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Zwischen Linksrutsch und Rechtsruck: Wie viel politische Mitte bleibt?

24. September 2026

Die politischen Ränder gewinnen an Kraft, traditionelle Mehrheiten werden schwieriger und das Vertrauen in Parteien, Medien und Institutionen steht unter Druck. Im PresseClub München diskutierten Roman Deininger, Sigmund Gottlieb, Elisabeth Redler und Fred Langhammer über die Folgen der jüngsten Landtagswahlen, die Verantwortung der politischen Mitte und die Frage, wie sich eine demokratische Gesellschaft gegen Radikalisierung behaupten kann. Die Diskussion leitete Manfred Otzelberger vom PresseClub München.

„Die Mitte ist das Beste“ – mit diesem Wahlkampfslogan eröffnete Manfred Otzelberger eine Diskussion, die schnell deutlich machte, wie wenig selbstverständlich die politische Mitte inzwischen geworden ist. Wahlerfolge an den politischen Rändern, Frustration über Regierungspolitik, eine zunehmend polarisierte Öffentlichkeit und die Macht der sozialen Medien verändern die politische Landschaft. Hier die komplette Aufzeichnung der Diskussion.


Für Roman Deininger, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, ist die Entwicklung auch eine Mahnung an die etablierten Parteien. „Die Mitte im Kampf gegen die Extreme, vor allem gegen die extreme Rechte, hat ein Stück weit versagt“, sagte er. Nicht aus bösem Willen, sondern aus „Trägheit“ und einer mangelnden Fähigkeit, flexibel auf die veränderten politischen Verhältnisse zu reagieren.


Bei seinen Reisen durch Wahlkampfgebiete habe er zugleich etwas anderes wahrgenommen: „Die Leute dürsten nach einer positiven Vision, die dürsten nach guter Laune.“ Genau hier sieht Deininger eine zentrale Aufgabe für die demokratischen Parteien. Politik müsse nicht nur Probleme beschreiben, sondern auch vermitteln, wofür sich Veränderungen lohnen.


Kompromisse sind kein Verrat
Ein Kernproblem sieht Deininger darin, dass politische Kompromisse zunehmend als Schwäche wahrgenommen würden. In einem Parteiensystem, in dem einfache Mehrheiten schwieriger werden, müssten jedoch unterschiedliche politische Lager miteinander arbeiten.

„Schmerzhafte Kompromisse sind nötig“, sagte Deininger. „Diese Kompromisse sind kein Verrat an Prinzipien, sondern politische Praxis, gelebte Demokratie.“

Gleichzeitig warnte er davor, auf schlechte Wahlergebnisse mit einem sofortigen Rückzug von Reformvorhaben zu reagieren. Eine Regierung müsse bereit sein, notwendige Entscheidungen auch dann durchzuhalten, wenn diese kurzfristig unpopulär seien.

Deininger schilderte zudem seine Erfahrungen als Reporter auf AfD-Veranstaltungen. Journalisten würden dort teilweise angepöbelt oder als „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ beschimpft. Die Bedingungen für Berichterstattung seien mitunter bewusst schwierig. Zugleich betonte er, dass es auch Gegenbeispiele gebe und einzelne AfD-Vertreter durchaus den Kontakt zu Medien suchten.

Problematisch sei vor allem eine Entwicklung, bei der parteinahe oder alternative Medienangebote gerade deshalb als glaubwürdig angesehen würden, weil sie sich offen auf die Seite einer politischen Kraft stellten. „Das Bewusstsein fehlt, dass ein mittlerer Grund, auf dem wir uns alle treffen, auf dem wir zivilisiert reden müssen, inzwischen am Erodieren ist.“

Sigmund Gottlieb: Die Mitte ist massiv geschrumpft
Deutlich besorgt zeigte sich auch Sigmund Gottlieb, ehemaliger Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens. Er erinnerte daran, wie breit die politische Mitte in früheren Jahrzehnten gewesen sei.

„Ich leide schon beträchtlich unter diesen Wahlergebnissen“, sagte Gottlieb. Die Mitte sei gegenüber den 1970er- und 1980er-Jahren „massiv geschrumpft“, wodurch Regierungsbildungen schwieriger würden.

Seine Kritik richtete Gottlieb sowohl gegen rechtsextreme als auch gegen linksextreme Entwicklungen, wobei er ausdrücklich zwischen den politischen Lagern und ihren jeweiligen demokratischen und extremistischen Strömungen unterschied. Besonders beunruhige ihn, dass radikale Positionen zunehmend als normal wahrgenommen würden.

