Posts Tagged ‘Großbritannien’

Stonehenge-Ausstellung: Ein Monument, das Menschen zusammenbrachte

27. September 2026

Die Stonehenge-Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München entführt die Besucher rund 5.000 Jahre zurück in die faszinierende Welt eines der berühmtesten Monumente der Menschheitsgeschichte. Archäologische Funde, Rekonstruktionen, digitale Vermittlung und Videoinstallationen zeigen Stonehenge nicht als isolierten Steinkreis, sondern als Teil einer weitläufigen prähistorischen Kulturlandschaft. Besonders spannend ist der europäische Blickwinkel: Funde aus Bayern verdeutlichen, dass die Menschen jener Zeit über große Entfernungen miteinander verbunden waren. Eine anschauliche Ausstellung für Archäologie-Fans ebenso wie für Familien und neugierige Entdecker.

Ich habe mir in Ruhe die Ausstellung in München angeschaut, viel gesehen, viel gelesen und viel nachgedacht. Hier ein Rundgang in VR 360.

Mehr als 50 Jahre arbeitet Prof. Mike Parker Pearson als Archäologe, geforscht hat er in zahlreichen Teilen der Welt. Ausgerechnet Stonehenge gehörte lange Zeit nicht zu den Orten, an denen der Professor für jüngere britische Vorgeschichte am Institute of Archaeology des University College London unbedingt arbeiten wollte. Mit einem Augenzwinkern erklärte er bei seinem Vortrag anlässlich der Stonehenge-Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München auch warum: Stonehenge ziehe schließlich „einige sehr seltsame Leute an – britische Exzentriker aller Art“.

Dass Parker Pearson schließlich doch zu einem der bedeutenden Stonehenge-Forscher wurde, verdankt sich ausgerechnet seiner Arbeit in Madagaskar. Dort untersuchte er gemeinsam mit seinem madagassischen Kollegen Ramiri Salina Megalithen. Anders als in Europa ist das Errichten großer Steine dort keine längst verschwundene Tradition. Noch heute werden solche Monumente geschaffen.

Als Parker Pearson seinem Kollegen bei einem Besuch in Großbritannien Stonehenge zeigte und eingestand, dass man nicht genau wisse, welchem Zweck die Anlage einst gedient habe, reagierte dieser erstaunt: „Was meinst du damit, ihr wisst nicht, wofür es da ist? Hast du bei unserer gemeinsamen Arbeit über Megalithen nichts gelernt?“

Sein Kollege verwies auf eine grundlegende Unterscheidung in Madagaskar: „Für die Ahnen bauen wir aus Stein. Denn Stein ist dauerhaft, ewig – wie die Ahnen. Für die Häuser und die Lebenswelt der Lebenden bauen wir aus Holz.“

Für Parker Pearson war dies ein Schlüsselmoment. Denn unweit von Stonehenge befinden sich mit Woodhenge und den Anlagen von Durrington Walls auch die Überreste großer Holzkreise. Daraus entstand die Frage, ob Stein und Holz auch dort unterschiedliche Welten symbolisierten: Stonehenge als Ort der Ahnen und Toten, die Holzanlagen dagegen als Orte der Lebenden.

Die Toten in Stonehenge, die Lebenden in Durrington Walls
Ab 2003 führte Parker Pearsons Team über sechs Jahre hinweg umfangreiche Ausgrabungen durch. Die Ergebnisse stützten die ursprüngliche Überlegung erstaunlich deutlich. In Stonehenge fanden die Archäologen Brandbestattungen. Im Umfeld der Holzkreise kamen dagegen Häuser, Tierknochen und zahlreiche Hinterlassenschaften großer gemeinschaftlicher Mahlzeiten zum Vorschein – Spuren des alltäglichen Lebens und offenbar großer Zusammenkünfte.

Neue naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden veränderten das Bild zusätzlich. Isotopenanalysen ermöglichten es, die Herkunft von Menschen und Tieren zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass Stonehenge kein Monument einer kleinen, isolierten Gemeinschaft gewesen sein dürfte. Menschen kamen aus weit entfernten Regionen Britanniens dorthin. „Wir entdeckten, dass Stonehenge ein gewaltiges Einzugsgebiet hatte. Die Menschen kamen aus ganz unterschiedlichen Teilen Britanniens“, erklärte Parker Pearson.

