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Die Sieben Zeilen – wo Nürnberg den Alltag seiner Weber bewahrt

24. Juli 2026

Wer heute durch die Nürnberger Altstadt geht und zwischen den alten Häusern, schmalen Straßen und stillen Winkeln die Sieben Zeilen entdeckt, begegnet einem Stück Stadtgeschichte, das leicht übersehen werden kann. Hier stehen keine mächtigen Patrizierhäuser, keine prunkvollen Paläste und keine weithin sichtbaren Türme. Die kleinen Häuser erzählen vielmehr vom Leben jener Menschen, deren Namen nur selten in Chroniken auftauchen: von Webern, Handwerkern und ihren Familien, die über viele Generationen hinweg mit ihrer Arbeit zum Wohlstand der alten Reichsstadt beitrugen. Bei einer Stadtführung eines Kollegen staunte ich nicht schlecht über diese Häuser.

Die Sieben Zeilen gelten als eine der frühesten planmäßig errichteten Arbeiterwohnsiedlungen Deutschlands. Ihre Entstehung geht auf das ausgehende 15. Jahrhundert zurück. Bereits im Jahr 1488 fasste der Nürnberger Rat den Beschluss, Weber aus dem schwäbischen Raum für die Stadt zu gewinnen. Nürnberg war damals eine bedeutende Handels- und Handwerksmetropole, wollte aber auch sein Textilgewerbe weiter ausbauen. Besonders gefragt waren Fachleute aus Augsburg und Ulm, die sich auf die Herstellung von Barchent verstanden – eines Stoffes, der aus Baumwolle oder einer Mischung aus Baumwolle und Leinen hergestellt wurde und häufig eine flanellartige Oberfläche besaß.

Ein Jahr später, 1489, ließ die Stadt auf dem verfüllten inneren Stadtgraben zunächst fünf parallel verlaufende Häuserzeilen errichten. Jede dieser Reihen bestand aus drei Weberhäusern. Der Bau dieser Siedlung war für die damalige Zeit bemerkenswert, doch er entstand nicht in erster Linie aus sozialer Fürsorge. Der Nürnberger Rat verfolgte vor allem wirtschaftliche Ziele: Die angeworbenen Weber sollten dauerhaft in der Stadt angesiedelt werden und dem Nürnberger Textilgewerbe neue Impulse geben. Die Sieben Zeilen waren somit zugleich Wohnort, Werkstattviertel und wirtschaftspolitisches Projekt der Reichsstadt.

Das neu erschlossene Gelände lag am sogenannten Treibberg. Weil dort nun zahlreiche aus Schwaben stammende Weber lebten, erhielt das Gebiet bald den Namen Schwabenberg. Zunächst sprach man von den Häusern „Zwischen den Zeilen“. Im Jahr 1524 wurden die fünf bestehenden Reihen um zwei weitere ergänzt. Aus den ursprünglich fünf Häuserzeilen wurden damit jene sieben Reihen, die dem Viertel schließlich seinen bis heute erhaltenen Namen gaben: die Sieben Zeilen.

Das Leben in diesen Häusern war bescheiden und eng mit der täglichen Arbeit verbunden. Die zweigeschossigen Gebäude waren so angelegt, dass sich die Webstühle und Lagerräume im Souterrain beziehungsweise im Keller befanden. Dort standen die schweren hölzernen Webstühle, dort wurden Garne aufbewahrt und fertige Stoffe gelagert. Man kann sich vorstellen, wie aus den niedrigen Arbeitsräumen das gleichmäßige Klappern der Webstühle nach draußen drang und sich mit den Stimmen der Nachbarn, dem Rufen der Händler und dem Lärm der nahen Stadt vermischte.

Über den Arbeitsräumen lagen jeweils zwei kleine Wohnungen mit einer Fläche von ungefähr 45 Quadratmetern. Jede Wohneinheit bestand lediglich aus einer kleinen Küche, einer Stube und einer Kammer. Küche und Wohnraum wurden durch einen gemeinsamen Ofen beheizt. Hier lebten Familien auf engem Raum, hier wurde gekocht, gegessen, geschlafen und gearbeitet. Privatleben und Broterwerb ließen sich kaum voneinander trennen. Erst im 19. Jahrhundert wurden auch die Dachgeschosse der Häuser ausgebaut und als zusätzlicher Wohnraum genutzt.

Die kleinen Wohnungen mögen aus heutiger Sicht beengt erscheinen. Doch sie boten den Weberfamilien ein festes Dach über dem Kopf und die Möglichkeit, Arbeit und Wohnen an einem Ort zu verbinden. Zwischen den eng nebeneinanderstehenden Häusern entwickelte sich zwangsläufig eine besondere Nachbarschaft. Man wusste, wer krank war, wer Nachwuchs bekommen hatte, bei wem der Webstuhl stillstand und wer gerade einen großen Auftrag erhalten hatte. Türen und Fenster lagen dicht beieinander. Das Leben spielte sich nicht nur in den Stuben, sondern auch zwischen den Häuserzeilen ab.

Über Jahrhunderte blieben die Sieben Zeilen mit dem Weberhandwerk verbunden. Die Barchentweber lebten dort bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit. Diese Epoche endete zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Nürnberg seine politische Selbstständigkeit verlor und Teil des Königreichs Bayern wurde. Anschließend verkaufte die Stadt die Anwesen an private Eigentümer. Das Viertel wandelte sich, doch die kleinen Häuser und die Straßenstruktur erinnerten weiterhin an seine Ursprünge.

Auch die Namen der umliegenden Straßen bewahrten die Erinnerung an die Weber. Der untere Teil des ehemaligen Schwabenbergs wurde 1809 beziehungsweise 1810 in Weberplatz umbenannt. Der alte Name Treibberg blieb ebenfalls erhalten und findet sich bis heute in einem westlich der Sieben Zeilen gelegenen Straßenzug. So tragen selbst die Straßenschilder die Geschichte des Viertels weiter.

Dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm die nahezu vollständige Zerstörung der Nürnberger Altstadt. Bei den Luftangriffen der Jahre 1943 bis 1945 wurden 19 der insgesamt 21 Weberhäuser der Sieben Zeilen zerstört. Von der jahrhundertealten Siedlung blieben nur zwei Gebäude im Original erhalten. Die vertrauten Hausreihen, in denen Generationen gelebt und gearbeitet hatten, verwandelten sich in Trümmer.

