Das Werksviertel Mitte am Münchner Ostbahnhof gehört zu den spannendsten Stadtentwicklungsprojekten Deutschlands. Kaum ein anderes Quartier verbindet Industriegeschichte, Kultur, Architektur, Nachhaltigkeit und urbanes Leben so konsequent miteinander. Grund für den PresseClub München das Gelände zu besichtigen. Die Führung hatte Isabell Zacharias inne.
Wo einst über Jahrzehnte Kartoffelprodukte der Firma Pfanni produziert wurden, ist heute ein lebendiges Stadtviertel entstanden, das Arbeiten, Wohnen, Freizeit, Kunst, Gastronomie und Innovation auf einzigartige Weise miteinander verknüpft. Die Vergangenheit bleibt dabei bewusst sichtbar: Zahlreiche historische Gebäude wurden nicht abgerissen, sondern behutsam saniert und einer neuen Nutzung zugeführt. Aus ehemaligen Lagerhallen wurden Theater, Kletterhallen, Büros, Restaurants und Veranstaltungsorte. Diese Mischung aus industriellem Erbe und moderner Architektur verleiht dem Werksviertel seinen unverwechselbaren Charakter. Hier ein Video vom Rundgang:
Zur besonderen Atmosphäre trägt auch die bewegte Geschichte des Geländes bei. Nachdem die Pfanni-Produktion Mitte der 1990er Jahre endete, entwickelte sich das Areal zunächst als Kunstpark Ost und später als Kultfabrik zu einem der bekanntesten Ausgehviertel Europas. Clubs, Ateliers, Künstler und Kreative prägten über viele Jahre das Bild des Viertels. Statt diesen Geist mit einer klassischen Neubebauung zu verdrängen, griffen die Planer viele Elemente dieser Zeit bewusst auf. Das heutige Werksviertel Mitte versteht sich deshalb nicht als sterile Neubausiedlung, sondern als urbanes Quartier mit Geschichte, kultureller Vielfalt und einer bewusst gewollten Offenheit für neue Ideen.
Besucher erleben heute eine außergewöhnliche Mischung aus Kunst im öffentlichen Raum, modernen Bürogebäuden, Hotels, Restaurants, Konzert- und Veranstaltungsflächen sowie Freizeitangeboten wie dem weithin sichtbaren Umadum-Riesenrad. Gleichzeitig setzt das Quartier auf nachhaltige Mobilität, innovative Energiekonzepte und flexible Nutzungsmöglichkeiten. Das Leitbild lautet dabei nicht kurzfristige Rendite, sondern ein Stadtviertel zu schaffen, das auch für kommende Generationen lebenswert bleibt. Die Betreiber sprechen in diesem Zusammenhang von einem „urenkeltauglichen“ Quartier – einem Ort, der wirtschaftlichen Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Werksviertel-Mitte Stiftung. Sie geht auf die 1996 von Otto Eckart gegründete Stiftung Otto Eckart zurück, die nach dem Verkauf des Familienunternehmens Pfanni ins Leben gerufen wurde. Seit rund drei Jahrzehnten begleitet sie die Entwicklung des Quartiers und fördert Projekte in den Bereichen Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Kunst, Kultur, Umweltschutz und internationale Verständigung. Im Jahr 2026 wurde die Stiftung zur Werksviertel-Mitte Stiftung weiterentwickelt, um ihre Rolle als ideelle Trägerin und Impulsgeberin des Quartiers noch stärker auszubauen.
Die Stiftung versteht sich dabei nicht nur als Förderinstitution, sondern als Mitgestalterin des gesamten Quartiers. Sie organisiert Veranstaltungen wie den Nachhaltigkeitstag „Day of Hope“, das Kinder- und Jugendfestival „JuKi“, unterstützt inklusive Kulturprojekte und betreibt mit dem Kartoffelmuseum sowie dem Pfanni-Museum Einrichtungen, die die Geschichte des Geländes lebendig halten. Gleichzeitig betreut sie weitere gemeinnützige Stiftungen und setzt sich dafür ein, dass wirtschaftliche Entwicklung stets mit gesellschaftlichem Nutzen verbunden bleibt.
Gerade diese Verbindung aus Geschichte, Kreativität, wirtschaftlicher Dynamik und sozialem Engagement macht die Faszination des Werksviertel Mitte aus. Es ist weit mehr als ein modernes Stadtquartier. Es ist ein Ort, an dem Vergangenheit und Zukunft miteinander verschmelzen, an dem kulturelle Vielfalt ausdrücklich gewünscht ist und an dem Nachhaltigkeit nicht als Schlagwort verstanden wird, sondern als Leitidee für Architektur, Stadtentwicklung und das tägliche Leben. Das Werksviertel Mitte zeigt eindrucksvoll, wie aus einem ehemaligen Industrieareal ein lebendiger Stadtraum entstehen kann, der Menschen zusammenbringt und gleichzeitig neue Maßstäbe für eine nachhaltige Quartiersentwicklung setzt.
Wer heute durch die Münchner Altstadt schlendert, den Blick zum Alten Peter erhebt und einmal um den Chor der ehrwürdigen Peterskirche geht, entdeckt hoch oben in der Mauer ein unscheinbares Relikt vergangener Zeiten: eine eiserne Kanonenkugel. Tausende Menschen laufen täglich daran vorbei, ohne ihre Geschichte zu kennen. Dabei erzählt sie von einem Tag, an dem der Krieg plötzlich mitten in den Frieden einer Kirche eindrang.
Es war das Jahr 1796. Europa befand sich in den Wirren der Koalitionskriege gegen das revolutionäre Frankreich. München war in die militärischen Auseinandersetzungen hineingezogen worden. Österreichische Truppen beschossen die von französischen Soldaten besetzte Stadt vom Gasteig aus. Eine der abgefeuerten Kanonenkugeln verfehlte ihr eigentliches Ziel und durchschlug während eines Gottesdienstes ein Fenster der Peterskirche. Sie landete im Altarraum. Die Gläubigen gerieten in Panik und flohen aus der Kirche. Nur der Stadtpfarrer und seine Ministranten sollen unbeirrt geblieben sein und die Messe ruhig bis zum Ende gefeiert haben. Erstaunlicherweise wurde niemand verletzt.
