Posts Tagged ‘Zeitgeschichte’

Mödlareuth – wo eine Mauer Familien trennte und Geschichte bis heute unter die Haut geht

25. August 2026

Mödlareuth ist ein kleines Dorf, dessen Geschichte wie kaum eine andere die deutsche Teilung im Kleinen sichtbar macht. Häufig wird der Ort als „Klein-Berlin“ bezeichnet. Doch dieser Vergleich greift eigentlich zu kurz. Denn während Berlin erst infolge des Zweiten Weltkriegs und schließlich durch den Mauerbau geteilt wurde, verlief durch Mödlareuth bereits seit Jahrhunderten eine Grenze. Lange bevor es Bundesrepublik und DDR gab, bevor Deutschland überhaupt ein Nationalstaat war, gehörten die beiden Seiten des Dorfes unterschiedlichen Herrschaftsgebieten an. Im Rahmen eines Seminars zum Mauerbau besuchte ich mit meinen Seminarteilnehmern das Deutsch-deutsche Museum und sah mir die Grenzanlagen an.

Historische Grenze
Die historische Grenze geht bis in die frühe Neuzeit zurück. Im 16. Jahrhundert wurde sie zwischen verschiedenen deutschen Territorien festgelegt. Auf der einen Seite lag fränkisches Herrschaftsgebiet, auf der anderen das Gebiet des Hauses Reuß. Um den Grenzverlauf möglichst eindeutig festzulegen, orientierte man sich nicht allein an Grenzsteinen, die versetzt werden konnten, sondern an natürlichen oder dauerhaft vorhandenen Gegebenheiten. In Mödlareuth spielte dabei der Tannbach eine entscheidende Rolle. Auch ein alter Handelsweg diente der Orientierung. Von einer Teilung des Dorfes im späteren politischen Sinne konnte damals allerdings keine Rede sein. Die Grenze trennte Herrschafts- und Verwaltungsgebiete, aber keine Gesellschaften oder politischen Systeme.

Mit dem Wachstum Mödlareuths entwickelte sich auf beiden Seiten des Tannbachs eine Dorfgemeinschaft. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten beispielsweise auf der thüringischen Seite bereits rund 50 Menschen. Die politische Grenze hatte dennoch konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben. Sie war eine Zollgrenze, und Waren, die von einem Territorium ins andere gebracht wurden, konnten mit erheblichen Abgaben belastet werden. Auch Handwerker konnten nicht ohne Weiteres auf der jeweils anderen Seite arbeiten. Selbst eine Heirat über die Grenze hinweg konnte teuer werden, weil beim Wechsel des Herrschaftsgebietes Abgaben fällig wurden.

Gleichzeitig zeigte sich aber, wie wenig politische Grenzen gewachsene soziale Verbindungen vollständig trennen können. Besonders deutlich wurde dies im kirchlichen Leben. Die Bewohner beider Dorfteile gehörten lange Zeit derselben Kirchengemeinde an. Am Sonntag verlor die politische Grenze damit einen Teil ihrer Bedeutung. Die Menschen gingen gemeinsam zur Kirche, waren miteinander verwandt, arbeiteten miteinander und sprachen denselben regionalen Dialekt. Mödlareuth war politisch geteilt, gesellschaftlich aber ein Dorf.

Im 19. Jahrhundert verlor die alte Grenze zunehmend an Bedeutung. Mit der wirtschaftlichen Annäherung der deutschen Staaten und schließlich der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde aus der früheren Staatsgrenze eine Landesgrenze innerhalb eines gemeinsamen deutschen Staates. Im Alltag spielte sie immer weniger eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchien verstärkte sich diese Entwicklung. Während der Weimarer Republik konnten die Bewohner die Grenze praktisch problemlos überschreiten. Mödlareuth entwickelte sich wie viele andere kleine Orte: Landwirtschaft, Schule, Feuerwehr, Wirtshaus und gemeinschaftliches Leben prägten das Dorf. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass der Tannbach eines Tages zu einer nahezu unüberwindbaren politischen Grenze werden würde.

Kalter Krieg
Diese Situation änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend. Nach dem 8. Mai 1945 wurde Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Grenzen dieser Zonen orientierten sich teilweise an den historischen Landesgrenzen. Damit erhielt die jahrhundertealte Grenze zwischen Bayern und Thüringen plötzlich weltpolitische Bedeutung. Der bayerische Teil Mödlareuths lag in der amerikanischen, der thüringische Teil in der sowjetischen Besatzungszone.

Dabei kam es zunächst sogar zu einer bemerkenswerten Kuriosität. Aufgrund ungenauen Kartenmaterials wurde auch ein kleiner Teil des bayerischen Mödlareuth zeitweise von sowjetischen Truppen besetzt. Erst nachdem der Irrtum erkannt worden war, zogen sich die sowjetischen Einheiten zurück. Damit war die alte Landesgrenze wiederhergestellt – nun allerdings als Grenze zwischen zwei Besatzungssystemen.

In den ersten Nachkriegsjahren blieb das Dorfleben dennoch erstaunlich eng miteinander verbunden. Die Menschen konnten die Grenze zunächst noch überschreiten. Familien besaßen Felder und Grundstücke auf der jeweils anderen Seite. Bauern gingen mit ihren Tieren und Geräten über den Tannbach, um ihre Flächen zu bewirtschaften. Schule, Feuerwehr und andere Einrichtungen wurden teilweise weiterhin gemeinsam genutzt. Die politische Großwetterlage war zwar spürbar, hatte das alltägliche Zusammenleben aber noch nicht vollständig zerstört.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1949 wurde aus der Besatzungszonengrenze schließlich eine Grenze zwischen zwei deutschen Staaten. Die entscheidende Zäsur für Mödlareuth kam jedoch 1952. Angesichts der zunehmenden Fluchtbewegung aus der DDR begann die SED-Führung, die innerdeutsche Grenze systematisch abzuriegeln.

Trennungslinie
Damit wurde aus der historischen Grenze durch Mödlareuth eine tatsächliche Trennungslinie. Die DDR richtete entlang der innerdeutschen Grenze ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet ein. Innerhalb dieses Gebietes galten besondere Aufenthalts- und Kontrollbestimmungen. Bewohner benötigten entsprechende Einträge in ihren Ausweisdokumenten. Wer von außerhalb Verwandte im Grenzgebiet besuchen wollte, musste eine Genehmigung beantragen. Selbst Familienbesuche wurden damit zu staatlich kontrollierten Vorgängen.

Für Mödlareuth bedeutete das einen dramatischen Einschnitt. Menschen, die wenige Meter oder wenige hundert Meter voneinander entfernt wohnten und miteinander verwandt waren, konnten plötzlich nicht mehr selbstverständlich miteinander sprechen oder sich besuchen. Kontaktaufnahmen über die Grenze hinweg waren untersagt. Selbst Winken und Zurufen konnten verboten sein. Familien wurden auseinandergerissen, obwohl ihre Häuser teilweise nur einen Steinwurf voneinander entfernt standen.

Grenzbefestigungen
1952 entstand zunächst ein Bretterzaun entlang der Grenze. Damit erlebte Mödlareuth bereits neun Jahre vor Berlin eine sichtbare Abriegelung. Als am 13. August 1961 in Berlin mit dem Bau der Mauer begonnen wurde, kannten die Menschen in Mödlareuth die physische Teilung ihres Lebensraumes längst. Deshalb ist der häufig verwendete Begriff „Klein-Berlin“ zwar verständlich, historisch aber nur bedingt passend: Mödlareuth war früher geteilt und früher mit Grenzanlagen versehen worden.

Nach dem Berliner Mauerbau wurde auch die innerdeutsche Grenze weiter ausgebaut. Ab 1962 entstanden umfangreiche Sperranlagen mit Zäunen, Kontrollstreifen, Wachtürmen und Minenfeldern. Entlang der gesamten innerdeutschen Grenze setzte die DDR Hunderttausende Landminen ein. Sie sollten Fluchtversuche verhindern und konnten Menschen schwer verletzen oder töten. Für die Bewohner der Grenzregion wurde die staatliche Gewalt damit permanent sichtbar.

Auch Mödlareuth wurde immer stärker befestigt. Unterschiedliche Zaunsysteme folgten aufeinander, bis 1966 schließlich eine massive Betonmauer errichtet wurde. Sie war mehrere Meter hoch und mit einer abgerundeten Auflage versehen, die ein Überklettern erschweren sollte. Damit verlief mitten durch das kleine Dorf eine Mauer, die Familien, Nachbarn und Freunde voneinander trennte.

Republikflucht
Dennoch gelang eine spektakuläre Flucht. Ein Berufskraftfahrer, der aufgrund seiner Tätigkeit mit den örtlichen Verhältnissen und den Grenzposten vertraut war, konstruierte eine kleine Leiter, die er unter beziehungsweise an seinem Dienstfahrzeug verbergen konnte. Nachts fuhr er an die Mauer, stieg über sein Fahrzeug auf die Leiter und überwand die Sperranlage erfolgreich. Die DDR-Behörden reagierten darauf mit einer weiteren Verschärfung der Sicherungsmaßnahmen. Zusätzliche Zäune wurden errichtet, das Gelände stärker beleuchtet, die Truppenpräsenz erhöht und ein neuer Beobachtungsturm gebaut. Um freie Sicht auf das Grenzgebiet zu erhalten, wurden sogar Gebäude abgerissen.

Gerade daran zeigt sich die besondere Brutalität des Grenzregimes. Menschen, die die DDR verlassen wollten, galten aus Sicht der Staatsführung nicht einfach als Auswanderer oder Flüchtlinge. Ihre Flucht wurde kriminalisiert. Der Staat setzte erhebliche personelle, technische und finanzielle Mittel ein, um seine Bürger am Verlassen des Landes zu hindern.

Für die Bewohner Mödlareuths war diese Politik besonders schmerzhaft, weil nahezu jede Familie verwandtschaftliche Beziehungen auf die andere Seite hatte. Brüder, Schwestern, Eltern, Kinder und Großeltern lebten manchmal nur wenige hundert Meter voneinander entfernt und konnten sich dennoch jahrelang nicht besuchen. Sie konnten die Häuser der anderen sehen, Rauch aus den Schornsteinen beobachten oder das Leben auf der anderen Seite erahnen – und waren doch durch eine Staatsgrenze und ein militärisch gesichertes Sperrsystem getrennt.

Später wurden die Reiseregelungen für DDR-Rentner etwas gelockert. Damit waren gelegentliche Besuche im Westen möglich. Doch selbst für eine Strecke, die im Dorf nur wenige hundert Meter betrug, konnte eine Reise über offizielle Grenzübergänge mehrere Stunden dauern. Man musste das Grenzgebiet verlassen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem zugelassenen Übergang fahren, umfangreiche Kontrollen über sich ergehen lassen und anschließend auf westdeutscher Seite wieder zurück nach Mödlareuth gelangen. Die Absurdität der deutschen Teilung wurde hier besonders deutlich: Sichtweite konnte politisch zu einer Entfernung von vielen Stunden werden.

Minenfrei
In den 1980er Jahren begann die DDR mit der Räumung der Minen an der innerdeutschen Grenze. Bis Mitte des Jahrzehnts galt die Grenze offiziell weitgehend als minenfrei, auch wenn nicht sämtliche Sprengkörper gefunden werden konnten. Die übrigen Sperranlagen blieben jedoch bestehen. Noch immer trennten Zäune, Mauern, Kontrollstreifen und Wachtürme die beiden Teile Mödlareuths.

Wiedervereinigung
Dann kam das Jahr 1989. Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der innerdeutschen Grenze verlor auch die Mauer von Mödlareuth ihre Funktion. Was über Jahrzehnte streng verboten gewesen war, wurde plötzlich wieder möglich: Nachbarn konnten aufeinander zugehen, Familien konnten sich treffen und die wenigen Meter überwinden, die politisch zuvor fast unüberwindbar gewesen waren. Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete die staatliche Teilung.

Verwaltungstechnisch ist Mödlareuth allerdings bis heute geteilt. Ein Teil gehört zum Freistaat Bayern, der andere zum Freistaat Thüringen. Dadurch gibt es beispielsweise unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und kommunale Zuständigkeiten. Niemand im Dorf empfindet dies jedoch als Problem. Im Gegenteil: Die Besonderheit gehört inzwischen zur Identität Mödlareuths.

Heute ist ein Teil der ehemaligen Grenzanlagen erhalten geblieben. Mödlareuth ist dadurch zu einem außergewöhnlichen Erinnerungsort der deutschen Geschichte geworden. Mauerreste, Wachturm, Grenzzaun und weitere Anlagen machen sichtbar, was abstrakte Begriffe wie „deutsche Teilung“, „innerdeutsche Grenze“ oder „Eiserner Vorhang“ für die Menschen konkret bedeuteten.

Gerade die lange Geschichte Mödlareuths macht den Ort so faszinierend. Die Grenze selbst war nicht das eigentliche Problem. Sie existierte bereits seit Jahrhunderten. Ihre Bedeutung veränderte sich jedoch immer wieder. Sie war Herrschaftsgrenze, Zollgrenze, Landesgrenze, Besatzungszonengrenze und schließlich eine nahezu unüberwindbare Systemgrenze zwischen Demokratie und Diktatur. Zeitweise war sie kaum mehr als eine Verwaltungslinie, zu anderen Zeiten bestimmte sie nahezu jeden Aspekt des täglichen Lebens.

Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort
Mödlareuth erzählt deshalb nicht nur die Geschichte eines geteilten Dorfes. Der Ort zeigt im Kleinen, wie politische Systeme das Leben von Menschen verändern können. Dieselben Nachbarn, dieselben Familien, derselbe Bach und dieselben Häuser blieben bestehen – doch die Bedeutung der Linie dazwischen änderte sich dramatisch. Aus einer jahrhundertealten Grenze wurde im Kalten Krieg eine Mauer zwischen zwei politischen Welten. Heute ist diese Grenze wieder nahezu unsichtbar. Gerade deshalb ist Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort: Es zeigt, dass offene Grenzen und die Freiheit, Nachbarn, Freunde und Verwandte auf der anderen Seite einfach besuchen zu können, keineswegs selbstverständlich sind.

Für mich steht fest: Das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth ist weit mehr als ein Museum. Es ist ein Ort, an dem deutsche Geschichte nicht hinter Glas verschwindet, sondern unmittelbar spürbar wird. Wer durch dieses kleine Dorf geht, steht dort, wo sich einst zwei politische Systeme gegenüberstanden – mitten zwischen Häusern, Familien und Nachbarn.
Was in Berlin zum weltweiten Symbol des Kalten Krieges wurde, geschah hier im Maßstab eines Dorfes. Gerade das macht das Deutsch-Deutsche Museum so wichtig. Die deutsche Teilung erscheint hier nicht als abstrakte Politik von Regierungen, Parteien und Militärblöcken. Sie wird zur Geschichte von Menschen. Nachbarn konnten nicht mehr zueinander. Wege endeten plötzlich an einer Grenze. Bewaffnete Grenzsoldaten, Zäune, Mauern und Beobachtung bestimmten einen Ort, der eigentlich nichts anderes sein wollte als ein Dorf.

Wer heute vor den erhaltenen Grenzanlagen steht, kann sich der Wirkung kaum entziehen. Eine Mauer quer durch ein Dorf wirkt vielleicht sogar bedrückender als viele Bilder der Berliner Mauer. Denn hier erkennt man unmittelbar die Absurdität der Teilung: Auf der anderen Seite liegt keine fremde Welt. Dort stehen Häuser, Felder und Straßen. Und doch war dieser kurze Abstand für Jahrzehnte nahezu unüberwindbar.

Deshalb ist Mödlareuth auch mehr als ein Erinnerungsort. Das Museum erinnert daran, dass Freiheit, Demokratie und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, keine Selbstverständlichkeiten sind. Geschichte besteht nicht nur aus Jahreszahlen. Sie besteht aus Entscheidungen – und aus den Folgen dieser Entscheidungen für ganz normale Menschen.
Am 9. Dezember 1989 wurde der Grenzübergang in Mödlareuth geöffnet. Die politische Grenze verschwand. Eine Besonderheit aber blieb: Noch heute gehört ein Teil des Dorfes zu Bayern und der andere zu Thüringen.
Mödlareuth bewahrt damit eine Geschichte, die wir gerade deshalb erzählen müssen, weil die Generation der Zeitzeugen kleiner wird. Irgendwann werden keine Menschen mehr berichten können, wie es sich anfühlte, in einem geteilten Land zu leben. Dann brauchen wir Orte wie diesen.
Man kann Bücher über die deutsche Teilung lesen. Man kann Dokumentarfilme sehen und historische Aufnahmen betrachten. Aber in Mödlareuth steht man plötzlich selbst vor der Mauer. Und in diesem Moment wird aus Geschichte Erinnerung – und aus Erinnerung Verantwortung.

Filmtipp: Tannbach – Schicksal eines Dorfes
Die ZDF-Produktion „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ erzählt am Beispiel eines fiktiven Dorfes, wie die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg unmittelbar in das Leben der Menschen eingriff. Familien, Freunde und Nachbarn geraten zwischen die Fronten der entstehenden politischen Systeme in Ost und West. Aus persönlichen Konflikten werden politische – und eine Grenze beginnt, eine Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen.

Inspiriert wurde die Geschichte unter anderem durch das reale Mödlareuth, jenes bayerisch-thüringische Dorf, das jahrzehntelang tatsächlich durch die innerdeutsche Grenze geteilt war. Gerade diese Verbindung macht „Tannbach“ so eindringlich: Die Serie zeigt, dass der Kalte Krieg nicht nur in Berlin, Washington oder Moskau stattfand. Er verlief durch Dörfer, durch Familien und manchmal buchstäblich direkt vor der eigenen Haustür.

Mit Schauspielern wie Henriette Confurius, Heiner Lauterbach, Nadja Uhl und Martina Gedeck verbindet die Produktion historische Ereignisse mit persönlichen Schicksalen. So wird aus großer deutscher Geschichte eine emotionale Erzählung über Heimat, Ideologie, Anpassung, Widerstand und die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, wenn eine Grenze plötzlich ihr Leben bestimmt.

Jenseits des Hollywood-Mythos – „Marilyn 100“ auf Kloster Banz zeigt die Frau hinter der Ikone

2. August 2026

Marilyn Monroe gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Filmgeschichte. Kaum eine andere Schauspielerin wurde so oft fotografiert, porträtiert und interpretiert wie sie. Doch nur wenige Aufnahmen vermitteln einen so unmittelbaren und persönlichen Eindruck von Norma Jeane Baker, der Frau hinter dem Weltstar, wie jene Fotografien, die derzeit in der Kunsthalle Kloster Banz in Bad Staffelstein zu sehen sind. Kloster Banz wird von der Hanns-Seidel-Stiftung betrieben. Die Sonderausstellung „Marilyn 100“, die anlässlich ihres 100. Geburtstags entstanden ist, verzichtet bewusst auf den bekannten Glamour der Filmstudios und eröffnet stattdessen einen außergewöhnlich intimen Blick auf eine Frau, deren Leben bis heute von Mythen umgeben ist.

Bereits der Ausstellungsort verleiht der Präsentation eine besondere Atmosphäre. Die historischen Mauern des ehemaligen Benediktinerklosters Banz bilden einen spannenden Kontrast zur schillernden Popkultur Hollywoods. Zwischen barocker Architektur und moderner Ausstellungsgestaltung entsteht ein Raum der Ruhe, der den Besucher dazu einlädt, Marilyn Monroe nicht als unerreichbare Leinwandgöttin, sondern als Menschen kennenzulernen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen 432 bislang unveröffentlichte Fotografien des renommierten LIFE-Magazin-Fotografen Allan Grant. Sie entstanden im Juli 1962 während des letzten großen Interviews mit Marilyn Monroe in ihrem Privathaus in Los Angeles – nur wenige Wochen vor ihrem frühen Tod. Jahrzehntelang blieben diese Aufnahmen im Familienarchiv Grants verborgen. Erst 2025 wurden sie gemeinsam mit rund vier Stunden Original-Tonmaterial wiederentdeckt und wissenschaftlich aufgearbeitet. Nun werden sie erstmals in diesem Umfang der Öffentlichkeit präsentiert.

Gerade diese Fotografien machen den außergewöhnlichen Wert der Ausstellung aus. Grant zeigt Marilyn nicht im Rampenlicht eines Filmsets oder auf einem roten Teppich. Seine Kamera begleitet sie in ihrer vertrauten Umgebung. Sie sitzt entspannt auf einem Sofa, blickt nachdenklich aus dem Fenster, lacht ungezwungen oder wirkt für einen Moment völlig in Gedanken versunken. Es sind Bilder ohne große Inszenierung, geprägt von natürlichem Licht und einer bemerkenswerten Nähe zwischen Fotograf und Porträtierter.

Viele Fotografien wirken fast dokumentarisch. Sie zeigen eine Frau, die sich ihrer Berühmtheit bewusst ist, gleichzeitig aber den Wunsch nach einem normalen Leben erkennen lässt. Der Blick der Kamera ist respektvoll und zurückhaltend. Gerade dadurch entstehen Momente großer Authentizität. Die berühmte Marilyn Monroe erscheint hier nicht als perfektes Hollywood-Produkt, sondern als verletzlicher Mensch mit Hoffnungen, Zweifeln und einer bemerkenswerten Intelligenz.

Besonders eindrucksvoll ist die Kombination aus den Fotografien und den erstmals öffentlich zugänglichen Tonaufnahmen des Interviews. Während die Besucher die Bilder betrachten, entsteht durch Marilyns eigene Stimme eine zusätzliche emotionale Ebene. Man hört ihre Gedanken, ihre Unsicherheiten, aber auch ihren Humor und ihre Selbstreflexion. Dadurch gewinnt jede Fotografie eine neue Tiefe. Die Ausstellung zeigt nicht nur ihr Gesicht, sondern vermittelt auch ihre Persönlichkeit. Genau diese Verbindung von Bild und Ton macht „Marilyn 100“ zu weit mehr als einer klassischen Fotoausstellung.

Kurator Stephan Zipfel beschreibt die Ausstellung als einen Blick auf Marilyn Monroe „frei vom Filter Hollywoods“. Tatsächlich gelingt genau das. Die Fotografien verzichten auf jede Überhöhung. Statt der ewigen Sexikone begegnet den Besuchern eine Frau, die in ihrem eigenen Zuhause für wenige Stunden einfach sie selbst sein durfte. Diese Authentizität verleiht den Bildern ihre außergewöhnliche Kraft.

Ergänzt werden die historischen Fotografien durch Werke des amerikanischen Pop-Art-Künstlers James Francis Gill, der bereits Anfang der 1960er-Jahre Marilyn Monroe zu einem zentralen Motiv seiner Kunst machte. Gemeinsam mit Andy Warhol trug Gill entscheidend dazu bei, Marilyn nach ihrem Tod zur Ikone der Pop-Art werden zu lassen. Für die Ausstellung schuf der heute über 90-jährige Künstler eigens ein neues „Marilyn Triptych“, das unmittelbar von Allan Grants Fotografien inspiriert wurde. Seine Werke schlagen eine faszinierende Brücke zwischen dokumentarischer Realität und künstlerischer Interpretation. Während Grants Kamera den Menschen zeigt, verwandelt Gill dieselbe Persönlichkeit in ein zeitloses Symbol der Popkultur.

Gerade dieser Dialog zwischen Fotografie und Kunst macht den besonderen Reiz der Ausstellung aus. Die Besucher erleben zunächst den echten Menschen und anschließend die mediale Ikone, zu der Marilyn Monroe nach ihrem Tod wurde. So wird eindrucksvoll sichtbar, wie sich Erinnerung, Kunst und öffentliche Wahrnehmung gegenseitig beeinflussen.

Dabei verzichtet „Marilyn 100“ weitgehend auf spektakuläre Effekte. Die Fotografien sprechen für sich selbst. Viele Besucher dürften überrascht sein, wie still und nachdenklich zahlreiche Motive wirken. Statt Glamour dominieren leise Gesten, feine Gesichtsausdrücke und kleine Alltagsszenen. Gerade diese Zurückhaltung macht die emotionale Wirkung der Ausstellung aus.

„Marilyn 100“ ist deshalb weit mehr als eine Hommage an einen Filmstar. Die Ausstellung erzählt von Ruhm und Einsamkeit, von öffentlicher Verehrung und privater Verletzlichkeit. Sie erinnert daran, dass hinter jedem Mythos ein Mensch steht – mit Stärken, Schwächen und Sehnsüchten.

Die Kunsthalle Kloster Banz ist mit dieser außergewöhnlichen Präsentation Teil eines internationalen Ausstellungsprogramms, das Stationen in Europa und Nordamerika umfasst. Dennoch besitzt die Schau in Oberfranken ihren ganz eigenen Charakter. Die Verbindung aus den historischen Fotografien Allan Grants, den eindrucksvollen Original-Tonaufnahmen und den Pop-Art-Werken James Francis Gills macht „Marilyn 100“ zu einer der persönlichsten und berührendsten Ausstellungen über Marilyn Monroe, die bislang in Deutschland zu sehen waren. Sie lädt dazu ein, den Blick von der Legende zu lösen – und einer Frau zu begegnen, deren Ausstrahlung auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod nichts von ihrer Faszination verloren hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 9. August 2026 in der Kunsthalle Kloster Banz zu sehen.

Tor 6 – Der Ort, an dem Maisach seine Zukunft verteidigte

26. Juli 2026

Wer heute an der Alten Brucker Straße vor Tor 6 des ehemaligen Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck steht, sieht zunächst nur zwei Informationstafeln. Doch dieser unscheinbare Ort erzählt eine der bedeutendsten kommunalpolitischen Geschichten der Region. Hier wurde über Jahre hinweg um Lebensqualität, Lärmschutz und die Zukunft einer ganzen Gemeinde gerungen. Tor 6 steht heute nicht für einen militärischen Flugplatz, sondern für den erfolgreichen Widerstand einer Bürgerschaft gegen die zivile Nutzung des Fliegerhorstes. Am 26. Juli 2010 wurde die fliegerische Nutzung von Fursty beendet. Eigentlich sollte das Gelände zivil genutzt werden, aber aufgrund russischer Aggression in der Ukraine entschloss sich der Bund das Gelände für die Grundausbildung junger Soldatinnen und Soldaten wieder zu verwenden.

Der Fliegerhorst Fürstenfeldbruck entstand ab 1934 als Militärflugplatz der damaligen Luftwaffe und wurde in den folgenden Jahren kontinuierlich ausgebaut. Die Start- und Landebahn erreichte schließlich eine Länge von rund 3.300 Metern bei einer Breite von 45 Metern. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten zunächst die amerikanischen Streitkräfte den Flugplatz. Ab 1956 wurde Fürstenfeldbruck zur Ausbildungsstätte der ersten deutschen Jetpiloten der neu gegründeten Bundesluftwaffe und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Luftwaffenstandorte Deutschlands. Auch das gescheiterte Befreiungsunternehmen während des Olympia-Attentats 1972 machte den Fliegerhorst weltweit bekannt.

