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Zwischen Verfall und Vergessen: Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter zu Gast im PresseClub München

14. Oktober 2026

Verlassene Fabriken, vergessene Bauernhöfe, geplünderte Krankenhäuser und die Geschichten hinter zerfallenden Mauern: Im PresseClub München gewährte die Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter faszinierende Einblicke in ihre Arbeit. Im Gespräch mit Matthias J. Lange, Beirat im Vorstand des PresseClubs München, sprach sie über die Ästhetik des Verfalls, ihre fotografische Leidenschaft, gefährliche Begegnungen, den verantwortungsvollen Umgang mit verlassenen Orten und die zerstörerischen Auswirkungen sozialer Medien. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt einer neuen Reihe zur Fotografie im PresseClub München.

Es sind Orte, die ihre ursprüngliche Bestimmung längst verloren haben. Gebäude, in denen einst Menschen lebten, arbeiteten, feierten oder litten. Heute stehen sie leer, verfallen langsam und werden von der Natur zurückerobert. Für viele Menschen sind solche Ruinen lediglich Schandflecken oder gefährliche Überreste vergangener Zeiten. Für Agnes Hörter dagegen sind sie faszinierende Zeitzeugen, die Geschichten erzählen. Die Fotografin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sogenannten Lost Places und hat ihre Entdeckungen bereits in drei Büchern dokumentiert. Hier die Aufzeichnung des Gesprächs im PresseClub.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Ort seine Geschichte selbst erzählt“, erklärte Hörter im PresseClub München. „Der eine gibt mehr oder weniger von sich preis.“ Genau diese Geschichten sind es, die sie antreiben. Dabei geht es ihr nicht ausschließlich um spektakuläre Bilder, sondern um die Menschen, die Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich hinter verlassenen Mauern verbergen.

Mit der Veranstaltung eröffnete der PresseClub München eine neue Reihe, die sich verstärkt der Fotografie widmen soll. Moderator Matthias J. Lange betonte zur Begrüßung die Bedeutung der Fotografie als Bestandteil journalistischer Arbeit. Bilder seien weit mehr als Illustrationen. Sie dokumentierten Wirklichkeit, vermittelten Zusammenhänge und könnten Geschichten erzählen, die sich mit Worten allein kaum beschreiben ließen. Mit Agnes Hörter habe man bewusst eine Fotografin eingeladen, die sich einem ungewöhnlichen fotografischen Genre verschrieben habe.

Eine verlassene Möbelfabrik als Beginn einer Leidenschaft

Der Ursprung von Hörters Begeisterung liegt in einer zufälligen Entdeckung. Bei einem Spaziergang stieß sie auf eine verlassene Möbelfabrik. Eine eingestürzte Industriehalle, überwucherte Gleise und die Überreste einer längst eingestellten Produktion weckten ihre Neugier. „Das ist schon irre, wenn man sich vorstellt, dass da mal produziert wurde und dann wachsen da Farne, kleine Bäume, Moose, Pilze“, erinnerte sie sich. „Da, wo früher gearbeitet wurde, das ist so ein ganz neuer kleiner Kosmos.“

Was von außen wie eine gewöhnliche Ruine ausgesehen habe, entpuppte sich im Inneren als geheimnisvolle Welt. „Das ist auch so ganz anders wie das, was man sonst sieht. Und das sieht man nicht, wenn man nicht in dieses Gebäude kommt.“ Aus dieser ersten Entdeckung entwickelte sich eine Leidenschaft, die Hörter bis heute nicht losgelassen hat. Die Faszination beginnt für sie bereits vor dem Betreten eines Gebäudes. „Ich glaube, in allererster Linie bin ich aufgeregt. Es ist spannend. Ich habe da was gefunden. Und dann juckt es mich so ein bisschen in den Fingern.“

Allerdings unterscheidet sie deutlich zwischen verlassenen Industrieanlagen und ehemaligen Wohnhäusern. Während Fabriken vor allem ihre Neugier auf technische und historische Zusammenhänge wecken, lösen zurückgelassene Wohnungen und Bauernhöfe häufig ganz andere Gefühle aus. „Ich glaube, das berührt einen schon, wenn du plötzlich in einem Zimmer stehst und da ist noch ganz viel drin“, sagte Hörter. „Da fühlt man sich dann schon so als Eindringling.“

Besonders bewegend sei der Anblick vollständig eingerichteter Häuser, deren Bewohner offenbar eines Tages verschwunden seien. Möbel, Kleidung, Zeitungen und persönliche Gegenstände ließen erahnen, wie die Menschen einst gelebt hätten. „Das ist dann auch so ein Moment, wo man sich überlegt: Mache ich das jetzt eigentlich? Gucke ich mich in einem fremden Leben um oder lasse ich es lieber?“ Ihre Antwort fiel bemerkenswert offen aus: „Aber meistens, muss ich zugeben, bin ich einfach zu neugierig und das ist zu spannend.“

Wenn verlassene Häuser von Einsamkeit erzählen

Wie intensiv sich Hörter mit den Geschichten hinter ihren Motiven beschäftigt, verdeutlichte sie anhand eines verlassenen Bauernhofs. Dessen ehemaliger Bewohner war ein hochdekorierter Feuerwehrkommandant gewesen. In seinen letzten Lebensjahren hatte er offenbar nur noch wenige Räume im Erdgeschoss genutzt. Die oberen Stockwerke waren über Jahrzehnte weitgehend unverändert geblieben, während Teile des Gebäudes bereits einstürzten.

Für die Fotografin entstand daraus ein berührendes Bild menschlicher Vergänglichkeit. Wie konnte ein Mann, der beruflich große Verantwortung getragen hatte, am Ende unter derart schwierigen Bedingungen leben? „Da fragt man sich unwillkürlich, was ist da passiert?“, erzählte Hörter. Vielleicht sei der Mann zu stolz gewesen, um Hilfe anzunehmen. Vielleicht habe er seine Selbstständigkeit nicht aufgeben wollen. Sie machte allerdings deutlich, dass solche Überlegungen Interpretationen seien und keine gesicherten Erkenntnisse. „Das sind natürlich alle Spekulationen.“

Gerade hier zeigte sich die besondere Verbindung zwischen Fotografie und journalistischem Erzählen. Denn Hörter möchte nicht bloß den Verfall dokumentieren. Sie versucht, den Menschen hinter den zurückgelassenen Gegenständen gerecht zu werden. „Ich glaube, es gibt auch eine Grenze dessen, was man zeigen kann oder zeigen sollte.“

Im Fall des ehemaligen Feuerwehrkommandanten entschied sie sich deshalb, vor allem die erhalten gebliebenen schönen Wohnbereiche und dessen Engagement bei der Feuerwehr zu dokumentieren. Die Verwahrlosung sollte nicht im Mittelpunkt stehen. „Man muss ja nicht das Schlechte hervorheben“, betonte sie.

Damit berührte das Gespräch eine zentrale Frage des dokumentarischen Journalismus: Darf alles gezeigt werden, nur weil es fotografiert werden kann? Und welche Verantwortung trägt derjenige, der private Lebensgeschichten öffentlich macht? Für Hörter gehört der Respekt vor den früheren Bewohnern untrennbar zu ihrer fotografischen Arbeit.

Die Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die fotografische Arbeitsweise. Hörter besitzt eine künstlerische Ausbildung, betrachtet ihre Arbeit aber nicht ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten. „Ich glaube, jedes Foto ist irgendwo auch ein bisschen künstlerisch“, erklärte sie.

Entscheidend sei zunächst, die besondere Atmosphäre eines Ortes einzufangen. Dabei arbeite sie mit vergleichsweise überschaubarer Ausrüstung. Neben einer kleinen Digitalkamera nutzt sie inzwischen eine zweite Kamera, ein Weitwinkelobjektiv, ein Stativ und bei Bedarf zusätzliche Beleuchtung. Die Ausrüstung müsse vor allem zuverlässig funktionieren. Schließlich seien die Bedingungen in verlassenen Gebäuden selten ideal. Häufig herrsche Zeitdruck, Räume seien dunkel und manche Orte könnten nur schwer erreicht werden. „Manchmal weißt du einfach, du hast nicht viel Zeit, du musst dich beeilen. Dann brauchst du eine kleine Kamera, auf die du dich verlassen kannst.“

Bei größeren Fabrikanlagen könne eine fotografische Erkundung durchaus sechs oder acht Stunden dauern. Deshalb gehörten neben Kameras und Taschenlampen auch Proviant und Verbandsmaterial zur Ausrüstung. Hörter versucht, jeden Raum möglichst vollständig zu dokumentieren. Neben Gesamtansichten entstehen Detailaufnahmen von Maschinen, Möbeln, Werkzeugen oder persönlichen Gegenständen. „Ich versuche immer, das Raum für Raum vorzugehen“, beschrieb sie ihre Methode.

Dabei habe sie durchaus aus Fehlern gelernt. Einmal sei sie aus einem großen Bauernhaus mit zahlreichen gelungenen Detailaufnahmen zurückgekehrt, habe aber vergessen, einen besonders interessanten Raum vollständig zu fotografieren. „Da habe ich mich aber geärgert.“

Die digitale Nachbearbeitung ihrer Bilder hält Hörter bewusst zurückhaltend. Sie fotografiert überwiegend im JPEG-Format und korrigiert anschließend vor allem Kontraste, Helligkeit und Farben. „Ich versuche vorrangig, die Stimmung vor Ort zu transportieren. Und im Grunde braucht es da nicht sehr viel.“ Auch HDR-Techniken setzt sie gelegentlich ein, etwa um verborgene Strukturen oder alte Tapetenmuster sichtbar zu machen. Allerdings gilt für sie der Grundsatz: „So wenig wie möglich, nur das, was nötig ist.“

Besonders interessant war ihre Haltung zum Bewegtbild. Obwohl sie mittlerweile auch eine Drohne besitzt, möchte sie sich nicht unbedingt zur Videoproduzentin entwickeln. „Ich glaube, Videos wird nicht so mein Ding“, sagte sie. Das Internet sei bereits von zahllosen, häufig reißerisch aufgemachten Videos überschwemmt. Sie sehe keinen Grund, sich diesem Trend anschließen zu müssen.

Drohnen eröffnen neue Perspektiven

Die Drohnenfotografie betrachtet Hörter dagegen als wertvolle Ergänzung ihrer Arbeit. Gerade bei weitläufigen Industrieanlagen ermögliche der Blick aus der Luft Erkenntnisse, die vom Boden aus kaum zu gewinnen seien. „Denn eine große Kristallfabrik oder so, du kriegst ja diesen ganzen Komplex nie zusammen“, erläuterte sie.

Aus 60 oder 70 Metern Höhe ließen sich beispielsweise Produktionshallen, Lagerflächen und Transportwege erkennen. Mitunter würden dadurch sogar historische Produktionsabläufe verständlich. Auch ehemalige Schwimmbäder oder Freizeitparks entwickelten aus der Vogelperspektive eine eigene Ästhetik. Die Anordnung von Wasserbecken, Rutschen und Gebäuden werde erst aus der Luft vollständig sichtbar.

