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Stonehenge-Ausstellung: Ein Monument, das Menschen zusammenbrachte

27. September 2026

Die Stonehenge-Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München entführt die Besucher rund 5.000 Jahre zurück in die faszinierende Welt eines der berühmtesten Monumente der Menschheitsgeschichte. Archäologische Funde, Rekonstruktionen, digitale Vermittlung und Videoinstallationen zeigen Stonehenge nicht als isolierten Steinkreis, sondern als Teil einer weitläufigen prähistorischen Kulturlandschaft. Besonders spannend ist der europäische Blickwinkel: Funde aus Bayern verdeutlichen, dass die Menschen jener Zeit über große Entfernungen miteinander verbunden waren. Eine anschauliche Ausstellung für Archäologie-Fans ebenso wie für Familien und neugierige Entdecker.

Ich habe mir in Ruhe die Ausstellung in München angeschaut, viel gesehen, viel gelesen und viel nachgedacht. Hier ein Rundgang in VR 360.

Mehr als 50 Jahre arbeitet Prof. Mike Parker Pearson als Archäologe, geforscht hat er in zahlreichen Teilen der Welt. Ausgerechnet Stonehenge gehörte lange Zeit nicht zu den Orten, an denen der Professor für jüngere britische Vorgeschichte am Institute of Archaeology des University College London unbedingt arbeiten wollte. Mit einem Augenzwinkern erklärte er bei seinem Vortrag anlässlich der Stonehenge-Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München auch warum: Stonehenge ziehe schließlich „einige sehr seltsame Leute an – britische Exzentriker aller Art“.

Dass Parker Pearson schließlich doch zu einem der bedeutenden Stonehenge-Forscher wurde, verdankt sich ausgerechnet seiner Arbeit in Madagaskar. Dort untersuchte er gemeinsam mit seinem madagassischen Kollegen Ramiri Salina Megalithen. Anders als in Europa ist das Errichten großer Steine dort keine längst verschwundene Tradition. Noch heute werden solche Monumente geschaffen.

Als Parker Pearson seinem Kollegen bei einem Besuch in Großbritannien Stonehenge zeigte und eingestand, dass man nicht genau wisse, welchem Zweck die Anlage einst gedient habe, reagierte dieser erstaunt: „Was meinst du damit, ihr wisst nicht, wofür es da ist? Hast du bei unserer gemeinsamen Arbeit über Megalithen nichts gelernt?“

Sein Kollege verwies auf eine grundlegende Unterscheidung in Madagaskar: „Für die Ahnen bauen wir aus Stein. Denn Stein ist dauerhaft, ewig – wie die Ahnen. Für die Häuser und die Lebenswelt der Lebenden bauen wir aus Holz.“

Für Parker Pearson war dies ein Schlüsselmoment. Denn unweit von Stonehenge befinden sich mit Woodhenge und den Anlagen von Durrington Walls auch die Überreste großer Holzkreise. Daraus entstand die Frage, ob Stein und Holz auch dort unterschiedliche Welten symbolisierten: Stonehenge als Ort der Ahnen und Toten, die Holzanlagen dagegen als Orte der Lebenden.

Die Toten in Stonehenge, die Lebenden in Durrington Walls
Ab 2003 führte Parker Pearsons Team über sechs Jahre hinweg umfangreiche Ausgrabungen durch. Die Ergebnisse stützten die ursprüngliche Überlegung erstaunlich deutlich. In Stonehenge fanden die Archäologen Brandbestattungen. Im Umfeld der Holzkreise kamen dagegen Häuser, Tierknochen und zahlreiche Hinterlassenschaften großer gemeinschaftlicher Mahlzeiten zum Vorschein – Spuren des alltäglichen Lebens und offenbar großer Zusammenkünfte.

