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Drei Jahre voller Herzblut: Wie das Bistro SixtyFour zu Maisachs zweitem Wohnzimmer wurde

17. August 2026

Was mit Mut, Zweifeln und einem unterschriebenen Mietvertrag begann, ist heute aus Maisach kaum noch wegzudenken: Das Bistro SixtyFour feiert seinen dritten Geburtstag. Im BistroTalk sprechen Ruby und Uwe Flügel mit Matthias J. Lange über schwierige Anfänge, treue Stammgäste, norddeutsche Frikadellen und das besondere Gefühl, einen Ort geschaffen zu haben, an dem Menschen zusammenkommen.

Noch stehen die Stühle ordentlich an den Tischen, der Gastraum wirkt ruhig und aufgeräumt. Doch in wenigen Stunden soll davon nicht mehr viel zu sehen sein. Dann wird das Bistro SixtyFour in der Maisacher Zentrumspassage seinen dritten Geburtstag feiern – mit zusätzlichen Tischen, besonderen Speisen, Musik und zahlreichen Gästen. Für Ruby und Uwe Flügel ist dieser Tag mehr als nur ein Betriebsjubiläum. Er ist der Beweis dafür, dass aus einer mutigen Idee ein lebendiger Treffpunkt für Maisach geworden ist. Hier der BistroTalk als Stream

Im live aus dem Bistro übertragenen BistroTalk blickten die beiden Inhaber gemeinsam mit Moderator Matthias J. Lange auf drei bewegte Jahre zurück. Unterstützt wurde die Jubiläumsausgabe vom Zentrum für Gesundheit Dombo. Selbst aus Florida hatte sich ein Zuschauer angekündigt. Der Maisacher BistroTalk war damit an diesem Nachmittag zumindest digital auch international.

Ruby Flügel beschreibt ihre Gefühle beim Blick durch den Gastraum als Mischung aus Stolz, Erleichterung und Erinnerung an schwierige Zeiten. „Wenn ich zurückdenke, als wir damals aufgemacht haben, und mir jemand gesagt hätte, dass wir nach drei Jahren zusätzliche Tische reinstellen müssen, hätte ich das für völlig verrückt gehalten“, sagte sie. Inzwischen haben sich die Flügels eine große Zahl an Stammgästen aufgebaut. Für das Jubiläum reichten die regulären Plätze nicht mehr aus.

Uwe Flügel hoffte vor Beginn des Festes vor allem auf eines: „Dass alle Tische gefüllt sind, dass es voll ist, Leben in die Bude kommt und wir ordentlich zusammen feiern können.“ Es ist ein Satz, der viel über das Selbstverständnis des SixtyFour verrät. Das Bistro will nicht nur Speisen und Getränke verkaufen. Es will ein Ort sein, an dem Menschen miteinander reden, lachen, diskutieren und sich willkommen fühlen.

Zwischen Glücksgefühl und Existenzangst
Als die Flügels vor drei Jahren erstmals den Schlüssel für die Räume in den Händen hielten, überwog zunächst die Freude. Doch sie war von Respekt und Unsicherheit begleitet. „Man hatte auch ein bisschen Angst, ob der Laden jemals voll wird und ob wir als Zugereiste überhaupt anerkannt werden“, erinnerte sich Uwe Flügel.

Der endgültige Punkt ohne Rückkehr war die Unterzeichnung des Mietvertrags. Monatelang hatten Ruby und Uwe Flügel überlegt, geplant und verhandelt. Mit der Unterschrift war klar: Jetzt musste das Konzept funktionieren.

Der Wunsch nach einer eigenen Gastronomie war allerdings schon deutlich älter. Als das Paar 2010 aus Göttingen nach München zog, gab es bereits die Idee, irgendwann ein kleines Café zu eröffnen. Es dauerte noch mehr als ein Jahrzehnt, bis daraus Realität wurde. Dass die Eröffnung erst nach der Corona-Pandemie erfolgte, sehen die beiden rückblickend als glückliche Fügung. Die Menschen hatten wieder Lust, auszugehen, sich zu treffen und Gastronomie zu erleben. „Als Anfänger hätten wir die Pandemie wahrscheinlich nicht überlebt“, sagte Ruby Flügel offen.

Seit 2020 lebt das Paar in Maisach. Die Suche nach einem Standort in der eigenen Gemeinde war deshalb auch eine praktische Entscheidung. Kurze Wege waren ein wichtiger Vorteil. Über Bekannte erfuhren sie, dass die Räume des früheren Familiencafés in der Zentrumspassage frei werden sollten.

Beim ersten Besuch war die Begeisterung über die Größe der Räume ebenso groß wie die Sorge, ob sich das Projekt bewältigen lassen würde. Vieles entstand anschließend in Eigenleistung. Die Theke und zahlreiche weitere Einbauten fertigte Uwe Flügel selbst. Auch die vielen Pflanzen im Gastraum tragen seine Handschrift.

Unterstützung aus Maisach
Die Erfahrungen mit den Behörden fielen unterschiedlich aus. Von der Gemeinde Maisach, dem Bürgermeister, den Vermietern und Unterstützern aus dem Ort hätten die Flügels viel Hilfe erfahren. Schwieriger seien manche Abstimmungen mit dem Landratsamt gewesen. Ursprünglich geplante längere Öffnungszeiten wurden nicht genehmigt, außerdem mussten verschiedene Auflagen erfüllt werden.

Besonders die Unterstützung der Vermieter und engagierter Maisacher sei in dieser Phase entscheidend gewesen. „Ohne diese Hilfe hätten wir vielleicht sehr früh gesagt, dass wir nicht weitermachen“, erklärte Ruby Flügel. Gerade als Neulinge in der Gemeinde sei es wichtig gewesen, Menschen an der Seite zu haben, die an das Vorhaben glaubten.

Denn nicht alle Reaktionen waren positiv. Zu Beginn hätten manche vorhergesagt, das Bistro werde sich nicht halten können. Drei Jahre später sind diese Zweifel weitgehend verstummt.

