„Erdbeben“ gehört zu jener wunderbaren Ära des Katastrophenfilms, in der Hollywood keine halben Sachen machte. Wenn schon die Welt untergeht, dann bitte auf der großen Leinwand, mit einem gewaltigen Staraufgebot, spektakulären Miniaturen, berstendem Beton und einem Orchester, das den Untergang mit angemessenem Pathos begleitet. Mark Robsons Film aus dem Jahr 1974 ist ein geradezu exemplarisches Stück dieses Kinos – und zugleich ein faszinierendes Zeitdokument. Ich präsentiere diesen Klassiker bei meiner Matinee im Scala am Sonntag, 20. September im Scala Fürstenfeldbruck um 10:45 Uhr. Karten gibt es hier.

Im Mittelpunkt steht Los Angeles, das von einem verheerenden Erdbeben getroffen wird. Doch bevor Straßen aufreißen, Häuser einstürzen und Menschen um ihr Leben kämpfen, nimmt sich der Film erstaunlich viel Zeit für seine Figuren. Charlton Heston spielt den Bauingenieur Stewart Graff, dessen Ehe mit Remy, dargestellt von Ava Gardner, längst in einer schweren Krise steckt. Dazu kommen George Kennedy als Polizist, Lorne Greene, Geneviève Bujold, Richard Roundtree und weitere bekannte Gesichter. Wie bei den großen Katastrophenfilmen jener Zeit werden zunächst zahlreiche persönliche Geschichten aufgebaut, bevor das Unglück sie miteinander verbindet.

Gerade darin liegt heute ein Teil des Charmes. „Erdbeben“ stammt aus einer Zeit, als ein Katastrophenfilm noch nicht aus einer pausenlosen Folge digitaler Zerstörungsorgien bestand. Die Katastrophe musste vorbereitet werden. Das Publikum sollte die Menschen kennenlernen, deren Leben später buchstäblich aus den Fugen gerät. Manche Figurenzeichnung erscheint aus heutiger Sicht melodramatisch, gelegentlich sogar herrlich überzogen. Doch genau dieses Pathos gehört zum Genre.
Wenn schließlich das große Beben einsetzt, zeigt „Erdbeben“, weshalb der Film damals ein Ereignis war. Die Spezialeffekte verbinden aufwendige Modellbauten, Matte Paintings, reale Sets und Stuntarbeit zu eindrucksvollen Bildern der Zerstörung. Nicht alles hält heutigen Sehgewohnheiten stand, aber vieles besitzt eine physische Qualität, die modernen CGI-Bildern manchmal fehlt. Gebäude scheinen tatsächlich Gewicht zu haben, Trümmer tatsächlich zu fallen. Man spürt, dass hier Kulissen gebaut wurden, damit sie anschließend spektakulär zerstört werden konnten.

Legendär wurde zudem das für den Film entwickelte Sensurround-Verfahren. Besonders tiefe Bassfrequenzen sollten im Kinosaal nicht nur gehört, sondern körperlich gespürt werden. Sitze und Wände vibrierten, wenn das Erdbeben über Los Angeles hereinbrach. „Erdbeben“ wollte damit mehr sein als ein Film: Es sollte ein Kinoereignis werden, bei dem die Technik selbst Teil der Inszenierung war. Für das Publikum der siebziger Jahre muss diese akustische Attacke enorm gewesen sein.
Und dann ist da John Williams. Seine Musik entstand unmittelbar vor jener Phase, in der er mit „Der weiße Hai“, „Star Wars“ und „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ endgültig zu einem der bedeutendsten Filmkomponisten Hollywoods aufstieg. Schon in „Erdbeben“ versteht Williams es, menschliches Drama und großes Spektakel musikalisch miteinander zu verbinden.

Natürlich ist der Film ein Kind seiner Zeit. Rollenbilder, Dialoge und manche dramatische Zuspitzung wirken heute antiquiert. Charlton Heston ist wieder jener nahezu unerschütterliche Mann, den Hollywood besonders gern ins Zentrum existenzieller Krisen stellte. Und Ava Gardner war in Wirklichkeit nur wenige Jahre älter als Heston, obwohl ihre Figur teilweise deutlich älter inszeniert wird – eine jener Merkwürdigkeiten des damaligen Starsystems.
Doch gerade deshalb sollte man „Erdbeben“ nicht allein mit den Maßstäben heutiger Blockbuster betrachten. Der Film gehört zusammen mit Werken wie „Airport“, „Die Höllenfahrt der Poseidon“ und „Flammendes Inferno“ zu einer Epoche, in der der Katastrophenfilm zu einem der großen Publikumsmagneten Hollywoods wurde. Das Rezept war einfach und wirkungsvoll: Stars, private Konflikte, eine gewaltige Bedrohung und die Frage, wer am Ende überlebt.
Fünf Jahrzehnte später besitzt „Erdbeben“ vielleicht nicht mehr denselben Schrecken wie 1974. Dafür hat er etwas anderes gewonnen: nostalgischen Glanz. Es ist großes, manchmal pathetisches, manchmal unfreiwillig komisches, aber mit beeindruckendem handwerklichem Aufwand produziertes Hollywoodkino. Ein Film aus einer Zeit, in der man für die Illusion einer zusammenbrechenden Stadt tatsächlich Modelle baute, Kulissen zerlegte und das Kino zum Vibrieren brachte.

Und wenn heute beim Abspann die Erde längst wieder stillsteht, bleibt vor allem die Erinnerung daran, was ein Katastrophenfilm einmal sein konnte: ein Ereignis, für das die große Leinwand nicht nur die beste, sondern eigentlich die einzig richtige Bühne war.
Ich präsentiere diesen Klassiker bei meiner Matinee im Scala am Sonntag, 20. September im Scala Fürstenfeldbruck um 10:45 Uhr. Karten gibt es hier.
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