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Deutsche Einheit: Als DDR-Bürger in Hof eintrafen

6. Oktober 2017

Ein paar Tage nach dem 3. Oktober kommt mein persönlicher Tag der Deutschen Einheit. Bei meinen Seminareisen komme ich viel in Deutschland herum und machte auch im oberfränkischen Hof Station. Dort am Hofer Hauptbahnhof ist ein besonderer Platz der Überwindung der deutschen Teilung.

Ein Denkmal am Hofer Hauptbahnhof.

Ein Denkmal am Hofer Hauptbahnhof.

Immer wenn ich das Video aus der Deutschen Botschaft in Prag sehe, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher verkündete im Oktober 1989 den DDR-Flüchtlingen in der bundesdeutschen Botschaft ihre Ausreise und die Stimme von Genschman geht im Jubel der Flüchtlinge unter. Mit dem Zug reisten die Botschaftsflüchtlinge über Hof aus. Dazu wurde als Erinnerung ein Denkmal aufgestellt. „Der Mut und das Durchhaltevermögen der Menschen dort war ein Meilenstein zur Überwindung der Deutschen Teilung“, heißt es zur Begründung. Der Entwurf für dieses Denkmal stammt von der Staatlichen Fachschule für Produktdesign Selb von Florian Rotbauer.


Das Denkmal besteht aus drei Steinstehlen mit eingelassenen Schrifttafeln. Dort steht nochmal die Geschichte der Ausreise beschrieben. 4500 DDR-Bürger flohen in die bundesdeutsche Botschaft nach Prag. Das diplomatische Ringen begann. Genscher kam am 30. September 1989 und gab um 18:58 Uhr vom Balkon der Botschaft bekannt:

„Liebe Landsleute,
wir sind zu Ihnen gekommen,
Um Ihnen mitzuteilen,
Dass heute Ihre Ausreise“
Schreie, Jubel
„… in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“

 

Am 30. September 1989 verlassen sechs überfüllte Züge Prag. Die Ausreisegenehmigung verknüpfen die SED-Diktatoren mit der Bedingung, dass die Zufahrt demonstrativ noch einmal über das staatliche Territorium der DDR führen müsste. Grund der Genossen: Die Botschaftsflüchtlinge können nur vom Boden der DDR aus der ostdeutschen Staatsbürgerschaft entlassen werden. Also ging die Zugfahrt über Dresden und Plauen, bevor sie an in Hof die Bundesrepublik erreichten. Die Bilder von damals hab ich noch immer im Hof. Am 1. Oktober 1989 um 6:14 Uhr trifft der erste Zug mit 1210 Flüchtlingen in Hof ein.

In den Folgetagen kamen 8000 ehemalige DDR-Bürger in Hof an und die Bevölkerung und Stadt Hof nahm die Menschen mit beispielhafter Gastfreundschaft auf. Daran sollten wir uns bei der anhaltenden Flüchtlingsdebatte immer wieder erinnern.
Der Bahnhof Hof selbst ist eine Augenweide. In meinem 360 Grad Video mache ich einen Rundgang durch den Bahnhof und erzähle die Geschichte des tollen Baus.

 

25 Jahre Deutsche Einheit – Unboxing einer Kiste nach 25 Jahren mit DDR-Konsumgütern

3. Oktober 2015
25 Jahre lag diese Kiste mit DDR-Konsumwaren in meiner Garage. Jetzt öffne ich sie.

25 Jahre lag diese Kiste mit DDR-Konsumwaren in meiner Garage. Jetzt öffne ich sie.

Große und kleine Reden gibt es zum heutigen 3. Oktober 2015 – dem 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. Ich will den Jahrestag mit einer persönlichen Geschichte würzen und öffne einen Karton, den ich im April 1990 mit Waren aus der damaligen DDR befüllt habe. Warum ich den Karton überhaupt gepackt habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es eine persönliche Geste mit der DDR abzuschließen, vielleicht waren es persönliche Erinnerungen. Wenn es eine große Geschichte dahinter gegeben hat, dann hab ich sie vergessen. So groß kann die Geschichte dann doch nicht gewesen sein.


Also mache ich ein klassisches Unboxing zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. 25 Jahre stand die Kiste dort, den Inhalt hatte ich vergessen. Der Karton war in der Garage auf einem Regal untergebracht. Er ist ziemlich verstaubt und auch schon eingedrückt. Ein Teil der alten Küche hat auf dem Karton gelegen. Die sozialistischen Waren haben die Beeinträchtigung allerdings recht gut überstanden. Die DDR ist zäh.

