Journalismus zwischen Nähe, Haltung und Verantwortung – Dr. Uwe Brückner im PresseClub München

Was zeichnet guten Journalismus aus, welche Verantwortung tragen Medien für die Demokratie und wie verändert die digitale Kommunikation das Verhältnis zwischen Journalisten und ihrem Publikum? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Dr. Uwe Brückner, Vorsitzender des PresseClubs München, bei einer Veranstaltung des Fördervereins des PresseClubs vor Lehrerinnen und Lehrern. In seinem ebenso persönlichen wie medienkritischen Vortrag plädierte er für einen Journalismus, der unterschiedliche Positionen sichtbar macht, sorgfältig recherchiert und die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Zugleich warnte er vor einer zunehmenden Skandalisierung und Zuspitzung in der medialen Berichterstattung. Hier die Aufzeichnung:

„Ein guter Journalist ist ein Grenzgänger“, erklärte Brückner zu Beginn seines Referats. Damit meine er keineswegs die Missachtung gesellschaftlicher oder ethischer Grenzen. Vielmehr müsse Journalismus bereit sein, unterschiedliche Perspektiven zu erkunden, Positionen zu hinterfragen und sich auch mit unbequemen Themen auseinanderzusetzen. Jedes Thema besitze mehrere Grenzen, an denen verschiedene Interessen, Erfahrungen und Überzeugungen aufeinandertreffen. Diese sichtbar zu machen, gehöre zu den wesentlichen Aufgaben journalistischer Arbeit.

Wie sehr diese Haltung seine eigene Biografie geprägt hat, verdeutlichte Brückner anhand seiner Kindheit im oberfränkischen Bad Rodach, nur wenige Hundert Meter von der damaligen innerdeutschen Grenze entfernt. Dort wuchs er mit westdeutschen und ostdeutschen Medien auf. Während er im DDR-Fernsehen unter anderem die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ verfolgte, lernte er durch Gespräche mit seiner Mutter, politische Aussagen kritisch einzuordnen. Die unterschiedlichen Darstellungen derselben Wirklichkeit hätten früh sein Interesse an Medien, politischen Zusammenhängen und der Bedeutung unabhängiger Informationen geweckt.

Brückner stammt aus einer Lehrerfamilie und besuchte ein musisches Gymnasium. Seine journalistischen Anfänge reichen bis in die Schulzeit zurück. Ein Schülerpressetag weckte sein Interesse an der Zeitungsproduktion und an der Fotografie. Bereits als Jugendlicher berichtete er über kulturelle Veranstaltungen und sammelte erste Erfahrungen als freier Mitarbeiter. Diese frühen praktischen Begegnungen mit dem Journalismus seien für seine weitere Entwicklung entscheidend gewesen.

Sein beruflicher Weg verlief allerdings keineswegs geradlinig. Nach erfolglosen Bewerbungen an der Deutschen Journalistenschule gelang ihm die Aufnahme an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Dort entwickelte er ein besonderes Interesse am Dokumentarfilm und an gesellschaftlichen Themen, die in der Öffentlichkeit häufig verdrängt wurden.

Als Beispiel schilderte er einen frühen Dokumentarfilm über sterbende Menschen. Für das Projekt arbeitete er zuvor mehrere Monate als Hilfspfleger in einem Krankenhaus, um die Lebenssituation der Betroffenen kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Vor der Kamera sprachen schwer kranke Menschen über ihre Ängste, Hoffnungen und ihre letzten Lebenswochen. Dabei wurden auch familiäre Sprachlosigkeit und der gesellschaftliche Umgang mit dem Sterben sichtbar. Für Brückner war diese Arbeit eine grundlegende journalistische Erfahrung: Entscheidend sei nicht allein die technische Qualität einer Produktion, sondern vor allem die Fähigkeit, Menschen zuzuhören und ihnen Raum für ihre persönliche Geschichte zu geben.

