichtet wurde. Sie war mehrere Meter hoch und mit einer abgerundeten Auflage versehen, die ein Überklettern erschweren sollte. Damit verlief mitten durch das kleine Dorf eine Mauer, die Familien, Nachbarn und Freunde voneinander trennte.

Republikflucht
Dennoch gelang eine spektakuläre Flucht. Ein Berufskraftfahrer, der aufgrund seiner Tätigkeit mit den örtlichen Verhältnissen und den Grenzposten vertraut war, konstruierte eine kleine Leiter, die er unter beziehungsweise an seinem Dienstfahrzeug verbergen konnte. Nachts fuhr er an die Mauer, stieg über sein Fahrzeug auf die Leiter und überwand die Sperranlage erfolgreich. Die DDR-Behörden reagierten darauf mit einer weiteren Verschärfung der Sicherungsmaßnahmen. Zusätzliche Zäune wurden errichtet, das Gelände stärker beleuchtet, die Truppenpräsenz erhöht und ein neuer Beobachtungsturm gebaut. Um freie Sicht auf das Grenzgebiet zu erhalten, wurden sogar Gebäude abgerissen.

Gerade daran zeigt sich die besondere Brutalität des Grenzregimes. Menschen, die die DDR verlassen wollten, galten aus Sicht der Staatsführung nicht einfach als Auswanderer oder Flüchtlinge. Ihre Flucht wurde kriminalisiert. Der Staat setzte erhebliche personelle, technische und finanzielle Mittel ein, um seine Bürger am Verlassen des Landes zu hindern.

Für die Bewohner Mödlareuths war diese Politik besonders schmerzhaft, weil nahezu jede Familie verwandtschaftliche Beziehungen auf die andere Seite hatte. Brüder, Schwestern, Eltern, Kinder und Großeltern lebten manchmal nur wenige hundert Meter voneinander entfernt und konnten sich dennoch jahrelang nicht besuchen. Sie konnten die Häuser der anderen sehen, Rauch aus den Schornsteinen beobachten oder das Leben auf der anderen Seite erahnen – und waren doch durch eine Staatsgrenze und ein militärisch gesichertes Sperrsystem getrennt.

Später wurden die Reiseregelungen für DDR-Rentner etwas gelockert. Damit waren gelegentliche Besuche im Westen möglich. Doch selbst für eine Strecke, die im Dorf nur wenige hundert Meter betrug, konnte eine Reise über offizielle Grenzübergänge mehrere Stunden dauern. Man musste das Grenzgebiet verlassen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem zugelassenen Übergang fahren, umfangreiche Kontrollen über sich ergehen lassen und anschließend auf westdeutscher Seite wieder zurück nach Mödlareuth gelangen. Die Absurdität der deutschen Teilung wurde hier besonders deutlich: Sichtweite konnte politisch zu einer Entfernung von vielen Stunden werden.

Minenfrei
In den 1980er Jahren begann die DDR mit der Räumung der Minen an der innerdeutschen Grenze. Bis Mitte des Jahrzehnts galt die Grenze offiziell weitgehend als minenfrei, auch wenn nicht sämtliche Sprengkörper gefunden werden konnten. Die übrigen Sperranlagen blieben jedoch bestehen. Noch immer trennten Zäune, Mauern, Kontrollstreifen und Wachtürme die beiden Teile Mödlareuths.

Wiedervereinigung
Dann kam das Jahr 1989. Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der innerdeutschen Grenze verlor auch die Mauer von Mödlareuth ihre Funktion. Was über Jahrzehnte streng verboten gewesen war, wurde plötzlich wieder möglich: Nachbarn konnten aufeinander zugehen, Familien konnten sich treffen und die wenigen Meter überwinden, die politisch zuvor fast unüberwindbar gewesen waren. Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete die staatliche Teilung.

Verwaltungstechnisch ist Mödlareuth allerdings bis heute geteilt. Ein Teil gehört zum Freistaat Bayern, der andere zum Freistaat Thüringen. Dadurch gibt es beispielsweise unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und kommunale Zuständigkeiten. Niemand im Dorf empfindet dies jedoch als Problem. Im Gegenteil: Die Besonderheit gehört inzwischen zur Identität Mödlareuths.

Heute ist ein Teil der ehemaligen Grenzanlagen erhalten geblieben. Mödlareuth ist dadurch zu einem außergewöhnlichen Erinnerungsort der deutschen Geschichte geworden. Mauerreste, Wachturm, Grenzzaun und weitere Anlagen machen sichtbar, was abstrakte Begriffe wie „deutsche Teilung“, „innerdeutsche Grenze“ oder „Eiserner Vorhang“ für die Menschen konkret bedeuteten.

Gerade die lange Geschichte Mödlareuths macht den Ort so faszinierend. Die Grenze selbst war nicht das eigentliche Problem. Sie existierte bereits seit Jahrhunderten. Ihre Bedeutung veränderte sich jedoch immer wieder. Sie war Herrschaftsgrenze, Zollgrenze, Landesgrenze, Besatzungszonengrenze und schließlich eine nahezu unüberwindbare Systemgrenze zwischen Demokratie und Diktatur. Zeitweise war sie kaum mehr als eine Verwaltungslinie, zu anderen Zeiten bestimmte sie nahezu jeden Aspekt des täglichen Lebens.

Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort
Mödlareuth erzählt deshalb nicht nur die Geschichte eines geteilten Dorfes. Der Ort zeigt im Kleinen, wie politische Systeme das Leben von Menschen verändern können. Dieselben Nachbarn, dieselben Familien, derselbe Bach und dieselben Häuser blieben bestehen – doch die Bedeutung der Linie dazwischen änderte sich dramatisch. Aus einer jahrhundertealten Grenze wurde im Kalten Krieg eine Mauer zwischen zwei politischen Welten. Heute ist diese Grenze wieder nahezu unsichtbar. Gerade deshalb ist Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort: Es zeigt, dass offene Grenzen und die Freiheit, Nachbarn, Freunde und Verwandte auf der anderen Seite einfach besuchen zu können, keineswegs selbstverständlich sind.

Für mich steht fest: Das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth ist weit mehr als ein Museum. Es ist ein Ort, an dem deutsche Geschichte nicht hinter Glas verschwindet, sondern unmittelbar spürbar wird. Wer durch dieses kleine Dorf geht, steht dort, wo sich einst zwei politische Systeme gegenüberstanden – mitten zwischen Häusern, Familien und Nachbarn.
Was in Berlin zum weltweiten Symbol des Kalten Krieges wurde, geschah hier im Maßstab eines Dorfes. Gerade das macht das Deutsch-Deutsche Museum so wichtig. Die deutsche Teilung erscheint hier nicht als abstrakte Politik von Regierungen, Parteien und Militärblöcken. Sie wird zur Geschichte von Menschen. Nachbarn konnten nicht mehr zueinander. Wege endeten plötzlich an einer Grenze. Bewaffnete Grenzsoldaten, Zäune, Mauern und Beobachtung bestimmten einen Ort, der eigentlich nichts anderes sein wollte als ein Dorf.

