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Manneken Pis und Jeanneke Pis – Brüssels frechste Liebeserklärung an das Leben

13. September 2026

Brüssel besitzt gewaltige Bauwerke. Das Atomium ragt weithin sichtbar über die Stadt, der Grand-Place überwältigt mit seiner beinahe verschwenderischen Pracht und die Galeries Royales Saint-Hubert erzählen von Eleganz und großbürgerlicher Vergangenheit. Und doch wird Brüssel ausgerechnet von einer Figur verkörpert, die gerade einmal 58 Zentimeter groß ist und seit Jahrhunderten nichts anderes tut, als ziemlich ungeniert in einen Brunnen zu pinkeln. Manneken Pis ist vielleicht das wunderbarste Wahrzeichen, das eine europäische Hauptstadt haben kann.

Denn dieser kleine Junge aus Bronze nimmt sich selbst und damit irgendwie auch seine ganze Stadt nicht besonders ernst. Während andere Metropolen ihre Helden auf Pferde setzen, Feldherren auf monumentale Sockel stellen und Könige in Stein verewigen, präsentiert Brüssel seinen Besuchern einen nackten kleinen Kerl, der ihnen frech entgegenpinkelt. Genau darin steckt viel von dem, was den besonderen Charakter dieser Stadt ausmacht: Humor, Selbstironie, ein wenig Anarchie und die sympathische Weigerung, vor Autoritäten allzu ehrfürchtig den Kopf zu senken.

Wer Manneken Pis zum ersten Mal besucht, erlebt häufig einen fast komischen Moment. Man folgt den Menschen durch die Straßen rund um den Grand-Place, sieht plötzlich eine Ansammlung von Touristen, Smartphones und Kameras – und fragt sich: Wo ist er denn nun? Und dann entdeckt man ihn. So klein. Manche Besucher dürften im ersten Augenblick beinahe enttäuscht sein. Ist das wirklich das weltberühmte Manneken Pis?

Ja, genau das ist es. Und vielleicht gehört diese überraschende Winzigkeit sogar zum Geheimnis seiner Wirkung. Manneken Pis braucht keine Monumentalität. Er muss niemanden beeindrucken. Er steht einfach da, selbstbewusst und unbekümmert, an der Ecke Rue de l’Étuve und Rue du Chêne und tut das, was er seit Jahrhunderten tut.

Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits im 15. Jahrhundert gab es an dieser Stelle einen Brunnen, der zur Wasserversorgung Brüssels gehörte. Die heute berühmte bronzene Gestalt wurde 1619 von Jérôme Duquesnoy dem Älteren geschaffen. Aus einem Bestandteil der städtischen Wasserversorgung entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Identifikationsfigur der Brüsseler Bevölkerung.

Dabei hat der kleine Mann einiges erlebt. Er überstand die Bombardierung Brüssels von 1695, wurde mehrfach gestohlen und beschädigt und entwickelte sich immer stärker zu einem Symbol der Stadt. Das historische Original steht deshalb heute geschützt im Brüsseler Stadtmuseum am Grand-Place. Am bekannten Brunnen befindet sich eine Replik. Das ändert jedoch nichts an der Faszination. Für die Menschen, die sich vor der kleinen Figur versammeln, bleibt es Manneken Pis.

Natürlich wäre Manneken Pis nicht Manneken Pis, wenn es nicht zahlreiche Geschichten darüber gäbe, warum dieser kleine Junge überhaupt dort steht. Eine der schönsten Legenden erzählt von einem Jungen, der Brüssel vor einer Katastrophe gerettet haben soll. Feinde hätten versucht, die Stadt zu zerstören, eine bereits brennende Lunte drohte das Unheil auszulösen. Doch der kleine Junge tat das Naheliegende – zumindest für ihn: Er urinierte darauf und löschte die Lunte. Brüssel war gerettet.

Historisch belegt ist diese Geschichte natürlich nicht. Aber sie passt hervorragend zu Manneken Pis. Andere Städte hätten aus einem solchen Retter vermutlich einen Ritter mit Schwert gemacht. Brüssel lässt einen kleinen Jungen die Stadt retten, weil er zufällig im entscheidenden Augenblick pinkeln musste. Man kann den besonderen Brüsseler Humor kaum schöner zusammenfassen.

Noch ungewöhnlicher ist die Tradition, Manneken Pis einzukleiden. Zu besonderen Anlässen trägt er Uniformen, Trachten, Sportkleidung und zahllose andere Kostüme. Diese Tradition reicht Jahrhunderte zurück, und inzwischen besitzt der kleine Brüsseler eine Garderobe mit weit mehr als tausend Kleidungsstücken. Seine Kostüme sind längst selbst zu einem Stück Stadtgeschichte geworden.

Die Kostüme machen aus der kleinen Brunnenfigur etwas Lebendiges. Manneken Pis ist kein Denkmal, das irgendwann aufgestellt wurde und seitdem unverändert geblieben ist. Er nimmt gewissermaßen am Leben der Stadt teil. Er wird eingekleidet, gefeiert und zum Mittelpunkt kleiner Zeremonien. Vielleicht lieben ihn die Brüsseler deshalb so sehr. Er steht nicht über ihnen. Er ist einer von ihnen.

Doch irgendwann stellte sich eine naheliegende Frage: Warum darf eigentlich seit Jahrhunderten nur ein kleiner Junge öffentlich in einen Brunnen pinkeln? Brüssel wäre nicht Brüssel, wenn die Antwort darauf in einer langen kulturpolitischen Debatte gesucht worden wäre. Stattdessen bekam Manneken Pis weibliche Gesellschaft.

Jeanneke Pis
Versteckt in der kleinen Impasse de la Fidélité, der „Gasse der Treue“, sitzt seit 1987 Jeanneke Pis. Auch sie ist aus Bronze, ungefähr 50 Zentimeter groß – und auch sie verrichtet völlig unbekümmert ihr kleines Geschäft. Entworfen wurde sie Mitte der 1980er-Jahre von Denis-Adrien Debouvrie. 1987 wurde sie der Öffentlichkeit präsentiert.

Und Jeanneke ist eine herrliche Erscheinung. Sie hockt da, die Haare zu kleinen Zöpfen gebunden, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen kindlicher Freude, Frechheit und völliger Unbekümmertheit liegt. Wer sie zum ersten Mal entdeckt, muss fast zwangsläufig lächeln.

Dabei ist der Besuch bei Jeanneke ganz anders als die Begegnung mit ihrem berühmten männlichen Gegenstück. Manneken Pis steht mitten im touristischen Trubel. Rund um ihn drängen sich Menschen, Reisegruppen bleiben stehen, Smartphones werden hochgehalten und Souvenirläden verkaufen seine Gestalt in nahezu jeder denkbaren Form.

Jeanneke muss man dagegen beinahe suchen. Man biegt von den belebten Straßen des Zentrums ab und gelangt in die schmale Impasse de la Fidélité. Plötzlich wird die Welt kleiner. Zwischen Häuserfassaden und Gastronomie entdeckt man schließlich die kleine Bronzefigur. Und genau diese Entdeckung macht einen Teil ihres Reizes aus.

Jeanneke wirkt wie ein kleiner Insiderwitz der Stadt. Als hätte Brüssel irgendwann beschlossen: Wenn alle Welt unseren pinkelnden Jungen sehen möchte, dann stellen wir eben noch ein Mädchen dazu. Hinter ihrer Entstehung steckte allerdings auch der Wunsch, mehr Menschen in die damals weniger frequentierte Gasse zu locken. Gleichzeitig wurde Jeanneke zum weiblichen Gegenstück von Manneken Pis und damit augenzwinkernd auch als Zeichen der Gleichberechtigung verstanden. Vor allem aber verkörpert sie ebenfalls die Brüsseler „Zwanze“ – jenen schwer übersetzbaren, respektlosen und selbstironischen Humor der Stadt.

