Journalismus entsteht nicht allein am Schreibtisch. Er lebt von Begegnungen, verlässlichen Netzwerken, kritischen Fragen und der Bereitschaft, die Welt aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Im Gespräch mit Matthias J. Lange erklärt Hildegard Tröger, stellvertretende Vorsitzende des PresseClubs München, warum ein traditionsreicher Medienclub gerade im digitalen Zeitalter gebraucht wird – und weshalb gute Geschichten häufig dort beginnen, wo sich eine Tür öffnet, die anderen verschlossen bleibt. Das ist der ehrenamtliche Podcast des PresseClub Münchens.

Der PresseClub München ist mehr als ein Veranstaltungsort im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt. Für Hildegard Tröger ist er ein Resonanzraum: ein Ort, an dem Journalistinnen und Journalisten, Kommunikationsfachleute und andere Medienschaffende Erfahrungen austauschen, Themen diskutieren und neue Kontakte knüpfen können. Und hier ist der Podcast
Tröger gehört dem Club seit vielen Jahren an. Der genaue Zeitpunkt ihres Eintritts liegt nach ihrer Erinnerung etwa um das Jahr 2005. Ihr beruflicher Hintergrund führte sie unter anderem in die Unternehmenskommunikation. Dort beschäftigte sie sich mit interner und externer Kommunikation, mit der Formulierung von Botschaften und mit der Frage, über welche Kanäle diese Botschaften ihre Adressaten erreichen.
Schon damals faszinierte sie, wie sorgfältig Unternehmen ihre öffentliche Positionierung vorbereiten müssen. Zugleich war ihr die klare Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und bezahlter Kommunikation wichtig. Werbung müsse als solche erkennbar sein. Diese Verbindung aus Sprache, Kommunikation, Verantwortung und Transparenz bildete einen wesentlichen Ausgangspunkt für ihr Engagement im PresseClub.
Tradition, Aktualität und Offenheit
Drei Begriffe beschreiben für Tröger den Charakter des PresseClubs besonders treffend: Tradition, Aktualität und Offenheit.
Die Tradition ist unübersehbar. Der PresseClub München wurde am 16. März 1950 als „Verein für auswärtige Presse“ gegründet. Im Jahr 2025 feierte er sein 75-jähriges Bestehen. Aus einer Arbeitsstätte mit Schreibmaschinen, Ofen und Fernschreiber entwickelte sich eine etablierte Institution am Münchner Marienplatz. Heute versteht sich der Club als Forum für Journalismus, Dialog, Pressefreiheit und demokratische Verantwortung.
Tradition allein genügt Tröger jedoch nicht. Ebenso wichtig ist ihr die Aktualität. Im PresseClub werden gegenwärtige politische und gesellschaftliche Entwicklungen aufgegriffen, aber auch Themen aus Wirtschaft, Kultur, Sport, Wissenschaft, Medizin und Medien.
Gerade diese thematische Breite betrachtet sie als Stärke. Journalismus dürfe sich nicht auf Politik beschränken, weil Politik nur einen Teil des Lebens abbilde. Auch Architektur, Technik, Gesundheit, Kunst und die Entwicklung von Städten und Gemeinden gehörten zur journalistischen Wirklichkeit.
Die dritte Eigenschaft ist Offenheit: Offenheit gegenüber unterschiedlichen Themen, Perspektiven, Berufswegen und Generationen. Der Club kann nach Trögers Überzeugung einen Raum bieten, in dem sich verschiedene journalistische und kommunikative Strömungen begegnen, aneinander reiben und voneinander lernen.
Ein Resonanzraum für einen häufig einsamen Beruf
Journalistische Arbeit entsteht oft allein. Recherchieren, ordnen, formulieren und redigieren sind Tätigkeiten, bei denen Medienschaffende über längere Zeit auf sich selbst zurückgeworfen sein können. Umso wichtiger sei ein professioneller Resonanzboden, sagt Tröger.
Der Austausch im PresseClub ermöglicht Begegnungen mit Menschen, die ähnliche Aufgaben erfüllen, ohne unmittelbar in derselben Redaktion zu arbeiten. Dadurch können Gespräche offener verlaufen, weil nicht jede Begegnung von direkter Konkurrenz geprägt ist.
Ein solcher Club bietet damit nicht nur Kontakte, sondern auch Distanz zum eigenen Arbeitsalltag. Mitglieder können über den Tellerrand der eigenen Redaktion, des eigenen Mediums oder Fachgebiets hinausblicken und trotzdem innerhalb der Medienbranche bleiben.
