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Müde Wahlparty im Landratsamt – Europa zündet nicht

26. Mai 2019
Wenig Besucher im Foyer des Landratsamtes Fürstenfeldbruck zur Wahlparty.

Wenig Besucher im Foyer des Landratsamtes Fürstenfeldbruck zur Wahlparty.

Von der Europa-Begeisterung, die im Vorfeld der Europawahl zu verspüren war, kam nichts bei der Wahlparty im Landratsamt Fürstenfeldbruck an. Es kam so gut wie überhaupt keine Stimmung auf. 

Ich will mich an meine alte Zeiten des Tageszeitungsjournalismus erinnern und verfolge den wichtigen Wahlabend im Landratsamt. Hier kommen zum einen die Wahlergebnisse aus den Gemeinden des bayerischen Landkreises zusammen, zum anderen treffen Kommunal- und Bundespolitiker ein. Hier haben Bürger durchaus die Chance mit ihren Mandatsträgern ins Gespräch zu kommen. Diese Chance wird nicht wahrgenommen.

Als ich gegen 17:45 Uhr im Foyer des Landratsamtes Fürstenfeldbruck eintreffe, stoße ich auf die üblichen Verdächtigen. Ich treffe auf meine ehemaligen Kollegen der lokalen Tageszeitungen, Fürstenfeldbrucker Tagblatt/Münchner Merkur und Fürstenfeldbrucker Neueste Nachrichten/Süddeutsche Zeitung. Ich selbst war vor der Jahrtausendwende lange Zeit Tageszeitungsjournalist und habe etliche Wahlen begleitet. Zudem sind einige Fotografen angerückt, um die Europaeuphorie bildlich festzuhalten. Aber es gibt kaum etwas zu fotografieren, denn der Bürger fehlt größtenteils. 

Das geschmückte Foyer des Landratsamtes bietet alles für eine Party, aber wenn die Gäste ausbleiben, dann hilft auch die beste Deko nichts. Es gibt eine kleine Ausstellung mit Stelltafeln über Europa, darüber ein paar Europa-Luftballons. Auf einer großen Leinwand werden die einzelnen Ergebnisse aus den Landkreiskommunen per Beamer geworfen. Blöd, dass man dabei in die untergehende Sonne schauen muss. An grauen Stellwänden werden die Ergebnisse nochmals in Papierform aufgehängt. Ein paar Stehtische mit Salzstangen, die relativ schnell von allen verspeist wurden. 

Landrat Karmasin informiert sich.

Landrat Karmasin informiert sich.

In der Kinderspielecke des Landratsamtes haben Mitarbeiter drei Stuhlreihen zu je sechs Stühlen aufgestellt. Hier kann man Platz nehmen und die Wahlergebnisse aus Deutschland und Bremen anschauen. Bremen interessiert nur am Rande, wenn überhaupt. Auf dem TV läuft die ARD. Die Plätze davor sind kaum belegt. Landrat Thomas Karmasin (CSU) hat in der vorderen rechten Reihe Platz genommen und wartet auf die erste Prognose und dann die Hochrechnungen. Als er das Ergebnis für die CSU feststellt, nickt er anerkennend und wendet sich der Lokalpresse zu. Michael Schrodi, SPD-Mitglied des Deutschen Bundestages, ist eher nicht so gut gelaunt. Seine Partei ist massiv im Stinkflug. „Schlechte Zahlen, keine Frage“, sagt er. 

Europäische Schinkensemmel.

Europäische Schinkensemmel.

Ich hole mir derweil eine Schinkensemmel. Hier kommt ein wenig Europa-Feeling auf. In die Semmel ist eine kleine Europa-Fahne gesteckt, die ich herausnehme als ich in die Semmel hineinbeiße. Das Fähnchen hänge ich ins Knopfloch. Ja zu Europa. Derweil fotografiert ein Pressefotograf einen Bürger, der herzhaft in seine Europasemmel beißt. Seine Fahne steckt noch in der Backware. Wenn man sonst keine Motive hat, dann macht man sich eben welche.

Die CSU-Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler ist derweil gut drauf, keine Frage bei dem Ergebnis ihrer Partei. Sie gibt den Vertretern der Lokalpresse ihre Statements und Einschätzungen ab. Und der Reporterin der Süddeutschen erzählt sie, wo sie ihren Manfred Weber-Pappaufsteller stehen hat. Ich will es nicht verraten, denn die nette Geschichte gehört der Kollegin von der Süddeutschen. Ich bin mir sicher, dass sie die Story für die Zeitung aufgreift.

MdB Katrin Staffler ist gut drauf und spricht mit der Presse.

MdB Katrin Staffler ist gut drauf und spricht mit der Presse.

Die erste Gemeinde des Landkreises ist ausgezählt. Es ist 18:42 Uhr und die Zahlen von Oberschweinbach kommen herein. 43,06 Prozent CSU, 5,58 Prozent SPD, 17,51 Grüne, 10,71 AfD. 

18:48 Uhr der Fürstenfeldbrucker Oberbürgermeister Erich Raff schaut herein, schüttelt Hände und orientiert sich. Derweil meint Landrat Karmasin: „Solange sie antreten, habe ich Mitleid.“ Gemeint hat er wohl die SPD. 

Drei Schwarze im Gespräch.

Drei Schwarze im Gespräch.

