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Wenn die fahrerlose U-Bahn wie ein Wunder wirkt

18. April 2026

Wenn ich in Nürnberg bin, kommt wieder das Kind in mir hervor. Ich freue mich riesig, wenn ich mich in der U-Bahn ganz vorne an die Scheibe stellen kann. Denn Nürnberg hat eine fahrerlose U-Bahn und ich ergötze mich an der Fahrt durch die Tunnel.

Als gescheiterter Verkehrsgeograf habe ich neben der Faszination noch einen eher wissenschaftlicheren Blick auf das Verkehrsmittel. Die fahrerlose U-Bahn-Linie U3 in Nürnberg ist weit mehr als nur eine weitere Nahverkehrslinie. Sie steht für einen tiefen Wandel im städtischen Verkehr, für technischen Mut und für den Versuch, eine wachsende Stadt mit modernen Mitteln beweglich zu halten. Als die U3 am 14. Juni 2008 in Betrieb ging, war sie die erste vollautomatische U-Bahn Deutschlands. Das war damals nicht nur ein regionales Ereignis, sondern ein verkehrspolitisches Signal weit über Franken hinaus. Nürnberg zeigte damit, dass öffentlicher Nahverkehr nicht zwangsläufig an herkömmliche Betriebsformen gebunden sein muss, sondern auch mit digitalen und automatisierten Systemen leistungsfähiger werden kann. Der Schritt zur fahrerlosen Bahn war dabei keine Spielerei und auch kein Prestigeprojekt ohne praktischen Nutzen, sondern eine konkrete Antwort auf ein betriebliches Problem: Die neue U3 sollte sich im Innenstadtbereich einen Abschnitt mit der bereits bestehenden U2 teilen. Damit beide Linien auf derselben Strecke mit hoher Dichte fahren konnten, ohne dass der Betrieb der U2 eingeschränkt werden musste, entschied man sich für die Automatisierung. Genau darin lag der eigentliche historische Kern des Projekts. Die Technik war also nicht Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, den Netzausbau überhaupt sinnvoll zu realisieren. 

So kam es
Die Geschichte der U3 ist deshalb eng mit dem größeren Umbau des Nürnberger U-Bahn-Systems verbunden. Nürnberg hatte zwar schon seit 1972 eine U-Bahn, doch mit der U3 begann ein neues Kapitel. Die Automatisierung wurde im Projekt „RUBIN“ vorbereitet, also der Realisierung einer automatisierten U-Bahn in Nürnberg. Dabei mussten Fahrzeuge, Stellwerke, Strecke und Leittechnik miteinander vernetzt werden. Hinzu kam, dass Nürnberg damals Neuland betrat: Die Umstellung geschah nicht auf einem abgeschotteten Testnetz, sondern im laufenden Betrieb. Gerade diese Besonderheit machte die Nürnberger Lösung international interessant. Die vorhandene U2 lief weiter, während parallel die Grundlagen für den automatischen Betrieb geschaffen wurden. Die Stadt und die VAG gingen damit bewusst ein technisches Risiko ein, das sich aus heutiger Sicht ausgezahlt hat. Nürnberg wurde zu einem der bekanntesten Beispiele dafür, dass Automatisierung im öffentlichen Verkehr nicht nur theoretisch funktioniert, sondern im Alltag über viele Jahre stabil laufen kann.

Ich hatte gehofft, dass dieses erfolgreiche Projekt auch auf andere bayerische Städte wie München übertragen wird, aber davon ist nichts geschehen. Daher bleibt Nürnberg für mich ein Leuchtturmprojekt.

Erweiterung
Auch der frühe Verlauf der U3 zeigt, wie stark die Linie mit Stadtentwicklung verbunden ist. Bei ihrer Inbetriebnahme bediente sie neun Bahnhöfe von Gustav-Adolf-Straße bis Maxfeld. Später wurde sie schrittweise erweitert. Im Norden kamen weitere Stationen hinzu, im Süden wurde im Oktober 2020 Großreuth bei Schweinau eröffnet. Die Linie ist also nicht als starres Projekt entstanden, sondern als wachsendes Rückgrat für neue Verbindungen zwischen Wohngebieten, Arbeitsorten und der Innenstadt. Die Zukunft ist ebenfalls schon sichtbar: Die Verlängerung bis Gebersdorf ist im Bau, mit den neuen Bahnhöfen Kleinreuth bei Schweinau und Gebersdorf. Nach aktuellem Stand soll die neue, rund 2,1 Kilometer lange Strecke Ende 2027 in Betrieb gehen. Im Endausbau wird die U3 dann 16 Bahnhöfe und einschließlich der Wendeanlagen eine Gesamtlänge von 11,9 Kilometern haben. Damit bleibt die U3 ein Projekt, das nicht abgeschlossen ist, sondern weiter wächst.

