Babbel präsentiert prägende Wörter des Jahres 2021

Als Journalist und Blogger bin ich auch eine Art Wortakrobat und setze Wörter gezielt ein, um Stimmung und Atmosphäre zu vermitteln. Und da stellt sich mir die Frage, welche Wörter das nun zurückliegende Jahr im In- und Ausland geprägt haben. Da kommt die Mitteilung der Sprachlernlattform Babbel genau zur richtigen Zeit. In meinem Newsletter habe ich ja über das Wort des Jahres geschrieben, nun gehen wir mal einen Schritt weiter.


Das Ende der Amtszeit von Angela Merkel, der ersten Frau im Amt der Bundeskanzlerin, und damit das Ende der 16-jährigen „Merkel-Ära“ war eines der großen Themen des Jahres in Deutschland. „Tschüss Mutti!“ – mit dieser oder ähnlichen Abschiedsformulierungen feierte man die Kanzlerin überall auf der Welt im Großen und im Kleinen: von der Frontpage-Berichterstattung in der US-Presse und der französischen Wertschätzung „Vive Mutti!“ (Es lebe Mutti!) auf internationalem Parkett bis zu Kabarettspektakeln und der Werbung einer bayerischen Molkerei im kleineren Kontext.

Mein Autogramm von „Mutti“.

Nach der Ära Merkel kommt nun die „Ampel“: Der altbewährte Signalgeber ist auch ein traditioneller politischer Jargon für die Koalitionsbildung dreier Parteien. Doch in diesem Jahr passt es bei der „Ampelkoalition“ erstmalig auch auf Bundesebene farblich. Der Farbentradition bei der Benennung von Regierungskoalitionen in der Umgangssprache blieb man somit auch dieses Mal treu. Und dies auch ohne die bisher im Sprachgebrauch etablierten Länderanalogien wie Jamaika-, Afrika-, Deutschland-Koalition und Co., durch die man dem sprachlichen Wirrwarr rund um alle möglichen Farbkombinationen zumindest in der Alltagssprache entkommt.


Auch in dieser Retrospektive kommen wir nicht ohne die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und Sprache aus. Laut Erhebungen bescherte uns die Krise eine Menge neuer Wörter, mal mehr, mal weniger sinnvolle. Doch eine Wortschöpfung war in Deutschland ganz bezeichnend für die gesellschaftliche Spaltung, die mit solch einer Krisensituation einhergeht – „Impfneid“: Aufgrund der weltweit hohen Nachfrage waren die Covid-19-Impfstoffe zu Beginn des Jahres knapp und jede Person mit einer Impfeinladung galt als Glückspilz. In den sozialen Netzwerken wurden Fotos von bepflasterten Oberarmen und Impfpässen zu einer Art Statussymbol. Nicht Wenige litten unter “Impfneid”. Daraus resultierte wiederum eine andere Wortschöpfung – die „Impfvordrängler“: die Menschen, die beispielsweise Daten fälschten, um die anfänglichen Impfpriorisierungen zu umgehen und den Pieks schneller zu erhalten.
Blicken wir ins Ausland und schauen wir, welche Wörter hier gerne herangenommen werden. Babble gibt Auskunft darüber.

Nachbar Österreich
In der zweiten Jahreshälfte 2021 erschütterte ein Durchsuchungsbefehl das politische Österreich: Die Staatsanwaltschaft ließ nach Korruptionsverdacht u. a. das Kanzleramt, das Finanzministerium und die Parteizentrale der Regierungspartei ÖVP durchsuchen. Ex-Kanzler Sebastian Kurz trat daraufhin zurück. Der politische Skandal, der in kürzester Zeit als die „Kurz-Affäre“ bekannt wurde, löste eine Welle neuer „alter“ Begriffe aus: zum Beispiel den des „Schattenkanzlers“ (das österreichische Wort des Jahres), der in inoffizieller Funktion die Strippen der Regierungsgeschäfte zieht oder der „Freunderlwirtschaft“, mit der die nepotistische Vorteilsbeschaffung im Land bezeichnet wird. Der Begriff „Schattenkanzler“ ist auf die „shadow cabinets“ (Schattenkabinette) im Vereinigten Königreich zurückzuführen, die dort seit Ende des 19. Jahrhunderts eine feste politische Größe sind. Nach jeder Wahl werden dort von der Opposition spiegelbildlich zur Regierung inoffizielle Regierungen gebildet, die im Falle eines Regierungswechsels das Amt übernehmen könnten.