Hörter betonte allerdings, dass der Einsatz einer Drohne zusätzliche technische Kenntnisse und die Beachtung gesetzlicher Vorschriften erfordere. Besonders bei Flügen innerhalb einsturzgefährdeter Gebäude sei sie zurückhaltend.

Wenn aus Fotografieren ein Polizeieinsatz wird

Dass Lost-Places-Fotografie nicht nur romantische Entdeckungen bereithält, sondern durchaus gefährlich werden kann, verdeutlichte Hörter mit einer spektakulären Geschichte aus Hessen. Gemeinsam mit zwei Begleitern erkundete sie einen verlassenen Krankenhauskomplex. Die Eingangstür stand offen. Im Keller begegnete die Gruppe zunächst mehreren mutmaßlichen Kabeldieben, die sich beim Anblick der Fotografen erschreckten und flüchteten.

Die Fotografen setzten ihre Erkundung fort. Wenig später hörte Hörter plötzlich schwere Schritte und den Ruf: „Hände hoch, Polizei!“ Zunächst glaubte sie an einen Scherz anderer Besucher. Doch die Situation wurde schnell ernst. Schwer ausgerüstete Polizisten durchsuchten das Gebäude und kontrollierten ihre Begleiter. „In dem Moment merkst du, okay, das ist ernst.“

Hörter selbst hatte sich zunächst in einem Raum aufgehalten und wurde schließlich ebenfalls entdeckt. Rückblickend berichtete sie mit trockenem Humor von ihrer Reaktion. „Ich war vielleicht so schockiert, dass ich gar keine Angst mehr haben konnte. Ich war eigentlich nur besorgt um meine Fotos.“

Wie sich herausstellte, waren die Fotografen mitten in eine verdeckte Polizeiaktion gegen Kabeldiebe geraten. „Das war echt ungünstig“, kommentierte Hörter die Situation. Nachdem die Personalien aufgenommen worden waren, durfte die Gruppe das Gebäude verlassen. Konsequenzen habe die Begegnung für sie nicht gehabt.

Eine weitere abenteuerliche Geschichte spielte in einem ehemaligen Swingerclub, dessen Räume aufwendig künstlerisch gestaltet worden waren. Ein Ägyptenzimmer, ein Dschungelzimmer und weitere Themenräume machten das Gebäude zu einem außergewöhnlichen fotografischen Motiv. Allerdings fühlten sich Hörter und ihre Begleitung zunehmend unwohl. Als im Keller plötzlich ein rotes Warnlicht aufleuchtete, ertönte der vereinbarte Alarmruf: „Lauf!“

„Was dazu geführt hat, dass ich dann einen Hechtsprung aus dem Fenster gemacht habe. James Bond hätte es nicht besser machen können.“

Nach Hörters Schilderung gehörte das Gebäude einer Rockergruppe. Ob tatsächlich Gefahr bestanden habe, blieb offen. Hörter war jedenfalls froh, den Ort verlassen zu haben. Solche Erlebnisse seien jedoch keineswegs der Grund, weshalb sie Lost Places fotografiere. Auf die Frage nach ihrer Abenteuerlust erklärte sie: „Da bin ich eher so zurückhaltend. Abenteuer brauche ich nicht unbedingt. Also manchmal ist mir das entspannte Fotografieren lieber.“

„Zu ist zu“ – der schwierige Ehrenkodex der Lost-Places-Szene

Ausführlich diskutierten Hörter und Lange über die rechtlichen und moralischen Grenzen der Lost-Places-Fotografie. Ein Grundsatz, den Hörter auch in ihren Büchern vertritt, lautet: „Zu ist zu.“

Sie selbst breche keine Türen auf und zerstöre keine Schlösser. Gleichzeitig räumte sie offen ein, dass viele ihrer fotografischen Entdeckungen nur deshalb möglich seien, weil andere Menschen zuvor unbefugt Zugänge geschaffen hätten. „Die Krux an der Geschichte ist, ich würde in die meisten Gebäude ja nicht reinkommen, wenn nicht vorher jemand eingebrochen oder aufgebrochen hätte.“

Das sei ein Widerspruch, mit dem sie leben müsse. Viel lieber würde sie offizielle Genehmigungen erhalten. Doch gerade bei leerstehenden Gebäuden seien Eigentumsverhältnisse häufig kompliziert und Ansprechpartner schwer zu erreichen. „Es wäre mir schon lieber, ich würde eine Genehmigung bekommen. Aber da rennst du ja oft gegen Wände.“

Hörter warnte zugleich davor, die gesamte Lost-Places-Szene pauschal als verantwortungsbewusste Gemeinschaft darzustellen. „Es heißt immer, ja, das sind die Lost-Place-Fotografen, die machen sowas nicht. Aber ich glaube, es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Tatsächlich gebe es auch Fotografen, die Motive bewusst zerstörten, nachdem sie ihre eigenen Bilder aufgenommen hätten, damit andere diese Aufnahmen nicht mehr machen könnten. „Ich glaube, es ist schon so ein bisschen eine Blase zu sagen, wir sind die Guten.“ Der Ehrenkodex existiere durchaus noch. Doch Hörter beobachtet mit Sorge, dass er zunehmend an Bedeutung verliere.

Wenn die Veröffentlichung zur Zerstörung führt

Besonders eindringlich wurde das Gespräch, als es um die Verantwortung von Medien und sozialen Netzwerken ging. Hörter machte deutlich, dass die Veröffentlichung von Lost-Places-Fotografien schwerwiegende Folgen für die dokumentierten Orte haben könne. „Man sagt immer so, die sozialen Medien sind dafür verantwortlich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es auch Presseberichte sind. Ganz eindeutig.“

Problematisch seien vor allem Veröffentlichungen, die genaue Standorte nennen und zugleich darauf hinweisen, dass Gebäude unbewacht seien. „Gerade wenn noch explizit herausgearbeitet wird, dass da schon lange keiner mehr ist und da sich niemand drum kümmert.“

Als Beispiel schilderte sie eine ehemalige Westernstadt bei Nürnberg. Nachdem ein Onlineartikel über den verlassenen Ort erschienen war, hätten sich zahlreiche Besucher auf den Weg gemacht. Innerhalb kürzester Zeit seien Zäune beschädigt, Gegenstände gestohlen und Scheiben eingeschlagen worden. „Es ist wirklich ein echtes Problem.“

Die Entwicklung habe sich durch soziale Medien dramatisch beschleunigt. Während sich früher kleine Gruppen von Fotografen untereinander austauschten, würden heute Standortdaten teilweise systematisch gesammelt und sogar verkauft. „Inzwischen werden Apps gemacht. Du kannst dir eine App runterladen, die dir, wenn du rumfährst, gleich bimmelt, wenn da irgendwo was ist.“

Teilweise würden Koordinaten gegen Bezahlung angeboten. Was früher mühsame Recherche erforderte, sei heute mit wenigen Klicks verfügbar. „Heute kann es wirklich eine Woche dauern. Ein Ort wird gefunden, kommt in so eine Karte. Du siehst zehn, zwanzig, dreißig Fotos, Videos und Filmchen im Internet. Und danach war es das.“

Besonders erschütternd sei die Entwicklung bei verlassenen Schwimmbädern, Krankenhäusern und Hotels. Ein bekannt gewordener Standort ziehe nicht nur Fotografen an, sondern auch Diebe, Randalierer und Menschen, die gezielt Zerstörung suchten.

Der Rosenhof: Ein Beispiel für den Verlust eines Kulturguts

Eine besonders traurige Geschichte erzählte Hörter über einen alten Bauernhof, den sie als Rosenhof bezeichnete. Das Gebäude war liebevoll eingerichtet und dekoriert worden. Möbel, Bilder und zahlreiche persönliche Gegenstände vermittelten einen Eindruck vom früheren Leben seiner Bewohner. Ein wunderschöner Rosengarten ergänzte das Anwesen.

Doch nachdem Aufnahmen des Hauses im Internet aufgetaucht waren, begann dessen Plünderung. Ein Bekannter habe ihr schließlich Bilder von Möbeln geschickt, die auf einer tschechischen Kleinanzeigenplattform angeboten wurden. Hörter erkannte die Einrichtungsgegenstände des Bauernhofs wieder. „Und beim Ranzoomen hat man gesehen, auch die Farbfehler. Das waren genau die Möbel aus diesem Hof.“

Offenbar waren große Teile der Einrichtung systematisch abtransportiert worden. „Es ist komplett ausgeräumt worden.“ Als Hörter später zurückkehrte, fand sie ein verwüstetes Gebäude vor. Die einstige Atmosphäre war unwiederbringlich zerstört.

Besonders bitter: Die Erben hatten offenbar versucht, das Anwesen zu schützen. Nach Hörters Schilderung deuteten Aufnahmen einer Überwachungskamera auf den Abtransport von Gegenständen hin. „Und das alles, weil es ein Video im Internet gab“, sagte Hörter.

Die Geschichte verdeutlichte ein grundlegendes Dilemma ihrer Arbeit: Fotografien können historische Orte bewahren, indem sie deren Zustand dokumentieren. Gleichzeitig können genau diese Bilder Menschen anlocken, die zur endgültigen Zerstörung beitragen.