Normalität
Besonders spannend ist an der Nürnberger U3 die Erfahrung, wie schnell sich eine zunächst ungewohnte Technik normalisiert. In den Anfangsjahren war der Blick durch die große Frontscheibe für viele Fahrgäste fast die eigentliche Sensation. Dass vorne niemand sitzt, dass der Zug scheinbar von selbst anfährt, bremst und die Türen freigibt, wirkte für viele zuerst futuristisch und auf manche auch leicht befremdlich. Inzwischen ist genau das längst Alltag. Die Automatik ist aus der Perspektive vieler Fahrgäste kaum noch ein Thema. Das ist vielleicht der größte Beweis für ihren Erfolg: Was früher Erstaunen auslöste, wird heute als selbstverständlich wahrgenommen. Gerade darin zeigt sich, wie tief technische Innovation in den Alltag einsickern kann. Sie verschwindet gewissermaßen aus dem Bewusstsein, weil sie zuverlässig funktioniert. Die VAG selbst verweist darauf, dass U2 und U3 seit Jahren mit einer Pünktlichkeitsquote von über 98 Prozent unterwegs sind. Solche Zahlen sind für die Wahrnehmung entscheidend, denn Fahrgäste beurteilen Innovation am Ende nicht nach Schlagworten, sondern danach, ob der Zug kommt, ob er regelmäßig fährt und ob der Alltag einfacher wird.

Taktdichte
Die betrieblichen Erfahrungen mit der fahrerlosen U-Bahn sind deshalb insgesamt positiv. Ein großer Vorteil liegt in der höheren Taktdichte. Die automatische Steuerung ermöglicht auf dem gemeinsamen Abschnitt von U2 und U3 sehr kurze Zugfolgen von bis zu 100 Sekunden. Für Fahrgäste bedeutet das vor allem kürzere Wartezeiten und eine gleichmäßigere Bedienung. Hinzu kommt, dass automatisierte Systeme präziser beschleunigen und bremsen können, was den Energieverbrauch senken und den Betrieb besser planbar machen soll. Auch die Leitstelle spielt eine zentrale Rolle: Die Züge fahren zwar ohne Fahrer im klassischen Sinn, aber keineswegs ohne Kontrolle. Vielmehr überwachen Mitarbeiter den Betrieb zentral, können eingreifen, Züge anhalten, Türen freigeben oder Hilfe veranlassen. Die fahrerlose U-Bahn ist also nicht führungslos, sondern anders organisiert. Der Mensch verschwindet nicht aus dem System, sondern seine Rolle verschiebt sich vom unmittelbaren Fahren hin zur Überwachung, Steuerung und Sicherung des Gesamtablaufs. Das ist eine interessante Entwicklung, die auch für andere Wirtschaftsbereiche gilt.

Vertrauen
Zu den Erfahrungen gehört allerdings auch, dass technischer Fortschritt immer Vertrauen verlangt. Eine fahrerlose U-Bahn muss sich ihre Akzeptanz im Alltag erst verdienen. Das gelingt nicht durch Werbung allein, sondern nur durch jahrelange Zuverlässigkeit. In Nürnberg scheint genau das passiert zu sein. Der anfängliche Reiz des Ungewohnten ist einer nüchternen Alltagserfahrung gewichen: Die Bahn fährt, sie ist schnell, und sie verbindet wichtige Stadtteile. Gerade weil der Betrieb heute so unspektakulär wirkt, erscheint die ursprüngliche Leistung fast noch größer. Was 2008 wie Zukunft aussah, ist 2026 längst Teil der urbanen Normalität geworden. Man könnte sagen: Die U3 hat ihre Modernität gerade dadurch bewiesen, dass sie nicht mehr ständig als modern auffällt.