Blick auf die Insel: Vereinigtes Königreich
Apropos Vereinigtes Königreich: Auch für die Briten war 2021 bisher durchaus turbulent. Das hing natürlich mit der Pandemie, vor allem aber auch mit dem Brexit zusammen, der am 1. Januar 2021 vollumfänglich in Kraft getreten ist. Die Auswirkungen dieser Entscheidung begleiten die Menschen nun tagtäglich. Am einschneidendsten bisher macht sich für die Briten aber wohl die noch immer andauernde „petrol crisis“ (Übersetzung: Benzinkrise) bemerkbar, die dazu geführt hat, dass Tausende Tankstellen im Vereinigten Königreich seit mehreren Wochen keinen Tropfen Benzin mehr verkaufen können. Als die Ausmaße der fehlenden Kraftstofflieferungen allmählich bekannt wurden, verfielen viele Autofahrer in „panic buying“ (Übersetzung: Panikkäufe) und versuchten noch einmal vollzutanken. Ursächlich für den fehlenden Kraftstoff ist vor allem der Mangel an Lkw-Fahrern, von denen viele aus anderen Ländern kommen und wegen des Brexit in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Die Folgen: nicht nur leere Zapfsäulen, sondern auch leere Regale in Supermärkten und Geschäften.

Wer elektrisch auf der Insel fährt, der hat gut lachen.

Über den großen Teich: Vereinigte Staaten
Nach der Abwahl von Donald Trump im Herbst 2020 hätte der Beginn von 2021 eine Rückkehr zu einem normaleren Politikbetrieb sein können. Doch Trumps Anhänger hatten etwas anderes im Sinn: Am 6. Januar kam es in Washington D.C. zu „Riots“ (Übersetzung: Aufständen), als ein gewalttätiger Mob das Kapitol stürmte, um die gemeinsame Sitzung des Kongresses zu stören, in der Joe Bidens Wahlsieg formell bestätigt werden sollte. Ordnungskräfte wurden angegriffen und das Gebäude verwüstet, wobei fünf Menschen ums Leben kamen – das Land stand unter Schock. Der Sturm auf das Kapitol führte zum zweiten Versuch eines „impeachment trial“ (Übersetzung: Amtsenthebungsverfahren) gegen Trump, von dem er später jedoch freigesprochen wurde. Die Bilder des wütenden, völlig enthemmten Mobs gingen um die Welt und versinnbildlichen rückblickend die Regierungszeit von Trump.

Nachbar Frankreich
Der Brexit brachte für Frankreich als Nachbarland des Vereinigten Königreichs ungeahnte Probleme mit sich, die im Verlauf von 2021 zum „Guerre de la pêche“ (Übersetzung: Fischereikrieg) führten. Für französische Fischereifahrzeuge ist es seit dem Brexit schwierig, Fanglizenzen für die britischen Gewässer des Ärmelkanals zu erhalten, was im Widerspruch zu den Post-Brexit-Abkommen steht. Im Sommer führte der Konflikt sogar zum Einsatz von Patrouillenschiffen der britischen und französischen Marine. Die Kontroverse wurde im November neu entfacht, als Frankreich Maßnahmen gegen London ankündigte, falls die Zahl der erteilten Lizenzen nicht ausreichen sollte.

Wem gehört der Fisch?

