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Podcast Nah dran (3): Wo Journalismus wieder persönlich wird: Hildegard Tröger über Vertrauen, Austausch und den Blick hinter die Kulissen

16. August 2026

Journalismus entsteht nicht allein am Schreibtisch. Er lebt von Begegnungen, verlässlichen Netzwerken, kritischen Fragen und der Bereitschaft, die Welt aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Im Gespräch mit Matthias J. Lange erklärt Hildegard Tröger, stellvertretende Vorsitzende des PresseClubs München, warum ein traditionsreicher Medienclub gerade im digitalen Zeitalter gebraucht wird – und weshalb gute Geschichten häufig dort beginnen, wo sich eine Tür öffnet, die anderen verschlossen bleibt. Das ist der ehrenamtliche Podcast des PresseClub Münchens.

Der PresseClub München ist mehr als ein Veranstaltungsort im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt. Für Hildegard Tröger ist er ein Resonanzraum: ein Ort, an dem Journalistinnen und Journalisten, Kommunikationsfachleute und andere Medienschaffende Erfahrungen austauschen, Themen diskutieren und neue Kontakte knüpfen können. Und hier ist der Podcast

Tröger gehört dem Club seit vielen Jahren an. Der genaue Zeitpunkt ihres Eintritts liegt nach ihrer Erinnerung etwa um das Jahr 2005. Ihr beruflicher Hintergrund führte sie unter anderem in die Unternehmenskommunikation. Dort beschäftigte sie sich mit interner und externer Kommunikation, mit der Formulierung von Botschaften und mit der Frage, über welche Kanäle diese Botschaften ihre Adressaten erreichen.

Schon damals faszinierte sie, wie sorgfältig Unternehmen ihre öffentliche Positionierung vorbereiten müssen. Zugleich war ihr die klare Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und bezahlter Kommunikation wichtig. Werbung müsse als solche erkennbar sein. Diese Verbindung aus Sprache, Kommunikation, Verantwortung und Transparenz bildete einen wesentlichen Ausgangspunkt für ihr Engagement im PresseClub.

Tradition, Aktualität und Offenheit

Drei Begriffe beschreiben für Tröger den Charakter des PresseClubs besonders treffend: Tradition, Aktualität und Offenheit.
Die Tradition ist unübersehbar. Der PresseClub München wurde am 16. März 1950 als „Verein für auswärtige Presse“ gegründet. Im Jahr 2025 feierte er sein 75-jähriges Bestehen. Aus einer Arbeitsstätte mit Schreibmaschinen, Ofen und Fernschreiber entwickelte sich eine etablierte Institution am Münchner Marienplatz. Heute versteht sich der Club als Forum für Journalismus, Dialog, Pressefreiheit und demokratische Verantwortung.

Tradition allein genügt Tröger jedoch nicht. Ebenso wichtig ist ihr die Aktualität. Im PresseClub werden gegenwärtige politische und gesellschaftliche Entwicklungen aufgegriffen, aber auch Themen aus Wirtschaft, Kultur, Sport, Wissenschaft, Medizin und Medien.

Gerade diese thematische Breite betrachtet sie als Stärke. Journalismus dürfe sich nicht auf Politik beschränken, weil Politik nur einen Teil des Lebens abbilde. Auch Architektur, Technik, Gesundheit, Kunst und die Entwicklung von Städten und Gemeinden gehörten zur journalistischen Wirklichkeit.

Die dritte Eigenschaft ist Offenheit: Offenheit gegenüber unterschiedlichen Themen, Perspektiven, Berufswegen und Generationen. Der Club kann nach Trögers Überzeugung einen Raum bieten, in dem sich verschiedene journalistische und kommunikative Strömungen begegnen, aneinander reiben und voneinander lernen.

Ein Resonanzraum für einen häufig einsamen Beruf
Journalistische Arbeit entsteht oft allein. Recherchieren, ordnen, formulieren und redigieren sind Tätigkeiten, bei denen Medienschaffende über längere Zeit auf sich selbst zurückgeworfen sein können. Umso wichtiger sei ein professioneller Resonanzboden, sagt Tröger.

Der Austausch im PresseClub ermöglicht Begegnungen mit Menschen, die ähnliche Aufgaben erfüllen, ohne unmittelbar in derselben Redaktion zu arbeiten. Dadurch können Gespräche offener verlaufen, weil nicht jede Begegnung von direkter Konkurrenz geprägt ist.

Ein solcher Club bietet damit nicht nur Kontakte, sondern auch Distanz zum eigenen Arbeitsalltag. Mitglieder können über den Tellerrand der eigenen Redaktion, des eigenen Mediums oder Fachgebiets hinausblicken und trotzdem innerhalb der Medienbranche bleiben.