Für Nürnberg selbst hat die U3 auch eine symbolische Bedeutung. Die Stadt verweist gern darauf, dass hier schon mit der ersten deutschen Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth Verkehrsgeschichte geschrieben wurde. Die automatische U-Bahn knüpft an dieses Selbstbild als Ort technischer Mobilitätsinnovation an. Gleichzeitig ist die U3 aber kein Museum der Zukunft, sondern ein Infrastrukturprojekt mit sehr konkreten Folgen für den Alltag. Jede Verlängerung verändert Wegebeziehungen, erschließt neue Wohngebiete und macht das Auto in bestimmten Situationen entbehrlicher. Gerade die geplante Verlängerung bis Gebersdorf zeigt, wie eng U-Bahn-Ausbau und Stadtentwicklung zusammengedacht werden. Die neue Strecke soll nicht nur bestehende Stadtteile besser anbinden, sondern auch das entstehende Quartier „Tiefes Feld“ erschließen. Damit wird die U3 zu einem Instrument, mit dem Nürnberg sein Wachstum städtebaulich und verkehrlich ordnen will. 

Der Blick in die Zukunft der U3 fällt deshalb insgesamt optimistisch aus. Die Linie wird weitergebaut, und die Automatisierung ist längst kein Experiment mehr, sondern ein bewährtes Betriebskonzept. Die Zukunft liegt weniger in der bloßen Frage, ob fahrerlose U-Bahnen funktionieren, denn diese Frage hat Nürnberg praktisch beantwortet. Wichtiger ist inzwischen, wie sich das System weiter verfeinern lässt: durch bessere Energieeffizienz, noch flexiblere Taktanpassungen und eine enge Verzahnung mit Stadtentwicklung und anderen Verkehrsmitteln. Genau darauf verweist die VAG auch selbst, wenn sie heute die Optimierung des Energieverbrauchs als ein aktuelles Entwicklungsfeld nennt. Die U3 steht damit nicht nur für einen technischen Durchbruch der Vergangenheit, sondern auch für eine kommende Phase der Feinsteuerung, in der Automatisierung noch stärker unter den Gesichtspunkten Nachhaltigkeit, Effizienz und Kapazität weiterentwickelt wird. 

Stadtgeschichte
Unterm Strich ist die Nürnberger U3 ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie aus einer verkehrstechnischen Notwendigkeit ein Stück Stadtgeschichte werden kann. Sie begann als kühne, für manche sogar gewagte Innovation, sammelte über Jahre Alltagserfahrung und ist heute eine selbstverständliche Säule des Nürnberger Nahverkehrs. Ihre Geschichte erzählt von Planung, Technik und politischem Willen. Ihre bisherigen Erfahrungen sprechen für hohe Zuverlässigkeit und breite Akzeptanz. Und ihre Zukunft liegt nicht nur in weiteren Tunnelmetern bis Gebersdorf, sondern in der Idee, dass moderner Nahverkehr intelligent, dicht getaktet und im besten Sinn unspektakulär funktionieren soll. Genau das ist vielleicht die größte Leistung der fahrerlosen U3: Sie hat aus Zukunft Alltag gemacht.

Verschwindet das Mathäser-Kino in München?

29. Januar 2026

Das Mathäser-Kino in München wird wohl wieder einmal umgebaut und verkleinert. Das ist schade, aber ist wohl der Lauf der Dinge. Kino ist ein emotionales, aber schweres Geschäft.

Es ist nicht der erste Umbau. Der ursprüngliche Mathäser-Komplex wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Im Jahr 1957 entstand nach dem Wiederaufbau die sogenannte Mathäser Bierstadt – gleichzeitig wurde der Mathäser Filmpalast neu eröffnet. Das gilt als der erste grundlegende Umbau bzw. Neuaufbau in der Kino-Geschichte des Standorts. Der Betrieb von Bierstadt und Kino wurde 1996 eingestellt und das Kino umgebaut. Daran kann ich mich noch erinnern als die gemalten riesigen Plakate im Hof des Komplexes verschwanden.

2003 wurde das heutige seelenlose Multiplex-Kinos wiedereröffnet und ist bis heute ein Zentrum des Münchner Filmwesens mit Premieren und Veranstaltungen. Ich bin oft zu Gast.