Gleichzeitig warnte der frühere BR-Chefredakteur davor, Deutschland ausschließlich als Krisenfall zu beschreiben. Genau dagegen richte sich sein Buch „Cooles Land, trotz allem“.

Deutschland verfüge über eine starke Zivilgesellschaft, erfolgreiche Familienunternehmen, ein international anerkanntes duales Ausbildungssystem und eine lebendige Gründerszene. „27 Millionen Menschen sind hier in diesem Land im Ehrenamt tätig“, hob Gottlieb hervor. Deutschland sei eine „engagierte, starke Gesellschaft“.

Seine Kritik gilt deshalb auch der öffentlichen Wahrnehmung: „Wir haben über viele Jahre nur die eine Hälfte der Wahrheit, den Pessimismus, in den Vordergrund gestellt.“ Dauerndes Jammern und Schlechtreden könne politische Resignation verstärken.

Welche Verantwortung tragen die Medien?
Damit war die Diskussion bei einer unbequemen Frage für einen PresseClub angekommen: Tragen Medien selbst zur politischen Polarisierung bei?

Gottlieb sieht durchaus eine Mitverantwortung. Konflikt, Krise und Zuspitzung gehörten zwar seit jeher zum Nachrichtengeschäft. Inzwischen habe sich die negative Erzählung jedoch teilweise zu einem Geschäftsmodell entwickelt.

Deininger widersprach dem nicht grundsätzlich, setzte aber einen anderen Schwerpunkt. Journalismus müsse dort hinschauen, „wo es knirscht“. Kritische Berichterstattung sei keine Fehlentwicklung, sondern eine wesentliche Aufgabe der Presse.

Entscheidend sei die Art, wie Journalisten damit umgehen. „Wir müssen uns um Nüchternheit bemühen“, sagte Deininger. Medien dürften die Komplexität gesellschaftlicher Entwicklungen nicht auf einfache Parolen reduzieren.

Als journalistisches Leitbild nannte er die Suche nach der „best obtainable version of the truth“ – der bestmöglichen erreichbaren Version der Wahrheit. Gerade darin liege die Stärke professionellen Journalismus: Er müsse Zweifel zulassen, recherchieren, differenzieren und sich der Wirklichkeit möglichst genau annähern.

„Mehr Empathie, mehr Verständnis, mehr Einfühlen, mehr Differenzierung – das ist der Beitrag, den wir leisten können.“

„Omas gegen Rechts“: Engagement für die Demokratie
Eine andere Perspektive brachte Elisabeth Redler, Mitbegründerin der Münchner Ortsgruppe der „Omas gegen Rechts“, in die Runde. Sie schilderte, wie aus einer kleinen Gruppe von zunächst zwölf bis 15 Frauen eine deutlich größere Initiative entstand.

„Viele ältere Frauen wollen gar nicht alt genannt werden und auch nicht Omas“, sagte Redler mit einem Lächeln. „Wir sind fähig zur Selbstironie.“

Der Name sei inzwischen eine Marke. Dabei richte sich die Initiative nach Redlers Darstellung nicht gegen konservative oder bürgerliche Parteien. „Es geht uns um die Verteidigung der Demokratie, und das Grundgesetz gibt uns die Richtschnur.“

Mit „rechts“ meine die Initiative rechtsextreme, antidemokratische, menschenverachtende und autoritäre Positionen. Gleichzeitig positioniere man sich gegen Antisemitismus und politische Gewalt unabhängig davon, aus welchem politischen Lager sie kämen.

Besonders wichtig sei den Münchner „Omas gegen Rechts“ inzwischen die Arbeit mit jungen Menschen. „Die haben keine Zukunftserzählung, die irgendwie ermutigend ist“, sagte Redler. Junge Menschen hörten von Klimakrise, Wirtschaftskrise, Kriegen und politischen Konflikten – aber zu selten davon, was sie selbst gestalten könnten.

Deshalb suche die Gruppe verstärkt den Kontakt zu Schulen und Jugendzentren. „Wir fühlen uns als Lobby auch für die jungen Leute.“


Ein Parteiverbot als Mittel der wehrhaften Demokratie?
Kontrovers wurde die Frage diskutiert, ob ein Verbotsverfahren gegen die AfD angestrebt werden sollte. Redler machte deutlich, dass sich die „Omas gegen Rechts“ an Demonstrationen beteiligen, die eine entsprechende Prüfung fordern.

