Posts Tagged ‘Brüssel’

Konzertkritik: Emmylou Harris in Brüssel

20. September 2026

Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die einen über Jahrzehnte begleiten. Man kauft ihre Platten, hört ihre Musik in unterschiedlichen Phasen des eigenen Lebens und verbindet irgendwann ganz persönliche Erinnerungen mit bestimmten Songs. Und dann sitzt man plötzlich in einem Konzertsaal und weiß: Vielleicht ist das heute das letzte Mal. So ging es mir bei Emmylou Harris in Brüssel.

Ich habe meinen Jahresurlaub so gelegt, dass ich diese große Dame noch einmal live sehen konnte. Nachdem mir London einfach zu teuer wahr, wählte ich Brüssel als Veranstaltungsort. Sie gastierte im Kulturzentrum, BOZAR. Ihre Tournee trägt den unmissverständlichen Namen „European Farewell Tour“. Allein diese beiden Worte veränderten für mich den Abend. Es war eben nicht einfach ein weiteres Konzert einer Musikerin, die ich seit vielen Jahren schätze. Es war möglicherweise ein Abschied von Emmylou Harris auf einer europäischen Bühne.

Und Abschiede verändern die Wahrnehmung. Mit 79 Jahren muss Emmylou Harris niemandem mehr etwas beweisen. Vierzehn Grammys, unzählige Alben und Zusammenarbeiten mit einigen der bedeutendsten Musikerinnen und Musiker der amerikanischen Musikgeschichte sprechen für sich. Sie hat Country, Folk und das, was wir heute Americana nennen, über Jahrzehnte geprägt. Vor allem aber besitzt sie eine Gabe, die sich nicht in Auszeichnungen messen lässt: Emmylou Harris kann einen Song so singen, dass man glaubt, er sei ausschließlich für diesen einen Augenblick geschrieben worden.

Natürlich hat sich ihre Stimme verändert. Die kristallklare Höhe früherer Jahrzehnte ist zerbrechlicher geworden, manches klingt leiser und vorsichtiger. Aber genau das empfand ich nicht als Schwäche. Im Gegenteil. Diese Stimme trägt heute etwas in sich, das keine Gesangstechnik ersetzen kann: gelebtes Leben.

Man hört die Jahrzehnte. Man hört Abschiede, Freundschaften, Verluste und Erinnerungen. Und vielleicht hört man manchmal sogar ein wenig Müdigkeit. Aber dann genügt eine einzige Phrase, und plötzlich ist sie wieder da, diese unverwechselbare Emmylou-Harris-Magie. Ich liebe vor allem ihre Gram Parsons-Phase.

Unterstützt wurde sie von den Red Dirt Boys, einer zurückhaltenden Band. Hier wollte niemand zeigen, wie virtuos er spielen kann. Die Musiker dienten den Liedern. Besonders schön waren für mich die Momente mit Fiddle und Mandoline. Sie gaben der Musik diese warme, erdige Americana-Farbe, die perfekt zu Harris passte.

Und dann kamen die Erinnerungen. „Red Dirt Girl“, „Pancho & Lefty“, „Kern River“ oder „Orphan Girl“ – das waren für mich keine Nummern auf einer Setlist. Mit jedem Song öffnete sich eine andere Tür in die Vergangenheit. Namen wie Townes Van Zandt, Merle Haggard, Steve Earle, Neil Young oder Johnny Cash standen plötzlich mit im Raum.

Und natürlich Gram Parsons. Ohne ihn lässt sich die Geschichte von Emmylou Harris kaum erzählen. Ihre leider kurze musikalische Zusammenarbeit wurde zu einem entscheidenden Kapitel ihres Lebens. Parsons starb 1973 mit gerade einmal 26 Jahren, aber musikalisch hat er Harris nie wirklich verlassen. Als sie in Brüssel „The Road“ sang, war das für mich deshalb einer der intensivsten Momente des Konzerts. Keine große Inszenierung, kein Pathos. Nur eine Frau, ihre Stimme, ein Lied und die Erinnerung an einen Menschen, der vor mehr als einem halben Jahrhundert gestorben ist.

Plötzlich war es sehr still. Solche Augenblicke sind der Grund, weshalb ich noch immer Konzerte besuche. Ich schloss die Augen und genoss. Eine Aufnahme kann perfekt sein. Eine Schallplatte kann man hundertmal hören. Aber diesen einen Moment gibt es nur einmal. Danach ist er vorbei.

Auch „Goodbye“ bekam an diesem Abend eine andere Bedeutung. Steve Earles wunderbarer Song gehört für mich ohnehin zu den großen Aufnahmen aus Harris’ „Wrecking Ball“-Zeit. Doch auf einer Abschiedstournee lässt sich ein Lied mit diesem Titel kaum neutral hören. Das Wort Goodbye stand gewissermaßen über dem ganzen Abend.

Besonders berührt hat mich auch die Erinnerung an Dolly Parton. Mit „When We’re Gone, Long Gone“ führte Harris zurück zu „Trio II“ und damit zu jener wunderbaren musikalischen Verbindung zwischen Emmylou Harris, Dolly Parton und Linda Ronstadt. Drei Stimmen, drei außergewöhnliche Frauen und ein Stück amerikanischer Musikgeschichte.

