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Konzertkritik: Emmylou Harris in Brüssel

20. September 2026

Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die einen über Jahrzehnte begleiten. Man kauft ihre Platten, hört ihre Musik in unterschiedlichen Phasen des eigenen Lebens und verbindet irgendwann ganz persönliche Erinnerungen mit bestimmten Songs. Und dann sitzt man plötzlich in einem Konzertsaal und weiß: Vielleicht ist das heute das letzte Mal. So ging es mir bei Emmylou Harris in Brüssel.

Ich habe meinen Jahresurlaub so gelegt, dass ich diese große Dame noch einmal live sehen konnte. Nachdem mir London einfach zu teuer wahr, wählte ich Brüssel als Veranstaltungsort. Sie gastierte im Kulturzentrum, BOZAR. Ihre Tournee trägt den unmissverständlichen Namen „European Farewell Tour“. Allein diese beiden Worte veränderten für mich den Abend. Es war eben nicht einfach ein weiteres Konzert einer Musikerin, die ich seit vielen Jahren schätze. Es war möglicherweise ein Abschied von Emmylou Harris auf einer europäischen Bühne.

Und Abschiede verändern die Wahrnehmung. Mit 79 Jahren muss Emmylou Harris niemandem mehr etwas beweisen. Vierzehn Grammys, unzählige Alben und Zusammenarbeiten mit einigen der bedeutendsten Musikerinnen und Musiker der amerikanischen Musikgeschichte sprechen für sich. Sie hat Country, Folk und das, was wir heute Americana nennen, über Jahrzehnte geprägt. Vor allem aber besitzt sie eine Gabe, die sich nicht in Auszeichnungen messen lässt: Emmylou Harris kann einen Song so singen, dass man glaubt, er sei ausschließlich für diesen einen Augenblick geschrieben worden.

Natürlich hat sich ihre Stimme verändert. Die kristallklare Höhe früherer Jahrzehnte ist zerbrechlicher geworden, manches klingt leiser und vorsichtiger. Aber genau das empfand ich nicht als Schwäche. Im Gegenteil. Diese Stimme trägt heute etwas in sich, das keine Gesangstechnik ersetzen kann: gelebtes Leben.

Man hört die Jahrzehnte. Man hört Abschiede, Freundschaften, Verluste und Erinnerungen. Und vielleicht hört man manchmal sogar ein wenig Müdigkeit. Aber dann genügt eine einzige Phrase, und plötzlich ist sie wieder da, diese unverwechselbare Emmylou-Harris-Magie. Ich liebe vor allem ihre Gram Parsons-Phase.

Unterstützt wurde sie von den Red Dirt Boys, einer zurückhaltenden Band. Hier wollte niemand zeigen, wie virtuos er spielen kann. Die Musiker dienten den Liedern. Besonders schön waren für mich die Momente mit Fiddle und Mandoline. Sie gaben der Musik diese warme, erdige Americana-Farbe, die perfekt zu Harris passte.

Und dann kamen die Erinnerungen. „Red Dirt Girl“, „Pancho & Lefty“, „Kern River“ oder „Orphan Girl“ – das waren für mich keine Nummern auf einer Setlist. Mit jedem Song öffnete sich eine andere Tür in die Vergangenheit. Namen wie Townes Van Zandt, Merle Haggard, Steve Earle, Neil Young oder Johnny Cash standen plötzlich mit im Raum.

Und natürlich Gram Parsons. Ohne ihn lässt sich die Geschichte von Emmylou Harris kaum erzählen. Ihre leider kurze musikalische Zusammenarbeit wurde zu einem entscheidenden Kapitel ihres Lebens. Parsons starb 1973 mit gerade einmal 26 Jahren, aber musikalisch hat er Harris nie wirklich verlassen. Als sie in Brüssel „The Road“ sang, war das für mich deshalb einer der intensivsten Momente des Konzerts. Keine große Inszenierung, kein Pathos. Nur eine Frau, ihre Stimme, ein Lied und die Erinnerung an einen Menschen, der vor mehr als einem halben Jahrhundert gestorben ist.

Plötzlich war es sehr still. Solche Augenblicke sind der Grund, weshalb ich noch immer Konzerte besuche. Ich schloss die Augen und genoss. Eine Aufnahme kann perfekt sein. Eine Schallplatte kann man hundertmal hören. Aber diesen einen Moment gibt es nur einmal. Danach ist er vorbei.

Auch „Goodbye“ bekam an diesem Abend eine andere Bedeutung. Steve Earles wunderbarer Song gehört für mich ohnehin zu den großen Aufnahmen aus Harris’ „Wrecking Ball“-Zeit. Doch auf einer Abschiedstournee lässt sich ein Lied mit diesem Titel kaum neutral hören. Das Wort Goodbye stand gewissermaßen über dem ganzen Abend.

Besonders berührt hat mich auch die Erinnerung an Dolly Parton. Mit „When We’re Gone, Long Gone“ führte Harris zurück zu „Trio II“ und damit zu jener wunderbaren musikalischen Verbindung zwischen Emmylou Harris, Dolly Parton und Linda Ronstadt. Drei Stimmen, drei außergewöhnliche Frauen und ein Stück amerikanischer Musikgeschichte.

Vielleicht war das überhaupt das große Thema dieses Konzerts: Erinnerung. Emmylou Harris hat nie nur ihre eigene Karriere verwaltet. Sie war immer auch eine Bewahrerin von Songs und Geschichten. Sie hat Lieder anderer Komponisten aufgenommen und ihnen ihre eigene Handschrift gegeben, ohne ihnen die Seele zu nehmen. Sie hat Musiker ins Rampenlicht geholt, Namen weitergetragen und musikalische Traditionen miteinander verbunden.

Deshalb passte Neil Youngs „Long May You Run“ für mich so wunderbar in diesen Abend. Long may you run. Mögest du noch lange weiterlaufen. Man konnte diese Worte an diesem Abend kaum hören, ohne sie auf Emmylou Harris selbst zu beziehen. Und schließlich „Save the Last Dance for Me“.