Posts Tagged ‘Zweiter Weltkrieg’

Storytelling der Marienkirche in Lübeck: Vom Teufel, der Maus und zerborstenen Glocken

10. September 2019

Durch meinen Besuch in Lübeck wurde mein Interesse an der Hanse geweckt. Und wenn wir von Lübeck und Hanse sprechen, dann müssen wir auf die gewaltige Marienkirche zu sprechen kommen.

Die Marienkirche in Lübeck hat das höchste Backsteingewölbe der Welt.

Die Marienkirche in Lübeck hat das höchste Backsteingewölbe der Welt.

Es ist ein eindrucksvolles Gotteshaus mit einer interessanten Geschichte und zeigt die Macht der Kaufmänner der Hanse. Das höchste Gebäude einst in Lübeck war der Dom des Bischofs. Im Mittelalter wuchs die Macht der Lübecker Kaufleute enorm an, dass sich die Krämer zu einem bedeutungsvollen Schritt entschlossen. Am höchsten Punkt der Stadt baute man eine Kirche, die deren Höhe den Dom des Bischofs überragte. Eine Machtdemonstration, die ihresgleichen suchte. Hier ein 360 Grad VR Video mit einem Rundgang durch die Kirche.

Die Marienkirche hat das höchste Backsteingewölbe der Welt und ist ein beeindruckender Bau. Im Westen hat die Kirche eine monumentale Doppelturmfassade. Die Türme sind, die Wetterhähne mitgerechnet, 124,95 und 124,75 Meter hoch.

Der Teufel vor der Marienkirche
Und sie hat ein hervorragendes Storytelling aus dem Mittelalter, denn der Teufel hat am Bau der Marienkirche mitgeholfen. Wie das? Der Bau der Kirche war extrem anstrengend. Die Arbeiter mussten die schweren Steine in die Höhe schleppen. Da kam einst der Teufel daher und fragte, was da gebaut wurde. Die Lübecker erzählten dem Teufel, dass hier ein großes Wirtshaus entstehen würde. Davon war der Teufel sehr angetan, dass er mithalf und die Kirche wuchs schnell in die Höhe. Als der Teufel seinen Fehler bemerkte, wollte er die Kirche mit einem großen Stein zum Einsturz bringen. Wiederum überzeugten die Lübecker den Teufel, dass nun neben der Kirche ein Wirtshaus gebaut werden soll. Der Teufel beruhigte sich, setzte sich vor die Kirche und wartete auf den Bau des neuen Wirtshauses. Noch immer sitzt der Teufel da und wartet. Derweil ist der Teufel ein beliebtes Fotomotiv für Touristen geworden.

In einem Bereich der Kirche bewahrte die Hanse ihre Verträge und die Kasse auf. Nichts war sicherer im Mittelalter als eine Kirche. Wer hier etwas stiehlt, der kommt in die Hölle. Das Weltbild im Mittelalter war klar und einfach.
Das zeigte sich auch bei den Verträgen der Kaufleute. Ein Deal wurde beschlossen und vertraglich besiegelt. Dann gingen die Parteien in die Marienkirche und blickten nach oben und bekamen Gottes Segen für das Geschäft. Ein Zeugnis vor Gott, was kann da noch passieren? Verstöße führten sofort ins Höllenfeuer. Teure Juristen konnten damit eingespart werden. Vielleicht hatte das Mittelalter hier seine guten Seiten.

Maus in der Marienkirche
Es gibt in der Marienkirche viele Sachen zu entdecken, die den Rahmen sprengt. So will ich auf eine Maus aufmerksam machen. Sie findet sich hinter dem Chor auf einem Bildnis. Es ist das Symbole dafür, dass aus einem kleinen Übel ein großes Übel entstehen kann. Im Jahr 1200 stand ein schöner Rosenbaum an der Marienkirche an der Mengstraße. So lange der Rosenbaum blüht, sollte die Stadt Lübeck frei sein. Über Nacht verblühte allerdings der Baum, weil sich eine Maus mit ihren Jungen eingenistet hatte.

Die Stadt war in Gefahr – Lübeck musste sich den feindlichen Dänen ergeben. Das Relief von 1505 wurde vom Bildhauer Heinrich Brabender geschaffen. Geht mal auf die Suche in der Kirche. Viele Besucher haben die Maus entdeckt und gestreichelt. Im Laufe der Zeit ist die kleine ursprünglich helle Sandstein-Maus durch ungezählte Hände völlig schwarz geworden. Auch ich hab hier mal gestreichelt – aber psst.