Besonders schön ist die Legende, die sich im Laufe der Zeit um Jeanneke Pis entwickelt hat. Schließlich steht sie nicht irgendwo. Ihre Heimat heißt Impasse de la Fidélité – Gasse der Treue. Wer gemeinsam mit seinem geliebten Menschen Jeanneke besucht, dem soll sie der Überlieferung nach Treue versprechen. Besucher werfen deshalb Münzen in das Becken des Brunnens. So bekommt ausgerechnet diese freche kleine Figur etwas überraschend Romantisches. Vielleicht ist das typisch Brüssel: Selbst die Romantik darf hier ein wenig schräg sein.

Manneken Pis und Jeanneke Pis erzählen gemeinsam viel über Brüssel. Natürlich könnte man beide Figuren als touristische Kuriositäten abtun. Man könnte schnell ein Foto machen, darüber lachen und weitergehen. Aber damit würde man etwas übersehen. Manneken Pis ist über Jahrhunderte zu einem Symbol für die Lebensfreude und die Fähigkeit der Brüsseler zur Selbstironie geworden. Jeanneke führt diesen Gedanken auf ihre eigene Weise fort. Sie ist jünger, versteckter und vielleicht noch ein bisschen frecher.

Beide verweigern sich jeder Form von Pathos. Und vielleicht passen sie gerade deshalb so wunderbar zu Brüssel. Denn diese Stadt lebt von Gegensätzen. Hier stehen prächtige historische Fassaden neben Comic-Wandbildern. Europäische Institutionen treffen auf alte Bierkneipen. Königliche Geschichte begegnet surrealistischem Humor. Pralinen, Pommes, Jugendstil, Jacques Brel, René Magritte und belgisches Bier existieren scheinbar mühelos nebeneinander. Und mittendrin pinkeln zwei kleine Bronzefiguren auf jede Form übertriebener Feierlichkeit.

Für mich liegt genau darin der Zauber von Manneken Pis und Jeanneke Pis. Sie erzählen eine Geschichte darüber, dass eine Stadt nicht immer groß auftreten muss, um eine starke Identität zu besitzen. Manneken Pis ist winzig – und dennoch weltberühmt. Jeanneke Pis versteckt sich in einer Sackgasse – und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis.

Wenn man beide besucht hat, versteht man Brüssel vielleicht ein kleines bisschen besser. Diese Stadt kann prächtig sein, politisch bedeutend, historisch schwergewichtig und europäisch weltläufig. Aber sie besitzt gleichzeitig die wunderbare Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Und so stehen beziehungsweise hocken Manneken und Jeanneke dort und erinnern uns an etwas, das vielen großen Denkmälern fehlt: Man muss nicht auf einem hohen Sockel stehen, um ein Wahrzeichen zu sein. Manchmal reichen ein halber Meter Bronze, ein Wasserstrahl und eine gehörige Portion Frechheit.

750 Jahre Münchner Geschichte – und niemand weiß, was daraus werden soll: Rettet das Zerwirkgewölbe!

28. August 2026

Wer München abseits von Marienplatz, Viktualienmarkt und Hofbräuhaus entdecken möchte, sollte einen Blick in die Ledererstraße werfen. Dort steht mit dem Zerwirkgewölbe eines der ältesten erhaltenen Bauwerke der Stadt – und zugleich ein Stück Münchner Geschichte, das viele Einheimische kaum kennen. Das Gebäude stammt aus dem späten 13. Jahrhundert und gilt als das zweitälteste Bauwerk Münchens. Damit ist es rund 750 Jahre alt und älter als viele der bekannten Sehenswürdigkeiten der Altstadt. Ich bin enttäuscht, dass dieses Gebäude verfällt. Es ist doch für mich ein historisches Juwel.

Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt das Zerwirkgewölbe seiner früheren Nutzung. Hier wurde einst das bei herzoglichen Jagden erlegte Wild zerlegt und verarbeitet. „Zerwirken“ ist ein alter Begriff aus der Jägersprache und bedeutet so viel wie fachgerechtes Zerlegen von Wildbret. Im Laufe der Jahrhunderte diente das Gebäude unter anderem als herzogliches Falkenhaus, gehörte zeitweise zum Hofbräuhaus und beherbergte später eine Wildmetzgerei. Meine Eltern haben wir noch von der Metzgerei erzählt.

Besonders sehenswert sind die historischen Fresken an der Fassade. Sie zeigen Jagdszenen und erinnern an die ursprüngliche Nutzung des Hauses. Wer aufmerksam durch die schmale Gasse schlendert, entdeckt hier ein mittelalterliches München, das sich zwischen den touristischen Hotspots beinahe versteckt.

Das Zerwirkgewölbe war über die Jahrzehnte nicht nur Metzgerei und Gastronomiebetrieb, sondern auch Kultur- und Ausgehort. In den 1990er- und 2000er-Jahren waren dort unter anderem Studiobühnen des Gärtnerplatztheaters und der Theaterakademie untergebracht. Später zog der Hip-Hop-Club Crux ein, in dem bis in die 2010er-Jahre getanzt und gefeiert wurde. Das war nie meine Musik und daher war mir der Club unbekannt. Anschließend befanden sich dort verschiedene Gastronomiebetriebe wie die Spezlwirtschaft und das Restaurant Fedora.

Heute steht das denkmalgeschützte Gebäude vor einer ungewissen Zukunft. Nach sieben Jahren des Leerstands wird über Sanierung und neue Nutzungskonzepte diskutiert. Gerade deshalb lohnt sich ein Besuch: Das Zerwirkgewölbe ist nicht nur ein beeindruckendes Zeugnis der Stadtgeschichte, sondern auch ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft Münchens auf besondere Weise begegnen.

Bedarf mehr besteht. Eine Machbarkeitsstudie kam allerdings zu dem Ergebnis, dass nach einer umfangreichen Sanierung verschiedene Nutzungen denkbar wären: Wohnen, Büros, Gewerbe oder Kultur. Bayerns Bauminister Christian Bernreiter hatte dabei betont, dass nicht die maximale Gewinnerzielung im Vordergrund stehen solle. Ziel sei vielmehr, diesen historischen Ort wieder öffentlich zugänglich zu machen und mit einer angemessenen Nutzung zu beleben.

Das Problem: Bislang gibt es noch kein konkretes Nachnutzungskonzept. Noch im Juli 2026 teilte die Immobilien Freistaat Bayern mit, dass Sondierungen und Gespräche mit potenziellen Interessenten liefen. Zugleich hängt der Umfang der notwendigen Sanierung stark davon ab, was später in dem Gebäude stattfinden soll. Substanzerhaltende Arbeiten werden nach Angaben des Freistaats bereits vorgenommen.

Politisch ist ein Verkauf durchaus umstritten. In München gibt es Forderungen, das Zerwirkgewölbe in öffentlicher Hand zu behalten und beispielsweise für kulturelle, soziale oder gemeinwohlorientierte Zwecke zu nutzen. Auch ein Erwerb durch die Stadt wurde ins Gespräch gebracht.

Interessant ist deshalb vor allem, was nicht feststeht: Es gibt derzeit weder einen beschlossenen neuen Gastronomiebetrieb noch ein Museum, Kulturzentrum oder Wohnprojekt. Die früher einmal diskutierte Idee eines „Mini-Hofbräuhauses“ ist ebenfalls nicht die aktuelle Planung.

Die Sieben Zeilen – wo Nürnberg den Alltag seiner Weber bewahrt

24. Juli 2026

Wer heute durch die Nürnberger Altstadt geht und zwischen den alten Häusern, schmalen Straßen und stillen Winkeln die Sieben Zeilen entdeckt, begegnet einem Stück Stadtgeschichte, das leicht übersehen werden kann. Hier stehen keine mächtigen Patrizierhäuser, keine prunkvollen Paläste und keine weithin sichtbaren Türme. Die kleinen Häuser erzählen vielmehr vom Leben jener Menschen, deren Namen nur selten in Chroniken auftauchen: von Webern, Handwerkern und ihren Familien, die über viele Generationen hinweg mit ihrer Arbeit zum Wohlstand der alten Reichsstadt beitrugen. Bei einer Stadtführung eines Kollegen staunte ich nicht schlecht über diese Häuser.

