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Mödlareuth – wo eine Mauer Familien trennte und Geschichte bis heute unter die Haut geht

25. August 2026

Mödlareuth ist ein kleines Dorf, dessen Geschichte wie kaum eine andere die deutsche Teilung im Kleinen sichtbar macht. Häufig wird der Ort als „Klein-Berlin“ bezeichnet. Doch dieser Vergleich greift eigentlich zu kurz. Denn während Berlin erst infolge des Zweiten Weltkriegs und schließlich durch den Mauerbau geteilt wurde, verlief durch Mödlareuth bereits seit Jahrhunderten eine Grenze. Lange bevor es Bundesrepublik und DDR gab, bevor Deutschland überhaupt ein Nationalstaat war, gehörten die beiden Seiten des Dorfes unterschiedlichen Herrschaftsgebieten an. Im Rahmen eines Seminars zum Mauerbau besuchte ich mit meinen Seminarteilnehmern das Deutsch-deutsche Museum und sah mir die Grenzanlagen an.

Historische Grenze
Die historische Grenze geht bis in die frühe Neuzeit zurück. Im 16. Jahrhundert wurde sie zwischen verschiedenen deutschen Territorien festgelegt. Auf der einen Seite lag fränkisches Herrschaftsgebiet, auf der anderen das Gebiet des Hauses Reuß. Um den Grenzverlauf möglichst eindeutig festzulegen, orientierte man sich nicht allein an Grenzsteinen, die versetzt werden konnten, sondern an natürlichen oder dauerhaft vorhandenen Gegebenheiten. In Mödlareuth spielte dabei der Tannbach eine entscheidende Rolle. Auch ein alter Handelsweg diente der Orientierung. Von einer Teilung des Dorfes im späteren politischen Sinne konnte damals allerdings keine Rede sein. Die Grenze trennte Herrschafts- und Verwaltungsgebiete, aber keine Gesellschaften oder politischen Systeme.

Mit dem Wachstum Mödlareuths entwickelte sich auf beiden Seiten des Tannbachs eine Dorfgemeinschaft. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten beispielsweise auf der thüringischen Seite bereits rund 50 Menschen. Die politische Grenze hatte dennoch konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben. Sie war eine Zollgrenze, und Waren, die von einem Territorium ins andere gebracht wurden, konnten mit erheblichen Abgaben belastet werden. Auch Handwerker konnten nicht ohne Weiteres auf der jeweils anderen Seite arbeiten. Selbst eine Heirat über die Grenze hinweg konnte teuer werden, weil beim Wechsel des Herrschaftsgebietes Abgaben fällig wurden.

Gleichzeitig zeigte sich aber, wie wenig politische Grenzen gewachsene soziale Verbindungen vollständig trennen können. Besonders deutlich wurde dies im kirchlichen Leben. Die Bewohner beider Dorfteile gehörten lange Zeit derselben Kirchengemeinde an. Am Sonntag verlor die politische Grenze damit einen Teil ihrer Bedeutung. Die Menschen gingen gemeinsam zur Kirche, waren miteinander verwandt, arbeiteten miteinander und sprachen denselben regionalen Dialekt. Mödlareuth war politisch geteilt, gesellschaftlich aber ein Dorf.

Im 19. Jahrhundert verlor die alte Grenze zunehmend an Bedeutung. Mit der wirtschaftlichen Annäherung der deutschen Staaten und schließlich der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde aus der früheren Staatsgrenze eine Landesgrenze innerhalb eines gemeinsamen deutschen Staates. Im Alltag spielte sie immer weniger eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchien verstärkte sich diese Entwicklung. Während der Weimarer Republik konnten die Bewohner die Grenze praktisch problemlos überschreiten. Mödlareuth entwickelte sich wie viele andere kleine Orte: Landwirtschaft, Schule, Feuerwehr, Wirtshaus und gemeinschaftliches Leben prägten das Dorf. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass der Tannbach eines Tages zu einer nahezu unüberwindbaren politischen Grenze werden würde.

Kalter Krieg
Diese Situation änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend. Nach dem 8. Mai 1945 wurde Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Grenzen dieser Zonen orientierten sich teilweise an den historischen Landesgrenzen. Damit erhielt die jahrhundertealte Grenze zwischen Bayern und Thüringen plötzlich weltpolitische Bedeutung. Der bayerische Teil Mödlareuths lag in der amerikanischen, der thüringische Teil in der sowjetischen Besatzungszone.

Dabei kam es zunächst sogar zu einer bemerkenswerten Kuriosität. Aufgrund ungenauen Kartenmaterials wurde auch ein kleiner Teil des bayerischen Mödlareuth zeitweise von sowjetischen Truppen besetzt. Erst nachdem der Irrtum erkannt worden war, zogen sich die sowjetischen Einheiten zurück. Damit war die alte Landesgrenze wiederhergestellt – nun allerdings als Grenze zwischen zwei Besatzungssystemen.

In den ersten Nachkriegsjahren blieb das Dorfleben dennoch erstaunlich eng miteinander verbunden. Die Menschen konnten die Grenze zunächst noch überschreiten. Familien besaßen Felder und Grundstücke auf der jeweils anderen Seite. Bauern gingen mit ihren Tieren und Geräten über den Tannbach, um ihre Flächen zu bewirtschaften. Schule, Feuerwehr und andere Einrichtungen wurden teilweise weiterhin gemeinsam genutzt. Die politische Großwetterlage war zwar spürbar, hatte das alltägliche Zusammenleben aber noch nicht vollständig zerstört.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1949 wurde aus der Besatzungszonengrenze schließlich eine Grenze zwischen zwei deutschen Staaten. Die entscheidende Zäsur für Mödlareuth kam jedoch 1952. Angesichts der zunehmenden Fluchtbewegung aus der DDR begann die SED-Führung, die innerdeutsche Grenze systematisch abzuriegeln.