Eine Theke als Mittelpunkt
Ein zentrales Element des SixtyFour ist die große Theke. Für Uwe Flügel war sie von Beginn an unverzichtbar. In vielen Restaurants hatte ihm ein Platz gefehlt, an dem Gäste auch ohne Essen einfach ein Bier trinken und mit dem Barkeeper sprechen können. Heute ist die Theke besonders an Wochenenden oft dicht besetzt.

Dass sie inzwischen teilweise zweireihig umlagert ist, zeigt, wie gut die Idee funktioniert. Hier werden nicht nur Getränke ausgeschenkt. Hier entstehen Gespräche, Bekanntschaften und Diskussionen. Es geht um Fußball, Kommunalpolitik, Kunst, Musik und das Leben in Maisach.

Auch die Getränkekarte hat sich deutlich entwickelt. Gestartet wurde mit rund zehn Cocktails, inzwischen umfasst das Angebot etwa 20 bis 22 Varianten, ergänzt durch saisonale Cocktails und Spritzgetränke. Viele Gäste kommen gezielt wegen der Cocktails ins Bistro.

Das helle Bier gehört weiterhin zu den stärksten Umsatzbringern. Entgegen dem allgemeinen Rückgang des Bierkonsums kann das SixtyFour seine vereinbarten Absatzmengen regelmäßig übertreffen. Auch Weißbier wird inzwischen frisch vom Fass gezapft.

Ein dritter Zapfhahn soll künftig für wechselnde Saisonbiere genutzt werden. Denkbar sind Märzen, Sommer- oder Winterzwickel sowie Oktoberfestbier. Nach dem Erfolg von Guinness und Kilkenny bei einem irischen Abend können sich die Flügels außerdem vorstellen, solche Spezialitäten häufiger anzubieten.

Freundlichkeit als wichtigste Qualifikation
Gastronomie bedeutet lange Arbeitszeiten, Kostendruck und körperliche Belastung. Das war Ruby und Uwe Flügel vor der Eröffnung bewusst. Trotzdem gab es einen Moment, in dem beide ernsthaft ans Aufgeben dachten. Vor etwa zwei Jahren sei die Belastung besonders hoch gewesen. Damals arbeiteten beide täglich im Bistro, während die Gästezahlen zeitweise zurückgingen.

Inzwischen hat sich die Situation verbessert. Mehrere Servicekräfte unterstützen das Paar so zuverlässig, dass jeder von ihnen zumindest gelegentlich einen freien Tag einplanen kann. Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden dennoch gesucht.

Die wichtigste Voraussetzung sei nicht gastronomische Erfahrung, sondern Freundlichkeit. „Alles andere kann man lernen“, betonte Ruby Flügel. Aufmerksamkeit, Respekt und ein zugewandter Umgang mit den Gästen seien entscheidend. Gerade in einer Gemeinde wie Maisach verbreiteten sich positive wie negative Erfahrungen schnell.

Wie wichtig Mundpropaganda ist, zeigte sich zuletzt beim Marktsonntag. Das Bistro hatte keine große Werbekampagne geschaltet und war dennoch voll. Viele Gäste kamen aufgrund persönlicher Empfehlungen.

Der Stammtisch als Zeichen der Wertschätzung
Besonders stolz ist Uwe Flügel auf den Stammtisch. Das Schild auf dem Tisch sei als Dank an die Gäste gedacht, die nahezu täglich oder mehrmals pro Woche ins SixtyFour kommen. Auch bei vollem Haus sollen sie dort ihren Platz finden.

Für ihn gehört ein Stammtisch zu einer bayerischen Gastronomie. Dass der aus Norddeutschland stammende Wirt diese Tradition in seinem Bistro aufgreift, passt zur Entwicklung des SixtyFour: Norddeutsche Wurzeln und bayerische Wirtshauskultur treffen aufeinander, ohne sich gegenseitig auszuschließen.

Das Publikum reicht von jungen Erwachsenen bis zu Senioren. Sportgruppen, Gemeinderäte, Elternvertreter, Vereine und lose Freundeskreise sitzen an den Tischen. Das SixtyFour ist damit tatsächlich zu jenem „zweiten Wohnzimmer“ geworden, als das Matthias J. Lange das Bistro im Gespräch bezeichnete.

Von Flammkuchen bis Krustenbraten
In der Küche hat sich in den vergangenen drei Jahren ebenfalls viel verändert. Ursprünglich war der Küchenraum so klein, dass zwei Personen kaum gleichzeitig darin arbeiten konnten. Mittlerweile wurde die Fläche mit Unterstützung der Vermieter deutlich erweitert. Zusätzliche Arbeits- und Abstellflächen sind entstanden, außerdem soll ein neuer Konvektomat die Möglichkeiten vergrößern.

Der Schwerpunkt bleibt die Bistroküche. Flammkuchen und Baguettes gehören seit der Eröffnung zu den Klassikern. Der Flammkuchen war eine bewusste Entscheidung, weil es in der näheren Umgebung kaum ein vergleichbares Angebot gab.

Auch Burger waren zunächst nur als Monatsaktion geplant. Wegen der großen Nachfrage wurden sie dauerhaft in die Speisekarte aufgenommen. Besonders überrascht war das Team vom Erfolg der Schnitzelaktionen. Trotz sommerlicher Hitze wurden die Schnitzel in verschiedenen Varianten zum Verkaufsschlager.

Mit dem neuen Küchengerät sollen künftig verstärkt wechselnde Gerichte angeboten werden. Uwe Flügel denkt an Schnitzel, Schweine- und Krustenbraten, Spare Ribs und möglicherweise auch an ein hochwertiges Rindersteak. Fisch kann er sich ebenfalls vorstellen, sieht bei Lagerung und Frische jedoch besondere Herausforderungen.

Regionalität spielt für ihn eine wichtige Rolle. Das Fleisch bezieht er bevorzugt von Metzgereien aus der Umgebung, unter anderem von der Metzgerei Fröhlich in Jesenwang. Uwe Flügel ist kein gelernter Koch, beschäftigt sich aber seit seiner Jugend intensiv mit dem Kochen. Zusätzliche Erfahrungen sammelte er bei Kursen und Praktika, unter anderem bei Sternekoch Alexander Herrmann.