Parallel dazu eröffneten genetische Untersuchungen neue Einblicke in die Bevölkerungsgeschichte. Die Menschen, die Stonehenge errichteten, gehörten zu bäuerlichen Bevölkerungsgruppen, die frühere Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften weitgehend abgelöst hatten. Später kam es erneut zu tiefgreifenden Veränderungen durch Bevölkerungsgruppen, die sich über weite Teile Europas ausbreiteten und mit der Glockenbecherkultur verbunden werden.

Damit wird Stonehenge für Parker Pearson auch zu einem Teil einer europäischen Geschichte. Gerade deshalb sei es von besonderem Wert, dass die Münchner Ausstellung archäologische Funde aus der Region einbezieht und damit Verbindungen zur Glockenbecherzeit in Mitteleuropa sichtbar macht.

Steine aus Hunderten Kilometern Entfernung
Besonders spektakulär sind für Parker Pearson die jüngsten geologischen Erkenntnisse. Die Steine von Stonehenge stammen nicht einfach aus der unmittelbaren Umgebung. Selbst die großen Sarsensteine wurden über beträchtliche Entfernungen transportiert. Die sogenannten Blausteine kamen aus Wales und legten mehr als 200 Kilometer zurück.

Noch erstaunlicher ist die Herkunft des sogenannten Altarsteins im Zentrum der Anlage. Untersuchungen ergaben, dass sein Gestein aus dem Norden Schottlands stammt – rund 900 Kilometer von Stonehenge entfernt. „Keiner der Steine von Stonehenge stammt von dort“, fasste Parker Pearson die Erkenntnisse pointiert zusammen.

Damit verändert sich auch die Frage nach der Bedeutung des Monuments. Entscheidend ist nicht allein, wie Menschen vor rund 5.000 Jahren tonnenschwere Steine bewegten. Ebenso wichtig ist die Frage, warum sie Gestein aus weit entfernten Landschaften zusammentrugen.

Für Parker Pearson liegt genau darin möglicherweise eines der großen Geheimnisse von Stonehenge. Das Monument könnte Ausdruck eines außergewöhnlichen gesellschaftlichen Vorgangs gewesen sein, bei dem Menschen, Materialien und möglicherweise auch Traditionen aus verschiedenen Teilen Britanniens zusammengeführt wurden.

„Es geht darum, Menschen und Ressourcen – und ganz besonders Steine – aus allen Teilen der Insel Großbritannien zusammenzubringen, vielleicht in einem großen Akt der Vereinigung.“

Damit formuliert Parker Pearson eine Interpretation, die sich deutlich von der populären Vorstellung eines geheimnisvollen Tempels absetzt. Für ihn steht weniger ein einzelner religiöser Zweck im Mittelpunkt als die gesellschaftliche Dimension des Bauwerks.

Sein prägnantes Fazit lautet: „Es ist kein Tempel. Es ist vielmehr ein Monument für ein außergewöhnliches Ereignis und außergewöhnliche Menschen vor fünf- bis viereinhalbtausend Jahren.“

Stonehenge als europäische Geschichte
Die Ausstellung in München versucht diese neuen Erkenntnisse nicht nur wissenschaftlich zu vermitteln, sondern räumlich und anschaulich erfahrbar zu machen. Parker Pearson würdigte dabei ausdrücklich die gestalterische Umsetzung. Dem Ausstellungsgestalter sei es gelungen, „mein archäologisches Wissen in eine dreidimensionale Realität zu verwandeln“ – und zwar sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.

Gerade die Verbindung mit Funden aus Bayern erweitert den Blick. Stonehenge erscheint dadurch nicht als isoliertes britisches Weltwunder, sondern als Teil einer Epoche, in der Menschen, Ideen, Materialien und kulturelle Traditionen über enorme Entfernungen hinweg miteinander verbunden waren.

Vielleicht liegt darin tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis dieses bis heute faszinierenden Ortes: Stonehenge erzählt nicht nur von gewaltigen Steinen. Es erzählt von Menschen, die enorme Anstrengungen auf sich nahmen, um etwas Gemeinsames zu schaffen – ein Monument aus verschiedenen Landschaften für eine Gemeinschaft, deren Verbindungen offenbar weit über den Horizont der Salisbury Plain hinausreichten.