Der PresseClub erfüllt diese Funktion heute unter veränderten Bedingungen. Als er gegründet wurde, waren beheizte Räume, Telefon, Fernschreiber und andere technische Arbeitsmöglichkeiten für Journalistinnen und Journalisten von existenzieller Bedeutung. Heute stehen WLAN, digitale Produktionstechnik und moderne Kommunikationsmittel nahezu überall zur Verfügung. Dennoch nutzt Lange die Räume des Clubs weiterhin als Arbeitsplatz zwischen Terminen – mit Ruhe, technischer Infrastruktur und einem Blick über den Marienplatz.

Persönliche Begegnung bleibt unersetzlich
Digitale Besprechungen gehören längst zum Alltag. Tröger schätzt Onlinekonferenzen, weil sie Wege verkürzen und Besprechungen effizienter machen können. Besonders bei Teams, die sich bereits gut kennen und deren Arbeitsabläufe eingespielt sind, können digitale Treffen hervorragend funktionieren.

Dennoch ersetzt der Bildschirm nicht jede persönliche Begegnung. Menschen seien physische Wesen, betont Tröger. Vertrauen, spontane Gespräche und neue Beziehungen entstünden häufig leichter, wenn Menschen gemeinsam in einem Raum sitzen. Die sinnvolle Lösung liegt für sie deshalb nicht in einem Entweder-oder, sondern in einer bewussten Mischung aus digitalen und analogen Formaten.

Hybride Veranstaltungen betrachtet sie dagegen differenziert. Wenn ein Teil des Publikums im Raum sitzt und andere Teilnehmer nur zugeschaltet sind, geraten die Menschen vor den Bildschirmen schnell ins Hintertreffen. Erfolgreiche hybride Formate benötigten deshalb eine besonders klare Moderation und eine zusätzliche Person, die Fragen, Reaktionen und technische Probleme der Onlinegäste im Blick behält.

Zugleich eröffnen digitale Formate internationale Möglichkeiten. Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern können sich einschalten, ohne nach München reisen zu müssen. Die Technik schafft damit Reichweite – die redaktionelle und organisatorische Gestaltung entscheidet jedoch darüber, ob aus einer Übertragung tatsächlich eine gemeinsame Veranstaltung wird.

Die Geschichten liegen auf der Straße
Ein besonderer Schwerpunkt von Trögers Arbeit sind die Exkursionen des PresseClubs. Nach dem Rückgang der früher üblichen größeren Clubreisen entwickelte sie ein Format, das sich auf München und das nähere Umland konzentriert. Die Idee dahinter ist pragmatisch: Ziele im Stadtgebiet oder im Bereich von U- und S-Bahn sind für Mitglieder leichter erreichbar. Gleichzeitig bietet die Region eine große Zahl journalistisch interessanter Orte.

Die Exkursionen führten unter anderem in das Werksviertel-Mitte, in das Bayerische Wirtschaftsarchiv, in die Anatomische Anstalt der Ludwig-Maximilians-Universität, zu Energie- und Kulturstandorten sowie in Museen und Gemeinden. Auch aktuelle Programme zeigen die thematische Bandbreite: 2026 organisierte Tröger unter anderem Besuche in der Pinakothek der Moderne und in Freising. Auf die Frage, woher ihre Ideen stammen, hat sie eine einfache Antwort: Die Themen lägen auf der Straße. Man müsse sie nur aufheben.

Damit ist keine Beliebigkeit gemeint. Tröger sucht Orte, die ungewöhnliche Einblicke ermöglichen und deren Verantwortliche bereit sind, mehr zu zeigen als eine übliche Besucherführung. Mitglieder sollen mit Kuratoren, Wissenschaftlern, Bürgermeistern, Museumsleitungen oder anderen Fachleuten sprechen können. Entscheidend sind Informationen aus erster Hand.

Hinter den Kulissen beginnt die eigentliche Recherche
Der journalistische Mehrwert einer Exkursion liegt häufig nicht allein im offiziellen Thema. Entscheidend sind die kleinen Entdeckungen am Rand: ein historisches Dokument, eine unerwartete Entstehungsgeschichte, ein Problem beim Transport eines Exponats oder ein Einblick in die alltäglichen Sorgen einer Institution.

Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv stieß die Gruppe beispielsweise auf Dokumente aus der Münchner Medien- und Wirtschaftsgeschichte. Solche Funde machen abstrakte Entwicklungen greifbar. Aus einem Archivbesuch wird plötzlich eine unmittelbare Begegnung mit Stadt- und Pressegeschichte. Auch Führungen durch anatomische Sammlungen oder einen Seziersaal eröffnen Perspektiven, die eine gewöhnliche Pressekonferenz kaum vermitteln kann. Medizinische Sachverhalte, über die sonst theoretisch gesprochen wird, werden sichtbar und verständlich. Besonders nachhaltig blieb Tröger und Lange der Besuch in der Anatomischen Anstalt der LMU in Erinnerung. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper führte sogar zu persönlichen Gesprächen über die Frage, ob man seinen Körper nach dem Tod der medizinischen Forschung zur Verfügung stellen sollte. Hier zeigt sich, was gelungene journalistische Vermittlung leisten kann: Sie liefert nicht nur Fakten, sondern setzt Denkprozesse in Gang.

Bilder sind Teil moderner Berichterstattung
Für heutige journalistische Exkursionen ist auch die Möglichkeit zur Bebilderung entscheidend. Wer über ein außergewöhnliches Dokument, ein Kunstwerk oder eine technische Anlage berichtet, möchte es fotografieren oder filmen können.

Tröger erlebt bei vielen Institutionen eine große Offenheit. Der journalistische Hintergrund des PresseClubs erleichtert den Zugang. Gleichzeitig profitieren die besuchten Einrichtungen von der späteren Berichterstattung. So entsteht ein Austausch mit beiderseitigem Nutzen. Die Institutionen erhalten Aufmerksamkeit, während Medienschaffende Zugang zu Fachwissen, Ansprechpartnern und visuellen Eindrücken bekommen. Aus Sicht Trögers funktioniert dieses Modell besonders gut, wenn beide Seiten transparent mit ihren Interessen umgehen.

Journalismus muss die ganze Welt erklären
Für Tröger gehört die Beschäftigung mit Kultur, Medizin, Technik, Wirtschaft und gesellschaftlichem Leben selbstverständlich zum Journalismus. Dessen Aufgabe bestehe darin, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Umwelt besser zu verstehen. Dazu braucht es nicht nur lange Analysen. Tröger wünscht sich in seriösen Medien zusätzlich klarere und kompaktere Einordnungen. Viele Leser hätten weder die Zeit noch das Vorwissen, um sich durch umfangreiche Dossiers zu arbeiten. Prägnante Zusammenfassungen, historische Hintergründe und wichtige Eckdaten könnten helfen, neue Entwicklungen schneller einzuordnen.

Künstliche Intelligenz kann dabei unterstützen, Texte zusammenzufassen und große Informationsmengen zu strukturieren. Sie ersetzt jedoch nicht die Prüfung der Quellen. Entscheidend bleibt, ob Informationen aus einer seriösen und nachvollziehbaren Quelle stammen.

Vertrauen entsteht durch überprüfbare Arbeit
Fake News, Desinformation und gezielte Manipulation stellen den Journalismus vor erhebliche Herausforderungen. Tröger sieht deshalb auch den PresseClub in der Verantwortung, Themen wie Faktenprüfung, Quellenkritik und redaktionelle Qualität regelmäßig aufzugreifen.

Die Glaubwürdigkeit der Medien werde nicht nur von außen angegriffen. Die Branche müsse auch eigene Fehler kritisch betrachten. Erfundenes dürfe niemals deshalb veröffentlicht werden, weil es sich besonders gut liest. Eine eindrucksvolle Geschichte ist noch keine wahre Geschichte. Journalistische Institutionen müssen deshalb deutlich machen, wie seriöse Berichterstattung entsteht: durch Recherche, Gegenprüfung, transparente Quellenarbeit und die Bereitschaft, eine attraktive These zu verwerfen, wenn sie den Fakten nicht standhält. Der PresseClub beschreibt sich selbst als eine Gemeinschaft, die journalistischer Qualität, Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit verpflichtet ist. Auch Ausbildung, Austausch und die Auseinandersetzung mit Fake News gehören zu seinem Selbstverständnis.

Mehr Raum für konstruktive Nachrichten
Neben sorgfältiger Faktenprüfung wünscht sich Tröger einen stärkeren Blick auf positive Entwicklungen. Der bekannte Mechanismus, dass schlechte Nachrichten besonders viel Aufmerksamkeit erzeugen, hat nachvollziehbare psychologische Ursachen. Bedrohungen ziehen den Blick des Menschen stärker an als Normalität.

In einer digital vernetzten Welt werden Nutzer jedoch über zahlreiche Kanäle nahezu ununterbrochen mit Krisen, Konflikten und Katastrophen konfrontiert. Dieses dauerhafte Nachrichtenbombardement kann belasten. Konstruktiver Journalismus bedeutet dabei nicht, Probleme schönzureden. Ebenso wenig wäre es sinnvoll, einen Flugzeugabsturz mit dem Hinweis zu relativieren, dass gleichzeitig Tausende Flugzeuge sicher gelandet sind. Gefragt sind vielmehr relevante Geschichten über Lösungen, Fortschritte und Menschen, die konkrete Verbesserungen erreichen.

