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Brüssels gläserner Palast: Warum die Galeries Royales Saint-Hubert ihrer Zeit voraus waren

6. Oktober 2026

Mitten im historischen Zentrum von Brüssel spannt sich ein monumentales Glasdach über eine Passage, die bereits 1847 eröffnete. Die Galeries Royales Saint-Hubert waren weit mehr als ein eleganter Ort zum Einkaufen: Sie verbanden Handel, Wohnen, Kultur und öffentliches Leben zu einem damals bemerkenswert modernen Stadtraum.

Nur wenige Schritte von der Grand-Place entfernt gehören die Galeries Royales Saint-Hubert heute zu den bekanntesten historischen Bauwerken der belgischen Hauptstadt. Der Komplex besteht aus drei miteinander verbundenen Passagen: der Galerie de la Reine, der Galerie du Roi und der Galerie des Princes. Zusammen bilden sie eine rund 200 Meter lange überdachte Flanier- und Einkaufswelt im Herzen Brüssels. Bei meinem Besuch in Brüssel bin ich oft dort gewesen. Sicherlich am meisten faszinierte mich ein altes Kino, ich kann nicht anders. Hier ein VR 360 Rundgang durch die Gallery

Die Geschichte des Projekts reicht bis in die 1830er-Jahre zurück. Der belgische Architekt Jean-Pierre Cluysenaar entwickelte um 1837 die Idee für eine monumentale Passage. Dahinter stand nicht allein der Wunsch nach einem repräsentativen Einkaufsort. Das Vorhaben sollte zugleich ein damals ärmeres und dicht bebautes Viertel aufwerten und verschiedene Funktionen miteinander verbinden: Wohnungen, Geschäfte, kulturelle Einrichtungen und Räume zum Flanieren. Außerdem schuf die Passage eine Verbindung zwischen unterschiedlichen Bereichen des Brüsseler Stadtzentrums.

Die eigentlichen Bauarbeiten begannen 1846. Bereits am 20. Juni 1847 wurden die Galerien in Anwesenheit von König Leopold I. offiziell eröffnet. Nach Angaben der Brüsseler Tourismusorganisation dauerte die Bauphase lediglich rund 13 Monate. Ursprünglich befanden sich dort etwa 70 Luxusgeschäfte und rund 100 Privatwohnungen. Damit entstand ein Gebäudekomplex, in dem Konsum, gesellschaftliches Leben und Wohnen ungewöhnlich eng miteinander verbunden waren.

Architektonisch orientierte sich Cluysenaar an der florentinischen Renaissance. Besonders charakteristisch ist das lang gestreckte Glasdach auf einer Metallkonstruktion, durch das Tageslicht in die Passage fällt, während Besucher gleichzeitig vor Regen und anderen Wettereinflüssen geschützt bleiben. Die Konstruktion verfügte zudem über eine ausgeklügelte Belüftung, die unter anderem Kondensation unter dem Dach verhindern sollte. Die Passage erhielt deshalb einst den passenden Beinamen „Regenschirm von Brüssel“.

Die Galeries Royales Saint-Hubert waren allerdings von Beginn an nicht nur eine Einkaufsadresse. Cafés, Restaurants, Theater und andere kulturelle Einrichtungen machten sie zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt. Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle und politische Exilanten verkehrten hier. Zu den prominenten Namen, die mit den Galerien verbunden werden, gehören Victor Hugo und Alexandre Dumas; auch Charles Baudelaire wird in historischen Darstellungen genannt. Später gehörten surrealistische Künstler und Vertreter der Cobra-Bewegung zu den Besuchern.

Auch die Geschichte des Films hinterließ hier Spuren. Am 1. März 1896 fand in den Galerien eine Vorführung mit dem Kinematographen der Brüder Lumière statt. Visit Brussels bezeichnet die Galeries Saint-Hubert als Schauplatz der ersten Kinovorstellung Belgiens. Jahrzehnte später, 1939, wurde das Cinéma des Galeries gegründet.

Eine weitere berühmte Brüsseler Tradition ist eng mit dem Ort verbunden: die belgische Praline. In der damaligen Neuhaus-Apotheke innerhalb der Galerien entwickelte die Familie Neuhaus die gefüllte Schokoladenpraline. Damit wurde die Passage nicht nur Teil der Architektur- und Kulturgeschichte, sondern auch der belgischen Genussgeschichte.