Die Sieben Zeilen gelten als eine der frühesten planmäßig errichteten Arbeiterwohnsiedlungen Deutschlands. Ihre Entstehung geht auf das ausgehende 15. Jahrhundert zurück. Bereits im Jahr 1488 fasste der Nürnberger Rat den Beschluss, Weber aus dem schwäbischen Raum für die Stadt zu gewinnen. Nürnberg war damals eine bedeutende Handels- und Handwerksmetropole, wollte aber auch sein Textilgewerbe weiter ausbauen. Besonders gefragt waren Fachleute aus Augsburg und Ulm, die sich auf die Herstellung von Barchent verstanden – eines Stoffes, der aus Baumwolle oder einer Mischung aus Baumwolle und Leinen hergestellt wurde und häufig eine flanellartige Oberfläche besaß.

Ein Jahr später, 1489, ließ die Stadt auf dem verfüllten inneren Stadtgraben zunächst fünf parallel verlaufende Häuserzeilen errichten. Jede dieser Reihen bestand aus drei Weberhäusern. Der Bau dieser Siedlung war für die damalige Zeit bemerkenswert, doch er entstand nicht in erster Linie aus sozialer Fürsorge. Der Nürnberger Rat verfolgte vor allem wirtschaftliche Ziele: Die angeworbenen Weber sollten dauerhaft in der Stadt angesiedelt werden und dem Nürnberger Textilgewerbe neue Impulse geben. Die Sieben Zeilen waren somit zugleich Wohnort, Werkstattviertel und wirtschaftspolitisches Projekt der Reichsstadt.

Das neu erschlossene Gelände lag am sogenannten Treibberg. Weil dort nun zahlreiche aus Schwaben stammende Weber lebten, erhielt das Gebiet bald den Namen Schwabenberg. Zunächst sprach man von den Häusern „Zwischen den Zeilen“. Im Jahr 1524 wurden die fünf bestehenden Reihen um zwei weitere ergänzt. Aus den ursprünglich fünf Häuserzeilen wurden damit jene sieben Reihen, die dem Viertel schließlich seinen bis heute erhaltenen Namen gaben: die Sieben Zeilen.

Das Leben in diesen Häusern war bescheiden und eng mit der täglichen Arbeit verbunden. Die zweigeschossigen Gebäude waren so angelegt, dass sich die Webstühle und Lagerräume im Souterrain beziehungsweise im Keller befanden. Dort standen die schweren hölzernen Webstühle, dort wurden Garne aufbewahrt und fertige Stoffe gelagert. Man kann sich vorstellen, wie aus den niedrigen Arbeitsräumen das gleichmäßige Klappern der Webstühle nach draußen drang und sich mit den Stimmen der Nachbarn, dem Rufen der Händler und dem Lärm der nahen Stadt vermischte.

Über den Arbeitsräumen lagen jeweils zwei kleine Wohnungen mit einer Fläche von ungefähr 45 Quadratmetern. Jede Wohneinheit bestand lediglich aus einer kleinen Küche, einer Stube und einer Kammer. Küche und Wohnraum wurden durch einen gemeinsamen Ofen beheizt. Hier lebten Familien auf engem Raum, hier wurde gekocht, gegessen, geschlafen und gearbeitet. Privatleben und Broterwerb ließen sich kaum voneinander trennen. Erst im 19. Jahrhundert wurden auch die Dachgeschosse der Häuser ausgebaut und als zusätzlicher Wohnraum genutzt.

Die kleinen Wohnungen mögen aus heutiger Sicht beengt erscheinen. Doch sie boten den Weberfamilien ein festes Dach über dem Kopf und die Möglichkeit, Arbeit und Wohnen an einem Ort zu verbinden. Zwischen den eng nebeneinanderstehenden Häusern entwickelte sich zwangsläufig eine besondere Nachbarschaft. Man wusste, wer krank war, wer Nachwuchs bekommen hatte, bei wem der Webstuhl stillstand und wer gerade einen großen Auftrag erhalten hatte. Türen und Fenster lagen dicht beieinander. Das Leben spielte sich nicht nur in den Stuben, sondern auch zwischen den Häuserzeilen ab.

Über Jahrhunderte blieben die Sieben Zeilen mit dem Weberhandwerk verbunden. Die Barchentweber lebten dort bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit. Diese Epoche endete zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Nürnberg seine politische Selbstständigkeit verlor und Teil des Königreichs Bayern wurde. Anschließend verkaufte die Stadt die Anwesen an private Eigentümer. Das Viertel wandelte sich, doch die kleinen Häuser und die Straßenstruktur erinnerten weiterhin an seine Ursprünge.

Auch die Namen der umliegenden Straßen bewahrten die Erinnerung an die Weber. Der untere Teil des ehemaligen Schwabenbergs wurde 1809 beziehungsweise 1810 in Weberplatz umbenannt. Der alte Name Treibberg blieb ebenfalls erhalten und findet sich bis heute in einem westlich der Sieben Zeilen gelegenen Straßenzug. So tragen selbst die Straßenschilder die Geschichte des Viertels weiter.

Dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm die nahezu vollständige Zerstörung der Nürnberger Altstadt. Bei den Luftangriffen der Jahre 1943 bis 1945 wurden 19 der insgesamt 21 Weberhäuser der Sieben Zeilen zerstört. Von der jahrhundertealten Siedlung blieben nur zwei Gebäude im Original erhalten. Die vertrauten Hausreihen, in denen Generationen gelebt und gearbeitet hatten, verwandelten sich in Trümmer.

Nach dem Krieg entschied man sich jedoch, die besondere Struktur der Siedlung wieder sichtbar zu machen. Die zerstörten Häuser wurden bis 1966 maßstabsgetreu wieder aufgebaut. Dadurch kehrte das vertraute Bild der parallelen Häuserzeilen in die Nürnberger Altstadt zurück. Der Wiederaufbau war Ausdruck des Wunsches, nicht nur einzelne bedeutende Bauwerke, sondern auch die Spuren des alltäglichen Lebens vergangener Jahrhunderte zu bewahren.

Umso tragischer ist das Schicksal der beiden letzten originalen Weberhäuser. Sie hatten den Krieg überstanden und waren bereits restauriert worden. Später erwarb der Berliner Architekt Walter Hötzel die unterste Häuserzeile mit den Hausnummern 2 bis 6. In den Jahren 1972 und 1973 ließ er die beiden noch aus dem 15. beziehungsweise 16. Jahrhundert stammenden Originalgebäude abreißen. Gegen den Verlust regte sich massiver Protest der Nürnberger Altstadtfreunde, doch der Abriss konnte nicht verhindert werden. Damit verschwanden die letzten authentischen baulichen Zeugen dieser frühen Arbeiterwohnsiedlung unwiederbringlich.

Was heute in den Sieben Zeilen zu sehen ist, ist deshalb größtenteils eine Rekonstruktion. Doch die historische Anordnung der Häuser, ihre bescheidenen Dimensionen und die bis heute bestehende Straßenbezeichnung lassen noch immer erahnen, wie dieses Viertel einst ausgesehen haben muss. Die Häuser erinnern an eine Zeit, in der wirtschaftliche Produktion noch nicht in großen Fabrikhallen stattfand, sondern unmittelbar unter den Wohnräumen der Menschen.

Wer heute zwischen den Zeilen hindurchgeht, hört längst kein Klappern der Webstühle mehr. Kein Weber trägt Stoffballen aus dem Keller, kein Kind bringt Garn in die Werkstatt, und aus den kleinen Kaminen steigt kein Rauch mehr von den gemeinsam genutzten Öfen. Dennoch scheint sich zwischen den Fassaden ein Hauch der Vergangenheit erhalten zu haben. Die engen Wege, die schlichten Häuser und die alten Straßennamen erzählen von Arbeit, Entbehrung, Nachbarschaft und dem Wunsch nach einem sicheren Leben.