Vielleicht war das überhaupt das große Thema dieses Konzerts: Erinnerung. Emmylou Harris hat nie nur ihre eigene Karriere verwaltet. Sie war immer auch eine Bewahrerin von Songs und Geschichten. Sie hat Lieder anderer Komponisten aufgenommen und ihnen ihre eigene Handschrift gegeben, ohne ihnen die Seele zu nehmen. Sie hat Musiker ins Rampenlicht geholt, Namen weitergetragen und musikalische Traditionen miteinander verbunden.

Deshalb passte Neil Youngs „Long May You Run“ für mich so wunderbar in diesen Abend. Long may you run. Mögest du noch lange weiterlaufen. Man konnte diese Worte an diesem Abend kaum hören, ohne sie auf Emmylou Harris selbst zu beziehen. Und schließlich „Save the Last Dance for Me“.

Zwischen Trödel und Erinnerungen – mein Morgen auf dem großen Flohmarkt von Brüssel

15. September 2026

Ich liebe Flohmärkte. Vielleicht deshalb, weil man nie weiß, was einen erwartet. Es ist ein bisschen wie eine Reise ohne Fahrplan: Man beginnt zu suchen, obwohl man eigentlich gar nicht weiß, wonach. Und manchmal findet man etwas, das man überhaupt nicht gesucht hat. Genau dieses Gefühl hatte ich auf dem großen Flohmarkt am Place du Jeu de Balle im Brüsseler Marollenviertel. Ich habe dieses Mal nichts gekauft, aber sehr viel entdeckt.

Schon beim Betreten des Platzes wurde mir klar: Das hier ist kein sauber durchorganisierter Antiquitätenmarkt, auf dem kostbare Stücke sorgsam ausgeleuchtet hinter Glas präsentiert werden. Hier herrscht das wunderbare Chaos. Kisten stehen auf dem Boden, Gegenstände liegen auf Decken und Tischen, Möbel warten auf neue Besitzer. Dazwischen Händler, Sammler, Touristen, Neugierige und Menschen, die offenbar ganz genau wissen, wonach sie suchen. Ich gehörte eher zur letzten Kategorie – nur ohne zu wissen, was ich suchte. Von einer Freundin bekam ich den Tipp, diesen Flohmarkt zu besuchen.

Hier liegt die Vergangenheit auf dem Pflaster
Ich begann zu stöbern. Alte Bücher auf Französisch, ein paar Schallplatten, viele Gläser, Porzellan, Schmuck, Kameras, Besteck, Bilder, Spielzeug, Uhren, Postkarten und Fotografien. Die Vielfalt war enorm, aber bei mir funkte es nicht. Zum einen scheute ich die Verhandlungen auf Französisch, zum anderen war im Koffer eigentlich kein Platz mehr. Aber schauen kostet ja nichts. Dazwischen immer wieder Dinge, deren Funktion sich mir nicht auf Anhieb erschloss.

Besonders alte Fotografien ziehen mich magisch an. Fremde Menschen schauen darauf in die Kamera, ernst oder lachend, elegant gekleidet oder mitten im Alltag. Irgendwann war dieses Foto für jemanden wichtig. Es stand vielleicht auf einem Schreibtisch oder lag Jahrzehnte in einem Familienalbum. Jetzt liegt es für ein paar Euro auf einem Brüsseler Flohmarkt. Wer waren diese Menschen? Was wurde aus ihnen? Wer hat das Foto aufgenommen? Natürlich bekomme ich darauf keine Antwort. Aber vielleicht braucht es die auch gar nicht.

Während ich zwischen den Ständen unterwegs war, merkte ich wieder, warum mich Flohmärkte faszinieren. Jeder Gegenstand besitzt eine Vergangenheit. Manches ist aber auch einfach nur Müll.
Eine alte Tasse ist eben nicht nur eine alte Tasse. Vielleicht stand sie jeden Morgen auf demselben Küchentisch. Eine Schallplatte wurde möglicherweise hundertmal aufgelegt, bis jede Note vertraut war. Mit einem alten Spielzeugauto hat vielleicht ein Kind stundenlang auf dem Wohnzimmerboden gespielt. Ich habe ein paar interessante französisches Platten mit Chansons entdeckt, aber aufgrund des Transportproblems die Scheiben nicht gekauft.

Vielleicht hätte ich die eine oder andere Postkarte gekauft, aber dann setzte der Verstand ein. Was soll ich damit? Aber die Geschichten dahinter sind interessant. Postkarten haben oft eine Reise hinter sich und können eine Geschichte erzählen. Jemand hat sie ausgesucht, ein paar persönliche Worte geschrieben, eine Briefmarke aufgeklebt und sie einem Menschen geschickt, an den er gerade dachte. Heute landet sie in einer Kiste auf dem Place du Jeu de Balle. Ich finde solche Gedanken wunderbar, eine Recherche-Arbeit für einen Geschichtenerzähler.

Der Flohmarkt gehört zu den Marollen, einem der charaktervollsten Viertel Brüssels. Hier begegnet mir eine andere Stadt als auf dem prachtvollen Grand-Place oder in den eleganten Galeries Royales Saint-Hubert. Das Brüssel der Marollen ist rauer, lebendiger und weniger herausgeputzt. Es sind aber auch viele Taschendiebe unterwegs, also nicht allzu offen umherschreiten und Taschen eng am Körper tragen.