Bis heute haben die Galerien ihre ursprüngliche Mischung verschiedener Nutzungen bewahrt. Neben Luxus- und Traditionsgeschäften finden sich Chocolatiers, Cafés, Restaurants und kulturelle Einrichtungen wie das Théâtre Royal des Galeries, das Théâtre du Vaudeville, das Cinéma Galeries und die Buchhandlung Tropismes. In den oberen Etagen befinden sich Wohnungen, Hotelzimmer und Arbeitsräume. Im Théâtre Royal des Galeries erinnert zudem ein von René Magritte entworfener Wolkenhimmel an die Verbindung des Ortes mit der belgischen Kunstgeschichte.

1986 wurde der Gebäudekomplex von der Region Brüssel-Hauptstadt unter Denkmalschutz gestellt. Seit den 1990er-Jahren wurden unter anderem Fassaden, Glasdach, Theater, Wohnungen und Büroräume renoviert. Nach Angaben der Betreiber kommen heute jährlich rund sechs Millionen Besucher in die Galeries Royales Saint-Hubert. Diese Zahl ist als Betreiberangabe einzuordnen, verdeutlicht aber die anhaltende touristische und städtische Bedeutung des Ensembles.

Die eigentliche Besonderheit der Galeries Royales Saint-Hubert liegt damit weniger in einem einzelnen historischen Ereignis als in der Kontinuität ihrer ursprünglichen Idee. Fast 180 Jahre nach ihrer Eröffnung erfüllen sie noch immer mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie sind Verkehrsweg, Einkaufsstraße, Kulturort, Wohnraum und Sehenswürdigkeit. Was im 19. Jahrhundert als ambitioniertes städtebauliches Projekt begann, funktioniert bis heute als lebendiger Teil der Brüsseler Innenstadt – unter demselben gläsernen Dach.

Manneken Pis und Jeanneke Pis – Brüssels frechste Liebeserklärung an das Leben

13. September 2026

Brüssel besitzt gewaltige Bauwerke. Das Atomium ragt weithin sichtbar über die Stadt, der Grand-Place überwältigt mit seiner beinahe verschwenderischen Pracht und die Galeries Royales Saint-Hubert erzählen von Eleganz und großbürgerlicher Vergangenheit. Und doch wird Brüssel ausgerechnet von einer Figur verkörpert, die gerade einmal 58 Zentimeter groß ist und seit Jahrhunderten nichts anderes tut, als ziemlich ungeniert in einen Brunnen zu pinkeln. Manneken Pis ist vielleicht das wunderbarste Wahrzeichen, das eine europäische Hauptstadt haben kann.

Denn dieser kleine Junge aus Bronze nimmt sich selbst und damit irgendwie auch seine ganze Stadt nicht besonders ernst. Während andere Metropolen ihre Helden auf Pferde setzen, Feldherren auf monumentale Sockel stellen und Könige in Stein verewigen, präsentiert Brüssel seinen Besuchern einen nackten kleinen Kerl, der ihnen frech entgegenpinkelt. Genau darin steckt viel von dem, was den besonderen Charakter dieser Stadt ausmacht: Humor, Selbstironie, ein wenig Anarchie und die sympathische Weigerung, vor Autoritäten allzu ehrfürchtig den Kopf zu senken.

Wer Manneken Pis zum ersten Mal besucht, erlebt häufig einen fast komischen Moment. Man folgt den Menschen durch die Straßen rund um den Grand-Place, sieht plötzlich eine Ansammlung von Touristen, Smartphones und Kameras – und fragt sich: Wo ist er denn nun? Und dann entdeckt man ihn. So klein. Manche Besucher dürften im ersten Augenblick beinahe enttäuscht sein. Ist das wirklich das weltberühmte Manneken Pis?

Ja, genau das ist es. Und vielleicht gehört diese überraschende Winzigkeit sogar zum Geheimnis seiner Wirkung. Manneken Pis braucht keine Monumentalität. Er muss niemanden beeindrucken. Er steht einfach da, selbstbewusst und unbekümmert, an der Ecke Rue de l’Étuve und Rue du Chêne und tut das, was er seit Jahrhunderten tut.

Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits im 15. Jahrhundert gab es an dieser Stelle einen Brunnen, der zur Wasserversorgung Brüssels gehörte. Die heute berühmte bronzene Gestalt wurde 1619 von Jérôme Duquesnoy dem Älteren geschaffen. Aus einem Bestandteil der städtischen Wasserversorgung entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Identifikationsfigur der Brüsseler Bevölkerung.

Dabei hat der kleine Mann einiges erlebt. Er überstand die Bombardierung Brüssels von 1695, wurde mehrfach gestohlen und beschädigt und entwickelte sich immer stärker zu einem Symbol der Stadt. Das historische Original steht deshalb heute geschützt im Brüsseler Stadtmuseum am Grand-Place. Am bekannten Brunnen befindet sich eine Replik. Das ändert jedoch nichts an der Faszination. Für die Menschen, die sich vor der kleinen Figur versammeln, bleibt es Manneken Pis.

Natürlich wäre Manneken Pis nicht Manneken Pis, wenn es nicht zahlreiche Geschichten darüber gäbe, warum dieser kleine Junge überhaupt dort steht. Eine der schönsten Legenden erzählt von einem Jungen, der Brüssel vor einer Katastrophe gerettet haben soll. Feinde hätten versucht, die Stadt zu zerstören, eine bereits brennende Lunte drohte das Unheil auszulösen. Doch der kleine Junge tat das Naheliegende – zumindest für ihn: Er urinierte darauf und löschte die Lunte. Brüssel war gerettet.

Historisch belegt ist diese Geschichte natürlich nicht. Aber sie passt hervorragend zu Manneken Pis. Andere Städte hätten aus einem solchen Retter vermutlich einen Ritter mit Schwert gemacht. Brüssel lässt einen kleinen Jungen die Stadt retten, weil er zufällig im entscheidenden Augenblick pinkeln musste. Man kann den besonderen Brüsseler Humor kaum schöner zusammenfassen.

Noch ungewöhnlicher ist die Tradition, Manneken Pis einzukleiden. Zu besonderen Anlässen trägt er Uniformen, Trachten, Sportkleidung und zahllose andere Kostüme. Diese Tradition reicht Jahrhunderte zurück, und inzwischen besitzt der kleine Brüsseler eine Garderobe mit weit mehr als tausend Kleidungsstücken. Seine Kostüme sind längst selbst zu einem Stück Stadtgeschichte geworden.

Die Kostüme machen aus der kleinen Brunnenfigur etwas Lebendiges. Manneken Pis ist kein Denkmal, das irgendwann aufgestellt wurde und seitdem unverändert geblieben ist. Er nimmt gewissermaßen am Leben der Stadt teil. Er wird eingekleidet, gefeiert und zum Mittelpunkt kleiner Zeremonien. Vielleicht lieben ihn die Brüsseler deshalb so sehr. Er steht nicht über ihnen. Er ist einer von ihnen.

Doch irgendwann stellte sich eine naheliegende Frage: Warum darf eigentlich seit Jahrhunderten nur ein kleiner Junge öffentlich in einen Brunnen pinkeln? Brüssel wäre nicht Brüssel, wenn die Antwort darauf in einer langen kulturpolitischen Debatte gesucht worden wäre. Stattdessen bekam Manneken Pis weibliche Gesellschaft.

Jeanneke Pis
Versteckt in der kleinen Impasse de la Fidélité, der „Gasse der Treue“, sitzt seit 1987 Jeanneke Pis. Auch sie ist aus Bronze, ungefähr 50 Zentimeter groß – und auch sie verrichtet völlig unbekümmert ihr kleines Geschäft. Entworfen wurde sie Mitte der 1980er-Jahre von Denis-Adrien Debouvrie. 1987 wurde sie der Öffentlichkeit präsentiert.

Und Jeanneke ist eine herrliche Erscheinung. Sie hockt da, die Haare zu kleinen Zöpfen gebunden, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen kindlicher Freude, Frechheit und völliger Unbekümmertheit liegt. Wer sie zum ersten Mal entdeckt, muss fast zwangsläufig lächeln.