Nach dem Krieg entschied man sich jedoch, die besondere Struktur der Siedlung wieder sichtbar zu machen. Die zerstörten Häuser wurden bis 1966 maßstabsgetreu wieder aufgebaut. Dadurch kehrte das vertraute Bild der parallelen Häuserzeilen in die Nürnberger Altstadt zurück. Der Wiederaufbau war Ausdruck des Wunsches, nicht nur einzelne bedeutende Bauwerke, sondern auch die Spuren des alltäglichen Lebens vergangener Jahrhunderte zu bewahren.

Umso tragischer ist das Schicksal der beiden letzten originalen Weberhäuser. Sie hatten den Krieg überstanden und waren bereits restauriert worden. Später erwarb der Berliner Architekt Walter Hötzel die unterste Häuserzeile mit den Hausnummern 2 bis 6. In den Jahren 1972 und 1973 ließ er die beiden noch aus dem 15. beziehungsweise 16. Jahrhundert stammenden Originalgebäude abreißen. Gegen den Verlust regte sich massiver Protest der Nürnberger Altstadtfreunde, doch der Abriss konnte nicht verhindert werden. Damit verschwanden die letzten authentischen baulichen Zeugen dieser frühen Arbeiterwohnsiedlung unwiederbringlich.

Was heute in den Sieben Zeilen zu sehen ist, ist deshalb größtenteils eine Rekonstruktion. Doch die historische Anordnung der Häuser, ihre bescheidenen Dimensionen und die bis heute bestehende Straßenbezeichnung lassen noch immer erahnen, wie dieses Viertel einst ausgesehen haben muss. Die Häuser erinnern an eine Zeit, in der wirtschaftliche Produktion noch nicht in großen Fabrikhallen stattfand, sondern unmittelbar unter den Wohnräumen der Menschen.

Wer heute zwischen den Zeilen hindurchgeht, hört längst kein Klappern der Webstühle mehr. Kein Weber trägt Stoffballen aus dem Keller, kein Kind bringt Garn in die Werkstatt, und aus den kleinen Kaminen steigt kein Rauch mehr von den gemeinsam genutzten Öfen. Dennoch scheint sich zwischen den Fassaden ein Hauch der Vergangenheit erhalten zu haben. Die engen Wege, die schlichten Häuser und die alten Straßennamen erzählen von Arbeit, Entbehrung, Nachbarschaft und dem Wunsch nach einem sicheren Leben.

Die Sieben Zeilen erinnern daran, dass die Geschichte Nürnbergs nicht allein von Kaisern, Kaufleuten, Künstlern und mächtigen Patrizierfamilien geprägt wurde. Sie wurde ebenso von den vielen namenlosen Handwerkern geschrieben, die Tag für Tag an ihren Webstühlen saßen. Ihre Stoffe wurden verkauft, getragen und in alle Welt gehandelt. Ihr eigenes Leben aber spielte sich auf wenigen Quadratmetern zwischen Küche, Stube, Kammer und Werkstatt ab.

So sind die Sieben Zeilen bis heute ein stilles Denkmal des arbeitenden Nürnberg. Sie erzählen von einer Stadt, die früh erkannte, wie wichtig qualifizierte Handwerker für ihren wirtschaftlichen Erfolg waren. Zugleich berichten sie von der Zerbrechlichkeit historischer Erinnerung: vom Verlust durch den Krieg, vom sorgfältigen Wiederaufbau und schließlich vom vermeidbaren Abriss der letzten Originalhäuser.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Melancholie dieses Ortes. Die heutigen Häuser sind nicht mehr jene Mauern, in denen die Weber vor Jahrhunderten lebten. Doch ihr Grundriss, ihre Anordnung und ihr Name bewahren eine Erinnerung, die stärker sein kann als Stein. Wer langsam durch die Sieben Zeilen geht und der Fantasie ein wenig Raum lässt, kann das alte Nürnberg beinahe noch hören: das Knarren der Holzbalken, das Schlagen der Webstühle und die gedämpften Gespräche der Familien, die hier aus einzelnen Fäden nicht nur Stoffe, sondern auch ein Stück Nürnberger Geschichte webten.

Unternehmen Petticoat (USA 1959) – Matinee am 10. Mai im Scala Fürstenfeldbruck

8. Mai 2026

Ein rosa U-Boot, zwei ungleiche Offiziere und eine Handvoll Krankenschwestern mitten im Pazifikkrieg – das klingt nach einem Rezept für Chaos. Und genau das ist es auch. Aber was Blake Edwards aus diesen Zutaten im Jahr 1959 gemacht hat, ist weit mehr als eine bloße Klamotte: Es ist eine der elegantesten Komödien, die Hollywood je produziert hat. Ich bespreche und zeige den Film am Sonntag, 10. Mai im Scala Kino Fürstenfeldbruck. Karten gibt es hier.

Cary Grant und Tony Curtis – zwei der charismatischsten Männer, die je vor einer Kamera standen – liefern sich ein Duell der Stile, das bis heute vergnügt. Grant, der unerschütterliche Kommandant mit trockenem Witz und makellosem Auftreten. Curtis, der schlaue Drückeberger und Organisationstalent, der keine Skrupel kennt, aber das Herz am rechten Fleck hat. Dass Curtis damals privat ein glühender Verehrer Grants war und ihn sogar in Manche mögen’s heiß parodiert hatte, macht ihre Leinwandchemie zu etwas ganz Besonderem – man spürt die gegenseitige Zuneigung hinter jedem Wortgefecht.

Was viele nicht wissen: Der Film steckt voller echter Geschichte. Das rosa U-Boot ist kein reiner Gag – tatsächlich kämpfte ein amerikanisches U-Boot im Zweiten Weltkrieg zeitweise mit rotem Grundieranstrich, weil die Farbe knapp war. Der berühmte Brief des Kommandanten über den Mangel an Toilettenpapier geht auf ein reales Dokument zurück. Und für die Dreharbeiten stellte die US-Marine gleich drei echte U-Boote aus dem Zweiten Weltkrieg zur Verfügung – eines davon ließ sie tatsächlich rosa streichen. So viel Realismus steckt in diesem vermeintlich leichten Schwank.

Blake Edwards, der kurz darauf mit Frühstück bei Tiffany und dem Rosaroten Panther Filmgeschichte schreiben sollte, zeigt hier schon sein ganzes Handwerk: die präzise Situationskomik, das sichere Gespür für Rhythmus, die Fähigkeit, aus Enge und Bedrängnis Heiterkeit zu destillieren. Unternehmen Petticoat wurde zum größten Kassenerfolg in der damals 50-jährigen Geschichte von Universal Studios – und zum profitabelsten Film in Cary Grants gesamter Karriere.