Für ein ganzes Jahr rückt der geheimnisvolle Steinkreis im Süden Englands in den Mittelpunkt
Bei der Eröffnung unterstrich Prof. Dr. Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung, die besondere Bedeutung der Schau. Dass die Ausstellung ein Jahr lang zu sehen sein wird, bezeichnete er zugleich als „Zeichen der Nachhaltigkeit“, denn das Museum wolle Ausstellungen nicht mehr in allzu kurzen Abständen wechseln. Den Besucherinnen und Besuchern werde dadurch ausreichend Gelegenheit gegeben, sich intensiv mit Stonehenge und seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

Die Ausstellung führt dabei weit über das bekannte Bild der mächtigen Steine hinaus. Stonehenge wird in den Zusammenhang einer ganzen prähistorischen Landschaft gestellt. Über lange Zeit hatten unterschiedliche Theorien die Wahrnehmung des Monuments geprägt. Besonders populär war die Vorstellung eines vorgeschichtlichen Observatoriums. Die moderne Archäologie zeichnet heute ein wesentlich komplexeres Bild und betrachtet nicht nur den Steinkreis selbst, sondern die ihn umgebende Kulturlandschaft mit ihren Siedlungs- und Bestattungsplätzen.

Gebhard erinnerte zugleich daran, dass die Faszination für Stonehenge keineswegs eine moderne Erscheinung ist. Bereits im Mittelalter versuchten Menschen, sich die Herkunft der gewaltigen Steine zu erklären. Im 13. Jahrhundert wurden Geschichten um den Zauberer Merlin und sogar um Riesen mit Stonehenge verbunden. Für Gebhard reicht die Beschäftigung mit dem Monument damit von einer Art früher, fantasievoller „Urarchäologie Stonehenge“ bis zur modernen Forschung.

Heute haben naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden viele dieser Spekulationen abgelöst. Moderne Archäologie versucht, Herkunft, Alter und Bedeutung der Funde mit wissenschaftlichen Methoden zu rekonstruieren. Die Ausstellung macht damit auch deutlich, wie sich archäologische Forschung im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.

Gebhard zeigte sich bei der Eröffnung besonders zufrieden damit, wie sich die Schau in die neuen Räumlichkeiten der Archäologischen Staatssammlung einfügt: „Die Ausstellung ist wirklich toll“, sagte der Direktor und versprach den Gästen: „Sie werden fasziniert sein, wie man in unserem tollen neuen Ausstellungssaal diese Ausstellung einbetten konnte.“

Blume ist sehr stolz und glücklich
Auch Bayerns Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume, MdL, stellte die internationale Bedeutung der Ausstellung heraus. Dass die Schau nach Bayern gekommen sei und hier erstmals in Mitteleuropa gezeigt werde, mache ihn „sehr stolz und glücklich“. Besonders freue ihn, dass eine Ausstellung dieser Größenordnung in der renovierten Archäologischen Staatssammlung präsentiert werden könne.

Mit einem augenzwinkernden Satz brachte Blume seine Begeisterung auf den Punkt: „Ich hätte es auch nicht erwartet, dass ich mal hier als bayerischer Kunstminister stehen kann und sagen darf: Stonehenge wird bayerisch.“

Hinter diesem humorvollen Ausspruch steht jedoch ein ernsthafter wissenschaftlicher Gedanke. Stonehenge dürfe nicht ausschließlich als britisches Phänomen betrachtet werden. Neuere Forschungen zeigen vielmehr, wie weitreichend die Verbindungen der damaligen Gesellschaften waren. „Die Geschichte von Stonehenge ist eine sehr, sehr frühe europäische Geschichte“, betonte Blume. Unterschiedliche Kulturen hätten miteinander in Verbindung gestanden, es habe Austausch und weitreichende Kontakte gegeben.

Damit schlägt die Münchner Ausstellung bewusst eine Brücke nach Mitteleuropa und Bayern. Archäologische Funde aus dem Freistaat zeigen, dass auch hier vor Jahrtausenden Gesellschaften existierten, die zu bemerkenswerten kulturellen und technischen Leistungen fähig waren. Stonehenge wird dadurch nicht als isoliertes Monument auf einer fernen britischen Insel präsentiert, sondern in einen größeren europäischen Zusammenhang eingeordnet.

Blume griff dieses Zusammenspiel mit einem weiteren Wortspiel auf: „Zumindest mit dieser Ausstellung wird Stonehenge bayerisch.“ Umgekehrt zeige die Schau aber auch, „dass Bayern auch Stonehenge kann – jedenfalls ausstellungsmäßig“.

