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Podcast Seitensprung Extra: Beichte & Bestechung – Wenn 15 Autorinnen gemeinsam morden und ein Kloster zum Tatort wird

19. Oktober 2026

Was passiert, wenn 15 Krimiautorinnen gemeinsam eine Geschichte entwickeln, fünf Jahre daran arbeiten und ihre unterschiedlichen literarischen Handschriften miteinander verbinden? Das Ergebnis trägt den vielversprechenden Titel „Beichte & Bestechung“ und ist eine ebenso ungewöhnliche wie unterhaltsame Sammlung miteinander verflochtener Klosterkrimis. Ich habe drei Autorinnen Hannelore Koch, Bhavya Heubisch und Thea Lehmannn zusammen mit Büchereileiterin Beate Seyschab in einem 360 Grad Interview zu unserem Seitensprung Extra-Podcast eingeladen. Hier das VR 360 Grad Interview

Das Buch selbst erschien am März 2025 im myshow Verlag, umfasst 296 Seiten und kostet 16 Euro. Herausgegeben wurde es von Thea Lehmann. Die Idee und Konzeption entstanden unter Mitwirkung von Claudia Westhagen und dem Verlag. Beteiligt waren Autorinnen aus dem Umfeld des Vereins Mörderische Schwestern, der sich für die von Frauen geschriebene Kriminalliteratur engagiert.

Bereits die Ausgangssituation verspricht eine gehörige Portion schwarzen Humors. In einem bayerischen Kloster herrscht Krisenstimmung. Der Nachwuchs bleibt aus, die finanziellen Mittel werden knapp, und die Zukunft der geistlichen Einrichtung steht auf dem Spiel. Doch Äbtissin Fabiola denkt nicht daran, ihr Kloster kampflos aufzugeben. Sie entwickelt eine ebenso fromme wie gewagte Geschäftsidee: Eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit krimineller Vergangenheit soll nicht nur der Resozialisierung dienen, sondern zugleich neues Leben in die alten Klostermauern bringen.

Allerdings entwickelt sich die gut gemeinte Initiative anders als erwartet. Statt reuiger Sünder erscheinen zwielichtige Gestalten, ehemalige Mafiosi, Betrüger und andere Persönlichkeiten, deren Verhältnis zu Recht und Gesetz ausgesprochen flexibel ist. Bald wird das Kloster zum Treffpunkt der Unterwelt. Zwischen Gebeten, Beichten und kriminellen Machenschaften entstehen absurde Situationen, überraschende Wendungen und mörderische Verwicklungen. Besonders verdächtig erscheint der ehemalige Mafioso Salvatore, der sich als Gärtner betätigt und dessen Rosen auf geradezu unheimliche Weise gedeihen. Was steckt hinter dieser außergewöhnlichen Blütenpracht?

Fünfzehn Autorinnen und eine gemeinsame literarische Welt
Die eigentliche Besonderheit von „Beichte & Bestechung“ liegt jedoch weniger in seiner Handlung als in seiner Entstehung. Fünfzehn Autorinnen haben über einen Zeitraum von rund fünf Jahren an einem gemeinsamen literarischen Projekt gearbeitet. Dabei entstand kein klassischer Roman, bei dem eine einzige Erzählerin die Handlung bestimmt, sondern ein Geflecht aus vierzehn Geschichten, die durch einen gemeinsamen Schauplatz, wiederkehrende Figuren und eine übergeordnete Rahmenhandlung verbunden sind.

Ein solches Projekt verlangt erheblich mehr Abstimmung als eine gewöhnliche Anthologie. Schließlich muss jede Autorin ihre eigene Geschichte entwickeln können, ohne die Logik der gemeinsamen Erzählwelt zu beschädigen. Figuren müssen wiedererkennbar bleiben, Ereignisse aufeinander abgestimmt werden und die unterschiedlichen Erzählstränge miteinander harmonieren. Gerade bei Kriminalgeschichten, deren Wirkung häufig auf präzise konstruierten Überraschungen beruht, ist dies eine besondere Herausforderung.

Die unterschiedlichen literarischen Stimmen sind zugleich eine Stärke des Buches. Wo eine Autorin auf Spannung setzt, bevorzugt eine andere möglicherweise groteske Situationen, psychologische Abgründe oder pointierte Dialoge. Dadurch entsteht Abwechslung, ohne dass die gemeinsame Grundidee verloren geht. Das Buch bewegt sich zwischen Kriminalkomödie, klassischer Kurzgeschichte und einer episodenhaft aufgebauten Romanhandlung.

Dass diese Konstruktion anspruchsvoll ist, bestätigt auch Herausgeberin Thea Lehmannn über die Arbeit an Gemeinschaftsprojekten. Sie beschreibt die Schwierigkeit, einzelne Autorinnen bei der Ausgestaltung einer übergeordneten Rahmenhandlung zu begrenzen, damit das Zusammenspiel der Geschichten funktioniert. Für „Beichte & Bestechung“ wurde deshalb besonderer Wert darauf gelegt, die Figuren über die einzelnen Erzählungen hinweg miteinander zu verbinden.

Zwischen schwarzem Humor und menschlichen Abgründen
Literarisch lebt „Beichte & Bestechung“ vom reizvollen Gegensatz zwischen dem vermeintlich heiligen Ort und den ausgesprochen unheiligen Absichten seiner Besucher. Ein Kloster steht traditionell für Besinnung, Vergebung und moralische Orientierung. Hier wird es zum Schauplatz von Täuschung, krimineller Energie und menschlichen Schwächen. Diese Umkehrung vertrauter Vorstellungen liefert reichlich Stoff für Situationskomik und satirische Zuspitzungen.

Interessant ist dabei die Frage nach Schuld und Sühne. Können Menschen mit krimineller Vergangenheit tatsächlich einen neuen Weg einschlagen? Ist Reue eine Frage des Glaubens oder der persönlichen Überzeugung? Und wie weit darf jemand gehen, um eine vermeintlich gute Sache zu retten? Hinter dem unterhaltsamen Kriminalgeschehen verbergen sich damit durchaus ernsthafte Fragen nach Moral, Verantwortung und menschlicher Veränderung.

Die Verbindung von Religion und Verbrechen hat in der Kriminalliteratur eine lange Tradition. Schon Umberto Ecos „Der Name der Rose“ nutzte das Kloster als abgeschlossene Welt, in der sich Macht, Geheimnisse und Mord begegnen. Allerdings verfolgt „Beichte & Bestechung“ einen wesentlich leichteren Ansatz. Statt philosophischer Schwere dominieren schwarzer Humor, skurrile Charaktere und die Lust an überraschenden Verwicklungen.

Die besondere Stärke des Konzepts liegt in der Vielfalt der Perspektiven. Jede Autorin bringt ihre eigene Vorstellung davon ein, was einen gelungenen Krimi ausmacht. Dadurch entsteht ein literarisches Mosaik, das seinen Reiz gerade aus den unterschiedlichen Erzählweisen bezieht.

