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Kirchen und Kathedralen – Wo Brüssel still und groß wird

5. Oktober 2026

Meine Frau hat wert darauf gelegt, dass wir in Brüssel auch Kathedralen und Kirchen besichtigen und ich muss zugeben: Es hat sich gelohnt. Hier zwei lohnenswerte Besichtigungen von der Kathedrale St. Michael und St. Gudula und die Kirche Notre-Dame des Victoires.

Kathedrale St. Michael und St. Gudula
Die Kathedrale St. Michael und St. Gudula gehört zu den bedeutendsten Wahrzeichen Brüssels. Der imposante gotische Bau erhebt sich auf einem Hügel im Zentrum der belgischen Hauptstadt und entstand in seiner heutigen Form über mehrere Jahrhunderte hinweg. Besonders eindrucksvoll sind die beiden mächtigen Türme der Westfassade, die großen Glasfenster und der helle, weitläufige Innenraum.

Die Kathedrale ist den beiden Schutzheiligen Michael und Gudula geweiht und spielt bis heute eine wichtige Rolle bei bedeutenden kirchlichen und staatlichen Feierlichkeiten Belgiens. Zu ihren größten Kunstschätzen gehören die prachtvolle barocke Kanzel, historische Glasmalereien und zahlreiche Skulpturen. Trotz ihrer monumentalen Architektur besitzt die Kirche im Inneren eine bemerkenswert ruhige und feierliche Atmosphäre.

Plötzlich wird es still. Hohe gotische Gewölbe ziehen den Blick nach oben, Licht fällt durch farbige Glasfenster und die mächtigen Säulen des Mittelschiffs vermitteln jene Mischung aus Größe und Ruhe, die große Kathedralen so faszinierend macht.

Ihre Geschichte reicht weit zurück. Bereits 1047 ließ Lambert II. von Löwen an dieser Stelle eine romanische Kirche errichten. Die Reliquien der heiligen Gudula wurden hierhergebracht, sodass das Gotteshaus fortan Michael und Gudula gewidmet war. Vom 13. Jahrhundert an entstand an ihrer Stelle die heutige gotische Kirche. Erst 1962 erhielt sie offiziell den Rang einer Kathedrale.

Besonders sehenswert sind die prachtvollen Glasfenster, die Apostelfiguren entlang der Säulen, die Kapellen und die große Orgel. Unter dem heutigen Bau lassen sich sogar noch Überreste der romanischen Vorgängerkirche entdecken. Die Krypta stammt aus dem 11. Jahrhundert und war vermutlich zur Aufnahme der Reliquien der heiligen Gudula bestimmt.

Die Kathedrale ist aber keineswegs nur ein historisches Monument. Sie gehört bis heute zum religiösen und zeremoniellen Leben Belgiens und war Schauplatz bedeutender Ereignisse – nach der großen Restaurierung von 1983 bis 2000 fand hier beispielsweise 1999 die Hochzeit des heutigen Königs Philippe mit Mathilde statt.

2026 ist zudem ein besonderes Jahr: Die Kathedrale feiert 800 Jahre gotische Architektur mit einem umfangreichen Kulturprogramm.

Wer Brüssel besucht, sollte deshalb nicht nur einen Blick auf die eindrucksvolle Doppelturmfassade werfen. Es lohnt sich, hineinzugehen, sich für einige Minuten in eine der Bänke zu setzen und den Raum einfach wirken zu lassen. Zwischen dem Trubel der europäischen Hauptstadt findet man hier einen Ort, an dem acht Jahrhunderte Geschichte plötzlich ganz nah erscheinen.

Achten Sie bei dem Besuch der Kathedrale unbedingt auf die Kanzel.Die monumentale Barockkanzel gehört zu den eindrucksvollsten Kunstwerken der Kirche. Sie wurde 1699 vom Antwerpener Bildhauer Hendrik Frans Verbruggen aus Eichenholz geschaffen und kam 1776 nach Brüssel.
Besonders dramatisch ist die Darstellung am Fuß der Kanzel: Adam und Eva werden nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben. Ein Engel mit Flammenschwert, die Schlange und ein Skelett als Sinnbild des Todes verstärken die theatralische Wirkung. Darüber steht die Darstellung von Maria mit dem Jesuskind, die den Sieg über die Schlange und damit die Erlösung symbolisiert. So erzählt die Kanzel in üppiger barocker Bildsprache den Weg von Sünde und Vertreibung hin zu Hoffnung und Erlösung.

