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Demokratie braucht Haltung – und eine Gesellschaft, die auf Krisen vorbereitet ist

19. September 2026

Wie widerstandsfähig ist unsere Gesellschaft, wenn Strom, Kommunikation oder andere Teile der kritischen Infrastruktur ausfallen? Wie gut sind Polizei, Hilfsorganisationen und Versorgungsunternehmen auf neue Bedrohungen vorbereitet? Und welche Verantwortung trägt dabei jeder Einzelne? Am Tag der Demokratie diskutierte der PresseClub München auf Einladung seines Fördervereins über eine Frage, die angesichts von Cyberangriffen, Sabotage, Extremwetterereignissen und hybriden Bedrohungen zunehmend an Bedeutung gewinnt: Wie resilient ist unsere Gesellschaft?

Christina Kahlert, die den Förderverein des PresseClubs München gegründet hat, machte bereits bei der Begrüßung deutlich, dass der Abend Auftakt für mehr sein soll. „Ich freue mich ganz besonders, dass wir heute hoffentlich eine Serie von Veranstaltungen starten unter dem Motto ‚Demokratie braucht Haltung‘“, sagte sie. Das könne man „in diesen Zeiten nicht genug diskutieren“. Hier die komplette Veranstaltung als Video:

Die Moderation übernahm der Vorsitzende des PresseClubs München, Dr. Uwe Brückner. Auf dem Podium saßen Vertreterinnen und Vertreter ganz unterschiedlicher Bereiche der Sicherheitsarchitektur und Daseinsvorsorge: Magdalena Strzedulla vom Technischen Hilfswerk, Polizeidirektorin Daniela Hand vom Polizeipräsidium München, Hannes Lindhuber von den Stadtwerken München sowie Wilko Beinlich vom Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen (BayZBE).

Schnell wurde deutlich: Resilienz beginnt nicht erst in dem Augenblick, in dem eine Katastrophe eingetreten ist. Sie muss lange vorher aufgebaut werden.

Für Magdalena Strzedulla ist dabei das Ehrenamt eine tragende Säule. Allein der THW-Landesverband Bayern umfasst 111 Ortsverbände. Die Helferinnen und Helfer werden für unterschiedlichste Aufgaben ausgebildet – von Elektroversorgung bis zu hoch spezialisierten Einsatzbereichen. Und sie alle engagieren sich neben Beruf und Privatleben. „Das basiert alles bei uns auf Ehrenamt“, betonte Strzedulla.

Ein ganzheitlicher Bevölkerungsschutz müsse deshalb früher einsetzen als bei der Alarmierung der Einsatzkräfte. „Wir können nicht erst mit entsprechender Vorbereitung starten, wenn eine Krise da ist beziehungsweise wenn wir in einen Einsatz gerufen werden“, sagte sie. Einsatzorganisationen müssten ihre Helfer vorbereiten, zugleich aber auch die Bevölkerung stärker einbeziehen.

Damit verändert sich ein lange vertrautes Bild des Katastrophenschutzes. Die Vorstellung, im Ernstfall würden professionelle und ehrenamtliche Einsatzkräfte kommen und sämtliche Probleme lösen, stößt gerade bei großen und lang anhaltenden Krisen an Grenzen. „Man muss sich ein Stück weit verabschieden von diesem Gedanken, dass nur Einsatzorganisationen entsprechend die Lage unterstützen und helfen“, sagte Strzedulla. Die vorhandenen Ressourcen seien begrenzt und müssten dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich gebraucht würden.

Polizeidirektorin Daniela Hand setzte an einem anderen Punkt an: bei Freiheit und Verantwortung. Eine demokratische Gesellschaft sei nichts Selbstverständliches und auch nichts, was unabhängig vom Verhalten ihrer Mitglieder existiere. „Jeder Einzelne von uns ist Bestandteil der Gesellschaft, und insofern prägen wir auch die Gesellschaft ganz extrem mit.“

Freiheit dürfe dabei nicht mit Rücksichtslosigkeit verwechselt werden. Hand sprach von einem teilweise „missverstandenen Freiheitsgedanken“. Wer Freiheit ausschließlich als Anspruch verstehe, selbst zuerst durch die Tür zu gehen, ohne die Auswirkungen des eigenen Handelns auf andere zu berücksichtigen, verkenne ihren gesellschaftlichen Charakter.