Allerdings birgt diese Konstruktion auch Risiken. Nicht jede Geschichte kann dieselbe Spannung entwickeln, nicht jede Pointe wird bei allen Leserinnen und Lesern gleichermaßen funktionieren. Auch die wechselnden Schreibstile können den Lesefluss gelegentlich unterbrechen. Wer einen streng durchkomponierten Kriminalroman mit kontinuierlich steigender Spannung erwartet, dürfte deshalb mit einer anderen Erwartung an das Buch herangehen müssen.

Frauen schreiben Krimis – und bestimmen die Spielregeln
Auch der Hintergrund des Projekts verdient Aufmerksamkeit. Die beteiligten Schriftstellerinnen stehen teilweise dem Netzwerk der Mörderischen Schwestern nahe. Dieser Zusammenschluss engagiert sich für die Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen und unterstützt Autorinnen bei ihrer literarischen Arbeit.

„Beichte & Bestechung“ zeigt, welches kreative Potenzial in einer solchen Zusammenarbeit steckt. Statt ausschließlich auf die individuelle Leistung einer einzelnen Schriftstellerin zu setzen, steht hier die gemeinsame Entwicklung einer Geschichte im Mittelpunkt. Die Autorinnen müssen Ideen teilen, Kompromisse eingehen und sich auf die Figuren und Handlungsentwicklungen ihrer Kolleginnen einlassen.

Dass daraus nach fünf Jahren tatsächlich ein veröffentlichtes Buch entstanden ist, kann bereits als bemerkenswerte Gemeinschaftsleistung gelten. Denn kreatives Schreiben ist häufig ein einsamer Prozess. Hier wurde daraus ein langfristiges Gemeinschaftsprojekt, bei dem unterschiedliche Temperamente, Erfahrungen und literarische Vorlieben zusammenfinden mussten.

Autorenlesung in der Gemeindebücherei Maisach
Vor kurzem stellten Hannelore Koch, Bhavya Heubisch und Herausgeberin Thea Lehmann das Buch in der Gemeindebücherei Maisach vor. Die Veranstaltung bot die Gelegenheit, nicht nur ausgewählte Geschichten kennenzulernen, sondern auch mehr über die außergewöhnliche Entstehung des Werkes zu erfahren.

Im Anschluss waren die drei Autorinnen zu Gast in einer Extra-Ausgabe des Podcasts „Seitensprung“ der Gemeindebücherei Maisach. Büchereileiterin Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange sprachen mit ihnen über das gemeinsame Schreiben, die Herausforderungen eines Projekts mit 15 Beteiligten und die Frage, wie aus zahlreichen individuellen Ideen eine zusammenhängende literarische Welt entstehen kann.

Fazit: Ein Krimiprojekt, das aus der Reihe fällt

Podcast Seitensprung (8): Von der DVD zur Backform: Die Gemeindebücherei Maisach startet ihre „Bibliothek der Dinge“

7. Oktober 2026

Der Medienwandel macht auch vor der Gemeindebücherei Maisach nicht halt. In der neuen Folge des Podcasts „Seitensprung“ sprechen Büchereileiterin Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange über leere Regale, das Ende von DVDs und CDs, sinkende Ausleihzahlen – und vor allem über ein neues Angebot, mit dem die Bücherei im kommenden Jahr experimentieren will: die „Bibliothek der Dinge“.

Gleich zu Beginn fällt Lange auf, dass dort, wo früher DVDs standen, plötzlich gähnende Leere herrscht. Seine Frage „Wo sind die DVDs?“ beantwortet Seyschab überraschend direkt: „Ganz ehrlich, im Müll.“ Eine Aussage, die zunächst drastisch klingt, hinter der aber eine Entwicklung steht, die sich seit Jahren abzeichnet. Seit der Corona-Pandemie seien die Ausleihzahlen bei DVDs und CDs massiv eingebrochen. „Was vor Corona der Bringer an Zahlen war, genau diese zwei Gruppen ist mit Corona einfach in den Keller gegangen“, erklärt Seyschab. Hier der Podcast

Eine wesentliche Ursache sieht sie im veränderten Medienkonsum. Während der Pandemie hätten sich viele Haushalte Streamingdienste zugelegt. Filme, Serien und Musik stehen damit jederzeit digital zur Verfügung. Die klassische „Silberscheibe“, wie Lange CD und DVD zusammenfasst, verliert zunehmend an Bedeutung. Selbst ein Flohmarkt habe für die ausgesonderten Medien kaum noch Interessenten gefunden.

Für eine öffentliche Bücherei ist diese Entwicklung auch eine Frage des sinnvollen Umgangs mit Platz und Geld. Medien, die über Jahre nicht ausgeliehen werden, blockieren Regalfläche und verschlechtern zugleich die Ausleihstatistik. Dabei habe die Bücherei durchaus großzügige Maßstäbe angelegt. „Alles, was in den letzten fünf Jahren nicht ein einziges Mal aus dem Haus gegangen ist, kommt raus“, beschreibt Seyschab die Vorgehensweise. Auch bei Hörbüchern wurde der Bestand bereits deutlich reduziert.

Ganz verschwunden sind physische Medien allerdings noch nicht. Vor allem bei Kinder-CDs habe es zuletzt wieder einen kleinen Anstieg gegeben. Deshalb wurden sogar einige neue Titel angeschafft. Ob daraus ein dauerhafter Trend wird, bleibt abzuwarten. Eine grundsätzliche Renaissance von DVD und CD erwartet Seyschab jedoch nicht.

Auch bei gedruckten Zeitschriften steht ein Einschnitt bevor. Die wenigen noch vorhandenen Abonnements sollen voraussichtlich im kommenden Jahr weiter reduziert beziehungsweise eingestellt werden. Der Grund ist auch hier die Wirtschaftlichkeit. Wenn eine Zeitschrift im Jahr nur wenige Male ausgeliehen werde, gleichzeitig aber rund 100 Euro koste, müsse eine kommunale Bücherei abwägen. „Für den Hunderter, den ich mir da spare, kann ich Minimum drei Bücher kaufen“, rechnet Seyschab vor. Digitale Angebote und Plattformen hätten auch in diesem Bereich die Mediennutzung grundlegend verändert.

Doch die frei werdenden Regale sollen keineswegs leer bleiben. Die Gemeindebücherei plant mit der „Bibliothek der Dinge“ ein völlig neues Angebot. Dahinter steckt die Idee, nicht nur Bücher und andere klassische Medien auszuleihen, sondern auch Gegenstände, die im Alltag nur gelegentlich benötigt werden.

„Es gibt ja Sachen, die braucht man im Haushalt vielleicht einmal im Jahr“, erklärt Seyschab. Warum also einen Gegenstand kaufen, der anschließend jahrelang im Schrank liegt? Denkbar sind beispielsweise besondere Backformen, Stanzer zum Basteln, Spiele für den Garten oder später auch technische Geräte. Zum Start konzentriert sich die Bücherei zunächst auf Gegenstände ohne Stromkabel, weil Fragen rund um notwendige Elektroprüfungen noch geklärt werden müssen.