Wir zeigen den Film in der restaurierten Fassung dieses hinreißende Stück Kinogeschichte: Im Vortrag beantworten wir die Frage, warum manche Filme einfach nicht altern. Kommen Sie – es lohnt sich. Versprochen. Karten gibt es online und an der Kinokasse.

Persönlicher Nachruf auf Alexander Kluge

26. März 2026

Alexander Kluge ist tot. Am 25. März 2026 ist der Filmemacher, Schriftsteller, Fernsehunternehmer und Theoretiker im Alter von 94 Jahren in München gestorben – ein leiser Abgang für einen, der mehr als sieben Jahrzehnte lang mit beharrlicher Intensität in die deutsche Öffentlichkeit hineingeredet, hineingeschrieben und hineingefilmt hat. Ich habe Kluge mehrmals auf dem Filmfest München getroffen und habe eine extrem hohe Meinung von ihm. Mit ihm verliert die Bundesrepublik einen ihrer letzten großen Aufklärer der Nachkriegszeit, einen Intellektuellen, der die Kunst nie als Dekor, sondern als Gegenmacht, als „Gegenproduktion“ zur Wirklichkeit verstand.

Geboren 1932 in Halberstadt, gehörte Kluge jener Generation an, die Kindheit und Jugend im Schatten des Kriegs und der NS-Verbrechen erlebte – eine Erfahrung, die sein Werk nachhaltig prägte. Der ausgebildete Jurist, der bei Theodor W. Adorno in Frankfurt promovierte, fand früh zur Kritischen Theorie und hielt ein Leben lang daran fest, dass Aufklärung nicht aus Seminarräumen, sondern aus den konkreten Geschichten der Menschen erwächst. Diese Verbindung von Theorie und Erfahrung, von akademischer Reflexion und populären Formen machte ihn zu einer Ausnahmegestalt im intellektuellen Milieu der Bundesrepublik.

International bekannt wurde Kluge in den 1960er-Jahren als einer der Väter des Neuen Deutschen Films. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen unterzeichnete er 1962 das Oberhausener Manifest – die Kampfansage an das alte Kino und die Geburtsurkunde eines Autorenfilms, der dem deutschen Nachkriegskino eine neue, eigenwillige Sprache gab. Filme wie „Abschied von gestern“ (1966) und „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (1968) gelten bis heute als Schlüsselwerke dieser Bewegung; letzterer wurde 1968 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Kluges Kino war spröde, essayistisch, fragmentarisch – eher Denkapparat als Illusionsmaschine, immer auf der Suche nach den Brüchen unter der Oberfläche des Alltags.

Doch Kluge blieb nie beim Film stehen. Er schrieb Erzählbände, Romane, Theorie- und Montagebücher, in denen sich historische Dokumente, Fiktion und philosophische Reflexion verschränken. Werke wie „Lebensläufe“, „Die Lücke, die der Teufel lässt“ oder seine späteren Text‑Bild‑Montagen machen sichtbar, was er „Arbeitsvermögen der Gefühle“ nannte: die Fähigkeit des Subjekts, sich gegen Überwältigung, gegen Kälte und Vereinzelung zu behaupten. Kluge war ein Sammler von Geschichten, von Nebensätzen, Randnotizen, Biografiesplittern – aus ihnen montierte er eine alternative Geschichtsschreibung, die beharrlich an den Rändern der offiziellen Erzählungen kratzt.

Seit den späten 1980er-Jahren suchte er sich ein weiteres, breites öffentliches Forum: das Privatfernsehen. Mit den von seiner Produktionsfirma dctp verantworteten Magazinen „10 vor 11“, „News & Stories“ und später nächtlichen Gesprächsformaten auf RTL, Sat.1 und Vox verwandelte er kommerzielle Sendeplätze in Laboratorien der Langsamkeit und des Denkens. Die Programmmacher des Privatfernsehens müssen ihn gehasst haben. Dort führte er mit Philosophinnen, Arbeiter, Militärs, Künstler oder Ingenieuren Gespräche, die sich jeder aktuellen Talkshow-Ökonomie verweigerten – unaufgeregte, hartnäckige Versuche, inmitten des Bilderrauschs so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.

Politisch blieb Kluge bis ins hohe Alter ein wacher, zuweilen unbequemer Zeitdiagnostiker. Er kommentierte Globalisierung, Kriege, Medienumbrüche und Demokratiekrisen in Essays, Interviews und Projekten, ohne je in bloße kulturpessimistische Klage zu verfallen. Noch 2022 gehörte er zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefes, der vor einer Eskalation des Ukraine-Kriegs und der Gefahr eines Dritten Weltkriegs warnte – eine Intervention, die ihm scharfe Kritik einbrachte und doch konsequent zu seiner Skepsis gegenüber militärischer Logik und staatlicher Macht passte. Kluge vertraute auf die „Gegenproduktion“ der Zivilgesellschaft, auf die Fähigkeit der Menschen, sich ihre eigene Urteilskraft zu bewahren.

Seine Bedeutung für die deutsche Kultur lässt sich kaum überschätzen. Kluge war nicht nur ein einflussreicher Filmemacher, sondern auch ein Theoretiker des Mediums, dessen Schriften zur Filmanalyse und Medienkritik Generationen von Studierenden geprägt haben. Gleichzeitig blieb er Erzähler im emphatischen Sinn – ein Chronist, der die großen historischen Verwerfungen immer durch die scheinbar kleinen Biografien hindurch betrachtete. Dass er sich in seinen späten Jahren auch neuen Formaten, von Ausstellungen bis zu multimedialen Archivprojekten, zuwandte, zeigte, wie sehr ihn die Frage umtrieb, wie Erinnerung in einer beschleunigten, digitalen Öffentlichkeit überhaupt noch Halt finden kann.

Mit Alexander Kluge ist eine Stimme verstummt, die nie laut, aber stets eindringlich war. Er verkörperte jenes seltene Modell des Intellektuellen, der seine Autorschaft nie als Distinktionsgewinn verstand, sondern als Verpflichtung, das eigene Wissen in den Kreislauf der Öffentlichkeit zurückzuspeisen – in Bildern, Texten, Gesprächen. Sein Werk bleibt als lebendiges Archiv zurück: als Vorrat an Geschichten, Formen und Gedanken, auf den eine Gesellschaft zugreifen kann, die sich selbst verstehen will, ohne sich zu schonen.