Mit dem Ende des Kalten Krieges änderten sich jedoch die Perspektiven. Die militärische Nutzung nahm schrittweise ab. Gleichzeitig entstand Anfang der 1990er-Jahre eine neue Idee: Nach der Eröffnung des Flughafens München im Jahr 1992 sollte ein Teil der Allgemeinen Luftfahrt – also Geschäftsflugzeuge, Sport- und Privatmaschinen – auf den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck verlagert werden. Für die Gemeinden rund um den Flugplatz hätte dies tausende zusätzliche Flugbewegungen und eine erhebliche Lärmbelastung bedeutet.

Besonders in Maisach regte sich Widerstand. Die politischen Verantwortlichen erkannten früh, welches Entwicklungspotenzial die frei werdenden Flächen für die Gemeinde boten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine zivile Nachnutzung als Verkehrslandeplatz die Wohnqualität vieler Ortsteile dauerhaft beeinträchtigen würde. Vor allem Maisach, Gernlinden und Malching wären von zusätzlichem Fluglärm betroffen gewesen.

Zum Gesicht dieses Widerstandes wurde der damalige Erste Bürgermeister Gerhard Landgraf. Gemeinsam mit seinem Geschäftsleiter Peter Eberlein entwickelte die Gemeinde ein alternatives Nutzungskonzept, das den Bedürfnissen der Region deutlich besser entsprach. Unterstützt wurde die Gemeindeverwaltung vom gesamten Gemeinderat sowie von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei die neu gegründete Bürgerinitiative gegen Fluglärm unter Vorsitz von Norman Dombo. Sie organisierte Informationsveranstaltungen, mobilisierte die Bevölkerung und machte deutlich, dass der Widerstand gegen den geplanten Verkehrslandeplatz weit über die Gemeindegrenzen hinaus getragen wurde. Aus einem lokalen Protest entwickelte sich eine Bewegung, deren Argumente schließlich auch in der Landespolitik Gehör fanden.

Währenddessen liefen auf juristischer Ebene zahlreiche Verfahren. Bereits 1995 beantragte die eigens gegründete Flugplatz Fürstenfeldbruck Betriebsgesellschaft die Genehmigung einer zivilen Mitnutzung. 1997 erklärte die Regierung von Oberbayern den Standort im Rahmen der Landesplanung grundsätzlich für geeignet, Teile der Allgemeinen Luftfahrt aufzunehmen. Im Jahr 1998 genehmigte die Luftfahrtbehörde sogar eine zivile Mitbenutzung des Flugplatzes mit bis zu 20.000 Flugbewegungen pro Jahr. Doch Maisach gab nicht auf. In insgesamt 15 Gerichtsverfahren zwischen 1998 und 2003 gelang es der Gemeinde, die Pläne erfolgreich anzufechten und vor dem Verwaltungsgericht sowie dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof immer wieder abzuwehren.

Den politischen Durchbruch brachte schließlich ein Antrag des damaligen Landtagsabgeordneten Reinhold Bocklet, der 2007 die Änderung des Landesentwicklungsprogramms anstieß. Ziel war ein ausdrückliches Verbot der zivilfliegerischen Nutzung des ehemaligen Militärflugplatzes Fürstenfeldbruck. Der Bayerische Landtag stimmte zu. Mit Wirkung zum 1. Januar 2010 wurde die entsprechende Änderung rechtskräftig. Damit war die zivile Nutzung des Fliegerhorstes endgültig ausgeschlossen.

Parallel dazu endete auch die militärische Fliegerei. Nach der Einstellung des Flugbetriebs wurde das Gelände schrittweise freigemacht. 2010 klagte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben gegen die Flugplatz Fürstenfeldbruck Betriebsgesellschaft auf Räumung. Am 26. Juli 2010 erfolgte schließlich die Räumung – die Geschichte der Fliegerei auf „Fursty“ war beendet.

Damit begann zugleich ein neues Kapitel. Gemeinsam mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben entwickelte Maisach ein Nachnutzungskonzept. Vorgesehen wurden unter anderem ein Fahrsicherheitszentrum, Einrichtungen der Bayerischen Polizei, die Verlagerung des Sportgeländes des SC Maisach sowie der Bau der Südtangente, die heute einen wichtigen Beitrag zur Verkehrsentlastung der Gemeinde leistet. Der erste Spatenstich erfolgte 2018, im Dezember desselben Jahres wurde die neue Straße für den Verkehr freigegeben.

Die beiden Informationstafeln an Tor 6 erinnern heute an diesen außergewöhnlichen politischen Erfolg. Historische Fotos zeigen Verhandlungen vor Gericht, Bürgerproteste, den symbolischen Sieg der Bürgerinitiative sowie den Beginn der neuen Infrastruktur. Das ehemalige sogenannte Crash-Tor der Flughafenfeuerwehr wurde damit zu einem Erinnerungsort für demokratisches Engagement.

Die Geschichte erhielt in jüngster Zeit noch eine überraschende Wendung. Während lange Zeit von einer vollständigen Aufgabe des Bundeswehrstandorts ausgegangen wurde, entschied das Verteidigungsministerium 2026, den Standort Fürstenfeldbruck wegen der veränderten sicherheitspolitischen Lage weiterhin militärisch zu nutzen. Statt Flugbetrieb entsteht dort nun ein neues Ausbildungsbataillon der Luftwaffe. Flugzeuge werden jedoch nicht mehr stationiert – genau jenes Ziel, für das die Bürgerinitiative und die Gemeinde Maisach jahrzehntelang gekämpft hatten, bleibt damit bestehen.

Tor 6 ist deshalb weit mehr als ein ehemaliges Werkstor eines Militärflugplatzes. Es erinnert daran, dass kommunalpolitischer Einsatz, Bürgerengagement und langer Atem Geschichte schreiben können. Wo einst Flugzeuge starten sollten, stehen heute Erinnerungstafeln. Sie erzählen von Menschen, die überzeugt waren, dass sich Einsatz für die eigene Heimat lohnt – und die bewiesen haben, dass selbst gegen große politische und wirtschaftliche Interessen ein gemeinsames Handeln erfolgreich sein kann.

Wenn Geschichte plötzlich ganz nah wird: Lesung aus den Meisaha-Heften berührt Maisach

25. April 2026

Vor kurzem lud der Historische Arbeitskreis der Gemeinde Maisach wieder zu einer Lesung in die Gemeindebücherei Maisach ein. Im Mittelpunkt standen ausgewählte Texte aus den Heften zur Gemeindegeschichte „Meisaha“, die seit Jahren wichtige Episoden, Entwicklungen und Erinnerungen aus Maisach und seinen Ortsteilen dokumentieren. Die Lesung versteht sich dabei nicht nur als Rückblick auf Vergangenes, sondern auch als lebendige Begegnung mit der eigenen Heimatgeschichte. Hier die einzelnen Lesungen aus den Meisaha-Heften. Die Hefte gibt u.a. es bei der Gemeinde Maisach zu kaufen.

Stefan Schader: Die Dampfmaschine der Brauerei Maisach
Die Lesung von Stefan Schader zeichnet die Geschichte der Brauerei Maisach und ihrer Dampfmaschinen als bedeutendes Kapitel der Orts- und Technikgeschichte nach. Die Brauerei, eines der Wahrzeichen Maisachs, wurde bereits 1556 erstmals erwähnt und erlebte im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Besitzerwechsel. Eine wichtige Zäsur war das Jahr 1907, als Josef Sedlmeier den Betrieb übernahm. Nach dem Brand des Sudhauses in der Nacht zum Pfingstsonntag 1909 wurde die Brauerei neu aufgebaut und zugleich in moderne Technik investiert. Dazu gehörte auch der Erwerb von Geräten aus der stillgelegten Schlossbrauerei Hof Hegnenberg, darunter eine Dampfmaschine.

Schader erklärt, warum Dampfmaschinen für Brauereien damals so wichtig waren. Mit der Umstellung vom obergärigen auf das untergärige Brauverfahren im 19. Jahrhundert entstand ein wachsender Bedarf an verlässlicher Kühlung. Untergäriges Bier benötigte über Wochen hinweg niedrige und gleichbleibende Temperaturen, was zunächst nur mit Natureis möglich war. Dieses wurde im Winter gewonnen und in Kellern gelagert, weshalb traditionell nur in der kalten Jahreszeit gebraut werden konnte. In milden Wintern geriet dieses System jedoch an seine Grenzen. Erst die Entwicklung von Kältemaschinen, angestoßen durch Karl Linde in den 1870er Jahren, schuf Abhilfe. Angetrieben wurden diese frühen Kühlanlagen in der Regel von Dampfmaschinen, da die Elektrizitätsversorgung damals noch zu schwach ausgebaut war.

In der Brauerei Maisach kamen zwei solcher Maschinen zum Einsatz. Die ältere, kleinere Maschine stammte ursprünglich aus Hof Hegnenberg, war bereits 1892 gebaut worden und wurde 1909 nach Maisach gebracht. Sie war direkt mit einem Kompressor verbunden, der ebenfalls aus Augsburg stammte. Schader schildert dazu anschaulich auch Details aus den damaligen Bedien- und Wartungsanleitungen, die von den Maschinenführern Aufmerksamkeit, Ordnung, Reinlichkeit, Ruhe und Nüchternheit verlangten. Die zweite Dampfmaschine war eine deutlich stärkere Flottmann-Maschine aus dem Jahr 1928, die direkt nach Maisach geliefert wurde. Auch sie trieb einen Kompressor an, allerdings über ein Riemensystem. Beide Maschinen dienten jedoch nicht nur der Kälteerzeugung, sondern auch der Stromversorgung der Brauerei: Sie setzten Generatoren in Gang, die wiederum Pumpen, Rührwerke und Beleuchtung betrieben. Für Notfälle stand zusätzlich ein Dieselmotor bereit, der noch bis in die 1980er Jahre als Reserve genutzt wurde.

Der Betrieb der Dampfmaschinen endete 1974. Heute stehen die Maschinenräume mit den Dampfmaschinen ebenso wie das Sudhaus mit seinem Kamin unter Denkmalschutz. Damit sind in Maisach seltene technische Zeugnisse erhalten geblieben, die von der Entwicklung des Brauwesens und der Industrialisierung im ländlichen Raum erzählen. Auch wenn die Anlage noch immer so wirkt, als könne sie jederzeit wieder in Gang gesetzt werden, wird eine Wiederinbetriebnahme wohl Wunschdenken bleiben, da eine Restaurierung nach jahrzehntelangem Stillstand mit enormem finanziellem Aufwand verbunden wäre.

Charly Muth über die Schmidhammer-Chronik
Die Lesung von Charly Muth über die Schmidhammer-Chronik gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Stimmung in Maisach während des Ersten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht Pfarrer Schmidhammer, der in diesen Jahren in Maisach wirkte und die Kriegsereignisse von 1915 bis 1917 chronologisch festhielt. Seine Aufzeichnungen spiegeln nicht nur die großen politischen und militärischen Entwicklungen wider, sondern auch die Sicht eines oberbayerischen Landpfarrers, geprägt von deutschnationalem Denken, religiöser Überzeugung und der allgemeinen Stimmung seiner Zeit. Zugleich erinnert Muth daran, dass die Chronik nur deshalb heute lesbar ist, weil der inzwischen verstorbene Jörg Pluta sie mit großem Aufwand aus der schwer entzifferbaren Handschrift Schmidhammers übertragen hat.

Aus den zitierten Passagen wird deutlich, wie eng sich in Schmidhammers Wahrnehmung Weltpolitik, Kriegsgeschehen, Religion und dörflicher Alltag miteinander verbanden. Er kommentierte Frontverläufe, Siege und Niederlagen ebenso wie die Unterbringung russischer Kriegsgefangener in Maisach, die Beteiligung der Bevölkerung an Kriegsanleihen oder die wachsenden Versorgungsschwierigkeiten. Seine Einträge zeigen Hoffnung auf einen schnellen Sieg, großes Mitgefühl mit den eigenen Soldaten und zugleich eine scharfe, oft polemische Ablehnung der Kriegsgegner. Immer wieder deutet er die Ereignisse moralisch und religiös, beklagt den Verlust von Vernunft und Glauben und sieht im Krieg auch eine Folge von Materialismus, Pressehetze und fehlender sittlicher Orientierung.

Zugleich wird in der Chronik der Alltag an der Heimatfront greifbar. Fleischkarten, Lebensmittelknappheit, Sparappelle und die Ermahnung zu Verzicht prägen das Leben ebenso wie Eingriffe in das kirchliche und dörfliche Leben. So berichtet Schmidhammer etwa von der Abnahme von Orgelpfeifen und Kirchenglocken für Kriegszwecke. Die Chronik nennt außerdem die vielen Gefallenen aus Maisach und macht damit deutlich, wie tief der Krieg in das Dorf hineingriff. Zwischen patriotischer Deutung, Frömmigkeit und Entbehrung zeigt sich eine Gesellschaft, die den Krieg nicht nur an den Fronten, sondern auch im Alltag, in der Kirche und im Denken der Menschen erlebte.

Am Ende lockert Muth die Lesung mit einem satirischen „Kochrezept“ aus der Kriegszeit auf, in dem Lebensmittel- und Bezugskarten symbolisch zu einem Gericht verarbeitet werden. Gerade dieser humorvolle Schluss macht noch einmal deutlich, wie sehr Mangel, Bürokratie und Improvisation den Alltag bestimmten. So wird die Schmidhammer-Chronik in der Lesung nicht nur als historisches Dokument vorgestellt, sondern als eindrückliches Zeugnis dafür, wie der Erste Weltkrieg in einem oberbayerischen Dorf wahrgenommen, gedeutet und durchlitten wurde.