Die Sieben Zeilen erinnern daran, dass die Geschichte Nürnbergs nicht allein von Kaisern, Kaufleuten, Künstlern und mächtigen Patrizierfamilien geprägt wurde. Sie wurde ebenso von den vielen namenlosen Handwerkern geschrieben, die Tag für Tag an ihren Webstühlen saßen. Ihre Stoffe wurden verkauft, getragen und in alle Welt gehandelt. Ihr eigenes Leben aber spielte sich auf wenigen Quadratmetern zwischen Küche, Stube, Kammer und Werkstatt ab.

So sind die Sieben Zeilen bis heute ein stilles Denkmal des arbeitenden Nürnberg. Sie erzählen von einer Stadt, die früh erkannte, wie wichtig qualifizierte Handwerker für ihren wirtschaftlichen Erfolg waren. Zugleich berichten sie von der Zerbrechlichkeit historischer Erinnerung: vom Verlust durch den Krieg, vom sorgfältigen Wiederaufbau und schließlich vom vermeidbaren Abriss der letzten Originalhäuser.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Melancholie dieses Ortes. Die heutigen Häuser sind nicht mehr jene Mauern, in denen die Weber vor Jahrhunderten lebten. Doch ihr Grundriss, ihre Anordnung und ihr Name bewahren eine Erinnerung, die stärker sein kann als Stein. Wer langsam durch die Sieben Zeilen geht und der Fantasie ein wenig Raum lässt, kann das alte Nürnberg beinahe noch hören: das Knarren der Holzbalken, das Schlagen der Webstühle und die gedämpften Gespräche der Familien, die hier aus einzelnen Fäden nicht nur Stoffe, sondern auch ein Stück Nürnberger Geschichte webten.

Als der Krieg in den Gottesdienst platzte – die bewegende Geschichte der Kanonenkugel im Alten Peter

21. Juli 2026

Wer heute durch die Münchner Altstadt schlendert, den Blick zum Alten Peter erhebt und einmal um den Chor der ehrwürdigen Peterskirche geht, entdeckt hoch oben in der Mauer ein unscheinbares Relikt vergangener Zeiten: eine eiserne Kanonenkugel. Tausende Menschen laufen täglich daran vorbei, ohne ihre Geschichte zu kennen. Dabei erzählt sie von einem Tag, an dem der Krieg plötzlich mitten in den Frieden einer Kirche eindrang.

Es war das Jahr 1796. Europa befand sich in den Wirren der Koalitionskriege gegen das revolutionäre Frankreich. München war in die militärischen Auseinandersetzungen hineingezogen worden. Österreichische Truppen beschossen die von französischen Soldaten besetzte Stadt vom Gasteig aus. Eine der abgefeuerten Kanonenkugeln verfehlte ihr eigentliches Ziel und durchschlug während eines Gottesdienstes ein Fenster der Peterskirche. Sie landete im Altarraum. Die Gläubigen gerieten in Panik und flohen aus der Kirche. Nur der Stadtpfarrer und seine Ministranten sollen unbeirrt geblieben sein und die Messe ruhig bis zum Ende gefeiert haben. Erstaunlicherweise wurde niemand verletzt.

Anstatt die Kugel einzuschmelzen oder zu entsorgen, entschied man sich später für eine ungewöhnliche Form des Erinnerns. Die eiserne Kugel wurde in das Fenstersims der Chorapsis eingemauert. Dort steckt sie bis heute – nicht als Kriegsdenkmal im klassischen Sinn, sondern als stummer Zeuge dafür, wie zerbrechlich Frieden sein kann und wie eng Hoffnung und Gefahr manchmal beieinanderliegen.

Der Alte Peter selbst ist weit älter als diese Geschichte. Als älteste Pfarrkirche Münchens begleitet er die Stadt seit mehr als acht Jahrhunderten. Generationen von Münchnerinnen und Münchnern wurden hier getauft, heirateten oder nahmen Abschied von ihren Angehörigen. Kriege, Brände und Zerstörungen hat die Kirche überstanden – zuletzt auch die schweren Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs, nach denen sie liebevoll wieder aufgebaut wurde. Die kleine Kanonenkugel fügt sich in diese lange Geschichte ein wie eine Narbe, die zwar geblieben ist, aber nicht mehr schmerzt.

Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Wirkung. Sie erinnert nicht an einen großen Sieg oder eine berühmte Schlacht. Sie erzählt von einem ganz gewöhnlichen Gottesdienst, der jäh unterbrochen wurde, von Menschen, die erschraken, und von einem Pfarrer, der Ruhe bewahrte. Wer heute unter ihr steht, hört keine Kanonen mehr, sondern das Glockengeläut des Alten Peters und das Stimmengewirr der Münchner Altstadt. Die kleine eiserne Kugel ist damit weit mehr als ein kurioses Detail – sie ist ein stilles Stück Stadtgeschichte, das seit über 230 Jahren davon erzählt, wie kostbar Frieden ist.

Die kleinen Eichhörnchen, die Würzburgs Mitte ein Lächeln schenken

28. Juni 2026

Die vielen Eichhörnchen in der Würzburger Mitte sind keine zufällige Laune der Stadtgestaltung, sondern ein bewusst gesetztes Erkennungszeichen der Eichhornstraße. Gemeint sind dabei nicht lebendige Tiere, sondern die silberfarbenen Eichhörnchen, die in das Pflaster der Fußgängerzone eingelassen sind. Sie gehören zur Neugestaltung der Eichhornstraße und der Spiegelstraße, die ab 2014 zur Fußgängerzone umgebaut wurden. Aus einer früher stark vom Autoverkehr und von der Zufahrt zur Marktgarage geprägten Straße sollte ein attraktiver Aufenthalts- und Einkaufsbereich werden. Deshalb wurden nicht nur neue Natursteinplatten verlegt, Sitzgelegenheiten geschaffen und Bäume gepflanzt, sondern auch kleine gestalterische Besonderheiten eingebaut, die dem Quartier ein eigenes Gesicht geben sollten. Dazu zählen die Eichhörnchen im Boden. Das WürzburgWiki beschreibt sie als Teil der optischen Aufwertung der Straße; sie wurden in unregelmäßigen Abständen in das neue Pflaster eingelassen und stellen das Eichhörnchen „Mitty“ dar, das Maskottchen der Werbegemeinschaft „Würzburgs Neue Mitte“ ist.

Der Hintergrund liegt schon im Namen der Straße. Die Eichhornstraße heißt nicht deshalb so, weil dort besonders viele Eichhörnchen leben, sondern weil sie historisch nach den früheren Höfen „Zum Roten Eichhorn“ beziehungsweise „Zum Schwarzen Eichhorn“ benannt wurde. An diese alten Hausnamen erinnert noch heute ein Wandrelief mit zwei Eichhörnchen. Als die Straße neu gestaltet wurde, griff man dieses Motiv auf und machte daraus ein modernes, sympathisches Quartierszeichen. Die Eichhörnchen im Pflaster funktionieren also wie ein spielerisches Stadtlogo: Sie verweisen auf die Geschichte der Straße, geben der Einkaufsmeile Wiedererkennungswert und laden Passanten dazu ein, beim Bummeln den Blick nach unten zu richten und die kleinen Figuren zu entdecken.