Das zeigt sich aus Sicht der erfahrenen Polizeibeamtin auch im Alltag. Bei Polizeieinsätzen werde gefilmt und beobachtet, gleichzeitig fehlten anschließend nicht selten Zeugen. Hand formulierte es drastisch: Viele Menschen könnten ihr Smartphone auf ein Ereignis richten und Aufnahmen verbreiten – „aber der Polizei als Zeuge zur Verfügung stehen, damit dann mein Mitbürger, meine Mitbürgerin zu ihrem Recht kommen kann, das ist dann schon wieder eine ganz schwierige Nummer“.

Dabei sei die Schwelle zum Helfen denkbar niedrig. Niemand solle sich selbst in Gefahr bringen. „Aber das, was jeder von uns kann, ist, dass er Hilfe holt. Super einfach: 110.“

Für Hand beginnt Resilienz ohnehin im Kleinen. Wer nicht darüber nachdenke, welche persönlichen Daten er im Internet preisgibt, wie er nach einer Feier sicher nach Hause kommt oder welche alltäglichen Gefahren entstehen können, werde sich auch mit großen Krisen schwerer tun. „Wenn ich im Kleinen nicht in der Lage bin zu bedenken, was könnte sein, und keinen Plan B habe, dann bin ich es auch in großen Situationen eher nicht.“

Dass innere Sicherheit unmittelbar mit funktionierender Infrastruktur verbunden ist, machte Hannes Lindhuber deutlich. Die Stadtwerke München stehen für Strom, Wärme, Gas und Wasser, aber ebenso für Telekommunikation, öffentlichen Nahverkehr und Ladeinfrastruktur. Damit betreiben sie wesentliche Lebensadern der Stadt.

Ein wichtiges Prinzip sei Redundanz. Das sogenannte N-1-Prinzip soll dafür sorgen, dass eine zentrale Infrastrukturkomponente ausfallen kann, ohne dass dadurch das gesamte System zusammenbricht. Hinzu kommen kleinteilige Netzstrukturen und zahlreiche Querverbindungen.

Interessant war Lindhubers Hinweis auf die Energiewende. Eine stärker dezentrale und regionale Erzeugung erneuerbarer Energie könne auch die Widerstandsfähigkeit erhöhen: Die Versorgung verteile sich auf mehr Erzeugungsanlagen und werde dadurch weniger abhängig von einzelnen großen Kraftwerken.

Gleichzeitig warnte Lindhuber davor, Sicherheit vor allem über zusätzliche Bürokratie herstellen zu wollen. Europäische und nationale Regelwerke zur Cyber- und Infrastruktursicherheit verfolgten zwar die richtigen Ziele, doch aus Sicht eines Betreibers fließe zu viel Kraft in Dokumentations- und Nachweispflichten. „Eigentlich wird versucht, Sicherheit durch Akten zu schaffen und nicht durch wirksame Maßnahmen.“

Hinzu kommt ein Dilemma zwischen Transparenz und Sicherheit. Wo genau befinden sich Anlagen? Wie funktionieren sie? Welche Kapazitäten haben sie? Solche Informationen können journalistisch oder gesellschaftlich von berechtigtem Interesse sein – zugleich können sie potenziellen Angreifern helfen. Auch Führungen durch technische Anlagen müssten deshalb heute anders bewertet werden als noch vor einigen Jahren.

„Es ist ein Angriff auf unsere Lebensgrundlagen“, sagte Lindhuber über gezielte Attacken auf kritische Infrastruktur. Er begrüßte, dass solche Angriffe inzwischen wesentlich ernster genommen würden als noch vor zehn oder zwölf Jahren, als Beschädigungen von Kabel- oder Netzinfrastruktur teilweise eher als gewöhnlicher Vandalismus wahrgenommen worden seien.