„Es ist eine Möglichkeit, die für die wehrhafte Demokratie im Grundgesetz vorgesehen ist“, erklärte sie. Gleichzeitig kenne ihre Initiative die Gegenargumente und das Risiko, dass ein gescheitertes Verfahren die AfD politisch stärken könnte.

Auch Deininger sprach sich dafür aus, die rechtlichen Möglichkeiten sorgfältig zu prüfen, warnte aber vor einem Parteiverbotsverfahren als Ersatz für politische Auseinandersetzung.

„Was nicht passieren darf, ist, dass ein Verbotsverfahren von politischen Kräften als Ersatz für eigene Politik kommt.“

Gottlieb äußerte ähnliche Vorbehalte. Eine juristische Prüfung könne sinnvoll sein, dürfe die Politik aber nicht davon entbinden, selbst Antworten auf gesellschaftliche Probleme zu entwickeln.

Die Brandmauer allein reicht nicht
Fred Langhammer, Chairman Global Affairs von The Estée Lauder Companies und langjähriger Kenner der USA, brachte die internationale Perspektive ein. Er lebt seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten und sieht sowohl das amerikanische als auch das deutsche politische System kritisch.

Beim Umgang mit der AfD hält Langhammer die permanente Diskussion über eine „Brandmauer“ für unzureichend. Stattdessen müsse viel stärker erklärt werden, welche konkreten politischen und wirtschaftlichen Folgen die Umsetzung von AfD-Positionen hätte.

„Man muss erklären, was die AfD überhaupt vorhat und was die Konsequenzen sind“, forderte Langhammer.

Seine Kritik richtete sich dabei auch an Friedrich Merz, mit dem Langhammer nach eigener Aussage befreundet ist. Merz sei „ein sehr intelligenter Mann“, habe aber Schwierigkeiten, seine Politik so zu vermitteln, dass sie bei den Menschen ankomme.

Langhammer zog immer wieder Parallelen zu den USA und Donald Trump. Einige wirtschaftspolitische Entscheidungen Trumps bewertet er positiv, mit dessen politischem Stil geht er dagegen hart ins Gericht. Die Art seines Auftretens könne er „überhaupt nicht vertragen“. Seine abschließende Bewertung war unmissverständlich: „Aus meiner Sicht ist es eine Schande für Amerika.“

Radikalisierung im digitalen Raum
Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf jungen Wählerinnen und Wählern. Dass jüngere Menschen besonders offen für Parteien an den politischen Rändern sein können, erklärte Deininger unter anderem mit der veränderten Mediennutzung.

Dabei seien politische Präferenzen junger Generationen keineswegs dauerhaft festgelegt. Noch vor wenigen Jahren hätten andere Parteien bei Erstwählern stark abgeschnitten. Das zeige, wie volatil diese Gruppe sei.

Entscheidend sei deshalb der digitale Raum. Desinformation, verkürzte Botschaften und emotionalisierte Inhalte hätten dort eine enorme Reichweite. „Wenn es darum geht, warum die Jungen so offen für die AfD sind, dann hat das natürlich schon mit dieser Dauerberieselung durch Lügen oder zumindest verzerrte Wahrheiten zu tun“, sagte Deininger.

Medienkompetenz, politische Bildung und die Fähigkeit, Quellen kritisch zu beurteilen, würden damit zu zentralen Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie.

Die Mitte braucht mehr als Abgrenzung
Trotz unterschiedlicher politischer Ausgangspunkte zeigte sich in der Runde eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Abgrenzung allein wird die politische Mitte nicht stärken.

Gute Regierungsarbeit, nachvollziehbare Reformen, eine verständliche Kommunikation und ein ernsthafter Umgang mit den Sorgen der Bevölkerung wurden immer wieder als Voraussetzungen genannt. Deininger forderte dabei von den Parteien eine größere Bereitschaft zur Differenzierung. Bei der Migration etwa müsse die demokratische Mitte sowohl über die Notwendigkeit von Zuwanderung und Integration als auch über Steuerung und Begrenzung sprechen können.

Zugleich dürfe der demokratische Diskurs nicht immer enger werden. „Mitte rechts und Mitte links ist immer noch, wie es ist“, sagte Deininger. Unterschiedliche politische Überzeugungen gehörten zur Demokratie.

Redler setzt dagegen vor allem auf gesellschaftliches Engagement. Menschen müssten wieder erfahren, dass Demokratie nicht nur etwas sei, das Regierungen, Parlamente und Parteien organisierten. Jeder Einzelne trage Verantwortung.