Dabei ist der Besuch bei Jeanneke ganz anders als die Begegnung mit ihrem berühmten männlichen Gegenstück. Manneken Pis steht mitten im touristischen Trubel. Rund um ihn drängen sich Menschen, Reisegruppen bleiben stehen, Smartphones werden hochgehalten und Souvenirläden verkaufen seine Gestalt in nahezu jeder denkbaren Form.

Jeanneke muss man dagegen beinahe suchen. Man biegt von den belebten Straßen des Zentrums ab und gelangt in die schmale Impasse de la Fidélité. Plötzlich wird die Welt kleiner. Zwischen Häuserfassaden und Gastronomie entdeckt man schließlich die kleine Bronzefigur. Und genau diese Entdeckung macht einen Teil ihres Reizes aus.

Jeanneke wirkt wie ein kleiner Insiderwitz der Stadt. Als hätte Brüssel irgendwann beschlossen: Wenn alle Welt unseren pinkelnden Jungen sehen möchte, dann stellen wir eben noch ein Mädchen dazu. Hinter ihrer Entstehung steckte allerdings auch der Wunsch, mehr Menschen in die damals weniger frequentierte Gasse zu locken. Gleichzeitig wurde Jeanneke zum weiblichen Gegenstück von Manneken Pis und damit augenzwinkernd auch als Zeichen der Gleichberechtigung verstanden. Vor allem aber verkörpert sie ebenfalls die Brüsseler „Zwanze“ – jenen schwer übersetzbaren, respektlosen und selbstironischen Humor der Stadt.

Besonders schön ist die Legende, die sich im Laufe der Zeit um Jeanneke Pis entwickelt hat. Schließlich steht sie nicht irgendwo. Ihre Heimat heißt Impasse de la Fidélité – Gasse der Treue. Wer gemeinsam mit seinem geliebten Menschen Jeanneke besucht, dem soll sie der Überlieferung nach Treue versprechen. Besucher werfen deshalb Münzen in das Becken des Brunnens. So bekommt ausgerechnet diese freche kleine Figur etwas überraschend Romantisches. Vielleicht ist das typisch Brüssel: Selbst die Romantik darf hier ein wenig schräg sein.

Manneken Pis und Jeanneke Pis erzählen gemeinsam viel über Brüssel. Natürlich könnte man beide Figuren als touristische Kuriositäten abtun. Man könnte schnell ein Foto machen, darüber lachen und weitergehen. Aber damit würde man etwas übersehen. Manneken Pis ist über Jahrhunderte zu einem Symbol für die Lebensfreude und die Fähigkeit der Brüsseler zur Selbstironie geworden. Jeanneke führt diesen Gedanken auf ihre eigene Weise fort. Sie ist jünger, versteckter und vielleicht noch ein bisschen frecher.

Beide verweigern sich jeder Form von Pathos. Und vielleicht passen sie gerade deshalb so wunderbar zu Brüssel. Denn diese Stadt lebt von Gegensätzen. Hier stehen prächtige historische Fassaden neben Comic-Wandbildern. Europäische Institutionen treffen auf alte Bierkneipen. Königliche Geschichte begegnet surrealistischem Humor. Pralinen, Pommes, Jugendstil, Jacques Brel, René Magritte und belgisches Bier existieren scheinbar mühelos nebeneinander. Und mittendrin pinkeln zwei kleine Bronzefiguren auf jede Form übertriebener Feierlichkeit.

Für mich liegt genau darin der Zauber von Manneken Pis und Jeanneke Pis. Sie erzählen eine Geschichte darüber, dass eine Stadt nicht immer groß auftreten muss, um eine starke Identität zu besitzen. Manneken Pis ist winzig – und dennoch weltberühmt. Jeanneke Pis versteckt sich in einer Sackgasse – und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis.

Wenn man beide besucht hat, versteht man Brüssel vielleicht ein kleines bisschen besser. Diese Stadt kann prächtig sein, politisch bedeutend, historisch schwergewichtig und europäisch weltläufig. Aber sie besitzt gleichzeitig die wunderbare Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Und so stehen beziehungsweise hocken Manneken und Jeanneke dort und erinnern uns an etwas, das vielen großen Denkmälern fehlt: Man muss nicht auf einem hohen Sockel stehen, um ein Wahrzeichen zu sein. Manchmal reichen ein halber Meter Bronze, ein Wasserstrahl und eine gehörige Portion Frechheit.