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Zwischen Weltstars und Festgeldkonto: Wie Jan-Christian Dreesen den FC Bayern in die Zukunft führen will

28. Juli 2026

Der FC Bayern soll sportlich nach den größten Titeln greifen, wirtschaftlich unabhängig bleiben und zugleich wieder stärker auf Talente aus dem eigenen Nachwuchs setzen. Beim PresseClub München erklärte Vorstandsvorsitzender Jan-Christian Dreesen, wie der Rekordmeister diese Ziele miteinander verbinden will – und warum Berechenbarkeit für ihn zu den wichtigsten Eigenschaften guter Führung gehört.

Beim PresseClub München war Jan-Christian Dreesen am 28. Juli 2026 erstmals zu Gast. Der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG sprach mit den Moderatoren Manfred Otzelberger und David Brill über internationale Transfers, Spielergehälter, Nachwuchsförderung, wirtschaftliche Solidität und das Verhältnis des Vereins zu Fans, Medien und Politik. Auch seine persönliche Geschichte spielte eine Rolle: Dreesen stammt aus Aurich in Ostfriesland, wurde aber bereits als Schüler Anhänger des FC Bayern. Seit Mai 2023 führt er die Aktiengesellschaft des deutschen Rekordmeisters. Hier die Aufzeichnung des Gesprächs:

Dass ausgerechnet ein Ostfriese einmal an der Spitze des FC Bayern stehen würde, war in Dreesens Jugend kaum absehbar. Zum Münchner Klub fand er nach eigener Darstellung durch einen Schulfreund. Während sein Vater dem Hamburger SV verbunden gewesen sei, begeisterte sich Dreesen für Bayern-Spieler wie Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Selbst spielte er lange Fußball, allerdings nach eigener Einschätzung mit großer Leidenschaft und nur durchschnittlichem Talent. Und hier als VR 360 Video

Sein Weg in den Profifußball führte deshalb nicht über den Rasen, sondern über Banken und Finanzen. Beim FC Bayern galt Dreesen zunächst vor allem als „Mann der Zahlen“. Heute verkörpert er einen Führungsstil, der stärker auf Dialog, Verlässlichkeit und persönliche Nähe setzt. Sein Grundsatz sei einfach: Er sage, was er meine, tue, was er ankündige, und verspreche nichts, was er nicht halten könne. Gerade im Verhältnis zu Fans und Beschäftigten sei Berechenbarkeit ein entscheidendes Gut.

Der Kane-Transfer als Gemeinschaftsleistung
Ausführlich schilderte Dreesen die Verpflichtung von Harry Kane im Sommer 2023. Den Transfer wollte er ausdrücklich nicht als persönliches Meisterstück verstanden wissen. An den Verhandlungen seien zahlreiche Verantwortliche beteiligt gewesen, darunter der damalige Technische Direktor Marco Neppe sowie Vertreter der Vereinsführung und der damalige Trainer Thomas Tuchel.

Bei einem Spieler dieser Größenordnung müsse der Trainer in die Entscheidung einbezogen sein, betonte Dreesen. Ein teurer Spitzentransfer gegen den Willen des Coaches könne kaum funktionieren. Die Gespräche mit Tottenham und dessen Chairman Daniel Levy hätten sich lange hingezogen. Zusätzliche Schwierigkeiten seien durch Zeitverschiebungen entstanden, als Levy sich in den USA aufhielt.

Dreesen beschrieb auch den öffentlichen Druck, der mit einem solchen Geschäft verbunden ist: Kommt der Transfer zustande, gilt der Spieler schnell als zu teuer. Scheitert er, werden die Verhandlungsführer verantwortlich gemacht. Entscheidend sei deshalb gewesen, intern Gelassenheit auszustrahlen und den Verhandlungen ausreichend Zeit zu geben. Tottenham hätten nach Dreesens Angaben auch finanziell attraktivere Angebote vorgelegen. Kane habe sich jedoch bewusst für München entschieden.

Hohe Gehälter ja – aber nicht für den gesamten Kader
Grundsätzlich hält Dreesen hohe Bezüge für echte Spitzenspieler für gerechtfertigt. Stars sorgten für attraktiven Fußball, volle Stadien und internationale Aufmerksamkeit. Problematisch werde es jedoch, wenn sich zu viele Spieler selbst als Topverdiener verstünden oder der finanzielle Mittelbau eines Kaders zu breit werde.