Neue naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden veränderten das Bild zusätzlich. Isotopenanalysen ermöglichten es, die Herkunft von Menschen und Tieren zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass Stonehenge kein Monument einer kleinen, isolierten Gemeinschaft gewesen sein dürfte. Menschen kamen aus weit entfernten Regionen Britanniens dorthin. „Wir entdeckten, dass Stonehenge ein gewaltiges Einzugsgebiet hatte. Die Menschen kamen aus ganz unterschiedlichen Teilen Britanniens“, erklärte Parker Pearson.

Parallel dazu eröffneten genetische Untersuchungen neue Einblicke in die Bevölkerungsgeschichte. Die Menschen, die Stonehenge errichteten, gehörten zu bäuerlichen Bevölkerungsgruppen, die frühere Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften weitgehend abgelöst hatten. Später kam es erneut zu tiefgreifenden Veränderungen durch Bevölkerungsgruppen, die sich über weite Teile Europas ausbreiteten und mit der Glockenbecherkultur verbunden werden.

Damit wird Stonehenge für Parker Pearson auch zu einem Teil einer europäischen Geschichte. Gerade deshalb sei es von besonderem Wert, dass die Münchner Ausstellung archäologische Funde aus der Region einbezieht und damit Verbindungen zur Glockenbecherzeit in Mitteleuropa sichtbar macht.

Steine aus Hunderten Kilometern Entfernung
Besonders spektakulär sind für Parker Pearson die jüngsten geologischen Erkenntnisse. Die Steine von Stonehenge stammen nicht einfach aus der unmittelbaren Umgebung. Selbst die großen Sarsensteine wurden über beträchtliche Entfernungen transportiert. Die sogenannten Blausteine kamen aus Wales und legten mehr als 200 Kilometer zurück.

Noch erstaunlicher ist die Herkunft des sogenannten Altarsteins im Zentrum der Anlage. Untersuchungen ergaben, dass sein Gestein aus dem Norden Schottlands stammt – rund 900 Kilometer von Stonehenge entfernt. „Keiner der Steine von Stonehenge stammt von dort“, fasste Parker Pearson die Erkenntnisse pointiert zusammen.

Damit verändert sich auch die Frage nach der Bedeutung des Monuments. Entscheidend ist nicht allein, wie Menschen vor rund 5.000 Jahren tonnenschwere Steine bewegten. Ebenso wichtig ist die Frage, warum sie Gestein aus weit entfernten Landschaften zusammentrugen.

Für Parker Pearson liegt genau darin möglicherweise eines der großen Geheimnisse von Stonehenge. Das Monument könnte Ausdruck eines außergewöhnlichen gesellschaftlichen Vorgangs gewesen sein, bei dem Menschen, Materialien und möglicherweise auch Traditionen aus verschiedenen Teilen Britanniens zusammengeführt wurden.

„Es geht darum, Menschen und Ressourcen – und ganz besonders Steine – aus allen Teilen der Insel Großbritannien zusammenzubringen, vielleicht in einem großen Akt der Vereinigung.“

Damit formuliert Parker Pearson eine Interpretation, die sich deutlich von der populären Vorstellung eines geheimnisvollen Tempels absetzt. Für ihn steht weniger ein einzelner religiöser Zweck im Mittelpunkt als die gesellschaftliche Dimension des Bauwerks.

Sein prägnantes Fazit lautet: „Es ist kein Tempel. Es ist vielmehr ein Monument für ein außergewöhnliches Ereignis und außergewöhnliche Menschen vor fünf- bis viereinhalbtausend Jahren.“

Stonehenge als europäische Geschichte
Die Ausstellung in München versucht diese neuen Erkenntnisse nicht nur wissenschaftlich zu vermitteln, sondern räumlich und anschaulich erfahrbar zu machen. Parker Pearson würdigte dabei ausdrücklich die gestalterische Umsetzung. Dem Ausstellungsgestalter sei es gelungen, „mein archäologisches Wissen in eine dreidimensionale Realität zu verwandeln“ – und zwar sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.

