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Ein kleiner Griff nach Glück – die Löwennasen der Münchner Residenz

13. Mai 2026

Es sind die kleinen Geschichten, die mir an einer Stadt wie München einfach gefallen. Geschichten liegen quasi vor den Füßen, man muss nur hinschauen. So geschehen bei meinem Besuch der Residenz in München zu der ich zum Roman Herzog Forschungspreis eingeladen war.


Beim Warten auf meine Gattin fielen mir der bayerische Löwe auf, der vor dem Eingang zur Residenz aufgestellt war. Vor der Münchner Residenz berührt man die Nase des bayerischen Löwen, weil daraus im Lauf der Zeit ein beliebter Münchner Glücksbrauch geworden ist. Wer an den Bronzelöwen am Eingang der Residenz vorbeikommt, streicht kurz über die glänzende Nase – oft ganz beiläufig im Vorübergehen, manchmal bewusst vor einer Prüfung, einem wichtigen Termin oder einfach, weil man ein bisschen Glück gebrauchen kann. Genau deshalb sind die Nasen der Löwen so auffällig hell und blank: Nicht, weil sie ursprünglich anders gestaltet waren, sondern weil unzählige Hände sie über Jahre hinweg poliert haben. Eigentlich handelt es sich dabei nicht um die Nase des großen Löwen selbst, sondern um die kleinen Löwenköpfe beziehungsweise Masken auf den Schilden, die die großen Bronzelöwen in ihren Tatzen halten. Im Alltag spricht man aber einfach von den „Löwennasen“ an der Residenz.

Die wahren Wächter der Tugend
Eigentlich berühren die Menschen nicht die Schnauzen der großen Wappentiere selbst, sondern die sogenannten Maskarons – kleine Fratzenköpfe am unteren Ende der bronzenen Schilde, die von den vier Löwen gehalten werden. Diese Statuen, die den westlichen Eingang bereits seit dem 17. Jahrhundert bewachen, repräsentieren die vier Kardinalstugenden eines würdigen Herrschers: Klugheit, Gerechtigkeit, Stärke und Mäßigkeit. Einem erweiterten Aberglauben zufolge sollen diese Tugenden auf diejenigen übergehen, die die Schnauzen streicheln, wobei das Glück angeblich nur dann eintritt, wenn man alle vier Schilde nacheinander berührt.

Der Brauch lebt vor allem von der einfachen Vorstellung, dass das Berühren Glück bringt. Solche Rituale gibt es in vielen Städten: Man reibt an einer bestimmten Statue, legt eine Hand auf ein Denkmal oder berührt eine Figur, weil Generationen von Menschen es vor einem schon getan haben. Dadurch wird aus einem Kunstwerk ein Teil des städtischen Alltags. Bei den Löwen vor der Residenz passt das besonders gut, weil der Löwe in Bayern ohnehin ein starkes Symbol ist: Er steht für Herrschaft, Stärke, Schutz und bayerische Identität. Vor der ehemaligen Residenz der Wittelsbacher wirken die Löwen wie Wächter am Eingang – und gerade deshalb eignet sich die kleine Geste des Berührens so gut als persönlicher Glücksmoment mitten in der Stadt.

Um die Löwennasen rankt sich außerdem eine Münchner Legende aus dem Jahr 1848. Sie erzählt von einem Studenten, der eine Spottschrift gegen Lola Montez, die Geliebte König Ludwigs I., verfasst und an der Residenz angebracht haben soll. Statt zu fliehen, habe er sich später mutig gestellt. Der König soll ihm daraufhin nicht nur verziehen, sondern ihn sogar belohnt haben. Ob diese Geschichte historisch in allen Einzelheiten stimmt, ist weniger wichtig als ihre Wirkung: Sie erklärt den Brauch als Erinnerung an Mut, Glück und einen unerwartet guten Ausgang. Wer heute die Nase berührt, knüpft also an eine Mischung aus Aberglauben, Stadtlegende und Münchner Tradition an. 

Die Löwen selbst gehören schon seit Jahrhunderten zum Erscheinungsbild der Residenz. Die Bayerische Schlösserverwaltung beschreibt sie als bronzene Torwächter; die Figuren gehen auf die frühe Neuzeit zurück und waren ursprünglich Teil eines größeren dynastischen und künstlerischen Zusammenhangs. Weil die Originale durch Witterung und ständige Berührungen stark belastet wurden, stehen vor Ort inzwischen Repliken, während die kostbaren Originale geschützt werden. Der Brauch ist dadurch aber nicht verschwunden. Im Gegenteil: Gerade die blank geriebenen Nasen zeigen, dass diese Figuren nicht nur Museums- oder Denkmalsobjekte sind, sondern lebendige Stadtzeichen. 

Kurz gesagt: Man berührt die Nase des Löwen vor der Münchner Residenz, weil es Glück bringen soll. Dahinter steckt keine offizielle Zeremonie, sondern ein gewachsener Volksbrauch – eine kleine, liebevolle Münchner Gewohnheit, die Geschichte, Aberglauben und Stadtidentität miteinander verbindet. Und natürlich habe ich es auch gemacht.