Diese Überzeugung prägte auch seine spätere Tätigkeit im Fernsehen. Brückner gehörte zu den frühen Akteuren des deutschen Privatfernsehens und war nach eigenen Angaben am Aufbau zahlreicher Fernsehprogramme beteiligt, darunter regionale Sender und Formate sowie Produktionen für RTL. Seine beruflichen Stationen führten ihn unter anderem zum Münchner Kabelpilotprojekt, zu RTL Plus und in den Bereich des Lokalfernsehens.

Ausführlich beschäftigte er sich mit der Entwicklung der journalistischen Bildsprache. Geprägt habe ihn dabei insbesondere sein Kameradozent an der Münchner Filmhochschule, der ihm die Bedeutung unterschiedlicher Einstellungsgrößen und räumlicher Distanzen vermittelte. Eine Kamera dürfe nicht lediglich aus sicherer Entfernung beobachten. Wer Menschen verstehen und authentische Aussagen erhalten wolle, müsse sich ihnen auch räumlich und emotional nähern.

Brückner kritisierte in diesem Zusammenhang die traditionelle Produktionsweise vieler Fernsehinterviews. Umfangreiche Technik, große Aufnahmeteams und mehrfach wiederholte Aussagen könnten dazu führen, dass Gesprächspartner zunehmend distanziert und formelhaft antworteten. Eine kleinere Kamera, unmittelbarer Blickkontakt und eine persönliche Gesprächssituation ermöglichten dagegen häufig offenere und glaubwürdigere Begegnungen.

Diesen Ansatz verfolgte er auch bei der Entwicklung und Etablierung des Videojournalismus. Die Verbindung von Recherche, Kameraarbeit und Schnitt in einer Person eröffne neue Möglichkeiten einer unmittelbaren Berichterstattung. Nicht die technische Perfektion allein entscheide über die journalistische Wirkung, sondern die Nähe zum Geschehen und die Fähigkeit, Vertrauen herzustellen.

Ein weiteres Beispiel für seinen Anspruch, journalistische Grenzen zu verschieben, war die Fernsehsendung „Der heiße Stuhl für Kinder“. Das Format entstand als Gegenentwurf zu einer konfrontativen Erwachsenensendung. Kinder im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren diskutierten darin mit Erwachsenen über gesellschaftspolitische Fragen. Themen waren unter anderem der Umgang mit ausländischen Mitbürgern, persönliche Freiheit und Tierversuche.

Brückner berichtete, dass die Sendung zunächst auf erhebliche Vorbehalte gestoßen sei. Kritiker hätten bezweifelt, dass Kinder in der Lage seien, komplexe politische und gesellschaftliche Themen öffentlich zu diskutieren. Die Erfahrungen hätten jedoch das Gegenteil gezeigt. Kinder argumentierten direkt, stellten unbequeme Fragen und ließen sich von der gesellschaftlichen Stellung ihrer erwachsenen Gesprächspartner kaum beeindrucken. Nach Brückners Angaben erreichte das Format zeitweise einen Marktanteil von 52 Prozent.

Für den Referenten war dies ein Beleg dafür, dass politische Kommunikation nicht ausschließlich Erwachsenen vorbehalten bleiben dürfe. Junge Menschen hätten eigene Erfahrungen, Interessen und Positionen, die in der öffentlichen Diskussion berücksichtigt werden müssten. Gerade vor einem Publikum aus Lehrerinnen und Lehrern unterstrich diese Erfahrung die Bedeutung einer frühen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen und demokratischer Streitkultur.

Einen Schwerpunkt seines Vortrags bildete der tiefgreifende Wandel der Medien durch das Internet und die sozialen Netzwerke. Über Jahrzehnte habe die klassische Medienwelt nach einem weitgehend einseitigen Sender-Empfänger-Modell funktioniert. Zeitungen, Radio und Fernsehen verbreiteten Informationen, während Leser, Hörer und Zuschauer überwiegend die Rolle passiver Empfänger einnahmen.