Das Schönste an diesem Flohmarkt ist für mich der Zufall. Im Internet finde ich heute innerhalb weniger Sekunden fast alles. Ich gebe einen Begriff ein und bekomme tausende Treffer. Algorithmen schlagen mir anschließend noch vor, was mir ebenfalls gefallen könnte. Auf dem Flohmarkt funktioniert die Welt anders. Hier muss ich schauen, genau hinschauen und ich muss aber auch den finanziellen Wert einer Ware einschätzen können.
Ich muss eine Kiste durchwühlen, mich bücken, einen Gegenstand umdrehen und manchmal erst den Staub wegwischen. Kein Algorithmus hätte es mir vorgeschlagen.
Klar ist: Auf diesem Markt gibt es jede Menge Krempel. Dinge, die ich nicht einmal geschenkt haben möchte. Kuriositäten, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt jemand aufgehoben hat. Aber genau das gehört dazu. Denn wer entscheidet eigentlich, was wertvoll ist?
Ein Gegenstand kann objektiv nahezu wertlos sein und trotzdem einen ungeheuren persönlichen Wert besitzen. So geht es mir oft. Vielleicht erinnert er mich an meine Kindheit, an meine Großeltern, an eine frühere Reise oder an eine längst verschwundene Welt. Dann wird aus Krempel plötzlich ein Schatz.

Während ich weiter über den Markt ging, kam mir noch ein anderer Gedanke. Wir werfen unglaublich viel weg. Geräte werden ersetzt, obwohl sie noch funktionieren. Möbel verschwinden, weil sie nicht mehr modern sind. Bücher werden aussortiert, Schallplatten abgegeben, Geschirr entsorgt. Auf dem Flohmarkt bekommt all das eine zweite Chance. Das gefällt mir.

Der Flohmarkt auf dem Place du Jeu de Balle gehört für mich zu jenen Orten, an denen man Brüssel besonders unmittelbar erleben kann. Nicht als perfekt inszenierte europäische Hauptstadt, sondern als lebendige Stadt voller Menschen, Erinnerungen und Geschichten. Ich verlasse solche Märkte immer mit dem Gefühl, ein wenig durch die Zeit gereist zu sein.

Manneken Pis und Jeanneke Pis – Brüssels frechste Liebeserklärung an das Leben

13. September 2026

Brüssel besitzt gewaltige Bauwerke. Das Atomium ragt weithin sichtbar über die Stadt, der Grand-Place überwältigt mit seiner beinahe verschwenderischen Pracht und die Galeries Royales Saint-Hubert erzählen von Eleganz und großbürgerlicher Vergangenheit. Und doch wird Brüssel ausgerechnet von einer Figur verkörpert, die gerade einmal 58 Zentimeter groß ist und seit Jahrhunderten nichts anderes tut, als ziemlich ungeniert in einen Brunnen zu pinkeln. Manneken Pis ist vielleicht das wunderbarste Wahrzeichen, das eine europäische Hauptstadt haben kann.

Denn dieser kleine Junge aus Bronze nimmt sich selbst und damit irgendwie auch seine ganze Stadt nicht besonders ernst. Während andere Metropolen ihre Helden auf Pferde setzen, Feldherren auf monumentale Sockel stellen und Könige in Stein verewigen, präsentiert Brüssel seinen Besuchern einen nackten kleinen Kerl, der ihnen frech entgegenpinkelt. Genau darin steckt viel von dem, was den besonderen Charakter dieser Stadt ausmacht: Humor, Selbstironie, ein wenig Anarchie und die sympathische Weigerung, vor Autoritäten allzu ehrfürchtig den Kopf zu senken.

Wer Manneken Pis zum ersten Mal besucht, erlebt häufig einen fast komischen Moment. Man folgt den Menschen durch die Straßen rund um den Grand-Place, sieht plötzlich eine Ansammlung von Touristen, Smartphones und Kameras – und fragt sich: Wo ist er denn nun? Und dann entdeckt man ihn. So klein. Manche Besucher dürften im ersten Augenblick beinahe enttäuscht sein. Ist das wirklich das weltberühmte Manneken Pis?

Ja, genau das ist es. Und vielleicht gehört diese überraschende Winzigkeit sogar zum Geheimnis seiner Wirkung. Manneken Pis braucht keine Monumentalität. Er muss niemanden beeindrucken. Er steht einfach da, selbstbewusst und unbekümmert, an der Ecke Rue de l’Étuve und Rue du Chêne und tut das, was er seit Jahrhunderten tut.

Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits im 15. Jahrhundert gab es an dieser Stelle einen Brunnen, der zur Wasserversorgung Brüssels gehörte. Die heute berühmte bronzene Gestalt wurde 1619 von Jérôme Duquesnoy dem Älteren geschaffen. Aus einem Bestandteil der städtischen Wasserversorgung entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Identifikationsfigur der Brüsseler Bevölkerung.

Dabei hat der kleine Mann einiges erlebt. Er überstand die Bombardierung Brüssels von 1695, wurde mehrfach gestohlen und beschädigt und entwickelte sich immer stärker zu einem Symbol der Stadt. Das historische Original steht deshalb heute geschützt im Brüsseler Stadtmuseum am Grand-Place. Am bekannten Brunnen befindet sich eine Replik. Das ändert jedoch nichts an der Faszination. Für die Menschen, die sich vor der kleinen Figur versammeln, bleibt es Manneken Pis.