Wer heute vor den erhaltenen Grenzanlagen steht, kann sich der Wirkung kaum entziehen. Eine Mauer quer durch ein Dorf wirkt vielleicht sogar bedrückender als viele Bilder der Berliner Mauer. Denn hier erkennt man unmittelbar die Absurdität der Teilung: Auf der anderen Seite liegt keine fremde Welt. Dort stehen Häuser, Felder und Straßen. Und doch war dieser kurze Abstand für Jahrzehnte nahezu unüberwindbar.

Deshalb ist Mödlareuth auch mehr als ein Erinnerungsort. Das Museum erinnert daran, dass Freiheit, Demokratie und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, keine Selbstverständlichkeiten sind. Geschichte besteht nicht nur aus Jahreszahlen. Sie besteht aus Entscheidungen – und aus den Folgen dieser Entscheidungen für ganz normale Menschen.
Am 9. Dezember 1989 wurde der Grenzübergang in Mödlareuth geöffnet. Die politische Grenze verschwand. Eine Besonderheit aber blieb: Noch heute gehört ein Teil des Dorfes zu Bayern und der andere zu Thüringen.
Mödlareuth bewahrt damit eine Geschichte, die wir gerade deshalb erzählen müssen, weil die Generation der Zeitzeugen kleiner wird. Irgendwann werden keine Menschen mehr berichten können, wie es sich anfühlte, in einem geteilten Land zu leben. Dann brauchen wir Orte wie diesen.
Man kann Bücher über die deutsche Teilung lesen. Man kann Dokumentarfilme sehen und historische Aufnahmen betrachten. Aber in Mödlareuth steht man plötzlich selbst vor der Mauer. Und in diesem Moment wird aus Geschichte Erinnerung – und aus Erinnerung Verantwortung.

Filmtipp: Tannbach – Schicksal eines Dorfes
Die ZDF-Produktion „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ erzählt am Beispiel eines fiktiven Dorfes, wie die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg unmittelbar in das Leben der Menschen eingriff. Familien, Freunde und Nachbarn geraten zwischen die Fronten der entstehenden politischen Systeme in Ost und West. Aus persönlichen Konflikten werden politische – und eine Grenze beginnt, eine Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen.

Inspiriert wurde die Geschichte unter anderem durch das reale Mödlareuth, jenes bayerisch-thüringische Dorf, das jahrzehntelang tatsächlich durch die innerdeutsche Grenze geteilt war. Gerade diese Verbindung macht „Tannbach“ so eindringlich: Die Serie zeigt, dass der Kalte Krieg nicht nur in Berlin, Washington oder Moskau stattfand. Er verlief durch Dörfer, durch Familien und manchmal buchstäblich direkt vor der eigenen Haustür.

Mit Schauspielern wie Henriette Confurius, Heiner Lauterbach, Nadja Uhl und Martina Gedeck verbindet die Produktion historische Ereignisse mit persönlichen Schicksalen. So wird aus großer deutscher Geschichte eine emotionale Erzählung über Heimat, Ideologie, Anpassung, Widerstand und die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, wenn eine Grenze plötzlich ihr Leben bestimmt.

Deutschland droht den Anschluss zu verlieren: Games-Branche fordert jetzt entschlossenes Handeln

9. August 2026

Milliardenmarkt, Innovationstreiber und Kulturgut zugleich – die Games-Branche sieht Deutschland an einem Wendepunkt. Zum Start der gamescom 2026 fordert der Branchenverband mehr politische Unterstützung, um den Standort international konkurrenzfähig zu machen und die Chancen der Digitalisierung konsequent zu nutzen. Und ich schreibe dies als Betroffener: Meine Tochter hat Programmierung für Games als Jahrgangsbeste studiert und bekommt keine Chance in diesem Markt zu arbeiten. Alle reden von Nachwuchsförderung, aber die Realität ist eine andere. Gerne kann der Lebenslauf u.a. bei mir angefordert werden

Mit der politischen Erklärung „Lust auf Zukunft: Potenziale von Games nutzen“ richtet der game – Verband der deutschen Games-Branche einen eindringlichen Appell an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Diesen Appell kann ich nur unterstützen. Anlässlich der gamescom 2026 macht der Verband deutlich, dass Deutschland und Europa ihre Chancen im internationalen Wettbewerb nicht verspielen dürfen. Games seien längst weit mehr als Unterhaltung – sie seien ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, Innovationstreiber und wichtiger Bestandteil der digitalen Zukunft. Natürlich fährt die Familie auf die gamescom und wird sich informieren, genießen, Netzwerken und mehr. Ich werde natürlich wieder bei den Retro-Spielen zu finden sein.

Rund sechs von zehn Menschen in Deutschland spielen Computer- oder Videospiele. Weltweit sind es mehr als drei Milliarden. Gleichzeitig erwirtschaftet die Games-Branche jährlich über 200 Milliarden US-Dollar und treibt zahlreiche technologische Entwicklungen voran. Aus Sicht des Verbands macht das Games zu einem entscheidenden Baustein für digitale Souveränität und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.

Game-Geschäftsführer Felix Falk betont, dass die gamescom als weltweit größtes Games-Event eindrucksvoll zeige, welches Potenzial in der Branche steckt. Damit Deutschland künftig eine führende Rolle als Produktionsstandort einnehmen könne, brauche es jedoch verlässliche politische Rahmenbedingungen, weniger bürokratische Hürden und gezielte Investitionen.

Im Mittelpunkt der Erklärung stehen drei zentrale Forderungen. Der Verband spricht sich für eine stärkere Förderung von Games-Studios und Unternehmensgründungen, Investitionen in Infrastruktur und Ausbildung sowie eine erleichterte Fachkräfteeinwanderung aus. Zudem fordert er die Umsetzung der angekündigten steuerlichen Förderung für die Games-Produktion.

Darüber hinaus warnt die Branche vor einer zunehmenden Regulierungsdichte. Bewährte Jugendschutzsysteme wie USK, PEGI und IARC sollten gestärkt werden, anstatt durch zusätzliche Regelungen geschwächt zu werden.

Auch die gesellschaftliche Bedeutung von Games rückt der Verband in den Fokus. Studien deuten darauf hin, dass Spielerinnen und Spieler häufig ein stärkeres Vertrauen in demokratische Prozesse haben und eher zu gesellschaftlichem Engagement motiviert werden können. Aus Sicht des Verbands können Games daher einen wichtigen Beitrag für Demokratie, Bildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten.

Die gamescom 2026 findet vom 26. bis 30. August in Köln statt. Bereits ab dem 24. August beginnt das Fachprogramm mit der Entwicklerkonferenz gamescom dev, bevor am 25. August die Opening Night Live den offiziellen Auftakt für das Publikum bildet.

Wenn der Frieden hörbar wird – Die Friedensglocke im Werksviertel-Mitte setzt ein starkes Zeichen der Hoffnung

3. August 2026

Die Friedensglocke im Werksviertel-Mitte in München ist ein öffentliches Symbol für Frieden, Freiheit, Toleranz und das Einstehen für eine demokratische Werteordnung. Sie befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Pfanni-Industrieareals am Münchner Ostbahnhof, das sich heute als lebendiges Stadtquartier zwischen Kultur, Arbeit und Wohnen präsentiert. Bei einer Exkursion des Münchner Presseclubs war die Friedensglocke das Ende Veranstaltung.