Unbedingt ansehen: Ausstellung „HAAR – MACHT – LUST“

23. März 2026

Die Ausstellung „HAAR – MACHT – LUST“ in der Kunsthalle München ist ein herausragendes kulturelles Highlight, das die tiefgreifende gesellschaftliche und politische Bedeutung von Haaren beleuchtet. Bis zum 4. Oktober 2026 lädt die Schau zu einem fesselnden Streifzug durch drei Jahrtausende Kunst- und Kulturgeschichte ein. Als Pressebeauftragter des Landesinnungsverbandes Friseure und Kosmetiker Bayern besuchte ich die Ausstellung und war schwer begeistert.

Eine universelle Sprache
Haare sind weit mehr als ein bloßes modisches Accessoire oder eine Frage des persönlichen Stils. Sie fungieren seit Jahrtausenden als kraftvolles Ausdrucksmittel, um Zugehörigkeit zu demonstrieren, soziale Rollen zu definieren oder Rebellion und Widerstand zu artikulieren. Die Ausstellung zeigt auf faszinierende Weise, wie das scheinbar Alltägliche von Schönheit und Begehren, aber auch von spürbaren Machtgefällen und Ohnmacht erzählt.

Meisterhafte Kuration
Unter der Leitung von Kuratorin Juliane Au und Direktor Roger Diederen wurden rund 200 hochkarätige Exponate von der Antike bis zur Gegenwart raffiniert und tiefgründig in Szene gesetzt. Die beeindruckende Bandbreite reicht von klassischen Gemälden und Skulpturen über Videoarbeiten bis hin zu skurrilen Alltagsgegenständen wie historischen Barttassen aus dem 19. Jahrhundert. Leihgaben aus weltberühmten Häusern wie dem Louvre, dem Prado und dem Rijksmuseum unterstreichen den internationalen und kulturübergreifenden Anspruch dieser hervorragend gegliederten Schau.

Historie und moderner Protest
Jeder Ausstellungsraum widmet sich einem spezifischen Aspekt und verwebt historische Kontexte nahtlos mit hochaktuellen Themen. So wird dokumentiert, wie im Militär vergangener Epochen die Länge des Bartes den sozialen Rang spiegelte, oder wie historische Herrscher ihre Macht über Frauen durch deren Haartracht inszenierten. Im direkten Kontrast dazu stehen moderne Werke, welche die iranischen „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste von 2024 aufgreifen und eindrucksvoll zeigen, wie das Abschneiden der Haare zum ultimativen Symbol der Selbstbestimmung wird.

Die Ausstellung überzeugt nicht nur durch ihre schiere Vielfalt, sondern setzt mit ausgewählten Exponaten wie filmischen Arbeiten, popkulturellen Ikonen und mythologischen Figuren brillante Akzente.

Multimediale Videoarbeiten
Die Schau besticht durch einen integrativen Ansatz, der klassische Kunstwerke fließend mit modernen Videoarbeiten verknüpft. Diese filmischen Darstellungen machen das Motiv greifbar, indem sie die Dynamik, Sinnlichkeit und Wandelbarkeit von Kopf- und Körperhaar auf eine Weise einfangen, die statische Medien kaum leisten können. Durch die bewegten Bilder wird das faszinierende Zusammenspiel von Identität, Schönheit und Körperlichkeit für die Besucher auf einer sehr direkten, modernen Ebene erlebbar gemacht. Besonders habe ich mich über Charlie Chaplins-Film der große Diktator gefreut, eine Satire über Hitler, bei dem Chaplin einen jüdischen Friseur spielt.

Friedensprotest von John Lennon
Ein absolutes Highlight für mich als Popkultur-Fan ist die ikonische Fotografie „Hair Peace, Bed Peace“ von Nico Koster aus dem Jahr 1969. Das Bild zeigt John Lennon und Yoko Ono bei ihrem weltberühmten „Bed-in“-Protest und demonstriert eindrucksvoll, wie Haare als bewusstes politisches Statement eingesetzt wurden. In diesem historischen Kontext wird die wachsende Haarpracht zum ultimativen Symbol für Rebellion, Gewaltlosigkeit und den gesellschaftlichen Aufbruch einer ganzen Generation.

Die Schlangen der Medusa
Auch die fesselnde Kraft der Mythologie findet ihren verdienten Platz in der Ausstellung, was besonders an den Darstellungen der Medusa deutlich wird. Ihre legendären, furchteinflößenden Schlangenhaare dienen in der Kunstgeschichte als eindringliches Symbol für unbändige Stärke, Gefahr und weibliche Urgewalt. Diese klassischen Interpretationen belegen auf faszinierende Weise, dass den Haaren schon in der Antike eine mystische und zutiefst Respekt einflößende Macht zugeschrieben wurde.

Die Ausstellung beweist enorme kuratorische Stärke, indem sie die untrennbare Verbindung von Haaren und menschlicher Würde auch in ihren dunkelsten, schmerzhaftesten historischen Dimensionen schonungslos beleuchtet. Im Spannungsfeld von Macht und Ohnmacht wird das Haar hier vom ästhetischen Objekt zum Zeugen tiefster menschlicher Abgründe und systematischer Unterwerfung.

Instrument der öffentlichen Demütigung
Ein historisch erschütterndes Beispiel für die gewaltvolle Instrumentalisierung von Haaren ist die Behandlung französischer Kollaborateurinnen nach der Befreiung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Frauen, denen eine sogenannte „horizontale Kollaboration“ mit deutschen Besatzern vorgeworfen wurde, wurden auf den Straßen öffentlich und systematisch kahlgeschoren, um sie gesellschaftlich zu brandmarken und vor der Masse maximal zu demütigen. Die Thematik der Ausstellung verdeutlicht hier auf schmerzhafte Weise, wie der erzwungene Verlust der Haare als direktes Instrument der politischen Machtausübung, der Rache und der gezielten Identitätsberaubung fungiert.


Die absolute Dehumanisierung im KZ Auschwitz
Den unfassbaren Tiefpunkt der historischen Ohnmacht markiert die beispiellose Entwürdigung von Menschen durch die Nationalsozialisten in Vernichtungslagern wie dem KZ Auschwitz. Das dortige systematische Scheren der Opfer unmittelbar nach ihrer Ankunft besiegelte den ultimativen Akt der Entmenschlichung und den endgültigen Raub jeglicher persönlicher Identität. Die verabscheuungswürdige, geradezu industrielle Verwertung dieses menschlichen Haares als bloßes Rohmaterial für die Kriegsindustrie offenbart eine absolute Grausamkeit, die dem Ausstellungsaspekt der „Ohnmacht“ eine zutiefst bedrückende und historisch notwendige Dimension verleiht. Auch das gehört zu dieser Ausstellung dazu.