Stefan Pfannes erzählt die lange und beinahe kuriose Geschichte des Bierausschanks in Oberlappach
Die Lesung von Stefan Pfannes erzählt die lange und beinahe kuriose Geschichte des Bierausschanks in Oberlappach. Ausgangspunkt ist die Frage, warum ein so kleiner Ort mit nur rund 100 bis 120 Einwohnern überhaupt ein Wirtshaus brauchte. Die Recherchen im Archiv zeigen jedoch, dass der Wunsch nach einer eigenen Gastwirtschaft in Oberlappach über Jahrzehnte hinweg erstaunlich groß war. Insgesamt wurde nach den Akten zehnmal versucht, eine Konzession für ein Wirtshaus zu erhalten. Allein 1913 und 1914 lagen sogar fünf gleichzeitige Gesuche vor. Der sogenannte „Bierdurst“ der Oberlappacher war also durchaus ausgeprägt.

Der erste Versuch geht auf das Jahr 1863 zurück, blieb aber zunächst erfolglos. Erst dem Schmiedmeister Anton Klotz gelang es, in seinem neu erbauten Haus in Oberlappach eine Gastwirtschaft einzurichten. Er durfte Bier, aber keinen Brandwein ausschenken, obwohl die Gemeinde Rottbach eigens argumentiert hatte, dass auch dafür ein gewisses Bedürfnis bestehe. Die Wirtschaft entwickelte sich zunächst offenbar ordentlich, doch 1878 kam es dort zu einer schweren Schlägerei, an der auch Klotz beteiligt war. In der Folge wurde ihm die Konzession entzogen. Trotz Fürsprache aus dem Ort erhielt er sie nicht zurück, und die Gaststätte musste schließen.

Damit war die Geschichte jedoch keineswegs beendet. Schon kurz darauf versuchten die Bewohner selbst, eine Konzession für die Gemeinde zu erhalten, was rechtlich nicht möglich war. Weitere Gesuche von Klotz, Josef Blum und Gregor Strixner scheiterten ebenfalls. Die Behörden vertraten die Auffassung, dass die umliegenden Wirtschaften in Rottbach, Maisach, Frauenberg oder Stephansberg den Bedarf ausreichend deckten. Zudem wollte man verhindern, dass in kleinen Orten ohne ausreichende wirtschaftliche Grundlage zahlreiche unbedeutende Gaststätten entstehen. Dennoch blieb der Wunsch nach einer Wirtschaft in Oberlappach bestehen, auch weil viele Einwohner als Kleinbegüterte kaum die Möglichkeit hatten, Bier auf Vorrat zu lagern oder weite Wege für den Einkauf in Kauf zu nehmen.

Im frühen 20. Jahrhundert verlagerte sich der Ausschank zunehmend auf den Flaschenbierhandel. Seit 1902 bestand in Oberlappach ein Flaschenbierhandel der Familie Heckmayer, dessen Bier bei Kontrollen sogar als sehr gut bewertet wurde. Offenbar war dies für manche dennoch kein Ersatz für ein richtiges Wirtshaus, denn zwischen 1913 und 1914 gab es erneut mehrere Bewerber für eine Gaststättenkonzession, darunter sogar der Maisacher Bräu Josef Sedlmayr. Doch auch diese Vorstöße scheiterten. 1925 unternahm Lorenz Puchner einen letzten Versuch. Er argumentierte, die Bewohner würden sich über billigeres Bier freuen, da Flaschenbier zu teuer sei. Sein Gesuch führte noch einmal zu Auseinandersetzungen bis hinauf in die Ministerien, blieb aber ebenfalls erfolglos. Die einzige Wirtin der Gemeinde, Sofie Treffler aus Rottbach, machte in ihrer Stellungnahme deutlich, dass sich schon ihre eigene Gastwirtschaft kaum rentiere und eine weitere Wirtschaft in Oberlappach wirtschaftlich kaum tragfähig wäre.

So blieb es letztlich beim Flaschenbierhandel. 1926 übernahm die Familie Heckmayer erneut die entsprechende Konzession, und erst 1958 wurde daraus noch eine sogenannte „Stopselwirtschaft“, in der Bier und kleine Brotzeiten in bäuerlicher Stube angeboten wurden. Damit fand der fast hundertjährige Kampf um eine eigene Gaststätte in Oberlappach doch noch einen kleinen Abschluss, wenn auch nicht in der Form eines klassischen Wirtshauses. Mitte der 1960er Jahre endete auch diese letzte Form des Bierausschanks, und seither mussten die Oberlappacher ihren Bierdurst anderswo stillen.

Torfbahn im Fußbergmoos von Hartwig Meis
Die Lesung von Hartwig Meis über die Torfbahn im Fußbergmoos erzählt die Geschichte eines heute fast vergessenen Infrastrukturprojekts, das nur wenige Jahre Bestand hatte. Ausgangspunkt war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Ernährungslage schwierig war und in Bayern verschiedene Maßnahmen zur wirtschaftlichen Nutzung von Moorflächen angestoßen wurden. 1919 gründeten Bauern aus Kirchheim und Aschheim bei München die „Torfverwertungsgesellschaft Fußberg mbH“, die im Fußbergmoos Torf abbauen wollte. Zu diesem Zweck pachtete sie 1920 von Bauern in Thal größere Waldflächen, unter denen sich Torfvorkommen befanden. Um den Torf abtransportieren zu können, wurde gleichzeitig mit Unterstützung des neu geschaffenen Kulturbauamts München eine fast drei Kilometer lange Kleinbahn gebaut, die den gestochenen Torf aus dem Moor zum Bahnhof Gernlinden bringen sollte.

Wie Meis zeigt, war diese Bahn technisch durchaus bemerkenswert, organisatorisch aber erstaunlich schlecht abgesichert. Obwohl bereits eine Dampflokomotive eingesetzt wurde und die Bahn eigentlich genehmigt und abgenommen werden musste, stellte das Bezirksamt Fürstenfeldbruck erst 1921 fest, dass dort bereits ein Bahnbetrieb lief. In den folgenden Jahren schoben sich verschiedene Behörden gegenseitig die Zuständigkeit zu: Das Kulturbauamt fühlte sich nicht mehr verantwortlich, die Eisenbahndirektion verwies auf die fehlende direkte Verbindung zur Staatsbahn, und das Bezirksamt musste schließlich selbst tätig werden, obwohl ihm dafür die fachliche Kompetenz fehlte. Eine eigentliche Betriebsgenehmigung wurde jedoch nie erteilt. So blieb die Torfbahn letztlich ein ungenehmigtes Unternehmen, ein Schwarzbau, wie man heute sagen würde.

1925 kam das abrupte Ende. Der Betriebsleiter meldete der Gendarmerie, dass das Torffeld dauerhaft geschlossen werde. Für die Behörden war nun vor allem wichtig, was aus den Beschäftigten werden sollte. Als ein Jahr später erneut nachgesehen wurde, war die Bahn bereits vollständig abgebaut: Schienen und Anlagen waren entfernt, die Firma war praktisch verschwunden. Am 2. November 1926 meldete das Bezirksamt schließlich der Regierung von Oberbayern, dass das Unternehmen endgültig erloschen sei. Damit war das Projekt nach nur kurzer Zeit beendet, ohne je vollständig genehmigt oder technisch überprüft worden zu sein. Geprüft worden war lediglich der Lokführer, denn für das Führen einer Dampflokomotive galten damals strenge Vorschriften.

Besonders anschaulich wird die Lesung durch die von Meis ausgewerteten Akten und Pläne. Ein großformatiger, in Wasserfarbe und Tusche gezeichneter Bahnplan, den er mit erheblichem Aufwand restauriert und rekonstruiert hat, enthält nahezu alle technischen Einzelheiten der Strecke. Daraus geht hervor, dass es sich um eine Schmalspurbahn mit einer für Bayern ungewöhnlichen Spurweite von 75 Zentimetern handelte. Auch die Lokomotive ließ sich genauer identifizieren: Sie stammte nicht aus Bayern, sondern aus Schlesien von der Firma Linke-Hoffmann in Breslau. Meis konnte sogar ein Bild dieses Loktyps und ein historisches Foto der Bahn im Moor mit Lok, beladenen Torfwagen und der Bedienungsmannschaft finden. Auf diesem Foto sind drei Brüder namens Ott zu sehen, darunter der Lokführer Michael Ott, der als besonders wichtiger Mann des Betriebs galt.

Heute sind von der Torfbahn nur noch wenige Spuren erhalten. Die Moosalm war einst Wohnhaus des Betriebsleiters und zugleich eine Art Geschäftsstelle. Außerdem ist ein Teil der früheren Trasse noch im Verlauf einer heutigen Straße erkennbar. Andere Bereiche, vor allem am Bahnhof Gernlinden, sind durch spätere Baumaßnahmen vollständig überprägt worden. So bleibt die Torfbahn im Fußbergmoos ein Beispiel für ein mit großem Elan begonnenes, aber nur kurzlebiges Projekt, das rasch wieder verschwand und heute vor allem durch Akten, Pläne und wenige Fotografien nachvollziehbar ist.

Helga Rueskäfer über den Bau der Bahnunterführung in Maisach
Die Lesung von Helga Rueskäfer schildert den Bau der Bahnunterführung in Maisach als eines der schwierigsten und nervenaufreibendsten Projekte in der Amtszeit von Bürgermeister Moser. Ausgangspunkt war die unhaltbare Verkehrssituation am Bahnhof Maisach, wo sich an den Bahnschranken immer wieder lange Rückstaus bildeten. Zudem gab es im Gemeindegebiet damals nur niveaugleiche Bahnübergänge. Schon Ende der 1950er Jahre wurde deshalb über eine Lösung diskutiert. Während die Bundesbahn zunächst nur einen eigenen Fußgängerübergang mit Drehkreuz und später eine Fußgängerunterführung vorschlug, bestand der Gemeinderat von Anfang an auf einer Unterführung für den Straßenverkehr.

In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus ein zäher Konflikt zwischen Gemeinde und Bahn. Immer wieder legte die Bahn neue Pläne vor, die aus Sicht der Maisacher nicht ausreichten. So wurde Mitte der 1960er Jahre eine Überführung bei der Gärtnerei Zick ins Gespräch gebracht, während am Bahnhof selbst nur an eine Lösung für Fußgänger und Radfahrer gedacht war. Der Gemeinderat lehnte diese Varianten jedoch ab, weil die Gemeinde die Unterführung direkt am Bahnhof wollte. Unterstützt wurde diese Haltung von der neu gegründeten Interessengemeinschaft Maisach-Süd, die als frühe Bürgerinitiative ebenfalls Druck machte. Die Zeit drängte zusätzlich, weil bis zur Einführung der S-Bahn 1972 eine tragfähige Lösung gefunden werden musste.

Erst 1970 gelang der Durchbruch. Die Bahn gab ihre Pläne für eine Überführung bei der Gärtnerei Zick schließlich auf, und die Gemeinde setzte sich mit ihrer Forderung nach einer Unterführung am Bahnhof durch. Der Gemeinderat beschloss den Bau einer Unterführung mit einer Höhe von 3,80 Metern. Parallel dazu wurden auch weitere Verkehrsprojekte vorangetrieben, darunter eine Bahnüberführung zwischen Maisach und Gernlinden sowie der Ausbau der Frauenstraße in Richtung Malching. Im März 1971 konnte schließlich der Finanzierungsplan beschlossen werden. Die Gesamtkosten für die Bahnhofsunterführung wurden mit 5,4 Millionen D-Mark veranschlagt, dazu kamen weitere Ausgaben für den Ausbau der angrenzenden Straßen. Die Gemeinde hoffte dabei auf erhebliche Zuschüsse von Bund und Land.

Rueskäfer macht in ihrer Lesung deutlich, dass dieses Projekt nur ein Beispiel für die Vielzahl an Aufgaben war, die Bürgermeister Moser in seiner Amtszeit zu bewältigen hatte. Als letzter ehrenamtlicher Bürgermeister Maisachs habe er die Modernisierung der Gemeinde entscheidend vorangetrieben, etwa mit Schulbauten, sozialem Wohnungsbau, zentraler Wasserversorgung und weiteren Infrastrukturmaßnahmen. Der Kampf um die Bahnunterführung gehört dabei zu seinen größten kommunalpolitischen Kraftakten. Die Einweihung der Unterführung, für die er so lange gestritten hatte, erlebte Moser schließlich nur noch als Ehrengast, denn zu diesem Zeitpunkt war bereits sein Nachfolger im Amt. Die Geschichte zeigt damit anschaulich, wie langwierig kommunale Großprojekte schon damals sein konnten und wie eng sie mit dem Engagement einzelner Persönlichkeiten verbunden waren.

Annemarie Karg über die Bewohner der Ringstraße in Gernlinden
Die Lesung von Annemarie Karg über die Bewohner der Ringstraße in Gernlinden erzählt von der Entstehung eines besonderen Wohngebiets in der frühen Nachkriegszeit. Die Häuser in der Ringstraße wurden Anfang der 1960er Jahre nahezu gleichzeitig gebaut, einheitlich geplant und waren vor allem für Menschen bestimmt, die sozial wohnungsberechtigt waren. Dazu gehörten Flüchtlinge, Vertriebene, Kriegsbeschädigte und Familien, die nach den Entbehrungen des Krieges dringend Wohnraum suchten. Auch Kargs eigene Familie gehörte dazu: Ihr Vater war schwer kriegsbeschädigt und bei der Bundesbahn beschäftigt. Voraussetzung für den Erhalt eines Grundstücks war unter anderem, dass Kinder oder weitere Familienmitglieder vorhanden waren. Die Häuser waren größtenteils ähnlich groß und ähnlich gebaut, und zugleich war vorgesehen, dass in ihnen auch weiterer Wohnraum für bedürftige Mieter geschaffen wurde.