Entstehung und Einweihung
Eingeweiht wurde die Friedensglocke am 2. Oktober 2021 anlässlich der bayerischen Langen Nacht der Demokratie. Die Initiative zur Anschaffung und Aufstellung ging aus einer Kooperation mehrerer Stiftungen und Institutionen hervor: Stiftung Otto Eckart, Wertebündnis Bayern, Bell Amani Friedensstiftung und St. Korbinian Stiftung
Gegossen wurde die Bronzeglocke von der traditionsreichen Glockengießerei Anton Gugg im niederbayerischen Straubing, deren Familienhandwerk auf eine über 500-jährige Geschichte zurückgeht.

Gestaltung und Integration im Quartier
Die Glocke ist freihängend im Werksviertel-Mitte installiert. Um ihre Visibilität auch in den Abend- und Nachtstunden zu unterstreichen, wurde sie mit einem speziellen Lichtkonzept versehen: Ein kreisrunder, leuchtender Ring sowie dezent ausgerichtete Mikrospots heben die Bronzeoberfläche hervor und verleihen dem Objekt eine prägnante optische Präsenz im öffentlichen Raum.

Symbolik und Nutzung im Zeitverlauf
Obwohl die Glocke primär als dauerhaftes Denkmal für ein friedliches Miteinander konzipiert wurde, erhielt sie durch weltpolitische Ereignisse rasch eine aktive Rolle im Münchner Stadtleben.

Tägliches Läuten für den Frieden
Nach dem Beginn des verbrecherischen russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 riefen die Initiatoren zu einer täglichen Läute-Aktion auf. Seit März 2022 erklingt die Glocke jeden Tag um 12:00 Uhr als unüberhörbares Zeichen der Solidarität und des Wunsches nach Frieden.

Mitmach-Aktionen
Um die Glocke herum finden regelmäßig gesellschaftliche Aktionen statt, wie etwa das Aufstellen gebastelter Papier-Mohnblumen als Mahnmal gegen Krieg und Unterdrückung.
Das Werksviertel-Mitte führt damit seine Tradition fort, Kunst-, Kultur- und Partizipationsprojekte im öffentlichen Raum zu verankern und gesellschaftlich relevante Themen mitten in den Alltag von Anwohnern und Besuchern zu tragen.

Die Friedensglocke im Werksviertel-Mitte ist weit mehr als ein Kunstobjekt – sie ist ein sichtbares Zeichen für Verständigung, Dialog und ein friedliches Miteinander. In dem ehemaligen Industrieareal am Münchner Ostbahnhof, das sich in den vergangenen Jahren zu einem lebendigen Quartier für Kultur, Kreativität und Innovation entwickelt hat, setzt die Glocke einen bewusst ruhigen Gegenpol zum geschäftigen Treiben. Das Werksviertel-Mitte versteht sich als Ort der Begegnung, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenkommen. Die Friedensglocke fügt sich deshalb auf besondere Weise in die Philosophie des Quartiers ein.

Die Glocke entstand im Rahmen eines interkulturellen Kinder- und Jugendprojekts der Bell Amani Stiftung. Dabei beschäftigten sich junge Menschen mit den Themen Frieden, Konfliktlösung und gegenseitiger Respekt. Die Friedensglocke steht sinnbildlich für die Hoffnung, dass Verständigung nicht erst auf politischer Ebene beginnt, sondern bereits im täglichen Miteinander – in Schulen, Familien, Nachbarschaften und Stadtvierteln. Erstmals wurde sie im Werksviertel-Mitte im Rahmen der „Langen Nacht der Demokratie“ aufgestellt und machte dort auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie Kunst und gesellschaftliches Engagement miteinander verbunden werden können.

Gerade das Werksviertel-Mitte bietet für dieses Symbol den passenden Rahmen. Wo früher Kartoffelprodukte hergestellt wurden und später das legendäre Nachtleben des Kunstparks Ost und der Kultfabrik pulsierte, entstand ein modernes Stadtquartier, das Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit miteinander verbindet. Zwischen moderner Architektur, Street Art, Musik, Gastronomie und innovativen Unternehmen erinnert die Friedensglocke daran, dass eine lebenswerte Stadt nicht allein durch Gebäude entsteht, sondern vor allem durch die Werte ihrer Menschen.

Die Friedensglocke lädt Besucher dazu ein, für einen Moment innezuhalten. Ihr Klang steht symbolisch für Versöhnung, Hoffnung und den Wunsch nach einer Welt, in der Konflikte durch Gespräche statt durch Gewalt gelöst werden. Damit ist sie nicht nur ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, sondern auch ein Ort des Nachdenkens – über Frieden, Demokratie und die Verantwortung jedes Einzelnen für ein respektvolles Zusammenleben. In einem Quartier, das Wandel und Zukunft wie kaum ein anderer Ort in München verkörpert, erinnert die Friedensglocke daran, dass echter Fortschritt immer auch von Menschlichkeit begleitet sein sollte.

Tor 6 – Der Ort, an dem Maisach seine Zukunft verteidigte

26. Juli 2026

Wer heute an der Alten Brucker Straße vor Tor 6 des ehemaligen Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck steht, sieht zunächst nur zwei Informationstafeln. Doch dieser unscheinbare Ort erzählt eine der bedeutendsten kommunalpolitischen Geschichten der Region. Hier wurde über Jahre hinweg um Lebensqualität, Lärmschutz und die Zukunft einer ganzen Gemeinde gerungen. Tor 6 steht heute nicht für einen militärischen Flugplatz, sondern für den erfolgreichen Widerstand einer Bürgerschaft gegen die zivile Nutzung des Fliegerhorstes. Am 26. Juli 2010 wurde die fliegerische Nutzung von Fursty beendet. Eigentlich sollte das Gelände zivil genutzt werden, aber aufgrund russischer Aggression in der Ukraine entschloss sich der Bund das Gelände für die Grundausbildung junger Soldatinnen und Soldaten wieder zu verwenden.

Der Fliegerhorst Fürstenfeldbruck entstand ab 1934 als Militärflugplatz der damaligen Luftwaffe und wurde in den folgenden Jahren kontinuierlich ausgebaut. Die Start- und Landebahn erreichte schließlich eine Länge von rund 3.300 Metern bei einer Breite von 45 Metern. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten zunächst die amerikanischen Streitkräfte den Flugplatz. Ab 1956 wurde Fürstenfeldbruck zur Ausbildungsstätte der ersten deutschen Jetpiloten der neu gegründeten Bundesluftwaffe und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Luftwaffenstandorte Deutschlands. Auch das gescheiterte Befreiungsunternehmen während des Olympia-Attentats 1972 machte den Fliegerhorst weltweit bekannt.

Mit dem Ende des Kalten Krieges änderten sich jedoch die Perspektiven. Die militärische Nutzung nahm schrittweise ab. Gleichzeitig entstand Anfang der 1990er-Jahre eine neue Idee: Nach der Eröffnung des Flughafens München im Jahr 1992 sollte ein Teil der Allgemeinen Luftfahrt – also Geschäftsflugzeuge, Sport- und Privatmaschinen – auf den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck verlagert werden. Für die Gemeinden rund um den Flugplatz hätte dies tausende zusätzliche Flugbewegungen und eine erhebliche Lärmbelastung bedeutet.