Ein erster Grundbestand ist bereits angeschafft. Dazu gehören unter anderem Großspiele für draußen, Leitergolf, Bastelutensilien und verschiedene Backformen. Organisatorisch werden die Gegenstände ähnlich behandelt wie Bücher: Sie erhalten eine Mediennummer, werden in das EDV-System aufgenommen und bei der Ausleihe regulär verbucht. Verpackungen beziehungsweise Kisten sollen dafür sorgen, dass Gegenstände und Zubehör vollständig zusammenbleiben.

Ganz neu ist das Konzept nicht. Andere Bibliotheken im Landkreis haben bereits Erfahrungen damit gesammelt. Besonders die Bücherei in Gröbenzell diente dem Maisacher Team als Orientierung. „Bei denen läuft es super“, berichtet Seyschab. Entsprechend gespannt ist man nun, wie das Angebot in Maisach angenommen wird.

Der Start ist für Anfang 2027 vorgesehen. Die neue Büchereisatzung schafft inzwischen die notwendige Grundlage, nun müssen die Gegenstände erfasst, Regale umgebaut und die Abläufe an der Ausleihtheke entwickelt werden. Bewusst will das Team nicht mit nur einigen wenigen Gegenständen starten. Die Besucherinnen und Besucher sollen von Beginn an eine gewisse Auswahl vorfinden.

Dabei versteht die Bücherei das Projekt zunächst als Experiment. Welche Gegenstände besonders gefragt sein werden, lässt sich kaum vorhersagen. Auch das Team muss Erfahrungen sammeln, denn eine Backform oder ein Gartenspiel zurückzunehmen und auf Vollständigkeit zu kontrollieren ist etwas anderes als die Rückgabe eines Buches. Seyschab rechnet deshalb mit einer „Einlaufzeit“ sowohl für die Nutzer als auch für die Mitarbeiterinnen.

Sollte sich das Konzept bewähren, könnten künftig auch Sachspenden interessant werden. Wer beispielsweise eine hochwertige Backform oder einen selten benötigten Haushaltsgegenstand besitzt, den er selbst kaum nutzt, könnte damit möglicherweise den Bestand ergänzen. Zunächst möchte die Bücherei jedoch Erfahrungen mit dem selbst angeschafften Grundsortiment sammeln.

Neben dem Medienwandel bleibt die Gemeindebücherei ein Veranstaltungsort. Im Oktober stehen gleich mehrere Termine auf dem Programm. Am 8. Oktober wird von 15 bis 16.30 Uhr für den Herbst gebastelt, am 13. Oktober folgt um 15 Uhr die englische Vorlesestunde. Am 14. Oktober um 20 Uhr steht mit „Beichte und Bestechung“ ein ungewöhnliches Krimiprojekt auf dem Programm. An dem Buch haben mehrere Autorinnen gemeinsam gearbeitet; drei von ihnen werden in Maisach zu Gast sein. Für Lange ist gerade die Frage spannend, wie ein Roman gemeinschaftlich entstehen kann. Deshalb ist zu der Veranstaltung auch eine Sonderfolge von „Seitensprung“ mit den Autorinnen angedacht.

Am 28. Oktober kommt Stefanie Schuster mit ihrem neuen Werk „Happy Bavaria – Abgemurkst“ nach Maisach. Einen Tag später, am 29. Oktober, findet von 15 bis 16 Uhr die nächste deutschsprachige Vorlesestunde statt.

Die neue „Seitensprung“-Folge zeigt damit exemplarisch, wie stark sich die Rolle öffentlicher Bibliotheken verändert. Wo früher Regalmeter mit CDs, DVDs und Zeitschriften selbstverständlich waren, entstehen heute neue Angebote. Die Bücherei wird zunehmend zu einem Ort, an dem nicht allein Medien, sondern Wissen, Gegenstände, Veranstaltungen und gemeinschaftliche Erfahrungen geteilt werden.

Matthias J. Lange bringt diesen Wandel im Gespräch auf einen einfachen Nenner: „Nur wenn die Gemeindebücherei was macht, wird sie auch wahrgenommen.“ Beate Seyschab und ihr Team setzen deshalb nicht darauf, verschwundenen Medienangeboten nachzutrauern, sondern wollen ausprobieren, was eine moderne Gemeindebücherei zusätzlich sein kann. Die „Bibliothek der Dinge“ ist dafür ein bemerkenswert konkreter Schritt: weg vom Besitz, hin zum gemeinsamen Nutzen.

Und trotz aller Veränderungen bleibt wenigstens eine mediale Konstante erhalten. Auf die Frage, ob es denn noch Asterix gebe, kann Seyschab beruhigen: „Wir haben Asterix, ja.“ Sogar einige Asterix-Filme haben das große Aussortieren überstanden.

Maisacher Gespräche zur Popkultur: Die dunkle Poesie der Filmmonster

23. September 2026

Filmungeheuer begleiten das Kino seit seinen Anfängen. Ob Golem, Nosferatu, Dracula, Frankensteins Kreatur, die Mumie oder moderne Kaiju wie Godzilla – hinter den Gestalten des Schreckens verbergen sich Projektionen unserer Ängste, Wünsche und gesellschaftlichen Konflikte. In meinem Maisacher Gesprächen zur Popkultur sprach ich in der Maisacher Gemeindebücherei über die dunkle Poesie der Filmmonster. Die nächsten Maisacher Gespräche zur Popkultur sind am Mittwoch, 30. September um 18 Uhr in der Gemeindebücherei. Es geht um Zwischen Zauberstab und Magie -Warum uns Harry Potter bis heute verzaubert.

In frühen Stummfilmen wie Paul Wegeners „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920) wurde ein jüdischer Mythos auf die Leinwand übertragen, in dem ein Wesen aus Lehm das Ghetto vor der Vertreibung schützt und damit eine Emanzipations‑Fantasie gegen jahrhundertelange Unterdrückung verkörpert . Murnaus „Nosferatu“ (1922) interpretierte Bram Stokers Roman ohne Genehmigung, doch die düstere Gestalt des Grafen Orlok prägte das Bild des Vampirs bis heute. Monster erwiesen sich damals schon als „schaurig‑schöner Gegenentwurf zum Menschen“; sie verkörpern Angst, können aber auch reizend oder komisch sein. Hier die Aufzeichnung meines Vortrags:

Die Faszination des Monströsen beruht auf einem doppelten Gefühl: Angst vor dem Zusammenbruch der eigenen Ordnung und zugleich Neugier auf das Andere. Monster brechen in die vernünftige Ordnung des Menschen ein und werden deshalb als Bedrohung empfunden; gleichzeitig reizt das Andere, weil es gegen den Zwang zur Vernunft rebelliert und menschliche Anteile ausdrückt. Klassische Figuren lassen sich anhand ihrer Abweichungen erkennen: Dracula kann an Wänden kriechen, erneuert sich durch Blut und bewohnt einen Sarg in einem marginalisierten Schloss; Frankenstein erschafft ein Wesen aus Leichenteilen, dessen Gestalt erschreckt und fasziniert, weil es trotz hässlicher Erscheinung sprechen kann und Leidensfähigkeit zeigt. King Kong, das erste eigens für den Film erfundene Monster, ist zu groß und zu stark für einen normalen Gorilla. In diesen körperlichen Abweichungen spiegelt sich die Angst vor dem Verstoß gegen natürliche Grenzen – zugleich aber auch eine Verlockung, die Norm zu verlassen.