Mit der Digitalisierung habe sich dieses Verhältnis grundlegend verändert. Heute könne jeder Mensch selbst Inhalte produzieren, veröffentlichen und verbreiten. Die Bürger seien nicht länger ausschließlich Publikum, sondern zunehmend selbst Akteure öffentlicher Kommunikation.

Brückner erinnerte an die Erkenntnis eines früheren Kollegen aus dem Privatfernsehen, der bereits vor vielen Jahren auf die entscheidende Veränderung hingewiesen habe: Künftig würden die Zuschauer selbst zurücksenden. Diese Entwicklung habe die traditionellen Medien zunächst vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Während Fernsehsender vergleichsweise schnell mit Mediatheken und digitalen Angeboten reagierten, hätten viele Zeitungsverlage die Bedeutung der neuen Kommunikationsmöglichkeiten erst spät erkannt.

Besonders aufmerksam beobachtet Brückner inzwischen die Plattform TikTok. Dort interessiere ihn weniger die reine Unterhaltung als vielmehr die Frage, welche Themen Menschen eigenständig aufgreifen und öffentlich verhandeln. Gesundheit, persönliche Krisen, Beziehungen, gesellschaftliche Konflikte und individuelle Lebensgeschichten spielten dabei eine große Rolle.

Die sozialen Netzwerke machten sichtbar, welche Bedürfnisse nach Austausch, Information und öffentlicher Aufmerksamkeit von den klassischen Medien möglicherweise nicht ausreichend berücksichtigt würden. Gleichzeitig entstünden neue Formen unmittelbarer und emotionaler Kommunikation. Für den Journalismus ergebe sich daraus die Aufgabe, diese Entwicklungen ernst zu nehmen, ohne die eigenen professionellen Maßstäbe aufzugeben.

Deutliche Kritik übte der Vorsitzende des PresseClubs München an der zunehmenden Skandalisierung journalistischer Berichterstattung. Insbesondere im digitalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit würden politische Auseinandersetzungen häufig mit Begriffen aus dem Bereich von Krieg, Terror und Katastrophen beschrieben. Differenzierte Debatten gerieten dadurch in den Hintergrund.

Brückner verwies auf die Berichterstattung über politische Koalitionen und gesellschaftliche Konflikte. Demokratische Politik bestehe wesentlich darin, unterschiedliche Interessen auszuhandeln, Kompromisse zu finden und gegensätzliche Positionen auszuhalten. Wenn Medien diese Prozesse überwiegend als Kampf oder Zerwürfnis darstellten, werde ein verzerrtes Bild parlamentarischer Demokratie vermittelt.

Die Zuspitzung diene häufig der digitalen Reichweite und dem sogenannten Clickbaiting. Emotional aufgeladene Schlagzeilen sollten Aufmerksamkeit erzeugen und Nutzer zum Anklicken bewegen. Diese Entwicklung betrachtete Brückner kritisch, weil sie das Vertrauen in die Medien und das Verständnis demokratischer Entscheidungsprozesse beeinträchtigen könne.

„Weg von Skandalisierung, hin zu einem demokratischen Gegeneinander, Miteinander, Ringen um Gemeinsamkeiten“, formulierte er seinen journalistischen Anspruch.

Der PresseClub München verstehe sich deshalb auch als Ort der kritischen Auseinandersetzung mit journalistischen Arbeitsweisen. In Veranstaltungen und Diskussionen würden Entscheidungen von Redaktionen hinterfragt, medienethische Fragen aufgegriffen und aktuelle Entwicklungen der Branche diskutiert. Journalismus müsse bereit sein, nicht nur andere gesellschaftliche Akteure zu kontrollieren, sondern auch das eigene Handeln kritisch zu überprüfen.