Raum für Feiern, Politik und Musik
Das Bistro hat sich inzwischen auch als Veranstaltungsort etabliert. Geburtstage, Hochzeiten und geschlossene Gesellschaften finden regelmäßig statt. Auch politische Veranstaltungen wurden bereits durchgeführt, teilweise sogar am eigentlichen Ruhetag.

Live-Musik gehört ebenfalls zum Konzept. Wegen der Lage in einem Wohngebiet müssen Lautstärke und technische Ausstattung allerdings zum Raum passen. Akustikmusik und kleinere Bands eignen sich besonders gut. Interessierte Musikerinnen und Musiker können sich bei den Flügels melden.

Auch für andere Formate wie Comedy oder Lesungen ist das Paar grundsätzlich offen. Entscheidend seien ein tragfähiges Konzept, verbindliche Reservierungen und die Frage, ob die Gäste bereit sind, Eintritt zu zahlen.

Ohne Gastronomie verliert ein Ort sein Leben
Im Gespräch wurde auch deutlich, welche gesellschaftliche Bedeutung das Bistro für Maisach hat. Wenn Gaststätten und Wirtshäuser verschwinden, fehlen nicht nur kulinarische Angebote. Es verschwinden Orte der Begegnung.

Uwe Flügel sieht deshalb die örtliche Gastronomie nicht als Konkurrenzkampf, sondern als gemeinsames Angebot für die Gemeinde. Er schätzt die Maisacher Brauerei und deren Biergarten und betont das Prinzip „Leben und leben lassen“. Unterschiedliche gastronomische Konzepte könnten nebeneinander bestehen und gemeinsam zur Lebensqualität des Ortes beitragen.

Der Standort in der Zentrumspassage ist allerdings auch nach drei Jahren noch nicht allen Maisachern bekannt. Immer wieder betreten Gäste das Bistro zum ersten Mal und zeigen sich überrascht. Viele von ihnen kommen später wieder.

Mittlerweile schätzt Ruby Flügel den Anteil der wiederkehrenden Gäste auf 70 bis 75 Prozent. Sie nennt sie liebevoll „Wiederholungstäter“. Diese Treue sei eine der größten Motivationen, trotz langer Arbeitstage weiterzumachen.

Ein Ehepaar wächst mit seinem Bistro
Ruby und Uwe Flügel sind seit 25 Jahren ein Paar. Viele Menschen hatten ihnen prophezeit, dass die gemeinsame Selbstständigkeit ihre Beziehung belasten oder sogar zerstören könnte. Das Gegenteil sei eingetreten. „Wir sind als Team gewachsen“, sagte Ruby Flügel.

Die Aufgaben sind inzwischen klar verteilt. Uwe verantwortet Küche, Einkauf, Reparaturen und viele organisatorische Arbeiten. Ruby kümmert sich vor allem um Getränke, Cocktails, neue Trends und den Kontakt zu den Gästen. Meinungsverschiedenheiten gebe es dennoch. Beide seien Dickköpfe, räumte Ruby lachend ein. Inzwischen könnten sie jedoch diskutieren und gemeinsam Lösungen finden.

Uwe Flügel zeigte sich besonders stolz auf seine Frau. Ihre Freundlichkeit und ihre Art, mit den Gästen umzugehen, seien ein entscheidender Teil des Erfolgs. Ruby wiederum lobte den Ideenreichtum ihres Mannes, auch wenn sie manchen Vorschlägen zunächst skeptisch gegenüberstehe.

Eine norddeutsche Frikadelle zum Geburtstag
Zum Jubiläum sollte es neben Rollbraten auch eine besondere Spezialität geben: eine norddeutsche Frikadelle mit Kartoffeln. Für Uwe Flügel unterscheidet sie sich deutlich vom typischen bayerischen Fleischpflanzerl. Sie sei kräftiger, weniger flach und handwerklich zubereitet – mit Fleisch, Zwiebeln und einer Form, die ihren norddeutschen Ursprung erkennen lasse.

Bei einem früheren Geburtstagsbuffet waren die Frikadellen als Erstes vergriffen. Entsprechend gespannt waren die Gäste auf die Neuauflage zum dritten Geburtstag.

Am Ende des BistroTalks überreichte Matthias J. Lange den Flügels gemeinsam mit seiner Familie ein persönliches Geschenk: einen Fotoband mit Aufnahmen aus drei Jahren SixtyFour. Da Ruby und Uwe während des Betriebs meist arbeiten und selbst nur selten fotografieren können, dokumentiert das Buch zahlreiche Momente, Veranstaltungen und Begegnungen aus der Geschichte des Bistros.

„Danke, dass es euch gibt“, sagte Lange. Der Satz fasst zusammen, was viele Stammgäste empfinden. Aus einem mutigen gastronomischen Experiment ist ein Treffpunkt geworden, der für Gemeinschaft, persönliche Nähe und gelebte Gastfreundschaft steht.

Das Bistro SixtyFour ist nach drei Jahren längst mehr als ein Lokal. Es ist ein Stück Maisach – und für viele tatsächlich ein zweites Wohnzimmer.

Wenn Geschichte plötzlich ganz nah wird: Lesung aus den Meisaha-Heften berührt Maisach

25. April 2026

Vor kurzem lud der Historische Arbeitskreis der Gemeinde Maisach wieder zu einer Lesung in die Gemeindebücherei Maisach ein. Im Mittelpunkt standen ausgewählte Texte aus den Heften zur Gemeindegeschichte „Meisaha“, die seit Jahren wichtige Episoden, Entwicklungen und Erinnerungen aus Maisach und seinen Ortsteilen dokumentieren. Die Lesung versteht sich dabei nicht nur als Rückblick auf Vergangenes, sondern auch als lebendige Begegnung mit der eigenen Heimatgeschichte. Hier die einzelnen Lesungen aus den Meisaha-Heften. Die Hefte gibt u.a. es bei der Gemeinde Maisach zu kaufen.