Kirche Notre-Dame des Victoires
Die Kirche Notre-Dame des Victoires au Sablon (französisch) oder Onze-Lieve-Vrouw ter Zege op de Zavelkerk (niederländisch), auf Deutsch etwa „Liebfrauenkirche am Sablon“, ist ein am Place du Grand Sablon/Grote Zavel in Brüssel gelegener Sakralbau.

Wer vom Zentrum Brüssels hinauf zum eleganten Sablon-Viertel spaziert, entdeckt mit der Église Notre-Dame des Victoires au Sablon eine der schönsten gotischen Kirchen der belgischen Hauptstadt. Zwischen Antiquitätengeschäften, Galerien und Chocolatiers erhebt sich der reich verzierte Bau mit seinen hohen Spitzbogenfenstern, filigranen Steinmetzarbeiten und zahlreichen kleinen Türmchen beinahe wie eine steinerne Krone über dem Viertel.

Die Geschichte der Kirche beginnt im frühen 14. Jahrhundert. 1304 erhielten die Brüsseler Armbrustschützen das Gelände und errichteten dort zunächst eine kleine Marienkapelle. Ihre große Bedeutung erhielt der Ort durch eine Legende: 1348 soll Béatrice Soetkens eine wundertätige Marienstatue per Boot aus Antwerpen nach Brüssel gebracht haben. Die Verehrung der Madonna wurde so populär, dass zu Beginn des 15. Jahrhunderts der Bau der heutigen, wesentlich größeren Kirche begann. Die Überlieferung um die Marienfigur steht auch am Ursprung des berühmten Brüsseler Ommegang-Festzuges.

Besonders beeindruckend ist das Innere. Die hoch aufragenden Pfeiler und großen Fenster verleihen dem Kirchenraum eine überraschende Leichtigkeit. Gerade der Chor entfaltet durch seine hohen Lanzettfenster eine starke vertikale Wirkung – das Licht wird hier selbst zu einem Teil der Architektur.

Einen genaueren Blick verdient auch die kunstvoll geschnitzte Kanzel von Marc De Vos aus dem Jahr 1697. Einen spannenden Kontrast zur spätgotischen Architektur bilden zudem die beiden prächtigen barocken Kapellen neben dem Chor. Sie entstanden im 17. Jahrhundert für die bedeutende Familie Thurn und Taxis, deren Geschichte eng mit Brüssel verbunden ist.

Gerade dieser Wechsel der Stile macht Notre-Dame du Sablon so reizvoll. Gotische Strenge trifft auf barocke Pracht, mittelalterliche Legenden auf die Geschichte mächtiger Brüsseler Familien. Und überall fällt farbiges Licht durch die großen Glasfenster.

Notre-Dame du Sablon gehört für mich deshalb zu jenen Brüsseler Orten, die man nicht einfach nur fotografieren sollte. Hineingehen, nach oben schauen und ein paar Minuten bleiben – erst dann entfaltet dieser außergewöhnliche Kirchenraum seine ganze Wirkung.

Über den Dächern von Brüssel – eine Runde mit dem Riesenrad „The View“

26. September 2026

Manchmal muss man nur ein paar Meter Abstand gewinnen, um eine Stadt mit anderen Augen zu sehen. Eine Fahrt mit dem Riesenrad „The View“ am Place Poelaert ist genau so ein Moment: Langsam verschwindet der Trubel Brüssels unter der Gondel, Dächer und Straßenzüge rücken zusammen und am Horizont tauchen die Wahrzeichen der belgischen Hauptstadt auf. Für ein paar Minuten gehört Brüssel ganz dem Blick – und vielleicht auch ein wenig dem Herzen.

Brüssel ist eine Stadt, die man erlaufen muss. Durch die engen Straßen rund um den Grand-Place, vorbei an Jugendstilfassaden, hinunter in die Marollen, hinein in kleine Kneipen, Cafés und Geschäfte. Doch manchmal lohnt es sich, diese Stadt für ein paar Minuten zu verlassen – zumindest den Boden unter den Füßen. Genau das geschieht bei einer Fahrt mit dem Riesenrad „The View“ am Place Poelaert.