Und Gottlieb plädierte dafür, trotz aller Probleme nicht die Stärken des Landes aus dem Blick zu verlieren. Eine Gesellschaft, die sich permanent selbst ihren Niedergang erzähle, verliere irgendwann auch den Glauben daran, ihre Probleme lösen zu können.


Verantwortung endet nicht in der Wahlkabine
Zum Schluss stellte Otzelberger eine bewusst provokante Frage: Haben die Wähler eigentlich immer recht?

Deiningers Antwort fiel eindeutig aus: „Das Volk hat nicht immer Recht.“ Auch Bürgerinnen und Bürger müssten Verantwortung dafür übernehmen, wem sie ihre Stimme geben und welche politischen Konsequenzen damit verbunden seien.

Damit schloss sich der Kreis der Diskussion. Denn die Frage, ob die politische Mitte „noch zu retten“ sei, wurde an diesem Abend nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet. Die Runde beschrieb vielmehr eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Medien und Zivilgesellschaft – und nicht zuletzt der Wählerinnen und Wähler selbst.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft des Abends im PresseClub München: Demokratie ist keine Dienstleistung, die man bei Parteien bestellt und bei Unzufriedenheit reklamiert. Sie lebt vom Streit, vom Kompromiss, von einer freien Presse, von politischer Bildung und vom Engagement der Bürger.

Oder, wie es Deininger formulierte: „Jeder an seinem Platz, jeder in seiner Rolle – dann kann es auch besser werden.“

Erinnern, um zu verstehen – warum Orte wie das Dokumentationszentrum Obersalzberg unverzichtbar sind

20. Januar 2026

Das Dokumentationszentrum Obersalzberg ist eine zentrale Einrichtung der politischen Bildung und Erinnerungskultur in Deutschland. Ich habe es besucht und kann den Besuch ausdrücklich empfehlen. Ich habe bereits mehrere Blogpost dazu verfasst, wie zum Kampfhäusl, zur geraubten Madonna und das Bunkersystem.

Das Dokumentationszentrum befindet sich an einem historisch hoch belasteten Ort: dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, der in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem wichtigen Machtzentrum des NS-Regimes ausgebaut wurde. Hier befanden sich unter anderem der Berghof Adolf Hitlers sowie weitere repräsentative und strategische Bauten der nationalsozialistischen Führung. Hier ein paar Eindrücke als Video.

Das Dokumentationszentrum wurde mit dem Ziel eingerichtet, diesen Ort nicht unkommentiert der Geschichte oder gar einer romantisierenden Betrachtung zu überlassen, sondern ihn kritisch einzuordnen und historisch aufzuarbeiten. Die Dauerausstellung informiert umfassend über die nationalsozialistische Diktatur, ihre Ideologie, ihre Machtstrukturen sowie über die Verbrechen des Regimes. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Rolle des Obersalzbergs als Rückzugs- und Inszenierungsort der NS-Führung und auf der bewussten Propagandawirkung, die von diesem Ort ausging.

Die sachliche, quellengestützte Darstellung richtet sich an ein breites Publikum und verbindet historische Dokumente, Fotografien, Texte und audiovisuelle Medien. Ziel ist es nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern auch zur kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte anzuregen. Dabei wird deutlich gemacht, wie eng persönliche Machtansprüche, ideologische Verblendung und staatlich organisierte Gewalt miteinander verknüpft waren.

Die Bedeutung des Dokumentationszentrums liegt vor allem darin, dass es hilft, historische Verantwortung wachzuhalten. Gerade an authentischen Orten wird erfahrbar, dass der Nationalsozialismus kein abstraktes Phänomen war, sondern konkrete Orte, Akteure und Entscheidungen hatte, deren Folgen millionenfaches Leid verursachten. Das Zentrum leistet damit einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Bildung, zur Prävention von Geschichtsverfälschung und zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Antisemitismus in der Gegenwart.

In einer Zeit, in der Zeitzeugen zunehmend fehlen und historische Zusammenhänge vereinfacht oder relativiert werden, kommt Einrichtungen wie dem Dokumentationszentrum Obersalzberg eine besondere Verantwortung zu. Sie bieten Orientierung, fördern kritisches Denken und erinnern daran, wie fragil demokratische Strukturen sein können. Damit ist das Dokumentationszentrum nicht nur ein Ort der Information, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil der aktiven Erinnerungskultur und der politischen Bildung in Deutschland.
Gerne würde ich ein Seminar zur politischen Bildung dort machen.