Gegen 20 Uhr verlasse ich den Wahlabend. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Zu meiner aktiven Zeit als Lokalreporter war irgendwie mehr los. Europa zündet wohl nicht so recht bei den Leuten. Aber im Jahr 2020 ist Kommunalwahl, dann geht die Party richtig los. 

Als die Bayern Revoluzzer wurden – journalistisches Storytelling

1. April 2019

Vor kurzem hatte der Freistaat Bayern seinen 100. Geburtstag und ich habe dieses wichtige Ereignis mit einem Blogbeitrag gewürdigt. Jetzt ist mir bei einem Besuch des Münchner Merkurs ein Magazin zum Thema in die Hände gefallen, dass ich gerne gelesen habe.

Als die Bayern Revoluzzer wurden - schönes Magazin vom Münchner Merkur.

Als die Bayern Revoluzzer wurden – schönes Magazin vom Münchner Merkur.

Ein alter Kollege von mir, Dr. Dirk Walter, der mit mir beim Merkur vor Jahren begonnen hatte, schrieb die viele Beiträge in diesem Magazin. Dr. Walter, oder Dirk für mich, ist studierter Historiker und arbeitet die deutsche Geschichte vorbildlich in seinen Veröffentlichungen auf. Und zum 100. Geburtstag veröffentlichte der Merkur das Magazin „Als die Bayern Revoluzzer wurden“ Bei einem Besuch des altehrwürdigen Zeitungshauses in München drückte Dirk mir das Magazin in die Hand und bei der Heimfahrt begann ich es gleich zu lesen. Zu Hause habe ich es sofort auf der Terrasse mit einem Kaffee in der Hand fertiggelesen. 

Besuch bei meinem alten Arbeitgeber.

Besuch bei meinem alten Arbeitgeber.

Die Gründung des Freistaats, die deutsche Revolution – all das kann ich bei Wikipedia und Co nachlesen. Dieses Magazin bringt selbstverständlich auch die Fakten, bereitet sie aber journalistisch auf – und das gefällt mir. Nicht Zahlen und nackte Infos, sondern Storytelling in seiner besten Form. Es kommen Menschen mit ihren Meinungen und Einschätzungen zu Wort. Das Thema wird aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und unterhaltsam mir als Leser näher gebracht. So muss Journalismus heute sein. 

Ist das die richtige Würdigung für Kurt Eisner als Ministerpräsident?

Ist das die richtige Würdigung für Kurt Eisner als Ministerpräsident?

Als ich dann abends ins Kino ging hatte ich einen Beitrag von Hans Well im Kopf. Der ehemalige Chef der Biermösl Blosn schrieb in dem Merkur-Magazin einen Betrag über Kurt Eisner, dem ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern. Er beklagte, dass Eisner bis heute kein Denkmal im Bayerischen Landtag bekommen hat. Im Kino Mathäser schaute ich mir einen Film an und entdeckte beim Herausgehen eine Stehle mit der Erinnerung an Eisner inmitten des Kinobetriebs. Ist das die richtige Würdigung an den ersten Ministerpräsidenten? 

Das Magazin gibt es in den  Merkur-Geschäftsstellen sowie für uns Onliner hierhier

Meine 5 Minuten Ruhm zur Wiesn dank Ritter Sport

25. September 2018

Es lässt sich nicht gerade behaupten, dass ich ein großer Wiesn-Fan bin. Als Pendler bin ich von den Auswirkungen des Oktoberfestes in München betroffen: Gedränge, Lautstärke, Trunkenheit und Ausscheidungen. Frohsinn sieht für mich anders aus. Ich habe persönlich auch nicht nur gute Erinnerungen an das große Volksfest, die mich betroffen gemacht haben. 

Fehler von Ritter Sport und ich habs mal fotografiert.

Fehler von Ritter Sport und ich habs mal fotografiert.

Und dennoch sorgte die Wiesn für meine 5 Minuten Ruhm in den Medien. Auf einer Reise zu meinen Vorträgen muss ich am Münchner Hauptbahnhof von der S-Bahn in den ICE umsteigen. In der auf Oktoberfest gestalteten Bahnhofshalle platzieren Firmen ihre großflächige Werbung. Die Werbetafel des Schoki-Herstellers Ritter Sport machte mich beim Gang zu meinen ICE stutzig: „Wies‘n Tipp: nach jeder Maß eine Kleinigkeit essen“. Gleich zwei Fehler in einer Werbezeile: Der Deppenapostroph und Maß statt Mass. 

Und gleich mal das Foti getwittert.

Und gleich mal das Foti getwittert.

Ich fotografierte die Werbung und twitterte meinen Post: „Oh  #Rittersport – gerne kann ich als ehemaliger Textchef unterstützen #Schoko“. Ich war einstmals Textchef der PC Professionell und von redtec publishing, ein IT-Verlag der Süddeutschen. Gleichzeitig informierte mich meine Frau, dass der Münchner Merkur via Facebook ein Foto mit er falschen Schreibweise für seine Online-Berichterstattung suchte. Sie hatten in einer Facebook-Gruppe einen Aufruf gestartet. Ich schickte vom ICE aus das Bild an die ehemaligen Kollegen der Tageszeitung, die es den Onlinern weiterreichten. 

Derweil nahm meine Twitter-Meldung Fahrt auf. Sie wurde geteilt, geliked, kommentiert, geklaut. Den Netzwerkeffekt in sozialen Medien lässt sich an diesem Beispiel ideal bemerken. Viral verbreitete sich mein Tweet samt Foto in Twitter weiter und weiter. 