Besonders in Maisach regte sich Widerstand. Die politischen Verantwortlichen erkannten früh, welches Entwicklungspotenzial die frei werdenden Flächen für die Gemeinde boten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine zivile Nachnutzung als Verkehrslandeplatz die Wohnqualität vieler Ortsteile dauerhaft beeinträchtigen würde. Vor allem Maisach, Gernlinden und Malching wären von zusätzlichem Fluglärm betroffen gewesen.

Zum Gesicht dieses Widerstandes wurde der damalige Erste Bürgermeister Gerhard Landgraf. Gemeinsam mit seinem Geschäftsleiter Peter Eberlein entwickelte die Gemeinde ein alternatives Nutzungskonzept, das den Bedürfnissen der Region deutlich besser entsprach. Unterstützt wurde die Gemeindeverwaltung vom gesamten Gemeinderat sowie von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei die neu gegründete Bürgerinitiative gegen Fluglärm unter Vorsitz von Norman Dombo. Sie organisierte Informationsveranstaltungen, mobilisierte die Bevölkerung und machte deutlich, dass der Widerstand gegen den geplanten Verkehrslandeplatz weit über die Gemeindegrenzen hinaus getragen wurde. Aus einem lokalen Protest entwickelte sich eine Bewegung, deren Argumente schließlich auch in der Landespolitik Gehör fanden.

Währenddessen liefen auf juristischer Ebene zahlreiche Verfahren. Bereits 1995 beantragte die eigens gegründete Flugplatz Fürstenfeldbruck Betriebsgesellschaft die Genehmigung einer zivilen Mitnutzung. 1997 erklärte die Regierung von Oberbayern den Standort im Rahmen der Landesplanung grundsätzlich für geeignet, Teile der Allgemeinen Luftfahrt aufzunehmen. Im Jahr 1998 genehmigte die Luftfahrtbehörde sogar eine zivile Mitbenutzung des Flugplatzes mit bis zu 20.000 Flugbewegungen pro Jahr. Doch Maisach gab nicht auf. In insgesamt 15 Gerichtsverfahren zwischen 1998 und 2003 gelang es der Gemeinde, die Pläne erfolgreich anzufechten und vor dem Verwaltungsgericht sowie dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof immer wieder abzuwehren.

Den politischen Durchbruch brachte schließlich ein Antrag des damaligen Landtagsabgeordneten Reinhold Bocklet, der 2007 die Änderung des Landesentwicklungsprogramms anstieß. Ziel war ein ausdrückliches Verbot der zivilfliegerischen Nutzung des ehemaligen Militärflugplatzes Fürstenfeldbruck. Der Bayerische Landtag stimmte zu. Mit Wirkung zum 1. Januar 2010 wurde die entsprechende Änderung rechtskräftig. Damit war die zivile Nutzung des Fliegerhorstes endgültig ausgeschlossen.

Parallel dazu endete auch die militärische Fliegerei. Nach der Einstellung des Flugbetriebs wurde das Gelände schrittweise freigemacht. 2010 klagte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben gegen die Flugplatz Fürstenfeldbruck Betriebsgesellschaft auf Räumung. Am 26. Juli 2010 erfolgte schließlich die Räumung – die Geschichte der Fliegerei auf „Fursty“ war beendet.

Damit begann zugleich ein neues Kapitel. Gemeinsam mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben entwickelte Maisach ein Nachnutzungskonzept. Vorgesehen wurden unter anderem ein Fahrsicherheitszentrum, Einrichtungen der Bayerischen Polizei, die Verlagerung des Sportgeländes des SC Maisach sowie der Bau der Südtangente, die heute einen wichtigen Beitrag zur Verkehrsentlastung der Gemeinde leistet. Der erste Spatenstich erfolgte 2018, im Dezember desselben Jahres wurde die neue Straße für den Verkehr freigegeben.

Die beiden Informationstafeln an Tor 6 erinnern heute an diesen außergewöhnlichen politischen Erfolg. Historische Fotos zeigen Verhandlungen vor Gericht, Bürgerproteste, den symbolischen Sieg der Bürgerinitiative sowie den Beginn der neuen Infrastruktur. Das ehemalige sogenannte Crash-Tor der Flughafenfeuerwehr wurde damit zu einem Erinnerungsort für demokratisches Engagement.

Die Geschichte erhielt in jüngster Zeit noch eine überraschende Wendung. Während lange Zeit von einer vollständigen Aufgabe des Bundeswehrstandorts ausgegangen wurde, entschied das Verteidigungsministerium 2026, den Standort Fürstenfeldbruck wegen der veränderten sicherheitspolitischen Lage weiterhin militärisch zu nutzen. Statt Flugbetrieb entsteht dort nun ein neues Ausbildungsbataillon der Luftwaffe. Flugzeuge werden jedoch nicht mehr stationiert – genau jenes Ziel, für das die Bürgerinitiative und die Gemeinde Maisach jahrzehntelang gekämpft hatten, bleibt damit bestehen.

Tor 6 ist deshalb weit mehr als ein ehemaliges Werkstor eines Militärflugplatzes. Es erinnert daran, dass kommunalpolitischer Einsatz, Bürgerengagement und langer Atem Geschichte schreiben können. Wo einst Flugzeuge starten sollten, stehen heute Erinnerungstafeln. Sie erzählen von Menschen, die überzeugt waren, dass sich Einsatz für die eigene Heimat lohnt – und die bewiesen haben, dass selbst gegen große politische und wirtschaftliche Interessen ein gemeinsames Handeln erfolgreich sein kann.

„Fakten, Fakten, Fakten“ – Hubertus Klingsbögl über Journalismus, Vertrauen und politische Kommunikation

18. Juli 2026

Im Podcast „Nah dran“ des PresseClub München geht es nicht um fertige Schlagzeilen, sondern um die Frage, wie sie entstehen. In der aktuellen Folge spricht Matthias J. Lange mit Hubertus Klingsbögl, stellvertretender Pressesprecher der Hanns-Seidel-Stiftung. Beide gehören dem Vorstand des PresseClub München an. Das Gespräch führt mitten hinein in ein Berufsleben an der Schnittstelle von Journalismus, politischer Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit – und zugleich in die Frage, was gute Pressearbeit heute leisten muss.

Klingsbögls Weg in die Medien begann früh. Schon als Schüler interessierte er sich für Hörfunk und Journalismus. In der Unterstufe des Gymnasiums galt er nach eigener Erinnerung als jemand mit „den besten Connections zum Bayerischen Rundfunk“, weil er für den Medienunterricht Material der Rundfunkwerbung organisiert hatte. Später führte dieser frühe Enthusiasmus tatsächlich ins Radio. Anfang der 1990er Jahre gründete er mit Freunden einen Lokalsender mit, der zunächst Studio 1 FM hieß und später als Radio Alpenwelle bekannt wurde. Möglich wurde dies durch die neuen Strukturen des privaten Rundfunks in Bayern. „Das war irgendwie so die Goldgräberzeit“, erinnert sich Klingsbögl. Der private Lokalfunk habe damals eine ähnliche Aufbruchsstimmung erzeugt wie später die digitalen Plattformen – nur eben regional verwurzelt. Hier der Podcast:

Bei Radio Alpenwelle stieg Klingsbögl in die Redaktion ein und wurde Redaktionsleiter. Es war klassischer Lokaljournalismus im Radio, aber mit besonderer Nähe zur Landespolitik: Edmund Stoiber wurde gerade Ministerpräsident, Manfred Fleischer war Oppositionsführer der Grünen im Landtag. „Das war ja die Landespolitik im Lokalen eigentlich“, sagt Klingsbögl. Lokalradio bedeutete damals vor allem Live-Arbeit. Was gesagt war, war draußen. Vorproduktionen, wie sie heute üblich sind, gab es kaum. Diese Spontanität habe ihn geprägt, aber auch die Verantwortung für das gesprochene Wort. Später arbeitete er unter anderem beim Liechtensteinischen Rundfunk in der Nachrichtenredaktion – „Journalismus in einer Monarchie“, wie er es beschreibt. In einem Land mit rund 40.000 Einwohnern habe man am Staatsfeiertag auch direkt mit dem Fürsten über Politik, Demokratie und das Rechtssystem sprechen können.