Anstatt die Kugel einzuschmelzen oder zu entsorgen, entschied man sich später für eine ungewöhnliche Form des Erinnerns. Die eiserne Kugel wurde in das Fenstersims der Chorapsis eingemauert. Dort steckt sie bis heute – nicht als Kriegsdenkmal im klassischen Sinn, sondern als stummer Zeuge dafür, wie zerbrechlich Frieden sein kann und wie eng Hoffnung und Gefahr manchmal beieinanderliegen.
Der Alte Peter selbst ist weit älter als diese Geschichte. Als älteste Pfarrkirche Münchens begleitet er die Stadt seit mehr als acht Jahrhunderten. Generationen von Münchnerinnen und Münchnern wurden hier getauft, heirateten oder nahmen Abschied von ihren Angehörigen. Kriege, Brände und Zerstörungen hat die Kirche überstanden – zuletzt auch die schweren Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs, nach denen sie liebevoll wieder aufgebaut wurde. Die kleine Kanonenkugel fügt sich in diese lange Geschichte ein wie eine Narbe, die zwar geblieben ist, aber nicht mehr schmerzt.
Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Wirkung. Sie erinnert nicht an einen großen Sieg oder eine berühmte Schlacht. Sie erzählt von einem ganz gewöhnlichen Gottesdienst, der jäh unterbrochen wurde, von Menschen, die erschraken, und von einem Pfarrer, der Ruhe bewahrte. Wer heute unter ihr steht, hört keine Kanonen mehr, sondern das Glockengeläut des Alten Peters und das Stimmengewirr der Münchner Altstadt. Die kleine eiserne Kugel ist damit weit mehr als ein kurioses Detail – sie ist ein stilles Stück Stadtgeschichte, das seit über 230 Jahren davon erzählt, wie kostbar Frieden ist.
In der Zeit vor Corona war ich sehr viel auf Reisen. Nun bin ich die meiste Zeit zu Hause und verschlinge Bücher, gehe mehr virtuell auf Reisen oder nehme den Zug. Das Flugzeug nehme ich nur noch ganz selten. Jetzt habe ich einen Reiseführer aus alter Zeit gefunden, aus ganz alter Zeit. Es ist ein ganz besonderer Reiseführer aus Japan, ein Land, das ich gerne einmal bereisen möchte, ja mit dem Flugzeug.
Der Reiseführer beschreibt die Rasthäuser von der Reise von Tokio nach Kyoto. Nun das wäre originell, aber nicht der Bringer. Aber der Reiseführer stammt aus dem Jahr 1835 als Tokio noch Edo hieß. Die Bilder sind eindrucksvolle Holzschnitte, die der Taschen Verlag in einem Buch Die neunundsechzig Stationen des Kisokaido aufgelegt hat. Meine Frau überraschte mich mit diesem XXL-Buch, das mich in eine andere Zeit entführte. Der Weg durch Japan wurde Anfang des 17. Jahrhunderts vom damaligen Herrscher Tokugawa Ieyasu angelegt. Auf dem mühsamen Weg von Edo (dem heutigen Tokio) nach Kyoto ließ er in regelmäßigen Abständen Rastplätze einrichten, an denen Gasthäuser, Läden und Restaurants den erschöpften Reisenden Kost und Logis boten.
Ein zentrales Motiv der gesamten Serie ist das Reisen. Während Reisen in Europa des 19. Jahrhunderts häufig als Abenteuer oder Entdeckungsreise dargestellt wurde, vermittelt der Kisokaidō einen anderen Eindruck. Der Weg ist Teil des Alltags. Händler transportieren Waren, Beamte reisen zwischen den Provinzen, Pilger ziehen zu Tempeln, Familien sind unterwegs. Dadurch entsteht eine Erzählung über Bewegung, Begegnung und Vergänglichkeit – Themen, die tief in der japanischen Ästhetik verwurzelt sind.
Im Jahre 1835 erhielt der Holzschnitzer Keisai Eisen den Auftrag, die Reise auf der Kiso-Straße in einer Reihe von Schnitten abzubilden. Nachdem er 24 Holzschnitte fertiggestellt hatte, wurde Eisen durch Utagawa Hiroshige abgelöst, der die Reihe von 70 Holzschnitten schließlich 1843 vollendete.
Besonders bemerkenswert ist die unterschiedliche Handschrift der beiden Künstler. Keisai Eisen richtet seinen Blick stärker auf den Menschen. Seine Blätter wirken lebendig, manchmal sogar theatralisch. Er interessiert sich für Charaktere, Mode und das geschäftige Leben in den Stationen. Seine Figuren stehen im Mittelpunkt, während die Landschaft eher den Rahmen bildet.
Utagawa Hiroshige verfolgt dagegen einen anderen Ansatz. Bei ihm werden Landschaften zum eigentlichen Protagonisten. Berge, Flüsse, Wälder, Regen, Schnee oder Nebel bestimmen die Bildwirkung. Die Menschen erscheinen häufig klein und fast beiläufig, wodurch die Natur eine geradezu spirituelle Präsenz erhält. Dieser Blick auf die Landschaft beeinflusste später zahlreiche europäische Künstler des Impressionismus und Postimpressionismus, darunter Monet und Van Gogh.
Sowohl Eisen als auch Hiroshige waren renommierte Holzschnittkünstler. In den Bildern lassen beide ihre charakteristische Handschrift erkennen, ohne dabei den harmonischen Gesamteindruck zu verraten. Von der belebten Ausgangsstation Nihonbashi bis zur Festungsstadt Iwamurata wählte Eisen in seinen Bildern gedecktere Farben, zeichnet sich jedoch durch die Darstellung von Personen – vor allem glamourösen Frauen – aus und schwelgt in Momentaufnahmen des Treibens entlang der Strecke, vom Beschlagen eines Pferdes bis zum Fegen von Reis. Hiroshige demonstriert mit atmosphärischen Szenen, wie souverän er die Landschaftsdarstellung beherrscht, von den friedvollen Ufern des Ota bis zum Furcht einflößenden Wada-Pass und einem Aufstieg zwischen Yawata und Mochizuki im Mondschein.