Respektlosigkeit, Vandalismus und die Frage nach den Ursachen

Im weiteren Verlauf berichtete Hörter von zahlreichen verlassenen Gebäuden, die nach ihrer Entdeckung mutwillig zerstört wurden. Besonders erschütternd sei für sie der Zustand einer ehemaligen Klinik in Höchenschwand im Schwarzwald gewesen. „Das sind so Momente, die machen mich wirklich sprachlos und wütend.“

Dabei gehe es längst nicht mehr ausschließlich um Diebstahl. Zwar würden professionelle Täter weiterhin Kupferleitungen, Kabel und andere wertvolle Materialien aus leerstehenden Gebäuden entfernen. Doch daneben gebe es Menschen, die offenbar aus reiner Zerstörungslust handelten. „Wirklich zu fünft, zu sechst nachts in so ein Gebäude einzudringen und es von oben bis unten klein zu klopfen. Das ist leider so.“

Auf die Frage aus dem Publikum, woher diese Wut komme, konnte auch Hörter keine abschließende Antwort geben. „Ich glaube, es gibt wirklich Leute, die Frust ablassen wollen.“

Sie schilderte einen ehemaligen Hotelkomplex am Tegernsee, in dem Waschbecken, Türen und andere Einrichtungsgegenstände mit einer Axt zerstört worden waren. Gleichzeitig hätten Diebe bereits Metallbeschläge für den Abtransport bereitgelegt. Besonders bemerkenswert sei gewesen, dass sich das Gebäude mitten in einem belebten Ort befunden habe. „Also auch wenn das sehr prominent ist, das Hausgebäude, das hilft nicht, dass so was passiert.“

Hörter kritisierte außerdem eine Entwicklung, bei der sich Menschen beim Eindringen in verlassene Gebäude selbst filmten und ihre Aktionen anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlichten. „Inzwischen siehst du ganz viele Videos, wo sich Leute zeigen, wie sie in ein Gebäude einsteigen.“

Hinzu komme eine zunehmende Inszenierung. Gegenstände würden verschoben, Räume dekoriert oder zurückgelassene Kostüme für Videos verwendet. Für Hörter ist dies mit ihrer Vorstellung dokumentarischer Fotografie kaum vereinbar. „Ich fasse ja teilweise nicht mal was an“, erklärte sie. „Und ich finde auch, dass es sehr respektlos diesem Ort gegenüber ist.“

Selbst vermeintlich gut gemeinte Aufräumaktionen betrachtet sie kritisch. Denn wenn Menschen Möbel umstellen, Müll beseitigen und Räume dekorieren, verändern sie den ursprünglichen Zustand und damit die Geschichte des Ortes. Allerdings räumte sie ein: „Die Leute sind mir dann doch lieber als die, die alles zerstören.“

Industriekultur als Gedächtnis einer Gesellschaft

Eine besondere Leidenschaft entwickelt Hörter für historische Industrieanlagen, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern. Dort dokumentiert sie nicht nur verlassene Fabriken, sondern beschäftigt sich intensiv mit der wirtschaftlichen und technischen Vergangenheit. „Es macht mich manchmal auch sprachlos, wenn ich sehe, was da passiert ist“, erklärte sie.

Besonders faszinierend sei für sie die Vielfalt der ehemaligen volkseigenen Betriebe der DDR. „Ich hätte gar nicht gewusst, es gab auch wirklich für alles eine Fabrik. Nur für Hausschuhe. Und eine Fabrik nur für irgendwelche Bolzen.“

Je intensiver sie sich mit einem Betrieb beschäftige, desto mehr Zusammenhänge würden sichtbar. Lieferketten, Produktionsverfahren und Verbindungen zwischen verschiedenen Unternehmen ergäben ein immer komplexeres Bild. „Man hat mal so angefangen zu graben. Das wird immer größer.“

Gerade die historische Industriekultur sei deshalb für sie ein nahezu unerschöpfliches Forschungsgebiet. Hörter verwies dabei auch auf die Veränderungen durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Wie frühere industrielle Umbrüche würden auch diese Entwicklungen Unternehmen, Produktionsstätten und ganze Berufsbilder verändern.

Die Frage, welche Spuren unsere heutige Gesellschaft für kommende Generationen hinterlassen werde, schwang dabei mit. Während historische Fabriken mit ihren Backsteinfassaden, Maschinenhallen und Schornsteinen häufig eine besondere architektonische Qualität besäßen, könnten moderne Zweckbauten diese Faszination möglicherweise nur schwer vermitteln.

Ein viertes Buch über Kunst in Ruinen

Neben ihren bisherigen drei Büchern arbeitet Agnes Hörter bereits an einem weiteren Projekt. Diesmal soll es um die Verbindung zwischen verlassenen Gebäuden und zeitgenössischer Kunst gehen. Im Mittelpunkt stehen Graffiti, großflächige Wandbilder und künstlerische Installationen in ehemaligen Industrieanlagen.

Dabei unterscheidet Hörter deutlich zwischen wahllosen Schmierereien und anspruchsvoller Street-Art. „Aber es gibt auch richtig gute Leute“, sagte sie über die Graffiti-Künstler. „Und da habe ich so nach und nach Sachen gesehen, da war ich echt sprachlos und hab mir gedacht, das muss ich den Leuten zeigen.“

Das geplante Buch soll deshalb nicht nur fotografische Dokumentationen enthalten, sondern auch einzelne Künstler porträtieren. Besonders interessant findet Hörter organisierte Kunstprojekte, bei denen leerstehende Industriegebäude vorübergehend für internationale Künstler geöffnet werden.

Dabei entstehen großformatige Wandbilder, Installationen und andere Kunstwerke, die den verlassenen Räumen für kurze Zeit neues Leben verleihen. Anschließend können Besucher die Gebäude im Rahmen von Veranstaltungen besichtigen. Historische Führungen vermitteln zusätzlich die ursprüngliche Bedeutung der Anlagen.

Für Hörter ist das ein überzeugendes Konzept: Industriekultur wird nicht einfach dem Verfall überlassen, sondern für Kunst und Öffentlichkeit neu erschlossen.

Wie groß ihre Leidenschaft für besondere Motive ist, zeigte eine weitere Geschichte. Jahrelang hatte sie nach einem außergewöhnlichen Graffiti in einem ehemaligen Kraftwerk gesucht. Schließlich gelang es ihr, den Standort durch aufwendige Recherchen einzugrenzen. Als sich eine Gelegenheit ergab, konnte sie das Gebäude schließlich fotografisch erkunden. „Wir haben sechs Stunden lang gesucht, nur für dieses eine Foto.“ Ein Aufwand, der eindrucksvoll verdeutlicht, wie viel Geduld und Beharrlichkeit hinter ihren Bildern stecken.

Schiffswracks als neue fotografische Herausforderung

Zum Abschluss des moderierten Gesprächs richtete Matthias J. Lange den Blick auf einen weiteren Traum der Fotografin: die Dokumentation versunkener Schiffe. „Ja, definitiv“, antwortete Hörter auf die Frage, ob diese Idee noch aktuell sei.

Bereits an der französischen Atlantikküste hatte sie zwei Schiffswracks entdeckt, die bei Niedrigwasser zugänglich waren. Mithilfe von Satellitenbildern und Informationen über die Gezeiten gelang es ihr, die Überreste aufzuspüren. „Wir hatten dann ungefähr eine halbe Stunde Zeit, um die dann zu fotografieren.“

Besonders beeindruckend seien die Drohnenaufnahmen gewesen, auf denen sich die Wracks im Sand und im zurückkehrenden Wasser abzeichneten. Inzwischen hat Hörter sogar eine Unterwasserdrohne angeschafft. Erste Versuche auf bayerischen Seen erwiesen sich allerdings als schwieriger als erwartet. „Ich hatte null Ahnung, wo dieses Ding unter Wasser rumfährt.“

Vor allem die schlechte Sicht unter Wasser mache die Navigation kompliziert. Doch aufgeben möchte sie nicht. „Ich habe es noch nicht aufgegeben. Die meisten Wracks werden ja auch noch eine Weile liegen bleiben.“ Damit dürfte sich für die Fotografin möglicherweise ein weiteres Kapitel ihrer Arbeit eröffnen.

Eine Archäologin der jüngeren Vergangenheit?

In der anschließenden Publikumsdiskussion wurden Fragen nach Eigentumsrechten, Drohnenvorschriften, Vandalismus und dem gesellschaftlichen Wert der Lost-Places-Fotografie vertieft. Besonders interessant war die Frage eines Besuchers, ob Hörter sich als eine Art Archäologin verstehe. „Werden Sie beleidigt, wenn ich Sie als Archäologin bezeichne?“, wollte er wissen. „Nein, überhaupt nicht“, antwortete sie.

Tatsächlich gibt es bemerkenswerte Parallelen zwischen ihrer Arbeit und archäologischer Forschung. Beide beschäftigen sich mit den materiellen Hinterlassenschaften vergangener Lebenswelten. Beide versuchen, aus Gegenständen, Gebäuden und räumlichen Zusammenhängen Rückschlüsse auf die Menschen zu ziehen, die diese Orte einst nutzten.

Allerdings handelt es sich bei Hörters Arbeit nicht um wissenschaftliche Archäologie, sondern um eine Verbindung aus fotografischer Dokumentation, historischer Recherche und persönlicher Interpretation. Gerade diese Mischung macht ihre Bilder und Bücher interessant. Sie dokumentiert nicht nur den Zustand eines Gebäudes, sondern fragt nach seiner ursprünglichen Funktion, seinen Bewohnern und seiner Bedeutung für die Gesellschaft.

Dabei kommt ihr eine Eigenschaft zugute, die auch für journalistische Arbeit unverzichtbar ist: Neugier. „Also mich interessiert es unheimlich“, erklärte sie über ihre historischen Recherchen. „Und wenn ich sowas finde, dann muss ich auch immer gucken, dass das nicht alles zu ausufernd wird.“

Die Fotografien bilden den Ausgangspunkt. Doch häufig beginnt die eigentliche Geschichte erst danach.

„Diese verlorenen Orte sind für mich Orte der Ruhe und der Stille“

Die vielleicht persönlichste Antwort des Abends gab Agnes Hörter auf die Frage nach ihrer tiefsten Motivation. Warum zieht es sie immer wieder in verlassene Gebäude, obwohl diese oft schmutzig, gefährlich und schwer zugänglich sind? Warum verbringt sie Stunden in dunklen Fabrikhallen, einsturzgefährdeten Bauernhäusern und überwucherten Industrieanlagen?

Hörter verwies auf eine Fernsehdokumentation über ihr Leben, die unter dem Titel „Weibsbilder“ im Bayerischen Fernsehen gezeigt wurde. Darin werde deutlich, was diese Orte für sie persönlich bedeuteten. „Diese verlassenen, verlorenen Orte, wo andere sich gruseln, die sind eher für mich Orte der Ruhe und der Stille.“

Gerade die Abwesenheit anderer Menschen mache einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus. „Ich möchte auch am liebsten niemandem begegnen. Ich hasse das, wenn da noch andere rumlaufen.“ Was für Außenstehende wie eine unwirtliche Ruine erscheint, empfindet Hörter als Rückzugsort. „Aber für mich ist das so eine Oase der Stille, der Ruhe. Und das zieht mich an.“

Dann wurde die Fotografin ungewöhnlich persönlich. Vielleicht, so überlegte sie, gebe es eine Verbindung zwischen den verlassenen Orten und eigenen Erfahrungen aus ihrer Kindheit. „Diese verlorenen Orte haben so ein bisschen auch das, was ich vielleicht als Kind so, diese Verlorenheit, die ich hatte.“

Es sei schwer, diese Verbindung genau zu erklären. Doch sie spüre, dass darin ein wesentlicher Teil ihrer Motivation liege. „Wir haben uns da schon irgendwie gefunden.“

Dabei romantisiere sie die tatsächlichen Bedingungen keineswegs. „Es stinkt, es ist dreckig, man saut sich ein. Du musst gucken, wegen Schimmel und Zeug. Es ist, weiß Gott, nichts, was irgendwie heimelig ist.“ Ein gewöhnlicher Spaziergang im Wald wäre sicherlich angenehmer. „Aber ich kann es nicht lassen.“

Mit diesen Worten endete ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich stimmender Abend im PresseClub München. Moderator Matthias J. Lange dankte Agnes Hörter für ihre Offenheit, ihre eindrucksvollen Fotografien und die vielen persönlichen Geschichten. Zugleich kündigte er an, dass sich der PresseClub künftig verstärkt mit unterschiedlichen Facetten der Fotografie beschäftigen wolle.