Bemerkenswert ist, dass Klingsbögl keinen klassischen journalistischen Ausbildungsweg ging. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen. Für ihn ist das kein Widerspruch: Der Zugang zu Medien müsse auch abseits einer Fachausbildung möglich sein. „Quereinstiege sind vom Grundgesetz gewollt und durchaus möglich“, sagt er. Entscheidend seien Neugier, Einordnungskraft und Glaubwürdigkeit.

Genau diese Glaubwürdigkeit ist für Klingsbögl bis heute der zentrale Begriff – inzwischen nicht mehr als Journalist, sondern als Kommunikator einer politischen Stiftung. Gute Pressearbeit müsse schnell, verlässlich und faktenbasiert sein. „Ohne Glaubwürdigkeit auf Dauer ist es schwierig zu bestehen“, betont er. Als Pressesprecher sei man Dienstleister für Journalistinnen und Journalisten, müsse aber zugleich die eigene Institution schützen, Sachverhalte erklären und manchmal auch verhindern, dass unzutreffende oder einseitige Informationen in die Öffentlichkeit gelangen. Das habe nichts mit „Nebelkerzen“ zu tun, sondern mit verantwortlicher Einordnung.

Zwischen Journalismus und Pressearbeit sieht Klingsbögl vor allem einen Perspektivwechsel. Journalistinnen und Journalisten suchten die gute Geschichte, Pressestellen müssten Fakten liefern, abwägen und reflektieren. Während Tageszeitungen unter hohem Zeitdruck arbeiten, könne eine Pressestelle Themen oft länger vorbereiten und in ein Agenda-Setting einordnen. Trotzdem bleibe die Anforderung hoch: „Die Fakten müssen immer stimmen und zwar nachprüfbar.“ Lügen oder Schummeln gehe nicht. Die Kunst der Darstellung dürfe sein, aber sie müsse erklärbar bleiben.

Eine wichtige Rolle spielt für ihn das Vertrauen zwischen Pressestellen und Redaktionen. Klingsbögl erzählt dazu eine Erfahrung aus seiner Lokalradiozeit: Ein Kripo-Chef habe ihm anvertraut, dass am nächsten Morgen eine Hausdurchsuchung stattfinde, aber noch keine Details genannt. Der Journalist wusste also mehr, als er senden durfte. Erst am nächsten Morgen nach der Durchsuchung gab es die Informationen für die Berichterstattung. „Diese zwölf, fünfzehn Stunden, das ist die Vertrauensspanne“, sagt Klingsbögl. Wer dieses Vertrauen missbrauche, bekomme solche Informationen nur einmal.

Das Verhältnis zu Journalistinnen und Journalisten habe sich in den vergangenen Jahren verändert. Früher hätten Redaktionen nach einer Pressemitteilung häufiger angerufen, nachgefragt, Hintergründe recherchiert und eigene Zusatzinformationen gesucht. Heute werde eine Mitteilung oft nur noch gekürzt und übernommen. „Dieses Feedback und dass man nochmal darüber spricht, das ist eher der Einzelfall mittlerweile“, beobachtet Klingsbögl. Das sei keine gute Entwicklung, aber Realität.

Auch die Instrumente der Pressearbeit haben sich verändert. Die klassische Pressemitteilung ist für Klingsbögl weiterhin wichtig, weil sie fundiert und verlässlich ist. Doch Social Media habe sie in der Geschwindigkeit überholt. Kurze Sätze, schnelle Reaktionen und direkte Ansprache prägen heute die Kommunikation. Institutionen wie die Hanns-Seidel-Stiftung sind längst nicht mehr nur Zulieferer für Medien, sondern selbst Sender. Mit digitalen Formaten kann die Stiftung etwa Auslandsmitarbeiter aus Asien, Lateinamerika oder Afrika zusammenschalten und politische Bildung international vermitteln. „Wir können das selbst in die Hand nehmen“, sagt Klingsbögl.

Gleichzeitig warnt er vor Oberflächlichkeit. Die Verkürzung in sozialen Medien bringe die Gefahr mit sich, dass Komplexität verloren geht. Gerade in Zeiten von Desinformation, hybrider Kriegsführung und Angriffen auf die Demokratie sei Faktenorientierung entscheidend. Klingsbögl erinnert an den bekannten Slogan von Helmut Markwort: „Fakten, Fakten, Fakten“. Dieser Satz habe an Aktualität nichts verloren. „Das zählt genauso für soziale Medien, wie das für den klassischen Journalismus immer gegolten hat“, sagt er.

Als Vertreter einer politischen Stiftung betont Klingsbögl zugleich die Rolle von Werten. Die Hanns-Seidel-Stiftung stehe auf christlicher Grundlage und im christlich-sozialen Wertefeld. Wer dort anrufe, wisse, dass er es mit einem Tendenzbetrieb zu tun habe. Journalistinnen und Journalisten erwarteten von einer solchen Stiftung keine beliebige Position, sondern eine konservative Einordnung.

Der PresseClub München spielt für Klingsbögl eine wichtige Rolle als Ort des Austauschs. Er beschreibt ihn als Plattform zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus, als Raum, in dem man abseits des Tagesdrucks miteinander sprechen kann. Besonders wichtig sei dabei der Nachwuchs. Junge Journalistinnen, Journalisten und Kommunikatoren seien zwar digital hervorragend vernetzt, müssten aber auch persönliche Begegnung lernen. Klingsbögl nennt dafür einen passenden Begriff: „Networking in natura“. Man müsse sich begegnen, von Angesicht zu Angesicht. Digitale Netzwerke seien wichtig, aber sie könnten persönliche Kontakte nicht ersetzen.

Für junge Journalistinnen und Journalisten nennt Klingsbögl vor allem zwei Eigenschaften: Neugier und Geduld. Nicht alles lasse sich sofort recherchieren, nicht jede Information liege fertig auf dem Tisch. Für angehende Pressesprecherinnen und Pressesprecher sei dagegen vor allem Krisenkommunikation die Nagelprobe. Wer in die Pressearbeit wolle, müsse „den Überblick und die Nerven behalten“. Gerade wenn eine Lage unübersichtlich werde, brauche es Menschen, die ruhig bleiben.

Am Ende des Gesprächs steht noch einmal der Lokaljournalismus im Mittelpunkt. Für Klingsbögl ist er unverzichtbar, weil Menschen wissen wollen, was vor ihrer Haustür passiert. Die große offene Frage sei allerdings die Finanzierung. Wenn Bürgerinnen und Bürger lokale Berichterstattung wollten, müssten sie möglicherweise auch bereit sein, dafür zu bezahlen. Ohne tragfähige Modelle werde unabhängiger Lokaljournalismus schwer zu halten sein.