Gute Nachrichten müssen journalistisch genauso sorgfältig recherchiert werden wie schlechte. Sie benötigen Konflikt, Relevanz und nachvollziehbare Fakten – nicht bloß Optimismus.

Junge Medienschaffende brauchen passende Angebote
Der PresseClub ist kein reiner Seniorenverein, auch wenn ältere und erfahrene Mitglieder einen bedeutenden Teil seiner Gemeinschaft bilden. Der generationsübergreifende Austausch gehört nach Ansicht Trögers ausdrücklich zu seinen Stärken. Gleichzeitig müsse der Club noch mehr jüngere Medienschaffende gewinnen. Nachwuchsförderung, Mentoring und Vernetzungsabende seien wichtige Grundlagen. Das Mentoring-Programm des PresseClubs wurde 2004 gegründet und begleitet seitdem junge Journalistinnen und Journalisten beim Einstieg in den Beruf.

Allerdings stehen Berufseinsteiger heute unter hohem Zeit- und Produktionsdruck. Viele arbeiten unter unsicheren Bedingungen, für mehrere Auftraggeber oder in schnell getakteten digitalen Redaktionen. Ein Berufsclub muss deshalb Formate entwickeln, die zu diesem Alltag passen und für junge Menschen einen unmittelbar erkennbaren Nutzen bieten. Dabei sollten jüngere Mitglieder nicht nur als Zielgruppe betrachtet werden. Sie müssen an der Entwicklung neuer Formate beteiligt sein.

Wenn der Beruf krank macht
Ein weiteres Thema, das Tröger persönlich beschäftigt, ist die Burnoutprävention. Neben ihrem Engagement im PresseClub ist sie auch im Deutschen Bundesverband für Burnoutprävention aktiv. Journalistische Berufe können besonders belastend sein: ständiger Zeitdruck, die Jagd nach der neuesten Meldung, unregelmäßige Arbeitszeiten, Konkurrenz und die fortwährende Beschäftigung mit Krisen. Was heute aktuell ist, kann morgen bereits überholt sein.

Früher wurden Überlastung und psychische Probleme in manchen Redaktionen mit Alkohol, Zigaretten oder Durchhalteparolen verdrängt. Inzwischen ist die Offenheit größer geworden. Dennoch existiert weiterhin die Vorstellung, Medienschaffende müssten belastbar sein und dürften keine Schwäche zeigen. Tröger hält dieses Denken für gefährlich. Mentale Gesundheit müsse ernst genommen werden. Burnout ist nicht automatisch mit einer Depression gleichzusetzen, kann jedoch in schwere psychische Erkrankungen münden. Prävention, frühe Unterstützung und eine offenere Gesprächskultur sind deshalb zentrale Aufgaben – nicht nur im Journalismus.

Eine Exkursion des PresseClubs nach Dießen am Ammersee führte die Mitglieder auch in eine auf mentale Gesundheit ausgerichtete Klinik. Der offizielle Clubbericht hält fest, dass der Bedarf an Unterstützung bei der Wiederherstellung psychischer Stabilität voraussichtlich bestehen bleiben oder sogar wachsen wird.

Ein Knotenpunkt für die Zukunft des Journalismus
In den kommenden Jahren wird sich der PresseClub mit grundlegenden Veränderungen beschäftigen müssen. Künstliche Intelligenz ist dabei eines der zentralen Themen. Sie wird redaktionelle Abläufe, Recherche, Produktion und Distribution weiter verändern.

Hinzu kommen internationale Krisen, politische Polarisierung, wirtschaftlicher Druck und eine immer schnellere Zirkulation von Informationen und Falschinformationen. Gerade deshalb hält Tröger einen unabhängigen Ort des persönlichen und fachlichen Austauschs für unverzichtbar. Der PresseClub der Zukunft wird nicht allein durch seine Räume definiert. Seine Bedeutung entsteht durch die Menschen, die sich dort begegnen, widersprechen, gegenseitig informieren und gemeinsam über Qualitätsmaßstäbe nachdenken.

Für Tröger ist entscheidend, was Mitglieder und Gäste nach einer Veranstaltung mitnehmen. Fachlich sollten sie das Gefühl haben, etwas Relevantes gelernt und ihr Weltbild um ein weiteres Mosaikstück ergänzt zu haben. Menschlich sollten sie Menschen begegnet sein, neue Gedanken kennengelernt und Hinweise erhalten haben, die ihnen sonst entgangen wären. Damit beschreibt sie zugleich den Kern jedes gelungenen journalistischen Formats: Es erweitert nicht nur das Wissen. Es verändert den Blick.

