Posts Tagged ‘Rollstuhl’

Buchtipp: Gestatten, dass ich sitzen bleibe von Udo Reiter

13. Juli 2015

Die Autobiografie des Journalisten Udo Reiter Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben hat mich nachdenklich gemacht. Eigentlich stieß ich auf das Buch Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben als ich die Autobiografie von Thomas Gottschlak Herbstblond las. Reiter war seit 1986 Hörfunkdirektor beim Bayerischen Rundfunk und hat die Karriere von Thomas Gottschlak am Rundfunkplatz 1 massiv vorangetrieben und unterstützt. Gottschlak kommt super weg in den Buch und genau, das wollte ich auch lesen. Ich erinnerte mich wieder, wie gerne ich die B3 Radioshow als Schüler bei meinen Hausaufgaben gehört habe. Wie mich Gottschalk und Jauch gefesselt haben, die Wortgefechte waren göttlich und warum ich keine Münchner Privatsender hören wollte. Aber es ist deutlich mehr zu finden in dem lesenswerten Buch.

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Dem Lindauer Udo Reiter begenete ich mehrmals in meinem Leben, hatte aber nicht groß Kontakt zu ihm. Ich war freier Mitarbeiter, Volontär und Redakteur beim Münchner Merkur, vor allem in der Lokalredaktion Fürstenfeldbruck. Udo Reiter wohnte in dem Dorf Rottbach und seine Frau war Lehrerin in Maisach, meinem heutigen Wohnort. Als Tageszeitungsmann wusste ich um seine Prominenz, zumal ich die Gemeinde Maisach redaktionell als Lokaljournalist zu betreuen hatte. Reiter war in meinem Hood. Aber Udo Reiter war privat dort und nicht als BR-Mann und damit kam er in meiner Berichterstattung nicht vor. Zwar sah ich ihn in seinem Rollstuhl bei dem einen oder anderen Dorffest, aber über ihn geschrieben habe ich nicht. Bei offiziellen Anlässen wie Medientage war er die große Nummer und ich ein kleines Licht.
Später habe ich ihn nochmals gesehen als er Professor in Mittweida war. Dort durfte ich zusammen mit meinem Kollegen Thomas Gerlach mehrere Lehraufträge absolvieren. Udo Reiter hielt Vorlesungen über Hörfunkjournalismus und war inzwischen Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks. Aber Hörfunk war als Printmann nie mein Bereich und so gab es an der Hochschule Mittweida kaum Berühungspunkte. Ich lauschte bei einem Medienforum in Mittweida einmal seinen Worten. Im nachhinein und vor allem als ich seine Autobiografie an zwei Tagen gelesen hatte, ärgere ich mich, denn Reiter hatte etwas zu sagen.
Hatte – ja hatte, denn Udo Reiter nahm sich am 9. Oktober 2014 in seinem Haus in Gottscheina bei Leipzig das Leben. Udo Reiter hatte sich erschossen. Wer sein Buch aufmerksam gelesen hat, dem wird es mit dem Wissen um seinen Selbstmord klar, was Reiter vorhatte. Er schreibt: „Aber wenn es nicht mehr geht, möchte ich nicht in einer Weise abtreten, die ich quälend ginde und die meiner bisherigen Lebensweise unwürdig ist.“ Das gab mir zu denken. Reiter weiter: „Dieses Recht auf eineb selbstbestimmten Tod ist das Gegenstück zum Recht auf ein sebstbestimmtes Leben. Ich finde es unerträglich, dass eine Allianz aus Politik, Kirche und Ärzteschaft uns dieses Recht immer noch vorenthalten will.“ Ich war bei der Lektüre über den angekündigten Selbstmord hin und her gerissen und auch zu keinem Schluss gekommen. Aber die Worte von Udo Reiter haben in meinem Kopf etwas bewegt.
Günther Jauch, den Reiter damals vom BR feuerte und später bereute, verlas später einen Abschiedsbrief und bringt mich zum Nachdenken über Sterbehilfe. Reiter schrieb in seinem Abschiedbrief: „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide abgenommen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner bisherigen Selbstständigkeit rechnen muss. Vor allem die Fähigkeit, aus eigener Kraft die Toilette zu benutzen und das Bett zu erreichen, und wieder zu verlassen, schwindet zunehmend. Parallel dazu beobachte ich auch ein Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten, das wohl kürzer oder später in einer Demenz enden wird. Ich habe mehrfach erklärt, dass ein solcher Zustand nicht meinem Bild von mir selbst entspricht und dass ich nach einem trotz Rollstuhl selbstbestimmten Leben nicht als ein von Anderen abhängiger Pflegefall enden möchte. Aus diesem Grund werde ich meinem Leben jetzt selbst ein Ende setzen. Ich haben vielen zu danken, die meinen Weg begleitet und meinem Leben Freude und Sinn gegeben haben.“
Aber zurück zu seiner wirklich lesenswerten Autobiografie. Wir erfahren viel vom Aufwachsen des Arbeiterkindes Udo Reiter in Lindau und seinem Weg zum BR und später zum MDR. Mich interessierte die Strömungen beim Bayerischen Rundfunk. Ich habe miterlebt, wie Reiter die Service-Welle B5 aktuell ins Leben rief. Im Grunde kupferte er diese Idee des Nachrichtenradios in Frankreich bei France Info ab. Noch heute höre ich B5 aktuell morgens beim Rasieren und informiere mich über die Nachrichtenlage.
Die Skandale um den MDR und vor allem KiKa interessierten mich weniger als vielmehr die Herausforderung der Digitalisierung. Wie kam ein alter Haudegen wie Reiter mit dem Medienwandel klar? Reiter setzte auf Trimedialität, was heute ein Zauberwort im BR ist und leider nicht von allen BR-Mitarbeitern gelebt wird. Reiter selbst habe ich über Twitter kennengelernt. Ich war sein Follower, er folgte mir nicht. Streitbar war er in Twitter, teilte aus und bekam einmal einen fetten Shitstorm ab, als er zur Deutschen Einheit twitterte: „einheitstag 2030: bundespräsident mohammed mustafa ruft die muslime auf, die rechte der deutschen Minderheit zu wahren.“ Das war es dann mit Udo Reiter bei Twitter. Er legte seinen Account still.