Inzwischen griffen klassische Massenmedien mein Foto auf. Der Münchner Merkur und die tz, zwei Medien des Ippen-Konzerns, brachten mein Foto. Ich wurde auch als Leserreporter bezeichnet. Aus meinem Foto war eine Meldung geworden. Schließlich geht es um die Wiesn und damit um Auflage und Reichweite. Ich machte einen Screenshot und verbreitete diesen Screenshot gleich mal wieder weiter. 

Auch die w&v griff meinen Tweet auf.

Auch die w&v griff meinen Tweet auf.

Als dann die w&v, ein Magazin für Werber und Marketingmenschen, meinen Tweet aufgriff und betonte: „Wenn es um die Wiesn geht, dann wird es ernst“ bekam ich haufenweise neue Follower – ein netter Nebeneffekt. 

Die Berichterstattung hat inzwischen wohl auch die Agentur von Rittersport erreicht Und der zuständige Mitarbeiter der Agentur von Ritter Sport hat wohl von seinem Auftraggeber einen unfreundlichen, aber eindeutigen Hinweis bekommen. Wenn Preußen Werbung in Bayern machen kann das wohl passieren. Ritter Sport ließ verlauten, dass man den Fehler umgehend korrigieren werde. Und sie siehe da: Am nächsten Tag, als ich wieder in den Hauptbahnhof mit dem ICE einfuhr, war das Deppenapostroph überpinselt. Der Rechtschreibfehler Maß statt Mass wurde allerdings belassen – soviel Nähe zur bayerischen Sprache war dann doch nicht möglich. 

Ende gut, alles gut - ein Fehler wurde korrigiert. Die Maß statt Mass bleibt.

Ende gut, alles gut – ein Fehler wurde korrigiert. Die Maß statt Mass bleibt.

Natürlich musste ich neuerlich ein Foto von der korrigierten machen. Auch die Massenmedien stellten die korrigierte Fassung online – Schadenfreude eben, die nicht böse gemeint ist.

Natürlich ist das Ganze ein Sturm im Wasserglas und bringt die Welt nicht weiter. Ich fand die Sache aber dennoch sehr nett und irgendwie was meine persönliche Rache an der Wiesn.  Ach ja, Ritter Sport: Gerne könnt ihr für die kostenlose Werbung ein paar Tafeln Vollmich und Alpenmilch rüberwachsen lassen 🙂

Persönlicher Nachruf auf Gunter Gabriel

23. Juni 2017

Als ich vom Tode von Gunter Gabriel gestern erfuhr, musste ich unwillkürlich an ein Jahresgespräch in einem Verlag denken, bei dem ich mal beschäftigt war. Der Verlagsleiter war ein fairer Chef und Mensch von dem ich viel gelernt habe. Ich eröffnete das Gespräch mit dem Klassiker: „Hey Boss, ich brauch mehr Geld!“ Der Verlagsleiter, gut bewandert in der Musik, antwortete mit einem Gunter Gabriel Zitat: „Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst.“ Insider wissen: Gabriel produzierte und komponierte für Juliane Werding. Nun, mehr Geld habe ich nicht bekommen, aber Spaß hat es trotzdem gemacht.
Wenn ich an Gunter Gabriel denke, fällt mir auch mein Onkel ein, der mich musikalisch sozialisiert hat. Er liebte Elvis und Johnny Cash – und irgendwie war Gunter Gabriel auch als deutscher Johnny Cash dabei. Deutscher Country war nicht unbedingt mein Fall, obwohl ich einige Alben habe. Meine Eltern besaßen von Gunter Gabriel ein paar Singles und ich habe Das Tennessee Projekt noch als CD in Langfassung.

Später erschien die CD in gekürzter Form. Beim Tennessee-Projekt nahm Gabriel Songs von Johnny Cash auf Deutsch auf und Cash sang sogar mit.
Einmal habe ich Gunter Gabriel bei einem Trucker- und Countryfest in der Kreisstadt Fürstenfeldbruck live gesehen. Ich war beim Münchner Merkur als Mitarbeiter tätig und erzählte in der Redaktionskonferenz, dass ich den Gunter Gabriel nicht unbedingt schlecht fände und durch diese unvorsichtige Bemerkung war ich schlagartig der Country-Berichterstatter und durfte über Country, Square Dance und Trucker berichten. Was macht man nicht alles in seiner Zeit als Lokalreporter? Gabriel lieferte einen soliden Auftritt ab, aber ein Interview habe ich mit ihm nicht gemacht. Im Nachhinein schade, denn Gunter Gabriel hatte sicherlich viel erzählen können. Wenn ich die Nachrufe heute in den Massenmedien lese, tut es mir leid, mich so wenig mit dem deutschen Johnny Cash beschäftigt zu haben.