Natürlich wäre Manneken Pis nicht Manneken Pis, wenn es nicht zahlreiche Geschichten darüber gäbe, warum dieser kleine Junge überhaupt dort steht. Eine der schönsten Legenden erzählt von einem Jungen, der Brüssel vor einer Katastrophe gerettet haben soll. Feinde hätten versucht, die Stadt zu zerstören, eine bereits brennende Lunte drohte das Unheil auszulösen. Doch der kleine Junge tat das Naheliegende – zumindest für ihn: Er urinierte darauf und löschte die Lunte. Brüssel war gerettet.

Historisch belegt ist diese Geschichte natürlich nicht. Aber sie passt hervorragend zu Manneken Pis. Andere Städte hätten aus einem solchen Retter vermutlich einen Ritter mit Schwert gemacht. Brüssel lässt einen kleinen Jungen die Stadt retten, weil er zufällig im entscheidenden Augenblick pinkeln musste. Man kann den besonderen Brüsseler Humor kaum schöner zusammenfassen.

Noch ungewöhnlicher ist die Tradition, Manneken Pis einzukleiden. Zu besonderen Anlässen trägt er Uniformen, Trachten, Sportkleidung und zahllose andere Kostüme. Diese Tradition reicht Jahrhunderte zurück, und inzwischen besitzt der kleine Brüsseler eine Garderobe mit weit mehr als tausend Kleidungsstücken. Seine Kostüme sind längst selbst zu einem Stück Stadtgeschichte geworden.

Die Kostüme machen aus der kleinen Brunnenfigur etwas Lebendiges. Manneken Pis ist kein Denkmal, das irgendwann aufgestellt wurde und seitdem unverändert geblieben ist. Er nimmt gewissermaßen am Leben der Stadt teil. Er wird eingekleidet, gefeiert und zum Mittelpunkt kleiner Zeremonien. Vielleicht lieben ihn die Brüsseler deshalb so sehr. Er steht nicht über ihnen. Er ist einer von ihnen.

Doch irgendwann stellte sich eine naheliegende Frage: Warum darf eigentlich seit Jahrhunderten nur ein kleiner Junge öffentlich in einen Brunnen pinkeln? Brüssel wäre nicht Brüssel, wenn die Antwort darauf in einer langen kulturpolitischen Debatte gesucht worden wäre. Stattdessen bekam Manneken Pis weibliche Gesellschaft.

Jeanneke Pis
Versteckt in der kleinen Impasse de la Fidélité, der „Gasse der Treue“, sitzt seit 1987 Jeanneke Pis. Auch sie ist aus Bronze, ungefähr 50 Zentimeter groß – und auch sie verrichtet völlig unbekümmert ihr kleines Geschäft. Entworfen wurde sie Mitte der 1980er-Jahre von Denis-Adrien Debouvrie. 1987 wurde sie der Öffentlichkeit präsentiert.

Und Jeanneke ist eine herrliche Erscheinung. Sie hockt da, die Haare zu kleinen Zöpfen gebunden, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen kindlicher Freude, Frechheit und völliger Unbekümmertheit liegt. Wer sie zum ersten Mal entdeckt, muss fast zwangsläufig lächeln.

Dabei ist der Besuch bei Jeanneke ganz anders als die Begegnung mit ihrem berühmten männlichen Gegenstück. Manneken Pis steht mitten im touristischen Trubel. Rund um ihn drängen sich Menschen, Reisegruppen bleiben stehen, Smartphones werden hochgehalten und Souvenirläden verkaufen seine Gestalt in nahezu jeder denkbaren Form.

Jeanneke muss man dagegen beinahe suchen. Man biegt von den belebten Straßen des Zentrums ab und gelangt in die schmale Impasse de la Fidélité. Plötzlich wird die Welt kleiner. Zwischen Häuserfassaden und Gastronomie entdeckt man schließlich die kleine Bronzefigur. Und genau diese Entdeckung macht einen Teil ihres Reizes aus.

Jeanneke wirkt wie ein kleiner Insiderwitz der Stadt. Als hätte Brüssel irgendwann beschlossen: Wenn alle Welt unseren pinkelnden Jungen sehen möchte, dann stellen wir eben noch ein Mädchen dazu. Hinter ihrer Entstehung steckte allerdings auch der Wunsch, mehr Menschen in die damals weniger frequentierte Gasse zu locken. Gleichzeitig wurde Jeanneke zum weiblichen Gegenstück von Manneken Pis und damit augenzwinkernd auch als Zeichen der Gleichberechtigung verstanden. Vor allem aber verkörpert sie ebenfalls die Brüsseler „Zwanze“ – jenen schwer übersetzbaren, respektlosen und selbstironischen Humor der Stadt.

Besonders schön ist die Legende, die sich im Laufe der Zeit um Jeanneke Pis entwickelt hat. Schließlich steht sie nicht irgendwo. Ihre Heimat heißt Impasse de la Fidélité – Gasse der Treue. Wer gemeinsam mit seinem geliebten Menschen Jeanneke besucht, dem soll sie der Überlieferung nach Treue versprechen. Besucher werfen deshalb Münzen in das Becken des Brunnens. So bekommt ausgerechnet diese freche kleine Figur etwas überraschend Romantisches. Vielleicht ist das typisch Brüssel: Selbst die Romantik darf hier ein wenig schräg sein.