Jetzt geht es dem Kino wieder an den Kragen. Die Zurich Immobilien Deutschland AG & Co. KG, der das Gebäude gehört, hat bei der Stadt eine Bauvoranfrage gestellt, um anstelle des Kinokomplexes ein „Mixed-Use“-Quartier mit Büros, Wohnungen, Handel und Kulturflächen zu errichten. Der Kinobau würde in diesem Szenario abgerissen und durch mehrere neue Bauteile mit variabler Höhe, offenen Passagen und Grünflächen ersetzt. Auch ein kleineres Kino soll dann wieder kommen.

Was das für das Kino bedeutet
Der Mathäser-Filmpalast dürfte voraussichtlich bis mindestens 2033 weiterlaufen, weil der Mietvertrag des Betreibers Kinopolis bis dahin läuft.
In den Planungen ist zwar prinzipiell auch künftig wieder ein Kino vorgesehen, dieses wäre aber deutlich kleiner, sodass ein Großteil der heutigen knapp 4000 Sitzplätze in 14 Sälen verloren ginge.

Offiziell argumentiert der Eigentümer mit der „Weiterentwicklung“ des Standorts zu einem modernen Stadtquartier mit mehr Wohnraum und Arbeitsplätzen in zentraler Lage. Hintergründig spielen die hohe Wertschöpfung eines gemischt genutzten Neubaus und die deutlich besseren Renditechancen im Vergleich zu einem reinen Kinokomplex eine zentrale Rolle. Also es geht ums Geld.

Traurige Gegend
Im Moment macht die Gegend um das Kino keinen guten Eindruck. Nach der Karstadt-Pleite verfällt das Areal. Die Einkaufsmöglichkeiten im Mathäser-Komplex reizen mich überhaupt nicht. Auch der Zugang vom Stachus Untergeschoss ist nicht attraktiv. Die riesige Baustelle des Münchner Hauptbahnhofes in der Nähe macht die Sache auch nicht besser. Auf gut deutsch: die Gegend macht keinen Spaß und wahrscheinlich ist die Rendite zu an dieser Stelle ausbaufähig.

Folgen für Münchens Kinolandschaft
Stadträte und Vertreter der Filmbranche warnen, dass der Verlust des größten und besucherstärksten Kinos Deutschlands ein erheblicher Rückschlag für den Filmstandort München und die Attraktivität der Innenstadt wäre. Allerdings: Der Zustand heute ist kein Aushängeschild für München und es tut mir weh, wenn ich dieses Filmtheater besuche.

Neben der reinen Zahl der Kinositze ginge auch ein wichtiger Ort für Premieren, Branchenveranstaltungen und für große Leinwände mit spezieller Bild‑ und Tontechnik verloren. Das Mathäser beherbergt das erste Dolby Cinema Deutschland mit Duale 4K Laserprojektion (Dolby Vision HDR) mit hohem Kontrast und sehr tiefen Schwarztönen. Auch der Klang mit Dolby Atmos, ein 3D-Raumklang mit Deckenlautsprechern, faszinierte mich. Bei Action-Filmen ist dieser Saal ein Genuss.

Kinosterben in München
Ich habe das Sterben des Kinos über Jahre verfolgt. Das James-Bond-Kino am Karstor, in dem ich meine Jugend verbrachte, wurde am 29. Februar 2004 geschlossen. Nach 54 Jahren Betrieb liefen an diesem Tag die letzten Vorstellungen in den vier Sälen des Traditionskinos am Stachus/Karlstor. Hintergrund waren unter anderem der zunehmende Druck durch neue Multiplex-Kinos (wie das Mathäser) sowie wirtschaftliche Gründe.
Nur ein paar Meter weiter schloss das Tivoli. Das Tivoli Kino in München (Neuhauser Straße 3) wurde am 16. Januar 2011 endgültig geschlossen. Ich traf dort einen griesgrämigen Heinz Rühmann in Begleitung eines gut gebauten und fröhlichen Loriot.

Das Gabriel Filmtheater in München wurde im April 2019 endgültig geschlossen. Es galt bis dahin als eines der ältesten durchgehend betriebenen Kinos der Welt (Eröffnung 1907 in der Dachauer Straße 16). Die Schließung erfolgte aus wirtschaftlichen Gründen, vor allem wegen sinkender Besucherzahlen und des hohen Immobilienwerts. Ich war bei der Schließung dabei.