Mit diesem Tweet erntete Reiter einen Shitstorm und verschwand aus Twitter.

Mit diesem Tweet erntete Reiter einen Shitstorm und verschwand aus Twitter.

Mir hat das Buch Gestatten, dass ich sitzen bleibe: Mein Leben auf der einen Seite sehr viel Spaß beim Lesen bereitet, auf der anderen Seite hat es mich sehr nachdenklich zum Thema Sterbehilfe und Freitod gemacht. Entscheidet selbst!

Ausflugtipp: Skywalk bei Scheidegg im Allgäu

22. August 2014
Na, ist das ein Blick?

Na, ist das ein Blick?

Hoch über die Baumgipfel ging es bei einem Besuch des Skywalks bei Scheidegg im Allgäu. Der Skywalk Allgäu ist ein beeindruckender Baumwipfelpfad bei dem die Besucher in bis zu 30 Meter Höhe völlig ungefährlich durch Bäume spazieren können.
„Es ist wie in einem Ewoks-Dorf“, fasste K1 das Erlebnis zusammen. Wie in dem Star Wars-Film Rückkehr der Jedi Ritter kam sich K1 vor, als es möglich war, in den Bäumen zu wohnen und zwischen den Baumwipfeln spazieren zu gehen. Der 6 ha umfassende skywalk allgäu Naturerlebnispark liegt nur wenige Schritte von der österreichischen Grenze entfernt, über dem Bodensee bei Scheidegg im Allgäu 1000 m ü. M. Achtung bei der Nutzung des Mobiltelefons, die sich gerne ins österreichische Netz einwählen.


Insgesamt stehen beim Skywalk 540 Meter Pfad in 15 bis 30 Meter Höhe zum Erkunden bereit. Stahlbrücken sind zwischen Masten sicher aufgehängt. Ein wenig schwindelfrei sollte der Besucher aber dennoch sein, denn die Verbindungen zwischen den Masten schwanken leicht. Aber alles in allem ist es kein Problem, so dass viele Familie mit ihren Kindern den Skywalk zum Ausflug nutzten. Wer mit einem Kinderwagen oder Rollstuhl samt Hund unterwegs ist, dem bringt ein Aufzug sicher in die Höhe.

Da hinten ist der Bodensee.

Da hinten ist der Bodensee.

Bei schönem Wetter hat der Besucher eine fantastischen Aussicht ins Allgäu und man kann bis zum Bodensee, über das Alpenvorland bis zu den Alpen blicken. Und wer gegen Abend den Skywalk bei Scheidegg besucht, kann einen wunderbaren Sonnenuntergang erleben. Bei schlechtem Wetter macht die ganze Sache keinen Spaß und man sollte wegen des hohen Eintrittspreises verzichten. Der normale Eintritt für einen Erwachsenen kostet 8,90 Euro und für Kinder ab 1 Meter bis 17 Jahre 6,70 Euro.
Wer keine Lust mehr hat, zwischen den Bäumen herumzulaufen, kann den Naturerlebnispfad erkunden oder sich auf dem Abenteuerspielplatz austoben. Bei gutem Wetter kribbelt es unter den Füßen beim Barfußpfad.