Cola Flaschen verpackt finden sich in der Kiste.

Cola Flaschen verpackt finden sich in der Kiste.

Ich ging ans Auspacken. Zunächst kamen zwei historische Coca Cola Flaschen aus Ungarn zu Tage. Die Form der Flaschen mag ich noch heute. Eingewickelt waren die Flaschen in Zeitungspapier. Auf einen befanden sich Ratschläge für den Kraftfahrer in der DDR – irgendwie skuril. Die dritte Flasche war dann eine Ost-Cola. Cola Hit (0,65 Mark) nannte sie sich und war mit Coke oder Pepsi nicht zu vergleichen.

Cola hit - war die DDR-Variante von Coca Cola.

Cola hit – war die DDR-Variante von Coca Cola.

Auch kam das Scheuermittel ATA (0,13 Mark)  und das Waschmittel Spee (2 Mark) hervor. Schön die Verpackungen der VEB-Kombinate. In der Kiste waren noch zahlreiche Orwo-Filme, das war ein Schwarzweiß-Negativfilm aus der DDR. Den setzte ich für meine journalistische Arbeit ein und der Film war robust und ließ sich gut im Heimlabor handhaben. Es gab noch zahlreiche Verpackungen, ein DDR-Autoaufkleber, ein Schallplattenreinigungstuch (1,80 Mark) sowie Mauerreste, denn ich war ja auch mal als Mauerspecht tätig. Toll ein Beleg der Staatsbank der DDR. Ich tausche 150 DM in 450 Ostmark zum Kurs 1:3.

DDR-Autoaufkleber waren auch dabei.

DDR-Autoaufkleber waren auch dabei.

Sehr interessant war ein Tischkalender von 1989. Schon damals notierte ich mir akribisch meine Termine, um nicht den Überblick zu verlieren. Am 9. November 1989 besuchhte ich übrigens ein Supercharge Konzert und der Rest ist Geschichte.
Viel Spaß mit dem Video, es ist eine Reise in meine Vergangenheit und ja, ich bin froh um die Deutsche Einheit.

Zeitungen aus der DDR - hier die Junge Welt.

Zeitungen aus der DDR – hier die Junge Welt.

Buchtipp: Gestatten, dass ich sitzen bleibe von Udo Reiter

13. Juli 2015

Die Autobiografie des Journalisten Udo Reiter Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben hat mich nachdenklich gemacht. Eigentlich stieß ich auf das Buch Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben als ich die Autobiografie von Thomas Gottschlak Herbstblond las. Reiter war seit 1986 Hörfunkdirektor beim Bayerischen Rundfunk und hat die Karriere von Thomas Gottschlak am Rundfunkplatz 1 massiv vorangetrieben und unterstützt. Gottschlak kommt super weg in den Buch und genau, das wollte ich auch lesen. Ich erinnerte mich wieder, wie gerne ich die B3 Radioshow als Schüler bei meinen Hausaufgaben gehört habe. Wie mich Gottschalk und Jauch gefesselt haben, die Wortgefechte waren göttlich und warum ich keine Münchner Privatsender hören wollte. Aber es ist deutlich mehr zu finden in dem lesenswerten Buch.