Und dann traf es das Kino am Sendlinger Tor. Das Filmtheater am Sendlinger Tor in München wurde am 15. Januar 2025 offiziell geschlossen. Der letzte Spieltag war ebenfalls der 15. Januar 2025. Grund für die Schließung war ein langjähriger Pachtstreit mit den Hauseigentümern, der letztlich zur Aufgabe des Kinobetriebs durch die Betreiberfamilie Preßmar führte. Das Kino bestand seit 1913 und war eines der traditionsreichsten Lichtspielhäuser der Stadt.

Wenn Autos zu Erde werden – ein Abschied von Münchens Blechträumen

6. Dezember 2025

Ich war bei einem Vortrag in München und stieß auf Kunst von Folke Köbberling im öffentlichen Raum. ‌Erst schüttelte ich den Kopf, dann begann das Nachdenken, denn ich war vom Autoverkehr in München genervt.

Die Künstlerin Folke Köbberling hatte im September 2024 drei SUVs aus organischen Materialien im Münchner Stadtraum platziert, die sich über einen Zeitraum von einem Jahr zersetzten. Als kritischer Kommentar zur Dominanz des Automobils und der Flächenversiegelung der Stadt fungierten die Skulpturen als Gradmesser für die Nutzung des öffentlichen Raums in München. An den drei Standorten – Europaplatz, Herzog-Wilhelm-Straße / Kreuzstraße und Schleißheimerstraße / Dach-auer Straße – wurden sie unterschiedlich genutzt: Sie dienten als Behausung, erlebten Vandalismus oder wurden von Nachbarn gepflegt und bewahrt.

Noch vor der IAA Mobility 2025 – und der Enthüllung des neuesten BMW-SUV – endete das Kunstprojekt mit einem besonderen Schlusspunkt: Zwei der Fahrzeug-Imitate wurden in einer Prozession durch München getragen und dort mit dem dritten Automobil an der Schleißheimer Straße zusammengeführt – einem symbolischen Begräbnis gleich. Dort wird nun die letzte SUV-Skulptur über zwei weitere Jahre kompostieren und sich schließlich in eine grüne Skulptur verwandeln.

Ich sehe darin ein Statement zu Mobilität, Urbanismus und Nachhaltigkeit in der Stadt München. „Mash & Heal“ nimmt das allgegenwärtige Symbol des SUVs — ein Auto als Zeichen von Mobilität, Status und individueller Freiheit — und transformiert es in etwas Vergängliches, Organisches: Drei Großskulpturen in Originalgröße, gefertigt aus kompostierbaren Materialien wie Lehm, Holz, Wolle, Erde und Samen.

Indem Folke Köbberling die Skulpturen an prominenten und stark frequentierten innerstädtischen Orten wie dem Europaplatz, der Ecke Herzog‑Wilhelm‑Straße / Kreuzstraße und der Ecke Schleißheimerstraße / Dachauer Straße platziert wurden, brachten sie den Konflikt um Raum – wer darf ihn nutzen, wer beansprucht ihn – buchstäblich ins Gesicht der Stadt.

Die Stadt wird dabei als materielles und soziales Geflecht verstanden: Nicht nur als Verkehrsraum, sondern als Ort des Lebens, der Öffentlichkeit, der Gemeinschaft — und nicht als Parkplatz oder Asphaltwüste. Köbberling stellt die richtigen Fragen: Wem gehört der städtische Raum? Wem gehört die Stadt?

München gilt als eine der am stärksten versiegelten Städte Deutschlands — viel Fläche ist durch Straßen, Parkplätze und Bebauung überdeckt. Mit „Mash & Heal“ lenkt Köbberling den Blick auf die Folgen dieser Versiegelung: weniger unbehandelter Boden, weniger Raum für Pflanzen, weniger Raum für andere Formen des Lebens.

Die SUVs aus natürlichen Materialien sind ein Kommentar auf das wachsende Phänomen der SUV-Flut in Städten: große, häufig überdimensionierte Fahrzeuge, die viel Raum beanspruchen – nicht zuletzt Parkraum, Straßen und städtischen Platz. Durch die Verwandlung dieser SUV-Nachbildungen in Erde wird diese ressourcenintensive Spitze des Individualverkehrs symbolisch „zur Erde zurückgeführt“.