Persönlicher Nachruf auf John Wetton

1. Februar 2017
John Wetton - live in Olching, LK Fürstenfeldbruck 1997. Foto: Lange

John Wetton – live in Olching, LK Fürstenfeldbruck 1997. Foto: Lange

Schon wieder Krebs, schon wieder dieser schreckliche Krebs. Gestern verstarb wieder ein musikalisches Idol. John Wetton ist tot. Für mich hat eine große Stimme des Prog Rock die Bühne für immer verlassen.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass John Wetton immer dabei war, wenn es um diese Art von Musik ging. Wenn mir eine Band aus der Prog Rock Ära gefallen hat, dann war der Name John Wetton direkt oder indirekt damit verbunden. Meine Lieblingsbands mit ihm waren eindeutig King Crimson, Asia und auch UK.
John Wetton hatte einen gewissen Hang zum Kommerz, aber so eine Art von Kommerz, die mir wirklich gefallen hat. Die eingängigste Phase von Wetton bei King Crimson, war sicherlich die Red-Phase. Wetton rang Robert Fripp eingängige Melodien ab und mit Wetton schlug KC eine kommerziellere Richtung ein ohne je kommerziell zu sein. Die Box The Road to Red zeigt die Entstehung des legendären Red-Albums anhand verschiedener Konzerte. Ich liebe diese Aufnahmen.

Bei der Hitze des Augenblicks schmolz ich hinweg
Ich erinnere mich noch an den Beginn der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ich besuchte meinen örtlichen Schallplattenladen in Fürstenfeldbruck – den Sound in der Ledererstraße. Der Chef Rudi „Sound“ Hasmiller kannte meinen Geschmack und zeigte mir ein Album mit einer aggressiven Wasserschlange darauf. Die Band und das Album hießen schlicht Asia. Die Musik war der Hammer: The Heat of The Moment war der erste Hit von Asia und John Wetton war mit von der Partie. Jahr um Jahr kaufte ich mir die Asia-Platten, die allerdings ab dem dritten Album immer schwächer wurden.
Ich gebe Asia noch eine Chance. Im Februar 2017 erscheint ein Konzert von 2013, das zusammen mit einem bulgarischen Orchester aufgenommen wurde. Live in Bulgaria – Mein Gott, früher kamen Aufnahmen aus Budōkan, Madison Square Garden oder Royal Albert Hall – nun kommen eben Aufnahmen aus Bulgarien.

Keiner kannte UK
Und dann war noch UK. In einem Schallplattenladen in London fand ich Vinyl-Platten der Band, die ich nicht kannte. Dabei waren die Mitglieder von UK in der Szene berühmt: Wetton, Terry Buzzio (Zappa) und Eddie Jobson (Roxy Music). Ich kaufte die Alben und bereute es nicht. UK war allerdings bei uns nicht so bekannt, zumindest kannte ich kaum Leute, die die Band mochten. Meine Freunde standen zu der Zeit eher auf Punk und Electronic.

Mein gescheitertes Interview mit John Wetton
Einstmals hatte ich die Ehre, John Wetton in Person zu erleben und zu sprechen. Ich war damals Redakteur beim Münchner Merkur/Fürstenfeldbrucker Tagblatt und zusammen mit meinem Kollegen und absoluten Musikexperten Jörg Laumann besuchten wir das „Absolut-Festival“ in Olching im Landkreis Fürstenfeldbruck. Es war am 14. Juni 1997 und der Headliner des Tages waren BAP und die Spider Murphy Gang. John Wetton war auch mit von der Partie, spielte im Unterhemd seinen Bass und akustische Gitarre und widmete sich im Künstlerzelt einer jungen Dame und dem Alkohol. Für unsere Lokalzeitung hatte der britische Rocker kein großes Interesse und außer ein paar belanglosen Sätzen kam kein großes Interview heraus. Die junge, gut ausehende Dame habe ich übrigens Tage später am Geldautomat der örtlichen Sparkasse wieder getroffen. Sie erkannte mich und wir haben uns über John Wetton unterhalten. Die Infos sind privat. Ich staunte und schwieg. Ein Artikel über John Wetton im Merkur ist von mir nie erschienen.

Persönlicher Nachruf auf Hildegard Hamm-Brücher

9. Dezember 2016

Für mich ist mit dem Tod von Hildegard Hamm-Brücher ein liberales Gewissen der deutschen Nachkriegspolitik und eine großartige Politikerin von uns gegangen. Für mich stand Hildegard Hamm-Brücher für Fairness und Liberalität in der Politik. Sie wurde 95 Jahre alt.
Als es 1982 zum Misstrauensvoltum gegen den SPD-Kanzler Helmut Schmidt kam, wurde ich als Jugendlicher zum ersten Mal auf Hildegard Hamm-Brücher aufmerksam. Beim Abendessen diskutierte unsere Familie, ob es richtig war, dass die FDP ihr Wahlversprechen aufkündigt und eine Koalition mit Helmut Kohl einging. Wir schauten uns die Rede „Odium des verletzten demokratischen Anstands an“ – wir waren damals ein sehr politischer Haushalt. In der Schule diskutierte ich mit meinen Freunden weiter. Das Wesen und die Argumentation von Hildegard Hamm-Brücher faszinierte mich. Ihr Satz prägte sich mir ein: „Ich finde, dass beide dies nicht verdient haben, Helmut Schmidt, ohne Wählervotum gestürzt zu werden, und Sie, Helmut Kohl, ohne Wählervotum zur Kanzlerschaft zu gelangen.“
Viele Jahre später traf ich sie als ich junger Reporter des Fürstenfeldbrucker Tagblatts/Münchner Merkur war. Sie war Gast bei einem Neujahrsempfang der Kreis-FDP. Im Vorfeld ihrer Rede hatte ich die Gelegenheit für ein kleines Interview und einen Gedankenaustausch. Ich erzählte ihr von meinen Erlebnissen als Schüler und wie ich ihre Rede damals empfand. Sie hörte zu und gab mir den Rat, mich politisch zu engagieren. Dem Rat folgte ich nicht, ich blieb Journalist, ich aber auch ein politischer Mensch, der für die Demokratie einsteht. Sie erzählte mir damals, wie Theodor Heuss sie in die Politik brachte. Ich war als junger Reporter fasziniert von der Person. Vor mir stand jemand, der den ersten deutschen Bundespräsidenten kannte. Ihre Worte waren motivierend und hinterließen einen bleibenden Eindruck. Leider wurde sie nicht zur ersten Bundespräsidentin gewählt – ich hätte es ihr so gegönnt und sie wäre eine sehr, sehr gute Bundespräsidentin geworden. Nun, es wurde damals Roman Herzog, den ich auf für einen guten Präsidenten hielt.