Der PresseClub erfüllt diese Funktion heute unter veränderten Bedingungen. Als er gegründet wurde, waren beheizte Räume, Telefon, Fernschreiber und andere technische Arbeitsmöglichkeiten für Journalistinnen und Journalisten von existenzieller Bedeutung. Heute stehen WLAN, digitale Produktionstechnik und moderne Kommunikationsmittel nahezu überall zur Verfügung. Dennoch nutzt Lange die Räume des Clubs weiterhin als Arbeitsplatz zwischen Terminen – mit Ruhe, technischer Infrastruktur und einem Blick über den Marienplatz.
Persönliche Begegnung bleibt unersetzlich
Digitale Besprechungen gehören längst zum Alltag. Tröger schätzt Onlinekonferenzen, weil sie Wege verkürzen und Besprechungen effizienter machen können. Besonders bei Teams, die sich bereits gut kennen und deren Arbeitsabläufe eingespielt sind, können digitale Treffen hervorragend funktionieren.
Dennoch ersetzt der Bildschirm nicht jede persönliche Begegnung. Menschen seien physische Wesen, betont Tröger. Vertrauen, spontane Gespräche und neue Beziehungen entstünden häufig leichter, wenn Menschen gemeinsam in einem Raum sitzen. Die sinnvolle Lösung liegt für sie deshalb nicht in einem Entweder-oder, sondern in einer bewussten Mischung aus digitalen und analogen Formaten.
Hybride Veranstaltungen betrachtet sie dagegen differenziert. Wenn ein Teil des Publikums im Raum sitzt und andere Teilnehmer nur zugeschaltet sind, geraten die Menschen vor den Bildschirmen schnell ins Hintertreffen. Erfolgreiche hybride Formate benötigten deshalb eine besonders klare Moderation und eine zusätzliche Person, die Fragen, Reaktionen und technische Probleme der Onlinegäste im Blick behält.
Zugleich eröffnen digitale Formate internationale Möglichkeiten. Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern können sich einschalten, ohne nach München reisen zu müssen. Die Technik schafft damit Reichweite – die redaktionelle und organisatorische Gestaltung entscheidet jedoch darüber, ob aus einer Übertragung tatsächlich eine gemeinsame Veranstaltung wird.
Die Geschichten liegen auf der Straße
Ein besonderer Schwerpunkt von Trögers Arbeit sind die Exkursionen des PresseClubs. Nach dem Rückgang der früher üblichen größeren Clubreisen entwickelte sie ein Format, das sich auf München und das nähere Umland konzentriert. Die Idee dahinter ist pragmatisch: Ziele im Stadtgebiet oder im Bereich von U- und S-Bahn sind für Mitglieder leichter erreichbar. Gleichzeitig bietet die Region eine große Zahl journalistisch interessanter Orte.
Die Exkursionen führten unter anderem in das Werksviertel-Mitte, in das Bayerische Wirtschaftsarchiv, in die Anatomische Anstalt der Ludwig-Maximilians-Universität, zu Energie- und Kulturstandorten sowie in Museen und Gemeinden. Auch aktuelle Programme zeigen die thematische Bandbreite: 2026 organisierte Tröger unter anderem Besuche in der Pinakothek der Moderne und in Freising. Auf die Frage, woher ihre Ideen stammen, hat sie eine einfache Antwort: Die Themen lägen auf der Straße. Man müsse sie nur aufheben.
Damit ist keine Beliebigkeit gemeint. Tröger sucht Orte, die ungewöhnliche Einblicke ermöglichen und deren Verantwortliche bereit sind, mehr zu zeigen als eine übliche Besucherführung. Mitglieder sollen mit Kuratoren, Wissenschaftlern, Bürgermeistern, Museumsleitungen oder anderen Fachleuten sprechen können. Entscheidend sind Informationen aus erster Hand.
Hinter den Kulissen beginnt die eigentliche Recherche
Der journalistische Mehrwert einer Exkursion liegt häufig nicht allein im offiziellen Thema. Entscheidend sind die kleinen Entdeckungen am Rand: ein historisches Dokument, eine unerwartete Entstehungsgeschichte, ein Problem beim Transport eines Exponats oder ein Einblick in die alltäglichen Sorgen einer Institution.
Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv stieß die Gruppe beispielsweise auf Dokumente aus der Münchner Medien- und Wirtschaftsgeschichte. Solche Funde machen abstrakte Entwicklungen greifbar. Aus einem Archivbesuch wird plötzlich eine unmittelbare Begegnung mit Stadt- und Pressegeschichte. Auch Führungen durch anatomische Sammlungen oder einen Seziersaal eröffnen Perspektiven, die eine gewöhnliche Pressekonferenz kaum vermitteln kann. Medizinische Sachverhalte, über die sonst theoretisch gesprochen wird, werden sichtbar und verständlich. Besonders nachhaltig blieb Tröger und Lange der Besuch in der Anatomischen Anstalt der LMU in Erinnerung. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper führte sogar zu persönlichen Gesprächen über die Frage, ob man seinen Körper nach dem Tod der medizinischen Forschung zur Verfügung stellen sollte. Hier zeigt sich, was gelungene journalistische Vermittlung leisten kann: Sie liefert nicht nur Fakten, sondern setzt Denkprozesse in Gang.