Exemplarisch schildert Karg die Geschichte der Familie Ruderer, die eng mit ihrer eigenen Familiengeschichte verbunden ist. Christa Ruderer, geborene Lux, kam aus Oberschlesien und erlebte als Kind die Flucht im Winter 1944/45. Wie viele andere musste ihre Familie in großer Unsicherheit die Heimat verlassen, mit der Hoffnung auf eine Rückkehr, die sich jedoch nie erfüllte. Nach Stationen in Waldenfels und weiteren schweren Einschnitten, darunter der Tod ihres Bruders im Krieg, ging Christa als junge Frau nach München, um Arbeit zu finden. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Josef Ruderer kennen, der aus dem Bayerischen Wald stammte und ebenfalls auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach München gekommen war. Nach der Heirat lebte das Paar zunächst sehr beengt als Untermieter in Gernlinden. Erst als Josef Ruderer eine Stelle bei der Deutschen Bundesbahn erhielt, ergab sich für die Familie die Möglichkeit, in der Ringstraße ein eigenes Haus zu bauen.

Die Lesung macht deutlich, dass die Ringstraße nicht nur ein Bauprojekt war, sondern ein Ort des Neuanfangs für Menschen mit oft schwierigen Lebensgeschichten. Viele Bewohner kamen aus unterschiedlichen Regionen und hatten Krieg, Flucht, Verlust und Wohnungsnot erlebt. In Gernlinden fanden sie die Chance, sich mit viel Eigenleistung und unter oft bescheidenen Bedingungen ein eigenes Zuhause aufzubauen. Damit wird die Ringstraße zu einem Beispiel für den sozialen Wohnungsbau und den Wiederaufbau der Nachkriegszeit, aber auch für die Lebensleistung einer Generation, die sich nach den Zerstörungen des Krieges Schritt für Schritt eine neue Heimat schuf. Annemarie Karg versteht ihre Arbeit zugleich als Erinnerung an diese Menschen und kündigt an, das Thema weiterzuverfolgen, solange noch persönliche Erinnerungen, Fotos und Berichte der Nachkommen erhalten sind.

Die Pizzaria Salerno von Conny Schader
Die Lesung von Conny Schader über die Pizzeria Salerno erzählt die Geschichte eines Lokals, das seit 1979 italienische Esskultur nach Gernlinden bringt und zugleich eng mit der Lebensgeschichte der Familie Morena verbunden ist. Gründer Ferdinand Morena stammt aus der Provinz Salerno in Süditalien. Nach einer Ausbildung als Kellner und ersten Berufserfahrungen in der Tourismusregion um Sorrent führte ihn die Cholera-Epidemie von 1973, die dem Tourismus im Süden Italiens schwer schadete, nach Bayern. Dort fand er über seine in Fürstenfeldbruck lebende Schwester Arbeit, zunächst in München und später in Fürstenfeldbruck. Nach dem Militärdienst in Italien kehrte er zurück und erfuhr, dass in Gernlinden ein Lokal zu mieten war. Trotz hoher Ablösesumme und großer finanzieller Risiken gelang es ihm gemeinsam mit einem Verwandten, das ehemalige Lokal zu übernehmen und am 20. August 1979 die Pizzeria Salerno zu eröffnen.

Die Anfangszeit war keineswegs einfach. Zwar war das Lokal bei der Eröffnung gut besucht, doch zeigte sich schnell, dass nicht nur gutes Essen, sondern auch viel organisatorisches Geschick nötig war, um sich zu etablieren. Besonders schwierig war es, die Pizzeria als gepflegtes Speiselokal zu positionieren, weil ein Teil der bisherigen Stammgäste weiterhin eher eine traditionelle Gaststätte mit Bier und Kartenspiel erwartete. Ferdinand Morena musste sich deshalb in den ersten Jahren mit Konflikten auseinandersetzen und sogar Lokalverbote aussprechen. Zugleich entwickelte sich die Speisekarte weiter, blieb aber in vielen Bereichen ihrer Linie treu. Einige Gerichte aus der Anfangszeit sind bis heute geblieben, andere verschwanden. Auch die eigene Eisherstellung wurde irgendwann aufgegeben, weil der Betrieb mit dem kleinen Team im Sommer nicht mehr zu bewältigen war. Nachdem ein geschätzter Koch 1986 nach Italien zurückkehrte, übernahm Morena selbst die Küche und setzte damit seine Erfahrung und sein über Jahre erworbenes Wissen noch stärker ein.

Eine wichtige Rolle spielte später auch seine Frau Virginia Morena, die 1984 nach Gernlinden kam. Für sie waren die ersten Jahre besonders schwer, weil sie kaum Deutsch sprach und sich dadurch weitgehend isoliert fühlte. Erst nach der Geburt der Kinder und durch Kontakte im Kindergarten fand sie allmählich Anschluss und begann, Gernlinden als Heimat zu empfinden. Im Restaurant übernahm sie Aufgaben im Service und im Hintergrund, oft zusätzlich zur Familienarbeit. Gemeinsam entschloss sich das Ehepaar schließlich, das Lokal ganz zu übernehmen, was erneut ein großes finanzielles Risiko bedeutete, zugleich aber den Grundstein für die weitere Entwicklung legte. So wurde das Salerno nicht nur zu einem gastronomischen Betrieb, sondern zum Mittelpunkt des gesamten Familienlebens.

Die Lesung macht deutlich, dass die Geschichte der Pizzeria Salerno weit über die eines Restaurants hinausgeht. Sie erzählt von Migration, Neuanfang, harter Arbeit, Integration und davon, wie aus einem italienischen Familienbetrieb ein fester Bestandteil des Lebens in Gernlinden wurde. Symbolisch dafür steht auch, dass die Familie Morena zum 40-jährigen Bestehen des Lokals den Gernlindnern den Maibaum spendete. Damit wurde sichtbar, wie sehr sich italienische Herkunft und bayerische Heimat in diesem Ort miteinander verbunden haben.

Corona in Maisach von Matthias J. Lange
Die Lesung von Matthias J. Lange zeichnet ein eindringliches Bild von Maisach in den ersten Wochen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020. Grundlage ist ein Blog, den Lange ab dem 22. März 2020 über 45 Tage hinweg täglich führte und in dem er den Ausnahmezustand in der Gemeinde dokumentierte. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht große politische Entscheidungen, sondern der veränderte Alltag vor Ort: die ungewohnte Ruhe auf den Straßen, leere Parkplätze, geschlossene Cafés, abgesagte Veranstaltungen und die spürbare Verunsicherung der Menschen. Zugleich beschreibt Lange, wie sich die Bewohner rasch auf die neuen Regeln einstellten, Abstand hielten und ihren Alltag mit Vorsicht, aber auch mit Disziplin und gegenseitiger Rücksicht neu organisierten.

Besonders deutlich wird in seiner Schilderung, wie wichtig in dieser Zeit die Versorgung und die gegenseitige Hilfe im Ort waren. Supermärkte, Bäckereien und andere Lebensmittelgeschäfte blieben geöffnet, entwickelten schnell neue Routinen und sorgten trotz einzelner Engpässe dafür, dass die Grundversorgung gesichert war. Zugleich entstanden in sozialen Netzwerken lokale Hilfsangebote, über die Einkaufsdienste, Besorgungen oder Fahrdienste organisiert wurden. Auch in Maisach zeigte sich damit, dass die Krise nicht nur Unsicherheit auslöste, sondern auch neues bürgerschaftliches Engagement. Die sozialen Medien wurden zu einem zentralen Informations- und Austauschraum, weil viele Menschen zu Hause blieben und das Bedürfnis nach Orientierung und Kommunikation stark zunahm.

Ein weiterer Schwerpunkt der Lesung ist der Umgang von Kirche, Feuerwehr und Gastronomie mit der Ausnahmesituation. Gottesdienste fielen zunächst aus oder wurden digital übertragen, gleichzeitig suchten viele Menschen in der Krise nach Halt und religiöser Gemeinschaft. Die Feuerwehr blieb einsatzbereit, musste ihren Betrieb aber ebenfalls anpassen und den direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit stark einschränken. Besonders hart trafen die Corona-Maßnahmen die Gastronomie, die von einem Tag auf den anderen ihr Geschäftsmodell umstellen musste. Während manche Betriebe vorübergehend schlossen, versuchten andere mit Abhol- und Lieferangeboten zu überleben. Hinter diesen Anpassungen standen oft große Existenzsorgen und die Angst um die wirtschaftliche Zukunft.

Insgesamt zeigt die Lesung Maisach als eine Gemeinde, die in der Pandemie zwar stiller und leerer wurde, aber nicht handlungsunfähig. Vielmehr entsteht das Bild eines Dorfes im Ausnahmezustand, das mit Ruhe, Improvisation und Zusammenhalt auf die Krise reagierte. Die leeren Straßen, die geschlossenen Kirchenbänke, die improvisierten Hilfsangebote und die neuen digitalen Formen des Kontakts stehen dabei sinnbildlich für einen tiefen Einschnitt in das Alltagsleben. Matthias J. Lange hält damit nicht nur eine lokale Chronik der ersten Corona-Wochen fest, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte, das zeigt, wie tief die Pandemie selbst in einer einzelnen Gemeinde das öffentliche und private Leben verändert hat.

Lesung aus „Meisaha“ – wir machen Maisacher Geschichte lebendig

22. April 2026

Am 22. April lädt der Historische Arbeitskreis der Gemeinde Maisach wieder zu einer Lesung in die Gemeindebücherei Maisach ein. Im Mittelpunkt stehen ausgewählte Texte aus den Heften zur Gemeindegeschichte „Meisaha“, die seit Jahren wichtige Episoden, Entwicklungen und Erinnerungen aus Maisach und seinen Ortsteilen dokumentieren. Die Lesung versteht sich dabei nicht nur als Rückblick auf Vergangenes, sondern auch als lebendige Begegnung mit der eigenen Heimatgeschichte. In der ganzen Gemeinde Maisach laden Plakate zur Veranstaltung ein. Beginn am Mittwoch, 22. April, um 20 Uhr in der Gemeindebücherei.

Die Beiträge machen deutlich, wie vielfältig die Geschichte der Gemeinde ist. Sie erzählen von Menschen, Gebäuden und Ereignissen, die Maisach geprägt haben, und geben Einblicke in den Alltag früherer Jahrzehnte. Gerade durch das Vorlesen entfalten die Texte eine besondere Wirkung: Aus gedruckter Ortsgeschichte wird hörbare Erinnerung, die Vergangenheit rückt näher und gewinnt neue Anschaulichkeit.

Die Gemeindebücherei bietet für diesen Abend den passenden Rahmen. In ruhiger Atmosphäre können die Besucher Geschichte nicht nur nachlesen, sondern gemeinschaftlich erleben. Die Lesung des Historischen Arbeitskreises ist damit mehr als eine reine Buchvorstellung. Sie ist eine Einladung, sich mit den eigenen Wurzeln zu beschäftigen, Bekanntes neu zu entdecken und den Blick auf die Geschichte der Gemeinde wachzuhalten.

So wird der Abend einmal mehr zu einem Beitrag gelebter Erinnerungskultur in Maisach. Die „Meisaha“-Hefte bewahren das historische Wissen der Gemeinde, und die Lesung sorgt dafür, dass dieses Wissen nicht nur im Archiv bleibt, sondern im öffentlichen Leben präsent bleibt.

Erinnerungen an Fukushima durch Manga Faktor 1F

12. März 2026

Gestern jährte sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum 15. Mal und dieses Ereignis hat die Welt verändert. Ich habe diesen Tag besonders gedacht und Manga zu diesem Ereignis gelesen. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 bildet den Hintergrund der Manga‑Reihe „Faktor 1F“ („Ichi‑F“). Am 11. März 2011 löste ein schweres Erdbeben einen Tsunami aus, der die Anlage Fukushima I überschwemmte; die Wellen zerstörten die Stromversorgung der Reaktoren, die Kühlung fiel aus, Brennstäbe überhitzten und es kam zu Kernschmelzen mit Wasserstoffexplosionen. Die Region wurde radioaktiv verseucht, rund 160 000 Menschen mussten evakuiert werden, und die Aufräumarbeiten werden voraussichtlich noch Jahrzehnte dauern. In diesem Zusammenhang erschien zwischen 2013 und 2015 in Japan der dokumentarische Manga „Ichi Efu: Fukushima Daiichi Genshiryoku Hatsudensho Rōdōki“, der im Deutschen als „Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima“ veröffentlicht wurde. Die Serie gewann 2013 den Manga‑Open‑New‑Face‑Preis, wurde in der Zeitschrift Morning serialisiert und später in drei Bänden herausgebracht; das erste Buch verkaufte sich in Japan innerhalb von zwei Wochen etwa 170 000 Mal. Die Teile in Deutsch gibt es hier, hier und hier

Der Autor Kazuto Tatsuta ist ein Pseudonym. Er hatte vor der Katastrophe Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen, nahm dann eine Stelle als Aufräumarbeiter im Reaktor F1 an und dokumentierte seine Eindrücke. Um seine erneute Anstellung nicht zu gefährden, verbarg er seine Identität; auch die deutsche Ausgabe enthält ein Vorwort, in dem er erklärt, dass er weder die Regierung noch den Betreiber TEPCO kritisieren will, sondern nur erzählen möchte, was er erlebt hat – ähnlich wie ein Soldat nach dem Krieg. Diese Haltung macht seine Erzählung ungewöhnlich nüchtern. Hier ein Podcast von Google NotebookLM.

