Posts Tagged ‘Kaufingerstraße’

Unter unseren Schritten verborgen: der Schöne Turm und die traurige Sage vom armen Goldschmied von München

29. März 2026

So viele laufen darüber hinweg und schauen nicht nach unten, wenn sie durch Münchens Fußgängerzone laufen. Sie laufen über den Grundriss des schönen Turms hinweg, der einstmals vor dem Hirmer stand.


Der Schöne Turm war eines der markanten mittelalterlichen Stadttore Münchens. Er stand am Übergang zwischen Tal und Kaufingerstraße und markierte damit einen wichtigen Zugang zur Altstadt. Ursprünglich handelte es sich um das sogenannte Obere Tor beziehungsweise Kaufingertor, das Teil der Münchner Stadtbefestigung war. Später erhielt der Bau nach seiner Wiederherstellung den Namen „Schöner Turm“. Heute existiert der Turm selbst nicht mehr, doch sein früherer Standort liegt inmitten der heutigen Fußgängerzone im historischen Zentrum Münchens. Damit erinnert dieser Ort daran, dass die heute stark vom Handel und vom Fußgängerverkehr geprägte Innenstadt einst von Mauern, Toren und Türmen bestimmt war. Der Schöne Turm ist deshalb vor allem ein historischer Bezugspunkt, der die Entwicklung Münchens von der befestigten Residenzstadt zur offenen modernen Innenstadt anschaulich macht.

Armer Goldschmied
Aber der schöne Turm ist auch mit der Geschichte des armen Goldschmieds verbunden. Eine Statue von hängt an der Ecke des Hirmer Kaufhauses.
Die Geschichte vom armen Goldschmied gehört zu den bekanntesten Münchner Sagen. Sie spielt am Schönen Turm. Der Überlieferung nach arbeitete dort einst ein Goldschmied in einer kleinen Werkstatt. Ein wohlhabender Auftraggeber brachte ihm ein kostbares Schmuckstück und verlangte, dass er es nacharbeite. Der Goldschmied machte sich an die Arbeit, doch als er nach einer Unterbrechung in seine Werkstatt zurückkehrte, war das wertvolle Geschmeide verschwunden. Türen und Fenster schienen verschlossen, ein Einbruch war nicht zu erklären. Der Auftraggeber glaubte an Diebstahl, der Goldschmied wurde vor Gericht gestellt und trotz seiner Beteuerungen für schuldig gehalten. Schließlich wurde er zum Tode verurteilt.

Als man ihn durch den Schönen Turm zur Hinrichtung führte, soll er noch einmal seine Unschuld beteuert haben. Erst später kam die Wahrheit ans Licht: Bei Arbeiten am Turm fand man in einem Elsternest das verschwundene Schmuckstück. Offenbar hatte ein Vogel den glänzenden Gegenstand aus der Werkstatt gestohlen und in sein Nest getragen. Damit war klar, dass der Goldschmied unschuldig gewesen war. 
Noch heute erinnert an der Kaufingerstraße eine Figur an den zu Unrecht verurteilten Goldschmied. Der Sage nach wurde der arme Goldschmied zunächst in einem „unehrlichen Grab“ bestattet und später am Kreuzkirchlein beziehungsweise an der Mauer der Kreuzkirche feierlich beigesetzt, nachdem seine Unschuld bekannt geworden war. Das ist allerdings Teil der Überlieferung, kein gesichertes historisches Grabregister.

Buchtipp: Das München Album von Gerhard Holzheimer und Katja Sebald

20. März 2025

Aus einer München-Gruppe habe ich am Rande eines Postings einen schönen nostalgischen Buchtipp bekommen. Das München Album von Gerhard Holzheimer und Katja Sebald. Beide sind im oberbayerischen Raum keine Unbekannte – Holzheimer ist Schriftsteller, Sebald ist Journalistin und Kuratorin.

Mit dem Buch das München Album hatten sie eine nette Idee. Menschen sollten ihre alten Fotoalben sichten oder auf dem Dachboden alte Fotos suchen und ihr persönliches zeitgeschichtliches Album anlegen. Mit dem München Album haben sie es uns vorgemacht. Viele Fotos wurden aufgetrieben, chronologisch geordnet und mit erklärenden Texten ergänzt. Einige Fotos aus dem Buch stammten aus dem Privatbesitz, andere aus Archiven – das passt zwar nicht zur ursprünglichen Idee der Fotos vom Dachboden, aber egal.

Ich habe diesen Streifzug durch die Stadtgeschichte genossen und es hat mich inspiriert, was für mich das Wichtigste ist. Die Bilder und Geschichten begannen nach dem Zweiten Weltkrieg als München zerbombt war und von US-Truppen besetzt wurde. München – eine Stadt voller Kontraste, eine Stadt, die sich neu erfand. In den Jahren nach dem Krieg erhob sie sich aus den Trümmern, die Wunden der Vergangenheit noch sichtbar, aber der Blick nach vorne gerichtet. Die Straßen füllten sich mit Leben, mit Menschen, die Träume hatten, mit Geschäftsleuten, die von Aufschwung sprachen, mit Familien, die sich ein neues Zuhause schufen. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders, eine Epoche, in der der Glanz der Zukunft die Schatten der Geschichte überstrahlen sollte.

Die Frauen in eleganten Kleidern, die Männer mit Hüten, das geschäftige Treiben auf der Kaufingerstraße – all das erzählte von einem München, das wieder pulsierte. Biergärten füllten sich mit Lachen, und sonntags strömten die Menschen in Scharen an die Isar, um sich eine Pause vom neu entfachten Arbeitseifer zu gönnen. Die Stadt blühte auf, zwischen den frisch errichteten Gebäuden und den letzten Narben des Krieges.

Doch mit der aufstrebenden Moderne kam auch der Widerstand. In den Hörsälen der Universitäten keimte eine neue Bewegung heran – eine Generation, die nicht nur von Wohlstand sprach, sondern von Veränderung, von Freiheit. Der Muff der Vergangenheit sollte nicht in den Polstern der Republik hängen bleiben. In Schwabing und an der Ludwig-Maximilians-Universität formierten sich junge Stimmen gegen alte Strukturen. Proteste, Diskussionen, Aufbruch – München wurde zur Bühne für eine neue Zeit.

Zwischen den Wirtschaftswunderjahren und den brennenden Fragen der Jugend lag eine Stadt im Wandel. Eine Stadt, die wuchs, die sich formte, die Altes bewahrte und Neues herausforderte. Ein München, das lebte, das stritt, das lachte – und das sich, egal in welcher Zeit, immer wieder neu erfand.

Ich erbte von meinen verstorbenen Eltern ihre Fotoalben. Darin Hunderte von Fotos von Menschen und Ereignissen, die mir unbekannt waren. Ab und zu gab es aber Schnappschüsse, die einen gewissen historischen Wert haben, wie beispielsweise die Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit an denen mein Papa in Berlin teilgenommen hat. Oder Hochwasser am Rhein mit einem überschwemmten Deutschen Eck in Koblenz. Oder Spaziergänge meiner Eltern in der Mode der Sechziger und später Siebziger Jahre.