Gerade die Verbindung mit Funden aus Bayern erweitert den Blick. Stonehenge erscheint dadurch nicht als isoliertes britisches Weltwunder, sondern als Teil einer Epoche, in der Menschen, Ideen, Materialien und kulturelle Traditionen über enorme Entfernungen hinweg miteinander verbunden waren.

Vielleicht liegt darin tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis dieses bis heute faszinierenden Ortes: Stonehenge erzählt nicht nur von gewaltigen Steinen. Es erzählt von Menschen, die enorme Anstrengungen auf sich nahmen, um etwas Gemeinsames zu schaffen – ein Monument aus verschiedenen Landschaften für eine Gemeinschaft, deren Verbindungen offenbar weit über den Horizont der Salisbury Plain hinausreichten.

Für ein ganzes Jahr rückt der geheimnisvolle Steinkreis im Süden Englands in den Mittelpunkt
Bei der Eröffnung unterstrich Prof. Dr. Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung, die besondere Bedeutung der Schau. Dass die Ausstellung ein Jahr lang zu sehen sein wird, bezeichnete er zugleich als „Zeichen der Nachhaltigkeit“, denn das Museum wolle Ausstellungen nicht mehr in allzu kurzen Abständen wechseln. Den Besucherinnen und Besuchern werde dadurch ausreichend Gelegenheit gegeben, sich intensiv mit Stonehenge und seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

Die Ausstellung führt dabei weit über das bekannte Bild der mächtigen Steine hinaus. Stonehenge wird in den Zusammenhang einer ganzen prähistorischen Landschaft gestellt. Über lange Zeit hatten unterschiedliche Theorien die Wahrnehmung des Monuments geprägt. Besonders populär war die Vorstellung eines vorgeschichtlichen Observatoriums. Die moderne Archäologie zeichnet heute ein wesentlich komplexeres Bild und betrachtet nicht nur den Steinkreis selbst, sondern die ihn umgebende Kulturlandschaft mit ihren Siedlungs- und Bestattungsplätzen.

Gebhard erinnerte zugleich daran, dass die Faszination für Stonehenge keineswegs eine moderne Erscheinung ist. Bereits im Mittelalter versuchten Menschen, sich die Herkunft der gewaltigen Steine zu erklären. Im 13. Jahrhundert wurden Geschichten um den Zauberer Merlin und sogar um Riesen mit Stonehenge verbunden. Für Gebhard reicht die Beschäftigung mit dem Monument damit von einer Art früher, fantasievoller „Urarchäologie Stonehenge“ bis zur modernen Forschung.

Heute haben naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden viele dieser Spekulationen abgelöst. Moderne Archäologie versucht, Herkunft, Alter und Bedeutung der Funde mit wissenschaftlichen Methoden zu rekonstruieren. Die Ausstellung macht damit auch deutlich, wie sich archäologische Forschung im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.

Gebhard zeigte sich bei der Eröffnung besonders zufrieden damit, wie sich die Schau in die neuen Räumlichkeiten der Archäologischen Staatssammlung einfügt: „Die Ausstellung ist wirklich toll“, sagte der Direktor und versprach den Gästen: „Sie werden fasziniert sein, wie man in unserem tollen neuen Ausstellungssaal diese Ausstellung einbetten konnte.“

Blume ist sehr stolz und glücklich
Auch Bayerns Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume, MdL, stellte die internationale Bedeutung der Ausstellung heraus. Dass die Schau nach Bayern gekommen sei und hier erstmals in Mitteleuropa gezeigt werde, mache ihn „sehr stolz und glücklich“. Besonders freue ihn, dass eine Ausstellung dieser Größenordnung in der renovierten Archäologischen Staatssammlung präsentiert werden könne.