Die Sammlung Die neunundsechzig Stationen des Kisokaidō stellt nicht nur einen Höhepunkt der Holzschnittkunst dar – mit kühnen Kompositionen und experimentellem Einsatz von Farbe –, sondern bildet auch einen reizvollen Bildteppich vom Japan des 19. Jahrhunderts, lange bevor die Industrialisierung über das Reich der aufgehenden Sonne hereinbrach. Die XL-Ausgabe von Taschen zeigt das einzige bekannte Exemplar dieser Serie, das fast vollständig aus seltenen Erstdrucken besteht, und lässt so den Bilderzyklus in großem Format und gebührender Pracht wiederauferstehen. Das Buch wurde von Andreas Marks und Rhiannon Paget aufbereitet und herausgegeben. Andreas Marks studierte ostasiatische Kunstgeschichte an der Universität Bonn und wurde an der Universität Leiden mit einer Dissertation in Japanologie zu Schauspielerdrucken des 19. Jahrhunderts promoviert. Von 2008 bis 2013 war Marks Direktor und Chefkurator des Clark Center for Japanese Art im kalifornischen Hanford. Seit 2013 ist er Mary Griggs Burke Curator of Japanese and Korean Art, Leiter der Abteilung für japanische und koreanische Kunst sowie Direktor des Clark Center for Japanese Art am Minneapolis Institute of Art. Rhiannon Paget studierte an der Universität der Künste in Tokio und promovierte über japanische Kunstgeschichte an der University of Sydney. Sie ist Kuratorin für asiatische Kunst am John & Mable Ringling Museum of Art in Sarasota, Florida, und hat Studien zu japanischen Holzschnitten, Textilien, Brettspielen und Nihonga veröffentlicht.
Der von Andreas Marks und Rhiannon Paget herausgegebene Bildband ordnet jedes Blatt kunsthistorisch und geografisch ein. Die hochwertige Reproduktion – insbesondere in der großformatigen Ausgabe – erlaubt es, Details der Drucktechnik und Farbgebung zu erkennen, die in kleineren Veröffentlichungen oft verloren gehen. Damit wird das Buch selbst zu einem Kunstobjekt und nicht nur zu einem Nachschlagewerk. Die neunundsechzig Stationen des Kisokaidō“ ist kein gewöhnlicher Bildband, sondern eine visuelle Reise durch das Japan des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung aus Landschaft, Alltag, Architektur und menschlichen Begegnungen macht die Serie zu einem einzigartigen Zeitdokument. Während Eisen das Leben entlang der Straße mit erzählerischer Lebendigkeit einfängt, verwandelt Hiroshige dieselbe Route in eine poetische Meditation über Natur, Jahreszeiten und Vergänglichkeit. Gerade diese Balance zwischen dokumentarischer Genauigkeit und künstlerischer Verdichtung erklärt, warum die Serie bis heute als einer der Höhepunkte der japanischen Holzschnittkunst gilt und weltweit zu den bedeutendsten Werken der Ukiyo-e-Tradition gezählt wird.
Wer meinen Blog kennt, der weiß: Ich liebe das Kino. Meine Liebe zum Kino beginnt oft im Dunkeln – in dem Moment, wenn das Licht ausgeht und der Alltag leise hinter einem die Tür schließt. Auf der Leinwand öffnet sich eine andere Welt, und für zwei Stunden darf man jemand anders sein, an anderen Orten leben, andere Leben fühlen.
Viele Kinos sterben heute aus den unterschiedlichsten Gründen und wenn ich die Gelegenheit habe, dann fotografiere Kinos. Zwei schmerzhafte Erfahrungen waren die Schließungen des Gabriels und des Sendlinger Tor Filmtheaters – beides in München. Ich habe darüber gebloggt. Immer wieder schwebst es mir vor, einen Buch zum Thema Kinos zu produzieren.
Schon vor langer Zeit traf ich eine Leidensgenossin in Sachen Kino. Die Fotografin Margarete Freudenstadt. Bei einer Ausstellung in Gauting stellte sie ihrem Bildband Cinemas – From Babylon Berlin to La Rampa Havana vor, der von Christoph Wagner herausgegeben wurde. Das Buch zeigt auf eindrucksvolle Weise eine nostalgische Reise durch Lichtspielhäuser zwischen Ostdeutschland und Kuba – und erzählt damit zugleich von Zeiten, Träumen und Verfallserscheinungen.
Der Band beginnt im Osten Deutschlands, in den frühen 1990er Jahren. Freudenstadt lässt alte DDR-Kinos auftreten: Gebäude wie das „Filmtheater Kosmos“ oder „Fortschritt-Lichtspiele“, einst Symbol für moderne Unterhaltung im Sozialismus, erscheinen nun ruhig, teilweise leer und von der Zeit gezeichnet. Die Fotografin dokumentiert Architektur, Foyers, Fassaden und Straßenzüge, oft mit einem Blick, der Ruhe, Leere und Erinnerung zugleich einfängt – als würde jedes Foto eine Art Nachklang einer Epoche sein, die bereits durch Umbruch und Wandel erschüttert wurde.
Im zweiten großen Kapitel führt das Buch nach Kuba – nach Havanna und Umgebung –, wo die filmische Begeisterung der 1950er Jahre unter US-Einfluss in prachtvollen Kinopalästen wie „Riviera“, „Acapulco“ oder „Florida“ gipfelte. Doch auch hier hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen: Die einst glanzvollen Säle sind heute in vielen Fällen verfallen, verwittert, überzeichnet von Patina und Geschichte. Kubanische Kinos erscheinen im Bildband als stille Mahnmale einer Träumerei von Unterhaltung und Illusion, die einst pulsierte und nun – vielfach – ihre Zuschauer verloren hat.