Ein Verein könne sich einige herausragend bezahlte Akteure leisten, brauche daneben aber ein ausgewogenes Gehaltsgefüge. Nach Dreesens Einschätzung differenzieren englische Klubs stärker zwischen absoluten Stars und Ergänzungsspielern. Zwar sorgten dort hohe Transfersummen regelmäßig für Schlagzeilen, doch diese Gelder blieben zumindest im Wirtschaftskreislauf der Vereine. Gehälter und Beraterprovisionen flössen dagegen dauerhaft aus dem Fußball ab.

Dreesen sprach sich deshalb für wirksame Begrenzungen bei Beraterhonoraren und Kaderkosten aus. Pauschal kritisierte er Spielerberater allerdings nicht. Es gebe viele seriöse Vertreter, die ihre Leistung realistisch bewerteten. Problematisch seien überhöhte Provisionen, durch die erhebliche Summen aus dem Sport herausgezogen würden.

Als wirksame Sanktionen gegen finanzielle Regelverstöße nannte Dreesen nicht nur Geldstrafen. Diese könnten bei Klubs, deren Defizite regelmäßig von Eigentümern ausgeglichen werden, ihre abschreckende Wirkung verlieren. Punktabzüge oder der Ausschluss aus Wettbewerben seien möglicherweise effektivere Instrumente.

Unabhängigkeit als wirtschaftliches Leitmotiv
Das berühmte „Festgeldkonto“ des FC Bayern versteht Dreesen weniger als konkretes Bankkonto denn als Metapher für Unabhängigkeit. Der Klub wolle weder von einem einzelnen Eigentümer noch vollständig von kurzfristigen sportlichen Erfolgen abhängig sein. Deshalb gelte weiterhin der Grundsatz, auf Dauer nicht mehr auszugeben, als eingenommen werde.

Das klinge einfach, sei im Profifußball jedoch schwer umzusetzen. Langfristige Spielerverträge, Verletzungen und notwendige Ersatzverpflichtungen könnten Planungen erheblich verändern. Zudem sei das Umfeld investitionsfreudiger geworden. Gleichzeitig müsse Bayern jedes Jahr eine Mannschaft finanzieren, die um die Champions League mitspielen könne.

Maximaler Gewinn sei dennoch nicht das vorrangige Ziel. Der FC Bayern wolle vor allem maximalen sportlichen Erfolg, ohne dafür seine Selbstbestimmung aufzugeben. Genau darin liege das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Disziplin, sportlichem Anspruch und der Verpflichtung gegenüber Mitgliedern, Fans und Vereinstradition.

Als positives Beispiel nannte Dreesen Paris Saint-Germain. Der französische Klub habe sich von einer bloßen Ansammlung hoch bezahlter Einzelstars zu einer besser funktionierenden Mannschaft entwickelt. Geld allein garantiere keinen Erfolg. Entscheidend seien eine klare sportliche Idee, ein passender Trainer und die Bereitschaft, auch schwierige Entwicklungsphasen auszuhalten.

Weltklassespieler und Talente aus dem Campus
Für die kommenden Jahre setzt der FC Bayern nach Dreesens Darstellung auf eine Mischung aus internationalen Spitzenspielern und Nachwuchskräften. Der Klub werde auch künftig herausragende Spieler verpflichten müssen, wolle aber gleichzeitig mehr Talente aus dem eigenen Campus in die Profimannschaft führen.

Dreesen verwies auf die hohe Zahl an Nachwuchsspielern, die aus der Münchner Ausbildung den Sprung in den Profifußball geschafft hätten – wenn auch nicht immer beim FC Bayern selbst. Spieler wie Aleksandar Pavlović oder Lennart Karl zeigten, welchen Weg Talente nehmen könnten. Ziel sei es, dass Eigengewächse nicht nur kurze Einsätze erhielten, sondern zu Stamm- und im besten Fall zu Weltklassespielern heranwüchsen.

Eine entscheidende Rolle schreibt Dreesen Trainer Vincent Kompany zu. Er lobte dessen offensiven Fußball, Disziplin und persönliche Zurückhaltung. Kompany habe als Spieler auf höchstem Niveau bewiesen, dass er Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Führungsstärke besitze. Gleichzeitig stelle er nicht sich selbst, sondern die Mannschaft in den Mittelpunkt. Gerade diese Kombination komme bei Spielern und Anhängern gut an.

Der FC Bayern wolle einen Fußball zeigen, der Menschen begeistert. Die Mannschaft solle auch bei einer deutlichen Führung weiter angreifen und zusätzliche Tore erzielen. Dieser offensive Anspruch sei ein wesentlicher Grund dafür, dass der Verein derzeit auch außerhalb der eigenen Anhängerschaft mehr Anerkennung erfahre.