Podcast Seitensprung (7): Wenn Bücher baden gehen – „Seitensprung“ über Schäden, Verantwortung und Neues aus der Bücherei

22. September 2026

Bücher, CDs und DVDs gehen durch viele Hände. Sie werden gelesen, gehört, angeschaut, mit nach Hause genommen und anschließend wieder in die Gemeindebücherei Maisach zurückgebracht. Meist funktioniert das problemlos. Doch manchmal kommt ein Buch mit Wasserschaden zurück, eine CD ist zerkratzt oder in einem Bilderbuch wurde mit Buntstiften gemalt. Genau darum geht es in der neuen Folge des Podcasts „Seitensprung“ der Gemeindebücherei Maisach. Büchereileiterin Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange sprechen über beschädigte Medien, Verantwortung, die neue Büchereisatzung – und natürlich über die nächsten Veranstaltungen.

„Wir sind relativ streng“, erklärt Beate Seyschab mit Blick auf beschädigte Medien. Das habe einen einfachen Grund: „Wir möchten unseren Bestand möglichst lange gut erhalten. Das sind Steuergelder, die wir dafür verwenden.“ Gerade angesichts knapper werdender öffentlicher Mittel könne eine Bücherei beschädigte Bücher oder andere Medien nicht einfach unbegrenzt ersetzen. Und hier der Podcast:

Dabei geht es keineswegs nur um spektakuläre Schäden. Manchmal sind es umgeknickte Ecken, Kaffeeflecken, Sand zwischen den Seiten oder kleine Kritzeleien. Bei Bilderbüchern fehlen gelegentlich sogar Seiten. Bei CDs und DVDs ist die Kontrolle schwieriger, weil das Team natürlich nicht jedes zurückgegebene Medium komplett abspielen kann. Deshalb ist die Bücherei auch auf die Mithilfe ihrer Nutzerinnen und Nutzer angewiesen.

Entscheidend ist für Seyschab vor allem ein offener Umgang mit Missgeschicken. Denn natürlich kann immer etwas passieren. Ein Buch fällt herunter, ein Getränk wird verschüttet oder ein Kind entdeckt eine Buchseite als Zeichenfläche. Problematisch wird es erst, wenn ein offensichtlicher Schaden abgestritten oder verschwiegen wird.

„Wir sind alle nur Menschen und es passiert etwas“, sagt Seyschab. „Es gehört auch dazu, dass man Fehler macht. Aber es gehört auch dazu, dass man zu seinen Fehlern steht.“

Eine ihrer Lieblingsgeschichten aus dem Büchereialltag handelt von einem Bilderbuch, das mit einem roten Buntstift ausgiebig bemalt worden war. Auf den Schaden angesprochen, habe die betreffende Nutzerin „Stein und Bein geschworen“, dass es in ihrem Haushalt überhaupt keine roten Buntstifte gebe. Geschichten wie diese gehören offenbar zum Alltag einer Bücherei – ebenso wie ein Reiseführer, der bei der Rückgabe noch deutlich von einem unfreiwilligen Kontakt mit Wasser gezeichnet war.

Nicht erwischt bedeutet nicht nicht bemerkt
Dass bei der Rückgabe zunächst niemand etwas sagt, bedeutet übrigens nicht, dass ein Schaden unentdeckt bleibt. Bei der Menge der täglich zurückgegebenen Medien kann das Team nicht jedes Buch sofort Seite für Seite untersuchen. Manche Schäden fallen deshalb erst bei einer späteren Prüfung auf.

„Wir rufen dann an“, erklärt Seyschab. Bei regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern werde das Problem auch beim nächsten persönlichen Kontakt angesprochen. Dabei gehe es keineswegs darum, aus einem beschädigten Buch ein Drama zu machen. Viele Betroffene reagierten vernünftig und erklärten schlicht: „Geben Sie mir die ISBN-Nummer, ich kauf’s.“

Bei erheblichen Schäden ist das Prinzip einfach: Das Medium wird ersetzt. Ein durch Wasser stark beschädigtes Buch beispielsweise scheidet in der Regel aus dem Bestand aus. Wasser hinterlässt nicht nur unschöne Flecken. Es kann auch die Bindung und den Klebstoff beschädigen, sodass sich später einzelne Seiten lösen.

Wird ein Buch ersetzt, erhält die betreffende Person das beschädigte Exemplar. „Wir tauschen quasi aus, wir bereichern uns nicht“, betont Seyschab. Bei älteren Medien wird dagegen individuell entschieden. Ein Buch, das bereits zahlreiche Ausleihen hinter sich hat, wird anders bewertet als ein fast neues Exemplar.

Besondere Schwierigkeiten entstehen, wenn ein beschädigtes Buch gar nicht mehr lieferbar ist. Gerade bei regionalgeschichtlichen Veröffentlichungen kann das zum Problem werden. Lange verweist auf Bücher zur Geschichte Maisachs und des Landkreises: Solche Titel mögen keinen hohen materiellen Marktwert besitzen, können aber nicht ohne Weiteres nachgekauft werden. Geht ein solches Buch dauerhaft verloren, „dann fehlt Kultur in der Gemeinde“, bringt Lange die Bedeutung dieser Bestände auf den Punkt.

Eine neue Satzung für die Bücherei
Neben dem Umgang mit beschädigten Medien gibt es in der neuen „Seitensprung“-Folge ein zweites Verwaltungsthema: Die Gemeindebücherei bekommt eine aktualisierte Satzung.

Spektakuläre Veränderungen müssen die Nutzer allerdings nicht befürchten. Vielmehr wurden Regelungen angepasst, die im Laufe der Jahre schlicht überholt waren. So gab es in den früheren Räumen beispielsweise einen Taschenschrank, in dem Besucher ihre Taschen einschließen sollten. Dieser verschwand mit dem Umzug. Auch ein früher vorhandener öffentlicher Internetarbeitsplatz existiert heute nicht mehr.

Zugleich haben sich Angebot und Medienbestand der Bücherei verändert. Neue Medienformen kamen hinzu, andere verloren an Bedeutung. Auch die Regelungen zur Ersatzbeschaffung beschädigter Medien wurden ausführlicher gefasst.

Eine kleine Überraschung kündigt Seyschab ebenfalls an: Ein neues Medium soll künftig Einzug in die Gemeindebücherei halten. Welches das sein wird, möchte die Büchereileiterin allerdings noch nicht verraten. Langes scherzhafter Vorschlag, künftig endlich Super-8-Filme auszuleihen, dürfte es eher nicht sein.