Meine Erinnerungen an 100 Jahre Frank Sinatra

12. Dezember 2015

Heute wäre Frank Sinatra 100 Jahre alt geworden. Noch immer höre ich die Songs von Ol‘ Blue Eyes gerne und heute ganz besonders. Die große Zeit des Sängers habe ich nie mitbekommen, dazu bin ich einfach zu jung. Aber die Coolness seiner Musik hat mich immer beeindruckt. Frank Sinatra war der erste Pop-Star der Geschichte und ist bis heute ein Star für mich geblieben.

Auch Amazon gedenkt Frank Sinatra.

Auch Amazon gedenkt Frank Sinatra.

Vor einigen Jahren bemühte sich Robbie Williams und brachte ein paar Swing-Aufnahmen im Stile von Sinatra heraus. Stimmlich waren deutliche Unterschiede zu bemerken – wie kann man sich mit The Voice messen wollen? Aber Williams ist es zu verdanken, dass Sinatra bei einer jungen Generation nicht in Vergessenheit geraten ist.
Persönlich begleitet mich Sinatra heute noch durch mein Leben. Nicht zuletzt habe ich einen meiner beiden Wellensittiche nach Sinatra benannt, das Geburtstagskind im Himmel möge es mir verzeihen. Dein gefiederter Kollege Elvis ist übrigens seit langem verstorben, aber das ist eine andere Geschichte.
Leider habe ich Frank Sinatra nie live auf der Bühne gesehen. Aber ich bin ihn einmal begegnet. Es war am 29. April 1989. Frank Sinatra gab mit seinen Kollegen Liza Minnelli und Sammy Davis, Jr. in der Münchner Olympiahalle das Ultimate Event. Karten dafür habe ich keine mehr bekommen. Aber nachts flog Sintra mit (s)einer Gulfstream vom damaligen Militärflugplatz Fürstenfeldbruck zum nächsten Termin weiter. Ich war damals freier Mitarbeiter des Fürstenfeldbrucker Tagblatts, der Lokalausgabe des Münchner Merkurs. Da ich öfters als Militärberichterstatter in Fursty tätig war, schaute ich mir den Abflug von Sinatra an. Ein Kollege war zum Schreiben da, ich wollte nur neugierig schauen. Natürlich hoffte ich auf ein Autogramm des Stars, hatte ich extra eine Schallplatte zum Unterschreiben in meinem Gepäck dabei. Aber der ganz Bereich war militärisch abgeriegelt. Wir kamen nicht richtig heran. Sinatra und seine Entourage fuhren in einer Limo vor, stiegen aus und wurden vom damaligen Brigadegeneral mit militärischen Gruß empfangen. Sinatra nickte dem Militär zu und das war es. Unserer damaligen Fotografin Vera Flügel, später Vera Greif, gelang ein schönes Foto von Sinatra, wie er die Gangway hinaufstieg und den Brigadegeneral grüßte. Kein Blick für uns Lokalreporter und Fans. Innerhalb von Sekunden war der Termin vorbei. Heute fällt mir ein, dass Vera – sie ist heute eine extrem ambitionierte Filmemacherin – mir nie einen versprochenen Abzug des Fotos gegeben hat.

Frankie führt de Gang an. Foto: Taschen Verlag

Frankie führt de Gang an. Foto: Taschen Verlag

Auf jeden Fall wünsche ich Frank Sinatra alles Gute zum Geburtstag. Vielleicht gönne ich mir zur Feier des Tages vom Taschen-Verlag das neue Werk über Sinatra. Es ist Gay Taleses schillerndes Porträt über Frank Sinatra – es heißt Frank Sinatra Has a Cold. Es gilt als Glanzstück des „New Journalism“: Die 1966 erstmals veröffentlichte Reportage verbindet sorgfältige Recherche mit lebendiger Darstellung und erzählt dabei ebenso viel über Prominenz im Allgemeinen wie über Frank Sinatra selbst. In dieser Collector’s Edition erscheint Frank Sinatra Has a Cold im traditionellen Hochdruckverfahren, veredelt mit Fotos von Phil Stern, dem einzigen Fotografen, der über vier Jahrzehnte Zugang zu Sinatra hatte. Was ich online gesehen habe, fasziniert mich. Die Collector’s Edition erschien in einer Auflage von 5.000 nummerierten Exemplaren und ist signiert von Gay Talese.