Lichteraktion Nie wieder als leuchtendes Zeichen gegen Rechtsextremismus in Fürstenfeldbruck – ich war dabei

11. Februar 2024

Ein sichtbares leuchtendes Zeichen gegen Rechtsextremismus setzten die Bürgerinnen und Bürger aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck mit ihrer Lichteraktion „Nie wieder“ – und meine Familie und ich waren dabei. Laut Veranstalterangaben kamen bis zu 3000 Demonstranten auf der Klosterwiese hinter dem Kloster Fürstenfeld zusammen und bildeten die Wörter „Nie wieder“. Sie richteten bei Dunkelheit ihre mitgebrachten Taschenlampen oder Smartphone-Leuchten in den Himmel, so dass das Zeichen von der städtischen Drohne fotografiert wurde.

Gegen 17 Uhr fanden sich wir Demonstranten auf der Wiese ein. Wir reisten mit dem Bus von unserem Dorf an und spazierten zum Veranstaltungsgelände. Am Boden waren gelbe Markierungen mit Sprühkreide angelegt, die von oben dann die Wörter „Nie wieder“ bildeten. Meine Familie und ich reihten uns beim D ein, mit der scherzhaften Bemerkung, dass bei der Planung hoffentlich kein Rechtschreibfehler passiert war.

Die Organisation klappte hervorragend. Überall waren Ordner und helfende Hände, Polizei war da und half, auch Politik-Prominenz hatte sich eingefunden. Ich sprach mit der CSU-Bundestagsabgeordneten Katrin Staffler und den CSU-Stadtrat Andreas Lohde, der einen Israel-Hoodie trug. Aber auch viele andere habe ich gesehen und zugenickt, wie der Grünen-Kreisrätin Angelika Símon-Kraus, die mich über die Aktion informiert hat. Auch einen ehemaligen Kollegen der örtlichen Tageszeitung traf ich, der von einer Demo in Germering mit 500 Leuten kam. Es herrschte eine gute Stimmung. Jemand bemerkte, dass hier die klassischen Ostermarsch-Marschierer anzutreffen seien, wo seien denn die jungen Leute? Es ist auch ihre Demokratie. Gut, dass kann ein subjektiver Eindruck gewesen sein.

Wir postierten uns, sprachen miteinander und hörten uns die Reden von Markus Ambrosy, leitender Dekan des Dekanatsbezirks Fürstenfeldbruck sowie Brucks Oberbürgermeister Christian Götz an.

Dann warteten wir, dass die Sonne unterging, während Musik abgespielt wurde. Die Musik war nicht so nach meinen Geschmack, aber auch egal. Die Drohne flog zum ersten Mal und wir schalteten als Übung unsere mitgebrachten Lichter ein, ein Buchstabe nach dem anderen. Die Generalprobe klappte und wir mussten noch ein wenig warten bis die Sonne über Fürstenfeldbruck untergegangen war. Wichtig war für einige, dass man rechtzeitig vor dem Fernseher war, um das Bayernspiel nicht zu versäumen. Übrigens, der FC Bayern verlor in Leverkusen 0:3, also eher eine Pleite.

Dann war es dunkel. Der große Moment kam. Die Drohne war in Position. Los ging’s. Auf Kommando schalteten wir unsere Lichter ein und zudem gab es noch eine Lichterbegrenzung um unsere Buchstaben herum. Ich habe das Ganze mit der VR 360 Grad Kamera von meiner Position eingefangen. Ich freu mich schon, wenn der Film der Drohne veröffentlich wird. Insgesamt, ein tolles und wichtiges Zeichen, wie ich finde. Die Demos gegen Rechtsextremismus dürfen nicht nachlassen. Ich wünschte mir allerdings mehr Beteiligung. 3000 Besucher sind gut, aber bei 37695 Einwohner in der Großen Kreisstadt (31. Dez. 2022) ist noch Luft nach oben. Es darf nicht nachgelassen werden mit großen und kleinen Aktionen, um der rechten Brut die Grenzen zu zeigen. Es stehen in diesem Jahr einige Wahlen an. Diese Lichteraktion war für mich ein leuchtendes Zeichen gegen Rechtsextremismus und für Toleranz und Demokratie.