Schon der Standort könnte kaum eindrucksvoller sein. Direkt neben dem monumentalen Justizpalast erhebt sich das Riesenrad über dem Platz. Seit 2019 gehört „The View“ zum Bild des Place Poelaert. Das Rad selbst ist 55 Meter hoch. Weil der Platz bereits deutlich über der Unterstadt liegt, eröffnet sich aus der Gondel ein Panorama aus mehr als 100 Metern Höhe über Brüssel.

Und dann beginnt die Fahrt. Ganz langsam löst sich die Gondel vom Boden. Erst verschwinden die Menschen auf dem Platz ein wenig unter einem, dann die Autos, schließlich verändert sich die gesamte Perspektive. Das geschäftige Brüssel wird plötzlich stiller. Dächer schieben sich ins Blickfeld, Straßenzüge werden zu Linien und die Stadt breitet sich wie ein großes Modell vor den Augen aus.

Genau darin liegt für mich der Reiz von „The View“. Es geht gar nicht um Geschwindigkeit oder Nervenkitzel. Es ist das Gegenteil. Das Riesenrad zwingt einen geradezu zur Langsamkeit. Man sitzt in der Gondel und schaut. Mehr muss man nicht tun.

Insgesamt besitzt das 55 Meter hohe Rad 42 Gondeln. Auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität können die Attraktion nutzen. Doch Zahlen erzählen nur einen kleinen Teil dieses Erlebnisses.

Denn oben beginnt die Suche nach vertrauten Punkten. Irgendwo am Horizont taucht das Atomium auf, auch die mächtige Basilika von Koekelberg lässt sich entdecken. Unter einem liegen die Marollen mit ihrem Gewirr aus Häusern und Straßen. Und plötzlich versteht man ein wenig besser, wie Brüssel aufgebaut ist – diese manchmal chaotisch wirkende, widersprüchliche und gerade deshalb so faszinierende Stadt.

Besonders schön stelle ich mir die Fahrt am Abend vor, wenn die Sonne langsam verschwindet und in den Straßen die Lichter angehen. Dann wird auch „The View“ selbst Teil der Inszenierung: Nach Einbruch der Dunkelheit ist das Riesenrad farbig beleuchtet und prägt damit selbst die Brüsseler Skyline. Ich bin allerdings mittag auf dem Ding gefahren.

Vielleicht ist das überhaupt das Schönste an einem Riesenrad: Man steigt dort unten als Tourist ein – und für einige Minuten wird man zum stillen Beobachter.

Brüssel liegt einem zu Füßen. Der Lärm bleibt unten. Der Blick wandert über Dächer, Türme und Fassaden bis weit an den Horizont. Für einen kurzen Moment scheint diese lebhafte europäische Metropole beinahe ruhig zu werden.

Und irgendwann geht es wieder hinunter. Die Häuser werden größer, die Menschen auf dem Place Poelaert bekommen wieder Gesichter, die Geräusche der Stadt kehren zurück. Die Gondel erreicht den Boden und Brüssel hat einen wieder. Nur der Blick auf die Stadt ist danach ein anderer.

„The View“ ist deshalb für mich weniger ein klassisches Fahrgeschäft als ein kleiner Perspektivwechsel. Eine gute Gelegenheit, Brüssel nicht nur zu besuchen, sondern die Stadt für ein paar Minuten von oben zu betrachten – und vielleicht ein kleines bisschen neu zu entdecken.

Zwischen Trödel und Erinnerungen – mein Morgen auf dem großen Flohmarkt von Brüssel

15. September 2026

Ich liebe Flohmärkte. Vielleicht deshalb, weil man nie weiß, was einen erwartet. Es ist ein bisschen wie eine Reise ohne Fahrplan: Man beginnt zu suchen, obwohl man eigentlich gar nicht weiß, wonach. Und manchmal findet man etwas, das man überhaupt nicht gesucht hat. Genau dieses Gefühl hatte ich auf dem großen Flohmarkt am Place du Jeu de Balle im Brüsseler Marollenviertel. Ich habe dieses Mal nichts gekauft, aber sehr viel entdeckt.