Eine lehrreiche Erfahrung aus seiner Reporterzeit fasst Klingsbögl mit dem Satz zusammen: „Man trifft sich zweimal.“ Als Journalist berichtete er einst über die bevorstehende Schließung einer Tochtergesellschaft, nachdem ihm der Vorstand einer Holding diese Information gegeben hatte. Die Meldung stimmte, doch der Betriebsratsvorsitzende war verärgert. Zwei Wochen später brannte es in derselben Firma – und ausgerechnet dieser Betriebsratsvorsitzende war als Feuerwehrchef vor Ort. Informationen bekam Klingsbögl diesmal keine. Für ihn blieb das eine prägende Lektion über Vertrauen, Verantwortung und die Folgen journalistischer Entscheidungen.

So zeigt das Gespräch im Podcast „Nah dran“, wie eng Journalismus und Pressearbeit miteinander verbunden sind – und wie sehr beide Seiten auf Verlässlichkeit angewiesen bleiben. Schlagzeilen entstehen nicht nur durch schnelle Informationen, sondern durch Vertrauen, Erfahrung, Einordnung und Fakten. Genau darin liegt für Hubertus Klingsbögl bis heute der Kern professioneller Kommunikation

100 Jahre GEDOK: Künstlerinnen feiern die Freiheit der Kunst in Tutzing

28. Mai 2026

Die GEDOK feiert 2026 ihren 100. Geburtstag – und damit ein Jahrhundert Einsatz für Künstlerinnen, Sichtbarkeit und kulturelle Teilhabe. Ich hatte über den PresseClub München eine Einladung zur Vernissage an die politische Akademie Tutzing, um einen Eindruck von der Vereinigung zu bekommen.

Gegründet wurde die Vereinigung 1926 in Hamburg von der Mäzenin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel. Ihr Anliegen war damals ebenso einfach wie notwendig: Künstlerinnen sollten nicht länger am Rand des Kulturbetriebs stehen, sondern eigene Netzwerke, Ausstellungsräume, Fördermöglichkeiten und öffentliche Anerkennung erhalten. Aus dieser Idee entstand ein Verband, der bis heute spartenübergreifend arbeitet und Künstlerinnen aus Bildender Kunst, Angewandter Kunst, Literatur, Musik, Film, Fotografie, Darstellender Kunst und interdisziplinären Bereichen verbindet. 

Zum Jubiläum rückt die GEDOK München ihre Geschichte und Gegenwart unter das Leitmotiv „Sichtbar. Verknüpft. Frei.“. Diese drei Begriffe beschreiben sehr treffend, wofür die Vereinigung seit 100 Jahren steht: Sichtbarkeit für künstlerische Arbeit von Frauen, Vernetzung über Sparten und Generationen hinweg sowie die Freiheit, eigene Themen, Formen und Haltungen zu entwickeln. In einer Kunstwelt, in der Frauen lange weniger präsent waren als ihre männlichen Kollegen, war und ist die GEDOK ein wichtiger Ort der Ermutigung und Professionalisierung. 

Ein besonderer Beitrag zum Jubiläumsjahr ist die Ausstellung „Freiheit“ in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. 20 Künstlerinnen der GEDOK München zeigen dort Arbeiten, die sich mit unterschiedlichen Facetten von Freiheit auseinandersetzen. Dabei geht es nicht nur um politische Freiheit, sondern auch um Kunstfreiheit, innere Freiheit, persönliche Selbstbestimmung und die Frage, wie frei künstlerisches Arbeiten heute tatsächlich sein kann. Die Ausstellung ist von Mai 2026 bis Mai 2027 im Erdgeschoss der Akademie zu sehen; der Eintritt ist frei. 

Der Ort ist dabei gut gewählt. Die Akademie für Politische Bildung in Tutzing ist ein Haus des Dialogs, der gesellschaftlichen Debatte und der demokratischen Bildung. Wenn dort Kunst unter dem Titel „Freiheit“ gezeigt wird, entsteht eine Verbindung zwischen ästhetischem Ausdruck und politischem Denken. Die Werke der Künstlerinnen laden dazu ein, über Freiheit nicht abstrakt zu sprechen, sondern sie sinnlich, visuell und emotional zu erfahren. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen erhält eine solche Ausstellung zusätzliches Gewicht: Kunst kann Räume öffnen, in denen Widerspruch, Vielfalt und persönliche Perspektiven sichtbar werden.

Die GEDOK-Ausstellung in Tutzing knüpft zudem an eine lange Zusammenarbeit zwischen der Künstlerinnenvereinigung und der Akademie an. Seit vielen Jahren präsentieren Künstlerinnen der GEDOK München dort regelmäßig ihre Arbeiten. Die Jahresausstellungen haben sich zu einem festen Bestandteil des Kulturprogramms entwickelt. 2025/26 stand die Schau unter dem Titel „Perspektiven Wechsel“, 2026/27 folgt nun mit „Freiheit“ ein Thema, das besonders gut zum Jubiläum passt. 

Die Geschichte der GEDOK ist allerdings nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern auch eine Geschichte von Brüchen. Die Gründerin Ida Dehmel wurde während der NS-Zeit wegen ihrer jüdischen Herkunft aus der Organisation gedrängt; 1942 nahm sie sich angesichts der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime das Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich die GEDOK neu und setzte ihren Auftrag fort: Künstlerinnen zu fördern, ihnen Öffentlichkeit zu verschaffen und ihre Interessen kulturpolitisch zu vertreten. 

Heute wirkt die GEDOK lebendig und zeitgemäß. Ihr Jubiläum ist kein rückwärtsgewandter Festakt, sondern ein Anlass, nach vorne zu schauen. Was bedeutet künstlerische Freiheit heute? Welche Stimmen werden gehört, welche übersehen? Wie können Netzwerke Künstlerinnen stärken, ohne sie auf ihr Geschlecht zu reduzieren? Und welche Rolle spielt Kunst in einer demokratischen Gesellschaft?

Die Ausstellung „Freiheit“ in Tutzing gibt darauf keine einfachen Antworten. Sie versammelt unterschiedliche künstlerische Positionen, Materialien und Denkansätze. Gerade diese Vielfalt macht ihren Reiz aus. Sie zeigt die GEDOK als das, was sie seit 100 Jahren sein will: ein Netzwerk, ein Resonanzraum und eine Bühne für Künstlerinnen, die ihre Sicht auf die Welt selbstbewusst formulieren.

Für mich sehr interessant war das Werk von Cornelia Hesse. Sie wurde 1976 in Wolfratshausen geboren und war zunächst als Juristin tätig, bevor sie sich nach mehreren Jahren im Staatsdienst vollständig der Kunst zuwandte. Seit 2014 arbeitet sie intensiv an Malerei, Zeichnung und Plastik, bildet sich an freien Kunstakademien fort. Die Reihe „Walk on Air“ entstand 2022 als Folge großformatiger Leinwände in Mischtechnik, etwa in Form dreiteiliger Arbeiten im Format 100 x 80 Zentimeter. Hesse beschreibt ihre Großform-Arbeiten als spontan und absichtslos: schlaglichtartige innere Eindrücke, die sie mit unterschiedlichen Techniken auf Papier oder Leinwand bringt – „Walk on Air“ steht dabei sinnbildlich für einen Moment des Schwebens zwischen Bodenhaftung und Aufbruch.
In den „Walk on Air“-Bildern überlagern sich gestisch-expressive Malerei und drucktechnische Elemente, die aus bearbeiteten Fotografien entwickelt werden. So entstehen vielschichtige Bildräume, in denen Fragilität und Energie, Zufall und Struktur miteinander in Spannung stehen und das Motiv des „Gehen auf Luft“ als innere Haltung erfahrbar machen.