Die Aktion wurde von einem breiten Bündnis von unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Gruppen organisiert. Das Aktionsbündnis besteht aus der Stadt Fürstenfeldbruck, Bürgerstiftung e.V., Historischer Verein FFB, BUND Naturschutz Kreisgruppe FFB, Caritas, DGB, GEW, Sozialforum Amper, Eine-Welt-Zentrum FFB, Bündnis FFB bunt-nicht braun, Sonnensegler Energiegenossenschaft, BBV, ÖDP, SPD, CSU, FW, FDP, Die Partei, Die Linke und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Start unserer kostenlosen Online-Reihe „NS-Filme kritisch hinterfragt“

6. Januar 2024

Ich bin es leid, sehr leid, dass die Rechtsextremisten in unserem Land mehr und mehr Boden gewinnen. Und ich habe Angst davor. Dieses rechte Gedankengut stößt auf fruchtbaren Boden und da müssen Demokraten aller demokratischen Parteien dagegen halten. Ich will dazu auch meinen Beitrag leisten und habe mit meinem Kollegen Stefan Preis eine neue Online-Reihe „NS-Filme kritisch hinterfragt“ ins Leben gerufen.

Jeden Monat diskutieren wir in einem kostenlosen Online-Seminar auf Einladung der Franken Akademie einen NS-Film. Mit dem Start der Seminarreihe am Montag 8. Januar behandeln wir von 18 bis 20 Uhr eines der markantesten Beispiele nationalsozialistischer Filmpropaganda, den NS-Film „Kolberg“ aus dem Jahr 1945. Zur Anmeldung geht es hier lang.

Kolberg wurde unter der Regie von Veit Harlan produziert und diente als Instrument der Manipulation und Propaganda während der späten Phase des Zweiten Weltkriegs. Das Seminar bietet die Gelegenheit, tiefer in die Machenschaften und Strategien des Dritten Reiches im Hinblick auf die Verbreitung ideologischer Botschaften und Beeinflussung der Bevölkerung einzutauchen. Wir werden die historischen Hintergründe beleuchten, die zur Entstehung des Films „Kolberg“ geführt haben. Hierbei werden wir auf die politische und kulturelle Situation im Dritten Reich in den letzten Kriegsjahren eingehen. Und wir werden analysieren, wie der NS-Film „Kolberg“ gezielt zur Verbreitung von NS-Ideologie und zum Schüren von Patriotismus und Opferbereitschaft in der Bevölkerung eingesetzt wurde.

In meinem Newsletter werde ich die anstehenden Termine und Filme informieren. Das nächste Online-Seminar im Rahmen der kostenlose Online-Reihe „NS-Filme kritisch hinterfragt“ ist am Montag, 5. Februar der Film Jud Süß (1940).

Keine rechtsextremistischen Anfeindungen an die Regierungspräsidenten von Niederbayern und der Oberpfalz

14. Oktober 2019

Das feige rechtsextremistische Attentat von Halle war erst ein paar Tage her, als der Presseclub München zu seiner Herbstreise nach Ostbayern startete. Hier trafen die Journalisten auf die Regierungsdirektoren von Niederbayern und der Oberpfalz Rainer Haselbeck und Axel Bartelt.Vor wenigen Wochen, am 2. Juni 2019, wurde ein Kollege Haselbecks und Bartelts ermordet: Walter Lübcke. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) wurde vor seinem Wohnhaus mit einem Pistolenschuss aus nächster Nähe in den Kopf getötet. Als dringend tatverdächtig wurde am 15. Juni 2019 der hessische Rechtsextremist Stephan Ernst festgenommen, der gestand und später widerrief. Als Tatmotiv nannte Ernst darin Äußerungen Lübckes während der Flüchtlingskrise 2015.

Keine Bedrohung verspürt Regierungspräsident Rainer Haselbeck.

Keine Bedrohung verspürt Regierungspräsident Rainer Haselbeck.

Auf die Frage, ob sich auch Rainer Haselbeck bedroht fühlt, antwortete der Regierungspräsident aus Niederbayern: „Ich habe vergleichbares bisher nicht erlebt.“ Die größten verbalen Auseinandersetzungen waren bisher, ob an einem gewissen Ort eine Flüchtlingsunterkunft entstehen soll oder nicht. „Es gab intensive Kontakte mit der Bevölkerung, aber Anfeindungen dieser Art haben wir nicht erlebt.“

Auf die Nachfrage von PresseClub-Vorsitzender Peter Schmalz nach einer Verrohung der Gesellschaft meinte Haselbeck: Er bemerke, dass sie Bereitschaft behördliche Entscheidungen des Staates zu akzeptieren, auch wenn sie einem nicht passen, deutlich zurück geht.