Der Begriff „automobiles Wettrüsten“ taucht explizit in der öffentlichen Wahrnehmung dieses Projekts auf: Die Kunstwerke entlarven die SUV als Statussymbol und zeigen auf, dass hinter der glatten Karosse etwas Rohes, Vergängliches und Ressourcenverbrauchendes steckt — eine Einladung zur Reflexion über Konsum, Umwelt und Stadtentwicklung.

Die Materialien der Skulpturen sind biologisch und kompostierbar. Über rund zwölf Monate sollen sie verrotten, ihre Struktur aufgeben und sich in Erde zurückverwandeln — idealerweise mit Pflanzenbewuchs. Damit schlägt Köbberling einen Bogen von Konsum und Überdimensionierung hin zu Kreislauf, Natur und Regeneration.

Die Vergänglichkeit wird bewusst inszeniert — als künstlerisches Mittel, das Zeit, Wandel und Entsiegelung spürbar macht. Die SUV bleiben nicht starr, sondern unterliegen einem Prozess: Aus Symbolen des Luxus werden Reste des Ursprungs — Erde. Das wirkt wie ein Ritual der Rückkehr: eine Umkehr von Wegwerfmentalität und Betonierung hin zu Natürlichkeit und Verwurzelung.

Das Projekt fordert die Betrachter der Stadt dazu auf, ihr Verhältnis zu Mobilität, Besitz und öffentlichem Raum zu überdenken: Was bedeutet es, wenn Autos zu dominierenden Objekten im Stadtbild werden? Wen verdrängen sie? Wer hat Zugang zu städtischem Raum — und wer nicht? Diese Fragen werden nicht theoretisch gestellt, sondern visuell und räumlich erlebbar gemacht.

Ästhetisch provoziert „Mash & Heal“ mit der unheimlichen Mischung aus vertrauter Form (SUV) und ungewohnter Materialität (Erde, Lehm, Wolle). Die Fahrzeuge wirken echt — erst bei genauerem Hinsehen erkennt man ihre Fragilität. Dieser Kontrast öffnet einen Raum für Reflexion: Schönheit vs. Zerbrechlichkeit; Luxus vs. Vergänglichkeit.
Gleichzeitig verbindet die Arbeit künstlerisches Gestalten mit sozialer und ökologischer Verantwortung: Kunst als Intervention, nicht als (nur) ästhetische Ergänzung des öffentlichen Raums, sondern als aktiver Beitrag zu Debatten über Stadt, Umwelt und Zukunft.

Wo die Stadt Lübeck atmet: Übergangsinseln für Mensch und Natur

8. September 2025

Die Übergangsinseln in Lübeck sind Teil der städtischen Initiative „Übergangsweise“, die seit 2022 darauf abzielt, die Altstadt attraktiver und zukunftsfähiger zu gestalten. Ziel ist es, den gesellschaftlichen Dialog zu fördern und neue Formen des Zusammenlebens in der Innenstadt zu erproben. Klingt gut, ich sehe zudem einen Beitrag zur Klimagestaltung in einer Stadt, um mehr Grün in die Beton- und Steinwüsten zu bekommen.

Am Geibelplatz an der Kleinen Gerichtslaube „Burrecht“ gegenüber dem Heiligen-Geist-Hospital entstand eine grüne Insel zum Seele baumeln lassen, der zudem das lokale Kleinklima verändert. Maßnahmen gegen Hitze in Städten müssen meiner Meinung nach eine Stadtbegrünung durch Bäume, Gründächer und Fassadenbegrünung, die Schatten spenden und durch Verdunstung kühlen.

In Lübeck fand ich ein interessantes Experiment vor. Dabei handelt es sich um gestaltete Aufenthaltsbereiche in Form von Sitzgelegenheiten, dekorativen Elementen und Informationsmaterialien, die bewusst ohne Konsumzwang angeboten werden. Passanten, Touristen und Anwohner können hier verweilen, ins Gespräch kommen oder ihre Gedanken auf vorbereiteten Karten hinterlassen.