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Dem Lindauer Udo Reiter begenete ich mehrmals in meinem Leben, hatte aber nicht groß Kontakt zu ihm. Ich war freier Mitarbeiter, Volontär und Redakteur beim Münchner Merkur, vor allem in der Lokalredaktion Fürstenfeldbruck. Udo Reiter wohnte in dem Dorf Rottbach und seine Frau war Lehrerin in Maisach, meinem heutigen Wohnort. Als Tageszeitungsmann wusste ich um seine Prominenz, zumal ich die Gemeinde Maisach redaktionell als Lokaljournalist zu betreuen hatte. Reiter war in meinem Hood. Aber Udo Reiter war privat dort und nicht als BR-Mann und damit kam er in meiner Berichterstattung nicht vor. Zwar sah ich ihn in seinem Rollstuhl bei dem einen oder anderen Dorffest, aber über ihn geschrieben habe ich nicht. Bei offiziellen Anlässen wie Medientage war er die große Nummer und ich ein kleines Licht.
Später habe ich ihn nochmals gesehen als er Professor in Mittweida war. Dort durfte ich zusammen mit meinem Kollegen Thomas Gerlach mehrere Lehraufträge absolvieren. Udo Reiter hielt Vorlesungen über Hörfunkjournalismus und war inzwischen Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks. Aber Hörfunk war als Printmann nie mein Bereich und so gab es an der Hochschule Mittweida kaum Berühungspunkte. Ich lauschte bei einem Medienforum in Mittweida einmal seinen Worten. Im nachhinein und vor allem als ich seine Autobiografie an zwei Tagen gelesen hatte, ärgere ich mich, denn Reiter hatte etwas zu sagen.
Hatte – ja hatte, denn Udo Reiter nahm sich am 9. Oktober 2014 in seinem Haus in Gottscheina bei Leipzig das Leben. Udo Reiter hatte sich erschossen. Wer sein Buch aufmerksam gelesen hat, dem wird es mit dem Wissen um seinen Selbstmord klar, was Reiter vorhatte. Er schreibt: „Aber wenn es nicht mehr geht, möchte ich nicht in einer Weise abtreten, die ich quälend ginde und die meiner bisherigen Lebensweise unwürdig ist.“ Das gab mir zu denken. Reiter weiter: „Dieses Recht auf eineb selbstbestimmten Tod ist das Gegenstück zum Recht auf ein sebstbestimmtes Leben. Ich finde es unerträglich, dass eine Allianz aus Politik, Kirche und Ärzteschaft uns dieses Recht immer noch vorenthalten will.“ Ich war bei der Lektüre über den angekündigten Selbstmord hin und her gerissen und auch zu keinem Schluss gekommen. Aber die Worte von Udo Reiter haben in meinem Kopf etwas bewegt.
Günther Jauch, den Reiter damals vom BR feuerte und später bereute, verlas später einen Abschiedsbrief und bringt mich zum Nachdenken über Sterbehilfe. Reiter schrieb in seinem Abschiedbrief: „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide abgenommen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner bisherigen Selbstständigkeit rechnen muss. Vor allem die Fähigkeit, aus eigener Kraft die Toilette zu benutzen und das Bett zu erreichen, und wieder zu verlassen, schwindet zunehmend. Parallel dazu beobachte ich auch ein Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten, das wohl kürzer oder später in einer Demenz enden wird. Ich habe mehrfach erklärt, dass ein solcher Zustand nicht meinem Bild von mir selbst entspricht und dass ich nach einem trotz Rollstuhl selbstbestimmten Leben nicht als ein von Anderen abhängiger Pflegefall enden möchte. Aus diesem Grund werde ich meinem Leben jetzt selbst ein Ende setzen. Ich haben vielen zu danken, die meinen Weg begleitet und meinem Leben Freude und Sinn gegeben haben.“
Aber zurück zu seiner wirklich lesenswerten Autobiografie. Wir erfahren viel vom Aufwachsen des Arbeiterkindes Udo Reiter in Lindau und seinem Weg zum BR und später zum MDR. Mich interessierte die Strömungen beim Bayerischen Rundfunk. Ich habe miterlebt, wie Reiter die Service-Welle B5 aktuell ins Leben rief. Im Grunde kupferte er diese Idee des Nachrichtenradios in Frankreich bei France Info ab. Noch heute höre ich B5 aktuell morgens beim Rasieren und informiere mich über die Nachrichtenlage.
Die Skandale um den MDR und vor allem KiKa interessierten mich weniger als vielmehr die Herausforderung der Digitalisierung. Wie kam ein alter Haudegen wie Reiter mit dem Medienwandel klar? Reiter setzte auf Trimedialität, was heute ein Zauberwort im BR ist und leider nicht von allen BR-Mitarbeitern gelebt wird. Reiter selbst habe ich über Twitter kennengelernt. Ich war sein Follower, er folgte mir nicht. Streitbar war er in Twitter, teilte aus und bekam einmal einen fetten Shitstorm ab, als er zur Deutschen Einheit twitterte: „einheitstag 2030: bundespräsident mohammed mustafa ruft die muslime auf, die rechte der deutschen Minderheit zu wahren.“ Das war es dann mit Udo Reiter bei Twitter. Er legte seinen Account still.

Mit diesem Tweet erntete Reiter einen Shitstorm und verschwand aus Twitter.

Mit diesem Tweet erntete Reiter einen Shitstorm und verschwand aus Twitter.

Mir hat das Buch Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben auf der einen Seite sehr viel Spaß beim Lesen bereitet, auf der anderen Seite hat es mich sehr nachdenklich zum Thema Sterbehilfe und Freitod gemacht. Entscheidet selbst!