Mit einem augenzwinkernden Satz brachte Blume seine Begeisterung auf den Punkt: „Ich hätte es auch nicht erwartet, dass ich mal hier als bayerischer Kunstminister stehen kann und sagen darf: Stonehenge wird bayerisch.“

Hinter diesem humorvollen Ausspruch steht jedoch ein ernsthafter wissenschaftlicher Gedanke. Stonehenge dürfe nicht ausschließlich als britisches Phänomen betrachtet werden. Neuere Forschungen zeigen vielmehr, wie weitreichend die Verbindungen der damaligen Gesellschaften waren. „Die Geschichte von Stonehenge ist eine sehr, sehr frühe europäische Geschichte“, betonte Blume. Unterschiedliche Kulturen hätten miteinander in Verbindung gestanden, es habe Austausch und weitreichende Kontakte gegeben.

Damit schlägt die Münchner Ausstellung bewusst eine Brücke nach Mitteleuropa und Bayern. Archäologische Funde aus dem Freistaat zeigen, dass auch hier vor Jahrtausenden Gesellschaften existierten, die zu bemerkenswerten kulturellen und technischen Leistungen fähig waren. Stonehenge wird dadurch nicht als isoliertes Monument auf einer fernen britischen Insel präsentiert, sondern in einen größeren europäischen Zusammenhang eingeordnet.

Blume griff dieses Zusammenspiel mit einem weiteren Wortspiel auf: „Zumindest mit dieser Ausstellung wird Stonehenge bayerisch.“ Umgekehrt zeige die Schau aber auch, „dass Bayern auch Stonehenge kann – jedenfalls ausstellungsmäßig“.

Für den Minister unterstreicht die Sonderausstellung zugleich die internationale Bedeutung der Archäologischen Staatssammlung. Sie sei ein attraktiver Partner für anspruchsvolle Ausstellungsprojekte und verfüge nach ihrer Wiedereröffnung über hervorragende Möglichkeiten zeitgemäßer Präsentation und Vermittlung. Blume zeigte sich überzeugt, dass Stonehenge das Potenzial zu einem „absoluten Publikumsrenner“ habe. Schließlich liege eine besondere Faszination in der Frage, wozu Menschen bereits vor rund 4.000 bis 5.000 Jahren in der Lage waren.

Dabei bleibt es nicht bei klassischen Vitrinen und archäologischen Exponaten. Videoinstallationen, digitale Vermittlungsformen und ein umfangreiches Begleitprogramm sollen unterschiedliche Zielgruppen erreichen. „Vom Anfänger bis zum Kenner“ sei etwas dabei, betonte Blume. Insbesondere Kinder und Familien sollen spielerisch Zugang zur Vorgeschichte erhalten – bis hin zur Möglichkeit, selbst einen Steinkreis nachzubauen.

Mit viel Humor stellte sich Blume bereits vor, wie Archäologen in ferner Zukunft über solche Hinterlassenschaften rätseln könnten. Vielleicht müsse man vorsichtshalber eine Plakette anbringen, damit spätere Generationen wissen, „dass es nur ein Mitmachprojekt der Archäologischen Staatssammlung war“.

Die Eröffnung machte damit deutlich, welchen Anspruch die Ausstellung verfolgt: Stonehenge soll nicht allein als ikonische Ansammlung monumentaler Steine präsentiert werden. Die Schau möchte eine längst vergangene Welt wieder sichtbar machen und zugleich zeigen, wie moderne Archäologie unser Bild dieser Welt immer wieder verändert. Vor allem aber rückt sie Stonehenge aus der vermeintlichen Isolation heraus und stellt das Monument in einen europäischen Zusammenhang. Oder, um es mit Markus Blume zu sagen: „Stonehenge wird bayerisch.“

Helmut Newton – Polaroids: Eine Ausstellung in München und die Faszination der Polaroid Sofortbildkamera