Dass es gleich mehrere dieser Tiere gibt, hat mit Stadtmarketing zu tun. Während des Umbaus der Eichhornstraße mussten Händler, Gastronomen und Eigentümer mit langen Bauarbeiten, Einschränkungen und Umsatzeinbußen umgehen. Daraus entstand die Interessengemeinschaft „Neue Mitte“, die das Quartier gemeinsam bewerben und trotz Baustelle attraktiv halten wollte. In einem IHK-Leitfaden zum Baustellenmarketing wird der Umbau der Eichhornstraße sogar als Beispiel genannt: Dort ist von einem Eichhörnchen-Logo, von Flyern und von zahlreichen Werbeartikeln wie Plüsch-Eichhörnchen, Stein-Eichhörnchen, Eichhörnchen-Bocksbeuteln und Ansteckern die Rede. Das Motiv war also nicht nur Dekoration, sondern Teil einer ganzen Kommunikationsidee: Die Baustelle und später die neue Fußgängerzone sollten nicht anonym wirken, sondern einen eigenen Charakter bekommen.

Die Eichhörnchen sind deshalb kleine Identitätsstifter. Sie machen aus einer gewöhnlichen Pflasterfläche eine Art Suchspiel im öffentlichen Raum. Wer durch die Eichhornstraße läuft, entdeckt die Figuren nicht alle auf einmal, sondern nach und nach. Genau das passt zu einer Fußgängerzone: Man soll langsamer gehen, schauen, verweilen, einkaufen, vielleicht auch mit Kindern stehen bleiben und zählen, wie viele Hörnchen im Boden versteckt sind. Die Stadt Würzburg selbst nutzt dieses Motiv offenbar ebenfalls spielerisch: In Such- und Rallyeformaten wird dazu aufgefordert, die Eichhörnchen im Pflaster der Eichhornstraße zu zählen.

Dass die Figuren auffallen und beliebt sind, zeigt auch eine kleine kuriose Episode: 2018 berichtete „Würzburg erleben“, dass einige der silberfarbenen Eichhörnchen beschädigt oder sogar gestohlen worden seien. Sie mussten beziehungsweise sollten wieder ersetzt werden. Das unterstreicht, dass die Pflaster-Hörnchen mehr sind als bloße Verzierung. Sie sind Teil des Wiedererkennungswertes der Straße geworden, eine Art Markenzeichen der Würzburger Mitte.

Kurz gesagt: In der Würzburger Mitte gibt es so viele Eichhörnchen im Pflaster, weil die Eichhornstraße bei ihrer Umgestaltung zur Fußgängerzone ein eigenes, historisch begründetes und zugleich werbewirksames Symbol bekommen sollte. Der Name der Straße lieferte das Motiv, die Werbegemeinschaft „Würzburgs Neue Mitte“ machte daraus das Maskottchen „Mitty“, und die Stadtgestaltung übersetzte dieses Motiv in den Bodenbelag. Die Eichhörnchen sollen die Straße sympathischer, unverwechselbarer und ein bisschen spielerischer machen.

Würzburg: Zurückgelassene Koffer, unvergessene Menschen

22. Juni 2026

Fröhlich bin ich mit einem neuen ICE pünktlich in Würzburg angekommen und spazierte zu meinem Hotel für eine Tagung. Meine Fröhlichkeit wich der Ernsthaftigkeit als ich das Bahnhofsgebäude verließ und auf den wichtigen DenkOrt Deportationen 1941–1944 traf. Es ist ein stiller, eindringlicher Ort der Erinnerung. Er steht nicht abseits, nicht verborgen, sondern am Bahnhofplatz vor dem Würzburger Hauptbahnhof – genau dort, wo täglich Menschen ankommen, weiterreisen, warten, Abschied nehmen. Diese Lage ist bewusst gewählt, denn Würzburg hatte für die nationalsozialistischen Deportationen in Unterfranken eine zentrale und schmerzvolle Bedeutung.


Zwischen 1941 und 1944 wurden Jüdinnen und Juden aus Würzburg und vielen Orten Unterfrankens von hier aus in die Vernichtung geführt. Zwei Würzburger Bahnhöfe waren dabei entscheidend: der ehemalige kleine Güterbahnhof an der Aumühle, der sogenannte Aumühl-Ladehof, und der Hauptbahnhof. Von dort mussten Menschen ihre Heimat verlassen; in Osteuropa wurden sie ermordet, weil sie jüdisch waren. Der DenkOrt erinnert an diese Bürger und daran, dass hinter historischen Zahlen einzelne Leben, Familien, Nachbarschaften, Stimmen und Geschichten standen. Ich hielt an, betrachtete das Denkmahl und sprach ein stilles Gebet.

Besonders stark wirkt dieser Erinnerungsort durch seine Gepäckstücke. Sie sind das zentrale Element des Denkmals. Es sind Koffer, Rucksäcke und Deckenrollen, gefertigt aus dauerhaften Materialien wie Stein, Beton, Holz, Metall, Keramik oder Kunststoff. Sie stehen auf niedrigen Sockeln, als wären sie für einen Augenblick abgestellt worden. Doch dieser Augenblick geht nie vorüber. Gerade darin liegt die erschütternde Kraft des Denkmals: Die Gepäckstücke erzählen von Aufbruch, aber nicht von einer freien Reise. Sie erzählen von Menschen, denen man vorgaukelte oder befahl, nur das Nötigste mitzunehmen, denen aber am Ende selbst dieses Wenige genommen wurde. Der Koffer wird hier zum Symbol eines geraubten Lebens. Er steht für Kleidung, Dokumente, Erinnerungsstücke, vielleicht ein Foto, ein Gebetbuch, ein Stück Wäsche, ein Kinderspielzeug – für alles, was Menschen noch greifen konnten, als ihr bisheriges Leben bereits zerstört war. Die offizielle Projektbeschreibung formuliert diesen Gedanken sehr klar: Die Deportierten konnten nicht mehr als den Inhalt eines Koffers aus ihrem bisherigen Leben mitnehmen; am Ende verloren sie auch diesen Besitz, und ihnen blieb nicht einmal das nackte Leben.

Und wenn ich in unserem Land das Aufkeimen des Rechtsextremismus sehe, bekomme ich einen Würggreiz. Demokraten müssen gegen dieses Pack aufstehen.
Die Koffer sind deshalb keine dekorativen Objekte. Sie sind Stellvertreter. Jeder von ihnen verweist auf eine jüdische Gemeinde oder einen Wohnort in Unterfranken, aus dem Menschen deportiert wurden. Das Denkmal macht sichtbar, dass die Verfolgung nicht nur Würzburg betraf, sondern ein ganzes Netz unterfränkischer Orte: Städte, Märkte, Dörfer, Nachbarschaften. Das Besondere am Konzept ist, dass jedes Gepäckstück zweimal entsteht. Ein Exemplar bleibt in der jeweiligen Gemeinde, das zweite wird Teil der zentralen Gedenkstätte in Würzburg. So verbindet der DenkOrt den Bahnhofplatz mit den Herkunftsorten der deportierten Menschen. Die Erinnerung bleibt nicht nur an einem zentralen Ort gesammelt, sondern kehrt zugleich in die Gemeinden zurück, aus denen die Menschen einst herausgerissen wurden.

Diese doppelte Anlage macht den DenkOrt zu einem partizipativen Denkmal. Unterfränkische Kommunen, in denen es 1932/33 jüdische Gemeinden gab, sind eingeladen, sich mit einem Gepäckstück zu beteiligen. Dadurch wächst der DenkOrt weiter. Er wurde am 17. Juni 2020 eröffnet, 2021 kamen 32 neue Gepäckstücke hinzu, 2023 weitere neun und 2025 erneut elf. Das Denkmal bleibt damit nicht abgeschlossen, sondern in Bewegung. Es zeigt, dass Erinnerung keine einmalige Geste ist, sondern eine fortdauernde Aufgabe.

Gerade die Schlichtheit der Koffer berührt. Sie tragen am DenkOrt nicht die Namen aller Ermordeten, denn dafür reicht der Raum nicht aus. Stattdessen erhält jedes Gepäckstück ein einheitliches Schild mit dem Namen der historischen jüdischen Gemeinde, für die es steht. Die Namen und biografischen Angaben der Opfer sind online über das Projekt zugänglich. Diese Entscheidung gibt dem Denkmal eine besondere Würde: Vor Ort wirkt zunächst das Bild des verlassenen Gepäcks, die Leere, das Schweigen, die körperliche Vorstellung von Verlust.