Bilder sind Teil moderner Berichterstattung
Für heutige journalistische Exkursionen ist auch die Möglichkeit zur Bebilderung entscheidend. Wer über ein außergewöhnliches Dokument, ein Kunstwerk oder eine technische Anlage berichtet, möchte es fotografieren oder filmen können.
Tröger erlebt bei vielen Institutionen eine große Offenheit. Der journalistische Hintergrund des PresseClubs erleichtert den Zugang. Gleichzeitig profitieren die besuchten Einrichtungen von der späteren Berichterstattung. So entsteht ein Austausch mit beiderseitigem Nutzen. Die Institutionen erhalten Aufmerksamkeit, während Medienschaffende Zugang zu Fachwissen, Ansprechpartnern und visuellen Eindrücken bekommen. Aus Sicht Trögers funktioniert dieses Modell besonders gut, wenn beide Seiten transparent mit ihren Interessen umgehen.
Journalismus muss die ganze Welt erklären
Für Tröger gehört die Beschäftigung mit Kultur, Medizin, Technik, Wirtschaft und gesellschaftlichem Leben selbstverständlich zum Journalismus. Dessen Aufgabe bestehe darin, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Umwelt besser zu verstehen. Dazu braucht es nicht nur lange Analysen. Tröger wünscht sich in seriösen Medien zusätzlich klarere und kompaktere Einordnungen. Viele Leser hätten weder die Zeit noch das Vorwissen, um sich durch umfangreiche Dossiers zu arbeiten. Prägnante Zusammenfassungen, historische Hintergründe und wichtige Eckdaten könnten helfen, neue Entwicklungen schneller einzuordnen.
Künstliche Intelligenz kann dabei unterstützen, Texte zusammenzufassen und große Informationsmengen zu strukturieren. Sie ersetzt jedoch nicht die Prüfung der Quellen. Entscheidend bleibt, ob Informationen aus einer seriösen und nachvollziehbaren Quelle stammen.
Vertrauen entsteht durch überprüfbare Arbeit
Fake News, Desinformation und gezielte Manipulation stellen den Journalismus vor erhebliche Herausforderungen. Tröger sieht deshalb auch den PresseClub in der Verantwortung, Themen wie Faktenprüfung, Quellenkritik und redaktionelle Qualität regelmäßig aufzugreifen.
Die Glaubwürdigkeit der Medien werde nicht nur von außen angegriffen. Die Branche müsse auch eigene Fehler kritisch betrachten. Erfundenes dürfe niemals deshalb veröffentlicht werden, weil es sich besonders gut liest. Eine eindrucksvolle Geschichte ist noch keine wahre Geschichte. Journalistische Institutionen müssen deshalb deutlich machen, wie seriöse Berichterstattung entsteht: durch Recherche, Gegenprüfung, transparente Quellenarbeit und die Bereitschaft, eine attraktive These zu verwerfen, wenn sie den Fakten nicht standhält. Der PresseClub beschreibt sich selbst als eine Gemeinschaft, die journalistischer Qualität, Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit verpflichtet ist. Auch Ausbildung, Austausch und die Auseinandersetzung mit Fake News gehören zu seinem Selbstverständnis.
Mehr Raum für konstruktive Nachrichten
Neben sorgfältiger Faktenprüfung wünscht sich Tröger einen stärkeren Blick auf positive Entwicklungen. Der bekannte Mechanismus, dass schlechte Nachrichten besonders viel Aufmerksamkeit erzeugen, hat nachvollziehbare psychologische Ursachen. Bedrohungen ziehen den Blick des Menschen stärker an als Normalität.
In einer digital vernetzten Welt werden Nutzer jedoch über zahlreiche Kanäle nahezu ununterbrochen mit Krisen, Konflikten und Katastrophen konfrontiert. Dieses dauerhafte Nachrichtenbombardement kann belasten. Konstruktiver Journalismus bedeutet dabei nicht, Probleme schönzureden. Ebenso wenig wäre es sinnvoll, einen Flugzeugabsturz mit dem Hinweis zu relativieren, dass gleichzeitig Tausende Flugzeuge sicher gelandet sind. Gefragt sind vielmehr relevante Geschichten über Lösungen, Fortschritte und Menschen, die konkrete Verbesserungen erreichen.