Was das Buch und ihre Bilder so stark macht, ist nicht nur die gegensätzliche geografische wie historische Gegenüberstellung – Ostdeutschland nach der Wende versus Kuba im Wandel –, sondern der emotionale Eindruck, den diese Räume hinterlassen. Wir Leser spüren eine Mischung aus Vergänglichkeit und Faszination: Die Magie des Kinos, die einst in diesen Sälen lebte, klingt nach. Auch im Zustand des Verfalls bewahren die Bilder eine Präsenz – das Lichtspielhaus wird zur Metapher für Zeit, Erinnerung und Wandel.
Freudenstadts Fotografien sind großformatig, hochwertig gedruckt auf mattiertem, festen Papier. Jede Aufnahme zeigt detailreich Fassaden, Interieurs, Straßenraumeindrücke – Menschen sind teilweise präsent, doch nie Hauptmotiv; das Kino als Ort steht im Vordergrund.
Begleitet werden die Bilder von einführenden Essays verschiedener Autoren, die über die Geschichte der Kinos in Kuba sowie in der DDR reflektieren – etwa zur Architektur, zur Film- und Kinokultur oder zur Rolle der Technik- und Sozialgeschichte.
Die Wirkung des Buches liegt in seiner stillen Kraft: Es lädt ein zu verweilen, zu schauen, zu erinnern. Man könnte sagen: Die vergessenen Lichtspielhäuser sprechen – über Vergangenes, über Wandel, über das, was aus dem Glanz wurde. Für Kinoliebhaber, Architektur- und Fotografie-Begeisterte ist der Band ein visuell wie inhaltlich beeindruckendes Werk.
Mit seinen 96 Seiten, einem Format von ca. 26 × 29 cm und rund 80 farbigen Abbildungen ist der Bildband hochwertig ausgestattet und ein Kunstwerk für sich.
Ich geb es nicht auf und fotografiere selbst weiter. Unlängst konnte ich in Estland ein sozialistisches Kino fotografieren, das auf dem Grundstück des Nazis Alfred Rosenberg erbaut wurde.
Irgendwie kennt es kaum ein Besucher meiner Geburtsstadt München, obwohl es eigentlich zentral liegt und eindrucksvoll ist.Das Kriegerdenkmal im Hofgarten in München liegt am östlichen, tiefer gelegenen Ende des Gartens direkt vor der Bayerischen Staatskanzlei und erinnert ursprünglich an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Münchner. Die Masse der Besucher strömt in den Hofgarten und besucht den Pavillon, das Denkmal wird kaum besucht.
Die Anlage wurde 1924 in Anwesenheit Kronprinz Rupprechts von Bayern eingeweiht und bis 1928 in allen Details vollendet. Gestaltet wurde sie als versunkene, rechteckige Anlage aus Muschelkalk mit einer begehbaren Gruft in ihrem Zentrum. Vier abgewinkelte Treppen führen von den Längsseiten hinab in einen Vorraum, dessen Reliefs marschierende Soldaten sowie ein Gräberfeld zeigen.
In der Mitte liegt die offene Gruft aus Travertinblöcken: Zwölf massive Steinblöcke tragen eine rund zwei Meter starke, etwa 250 Tonnen schwere Deckenplatte; an ihren Schmalseiten führen Stufen zur überlebensgroßen Figur eines gefallenen Soldaten hinab. Diese eindringliche Skulptur schuf Bernhard Bleeker; der Gesamtentwurf des Denkmals entstand in Zusammenarbeit des Bildhauers Karl Knappe mit den Architekten Thomas Wechs und Eberhard Finsterwalder.
Die Inschriften fassen Sinn und Widmung des Ortes zusammen: An der Westseite der Deckenplatte steht „Sie werden auferstehen“, an der Ostseite „Unseren Gefallenen“. Im Innenraum findet sich die Widmung des Bayerischen Kriegerbundes „den 13.000 gefallenen Heldensöhnen der Stadt München 1914–1918“. Nach Kriegsbeschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal in vereinfachter Form ohne die ursprünglich angebrachten Namen der Gefallenen wiederhergerichtet; die Namenslisten gingen verloren. Zugleich ergänzte man im Innenraum eine zusätzliche Widmung für die Opfer der Jahre 1939–1945 (Gefallene, Vermisste und Luftkriegsopfer Münchens). Damit wurde der Gedenkort in der Nachkriegszeit bewusst auf beide Weltkriege bezogen.
Ein prägnantes Detail der Rezeptionsgeschichte betrifft die Materialgeschichte der Skulptur: Bleekers Figur des toten Soldaten war ursprünglich aus rotem Marmor gearbeitet. 1972 ersetzte man sie aus konservatorischen und sicherheitlichen Gründen durch einen Bronzeabguss, das Marmoralter befindet sich seitdem im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt. Diese Maßnahme bewahrte das künstlerische Erscheinungsbild am Ort und schützte zugleich das empfindlichere Original.
Städtebaulich und erinnerungskulturell wirkt das Kriegerdenkmal als stiller Gegenpol zur repräsentativen Architektur ringsum: Der Besucher steigt von der offenen Gartenfläche in eine vertiefte, kühle Gedenkarchitektur hinab, die bewusst Konzentration und Innenschau fördert. Durch seine klare Formensprache und die liegende Figur fand das Münchner Denkmal in der Zwischenkriegszeit weite Beachtung; Motive wurden in zahlreichen Kriegerdenkmälern im süddeutschen Raum aufgegriffen – oft sogar mit der Münchner Inschrift „Sie werden auferstehen“. Bis heute steht die Anlage unter Denkmalschutz und bildet, unmittelbar hinter der Staatskanzlei gelegen, einen der eindrucksvollsten Gedenkorte der Stadt, an dem künstlerische Qualität, architektonische Strenge und die Mahnung gegen das Vergessen zusammenkommen.