Ein zentrales Anliegen Brückners war die Bedeutung verlässlicher Quellen. In einer digitalen Öffentlichkeit, in der Informationen innerhalb kürzester Zeit verbreitet werden können, müsse sorgfältige Recherche weiterhin das Fundament professioneller journalistischer Arbeit bilden.

Das Internet selbst sei keine hinreichende Quelle. Entscheidend sei vielmehr, wer eine Information ursprünglich verbreitet habe, welche Interessen dahinterstünden und ob sich die Aussage unabhängig überprüfen lasse. Journalisten müssten deshalb unterschiedliche Informationsquellen erschließen, Kontakte aufbauen und über lange Zeit pflegen.

Brückner verwies auf seine eigenen Erfahrungen als Reporter, unter anderem bei der Berichterstattung über internationale Konflikte. Verlässliche Informanten seien häufig über Jahrzehnte gewachsene Kontakte. Gerade bei schwierigen politischen und gesellschaftlichen Themen komme es darauf an, Aussagen einordnen, Widersprüche erkennen und unterschiedliche Perspektiven miteinander vergleichen zu können.

Daraus leitete er eine grundsätzliche journalistische Haltung ab: „Parteifrei, staatsfern, bürgernah.“ Diese drei Begriffe beschreiben nach seiner Auffassung die notwendige Unabhängigkeit des Journalismus gegenüber politischen Parteien und staatlichen Institutionen sowie seine Verpflichtung gegenüber den Menschen.

Journalisten dürften sich nicht mit einer politischen Position identifizieren, sondern müssten unterschiedliche Standpunkte sichtbar machen. Dabei gehe es nicht um Beliebigkeit, sondern um die nachvollziehbare Darstellung von Interessen, Argumenten und überprüfbaren Tatsachen.

Auch die Rolle des Journalisten selbst müsse kritisch reflektiert werden. Brückner sprach sich dafür aus, bei Recherchen möglichst unaufdringlich aufzutreten. Bereits die erkennbare Anwesenheit eines Journalisten könne das Verhalten von Menschen verändern. Gesprächspartner formulierten dann möglicherweise nicht mehr ihre tatsächlichen Gedanken, sondern Aussagen, von denen sie annähmen, dass diese öffentlich erwünscht seien. Beobachtung, Zurückhaltung und die Fähigkeit zuzuhören seien deshalb wichtige Voraussetzungen authentischer Berichterstattung.

Für die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer bot der Vortrag zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Medienbildung. Die zunehmende Verbreitung digitaler Inhalte macht es erforderlich, junge Menschen frühzeitig für journalistische Qualitätskriterien, die Überprüfung von Quellen und den Unterschied zwischen Information, Meinung und gezielter Emotionalisierung zu sensibilisieren.

Dabei wurde deutlich, dass Medienkompetenz weit über die technische Bedienung digitaler Plattformen hinausgeht. Sie umfasst die Fähigkeit, Informationen kritisch zu hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven zu erkennen und die Mechanismen öffentlicher Kommunikation zu verstehen.

Brückners Referat verband persönliche Erfahrungen aus mehreren Jahrzehnten Fernsehjournalismus mit einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über die gesellschaftliche Verantwortung der Medien. Trotz aller technischen Veränderungen, neuer Plattformen und veränderter Nutzungsgewohnheiten bleibt für ihn der Kern journalistischer Arbeit unverändert: sorgfältige Recherche, glaubwürdige Quellen, Unabhängigkeit und die unmittelbare Nähe zu den Menschen.

Der Journalist als Grenzgänger müsse bereit sein, unbequeme Fragen zu stellen, neue Wege zu gehen und vertraute Sichtweisen zu hinterfragen. Gerade in einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit sei es Aufgabe des Journalismus, nicht zusätzliche Gräben aufzureißen, sondern durch Information, Einordnung und kritische Diskussion zum demokratischen Verständnis beizutragen.

Tags: , , ,

Schreibe einen Kommentar