Der Auftakt machte deutlich, wie eng Fotografie, Geschichtsschreibung und Journalismus miteinander verbunden sind. Bilder können Erinnerungen bewahren, historische Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen für den Wert vergessener Orte sensibilisieren. Sie können allerdings auch Begehrlichkeiten wecken und damit unbeabsichtigt zur Zerstörung dessen beitragen, was sie dokumentieren.

Agnes Hörter bewegt sich seit Jahren in diesem Spannungsfeld. Ihre Fotografien sind Momentaufnahmen einer verschwindenden Welt, ihre Bücher zugleich Erinnerungsarbeit und persönliche Spurensuche.

Am Ende blieb vor allem eine Erkenntnis: Verlassene Orte sind nicht geschichtslos. Ihre Geschichten sind lediglich verstummt. Menschen wie Agnes Hörter sorgen dafür, dass sie wieder gehört und gesehen werden – bevor die letzten Spuren für immer verschwinden.

Lost Places – Wenn die Fotografie vergessenen Orten eine Stimme gibt

12. Oktober 2026

Verlassene Fabrikhallen, zerfallene Schlösser, aufgegebene Krankenhäuser, stillgelegte Bahnhöfe oder längst vergessene Hotels: Sie alle haben etwas gemeinsam. Einst waren sie voller Leben, heute herrscht dort Stille. Die Natur erobert sich langsam zurück, was der Mensch hinterlassen hat. Fenster zerbrechen, Farbe blättert von den Wänden, Feuchtigkeit dringt in das Mauerwerk und Pflanzen wachsen durch die Böden. Was auf den ersten Blick wie ein trauriges Zeugnis des Verfalls erscheint, entwickelt für immer mehr Fotografen eine geradezu magische Anziehungskraft. Die sogenannte Lost-Places-Fotografie hat sich zu einer eigenständigen fotografischen Ausdrucksform entwickelt, die dokumentarische Arbeit, künstlerische Gestaltung und historische Spurensuche miteinander verbindet. Ich darf am Dienstag, 13. Oktober um 11 Uhr im PresseClub München eine Diskussionsrunde mit der Fotografin Agnes Hörter durchführen. Anmeldung und Infos hier.

Der Begriff „Lost Places“ stammt aus dem Englischen und bezeichnet verlassene oder aufgegebene Orte. Häufig handelt es sich um Gebäude, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben und seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr genutzt werden. Manche stehen unmittelbar vor dem Abriss, andere befinden sich in einem langsamen Prozess des Verfalls. Wieder andere sind bereits von der Natur überwuchert und kaum noch als ehemalige menschliche Lebensräume zu erkennen. Für Fotografen bieten diese Orte eine außergewöhnliche Mischung aus Architektur, Geschichte, Licht und Atmosphäre.

Dabei geht es keineswegs ausschließlich um spektakuläre Ruinen oder den Nervenkitzel, einen verlassenen Ort zu betreten. Gute Lost-Places-Fotografie ist vor allem eine Form visueller Geschichtsschreibung. Die Bilder dokumentieren, wie Menschen früher gelebt, gearbeitet und ihre Freizeit verbracht haben. Eine verlassene Werkbank mit zurückgelassenem Werkzeug erzählt von industrieller Produktion, ein gedeckter Tisch in einem aufgegebenen Gasthaus von vergangenen Begegnungen und ein verstaubtes Kinderzimmer von einer Familie, deren Geschichte längst an einem anderen Ort weitergegangen ist.

Besonders faszinierend ist dabei die eigentümliche Gegenwart der Vergangenheit. In vielen verlassenen Gebäuden scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Kalender hängen noch an den Wänden, Zeitungen liegen auf Tischen, Aktenordner stehen in Regalen und Maschinen warten scheinbar darauf, wieder eingeschaltet zu werden. Die Menschen sind verschwunden, doch ihre Spuren sind geblieben. Genau diese Spannung zwischen Anwesenheit und Abwesenheit macht einen wesentlichen Teil der fotografischen Faszination aus.

Eine Fotografin, die sich dieser besonderen Bildwelt mit großer Leidenschaft widmet, ist Agnes Hörter. In unserem Gespräch im Presseclub werden wir ausführlich diskutieren.

Hörter interessiert sich sowohl für monumentale Industrieanlagen als auch für kleine, unscheinbare Gebäude. Besonders beeindruckt ist sie von ehemaligen Industriestandorten wie der Maxhütte oder der Völklinger Hütte. Dort bilden gewaltige Maschinen, rostige Rohre, Schornsteine und weitläufige Produktionshallen eine faszinierende Kulisse. Gleichzeitig berühren sie die persönlichen Hinterlassenschaften in verlassenen Wohnhäusern und Gaststätten. Eine zurückgelassene Brille, eine Zeitung oder eine Wasserflasche können dabei eine ebenso starke emotionale Wirkung entfalten wie eine riesige Fabrikhalle.

Ihre fotografische Herangehensweise ist bemerkenswert zurückhaltend. Hörter versucht, die Orte möglichst authentisch zu dokumentieren. Aufwendige Inszenierungen oder künstlich arrangierte Szenen stehen nicht im Mittelpunkt. Vielmehr möchte sie die Atmosphäre festhalten, die sie beim Betreten eines Gebäudes vorfindet. Damit bewegt sie sich zwischen klassischer Dokumentarfotografie und künstlerischer Interpretation.

Technisch stellt die Lost-Places-Fotografie besondere Anforderungen. Viele Gebäude verfügen über keine funktionierende Stromversorgung. Die Lichtverhältnisse sind schwierig, Fenster teilweise zugemauert oder durch Pflanzen verdeckt. Häufig dringt nur wenig Tageslicht in die Räume. Gerade diese Bedingungen können jedoch außergewöhnliche fotografische Ergebnisse ermöglichen.

Ein einzelner Sonnenstrahl, der durch ein zerbrochenes Fenster fällt und Staubpartikel sichtbar macht, kann eine beinahe mystische Stimmung erzeugen. Das diffuse Licht eines bewölkten Tages betont dagegen die Farben verblasster Tapeten und die Strukturen verwitterter Oberflächen. Besonders eindrucksvoll sind Aufnahmen, bei denen Licht und Schatten die räumliche Tiefe unterstreichen und den Blick des Betrachters gezielt durch das Bild führen.

Fotografisch spielen deshalb Belichtung, Perspektive und Bildkomposition eine entscheidende Rolle. Weitwinkelobjektive ermöglichen es, große Räume und architektonische Zusammenhänge darzustellen. Ein Stativ hilft bei längeren Belichtungszeiten, wenn nur wenig Licht vorhanden ist. Gleichzeitig eröffnen Detailaufnahmen völlig andere erzählerische Möglichkeiten. Eine verrostete Türklinke, eine zerbrochene Uhr oder ein verlassenes Paar Schuhe können mehr über die Geschichte eines Ortes vermitteln als eine vollständige Ansicht des Gebäudes.

Agnes Hörter arbeitet nach eigenen Angaben unter anderem mit einer Sony Alpha 6000, einem Weitwinkelobjektiv und einem Stativ. Für besondere Perspektiven setzt sie außerdem eine Drohne ein. Ihre Arbeit zeigt, dass nicht unbedingt die teuerste Kameraausrüstung entscheidend ist. Wesentlich wichtiger sind Geduld, ein geschulter Blick und die Fähigkeit, eine Geschichte fotografisch zu erzählen.

Ein besonderer Reiz der Lost-Places-Fotografie liegt im bewussten Umgang mit Vergänglichkeit. Während die klassische Architekturfotografie häufig darauf abzielt, Gebäude in einem möglichst perfekten Zustand zu präsentieren, richtet sich der Blick bei Lost Places auf das Unvollkommene. Risse, Rost, Schimmel, abgeplatzter Putz und überwucherte Fassaden werden zu gestalterischen Elementen. Der Verfall wird nicht versteckt, sondern zum eigentlichen Motiv erhoben.

Damit berührt diese Fotografie auch ein altes kunsthistorisches Thema: die Vanitas, die Vergänglichkeit allen irdischen Lebens. Bereits in der Malerei des Barock erinnerten verwelkende Blumen, Totenschädel und erloschene Kerzen daran, dass menschlicher Reichtum, Macht und Schönheit nicht von Dauer sind. Lost-Places-Fotografien übertragen diesen Gedanken in die Gegenwart. Ein einst luxuriöses Hotel, dessen Kronleuchter inzwischen von der Decke gefallen sind, oder eine verlassene Fabrik, in der früher Hunderte Menschen arbeiteten, werden zu modernen Sinnbildern der Vergänglichkeit.

Zugleich besitzt diese Fotografie eine gesellschaftliche Dimension. Verlassene Gebäude sind häufig sichtbare Folgen wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen. Fabriken schließen, weil Produktionsstandorte verlagert werden. Bahnhofsgebäude verlieren ihre Funktion durch die Automatisierung des Fahrkartenverkaufs. Hotels und Gaststätten verschwinden, weil sich Reisegewohnheiten verändern oder Nachfolger fehlen. Militärische Anlagen werden nach politischen Umbrüchen aufgegeben. Die Fotografien dokumentieren damit nicht nur Architektur, sondern auch Strukturwandel, wirtschaftliche Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen.

Besonders deutlich wird dieser dokumentarische Wert, wenn die fotografierten Gebäude später abgerissen werden. Dann bleiben die Aufnahmen möglicherweise als einzige visuelle Zeugnisse erhalten. In ihrem Bildband „Lost Places in Bayern“, der im Volk Verlag erschienen ist, widmet sich Agnes Hörter zahlreichen verlassenen Orten im Freistaat. Auf 208 Seiten verbindet sie atmosphärische Fotografien mit Informationen über die Geschichte der Gebäude. Darunter befinden sich ehemalige Industrieanlagen, Hotels, Bauernhöfe, Bunker und Freizeiteinrichtungen.

Solche Arbeiten können einen wichtigen Beitrag zur regionalen Erinnerungskultur leisten. Nicht jedes verlassene Gebäude steht unter Denkmalschutz, und nicht jede ehemalige Fabrik wird später zu einem Museum umgebaut. Oft verschwinden ganze Anlagen, ohne dass ihre Geschichte umfassend dokumentiert wurde. Fotografen können deshalb eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie diese Orte festhalten, bevor sie unwiederbringlich verloren gehen.

Allerdings wirft die Lost-Places-Fotografie auch rechtliche und ethische Fragen auf. Nicht jedes verlassene Gebäude darf betreten werden. Auch wenn ein Haus seit Jahrzehnten leer steht, kann es sich weiterhin in Privatbesitz befinden. Ein offenes Fenster oder eine unverschlossene Tür bedeuten keineswegs automatisch, dass der Zutritt erlaubt ist. Hinzu kommen erhebliche Sicherheitsrisiken durch einsturzgefährdete Decken, beschädigte Treppen, offene Schächte oder gesundheitsschädliche Stoffe.