Schon beim Betreten des Platzes wurde mir klar: Das hier ist kein sauber durchorganisierter Antiquitätenmarkt, auf dem kostbare Stücke sorgsam ausgeleuchtet hinter Glas präsentiert werden. Hier herrscht das wunderbare Chaos. Kisten stehen auf dem Boden, Gegenstände liegen auf Decken und Tischen, Möbel warten auf neue Besitzer. Dazwischen Händler, Sammler, Touristen, Neugierige und Menschen, die offenbar ganz genau wissen, wonach sie suchen. Ich gehörte eher zur letzten Kategorie – nur ohne zu wissen, was ich suchte. Von einer Freundin bekam ich den Tipp, diesen Flohmarkt zu besuchen.

Hier liegt die Vergangenheit auf dem Pflaster
Ich begann zu stöbern. Alte Bücher auf Französisch, ein paar Schallplatten, viele Gläser, Porzellan, Schmuck, Kameras, Besteck, Bilder, Spielzeug, Uhren, Postkarten und Fotografien. Die Vielfalt war enorm, aber bei mir funkte es nicht. Zum einen scheute ich die Verhandlungen auf Französisch, zum anderen war im Koffer eigentlich kein Platz mehr. Aber schauen kostet ja nichts. Dazwischen immer wieder Dinge, deren Funktion sich mir nicht auf Anhieb erschloss.

Besonders alte Fotografien ziehen mich magisch an. Fremde Menschen schauen darauf in die Kamera, ernst oder lachend, elegant gekleidet oder mitten im Alltag. Irgendwann war dieses Foto für jemanden wichtig. Es stand vielleicht auf einem Schreibtisch oder lag Jahrzehnte in einem Familienalbum. Jetzt liegt es für ein paar Euro auf einem Brüsseler Flohmarkt. Wer waren diese Menschen? Was wurde aus ihnen? Wer hat das Foto aufgenommen? Natürlich bekomme ich darauf keine Antwort. Aber vielleicht braucht es die auch gar nicht.

Während ich zwischen den Ständen unterwegs war, merkte ich wieder, warum mich Flohmärkte faszinieren. Jeder Gegenstand besitzt eine Vergangenheit. Manches ist aber auch einfach nur Müll.
Eine alte Tasse ist eben nicht nur eine alte Tasse. Vielleicht stand sie jeden Morgen auf demselben Küchentisch. Eine Schallplatte wurde möglicherweise hundertmal aufgelegt, bis jede Note vertraut war. Mit einem alten Spielzeugauto hat vielleicht ein Kind stundenlang auf dem Wohnzimmerboden gespielt. Ich habe ein paar interessante französisches Platten mit Chansons entdeckt, aber aufgrund des Transportproblems die Scheiben nicht gekauft.

Vielleicht hätte ich die eine oder andere Postkarte gekauft, aber dann setzte der Verstand ein. Was soll ich damit? Aber die Geschichten dahinter sind interessant. Postkarten haben oft eine Reise hinter sich und können eine Geschichte erzählen. Jemand hat sie ausgesucht, ein paar persönliche Worte geschrieben, eine Briefmarke aufgeklebt und sie einem Menschen geschickt, an den er gerade dachte. Heute landet sie in einer Kiste auf dem Place du Jeu de Balle. Ich finde solche Gedanken wunderbar, eine Recherche-Arbeit für einen Geschichtenerzähler.

Der Flohmarkt gehört zu den Marollen, einem der charaktervollsten Viertel Brüssels. Hier begegnet mir eine andere Stadt als auf dem prachtvollen Grand-Place oder in den eleganten Galeries Royales Saint-Hubert. Das Brüssel der Marollen ist rauer, lebendiger und weniger herausgeputzt. Es sind aber auch viele Taschendiebe unterwegs, also nicht allzu offen umherschreiten und Taschen eng am Körper tragen.