Ich bin von Industriedenkmälern fasziniert. Fabriken, Kraftwerke, Bahnhöfe, Produktionsanlagen, die in der Zwischenzeit stillgelegt sind, aber sich aber wie eine Ikone vergangener Zeiten am Horizont erheben und auf eine stolze Vergangenheit zurückblicken. Die Fragen sind natürlich, soll man diese Industriedenkmäler erhalten und noch wichtiger: Wer finanziert einen solchen Erhalt?
Ich schaute mir mit meiner Familie das Gaswerk in Augsburg an. Im Jahr 1915 nahm das Gaswerk Augsburg im Stadtteil Oberhausen seinen Betrieb auf – eine moderne Anlage zur Erzeugung von Stadtgas aus Steinkohle, deren Baustrukturen bis heute weitgehend erhalten sind. Bemerkenswert ist, dass diese Gebäude den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden.
Der wahre Blickfang des gesamten Ensembles ist jedoch der sogenannte Scheibengasbehälter, der zwischen 1953 und 1954 von der Firma MAN errichtet wurde. Er avancierte zum Wahrzeichen des Geländes. Der Kessel kann bis zu 100.000 Kubikmeter Gas speichern und agierte als wesentlicher Bestandteil der städtischen Energieversorgung bis zur Stilllegung im Jahr 2001.
Technisch ist der Gaskessel faszinierend: Er enthält eine bewegliche Stahl-Scheibe von 219 Tonnen, die das Gas im unteren Bereich von der darüber befindlichen Luftschicht trennt. Um den notwendigen Druck zu gewährleisten, ruht die Scheibe auf 1.820 Betongewichten, was eine Gesamtmasse von 356 Tonnen ergibt. Nach der Stilllegung wurde die Scheibe sicher auf den Boden des Behälters gesenkt.
Mit einer Höhe von rund 85 Metern zählt der Gaskessel zu den höchsten Gebäuden in Augsburg – er rangiert sogar als viertgrößtes Bauwerk der Stadt. Für Besucher gibt es seither die Möglichkeit, mit fast 400 Stufen bis zur Spitze zu steigen. Meine Familie hat dies gemacht, ich habe Höhenangst. Von dort oben eröffnet sich ein beeindruckender 360°-Panoramablick über Augsburg.
Seit dem Umbau des Geländes ab ca. 2017 durch die Stadtwerke Augsburg (swa) steht das Areal als Kultur- und Kreativquartier wieder im Rampenlicht. Das historische Ensemble, das als Industriedenkmal von europäischem Rang gilt, dient heute als inspirierender Ort für Kulturangebote und kreatives Schaffen mitten in einem Industriegebiet und Rotlichtbezirk.
Der Gaskessel erhielt bereits faszinierende künstlerische Nutzung: Seit 2008 hängt im Inneren ein 70 Meter langes Foucault’sches Pendel, mit dem die Erdrotation visualisiert wird. Zusätzlich wurde 2009 eine Klanginstallation namens Bach_10k installiert, bei der 58 Orgelpfeifen im extrem langsamen Takt von Bachs C‑Dur-Präludium ertönen – so wird der Kessel zu einem begehbaren Klangkunstwerk.
Immer wieder wird der Gaskessel auch als Bühne genutzt – so eröffnete etwa ein Spezialkonzert im Rahmen des Denkmaltags 2024 diesen eindrucksvollen Raum mit Licht- und Musikinszenierung. Im Augsburger Gaskessel, einem denkmalgeschützten Scheibengasbehälter, wird die Klanginstallation „Bach_10k“ präsentiert – eine Klanglandschaft, die beeindruckend Bachs Präludium in C-Dur (das berühmte „Präludium“ des „Wohltemperierten Klaviers“ BWV 846) in extrem langsamer Form erklingen lässt.
Es erklingt das Präludium in C-Dur von Johann Sebastian Bach, jedoch stark verlangsamt. Die Töne des Stücks werden Note für Note über rund 10 000 Sekunden (also fast 3 Stunden) nacheinander wiedergegeben – synchron zum Pendelschlag eines 70 Meter langen Foucault’schen Pendels, das im Gaskessel installiert ist. Hier zwei VR 360 Grad Videos vom Rundgang um den Gaskessel:
Die Harmonien bauen sich sukzessive auf, beginnend mit dem Grundton C‑Dur über verschiedene Spannungspunkte bis zum fulminanten Schlussakkord, der über dem mächtigen Basston der etwa fünf Meter hohen C‑Pfeife verhallt.
Die sehr langsame Abspielgeschwindigkeit (rund 100 Mal langsamer als das Originaltempo) erlaubt, die harmonische Struktur intensiv wahrzunehmen – jede Harmonieveränderung wird dadurch sinnlich erlebbar. Hier ein VR 360 Grad Video im Zentrum des Gaskessels:
Die Klanginstallation nutzt die akustischen Eigenschaften des historischen Gasbehälters und macht ihn so zu einem begehbaren Klangkunstwerk, in dem der Besucher den Ton in einem immersiven Raum wahrnimmt. Und hier eine klassische Aufnahme aus dem Zentrum des Kessels.
Das Pendel fungiert dabei als gigantisches Metronom: Jeder Pendelhub löst eine Note aus, wodurch sich eine enge Verbindung zwischen physikalischer Bewegung und musikalischer Zeitstruktur einstellt. Obwohl kaum jemand den gesamten Zyklus von 10 000 Sekunden live erlebt, wechseln sich harmonische Spannungen alle etwa 13 Minuten ab – je nachdem, wo man sich im Klangraum befindet, empfindet man die Musik anders.
Über 1000 Jahre ist er alt – was für ein Alter. Älter als die Vereinigten Staaten und was hat dieses Bauwerk nicht schon alles gesehen. Der Dom zu Speyer erhebt sich nicht einfach in den Himmel – er wächst aus der Geschichte selbst.