Die Handlung beginnt gut ein Jahr nach der Dreifachkatastrophe. Tatsuta führt die Leser in das geisterhaft verlassene Sperrgebiet und die monströsen Ruinen des zerstörten Kraftwerks; Lagepläne und Legenden der einzelnen Räume wirken wie technische Zeichnungen. Das dreibändige Werk ist keine dramatisierte Thriller‑Story, sondern eine Aneinanderreihung von Vignetten, in denen Tatsuta seine Arbeitswelt schildert. Er beschreibt akribisch, wie schwierig es war, überhaupt eine Stelle zu bekommen, wie irritiert sein Umfeld reagierte und welche Hürden die Bürokratie und das mehrstufige System aus Subunternehmen aufstellten. Die Zeichnungen entstanden während der Pausen direkt in Fukushima, was dem Manga eine dokumentarische Authentizität verleiht.

Den Schwerpunkt legt Tatsuta auf die alltägliche Arbeit, nicht auf spektakuläre Szenen. Er schildert, wie Arbeiter ihre Zeit in kleinen, überfüllten Zimmern verbringen und oft tagelang warten müssen, bis sie überhaupt eingesetzt werden können; erst nach der Hälfte des Bandes wird er als Arbeiter eingesetzt und soll lediglich Aufenthaltsräume herrichten. Er beschreibt die Hitze und den Schweiß unter den Schutzanzügen, die eingeschränkte Beweglichkeit und die ständige Wiederholung von An‑ und Ausziehen, Strahlenmessung und Pausen. Der eigentliche Schrecken liegt für ihn nicht in der Radioaktivität, sondern in banalen, körperlich quälenden Problemen: Durst, Hitzeschläge, juckende Haut. Tatsuta hält die Strahlung für „ehrlich“ – ein berechenbares, mathematisch quantifizierbares Risiko . Gefährlicher seien menschliche Faktoren wie Missmanagement, Medienpanik und das mafiöse Subunternehmersystem. Diese Einstellung unterscheidet sein Werk von vielen kritischen Fukushima‑Narrativen; manche Leser sehen darin Naivität oder regierungsnahe Propaganda, andere schätzen den Einblick in die reale Arbeitswelt ohne ideologische Schlagseite. So hab ich es auch gesehen.

Die grafische Umsetzung ist unspektakulär. Der Zeichenstil entspricht dem zurückhaltenden Realismus eines Seinen‑Mangas; Diagramme und erklärende Texte wirken wie eine Bedienungsanleitung und verdeutlichen Tatsutas Liebe zum Detail. Dieser sachliche Ton lässt Emotionen weitgehend außen vor, vermittelt aber ein Gefühl für die Monotonie und den „endlosen Alltag“ im verseuchten Kraftwerk. Kritiker loben die genaue Darstellung der Ausrüstung, der Sicherheitsprozeduren und der Schutzmaßnahmen, bemängeln aber die fehlende narrative Spannung und die Abwesenheit politischer Einordnung. Das Buch ist eher „Arbeitsplatz‑Slice‑of‑Life“ als Katastrophendrama.

Gleichwohl bietet „Faktor 1F“ einen einzigartigen Blick auf den Schrecken der Atomkatastrophe. Durch die Nüchternheit seiner Darstellung wird der Horror der verlassenen Ruinen, der verstrahlten Umwelt und der entwurzelten Menschen umso eindringlicher. Die Ghost Town, in die Tatsuta den Leser führt, ruft die Bilder des Super‑GAUs wach, bei dem Reaktorgebäude explodierten und riesige Stahlbetonskelette zurückblieben. Gleichzeitig erinnert er daran, dass hinter den Katastrophenmeldungen Menschen stehen, die in unwürdigen Verhältnissen arbeiten, sich gegenseitig stützen und versuchen, eine gewisse Normalität zu finden. Seine neutrale Haltung – er dokumentiert den Glauben vieler Japaner, dass Atomkraft beherrschbar sei  – fordert europäische Leser heraus, ihre eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. Heute haben wir in Bayern wieder die Forderung des Ministerpräsidenten nach der Rückkehr zur vermeindlich sicheren Atomkraft, nachdem man noch vor Jahren den Ausstieg propagierte. Gerade weil der Manga keine klaren Botschaften liefert, sondern Beobachtungen, eröffnet er einen Raum für Reflexion über Technikgläubigkeit, Arbeitsausbeutung und die menschlichen Konsequenzen von Atomkatastrophen.

Insgesamt empfand ich „Faktor 1F“ als keine leichte Lektüre. Der Manga verlangt Geduld und Interesse an technischen Details, bietet dafür aber ein dichtes Dokument der Nachsorge in Fukushima. Wer einen spannungsreichen Katastrophen‑Comic erwartet, wird enttäuscht sein; wer hingegen eine authentische, ungeschönte Sicht auf den Alltag der Arbeiter sucht, wird reich belohnt. Die Serie zeigt, dass der Schrecken der Atomkatastrophe nicht nur in Explosionen und Strahlenwerten liegt, sondern auch in der Monotonie, der hitzebedingten Ohnmacht und der Perspektivlosigkeit der Menschen vor Ort – und sie macht deutlich, wie wichtig es ist, diese individuellen Geschichten neben den statistischen Angaben zu hören. Und der Manga hat mich wieder zum Nachdenken gebracht und brachte mir die schrecklichen Bilder von damals vor Augen. Japan stand damit einige Jahre nicht mehr auf meinem Reiseprogramm.

Buchkritik: Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg von Ronja von Wurmb‑Seibel

26. Februar 2026

Gerne lese ich als Journalist Bücher von Kollegen. Die Klassiker haben es mir angetan: Peter von Zahn, Lothar Loewe, Gerd Ruge, Peter Scholl-Latour. Und natürlich auch moderne Reportagenbücher, weil sie mir auf einen Land oder Konflikt anders näher bringen als klassische Sachbücher. Und als ich hörte, dass die Zeit-Kollegin Ronja von Wurmb‑Seibel bei uns im Landkreis als Land- und Kreisrätin antritt, holte ich ein Buch von ihr aus dem Archiv und ließ es mir in meinem zweiten Wohnzimmer im Bistro Sixtyfour signieren. Dabei habe ich ihr Buch „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ wieder gelesen.

Ronja von Wurmb‑Seibel legte mit „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ ein erzählerisch starkes, politisch kluges und formal sehr zugängliches Buch vor, das sich bewusst gegen die gewohnten Afghanistan‑Bilder von Anschlägen, Burka und Bundeswehr stellt. Es war 2015 weniger Kriegsreportage als dichte Alltagschronik, die den Blick auf Afghanistan leiser, persönlicher und zugleich politisch schärfer justiert.

Die Autorin zog 2013 mit 27 Jahren für rund anderthalb Jahre nach Kabul, um als Reporterin für deutsche Medien über das Land zu berichten, in dem zeitgleich Tausende Zivilisten durch Anschläge sterben und westliche Soldaten im Einsatz waren. Statt einer linearen Frontberichterstattung gliederte sie ihre Erfahrungen in 13 Episoden, die jeweils um eine Begegnung, einen Ort oder eine Situation kreisen – vom Yoga‑Kurs über den Holzofenkauf bis hin zum Frauengefängnis.

Die Texte kombinieren atmosphärische Szenen mit Hintergrundinformationen zum deutschen Afghanistan‑Einsatz, zu Sicherheitslage und Alltag der Bevölkerung. Dadurch entstand ein Mosaik, das den Krieg permanent im Hintergrund präsent hält, aber konsequent über die Perspektive der Menschen vor Ort erzählt.

Für mich ist die Stärke des Buchs der konsequente Fokus auf das normale Leben im Ausnahmezustand: Gespräche über Pesto‑Rezepte, Yoga‑Stunden, private Einladungen und berufliche Routinen stehen neben Alarmzustand und latentem Bedrohungsgefühl. Gerade diese Reibung zwischen Alltagsbanalität und abstrakter Gefahr – Anschläge als Statistik in einer Vier‑Millionen‑Stadt – gibt dem Buch seine Spannung.

Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen von Wurmb‑Seibel die Lebensrealität von Frauen beschreibt, etwa beim Besuch eines Frauengefängnisses, in dem Insassinnen in pinken Kleidern mit offenen Haaren auftreten. Sie kritisiert die westliche Fixierung auf Burka und Kopftuch als Verkürzung und betont, dass strukturelle Gewalt, fehlende Rechte und ökonomische Abhängigkeit die eigentlichen Konfliktlinien sind – auch, wenn viele der von ihr porträtierten Frauen selbstverständlich Kopftuch tragen.
Das Buch erschien 2015 und ich denke nach der erneuten Machtübernahme der Taliban wird es heute anders aussehen. Heute wäre so ein Einblick in das Land nicht mehr so möglich. Daher ist das Buch auch eine Art Geschichtsbuch.

Sprachlich arbeitet die Autorin mit einer nahen Ich‑Perspektive, die ihre eigene Angst, Überforderung und Faszination nicht ausblendet. Sie reflektiert offen, wie negative Geschichten sie „leer“ machen und ihr die Lebenskraft entziehen, und wie sie gelernt hat, gezielt nach Momenten der Zuversicht zu suchen, ohne die Gewalt zu beschönigen.

Der Ton ist reportagehaft, aber nicht nüchtern; Szenen werden präzise beobachtet und dialogisch zugespitzt, jedoch ohne literarische Überinszenierung. Man merkt, dass die Texte aus journalistischer Praxis kommen: klar strukturierte Episoden, pointierte Beobachtungen, kluge Verdichtungen – und immer wieder klare, aber unpathetische Wertungen zum Sinn und Unsinn der westlichen Intervention.

„Ausgerechnet Kabul“ ist explizit als Gegenbild zur stereotypen Kriegsberichterstattung angelegt: Die Autorin formuliert als Ziel, nicht „noch mehr von Anschlägen zu berichten“, sondern die Wahrnehmung Afghanistans in Deutschland zu verändern. Darin steckt ein sehr bewusstes politisches Projekt: Sie will zeigen, dass Afghanistan nicht nur Kulisse für sicherheitspolitische Debatten ist, sondern ein komplexes gesellschaftliches Gefüge mit eigenen Dynamiken, Hoffnungen und Widersprüchen. Nun, die Geschichte hat gezeigt, dass die Entwicklung in diesem Land anders verlaufen ist.

Gleichzeitig blendet das Buch die Verantwortung des Westens nicht aus; etwa wenn von Wurmb‑Seibel Recherchen zu von der NATO hinterlassenen Blindgängern beschreibt, die schließlich dazu beitragen, dass die Bundesregierung zumindest ein Minenfeld räumen lässt. Die politische Analyse tritt nie als trockenes Essay auf, sondern ist immer in Szenen eingelassen – das macht die Lektüre zugänglich, birgt aber auch das Risiko, dass strukturelle Zusammenhänge eher angedeutet als systematisch ausgeführt werden.

Das Buch ist sehr gelungen mit dem Perspektivwechsel weg von der Front hin zu Alltagsmikroszenen, die den Leser in Ambivalenzen halten: Sicherheitsappelle, Normalität, Angst, schwarzer Humor und Hoffnung liegen dicht beieinander.
Seine Stärke liegt im Konkreten – Figuren, Orte, Situationen – geht mit einer gewissen Zurückhaltung bei der großen geopolitischen Analyse einher; wer einen umfassenden Überblick über Geschichte und Politik Afghanistans erwartet, wird eher punktuell als systematisch bedient. Heute ist die Situation sowieso komplett anders.
Interessant für mich: Die selbstreflexive Haltung der Autorin, inklusive Zweifel an der Wirksamkeit des eigenen Journalismus, ist ein großes Plus, weil sie das übliche Heroen‑Narrativ des Kriegsreporters unterläuft. Auch hier hat sich gezeigt, dass die Geschichte eine andere Entwicklung eingeschlagen hat.
Formal ist das Buch zugänglich, gut lesbar und für ein breites Publikum geeignet; literarisch ambitionierte Leser könnten sich gelegentlich mehr formale Experimentierfreude oder essayistische Tiefenbohrungen wünschen, aber für mich ist es ein prima Reportagebuch und Zeitdokument.

Insgesamt ist „Ausgerechnet Kabul“ ein eindringliches Stück erzählter Zeitgeschichte, das Afghanistan nicht erklärt, sondern erfahrbar macht – über Gesichter, Stimmen und Körper in einer Stadt im Ausnahmezustand. Für Leser, die kriegsmüde sind und doch verstehen wollen, was Krieg mit einer Gesellschaft macht, ist dieses Buch eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Erinnern, um zu verstehen – warum Orte wie das Dokumentationszentrum Obersalzberg unverzichtbar sind

20. Januar 2026

Das Dokumentationszentrum Obersalzberg ist eine zentrale Einrichtung der politischen Bildung und Erinnerungskultur in Deutschland. Ich habe es besucht und kann den Besuch ausdrücklich empfehlen. Ich habe bereits mehrere Blogpost dazu verfasst, wie zum Kampfhäusl, zur geraubten Madonna und das Bunkersystem.

Das Dokumentationszentrum befindet sich an einem historisch hoch belasteten Ort: dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, der in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem wichtigen Machtzentrum des NS-Regimes ausgebaut wurde. Hier befanden sich unter anderem der Berghof Adolf Hitlers sowie weitere repräsentative und strategische Bauten der nationalsozialistischen Führung. Hier ein paar Eindrücke als Video.