Resilienz kostet allerdings Geld. Redundante Netze, Schutzmaßnahmen und zusätzliche Infrastruktur müssen finanziert werden, obwohl sie im besten Fall niemals gebraucht werden. Lindhuber forderte deshalb langfristig verlässliche Rahmenbedingungen. Sein Fazit: „Es ist ein Marathon, es ist kein Sprint.“ Resilienz entstehe durch Vorsorge und nicht erst in der Krise.

Wilko Beinlich vom Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen brachte die Perspektive des Krisenmanagements in die Diskussion ein. Das BayZBE trainiert Einsatzkräfte für Situationen, die über den normalen Rettungsdienst hinausgehen: Massenanfälle von Verletzten, Anschläge, aktive Täter, Naturkatastrophen oder länger andauernde Krisen.

Beinlich kritisierte eine gesellschaftliche und politische Neigung, erst auf Katastrophen zu reagieren, statt vorher konsequent vorzusorgen. „Wir sind immer noch reaktiv“, sagte er. Viele Sicherheitsstandards seien historisch erst eingeführt worden, nachdem Katastrophen ihre Notwendigkeit brutal bewiesen hätten.

Ein Problem sei dabei die von ihm so bezeichnete „Katastrophendemenz“. Nach einer Krise würden Konzepte entwickelt, Erfahrungen ausgewertet und Verbesserungen versprochen. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand lasse die Aufmerksamkeit jedoch wieder nach. Dabei sei die nächste Krise keine theoretische Möglichkeit. „Es ist keine Frage, ob die Krise wieder eintreffen wird, sondern eher wann.“

Beinlich brachte seine Forderung nach mehr praktischem Handeln mit einem Satz auf den Punkt, der im PresseClub für Aufmerksamkeit sorgte: „Machen ist wie wollen, nur geiler.“

Mehr Investitionen in Bevölkerungsschutz seien aus seiner Sicht kein verlorenes Geld, selbst wenn die befürchtete Krise nicht eintrete. Würden Hilfsorganisationen, Ehrenamt, Polizei und Bevölkerungsschutz gestärkt und die erwartete extreme Lage bliebe aus, habe die Gesellschaft trotzdem gewonnen: Sie verfüge dann über besser ausgestattete Strukturen, die ebenso bei Hochwasser, Hitze, Sturm oder anderen Katastrophen eingesetzt werden könnten.

Wie wichtig dabei gesellschaftlicher Zusammenhalt ist, zeigte Beinlich am Beispiel von Hochwasserereignissen. Nicht allein Feuerwehr, THW oder Rettungsdienste seien entscheidend. Oft seien es Nachbarn, die Pumpen bereitstellten, Keller leer räumten oder älteren Menschen halfen. „Die Menschen helfen sich, und dieser Staat funktioniert auch ziemlich gut“, sagte Beinlich.

Genau dort trafen sich die unterschiedlichen Perspektiven des Podiums. Resilienz bedeutet nicht, aus jedem Bürger einen „Prepper“ mit Generator, Treibstoff und riesigen Lebensmittelvorräten zu machen. Vielmehr geht es um überschaubare Vorsorge, Information und Nachbarschaftshilfe.

Strzedulla verwies auf Angebote wie „Krisenscout“-Veranstaltungen, bei denen Bürger erfahren können, wie sie sich auf Ausfälle und Notlagen vorbereiten. Beinlich empfahl darüber hinaus die Informationen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Schon die Frage, wie ein Haushalt die ersten Tage einer Krise überstehen kann, könne viel bewirken. Und manchmal beginne Resilienz schlicht damit, beim älteren Nachbarn zu klingeln, wenn dort seit Tagen niemand gesehen wurde.