Die verlorene Kindheit im Feed: Warum Social Media zur großen Bildungsfrage unserer Zeit geworden ist

23. Mai 2026

Die Studie „Social Media – Bildung – Integrität“ ist ein Gutachten des Aktionsrats Bildung, herausgegeben von der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Ihr Kernbegriff ist „mediale Integrität“: Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollen Social Media nicht nur technisch bedienen können, sondern verantwortungsvoll, werteorientiert, selbstreflektiert und sozial verträglich nutzen. Mein Gefühl nach der Veranstaltung und der Diskussion über Social Media und Ki: Es sprechen oftmals Blinde von der Farbe, aber das mit mahnenden Worten. 

Die Studie bewertet Social Media nicht pauschal als schlecht. Sie sieht Chancen für Kommunikation, Lernen, Kreativität, politische Teilhabe und Vernetzung. Zugleich warnt sie deutlich vor Risiken: Suchtverhalten, Cybermobbing, Desinformation, oberflächliche Informationsverarbeitung, sozialer Druck, problematische Körperbilder, Datenschutzprobleme, Manipulation durch Algorithmen und der Verlust von Empathie im digitalen Raum.

Der zentrale Gedanke lautet: Medienkompetenz reicht nicht mehr aus. Es geht nicht nur darum, Apps zu verstehen, sondern darum, im digitalen Raum integer zu handeln. Dazu gehören Respekt, Ehrlichkeit, Selbstkontrolle, Quellenkritik, Empathie und Verantwortung. Mein persönlicher Vorschlag: Schickt die Eltern und die Lehrer in die Schule. Oftmals wird über Sachen debattiert, die nicht nicht gelebte Realität der Vortragenden ist.

Empfehlungen
Die Studie fordert gesetzliche Altersgrenzen für Social-Media-Plattformen, eine wirksame Altersverifikation und altersgerechte Schutzmechanismen. Anbieter sollen Minderjährige besser vor suchtfördernden Designs, Werbung, manipulativen Mechanismen und übermäßiger Nutzung schützen. Für Bildungseinrichtungen sollen klare Nutzungs- und Datenschutzregeln geschaffen werden. Digitale Bildungsplattformen der Länder sollen so erweitert werden, dass Unterricht über Social Media möglich ist, ohne auf externe Plattformen ausweichen zu müssen.

Für Schulen empfiehlt das Gutachten, Integrität im Umgang mit Social Media als Bildungsziel systematisch zu verankern. Lehrkräfte sollen besser medienpädagogisch ausgebildet werden. Außerdem fordert die Studie Konzepte gegen Cybermobbing und problematische Nutzung. Eltern sollen stärker einbezogen werden, weil Medienerziehung nicht allein Aufgabe der Schule sein kann. 

Nach Bildungsphasen
In der frühen Bildung liegt der Schwerpunkt auf Familie, Kita und Kinderschutz. Besonders kritisch sieht die Studie hohe Bildschirmzeiten kleiner Kinder und das sogenannte Sharenting, also das Teilen von Kinderbildern durch Eltern. Hohe Bildschirmzeiten können laut Gutachten Entwicklungsprobleme verstärken und mit geringerem emotionalem Wohlbefinden zusammenhängen.

In der Primarstufe betont die Studie, dass Social Media bereits bei Grundschulkindern eine Rolle spielt, obwohl viele Angebote eigentlich erst ab 13 Jahren vorgesehen sind. Klare Familienregeln, feste Medienzeiten und Begleitung durch Eltern gelten als entscheidend. Grundschulen sollen Eltern beraten und Kinder auf einen späteren verantwortungsvollen Umgang vorbereiten. 

In der Sekundarstufe werden die Risiken besonders deutlich: FOMO, ständige Ablenkung, oberflächliche Informationsverarbeitung, sozialer Vergleich, Cybermobbing und psychische Belastungen. Die Studie hält fest, dass negative Auswirkungen besonders dann problematisch werden, wenn Social Media sehr früh, sehr intensiv und auf Kosten anderer Aktivitäten genutzt wird. 

In der beruflichen Bildung sieht das Gutachten Chancen für berufliche Orientierung, Netzwerke, Lerncommunities und digitale Kommunikation. Gleichzeitig entstehen neue Risiken: unprofessionelles Auftreten, Datenschutzprobleme, Vermischung von Privatem und Beruflichem sowie Unsicherheiten bei Betrieben und Berufsschulen.

In der Hochschule geht es um Social Media in Lehre, Forschung und Wissenschaftskommunikation. Chancen liegen in Austausch, Sichtbarkeit und kollaborativem Lernen. Risiken bestehen in Qualitätsproblemen, Reputationsdruck, Datenschutz, Desinformation und fehlenden Standards.

In der Weiterbildung sieht die Studie große Potenziale für informelles Lernen, berufliche Netzwerke und niedrigschwellige Bildungsangebote. Gleichzeitig warnt sie vor Ungleichheiten: Wer wenig digitale Kompetenzen besitzt, kann von diesen Angeboten ausgeschlossen werden.

Die Studie ist stark, weil sie Social Media nicht kulturpessimistisch verdammt, sondern differenziert betrachtet. Besonders überzeugend ist der Begriff der medialen Integrität, weil er über reine Technikkompetenz hinausgeht. Die Studie macht klar: Es reicht nicht, Jugendlichen zu erklären, wie TikTok, Instagram oder YouTube funktionieren. Sie müssen lernen, was ihr Handeln dort mit anderen Menschen, mit Demokratie, Wahrheit, Selbstbild und sozialem Zusammenleben macht.

Kritisch ist allerdings, dass die Studie stark regulierend denkt. Altersgrenzen, Verbote und technische Schutzmechanismen spielen eine große Rolle. Das ist nachvollziehbar, birgt aber die Gefahr, dass pädagogische Arbeit zu sehr auf Kontrolle und Einschränkung verengt wird. Entscheidend wird sein, Schutz und Befähigung zusammenzubringen: Kinder und Jugendliche brauchen Grenzen, aber auch geschützte Räume, in denen sie digitale Verantwortung praktisch einüben können.

Das Gutachten versteht Social Media als eine der zentralen Bildungsfragen unserer Zeit. Es fordert eine neue Stufe der Medienbildung: weg von bloßer Bedienkompetenz, hin zu Verantwortung, Haltung und Integrität. Für Schulen, Eltern, Politik und Bildungsanbieter ist die Studie ein deutlicher Auftrag: Social Media darf nicht nebenbei behandelt werden. Es muss fester Bestandteil von Bildung werden – kritisch, praktisch, altersgerecht und werteorientiert.
Die Studie gibt es hier zum Download. Dank an die vbw für die Organisation der Veranstaltung und den guten Willen auf diesem Feld Aufklärungsarbeit zu machen.

