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Ein Bier, ein Augenblick und die Seele des alten Brüssel in den Kneipen

12. September 2026

Brüssel hat eine hohe Kneipendichte und eine noch größere Bierauswahl. Nicht jedes Bier ist für einen an das Reinheitsgebot gewöhnten Bayern genießbar, aber die Auswahl ist enorm. Ich will zwei Kniepern herausstellen, in denen ich in Brüssel zeitweise versumpft bin: Poechenellekelder und

Poechenellekelder
Wer Brüssel wirklich spüren möchte, sollte irgendwann die Tür des Poechenellekelder öffnen. Nur wenige Schritte vom Manneken Pis entfernt liegt diese eindrucksvolle Kneipe in der Rue du Chêne – ein Ort, der weniger wie ein gewöhnliches Lokal und mehr wie ein begehbares Stück Brüsseler Seele wirkt. Seit 1991 gehört der Poechenellekelder hier zum Stadtbild und ist längst selbst Teil der Brüsseler Folklore geworden. Die Nähe zum Manneken Pis sorgt dafür, dass natürlich sehr viele Touristen hereinschauen, dessen sollte man sich gewiss sein.

Schon beim Betreten bleibt der Blick überall hängen. Alte Fotografien und Stiche bedecken die Wände, dazu kommen Puppen, Figuren, Plakate und unzählige Erinnerungsstücke rund um Brüssel und natürlich das berühmteste kleine Kerlchen der Stadt: Manneken Pis. Man hat beinahe das Gefühl, in eine über Jahrzehnte zusammengetragene Wunderkammer geraten zu sein. Nichts wirkt glatt oder durchgestylt. Gerade dieses scheinbare Durcheinander macht den Charme aus.

Dann sitzt man zwischen all diesen Geschichten, bestellt sich eines der zahlreichen belgischen Biere und lässt den Raum wirken. Stimmen vermischen sich mit dem Klirren der Gläser, Menschen aus aller Welt sitzen neben Brüsselern, und für einen Moment scheint die hektische Stadt draußen ziemlich weit entfernt zu sein. Der Poechenellekelder versteht sich ganz bewusst als traditionelles Brüsseler „Estaminet“ – als Kneipe, in der man zusammenkommt, erzählt, diskutiert und bei einer Gueuze die Zeit vergisst. Zum Bier habe ich Blauschimmelkäse gegessen.

Besonders schön ist die enge Verbindung zum Manneken Pis. Im März 2026 bekam das Brüsseler Wahrzeichen sogar ein eigenes Poechenellekelder-Kostüm – passend zum 35-jährigen Bestehen des Lokals. Das sagt eigentlich alles über den Stellenwert dieser Kneipe aus: Der Poechenellekelder ist nicht einfach nur ein Platz, an dem Bier ausgeschenkt wird. Er gehört inzwischen selbst zu jener eigentümlichen Mischung aus Humor, Selbstironie, Geschichte und Lebensfreude, die Brüssel so sympathisch macht.

Vielleicht ist genau das das Schönste an diesem Ort: Man kommt wegen eines Bieres hinein und bleibt wegen der Atmosphäre. Und wenn man später wieder hinaus auf die Straße tritt und wenige Meter weiter Manneken Pis begegnet, hat man das Gefühl, Brüssel ein kleines bisschen besser verstanden zu haben.

⁠À La Mort Subite
Es gibt Kneipen, in die man auf ein Bier geht. Und es gibt Kneipen, in denen man das Gefühl bekommt, durch eine Tür direkt in eine andere Zeit getreten zu sein. À La Mort Subite gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Nur wenige Schritte von den Galeries Royales Saint-Hubert entfernt liegt dieses legendäre Brüsseler Café in der Rue Montagne aux Herbes Potagères. Wer den großen Gastraum betritt, begegnet einem Brüssel, das sich erstaunlich erfolgreich gegen die Moderne gewehrt hat. Spiegel an den Wänden, lange Sitzbänke, dunkles Holz, alte Fotografien, hohe Decken und dieses warme Licht schaffen eine Atmosphäre, die nicht künstlich auf „historisch“ getrimmt werden musste. Sie ist einfach da. Das Lokal bewahrt bis heute weitgehend den Charakter eines alten Brüsseler Bistros.

Man möchte sich hinsetzen, eine Gueuze oder ein anderes belgisches Bier bestellen und erst einmal schauen. Auf die Kellner, die durch den Raum gehen. Auf die Gäste, die miteinander reden. Auf die Spiegel, in denen sich das Leben der Kneipe vervielfacht. Und irgendwann beginnt man sich vorzustellen, wer hier wohl schon alles gesessen hat. Selbst Jacques Brel gehörte zu den Stammgästen; Künstler, Schriftsteller und Schauspieler gingen hier ein und aus.

Auch der merkwürdige Name erzählt eine herrlich Brüsseler Geschichte. Um 1910 führte Théophile Vossen in der Nähe ein Lokal namens „La Cour Royale“. Gäste der Nationalbank vertrieben sich dort beim Würfelspiel Pitjesbak die Wartezeit. Musste eine Partie schnell beendet werden, entschied ein letzter Wurf über Sieg oder Niederlage – die „Mort Subite“, der plötzliche Tod. Der Ausdruck wurde schließlich zum Namen des Lokals und später auch der Gueuze. 1928 zog das Café an seinen heutigen Standort.