Eine Thematik, die Frankreich 2021 neuerdings ebenso beschäftigt, sind die Debatten rund um genderneutrale Sprache. Im November wagte das traditionsreiche französische Wörterbuch „Le Robert“ den Schritt zu mehr Inklusivität in der französischen Sprache und nahm das genderneutrale Personalpronomen für die dritte Person „iel“ (oder „ielle“) in seine Online-Ausgabe auf und sorgte hiermit für weitreichende Diskussionen auch außerhalb Frankreichs.

Und was macht Italien?
Ein Blick nach Italien zeigt ein positiveres Bild von 2021. Das Land, das 2020 schwer von der Corona-Pandemie gezeichnet war, erlebte 2021 eine „blaue Erlösung“, die die italienische Presse „riscossa azzurra“ betitelte. Italien konnte sich über eine Reihe von Erfolgen freuen, sowohl im Sport, als auch im Unterhaltungssektor: vom Triumph der italienischen Mannschaft bei der Fußball-EM 2021 über das erste Wimbledon-Finale der Geschichte mit italienischer Beteiligung bis hin zu beeindruckenden 40 Medaillen bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dazu kam Laura Pausinis Auszeichnung bei den Golden Globes für den besten Originalsong und der Sieg der Band Måneskin beim Eurovision Song Contest 2021 in Rotterdam. Warum all diese Erfolge „blau“ sind? Die italienische Fußballnationalmannschaft tritt bereits seit 1911 im sogenannten „Savoy-Blau“ an, das an die Farbe der Savoy-Dynastie angelehnt ist, die Italien von 1861 bis 1955 regierte und sehr positiv rezipiert wird.

Nachbar Polen
Im Januar trat in Polen ein verschärftes Abtreibungsrecht in Kraft, das in der Praxis einem totalen Verbot legaler Abtreibungen entspricht. „Aborcja“ (Übersetzung: Abtreibung) ist nur noch legal, wenn die Gesundheit der Schwangeren unmittelbar in Gefahr ist oder die Schwangerschaft das Ergebnis einer Straftat ist. Seit Bekanntwerden des neuen Gesetzes protestiert die Bewegung „Strajk Kobiet“ (Übersetzung: Frauenstreik), die vor allem aus Frauen und Oppositionellen besteht, immer wieder in großer Zahl gegen das Gesetz der konservativen Regierung.

Spanien
Spanien wurde im September diesen Jahres durch den Ausbruch des „volcán“ Cumbre Vieja auf der Kanarischen Insel La Palma, erschüttert. Zwei Monate später zeigt die vulkanische Aktivität keine Anzeichen eines Nachlassens. Die „colada“ (Übersetzung: Lavaströme) haben bereits Hunderte von Hektar Land verschüttet und Tausende von Gebäuden zerstört – eine gewaltige Naturkatastrophe. Zahlreiche Orte mussten bereits evakuiert werden. Besonders groß war die Sorge, ob und wann die Lava das Meer erreicht und was dann passieren wird. Inzwischen gilt die Krise als überwunden.

Brasilien
In Brasilien war die Pandemie 2021 und vor allem das katastrophale Handling der Regierung rund um Präsident Bolsonaro das bestimmende Thema. In der brasilianischen Presse und in den sozialen Medien hat das Wort „Genozid“ eine neue, polarisierende Bedeutung bekommen und wurde zum Inbegriff für den ignoranten Umgang der Regierung mit der Pandemie. Der Boykott der wichtigsten Präventionsmaßnahmen, wie Masken oder Social Distancing, sowie die Regierungskampagne, die zugunsten unwirksamer Medikamente angestoßen wurde, wurden im eigenen Land und weltweit scharf kritisiert. Im Zuge der Impfstoffverteilung kam es in Brasilien zu Beginn von 2021 zu einer neuen Art von kriminellem Verhalten: „fura fila“ (wortwörtlich „Warteschlangenbrecher“) – der Ausdruck beschreibt den Tausch von Geld gegen einen Platz auf der Impfpriorisierungsliste.

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