Für den Minister unterstreicht die Sonderausstellung zugleich die internationale Bedeutung der Archäologischen Staatssammlung. Sie sei ein attraktiver Partner für anspruchsvolle Ausstellungsprojekte und verfüge nach ihrer Wiedereröffnung über hervorragende Möglichkeiten zeitgemäßer Präsentation und Vermittlung. Blume zeigte sich überzeugt, dass Stonehenge das Potenzial zu einem „absoluten Publikumsrenner“ habe. Schließlich liege eine besondere Faszination in der Frage, wozu Menschen bereits vor rund 4.000 bis 5.000 Jahren in der Lage waren.

Dabei bleibt es nicht bei klassischen Vitrinen und archäologischen Exponaten. Videoinstallationen, digitale Vermittlungsformen und ein umfangreiches Begleitprogramm sollen unterschiedliche Zielgruppen erreichen. „Vom Anfänger bis zum Kenner“ sei etwas dabei, betonte Blume. Insbesondere Kinder und Familien sollen spielerisch Zugang zur Vorgeschichte erhalten – bis hin zur Möglichkeit, selbst einen Steinkreis nachzubauen.

Mit viel Humor stellte sich Blume bereits vor, wie Archäologen in ferner Zukunft über solche Hinterlassenschaften rätseln könnten. Vielleicht müsse man vorsichtshalber eine Plakette anbringen, damit spätere Generationen wissen, „dass es nur ein Mitmachprojekt der Archäologischen Staatssammlung war“.

Die Eröffnung machte damit deutlich, welchen Anspruch die Ausstellung verfolgt: Stonehenge soll nicht allein als ikonische Ansammlung monumentaler Steine präsentiert werden. Die Schau möchte eine längst vergangene Welt wieder sichtbar machen und zugleich zeigen, wie moderne Archäologie unser Bild dieser Welt immer wieder verändert. Vor allem aber rückt sie Stonehenge aus der vermeintlichen Isolation heraus und stellt das Monument in einen europäischen Zusammenhang. Oder, um es mit Markus Blume zu sagen: „Stonehenge wird bayerisch.“

Babbel präsentiert prägende Wörter des Jahres 2021

27. Dezember 2021

Als Journalist und Blogger bin ich auch eine Art Wortakrobat und setze Wörter gezielt ein, um Stimmung und Atmosphäre zu vermitteln. Und da stellt sich mir die Frage, welche Wörter das nun zurückliegende Jahr im In- und Ausland geprägt haben. Da kommt die Mitteilung der Sprachlernlattform Babbel genau zur richtigen Zeit. In meinem Newsletter habe ich ja über das Wort des Jahres geschrieben, nun gehen wir mal einen Schritt weiter.


Das Ende der Amtszeit von Angela Merkel, der ersten Frau im Amt der Bundeskanzlerin, und damit das Ende der 16-jährigen „Merkel-Ära“ war eines der großen Themen des Jahres in Deutschland. „Tschüss Mutti!“ – mit dieser oder ähnlichen Abschiedsformulierungen feierte man die Kanzlerin überall auf der Welt im Großen und im Kleinen: von der Frontpage-Berichterstattung in der US-Presse und der französischen Wertschätzung „Vive Mutti!“ (Es lebe Mutti!) auf internationalem Parkett bis zu Kabarettspektakeln und der Werbung einer bayerischen Molkerei im kleineren Kontext.

Mein Autogramm von „Mutti“.

Nach der Ära Merkel kommt nun die „Ampel“: Der altbewährte Signalgeber ist auch ein traditioneller politischer Jargon für die Koalitionsbildung dreier Parteien. Doch in diesem Jahr passt es bei der „Ampelkoalition“ erstmalig auch auf Bundesebene farblich. Der Farbentradition bei der Benennung von Regierungskoalitionen in der Umgangssprache blieb man somit auch dieses Mal treu. Und dies auch ohne die bisher im Sprachgebrauch etablierten Länderanalogien wie Jamaika-, Afrika-, Deutschland-Koalition und Co., durch die man dem sprachlichen Wirrwarr rund um alle möglichen Farbkombinationen zumindest in der Alltagssprache entkommt.