Vielleicht liegt genau darin die Magie von À La Mort Subite. Geschichte wird hier nicht hinter Glas ausgestellt. Man kann sich mitten hineinsetzen. Man bestellt ein Bier, hört das Stimmengewirr, betrachtet die alten Spiegel und lässt für eine Weile die Stadt draußen vorbeiziehen.

Und plötzlich versteht man, dass Brüssel nicht nur aus Grand-Place, Atomium, Manneken Pis und prächtigen Galerien besteht. Brüssel findet auch an einem alten Holztisch statt, vor einem Glas Gueuze, während rundherum geredet, gelacht und getrunken wird.

À La Mort Subite ist keine Kneipe, die man einfach besucht. Es ist ein Ort, den man ein wenig in Erinnerung mitnimmt. Gerne hätte ich hier mein MacBook aufgeschlagen und über die Atomsphäre gebloggt. Leider war das im Hotel eingeschlossen, so blieben nur Notizen.

Ein verlorenes Kind, das weiter lebt – Annie in Mary King’s Close – Spukgeschichte

7. Juli 2025

Ich liebe Spukgeschichten seit ich ein Kind bin. Die Vorstellung von Geistern lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen und übt eine Faszination auf mich aus. Da bin ich in Schottland ja an der richtigen Stelle und bin in Edinburgh in der Mary King’s Close fündig geworden. Danke Isi für den Tipp.

In den Schatten unterhalb der Royal Mile, tief in den Gewölben von Mary King’s Close, lebt eine Geschichte, die so leise beginnt wie ein Atemzug – und doch von einer Traurigkeit durchdrungen ist, die den Raum erfüllt wie kalter Nebel: die Geschichte von Annie, dem verlorenen Kind.

Mary King’s Close ist eine historische Gasse im Herzen der Altstadt von Edinburgh, die heute unter der Royal Mile liegt. Im 17. Jahrhundert war sie ein belebter Wohn- und Handelsort, benannt nach der wohlhabenden Händlerin Mary King. Durch den Bau des heutigen Rathausgebäudes wurde die Gasse teilweise überbaut und geriet lange in Vergessenheit. Heute gilt sie als faszinierende Touristenattraktion, die Besuchern einen authentischen Einblick in das Leben der Menschen im mittelalterlichen Edinburgh bietet – inklusive Geschichten über Pest, Aberglauben und das harte Alltagsleben der damaligen Zeit.

Man sagt, der Geist von Annie sei dort – in einem kleinen, abgetrennten Raum, verborgen hinter den Mauern der Vergangenheit. 1992 war es die japanische Spiritistin Aiko Gibo, die als Erste ihre Gegenwart spürte: Ein kleines Mädchen, verlassen in einer Zeit der Pest, voller Sehnsucht nach etwas, das mehr war als ein Spielzeug – ihre Puppe, ihre Familie, ihre Heimat in einer Welt, die sie vergessen hatte. Gibo spürte ein Ziehen an der Hand, am Bein, als würde ein Kind um Aufmerksamkeit bitten – nicht aggressiv, sondern einsam. Und so hinterließ sie eine Geste der Versöhnung: eine Puppe im Tartan-Kleid. Eine kleine Barbie, die fortan Frieden brachte. Seither nennen sie den Ort Annie’s Room. Ich habe einen Film von der vermeintlichen Geisterbegegnung gefunden.

Und etwas geschah. Besucher aus aller Welt begannen, Gaben zu hinterlassen – Stofftiere, Kinderzeichnungen, kleine Erinnerungsstücke. Feuerwehrabzeichen, als wolle jemand das verlorene Kind retten. Der Boden des Raumes ist heute übersät mit Puppen, als hätte man das Leid mit Anteilnahme überschreiben wollen. Der Raum atmet schwer, sagen einige. Andere berichten von plötzlicher Kälte, vom Gefühl, beobachtet zu werden, vom Ziehen an der Wade, als würde ein kleines Mädchen dich bemerken, wenn du nicht achtsam bist. Ich muss zugeben, ich habe nichts gespürt außer meinem journalistischen Interesse für die Geschichte.

Historisch ist Annie kaum greifbar. Es gibt Hinweise auf ein Kind zur Zeit der Pest, die Tochter einer Jean McKenzie, doch nichts Konkretes. Vielleicht ist Annie ein modernes Märchen, geboren aus Düsternis und dem Bedürfnis nach einer greifbaren Seele inmitten der Kälte alter Steine.

2018 verschwand die ursprüngliche Puppe. Niemand weiß, wohin. Die Öffentlichkeit reagierte mit Bestürzung. Der Hashtag #BringBackTheDoll verbreitete sich wie ein digitales Gebet. Ob sie zurückkam, bleibt ungeklärt – aber der Raum füllt sich weiter. Die Puppen, die Geschichten, das Gefühl.

Wer den Close betritt und sich in Annie’s Room wiederfindet, spürt mehr als nur feuchte Luft und gedimmtes Licht. Es ist, als ob der Raum atmet. Als würde er beobachten. Vielleicht ist Annie nichts weiter als ein Gedanke. Vielleicht ist sie alles, was bleibt, wenn man ein Kind vergisst.