Trennungslinie
Damit wurde aus der historischen Grenze durch Mödlareuth eine tatsächliche Trennungslinie. Die DDR richtete entlang der innerdeutschen Grenze ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet ein. Innerhalb dieses Gebietes galten besondere Aufenthalts- und Kontrollbestimmungen. Bewohner benötigten entsprechende Einträge in ihren Ausweisdokumenten. Wer von außerhalb Verwandte im Grenzgebiet besuchen wollte, musste eine Genehmigung beantragen. Selbst Familienbesuche wurden damit zu staatlich kontrollierten Vorgängen.

Für Mödlareuth bedeutete das einen dramatischen Einschnitt. Menschen, die wenige Meter oder wenige hundert Meter voneinander entfernt wohnten und miteinander verwandt waren, konnten plötzlich nicht mehr selbstverständlich miteinander sprechen oder sich besuchen. Kontaktaufnahmen über die Grenze hinweg waren untersagt. Selbst Winken und Zurufen konnten verboten sein. Familien wurden auseinandergerissen, obwohl ihre Häuser teilweise nur einen Steinwurf voneinander entfernt standen.

Grenzbefestigungen
1952 entstand zunächst ein Bretterzaun entlang der Grenze. Damit erlebte Mödlareuth bereits neun Jahre vor Berlin eine sichtbare Abriegelung. Als am 13. August 1961 in Berlin mit dem Bau der Mauer begonnen wurde, kannten die Menschen in Mödlareuth die physische Teilung ihres Lebensraumes längst. Deshalb ist der häufig verwendete Begriff „Klein-Berlin“ zwar verständlich, historisch aber nur bedingt passend: Mödlareuth war früher geteilt und früher mit Grenzanlagen versehen worden.

Nach dem Berliner Mauerbau wurde auch die innerdeutsche Grenze weiter ausgebaut. Ab 1962 entstanden umfangreiche Sperranlagen mit Zäunen, Kontrollstreifen, Wachtürmen und Minenfeldern. Entlang der gesamten innerdeutschen Grenze setzte die DDR Hunderttausende Landminen ein. Sie sollten Fluchtversuche verhindern und konnten Menschen schwer verletzen oder töten. Für die Bewohner der Grenzregion wurde die staatliche Gewalt damit permanent sichtbar.

Auch Mödlareuth wurde immer stärker befestigt. Unterschiedliche Zaunsysteme folgten aufeinander, bis 1966 schließlich eine massive Betonmauer errichtet wurde. Sie war mehrere Meter hoch und mit einer abgerundeten Auflage versehen, die ein Überklettern erschweren sollte. Damit verlief mitten durch das kleine Dorf eine Mauer, die Familien, Nachbarn und Freunde voneinander trennte.

Republikflucht
Dennoch gelang eine spektakuläre Flucht. Ein Berufskraftfahrer, der aufgrund seiner Tätigkeit mit den örtlichen Verhältnissen und den Grenzposten vertraut war, konstruierte eine kleine Leiter, die er unter beziehungsweise an seinem Dienstfahrzeug verbergen konnte. Nachts fuhr er an die Mauer, stieg über sein Fahrzeug auf die Leiter und überwand die Sperranlage erfolgreich. Die DDR-Behörden reagierten darauf mit einer weiteren Verschärfung der Sicherungsmaßnahmen. Zusätzliche Zäune wurden errichtet, das Gelände stärker beleuchtet, die Truppenpräsenz erhöht und ein neuer Beobachtungsturm gebaut. Um freie Sicht auf das Grenzgebiet zu erhalten, wurden sogar Gebäude abgerissen.

Gerade daran zeigt sich die besondere Brutalität des Grenzregimes. Menschen, die die DDR verlassen wollten, galten aus Sicht der Staatsführung nicht einfach als Auswanderer oder Flüchtlinge. Ihre Flucht wurde kriminalisiert. Der Staat setzte erhebliche personelle, technische und finanzielle Mittel ein, um seine Bürger am Verlassen des Landes zu hindern.

Für die Bewohner Mödlareuths war diese Politik besonders schmerzhaft, weil nahezu jede Familie verwandtschaftliche Beziehungen auf die andere Seite hatte. Brüder, Schwestern, Eltern, Kinder und Großeltern lebten manchmal nur wenige hundert Meter voneinander entfernt und konnten sich dennoch jahrelang nicht besuchen. Sie konnten die Häuser der anderen sehen, Rauch aus den Schornsteinen beobachten oder das Leben auf der anderen Seite erahnen – und waren doch durch eine Staatsgrenze und ein militärisch gesichertes Sperrsystem getrennt.

Später wurden die Reiseregelungen für DDR-Rentner etwas gelockert. Damit waren gelegentliche Besuche im Westen möglich. Doch selbst für eine Strecke, die im Dorf nur wenige hundert Meter betrug, konnte eine Reise über offizielle Grenzübergänge mehrere Stunden dauern. Man musste das Grenzgebiet verlassen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem zugelassenen Übergang fahren, umfangreiche Kontrollen über sich ergehen lassen und anschließend auf westdeutscher Seite wieder zurück nach Mödlareuth gelangen. Die Absurdität der deutschen Teilung wurde hier besonders deutlich: Sichtweite konnte politisch zu einer Entfernung von vielen Stunden werden.

Minenfrei
In den 1980er Jahren begann die DDR mit der Räumung der Minen an der innerdeutschen Grenze. Bis Mitte des Jahrzehnts galt die Grenze offiziell weitgehend als minenfrei, auch wenn nicht sämtliche Sprengkörper gefunden werden konnten. Die übrigen Sperranlagen blieben jedoch bestehen. Noch immer trennten Zäune, Mauern, Kontrollstreifen und Wachtürme die beiden Teile Mödlareuths.