Auch in dieser Retrospektive kommen wir nicht ohne die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und Sprache aus. Laut Erhebungen bescherte uns die Krise eine Menge neuer Wörter, mal mehr, mal weniger sinnvolle. Doch eine Wortschöpfung war in Deutschland ganz bezeichnend für die gesellschaftliche Spaltung, die mit solch einer Krisensituation einhergeht – „Impfneid“: Aufgrund der weltweit hohen Nachfrage waren die Covid-19-Impfstoffe zu Beginn des Jahres knapp und jede Person mit einer Impfeinladung galt als Glückspilz. In den sozialen Netzwerken wurden Fotos von bepflasterten Oberarmen und Impfpässen zu einer Art Statussymbol. Nicht Wenige litten unter “Impfneid”. Daraus resultierte wiederum eine andere Wortschöpfung – die „Impfvordrängler“: die Menschen, die beispielsweise Daten fälschten, um die anfänglichen Impfpriorisierungen zu umgehen und den Pieks schneller zu erhalten.
Blicken wir ins Ausland und schauen wir, welche Wörter hier gerne herangenommen werden. Babble gibt Auskunft darüber.

Nachbar Österreich
In der zweiten Jahreshälfte 2021 erschütterte ein Durchsuchungsbefehl das politische Österreich: Die Staatsanwaltschaft ließ nach Korruptionsverdacht u. a. das Kanzleramt, das Finanzministerium und die Parteizentrale der Regierungspartei ÖVP durchsuchen. Ex-Kanzler Sebastian Kurz trat daraufhin zurück. Der politische Skandal, der in kürzester Zeit als die „Kurz-Affäre“ bekannt wurde, löste eine Welle neuer „alter“ Begriffe aus: zum Beispiel den des „Schattenkanzlers“ (das österreichische Wort des Jahres), der in inoffizieller Funktion die Strippen der Regierungsgeschäfte zieht oder der „Freunderlwirtschaft“, mit der die nepotistische Vorteilsbeschaffung im Land bezeichnet wird. Der Begriff „Schattenkanzler“ ist auf die „shadow cabinets“ (Schattenkabinette) im Vereinigten Königreich zurückzuführen, die dort seit Ende des 19. Jahrhunderts eine feste politische Größe sind. Nach jeder Wahl werden dort von der Opposition spiegelbildlich zur Regierung inoffizielle Regierungen gebildet, die im Falle eines Regierungswechsels das Amt übernehmen könnten.

Blick auf die Insel: Vereinigtes Königreich
Apropos Vereinigtes Königreich: Auch für die Briten war 2021 bisher durchaus turbulent. Das hing natürlich mit der Pandemie, vor allem aber auch mit dem Brexit zusammen, der am 1. Januar 2021 vollumfänglich in Kraft getreten ist. Die Auswirkungen dieser Entscheidung begleiten die Menschen nun tagtäglich. Am einschneidendsten bisher macht sich für die Briten aber wohl die noch immer andauernde „petrol crisis“ (Übersetzung: Benzinkrise) bemerkbar, die dazu geführt hat, dass Tausende Tankstellen im Vereinigten Königreich seit mehreren Wochen keinen Tropfen Benzin mehr verkaufen können. Als die Ausmaße der fehlenden Kraftstofflieferungen allmählich bekannt wurden, verfielen viele Autofahrer in „panic buying“ (Übersetzung: Panikkäufe) und versuchten noch einmal vollzutanken. Ursächlich für den fehlenden Kraftstoff ist vor allem der Mangel an Lkw-Fahrern, von denen viele aus anderen Ländern kommen und wegen des Brexit in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Die Folgen: nicht nur leere Zapfsäulen, sondern auch leere Regale in Supermärkten und Geschäften.

Wer elektrisch auf der Insel fährt, der hat gut lachen.

Über den großen Teich: Vereinigte Staaten
Nach der Abwahl von Donald Trump im Herbst 2020 hätte der Beginn von 2021 eine Rückkehr zu einem normaleren Politikbetrieb sein können. Doch Trumps Anhänger hatten etwas anderes im Sinn: Am 6. Januar kam es in Washington D.C. zu „Riots“ (Übersetzung: Aufständen), als ein gewalttätiger Mob das Kapitol stürmte, um die gemeinsame Sitzung des Kongresses zu stören, in der Joe Bidens Wahlsieg formell bestätigt werden sollte. Ordnungskräfte wurden angegriffen und das Gebäude verwüstet, wobei fünf Menschen ums Leben kamen – das Land stand unter Schock. Der Sturm auf das Kapitol führte zum zweiten Versuch eines „impeachment trial“ (Übersetzung: Amtsenthebungsverfahren) gegen Trump, von dem er später jedoch freigesprochen wurde. Die Bilder des wütenden, völlig enthemmten Mobs gingen um die Welt und versinnbildlichen rückblickend die Regierungszeit von Trump.