Eine Nachfrage, die alle Dimensionen sprengt
Wie groß der Enthusiasmus rund um den Klub ist, verdeutlichte Dreesen anhand der Ticketnachfrage. Für besonders attraktive Heimspiele gingen nach seinen Angaben mehrere Hunderttausend Anfragen ein. Selbst weniger stark nachgefragte Begegnungen könnten die Kapazität der Allianz Arena deutlich übersteigen.

Diese Popularität sei einerseits ein Privileg, andererseits eine Belastung. Der Verein könne längst nicht allen Interessierten Karten anbieten. Beschwerden ließen sich deshalb kaum vermeiden. Dennoch sei eine übergroße Nachfrage ein Problem, das Dreesen lieber habe als leere Plätze.

Die gewachsene internationale Anhängerschaft ist zugleich Teil der wirtschaftlichen Strategie. Der FC Bayern versteht sich als tief in München und Bayern verwurzelter Verein, möchte aber auf den internationalen Märkten weiter wachsen. Auslandsreisen nach Asien oder in andere Regionen sollen die Bindung zu Fans, Partnern und Sponsoren stärken.

Dabei warnte Dreesen vor kurzfristigen Erwartungen. In einem neuen Markt Fuß zu fassen, lokale Partnerschaften aufzubauen und wirtschaftliche Erträge zu erzielen, sei kein Sprint, sondern ein langer Prozess. Spieler allein nach ihrer Herkunft zu verpflichten, um einen bestimmten Markt zu erschließen, lehnt er ab. Entscheidend müssten sportliche Qualität und die Eignung für die Mannschaft bleiben.

Keine Schadenfreude gegenüber 1860 München
Auch das Verhältnis zum Stadtrivalen TSV 1860 München wurde thematisiert. Dreesen wies Schadenfreude über sportliche oder finanzielle Probleme der Löwen zurück. Wenn ein traditionsreicher Fußballverein in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerate, sei das weder für den Sport noch für den Standort München gut.

Er wünsche den Löwen eine nachhaltige Erholung und verwies auf die außergewöhnliche Treue ihrer Anhänger. Eine direkte finanzielle Unterstützung aus den Kassen des FC Bayern betrachtete er allerdings skeptisch. Der Vorstand sei zunächst den eigenen Mitgliedern und dem eigenen Verein verpflichtet. Zudem bestünden zwischen Teilen beider Fanlager weiterhin erhebliche Antipathien.

Tradition, Politik und gesellschaftliche Verantwortung
Der FC Bayern sei kein parteipolitischer Verein, erklärte Dreesen. In seinen Gremien arbeiteten Persönlichkeiten unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Herkunft mit. Entscheidend seien fachliche Kompetenz, die Verbundenheit mit dem Klub und die Fähigkeit, konstruktiv zur Entwicklung des Vereins beizutragen.

Gleichzeitig könne sich der Fußball nicht vollständig aus gesellschaftlichen und politischen Fragen heraushalten. Als weltweit bedeutendste Sportart vermittle er Werte, bringe Menschen zusammen und könne kulturelle Grenzen überwinden. Er dürfe jedoch nicht mit der Erwartung überladen werden, jedes politische oder gesellschaftliche Problem lösen zu müssen.

Dreesen unterstützte zudem die Idee einer deutschen Bewerbung um Olympische Spiele und eine künftige Fußball-Weltmeisterschaft. Sportgroßveranstaltungen könnten weit über den eigentlichen Wettbewerb hinauswirken und Investitionen in Infrastruktur sowie Stadtentwicklung anstoßen. Sollte München bei einer nationalen Olympia-Auswahl nicht den Zuschlag erhalten, werde der FC Bayern nach seiner Aussage auch einen anderen deutschen Bewerber unterstützen.

Kritische Medien als Teil des Geschäfts
Zum Abschluss würdigte Dreesen die Rolle des Journalismus. Medien sorgten dafür, dass der Fußball und der FC Bayern weit über das Stadion hinaus wahrgenommen würden. Berichterstattung könne Verantwortliche ärgern, doch ohne Journalisten wäre die Reichweite des Vereins erheblich geringer.

Das Verhältnis zwischen Spitzenfußball und Medien beschrieb Dreesen als wechselseitige Abhängigkeit. Der Verein produziere ständig neue Geschichten, die Medien griffen sie auf und trügen sie in die Öffentlichkeit. Aus Sicht der Bayern-Führung sei es zwar angenehm, möglichst wenige negative Schlagzeilen zu erzeugen. Vollständig kontrollieren lasse sich die öffentliche Debatte jedoch nicht.