Eine konkrete Änderung betrifft dagegen die Versäumnisgebühren. Sie steigen von bisher zehn auf künftig 20 Cent pro Tag und Medium. Seyschab verweist darauf, dass die Gemeindebücherei damit weiterhin vergleichsweise moderat bleibe. Andere Bibliotheken verlangten teilweise zusätzliche Gebühren etwa für Vorbestellungen oder bestimmte Neuerscheinungen. Solche Leistungen bleiben in Maisach kostenfrei.

„Ich bin seit 15 Jahren hier und da sind immer diese zehn Cent gewesen“, sagt Seyschab. Nach dieser langen Zeit sei eine Anpassung vertretbar.

Vorlesen, Harry Potter, Basteln und Krimis
Neben Satzungen, Gebühren und beschädigten Büchern soll natürlich das eigentliche Leben in der Bücherei nicht zu kurz kommen. Und deshalb gibt es wieder zahlreiche Veranstaltungen.

Am 24. September steht von 15 bis 16 Uhr die nächste Vorlesestunde für Kinder ab vier Jahren auf dem Programm. Am 30. September folgen die „Maisacher Gespräche zur Popkultur“. Dieses Mal dreht sich unter dem Motto „Zwischen Zauberstab und Magie – Warum uns Harry Potter bis heute verzaubert“ alles um das weltweite Phänomen rund um Hogwarts, Harry, Hermine und Ron.

Auch der Oktober startet mit einem abwechslungsreichen Programm. Am 8. Oktober wird von 15 bis 16.30 Uhr Herbstdekoration gebastelt. Eingeladen sind Kinder ab sechs Jahren, die Schere, Stift und Kleber mitbringen sollen. Am 13. Oktober folgt von 15 bis 15.30 Uhr die englische Vorlesestunde.

Kriminell wird es schließlich am 14. Oktober um 20 Uhr. Bei der Krimilesung „Beichte und Bestechung“ wird ein Gemeinschaftswerk mehrerer Autorinnen vorgestellt. Voraussichtlich werden mehrere der beteiligten Schriftstellerinnen in der Gemeindebücherei zu Gast sein. Der Eintritt ist frei.

Gerade die Entstehung eines gemeinsam geschriebenen Romans macht Matthias J. Lange neugierig. Als Autor kenne er das Schreiben vor allem als eher einsame Tätigkeit. Bei Fachbüchern lasse sich die Arbeit noch relativ einfach auf einzelne Kapitel verteilen. Bei einem Krimi stelle sich dagegen die spannende Frage, wie unterschiedliche Schreibstile zu einer gemeinsamen Erzählung zusammenfinden.

Auch Seyschab freut sich auf den Abend. Zu den beteiligten Autorinnen gehört Thea Lehmann, die bereits mehrfach in Maisach zu Gast war. „Ich bin wirklich sehr gespannt“, sagt die Büchereileiterin.

So führt die neue „Seitensprung“-Folge einmal mehr mitten hinein in den Alltag der Gemeindebücherei Maisach. Und dieser Alltag besteht eben nicht nur daraus, Bücher ins Regal zu stellen und wieder herauszugeben. Eine Bücherei verwaltet öffentlich finanziertes Kulturgut, bewahrt regionale Literatur, organisiert Veranstaltungen und schafft einen Ort der Begegnung.

Und die vielleicht wichtigste Botschaft dieser Folge ist erstaunlich einfach: Wenn einem ein ausgeliehenes Buch tatsächlich einmal in die Badewanne fällt, ist das ärgerlich – aber kein Weltuntergang. Nur sollte man anschließend so ehrlich sein und es der Bücherei sagen.

Ferienprogramm Maisach: Neun Kinder, vier Stunden und ganz großes Kino: Wenn Fantasie lebendig wird

23. August 2026

Manchmal braucht es gar keine große Filmcrew, kein riesiges Studio und kein Millionenbudget, um eine wunderbare Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Manchmal reichen neun Kinder, jede Menge Fantasie, ein paar Playmobil-Figuren und vier Stunden Zeit.

Im Rahmen des Ferienprogramms der Gemeinde Maisach durfte ich in der Gemeindebücherei Maisach einen Stop-Motion-Workshop durchführen. Neun Kinder stellten sich dabei einer durchaus anspruchsvollen Aufgabe: Innerhalb von nur vier Stunden sollte ein kompletter Film entstehen – von der ersten Idee bis zum fertigen Werk mit Ton und Stimmen. Hier der fertige Film:

Und die Kinder legten los. Gemeinsam entwickelten sie die Geschichte und arbeiteten ein Drehbuch aus. Im Mittelpunkt stand ein Weihnachtsmann, der sich auf eine ziemlich ungewöhnliche Reise begibt. Sein Ziel ist Australien, wo eine große Weihnachtsmann-Versammlung stattfinden soll. Doch wie es sich für einen richtigen Film gehört, verläuft die Reise natürlich nicht ohne Schwierigkeiten. Plötzlich taucht ein T-Rex auf und greift den Weihnachtsmann an. Das Abenteuer nimmt seinen Lauf. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden – nur so viel: Natürlich gibt es ein Happy End.

Doch die Geschichte war eigentlich nur ein Teil dieses Vormittags. Viel spannender war für mich zu beobachten, wie aus neun Kindern nach und nach ein kleines Filmteam wurde.

Denn einen Stop-Motion-Film kann man nur gemeinsam produzieren. Die Playmobil-Figuren mussten für jedes einzelne Bild ein kleines Stück bewegt werden. Jemand musste auf die Kamera achten, andere kümmerten sich um die Figuren. Wieder andere malten und gestalteten die Kulissen. Szenen mussten geplant, Ideen diskutiert und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Anschließend brauchte der Film Stimmen und Geräusche. Die Kinder synchronisierten ihre Figuren und erweckten damit ihre zuvor Bild für Bild geschaffene Welt endgültig zum Leben.

Dabei lernten sie ganz nebenbei etwas, das weit über das Filmemachen hinausgeht: Ein guter Film entsteht durch Teamwork.

Nicht jede Idee kann umgesetzt werden. Man muss anderen zuhören, Kompromisse finden, Aufgaben verteilen und Verantwortung übernehmen. Wer gerade die Kamera bedient, muss sich darauf verlassen können, dass die Figur richtig positioniert wurde. Wer eine Kulisse malt, trägt genauso zum Ergebnis bei wie das Kind, das später einer Figur seine Stimme leiht. Jeder einzelne Arbeitsschritt ist wichtig – und am Ende gehört der Film allen.

Gerade darin liegt für mich der große pädagogische Wert eines solchen Medienprojekts. Die Kinder konsumieren Medien nicht einfach, sondern erleben, wie Medien entstehen. Sie erfahren, wie viel Planung, Geduld und Arbeit hinter wenigen Sekunden Film steckt. Gleichzeitig trainieren sie Kreativität, Konzentration und Ausdauer. Sie lernen, Probleme gemeinsam zu lösen und mit Rückschlägen umzugehen. Wenn eine Bewegung nicht funktioniert oder eine Szene anders aussieht als geplant, wird nicht einfach aufgegeben. Dann wird überlegt, verändert und noch einmal ausprobiert.