Im Winter 1965 brach der Journalist Gay Talese im Auftrag der Zeitschrift Esquire nach Los Angeles auf, um ein umfangreiches Porträt von Frank Sinatra anzufertigen. Als er ankam, verhielten sich der Sänger und sein wachsames Gefolge abweisend: Sinatra hatte sich erkältet und wollte nicht interviewt werden. Unbeirrt blieb Talese in L.A., in der Hoffnung, Sinatra werde sich erholen und seine Meinung ändern. Er nutzte die Zeit, um den Star mit der nötigen Distanz zu beobachten und dessen Entourage, Freunde, Kollegen und Angehörige zu interviewen. Sinatra gewährte ihm nie das erhoffte Einzelinterview, doch Taleses Beharrlichkeit zahlte sich aus: Sein Porträt „Frank Sinatra Has a Cold“ ging als Glanzstück literarischer Non-Fiction und als Pionierleistung des „New Journalism“ in die Geschichte ein. Die prägnante Darstellung von Sinatra im Aufnahmestudio, bei Dreharbeiten, im Nachtleben und mit der titelgebenden Erkältung offenbart ebenso viel über diese einzigartige Starpersönlichkeit wie über die ganze Hollywood-Maschinerie.

Phil Stern schuf wunderbare Bilder von Sinatra. Foto: Taschen

Phil Stern schuf wunderbare Bilder von Sinatra. Foto: Taschen

Immer wieder überlege ich, was mir an dem Gesamtwerk von Frank Sinatra am besten gefällt. Es gibt die Klassiker, die über alles erhaben sind. Aber als Gesamtaufnahme der Coolness steht für mich The Rat Pack live at The Sands klar ganz oben auf meiner Lieblingsliste. Tagsüber drehte das Rattenpack den Film Frankie und seine Spießgesellen und nachts traten Sinatra und Dean Martin und Sammy Davis jr. im Nachtclub The Sands auf. Atmosphäre, Spontanität und Power kommen hier ideal herüber. Starke Aufnahme und klarer Tipp am heutigen Tag. Und ich schaue mir Frankie und seine Spießgesellen zur Feier des Tages an. Happy Birthday Frank Sinatra.

Aufnahme der Coolness. Rat Pack at the Sands

Aufnahme der Coolness. Rat Pack at the Sands

Geänderte Anforderungen an Pressesprecher

7. November 2015
Barbara Böck von der NürnbergMesse in ihrem Element.

Barbara Böck von der NürnbergMesse in ihrem Element.

Als ich zur Jahrtausendwende als Redakteur vom Münchner Merkur zur Handwerkskammer für München und Oberbayern wechselte, um dort als als Pressereferent zu arbeiten, war das Berufsbild des Pressefuzzis klar festgeschrieben. Ich war für die interne und externe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Ich gab Statements ab, versorgte Presse, Funk und Fernsehen mit Infos, koordinierte hinter den Kulissen. Wenn mein Präsident Heinrich Traublinger und mein Hauptgeschäftsführer Bernd Lenze sprachen, dann galt die Regel: Wenn der Kuchen spricht, hat der Krümel Pause.
Aber ich war auch Vorbote es Umbruchs in so einer Organisation. Ich sorgte für Unruhe, weil ich meine Fotos auf einmal selbst machen wollte und keinen Fotografen engagierte. Das schonte meinen Etat und ich konnte die Fotos veröffentlichen, die ich wollte. Als Pressereferent war ich gleichzeitig Mitarbeiter der Deutschen HandwerksZeitung DHZ und lieferte Material für die Kammerseiten der DHZ.
Noch mehr Unruhe entstand, als ich meine Layouts selbst machte. Ich bildete eine Volontärin aus und zusammen schrieben und layouteten wir Bücher wie 50 Jahre Bayerischer Handwerkstag oder 100 Jahre Handwerkskammer „Im Dienst am Ganzen“.


Als ich vor kurzem als freier Mitarbeiter des Landesinnungsverbandes des bayerischen Friseurhandwerks eine Periscope-Übertragung einer Pressekonferenz zur HAARE 2015 machte, sprach ich mit der Pressesprecherin der NürnbergMesse, Barbara Böck. Eigentlich war es eine Verlegenheitslösung. Die Periskope-Übertragung war gestartet, doch ein Teilnehmer der Pressekonferenz fehlte noch. Die HAARE ist die wichtigste Friseurmesse in Süddeutschland. Kurzerhand um die Zeit zu überbrücken führte ich ein Interview mit Barbara Böck über die geänderten Aufgaben eines Pressesprechers. Wie ich in dem kurzen Gespräch erfuhr, hatte sich ihr Berufsbild komplett geändert. Spannend, welche Aufgaben dazu gekommen sind, vor allem im digitalen Bereich. Am meisten wurde mir klar, dass der Pressereferent zu einem Markenträger der Organisation geworden ist.

Gebimmel – Der Streit um die Kuhglocke

7. September 2015

Als ich vor kurzem mit meiner Frau im Allgäu Urlaub machte, stieß ich auf einen Streit: Sind Kuhglocken eine Tierquälerei oder sind sie Kulturgut?

Die Kuh im Allgäu trägt in dieser Saison Glocke.

Die Kuh im Allgäu trägt in dieser Saison Glocke.

Wir kennen die bayerische Idylle: Auf einer grünen Wiese weiden gefleckte Kühe. Die Sonne strahlt über die Alm herab und die Kühe haben um den Hals eine Kuhglocke. Gebimmel in der Ferne. Die Stadtmenschen kennen so eine Kuhglocke vielleicht aus der Stammkneipe. Die Glocke wird dann immer geläutet, wenn es eine Lokalrunde gibt. In einem Verlag bei dem ich einst gearbeitet hatte, gab es eine Kuhglocke, die geläutet wurde, wenn ein wichtiger Anzeigenauftrag hereinkam – in den vergangenen Jahren habe ich diese Glocke allerdings nicht mehr im Verlagsumfeld gehört.