Die Übergangsinseln werden von verschiedenen lokalen Partnern wie Buchhandlungen, Cafés, Ateliers und kleinen Geschäften betreut und individuell gestaltet. Sie dienen nicht nur als Sitzmöglichkeiten, sondern sollen auch Impulse geben, wie Innenstädte künftig genutzt und weiterentwickelt werden können. Themen wie Leerstand, Innovation, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft stehen dabei im Vordergrund. Das Projekt verfolgt den Ansatz, Veränderungen sichtbar zu machen und Beteiligung zu fördern, anstatt ausschließlich auf wirtschaftliche Nutzung von Flächen zu setzen. Ich kann nicht beurteilen, ob dieses Experiment gelungen ist. Gelungen ist aber die Stadtbegrünug.
Es hat sich der Koberg in eine grüne Oase verwandelt. Zwischen Tomaten, Minze und Rucola lassen sich von der Stadt der Zukunft träumen. Einfach niederlassen und genießen, denn zwischen knapp 200 grünen Hochbeeten gibt es außer Müßiggang nicht viel zu tun, herrlich!

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau betont die Bedeutung solcher Projekte für die Innenstadtentwicklung. Innenstädte müssten auch künftig Orte der Begegnung, Kommunikation und Teilhabe bleiben, gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung. Erste Rückmeldungen sind positiv: Die Übergangsinseln schaffen neue Aufenthaltsqualität, fördern Kreativität und stärken die Bindung zwischen lokalen Akteuren und der Bevölkerung.

Langfristig sind die Übergangsinseln Teil eines umfassenderen Konzepts. Ein zentraler Baustein ist das geplante „Übergangshaus“, ein ehemaliges Kaufhaus, das bis 2028 zu einem Innovationszentrum umgebaut werden soll. Hier sollen Kultur, Kreativität und digitale Formate zusammengeführt werden, um die Altstadt als lebendigen Ort für Handel, Freizeit und Austausch zu erhalten.

Die Übergangsinseln leisten damit einen Beitrag zur Belebung der Lübecker Innenstadt, indem sie neue Räume der Begegnung schaffen und Diskussionen über die Zukunft urbaner Räume anstoßen. Bei mir waren leider auch notorische Säufer an der Straße gegenüber unter einem großen Baum, die den Genuss störten.

Wenn Mauern sprechen – Glasgows Herz in Farbe

5. August 2025

Bei uns im Dorf dürfen sich Schüler an der dunklen Bahnunterführung mit ihren Malkünsten austoben, damit bei diesen traurigen Zustand optisch etwas ändert. Ähnliches hab ich auf meiner Schottland-Tour durch Glasgow beobachtet.

Glasgow gilt heute als eine der bedeutendsten Street-Art-Städte Europas – ein Ruf, der nicht aus Vandalismus oder willkürlicher Schmiererei hervorgegangen ist, sondern aus einem bewussten Wandel in der Stadtentwicklung und Kulturpolitik. Die vielen Graffitis und Wandbilder, die sich über Häuserfassaden, Unterführungen, Brückenpfeiler und ganze Gebäudewände ziehen, sind Ausdruck einer kreativen Auseinandersetzung mit dem städtischen Raum, seiner Geschichte, den Menschen und sozialen Themen. Es macht unheimlichen Spaß durch diese Stadt zu spazieren und immer neue Graffitis zu entdecken.

Ein wesentlicher Grund für die Vielzahl an Graffitis liegt in der gezielten Förderung durch die Stadt selbst. Seit den 2000er Jahren unterstützt Glasgow aktiv Street-Art-Projekte, nicht zuletzt im Rahmen größerer Stadtverschönerungs- und Revitalisierungsmaßnahmen. Früher für Industrie und Schwerarbeit bekannt, hat sich Glasgow in den vergangenen Jahrzehnten neu erfunden – als Kulturstadt, Kreativmetropole und Zentrum für Design, Musik und zeitgenössische Kunst. Graffiti und Mural Art wurden dabei nicht als Problem, sondern als Potenzial gesehen: als Möglichkeit, leere oder heruntergekommene Flächen zu beleben und Identität zu stiften.

Ein Paradebeispiel dafür ist das Projekt City Centre Mural Trail, das von der Stadt in Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern und Organisationen wie Art Pistol Projects initiiert wurde. Es handelt sich dabei um einen offiziell ausgewiesenen Rundgang durch die Innenstadt, auf dem man über 25 großformatige Wandbilder entdecken kann – von detailreichen Porträts über surrealistische Kompositionen bis hin zu politischen oder sozialkritischen Werken. Viele dieser Murals sind nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern erzählen Geschichten aus Glasgow: über lokale Berufe, Migration, Musikgeschichte oder den Alltag im Viertel.