Zwischen Weltstars und Festgeldkonto: Wie Jan-Christian Dreesen den FC Bayern in die Zukunft führen will

28. Juli 2026

Der FC Bayern soll sportlich nach den größten Titeln greifen, wirtschaftlich unabhängig bleiben und zugleich wieder stärker auf Talente aus dem eigenen Nachwuchs setzen. Beim PresseClub München erklärte Vorstandsvorsitzender Jan-Christian Dreesen, wie der Rekordmeister diese Ziele miteinander verbinden will – und warum Berechenbarkeit für ihn zu den wichtigsten Eigenschaften guter Führung gehört.

Beim PresseClub München war Jan-Christian Dreesen am 28. Juli 2026 erstmals zu Gast. Der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG sprach mit den Moderatoren Manfred Otzelberger und David Brill über internationale Transfers, Spielergehälter, Nachwuchsförderung, wirtschaftliche Solidität und das Verhältnis des Vereins zu Fans, Medien und Politik. Auch seine persönliche Geschichte spielte eine Rolle: Dreesen stammt aus Aurich in Ostfriesland, wurde aber bereits als Schüler Anhänger des FC Bayern. Seit Mai 2023 führt er die Aktiengesellschaft des deutschen Rekordmeisters. Hier die Aufzeichnung des Gesprächs:

Dass ausgerechnet ein Ostfriese einmal an der Spitze des FC Bayern stehen würde, war in Dreesens Jugend kaum absehbar. Zum Münchner Klub fand er nach eigener Darstellung durch einen Schulfreund. Während sein Vater dem Hamburger SV verbunden gewesen sei, begeisterte sich Dreesen für Bayern-Spieler wie Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Selbst spielte er lange Fußball, allerdings nach eigener Einschätzung mit großer Leidenschaft und nur durchschnittlichem Talent. Und hier als VR 360 Video

Sein Weg in den Profifußball führte deshalb nicht über den Rasen, sondern über Banken und Finanzen. Beim FC Bayern galt Dreesen zunächst vor allem als „Mann der Zahlen“. Heute verkörpert er einen Führungsstil, der stärker auf Dialog, Verlässlichkeit und persönliche Nähe setzt. Sein Grundsatz sei einfach: Er sage, was er meine, tue, was er ankündige, und verspreche nichts, was er nicht halten könne. Gerade im Verhältnis zu Fans und Beschäftigten sei Berechenbarkeit ein entscheidendes Gut.

Der Kane-Transfer als Gemeinschaftsleistung
Ausführlich schilderte Dreesen die Verpflichtung von Harry Kane im Sommer 2023. Den Transfer wollte er ausdrücklich nicht als persönliches Meisterstück verstanden wissen. An den Verhandlungen seien zahlreiche Verantwortliche beteiligt gewesen, darunter der damalige Technische Direktor Marco Neppe sowie Vertreter der Vereinsführung und der damalige Trainer Thomas Tuchel.

Bei einem Spieler dieser Größenordnung müsse der Trainer in die Entscheidung einbezogen sein, betonte Dreesen. Ein teurer Spitzentransfer gegen den Willen des Coaches könne kaum funktionieren. Die Gespräche mit Tottenham und dessen Chairman Daniel Levy hätten sich lange hingezogen. Zusätzliche Schwierigkeiten seien durch Zeitverschiebungen entstanden, als Levy sich in den USA aufhielt.

Dreesen beschrieb auch den öffentlichen Druck, der mit einem solchen Geschäft verbunden ist: Kommt der Transfer zustande, gilt der Spieler schnell als zu teuer. Scheitert er, werden die Verhandlungsführer verantwortlich gemacht. Entscheidend sei deshalb gewesen, intern Gelassenheit auszustrahlen und den Verhandlungen ausreichend Zeit zu geben. Tottenham hätten nach Dreesens Angaben auch finanziell attraktivere Angebote vorgelegen. Kane habe sich jedoch bewusst für München entschieden.

Hohe Gehälter ja – aber nicht für den gesamten Kader
Grundsätzlich hält Dreesen hohe Bezüge für echte Spitzenspieler für gerechtfertigt. Stars sorgten für attraktiven Fußball, volle Stadien und internationale Aufmerksamkeit. Problematisch werde es jedoch, wenn sich zu viele Spieler selbst als Topverdiener verstünden oder der finanzielle Mittelbau eines Kaders zu breit werde.