Schon von weitem, wenn die Silhouette auftaucht, wirkt er wie ein steinerner Herzschlag der Pfalz, aber auch der wechselvollen deutschen Geschichte. Dieses Bauwerk atmet seit fast tausend Jahren die Größe menschlicher Visionen und die Tiefe gläubiger Hingabe. Seine Mauern, aus warmem, rötlichem Sandstein geschichtet, tragen das Licht der Sonne wie eine Reliquie, als wollten sie jeden Strahl bewahren, der je auf sie gefallen ist. Ich bin fürwahr kein religiöser Mensch, aber der Besuch des Doms hat mich berührt: Spirituell und geschichtlich als Grab vieler deutscher Kaiser. Wie müssen die Menschen des Mittelalters auf so einen Bau reagiert haben? Hier ein VR 360 Grad Rundgang durch den Dom.
Wer durch das Hauptportal tritt, betritt nicht nur einen Raum, sondern eine andere Zeit. Die Luft ist schwer von Geschichte, und in ihr liegt ein leises Raunen – höre ich gar das Flüstern von Kaisern, die hier begraben liegen? In Gedanken sehe Pilger, die in Demut ihre Hände über kalten Stein gleiten ließen, ich höre im Geiste die unzähligen Gebeten, die wie unsichtbare Mosaike unter das gewaltige Gewölbe steigen. Der Blick folgt den Pfeilern hinauf, immer weiter, bis er sich im Kreuzrippengewölbe verliert – ein Weg für die Augen, wie das Gebet ein Weg für die Seele ist. Ich habe Platz genommen und beobachtet – und auch Kraft getankt. Ich begebe mich auf eine Gedankenreise.
Hier riecht es nach Kerzenwachs und kühlem Gestein, und jedes Echo der Schritte hallt wie ein stiller Chor. Das Licht, gefiltert durch die hohen klaren Fenster, bricht sich in feinen Staubpartikeln, die im Raum schweben wie goldene Funken der Ewigkeit. Zwischen den massiven Säulen fühlt man sich klein, doch nicht verloren – eher gehalten von einer unsichtbaren Hand, die größer ist als jede irdische Macht. Ärgerlich, dass ich als Besserwisser so manchen männlichen Besucher ermahnen muss, seine US-Kopfbedeckung abzunehmen. Das ärgert mich wirklich und ja, nennt mich einen Spießer.
Der Speyerer Dom ist mehr als ein UNESCO-Welterbe, mehr als romanische Architektur von vollendeter Klarheit. Er ist ein Monument des Willens, eine Kathedrale der Hoffnung, gebaut in einer Zeit, in der Steine zu Zeilen im Buch des Glaubens wurden. Er ist ein stiller, unerschütterlicher Zeuge, der Kriege, Kaiser und Jahrhunderte überdauert hat – und der auch heute noch jedem, der innehält, eine leise Wahrheit zuflüstert: dass wir Teil von etwas sind, das größer ist als wir selbst.
Und wenn man den Dom verlässt, zurück in das Licht der Speyerer Straßen, bleibt dieses Gefühl noch lange – wie ein sanftes Nachhallen im Herzen, das sagt: „Ich war da, wo Ewigkeit greifbar wurde.“
Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich ein sehr religiöser Mensch im Sinne der Amtskirche bin, aber dennoch fasziniert mich das Mysterium des Glaubens. Etliche Male bin ich an der Autobahnkapelle vorbeigefahren und habe mir immer mal gedacht, wie es dort wohl aussieht. Nun sind meine Frau und ich herausgefahren und haben zum ersten Mal die Autobahnkapelle „Maria am Wege“ in Windach, Landkreis Landsberg am Lech besucht.
Sie ist ein bedeutendes architektonisches und spirituelles Bauwerk an der Autobahn A96 nahe der Ausfahrten Schöffelding und Windach. Erbaut wurde die Kirche zwischen 1968 und 1971 nach den Plänen des renommierten Architekten Josef Wiedemann aus München. Die Weihe erfolgte im Jahr 1971 durch den damaligen Diözesanbischof Josef Stimpfle.
Ich muss sagen, die Architektur hat mich beeindruckt. Ursprünglich wurde das Gebäude als katholische Pfarrkirche für die örtliche Gemeinde geplant. Aufgrund ihrer verkehrsgünstigen Lage an einer stark Frequentierten Autobahn wurde die Kirche 1992 auch offiziell als Autobahnkapelle für Reisende geöffnet.
Die Architektur der Kapelle verzichtet auf Prunk und Symbolüberladung und setzt stattdessen auf Schlichtheit, Offenheit und Natürlichkeit. Das hat mich beeindruckt und fasziniert.
Architektonisch zeichnet sich „Maria am Wege“ durch ihre außergewöhnliche Zeltform aus – ein Symbol für das Unterwegssein, das die Nähe zur Reisebewegung der Autobahnreisenden betont und im Namen „Maria am Wege“ seine Entsprechung findet. Die Kapelle wirkt von außen schlicht und modern, während der Innenraum von sakraler Stille und ausgewählten Kunstwerken geprägt ist. Die Tageslichtführung durch einen schmalen Lichtschlitz an der Decke lenkt den Blick nach oben und schafft eine ruhige, spirituelle Atmosphäre. Die Innenausstattung ist bewusst schlicht gehalten – ein Holzkreuz, reduzierte Bänke und eine Statue der Maria laden zum stillen Verweilen und Gebet ein.
Besonders auffällig ist die Marienstatue aus dem 13. Jahrhundert, die einen direkten Bezug zur Namenspatronin und zur langen Tradition der Marienverehrung herstellt. Ergänzt wird die Ausstattung durch einen ebenso romanischen Ambo und einen Taufstein, die auf die historischen Wurzeln der Kirche hinweisen.
Ein weiteres Highlight stellt der Osterkerzenleuchter dar, der ein mittelalterliches Steinfragment aus der Normandie beinhaltet. Dieses Steinfragment zeigt Christus, Maria und einen schützenden Engel und gibt dem Raum eine besondere spirituelle Tiefe. Die 17 eigens für die Kapelle angefertigten, farbenfrohen Kreuzwegbilder sind künstlerisch interessant und eröffnen den Besuchern einen Zugang zur Passion Christi. Die Orgel wurde 1976 aufgestellt, ein Werk der Firma Anton Staller, Grafing, mit 31 Registern, verteilt auf drei Manuale und Pedal.