Stop Motion ist dafür geradezu ideal. Denn diese Filmtechnik verlangt Geduld. Eine Playmobil-Figur läuft nicht einfach über das Filmset. Sie wird bewegt, fotografiert, wieder ein kleines Stück bewegt und erneut fotografiert. Erst wenn die vielen einzelnen Aufnahmen schnell hintereinander abgespielt werden, entsteht die Illusion einer Bewegung. Aus vielen winzigen Arbeitsschritten wird plötzlich Leben.

Und genau das war der schönste Moment dieses Workshops: wenn die Kinder zum ersten Mal sahen, dass sich ihre Figuren tatsächlich bewegten. Aus einer Idee war eine Geschichte geworden, aus einzelnen Fotos ein Film und aus neun Kindern eine kleine Filmcrew.

Nach vier intensiven Stunden war es tatsächlich geschafft: Drehbuch geschrieben, Kulissen gestaltet, Playmobil-Figuren bewegt, Szenen aufgenommen, Film geschnitten und die Geschichte synchronisiert. Ein kompletter Stop-Motion-Film war entstanden.

Natürlich ging es um einen Weihnachtsmann auf dem Weg nach Australien. Natürlich ging es um einen gefährlichen T-Rex. Und natürlich ging es um ein Happy End.

Aber eigentlich ging es um noch viel mehr: um Fantasie, gemeinsames Arbeiten, Zuhören, Verantwortung, Geduld und die Erfahrung, dass etwas Großes entstehen kann, wenn viele unterschiedliche Ideen und Fähigkeiten zusammenkommen.

Und vielleicht ist genau das das schönste Happy End dieses Films.

Podcast: Seitensprung – Mehr als Bücher ausleihen: Ein Blick hinter die Kulissen der Gemeindebücherei Maisach

10. August 2026

Wer glaubt, in der Bücherei werde außerhalb der Öffnungszeiten vor allem gelesen und Kaffee getrunken, wird in der neuen Folge des Podcasts „Seitensprung“ eines Besseren belehrt. Büchereileiterin Beate Seyschab und Journalist Matthias J. Lange nehmen die Hörerinnen und Hörer mit hinter die Kulissen – und zeigen, wie viel Herzblut, Organisation und Kreativität in der Gemeindebücherei Maisach stecken.

„Den ganzen Tag Bücher lesen und Kaffee trinken? Nein, ist es leider nicht“, sagt Beate Seyschab lachend gleich zu Beginn der Podcast-Folge. Tatsächlich beginnt die Arbeit oft erst dann richtig, wenn die Türen der Bücherei geschlossen sind. Dann werden Veranstaltungen geplant, neue Medien eingearbeitet, Schulklassen betreut, Lesungen organisiert oder Termine mit Autorinnen und Autoren abgestimmt. Und hier ist der Podcast:

Wie vielseitig der Alltag einer modernen Bücherei ist, wird im Gespräch schnell deutlich. Seyschab besucht regelmäßig Kindergärten, Schulen und Senioreneinrichtungen, um vorzulesen. „Wir sind im Altersheim, im Naturkindergarten, bei den Zwergen in Maisach – da geht schon mal ein ganzer Vormittag drauf“, erzählt sie. Dazu kommen Leseförderung, Ferienprogramme und zahlreiche Veranstaltungen für Jung und Alt.

Dass hinter jeder Lesung weit mehr steckt als ein paar aufgestellte Stühle, schildert sie am Beispiel der ersten Sommerlesung im Rathausgarten. Bierbänke organisieren, Technik aufbauen, Getränke besorgen, den Bauhof koordinieren – vieles geschieht im Hintergrund. Der Aufwand hat sich gelohnt: „22 Gäste waren da, alle haben sich amüsiert. Das war völlig anders als eine klassische Lesung – und wir hatten richtig Spaß.“

Auch die Arbeit mit Schulklassen gehört inzwischen zum festen Programm. Mehrere Klassen besuchen die Bücherei im Vier-Wochen-Rhythmus. „Es ist wie Flohzirkus – es macht Spaß, aber es ist auch anstrengend“, beschreibt Seyschab die lebhaften Vormittage. Gerade dienstags, dem ausleihstärksten Tag der Woche, ist organisatorisches Geschick gefragt.

Ein weiteres Thema ist der sorgsame Umgang mit den Büchern. Für Seyschab geht es dabei nicht nur um beschädigte Medien, sondern auch um den verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Geldern. „Das Geld, das mir anvertraut worden ist, möchte ich bestmöglich verwalten“, betont sie. Gleichzeitig freut sie sich, wenn ein Bilderbuch nach mehr als hundert Ausleihen sichtbare Gebrauchsspuren trägt. „Dann hat es gelebt.“

Gemeinsam sprechen Seyschab und Lange außerdem über die Herausforderungen moderner Öffentlichkeitsarbeit. Weil klassische Anschlagtafeln zunehmend verschwinden, müssen neue Wege gefunden werden, um Veranstaltungen bekannt zu machen. Website, soziale Medien und digitale Kanäle gewinnen an Bedeutung – auch wenn nicht alle Nutzerinnen und Nutzer dort unterwegs sind.

Natürlich dürfen zum Schluss die Veranstaltungstipps nicht fehlen. Im Ferienprogramm wartet ein Stop-Motion-Workshop für Kinder, nach der Sommerpause folgen wieder Vorlesestunden und Ende September die nächste Ausgabe der „Maisacher Gespräche zur Popkultur“. Diesmal dreht sich alles um Harry Potter, Merlin und die Faszination von Magie in Literatur und Film.

Die neue Folge von „Seitensprung – der Podcast der Gemeindebücherei Maisach“ zeigt eindrucksvoll, dass eine Bücherei heute weit mehr ist als ein Ort zum Ausleihen von Büchern. Sie ist Treffpunkt, Kulturzentrum, Lernort und Begegnungsstätte – getragen von Menschen, die mit großem Engagement dafür sorgen, dass Geschichten lebendig werden.

Podcast Seitensprung: Sommer in der Bücherei: Tauschen, Lesen und Filme drehen

6. Juli 2026

Die Gemeindebücherei Maisach startet mit viel Programm in den Sommer. In der fünften Folge des Podcasts „Seitensprung“ spricht Büchereileiterin Beate Seyschab mit Matthias J. Lange über eine neue Sommersachentauschbörse, Lesungen im Juli, Kinderangebote in den Ferien und die Öffnungszeiten während der Sommerpause.

Im Mittelpunkt steht zunächst eine neue Aktion im Eingangsbereich der Bücherei: die Sommersachentauschbörse. Nach erfolgreichen Tauschbörsen zu Weihnachten und Ostern probiert das Büchereiteam nun erstmals eine Sommerausgabe aus. Gesucht und angeboten werden Dinge, die in vielen Kellern, Garagen oder Speichern liegen und oft nur selten genutzt werden: Frisbee-Scheiben, Fußbälle, Wasserbälle, Luftmatratzen, Schwimmflügel, Schwimmflossen, Badelatschen, Kühltaschen, Seifenblasen oder Wasserspielzeug. „Alles, was man für den Sommer braucht“, sagt Beate Seyschab.