Rief auf zur Gedenkminute: Regierungspräsident Axel Bartelt

Rief auf zur Gedenkminute: Regierungspräsident Axel Bartelt

Ein tiefergehende Problem mit dem Rechtsextremismus stellte der Regierungspräsident der Oberpfalz Axel Bartelt bei einem Empfang im Spiegelsaal der Regierung fest. Er appellierte an die Mitglieder der Presseclubs München und Regensburg als „Gewissen der Nation“ Bewusstseinsbildung zu betreiben. „Wir sind an einem Wendepunkt angekommen.“

Axel Bartels will jetzt einen gemeinsamen Empfang von „bayerischen und jüdischen Mitbürgern“ durchführen, was für mich unverständlich ist, denn Bayern sind Juden und Juden sind Bayern. Hier hat sich der Regierungspräsident meines Erachtens unglücklich ausgedrückt, bei dem richtigen Zeichen, das er setzen möchte. Zum Gedenken an die Opfer von Halle bat der Regierungspräsident die anwesenden Pressevertreter sich von ihren Plätzen für eine Gedenkminute zu erheben.

Flüchtlingssituation 2015 im Landkreis Passau
Der Landrat von Passau, Franz Meyer, erinnerte an einem Empfang in Hauzenberg in Niederbayern an die Flüchtlingsbewegung von 2015. 8000 Flüchtlinge pro Tag kamen damals über die grüne Grenze von Österreich nach Bayern. „Wir haben in dieser Phase mehr Flüchtlinge im Landkreis gehabt als acht europäische Staaten“, so Meyer. Die Österreicher haben die Flüchtlinge aktiv an Deutschland weitergeleitet. „Die größten Schleuser sind die Österreicher“, so Meyer auch damals in einem Interview mit den Tagesthemen.

Der Landrat von Passau Franz Meyer ist ein Freund deutlicher Worte.

Der Landrat von Passau Franz Meyer ist ein Freund deutlicher Worte.

Ein große Herausforderung damals war eine hohe Anzahl von unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen. Rund 4000 Jugendliche mussten vom Passauer Kreisjugendring betreut werden. Die Anstöße zur Verteilung dieser Jugendliche nach Bayern und ins ganze Bundesgebiet kamen von Passau und wurden von den Behörden schnell umgesetzt. „Wenn es pressiert, gehts schnell“, so Meyer. „Danke an die vielen Hunderte von Leuten bei uns, die ehrenamtlich rund um die Uhr gearbeitet haben.“ Meyer weiter: „Wir haben das mit großer Humanität geschafft.“ Bei aller deutlichen Worten in dieser Phase sei es wichtig, was man sagt. Nicht anheizen, sondern die Dinge klar formuliert.

Landrat Meyer bedankte sich ausdrücklich beim Freistaat und dem damaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. „Auf Horst Seehofer war Verlass in all diesen Fragen.“
Heute kommen an der Grenze zwischen 50 und 100 Flüchtlinge pro Tag an. Meyer unterstützt die Grenzkontrollen, aber nicht an der jetzigen Form. Die Grenzkontrollen finden an einer ungeeigneten Stelle mitten auf der Autobahn statt und behindern die Berufspendler nach Passau.

Erinnerungen an das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980

12. Dezember 2014

Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen - gut so.

Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen – gut so.

Die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat von 1980 werden nach 34 Jahren wieder aufgenommen. Es ist wichtig und richtig, da sich neue Zeugen aufgetaucht sind – nach 34 Jahren. Ich hörte auf einer Reise von einem Seminar im Radio von der Wiederaufnahme des Verfahrens und schlagartig waren die Bilder von damals wieder in meinem Kopf präsent.
Ich war zum Zeitpunkt des Attentats fast zwölf Jahre alt und genoss wie Tausende andere auch die Wiesn. Ich war einen Tag zuvor mit meinen Eltern auf dem Oktoberfest und erfuhren von dem feigen Attentat aus dem Fernehen. Es war totenstill im elterlichen Wohnzimmer, als die schrecklichen Bilder über die Mattscheibe flimmerten. Keiner sprach ein Wort bei uns in der Familie, wir schauten nur den Ort der Verwüstung an, an dem wir einen Tag zuvor waren. Mein Gott, der Irrsinn hätte auch uns erwischen können. Auch wir gingen durch den Eingang auf die Wiesn.

Erinnerungen an die Opfer.

Erinnerungen an die Opfer.