Wiedervereinigung
Dann kam das Jahr 1989. Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der innerdeutschen Grenze verlor auch die Mauer von Mödlareuth ihre Funktion. Was über Jahrzehnte streng verboten gewesen war, wurde plötzlich wieder möglich: Nachbarn konnten aufeinander zugehen, Familien konnten sich treffen und die wenigen Meter überwinden, die politisch zuvor fast unüberwindbar gewesen waren. Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete die staatliche Teilung.

Verwaltungstechnisch ist Mödlareuth allerdings bis heute geteilt. Ein Teil gehört zum Freistaat Bayern, der andere zum Freistaat Thüringen. Dadurch gibt es beispielsweise unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und kommunale Zuständigkeiten. Niemand im Dorf empfindet dies jedoch als Problem. Im Gegenteil: Die Besonderheit gehört inzwischen zur Identität Mödlareuths.

Heute ist ein Teil der ehemaligen Grenzanlagen erhalten geblieben. Mödlareuth ist dadurch zu einem außergewöhnlichen Erinnerungsort der deutschen Geschichte geworden. Mauerreste, Wachturm, Grenzzaun und weitere Anlagen machen sichtbar, was abstrakte Begriffe wie „deutsche Teilung“, „innerdeutsche Grenze“ oder „Eiserner Vorhang“ für die Menschen konkret bedeuteten.

Gerade die lange Geschichte Mödlareuths macht den Ort so faszinierend. Die Grenze selbst war nicht das eigentliche Problem. Sie existierte bereits seit Jahrhunderten. Ihre Bedeutung veränderte sich jedoch immer wieder. Sie war Herrschaftsgrenze, Zollgrenze, Landesgrenze, Besatzungszonengrenze und schließlich eine nahezu unüberwindbare Systemgrenze zwischen Demokratie und Diktatur. Zeitweise war sie kaum mehr als eine Verwaltungslinie, zu anderen Zeiten bestimmte sie nahezu jeden Aspekt des täglichen Lebens.

Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort
Mödlareuth erzählt deshalb nicht nur die Geschichte eines geteilten Dorfes. Der Ort zeigt im Kleinen, wie politische Systeme das Leben von Menschen verändern können. Dieselben Nachbarn, dieselben Familien, derselbe Bach und dieselben Häuser blieben bestehen – doch die Bedeutung der Linie dazwischen änderte sich dramatisch. Aus einer jahrhundertealten Grenze wurde im Kalten Krieg eine Mauer zwischen zwei politischen Welten. Heute ist diese Grenze wieder nahezu unsichtbar. Gerade deshalb ist Mödlareuth ein wichtiger Erinnerungsort: Es zeigt, dass offene Grenzen und die Freiheit, Nachbarn, Freunde und Verwandte auf der anderen Seite einfach besuchen zu können, keineswegs selbstverständlich sind.

Für mich steht fest: Das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth ist weit mehr als ein Museum. Es ist ein Ort, an dem deutsche Geschichte nicht hinter Glas verschwindet, sondern unmittelbar spürbar wird. Wer durch dieses kleine Dorf geht, steht dort, wo sich einst zwei politische Systeme gegenüberstanden – mitten zwischen Häusern, Familien und Nachbarn.
Was in Berlin zum weltweiten Symbol des Kalten Krieges wurde, geschah hier im Maßstab eines Dorfes. Gerade das macht das Deutsch-Deutsche Museum so wichtig. Die deutsche Teilung erscheint hier nicht als abstrakte Politik von Regierungen, Parteien und Militärblöcken. Sie wird zur Geschichte von Menschen. Nachbarn konnten nicht mehr zueinander. Wege endeten plötzlich an einer Grenze. Bewaffnete Grenzsoldaten, Zäune, Mauern und Beobachtung bestimmten einen Ort, der eigentlich nichts anderes sein wollte als ein Dorf.

Wer heute vor den erhaltenen Grenzanlagen steht, kann sich der Wirkung kaum entziehen. Eine Mauer quer durch ein Dorf wirkt vielleicht sogar bedrückender als viele Bilder der Berliner Mauer. Denn hier erkennt man unmittelbar die Absurdität der Teilung: Auf der anderen Seite liegt keine fremde Welt. Dort stehen Häuser, Felder und Straßen. Und doch war dieser kurze Abstand für Jahrzehnte nahezu unüberwindbar.

Deshalb ist Mödlareuth auch mehr als ein Erinnerungsort. Das Museum erinnert daran, dass Freiheit, Demokratie und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, keine Selbstverständlichkeiten sind. Geschichte besteht nicht nur aus Jahreszahlen. Sie besteht aus Entscheidungen – und aus den Folgen dieser Entscheidungen für ganz normale Menschen.
Am 9. Dezember 1989 wurde der Grenzübergang in Mödlareuth geöffnet. Die politische Grenze verschwand. Eine Besonderheit aber blieb: Noch heute gehört ein Teil des Dorfes zu Bayern und der andere zu Thüringen.
Mödlareuth bewahrt damit eine Geschichte, die wir gerade deshalb erzählen müssen, weil die Generation der Zeitzeugen kleiner wird. Irgendwann werden keine Menschen mehr berichten können, wie es sich anfühlte, in einem geteilten Land zu leben. Dann brauchen wir Orte wie diesen.
Man kann Bücher über die deutsche Teilung lesen. Man kann Dokumentarfilme sehen und historische Aufnahmen betrachten. Aber in Mödlareuth steht man plötzlich selbst vor der Mauer. Und in diesem Moment wird aus Geschichte Erinnerung – und aus Erinnerung Verantwortung.

Filmtipp: Tannbach – Schicksal eines Dorfes
Die ZDF-Produktion „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ erzählt am Beispiel eines fiktiven Dorfes, wie die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg unmittelbar in das Leben der Menschen eingriff. Familien, Freunde und Nachbarn geraten zwischen die Fronten der entstehenden politischen Systeme in Ost und West. Aus persönlichen Konflikten werden politische – und eine Grenze beginnt, eine Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen.