Stefan Schader: Die Dampfmaschine der Brauerei Maisach
Die Lesung von Stefan Schader zeichnet die Geschichte der Brauerei Maisach und ihrer Dampfmaschinen als bedeutendes Kapitel der Orts- und Technikgeschichte nach. Die Brauerei, eines der Wahrzeichen Maisachs, wurde bereits 1556 erstmals erwähnt und erlebte im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Besitzerwechsel. Eine wichtige Zäsur war das Jahr 1907, als Josef Sedlmeier den Betrieb übernahm. Nach dem Brand des Sudhauses in der Nacht zum Pfingstsonntag 1909 wurde die Brauerei neu aufgebaut und zugleich in moderne Technik investiert. Dazu gehörte auch der Erwerb von Geräten aus der stillgelegten Schlossbrauerei Hof Hegnenberg, darunter eine Dampfmaschine.

Schader erklärt, warum Dampfmaschinen für Brauereien damals so wichtig waren. Mit der Umstellung vom obergärigen auf das untergärige Brauverfahren im 19. Jahrhundert entstand ein wachsender Bedarf an verlässlicher Kühlung. Untergäriges Bier benötigte über Wochen hinweg niedrige und gleichbleibende Temperaturen, was zunächst nur mit Natureis möglich war. Dieses wurde im Winter gewonnen und in Kellern gelagert, weshalb traditionell nur in der kalten Jahreszeit gebraut werden konnte. In milden Wintern geriet dieses System jedoch an seine Grenzen. Erst die Entwicklung von Kältemaschinen, angestoßen durch Karl Linde in den 1870er Jahren, schuf Abhilfe. Angetrieben wurden diese frühen Kühlanlagen in der Regel von Dampfmaschinen, da die Elektrizitätsversorgung damals noch zu schwach ausgebaut war.

In der Brauerei Maisach kamen zwei solcher Maschinen zum Einsatz. Die ältere, kleinere Maschine stammte ursprünglich aus Hof Hegnenberg, war bereits 1892 gebaut worden und wurde 1909 nach Maisach gebracht. Sie war direkt mit einem Kompressor verbunden, der ebenfalls aus Augsburg stammte. Schader schildert dazu anschaulich auch Details aus den damaligen Bedien- und Wartungsanleitungen, die von den Maschinenführern Aufmerksamkeit, Ordnung, Reinlichkeit, Ruhe und Nüchternheit verlangten. Die zweite Dampfmaschine war eine deutlich stärkere Flottmann-Maschine aus dem Jahr 1928, die direkt nach Maisach geliefert wurde. Auch sie trieb einen Kompressor an, allerdings über ein Riemensystem. Beide Maschinen dienten jedoch nicht nur der Kälteerzeugung, sondern auch der Stromversorgung der Brauerei: Sie setzten Generatoren in Gang, die wiederum Pumpen, Rührwerke und Beleuchtung betrieben. Für Notfälle stand zusätzlich ein Dieselmotor bereit, der noch bis in die 1980er Jahre als Reserve genutzt wurde.

Der Betrieb der Dampfmaschinen endete 1974. Heute stehen die Maschinenräume mit den Dampfmaschinen ebenso wie das Sudhaus mit seinem Kamin unter Denkmalschutz. Damit sind in Maisach seltene technische Zeugnisse erhalten geblieben, die von der Entwicklung des Brauwesens und der Industrialisierung im ländlichen Raum erzählen. Auch wenn die Anlage noch immer so wirkt, als könne sie jederzeit wieder in Gang gesetzt werden, wird eine Wiederinbetriebnahme wohl Wunschdenken bleiben, da eine Restaurierung nach jahrzehntelangem Stillstand mit enormem finanziellem Aufwand verbunden wäre.

Charly Muth über die Schmidhammer-Chronik
Die Lesung von Charly Muth über die Schmidhammer-Chronik gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Stimmung in Maisach während des Ersten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht Pfarrer Schmidhammer, der in diesen Jahren in Maisach wirkte und die Kriegsereignisse von 1915 bis 1917 chronologisch festhielt. Seine Aufzeichnungen spiegeln nicht nur die großen politischen und militärischen Entwicklungen wider, sondern auch die Sicht eines oberbayerischen Landpfarrers, geprägt von deutschnationalem Denken, religiöser Überzeugung und der allgemeinen Stimmung seiner Zeit. Zugleich erinnert Muth daran, dass die Chronik nur deshalb heute lesbar ist, weil der inzwischen verstorbene Jörg Pluta sie mit großem Aufwand aus der schwer entzifferbaren Handschrift Schmidhammers übertragen hat.

Aus den zitierten Passagen wird deutlich, wie eng sich in Schmidhammers Wahrnehmung Weltpolitik, Kriegsgeschehen, Religion und dörflicher Alltag miteinander verbanden. Er kommentierte Frontverläufe, Siege und Niederlagen ebenso wie die Unterbringung russischer Kriegsgefangener in Maisach, die Beteiligung der Bevölkerung an Kriegsanleihen oder die wachsenden Versorgungsschwierigkeiten. Seine Einträge zeigen Hoffnung auf einen schnellen Sieg, großes Mitgefühl mit den eigenen Soldaten und zugleich eine scharfe, oft polemische Ablehnung der Kriegsgegner. Immer wieder deutet er die Ereignisse moralisch und religiös, beklagt den Verlust von Vernunft und Glauben und sieht im Krieg auch eine Folge von Materialismus, Pressehetze und fehlender sittlicher Orientierung.

Zugleich wird in der Chronik der Alltag an der Heimatfront greifbar. Fleischkarten, Lebensmittelknappheit, Sparappelle und die Ermahnung zu Verzicht prägen das Leben ebenso wie Eingriffe in das kirchliche und dörfliche Leben. So berichtet Schmidhammer etwa von der Abnahme von Orgelpfeifen und Kirchenglocken für Kriegszwecke. Die Chronik nennt außerdem die vielen Gefallenen aus Maisach und macht damit deutlich, wie tief der Krieg in das Dorf hineingriff. Zwischen patriotischer Deutung, Frömmigkeit und Entbehrung zeigt sich eine Gesellschaft, die den Krieg nicht nur an den Fronten, sondern auch im Alltag, in der Kirche und im Denken der Menschen erlebte.