Ein Verein könne sich einige herausragend bezahlte Akteure leisten, brauche daneben aber ein ausgewogenes Gehaltsgefüge. Nach Dreesens Einschätzung differenzieren englische Klubs stärker zwischen absoluten Stars und Ergänzungsspielern. Zwar sorgten dort hohe Transfersummen regelmäßig für Schlagzeilen, doch diese Gelder blieben zumindest im Wirtschaftskreislauf der Vereine. Gehälter und Beraterprovisionen flössen dagegen dauerhaft aus dem Fußball ab.

Dreesen sprach sich deshalb für wirksame Begrenzungen bei Beraterhonoraren und Kaderkosten aus. Pauschal kritisierte er Spielerberater allerdings nicht. Es gebe viele seriöse Vertreter, die ihre Leistung realistisch bewerteten. Problematisch seien überhöhte Provisionen, durch die erhebliche Summen aus dem Sport herausgezogen würden.

Als wirksame Sanktionen gegen finanzielle Regelverstöße nannte Dreesen nicht nur Geldstrafen. Diese könnten bei Klubs, deren Defizite regelmäßig von Eigentümern ausgeglichen werden, ihre abschreckende Wirkung verlieren. Punktabzüge oder der Ausschluss aus Wettbewerben seien möglicherweise effektivere Instrumente.

Unabhängigkeit als wirtschaftliches Leitmotiv
Das berühmte „Festgeldkonto“ des FC Bayern versteht Dreesen weniger als konkretes Bankkonto denn als Metapher für Unabhängigkeit. Der Klub wolle weder von einem einzelnen Eigentümer noch vollständig von kurzfristigen sportlichen Erfolgen abhängig sein. Deshalb gelte weiterhin der Grundsatz, auf Dauer nicht mehr auszugeben, als eingenommen werde.

Das klinge einfach, sei im Profifußball jedoch schwer umzusetzen. Langfristige Spielerverträge, Verletzungen und notwendige Ersatzverpflichtungen könnten Planungen erheblich verändern. Zudem sei das Umfeld investitionsfreudiger geworden. Gleichzeitig müsse Bayern jedes Jahr eine Mannschaft finanzieren, die um die Champions League mitspielen könne.

Maximaler Gewinn sei dennoch nicht das vorrangige Ziel. Der FC Bayern wolle vor allem maximalen sportlichen Erfolg, ohne dafür seine Selbstbestimmung aufzugeben. Genau darin liege das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Disziplin, sportlichem Anspruch und der Verpflichtung gegenüber Mitgliedern, Fans und Vereinstradition.

Als positives Beispiel nannte Dreesen Paris Saint-Germain. Der französische Klub habe sich von einer bloßen Ansammlung hoch bezahlter Einzelstars zu einer besser funktionierenden Mannschaft entwickelt. Geld allein garantiere keinen Erfolg. Entscheidend seien eine klare sportliche Idee, ein passender Trainer und die Bereitschaft, auch schwierige Entwicklungsphasen auszuhalten.

Weltklassespieler und Talente aus dem Campus
Für die kommenden Jahre setzt der FC Bayern nach Dreesens Darstellung auf eine Mischung aus internationalen Spitzenspielern und Nachwuchskräften. Der Klub werde auch künftig herausragende Spieler verpflichten müssen, wolle aber gleichzeitig mehr Talente aus dem eigenen Campus in die Profimannschaft führen.

Dreesen verwies auf die hohe Zahl an Nachwuchsspielern, die aus der Münchner Ausbildung den Sprung in den Profifußball geschafft hätten – wenn auch nicht immer beim FC Bayern selbst. Spieler wie Aleksandar Pavlović oder Lennart Karl zeigten, welchen Weg Talente nehmen könnten. Ziel sei es, dass Eigengewächse nicht nur kurze Einsätze erhielten, sondern zu Stamm- und im besten Fall zu Weltklassespielern heranwüchsen.

Eine entscheidende Rolle schreibt Dreesen Trainer Vincent Kompany zu. Er lobte dessen offensiven Fußball, Disziplin und persönliche Zurückhaltung. Kompany habe als Spieler auf höchstem Niveau bewiesen, dass er Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Führungsstärke besitze. Gleichzeitig stelle er nicht sich selbst, sondern die Mannschaft in den Mittelpunkt. Gerade diese Kombination komme bei Spielern und Anhängern gut an.

Der FC Bayern wolle einen Fußball zeigen, der Menschen begeistert. Die Mannschaft solle auch bei einer deutlichen Führung weiter angreifen und zusätzliche Tore erzielen. Dieser offensive Anspruch sei ein wesentlicher Grund dafür, dass der Verein derzeit auch außerhalb der eigenen Anhängerschaft mehr Anerkennung erfahre.