Die unterschiedlichen Formen der Gepäckstücke sind ebenfalls bedeutungsvoll. Ein Koffer wirkt geordnet, vielleicht bürgerlich, fast vertraut. Ein Rucksack erinnert stärker an Eile, an Flucht, an den Körper, der Last tragen muss. Eine Deckenrolle steht für elementare Bedürftigkeit, für Kälte, Schutzlosigkeit, die Hoffnung auf Schlaf und Wärme. Zusammen bilden diese Formen ein stilles Bild von erzwungener Bewegung. Sie zeigen nicht die Täter, nicht die Züge, nicht die Gewalt selbst – und doch ist all das gegenwärtig. Die Abwesenheit der Menschen macht ihre Geschichte besonders spürbar. Man sieht kein Gesicht, aber man versteht: Zu jedem Gepäckstück gehörte ein Mensch. Zu jedem Menschen gehörte ein Zuhause. Zu jedem Zuhause gehörte eine zerstörte Zukunft.

Auch die Materialien der Koffer sprechen eine eigene Sprache. Sie sind robust, wetterfest, dauerhaft. Das ist aus praktischen Gründen notwendig, weil der DenkOrt an einem stark frequentierten öffentlichen Platz steht. Zugleich hat diese Dauerhaftigkeit eine symbolische Dimension: Was die Nationalsozialisten auslöschen wollten, soll im Gedächtnis bleiben. Stein, Beton oder Metall widersprechen dem Vergessen. Sie halten aus, auch wenn die Stadt um sie herum weiterläuft. Reisende gehen vorbei, Straßenbahnen fahren, Menschen telefonieren, der Alltag nimmt seinen Lauf – und mitten darin liegen diese Koffer wie eine stille Unterbrechung. Sie mahnen dazu, nicht achtlos vorbeizugehen.

Für Würzburg selbst haben die Gepäckstücke eine zusätzliche Bedeutung. Die Stadt war nicht nur Herkunftsort deportierter jüdischer ürger, sondern auch Sammel- und Abfahrtsort für Menschen aus ganz Unterfranken. Deshalb ist der Bahnhofplatz ein Ort, an dem regionale Verantwortung sichtbar wird. Der DenkOrt sagt nicht nur: „Hier ist etwas geschehen.“ Er sagt auch: „Von hier aus wurden Menschen aus vielen Gemeinden ihrer Heimat beraubt.“ Genau darum sind die Koffer aus den Orten Unterfrankens so wichtig. Sie bringen die verstreute Geschichte zusammen, ohne sie zu vereinfachen. Jeder Koffer steht für einen Ort, aber auch für die Pflicht dieses Ortes, sich zu erinnern.

So ist der DenkOrt Deportationen 1941–1944 kein Denkmal, das fertige Antworten gibt. Er stellt Fragen: Was bleibt von einem Menschen, wenn ihm Heimat, Besitz, Rechte und schließlich das Leben genommen werden? Wie kann eine Stadt erinnern, ohne das Geschehen zu glätten? Wie lässt sich Trauer in eine Form bringen, die nicht pathetisch ist, sondern wahrhaftig? Die Koffer antworten darauf mit stiller Eindringlichkeit. Sie liegen da, als warteten sie auf Menschen, die nicht zurückkommen. Gerade diese Zurückhaltung macht sie so stark. Sie zwingen niemanden zu großen Worten, aber sie lassen auch kein Ausweichen zu.

Der DenkOrt ist deshalb ein Ort des Respekts, der Trauer und der Verantwortung. Er erinnert an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Unterfrankens, die entrechtet, verschleppt und ermordet wurden. Und er tut dies durch ein Symbol, das jeder Mensch versteht: Gepäck. Ein Koffer steht normalerweise für Reise, Hoffnung, Rückkehr, vielleicht für Ferien oder Neubeginn. Am DenkOrt Deportationen bedeutet er das Gegenteil: er steht für erzwungenen Abschied, für den Verlust von Heimat, für eine Reise ohne Wiederkehr. Gerade deshalb berühren diese Koffer so tief. Sie machen sichtbar, was nicht wiedergutzumachen ist, und sie bewahren die Erinnerung an Menschen, deren Namen, Geschichten und Würde nicht verloren gehen dürfen.

Ein kleiner Griff nach Glück – die Löwennasen der Münchner Residenz

13. Mai 2026

Es sind die kleinen Geschichten, die mir an einer Stadt wie München einfach gefallen. Geschichten liegen quasi vor den Füßen, man muss nur hinschauen. So geschehen bei meinem Besuch der Residenz in München zu der ich zum Roman Herzog Forschungspreis eingeladen war.


Beim Warten auf meine Gattin fielen mir der bayerische Löwe auf, der vor dem Eingang zur Residenz aufgestellt war. Vor der Münchner Residenz berührt man die Nase des bayerischen Löwen, weil daraus im Lauf der Zeit ein beliebter Münchner Glücksbrauch geworden ist. Wer an den Bronzelöwen am Eingang der Residenz vorbeikommt, streicht kurz über die glänzende Nase – oft ganz beiläufig im Vorübergehen, manchmal bewusst vor einer Prüfung, einem wichtigen Termin oder einfach, weil man ein bisschen Glück gebrauchen kann. Genau deshalb sind die Nasen der Löwen so auffällig hell und blank: Nicht, weil sie ursprünglich anders gestaltet waren, sondern weil unzählige Hände sie über Jahre hinweg poliert haben. Eigentlich handelt es sich dabei nicht um die Nase des großen Löwen selbst, sondern um die kleinen Löwenköpfe beziehungsweise Masken auf den Schilden, die die großen Bronzelöwen in ihren Tatzen halten. Im Alltag spricht man aber einfach von den „Löwennasen“ an der Residenz.

Die wahren Wächter der Tugend
Eigentlich berühren die Menschen nicht die Schnauzen der großen Wappentiere selbst, sondern die sogenannten Maskarons – kleine Fratzenköpfe am unteren Ende der bronzenen Schilde, die von den vier Löwen gehalten werden. Diese Statuen, die den westlichen Eingang bereits seit dem 17. Jahrhundert bewachen, repräsentieren die vier Kardinalstugenden eines würdigen Herrschers: Klugheit, Gerechtigkeit, Stärke und Mäßigkeit. Einem erweiterten Aberglauben zufolge sollen diese Tugenden auf diejenigen übergehen, die die Schnauzen streicheln, wobei das Glück angeblich nur dann eintritt, wenn man alle vier Schilde nacheinander berührt.

Der Brauch lebt vor allem von der einfachen Vorstellung, dass das Berühren Glück bringt. Solche Rituale gibt es in vielen Städten: Man reibt an einer bestimmten Statue, legt eine Hand auf ein Denkmal oder berührt eine Figur, weil Generationen von Menschen es vor einem schon getan haben. Dadurch wird aus einem Kunstwerk ein Teil des städtischen Alltags. Bei den Löwen vor der Residenz passt das besonders gut, weil der Löwe in Bayern ohnehin ein starkes Symbol ist: Er steht für Herrschaft, Stärke, Schutz und bayerische Identität. Vor der ehemaligen Residenz der Wittelsbacher wirken die Löwen wie Wächter am Eingang – und gerade deshalb eignet sich die kleine Geste des Berührens so gut als persönlicher Glücksmoment mitten in der Stadt.