Agnes Hörter betont deshalb den respektvollen Umgang mit den Orten. Ihr Grundsatz lautet: „Zu ist zu.“ Verschlossene Gebäude werden nicht gewaltsam geöffnet. Dabei sollte grundsätzlich gelten, dass vor dem Betreten die Zustimmung der Berechtigten eingeholt wird.

Ein großes Problem stellt außerdem der zunehmende Vandalismus dar. Sobald die Standorte besonders attraktiver Lost Places öffentlich bekannt werden, steigt mitunter die Gefahr von Zerstörung und Diebstahl. Hörter berichtet beispielsweise von einem Hotel im Schwarzwald, das bei ihrem ersten Besuch noch weitgehend eingerichtet war, kurze Zeit später jedoch massiv verwüstet wurde. Auch der sogenannte Rosenhof wurde nach ihrer fotografischen Dokumentation geplündert.

Solche Erfahrungen zeigen, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit den Informationen über verlassene Orte ist. Viele Fotografen verzichten bewusst darauf, genaue Standorte zu veröffentlichen. Dahinter steht der Gedanke, dass die Dokumentation eines Gebäudes nicht zu dessen weiterer Zerstörung beitragen darf.

Eine weitere spannende Entwicklung betrifft die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz. Moderne Bildbearbeitungsprogramme ermöglichen es, selbst unter schwierigen Lichtbedingungen beeindruckende Fotografien zu erstellen. Unterschiedliche Belichtungen können kombiniert, stürzende Linien korrigiert und Details in dunklen Bildbereichen sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie weit solche Eingriffe gehen dürfen, wenn die Fotografie auch einen dokumentarischen Anspruch erhebt.

Mit generativer künstlicher Intelligenz lassen sich inzwischen sogar vollständig erfundene Ruinen und verlassene Gebäude darstellen. Solche Bilder können künstlerisch reizvoll sein, besitzen jedoch nicht denselben historischen Zeugniswert wie authentische Fotografien realer Orte. Gerade deshalb könnte die dokumentarische Lost-Places-Fotografie künftig noch an Bedeutung gewinnen. Sie hält fest, was tatsächlich existiert hat, und bewahrt damit ein Stück Wirklichkeit in einer zunehmend digital erzeugten Bilderwelt.

Die Faszination der Lost-Places-Fotografie geht letztlich weit über das Fotografieren alter Gebäude hinaus. Sie ist eine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Veränderung und Vergänglichkeit. Sie zeigt, dass selbst scheinbar wertlose Ruinen eine Geschichte besitzen und dass die Spuren menschlichen Lebens auch dann noch sichtbar bleiben, wenn ihre ursprünglichen Bewohner längst verschwunden sind.

Fotografen wie Agnes Hörter machen diese Geschichten wieder sichtbar. Ihre Bilder laden dazu ein, genauer hinzusehen, Fragen zu stellen und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wer hat hier gelebt? Wer hat an diesen Maschinen gearbeitet? Warum wurde dieser Ort verlassen? Und was wird von unserer heutigen Welt in einigen Jahrzehnten noch übrig sein?

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft dieser Fotografie. Sie zeigt nicht einfach verlassene Räume, sondern erinnert an das Leben, das diese Räume einst erfüllte. Lost Places sind deshalb keine geschichtslosen Orte. Sie sind stille Zeitzeugen, deren Geschichten erst durch den aufmerksamen Blick der Fotografie wieder lebendig werden.

Jenseits des Hollywood-Mythos – „Marilyn 100“ auf Kloster Banz zeigt die Frau hinter der Ikone

2. August 2026

Marilyn Monroe gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Filmgeschichte. Kaum eine andere Schauspielerin wurde so oft fotografiert, porträtiert und interpretiert wie sie. Doch nur wenige Aufnahmen vermitteln einen so unmittelbaren und persönlichen Eindruck von Norma Jeane Baker, der Frau hinter dem Weltstar, wie jene Fotografien, die derzeit in der Kunsthalle Kloster Banz in Bad Staffelstein zu sehen sind. Kloster Banz wird von der Hanns-Seidel-Stiftung betrieben. Die Sonderausstellung „Marilyn 100“, die anlässlich ihres 100. Geburtstags entstanden ist, verzichtet bewusst auf den bekannten Glamour der Filmstudios und eröffnet stattdessen einen außergewöhnlich intimen Blick auf eine Frau, deren Leben bis heute von Mythen umgeben ist.

Bereits der Ausstellungsort verleiht der Präsentation eine besondere Atmosphäre. Die historischen Mauern des ehemaligen Benediktinerklosters Banz bilden einen spannenden Kontrast zur schillernden Popkultur Hollywoods. Zwischen barocker Architektur und moderner Ausstellungsgestaltung entsteht ein Raum der Ruhe, der den Besucher dazu einlädt, Marilyn Monroe nicht als unerreichbare Leinwandgöttin, sondern als Menschen kennenzulernen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen 432 bislang unveröffentlichte Fotografien des renommierten LIFE-Magazin-Fotografen Allan Grant. Sie entstanden im Juli 1962 während des letzten großen Interviews mit Marilyn Monroe in ihrem Privathaus in Los Angeles – nur wenige Wochen vor ihrem frühen Tod. Jahrzehntelang blieben diese Aufnahmen im Familienarchiv Grants verborgen. Erst 2025 wurden sie gemeinsam mit rund vier Stunden Original-Tonmaterial wiederentdeckt und wissenschaftlich aufgearbeitet. Nun werden sie erstmals in diesem Umfang der Öffentlichkeit präsentiert.

Gerade diese Fotografien machen den außergewöhnlichen Wert der Ausstellung aus. Grant zeigt Marilyn nicht im Rampenlicht eines Filmsets oder auf einem roten Teppich. Seine Kamera begleitet sie in ihrer vertrauten Umgebung. Sie sitzt entspannt auf einem Sofa, blickt nachdenklich aus dem Fenster, lacht ungezwungen oder wirkt für einen Moment völlig in Gedanken versunken. Es sind Bilder ohne große Inszenierung, geprägt von natürlichem Licht und einer bemerkenswerten Nähe zwischen Fotograf und Porträtierter.

Viele Fotografien wirken fast dokumentarisch. Sie zeigen eine Frau, die sich ihrer Berühmtheit bewusst ist, gleichzeitig aber den Wunsch nach einem normalen Leben erkennen lässt. Der Blick der Kamera ist respektvoll und zurückhaltend. Gerade dadurch entstehen Momente großer Authentizität. Die berühmte Marilyn Monroe erscheint hier nicht als perfektes Hollywood-Produkt, sondern als verletzlicher Mensch mit Hoffnungen, Zweifeln und einer bemerkenswerten Intelligenz.

Besonders eindrucksvoll ist die Kombination aus den Fotografien und den erstmals öffentlich zugänglichen Tonaufnahmen des Interviews. Während die Besucher die Bilder betrachten, entsteht durch Marilyns eigene Stimme eine zusätzliche emotionale Ebene. Man hört ihre Gedanken, ihre Unsicherheiten, aber auch ihren Humor und ihre Selbstreflexion. Dadurch gewinnt jede Fotografie eine neue Tiefe. Die Ausstellung zeigt nicht nur ihr Gesicht, sondern vermittelt auch ihre Persönlichkeit. Genau diese Verbindung von Bild und Ton macht „Marilyn 100“ zu weit mehr als einer klassischen Fotoausstellung.

Kurator Stephan Zipfel beschreibt die Ausstellung als einen Blick auf Marilyn Monroe „frei vom Filter Hollywoods“. Tatsächlich gelingt genau das. Die Fotografien verzichten auf jede Überhöhung. Statt der ewigen Sexikone begegnet den Besuchern eine Frau, die in ihrem eigenen Zuhause für wenige Stunden einfach sie selbst sein durfte. Diese Authentizität verleiht den Bildern ihre außergewöhnliche Kraft.

Ergänzt werden die historischen Fotografien durch Werke des amerikanischen Pop-Art-Künstlers James Francis Gill, der bereits Anfang der 1960er-Jahre Marilyn Monroe zu einem zentralen Motiv seiner Kunst machte. Gemeinsam mit Andy Warhol trug Gill entscheidend dazu bei, Marilyn nach ihrem Tod zur Ikone der Pop-Art werden zu lassen. Für die Ausstellung schuf der heute über 90-jährige Künstler eigens ein neues „Marilyn Triptych“, das unmittelbar von Allan Grants Fotografien inspiriert wurde. Seine Werke schlagen eine faszinierende Brücke zwischen dokumentarischer Realität und künstlerischer Interpretation. Während Grants Kamera den Menschen zeigt, verwandelt Gill dieselbe Persönlichkeit in ein zeitloses Symbol der Popkultur.

Gerade dieser Dialog zwischen Fotografie und Kunst macht den besonderen Reiz der Ausstellung aus. Die Besucher erleben zunächst den echten Menschen und anschließend die mediale Ikone, zu der Marilyn Monroe nach ihrem Tod wurde. So wird eindrucksvoll sichtbar, wie sich Erinnerung, Kunst und öffentliche Wahrnehmung gegenseitig beeinflussen.

Dabei verzichtet „Marilyn 100“ weitgehend auf spektakuläre Effekte. Die Fotografien sprechen für sich selbst. Viele Besucher dürften überrascht sein, wie still und nachdenklich zahlreiche Motive wirken. Statt Glamour dominieren leise Gesten, feine Gesichtsausdrücke und kleine Alltagsszenen. Gerade diese Zurückhaltung macht die emotionale Wirkung der Ausstellung aus.

„Marilyn 100“ ist deshalb weit mehr als eine Hommage an einen Filmstar. Die Ausstellung erzählt von Ruhm und Einsamkeit, von öffentlicher Verehrung und privater Verletzlichkeit. Sie erinnert daran, dass hinter jedem Mythos ein Mensch steht – mit Stärken, Schwächen und Sehnsüchten.

Die Kunsthalle Kloster Banz ist mit dieser außergewöhnlichen Präsentation Teil eines internationalen Ausstellungsprogramms, das Stationen in Europa und Nordamerika umfasst. Dennoch besitzt die Schau in Oberfranken ihren ganz eigenen Charakter. Die Verbindung aus den historischen Fotografien Allan Grants, den eindrucksvollen Original-Tonaufnahmen und den Pop-Art-Werken James Francis Gills macht „Marilyn 100“ zu einer der persönlichsten und berührendsten Ausstellungen über Marilyn Monroe, die bislang in Deutschland zu sehen waren. Sie lädt dazu ein, den Blick von der Legende zu lösen – und einer Frau zu begegnen, deren Ausstrahlung auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod nichts von ihrer Faszination verloren hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 9. August 2026 in der Kunsthalle Kloster Banz zu sehen.