Die geraubte Madonna – ein stilles Zeugnis von Raub, Macht und moralischem Zusammenbruch

15. Januar 2026

Die Geschichte der sogenannten Madonna im „Göring-Zug“ ist ein eindrückliches Beispiel für den systematischen Kunstraub des Nationalsozialismus und für die persönliche Bereicherung führender NS-Funktionäre in den letzten Kriegsjahren. Im Zentrum steht der Sonderzug von Hermann Göring, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur als mobiles Hauptquartier, sondern auch als Transportmittel für geraubte Kunstwerke diente. Die Madonna ist im hervorragenden Dokumentationszentrum Obersalzberg zu sehen.

Göring war einer der skrupellosesten Kunstsammler des NS-Regimes. In den von Deutschland besetzten Gebieten, vor allem in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, ließ er gezielt Museen, Kirchen und private Sammlungen plündern. Besonders sakrale Kunstwerke, darunter Darstellungen der Madonna, galten als kulturell wie symbolisch wertvoll. Eine dieser Madonnen – in zeitgenössischen Berichten oft nur verkürzt als „die Madonna im Göring-Zug“ bezeichnet – wurde aus einem kirchlichen oder musealen Zusammenhang entwendet und dem persönlichen Kunstbesitz Görings zugerechnet.

In einem Eisenbahnwaggon auf freiem Feld nahe Berchtesgaden stießen US-Soldaten auf diese „Madonna auf der Mondsichel“. Sie befand sich in einem Zug voller Kunstwerke, mit dem Göring seine Kunstsammlung in Sicherheit bringen wollte. Wohl schon bei diesem Transport war sie beschädigt worden.
Die Madonna hatte in Görings Landsitz bei Berlin gestanden. Sie war ein Geschenk des Gauleiters von Essen zur Taufe von Görings Tochter Edda und stammte aus dem Auktionshaus Julius Böhler. Die Amerikaner dokumentierten den Fund mit der Filmkamera und registrierten in Schönau den Inhalt des Zuges. Ehe die Kunstwerke nach München transportiert wurden, improvisierten die US-Soldaten eine Ausstellung: „Hermann Goering’s Art Collection“ zeigte die Sammlung, deren Stücke größtenteils in ganz Europa geraubt worden waren.

Als sich 1944 und 1945 die militärische Niederlage des Deutschen Reiches abzeichnete, begann Göring, seine Kunstschätze in Sicherheit zu bringen. Sein luxuriös ausgestatteter Sonderzug wurde dabei zu einem fahrenden Tresor. In Waggons, die äußerlich kaum von regulären Salonwagen zu unterscheiden waren, lagerten Gemälde, Skulpturen und kirchliche Kunstobjekte, darunter auch die Madonna. Der Zug bewegte sich quer durch Süddeutschland und Österreich, stets auf der Suche nach einem sicheren Ort, fernab der heranrückenden Alliierten.

Die Madonna erhielt in dieser Geschichte eine besondere symbolische Bedeutung. Während das Regime nach außen noch Durchhalteparolen verbreitete, wurde im Inneren bereits geplündert, verschoben und versteckt. Ein religiöses Kunstwerk, das ursprünglich der Andacht und dem Gemeinwohl diente, wurde so zum Bestandteil einer privaten Flucht- und Bereicherungsstrategie. Die Madonna im Göring-Zug steht damit sinnbildlich für den moralischen Bankrott der NS-Elite in den letzten Kriegsmonaten.

Nach Kriegsende fiel der Sonderzug den Alliierten in die Hände. Die Kunstwerke wurden beschlagnahmt, katalogisiert und – soweit möglich – an ihre Herkunftsorte zurückgegeben. Auch die Madonna wurde restituiert. Ihre Rückkehr markiert nicht nur die Wiederherstellung rechtmäßigen Besitzes, sondern auch das Scheitern eines Systems, das Kunst, Religion und Geschichte gleichermaßen instrumentalisierte.

Historisch interessant ist die Episode weniger wegen des einzelnen Kunstwerks als wegen dessen Weges. Die Madonna im Göring-Zug macht sichtbar, wie eng Macht, Raub, Ideologie und persönlicher Luxus im Nationalsozialismus miteinander verknüpft waren – und wie selbst religiöse Symbole nicht vor politischem Missbrauch geschützt blieben.

Es gibt auch eine Hollywood-Film zum Thema. Monuments Men – Ungewöhnliche Helden ist ein Historienfilm von und mit George Clooney, der eine besondere Seite des Zweiten Weltkriegs beleuchtet. Der Film erzählt die wahre Geschichte einer Gruppe von Kunsthistorikern, Museumsdirektoren und Architekten, die von den Alliierten beauftragt werden, von den Nationalsozialisten geraubte Kunstwerke aufzuspüren und vor der Zerstörung zu retten. Mit einer Mischung aus Kriegsdrama, Abenteuerfilm und leisem Humor zeigt der Film, dass der Kampf um Kultur und Erinnerung ebenso bedeutend sein kann wie der Kampf an der Front.

Ein stilles Mahnmal im Herzen Münchens – der Hofgarten erinnert an Opfer, Verlust und Hoffnung

2. November 2025

Irgendwie kennt es kaum ein Besucher meiner Geburtsstadt München, obwohl es eigentlich zentral liegt und eindrucksvoll ist.Das Kriegerdenkmal im Hofgarten in München liegt am östlichen, tiefer gelegenen Ende des Gartens direkt vor der Bayerischen Staatskanzlei und erinnert ursprünglich an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Münchner. Die Masse der Besucher strömt in den Hofgarten und besucht den Pavillon, das Denkmal wird kaum besucht.

Die Anlage wurde 1924 in Anwesenheit Kronprinz Rupprechts von Bayern eingeweiht und bis 1928 in allen Details vollendet. Gestaltet wurde sie als versunkene, rechteckige Anlage aus Muschelkalk mit einer begehbaren Gruft in ihrem Zentrum. Vier abgewinkelte Treppen führen von den Längsseiten hinab in einen Vorraum, dessen Reliefs marschierende Soldaten sowie ein Gräberfeld zeigen.

In der Mitte liegt die offene Gruft aus Travertinblöcken: Zwölf massive Steinblöcke tragen eine rund zwei Meter starke, etwa 250 Tonnen schwere Deckenplatte; an ihren Schmalseiten führen Stufen zur überlebensgroßen Figur eines gefallenen Soldaten hinab. Diese eindringliche Skulptur schuf Bernhard Bleeker; der Gesamtentwurf des Denkmals entstand in Zusammenarbeit des Bildhauers Karl Knappe mit den Architekten Thomas Wechs und Eberhard Finsterwalder.