22. Februar 2026

Jetzt aber flott. Die Ausstellung „Helmut Newton. Polaroids“ im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München neigt sich dem Ende zu. Noch heute können Besucher an der Thierschplatz 6 in München eintauchen in eine Welt der Sofortbilder, die den schnellen Blick und die spontane Idee von Helmut Newton offenbaren. Die Schau zeigt über 150 Arbeiten, bestehend aus einzeln gerahmten SX‑70‑ und Polacolor‑Prints sowie vergrößerten Polaroids. Sie ist mehr als eine Retrospektive des legendären Fotografen: Sie ist zugleich ein tiefer Einblick in die Geschichte und Technik der Polaroid‑Fotografie. Es ist das zweite Mal, dass eine Helmut Newton Ausstellung in München stattfindet – und es lohnt sich.

Polaroid – Schnelle Magie aus Chemie und Technik
Polaroid‑Fotografien verdanken ihre Faszination der unmittelbaren Bildentstehung. Beim klassischen Polaroidprozess werden zwei Blattmaterialien – ein Negativ und ein Positiv – zusammen mit einem Beutel mit Entwicklerflüssigkeit durch eine Walze gezogen. Dabei platzt der Beutel auf, und der Entwickler verteilt sich zwischen Negativ und Positiv; die ungelösten Farbstoffe diffundieren in die Positivschicht, während belichtete Bereiche im Negativ fixiert werden. Innerhalb einer Minute kann das Positiv abgezogen werden und trocknet zu einem festen, glänzenden Bild. Diese Diffusions‑Transfer‑Technik, die Edwin H. Land seit 1947 entwickelte, ermöglichte die ersten schwarz‑weißen Sofortbilder und wurde 1963 mit Polacolor für Farbfotografien weiterentwickelt. Ich bin ein Fan dieser Fotografie und nutze selbst verschiedene Kameramodelle. Das Filmmaterial ist vergleichsweise teuer, aber es macht einen riesigen Spaß. Hier ein VR 360 Rundgang durch die Ausstellung:

Das Besondere an Polaroidbildern ist, dass sie Unikate sind; jedes Foto ist ein endgültiges Original. Frühere Polaroids benötigten eine Fixierpaste, die manuell über das Bild gestrichen wurde, doch mit der populären SX‑70‑Kamera entfiel dieser Schritt. Die SX-70 ist meine Liebslingskamera und ich habe verschiedene Ausgaben. Bei ihr war die Chemie bereits im Papier integriert, und das Bild wurde nach dem Auslösen automatisch aus dem Schlitz der Kamera ausgegeben. Die Polaroid SX‑70, produziert von 1972 bis 1981, war eine faltbare Einäugige Spiegelreflexkamera mit komplexem Sucherlichtweg; sie besaß einen vierlinsigen 116‑mm‑Glasobjektiv, automatische Belichtungssteuerung und eine Klappkonstruktion, die sich auf Jackentaschengröße zusammenfalten ließ. Die Filmkassetten enthielten einen integrierten 6‑Volt‑Polapulse‑Akku, der Kameraelektronik und Motor versorgte, so dass jede Packung automatisch eine frische Stromquelle mitbrachte.

Solche Sofortbildgeräte wie das SX‑70‑System revolutionierten die Fotografie und können in ihrer Spontaneität als Vorläufer der digitalen Kameradisplays betrachtet werden. Polaroid‑Fotografie war jedoch immer experimentell: Die Emulsion blieb nach dem Ausstoß mehrere Minuten lang weich und konnte zur Bildmanipulation verwendet werden – Künstler wie Lucas Samaras prägten damit einen malerischen Polaroid‑Stil. Die SX‑70‑Filme wurden 2008 eingestellt; seitdem produziert die Nachfolgefirma „Polaroid Originals“ neue Filme mit leicht anderer Chemie.