Um die Löwennasen rankt sich außerdem eine Münchner Legende aus dem Jahr 1848. Sie erzählt von einem Studenten, der eine Spottschrift gegen Lola Montez, die Geliebte König Ludwigs I., verfasst und an der Residenz angebracht haben soll. Statt zu fliehen, habe er sich später mutig gestellt. Der König soll ihm daraufhin nicht nur verziehen, sondern ihn sogar belohnt haben. Ob diese Geschichte historisch in allen Einzelheiten stimmt, ist weniger wichtig als ihre Wirkung: Sie erklärt den Brauch als Erinnerung an Mut, Glück und einen unerwartet guten Ausgang. Wer heute die Nase berührt, knüpft also an eine Mischung aus Aberglauben, Stadtlegende und Münchner Tradition an. 

Die Löwen selbst gehören schon seit Jahrhunderten zum Erscheinungsbild der Residenz. Die Bayerische Schlösserverwaltung beschreibt sie als bronzene Torwächter; die Figuren gehen auf die frühe Neuzeit zurück und waren ursprünglich Teil eines größeren dynastischen und künstlerischen Zusammenhangs. Weil die Originale durch Witterung und ständige Berührungen stark belastet wurden, stehen vor Ort inzwischen Repliken, während die kostbaren Originale geschützt werden. Der Brauch ist dadurch aber nicht verschwunden. Im Gegenteil: Gerade die blank geriebenen Nasen zeigen, dass diese Figuren nicht nur Museums- oder Denkmalsobjekte sind, sondern lebendige Stadtzeichen. 

Kurz gesagt: Man berührt die Nase des Löwen vor der Münchner Residenz, weil es Glück bringen soll. Dahinter steckt keine offizielle Zeremonie, sondern ein gewachsener Volksbrauch – eine kleine, liebevolle Münchner Gewohnheit, die Geschichte, Aberglauben und Stadtidentität miteinander verbindet. Und natürlich habe ich es auch gemacht.

Wenn Mauern sprechen – Glasgows Herz in Farbe

5. August 2025

Bei uns im Dorf dürfen sich Schüler an der dunklen Bahnunterführung mit ihren Malkünsten austoben, damit bei diesen traurigen Zustand optisch etwas ändert. Ähnliches hab ich auf meiner Schottland-Tour durch Glasgow beobachtet.

Glasgow gilt heute als eine der bedeutendsten Street-Art-Städte Europas – ein Ruf, der nicht aus Vandalismus oder willkürlicher Schmiererei hervorgegangen ist, sondern aus einem bewussten Wandel in der Stadtentwicklung und Kulturpolitik. Die vielen Graffitis und Wandbilder, die sich über Häuserfassaden, Unterführungen, Brückenpfeiler und ganze Gebäudewände ziehen, sind Ausdruck einer kreativen Auseinandersetzung mit dem städtischen Raum, seiner Geschichte, den Menschen und sozialen Themen. Es macht unheimlichen Spaß durch diese Stadt zu spazieren und immer neue Graffitis zu entdecken.

Ein wesentlicher Grund für die Vielzahl an Graffitis liegt in der gezielten Förderung durch die Stadt selbst. Seit den 2000er Jahren unterstützt Glasgow aktiv Street-Art-Projekte, nicht zuletzt im Rahmen größerer Stadtverschönerungs- und Revitalisierungsmaßnahmen. Früher für Industrie und Schwerarbeit bekannt, hat sich Glasgow in den vergangenen Jahrzehnten neu erfunden – als Kulturstadt, Kreativmetropole und Zentrum für Design, Musik und zeitgenössische Kunst. Graffiti und Mural Art wurden dabei nicht als Problem, sondern als Potenzial gesehen: als Möglichkeit, leere oder heruntergekommene Flächen zu beleben und Identität zu stiften.

Ein Paradebeispiel dafür ist das Projekt City Centre Mural Trail, das von der Stadt in Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern und Organisationen wie Art Pistol Projects initiiert wurde. Es handelt sich dabei um einen offiziell ausgewiesenen Rundgang durch die Innenstadt, auf dem man über 25 großformatige Wandbilder entdecken kann – von detailreichen Porträts über surrealistische Kompositionen bis hin zu politischen oder sozialkritischen Werken. Viele dieser Murals sind nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern erzählen Geschichten aus Glasgow: über lokale Berufe, Migration, Musikgeschichte oder den Alltag im Viertel.

Hinzu kommt, dass Glasgow eine lebendige Underground-Kunstszene hat. In Vierteln wie Finnieston, Trongate oder entlang des Clyde findet man viele kleinere, nicht offiziell geförderte Werke, die oft ebenso eindrucksvoll und gesellschaftlich relevant sind. Die tolerante Haltung der Stadt gegenüber Street Art hat dazu beigetragen, dass Künstler aus ganz Großbritannien und darüber hinaus Glasgow als Bühne nutzen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen „legaler“ und „illegaler“ Graffiti zunehmend – in vielen Fällen werden einst illegale Arbeiten heute als kulturelles Kapital betrachtet.

Nicht zuletzt spiegelt die Fülle an Graffitis in Glasgow auch den Stolz und den Humor seiner Bewohner wider. Die Wandkunst ist oft augenzwinkernd, manchmal melancholisch, aber fast immer geprägt von einem starken Lokalbezug. Sie macht die Straßen der Stadt zu einem offenen Museum und bringt damit Kunst dorthin, wo sie jeder sehen kann – ohne Eintritt, ohne Schwelle, mitten im Alltag.

Wo der Wind Geschichten flüstert – der Glasgow Necropolis

2. Juli 2025

Über den Dächern Glasgows, wo der Wind die Geschichten der Vergangenheit mit sich trägt und die Sonne am Abend die Stadt in goldenes Licht taucht, erhebt sich ein Ort von erhabener Schönheit und stiller Würde: der Glasgow Necropolis.

Wie ein steinernes Gedicht liegt dieser viktorianische Friedhof auf einem Hügel, dem sogenannten „Cathedral Hill“, gleich neben der ehrwürdigen St Mungo’s Cathedral. Von hier aus schweift der Blick über die pulsierende Metropole, doch der Necropolis selbst scheint in einer eigenen Welt zu existieren – einer Welt, in der Zeit und Raum ineinanderfließen und die Stimmen der Geschichte niemals ganz verstummen. Meine Frau und ich wanderten einen halben Tag über diesen Ort der Ruhe und hingen unseren Gedanken nach.

Die Entstehung des Necropolis ist untrennbar mit dem Aufstieg Glasgows im 19. Jahrhundert verbunden. Die Stadt wuchs, getrieben von Handel, Industrie und Innovation, zu einer der wichtigsten Metropolen Großbritanniens heran. Mit dem Wohlstand kam auch der Wunsch nach einem würdevollen Ort, an dem die Bürger ihre letzte Ruhe finden konnten. Inspiriert vom Pariser Père Lachaise, wurde 1832 der Grundstein für den Necropolis gelegt. Schon bald entwickelte sich der Friedhof zu einem Spiegelbild der Gesellschaft: Hier ruhen Kaufleute und Industrielle, Künstler und Wissenschaftler, Geistliche und einfache Bürger – jeder Grabstein, jedes Mausoleum erzählt seine eigene Geschichte.

Mehr als 50.000 Menschen sind im Glasgow Necropolis begraben, doch nur etwa 3.500 Gräber sind durch aufwändige Monumente und kunstvolle Inschriften gekennzeichnet. Viele der Namen, die man hier liest, sind untrennbar mit der Geschichte Glasgows verbunden. Da ist zum Beispiel John Knox, der berühmte schottische Reformator, dessen imposantes Denkmal hoch oben auf dem Hügel thront – auch wenn er selbst nicht hier begraben liegt, sondern symbolisch für die protestantische Tradition Schottlands steht. In unmittelbarer Nähe finden sich die Gräber von William Miller, dem Dichter des berühmten Kinderliedes „Wee Willie Winkie“, und Charles Tennant, einem Chemiker und Industriellen, der mit seiner Erfindung der Bleichpulverproduktion Glasgows wirtschaftlichen Aufstieg maßgeblich mitprägte.