Manneken Pis und Jeanneke Pis erzählen gemeinsam viel über Brüssel. Natürlich könnte man beide Figuren als touristische Kuriositäten abtun. Man könnte schnell ein Foto machen, darüber lachen und weitergehen. Aber damit würde man etwas übersehen. Manneken Pis ist über Jahrhunderte zu einem Symbol für die Lebensfreude und die Fähigkeit der Brüsseler zur Selbstironie geworden. Jeanneke führt diesen Gedanken auf ihre eigene Weise fort. Sie ist jünger, versteckter und vielleicht noch ein bisschen frecher.

Beide verweigern sich jeder Form von Pathos. Und vielleicht passen sie gerade deshalb so wunderbar zu Brüssel. Denn diese Stadt lebt von Gegensätzen. Hier stehen prächtige historische Fassaden neben Comic-Wandbildern. Europäische Institutionen treffen auf alte Bierkneipen. Königliche Geschichte begegnet surrealistischem Humor. Pralinen, Pommes, Jugendstil, Jacques Brel, René Magritte und belgisches Bier existieren scheinbar mühelos nebeneinander. Und mittendrin pinkeln zwei kleine Bronzefiguren auf jede Form übertriebener Feierlichkeit.

Für mich liegt genau darin der Zauber von Manneken Pis und Jeanneke Pis. Sie erzählen eine Geschichte darüber, dass eine Stadt nicht immer groß auftreten muss, um eine starke Identität zu besitzen. Manneken Pis ist winzig – und dennoch weltberühmt. Jeanneke Pis versteckt sich in einer Sackgasse – und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis.

Wenn man beide besucht hat, versteht man Brüssel vielleicht ein kleines bisschen besser. Diese Stadt kann prächtig sein, politisch bedeutend, historisch schwergewichtig und europäisch weltläufig. Aber sie besitzt gleichzeitig die wunderbare Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Und so stehen beziehungsweise hocken Manneken und Jeanneke dort und erinnern uns an etwas, das vielen großen Denkmälern fehlt: Man muss nicht auf einem hohen Sockel stehen, um ein Wahrzeichen zu sein. Manchmal reichen ein halber Meter Bronze, ein Wasserstrahl und eine gehörige Portion Frechheit.

Ein Bier, ein Augenblick und die Seele des alten Brüssel in den Kneipen

12. September 2026

Brüssel hat eine hohe Kneipendichte und eine noch größere Bierauswahl. Nicht jedes Bier ist für einen an das Reinheitsgebot gewöhnten Bayern genießbar, aber die Auswahl ist enorm. Ich will zwei Kniepern herausstellen, in denen ich in Brüssel zeitweise versumpft bin: Poechenellekelder und

Poechenellekelder
Wer Brüssel wirklich spüren möchte, sollte irgendwann die Tür des Poechenellekelder öffnen. Nur wenige Schritte vom Manneken Pis entfernt liegt diese eindrucksvolle Kneipe in der Rue du Chêne – ein Ort, der weniger wie ein gewöhnliches Lokal und mehr wie ein begehbares Stück Brüsseler Seele wirkt. Seit 1991 gehört der Poechenellekelder hier zum Stadtbild und ist längst selbst Teil der Brüsseler Folklore geworden. Die Nähe zum Manneken Pis sorgt dafür, dass natürlich sehr viele Touristen hereinschauen, dessen sollte man sich gewiss sein.

Schon beim Betreten bleibt der Blick überall hängen. Alte Fotografien und Stiche bedecken die Wände, dazu kommen Puppen, Figuren, Plakate und unzählige Erinnerungsstücke rund um Brüssel und natürlich das berühmteste kleine Kerlchen der Stadt: Manneken Pis. Man hat beinahe das Gefühl, in eine über Jahrzehnte zusammengetragene Wunderkammer geraten zu sein. Nichts wirkt glatt oder durchgestylt. Gerade dieses scheinbare Durcheinander macht den Charme aus.

Dann sitzt man zwischen all diesen Geschichten, bestellt sich eines der zahlreichen belgischen Biere und lässt den Raum wirken. Stimmen vermischen sich mit dem Klirren der Gläser, Menschen aus aller Welt sitzen neben Brüsselern, und für einen Moment scheint die hektische Stadt draußen ziemlich weit entfernt zu sein. Der Poechenellekelder versteht sich ganz bewusst als traditionelles Brüsseler „Estaminet“ – als Kneipe, in der man zusammenkommt, erzählt, diskutiert und bei einer Gueuze die Zeit vergisst. Zum Bier habe ich Blauschimmelkäse gegessen.

Besonders schön ist die enge Verbindung zum Manneken Pis. Im März 2026 bekam das Brüsseler Wahrzeichen sogar ein eigenes Poechenellekelder-Kostüm – passend zum 35-jährigen Bestehen des Lokals. Das sagt eigentlich alles über den Stellenwert dieser Kneipe aus: Der Poechenellekelder ist nicht einfach nur ein Platz, an dem Bier ausgeschenkt wird. Er gehört inzwischen selbst zu jener eigentümlichen Mischung aus Humor, Selbstironie, Geschichte und Lebensfreude, die Brüssel so sympathisch macht.