Mit etwa 500 Sitzplätzen bietet die Kapelle ausreichend Raum für größere Gottesdienste und ist vollständig barrierefrei zugänglich. Dies macht sie sowohl für Gemeindemitglieder als auch für das breite Spektrum der Reisenden attraktiv. Als wir dort das Gotteshaus besuchten, war die Kirche leer. Besucher finden umfangreiche Parkmöglichkeiten direkt vor der Kapelle, darunter auch Stellplätze für Busse und Lastkraftwagen. Die ganztägigen Öffnungszeiten von 8:00 bis 18:00 Uhr ermöglichen es auch Reisenden mit engem Zeitplan, die Kirche zur Ruhe, Meditation oder zum Gebet zu nutzen.
Die Lage der Autobahnkapelle ist zudem landschaftlich reizvoll: Sie liegt in unmittelbarer Nähe zum Ammersee, rund 45 km westlich von München und nicht weit vom berühmten Benediktinerkloster St. Ottilien entfernt. Dadurch wird sie nicht nur zu einem geistlichen und architektonischen Anziehungspunkt, sondern auch zu einem touristisch interessanten Ziel in der Region. Die Kombination aus moderner Architektur, spiritueller Tiefe und praktischer Ausrichtung auf Reisende macht die Kapelle „Maria am Wege“ zu einem einzigartigen Ort, an dem Glaube, Kunst und Erholung zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. Sie ist ein Beispiel für gelungene Integration sakraler Räume in den Kontext der Mobilitätsgesellschaft und leistet einen wichtigen Beitrag zur christlichen Präsenz im öffentlichen Raum der Gegenwart.
Eindrucksvoll, sehr eindrucksvoll ist das Gebäude der Universität Glasgow. Touristen sagten mir, es erinnere sie an Harry Potter. Auf jeden Fall ist die Uni einen Besuch wert. Der Campus lädt zum Spazieren ein und natürlich schaute ich auch zur Memorial Chapel rein, bei der gerade eine Probe lief und ich einfach mitgegangen bin.
Die Memorial Chapel der Universität Glasgow ist ein eindrucksvolles, neogotisches Bauwerk im Herzen des historischen Campus auf dem Gilmorehill. Sie wurde 1929 eingeweiht und erinnert an die Studierenden und Mitarbeiter der Universität, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren. Die Kapelle besticht durch ihre ruhige, erhabene Atmosphäre, hohe Gewölbe, kunstvolle Glasfenster und eine fein gearbeitete Innenarchitektur.
Sie wird sowohl für Gottesdienste und Gedenkveranstaltungen als auch für Konzerte und akademische Zeremonien genutzt und ist ein Ort des stillen Gedenkens und der spirituellen Sammlung innerhalb der lebendigen Universitätsgemeinschaft.
Der Campus Der Campus der Universität Glasgow liegt im Westen der Stadt auf dem Gilmorehill und zählt zu den schönsten Universitätsanlagen Großbritanniens. Geprägt wird er durch das imposante Hauptgebäude im neogotischen Stil mit seinen Türmen, Arkaden und Innenhöfen, das Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Der Campus verbindet historische Architektur mit modernen Lehr- und Forschungseinrichtungen und bietet weitläufige Grünflächen, Museen, Cafés und Bibliotheken. Die Atmosphäre ist lebendig und international, geprägt von Studierenden aus aller Welt. Der Blick über den nahegelegenen Kelvingrove Park bis hin zur Skyline Glasgows macht den Campus zu einem inspirierenden Ort zum Lernen und Leben. Ich habe mich niedergelassen und mir über diesen Campus nachgedacht. Ich selbst habe an keiner Campus-Uni studiert, was ich heute bedauere.
Hunterian Museum in Glasgow Das Hunterian Museum in Glasgow ist das älteste öffentliche Museum Schottlands und gehört zur Universität Glasgow. Es wurde 1807 gegründet und geht auf die umfangreiche Sammlung des Arztes, Anatomen und Wissenschaftlers William Hunter (1718–1783) zurück, einem ehemaligen Studenten der Universität. Das Museum befindet sich heute im Hauptgebäude der Universität auf dem Campus Gilmorehill und präsentiert eine vielseitige Sammlung aus den Bereichen Medizin, Naturwissenschaften, Archäologie, Kunst und Geschichte.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der medizinischen Sammlung Hunters, die Präparate, wissenschaftliche Instrumente und anatomische Studien umfasst. Ergänzt wird dies durch bedeutende naturkundliche Exponate, darunter Fossilien, Mineralien und zoologische Präparate. Auch Objekte aus der römischen Archäologie, insbesondere Funde vom Antoninuswall, sind ausgestellt. Neben der Dauerausstellung zeigt das Hunterian Museum regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen und bietet einen Einblick in die Forschungsarbeit der Universität.
Das Museum ist öffentlich zugänglich und kostenlos zu besichtigen. Es dient nicht nur als Schaumuseum, sondern auch als Lehr- und Forschungsstätte und ist Teil des größeren Verbunds der Hunterian Collections, zu dem auch die Hunterian Art Gallery, das Mackintosh House und das Zoology Museum gehören.
Über den Dächern Glasgows, wo der Wind die Geschichten der Vergangenheit mit sich trägt und die Sonne am Abend die Stadt in goldenes Licht taucht, erhebt sich ein Ort von erhabener Schönheit und stiller Würde: der Glasgow Necropolis.
Wie ein steinernes Gedicht liegt dieser viktorianische Friedhof auf einem Hügel, dem sogenannten „Cathedral Hill“, gleich neben der ehrwürdigen St Mungo’s Cathedral. Von hier aus schweift der Blick über die pulsierende Metropole, doch der Necropolis selbst scheint in einer eigenen Welt zu existieren – einer Welt, in der Zeit und Raum ineinanderfließen und die Stimmen der Geschichte niemals ganz verstummen. Meine Frau und ich wanderten einen halben Tag über diesen Ort der Ruhe und hingen unseren Gedanken nach.