Bond hinter der Maske: Ein Bildband voller Mythos, Schweiß und Magie

21. März 2026

Das Buch Blood, Sweat and Bond: Behind the Scenes of SPECTRE ist weniger ein klassisches Sachbuch als vielmehr ein sorgfältig gestalteter Bildband, der den Entstehungsprozess des James-Bond-Films Spectre visuell interpretiert.

Von Anfang an wird klar, dass hier nicht die analytische Zerlegung einer Filmproduktion im Vordergrund steht, sondern die Inszenierung ihrer Atmosphäre. Kuratiert vom Fotografen Rankin und ergänzt durch Beiträge weiterer renommierter Bildkünstler, versteht sich das Werk als ästhetische Annäherung an das Bond-Universum hinter den Kulissen. Der Leser erlebt den Film nicht chronologisch nach Produktionsphasen, sondern geografisch und emotional entlang der Drehorte, wodurch sich ein fast filmischer Lesefluss ergibt: Man reist mit der Crew von Location zu Location und spürt die Dimensionen der Produktion, ohne mit technischen Details überfrachtet zu werden.

Die große Stärke des Bandes liegt eindeutig in seiner Fotografie. Viele der Aufnahmen sind so komponiert, dass sie nicht wie beiläufige Set-Dokumentation wirken, sondern wie eigenständige Kunstbilder. Lichtstimmungen, Perspektiven und Bewegungsmomente sind bewusst gewählt und vermitteln ein Gefühl für den Mythos Bond, der auch hinter der Kamera präsent bleibt. Besonders eindrucksvoll sind jene Bilder, die nicht nur Stars zeigen, sondern die gewaltige Maschinerie eines Blockbusters sichtbar machen: riesige Kulissen, komplexe Kameraaufbauten, Stunt-Vorbereitungen und das Zusammenspiel hunderter Crewmitglieder. Dadurch entsteht ein visuelles Verständnis dafür, wie viel Planung, Logistik und Koordination nötig sind, um wenige Sekunden fertigen Films zu erzeugen.

Textlich hingegen bleibt das Buch zurückhaltend. Die kurzen Begleittexte und eingestreuten Zitate von Schauspielern und Crewmitgliedern setzen zwar Akzente und geben punktuelle Einblicke in kreative Entscheidungen oder Herausforderungen während der Dreharbeiten, doch wer eine tiefgehende Analyse der Produktionsprozesse erwartet, wird sie hier nicht finden. Dramaturgische Überlegungen, Drehbuchentwicklungen oder detaillierte technische Hintergründe werden nur angerissen. Diese bewusste Reduktion zugunsten der Bildwirkung passt zwar zum Konzept des Bandes, führt aber dazu, dass er eher ein atmosphärisches Erlebnis als eine umfassende Dokumentation ist. Hinzu kommt, dass die Typografie der Textpassagen teilweise sehr klein geraten ist, was den Lesekomfort mindert und den Eindruck verstärkt, dass die Worte gegenüber den Bildern zweitrangig sind.

Gerade darin liegt jedoch auch der Reiz des Buches. Es will kein Produktionshandbuch sein, sondern ein visueller Zugang zu einer Filmwelt, die sonst meist nur im fertigen Endprodukt sichtbar wird. Wer sich für Fotografie, Set-Ästhetik oder die ikonische Bildsprache der Bond-Reihe interessiert, erhält einen hochwertigen, beinahe musealen Einblick. Leser hingegen, die ein klassisches „Making-of“ mit detaillierten Hintergrundinformationen erwarten, könnten das Werk als zu oberflächlich empfinden. Insgesamt ist es somit ein Bildband mit dokumentarischem Anspruch und kein Sachbuch mit Bildanteil – ein Unterschied, der über die eigene Zufriedenheit mit dem Buch entscheiden dürfte.

Die Schönheit des Vergessenen: Lost Places von Agnes Hörter im Kulturhaus Abraxas

8. März 2026

Bis zum 31. März 2026 läuft im Kulturhaus Abraxas in Augsburg die Vernissage der Ausstellung „Vergessene Welten – Lost Place Art“ von Agnes Hörter. Die Schau bietet einen intensiven Einblick in die faszinierende Welt verlassener Orte und räumt den Betrachtern viel Raum für eigene Empfindungen ein.

Das Kulturhaus Abraxas in Augsburg ist ein kulturelles Zentrum der Stadt und befindet sich im Stadtteil Kriegshaber auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne. Es wurde 1995 vom Kulturamt der Stadt Augsburg eröffnet und ist in einem früheren Offizierskasino der Somme-Kaserne untergebracht, das in den 1930er-Jahren errichtet wurde und später von der US-Armee genutzt wurde. 

Die Ausstellung vereint einzigartige Fotografien mit Kunstwerken auf Fundstücken und zeigt die vergessenen Spuren vergangener Zeiten in höchst atmosphärischen Bildern. 

Agnes Hörter, eine lang in Augsburg lebende Fotografin und Autorin, widmet sich seit vielen Jahren der visuellen Dokumentation von verlassenen Gebäuden. Ich habe mit ihr früher schon mal ein ausführliches Interview gemacht und ihre Ausstellungen besucht.
Ihr Blick richtet sich auf das, was oft unbeachtet bleibt: verlassene Fabrikhallen, alte Werkstätten, leere Wohnhäuser und stillgelegte Anlagen. In ihren Arbeiten verschmilzt sie verfallene Strukturen mit einer eigenen künstlerischen Handschrift, die den Betrachter dazu einlädt, die Geschichte dieser Orte nachzuempfinden. 

Die Ausstellung bietet nicht nur spannende Motive aus der Welt der Lost Places, sondern verknüpft Fotografie mit Objektkunst und lädt dazu ein, die Schönheit im Verfall zu entdecken. Für viele Besucher ist dies eine Einladung, die oft unbeachteten Spuren unserer gebauten Umwelt mit neuen Augen wahrzunehmen und die Geschichten hinter den Mauern zu erahnen.

Was mich besonders freut: Einige Aufnahmen entstanden in der Brauerei Seelmann. Mit deren Betreibern bin ich seit Jahren bekannt. Die Brauerei Seelmann ist eine kleine, traditionsreiche Braustätte im Bamberger Land, genauer im Ort Zettmannsdorf bei Bamberg. Ihre Wurzeln reichen bis ins Jahr 1608 zurück, wodurch sie zu den historischen Brauereien der Region zählt. Über Jahrhunderte blieb der Betrieb in Familienbesitz und bewahrte viele originale Anlagen wie Sudhaus, Gärkeller und Abfülltechnik. Die historische Anlage mit ihren erhaltenen Maschinen und Räumen gilt als eindrucksvolles Zeugnis fränkischer Braukultur und als idealer Foto-Hotspot.

Zur Ausstellung ist auch ein Katalog mit Bildern und Erklärungen erschienen, der sich ebenso wie ihre Bilder über die Künstlerin Agnes Hörtner beziehen lässt.

Helmut Newton – Polaroids: Eine Ausstellung in München und die Faszination der Polaroid Sofortbildkamera

22. Februar 2026

Jetzt aber flott. Die Ausstellung „Helmut Newton. Polaroids“ im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München neigt sich dem Ende zu. Noch heute können Besucher an der Thierschplatz 6 in München eintauchen in eine Welt der Sofortbilder, die den schnellen Blick und die spontane Idee von Helmut Newton offenbaren. Die Schau zeigt über 150 Arbeiten, bestehend aus einzeln gerahmten SX‑70‑ und Polacolor‑Prints sowie vergrößerten Polaroids. Sie ist mehr als eine Retrospektive des legendären Fotografen: Sie ist zugleich ein tiefer Einblick in die Geschichte und Technik der Polaroid‑Fotografie. Es ist das zweite Mal, dass eine Helmut Newton Ausstellung in München stattfindet – und es lohnt sich.

Polaroid – Schnelle Magie aus Chemie und Technik
Polaroid‑Fotografien verdanken ihre Faszination der unmittelbaren Bildentstehung. Beim klassischen Polaroidprozess werden zwei Blattmaterialien – ein Negativ und ein Positiv – zusammen mit einem Beutel mit Entwicklerflüssigkeit durch eine Walze gezogen. Dabei platzt der Beutel auf, und der Entwickler verteilt sich zwischen Negativ und Positiv; die ungelösten Farbstoffe diffundieren in die Positivschicht, während belichtete Bereiche im Negativ fixiert werden. Innerhalb einer Minute kann das Positiv abgezogen werden und trocknet zu einem festen, glänzenden Bild. Diese Diffusions‑Transfer‑Technik, die Edwin H. Land seit 1947 entwickelte, ermöglichte die ersten schwarz‑weißen Sofortbilder und wurde 1963 mit Polacolor für Farbfotografien weiterentwickelt. Ich bin ein Fan dieser Fotografie und nutze selbst verschiedene Kameramodelle. Das Filmmaterial ist vergleichsweise teuer, aber es macht einen riesigen Spaß. Hier ein VR 360 Rundgang durch die Ausstellung:

Das Besondere an Polaroidbildern ist, dass sie Unikate sind; jedes Foto ist ein endgültiges Original. Frühere Polaroids benötigten eine Fixierpaste, die manuell über das Bild gestrichen wurde, doch mit der populären SX‑70‑Kamera entfiel dieser Schritt. Die SX-70 ist meine Liebslingskamera und ich habe verschiedene Ausgaben. Bei ihr war die Chemie bereits im Papier integriert, und das Bild wurde nach dem Auslösen automatisch aus dem Schlitz der Kamera ausgegeben. Die Polaroid SX‑70, produziert von 1972 bis 1981, war eine faltbare Einäugige Spiegelreflexkamera mit komplexem Sucherlichtweg; sie besaß einen vierlinsigen 116‑mm‑Glasobjektiv, automatische Belichtungssteuerung und eine Klappkonstruktion, die sich auf Jackentaschengröße zusammenfalten ließ. Die Filmkassetten enthielten einen integrierten 6‑Volt‑Polapulse‑Akku, der Kameraelektronik und Motor versorgte, so dass jede Packung automatisch eine frische Stromquelle mitbrachte.

Solche Sofortbildgeräte wie das SX‑70‑System revolutionierten die Fotografie und können in ihrer Spontaneität als Vorläufer der digitalen Kameradisplays betrachtet werden. Polaroid‑Fotografie war jedoch immer experimentell: Die Emulsion blieb nach dem Ausstoß mehrere Minuten lang weich und konnte zur Bildmanipulation verwendet werden – Künstler wie Lucas Samaras prägten damit einen malerischen Polaroid‑Stil. Die SX‑70‑Filme wurden 2008 eingestellt; seitdem produziert die Nachfolgefirma „Polaroid Originals“ neue Filme mit leicht anderer Chemie.