Hinzu kommt, dass Glasgow eine lebendige Underground-Kunstszene hat. In Vierteln wie Finnieston, Trongate oder entlang des Clyde findet man viele kleinere, nicht offiziell geförderte Werke, die oft ebenso eindrucksvoll und gesellschaftlich relevant sind. Die tolerante Haltung der Stadt gegenüber Street Art hat dazu beigetragen, dass Künstler aus ganz Großbritannien und darüber hinaus Glasgow als Bühne nutzen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen „legaler“ und „illegaler“ Graffiti zunehmend – in vielen Fällen werden einst illegale Arbeiten heute als kulturelles Kapital betrachtet.

Nicht zuletzt spiegelt die Fülle an Graffitis in Glasgow auch den Stolz und den Humor seiner Bewohner wider. Die Wandkunst ist oft augenzwinkernd, manchmal melancholisch, aber fast immer geprägt von einem starken Lokalbezug. Sie macht die Straßen der Stadt zu einem offenen Museum und bringt damit Kunst dorthin, wo sie jeder sehen kann – ohne Eintritt, ohne Schwelle, mitten im Alltag.

Glasgow tritt in die Pedale – und lässt die Vergangenheit hinter sich

1. Juli 2025

Mein letzter Besuch in Glasgow liegt rund 25 Jahre zurück und seitdem hat sich diese schottische Arbeiterstadt stark verändert. War Glasgow früher eine gefährliche Stadt, so hat die Stadtführung einiges getan, um das Verbrechen einzudämmen. Im Zentrum spürt man wenig vom rauen Ton der Vergangenheit.

Und als Studentenstadt hat Glasgow das Radfahren für sich entdeckt. Ich habe auf meiner Reise die meisten Radler in Glasgow entdeckt.

Glasgow entwickelt sich tatsächlich zunehmend zu einer Fahrradstadt, und diese Entwicklung ist sowohl in der Infrastruktur als auch im Nutzungsverhalten der Bewohnerinnen und Bewohner spürbar. Der Wandel wird durch eine Vielzahl von Maßnahmen und Investitionen vorangetrieben, die darauf abzielen, das Radfahren als alltägliches Fortbewegungsmittel zu etablieren und die Stadt lebenswerter sowie nachhaltiger zu machen.

Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist die konsequente Ausweitung und Verbesserung der Radinfrastruktur. Glasgow hat in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen in sichere, getrennte Radwege getätigt – etwa durch Projekte wie den South City Way, der eine direkte, geschützte Verbindung zwischen dem Süden der Stadt und dem Zentrum schafft. Diese Routen werden sehr gut angenommen: So nutzen etwa 900 Menschen täglich die neue aktive Route im Südosten, und auf der Victoria Road sind bereits rund 13% aller Wege mit dem Rad zurückgelegt worden. Solche Zahlen zeigen, dass mehr Menschen das Fahrrad nutzen, wenn sie sich sicher fühlen und die Infrastruktur vorhanden ist.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die politische und gesellschaftliche Unterstützung. Die Stadtverwaltung, die schottische Regierung und lokale Organisationen fördern aktiv den Ausbau des Radnetzes und setzen auf eine integrative Mobilitätsstrategie, die auch andere nachhaltige Verkehrsmittel wie das Zufußgehen und öffentliche Verkehrsmittel einbezieht. Zudem werden gezielt Initiativen für unterrepräsentierte Gruppen wie Frauen, Menschen mit Behinderungen oder einkommensschwache Familien gefördert, um die Teilhabe am Radverkehr zu erhöhen.

Die Kombination aus moderner Infrastruktur, finanzieller Förderung, politischem Willen und gesellschaftlicher Akzeptanz führt dazu, dass immer mehr Menschen in Glasgow das Fahrrad als praktische, gesunde und klimafreundliche Alternative zum Auto nutzen. Die Stadt ist mit dem UCI Bike City Label ausgezeichnet worden und verfolgt ehrgeizige Ziele: Bis 2030 soll niemand weiter als 800 Meter von einer sicheren Radroute entfernt wohnen, und Schulen sollen maximal 400 Meter entfernt sein.

Insgesamt ist Glasgow auf dem besten Weg, eine der fahrradfreundlichsten Städte Europas zu werden – auch wenn noch einige Herausforderungen bleiben, etwa bei der weiteren Vernetzung der Radwege und der Integration des Radverkehrs in das gesamte Mobilitätssystem der Stadt.