Die Inschriften fassen Sinn und Widmung des Ortes zusammen: An der Westseite der Deckenplatte steht „Sie werden auferstehen“, an der Ostseite „Unseren Gefallenen“. Im Innenraum findet sich die Widmung des Bayerischen Kriegerbundes „den 13.000 gefallenen Heldensöhnen der Stadt München 1914–1918“. Nach Kriegsbeschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal in vereinfachter Form ohne die ursprünglich angebrachten Namen der Gefallenen wiederhergerichtet; die Namenslisten gingen verloren. Zugleich ergänzte man im Innenraum eine zusätzliche Widmung für die Opfer der Jahre 1939–1945 (Gefallene, Vermisste und Luftkriegsopfer Münchens). Damit wurde der Gedenkort in der Nachkriegszeit bewusst auf beide Weltkriege bezogen.

Ein prägnantes Detail der Rezeptionsgeschichte betrifft die Materialgeschichte der Skulptur: Bleekers Figur des toten Soldaten war ursprünglich aus rotem Marmor gearbeitet. 1972 ersetzte man sie aus konservatorischen und sicherheitlichen Gründen durch einen Bronzeabguss, das Marmoralter befindet sich seitdem im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt. Diese Maßnahme bewahrte das künstlerische Erscheinungsbild am Ort und schützte zugleich das empfindlichere Original.

Städtebaulich und erinnerungskulturell wirkt das Kriegerdenkmal als stiller Gegenpol zur repräsentativen Architektur ringsum: Der Besucher steigt von der offenen Gartenfläche in eine vertiefte, kühle Gedenkarchitektur hinab, die bewusst Konzentration und Innenschau fördert. Durch seine klare Formensprache und die liegende Figur fand das Münchner Denkmal in der Zwischenkriegszeit weite Beachtung; Motive wurden in zahlreichen Kriegerdenkmälern im süddeutschen Raum aufgegriffen – oft sogar mit der Münchner Inschrift „Sie werden auferstehen“. Bis heute steht die Anlage unter Denkmalschutz und bildet, unmittelbar hinter der Staatskanzlei gelegen, einen der eindrucksvollsten Gedenkorte der Stadt, an dem künstlerische Qualität, architektonische Strenge und die Mahnung gegen das Vergessen zusammenkommen.

Im Schatten der Geschichte – Begegnungen im War Museum Edinburgh

16. Juli 2025

Großbritannien und seine Kriege – voller Erstaunen bin ich auf Edinburgh Castle durch das Kriegsmuseum gelaufen und habe mir Siege und Niederlagen der schottischen und britischen Truppen angeschaut. So ein War Museum wäre wohl in Deutschland eher selten, daher habe ich dort viel Zeit verbracht und vieles näher betrachtet – natürlich auch die Zeit des Zweiten Weltkriegs als Britannien den Angriffen von Nazi-Deutschland widerstand.

Ein Rundgang durch das National War Museum im Edinburgh Castle beginnt meist nach dem Durchqueren der imposanten Burgmauern, mitten im Herzen der historischen Festung auf dem Castle Rock. Das National War Museum befindet sich im Hospital Square innerhalb der historischen Mauern des Edinburgh Castle und wurde 1933 in einem ehemaligen Arsenal- und Lazarettgebäude aus dem 18. Jahrhundert eröffnet Es ist in einem ehemaligen Ordnance-Storehouse aus dem 18. Jahrhundert untergebracht. Ich habe einen Rundgang durch das Museum mit meiner VR 360 Grad Kamera gemacht.

Die Ausstellung erstreckt sich über zwei Stockwerke in einem rechteckigen Bau und bietet einen detaillierten Überblick über rund 400 Jahre schottischer Militärgeschichte ─ von der Bewaffnung der Highlands über chemischen Kriegsschutz bis hin zu persönlichen Briefen aus den Kriegsgebieten.

Bereits im Eingangsbereich fällt die eindrucksvolle Architektur der Burg ins Auge, und man verspürt sofort die lange Tradition dieses Ortes. Zu Beginn des Rundgangs erhält man einen einführenden Überblick über die Bedeutung des Krieges für Schottlands Politik, Identität und internationale Beziehungen. In mehreren dauerhaften Ausstellungen werden die wichtigsten geschichtlichen Epochen aufgegriffen: Von den kriegerischen Auseinandersetzungen im 17. und 18. Jahrhundert, als das schottische Territorium noch stark zwischen Highlands und Lowlands unterteilt war, bis hin zu den Einsatzorten schottischer Truppen in weltweiten Konflikten der Neuzeit.

Die Ausstellungsräume verteilen sich auf zwei Stockwerke und sind thematisch gegliedert. Im ersten Saal A Nation in Arms wird die strategische Bedeutung Schottlands, geprägt von Küstenlinien und Seewegen, hervorgehoben. Hier sind Uniformen, Ausrüstungsgegenstände und Karten zu sehen, die anschaulich machen, wie sehr Gelände und geographische Lage das Militärwesen beeinflusst haben.

In der Galerie A Grand Life for a Scotsman begegnet der Besucher dem Alltag der Soldaten: Rekrutierung, Ausbildung, Fronteinsatz und das Leben nach dem Militärdienst werden anhand persönlicher Briefe, Souvenirs, Uniformen und Fotos dargestellt. Besonders bewegend ist die Sammlung privater Gegenstände.

Der nächste Abschnitt Tools of the Trade ist den Waffen, Rüstungen und dem militärischen Gerät gewidmet. Beginnend mit Broadswords der Highlands, über Musketen und frühe Gewehre bis hin zu modernen Ausstattungsstücken und sogar ABC-Schutzanzügen, offenbart sich die technische Entwicklung des Kampfes. Ergänzend dazu illustrieren medizinische Sets und Transportausrüstung die logistischen Herausforderungen während der Feldzüge.

In der Galerie Highland Soldier wird die Geschichte der Highlander behandelt – vom einstigen Rebellen zum stolzen Vorbild im britischen Heer. Historische Uniformen, Malerei und traditionelle Bagpipe-Musikinstrumente zeigen anschaulich den Wandel und die kulturellen Eigenheiten dieser Soldaten.

Mich haben die ersten Fotoapparate natürlich interessiert, die eingesetzt wurden. Besonders hervorzuheben ist eine F24-Luftkamer—ein robustes Hochleistungsgerät mit fünf Zoll Objektiv und Handgriff, das von der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg bei Luftaufklärungseinsätzen verwendet wurde. Dieses Gerät illustriert eindrucksvoll, wie Präzisionsfotografie zur Aufnahme von Luftbildern diente – essenziell für strategische Planungen, z. B. zur Kartenerstellung und Zielerfassung.