Das Schönste an diesem Flohmarkt ist für mich der Zufall. Im Internet finde ich heute innerhalb weniger Sekunden fast alles. Ich gebe einen Begriff ein und bekomme tausende Treffer. Algorithmen schlagen mir anschließend noch vor, was mir ebenfalls gefallen könnte. Auf dem Flohmarkt funktioniert die Welt anders. Hier muss ich schauen, genau hinschauen und ich muss aber auch den finanziellen Wert einer Ware einschätzen können.
Ich muss eine Kiste durchwühlen, mich bücken, einen Gegenstand umdrehen und manchmal erst den Staub wegwischen. Kein Algorithmus hätte es mir vorgeschlagen.
Klar ist: Auf diesem Markt gibt es jede Menge Krempel. Dinge, die ich nicht einmal geschenkt haben möchte. Kuriositäten, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt jemand aufgehoben hat. Aber genau das gehört dazu. Denn wer entscheidet eigentlich, was wertvoll ist?
Ein Gegenstand kann objektiv nahezu wertlos sein und trotzdem einen ungeheuren persönlichen Wert besitzen. So geht es mir oft. Vielleicht erinnert er mich an meine Kindheit, an meine Großeltern, an eine frühere Reise oder an eine längst verschwundene Welt. Dann wird aus Krempel plötzlich ein Schatz.

Während ich weiter über den Markt ging, kam mir noch ein anderer Gedanke. Wir werfen unglaublich viel weg. Geräte werden ersetzt, obwohl sie noch funktionieren. Möbel verschwinden, weil sie nicht mehr modern sind. Bücher werden aussortiert, Schallplatten abgegeben, Geschirr entsorgt. Auf dem Flohmarkt bekommt all das eine zweite Chance. Das gefällt mir.

Der Flohmarkt auf dem Place du Jeu de Balle gehört für mich zu jenen Orten, an denen man Brüssel besonders unmittelbar erleben kann. Nicht als perfekt inszenierte europäische Hauptstadt, sondern als lebendige Stadt voller Menschen, Erinnerungen und Geschichten. Ich verlasse solche Märkte immer mit dem Gefühl, ein wenig durch die Zeit gereist zu sein.

Manneken Pis und Jeanneke Pis – Brüssels frechste Liebeserklärung an das Leben

13. September 2026

Brüssel besitzt gewaltige Bauwerke. Das Atomium ragt weithin sichtbar über die Stadt, der Grand-Place überwältigt mit seiner beinahe verschwenderischen Pracht und die Galeries Royales Saint-Hubert erzählen von Eleganz und großbürgerlicher Vergangenheit. Und doch wird Brüssel ausgerechnet von einer Figur verkörpert, die gerade einmal 58 Zentimeter groß ist und seit Jahrhunderten nichts anderes tut, als ziemlich ungeniert in einen Brunnen zu pinkeln. Manneken Pis ist vielleicht das wunderbarste Wahrzeichen, das eine europäische Hauptstadt haben kann.

Denn dieser kleine Junge aus Bronze nimmt sich selbst und damit irgendwie auch seine ganze Stadt nicht besonders ernst. Während andere Metropolen ihre Helden auf Pferde setzen, Feldherren auf monumentale Sockel stellen und Könige in Stein verewigen, präsentiert Brüssel seinen Besuchern einen nackten kleinen Kerl, der ihnen frech entgegenpinkelt. Genau darin steckt viel von dem, was den besonderen Charakter dieser Stadt ausmacht: Humor, Selbstironie, ein wenig Anarchie und die sympathische Weigerung, vor Autoritäten allzu ehrfürchtig den Kopf zu senken.

Wer Manneken Pis zum ersten Mal besucht, erlebt häufig einen fast komischen Moment. Man folgt den Menschen durch die Straßen rund um den Grand-Place, sieht plötzlich eine Ansammlung von Touristen, Smartphones und Kameras – und fragt sich: Wo ist er denn nun? Und dann entdeckt man ihn. So klein. Manche Besucher dürften im ersten Augenblick beinahe enttäuscht sein. Ist das wirklich das weltberühmte Manneken Pis?

Ja, genau das ist es. Und vielleicht gehört diese überraschende Winzigkeit sogar zum Geheimnis seiner Wirkung. Manneken Pis braucht keine Monumentalität. Er muss niemanden beeindrucken. Er steht einfach da, selbstbewusst und unbekümmert, an der Ecke Rue de l’Étuve und Rue du Chêne und tut das, was er seit Jahrhunderten tut.

Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits im 15. Jahrhundert gab es an dieser Stelle einen Brunnen, der zur Wasserversorgung Brüssels gehörte. Die heute berühmte bronzene Gestalt wurde 1619 von Jérôme Duquesnoy dem Älteren geschaffen. Aus einem Bestandteil der städtischen Wasserversorgung entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Identifikationsfigur der Brüsseler Bevölkerung.

Dabei hat der kleine Mann einiges erlebt. Er überstand die Bombardierung Brüssels von 1695, wurde mehrfach gestohlen und beschädigt und entwickelte sich immer stärker zu einem Symbol der Stadt. Das historische Original steht deshalb heute geschützt im Brüsseler Stadtmuseum am Grand-Place. Am bekannten Brunnen befindet sich eine Replik. Das ändert jedoch nichts an der Faszination. Für die Menschen, die sich vor der kleinen Figur versammeln, bleibt es Manneken Pis.

Natürlich wäre Manneken Pis nicht Manneken Pis, wenn es nicht zahlreiche Geschichten darüber gäbe, warum dieser kleine Junge überhaupt dort steht. Eine der schönsten Legenden erzählt von einem Jungen, der Brüssel vor einer Katastrophe gerettet haben soll. Feinde hätten versucht, die Stadt zu zerstören, eine bereits brennende Lunte drohte das Unheil auszulösen. Doch der kleine Junge tat das Naheliegende – zumindest für ihn: Er urinierte darauf und löschte die Lunte. Brüssel war gerettet.

Historisch belegt ist diese Geschichte natürlich nicht. Aber sie passt hervorragend zu Manneken Pis. Andere Städte hätten aus einem solchen Retter vermutlich einen Ritter mit Schwert gemacht. Brüssel lässt einen kleinen Jungen die Stadt retten, weil er zufällig im entscheidenden Augenblick pinkeln musste. Man kann den besonderen Brüsseler Humor kaum schöner zusammenfassen.

Noch ungewöhnlicher ist die Tradition, Manneken Pis einzukleiden. Zu besonderen Anlässen trägt er Uniformen, Trachten, Sportkleidung und zahllose andere Kostüme. Diese Tradition reicht Jahrhunderte zurück, und inzwischen besitzt der kleine Brüsseler eine Garderobe mit weit mehr als tausend Kleidungsstücken. Seine Kostüme sind längst selbst zu einem Stück Stadtgeschichte geworden.

Die Kostüme machen aus der kleinen Brunnenfigur etwas Lebendiges. Manneken Pis ist kein Denkmal, das irgendwann aufgestellt wurde und seitdem unverändert geblieben ist. Er nimmt gewissermaßen am Leben der Stadt teil. Er wird eingekleidet, gefeiert und zum Mittelpunkt kleiner Zeremonien. Vielleicht lieben ihn die Brüsseler deshalb so sehr. Er steht nicht über ihnen. Er ist einer von ihnen.

Doch irgendwann stellte sich eine naheliegende Frage: Warum darf eigentlich seit Jahrhunderten nur ein kleiner Junge öffentlich in einen Brunnen pinkeln? Brüssel wäre nicht Brüssel, wenn die Antwort darauf in einer langen kulturpolitischen Debatte gesucht worden wäre. Stattdessen bekam Manneken Pis weibliche Gesellschaft.

Jeanneke Pis
Versteckt in der kleinen Impasse de la Fidélité, der „Gasse der Treue“, sitzt seit 1987 Jeanneke Pis. Auch sie ist aus Bronze, ungefähr 50 Zentimeter groß – und auch sie verrichtet völlig unbekümmert ihr kleines Geschäft. Entworfen wurde sie Mitte der 1980er-Jahre von Denis-Adrien Debouvrie. 1987 wurde sie der Öffentlichkeit präsentiert.

Und Jeanneke ist eine herrliche Erscheinung. Sie hockt da, die Haare zu kleinen Zöpfen gebunden, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen kindlicher Freude, Frechheit und völliger Unbekümmertheit liegt. Wer sie zum ersten Mal entdeckt, muss fast zwangsläufig lächeln.