Eine Nachfrage, die alle Dimensionen sprengt
Wie groß der Enthusiasmus rund um den Klub ist, verdeutlichte Dreesen anhand der Ticketnachfrage. Für besonders attraktive Heimspiele gingen nach seinen Angaben mehrere Hunderttausend Anfragen ein. Selbst weniger stark nachgefragte Begegnungen könnten die Kapazität der Allianz Arena deutlich übersteigen.

Diese Popularität sei einerseits ein Privileg, andererseits eine Belastung. Der Verein könne längst nicht allen Interessierten Karten anbieten. Beschwerden ließen sich deshalb kaum vermeiden. Dennoch sei eine übergroße Nachfrage ein Problem, das Dreesen lieber habe als leere Plätze.

Die gewachsene internationale Anhängerschaft ist zugleich Teil der wirtschaftlichen Strategie. Der FC Bayern versteht sich als tief in München und Bayern verwurzelter Verein, möchte aber auf den internationalen Märkten weiter wachsen. Auslandsreisen nach Asien oder in andere Regionen sollen die Bindung zu Fans, Partnern und Sponsoren stärken.

Dabei warnte Dreesen vor kurzfristigen Erwartungen. In einem neuen Markt Fuß zu fassen, lokale Partnerschaften aufzubauen und wirtschaftliche Erträge zu erzielen, sei kein Sprint, sondern ein langer Prozess. Spieler allein nach ihrer Herkunft zu verpflichten, um einen bestimmten Markt zu erschließen, lehnt er ab. Entscheidend müssten sportliche Qualität und die Eignung für die Mannschaft bleiben.

Keine Schadenfreude gegenüber 1860 München
Auch das Verhältnis zum Stadtrivalen TSV 1860 München wurde thematisiert. Dreesen wies Schadenfreude über sportliche oder finanzielle Probleme der Löwen zurück. Wenn ein traditionsreicher Fußballverein in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerate, sei das weder für den Sport noch für den Standort München gut.

Er wünsche den Löwen eine nachhaltige Erholung und verwies auf die außergewöhnliche Treue ihrer Anhänger. Eine direkte finanzielle Unterstützung aus den Kassen des FC Bayern betrachtete er allerdings skeptisch. Der Vorstand sei zunächst den eigenen Mitgliedern und dem eigenen Verein verpflichtet. Zudem bestünden zwischen Teilen beider Fanlager weiterhin erhebliche Antipathien.

Tradition, Politik und gesellschaftliche Verantwortung
Der FC Bayern sei kein parteipolitischer Verein, erklärte Dreesen. In seinen Gremien arbeiteten Persönlichkeiten unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Herkunft mit. Entscheidend seien fachliche Kompetenz, die Verbundenheit mit dem Klub und die Fähigkeit, konstruktiv zur Entwicklung des Vereins beizutragen.

Gleichzeitig könne sich der Fußball nicht vollständig aus gesellschaftlichen und politischen Fragen heraushalten. Als weltweit bedeutendste Sportart vermittle er Werte, bringe Menschen zusammen und könne kulturelle Grenzen überwinden. Er dürfe jedoch nicht mit der Erwartung überladen werden, jedes politische oder gesellschaftliche Problem lösen zu müssen.

Dreesen unterstützte zudem die Idee einer deutschen Bewerbung um Olympische Spiele und eine künftige Fußball-Weltmeisterschaft. Sportgroßveranstaltungen könnten weit über den eigentlichen Wettbewerb hinauswirken und Investitionen in Infrastruktur sowie Stadtentwicklung anstoßen. Sollte München bei einer nationalen Olympia-Auswahl nicht den Zuschlag erhalten, werde der FC Bayern nach seiner Aussage auch einen anderen deutschen Bewerber unterstützen.

Kritische Medien als Teil des Geschäfts
Zum Abschluss würdigte Dreesen die Rolle des Journalismus. Medien sorgten dafür, dass der Fußball und der FC Bayern weit über das Stadion hinaus wahrgenommen würden. Berichterstattung könne Verantwortliche ärgern, doch ohne Journalisten wäre die Reichweite des Vereins erheblich geringer.

Das Verhältnis zwischen Spitzenfußball und Medien beschrieb Dreesen als wechselseitige Abhängigkeit. Der Verein produziere ständig neue Geschichten, die Medien griffen sie auf und trügen sie in die Öffentlichkeit. Aus Sicht der Bayern-Führung sei es zwar angenehm, möglichst wenige negative Schlagzeilen zu erzeugen. Vollständig kontrollieren lasse sich die öffentliche Debatte jedoch nicht.