Dreesens Auftritt im PresseClub zeigte damit vor allem, wie er den FC Bayern führen möchte: ambitioniert, aber nicht vermessen; wirtschaftlich diszipliniert, aber nicht ausschließlich gewinnorientiert; international ausgerichtet, aber fest in München verwurzelt. Sein Ziel ist ein Verein, der Weltstars verpflichtet und Eigengewächse entwickelt, der jeden Titel gewinnen will und dennoch nicht seine Unabhängigkeit aufs Spiel setzt.

Näher dran am Leben – warum Lokaljournalismus mehr ist als nur Nachrichten

21. Mai 2025

Meine journalistische Laufbahn bei einer Tageszeitung begann beim Fürstenfeldbrucker Tagblatt/Münchner Merkur mit Stationen in Fürstenfeldbruck, München und Bonn. Und als unlängst mein alter Arbeitgeber den Tag des Lokaljournalismus zusammen mit der hauseigenen Boulevardzeitung tz ausrief, wollte ich dabei sein. Also auf nach München .

Im ehrwürdigen Pressehaus an der Bayerstraße in München gab es für die Leserinnen und Leser einen Blick hinter die Kulissen. Neben einer kurzen Führung gab es in der Eventarena, der ehemaligen Rotation, drei Podiumsdiskussionen.

Lokaljournalismus und Meinungsvielfalt – Ein Blick hinter die Kulissen beim Münchner Merkur
Dirk Ippen, Verleger und Herausgeber, zeigte sich stolz und dankbar gegenüber der Redaktion, die diesen Tag der offenen Tür organisiert hatte – mit dem Ziel, Leser, Werbekunden und Mitarbeitende miteinander in den Austausch zu bringen. „Sie sind unsere wichtigsten Menschen“, sagte Ippen, „und ich finde es großartig, dass Sie heute erleben können, wie eine Zeitung wirklich funktioniert.“

Im Zentrum seiner Ausführungen stand der Lokaljournalismus – die Herzkammer des Münchner Merkur und seiner angeschlossenen Heimatzeitungen. Viele dieser Titel wie das Tölzer Kurier, das Freisinger Tagblatt oder die Schongauer Nachrichten existieren seit dem 19. Jahrhundert. Ihr Fortbestehen sei einzig und allein der Arbeit engagierter Lokaljournalistinnen und -journalisten zu verdanken. „Guter Lokaljournalismus lebt von Neugier“, so Ippen. Die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und ihre Geschichten sichtbar zu machen, sei dabei wichtiger als jeder Zugang zu Bundespolitikern. „Jeder Mensch hat etwas Interessantes zu erzählen – und unsere Aufgabe ist es, das herauszufinden.“

Chefredakteur Georg Anastasiadis, ebenso wie seine Stellvertreter, blickte ebenfalls auf seine Anfänge im Lokalen zurück. Er erinnerte sich an das Jahr 1995, als durch eine vermeintliche Meteoritenexplosion in Andechs plötzlich Redaktionen weltweit – vom Wall Street Journal bis zur New York Times – anriefen. Später stellte sich heraus, dass es sich um eine illegale Sprengung handelte. Ein Beispiel dafür, wie Lokaljournalismus manchmal unverhofft ins Zentrum des Weltgeschehens rückt.

Auch Sebastian Arbinger, tz-Chefredakteur, berichtete von seinen Anfängen in der Lokalredaktion der Passauer Neuen Presse. Dort lernte er das journalistische Handwerk von Grund auf – etwa, wie man aus zwei handgeschriebenen A4-Seiten eines Vogelzuchtvereins einen spannenden Artikel macht.

Ein weiteres Thema des Gesprächs war der Unterschied zwischen Münchner Merkur und tz. Während der Merkur als überregionale Zeitung stärker auf Politik und umfassende Hintergrundberichterstattung setzt, versteht sich die tz als schnelle Stadtzeitung mit starkem Bezug zur Münchner Lebensrealität. Über 2.000 Zeitungskästen im Stadtgebiet unterstreichen diese Präsenz. Titelzeilen müssen pointiert und aktuell sein – manchmal auch provokant –, um im Alltag der Leser sichtbar zu bleiben.