Ein weiterer Schwerpunkt des Abends waren neue technologische Bedrohungen. Daniela Hand schilderte, dass auch die Polizei ihre Kommunikation und den Umgang mit sensiblen Informationen ständig neu bewerten müsse. In Zeiten von Smartphones und digitaler Kommunikation reiche klassische Verschlusssachensicherheit nicht mehr aus. Selbst scheinbar belanglose Informationen könnten zusammengesetzt ein aussagekräftiges Bild ergeben.

Das gelte auch für die Beschäftigten kritischer Infrastruktur, ergänzte Lindhuber. In sozialen Netzwerken sei es selbstverständlich geworden, über den Arbeitsplatz, Veranstaltungen und berufliche Kontakte zu berichten. Was einzeln harmlos erscheine, könne in der Summe sicherheitsrelevant werden. Unternehmen müssten deshalb ihre Beschäftigten stärker für einen verantwortungsvollen Umgang mit Informationen sensibilisieren.

Auch Drohnen waren Thema. Auf die Frage, ob München gegen mögliche Drohnenangriffe ausreichend geschützt sei, verwies Hand auf die entstehenden Strukturen zur Drohnenabwehr. Absolute Sicherheit könne es allerdings nicht geben. Technologische Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten entwickelten sich permanent weiter.

Beinlich wiederum machte deutlich, dass moderne Technik nicht ausschließlich als Bedrohung betrachtet werden dürfe. Gerade künstliche Intelligenz könne im Katastrophenschutz helfen, riesige Datenmengen aus Sensoren und unterschiedlichen Quellen zu einem Lagebild zusammenzuführen. Entscheidend sei, die chaotische Anfangsphase einer Krise möglichst schnell in eine „Strukturierungsphase“ zu überführen. Je besser Informationen zusammengeführt würden, desto eher könnten Einsatzleitungen „vor die Lage kommen“, statt ihr hinterherzulaufen.

Am Ende kehrte die Diskussion zu ihrem Ausgangspunkt zurück: Demokratie braucht Menschen, die sich beteiligen.

Gerade bei jungen Menschen sieht Strzedulla Anlass zu Optimismus. Die Bereitschaft, sich bei Feuerwehr, THW, Rettungsorganisationen oder Vereinen zu engagieren, sei vorhanden – zunehmend auch bei Mädchen und jungen Frauen. Es müsse gelingen, ihnen Strukturen anzubieten, in denen dieses Engagement wachsen könne.

„Jeder und jede kann sich da einbringen – mit ihren Strukturen, mit ihren Kapazitäten, mit ihrem Engagement, ihrer Motivation, egal ob groß oder klein“, sagte Strzedulla zum Abschluss.

So blieb nach der Diskussion im PresseClub München weniger das Bild einer hilflosen Gesellschaft als vielmehr das einer Gesellschaft mit erheblichen Ressourcen – wenn sie diese nutzt. Polizei, Hilfsorganisationen und Infrastrukturbetreiber können vorsorgen, trainieren und investieren. Doch Resilienz lässt sich nicht vollständig delegieren.

Sie beginnt auch beim Einzelnen: mit einem Notruf, mit einem Vorrat für einige Tage, mit dem verantwortungsvollen Umgang mit Informationen, mit dem Blick auf den Nachbarn und nicht zuletzt mit der Bereitschaft, sich für andere zu engagieren. In diesem Sinne bekam das Motto des Abends eine zusätzliche Bedeutung: Demokratie braucht Haltung – und Widerstandsfähigkeit braucht Gemeinschaft.

Buchtipp: Das Churchill-Prinzip von Helge Hesse

1. April 2025

Eigentlich bin ich bei Ratgeberbüchern immer etwas skeptisch. Da werden Binsenweisheiten zur großen Philosophie aufgebauscht, dabei hilft oftmals der normale Menschenverstand. Aber nachdem Winston Churchill nicht irgendwer ist, zudem vergangenes Jahr der 150. Geburtstag war, war ich dann doch neugierig auf das Churchill-Prinzip. Die Ideen stammen aus dem vergangenen Jahrhundert und ich wollte prüfen, ob die Aussagen der Vergangenheit heute in einer anderen Welt noch Bestand haben.