Dabei ist der Besuch bei Jeanneke ganz anders als die Begegnung mit ihrem berühmten männlichen Gegenstück. Manneken Pis steht mitten im touristischen Trubel. Rund um ihn drängen sich Menschen, Reisegruppen bleiben stehen, Smartphones werden hochgehalten und Souvenirläden verkaufen seine Gestalt in nahezu jeder denkbaren Form.

Jeanneke muss man dagegen beinahe suchen. Man biegt von den belebten Straßen des Zentrums ab und gelangt in die schmale Impasse de la Fidélité. Plötzlich wird die Welt kleiner. Zwischen Häuserfassaden und Gastronomie entdeckt man schließlich die kleine Bronzefigur. Und genau diese Entdeckung macht einen Teil ihres Reizes aus.

Jeanneke wirkt wie ein kleiner Insiderwitz der Stadt. Als hätte Brüssel irgendwann beschlossen: Wenn alle Welt unseren pinkelnden Jungen sehen möchte, dann stellen wir eben noch ein Mädchen dazu. Hinter ihrer Entstehung steckte allerdings auch der Wunsch, mehr Menschen in die damals weniger frequentierte Gasse zu locken. Gleichzeitig wurde Jeanneke zum weiblichen Gegenstück von Manneken Pis und damit augenzwinkernd auch als Zeichen der Gleichberechtigung verstanden. Vor allem aber verkörpert sie ebenfalls die Brüsseler „Zwanze“ – jenen schwer übersetzbaren, respektlosen und selbstironischen Humor der Stadt.

Besonders schön ist die Legende, die sich im Laufe der Zeit um Jeanneke Pis entwickelt hat. Schließlich steht sie nicht irgendwo. Ihre Heimat heißt Impasse de la Fidélité – Gasse der Treue. Wer gemeinsam mit seinem geliebten Menschen Jeanneke besucht, dem soll sie der Überlieferung nach Treue versprechen. Besucher werfen deshalb Münzen in das Becken des Brunnens. So bekommt ausgerechnet diese freche kleine Figur etwas überraschend Romantisches. Vielleicht ist das typisch Brüssel: Selbst die Romantik darf hier ein wenig schräg sein.

Manneken Pis und Jeanneke Pis erzählen gemeinsam viel über Brüssel. Natürlich könnte man beide Figuren als touristische Kuriositäten abtun. Man könnte schnell ein Foto machen, darüber lachen und weitergehen. Aber damit würde man etwas übersehen. Manneken Pis ist über Jahrhunderte zu einem Symbol für die Lebensfreude und die Fähigkeit der Brüsseler zur Selbstironie geworden. Jeanneke führt diesen Gedanken auf ihre eigene Weise fort. Sie ist jünger, versteckter und vielleicht noch ein bisschen frecher.

Beide verweigern sich jeder Form von Pathos. Und vielleicht passen sie gerade deshalb so wunderbar zu Brüssel. Denn diese Stadt lebt von Gegensätzen. Hier stehen prächtige historische Fassaden neben Comic-Wandbildern. Europäische Institutionen treffen auf alte Bierkneipen. Königliche Geschichte begegnet surrealistischem Humor. Pralinen, Pommes, Jugendstil, Jacques Brel, René Magritte und belgisches Bier existieren scheinbar mühelos nebeneinander. Und mittendrin pinkeln zwei kleine Bronzefiguren auf jede Form übertriebener Feierlichkeit.

Für mich liegt genau darin der Zauber von Manneken Pis und Jeanneke Pis. Sie erzählen eine Geschichte darüber, dass eine Stadt nicht immer groß auftreten muss, um eine starke Identität zu besitzen. Manneken Pis ist winzig – und dennoch weltberühmt. Jeanneke Pis versteckt sich in einer Sackgasse – und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis.

Wenn man beide besucht hat, versteht man Brüssel vielleicht ein kleines bisschen besser. Diese Stadt kann prächtig sein, politisch bedeutend, historisch schwergewichtig und europäisch weltläufig. Aber sie besitzt gleichzeitig die wunderbare Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Und so stehen beziehungsweise hocken Manneken und Jeanneke dort und erinnern uns an etwas, das vielen großen Denkmälern fehlt: Man muss nicht auf einem hohen Sockel stehen, um ein Wahrzeichen zu sein. Manchmal reichen ein halber Meter Bronze, ein Wasserstrahl und eine gehörige Portion Frechheit.