Eine kritische Leserfrage griff die Rolle von Verleger Dirk Ippen als Kommentator auf. Ob es angemessen sei, dass sich ein Verleger so regelmäßig mit Meinungsbeiträgen zu Wort melde, wo dies bei anderen Häusern wie der Süddeutschen Zeitung unüblich sei? Ippen begegnete der Frage mit Offenheit: „Ich schreibe als Privatperson. Es ist meine Meinung – nicht die der Redaktion.“ Weder gebe es Druck noch Einflussnahme auf die Chefredaktion. Im Gegenteil: Die Redaktion verfüge über völlige Unabhängigkeit. Auch Georg Anastasiadis bestätigte: „Wir diskutieren durchaus leidenschaftlich. Unsere Zeitung ist nicht gleichgeschaltet.“

Anastasiadis ging auch auf die Kritik ein, die Kommentierung der Ampelregierung sei zu harsch. Rückblickend habe er die Koalition zum Start wohlwollend begleitet, doch zentrale politische Entscheidungen – etwa der Atomausstieg nach dem Ukraine-Krieg – hätten bei ihm Zweifel geweckt. „Da fehlte mir die ideologiefreie, pragmatische Herangehensweise“, so der Chefredakteur. Er betonte jedoch: „Wir wollen nicht belehren, sondern informieren. Unsere Leser sollen sich eine eigene Meinung bilden.“

Rolle der Leserbriefe
Der Diskurs zeigte, wie stark Lesermeinungen geschätzt und eingebunden werden. Leserbriefe und Hinweise spielen eine wichtige Rolle in der redaktionellen Arbeit. So wurde etwa die Enthüllung über mutmaßlich korrupte Vorgänge in der Münchner KVR der Ausländerbehörde durch einen anonymen Leserhinweis ausgelöst – innerhalb weniger Stunden konnte die Redaktion mit offiziellen Stellen sprechen und am nächsten Tag berichten.

Auch die Digitalisierung war Thema: Die gedruckten Ausgaben bleiben vorerst erhalten, werden aber technisch angepasst (kleineres Format), während parallel das ePaper und Online-Angebot weiter ausgebaut werden. So können Leser Inhalte auch unterwegs oder auf Reisen aktuell verfolgen – ein Service, den auch Ippen persönlich regelmäßig nutzt.

Zwischen Gemeinderat und Kanzleramt – Einblicke in den Politikjournalismus
Zwei erfahrene stellvertretende Chefredakteure Christian Deutschländer und Mike Schier erzählten offen über ihren Werdegang, den Alltag im politischen Journalismus und die Herausforderungen, die sich in Zeiten von Social Media und Künstlicher Intelligenz stellen.

Beide Journalisten starteten ihre Laufbahn über den Lokaljournalismus. Der eine begann mit 16 als Schülerpraktikant in der Lokalredaktion Wolfratshausen, der andere berichtete zunächst aus Gemeinderäten in kleinen oberbayerischen Gemeinden wie Kirchseeon und Glonn. Beide betonten, dass sie „Kinder des Merkur“ seien – geprägt von einer Redaktion, in der die Nähe zur Leserschaft und der direkte Kontakt zu kommunalen Akteuren von Anfang an eine große Rolle spielen. Diese Anfänge hätten ihnen ein tiefes Verständnis für politische Prozesse vermittelt – ein Wissen, das bis heute ihre Arbeit auf Landes- und Bundesebene prägt.

Interessant war die Reflexion darüber, wie ähnlich sich politische Berichterstattung auf kommunaler und nationaler Ebene tatsächlich gestaltet. Während sich große Politiker oft hinter Pressestäben und Protokoll verstecken, begegnet man auf kommunaler Ebene der unmittelbaren Reaktion: Ein Bürgermeister steht schon mal persönlich in der Redaktion – nicht selten mit scharfer Kritik an einem Artikel. Genau das macht Lokaljournalismus so herausfordernd und wertvoll: Er ist nah dran, spürbar, und oft emotional aufgeladen.

Beziehungsarbeit
Wie aber kommt man an die großen Namen der Politik heran? Hier zählt vor allem eins: langfristige Beziehungsarbeit. Wer früh Kontakte knüpft – etwa zu jungen Abgeordneten nach einer Landtagswahl –, hat später bessere Chancen, wenn diese Karrieren machen. Wer mit einem Ministerpräsidenten seit Jahren spricht, hat dessen Handynummer und kann auf einem Vertrauensverhältnis aufbauen. Diese Nähe ist entscheidend – nicht, um parteilich zu berichten, sondern um besser einordnen zu können, was hinter Entscheidungen steckt.