Dreesens Auftritt im PresseClub zeigte damit vor allem, wie er den FC Bayern führen möchte: ambitioniert, aber nicht vermessen; wirtschaftlich diszipliniert, aber nicht ausschließlich gewinnorientiert; international ausgerichtet, aber fest in München verwurzelt. Sein Ziel ist ein Verein, der Weltstars verpflichtet und Eigengewächse entwickelt, der jeden Titel gewinnen will und dennoch nicht seine Unabhängigkeit aufs Spiel setzt.

Podcast: Friseurhandwerk im Wandel: Zwischen Kleinstbetrieb, Ausbildungskrise und Spezialisierung

26. März 2026

Ich durfte wieder einen Podcast Hertlein & Lange für den LIV Friseure und Kosmetiker Bayern aufnehmen. Bildungsexperte Christian Hertlein beschreibt das Friseurhandwerk als eine sehr vielfältige Branche, die derzeit von einem hohen Anteil an Solo-Selbstständigen und Kleinstbetrieben geprägt ist. Hier der Podcast:

Daneben gebe es einen mittleren Bereich mit kleinen Teams von ein bis vier Mitarbeitenden sowie größere Betriebe und Filialisten. Für die Zukunft sieht er jedoch deutliche Verschiebungen: Der klassische Familienbetrieb mit gewachsener Struktur verliere an Bedeutung, während kleinere Einheiten und Formen gemeinsamer Selbstständigkeit zunehmen dürften. Gleichzeitig stünden auch große Filialkonzepte unter Druck, weil sich Standorte und Kundenverhalten verändern.

Besonders kritisch bewertet Hertlein die Zunahme von Klein- und Kleinstbetrieben mit Blick auf die Ausbildung. Je kleiner ein Betrieb sei, desto schwieriger werde es, qualitativ hochwertige Ausbildung im Alltag zu leisten. Für eine gute Ausbildung brauche es aus seiner Sicht mindestens drei bis vier Mitarbeitende, damit Zeit, Anleitung und fachliche Begleitung überhaupt möglich seien. Wenn immer weniger Betriebe diese Voraussetzungen erfüllten, sinke automatisch auch die Zahl der Ausbildungsplätze, was den Fachkräftemangel weiter verschärfe. Gerade deshalb sieht Hertlein seine Aufgabe als Berufsbildungsexperte heute als besonders wichtig an: Es gehe darum, tragfähige Konzepte für Ausbildung, Weiterbildung und Kooperationen zu entwickeln, damit Betriebe trotz schwieriger Rahmenbedingungen Nachwuchs gewinnen und fördern können.

Für die kommenden zehn Jahre wünscht sich Hertlein vor allem eine starke, qualitativ hochwertige Branche mit gutem fachlichem Anspruch und angemessenen Preisen. Idealerweise sollten sich wieder mehr mittlere Betriebsgrößen mit etwa vier bis acht Mitarbeitenden entwickeln, auch wenn dies mit höherem unternehmerischem Risiko verbunden sei. Viele junge Friseurinnen und Friseure scheuten heute genau dieses Risiko, weil Personalführung, Ausfälle, Qualitätsmanagement und wirtschaftliche Verantwortung komplexer geworden seien. Deshalb hält er es oft für sinnvoll, nach der Meisterprüfung zunächst Berufserfahrung als angestellte Fach- oder Führungskraft zu sammeln, statt sofort den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Denn seit der Wegfall früherer Wartezeiten den direkten Anschluss von Ausbildung, Meisterprüfung und Selbstständigkeit erleichtert habe, fehle manchen jungen Meisterinnen und Meistern noch die nötige praktische Reife.

Auch in Quereinsteigern und Rückkehrern in den Beruf sieht Hertlein Potenzial, etwa bei Menschen, die nach einer Familienphase wieder in den Salonalltag einsteigen wollen. Allerdings sei auch hier Einarbeitung, Schulung und fachliche Weiterentwicklung nötig, was kleinere Betriebe oft weder zeitlich noch finanziell leisten könnten. Größere Teams hätten hier deutlich bessere Möglichkeiten. Als wichtigen Zukunftsweg nennt Hertlein daher Kooperationen: in Städten etwa das Teilen von Ladenlokalen, im ländlichen Raum eher die Zusammenarbeit zwischen Betrieben bei einzelnen Dienstleistungen, Spezialisierungen, Ausbildung oder Mitarbeiterschulungen. Insgesamt erwartet er, dass die Zahl der Spezialisten weiter zunimmt. Gerade in kleineren Strukturen sei es schwierig, das gesamte Leistungsspektrum dauerhaft auf hohem Niveau anzubieten. Deshalb werde sich aus seiner Sicht künftig mehr Spezialisierung durchsetzen als die breite Tätigkeit des Generalisten.