Inspiriert wurde die Geschichte unter anderem durch das reale Mödlareuth, jenes bayerisch-thüringische Dorf, das jahrzehntelang tatsächlich durch die innerdeutsche Grenze geteilt war. Gerade diese Verbindung macht „Tannbach“ so eindringlich: Die Serie zeigt, dass der Kalte Krieg nicht nur in Berlin, Washington oder Moskau stattfand. Er verlief durch Dörfer, durch Familien und manchmal buchstäblich direkt vor der eigenen Haustür.

Mit Schauspielern wie Henriette Confurius, Heiner Lauterbach, Nadja Uhl und Martina Gedeck verbindet die Produktion historische Ereignisse mit persönlichen Schicksalen. So wird aus großer deutscher Geschichte eine emotionale Erzählung über Heimat, Ideologie, Anpassung, Widerstand und die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, wenn eine Grenze plötzlich ihr Leben bestimmt.

30 Jahre Ampelmann – Wie ein Ost-Symbol zum gesamtdeutschen Kult wurde

27. Juli 2026

Ich sammle Bilder von Ampelmännchen von verschiedenen Städten. Und es begann mit dem Verkehrszeichen der DDR. Was einst als Verkehrszeichen der DDR begann, ist heute eine weltweit bekannte Design- und Kultmarke: Der Ampelmann feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag als Marke. Am 27. Juli 1996 stellte der Tübinger Produktdesigner Markus Heckhausen sein Ampelmann-Projekt erstmals der Öffentlichkeit vor – und bewahrte damit eine der bekanntesten Alltagsikonen Ostdeutschlands vor dem Verschwinden.

Das charakteristische Ampelmännchen wurde bereits 1961 vom DDR-Verkehrspsychologen Karl Peglau entworfen. Mit seinem Hut, den ausgestreckten Armen und den klar erkennbaren Bewegungen sollte es insbesondere Kindern und älteren Menschen helfen, Verkehrssignale intuitiv zu verstehen. Die bewusst freundliche Gestaltung gilt bis heute als Beispiel für gelungenes Informationsdesign. Studien bescheinigten dem Ost-Ampelmännchen eine besonders hohe Wiedererkennbarkeit und gute Verständlichkeit im Straßenverkehr.

Nach der deutschen Wiedervereinigung stand das Symbol jedoch vor dem Aus. Die Verkehrszeichen der ehemaligen DDR sollten schrittweise durch westdeutsche Ampelsymbole ersetzt werden. Markus Heckhausen erkannte früh den kulturellen Wert der Figur und setzte sich mit großem Engagement dafür ein, das Ost-Ampelmännchen zu erhalten. Ihm gelang es nicht nur, Behörden und Öffentlichkeit zu überzeugen, sondern auch Karl Peglau und dessen langjährige Mitarbeiterin Anneliese Wegner an der Entwicklung der Marke zu beteiligen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand eine enge persönliche Freundschaft zwischen Heckhausen und Peglau, die bis zu Peglaus Tod im Jahr 2009 bestand.

Heute steht der Ampelmann weit über seine ursprüngliche Funktion als Verkehrszeichen hinaus für deutsche Designgeschichte, Wiedervereinigung und gelebte Erinnerungskultur. Für Heckhausen symbolisiert die Figur den Zusammenhalt zwischen Ost- und Westdeutschland und erinnert daran, dass die Wiedervereinigung nicht nur wirtschaftliche und politische, sondern auch kulturelle Herausforderungen mit sich brachte. Der Erhalt des Ampelmännchens gilt deshalb als eines der wenigen Beispiele, bei denen ein ostdeutsches Alltagsprodukt nach der Wende nicht verschwand, sondern bundesweit und international erfolgreich wurde.

Aus dem einst bedrohten Verkehrszeichen entwickelte sich eine erfolgreiche Berliner Kultmarke. Mehr als 70 Mitarbeitende arbeiten heute für das Unternehmen. Das Sortiment umfasst inzwischen über 600 Produkte – von Kleidung und Tassen bis hin zu Souvenirs und Designartikeln. Besucher aus aller Welt entdecken den Ampelmann in sieben Berliner Geschäften, unter anderem an den Hackeschen Höfen, am Berliner Dom, Unter den Linden, im Berliner Hauptbahnhof sowie am Flughafen BER.

Der Ampelmann ist damit längst mehr als ein Fußgängersignal. Er steht für gelungenes Industriedesign, den respektvollen Umgang mit kulturellem Erbe und für die Erkenntnis, dass Identität oft in den kleinen Dingen des Alltags entsteht. Drei Jahrzehnte nach seiner Rettung ist das Ampelmännchen nicht nur ein Wahrzeichen Berlins, sondern auch ein Symbol dafür, wie aus einem regionalen Verkehrszeichen eine internationale Kultfigur werden kann.

Buchtipp: Das München Album von Gerhard Holzheimer und Katja Sebald

20. März 2025

Aus einer München-Gruppe habe ich am Rande eines Postings einen schönen nostalgischen Buchtipp bekommen. Das München Album von Gerhard Holzheimer und Katja Sebald. Beide sind im oberbayerischen Raum keine Unbekannte – Holzheimer ist Schriftsteller, Sebald ist Journalistin und Kuratorin.

Mit dem Buch das München Album hatten sie eine nette Idee. Menschen sollten ihre alten Fotoalben sichten oder auf dem Dachboden alte Fotos suchen und ihr persönliches zeitgeschichtliches Album anlegen. Mit dem München Album haben sie es uns vorgemacht. Viele Fotos wurden aufgetrieben, chronologisch geordnet und mit erklärenden Texten ergänzt. Einige Fotos aus dem Buch stammten aus dem Privatbesitz, andere aus Archiven – das passt zwar nicht zur ursprünglichen Idee der Fotos vom Dachboden, aber egal.