Helge Hesses Buch Das Churchill-Prinzip beleuchtet die Lebensgeschichte von Winston Churchill und destilliert daraus Prinzipien für Erfolg und Führung. Churchill, sicherlich eine der prägendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, wird als Vorbild dargestellt, insbesondere durch Eigenschaften wie Entschlossenheit, strategisches Denken, Durchhaltevermögen und seine Fähigkeit, Menschen zu motivieren. Das Buch zeigt, dass Churchill diese Fähigkeiten nicht angeboren hatte, sondern sie sich mühsam erarbeitete – vom Schulversager und Stotterer bis hin zum visionären Führer, der Hitler im Zweiten Weltkrieg trotzte.

Hesse kombiniert eine Biografie mit praktischen Lebensweisheiten, die Manager und Führungskräfte inspirieren können. Dabei bleibt er differenziert und beleuchtet auch Churchills Schwächen. Die chronologische Darstellung seines Lebensweges wird genutzt, um universelle Prinzipien für persönliche und berufliche Entwicklung abzuleiten

Die zentralen Thesen des Buches Das Churchill-Prinzip von Helge Hesse basieren auf den Führungs- und Lebensprinzipien von Winston Churchill, die als Inspiration für persönliches und berufliches Wachstum dienen. Für mich die wichtigsten Punkte sind:

Entschlossenheit und Durchhaltevermögen:
Churchill zeigte außergewöhnliche Resilienz und die Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten standhaft zu bleiben. Sein Motto „Never give up“ wird als Schlüssel zum Erfolg betont.

Vision und strategisches Denken:
Churchill war ein Meister darin, langfristige Ziele zu setzen und Strategien zu entwickeln, um diese zu erreichen. Er verstand es, Chancen zu erkennen und Risiken einzugehen. Das klingt sehr mutig, war aber manches Mal auch fast tödlich, wenn es um sein eigenes Ego ging.

Krisenmanagement:
Das Buch hebt hervor, wie Churchill Krisen analysierte und entschlossen handelte. Er bewies Führungsstärke, indem er klare Entscheidungen traf und andere motivierte.

Kommunikation und Überzeugungskraft:
Churchills rhetorische Fähigkeiten waren entscheidend, um Menschen zu inspirieren und hinter sich zu vereinen. Seine berühmten Reden sind Beispiele für effektive Kommunikation.

Also für mich steht fest. Das Buch verbindet diese Prinzipien mit praktischen Tipps für modernes Leadership und persönliche Weiterentwicklung. Es hat mir Spaß gemacht, aber jetzt ist auch wieder gut mit Ratgeberbüchern.

Meine Reportage: S-Bahn-Chaos in München

27. Februar 2018

Nix geht mehr bei der S-Bahn München.

Nix geht mehr bei der S-Bahn München.

Eigentlich begann es ganz ausgeglichen. Es war Montag und meine Arbeitswoche sollte erst gegen 9:52 Uhr beginnen. Ich hatte gegen 13 Uhr einen Seminarstart in Waldkraiburg und wollte wie fast immer mit dem Zug zu meinem Seminar fahren, entspannt ankommen. Daraus wurde an diesem Montag nichts.
Um 7:15 Uhr K1/2 aus dem Haus gebracht, damit sie ihre S-Bahn zur Schule erwischen. Gegen 7:40 Uhr machte sich dann die Ehefrau auf dem Weg zur Münchner S-Bahn. Ich hatte also rund zwei Stunden Zeit Koffer zu packen, Kaffee zu trinken, mich über die Nachrichtenlage zu informieren.
Und dann begann es: Gattin erklärte, dass sie ihre S-Bahn erreicht hatte und scheinbar die Züge Verspätung haben. Sie schrieb von vielen Fahrgästen, die bei der Warterei auf die Züge des Münchner Verkehrsverbundes MVV froren. Sie hatte dagegen Glück gehabt und hüpfte frohen Mutes in die einfahrende S-Bahn. Doch nach wenigen Stationen begann für sie das Chaos.