Braucht es noch Politikjournalismus?
Gerade in Zeiten von Social Media sehen sich viele Menschen täglich mit Informationen, Meinungen und Kommentaren überflutet. Wozu braucht es da noch den klassischen Politikjournalismus? Die Antwort der Merkur-Redakteure: mehr denn je. Ihre Aufgabe sei nicht nur, zu berichten, was gesagt wurde, sondern vor allem zu erklären, warum. Warum äußert sich ein Politiker auf eine bestimmte Weise? Welche Strategie steckt dahinter? Was bedeutet das für die politische Entwicklung? Diese Einordnung wird immer zentraler, während reine Nachrichtenschilderung an Bedeutung verliert.

Natürlich wurden auch strukturelle Fragen besprochen – etwa zur Größe der Redaktion: Die Politikredaktion zählt etwa 14 Personen, der Sportbereich ist ähnlich stark besetzt. Dabei sei die inhaltliche Gewichtung bei TZ und Merkur unterschiedlich – während bei der TZ der Sport eine größere Rolle spielt, ist es beim Merkur eher die Politik.

Ein Hoch auf die Pressefreiheit
Ein weiteres Thema: Pressefreiheit. Die Redakteure betonten, dass in Deutschland niemand vorgibt, was geschrieben wird. Es gebe keine Zensur, keine Vorabgenehmigungen – wohl aber die Pflicht zur Sorgfalt und gegebenenfalls zur juristischen Auseinandersetzung, falls Berichte falsch oder beleidigend seien. Interviews würden aus Transparenzgründen autorisiert, was manchmal zu Konflikten führe, wenn Politiker Aussagen nachträglich ändern wollten. In Extremfällen – wie einst beim SPD-Politiker Olaf Scholz – habe die taz Interviews sogar mit geschwärzten Antworten gedruckt, um den Zensurversuch offenzulegen.

Unabhängigkeit auf Reisen
Einen unterhaltsamen Einblick boten auch die Berichte über Reisen mit Politikern. Wenn Ministerpräsidenten oder Kanzler ins Ausland reisen, wird ein Pool an Journalisten eingeladen – allerdings auf eigene Kosten, was wiederum Unabhängigkeit garantiere. Die Plätze im Regierungsflieger sind hart umkämpft, der Zugang zu Hintergrundgesprächen wichtig. Dabei gebe es – je nach Politiker – sehr unterschiedliche Erfahrungen: Markus Söder etwa sei sehr kommunikativ, komme mit klaren Botschaften und wisse genau, was er in einem Gespräch vermitteln wolle.

Auch über das Verhältnis von Print- und Onlinejournalismus wurde gesprochen. Die Redaktionen arbeiten unabhängig, aber kooperativ. Print sei regional fokussiert, während online Reichweite über Themen mit bundesweitem Interesse erzeugt werde. Beide Seiten profitieren voneinander, agieren jedoch mit unterschiedlichen Zielsetzungen.

KI in der Redaktion
Künstliche Intelligenz spielt bislang nur eine untergeordnete Rolle im Politikjournalismus der Redaktion. Zwar werde sie vereinzelt zur Recherche genutzt, echte Texte schreibe aber niemand mit Hilfe von KI. Viel zu groß sei das Risiko von Fehlern und ungenauen Informationen.

Die Diskussion offenbarte auch die oft unterschätzte emotionale Komponente des Berufs: die Herausforderung, professionell zu bleiben, auch wenn man selbst eine politische Meinung hat. Viele Journalisten, so ein Redakteur, hätten im Laufe ihrer Karriere gemerkt, dass in allen Parteien kluge Köpfe wie auch Karrieristen zu finden seien – was die politische Einordnung oft komplexer, aber auch interessanter mache. Politikjournalismus ist kein Selbstzweck. Er lebt von Nähe, Vertrauen, Sorgfalt und der Bereitschaft, sich immer wieder auf neue Situationen und Menschen einzulassen. Die Podiumsdiskussion zeigte, wie engagiert, reflektiert und verantwortungsvoll Journalistinnen und Journalisten beim Münchner Merkur diesem Anspruch gerecht werden.

Sportjournalismus hautnah
Für mich völlig unwichtig, aber für die Leser enorm wichtig ist der Sportjournalismus. Die Diskussionsrunde war hochkarätig besetzt: Mit dabei waren FC-Bayern-Reporterin Hannah Reif, Bayern-Reporter Manuel Bonke sowie 1860-München-Experte Marco Blanco-Ucles.