Ich habe diesen Streifzug durch die Stadtgeschichte genossen und es hat mich inspiriert, was für mich das Wichtigste ist. Die Bilder und Geschichten begannen nach dem Zweiten Weltkrieg als München zerbombt war und von US-Truppen besetzt wurde. München – eine Stadt voller Kontraste, eine Stadt, die sich neu erfand. In den Jahren nach dem Krieg erhob sie sich aus den Trümmern, die Wunden der Vergangenheit noch sichtbar, aber der Blick nach vorne gerichtet. Die Straßen füllten sich mit Leben, mit Menschen, die Träume hatten, mit Geschäftsleuten, die von Aufschwung sprachen, mit Familien, die sich ein neues Zuhause schufen. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders, eine Epoche, in der der Glanz der Zukunft die Schatten der Geschichte überstrahlen sollte.

Die Frauen in eleganten Kleidern, die Männer mit Hüten, das geschäftige Treiben auf der Kaufingerstraße – all das erzählte von einem München, das wieder pulsierte. Biergärten füllten sich mit Lachen, und sonntags strömten die Menschen in Scharen an die Isar, um sich eine Pause vom neu entfachten Arbeitseifer zu gönnen. Die Stadt blühte auf, zwischen den frisch errichteten Gebäuden und den letzten Narben des Krieges.

Doch mit der aufstrebenden Moderne kam auch der Widerstand. In den Hörsälen der Universitäten keimte eine neue Bewegung heran – eine Generation, die nicht nur von Wohlstand sprach, sondern von Veränderung, von Freiheit. Der Muff der Vergangenheit sollte nicht in den Polstern der Republik hängen bleiben. In Schwabing und an der Ludwig-Maximilians-Universität formierten sich junge Stimmen gegen alte Strukturen. Proteste, Diskussionen, Aufbruch – München wurde zur Bühne für eine neue Zeit.

Zwischen den Wirtschaftswunderjahren und den brennenden Fragen der Jugend lag eine Stadt im Wandel. Eine Stadt, die wuchs, die sich formte, die Altes bewahrte und Neues herausforderte. Ein München, das lebte, das stritt, das lachte – und das sich, egal in welcher Zeit, immer wieder neu erfand.

Ich erbte von meinen verstorbenen Eltern ihre Fotoalben. Darin Hunderte von Fotos von Menschen und Ereignissen, die mir unbekannt waren. Ab und zu gab es aber Schnappschüsse, die einen gewissen historischen Wert haben, wie beispielsweise die Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit an denen mein Papa in Berlin teilgenommen hat. Oder Hochwasser am Rhein mit einem überschwemmten Deutschen Eck in Koblenz. Oder Spaziergänge meiner Eltern in der Mode der Sechziger und später Siebziger Jahre.

Mein ganz persönlicher Moment des Mauerfalls

10. November 2019

Gestern war 30 Jahre Mauerfall und ich erinnere mich an einen kleinen persönlichen Moment, der mir bewusst gemacht, dass etwas Großartiges passiert ist. Über meinen Moment des Mauerfalls habe ich vor 10 Jahren gebloggt.

„Bitte nicht vergessen: Sie fahren weiter durch Deutschland.“

„Bitte nicht vergessen: Sie fahren weiter durch Deutschland.“

Am Tag nach dem Mauerfall, also am 10. November, kam es zu einer spontanen Begegnung – heute vor 30 Jahren. Ich wohnte damals in Fürstenfeldbruck, eine Kreisstadt im Westen von München. Ich fuhr am Morgen mit meinen Auto durch Fürstenfeldbruck Richtung München. An einem kleinen Hügel kam es zu einer Begegnung. Mir kam ein Plastikbomber entgegen – ein Trabi.
Es war das Standardfahrzeug in der DDR. Ich kannte den Trabant durch unsere Ostverwandtschaft, die wir einmal im Jahr besuchten. Also da kam mir dieser Trabi entgegen, der wohl nach der Maueröffnung sofort losgefahren sein muss, so dass er morgens Fürstenfeldbruck in Bayern erreichte.
Ich sah das Fahrzeug und mir wurde wieder bewusst: Die Mauer ist offen. Ich hab es zwar im Fernsehen nachts verfolgt, aber eben nur auf der Mattscheibe. Jetzt war ein Trabi da und ich realisierte, was wirklich passiert ist. Ich reagierte unbewusst: Ich betätigte die Lichthupe meines Fahrzeugs und blendete meine Scheinwerfer zum Gruß auf, ein-, zweimal. Die Antwort kam prompt zurück. Der Trabi blendete auch auf. Der Trabbi hatte meinen Gruß registriert und reagierte. Der Fahrer blendete ebenfalls auf.

Der Todesstreifen der Mauer.

Der Todesstreifen der Mauer.

Dann fuhren wir mit unvermittelter Geschwindigkeit aneinander vorbei. Auf gleicher Höhe blicken wir uns in die Augen. Im Trabi sah ein junger Kerl am Steuer, daneben eine junge Frau. Wir nickten uns kurz zu. Dann war alles vorbei. Der Trabi fuhr weiter durch Fürstenfeldbruck, ich fuhr weiter Richtung München.
Wer es war, den ich da gesehen habe, weiß ich nicht. Ich habe die beiden nicht wieder gesehen, aber diese Szene hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Es war nur eine kleine, unbedeutende Szene, aber es war mein persönlicher Moment.

Deutsche Einheit: Als DDR-Bürger in Hof eintrafen

6. Oktober 2017

Ein paar Tage nach dem 3. Oktober kommt mein persönlicher Tag der Deutschen Einheit. Bei meinen Seminareisen komme ich viel in Deutschland herum und machte auch im oberfränkischen Hof Station. Dort am Hofer Hauptbahnhof ist ein besonderer Platz der Überwindung der deutschen Teilung.