Nachbar Frankreich
Der Brexit brachte für Frankreich als Nachbarland des Vereinigten Königreichs ungeahnte Probleme mit sich, die im Verlauf von 2021 zum „Guerre de la pêche“ (Übersetzung: Fischereikrieg) führten. Für französische Fischereifahrzeuge ist es seit dem Brexit schwierig, Fanglizenzen für die britischen Gewässer des Ärmelkanals zu erhalten, was im Widerspruch zu den Post-Brexit-Abkommen steht. Im Sommer führte der Konflikt sogar zum Einsatz von Patrouillenschiffen der britischen und französischen Marine. Die Kontroverse wurde im November neu entfacht, als Frankreich Maßnahmen gegen London ankündigte, falls die Zahl der erteilten Lizenzen nicht ausreichen sollte.

Wem gehört der Fisch?

Eine Thematik, die Frankreich 2021 neuerdings ebenso beschäftigt, sind die Debatten rund um genderneutrale Sprache. Im November wagte das traditionsreiche französische Wörterbuch „Le Robert“ den Schritt zu mehr Inklusivität in der französischen Sprache und nahm das genderneutrale Personalpronomen für die dritte Person „iel“ (oder „ielle“) in seine Online-Ausgabe auf und sorgte hiermit für weitreichende Diskussionen auch außerhalb Frankreichs.

Und was macht Italien?
Ein Blick nach Italien zeigt ein positiveres Bild von 2021. Das Land, das 2020 schwer von der Corona-Pandemie gezeichnet war, erlebte 2021 eine „blaue Erlösung“, die die italienische Presse „riscossa azzurra“ betitelte. Italien konnte sich über eine Reihe von Erfolgen freuen, sowohl im Sport, als auch im Unterhaltungssektor: vom Triumph der italienischen Mannschaft bei der Fußball-EM 2021 über das erste Wimbledon-Finale der Geschichte mit italienischer Beteiligung bis hin zu beeindruckenden 40 Medaillen bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dazu kam Laura Pausinis Auszeichnung bei den Golden Globes für den besten Originalsong und der Sieg der Band Måneskin beim Eurovision Song Contest 2021 in Rotterdam. Warum all diese Erfolge „blau“ sind? Die italienische Fußballnationalmannschaft tritt bereits seit 1911 im sogenannten „Savoy-Blau“ an, das an die Farbe der Savoy-Dynastie angelehnt ist, die Italien von 1861 bis 1955 regierte und sehr positiv rezipiert wird.

Nachbar Polen
Im Januar trat in Polen ein verschärftes Abtreibungsrecht in Kraft, das in der Praxis einem totalen Verbot legaler Abtreibungen entspricht. „Aborcja“ (Übersetzung: Abtreibung) ist nur noch legal, wenn die Gesundheit der Schwangeren unmittelbar in Gefahr ist oder die Schwangerschaft das Ergebnis einer Straftat ist. Seit Bekanntwerden des neuen Gesetzes protestiert die Bewegung „Strajk Kobiet“ (Übersetzung: Frauenstreik), die vor allem aus Frauen und Oppositionellen besteht, immer wieder in großer Zahl gegen das Gesetz der konservativen Regierung.

Spanien
Spanien wurde im September diesen Jahres durch den Ausbruch des „volcán“ Cumbre Vieja auf der Kanarischen Insel La Palma, erschüttert. Zwei Monate später zeigt die vulkanische Aktivität keine Anzeichen eines Nachlassens. Die „colada“ (Übersetzung: Lavaströme) haben bereits Hunderte von Hektar Land verschüttet und Tausende von Gebäuden zerstört – eine gewaltige Naturkatastrophe. Zahlreiche Orte mussten bereits evakuiert werden. Besonders groß war die Sorge, ob und wann die Lava das Meer erreicht und was dann passieren wird. Inzwischen gilt die Krise als überwunden.