Was man zudem wissen sollte: Der Skywalk allgäu ist ein Integrationsunternehmen, das heißt, 40% der Mitarbeiter sind Menschen mit Behinderung. Das Ziel eines Integrationsunternehmnes ist es, dauerhaft Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Dies ist im Skywalk allgäu gelungen. Der skywalk allgäu ist eine 100 % Tochter der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e.V.

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Persönliches Fazit der re:publica: Ich steh im Walde

11. Mai 2014

Ich glaub, ich steh im Walde. So erging es mir, als ich die Poststation betrat, in der die re:publica oder #rp14 dieses Jahr in Berlin stattfand. Eine andere Assoziation war: ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. „Into the wild“ lautete das Motto in diesem Jahr und die Internet-Gemeinde traf sich in Berlin zum Gedankenaustausch. Bevor es losging, durchquerte ich eine Installation und hängende Wald-Plakate. Prima Einstand.

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Was bleibt ach drei Tagen #rp14? Zunächst das menschliche: Ich habe wahnsinnig tolle Menschen getroffen. Menschen, die ich nur aus dem Netz kannte, konnte ich einfach ansprechen und wir hatten uns etwas zu sagen. Ich habe viele alte Kollegen getroffen und mich austauscht, Projekte geschmiedet und Ideen abgeglichen. Das hat mir sehr gut getan und es soll noch einer sagen, im Netz leben keine Menschen.

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Neben alle den Begegnungen berührte mich ein zufälliges Treffen am meisten. Zufällig stand ich Tanja Kollodzieyski alias @RolliFraeulein gegenüber. Zusammen mit @der_baertige war sie aus dem Ruhrgebiet nach Berlin angereist und nahm an der #rp14 teil. @RolliFraeulein ist behindert und sitzt im Rollstuhl. Sie hat vor per Interrail quer durch Europa zu fahren und darüber ein eBook zu veröffentlichen. Dazu hat sie ein Crowdfunding-Projekt gestartet. Als ich sie mit knallig gefärbten Haaren in ihrem Rollstuhl sitzen saß, musste ich einfach hingehen und ihr gratulieren. Eine tolle Frau, vor der ich den Hut ziehe.

Kollege Thomas Gerlach und ich.

Kollege Thomas Gerlach und ich.

Über die zahlreichen Vorträge werde ich gesondert schreiben. Viele haben mich inspiriert, einige habe ich nicht verstanden und in manche bin ich wegen Überfüllung nicht hineingekommen. Letzteres ärgerte mich am meisten. Die Räume waren zu klein oder die Konferenz war zu groß. Die Infrastruktur wie nicht stabiles WLAN oder die Toiletten platzen aus allen Nähten und zudem hab ich dieses Jahr kein Mettbrötchen bekommen. Was ist das für eine Internet-Konferenz ohne Mettbrötchen – Sauerei.

Insgesamt war klar: Die Netzgemeinde muss sich wehren. Ich mag das Wort Aktivist nicht, aber die Freiheit des Netzes ist so wichtig, dass wir es nicht Unternehmen und Regierungen überlassen dürfen, sondern wir müssen uns selbst darum kümmern. Für mich steht fest: Mit meinen Schulungen zur Medienkompetenz leiste ich meinen Beitrag zur Aufklärung.

Looking for Freedom - David und sein Manifest.

Looking for Freedom – David und sein Manifest.

Eben so wie jeder kann. Ein wenig verwundert war ich dann doch, als ich David Hasselhoff auf einem Slot von F-Secure entdeckte. Der Baywatch- und Knightrider-Star setzte sich für die Freiheit des Netzes ein. Er stellte ein Internet-Manifest zur digitalen Freiheit vor, das noch geschrieben werden muss. Die Rahmenbedingungen stehen aber bereits. Das ist eben David Hasselhoffs Beitrag zur Netzkultur. Und natürlich haben wir alten Leute brav Looking for Freeddom gesungen.  Ich glaub, ich steh im Walde.

Aufkleber für Snowden gab es haufenweise.

Aufkleber für Snowden gab es haufenweise.

Andere forderten wie ein tibetanischer Mönch ein Asyl für Edward Snowden bei uns in Deutschland und verteilten Aufkleber des Whistleblowers, und wiederum andere versuchten sich an Überwachungssatire. Unter dem Motto Google Nest wurde behauptet, dass Google ein paar neue Produkte auf der Internet-Konferenz vorstellen würde. Was sich als Produktvorstellung anpries war in Wahrheit eine Satire – aber eine schlechte Satire. Es war weder witzig, noch schauspielerisch gut umgesetzt, noch waren die vermeindlichen Google-Produkte eine Neuerung. Google stellte über Twitter klar: Nur zur Klarstellung: Die Aktion #googlenest auf #rp14 ist eine Satire, die dazugehörige Website ist ein Fake und stammt nicht von uns.