Streckenagent schlägt an
Derweil empfing ich zu Hause am Smartphone Meldungen des Streckenagenten, die von einer Störung auf der Stammstrecke berichteten. Naja, nichts neues in München. Es vergeht kaum ein Tag bei dem das marode ÖPNV-System irgendeine Störung hat. Doch dann kam die Meldung: Bahnhof Pasing gesperrt. Pasing liegt im Westen von München und ist Beginn der sogenannten Stammstrecke durch die fast alle Züge des öffentlichen Personennahverkehrs müssen. Wenn Pasing gesperrt ist, dann beginnt das Chaos. Mitten im morgendlichen Berufsverkehr blieben im Westen von München zwei Züge der Linien S3 und S6 auf freier Strecke liegen. Sie mussten bei eisigen Temperaturen evakuiert werden. Die S3 wird von der Gattin benutzt und ich wollte sie später auch nutzen.
SMS an die Gattin: Die war nicht in der liegengebliebenen Bahn, sondern in einem Zug vor Pasing, der freilich auch nicht weiterkam. Sie standen und sie froren. Die Kälte an diesem Tag war besonders heftig, die Meteorologen sprachen von einer sibirischen Kälte.
Ich beobachte den Streckenagenten genau, denn mein Abfahrttermin rückte näher. Ich las in sozialen Medien, dass die beiden betroffenen S-Bahn-Züge wegen der Kälte evakuiert werden mussten. Immer wieder SMS von der Gattin, das nichts vorangeht. Irgendwann beschloss sie in Olching, wie ihre Bahn stand, den Zug zu verlassen und wieder nach Hause zu fahren, sobald ein Zug in Gegenrichtung kommt. Als Glückspilz kam sogar einer und sie war wieder zu Hause – Homeoffice war bei ihr angesagt. Eine absolut richtige Entscheidung. Telearbeitsplatz hieß das früher.

Das Chaos lag vor mir
Ich dagegen hatte den Irrsinn noch vor mir. Die Stammstrecke war zu, komplett dicht. Kurz vor dem Rosenheimer Platz blieb auf der Stammstrecke ein Zug der S7 wegen eines technischen Defekts liegen. Kurze Zeit später konnte ein Zug der S8 wegen eines Notarzteinsatzes an der Hackerbrücke nicht weiter fahren.

Dick angezogen gegen die frostigen Temperaturen.

Dick angezogen gegen die frostigen Temperaturen.

Von der Ehefrau hörte ich, dass die S2 aus Dachau die einzige Bahn sei, die noch irgendwie fahren würde. Und weil es die beste Ehefrau von allen ist, packte sie mich ins Auto und wir fuhren nach Karlsfeld, damit ich die S2 besteigen kann. Der Autoverkehr um München herum hielt sich noch in Grenzen – trotz Montag. Am Bahnhof Karlsfeld herrschte ein eisiger Wind. Die Wartenden froren sichtlich. Sie hatten Schals um den Kopf geschlungen, Mützen tief ins Gesicht gezogen. An den Händen trugen sie Handschuhe und ein eisiger Wind pfiff. Ein paar Jugendliche waren mit Sneekers und blanken Knöcheln unterwegs, Flanking eben. Flanking setzt sich zusammen aus “flashing” und “ankle”, was in etwa so viel bedeutet wie “hervorblitzender Knöchel”. Man bekommt vom Flanking selbst keine Erkältung, aber der Trend bietet Erkrankungen durchaus Vorschub, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Dies dürfte bei sibirischen Temperaturen der Fall sein.

DIe S2 kommt - hurra.

DIe S2 kommt – hurra.