Das Dokumentationszentrum wurde mit dem Ziel eingerichtet, diesen Ort nicht unkommentiert der Geschichte oder gar einer romantisierenden Betrachtung zu überlassen, sondern ihn kritisch einzuordnen und historisch aufzuarbeiten. Die Dauerausstellung informiert umfassend über die nationalsozialistische Diktatur, ihre Ideologie, ihre Machtstrukturen sowie über die Verbrechen des Regimes. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Rolle des Obersalzbergs als Rückzugs- und Inszenierungsort der NS-Führung und auf der bewussten Propagandawirkung, die von diesem Ort ausging.

Die sachliche, quellengestützte Darstellung richtet sich an ein breites Publikum und verbindet historische Dokumente, Fotografien, Texte und audiovisuelle Medien. Ziel ist es nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern auch zur kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte anzuregen. Dabei wird deutlich gemacht, wie eng persönliche Machtansprüche, ideologische Verblendung und staatlich organisierte Gewalt miteinander verknüpft waren.

Die Bedeutung des Dokumentationszentrums liegt vor allem darin, dass es hilft, historische Verantwortung wachzuhalten. Gerade an authentischen Orten wird erfahrbar, dass der Nationalsozialismus kein abstraktes Phänomen war, sondern konkrete Orte, Akteure und Entscheidungen hatte, deren Folgen millionenfaches Leid verursachten. Das Zentrum leistet damit einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Bildung, zur Prävention von Geschichtsverfälschung und zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Antisemitismus in der Gegenwart.

In einer Zeit, in der Zeitzeugen zunehmend fehlen und historische Zusammenhänge vereinfacht oder relativiert werden, kommt Einrichtungen wie dem Dokumentationszentrum Obersalzberg eine besondere Verantwortung zu. Sie bieten Orientierung, fördern kritisches Denken und erinnern daran, wie fragil demokratische Strukturen sein können. Damit ist das Dokumentationszentrum nicht nur ein Ort der Information, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil der aktiven Erinnerungskultur und der politischen Bildung in Deutschland.
Gerne würde ich ein Seminar zur politischen Bildung dort machen.

Hitlers Bunker unter dem Obersalzberg

17. Januar 2026

Unterhalb des als “Führersperrgebiet” deklarierten Areals auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden entstand ab Sommer 1943 ein weit verzweigtes Netz von Bunkertunneln. Insgesamt wurden über sechs Kilometer Stollen und Kavernen tief in den Fels gesprengt. Durch das Dokumentationszentrum Obersalzberg lässt sich ein Teil des Bunkerssystems besichtigen. Ich habe mir ausführlich die Bunkeranlagen angeschaut und mich im hervorragenden Dokumentationszentrum informiert. Klare und ausdrückliche Empfehlung von meiner Seite.

Bei meiner Besichtigung mitten im Winter war nicht viel los und ich konnte die meiste Zeit die Anlage alleine besichtigen und mir meine Gedanken dazu machen. Es war interessant und bedrückend durch dieses Bauwerk zu gehen. Ich habe einen VR 360 Grad Film gedreht, der die Atmosphäre in diesem Bunkersystem einfängt.

Die Anlage lag bis zu etwa 60 Meter unter der Oberfläche und verband zahlreiche zentrale Bauten der NS-Führungsriege: So führten Tunnel vom Berghof (Hitlers Wohnsitz) hinab in das Hauptstollensystem, weitere Abzweigungen führten etwa zu Martin Bormanns Haus und zur SS-Kaserne. Aus Sicherheitsgründen hielt Bormann allerdings die Bunker seiner Rivalen strikt getrennt – insbesondere Görings eigenen Luftschutzstollen ließ er nicht an Hitlers Tunnelsystem anbinden. Alle wichtigen Eingänge – etwa beim Hotel Platterhof oder dem Hotel Zum Türken – wurden mit massiven Stahltüren, Schleusen und MG-Nischen gesichert, um bei Bombenangriffen Druckwellen und Giftgas abfangen zu können. Vom Platterhof-Eingang beispielsweise führten 190 Stufen hinab in die Tiefe, an deren Ende sich eine unterirdische „Hauptstraße“ durch den Fels zog. Insgesamt umfasste der Komplex Dutzende Räume – darunter Wohn- und Büroräume, Führungszentralen, Telefonvermittlung, Lagerräume und sogar Hundezwinger und sanitäre Anlagen für Hitlers Personal .

Technisch war der Tiefbunker hochmodern ausgestattet: Eigene Notstrom-Dieselaggregate, Lüftungs- und Heizsysteme, Brunnen und Wasserreservoirs sowie Pumpen für Abwasser sicherten im Ernstfall eine autarke Versorgung unter Tage. Die Tunnelwände wurden mit 30–60 cm dickem Beton ausgekleidet, mit Abdichtungen gegen eindringendes Wasser versehen und teils weiß verputzt. Einige Bereiche waren aufwendig ausgebaut – Hitlers und Bormanns private Suiten erhielten Parkettböden, teure Teppiche und holzgetäfelte Wände. Außenposten wie einfache Wachmannschaften mussten sich hingegen mit nacktem Fels und provisorischen Bänken in feuchten Seitentunneln begnügen. Die Mehrheit der Stollen war bis Kriegsende im April 1945 fertiggestellt, wenngleich laufend Erweiterungswünsche (etwa nach zusätzlichen Bunkerräumen für Flak- und Stabsabteilungen) zu neuen Baustellen führten.

Den Bau dieses unterirdischen Festungswerks ermöglichten erst Zwangsarbeiter in großer Zahl: Bis zu 6.000 Männer, zumeist aus der Tschechoslowakei, Italien und Polen, mussten unter hohem Zeitdruck am Obersalzberg schuften. Noch bis Kriegsende wurde hier gearbeitet. Ihnen oblag die harte Spreng- und Betonarbeit im Berg; deutsche Fachleute überwachten lediglich die Arbeiten. Die Arbeitsbedingungen im Berg galten zwar als etwas besser als in manchen Rüstungsfabriken oder Konzentrationslagern, doch standen die Arbeiter unter rigider Kontrolle und hatten keine Wahl – bei „Fehlverhalten“ drohten drakonische Strafen. Gearbeitet wurde in zwei Schichten rund um die Uhr, und die Pausen fanden aus Zeitersparnisgründen ebenfalls unter Tage statt. Zweimal täglich bekamen die Zwangsarbeiter lediglich dünne Suppe zu essen, die in Milchkannen in die Stollen geliefert wurde  – eine dieser Milchkannen fand sich Jahrzehnte später noch im Bunker wieder und zeugt von den einstigen Bedingungen.

Vom Luftschutz zum alpinen Befehlsstand
Die Bunker unter dem Obersalzberg wurden primär als Luftschutzbunker konzipiert, doch Bormann plante mehr als bloße Schutzräume. Er sah den Obersalzberg als potentiellen Führungsbunker einer „Alpenfestung“, falls Berlin unhaltbar würde. So integrierte man in die weitläufigen Stollen auch eine Befehlszentrale mit Fernmeldeanlage, Büroräume für die NSDAP-Kanzlei und Unterkünfte für Führungsstäbe.

Tatsächlich verbrachte Adolf Hitler vor 1944 einen beträchtlichen Teil seiner Regierungszeit auf dem Obersalzberg und führte von dort aus Regierungsgeschäfte – nahezu ein Drittel seiner Amtszeit, insgesamt fast vier Jahre, hielt er sich in seinem Berghof auf . In den ersten Kriegsjahren fanden dort sogar wichtige diplomatische Treffen und Entscheidungsrunden statt (etwa 1938 die Unterredung mit Österreichs Kanzler Schuschnigg, die zum „Anschluss“ führte). Hermann Göring, Martin Bormann und andere NS-Größen nutzten ihre Obersalzberg-Villen gleichfalls als Zweitquartiere neben Berlin, so dass der Obersalzberg als „zweiter Regierungssitz“ des NS-Staates gelten kann. In Erwartung zunehmender Luftangriffe sollten die Bunker diesem NS-Machtzentrum ab 1943 nun endlich einen dauerhaften Schutz und die Möglichkeit ungestörter Weiterarbeit im Berg bieten.

Allerdings kam es kaum zu regulären „Bunker-Alltagsszenarien“, da sich die Kriegslage schnell verschlechterte. Hitler selbst nutzte die Obersalzberg-Bunker nie als permanentes Führerhauptquartier – nach dem D-Day 1944 verließ er den Obersalzberg endgültig und zog die Führung der Wehrmacht in Berlin bzw. Ostpreußen zusammen. Zwar hatte es bis dahin Probealarme gegeben, bei denen Hitler angeblich mit seinem Stab in den Bunker hinabstieg, doch im Ernstfall blieb er aus Propagandagründen lieber „über Tage“. So soll Hitler bei einzelnen Fliegeralarmen demonstrativ im Freien geblieben sein, um sich als unerschütterlich zu inszenieren.

Göring hingegen bezog spätestens im Frühjahr 1945 regelmäßig seinen persönlichen Bunkertrakt. Als am 25. April 1945 ein großer britischer Bomberangriff den Obersalzberg traf, hielt sich Göring vor Ort auf und begab sich mit dem übrigen Personal in die Stollenanlagen. Rund 3.000 Personen – von SS-Wachen über Dienstpersonal bis zu Zivilisten der Umgebung – suchten während des Bombardements in den Bunkern Schutz. Dank der stabilen Bauweise überstanden die meisten den Angriff: Obwohl die Royal Air Force mit über 350 Bombern insgesamt 1200 Tonnen Bomben abwarf (darunter riesige „Tallboy“-Bunkerbrecher), kamen nur etwa 30 Menschen ums Leben. Sämtliche Gebäude des Führersperrgebiets – bis auf das hoch gelegene Kehlsteinhaus – wurden dagegen schwer beschädigt oder zerstört. Noch am selben Tag legten abziehende SS-Truppen Feuer in den Ruinen, was Plünderungen durch Anwohner jedoch nicht verhinderte. Hitler selbst weilte zu diesem Zeitpunkt im Führerbunker in Berlin und erlebte das Ende seines „Dritten Reiches“ dort – fünf Tage später nahm er sich das Leben .

In den letzten Kriegstagen dienten die Obersalzberg-Bunker v.a. der Vernichtung von Beweismaterial. Beispielsweise ließ Martin Bormann aus seinem Berliner Exil seiner Ehefrau auf dem Obersalzberg den Befehl zukommen, belastende Akten im Bunker zu verbrennen . Noch heute finden sich in manchen Stollen rußgeschwärzte Wände, wo in jenen Apriltagen 1945 große Feuer mit Dokumenten loderten.
Diese Rußschichten machten es späteren Besuchern leicht, ihren eigenen Namen in die Wände zu kratzen – die Rußpartikel kontrastieren weiß, sobald man sie mit einem Schlüssel oder Stein abreibt. Auf diese Weise hinterließen in den Jahrzehnten nach Kriegsende zahllose Menschen Inschriften in den Bunkergängen – von einfachen Soldaten und Einheimischen bis hin zu Gruseltouristen und Neonazis, die heimlich in die zeitweise unbewachten Stollen eindrangen.

Als in den ersten Maitagen 1945 amerikanische und französische Truppen Berchtesgaden erreichten, fanden sie auf dem Obersalzberg kein aktives „Alpenfestungs“-Personal mehr vor – die Tunnel waren leer, es kam zu keinen Kämpfen. Dennoch entwickelte sich zwischen der US-Armee und der französischen 2e DB-Panzerdivision ein Wettlauf um das Prestige, Hitlers Bergresidenz als Erste zu besetzen. Schließlich hissen Amerikaner und Franzosen am 5. Mai 1945 gemeinsam ihre Flaggen über den rauchenden Trümmern auf dem Obersalzberg. In den Bunkern hinterließen drei französische Soldaten ihre Initialen („AG PS DA“) und ritzten zur Erinnerung an den Sieg ihre Einheit – „2e Division Blindée“ – sowie das Datum 5.5.1945 in eine Betonwand ein. Flankiert wurde diese Inschrift von zwei eingeritzten Lothringer Kreuzen, dem Symbol der französischen Streitkräfte im Krieg. Solche Graffiti der Alliierten markierten buchstäblich das Ende der NS-Herrschaft am Obersalzberg.

Dokumentationszentrum und museale Zugänglichkeit der Bunker
Unmittelbar nach der kampflosen Übergabe des Obersalzbergs am 4. Mai 1945 übernahm die US-Armee die Kontrolle über das Gebiet. Die Amerikaner erklärten das gesamte Areal zunächst zum Sperrgebiet und verhinderten so eine ungeregelte Besichtigung durch die lokale Bevölkerung oder gar Alt-Nazis. Plünderungen ließen sich dennoch nicht völlig eindämmen: Bereits in den ersten Tagen nach Einmarsch bedienten sich sowohl Einheimische als auch alliierte Soldaten großzügig an den Überresten. Aus den Bunkern verschwanden in den Nachkriegsjahren nahezu alle technischen Einrichtungen, Einbauten und Wertgegenstände – die weitläufigen Tunnel standen bald leer und waren verwahrlost.

Wie Zeitzeugen berichten, wurde buchstäblich „alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest“ war, von Holzvertäfelungen über Mobiliar bis zu Rohrleitungen. Übrig blieb schließlich fast nur der nackte Fels und Beton. Einzige Relikte waren etwa ein riesiger Stahlschrank, der von GIs mit einer Panzerfaust aufgeschossen worden war (einer Legende nach war er leer) – oder die eingangs erwähnte rostige Milchkanne, die Jahrzehnte unbemerkt in einem Seitentunnel lag.

