Manchmal muss man nur ein paar Meter Abstand gewinnen, um eine Stadt mit anderen Augen zu sehen. Eine Fahrt mit dem Riesenrad „The View“ am Place Poelaert ist genau so ein Moment: Langsam verschwindet der Trubel Brüssels unter der Gondel, Dächer und Straßenzüge rücken zusammen und am Horizont tauchen die Wahrzeichen der belgischen Hauptstadt auf. Für ein paar Minuten gehört Brüssel ganz dem Blick – und vielleicht auch ein wenig dem Herzen.

Brüssel ist eine Stadt, die man erlaufen muss. Durch die engen Straßen rund um den Grand-Place, vorbei an Jugendstilfassaden, hinunter in die Marollen, hinein in kleine Kneipen, Cafés und Geschäfte. Doch manchmal lohnt es sich, diese Stadt für ein paar Minuten zu verlassen – zumindest den Boden unter den Füßen. Genau das geschieht bei einer Fahrt mit dem Riesenrad „The View“ am Place Poelaert.
Schon der Standort könnte kaum eindrucksvoller sein. Direkt neben dem monumentalen Justizpalast erhebt sich das Riesenrad über dem Platz. Seit 2019 gehört „The View“ zum Bild des Place Poelaert. Das Rad selbst ist 55 Meter hoch. Weil der Platz bereits deutlich über der Unterstadt liegt, eröffnet sich aus der Gondel ein Panorama aus mehr als 100 Metern Höhe über Brüssel.
Und dann beginnt die Fahrt. Ganz langsam löst sich die Gondel vom Boden. Erst verschwinden die Menschen auf dem Platz ein wenig unter einem, dann die Autos, schließlich verändert sich die gesamte Perspektive. Das geschäftige Brüssel wird plötzlich stiller. Dächer schieben sich ins Blickfeld, Straßenzüge werden zu Linien und die Stadt breitet sich wie ein großes Modell vor den Augen aus.

Genau darin liegt für mich der Reiz von „The View“. Es geht gar nicht um Geschwindigkeit oder Nervenkitzel. Es ist das Gegenteil. Das Riesenrad zwingt einen geradezu zur Langsamkeit. Man sitzt in der Gondel und schaut. Mehr muss man nicht tun.
Insgesamt besitzt das 55 Meter hohe Rad 42 Gondeln. Auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität können die Attraktion nutzen. Doch Zahlen erzählen nur einen kleinen Teil dieses Erlebnisses.



Denn oben beginnt die Suche nach vertrauten Punkten. Irgendwo am Horizont taucht das Atomium auf, auch die mächtige Basilika von Koekelberg lässt sich entdecken. Unter einem liegen die Marollen mit ihrem Gewirr aus Häusern und Straßen. Und plötzlich versteht man ein wenig besser, wie Brüssel aufgebaut ist – diese manchmal chaotisch wirkende, widersprüchliche und gerade deshalb so faszinierende Stadt.
Besonders schön stelle ich mir die Fahrt am Abend vor, wenn die Sonne langsam verschwindet und in den Straßen die Lichter angehen. Dann wird auch „The View“ selbst Teil der Inszenierung: Nach Einbruch der Dunkelheit ist das Riesenrad farbig beleuchtet und prägt damit selbst die Brüsseler Skyline. Ich bin allerdings mittag auf dem Ding gefahren.
Vielleicht ist das überhaupt das Schönste an einem Riesenrad: Man steigt dort unten als Tourist ein – und für einige Minuten wird man zum stillen Beobachter.
Brüssel liegt einem zu Füßen. Der Lärm bleibt unten. Der Blick wandert über Dächer, Türme und Fassaden bis weit an den Horizont. Für einen kurzen Moment scheint diese lebhafte europäische Metropole beinahe ruhig zu werden.
Und irgendwann geht es wieder hinunter. Die Häuser werden größer, die Menschen auf dem Place Poelaert bekommen wieder Gesichter, die Geräusche der Stadt kehren zurück. Die Gondel erreicht den Boden und Brüssel hat einen wieder. Nur der Blick auf die Stadt ist danach ein anderer.
„The View“ ist deshalb für mich weniger ein klassisches Fahrgeschäft als ein kleiner Perspektivwechsel. Eine gute Gelegenheit, Brüssel nicht nur zu besuchen, sondern die Stadt für ein paar Minuten von oben zu betrachten – und vielleicht ein kleines bisschen neu zu entdecken.
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