Am Ende lockert Muth die Lesung mit einem satirischen „Kochrezept“ aus der Kriegszeit auf, in dem Lebensmittel- und Bezugskarten symbolisch zu einem Gericht verarbeitet werden. Gerade dieser humorvolle Schluss macht noch einmal deutlich, wie sehr Mangel, Bürokratie und Improvisation den Alltag bestimmten. So wird die Schmidhammer-Chronik in der Lesung nicht nur als historisches Dokument vorgestellt, sondern als eindrückliches Zeugnis dafür, wie der Erste Weltkrieg in einem oberbayerischen Dorf wahrgenommen, gedeutet und durchlitten wurde.

Stefan Pfannes erzählt die lange und beinahe kuriose Geschichte des Bierausschanks in Oberlappach
Die Lesung von Stefan Pfannes erzählt die lange und beinahe kuriose Geschichte des Bierausschanks in Oberlappach. Ausgangspunkt ist die Frage, warum ein so kleiner Ort mit nur rund 100 bis 120 Einwohnern überhaupt ein Wirtshaus brauchte. Die Recherchen im Archiv zeigen jedoch, dass der Wunsch nach einer eigenen Gastwirtschaft in Oberlappach über Jahrzehnte hinweg erstaunlich groß war. Insgesamt wurde nach den Akten zehnmal versucht, eine Konzession für ein Wirtshaus zu erhalten. Allein 1913 und 1914 lagen sogar fünf gleichzeitige Gesuche vor. Der sogenannte „Bierdurst“ der Oberlappacher war also durchaus ausgeprägt.

Der erste Versuch geht auf das Jahr 1863 zurück, blieb aber zunächst erfolglos. Erst dem Schmiedmeister Anton Klotz gelang es, in seinem neu erbauten Haus in Oberlappach eine Gastwirtschaft einzurichten. Er durfte Bier, aber keinen Brandwein ausschenken, obwohl die Gemeinde Rottbach eigens argumentiert hatte, dass auch dafür ein gewisses Bedürfnis bestehe. Die Wirtschaft entwickelte sich zunächst offenbar ordentlich, doch 1878 kam es dort zu einer schweren Schlägerei, an der auch Klotz beteiligt war. In der Folge wurde ihm die Konzession entzogen. Trotz Fürsprache aus dem Ort erhielt er sie nicht zurück, und die Gaststätte musste schließen.

Damit war die Geschichte jedoch keineswegs beendet. Schon kurz darauf versuchten die Bewohner selbst, eine Konzession für die Gemeinde zu erhalten, was rechtlich nicht möglich war. Weitere Gesuche von Klotz, Josef Blum und Gregor Strixner scheiterten ebenfalls. Die Behörden vertraten die Auffassung, dass die umliegenden Wirtschaften in Rottbach, Maisach, Frauenberg oder Stephansberg den Bedarf ausreichend deckten. Zudem wollte man verhindern, dass in kleinen Orten ohne ausreichende wirtschaftliche Grundlage zahlreiche unbedeutende Gaststätten entstehen. Dennoch blieb der Wunsch nach einer Wirtschaft in Oberlappach bestehen, auch weil viele Einwohner als Kleinbegüterte kaum die Möglichkeit hatten, Bier auf Vorrat zu lagern oder weite Wege für den Einkauf in Kauf zu nehmen.

Im frühen 20. Jahrhundert verlagerte sich der Ausschank zunehmend auf den Flaschenbierhandel. Seit 1902 bestand in Oberlappach ein Flaschenbierhandel der Familie Heckmayer, dessen Bier bei Kontrollen sogar als sehr gut bewertet wurde. Offenbar war dies für manche dennoch kein Ersatz für ein richtiges Wirtshaus, denn zwischen 1913 und 1914 gab es erneut mehrere Bewerber für eine Gaststättenkonzession, darunter sogar der Maisacher Bräu Josef Sedlmayr. Doch auch diese Vorstöße scheiterten. 1925 unternahm Lorenz Puchner einen letzten Versuch. Er argumentierte, die Bewohner würden sich über billigeres Bier freuen, da Flaschenbier zu teuer sei. Sein Gesuch führte noch einmal zu Auseinandersetzungen bis hinauf in die Ministerien, blieb aber ebenfalls erfolglos. Die einzige Wirtin der Gemeinde, Sofie Treffler aus Rottbach, machte in ihrer Stellungnahme deutlich, dass sich schon ihre eigene Gastwirtschaft kaum rentiere und eine weitere Wirtschaft in Oberlappach wirtschaftlich kaum tragfähig wäre.

So blieb es letztlich beim Flaschenbierhandel. 1926 übernahm die Familie Heckmayer erneut die entsprechende Konzession, und erst 1958 wurde daraus noch eine sogenannte „Stopselwirtschaft“, in der Bier und kleine Brotzeiten in bäuerlicher Stube angeboten wurden. Damit fand der fast hundertjährige Kampf um eine eigene Gaststätte in Oberlappach doch noch einen kleinen Abschluss, wenn auch nicht in der Form eines klassischen Wirtshauses. Mitte der 1960er Jahre endete auch diese letzte Form des Bierausschanks, und seither mussten die Oberlappacher ihren Bierdurst anderswo stillen.

Torfbahn im Fußbergmoos von Hartwig Meis
Die Lesung von Hartwig Meis über die Torfbahn im Fußbergmoos erzählt die Geschichte eines heute fast vergessenen Infrastrukturprojekts, das nur wenige Jahre Bestand hatte. Ausgangspunkt war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Ernährungslage schwierig war und in Bayern verschiedene Maßnahmen zur wirtschaftlichen Nutzung von Moorflächen angestoßen wurden. 1919 gründeten Bauern aus Kirchheim und Aschheim bei München die „Torfverwertungsgesellschaft Fußberg mbH“, die im Fußbergmoos Torf abbauen wollte. Zu diesem Zweck pachtete sie 1920 von Bauern in Thal größere Waldflächen, unter denen sich Torfvorkommen befanden. Um den Torf abtransportieren zu können, wurde gleichzeitig mit Unterstützung des neu geschaffenen Kulturbauamts München eine fast drei Kilometer lange Kleinbahn gebaut, die den gestochenen Torf aus dem Moor zum Bahnhof Gernlinden bringen sollte.