Zerborstene Glocken der Marienkirche
Für mich ein bedrückendenes Erlebnis waren die zerborstenen Glocken der Marienkirche in Lübeck als Mahnmal gegen den Krieg in der Nagelkreuzkapelle. In der Nacht zu Palmsonntag 1942 griffen britische Bomber das Stadtzentrum von Lübeck an. 300 Menschen kamen in den Bomben in der Nacht auf den 29. März 1942 um.


Auch die Marienkirche wurde getroffen und brannte aus. Die Kirche mit vielen Kostbarkeiten wurden zerstört. Die schweren Bronzeglocken fielen vom Turm zu Boden und zerschellten. Durch die Hitze schmolz die Bronze und brennte sich in den Boden ein.
Noch heute liegen die Glocken in der Kirche. Für mich ein nachdenklicher Moment als ich vor ihnen stand. Was hat Hitler diesem Land angetan?

Weitere Highlights
Persönlich gefallen hat mir außerdem die astronomische Uhr, die Totentanz-Kapelle, die Maritimen-Kapelle mit Antwerpener Altar sowie die 14 Kreuze von Günther Lecker (Verletzungen & Verbindungen)

Besuch in Hitlers Arbeitszimmer – der Ort des Münchner Abkommens

5. Mai 2015
Vor diesem Kamin wurde das Münchner Abkommen ausgehandelt.

Vor diesem Kamin wurde das Münchner Abkommen ausgehandelt.

Irgendwann wurde ich mir die Geschichte des Raums in dem ich saß schlagartig bewusst. Ich hörte auf einmal den Vortrag von Dr. Alexander Krause nicht mehr. Krause ist Kanzler der Hochschule für Musik in der Münchner Arcisstraße 12. In dem Gebäude befand sich der Führerbau, hier residierte Adolf Hitler. Mir wurde bewusst, wo ich hier war und was hier in diesem Raum geschehen ist.

IMG_8474
Dr. Alexander Krause dozierte in einem Hörsaal im ersten Stock des Gebäudes vor Mitgliedern des Münchner PresseClubs. Im Laufe des Vortrags wurde es mir schlagartig bewusst, wo ich mich befand. Es war nicht mehr ein einfacher Hörsaal mit Stühlen, Tischen und Klavier. Es war ein Raum, der Geschichte atmet. Es war das ehemalige Arbeitszimmer von Adolf Hitler.

Das historische Foto vom Münchner Abkommen.

Das historische Foto vom Münchner Abkommen.

In diesem Raum, im so genannten Führerbau an der Arcisstraße 12 in München, unterzeichnete der britische Premier Neville Chamberlain, der französische Premierminister Edouard Daladier, der italienische Diktator und Ministerpräsident Benito Mussolini und der deutsche Diktator Adolf Hitler am 30. September 1938 das so genannte Münchner Abkommen über die unverzügliche Abtretung des Sudentengebietes an das Deutsche Reich. Die westlichen Staatsmänner glaubten, durch diese Konzession einen Krieg abgewendet zu haben. Doch schon im März 1939 brach der Gröfaz diese Vereinbarung, ließ deutsche Truppen in Prag einmarschieren und proklamierte das Protektorat Böhmen und Mähren. Dieser Gewaltakt erwies sich im Rückblick als entscheidender Schritt zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.


Nachdem die Vorlesung von Dr. Krause vorbei war, streifte ich durch diesen historischen Raum. Ich berührte Gegenstände, den Kamin und ich ging auf den Balkon des Gebäudes. Den Blick auf die Arcisstraße nahm ich nicht wahr, sondern ich sog die Atmosphäre des Raumes auf. Ich schauderte. Auf dem Balkon hatte ich die Straße im Rücken und schaute mir den Bau im Dunkel an. Der Reichsadler samt Hakenkreuz ist freilich nicht mehr da, vor meinem geistigen Auge sah ich das Symbol des Nationalsozialismus auftauchen.

Dr. Alexander Krause hatte einige historische Fotos aus seinem hervorragenden Buch Arcisstraße 12 dabei, die die historische Situation von damals zeigten. Für mich ein Lehrbeispiel von historischer Vermittlung für die ich dankbar bin. In wenigen Metern Entfernung eröffnete das NS-Dokuzentrum am Königsplatz in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Führerbau. Das werde ich mir nun ansehen.