Die Idee dahinter ist einfach: Was zu Hause nicht mehr gebraucht wird, kann anderen noch Freude machen. „Wir wollen halt einfach diese Nachhaltigkeit ein bisschen predigen und auch pflegen“, erklärt Seyschab. Die Bücherei versteht die Tauschbörse deshalb nicht als Flohmarkt, sondern als unkomplizierten Beitrag zu Umweltschutz und Gemeinschaft. Wer etwas bringt, hilft mit, dass Dinge nicht weggeworfen werden. Wer etwas mitnimmt, schenkt ihnen ein zweites Leben.

Die Aktion läuft noch bis zum Beginn der Sommerferien. Die Annahme ist bis zum 24. Juli möglich, danach bleibt die Tauschbörse noch etwa eine Woche bestehen. Abgegeben werden können die Sachen während der Öffnungszeiten an der Theke. Dort wirft das Büchereiteam einen kurzen Blick darauf, ob alles in Ordnung ist. „Es wäre schön, wenn man was bringt, weil wenn man nichts bringt, ist halt irgendwann nichts mehr da“, sagt Seyschab. Verpflichtend ist eine Spende allerdings nicht.

Dass solche Aktionen funktionieren können, hat die Gemeindebücherei bereits bewiesen. Besonders die Weihnachtstauschbörse sei sehr erfolgreich gewesen. Übrig gebliebene Dekoration wurde teilweise an Altersheime und Kindergärten weitergegeben. Für Seyschab ist genau das ein wichtiger Punkt: „Also es bleibt ja dann auch noch im Ort. Das finde ich total schön.“ Die Bücherei wird so zu einem Ort, an dem nicht nur Medien ausgeliehen werden, sondern auch Nachbarschaft praktisch gelebt wird.

Neben der Tauschbörse bietet die Bücherei im Juli mehrere Veranstaltungen an. Am 8. Juli ist Autorin Stephanie Schürmann zu Gast. Sie stellt den zweiten Band ihrer Reihe „Das Amulett der Sekhmet“ vor, einen mystisch angehauchten Roman über das alte Ägypten. Beginn ist wie gewohnt um 20 Uhr in der Bücherei.

Am 14. Juli folgt eine Englisch-Vorlesestunde für Kinder ab sechs Jahren. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Die Veranstaltung soll spielerisch an die englische Sprache heranführen. „Das ist einfach so spielerisch eine halbe Stunde mal reinhören“, beschreibt Seyschab das Format.

Ein besonderer Abend ist für den 29. Juli geplant. Dann kommt Christian Pantle nach Maisach. Er ist Herausgeber des Bandes „Gefährliche Liebschaften“, in dem es um bekannte Persönlichkeiten in schwierigen Beziehungen geht. Bei gutem Wetter soll die Lesung draußen im Garten neben dem Rathaus stattfinden – mit Bierbänken und sommerlicher Atmosphäre. „Wir haben ja einen tollen Rathausgarten. Der ist schön und den sollten wir auch ausnutzen“, sagt Seyschab. Als Getränk ist Aperol Spritz im Gespräch.

Auch für Kinder bleibt die Bücherei aktiv. Am 30. Juli gibt es eine Bilderbuch-Vorlesestunde für Kinder ab vier Jahren. Im August beteiligt sich die Gemeindebücherei außerdem am Ferienprogramm der Gemeinde. Am 12. August ist unter dem Titel „Lesen und Mehr“ ein sommerliches Lese-Picknick geplant. Dabei sollen Kinder nicht nur zuhören, sondern auch selbst aktiv werden. „Nicht nur konsumieren, sondern auch kreativ“, beschreibt Seyschab den Ansatz.

Am 19. August folgt ein Stop-Motion-Workshop mit Matthias J. Lange. Kinder entwickeln dabei mit Playmobil-Figuren eine eigene kleine Filmgeschichte. Sie überlegen sich ein Drehbuch, gestalten ein Set und setzen die Figuren Bild für Bild in Bewegung. Am Ende soll der fertige Film präsentiert werden. Weitere Informationen zu Alter, Kosten, Uhrzeit und Anmeldung gibt es ab dem 6. Juli im Ferienprogramm der Gemeinde.

Seyschab hofft, dass die Angebote gut angenommen werden. Seit der Corona-Zeit sei die Beteiligung an Ferienaktionen spürbar zurückgegangen. Früher seien Veranstaltungen oft schnell voll gewesen, inzwischen müsse man manchmal um genügend Anmeldungen kämpfen. „Ist schon immer schade, wenn wir dann absagen müssen“, sagt Seyschab. Besonders leid täten ihr die Kinder, die sich bereits angemeldet haben und sich auf die Aktion freuen.

Zum Abschluss räumt die Büchereileiterin noch mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Die Gemeindebücherei ist nicht während der gesamten Sommerferien geschlossen. In den ersten drei Ferienwochen bleibt sie geöffnet. Erst vom 24. August bis 14. September macht die Bücherei Sommerpause. Wer sich vorher mit Lesestoff eindecken möchte, kann das entspannt tun. Die Ausleihfristen werden entsprechend verlängert.

So zeigt die fünfte Folge von „Seitensprung“ eine Bücherei, die weit mehr ist als ein Ort für Bücher. Sie organisiert Tauschbörsen, Lesungen, Kinderaktionen, Ferienangebote und schafft Räume für Begegnung. Zwischen Wasserball, Ägypten-Roman, Rathausgarten und Sommerlektüre wird deutlich: Die Gemeindebücherei Maisach ist ein lebendiger Treffpunkt mitten im Ort.

Wenn Sommerfreude weitergegeben wird: Die Sommertauschbörse der Gemeindebücherei Maisach

19. Juni 2026

Nach Ostern und Weihnachten hat die Gemeindebücherei Maisach nun auch den Sommer ins Regal gestellt – oder besser gesagt: in den Eingangsbereich. Mit ihrer Sommertauschbörse lädt die Bücherei dazu ein, gut erhaltenes Wasserspielzeug, Sandspielzeug und andere Sommerklassiker weiterzugeben, statt sie im Keller auf den nächsten Hitzesommer warten zu lassen. Ob Schwimmflügel, Frisbee, Boccia oder der treue Sandeimer, der schon viele Burgen erlebt hat – vieles ist noch bestens in Schuss, wird aber längst nicht mehr genutzt.

Die Idee dahinter ist so einfach wie charmant: Wer etwas übrig hat, bringt es vorbei, und andere Familien können sich darüber freuen. So wechseln Strandmuschel und Wasserball den Besitzer, ohne dass dafür die Urlaubskasse geplündert werden muss. Ganz nebenbei schont die Aktion Ressourcen und sorgt dafür, dass noch brauchbare Spielsachen ein zweites Leben bekommen.