Die Entstehung des Necropolis ist untrennbar mit dem Aufstieg Glasgows im 19. Jahrhundert verbunden. Die Stadt wuchs, getrieben von Handel, Industrie und Innovation, zu einer der wichtigsten Metropolen Großbritanniens heran. Mit dem Wohlstand kam auch der Wunsch nach einem würdevollen Ort, an dem die Bürger ihre letzte Ruhe finden konnten. Inspiriert vom Pariser Père Lachaise, wurde 1832 der Grundstein für den Necropolis gelegt. Schon bald entwickelte sich der Friedhof zu einem Spiegelbild der Gesellschaft: Hier ruhen Kaufleute und Industrielle, Künstler und Wissenschaftler, Geistliche und einfache Bürger – jeder Grabstein, jedes Mausoleum erzählt seine eigene Geschichte.
Mehr als 50.000 Menschen sind im Glasgow Necropolis begraben, doch nur etwa 3.500 Gräber sind durch aufwändige Monumente und kunstvolle Inschriften gekennzeichnet. Viele der Namen, die man hier liest, sind untrennbar mit der Geschichte Glasgows verbunden. Da ist zum Beispiel John Knox, der berühmte schottische Reformator, dessen imposantes Denkmal hoch oben auf dem Hügel thront – auch wenn er selbst nicht hier begraben liegt, sondern symbolisch für die protestantische Tradition Schottlands steht. In unmittelbarer Nähe finden sich die Gräber von William Miller, dem Dichter des berühmten Kinderliedes „Wee Willie Winkie“, und Charles Tennant, einem Chemiker und Industriellen, der mit seiner Erfindung der Bleichpulverproduktion Glasgows wirtschaftlichen Aufstieg maßgeblich mitprägte.
Auch Frauen, die in ihrer Zeit Herausragendes leisteten, fanden hier ihre letzte Ruhe, wie etwa Isabella Elder, eine der ersten Förderinnen der Frauenbildung in Schottland. Ihre Grabstätte ist ein stilles Zeugnis für Mut und Engagement in einer von Männern dominierten Welt.
Wer durch die gewundenen Pfade des Necropolis wandelt, begegnet einer Vielzahl architektonischer Stile: von neoklassizistischen Tempeln über gotische Türme bis hin zu ägyptisch inspirierten Obelisken. Die Monumente sind oft mit Symbolen geschmückt – Anker für Hoffnung, gebrochene Säulen für ein zu früh beendetes Leben, und Efeuranken als Zeichen unvergänglicher Erinnerung. Zwischen den Gräbern wachsen uralte Bäume, deren Wurzeln sich tief in die Erde graben, als wollten sie die Geschichten der Toten bewahren und weitertragen.
In den frühen Morgenstunden, wenn Nebel über den Hügel zieht und die Stadt noch schläft, scheint der Necropolis von einer fast überirdischen Stille erfüllt. Es ist eine Atmosphäre, die zum Nachdenken und Träumen einlädt. Viele Besucher berichten, dass sie hier eine besondere Nähe zur Vergangenheit spüren – als ob die Mauern und Statuen selbst Geschichten flüstern würden, von Liebe und Verlust, von Hoffnung und Vergänglichkeit. Ich muss zugeben, ich habe davon nichts gespürt. Ich war einfach nur überwältig von der Größe und der Pracht. Ich erinnerte mich an die Beerdigung meiner Eltern, hing diesen Gedanken nach.
Und wie es sich für einen Ort von solcher Geschichte und Aura gehört, ranken sich zahlreiche Märchen und Legenden um den Necropolis. In den Pubs der Stadt erzählt man sich, dass in mondlosen Nächten die Geister der alten Kaufleute und Dichter durch die Alleen wandeln.
Besonders bekannt ist die Sage vom „grauen Gentleman“, einem freundlich gesinnten Geist in viktorianischer Kleidung, der einsamen Spaziergängern Gesellschaft leisten und sie sicher durch das Labyrinth der Grabmale führen soll. Manche schwören, in windigen Nächten das leise Lachen von Kindern zu hören – vielleicht die Stimmen der kleinen Seelen, die hier ihre Ruhe fanden. Natürlich sind diese Erzählungen nichts als Märchen, geboren aus der Fantasie und dem Zauber dieses einzigartigen Ortes, doch sie verleihen dem Necropolis einen Hauch von Magie, der Besucher aus aller Welt in seinen Bann zieht. Ich habe bei meinen Spaziergängen durch die Gräberreihen nichts davon gespürt, obwohl ich für solche Spukgeschichten empfänglich bin.
Der Glasgow Necropolis ist mehr als ein Friedhof – er ist ein lebendiges Museum, ein Garten der Erinnerung, ein Ort, an dem die Geschichte Glasgows in Stein gemeißelt und doch voller Leben ist. Wer hier verweilt, spürt nicht nur die Ehrfurcht vor den Generationen, die vor uns gingen, sondern auch die Schönheit des Augenblicks. Zwischen den Gräbern, unter den alten Bäumen und im goldenen Licht der untergehenden Sonne wird der Necropolis zu einem Ort der Versöhnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Märchen.
So bleibt der Glasgow Necropolis ein stiller, aber kraftvoller Zeuge der Zeit – ein Ort, der die Herzen seiner Besucher mit Staunen, Ehrfurcht und einer leisen Sehnsucht erfüllt. Wer den Mut hat, sich auf seine besondere Atmosphäre einzulassen, wird reich beschenkt: mit Geschichten, mit Inspiration und mit dem Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, das über Generationen hinweg Bestand hat.
Im Glasgow Necropolis gibt es keine offiziell ausgewiesenen Bereiche, die ausschließlich für bestimmte Gruppen oder besonders viele Tote reserviert sind, wie man das von manchen Friedhöfen mit klar getrennten Sektionen kennt. Der gesamte Friedhof ist ein weitläufiges Gelände mit zahlreichen Grabstätten und Monumenten, die sich über die Hügel und Wege verteilen. Die meisten Gräber sind also anonym oder nur durch kleine, schlichte Markierungen sichtbar.