Ein Denkmal am Hofer Hauptbahnhof.

Ein Denkmal am Hofer Hauptbahnhof.

Immer wenn ich das Video aus der Deutschen Botschaft in Prag sehe, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher verkündete im Oktober 1989 den DDR-Flüchtlingen in der bundesdeutschen Botschaft ihre Ausreise und die Stimme von Genschman geht im Jubel der Flüchtlinge unter. Mit dem Zug reisten die Botschaftsflüchtlinge über Hof aus. Dazu wurde als Erinnerung ein Denkmal aufgestellt. „Der Mut und das Durchhaltevermögen der Menschen dort war ein Meilenstein zur Überwindung der Deutschen Teilung“, heißt es zur Begründung. Der Entwurf für dieses Denkmal stammt von der Staatlichen Fachschule für Produktdesign Selb von Florian Rotbauer.


Das Denkmal besteht aus drei Steinstehlen mit eingelassenen Schrifttafeln. Dort steht nochmal die Geschichte der Ausreise beschrieben. 4500 DDR-Bürger flohen in die bundesdeutsche Botschaft nach Prag. Das diplomatische Ringen begann. Genscher kam am 30. September 1989 und gab um 18:58 Uhr vom Balkon der Botschaft bekannt:

„Liebe Landsleute,
wir sind zu Ihnen gekommen,
Um Ihnen mitzuteilen,
Dass heute Ihre Ausreise“
Schreie, Jubel
„… in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“

 

Am 30. September 1989 verlassen sechs überfüllte Züge Prag. Die Ausreisegenehmigung verknüpfen die SED-Diktatoren mit der Bedingung, dass die Zufahrt demonstrativ noch einmal über das staatliche Territorium der DDR führen müsste. Grund der Genossen: Die Botschaftsflüchtlinge können nur vom Boden der DDR aus der ostdeutschen Staatsbürgerschaft entlassen werden. Also ging die Zugfahrt über Dresden und Plauen, bevor sie an in Hof die Bundesrepublik erreichten. Die Bilder von damals hab ich noch immer im Hof. Am 1. Oktober 1989 um 6:14 Uhr trifft der erste Zug mit 1210 Flüchtlingen in Hof ein.

In den Folgetagen kamen 8000 ehemalige DDR-Bürger in Hof an und die Bevölkerung und Stadt Hof nahm die Menschen mit beispielhafter Gastfreundschaft auf. Daran sollten wir uns bei der anhaltenden Flüchtlingsdebatte immer wieder erinnern.
Der Bahnhof Hof selbst ist eine Augenweide. In meinem 360 Grad Video mache ich einen Rundgang durch den Bahnhof und erzähle die Geschichte des tollen Baus.

 

25 Jahre Deutsche Einheit – Unboxing einer Kiste nach 25 Jahren mit DDR-Konsumgütern

3. Oktober 2015

25 Jahre lag diese Kiste mit DDR-Konsumwaren in meiner Garage. Jetzt öffne ich sie.

25 Jahre lag diese Kiste mit DDR-Konsumwaren in meiner Garage. Jetzt öffne ich sie.

Große und kleine Reden gibt es zum heutigen 3. Oktober 2015 – dem 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. Ich will den Jahrestag mit einer persönlichen Geschichte würzen und öffne einen Karton, den ich im April 1990 mit Waren aus der damaligen DDR befüllt habe. Warum ich den Karton überhaupt gepackt habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es eine persönliche Geste mit der DDR abzuschließen, vielleicht waren es persönliche Erinnerungen. Wenn es eine große Geschichte dahinter gegeben hat, dann hab ich sie vergessen. So groß kann die Geschichte dann doch nicht gewesen sein.


Also mache ich ein klassisches Unboxing zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. 25 Jahre stand die Kiste dort, den Inhalt hatte ich vergessen. Der Karton war in der Garage auf einem Regal untergebracht. Er ist ziemlich verstaubt und auch schon eingedrückt. Ein Teil der alten Küche hat auf dem Karton gelegen. Die sozialistischen Waren haben die Beeinträchtigung allerdings recht gut überstanden. Die DDR ist zäh.

Cola Flaschen verpackt finden sich in der Kiste.

Cola Flaschen verpackt finden sich in der Kiste.

Ich ging ans Auspacken. Zunächst kamen zwei historische Coca Cola Flaschen aus Ungarn zu Tage. Die Form der Flaschen mag ich noch heute. Eingewickelt waren die Flaschen in Zeitungspapier. Auf einen befanden sich Ratschläge für den Kraftfahrer in der DDR – irgendwie skuril. Die dritte Flasche war dann eine Ost-Cola. Cola Hit (0,65 Mark) nannte sie sich und war mit Coke oder Pepsi nicht zu vergleichen.

Cola hit - war die DDR-Variante von Coca Cola.

Cola hit – war die DDR-Variante von Coca Cola.

Auch kam das Scheuermittel ATA (0,13 Mark)  und das Waschmittel Spee (2 Mark) hervor. Schön die Verpackungen der VEB-Kombinate. In der Kiste waren noch zahlreiche Orwo-Filme, das war ein Schwarzweiß-Negativfilm aus der DDR. Den setzte ich für meine journalistische Arbeit ein und der Film war robust und ließ sich gut im Heimlabor handhaben. Es gab noch zahlreiche Verpackungen, ein DDR-Autoaufkleber, ein Schallplattenreinigungstuch (1,80 Mark) sowie Mauerreste, denn ich war ja auch mal als Mauerspecht tätig. Toll ein Beleg der Staatsbank der DDR. Ich tausche 150 DM in 450 Ostmark zum Kurs 1:3.

DDR-Autoaufkleber waren auch dabei.

DDR-Autoaufkleber waren auch dabei.