Vielleicht ist genau das das Schönste an diesem Ort: Man kommt wegen eines Bieres hinein und bleibt wegen der Atmosphäre. Und wenn man später wieder hinaus auf die Straße tritt und wenige Meter weiter Manneken Pis begegnet, hat man das Gefühl, Brüssel ein kleines bisschen besser verstanden zu haben.

⁠À La Mort Subite
Es gibt Kneipen, in die man auf ein Bier geht. Und es gibt Kneipen, in denen man das Gefühl bekommt, durch eine Tür direkt in eine andere Zeit getreten zu sein. À La Mort Subite gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Nur wenige Schritte von den Galeries Royales Saint-Hubert entfernt liegt dieses legendäre Brüsseler Café in der Rue Montagne aux Herbes Potagères. Wer den großen Gastraum betritt, begegnet einem Brüssel, das sich erstaunlich erfolgreich gegen die Moderne gewehrt hat. Spiegel an den Wänden, lange Sitzbänke, dunkles Holz, alte Fotografien, hohe Decken und dieses warme Licht schaffen eine Atmosphäre, die nicht künstlich auf „historisch“ getrimmt werden musste. Sie ist einfach da. Das Lokal bewahrt bis heute weitgehend den Charakter eines alten Brüsseler Bistros.

Man möchte sich hinsetzen, eine Gueuze oder ein anderes belgisches Bier bestellen und erst einmal schauen. Auf die Kellner, die durch den Raum gehen. Auf die Gäste, die miteinander reden. Auf die Spiegel, in denen sich das Leben der Kneipe vervielfacht. Und irgendwann beginnt man sich vorzustellen, wer hier wohl schon alles gesessen hat. Selbst Jacques Brel gehörte zu den Stammgästen; Künstler, Schriftsteller und Schauspieler gingen hier ein und aus.

Auch der merkwürdige Name erzählt eine herrlich Brüsseler Geschichte. Um 1910 führte Théophile Vossen in der Nähe ein Lokal namens „La Cour Royale“. Gäste der Nationalbank vertrieben sich dort beim Würfelspiel Pitjesbak die Wartezeit. Musste eine Partie schnell beendet werden, entschied ein letzter Wurf über Sieg oder Niederlage – die „Mort Subite“, der plötzliche Tod. Der Ausdruck wurde schließlich zum Namen des Lokals und später auch der Gueuze. 1928 zog das Café an seinen heutigen Standort.

Vielleicht liegt genau darin die Magie von À La Mort Subite. Geschichte wird hier nicht hinter Glas ausgestellt. Man kann sich mitten hineinsetzen. Man bestellt ein Bier, hört das Stimmengewirr, betrachtet die alten Spiegel und lässt für eine Weile die Stadt draußen vorbeiziehen.

Und plötzlich versteht man, dass Brüssel nicht nur aus Grand-Place, Atomium, Manneken Pis und prächtigen Galerien besteht. Brüssel findet auch an einem alten Holztisch statt, vor einem Glas Gueuze, während rundherum geredet, gelacht und getrunken wird.

À La Mort Subite ist keine Kneipe, die man einfach besucht. Es ist ein Ort, den man ein wenig in Erinnerung mitnimmt. Gerne hätte ich hier mein MacBook aufgeschlagen und über die Atomsphäre gebloggt. Leider war das im Hotel eingeschlossen, so blieben nur Notizen.

Wo feine Spitze auf Zinnsoldaten trifft – ein ungewöhnliches Traditionshaus im Herzen Brüssels

10. September 2026

Seit mehr als zwei Jahrhunderten steht die Manufacture Belge de Dentelles für belgische Spitzenkunst. Doch hinter den Schaufenstern der historischen Galerie de la Reine wartet eine Überraschung: Neben kostbaren Dentellen gehören auch handgefertigte Zinn- beziehungsweise Bleisoldaten zum Sortiment.

Die Manufacture Belge de Dentelles führt ihre Geschichte auf das Jahr 1810 zurück und zählt damit zu den traditionsreichen Adressen des Brüsseler Spitzenhandels. Seit 1847 befindet sich das Geschäft in der Galerie de la Reine 6–8, einem Teil der berühmten Galeries Royales Saint-Hubert im Zentrum von Brüssel. Die Galerien liegen nur wenige Schritte von der Grand-Place entfernt.

Das Haus ist vor allem für belgische Dentelles, also Spitzen, bekannt. Angeboten werden sowohl ältere Spitzen als auch handwerklich gefertigte Arbeiten. Nach Angaben der Galeries Royales Saint-Hubert unterhält die Manufacture eigene Werkstätten, die der handwerklichen Herstellung hochwertiger Spitze gewidmet sind. Besonders die traditionelle Nadelspitze gehört zum Selbstverständnis des Hauses. Ich habe mir einen Fächer gekauft.

Interessant ist die jüngere Unternehmensgeschichte. 1951 übernahm Irène Mallit, die zuvor bereits mehrere Jahre in dem Geschäft gearbeitet hatte, den Betrieb und gründete die Manufacture Belge de Dentelles SA. Anfang der 1960er-Jahre führten ihre Tochter Miriam und deren Ehemann Henri Everaerts das Unternehmen weiter und erweiterten seine Aktivitäten.