Auch Frauen, die in ihrer Zeit Herausragendes leisteten, fanden hier ihre letzte Ruhe, wie etwa Isabella Elder, eine der ersten Förderinnen der Frauenbildung in Schottland. Ihre Grabstätte ist ein stilles Zeugnis für Mut und Engagement in einer von Männern dominierten Welt.

Wer durch die gewundenen Pfade des Necropolis wandelt, begegnet einer Vielzahl architektonischer Stile: von neoklassizistischen Tempeln über gotische Türme bis hin zu ägyptisch inspirierten Obelisken. Die Monumente sind oft mit Symbolen geschmückt – Anker für Hoffnung, gebrochene Säulen für ein zu früh beendetes Leben, und Efeuranken als Zeichen unvergänglicher Erinnerung. Zwischen den Gräbern wachsen uralte Bäume, deren Wurzeln sich tief in die Erde graben, als wollten sie die Geschichten der Toten bewahren und weitertragen.

In den frühen Morgenstunden, wenn Nebel über den Hügel zieht und die Stadt noch schläft, scheint der Necropolis von einer fast überirdischen Stille erfüllt. Es ist eine Atmosphäre, die zum Nachdenken und Träumen einlädt. Viele Besucher berichten, dass sie hier eine besondere Nähe zur Vergangenheit spüren – als ob die Mauern und Statuen selbst Geschichten flüstern würden, von Liebe und Verlust, von Hoffnung und Vergänglichkeit. Ich muss zugeben, ich habe davon nichts gespürt. Ich war einfach nur überwältig von der Größe und der Pracht. Ich erinnerte mich an die Beerdigung meiner Eltern, hing diesen Gedanken nach.

Und wie es sich für einen Ort von solcher Geschichte und Aura gehört, ranken sich zahlreiche Märchen und Legenden um den Necropolis. In den Pubs der Stadt erzählt man sich, dass in mondlosen Nächten die Geister der alten Kaufleute und Dichter durch die Alleen wandeln.

Besonders bekannt ist die Sage vom „grauen Gentleman“, einem freundlich gesinnten Geist in viktorianischer Kleidung, der einsamen Spaziergängern Gesellschaft leisten und sie sicher durch das Labyrinth der Grabmale führen soll. Manche schwören, in windigen Nächten das leise Lachen von Kindern zu hören – vielleicht die Stimmen der kleinen Seelen, die hier ihre Ruhe fanden. Natürlich sind diese Erzählungen nichts als Märchen, geboren aus der Fantasie und dem Zauber dieses einzigartigen Ortes, doch sie verleihen dem Necropolis einen Hauch von Magie, der Besucher aus aller Welt in seinen Bann zieht. Ich habe bei meinen Spaziergängen durch die Gräberreihen nichts davon gespürt, obwohl ich für solche Spukgeschichten empfänglich bin.

Der Glasgow Necropolis ist mehr als ein Friedhof – er ist ein lebendiges Museum, ein Garten der Erinnerung, ein Ort, an dem die Geschichte Glasgows in Stein gemeißelt und doch voller Leben ist. Wer hier verweilt, spürt nicht nur die Ehrfurcht vor den Generationen, die vor uns gingen, sondern auch die Schönheit des Augenblicks. Zwischen den Gräbern, unter den alten Bäumen und im goldenen Licht der untergehenden Sonne wird der Necropolis zu einem Ort der Versöhnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Märchen.

So bleibt der Glasgow Necropolis ein stiller, aber kraftvoller Zeuge der Zeit – ein Ort, der die Herzen seiner Besucher mit Staunen, Ehrfurcht und einer leisen Sehnsucht erfüllt. Wer den Mut hat, sich auf seine besondere Atmosphäre einzulassen, wird reich beschenkt: mit Geschichten, mit Inspiration und mit dem Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, das über Generationen hinweg Bestand hat.

Im Glasgow Necropolis gibt es keine offiziell ausgewiesenen Bereiche, die ausschließlich für bestimmte Gruppen oder besonders viele Tote reserviert sind, wie man das von manchen Friedhöfen mit klar getrennten Sektionen kennt. Der gesamte Friedhof ist ein weitläufiges Gelände mit zahlreichen Grabstätten und Monumenten, die sich über die Hügel und Wege verteilen. Die meisten Gräber sind also anonym oder nur durch kleine, schlichte Markierungen sichtbar.

Buchtipp: Das München Album von Gerhard Holzheimer und Katja Sebald

20. März 2025

Aus einer München-Gruppe habe ich am Rande eines Postings einen schönen nostalgischen Buchtipp bekommen. Das München Album von Gerhard Holzheimer und Katja Sebald. Beide sind im oberbayerischen Raum keine Unbekannte – Holzheimer ist Schriftsteller, Sebald ist Journalistin und Kuratorin.

Mit dem Buch das München Album hatten sie eine nette Idee. Menschen sollten ihre alten Fotoalben sichten oder auf dem Dachboden alte Fotos suchen und ihr persönliches zeitgeschichtliches Album anlegen. Mit dem München Album haben sie es uns vorgemacht. Viele Fotos wurden aufgetrieben, chronologisch geordnet und mit erklärenden Texten ergänzt. Einige Fotos aus dem Buch stammten aus dem Privatbesitz, andere aus Archiven – das passt zwar nicht zur ursprünglichen Idee der Fotos vom Dachboden, aber egal.

Ich habe diesen Streifzug durch die Stadtgeschichte genossen und es hat mich inspiriert, was für mich das Wichtigste ist. Die Bilder und Geschichten begannen nach dem Zweiten Weltkrieg als München zerbombt war und von US-Truppen besetzt wurde. München – eine Stadt voller Kontraste, eine Stadt, die sich neu erfand. In den Jahren nach dem Krieg erhob sie sich aus den Trümmern, die Wunden der Vergangenheit noch sichtbar, aber der Blick nach vorne gerichtet. Die Straßen füllten sich mit Leben, mit Menschen, die Träume hatten, mit Geschäftsleuten, die von Aufschwung sprachen, mit Familien, die sich ein neues Zuhause schufen. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders, eine Epoche, in der der Glanz der Zukunft die Schatten der Geschichte überstrahlen sollte.

Die Frauen in eleganten Kleidern, die Männer mit Hüten, das geschäftige Treiben auf der Kaufingerstraße – all das erzählte von einem München, das wieder pulsierte. Biergärten füllten sich mit Lachen, und sonntags strömten die Menschen in Scharen an die Isar, um sich eine Pause vom neu entfachten Arbeitseifer zu gönnen. Die Stadt blühte auf, zwischen den frisch errichteten Gebäuden und den letzten Narben des Krieges.

Doch mit der aufstrebenden Moderne kam auch der Widerstand. In den Hörsälen der Universitäten keimte eine neue Bewegung heran – eine Generation, die nicht nur von Wohlstand sprach, sondern von Veränderung, von Freiheit. Der Muff der Vergangenheit sollte nicht in den Polstern der Republik hängen bleiben. In Schwabing und an der Ludwig-Maximilians-Universität formierten sich junge Stimmen gegen alte Strukturen. Proteste, Diskussionen, Aufbruch – München wurde zur Bühne für eine neue Zeit.

Zwischen den Wirtschaftswunderjahren und den brennenden Fragen der Jugend lag eine Stadt im Wandel. Eine Stadt, die wuchs, die sich formte, die Altes bewahrte und Neues herausforderte. Ein München, das lebte, das stritt, das lachte – und das sich, egal in welcher Zeit, immer wieder neu erfand.

Ich erbte von meinen verstorbenen Eltern ihre Fotoalben. Darin Hunderte von Fotos von Menschen und Ereignissen, die mir unbekannt waren. Ab und zu gab es aber Schnappschüsse, die einen gewissen historischen Wert haben, wie beispielsweise die Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit an denen mein Papa in Berlin teilgenommen hat. Oder Hochwasser am Rhein mit einem überschwemmten Deutschen Eck in Koblenz. Oder Spaziergänge meiner Eltern in der Mode der Sechziger und später Siebziger Jahre.