Eindrucksvoll für mich waren Kriegsbilder aus der Niederlage bei Gallipoli. Die Schlacht bei Gallipoli (auch Dardanellen-Kampagne genannt) war eine militärische Offensive während des Ersten Weltkriegs, die von April 1915 bis Januar 1916 dauerte. Sie fand auf der Halbinsel Gallipoli im heutigen Türkei statt und war ein Versuch der Alliierten, das Osmanische Reich, einen Verbündeten der Mittelmächte, zu besiegen und eine Seeverbindung zu Russland über die Dardanellen zu öffnen. Die Alliierten verloren rund 250.000 Soldaten, darunter viele Tote, Verwundete und Vermisste. Die Kampagne gilt als eine der größten militärischen Fehlschläge der Alliierten im Ersten Weltkrieg.

Ein besonderer Fokus liegt auch auf den persönlichen Geschichten von Menschen im Krieg: Aktive Dienstzeiten, Medaillen und Auszeichnungen, aber auch Zeugnisse von Frauen im Krieg sind zu entdecken. Die Ausstellung In Defence beschäftigt sich schließlich mit der Frage, wer in kriegerischen Zeiten Schottland selbst verteidigte – anhand von Erinnerungsstücken und Fotografien von Heimatschutzkräften und Zivilisten.

Im Gallery-Bereich Active Service stehen die Erlebnisse außergewöhnlicher Einzelpersonen aus dreihundert Jahren Krieg im Mittelpunkt. Allgegenwärtig ist das Motiv des Verlusts und der persönlichen Opferbereitschaft, sichtbar in Briefen, Tagebucheinträgen, Fotos und Orden. Kunst spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Herausragend ist Robert Gibbs berühmtes Gemälde „The Thin Red Line“, das den Moment einer entscheidenden Schlacht während des Krimkriegs einfängt. Ich habe das Bild als Kopie in einem Hotel in Stirling gesehen.

Weitere plakative Kriegsdarstellungen und Rekrutierungsplakate zeugen von der Rolle des Militärs in der schottischen Gesellschaft. Für mich auch interessant, ein Bild von der Schlacht von Waterloo um den berühmten Bauernhof.

Die Ausstellung wird ergänzt durch eine Forschungsbibliothek, die Interessierten die Möglichkeit bietet, weitergehende Informationen einzusehen. Am Ende des Rundgangs verlässt man das Museum mit einem umfassenden Einblick in die wechselvolle schottische Militärgeschichte, geprägt von großen politischen Umwälzungen, individuellen Schicksalen und dem steten Wandel militärischer Technik und Taktik.

Die Atmosphäre im National War Museum bleibt zurückhaltend sachlich und respektvoll – getragen von dem Wunsch, das historische Erbe Schottlands nicht nur als Ereignisfolge, sondern auch als Sammlung persönlicher Geschichten und Entwicklungen erfahrbar zu machen.

Buchtipp: Das Churchill-Prinzip von Helge Hesse

1. April 2025

Eigentlich bin ich bei Ratgeberbüchern immer etwas skeptisch. Da werden Binsenweisheiten zur großen Philosophie aufgebauscht, dabei hilft oftmals der normale Menschenverstand. Aber nachdem Winston Churchill nicht irgendwer ist, zudem vergangenes Jahr der 150. Geburtstag war, war ich dann doch neugierig auf das Churchill-Prinzip. Die Ideen stammen aus dem vergangenen Jahrhundert und ich wollte prüfen, ob die Aussagen der Vergangenheit heute in einer anderen Welt noch Bestand haben.

Helge Hesses Buch Das Churchill-Prinzip beleuchtet die Lebensgeschichte von Winston Churchill und destilliert daraus Prinzipien für Erfolg und Führung. Churchill, sicherlich eine der prägendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, wird als Vorbild dargestellt, insbesondere durch Eigenschaften wie Entschlossenheit, strategisches Denken, Durchhaltevermögen und seine Fähigkeit, Menschen zu motivieren. Das Buch zeigt, dass Churchill diese Fähigkeiten nicht angeboren hatte, sondern sie sich mühsam erarbeitete – vom Schulversager und Stotterer bis hin zum visionären Führer, der Hitler im Zweiten Weltkrieg trotzte.

Hesse kombiniert eine Biografie mit praktischen Lebensweisheiten, die Manager und Führungskräfte inspirieren können. Dabei bleibt er differenziert und beleuchtet auch Churchills Schwächen. Die chronologische Darstellung seines Lebensweges wird genutzt, um universelle Prinzipien für persönliche und berufliche Entwicklung abzuleiten

Die zentralen Thesen des Buches Das Churchill-Prinzip von Helge Hesse basieren auf den Führungs- und Lebensprinzipien von Winston Churchill, die als Inspiration für persönliches und berufliches Wachstum dienen. Für mich die wichtigsten Punkte sind:

Entschlossenheit und Durchhaltevermögen:
Churchill zeigte außergewöhnliche Resilienz und die Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten standhaft zu bleiben. Sein Motto „Never give up“ wird als Schlüssel zum Erfolg betont.

Vision und strategisches Denken:
Churchill war ein Meister darin, langfristige Ziele zu setzen und Strategien zu entwickeln, um diese zu erreichen. Er verstand es, Chancen zu erkennen und Risiken einzugehen. Das klingt sehr mutig, war aber manches Mal auch fast tödlich, wenn es um sein eigenes Ego ging.

Krisenmanagement:
Das Buch hebt hervor, wie Churchill Krisen analysierte und entschlossen handelte. Er bewies Führungsstärke, indem er klare Entscheidungen traf und andere motivierte.

Kommunikation und Überzeugungskraft:
Churchills rhetorische Fähigkeiten waren entscheidend, um Menschen zu inspirieren und hinter sich zu vereinen. Seine berühmten Reden sind Beispiele für effektive Kommunikation.

Also für mich steht fest. Das Buch verbindet diese Prinzipien mit praktischen Tipps für modernes Leadership und persönliche Weiterentwicklung. Es hat mir Spaß gemacht, aber jetzt ist auch wieder gut mit Ratgeberbüchern.

Estland (16): Kino auf dem Geburtsort einer Nazi-Größe

25. Januar 2025

Ich bin ein Kinofan und schaue mir in aller Welt gerne Kinos und Filmtheater an. So auch in Estland. Dort gab es Multiplex-Kinos wie bei uns und auch kleine Arthouse-Kinos. Und es gibt das Sõprus in Tallinn. Das Sõprus (Estnisch für „Freundschaft“) ist das Kino der Altstadt für Filmbegeisterte und zeigt die Filme aus dem internationalen Festivalgeschehen. Die Filme werden meist in der Originalsprache mit estnischen und/oder russischen Untertiteln gezeigt. Aber es ist auch ein Ort schwieriger Vergangenheit.