Die überraschende zweite Spezialität: Zinnsoldaten
Was das Geschäft für Sammler besonders interessant macht, ist die ungewöhnliche Verbindung zweier vollkommen unterschiedlicher Handwerkstraditionen. Neben Spitzen spezialisierte sich die Manufacture nämlich auch auf „soldats de plomb“, wörtlich Bleisoldaten – also jene historischen Miniaturfiguren, die im Deutschen häufig allgemein als Zinnsoldaten bezeichnet werden. Die offizielle Seite der Galeries Royales Saint-Hubert bestätigt ausdrücklich, dass dort vollständig von Hand gefertigte Soldatenfiguren angeboten werden.

Dabei gibt es sogar einen interessanten Hinweis auf einen bekannten französischen Hersteller: CBG Mignot, ein traditionsreicher Produzent von Sammlerfiguren, führt die Manufacture Belge de Dentelles in seiner Händlerliste und erwähnt ausdrücklich deren Spezialisierung auf Zinn- beziehungsweise Bleisoldaten.

Das erklärt wahrscheinlich auch die Erinnerung an ein Geschäft, in dem sich zwischen feinsten Spitzenarbeiten plötzlich ganze Reihen historischer Miniatursoldaten fanden. Das Sortiment wird darüber hinaus mit Sammlerpuppen, Keramik und weiteren kunsthandwerklichen beziehungsweise traditionellen Artikeln in Verbindung gebracht.

Ein historischer Beleg zeigt außerdem, dass die Adresse keineswegs eine jüngere Erfindung ist: In einem älteren Verzeichnis erscheint die Manufacture Belge de Dentelles S.A. bereits mit der Adresse Galerie de la Reine 6–8 und ausdrücklich mit dem Hinweis „Maison fondée en 1810“.

Die Manufacture ist damit ein ungewöhnliches Stück Brüsseler Handelsgeschichte: Spitzenkunst und Miniaturfiguren, textile Eleganz und militärische Sammlerwelt treffen unter einem Dach zusammen. Gerade diese eigenwillige Mischung dürfte dazu beigetragen haben, dass das Geschäft vielen Brüssel-Besuchern im Gedächtnis geblieben ist.

Bataclan – der Terror als Comic

20. November 2017

An Terror kann ich mich nicht gewöhnen und will mich auch nicht gewöhnen. Und ich will mich auch dem Terror nicht beugen. Natürlich habe ich Angst um das Leben meiner Familie, um das Leben meiner Freunde und natürlich nicht zuletzt um mein Leben. Immer wieder gibt es Terroranschläge in der Welt, mal nah – mal fern. Ein Anschlag, der mich erschüttert hat, war der islamistische Angriff auf die Pariser Konzerthalle Bataclan, als am 13. November 2015 die Band Eagles of Death Metal spielte. 89 Besucher starten im Kugelhagel der Angreifer, viele wurden schwer verletzt.
Jeder hat seine persönliche Art mit diesem feigen Terrorakt umzugehen. Und als ich von Panini hörte, dass es einen Comic zu dem Ereignis gab, horchte ich auf.
Panini stellte mir den Comic-Band Bataclan: Wie ich überlebte kostenlos zur Verfügung und ich begann zu lesen. Ich las die Geschichte von Fred Dewilde, einem Konzertbesucher, der das Morden überlebte und jetzt ein Buch darüber veröffentlichte. Ein ganz besonderes Buch – einen Comic.
Fred Dewilde, geboren 1966, ist als Grafiker auf medizinische Illustrationen spezialisiert. Er lebt mit seiner Familie in einem Vorort von Paris und liebt Rockmusik. Er besuchte das Konzert und er überlebte körperlich unversehrt, aber traumatisiert.


Jetzt veröffentlichte er seine persönliche Aufarbeitung mit dem Attentat als Grafic Novel. Und ich war neugierig auf seine Gedanken und seine Zeichnungen. Als visueller Mensch liebe ich visuelle Geschichten. Auf dem Buchrücken ist zu lesen: „Mitten im Blut eines Toten habe ich gelegen. Mitten unter den zerfetzten Körpern war ich geschützt. Mitten unter den zerstörten Leben habe ich gedacht, dass ich mitten im Entsetzen und im Wahnsinn noch einmal die Chance bekommen habe, euch zu lieben.“ Das schwarzweiße Cover versprach viel.


Es ist natürlich kein schöner Comic geworden. Die Zeichnungen sind brutal und sie dienen Fred Dewilde wohl als Therapie. Seine Übersetzerin Bettina Frank ist der gleichen Meinung. Sie sagt: „Für ihn war das reine Therapie. Er hat mir erzählt, dass sich das Schlussbild des Comics so in seinen Kopf gebrannt hatte und er den Drang verspürte, den Comic zu zeichnen. Darin sah er einen Weg, mit der Sache abzuschließen.“
Und als ich die Texte las, die Zeichnungen auf mich wirken ließ, war mir unwohl. Ich habe kein Problem mit Fiction, aber das war keine erfundene Geschichte eines kreativen Geistes. Das war die Wahrheit und sie wurden von einer gequälten Seele wiedergegeben. Darf man so etwas privates überhaupt ansehen? Nun, nach einigem Überlegen entschied ich mich dafür. Viele Künstler verarbeiten ihre Dämonen und es kommt faszinierende Kunst heraus – die Malerei und Literatur ist voll davon. Warum darf es so etwas nicht bei Comics auch geben? Es darf und es muss.
Als ich den gezeichneten Alptraum betrachtete und die wenigen Seiten des Comics durchblätterte, überlegte ich mir, wie ich in dieser Situation reagiert hätte. Dabei sind diese Gedanken sinnlos, denn so eine Situation kann man nicht trainieren. Vielleicht aufmerksam durchs Leben zu gehen und das Leben zu genießen – das könnten Schlussfolgerungen sein.