Gute Nachrichten müssen journalistisch genauso sorgfältig recherchiert werden wie schlechte. Sie benötigen Konflikt, Relevanz und nachvollziehbare Fakten – nicht bloß Optimismus.
Junge Medienschaffende brauchen passende Angebote
Der PresseClub ist kein reiner Seniorenverein, auch wenn ältere und erfahrene Mitglieder einen bedeutenden Teil seiner Gemeinschaft bilden. Der generationsübergreifende Austausch gehört nach Ansicht Trögers ausdrücklich zu seinen Stärken. Gleichzeitig müsse der Club noch mehr jüngere Medienschaffende gewinnen. Nachwuchsförderung, Mentoring und Vernetzungsabende seien wichtige Grundlagen. Das Mentoring-Programm des PresseClubs wurde 2004 gegründet und begleitet seitdem junge Journalistinnen und Journalisten beim Einstieg in den Beruf.
Allerdings stehen Berufseinsteiger heute unter hohem Zeit- und Produktionsdruck. Viele arbeiten unter unsicheren Bedingungen, für mehrere Auftraggeber oder in schnell getakteten digitalen Redaktionen. Ein Berufsclub muss deshalb Formate entwickeln, die zu diesem Alltag passen und für junge Menschen einen unmittelbar erkennbaren Nutzen bieten. Dabei sollten jüngere Mitglieder nicht nur als Zielgruppe betrachtet werden. Sie müssen an der Entwicklung neuer Formate beteiligt sein.
Wenn der Beruf krank macht
Ein weiteres Thema, das Tröger persönlich beschäftigt, ist die Burnoutprävention. Neben ihrem Engagement im PresseClub ist sie auch im Deutschen Bundesverband für Burnoutprävention aktiv. Journalistische Berufe können besonders belastend sein: ständiger Zeitdruck, die Jagd nach der neuesten Meldung, unregelmäßige Arbeitszeiten, Konkurrenz und die fortwährende Beschäftigung mit Krisen. Was heute aktuell ist, kann morgen bereits überholt sein.
Früher wurden Überlastung und psychische Probleme in manchen Redaktionen mit Alkohol, Zigaretten oder Durchhalteparolen verdrängt. Inzwischen ist die Offenheit größer geworden. Dennoch existiert weiterhin die Vorstellung, Medienschaffende müssten belastbar sein und dürften keine Schwäche zeigen. Tröger hält dieses Denken für gefährlich. Mentale Gesundheit müsse ernst genommen werden. Burnout ist nicht automatisch mit einer Depression gleichzusetzen, kann jedoch in schwere psychische Erkrankungen münden. Prävention, frühe Unterstützung und eine offenere Gesprächskultur sind deshalb zentrale Aufgaben – nicht nur im Journalismus.
Eine Exkursion des PresseClubs nach Dießen am Ammersee führte die Mitglieder auch in eine auf mentale Gesundheit ausgerichtete Klinik. Der offizielle Clubbericht hält fest, dass der Bedarf an Unterstützung bei der Wiederherstellung psychischer Stabilität voraussichtlich bestehen bleiben oder sogar wachsen wird.
Ein Knotenpunkt für die Zukunft des Journalismus
In den kommenden Jahren wird sich der PresseClub mit grundlegenden Veränderungen beschäftigen müssen. Künstliche Intelligenz ist dabei eines der zentralen Themen. Sie wird redaktionelle Abläufe, Recherche, Produktion und Distribution weiter verändern.
Hinzu kommen internationale Krisen, politische Polarisierung, wirtschaftlicher Druck und eine immer schnellere Zirkulation von Informationen und Falschinformationen. Gerade deshalb hält Tröger einen unabhängigen Ort des persönlichen und fachlichen Austauschs für unverzichtbar. Der PresseClub der Zukunft wird nicht allein durch seine Räume definiert. Seine Bedeutung entsteht durch die Menschen, die sich dort begegnen, widersprechen, gegenseitig informieren und gemeinsam über Qualitätsmaßstäbe nachdenken.
Für Tröger ist entscheidend, was Mitglieder und Gäste nach einer Veranstaltung mitnehmen. Fachlich sollten sie das Gefühl haben, etwas Relevantes gelernt und ihr Weltbild um ein weiteres Mosaikstück ergänzt zu haben. Menschlich sollten sie Menschen begegnet sein, neue Gedanken kennengelernt und Hinweise erhalten haben, die ihnen sonst entgangen wären. Damit beschreibt sie zugleich den Kern jedes gelungenen journalistischen Formats: Es erweitert nicht nur das Wissen. Es verändert den Blick.