Tierquälerei oder Kulturgut oder beides?

Tierquälerei oder Kulturgut oder beides?

Nun jetzt wollen schweizer Wissenschaftler der Eidgenossenschaftlichen Technischen Hochschule in Zürich in einer Studie herausgefunden haben, dass der Klang einer läutenden Kuhglocke den Träger, nämlich die dazugehörige Kuh stört. Dies sei sogar eine Form von Tierquälerei, argumentieren Tierschützer, die auch gleich eine entsprechende geschlossene Facebook-Gruppe gegründet haben. Der Allgäuer Bauer argumentiere eher in die andere Richtung, um es einmal höflich auszudrücken. Die Kuhglocke sei Kulturgut und sorge dafür, dass er die Kuh auf der Weide wiederfindet.

In diesem Video stören die Kühe mit ihren Glocken eine Hochzeit in Bad Hindelang – Landleben eben.


Und schon ist der Kulturkampf um die Kuhglocke im Netz voll entbrannt. Befürworter und Gegner der Kuhglocke haben sich in Facebook organisiert und hauen aufeinander ein. Gleich wurde auch eine Online-Petition zum Erhalt der Kuhglocke gestartet. Und dann kommen auch noch die, die eine schweizerische Verschwörung sehen und Angst haben, dass ihnen von ihrer Kultur etwas genommen wird. Erinnern wir uns, es geht ursprünglich um Tierschutz.


Was wäre denn eine Alternative? Die Kuhglocke ist nicht dazu da, damit sie Unterhaltung für den Touristen darstellt. Zugegeben, beim Viehscheid ab Herbst finde ich es als Tourist auch stimmungsvoll, wenn die Kuh die Glocke in der fünften Allgäuer Jahreszeit trägt. Aber ernsthaft: Es geht schlicht und einfach darum, dass der Bauer die Kuh wiederfindet. Darum hat die Kuh die Glocke um den Hals. Lösungen in Form von GPS-Sendern gibt es zwar in landwirtschaftlichen Lehranstalten, aber auf den Allgäuer Wiesen habe ich keine gefunden. Ich finde aber ein Navi für die Kuh mal einen überlegenswerten Gedanken. Interessant ist, dass der bayerische Landwirtschaftsminister Brunner (CSU) der Sache kritisch gegenübersteht. Gegenüber dem Münchner Merkur sagte er: „Die Überwachung mit GPS-Sensoren könnte langfristig durchaus ein Thema werden, das ist aber technisch noch nicht ausgereift“
Seine hauseigene bayerische Landesanstalt für Ernährung unterstützt derweil entsprechende Versuche. Dort heißt es: Aufgrund der weiten Verbreitung von Navigationssystemen und dem Einsatz von GNSS- (Global Navigation Satellite System-) Empfängern in vielen elektronischen Geräten ist deren Preis und Strombedarf in der jüngsten Vergangenheit stark gesunken. Aus diesen Gründen erscheint ein Einsatz von Ortungssystemen mittlerweile auch bei Weidetieren als möglich. Auf Jungviehalmen bindet die Arbeit mit Tieren einen großen Teil des gesamten Arbeitsaufwands. Vor allem die Viehsuche ist dabei schwierig zu planen, da sie unregelmäßig anfällt und im Extremfall den ganzen Tag in Anspruch nehmen kann. Die physisch anstrengende Arbeit der Hirten könnte durch den Einsatz eines Ortungssystems erleichtet werden. Aus den Gründen wurde am Institut für Landtechnik und Tierhaltung der LfL in Freising ein dreijähriges Verbundprojekt, dass durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird, in Kooperation mit Industriepartnern zum Thema „GPS-Weidemanagementsystem“ gestartet. Das System läuft noch bis 2016. Infos gibt es hier.
Ich selbst habe noch keine Meinung zu dem Thema, sehe aber schon wieder die Emotionen auf allen Seiten hochkochen. Alle geben ihre Meinung ab – nur die Kuh hat bisher noch keiner gefragt.

Buchtipp: Gestatten, dass ich sitzen bleibe von Udo Reiter

13. Juli 2015

Die Autobiografie des Journalisten Udo Reiter Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben hat mich nachdenklich gemacht. Eigentlich stieß ich auf das Buch Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben als ich die Autobiografie von Thomas Gottschlak Herbstblond las. Reiter war seit 1986 Hörfunkdirektor beim Bayerischen Rundfunk und hat die Karriere von Thomas Gottschlak am Rundfunkplatz 1 massiv vorangetrieben und unterstützt. Gottschlak kommt super weg in den Buch und genau, das wollte ich auch lesen. Ich erinnerte mich wieder, wie gerne ich die B3 Radioshow als Schüler bei meinen Hausaufgaben gehört habe. Wie mich Gottschalk und Jauch gefesselt haben, die Wortgefechte waren göttlich und warum ich keine Münchner Privatsender hören wollte. Aber es ist deutlich mehr zu finden in dem lesenswerten Buch.