Erinnerungen an das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980

12. Dezember 2014
Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen - gut so.

Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen – gut so.

Die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat von 1980 werden nach 34 Jahren wieder aufgenommen. Es ist wichtig und richtig, da sich neue Zeugen aufgetaucht sind – nach 34 Jahren. Ich hörte auf einer Reise von einem Seminar im Radio von der Wiederaufnahme des Verfahrens und schlagartig waren die Bilder von damals wieder in meinem Kopf präsent.
Ich war zum Zeitpunkt des Attentats fast zwölf Jahre alt und genoss wie Tausende andere auch die Wiesn. Ich war einen Tag zuvor mit meinen Eltern auf dem Oktoberfest und erfuhren von dem feigen Attentat aus dem Fernehen. Es war totenstill im elterlichen Wohnzimmer, als die schrecklichen Bilder über die Mattscheibe flimmerten. Keiner sprach ein Wort bei uns in der Familie, wir schauten nur den Ort der Verwüstung an, an dem wir einen Tag zuvor waren. Mein Gott, der Irrsinn hätte auch uns erwischen können. Auch wir gingen durch den Eingang auf die Wiesn.

Erinnerungen an die Opfer.

Erinnerungen an die Opfer.

Ich hatte seitdem immer ein ungutes Gefühl, wenn ich auf die Wiesn ging. Es war nicht Angst, sondern eine gewisse Trauer, gemischt mit Wut. So einen Anschlag hatte es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bis dahin nicht gegeben. Zu jedem Wiesn-Besuch gehörte bei mir ein Besuch des Mahnmals dazu, das zur Erinnerung an den 26. September 1980 errichtet wurde. Und wenn einer der Betrunkenen am Denkmahl im Suff krakelte, dann kam bei mir die Galle hoch. Meist wurde aber die Würde des Ortes geachtet, die Gaudi ging dann ein paar Meter weiter los.

Besoffen - keinen Respekt vor den Toten.

Besoffen – keinen Respekt vor den Toten.

Zum fünften Jahrestag des Wiesnattentats bekam ich eine Dokumentation der Stadt München in die Hände, die ich bis heute aufgehoben habe und die mein Archiv gewandert ist. Es war eie quadratische Broschüre in Schwarz. Auf dem Titel war in dunklen Farben das Mahnmal und dahinter die Fahrgeschäfte zu sehen. Daneben stand in serifenloser Schrift: 26. September 1980 – Dokumentation zum 5. Jahrestag des Bombenanschlags auf dem Oktoberfest in München.“

Dokumentation zum Wiesnattentat

Dokumentation zum Wiesnattentat

Jetzt zur Wiederaufnahme des Verfahrens habe ich diese Doku wieder hervorgeholt und darin gelesen. Schockierend waren nach wie vor die zahlreichen Schwarzweiß-Fotos von der Attentatsnacht. Zeitungsbilder waren damals immer in Schwarzweiß. Der Eingang zur Theresienwiese sah aus wie ein Kriegsgebiet. Um 22.19 Uhr detonierte die Bombe in einem Mülleimer und riss 13 Menschen in den Tod. Darunter auch das Riesenarschloch und Attentäter Gundolf Köhler, ein 21jähriger Rechtsextremist aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann.
Am heftigsten prägte sich mir ein Bild von damals ein, als ein Turnschuh eines Opfers neben einer Blutlache lag. Einem Opfer musste sich der Schuh wohl durch die Detonation vom Fuß gelöst haben. So ein Bild kannte ich von fernen Kriegen, aber nicht vom braven München. Unter den Opfern waren auch drei Kinder, etwas jünger als ich damals.
Am 30. September 1980 fand ein Trauergottesdienst im Alten Rathaus statt. Münchens Oberbürgermeister Erich Kiesl sagte damals: „Wir müssen eintreten gegen jede Haltung, die Gewalt übt, sie predigt, sie billigt, duldet oder nur verharmlost.“ – Wahre Worte, die noch heute gelten (müssen).

Schreckliche Bilder in meinem Kopf.

Schreckliche Bilder in meinem Kopf.

Ich weiß noch, wie wir den Unterricht in unserer Schule unterbrachen und unsere Lehrer mit uns Schülern über das Attentat sprachen. Von Mathe und Physik hab ich nicht mehr viel Erinerungen aus meiner Schulzeit, wohl aber von den Gesprächen, das unsere Lehrer damals mit uns führen. Es war ein gutes Gefühl, dass wir damals darüber sprachen und ich hoffe, dass Padagogen es heute auch noch bei einschneidenden Ereignissen mit ihren Schülern tun, Lehrplan hin oder her.