Wie Meis zeigt, war diese Bahn technisch durchaus bemerkenswert, organisatorisch aber erstaunlich schlecht abgesichert. Obwohl bereits eine Dampflokomotive eingesetzt wurde und die Bahn eigentlich genehmigt und abgenommen werden musste, stellte das Bezirksamt Fürstenfeldbruck erst 1921 fest, dass dort bereits ein Bahnbetrieb lief. In den folgenden Jahren schoben sich verschiedene Behörden gegenseitig die Zuständigkeit zu: Das Kulturbauamt fühlte sich nicht mehr verantwortlich, die Eisenbahndirektion verwies auf die fehlende direkte Verbindung zur Staatsbahn, und das Bezirksamt musste schließlich selbst tätig werden, obwohl ihm dafür die fachliche Kompetenz fehlte. Eine eigentliche Betriebsgenehmigung wurde jedoch nie erteilt. So blieb die Torfbahn letztlich ein ungenehmigtes Unternehmen, ein Schwarzbau, wie man heute sagen würde.

1925 kam das abrupte Ende. Der Betriebsleiter meldete der Gendarmerie, dass das Torffeld dauerhaft geschlossen werde. Für die Behörden war nun vor allem wichtig, was aus den Beschäftigten werden sollte. Als ein Jahr später erneut nachgesehen wurde, war die Bahn bereits vollständig abgebaut: Schienen und Anlagen waren entfernt, die Firma war praktisch verschwunden. Am 2. November 1926 meldete das Bezirksamt schließlich der Regierung von Oberbayern, dass das Unternehmen endgültig erloschen sei. Damit war das Projekt nach nur kurzer Zeit beendet, ohne je vollständig genehmigt oder technisch überprüft worden zu sein. Geprüft worden war lediglich der Lokführer, denn für das Führen einer Dampflokomotive galten damals strenge Vorschriften.

Besonders anschaulich wird die Lesung durch die von Meis ausgewerteten Akten und Pläne. Ein großformatiger, in Wasserfarbe und Tusche gezeichneter Bahnplan, den er mit erheblichem Aufwand restauriert und rekonstruiert hat, enthält nahezu alle technischen Einzelheiten der Strecke. Daraus geht hervor, dass es sich um eine Schmalspurbahn mit einer für Bayern ungewöhnlichen Spurweite von 75 Zentimetern handelte. Auch die Lokomotive ließ sich genauer identifizieren: Sie stammte nicht aus Bayern, sondern aus Schlesien von der Firma Linke-Hoffmann in Breslau. Meis konnte sogar ein Bild dieses Loktyps und ein historisches Foto der Bahn im Moor mit Lok, beladenen Torfwagen und der Bedienungsmannschaft finden. Auf diesem Foto sind drei Brüder namens Ott zu sehen, darunter der Lokführer Michael Ott, der als besonders wichtiger Mann des Betriebs galt.

Heute sind von der Torfbahn nur noch wenige Spuren erhalten. Die Moosalm war einst Wohnhaus des Betriebsleiters und zugleich eine Art Geschäftsstelle. Außerdem ist ein Teil der früheren Trasse noch im Verlauf einer heutigen Straße erkennbar. Andere Bereiche, vor allem am Bahnhof Gernlinden, sind durch spätere Baumaßnahmen vollständig überprägt worden. So bleibt die Torfbahn im Fußbergmoos ein Beispiel für ein mit großem Elan begonnenes, aber nur kurzlebiges Projekt, das rasch wieder verschwand und heute vor allem durch Akten, Pläne und wenige Fotografien nachvollziehbar ist.

Helga Rueskäfer über den Bau der Bahnunterführung in Maisach
Die Lesung von Helga Rueskäfer schildert den Bau der Bahnunterführung in Maisach als eines der schwierigsten und nervenaufreibendsten Projekte in der Amtszeit von Bürgermeister Moser. Ausgangspunkt war die unhaltbare Verkehrssituation am Bahnhof Maisach, wo sich an den Bahnschranken immer wieder lange Rückstaus bildeten. Zudem gab es im Gemeindegebiet damals nur niveaugleiche Bahnübergänge. Schon Ende der 1950er Jahre wurde deshalb über eine Lösung diskutiert. Während die Bundesbahn zunächst nur einen eigenen Fußgängerübergang mit Drehkreuz und später eine Fußgängerunterführung vorschlug, bestand der Gemeinderat von Anfang an auf einer Unterführung für den Straßenverkehr.

In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus ein zäher Konflikt zwischen Gemeinde und Bahn. Immer wieder legte die Bahn neue Pläne vor, die aus Sicht der Maisacher nicht ausreichten. So wurde Mitte der 1960er Jahre eine Überführung bei der Gärtnerei Zick ins Gespräch gebracht, während am Bahnhof selbst nur an eine Lösung für Fußgänger und Radfahrer gedacht war. Der Gemeinderat lehnte diese Varianten jedoch ab, weil die Gemeinde die Unterführung direkt am Bahnhof wollte. Unterstützt wurde diese Haltung von der neu gegründeten Interessengemeinschaft Maisach-Süd, die als frühe Bürgerinitiative ebenfalls Druck machte. Die Zeit drängte zusätzlich, weil bis zur Einführung der S-Bahn 1972 eine tragfähige Lösung gefunden werden musste.