Nach Kriegsende nutzte die US-Armee das Obersalzberg-Areal über 50 Jahre lang als Erholungszentrum für amerikanische Soldaten (Armed Forces Recreation Center). Für die deutsche Öffentlichkeit blieb das Gelände damit bis in die 1990er Jahre weitgehend unzugänglich.
Lediglich das Kehlsteinhaus und seine Bergstraße wurden früh für den zivilen Tourismus freigegeben – sie entwickelten sich ab den 1950ern zu einem regelrechten Besuchermagneten, während der eigentliche Obersalzberg darunter nahezu entzogen war . Um zu verhindern, dass die Ruinen von Hitlers Berghof zu einer Wallfahrtsstätte für Neonazis werden könnten, sprengten die US-Besatzer und bayerischen Behörden 1952 fast alle stehengebliebenen NS-Gebäudereste, einschließlich der ausgebrannten Berghof-Ruine. Auch oberirdische Spuren der Bunkereingänge wurden teils eingeebnet. 

Dennoch pilgerten weiterhin Neugierige und Alt-Nazis auf den Berg – viele Jahre lang teils begünstigt durch dubiose Touristenführer und trivialisierende Broschüren, die vor Ort verkauft wurden. Erst nachdem die US-Truppen 1996 den Obersalzberg endgültig räumten, konnte sich Bayern der aktiven Erinnerungsarbeit annehmen. Man beschloss ein „Zwei-Säulen-Konzept“: Einerseits sollte das Areal behutsam touristisch entwickelt werden (etwa durch ein Hotel), andererseits aber eine historische Bildungsstätte entstehen . So eröffnete am 20. Oktober 1999 das Dokumentationszentrum Obersalzberg als moderner Lern- und Erinnerungsort.

Von Anfang an bezog die Dokumentation die originalen Bunker in ihr Museumskonzept ein. Ein Teil der weitläufigen Untergrundanlage – insbesondere die Stollen unter dem ehemaligen Hotel Platterhof bzw. Gästehaus Hoher Göll, auf dessen Fundament der Museumsbau errichtet wurde  – ist für Besucher seither zugänglich. Über das Museumsgebäude gelangt man in einen rund 200 Meter langen Bunkerabschnitt, der heute als authentisches Ausstellungsobjekt dient. Dieser Bereich umfasst u.a. die ehemaligen Büroräume der NSDAP-Kanzlei am Obersalzberg (teils mit originalen Einbauten) sowie Verbindungsstollen mit einigen Nebenräumen wie Vorratskellern. Schon 1999 stieß diese Bunker-Teilausstellung auf großes Interesse, so dass 2006 ein zusätzlicher Ausstellungsraum im Bunker für Wechselausstellungen ausgebaut wurde. Von 2017 bis 2023 war die Anlage wegen umfangreicher Erweiterungsarbeiten geschlossen, doch seit der Wiedereröffnung der Dokumentation (neue Dauerausstellung “Idyll und Verbrechen”) ist der Bunker wieder im Rahmen des Rundgangs zugänglich . Besucher passieren originale engen Gänge, sehen Gerätschaften und Relikte und stoßen auf erklärende Tafeln, die die Funktion jedes Abschnitts erläutern. So wird der historische Tiefbunker selbst zum Exponat, das die Geschichte des Ortes greifbar macht.

Um die Sicherheit und den pädagogischen Mehrwert zu gewährleisten, bleibt freilich nur ein begrenzter Teil der Gesamtanlage begehbar – viele Stollen sind aus statischen Gründen versiegelt oder liegen auf privatem Gelände (etwa unter dem Hotel Zum Türken, das eigene Führungen durch seinen Bunkerabschnitt anbietet). Der für die Öffentlichkeit geöffnete Sektor im Dokumentationszentrum ist dagegen gut gesichert, beleuchtet und mit einem Audioguide sowie Führungen erschlossen. Besucher erhalten so einen Eindruck der beklemmenden Enge und Kälte im Berg und lernen gleichzeitig die historischen Zusammenhänge kennen. In Vitrinen sind Funde ausgestellt, etwa originale Baupläne, Werkzeug oder Fundstücke wie die erwähnte Milchkanne oder Lebensmittelmarken der Kriegszeit, die im Bunker gefunden wurden. Zusätzlich vermitteln Medienstationen Interviews mit Zeitzeugen, die vom Alltag am Obersalzberg oder der Zwangsarbeit im Bergbau berichten. Die Kombination aus originalem Schauplatz und kritischer Einordnung soll einen verantwortungsvollen Umgang mit dem schwierigen Erbe ermöglichen.

Heutiger Umgang mit dem NS-Erbe
Die Bunker unter dem Obersalzberg verkörpern einen historischen Täterort, der bis heute sensibel behandelt werden muss. Bereits kurz nach Kriegsende zeigte sich, wie ambivalent das Erbe ist: Einerseits hatten die Alliierten – insbesondere die Franzosen – ihre Spuren stolz hinterlassen. Andererseits zog die Anlage früh auch nostalgische Anhänger des NS-Regimes an. So kam es schon in den 1950ern zu regelrechten “Sensationstouren” ehemals Verfolgter, Neugieriger, aber auch Ewiggestriger, die teils illegal in die gesperrten Bunker vordrangen . In den dunklen Tunneln fanden sich mit der Zeit beschmierte Hakenkreuze und Parolen wie „Heil Adolf“ – ein Hinweis darauf, dass manche Besucher den Ort zu glorifizieren versuchten. Diesem unerwünschten Umgang setzt man heute aktive Aufarbeitung entgegen.

Die Dokumentation Obersalzberg versteht sich ausdrücklich als Lernort, der die Verbrechen des NS-Regimes aufarbeitet und Entmystifizierung betreibt. So wird z.B. an den Bunkerwänden nicht nur die militärische Funktion erläutert, sondern auch an die Ausbeutung der Zwangsarbeiter erinnert, die diese „Alpenfestung“ unter unmenschlichen Bedingungen errichten mussten.

Das Gelände selbst wird ebenfalls bewusst unspektakulär gehalten, um keinen Heldenmythos zu befördern. Vom früheren Berghof steht heute fast nichts mehr – lediglich eine überwachsene Stützmauer und eine Hinweistafel erinnern an den Ort . Dennoch erscheinen nach wie vor vereinzelt Neonazis, die dort Kerzen oder Botschaften als Verehrung platzieren . Die Mitarbeiter der Dokumentation sammeln solche Relikte (über 50 teils mit Hakenkreuzen versehene Grablichter wurden seit 2015 entfernt) und nutzen sie als mahnende Exponate in der Ausstellung. Damit wird offensiv gezeigt, dass der Kampf um die Deutungshoheit über Orte wie den Obersalzberg bis in die Gegenwart reicht.

Insgesamt gilt die Einbindung der Bunker ins pädagogische Konzept als gelungen. Das Dokumentationszentrum Obersalzberg – getragen vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin – wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2025 mit dem europäischen Luigi Micheletti Award für seine innovative Dauerausstellung „Idyll und Verbrechen“. Diese Ausstellung kontrastiert bewusst die idyllische Alpenlandschaft (die von den Nazis propagandistisch als heile Welt inszeniert wurde) mit den Verbrechen, die hinter den Kulissen geplant wurden.

Die Bunkeranlagen spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie sind das greifbare Symbol dafür, wie aus dem friedlichen Bergbauerndorf Obersalzberg ein hermetisch abgeriegelter Unrechtsort und schließlich ein Endzeit-Zufluchtsort der NS-Elite wurde. Indem man die unterirdischen Räume für Besucher öffnet, entzaubert man zugleich manche Legende – etwa den Mythos der „unbesiegbaren Alpenfestung“, die sich in Wahrheit als überdimensioniertes und letztlich nutzloses Bauprojekt entpuppte. Die Bunker werden so nicht ehrfürchtig verherrlicht, sondern kritisch kontextualisiert: als Teil der Infrastruktur eines verbrecherischen Regimes, das am Ende trotz aller Betonwände in Trümmern versank.

Die heutige Erinnerungsarbeit am Obersalzberg zeigt, dass ein solch belastetes Erbe produktiv genutzt werden kann, um Geschichte aufzuarbeiten statt zu verdrängen. Durch behutsame architektonische Integration, wissenschaftliche Begleitung und offensives pädagogisches Konzept gelingt es, die Bunker weder zum Wallfahrtsort für Rechtsradikale noch zum reißerischen Gruselkabinett verkommen zu lassen. Vielmehr dienen sie als mahnendes Anschauungsobjekt, das tausenden Besuchern jährlich die Abgründe der NS-Herrschaft vor Augen führt – an dem Ort, wo einst Macht und Idylle auf verhängnisvolle Weise zusammentrafen.

Buchtipp: Cinemas – From Babylon Berlin to La Rampa Havana von Margarete Freudenstadt

21. November 2025

Wer meinen Blog kennt, der weiß: Ich liebe das Kino. Meine Liebe zum Kino beginnt oft im Dunkeln – in dem Moment, wenn das Licht ausgeht und der Alltag leise hinter einem die Tür schließt. Auf der Leinwand öffnet sich eine andere Welt, und für zwei Stunden darf man jemand anders sein, an anderen Orten leben, andere Leben fühlen.

Viele Kinos sterben heute aus den unterschiedlichsten Gründen und wenn ich die Gelegenheit habe, dann fotografiere Kinos. Zwei schmerzhafte Erfahrungen waren die Schließungen des Gabriels und des Sendlinger Tor Filmtheaters – beides in München. Ich habe darüber gebloggt. Immer wieder schwebst es mir vor, einen Buch zum Thema Kinos zu produzieren.

Schon vor langer Zeit traf ich eine Leidensgenossin in Sachen Kino. Die Fotografin Margarete Freudenstadt. Bei einer Ausstellung in Gauting stellte sie ihrem Bildband Cinemas – From Babylon Berlin to La Rampa Havana vor, der von Christoph Wagner herausgegeben wurde. Das Buch zeigt auf eindrucksvolle Weise eine nostalgische Reise durch Lichtspielhäuser zwischen Ost­deutschland und Kuba – und erzählt damit zugleich von Zeiten, Träumen und Verfalls­erscheinungen.

Der Band beginnt im Osten Deutschlands, in den frühen 1990er Jahren. Freudenstadt lässt alte DDR-Kinos auftreten: Gebäude wie das „Filmtheater Kosmos“ oder „Fortschritt-Lichtspiele“, einst Symbol für moderne Unterhaltung im Sozialismus, erscheinen nun ruhig, teilweise leer und von der Zeit gezeichnet. Die Fotografin dokumentiert Architektur, Foyers, Fassaden und Straßenzüge, oft mit einem Blick, der Ruhe, Leere und Erinnerung zugleich einfängt – als würde jedes Foto eine Art Nachklang einer Epoche sein, die bereits durch Umbruch und Wandel erschüttert wurde.

Im zweiten großen Kapitel führt das Buch nach Kuba – nach Havanna und Umgebung –, wo die filmische Begeisterung der 1950er Jahre unter US-Einfluss in prachtvollen Kinopalästen wie „Riviera“, „Acapulco“ oder „Florida“ gipfelte. Doch auch hier hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen: Die einst glanzvollen Säle sind heute in vielen Fällen verfallen, verwittert, überzeichnet von Patina und Geschichte. Kubanische Kinos erscheinen im Bildband als stille Mahnmale einer Träumerei von Unterhaltung und Illusion, die einst pulsierte und nun – vielfach – ihre Zuschauer verloren hat.

Was das Buch und ihre Bilder so stark macht, ist nicht nur die gegensätzliche geografische wie historische Gegenüberstellung – Ost­deutschland nach der Wende versus Kuba im Wandel –, sondern der emotionale Eindruck, den diese Räume hinterlassen. Wir Leser spüren eine Mischung aus Vergänglichkeit und Faszination: Die Magie des Kinos, die einst in diesen Sälen lebte, klingt nach. Auch im Zustand des Verfalls bewahren die Bilder eine Präsenz – das Lichtspielhaus wird zur Metapher für Zeit, Erinnerung und Wandel.

Freudenstadts Fotografien sind großformatig, hochwertig gedruckt auf mattiertem, festen Papier. Jede Aufnahme zeigt detailreich Fassaden, Interieurs, Straßenraumeindrücke – Menschen sind teilweise präsent, doch nie Haupt­motiv; das Kino als Ort steht im Vorder­grund.

Begleitet werden die Bilder von einführenden Essays verschiedener Autoren, die über die Geschichte der Kinos in Kuba sowie in der DDR reflektieren – etwa zur Architektur, zur Film- und Kinokultur oder zur Rolle der Technik- und Sozialgeschichte.

Die Wirkung des Buches liegt in seiner stillen Kraft: Es lädt ein zu verweilen, zu schauen, zu erinnern. Man könnte sagen: Die vergessenen Lichtspielhäuser sprechen – über Vergangenes, über Wandel, über das, was aus dem Glanz wurde. Für Kinoliebhaber, Architektur- und Fotografie-Begeisterte ist der Band ein visuell wie inhaltlich beeindruckendes Werk.

Mit seinen 96 Seiten, einem Format von ca. 26 × 29 cm und rund 80 farbigen Abbildungen ist der Bildband hochwertig ausgestattet und ein Kunstwerk für sich.

Ich geb es nicht auf und fotografiere selbst weiter. Unlängst konnte ich in Estland ein sozialistisches Kino fotografieren, das auf dem Grundstück des Nazis Alfred Rosenberg erbaut wurde.