Brasilien
In Brasilien war die Pandemie 2021 und vor allem das katastrophale Handling der Regierung rund um Präsident Bolsonaro das bestimmende Thema. In der brasilianischen Presse und in den sozialen Medien hat das Wort „Genozid“ eine neue, polarisierende Bedeutung bekommen und wurde zum Inbegriff für den ignoranten Umgang der Regierung mit der Pandemie. Der Boykott der wichtigsten Präventionsmaßnahmen, wie Masken oder Social Distancing, sowie die Regierungskampagne, die zugunsten unwirksamer Medikamente angestoßen wurde, wurden im eigenen Land und weltweit scharf kritisiert. Im Zuge der Impfstoffverteilung kam es in Brasilien zu Beginn von 2021 zu einer neuen Art von kriminellem Verhalten: „fura fila“ (wortwörtlich „Warteschlangenbrecher“) – der Ausdruck beschreibt den Tausch von Geld gegen einen Platz auf der Impfpriorisierungsliste.

Brexit: Macht´s gut und danke für den Fisch

1. Februar 2020

„Mach’s gut und danke für den Fisch“ – so meine Abschiedsgrüße an die Briten, die seit heute nicht mehr in meinem Europa dabei sind. „Selbst schuld“, sage ich, aber auch schade, dass es soweit kommen musste. Wir dürfen Europa und die Politik nicht den Populisten überlassen. Der Brexit hat gezeigt, welche Macht Populismus hat und die Bevölkerung wird es ausbaden müssen.
Bei meinem jüngsten Besuch in London habe ich noch ein paar Eindrücke gesammelt. Ich seh den Jungen mit Bobby-Helm, der den Union Jack schwang. Ich sah den einsamen Koffer mit den britischen Farben auf dem Rolland von Heathrow, der seine Kreise drehte. Grinsen musste ich als ein Müllauto vor der Downing Street vorgefahren ist. Irgendwie symbolisch.

Ich mag Britannien – und ich mag vor allem Schottland. Da war es doch nett, dass zum Abschluss im EU-Parlament die Briten das schottische Abschiedslied Auld Lang Syne vom Zettel absangen. Eigentlich ist es ein Lied, um am Jahresende die Toten zu ehren. Schön auch, dass das Lied dem schottischen Dichter Robert Burns zugeschrieben wird – und wir erinnern uns: Schottland würde gerne Teil der EU bleiben.

Wenn ich meine Seminare für die bayerische Ministerialverwaltung gebe, spreche ich immer gerne über eine BBC-Serie Yes Minister und Yes Prime Minister. Es ist eine Serie über fiktives Ministerium und das Gerangel zwischen Verwaltung und Minister und endet immer mit den Spruch „Yes Minister“. In einer Folge erklärt Verwaltungschef Sir Humphrey was die EU, damals EWG, für Britannien bedeutet. Ich finde, damit ist der Grund für den Brexit wunderbar erklärt.

Wenn der Weg London – München über Hannover führt

7. Juni 2018

Wäre ich doch gleich mit der Bahn gefahren: Hinterher ist man immer schlauer. Ursprünglich wollte ich mit der Bahn unter dem Ärmelkanal hindurch nach London fahren, aber die Familie entschied aus Preisgründen zu fliegen. Das TUI-Reisebüro in Kissing organisierte uns eine super Reise und ich bin mit der Dienstleistung voll zufrieden. Klare Empfehlung an das TUI Reisecenter. 

Alles klappte prima: Hinflug mit British Airways, Hotel (mit WLAN), Touren und dann kam der Rückflug mit BA zurück nach München. Der Abflug ab London Heathrow verzögerte sich. Über Deutschland herrschte Gewitterstimmung. Es donnerte und schepperte in den Wolken. Unser BA-Pilot meinte, dass es am Flughafen München einen Rückstau von Flugzeugen aufgrund des Wetters gebe und wir daher eine Dreiviertelstunde Verspätung haben würden. Ursprünglicher Start war auf 20:30 Uhr terminiert. Nach einer Stunde des Wartens starteten wir, weil München wohl grünes Licht gegeben hatte. Der Flug verlief problemlos, ich verschlief die meiste Zeit. Über München wachte ich auf und stellte fest, dass wir um die bayerische Landeshauptstadt kreisten – Runde um Runde. Mittlerweile war es 0:30 Uhr geworden. Wir wollten eigentlich um 23:30 Uhr landen, doch wir verbrachten ja eine Stunde auf dem Rollfeld in London. München hatte grünes Licht gegeben und wahrscheinlich hat so ein Held vergessen, dass zwischen London und München eine Stunde Differenz besteht. Um 0:30 Uhr war der Flughafen München für uns geschlossen – wir in Bayern haben schließlich ein Nachtflugverbot. Zudem seien zahlreiche Flughäfen in Deutschland geschlossen. 