Sehr interessant war ein Tischkalender von 1989. Schon damals notierte ich mir akribisch meine Termine, um nicht den Überblick zu verlieren. Am 9. November 1989 besuchhte ich übrigens ein Supercharge Konzert und der Rest ist Geschichte.
Viel Spaß mit dem Video, es ist eine Reise in meine Vergangenheit und ja, ich bin froh um die Deutsche Einheit.

Zeitungen aus der DDR - hier die Junge Welt.

Zeitungen aus der DDR – hier die Junge Welt.

Buchtipp: Gestatten, dass ich sitzen bleibe von Udo Reiter

13. Juli 2015

Die Autobiografie des Journalisten Udo Reiter Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben hat mich nachdenklich gemacht. Eigentlich stieß ich auf das Buch Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben als ich die Autobiografie von Thomas Gottschlak Herbstblond las. Reiter war seit 1986 Hörfunkdirektor beim Bayerischen Rundfunk und hat die Karriere von Thomas Gottschlak am Rundfunkplatz 1 massiv vorangetrieben und unterstützt. Gottschlak kommt super weg in den Buch und genau, das wollte ich auch lesen. Ich erinnerte mich wieder, wie gerne ich die B3 Radioshow als Schüler bei meinen Hausaufgaben gehört habe. Wie mich Gottschalk und Jauch gefesselt haben, die Wortgefechte waren göttlich und warum ich keine Münchner Privatsender hören wollte. Aber es ist deutlich mehr zu finden in dem lesenswerten Buch.

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Dem Lindauer Udo Reiter begenete ich mehrmals in meinem Leben, hatte aber nicht groß Kontakt zu ihm. Ich war freier Mitarbeiter, Volontär und Redakteur beim Münchner Merkur, vor allem in der Lokalredaktion Fürstenfeldbruck. Udo Reiter wohnte in dem Dorf Rottbach und seine Frau war Lehrerin in Maisach, meinem heutigen Wohnort. Als Tageszeitungsmann wusste ich um seine Prominenz, zumal ich die Gemeinde Maisach redaktionell als Lokaljournalist zu betreuen hatte. Reiter war in meinem Hood. Aber Udo Reiter war privat dort und nicht als BR-Mann und damit kam er in meiner Berichterstattung nicht vor. Zwar sah ich ihn in seinem Rollstuhl bei dem einen oder anderen Dorffest, aber über ihn geschrieben habe ich nicht. Bei offiziellen Anlässen wie Medientage war er die große Nummer und ich ein kleines Licht.
Später habe ich ihn nochmals gesehen als er Professor in Mittweida war. Dort durfte ich zusammen mit meinem Kollegen Thomas Gerlach mehrere Lehraufträge absolvieren. Udo Reiter hielt Vorlesungen über Hörfunkjournalismus und war inzwischen Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks. Aber Hörfunk war als Printmann nie mein Bereich und so gab es an der Hochschule Mittweida kaum Berühungspunkte. Ich lauschte bei einem Medienforum in Mittweida einmal seinen Worten. Im nachhinein und vor allem als ich seine Autobiografie an zwei Tagen gelesen hatte, ärgere ich mich, denn Reiter hatte etwas zu sagen.
Hatte – ja hatte, denn Udo Reiter nahm sich am 9. Oktober 2014 in seinem Haus in Gottscheina bei Leipzig das Leben. Udo Reiter hatte sich erschossen. Wer sein Buch aufmerksam gelesen hat, dem wird es mit dem Wissen um seinen Selbstmord klar, was Reiter vorhatte. Er schreibt: „Aber wenn es nicht mehr geht, möchte ich nicht in einer Weise abtreten, die ich quälend ginde und die meiner bisherigen Lebensweise unwürdig ist.“ Das gab mir zu denken. Reiter weiter: „Dieses Recht auf eineb selbstbestimmten Tod ist das Gegenstück zum Recht auf ein sebstbestimmtes Leben. Ich finde es unerträglich, dass eine Allianz aus Politik, Kirche und Ärzteschaft uns dieses Recht immer noch vorenthalten will.“ Ich war bei der Lektüre über den angekündigten Selbstmord hin und her gerissen und auch zu keinem Schluss gekommen. Aber die Worte von Udo Reiter haben in meinem Kopf etwas bewegt.
Günther Jauch, den Reiter damals vom BR feuerte und später bereute, verlas später einen Abschiedsbrief und bringt mich zum Nachdenken über Sterbehilfe. Reiter schrieb in seinem Abschiedbrief: „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide abgenommen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner bisherigen Selbstständigkeit rechnen muss. Vor allem die Fähigkeit, aus eigener Kraft die Toilette zu benutzen und das Bett zu erreichen, und wieder zu verlassen, schwindet zunehmend. Parallel dazu beobachte ich auch ein Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten, das wohl kürzer oder später in einer Demenz enden wird. Ich habe mehrfach erklärt, dass ein solcher Zustand nicht meinem Bild von mir selbst entspricht und dass ich nach einem trotz Rollstuhl selbstbestimmten Leben nicht als ein von Anderen abhängiger Pflegefall enden möchte. Aus diesem Grund werde ich meinem Leben jetzt selbst ein Ende setzen. Ich haben vielen zu danken, die meinen Weg begleitet und meinem Leben Freude und Sinn gegeben haben.“
Aber zurück zu seiner wirklich lesenswerten Autobiografie. Wir erfahren viel vom Aufwachsen des Arbeiterkindes Udo Reiter in Lindau und seinem Weg zum BR und später zum MDR. Mich interessierte die Strömungen beim Bayerischen Rundfunk. Ich habe miterlebt, wie Reiter die Service-Welle B5 aktuell ins Leben rief. Im Grunde kupferte er diese Idee des Nachrichtenradios in Frankreich bei France Info ab. Noch heute höre ich B5 aktuell morgens beim Rasieren und informiere mich über die Nachrichtenlage.
Die Skandale um den MDR und vor allem KiKa interessierten mich weniger als vielmehr die Herausforderung der Digitalisierung. Wie kam ein alter Haudegen wie Reiter mit dem Medienwandel klar? Reiter setzte auf Trimedialität, was heute ein Zauberwort im BR ist und leider nicht von allen BR-Mitarbeitern gelebt wird. Reiter selbst habe ich über Twitter kennengelernt. Ich war sein Follower, er folgte mir nicht. Streitbar war er in Twitter, teilte aus und bekam einmal einen fetten Shitstorm ab, als er zur Deutschen Einheit twitterte: „einheitstag 2030: bundespräsident mohammed mustafa ruft die muslime auf, die rechte der deutschen Minderheit zu wahren.“ Das war es dann mit Udo Reiter bei Twitter. Er legte seinen Account still.