Zwischen Krisen, Kraft und klaren Kanten: Markus Söder wirbt für ein starkes Bayern in unsicheren Zeiten

18. März 2026

Beim Internationalen PresseClub München hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor Journalisten und Gästen zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Stellung genommen. Im Mittelpunkt seines Auftritts standen die Folgen internationaler Krisen, die Lage der deutschen und bayerischen Wirtschaft, die Kommunalwahlen in Bayern sowie Fragen zur Energiepolitik.

Zu Beginn ging Söder auf die Kommunalwahlen ein und zeigte sich mit dem Abschneiden der CSU zufrieden. Trotz Zugewinnen der AfD habe sich die CSU in Bayern stabil gehalten. Zugleich betonte er, dass die Grünen in vielen Teilen Bayerns deutlich verloren hätten. In München verwies Söder auf die laufende Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt und erklärte, dass er sich persönlich heraushalte, zugleich aber Verständnis für die Empfehlung der Münchner CSU habe, Amtsinhaber Dieter Reiter zu unterstützen. Kommunalwahlen seien heute stark von Persönlichkeiten geprägt. Die CSU könne in jeder Stadt gewinnen, aber auch in jedem Dorf verlieren, sagte Söder. Hier die komplette Veranstaltung

Mit Blick auf die AfD bekräftigte der Ministerpräsident seine ablehnende Haltung gegenüber einer Zusammenarbeit. Es gebe in Bayern keine Kooperation mit der AfD, weder auf kommunaler noch auf anderer Ebene. Zur Begründung verwies er nicht nur auf programmatische Unterschiede, sondern vor allem auf das Demokratieverständnis, die Sprache und das Personal der Partei. Gleichzeitig warnte Söder davor, die AfD allein mit moralischer Abgrenzung bekämpfen zu wollen. Wer Probleme nicht löse, sondern nur über die AfD rede, stärke sie am Ende eher. Entscheidend sei es, bei Themen wie Migration, innerer Sicherheit und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit konkrete Lösungen anzubieten.

Ein zentrales Thema seines Auftritts war die wirtschaftliche Lage. Söder zeichnete das Bild einer Welt im Dauerkrisenmodus, verwies aber zugleich darauf, dass Krisen auch früher zum politischen Alltag gehört hätten. Neu sei heute vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich Entwicklungen zuspitzen und medial verbreiten. Mit Sorge blickte er auf die Belastungen für die exportorientierte bayerische Wirtschaft. Zölle, hohe Energiepreise, internationale Konflikte und strukturelle Schwächen der deutschen Industrie träfen Bayern besonders, weil der Freistaat stark von Maschinenbau, Autoindustrie und Chemie geprägt sei. Söder warnte vor Steuererhöhungen und sprach sich stattdessen für Steuersenkungen aus, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken.

Ausführlich äußerte sich Söder auch zur Energiepolitik. Deutschland brauche mehr Energie, nicht weniger, sagte er. Angesichts von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Rechenzentren, Elektromobilität und neuer industrieller Entwicklungen werde der Strombedarf in den kommenden Jahren weiter deutlich steigen. Deshalb dürfe sich Deutschland nicht auf einzelne Energieformen beschränken. Söder sprach sich zwar für einen weiteren Ausbau erneuerbarer Energien aus, verwies aber zugleich auf Gaskraftwerke, neue Technologien und die Notwendigkeit, alle Optionen offen zu halten. Dabei warb er auch für eine neue Debatte über sogenannte Small Modular Reactors, also kleine modulare Atomreaktoren. Die klassischen großen Kernkraftwerke seien aus seiner Sicht kein realistisches Zukunftsmodell mehr, bei kleineren Reaktoren und neuen Formen der Kerntechnik wolle Bayern aber in Forschung und Entwicklung vorn mit dabei sein. Auch auf Kernfusion setzte Söder große Hoffnungen. Bayern wolle hier eine führende Rolle einnehmen und strebe an, Standort für neue Demonstrationsprojekte zu werden.

Im Zusammenhang mit den stark gestiegenen Spritpreisen infolge der Krise im Nahen Osten sprach Söder sich für schärfere kartellrechtliche Eingriffsmöglichkeiten aus. Es sei nicht akzeptabel, dass die Preise schon stiegen, bevor sich eine tatsächliche Verknappung beim Rohstoff bemerkbar mache. Zugleich verteidigte er die von ihm durchgesetzte Erhöhung der Pendlerpauschale und brachte erneut ins Gespräch, staatliche Mehreinnahmen aus höheren Energiepreisen an die Bürger zurückzugeben. Die CO2-Bepreisung sei davon allerdings zu unterscheiden. Hier sprach sich Söder grundsätzlich dafür aus, zusätzliche Belastungen für Unternehmen zu begrenzen, um Wettbewerbsnachteile gegenüber China und den USA zu vermeiden.

Mit Blick auf die internationale Lage äußerte Söder Verständnis für das Vorgehen Israels im Nahen Osten und bezeichnete das iranische Regime als eines der schlimmsten der Welt. Zugleich zeigte er sich unsicher, welche Strategie die USA in der Region langfristig verfolgten. Die Sperrung der Straße von Hormus und die daraus resultierenden Folgen für die Energiepreise bereiteten ihm Sorgen. Unabhängig davon mahnte er, den Krieg in der Ukraine nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Leistungen der Ukrainer bezeichnete er als nahezu übermenschlich. Deutschland und Europa müssten deshalb weiter an ihrer Verteidigungsfähigkeit arbeiten und insbesondere den Schutz der östlichen Partner ernst nehmen.

Auch auf innenpolitische und gesellschaftliche Fragen ging Söder ein. Er betonte die Bedeutung von Ehrenamt, Vereinen, Feuerwehren und kommunalem Engagement in Bayern. Die Vorstellung eines weitgehenden gesellschaftlichen Rückzugs in private Räume teile er nicht. Bayern sei nach wie vor stark von bürgerschaftlichem Engagement geprägt. Zugleich hob er die Bedeutung direkter Begegnungen hervor und verteidigte seine starke Präsenz in sozialen Medien als zeitgemäße Form politischer Kommunikation. Diese könne das persönliche Gespräch nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen.

Kritisch äußerte sich Söder erneut zum Länderfinanzausgleich. Bayern trage dort eine aus seiner Sicht überproportionale Last. Der Freistaat zahle inzwischen den größten Teil des Volumens und wolle deshalb weiter rechtlich gegen die bestehende Regelung vorgehen. Bayern sei wirtschaftlich stark genug, um eigenständig bestehen zu können, sagte Söder in einem scherzhaft formulierten, aber bewusst zugespitzten Seitenhieb auf die bundesstaatlichen Finanzstrukturen.

Insgesamt präsentierte sich Söder im PresseClub als Politiker, der auf technologische Modernisierung, wirtschaftliche Stärke und politische Handlungsfähigkeit setzt. Er warb für mehr Mut zu Zukunftstechnologien, schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und eine Politik, die Probleme nicht verwalte, sondern aktiv löse. Seine zentrale Botschaft lautete, dass Bayern in einer unsicherer gewordenen Welt nur dann stark bleibe, wenn es wirtschaftlich leistungsfähig, technologisch mutig und politisch entschlossen handle.