Die Gemeindebücherei beweist damit einmal mehr, dass sie weit mehr ist als ein Ort für Bücher. Sie ist Treffpunkt, Tauschbörse und manchmal sogar ein bisschen Sommerretter. Und wer beim Stöbern nach Schwimmflügeln oder Sandförmchen auf den Geschmack kommt, findet natürlich auch reichlich Lesestoff, Hörspiele und Filme für die Ferienzeit. So kann man die Bücherei am Ende vielleicht mit einer Frisbee unter dem Arm verlassen – und einem spannenden Buch in der Tasche.

Maisacher Gespräche zur Popkultur: Die dunkle Poesie der Filmmonster

16. Juni 2026

Filmungeheuer begleiten das Kino seit seinen Anfängen. Ob Golem, Nosferatu, Dracula, Frankensteins Kreatur, die Mumie oder moderne Kaiju wie Godzilla – hinter den Gestalten des Schreckens verbergen sich Projektionen unserer Ängste, Wünsche und gesellschaftlichen Konflikte. In meinem Maisacher Gesprächen zur Popkultur werde ich am Mittwoch von 18-20 Uhr in der Maisacher Gemeindebücherei über die dunkle Poesie der Filmmonster sprechen. Der Eintritt ist kostenlos.

In frühen Stummfilmen wie Paul Wegeners „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920) wurde ein jüdischer Mythos auf die Leinwand übertragen, in dem ein Wesen aus Lehm das Ghetto vor der Vertreibung schützt und damit eine Emanzipations‑Fantasie gegen jahrhundertelange Unterdrückung verkörpert . Murnaus „Nosferatu“ (1922) interpretierte Bram Stokers Roman ohne Genehmigung, doch die düstere Gestalt des Grafen Orlok prägte das Bild des Vampirs bis heute. Monster erwiesen sich damals schon als „schaurig‑schöner Gegenentwurf zum Menschen“; sie verkörpern Angst, können aber auch reizend oder komisch sein.
Die Faszination des Monströsen beruht auf einem doppelten Gefühl: Angst vor dem Zusammenbruch der eigenen Ordnung und zugleich Neugier auf das Andere. Monster brechen in die vernünftige Ordnung des Menschen ein und werden deshalb als Bedrohung empfunden; gleichzeitig reizt das Andere, weil es gegen den Zwang zur Vernunft rebelliert und menschliche Anteile ausdrückt. Klassische Figuren lassen sich anhand ihrer Abweichungen erkennen:

Dracula kann an Wänden kriechen, erneuert sich durch Blut und bewohnt einen Sarg in einem marginalisierten Schloss; Frankenstein erschafft ein Wesen aus Leichenteilen, dessen Gestalt erschreckt und fasziniert, weil es trotz hässlicher Erscheinung sprechen kann und Leidensfähigkeit zeigt. King Kong, das erste eigens für den Film erfundene Monster, ist zu groß und zu stark für einen normalen Gorilla. In diesen körperlichen Abweichungen spiegelt sich die Angst vor dem Verstoß gegen natürliche Grenzen – zugleich aber auch eine Verlockung, die Norm zu verlassen.
In meinem Vortrag werde ich zahlreiche Klassiker der Filmgeschichte vorstellen und nehme die Zuschauer mit auf eine unterhaltsame Reise durch die Welt der Filmmonster.

Bücher, Vampire und das Alphabet – Seitensprung, die Bücherei-Gespräche aus Maisach

13. Juni 2026

Fußball-Weltmeisterschaft, Philosophie-Wälzer und ein ramponiertes Bilderbuch von 1971 – das sind die Zutaten der vierten Folge von Seitensprung, dem Podcast der Gemeindebücherei Maisach. Moderator Matthias J. Lange und Bibliothekarin Beate Seyschab plaudern darin so unterhaltsam wie erkenntnisreich über die Bücher, die das Leben begleiten – und über jene, die man nie zu Ende liest. Hier der Videopodcast:

Sofis Welt und die unendliche Geschichte
Den Einstieg liefert ausgerechnet die Fußball-WM: Ein Kinderbuch über den Hasen Pauli als Fußballstar landet in der Wühlkiste der Bücherei – und gibt Anlass, über ganz persönliche Leseerfahrungen zu sprechen. Beate Seyschab bekennt freimütig, dass Fußball sie herzlich wenig interessiert. Dafür kämpft sie seit Jahren mit Jostein Gaarders Sofis Welt – ein Buch, das sie immer wieder anzieht und ebenso regelmäßig wieder weglegt. „Es ist mir irgendwann too much“, sagt sie. Die Hoffnung, es doch noch zu Ende zu lesen, hat sie noch nicht aufgegeben.

Matthias J. Lange wiederum scheitert an Jürgen Habermas und James Joyces Dublinern – und nimmt es mit Humor: „Ich bin einfach zu doof.“ Beate Scheyschabs eigentliches Lieblingsbuch aber ist Die unendliche Geschichte von Michael Ende, die sie als „wunderschön“ bezeichnet. Die Verfilmung hingegen war für ihn ein Horrorerlebnis – der Beginn einer lebenslangen Skepsis gegenüber Literaturverfilmungen. Auch Momo, ebenfalls von Ende, kommt zur Sprache: „Die grauen Herren habe ich in der Verwaltung immer wieder getroffen“, sagt Lange – und bricht den Satz grinsend ab.

Ein Bilderbuch aus dem Jahr 1971
Besonderes Herzstück der Folge ist Langes mitgebrachtes Lieblingsbuch: ein schon stark zerfallenes Alphabet-Bilderbuch aus dem Jahr 1971, das ihm seine Eltern geschenkt hatten. Darin lernte er als Kind das ABC – vor allem dank einer wiederkehrenden Figur namens Egon, einem Regenwurm. „Egon war so eine Art Begleiter“, erinnert er sich. Das Buch braucht dringend einen Buchbinder.

Das führt zu einer grundsätzlicheren Debatte über Lernmethoden: Beate Seyschab zeigt sich skeptisch gegenüber der heute verbreiteten Praxis, Kinder zunächst nach Gehör schreiben zu lassen, ohne Korrekturen – auch wenn sie die alten Methoden nicht verklärt. Am Rande kommt auch die Diskussion um das phonetische Buchstabieralphabet (A wie Anton, B wie Berta) zur Sprache, das sich laut einem Bericht des Übersetzungsdienstes Babel zu stark an die NS-Zeit orientiere. Das Deutsche Institut für Normung prüft mögliche Änderungen.

Screenshot

Programm im Juni
Neben den literarischen Plaudereien gibt es handfeste Ankündigungen: Am 17. Juni findet ein Vortrag im Rahmen der Maisacher Gespräche zur Popkultur statt – Matthias J. Lange spricht über Filmmonster und Vampire, von Nosferatu bis Bela Lugosi. Am 18. Juni lädt die Bücherei zum Sommerbasteln für Kinder ab 6 Jahren ein (15–16.30 Uhr), und am 25. Juni findet wie immer die monatliche Vorlesestunde statt – Beate Seyschab sucht die Bücher dafür, wie sie verrät, spontan aus.