20 Jahre Deutsche Einheit

30. September 2010

In wenigen Tagen ist es wieder soweit. Zum 20. Mal jährt sich am 3. Oktober der Tag der Deutschen Einheit. Und wieder wird viel geschrieben und viel diskutiert. Ich habe zum Jahrestag ein Video im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung aufgezeichnet. Hier gibt der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair professionell ein Statement ab, dem ich zustimmen kann. Gut gesprochen. Wir sollten uns freuen, freuen über unseren Tag der Deutschen Einheit.

Ich erinnere mich noch an die bewegten Szenen in Prag, als der Träger des gelben Pullunders Hans-Dietrich Genscher den Flüchtlingen in der Botschaft ihre Freiheit verkündete. Die kurze Ansprache von Genscher geht im Jubel der Massen unter. Noch heute läuft es mir kalt den Rücken herunter. Hier wurde Geschichte gemacht. Ich erinnere mich gerne daran und auch wenn mit der Deutschen Einheit nicht alles optimal verlaufen ist, die Entscheidung war richtig.

Ich hatte damals in Ungarn mit Schulfreunden Urlaub gemacht und habe die Vorläufer des Zusammenbruchs live miterlebt. Wir hatten ein Haus am Plattensee gemietet und der Nachbar ein war DDR-Offizieller. Ich glaub, er war bei der Armee und wir unterhielten uns abends über den Zaun über das geteilte Land. Wir luden ihn ein, ein Bier auf unserer Seite des Gartenzauns zu trinken. Er lehnte ab. Die Geschichte hat gezeigt, dass seine Mitbürger nicht ablehnten und den Zaun niederrissen. Das war gut so. Am 9. November vergangenen Jahres habe ich mir meine Gedanken zum Mauerfall gemacht.

Was hast du gemacht, als die Mauer fiel?

9. November 2009

Die Generation meiner Eltern wusste auf die Frage: „Was hat du gemacht, als Kennedy erschossen wurde?“ immer eine Antwort. Meine Generation kann auf zwei Fragen antworten: „Was hast du am 11. September gemacht?“ und „Wie hast du vom Fall der Mauer erfahren?“

Nun, es ist am 9. November 20 Jahre her. Meine Familie hat seit den siebziger Jahren immer die Familie im Osten, in der Ostzone oder „DDR“ (in Anführungszeichen) besucht. Das Lied „Einigkeit in Recht und Freiheit“ hatte für uns eine Bedeutung, natürlich mehr für die Generation meiner Eltern als für mich. Dennoch war die Zweiteilung Deutschlands immer Gesprächsthema am Abendessenstisch. Nach meinen Abi war ich mit meinen Kumpels in Ungarn und erlebte die Flucht der Deutschen über Ungarn mit. Am Nebenhaus am Plattensee longierte ein DDR-Funktionär, der sich aufregte, dass wir junge Menschen uns solche Autos und Bikes leisten konnten. Später verfolgten wir die Ereignisse in der Prager Botschaft. Bei dem entscheidenden Satz von Genscher läuft es mir heute noch kalt über den Rücken. Da bin ich nicht allein. Einer Kollegin aus Leipzig, die heute in Nürnberg bei einer Zeitung arbeit, ging es nach eigenen Aussagen ebenso.

Am 9. November 1989 hatte ich keine Politik im Kopf. Ich hatte Karten für ein Konzert von Albie Donnelly‘s „Supercharge“. Die Bläserband gastierte in der TU Mensa München. Soulpower und Rhythm & Blues waren an diesem Abend aber nicht mein Ding und ich verließ das Konzert noch bei den Zugaben. Zu Hause schaltete ich zum Runterkommen die Glotze an und fiel fast vom Stuhl. Die Mauer ist offen. Ostberliner strömten nach Westen. Live wurde im Fernsehen von der Maueröffnung berichtet. Plastikbomber, wie die Trabbis bei uns in der Familie hießen, knatterten durch Westberlin. WOW. Ich war sprachlos. Sofort weckte ich meine Eltern und die Familie versammelte sich vor dem Fernseher. Außerdem versuchte mein Vater bei den Verwandten in der DDR (ohne Anführungszeichen) telefonisch durchzukommen.

Meine persönliche deutsch-deutsche Begegnung hatte ich ein paar Tage später. Ich fuhr mit dem Auto durch meine Heimatstadt und mir kam ein Trabbi entgegen. Ich blendete auf, der Fahrer betätigte die Lichthupe – wir verstehen uns. Die deutsche Einheit konnte kommen.