Der gezeichnete Augenzeugenbericht von Fred Dewilde ist in Schwarz/Weiß. Er verzichtet auf explizite Gewaltdarstellungen, um nicht in den Verdacht des Voyeurismus zu geraten. Das ist gut.
Die Terroristen stellt er als entmenschlichte Gestalten mit Totenschädeln dar; die Toten, inmitten derer er lag, als formlose Masse. Zwischen all den Leichen, so beschreibt er es im Comic, habe er mit einer weiteren Überlebenden, der schwer verletzten Élisa, neben der er lag, einen „Kokon der Menschlichkeit“ geschaffen, um sich von dem Wahnsinn um ihn herum abzuspalten. Diesem Stück Menschlichkeit inmitten der Unmenschlichkeit verdanke er sein Überleben, sagt er. Letztlich war es aber reiner Zufall, dass er nicht auch erschossen wurde. Die Frage nach dem Wieso und warum ausgerechnet er überlebt hat, macht ihm bis heute zu schaffen.
Die zeichnerische Auseinandersetzung mit dem Terror hat mir sehr imponiert. Diese Auseinandersetzung umfasst 17 Seiten. Dann folgenden zahlreiche Seiten mit Texten. Er beschreibt dort zum Beispiel, wie sich sein Leben und er selbst nach Bataclan verändert haben, wie er überhaupt wieder ins Leben zurückfand. Er sinniert über Psychotherapie, Schuldgefühle, das Menschsein und den Wert von schwarzem Humor. Außerdem macht er sich Gedanken zu den Eagles of Death Metal, die nach dem Anschlag nicht nur positiv in Erscheinung traten, über den Islam und zur aktuellen Politik – dies im Übrigen sehr differenziert, ohne Hass und vor allem ohne verallgemeinernde Anschuldigungen. Auch die Anschläge von Brüssel, Nizza und auf die Redaktion von Charlie Hebdo bleiben nicht unerwähnt.

Das ist interessant, ohne Zweifel wichtig für Fred Dewilde, aber ich habe die 25 Seiten Texte nicht komplett gelesen. Es war mir zu anstrengend. Fred Dewilde ist kein Autor. Es wäre für mich sehr interessant gewesen, wenn er diese Auseinandersetzung in der Kunstform Comic verarbeitet gewesen wäre.
Versteht mich richtig: Fred Dewilde hat ein gutes Recht, sich in reiner Textform mit seinem Leben und seinem Schicksal auseinandersetzen, aber ich habe mich das Buch Bataclan: Wie ich überlebte als Comic ausgesucht. 17 Seiten Comic gegenüber 25 Seiten Text zum Preis von rund 17 Euro.

 

Keine Kinderwägen mehr auf Rolltreppen

8. Januar 2010
Ich trete für Europa ein und doch immer wieder flackert der Bürokratie-Irrsinn aus Brüssel auf, der es schwer macht für Europa einzutreten. Jüngstes Beispiel sind die Rolltreppen. Sie dürfen seit 1. Januar nicht mehr mit Kinderwägen benutzt werden. Ich halte dies für einen ausgemachten Schwachsinn. Damit kam die EU Forderungen der Rolltreppen-Industrie-Lobby nach.
Ein Twitter-Kollege @Nachrichten_muc verbreitete in seinem Dienst ein schönes Zitat von MVG-Chef Herbert König: „Wir wurden von dieser neuen Norm genauso überrascht, wir haben sie nicht gewollt und ich halte sie für ausgemachten Blödsinn.“ Die ganze lesenswerte Meldung gibt es hier.
München hat derzeit 761 Rolltreppen und als zweifacher Papa habe ich natürlich die Rolltreppen mit den Kinderwägen benutzt. Gut, meine Kinder sind aus dem Alter raus und können selbst laufen, doch natürlich habe ich als treusorgender Papa aufgepasst, dass kein Kind aus dem Wagen fällt. Genauso wie bei Drehtüren sich kein Zwerg die Finger einklemmt oder die Hände vom heißen Herd nimmt. Ich glaube, das nennt sich Verantwortung. Hallo EU: Wie wäre es, wenn man Menschen mit Kindern den Einstieg in den Zug verbietet? Denn das kleine Baby könnte ja zwischen Zug und Bahnsteig geraten? Also verbieten, verbieten, verbieten.
Ein Trost gibt es: Die neue Norm gilt zunächst nur für ab 1. Januar 2010 neu zugelassene Rolltreppen. Allerdings wollen die Rolltreppen-Hersteller das Verbot auch auf bisher zugelassene Rolltreppen ausdehnen.
Da fällt mir ein: Wollte sich nicht mein ehemaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber um den Bürokratieabbau in Brüssel kümmern?