Ich hatte seitdem immer ein ungutes Gefühl, wenn ich auf die Wiesn ging. Es war nicht Angst, sondern eine gewisse Trauer, gemischt mit Wut. So einen Anschlag hatte es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bis dahin nicht gegeben. Zu jedem Wiesn-Besuch gehörte bei mir ein Besuch des Mahnmals dazu, das zur Erinnerung an den 26. September 1980 errichtet wurde. Und wenn einer der Betrunkenen am Denkmahl im Suff krakelte, dann kam bei mir die Galle hoch. Meist wurde aber die Würde des Ortes geachtet, die Gaudi ging dann ein paar Meter weiter los.

Besoffen - keinen Respekt vor den Toten.

Besoffen – keinen Respekt vor den Toten.

Zum fünften Jahrestag des Wiesnattentats bekam ich eine Dokumentation der Stadt München in die Hände, die ich bis heute aufgehoben habe und die mein Archiv gewandert ist. Es war eie quadratische Broschüre in Schwarz. Auf dem Titel war in dunklen Farben das Mahnmal und dahinter die Fahrgeschäfte zu sehen. Daneben stand in serifenloser Schrift: 26. September 1980 – Dokumentation zum 5. Jahrestag des Bombenanschlags auf dem Oktoberfest in München.“

Dokumentation zum Wiesnattentat

Dokumentation zum Wiesnattentat

Jetzt zur Wiederaufnahme des Verfahrens habe ich diese Doku wieder hervorgeholt und darin gelesen. Schockierend waren nach wie vor die zahlreichen Schwarzweiß-Fotos von der Attentatsnacht. Zeitungsbilder waren damals immer in Schwarzweiß. Der Eingang zur Theresienwiese sah aus wie ein Kriegsgebiet. Um 22.19 Uhr detonierte die Bombe in einem Mülleimer und riss 13 Menschen in den Tod. Darunter auch das Riesenarschloch und Attentäter Gundolf Köhler, ein 21jähriger Rechtsextremist aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann.
Am heftigsten prägte sich mir ein Bild von damals ein, als ein Turnschuh eines Opfers neben einer Blutlache lag. Einem Opfer musste sich der Schuh wohl durch die Detonation vom Fuß gelöst haben. So ein Bild kannte ich von fernen Kriegen, aber nicht vom braven München. Unter den Opfern waren auch drei Kinder, etwas jünger als ich damals.
Am 30. September 1980 fand ein Trauergottesdienst im Alten Rathaus statt. Münchens Oberbürgermeister Erich Kiesl sagte damals: „Wir müssen eintreten gegen jede Haltung, die Gewalt übt, sie predigt, sie billigt, duldet oder nur verharmlost.“ – Wahre Worte, die noch heute gelten (müssen).

Schreckliche Bilder in meinem Kopf.

Schreckliche Bilder in meinem Kopf.

Ich weiß noch, wie wir den Unterricht in unserer Schule unterbrachen und unsere Lehrer mit uns Schülern über das Attentat sprachen. Von Mathe und Physik hab ich nicht mehr viel Erinerungen aus meiner Schulzeit, wohl aber von den Gesprächen, das unsere Lehrer damals mit uns führen. Es war ein gutes Gefühl, dass wir damals darüber sprachen und ich hoffe, dass Padagogen es heute auch noch bei einschneidenden Ereignissen mit ihren Schülern tun, Lehrplan hin oder her.


Aufmerksam lese ich heute den Abschlussbericht des Landeskriminalamtes von damals: „Nachdem jetzt vorliegenden abschließenden Ermittlungsergebnis ist festzustellen, dass Gundolf Köhler als Alleintäter gehandelt wird. Konkrete Anhaltspunkte oder Indizien dafür, dass Dritte seinen Tatentschluss hervorgerufen oder mitbestimmt haben könnten, sind nicht vorhanden. Die Vielfalt und das Gewicht, der aufgezeigten Beweismittel, Beweiszeichen und Zeugenaussagen zwingen zu dem Schluss, dass Gundolf Köhler den Sprengsatz gebaut, ihn zum Tatort gebracht und seine Explosion verursacht hat. Obwohl Gundolf Köhler bis zuletzt rechtsextremistisch eingestellt war und früher Kontakte zu rechtsextremistischen Gruppen hatte, spricht nichts konkret dafür, dass Angehörige dieser Gruppierungen mit dem Sprengstoffanschlag in München in Verbindung stehen. Auch wurden keine Kontakte Köhlers zur Tatzeit und in der Zeit unmittelbar davor, zu rechtsextremistischen Gruppen festgestellt.“
Ich bin sehr gespannt, was die neuen Ermittlungen und Zeugenaussagen nun ergeben – 34 Jahre später.