Das Cinema Sõprus wurde 1955 eröffnet und spiegelt die sowjetische Architektur und Ideologie jener Zeit wider. Der Name „Sõprus“, was auf Estnisch „Freundschaft“ bedeutet, ist ein Relikt aus der sowjetischen Ära und sollte die Idee der Freundschaft zwischen den sozialistischen Staaten symbolisieren.

Das Gebäude wurde im Stil des sozialistischen Klassizismus erbaut, einer Mischung aus monumentaler Architektur und dekorativen Elementen, die die sowjetische Macht und den kulturellen Anspruch der damaligen Zeit widerspiegeln sollten. Die prächtige Fassade mit ihren Säulen und dekorativen Details zeigt, dass das Kino als kulturelles Aushängeschild der Stadt dienen sollte. Es war eines der modernsten Kinos in Tallinn und ein wichtiger Treffpunkt für Filmfreunde.

Im Inneren verfügte das Kino über einen großen, luxuriös gestalteten Saal, der sowohl für Filmvorführungen als auch für kulturelle Veranstaltungen genutzt wurde. Es war ein Ort, der nicht nur Filme präsentierte, sondern auch die sowjetische Kulturpolitik förderte, indem er vor allem Filme aus dem sozialistischen Block zeigte.

Wandel nach der Unabhängigkeit
Nach der Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit im Jahr 1991 erlebte das Cinema Sõprus, wie viele Institutionen aus der Sowjetzeit, einen Wandel. Die Nutzung des Gebäudes veränderte sich, und es wurde zunehmend ein Ort für ein breiteres Publikum. Der Fokus verlagerte sich von der Propaganda hin zur Präsentation internationaler Filme, unabhängig von politischen Agenden.

Das Kino wurde restauriert, wobei der historische Charme des Gebäudes erhalten blieb. Es entwickelte sich zu einem Zentrum für Cineasten, das besondere Filme abseits des Mainstreams zeigt, darunter Arthouse-Produktionen, Retrospektiven und internationale Festivalhits.

Geburtsort von Alfred Rosenberg
Aber der Ort hat auch eine Vergangenheit des Nationalsozialismus. Der spezifische Standort des Cinema Sõprus, an der Kreuzung von Vana-Posti und Suur-Karja, war im frühen 20. Jahrhundert von Wohn- und Geschäftshäusern geprägt, die jedoch während des Zweiten Weltkriegs insbesondere durch die Bombardierungen im März 1944 stark beschädigt wurden. Viele dieser Gebäude wurden entweder im Krieg zerstört oder später während der sowjetischen Besatzung abgerissen, als Tallinns Stadtbild im Rahmen der sowjetischen Ideologie teilweise modernisiert wurde.

Dort stand auch das Geburtshaus von Alfred Rosenberg, einer der ideologischen Architekten des Nationalsozialismus. Er wuchs in der Nähe des heutigen Standorts des Cinema Sõprus in Tallinn auf. Rosenberg wurde am 12. Januar 1893 in Reval (dem heutigen Tallinn) geboren und verbrachte seine Kindheit in einem Haus in der Suur-Karja-Straße, die sich unweit des heutigen Kinos befindet.

Das Wohnhaus, in dem Rosenberg aufwuchs, stand in einem Viertel, das damals von der deutschbaltischen Oberschicht geprägt war. Tallinn (damals Reval) war ein kulturelles Zentrum der Deutschbalten, und Rosenbergs Herkunft und Erziehung in dieser Gemeinschaft prägten seine späteren Überzeugungen und Ideologien.

Das Gebäude, in dem er aufwuchs, existiert heute nicht mehr, da viele Gebäude in der Umgebung während des Zweiten Weltkriegs beschädigt oder zerstört wurden. Der heutige Standort des Cinema Sõprus wurde nach dem Krieg neu bebaut, sodass keine sichtbaren Spuren von Rosenbergs früherem Wohnhaus mehr vorhanden sind.

Die Verbindung von Alfred Rosenberg mit Tallinn ist jedoch ein historischer Aspekt, der in der Stadt wenig thematisiert wird, da seine späteren Rollen und Ideologien in der nationalsozialistischen Bewegung von großer historischer Kontroverse geprägt sind.

Start unserer kostenlosen Online-Reihe „NS-Filme kritisch hinterfragt“

6. Januar 2024

Ich bin es leid, sehr leid, dass die Rechtsextremisten in unserem Land mehr und mehr Boden gewinnen. Und ich habe Angst davor. Dieses rechte Gedankengut stößt auf fruchtbaren Boden und da müssen Demokraten aller demokratischen Parteien dagegen halten. Ich will dazu auch meinen Beitrag leisten und habe mit meinem Kollegen Stefan Preis eine neue Online-Reihe „NS-Filme kritisch hinterfragt“ ins Leben gerufen.

Jeden Monat diskutieren wir in einem kostenlosen Online-Seminar auf Einladung der Franken Akademie einen NS-Film. Mit dem Start der Seminarreihe am Montag 8. Januar behandeln wir von 18 bis 20 Uhr eines der markantesten Beispiele nationalsozialistischer Filmpropaganda, den NS-Film „Kolberg“ aus dem Jahr 1945. Zur Anmeldung geht es hier lang.

Kolberg wurde unter der Regie von Veit Harlan produziert und diente als Instrument der Manipulation und Propaganda während der späten Phase des Zweiten Weltkriegs. Das Seminar bietet die Gelegenheit, tiefer in die Machenschaften und Strategien des Dritten Reiches im Hinblick auf die Verbreitung ideologischer Botschaften und Beeinflussung der Bevölkerung einzutauchen. Wir werden die historischen Hintergründe beleuchten, die zur Entstehung des Films „Kolberg“ geführt haben. Hierbei werden wir auf die politische und kulturelle Situation im Dritten Reich in den letzten Kriegsjahren eingehen. Und wir werden analysieren, wie der NS-Film „Kolberg“ gezielt zur Verbreitung von NS-Ideologie und zum Schüren von Patriotismus und Opferbereitschaft in der Bevölkerung eingesetzt wurde.

In meinem Newsletter werde ich die anstehenden Termine und Filme informieren. Das nächste Online-Seminar im Rahmen der kostenlose Online-Reihe „NS-Filme kritisch hinterfragt“ ist am Montag, 5. Februar der Film Jud Süß (1940).