Ein Blick in Newtons kreative Werkstatt
Helmut Newton (1920–2004) nutzte die Polaroid‑Technik nicht nur als Spielerei, sondern als Arbeitsinstrument. Bei Modeaufträgen – insbesondere für Zeitschriften wie „Vogue“ – drängte es ihn, sofort zu sehen, wie seine Inszenierungen als Bild wirken würden. Das Polaroid diente ihm als Ideenskizze, um Lichtführung und Bildaufbau zu prüfen; anschließend setzte er die endgültigen Aufnahmen mit Mittelformatkamera und Film um. In Interviews gestand Newton, er sei „ungeduldig“ und wolle sofort das Ergebnis sehen.

Das Kunstfoyer präsentiert daher nicht nur perfekte Fotografien, sondern auch Entwürfe: kleine, quadratische SX‑70‑Prints und größere Polacolor‑Abzüge, auf denen Newton mit Filzstift Notizen zu Model, Auftraggeber, Aufnahmeort oder Datumsangaben hinterließ. Diese handschriftlichen Bemerkungen und Gebrauchsspuren verleihen den Bildern eine intime, arbeitsnahe Aura. Für Newton markierten viele Polaroids den Anfang eines später berühmt gewordenen Bildes; anhand der gegenübergestellten Serien erkennt man den Prozess vom spontanen Entwurf zum finalen Icon.

Newton experimentierte mit verschiedenen Polaroid‑Systemen: Er verwendete klassische SX‑70‑Kameras, Polacolor‑Material und Sofortfilm‑Rückteile, die seine Mittelformatkameras zu Sofortbildgeräten machten. Selbstverständlich hat er die Polaroids nie als reine Probebilder abgetan. Einige gab er an Kunden oder Models weiter, um ihre „Kooperation“ zu sichern; die meisten aber bewahrte er wie Schatzstücke auf. 1992 veröffentlichte er mit Schirmer/Mosel das Buch „Pola Woman“, das ausschließlich seine Polaroid‑Bilder präsentiert. Newton bezeichnete dieses Buch als „Herzensprojekt“; Kritiker beanstandeten die Unvollkommenheit der Aufnahmen, doch gerade deren Spontaneität war das Reizvolle . Posthum brachte die Helmut‑Newton‑Foundation 2011 einen weiteren Polaroid‑Band heraus.

Die Ausstellung in München – mehr als nur Fotos
„Helmut Newton. Polaroids“ ist sorgfältig kuratiert von Matthias Harder, Direktor der Helmut Newton‑Foundation. Sie zeigt ikonische Sofortbilder, die Newtons unverwechselbare Ästhetik – erotische Eleganz, provokante Blickwinkel, szenische Inszenierungen – in einem spontanen Medium einfangen. Besucher erleben gerahmte Originale: SX‑70‑Abzüge und Polacolor‑Prints werden wie eigenständige Kunstwerke präsentiert. Dann gibt es vergrößerte Polaroids zu sehen. Newton ließ manche Sofortbilder vergrößern; die Schau zeigt diese raritätenreichen Abzüge .
Interessant auch die Zwei-Bilder-Vergleiche: Anhand von Bildpaaren wird der Weg vom Polaroid‑Entwurf zum finalen Foto nachvollziehbar. Wer geduldigt ist, kann auch die Handschriftliche Notizen entziffern: Newtons Randbemerkungen erzählen Anekdoten zum Entstehungsprozess.

Es gibt auch eine Vitrine mit Polaroid‑Kameras: Eine Berliner Privatsammlung präsentiert diverse kleinere Polaroid‑Kameras, deren Formen und Funktionen den spielerischen Umgang mit der Sofortbildtechnik widerspiegeln. Dabei wird auch die Popularität der Geräte deutlich – von der Pocket‑Kamera bis zur klappbaren SX‑70 und neuere Modelle. Irgendwann besorge ich mir die I-2 noch.

Die Ausstellung bettet Newtons Arbeiten in die Geschichte der Sofortbildfotografie ein: Texttafeln erläutern Edwin Lands Erfindung der Polaroid‑Kamera und den Siegeszug der Sofortbilder seit den 1960er‑Jahren. So wird deutlich, dass Newtons Polaroids nicht nur als Arbeitsmittel dienten, sondern einen eigenen künstlerischen Stellenwert besitzen.

Polaroid‑Kameras – ikonische Technik für den Schnellschuss
Polaroid produzierte zahlreiche Kameramodelle, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind. Land Cameras wie die Model 95 (1948) erforderten noch das manuelle Abziehen des Positivs und das Auftragen einer Fixierpaste; später folgte das Modell SX‑70, das dank einer klappbaren Spiegelreflexkonstruktion und integrierter Filmkassette mit Batterie den Entwicklervorgang automatisierte und beliebig oft wiederholbar machte. Die Kameras verfügten über einen 116‑mm‑Glaslinsensatz, manuellen oder später sonar‑gesteuerten Autofokus und eine Belichtungsautomatik. Die Filme selbst waren quadratisch (rund 79 × 79 mm), wiesen eine Filmempfindlichkeit von ASA 150 auf und enthielten alle Chemikalien für Entwicklung und Fixierung. In den 1980er‑Jahren erschienen robuste „Box“-Kameras der 600‑Serie mit höherer Filmempfindlichkeit; sie waren einfacher und sollten den Massenmarkt bedienen.

Polaroid‑Farbdrucke entwickelten sich rasch zu einem Bestandteil der Pop‑ und Modeszene. Künstler nutzten die Unvorhersehbarkeit von Farbstichen und chemischen Artefakten für experimentelle Bildmanipulationen. Die Gerüche und Farbreste gehören für viele zur Polaroid‑Erfahrung: „Jeder, der jemals eine solche Kamera benutzt hat, wird den Geruch der Entwicklungsemulsion und die Faszination für das Sofortbild nicht vergessen“, heißt es im Ausstellungstext. Heute gilt die Sofortbildtechnik als Vorläufer der Digitalfotografie, weil sie das Ergebnis unmittelbar sichtbar macht  – ein Aspekt, der Newtons Arbeitsweise nachhaltig beeinflusst hat.

Nichts wie hin
Die Münchner Ausstellung „Helmut Newton. Polaroids“ ist ein Muss für Fotoliebhaber. Sie zeigt, wie der Fotograf das Sofortbild als kreatives Werkzeug nutzte und dabei eigenständige Kunstwerke schuf. Gleichzeitig lädt die Schau dazu ein, sich mit der Geschichte der Polaroid‑Kamera zu beschäftigen, die durch ihre technische Raffinesse und chemische Magie die Fotografie revolutionierte. Wer die Ausstellung vor dem 22. Februar 2026 besucht, erlebt eine faszinierende Reise vom ersten Bildentwurf zum Ikonenfoto – und erhält einen nostalgischen Blick auf die Ära der Sofortbilder, die in Newtons Händen zu Meisterwerken wurden.

Für mich als Foto-Nostalgiker: Polaroid SX-70 und The Polaroid Book

27. Mai 2025

Es gibt Momente, die sind zu schön, zu flüchtig, um sie einfach nur auf dem Handy zu speichern. Momente, die nach etwas Greifbarem verlangen – nach einem Bild, das man in der Hand halten, an die Wand pinnen oder einem geliebten Menschen mitgeben kann. Genau hier beginnt für mich die Magie der Polaroid-Fotografie. In einer Welt, in der alles digital, perfekt bearbeitet und sofort geteilt ist, wirkt ein Polaroid-Foto wie ein kleiner Schatz. Unperfekt, ehrlich, einmalig. Und vielleicht ist es genau diese Unmittelbarkeit und Einmaligkeit, die uns so tief berührt.

Meine beiden Polaroid SX-70
Besonders faszinierend wird diese Art der Fotografie, wenn ich meine beiden Kameras Polaroid SX-70 in den Händen halte. Sie sind mehr als nur ein technisches Gerät – sie sind für mich ein Kunstobjekt, ein Stück Designgeschichte, ein Fenster in eine andere Zeit. Ich habe die Version 2 und 3 in schwarz.

Die SX-70 war bei ihrer Einführung in den 1970er Jahren eine Revolution: Die erste Sofortbildkamera, die sich zusammenklappen ließ, mit einem Sucher zum Durchblicken, einem Autofokus, der für seine Zeit bahnbrechend war, und einem Auswurfmechanismus, der das Bild wie durch Zauberhand in die Welt entließ. Man faltet sie auf, hört das leise Klicken beim Spannen des Mechanismus, sieht durch den Sucher, drückt den Auslöser – und dann geschieht etwas beinahe Magisches: Das Bild gleitet aus der Kamera, noch ganz grau, noch unklar. Und dann beginnt das Warten.

Diese Minuten, in denen das Foto langsam entsteht, sind fast schon meditativ. Es ist, als würde sich die Erinnerung in Zeitlupe auf Papier legen. Kein Filter, keine Vorschau, keine zehn Versuche. Ein Schuss, ein Moment, ein echtes Bild. Die Farben wirken weicher, die Kontraste rauer, das Licht lebendiger. Es sind diese kleinen Fehler – Unschärfen, Farbstiche, Schatten – die das Polaroid so charmant machen. Sie geben dem Bild eine Seele.

Originale in einer Welt der Kopien
Vielleicht liegt die Faszination auch darin, dass jedes Polaroid ein Original ist. Es gibt keine Kopie, kein Duplikat. Was du da in der Hand hältst, gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt – so wie den Moment, den es festhält. Und genau das macht es so kostbar. In Zeiten der endlosen Bilderflut auf Social Media wirkt ein Polaroid wie ein Gegenpol. Es zwingt uns, achtsamer zu sein. Überlegter. Bewusster. Es erinnert uns daran, dass Erinnerungen nicht perfekt sein müssen, um schön zu sein. Sie müssen nur echt sein.

Die Polaroid SX-70 ist für mich nicht einfach eine Kamera. Sie ist ein Erlebnis. Eine Einladung, die Welt wieder mit anderen Augen zu sehen – und sie so festzuhalten, wie sie wirklich ist: unperfekt, vergänglich und wunderschön. Ich übe jetzt ein bisschen und werde sie dann in meinem Jahresurlaub mitnehmen (und meine Gattin nerven).

The Polaroid Book
Und weil es mich so fasziniert, hab ich mich nach einem interessanten Buch umgesehen und The Polaroid Book gefunden. Nach einer Woche auf dem Sofa ist für mich The Polaroid Book aus dem renommierten Taschen Verlag weit mehr als ein reines Fotobuch – es ist eine Liebeserklärung an ein ikonisches Medium und eine Hommage an die Magie des Moments. Mit über 250 ausgewählten Polaroid-Aufnahmen aus der Sammlung der Polaroid Corporation bietet das Buch einen Überblick über die künstlerische Bandbreite, die dieses Format hervorgebracht hat. Die seit mehr als 50 Jahren bestehende Fotosammlung der Polaroid Corporation ist das weltweit größte Portfolio von Polaroid-Bildern. Die Sammlung, einst begonnen von Polaroid-Firmengründer Edwin Land und dem Fotografen Ansel Adams, enthält zur Zeit rund 23.000 Bilder von fast 2.000 Fotografen aus aller Welt, darunter Berühmtheiten wie David Hockney, Andy Warhol und Jeanloup Sieff. Der Band enthält über 250 Fotos aus der Polaroid-Sammlung, einen Essay von Polaroid-Kuratorin Barbara Hitchcock über die Anfänge und die Geschichte der Sammlung, sowie einen technischen Anhang mit dem Verzeichnis der verschiedenen Typen von Polaroid-Kameras.