Erst 1970 gelang der Durchbruch. Die Bahn gab ihre Pläne für eine Überführung bei der Gärtnerei Zick schließlich auf, und die Gemeinde setzte sich mit ihrer Forderung nach einer Unterführung am Bahnhof durch. Der Gemeinderat beschloss den Bau einer Unterführung mit einer Höhe von 3,80 Metern. Parallel dazu wurden auch weitere Verkehrsprojekte vorangetrieben, darunter eine Bahnüberführung zwischen Maisach und Gernlinden sowie der Ausbau der Frauenstraße in Richtung Malching. Im März 1971 konnte schließlich der Finanzierungsplan beschlossen werden. Die Gesamtkosten für die Bahnhofsunterführung wurden mit 5,4 Millionen D-Mark veranschlagt, dazu kamen weitere Ausgaben für den Ausbau der angrenzenden Straßen. Die Gemeinde hoffte dabei auf erhebliche Zuschüsse von Bund und Land.

Rueskäfer macht in ihrer Lesung deutlich, dass dieses Projekt nur ein Beispiel für die Vielzahl an Aufgaben war, die Bürgermeister Moser in seiner Amtszeit zu bewältigen hatte. Als letzter ehrenamtlicher Bürgermeister Maisachs habe er die Modernisierung der Gemeinde entscheidend vorangetrieben, etwa mit Schulbauten, sozialem Wohnungsbau, zentraler Wasserversorgung und weiteren Infrastrukturmaßnahmen. Der Kampf um die Bahnunterführung gehört dabei zu seinen größten kommunalpolitischen Kraftakten. Die Einweihung der Unterführung, für die er so lange gestritten hatte, erlebte Moser schließlich nur noch als Ehrengast, denn zu diesem Zeitpunkt war bereits sein Nachfolger im Amt. Die Geschichte zeigt damit anschaulich, wie langwierig kommunale Großprojekte schon damals sein konnten und wie eng sie mit dem Engagement einzelner Persönlichkeiten verbunden waren.

Annemarie Karg über die Bewohner der Ringstraße in Gernlinden
Die Lesung von Annemarie Karg über die Bewohner der Ringstraße in Gernlinden erzählt von der Entstehung eines besonderen Wohngebiets in der frühen Nachkriegszeit. Die Häuser in der Ringstraße wurden Anfang der 1960er Jahre nahezu gleichzeitig gebaut, einheitlich geplant und waren vor allem für Menschen bestimmt, die sozial wohnungsberechtigt waren. Dazu gehörten Flüchtlinge, Vertriebene, Kriegsbeschädigte und Familien, die nach den Entbehrungen des Krieges dringend Wohnraum suchten. Auch Kargs eigene Familie gehörte dazu: Ihr Vater war schwer kriegsbeschädigt und bei der Bundesbahn beschäftigt. Voraussetzung für den Erhalt eines Grundstücks war unter anderem, dass Kinder oder weitere Familienmitglieder vorhanden waren. Die Häuser waren größtenteils ähnlich groß und ähnlich gebaut, und zugleich war vorgesehen, dass in ihnen auch weiterer Wohnraum für bedürftige Mieter geschaffen wurde.

Exemplarisch schildert Karg die Geschichte der Familie Ruderer, die eng mit ihrer eigenen Familiengeschichte verbunden ist. Christa Ruderer, geborene Lux, kam aus Oberschlesien und erlebte als Kind die Flucht im Winter 1944/45. Wie viele andere musste ihre Familie in großer Unsicherheit die Heimat verlassen, mit der Hoffnung auf eine Rückkehr, die sich jedoch nie erfüllte. Nach Stationen in Waldenfels und weiteren schweren Einschnitten, darunter der Tod ihres Bruders im Krieg, ging Christa als junge Frau nach München, um Arbeit zu finden. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Josef Ruderer kennen, der aus dem Bayerischen Wald stammte und ebenfalls auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach München gekommen war. Nach der Heirat lebte das Paar zunächst sehr beengt als Untermieter in Gernlinden. Erst als Josef Ruderer eine Stelle bei der Deutschen Bundesbahn erhielt, ergab sich für die Familie die Möglichkeit, in der Ringstraße ein eigenes Haus zu bauen.

Die Lesung macht deutlich, dass die Ringstraße nicht nur ein Bauprojekt war, sondern ein Ort des Neuanfangs für Menschen mit oft schwierigen Lebensgeschichten. Viele Bewohner kamen aus unterschiedlichen Regionen und hatten Krieg, Flucht, Verlust und Wohnungsnot erlebt. In Gernlinden fanden sie die Chance, sich mit viel Eigenleistung und unter oft bescheidenen Bedingungen ein eigenes Zuhause aufzubauen. Damit wird die Ringstraße zu einem Beispiel für den sozialen Wohnungsbau und den Wiederaufbau der Nachkriegszeit, aber auch für die Lebensleistung einer Generation, die sich nach den Zerstörungen des Krieges Schritt für Schritt eine neue Heimat schuf. Annemarie Karg versteht ihre Arbeit zugleich als Erinnerung an diese Menschen und kündigt an, das Thema weiterzuverfolgen, solange noch persönliche Erinnerungen, Fotos und Berichte der Nachkommen erhalten sind.

Die Pizzaria Salerno von Conny Schader
Die Lesung von Conny Schader über die Pizzeria Salerno erzählt die Geschichte eines Lokals, das seit 1979 italienische Esskultur nach Gernlinden bringt und zugleich eng mit der Lebensgeschichte der Familie Morena verbunden ist. Gründer Ferdinand Morena stammt aus der Provinz Salerno in Süditalien. Nach einer Ausbildung als Kellner und ersten Berufserfahrungen in der Tourismusregion um Sorrent führte ihn die Cholera-Epidemie von 1973, die dem Tourismus im Süden Italiens schwer schadete, nach Bayern. Dort fand er über seine in Fürstenfeldbruck lebende Schwester Arbeit, zunächst in München und später in Fürstenfeldbruck. Nach dem Militärdienst in Italien kehrte er zurück und erfuhr, dass in Gernlinden ein Lokal zu mieten war. Trotz hoher Ablösesumme und großer finanzieller Risiken gelang es ihm gemeinsam mit einem Verwandten, das ehemalige Lokal zu übernehmen und am 20. August 1979 die Pizzeria Salerno zu eröffnen.