Ein zentrales Thema: Wie arbeitet eigentlich eine Sportreporterin? Hannah Reif schilderte anschaulich den Redaktionsalltag – vom morgendlichen Austausch im Team über spontane Themenänderungen durch aktuelle Ereignisse bis hin zur Arbeit am Spielfeldrand. Die Herausforderungen bei Champions-League-Spielen kamen ebenso zur Sprache. Bei Abpfiff muss der Text stehen, auch wenn man frierend im Stadion sitzt – „manchmal im Schneesturm mit der Kapuze über dem Kopf“. Fehler sollten trotzdem nicht passieren, doch das Umfeld ist oft alles andere als einfach.

Bei knappen Spielen müssen zwei Textversionen vorbereitet werden: Plan A bei Sieg, Plan B bei Niederlage – eine zusätzliche Stressquelle, wenn sich Spielverläufe in den letzten Sekunden dramatisch ändern.

Auch das Verhältnis der Reporter untereinander wurde thematisiert. Trotz aller Vereinsrivalität – zwischen Bayern und 1860 – herrscht in der Redaktion ein kollegialer Umgang. Blanco-Ucles berichtete mit einem Augenzwinkern von seiner Rolle als “Löwen-Reporter” in einem Team von Bayern-Journalisten.

Die Frage, ob man als Sportreporter Fan sein dürfe, wurde differenziert beantwortet. Natürlich gäbe es Sympathien – aber auf der Pressetribüne ist professionelle Distanz gefragt. Einblicke gab es auch in die Logistik: Bei Champions-League-Reisen reisen die Reporter gemeinsam mit dem Team – „ganz hinten, kurz vor der Bordtoilette“. Es wird überall gearbeitet: im Flugzeug, am Gate, in der S-Bahn. „Die Texte entstehen unterwegs – aber sie entstehen!“

Besonders interessant war der Blick hinter die Kulissen der sogenannten „Mixed Zone“ nach den Spielen. Dort, wo keine Kameras laufen, seien die Aussagen der Spieler oft offener und gehaltvoller. Thomas Müller, so wurde bedauert, werde der Redaktion mit seinen originellen Zitaten fehlen.

Braucht ihr die Playstation 4?

1. Juni 2013

Seit dem Champions-League-Finale steht es fest: Die Playstation 4 kommt noch im Jahr 2013 in den Handel. Sony schaltete bei dem Spiel des FC Bayern gegen eine andere Mannschaft entsprechende Banner am Spielfeldrand.

Die PS4 kommt noch in diesem Jahr.

Die PS4 kommt noch in diesem Jahr.

Ein paar Tage später gab es die PlayStation 4 auch schon bei Amazon zum Vorbestellen für rund 600 Euro. Es handelt sich freilich um einen Fantasiepreis und auch das Veröffentlichungsdatum steht noch nicht einmal fest, aber vorbestellen kann man die Konsole schon. Die Marketingmaschinerie beginnt anzulaufen, nachdem Microsoft die XBox one angekündigt hat. Amazon schaltet für die PlayStation 4 eine großzügige Landingpage und zeigt uns ein paar Spiele zur Auswahl. Mich interessiert natürlich die neue Version von Killzone.

Die neue Landingpage bei Amazon zur PS4.

Die neue Landingpage bei Amazon zur PS4.

Stückweise werden auch technische Daten der neuen Spielkonsole im Netz veröffentlicht. Klingt alles überzeugend und trotzdem habe ich ein Problem. Die PS4 hat keine Abwärtskompatibilität zu PS3-Spielen. Nun, das war beim Schritt von der PS2 zur PS3 im Grunde auch nicht anders. Zwar gab es übergangsweise einige PS3-Konsolen zu Beginn, die die alten PS2-Scheiben gefressen haben. Bei der PS4 soll es diese Übergangsphase aus technischen Gründen nicht geben. Es laufen nur die neuen PS4-Spiele und damit basta.

Nun, natürlich kaufe ich mir eine neue Konsole, um neue Spiele zu spielen und nicht um die alten zu zocken. Dennoch sind mittlerweile doch ein paar Regalmeter PS3-Spiele im Heim zu verzeichnen. Und langsam platzt die Technik im Wohnzimmer aus dem Rahmen. Neben Playstation 2 und 3 sind noch ein Game Cube und eine Wii U zu finden. Als Retro-Fan habe ich noch C64-Spiele auf einem speziellen Gamestick. Daneben zahlreiche Verstärker, Surround-Anlagenzeugs, Monitore und Sat-Reciever. Und da soll jetzt noch eine PS4 rein? Ich weiß nicht.