Mit diesem Tweet erntete Reiter einen Shitstorm und verschwand aus Twitter.

Mit diesem Tweet erntete Reiter einen Shitstorm und verschwand aus Twitter.

Mir hat das Buch Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben auf der einen Seite sehr viel Spaß beim Lesen bereitet, auf der anderen Seite hat es mich sehr nachdenklich zum Thema Sterbehilfe und Freitod gemacht. Entscheidet selbst!

20 Jahre Deutsche Einheit

30. September 2010

In wenigen Tagen ist es wieder soweit. Zum 20. Mal jährt sich am 3. Oktober der Tag der Deutschen Einheit. Und wieder wird viel geschrieben und viel diskutiert. Ich habe zum Jahrestag ein Video im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung aufgezeichnet. Hier gibt der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair professionell ein Statement ab, dem ich zustimmen kann. Gut gesprochen. Wir sollten uns freuen, freuen über unseren Tag der Deutschen Einheit.

Ich erinnere mich noch an die bewegten Szenen in Prag, als der Träger des gelben Pullunders Hans-Dietrich Genscher den Flüchtlingen in der Botschaft ihre Freiheit verkündete. Die kurze Ansprache von Genscher geht im Jubel der Massen unter. Noch heute läuft es mir kalt den Rücken herunter. Hier wurde Geschichte gemacht. Ich erinnere mich gerne daran und auch wenn mit der Deutschen Einheit nicht alles optimal verlaufen ist, die Entscheidung war richtig.

Ich hatte damals in Ungarn mit Schulfreunden Urlaub gemacht und habe die Vorläufer des Zusammenbruchs live miterlebt. Wir hatten ein Haus am Plattensee gemietet und der Nachbar ein war DDR-Offizieller. Ich glaub, er war bei der Armee und wir unterhielten uns abends über den Zaun über das geteilte Land. Wir luden ihn ein, ein Bier auf unserer Seite des Gartenzauns zu trinken. Er lehnte ab. Die Geschichte hat gezeigt, dass seine Mitbürger nicht ablehnten und den Zaun niederrissen. Das war gut so. Am 9. November vergangenen Jahres habe ich mir meine Gedanken zum Mauerfall gemacht.

Was hast du gemacht, als die Mauer fiel?

9. November 2009

Die Generation meiner Eltern wusste auf die Frage: „Was hat du gemacht, als Kennedy erschossen wurde?“ immer eine Antwort. Meine Generation kann auf zwei Fragen antworten: „Was hast du am 11. September gemacht?“ und „Wie hast du vom Fall der Mauer erfahren?“

Nun, es ist am 9. November 20 Jahre her. Meine Familie hat seit den siebziger Jahren immer die Familie im Osten, in der Ostzone oder „DDR“ (in Anführungszeichen) besucht. Das Lied „Einigkeit in Recht und Freiheit“ hatte für uns eine Bedeutung, natürlich mehr für die Generation meiner Eltern als für mich. Dennoch war die Zweiteilung Deutschlands immer Gesprächsthema am Abendessenstisch. Nach meinen Abi war ich mit meinen Kumpels in Ungarn und erlebte die Flucht der Deutschen über Ungarn mit. Am Nebenhaus am Plattensee longierte ein DDR-Funktionär, der sich aufregte, dass wir junge Menschen uns solche Autos und Bikes leisten konnten. Später verfolgten wir die Ereignisse in der Prager Botschaft. Bei dem entscheidenden Satz von Genscher läuft es mir heute noch kalt über den Rücken. Da bin ich nicht allein. Einer Kollegin aus Leipzig, die heute in Nürnberg bei einer Zeitung arbeit, ging es nach eigenen Aussagen ebenso.

Am 9. November 1989 hatte ich keine Politik im Kopf. Ich hatte Karten für ein Konzert von Albie Donnelly‘s „Supercharge“. Die Bläserband gastierte in der TU Mensa München. Soulpower und Rhythm & Blues waren an diesem Abend aber nicht mein Ding und ich verließ das Konzert noch bei den Zugaben. Zu Hause schaltete ich zum Runterkommen die Glotze an und fiel fast vom Stuhl. Die Mauer ist offen. Ostberliner strömten nach Westen. Live wurde im Fernsehen von der Maueröffnung berichtet. Plastikbomber, wie die Trabbis bei uns in der Familie hießen, knatterten durch Westberlin. WOW. Ich war sprachlos. Sofort weckte ich meine Eltern und die Familie versammelte sich vor dem Fernseher. Außerdem versuchte mein Vater bei den Verwandten in der DDR (ohne Anführungszeichen) telefonisch durchzukommen.

Meine persönliche deutsch-deutsche Begegnung hatte ich ein paar Tage später. Ich fuhr mit dem Auto durch meine Heimatstadt und mir kam ein Trabbi entgegen. Ich blendete auf, der Fahrer betätigte die Lichthupe – wir verstehen uns. Die deutsche Einheit konnte kommen.