Ein Blick in Newtons kreative Werkstatt
Helmut Newton (1920–2004) nutzte die Polaroid‑Technik nicht nur als Spielerei, sondern als Arbeitsinstrument. Bei Modeaufträgen – insbesondere für Zeitschriften wie „Vogue“ – drängte es ihn, sofort zu sehen, wie seine Inszenierungen als Bild wirken würden. Das Polaroid diente ihm als Ideenskizze, um Lichtführung und Bildaufbau zu prüfen; anschließend setzte er die endgültigen Aufnahmen mit Mittelformatkamera und Film um. In Interviews gestand Newton, er sei „ungeduldig“ und wolle sofort das Ergebnis sehen.

Das Kunstfoyer präsentiert daher nicht nur perfekte Fotografien, sondern auch Entwürfe: kleine, quadratische SX‑70‑Prints und größere Polacolor‑Abzüge, auf denen Newton mit Filzstift Notizen zu Model, Auftraggeber, Aufnahmeort oder Datumsangaben hinterließ. Diese handschriftlichen Bemerkungen und Gebrauchsspuren verleihen den Bildern eine intime, arbeitsnahe Aura. Für Newton markierten viele Polaroids den Anfang eines später berühmt gewordenen Bildes; anhand der gegenübergestellten Serien erkennt man den Prozess vom spontanen Entwurf zum finalen Icon.

Newton experimentierte mit verschiedenen Polaroid‑Systemen: Er verwendete klassische SX‑70‑Kameras, Polacolor‑Material und Sofortfilm‑Rückteile, die seine Mittelformatkameras zu Sofortbildgeräten machten. Selbstverständlich hat er die Polaroids nie als reine Probebilder abgetan. Einige gab er an Kunden oder Models weiter, um ihre „Kooperation“ zu sichern; die meisten aber bewahrte er wie Schatzstücke auf. 1992 veröffentlichte er mit Schirmer/Mosel das Buch „Pola Woman“, das ausschließlich seine Polaroid‑Bilder präsentiert. Newton bezeichnete dieses Buch als „Herzensprojekt“; Kritiker beanstandeten die Unvollkommenheit der Aufnahmen, doch gerade deren Spontaneität war das Reizvolle . Posthum brachte die Helmut‑Newton‑Foundation 2011 einen weiteren Polaroid‑Band heraus.

Die Ausstellung in München – mehr als nur Fotos
„Helmut Newton. Polaroids“ ist sorgfältig kuratiert von Matthias Harder, Direktor der Helmut Newton‑Foundation. Sie zeigt ikonische Sofortbilder, die Newtons unverwechselbare Ästhetik – erotische Eleganz, provokante Blickwinkel, szenische Inszenierungen – in einem spontanen Medium einfangen. Besucher erleben gerahmte Originale: SX‑70‑Abzüge und Polacolor‑Prints werden wie eigenständige Kunstwerke präsentiert. Dann gibt es vergrößerte Polaroids zu sehen. Newton ließ manche Sofortbilder vergrößern; die Schau zeigt diese raritätenreichen Abzüge .
Interessant auch die Zwei-Bilder-Vergleiche: Anhand von Bildpaaren wird der Weg vom Polaroid‑Entwurf zum finalen Foto nachvollziehbar. Wer geduldigt ist, kann auch die Handschriftliche Notizen entziffern: Newtons Randbemerkungen erzählen Anekdoten zum Entstehungsprozess.

Es gibt auch eine Vitrine mit Polaroid‑Kameras: Eine Berliner Privatsammlung präsentiert diverse kleinere Polaroid‑Kameras, deren Formen und Funktionen den spielerischen Umgang mit der Sofortbildtechnik widerspiegeln. Dabei wird auch die Popularität der Geräte deutlich – von der Pocket‑Kamera bis zur klappbaren SX‑70 und neuere Modelle. Irgendwann besorge ich mir die I-2 noch.