Die Anfangszeit war keineswegs einfach. Zwar war das Lokal bei der Eröffnung gut besucht, doch zeigte sich schnell, dass nicht nur gutes Essen, sondern auch viel organisatorisches Geschick nötig war, um sich zu etablieren. Besonders schwierig war es, die Pizzeria als gepflegtes Speiselokal zu positionieren, weil ein Teil der bisherigen Stammgäste weiterhin eher eine traditionelle Gaststätte mit Bier und Kartenspiel erwartete. Ferdinand Morena musste sich deshalb in den ersten Jahren mit Konflikten auseinandersetzen und sogar Lokalverbote aussprechen. Zugleich entwickelte sich die Speisekarte weiter, blieb aber in vielen Bereichen ihrer Linie treu. Einige Gerichte aus der Anfangszeit sind bis heute geblieben, andere verschwanden. Auch die eigene Eisherstellung wurde irgendwann aufgegeben, weil der Betrieb mit dem kleinen Team im Sommer nicht mehr zu bewältigen war. Nachdem ein geschätzter Koch 1986 nach Italien zurückkehrte, übernahm Morena selbst die Küche und setzte damit seine Erfahrung und sein über Jahre erworbenes Wissen noch stärker ein.

Eine wichtige Rolle spielte später auch seine Frau Virginia Morena, die 1984 nach Gernlinden kam. Für sie waren die ersten Jahre besonders schwer, weil sie kaum Deutsch sprach und sich dadurch weitgehend isoliert fühlte. Erst nach der Geburt der Kinder und durch Kontakte im Kindergarten fand sie allmählich Anschluss und begann, Gernlinden als Heimat zu empfinden. Im Restaurant übernahm sie Aufgaben im Service und im Hintergrund, oft zusätzlich zur Familienarbeit. Gemeinsam entschloss sich das Ehepaar schließlich, das Lokal ganz zu übernehmen, was erneut ein großes finanzielles Risiko bedeutete, zugleich aber den Grundstein für die weitere Entwicklung legte. So wurde das Salerno nicht nur zu einem gastronomischen Betrieb, sondern zum Mittelpunkt des gesamten Familienlebens.

Die Lesung macht deutlich, dass die Geschichte der Pizzeria Salerno weit über die eines Restaurants hinausgeht. Sie erzählt von Migration, Neuanfang, harter Arbeit, Integration und davon, wie aus einem italienischen Familienbetrieb ein fester Bestandteil des Lebens in Gernlinden wurde. Symbolisch dafür steht auch, dass die Familie Morena zum 40-jährigen Bestehen des Lokals den Gernlindnern den Maibaum spendete. Damit wurde sichtbar, wie sehr sich italienische Herkunft und bayerische Heimat in diesem Ort miteinander verbunden haben.

Corona in Maisach von Matthias J. Lange
Die Lesung von Matthias J. Lange zeichnet ein eindringliches Bild von Maisach in den ersten Wochen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020. Grundlage ist ein Blog, den Lange ab dem 22. März 2020 über 45 Tage hinweg täglich führte und in dem er den Ausnahmezustand in der Gemeinde dokumentierte. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht große politische Entscheidungen, sondern der veränderte Alltag vor Ort: die ungewohnte Ruhe auf den Straßen, leere Parkplätze, geschlossene Cafés, abgesagte Veranstaltungen und die spürbare Verunsicherung der Menschen. Zugleich beschreibt Lange, wie sich die Bewohner rasch auf die neuen Regeln einstellten, Abstand hielten und ihren Alltag mit Vorsicht, aber auch mit Disziplin und gegenseitiger Rücksicht neu organisierten.

Besonders deutlich wird in seiner Schilderung, wie wichtig in dieser Zeit die Versorgung und die gegenseitige Hilfe im Ort waren. Supermärkte, Bäckereien und andere Lebensmittelgeschäfte blieben geöffnet, entwickelten schnell neue Routinen und sorgten trotz einzelner Engpässe dafür, dass die Grundversorgung gesichert war. Zugleich entstanden in sozialen Netzwerken lokale Hilfsangebote, über die Einkaufsdienste, Besorgungen oder Fahrdienste organisiert wurden. Auch in Maisach zeigte sich damit, dass die Krise nicht nur Unsicherheit auslöste, sondern auch neues bürgerschaftliches Engagement. Die sozialen Medien wurden zu einem zentralen Informations- und Austauschraum, weil viele Menschen zu Hause blieben und das Bedürfnis nach Orientierung und Kommunikation stark zunahm.

Ein weiterer Schwerpunkt der Lesung ist der Umgang von Kirche, Feuerwehr und Gastronomie mit der Ausnahmesituation. Gottesdienste fielen zunächst aus oder wurden digital übertragen, gleichzeitig suchten viele Menschen in der Krise nach Halt und religiöser Gemeinschaft. Die Feuerwehr blieb einsatzbereit, musste ihren Betrieb aber ebenfalls anpassen und den direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit stark einschränken. Besonders hart trafen die Corona-Maßnahmen die Gastronomie, die von einem Tag auf den anderen ihr Geschäftsmodell umstellen musste. Während manche Betriebe vorübergehend schlossen, versuchten andere mit Abhol- und Lieferangeboten zu überleben. Hinter diesen Anpassungen standen oft große Existenzsorgen und die Angst um die wirtschaftliche Zukunft.

Insgesamt zeigt die Lesung Maisach als eine Gemeinde, die in der Pandemie zwar stiller und leerer wurde, aber nicht handlungsunfähig. Vielmehr entsteht das Bild eines Dorfes im Ausnahmezustand, das mit Ruhe, Improvisation und Zusammenhalt auf die Krise reagierte. Die leeren Straßen, die geschlossenen Kirchenbänke, die improvisierten Hilfsangebote und die neuen digitalen Formen des Kontakts stehen dabei sinnbildlich für einen tiefen Einschnitt in das Alltagsleben. Matthias J. Lange hält damit nicht nur eine lokale Chronik der ersten Corona-Wochen fest, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte, das zeigt, wie tief die Pandemie selbst in einer einzelnen Gemeinde das öffentliche und private Leben verändert hat.