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Dem Lindauer Udo Reiter begenete ich mehrmals in meinem Leben, hatte aber nicht groß Kontakt zu ihm. Ich war freier Mitarbeiter, Volontär und Redakteur beim Münchner Merkur, vor allem in der Lokalredaktion Fürstenfeldbruck. Udo Reiter wohnte in dem Dorf Rottbach und seine Frau war Lehrerin in Maisach, meinem heutigen Wohnort. Als Tageszeitungsmann wusste ich um seine Prominenz, zumal ich die Gemeinde Maisach redaktionell als Lokaljournalist zu betreuen hatte. Reiter war in meinem Hood. Aber Udo Reiter war privat dort und nicht als BR-Mann und damit kam er in meiner Berichterstattung nicht vor. Zwar sah ich ihn in seinem Rollstuhl bei dem einen oder anderen Dorffest, aber über ihn geschrieben habe ich nicht. Bei offiziellen Anlässen wie Medientage war er die große Nummer und ich ein kleines Licht.
Später habe ich ihn nochmals gesehen als er Professor in Mittweida war. Dort durfte ich zusammen mit meinem Kollegen Thomas Gerlach mehrere Lehraufträge absolvieren. Udo Reiter hielt Vorlesungen über Hörfunkjournalismus und war inzwischen Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks. Aber Hörfunk war als Printmann nie mein Bereich und so gab es an der Hochschule Mittweida kaum Berühungspunkte. Ich lauschte bei einem Medienforum in Mittweida einmal seinen Worten. Im nachhinein und vor allem als ich seine Autobiografie an zwei Tagen gelesen hatte, ärgere ich mich, denn Reiter hatte etwas zu sagen.
Hatte – ja hatte, denn Udo Reiter nahm sich am 9. Oktober 2014 in seinem Haus in Gottscheina bei Leipzig das Leben. Udo Reiter hatte sich erschossen. Wer sein Buch aufmerksam gelesen hat, dem wird es mit dem Wissen um seinen Selbstmord klar, was Reiter vorhatte. Er schreibt: „Aber wenn es nicht mehr geht, möchte ich nicht in einer Weise abtreten, die ich quälend ginde und die meiner bisherigen Lebensweise unwürdig ist.“ Das gab mir zu denken. Reiter weiter: „Dieses Recht auf eineb selbstbestimmten Tod ist das Gegenstück zum Recht auf ein sebstbestimmtes Leben. Ich finde es unerträglich, dass eine Allianz aus Politik, Kirche und Ärzteschaft uns dieses Recht immer noch vorenthalten will.“ Ich war bei der Lektüre über den angekündigten Selbstmord hin und her gerissen und auch zu keinem Schluss gekommen. Aber die Worte von Udo Reiter haben in meinem Kopf etwas bewegt.
Günther Jauch, den Reiter damals vom BR feuerte und später bereute, verlas später einen Abschiedsbrief und bringt mich zum Nachdenken über Sterbehilfe. Reiter schrieb in seinem Abschiedbrief: „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide abgenommen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner bisherigen Selbstständigkeit rechnen muss. Vor allem die Fähigkeit, aus eigener Kraft die Toilette zu benutzen und das Bett zu erreichen, und wieder zu verlassen, schwindet zunehmend. Parallel dazu beobachte ich auch ein Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten, das wohl kürzer oder später in einer Demenz enden wird. Ich habe mehrfach erklärt, dass ein solcher Zustand nicht meinem Bild von mir selbst entspricht und dass ich nach einem trotz Rollstuhl selbstbestimmten Leben nicht als ein von Anderen abhängiger Pflegefall enden möchte. Aus diesem Grund werde ich meinem Leben jetzt selbst ein Ende setzen. Ich haben vielen zu danken, die meinen Weg begleitet und meinem Leben Freude und Sinn gegeben haben.“
Aber zurück zu seiner wirklich lesenswerten Autobiografie. Wir erfahren viel vom Aufwachsen des Arbeiterkindes Udo Reiter in Lindau und seinem Weg zum BR und später zum MDR. Mich interessierte die Strömungen beim Bayerischen Rundfunk. Ich habe miterlebt, wie Reiter die Service-Welle B5 aktuell ins Leben rief. Im Grunde kupferte er diese Idee des Nachrichtenradios in Frankreich bei France Info ab. Noch heute höre ich B5 aktuell morgens beim Rasieren und informiere mich über die Nachrichtenlage.
Die Skandale um den MDR und vor allem KiKa interessierten mich weniger als vielmehr die Herausforderung der Digitalisierung. Wie kam ein alter Haudegen wie Reiter mit dem Medienwandel klar? Reiter setzte auf Trimedialität, was heute ein Zauberwort im BR ist und leider nicht von allen BR-Mitarbeitern gelebt wird. Reiter selbst habe ich über Twitter kennengelernt. Ich war sein Follower, er folgte mir nicht. Streitbar war er in Twitter, teilte aus und bekam einmal einen fetten Shitstorm ab, als er zur Deutschen Einheit twitterte: „einheitstag 2030: bundespräsident mohammed mustafa ruft die muslime auf, die rechte der deutschen Minderheit zu wahren.“ Das war es dann mit Udo Reiter bei Twitter. Er legte seinen Account still.

Mit diesem Tweet erntete Reiter einen Shitstorm und verschwand aus Twitter.

Mit diesem Tweet erntete Reiter einen Shitstorm und verschwand aus Twitter.

Mir hat das Buch Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben auf der einen Seite sehr viel Spaß beim Lesen bereitet, auf der anderen Seite hat es mich sehr nachdenklich zum Thema Sterbehilfe und Freitod gemacht. Entscheidet selbst!