Die Ausstellung bettet Newtons Arbeiten in die Geschichte der Sofortbildfotografie ein: Texttafeln erläutern Edwin Lands Erfindung der Polaroid‑Kamera und den Siegeszug der Sofortbilder seit den 1960er‑Jahren. So wird deutlich, dass Newtons Polaroids nicht nur als Arbeitsmittel dienten, sondern einen eigenen künstlerischen Stellenwert besitzen.

Polaroid‑Kameras – ikonische Technik für den Schnellschuss
Polaroid produzierte zahlreiche Kameramodelle, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind. Land Cameras wie die Model 95 (1948) erforderten noch das manuelle Abziehen des Positivs und das Auftragen einer Fixierpaste; später folgte das Modell SX‑70, das dank einer klappbaren Spiegelreflexkonstruktion und integrierter Filmkassette mit Batterie den Entwicklervorgang automatisierte und beliebig oft wiederholbar machte. Die Kameras verfügten über einen 116‑mm‑Glaslinsensatz, manuellen oder später sonar‑gesteuerten Autofokus und eine Belichtungsautomatik. Die Filme selbst waren quadratisch (rund 79 × 79 mm), wiesen eine Filmempfindlichkeit von ASA 150 auf und enthielten alle Chemikalien für Entwicklung und Fixierung. In den 1980er‑Jahren erschienen robuste „Box“-Kameras der 600‑Serie mit höherer Filmempfindlichkeit; sie waren einfacher und sollten den Massenmarkt bedienen.

Polaroid‑Farbdrucke entwickelten sich rasch zu einem Bestandteil der Pop‑ und Modeszene. Künstler nutzten die Unvorhersehbarkeit von Farbstichen und chemischen Artefakten für experimentelle Bildmanipulationen. Die Gerüche und Farbreste gehören für viele zur Polaroid‑Erfahrung: „Jeder, der jemals eine solche Kamera benutzt hat, wird den Geruch der Entwicklungsemulsion und die Faszination für das Sofortbild nicht vergessen“, heißt es im Ausstellungstext. Heute gilt die Sofortbildtechnik als Vorläufer der Digitalfotografie, weil sie das Ergebnis unmittelbar sichtbar macht  – ein Aspekt, der Newtons Arbeitsweise nachhaltig beeinflusst hat.

Nichts wie hin
Die Münchner Ausstellung „Helmut Newton. Polaroids“ ist ein Muss für Fotoliebhaber. Sie zeigt, wie der Fotograf das Sofortbild als kreatives Werkzeug nutzte und dabei eigenständige Kunstwerke schuf. Gleichzeitig lädt die Schau dazu ein, sich mit der Geschichte der Polaroid‑Kamera zu beschäftigen, die durch ihre technische Raffinesse und chemische Magie die Fotografie revolutionierte. Wer die Ausstellung vor dem 22. Februar 2026 besucht, erlebt eine faszinierende Reise vom ersten Bildentwurf zum Ikonenfoto – und erhält einen nostalgischen Blick auf die Ära der Sofortbilder, die in Newtons Händen zu Meisterwerken wurden.

Ausstellung Farben Japans – Eine Reise durch drei Jahrhunderte lebendiger Kunst

28. April 2025

Irgendwann werde ich es nach Japan schaffen. Das Land fasziniert die ganze Familie. Bis wir nach Japan kommen, dauert es, also muss Japan zu uns kommen. Die Ausstellung „Farben Japans – Holzschnitte aus der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek“ lädt nach München ein zu einer faszinierenden Reise durch drei Jahrhunderte japanischer Farbholzschnittkunst – von den zarten Anfängen des Mehrfarbendrucks im 18. Jahrhundert bis hin zu den ausdrucksstarken „Neuen Drucken“ (shin-hanga) des 20. Jahrhunderts. Unbedingt ansehen. Das Highlight ist mit Sicherheit Hokusais weltberühmtes „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“.