Unser aufmerksamer Pilot funkte mit der British Airways-Zentrale und es wurde nach einem Landeplatz für uns gesucht. Deutschland sei dicht, hieß es aus dem Cockpit. Sogar ein Rückflug nach Großbritannien wurde diskutiert, aber ein Flughafen in Deutschland würde uns noch eine Landeerlaubnis geben. Ich dachte an Stuttgart oder Nürnberg – es wurde allerdings Hannover. Zwischen München und Hannover ist es doch eine gewisse räumliche Distanz. 

Da sitzt man halt in Berlin herum.

Da sitzt man halt in Berlin herum.

Also ab nach Hannover und dort wurde problemlos gelandet. Aber natürlich war der Flughafen um diese Uhrzeit nicht voll besetzt. Eine Notmannschaft wurde zusammengetrommelt. Ein Bus wurde organisiert und Hotels galt es für Fluggäste abzutelefonieren. Mit den Hotels sah es schlecht aus, sehr schlecht. Und die Stimmung an Bord der Maschine wurde immer schlechter. Ein Familienvater machte Stimmung, schlechte Stimmung. Es ist Wahnsinn, was Druck aus Menschen macht. Der Mann wurde ausfällig und polterte durch das Flugzeug. Er werde jetzt aussteigen und schimpfe wutschnaubend durchs Flugzeug zum Ausgang. Den Mann sah man später im Flughafenbus wieder. Sein Aufregen hatte ihm nichts genutzt. Und es ist interessant wie unter Druck lauter Luftfahrtexperten an Bord sind, die wunderbare Lösungen in der Tasche haben. Hauptsache Luft wackelt und sich wichtig machen – Druck zeigt den wahren Charakter der Menschen. 

In Hannover steppt der Bär.

In Hannover steppt der Bär.

Naja gegen 1:30 Uhr entschied der Familienrat: Wir bleiben am Flughafen Hannover über Nacht und fahren mit einem der ersten ICE nach München. Noch im Flugzeug wurden die Zugtickets über die Bahn-App erstanden. Wir mussten am Flughafen nur noch ein paar Stunden Zeit totschlagen. In Hannover hatte ein Schnellimbisrestaurant und eine Bäckerei geöffnet und wir machten es uns als Familie auf Sitzplätzen im Abflugbereich bequem. Nur nicht einschlafen und den Zug verpassen. Als Papa unterhielt ich abwechselnd mit meiner Frau die Kinder, kaufte Pommes und Cola und streifte durch den Abflugbereich.

Nein, das Angebot ist zeitlich nicht interessant.

Nein, das Angebot ist zeitlich nicht interessant.

Mit der BA nach München fliegen wollten wir nicht. Die Crew braucht mindestens 12 Stunden Entspannung, also Rückflug nicht vor 14 Uhr. In Wahrheit kam um 10:49 Uhr eine SMS, dass der Flieger um 17:45 Uhr starten würde. Um 10:41 Uhr waren wir mit dem ICE in München. Außerdem musste meine Frau ab 19 Uhr in München unterrichten. 

Morgens um 5:36 Uhr die S-Bahn vom Flughafen zum Hauptbahnhof Hannover genommen und wir sind gleich kontrolliert worden. Die halbe Stunde bis zur Abfahrt des ICE 581 nach München war die schlimmste Zeit. K1/2 waren komplett übermüdet und schliefen fast im Stehen. Die Kinder taten mir leid und als der ICE aus Hamburg einfuhr, mussten wir Reisende von unseren reservierten Plätzen vertreiben. Dann sitzen, endlich sitzen und schlafen. Die Kinder schliefen sofort ein und ich schaute mir einen Film am iPad an. Viel mitbekommen habe ich allerdings nicht. Ab Aschaffenburg war nicht mehr an Schlaf zu denken. Eine Fußballmannschaft bestieg sturzbetrunken den Zug, soff Bier, grölte herum und spielte Musik. Bitten um Ruhe wurden nur kurzzeitig berücksichtig, also entschieden wir uns, die Fußballer um Bier zu bitten und mitzutrinken. Die Müdigkeit und der Alkohol sorgten nicht unbedingt dafür, dass ich fit wie ein Turnschuh war. Irgendwann waren wir dann zu Hause. Frau und Kinder gingen sofort ins Bett, ich duschte noch und fiel dann in den Schlaf. Wäre ich doch gleich mit dem Zug gefahren. 

Genervt im ICE nach München.

Genervt im ICE nach München.