Stimmung der Polaroids
Ich habe mir die preiswerte Ausgabe zum 40. Geburtstag von Taschen gekauft. Schon beim Durchblättern spürt man die besondere Stimmung, die Polaroids ausstrahlen. Es sind intime, spontane und oft überraschend poetische Bilder, die in ihrer Unmittelbarkeit berühren. Ob Porträts, Stillleben, abstrakte Experimente oder Momentaufnahmen aus dem Alltag – jedes Foto erzählt eine eigene kleine Geschichte. Und genau darin liegt der Reiz: Die Bilder wirken nie inszeniert, sondern nahbar und ehrlich.

Vielfalt
Besonders beeindruckend ist die Vielfalt der Künstler, die im Buch vertreten sind. Von weltbekannten Namen wie Andy Warhol, David Hockney oder Helmut Newton bis hin zu unbekannteren Fotografen – die Sammlung zeigt, wie unterschiedlich das Sofortbild interpretiert und genutzt wurde. Auch die Tatsache, dass das Buch sowohl professionelle als auch amateurhafte Aufnahmen zeigt, unterstreicht die demokratische Natur der Polaroid-Fotografie: Jeder konnte mitmachen, jeder Moment konnte zum Kunstwerk werden.

Optisch und haptisch ist das Buch – ganz TASCHEN-typisch – ein Genuss auch wenn es sich nur um die Volksausgabe von Taschen handelt. Die Verarbeitung, das großzügige Layout und die liebevolle Gestaltung machen es zu einem Sammlerstück für alle, die Fotografie lieben. Es eignet sich wunderbar zum Verschenken, aber eigentlich möchte man es gar nicht mehr aus der Hand legen. Wem sollte ich das Buch auch verschenken? Ein Muss für alle Fotobegeisterten, Nostalgiker und Freunde des Unperfekten.

Magie zwischen Polaroid und KI – mein Kunstprojekt der besonderen Art

28. März 2025

Das jüngste Update von ChatGPT lässt mich sprachlos zurück. Die Fortschritte der Bildgenerierung hauen mich vom Hocker. Im Moment gibt es das neue Feature in Sprachmodell 4o und bisher nur in der Pro-Version. ChatGPT-4o ist das neue Multimodal-Modell von OpenAI. Es kann Text, Bild, Audio und Video verarbeiten – und nun auch Bilder erstellen.

Jetzt kommt es natürlich auf den richtigen Prompt an und die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen. In meinen Seminaren vermittle ich das notwendige Praxiswissen zu Promst, da kommt mir meine Erfahrung als Bildjournalist zu gute. Ich probierte gleich mal ein paar neue Stile aus – hier verwandelte ich ein Foto von mir in den Gibli-Stil.

Beim Herumspielen und Testen des neuen Features kam mir eine Idee: Wie wäre es, wenn ich anloge und digitale Technologie mit meinem Fotos verbinde – so als eine Art Kunstprojekt.

Im Moment arbeite ich viel mit Polaroids. Ich habe meine alte Polaroid SX 70 wieder im Einsatz. Sie stammt aus dem Jahre 1974. Für mich zeichnen sich Polaroid-Fotos durch ihre Einzigartigkeit und Unmittelbarkeit aus. Jedes Bild ist ein Unikat – direkt nach der Aufnahme entwickelt, ohne Nachbearbeitung oder Filter. Die analoge Technik verleiht den Fotos eine besondere Ästhetik mit charakteristischen Farben und Bildfehlern, die den Moment authentisch und unverfälscht festhalten. In einer zunehmend digitalen Welt bieten Polaroids für mich ein haptisches, entschleunigtes Erlebnis der Fotografie.

Ich habe beispielsweise ein Selfie mit einer meiner Polaroid SX 70 gemacht.

Dann habe ich das Papierfoto mit dem Smartphone abfotografiert und ein wenig optimiert, ohne den Charakter zu verändern.

Der nächste Schritt war es, das Foto in die neue Version von ChatGPT hochzuladen und ein Vintage-Bild daraus zu genieren.

Im nächsten Schritt kam per Prompt das Einfärben des braunen Hutes (ein Barbisio von 1940) in einen roten Hut.

Der letzte Schritt war wiederum das Einfärben des Bildes. Aus den durchsichtigen Gläsern wurden gelbe Gläser, wie ich sie in Wirklichkeit trage.

Und weil es so schön war, noch ein Morphing-Film dazu:

Wiesn-Ausstellung der Münchner Fotografin Maren Richter

13. Dezember 2019

Es ist kalt, nass und grau in München und ich hatte einen Termin in der Nähe des Haus der Kunst. Dabei traf ich auf Farben und Formen, die meine Stimmung aufhellten. Im Alexander-Wacker-Haus, in dem ich mich aufwärmte, traf ich auf die Wiesn-Ausstellung der Münchner Fotografin Maren Richter.
Eigentlich sollte die Ausstellung bereits wieder abgebaut sein, doch noch hingen die zahlreichen Fotografien an den Wänden. Mit ihrer Serie „Wies’n“ hat Maren Richter einen völlig neuen Blickwinkel auf das weltweit größte Volksfest geworfen und in kraftvollen Fotos festgehalten. Detailaufnahmen von Ständen, Karussells und Menschen in Bewegung, stilisierte Festzelte, Anschnitte des Riesenrades – diese Ansichten überraschen und lassen oft erst auf den zweiten Blick erkennen, welches Motiv hier zu sehen ist. Die expressiven Farben und die Dynamik lassen die Grenzen zur abstrakten Kunst verschwimmen und bieten einen neuen, modernen Zugang zum traditionsreichen Münchner Volksfest. Die Bilder haben mich inspiriert, so sehr, dass ich meine Fujifilm X100X wieder aus der Fototasche und zu meinem Tagesgepäck getan habe.

Maren Richter hat mit ihren Bilder einen für mich sehr interessanten Zugang zur Wiesn gefunden. Die Verbindung von traditionellen, folkloristischen Motiven mit grellen Farben. Die Motive wurden von Touristen Tausendfach, nein Millionenfach fotografiert, aber selten mit so einer Lebensfreude und Intensität. Der Einsatz von Bewegungsunschärfe mit Photoshop-Filtern ist sehr gelungen, wobei mir die Klo-Hinweisschilder am besten gefallen.
Also, wer in der Gegend ist, schaut euch die Ausstellung von Maren Richter im Alexander Wacker Haus an der Prinzregentenstraße 22 in München an, solange sie noch hängt. Das Alexander Wacker Haus ist ein großstädtischer Gebäudekomplex aus dem Jahr 1997, entworfen von Steidle Architekten. Die Büro- und Wohneinheiten liegen direkt gegenüber dem Englischen Garten am Eisbach, der unter dem Gebäude hindurch fließt. Der Künstler Erich Wiesner entwarf für das Alexander Wacker Haus ein eigenständiges Farbkonzept, das die öffentlich zugänglichen Innenräume gestalterisch prägt.

Buchtipp: Compendium von Michael von Hassel

28. Februar 2017

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Irgendwie gehören Zufälle zum Leben. Ich hatte einen Termin mit der Mutter und traf auf den Sohn, der mich enorm beeindruckte. Michael von Hassel ist einer der große Fotokünstler in Deutschland und sein Werk fasziniert mich enorm.
Ich hatte einen geschäftlichen Termin mit Anne-Marie von Hassel. Sie ist Verlegerin der Bayerischen Gemeindezeitung und zusammen mit ihren Töchtern wollten wir über ein Konzept sprechen. Ich fand bei dem Termin aber nicht gleich den richtigen Eingang zum Gebäude. Vor dem Haus parkte ein Lieferwagen und ein junger Mann wuchtete gut verpackte Bilder in das Fahrzeug. Wir kamen ins Gespräch, wen ich denn suchte und er stellte sich mir als Michael von Hassel vor. Prima, er zeigte mir den Weg zu seiner Mutter und seinen Schwestern und kamen kurz ins Gespräch. Er fotografiere ein bisschen, sagte er untertrieben. Ich schaute mir die Fotos an und war fasziniert. Es waren HDR-Bilder, die mich berührten. Gerne hätte ich mich mehr mit Michael von Hassel unterhalten, aber er bereitete eine Ausstellung von Wiesn-Bildern am Münchner Marienplatz vor. Zudem hatte ich ja einen Termin mit der Mutter wegen einer geschäftlichen Angelegenheit.
Wieder zu Hause bestellte ich mir sofort das Buch Compendium von Michael von Hassel und vielleicht habe ich ja mal die Gelegenheit zu einem Interview mit dem großartigen Künstler.


Die optische Kraft seiner Fotos ist gewaltig. Und damit beginnt schon die Diskussion. Sind es überhaupt Fotos, oder sind es vielmehr Bilder? Gibt es überhaupt einen Unterschied? Nun jedes Foto ist ein Bild, aber nicht jedes Bild ein Foto. Egal – auf jeden Fall schweigt sich Michael von Hassel über seine spezielle Fototechnik aus. Fest steht, es sind HDR-Bilder – High Dynamik Range. Dadurch erhalten die Aufnahmen einen gewissen Drama-Faktor. Farben und Kontraste werden extrem betont, wenn nicht gar überbetont. Die Fotos werden wuchtiger, kraftvoller – und ja, auch wenig kitischiger. Es ist von allem ein wenig zuviel und in der Kombination miteinander im Adobe Lightroom oder Adobe Photoshop ist gelungen. Michael von Hassel nennt seine Art zu fotografieren hyperrealistisch. Der gelernte Banker und studierte BWLer begann ganz klassisch in Schwarzweiß, wechselte aber schnell zur Farbe und ist dabei geblieben. Für seine Arbeiten bekam er allerhand Preise – und dies zurecht.


Die Bilder sind durch die HDR-Technik extrem kontrastreich. Das vorhandene Licht wird verstärkt, die Farben betont – ein Meer von Licht und Farbe hätte es Juliane Werding genannt. Durch diesen Hyperrealismus kommen die Details verstärkt zum Vorschein. Die Bilder fesseln, der Zuschauer entdeckt beim Betrachten immer wieder etwas Neues.
Ich bin Michael von Hassel sehr dankbar. Zum einen natürlich für seine Bilder, die mich faszinieren. Zum anderen danke ich ihn für seine Inspiration. Aufgrund seines Buches Compendium habe ich wieder zu fotografieren begonnen. Dafür recht herzlichen Dank.