Nintendo hat es bei der Wii U elegant gelöst, denn K1 und K2 wollten ihre alten Wii-Spiele weiter spielen. Diese Abwärtskompatibilität war der Kaufgrund für die Wii U, die bisher kaum gute Spiele hervorgebracht hat, von Lego City Undercover mal abgesehen. Sony geht diesen Weg mit der PS4 nicht und zwingt uns zur Wegwerfgesellschaft.

Und ein zweites Problem habe ich: Gebrauchtspiele sollen nicht mehr funktionieren. Viele meiner PS3-Spiele sind Spiele aus zweiter Hand. Hier stirbt eine ganze Branche. Ich werde mir gewiss deutlich weniger Spiele kaufen, wenn sie nicht gebraucht billiger her gehen. Natürlich kann es den Herstellern egal sein, mir ist es nicht. Ich bin nur ab und zu bereit 60 Euro und mehr für ein neues Spiel auszugeben, aber dann muss das Spiel auch wirklich Top sein. Die Masse der Spiele ist es nicht und künftig kaufe ich diese dann eben nicht. Das Ausschalten des Gebrauchtmarktes kann natürlich dazu führen, dass die Spielequalität steigt, weil mehr Energie in die Spieleentwicklung gelegt wird. Aber daran glaube ich nicht.

Und zudem wird eine stärke Internet-Verbindung für die PS4 benötigt. Cloud und Download sollen zunehmen – das ist grundsätzlich fein. Dennoch hab ich als Landei massive Probleme damit, denn der Netzausbau ist nicht so, wie man es sich vorstellt. Ich bin damit noch auf Datenträger angewiesen.

Mir stellt sich die Frage: Brauche ich die Playstation 4 eigentlich? Wie geht es euch?

UPDATE: 11. Juni 2013: auf der E3 hat Sony die PS4 angekündigt: 399 Euro und Gebrauchspiele sollen anders als der XBox funktionieren. sehr gut. Jetzt wird das Teil interessanter. Und die PS4 verlangt keine Internetverbindung – Sony, das haste richtig gemacht.

Social Media: Deutschland versagt im Twitter-Fußball

22. Mai 2012

So leid es mir persönlich tut: Twitter ist und bleib in Deutschland wohl eher eine Randerscheinung – zumindest wenn man den internationalen Vergleich heranzieht. Der Kurznachrichtendienst hat im Land der Dichter und Denker eher ein Nischendasein. Dies wird wieder deutlich, wenn man die jüngste Untersuchung von ExactTarget beim Lieblingsthema der Deutschen anschaut: Fußball

Das Unternehmen ExactTarget untersuchte die Tweets bei der zurückliegenden Champions League. Sowohl im Netz als auch auf dem Fußballfeld unterlag der FC Bayern  dem glücklichen Gewinner Chelsea London. Mit rund 73 Prozent von weltweit insgesamt 1,8 Millionen Tweets ist Chelsea London der klare Social Media-Gewinner der Champions League.

ExactTarget, Anbieter von E-Mail-Marketing- und interaktiver Marketing-Lösungen, hat eine Woche lang weltweit alle Tweets zum Finale Bayern gegen Chelsea erfasst: Das Monitoring ergab unter anderem: Insgesamt gab es weltweit rund 1,8 Millionen Tweets zur Auseinandersetzung, davon 1,12 Millionen am Finaltag der Champions League. In 73 Prozent der Tweets wurde Chelsea London genannt, Bayern München dementsprechend nur in 27 Prozent der Tweets. Rund 70 Prozent der Beiträge auf Twitter wurden in Englisch verfasst, gefolgt von etwa 16 Prozent in Spanisch und nur 3,5 Prozent in Deutsch.

Fußball am Hauptbahnhof in München, aber ohne Twitter.

Fußball am Hauptbahnhof in München, aber ohne Twitter.

Das zeigt mir, dass Twitter noch nicht richtig in Deutschland angekommen ist. Während Facebook für die Masse ist, scheint Twitter mit seinen 140 Zeichen in Deutschland wohl nur ein Netzwerk für eine gewisse sprachliche Elite zu sein. Die hat entweder mit Fußball nichts am Hut, oder – und das glaube ich vielmehr – die Masse ist eben nicht auf Twitter unterwegs. Meine Timeline am Abend der Champions League war voll von Fußball, aber wohl zu wenig im internationalen Vergleich.

Spannung pur, aber Twitter war nicht gefragt.

Spannung pur, aber Twitter war nicht gefragt.