In der Welt der Edo-Zeit (1603–1868) waren die sogenannten „Bilder der fließenden Welt“ (ukiyo-e) weit mehr als Kunstwerke – sie waren ein Spiegel der urbanen Lebensfreude. Schönheiten, berühmte Schauspieler, traumhafte Landschaften – sie alle erwachten in diesen Drucken zum Leben. Mit feinem Gespür und meisterlichem Können verbanden Künstler wie Utamaro, Hokusai, Hiroshige, Yoshitoshi und Hasui Ästhetik und Handwerkskunst zu einem unvergleichlichen kulturellen Schatz. Ursprünglich für den Alltag geschaffen, werden viele dieser Werke heute als zeitlose Meisterstücke bewundert. Hier ein kleiner Rundgang.

Als diese farbenfrohen Drucke im 19. Jahrhundert ihren Weg nach Europa und Nordamerika fanden, entfachten sie eine Welle der Begeisterung, was ich durchaus verstehen kann. Ihre Spuren sind bis heute sichtbar – in den leuchtenden Farben des Impressionismus, in den schwungvollen Linien des Jugendstils, in den Werken von Claude Monet, Vincent van Gogh und Gustav Klimt. Noch immer verzaubern sie mit ihrer poetischen Bildsprache, dem Detailreichtum und ihrer unverwechselbaren Farbigkeit.

Rund 130 Originalwerke aus der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek werden in dieser besonderen Ausstellung gezeigt: kunstvoll illustrierte Bücher, kostbare Triptychen und legendäre Einzelblätter – darunter Hokusais weltberühmtes „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“, besser bekannt als „Die Große Welle“. Zusammen mit „Sommergewitter am Fuße des Berges“ und „Südwind, klares Wetter“ – dem strahlenden „Roten Fuji“ – bilden diese Werke das Herzstück der Präsentation. Sie stammen aus der legendären Serie „Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji“, die seit ihrem Erscheinen um 1830 unvergessen geblieben ist.

An vielen Stellen im Haus der Bayerischen Staatsbibliothek werden zusätzliche Themen vertieft, großformatige Reproduktionen lassen die feinsten Details der Drucke noch intensiver erleben. So eröffnet sich den Besuchern ein eindrucksvolles Panorama der japanischen Holzschnittkunst. In der Schatzkammer werden die Originale gezeigt, allerdings bitte nur wochentags ansehen, denn die Schlange ist lange.

Die Japan-Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek ist selbst ein Schatz: mit rund 90.000 gedruckten Bänden, 100 Handschriften und 1.000 Einblattdrucken bewahrt sie eine beeindruckende Vielfalt an Zeugnissen einer jahrhundertealten Kulturtechnik.

Mit „Farben Japans“ widmet sich die Bibliothek erstmals in ihrer Geschichte ganz dieser faszinierenden Kunstform – ein Fest für alle Sinne und eine Einladung, die Magie Japans zu entdecken.

Ungewöhnlicher Katalog
Künstlerische Exzellenz in Verbindung mit handwerklichem Können zeichnen den japanischen Farbholzschnitt aus. In Werken von Künstlern werden die besonderen Stilmerkmale und vielfältigen kulturhistorischen Bezüge sichtbar, die diese Kunstform prägen. Präsentiert wird das gesamte Spektrum farbig gedruckter Holzschnitte in einem eindrucksvollen Katalog zur Ausstellung: illustrierte Bücher, seltene Triptychen oder ikonische Einblattdrucke wie Hokusais „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“, bekannt als „Große Welle“. Der Begleitband zur Ausstellung enthält neben einem ausführlichen Bildteil auch eine Reihe von Essays, die unterschiedliche Aspekte des japanischen Farbholzschnitts sowie dessen Entstehungskontext näher beleuchten.

Die Ausstellung ist bis 6. Juli 2025 geöffnet. Sie befindet sich in Bayerische Staatsbibliothek, Schatzkammern, Prachttreppenhaus und Fürstensaal.