Zeitpuffer schrumpft
Ich hatte T-Shirt, Hoodie, Tweed-Mantel an und war gegen die Kälte geschützt. Und es hieß Warten. Fahrgäste diskutierten über Alternativen, wie sie zur Arbeit kommen könnten. Andere beklagten sich und grantelten auf Bayerisch herum. Es gab das eine oder andere Schimpfwort gegen die Bahn, das ich nicht zitieren werde. Und dann kam eine S2 – hurra. Die Aktion Heringsdose begann. Die Wagons waren gut gefüllt und nun kamen wir vom Bahnhof Karlsfeld auch noch in den Zug. Es wurde schön kuschelig, um es freundlich zu sagen. Ich war guter Dinge, denn ich war noch im Zeitplan. Die Aktion der Ehefrau hatte mich gerettet. Der Zug fuhr los, Richtung München. Und dann kam die Durchsage. Der Zug fährt ab Obermenzing nicht durch die Stammstrecke, sondern direkt zum Ostbahnhof über den Südring. Kurzes Erschrecken, aber nach einen Blick in die Bahn-App zeigte mir, dass ich eine andere Reiseroute nach Waldkraigburg ab Ostbahnhof nehmen kann – für mich also kein Problem.

In Laim war erst einmal Schluss.

In Laim war erst einmal Schluss.

Ein Problem kam nur als wir in Laim plötzlich stoppten und es hieß: Notarzteinsatz und der Südring sei nun auch zu. Wir saßen fest. Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert und – ich bin hier sehr egoistisch – hoffentlich kommen wir weiter. Ich musste den Anschlusszug am Ostbahnhof erwischen und zu meinem Seminar kommen, sonst geht mein Honorar flöten.
Minute um Minute verging. Die Situation im Zug war unangenehm. Die S-Bahn-München verfügt über keine Toiletten und es kam die Kälte von außen herein. Mein Zeitpuffer schrumpfte. Irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit ging es weiter. Mein Zeitpuffer war zusammengeschrumpft, aber ich konnte es noch schaffen. Der Ostbahnhof war voll mit wartenden und frierenden Reisenden. Viele Touristen wollten zum Flughafen, ganze Ströme von Werktätigen gingen Richtung U-Bahn.

Das Gedränge am Ostbahnhof war groß.

Das Gedränge am Ostbahnhof war groß.

Ich kämpfte mich zum EC nach Graz durch und schaffte es. Der Zug hatte Verspätung und damit ideal für mich. Reingesprungen und nach Rosenheim gefahren. In der bayerischen Provinz herrschte kein Chaos, aber die Kälte war da. Mein Anschluss nach Mühldorf kam pünktlich und ich stieg in Waldkraiburg aus. Alles gut, ich kam zu meinem Seminar einigermaßen pünktlich und ich hatte Glück. Meine Kinder K1/2 hatten weniger Glück und froren am Bahnhof bis ihr Zug nach Hause kam.

Kommentar: Ich habe die Schnauze voll
Insgesamt dürften allein am Morgen 200.000 Menschen betroffen gewesen sein. Die Ursache ist noch unklar. Die Kälte sei vermutlich nicht schuld, erklärte die Bahn. Gegen 19:50 Uhr kam dann die Meldung, dass meine S-Bahn wieder im Regelweg verkehrt.
Nun mein Fazit: Ich habe die Schnauze voll vom Krisenmanagement der Verantwortlichen, verzeiht die Wortwahl. Ein Oberleitungsschaden kann passieren, aber in München vergeht keine Woche, in der nicht etwas passiert. Das ganze System wurde kaputtgespart, die Technik ist marode und eine zweite Stammstrecke würde dieses Chaos nicht lösen. Es gibt keine Ringlösung. Ich bin furchtbar enttäuscht. Der einzelne Bahnmitarbeiter kann nichts dafür, aber hier wird meiner Meinung falsch geplant. Mal sehen, was uns diese Woche vom MVV noch erwartet.

Abends sollte sich die Situation entspannt haben.

Abends sollte sich die Situation entspannt haben.