Aufmerksam lese ich heute den Abschlussbericht des Landeskriminalamtes von damals: „Nachdem jetzt vorliegenden abschließenden Ermittlungsergebnis ist festzustellen, dass Gundolf Köhler als Alleintäter gehandelt wird. Konkrete Anhaltspunkte oder Indizien dafür, dass Dritte seinen Tatentschluss hervorgerufen oder mitbestimmt haben könnten, sind nicht vorhanden. Die Vielfalt und das Gewicht, der aufgezeigten Beweismittel, Beweiszeichen und Zeugenaussagen zwingen zu dem Schluss, dass Gundolf Köhler den Sprengsatz gebaut, ihn zum Tatort gebracht und seine Explosion verursacht hat. Obwohl Gundolf Köhler bis zuletzt rechtsextremistisch eingestellt war und früher Kontakte zu rechtsextremistischen Gruppen hatte, spricht nichts konkret dafür, dass Angehörige dieser Gruppierungen mit dem Sprengstoffanschlag in München in Verbindung stehen. Auch wurden keine Kontakte Köhlers zur Tatzeit und in der Zeit unmittelbar davor, zu rechtsextremistischen Gruppen festgestellt.“
Ich bin sehr gespannt, was die neuen Ermittlungen und Zeugenaussagen nun ergeben – 34 Jahre später.

Graf Stauffenberg in New Orleans

4. August 2009

Zinnfiguren aus verschiedenen Kriegen

Es lohnt sich auch mal abseits der großen Touristenstraßen zu gehen, um etwas ungewöhnliches zu entdecken. Diese Regel gilt auch für New Orleans. Im French Quarter ist natürlich in erster Linie die Unterhaltung zu finden. Nach all den Galerien mit Kunst und Krempel hab ich einen originellen Laden entdeckt: „The Sword and Pen – le petit soldier shop“ in der 528 Royal Street in New Orleans.

Dort gibt es Kriegsdevotionalien wie Helme, Zeitungen, Waffen von verschiedenen Kriegen an denen die Amerikaner beteiligt waren: Bürgerkrieg, Erster und Zweiter Weltkrieg, Spanisch-Amerikanischer Krieg und ein paar Kriege aus der Neuzeit.

Dazu gibt es Zinnfiguren. Es gibt große und kleine Helden der amerikanischen Geschichte. Und es gibt eine kleine Ausstellung über Deutsche. Wir sind beschränkt auf die Kaiserzeit und natürlich auf die Zeit des Nationalsozialismus. Da steht der fette Göring neben einem Ritterkreuzträger, den ich nicht erkannt habe. Der irre Adolf mit Hitlergruß steht neben Mussolini, die Arme angeberisch in die Seiten gestützt, Charles de Gaulle ist auch da und auch Winston Churchill, die Hand zum Victory-Zeichen erhoben. SS-Truppen marschieren in schwarzen Topfenkopf Uniformen.

Beim ersten Weltkrieg gibt es einen Kaiser Wilhelm II und einen Paul von Hindenburg (kennt wohl in den USA keiner). Sehr putzig auch Graf Stauffenberg, der Held vom 20. Juli. Detailreich ist der Hitlerattentäter mit Augenklappe, Aktentasche (mit Bombe) und fehlenden Arm ausgestattet.

Die Masse der Figuren machen aber verschiedene Nord- und Südstaatentruppen aus. Ganze Schlachtenszenen sind mit Zinnfiguren nachgebaut und wer selbst kämpfen will, kann ein Schachbrett mit Unions- und Konföderierten heranziehen. Dazu gibt es allerhand echte Säbel aus verschiedenen Epochen, darunter auch eine Art Samuraischwert aus dem zweiten Weltkrieg, das einem japanischen Offizier gehört hatte. Deutschland ist mit einem Stahlhelm vertreten und einer Koppel mit der Aufschrift „Gott mit uns“. Das Motto „Gott mit uns“, welches zunächst alleiniger preußischer Sinnspruch war, zierte die deutschen Koppelschlösser auch nach der Kaiserzeit noch bis 1945.

Der Eigentümer Scott Condello findet wohl nichts daran, in Deutschland wäre so ein Laden unmöglich.