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Wenn die fahrerlose U-Bahn wie ein Wunder wirkt

18. April 2026

Wenn ich in Nürnberg bin, kommt wieder das Kind in mir hervor. Ich freue mich riesig, wenn ich mich in der U-Bahn ganz vorne an die Scheibe stellen kann. Denn Nürnberg hat eine fahrerlose U-Bahn und ich ergötze mich an der Fahrt durch die Tunnel.

Als gescheiterter Verkehrsgeograf habe ich neben der Faszination noch einen eher wissenschaftlicheren Blick auf das Verkehrsmittel. Die fahrerlose U-Bahn-Linie U3 in Nürnberg ist weit mehr als nur eine weitere Nahverkehrslinie. Sie steht für einen tiefen Wandel im städtischen Verkehr, für technischen Mut und für den Versuch, eine wachsende Stadt mit modernen Mitteln beweglich zu halten. Als die U3 am 14. Juni 2008 in Betrieb ging, war sie die erste vollautomatische U-Bahn Deutschlands. Das war damals nicht nur ein regionales Ereignis, sondern ein verkehrspolitisches Signal weit über Franken hinaus. Nürnberg zeigte damit, dass öffentlicher Nahverkehr nicht zwangsläufig an herkömmliche Betriebsformen gebunden sein muss, sondern auch mit digitalen und automatisierten Systemen leistungsfähiger werden kann. Der Schritt zur fahrerlosen Bahn war dabei keine Spielerei und auch kein Prestigeprojekt ohne praktischen Nutzen, sondern eine konkrete Antwort auf ein betriebliches Problem: Die neue U3 sollte sich im Innenstadtbereich einen Abschnitt mit der bereits bestehenden U2 teilen. Damit beide Linien auf derselben Strecke mit hoher Dichte fahren konnten, ohne dass der Betrieb der U2 eingeschränkt werden musste, entschied man sich für die Automatisierung. Genau darin lag der eigentliche historische Kern des Projekts. Die Technik war also nicht Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, den Netzausbau überhaupt sinnvoll zu realisieren. 

So kam es
Die Geschichte der U3 ist deshalb eng mit dem größeren Umbau des Nürnberger U-Bahn-Systems verbunden. Nürnberg hatte zwar schon seit 1972 eine U-Bahn, doch mit der U3 begann ein neues Kapitel. Die Automatisierung wurde im Projekt „RUBIN“ vorbereitet, also der Realisierung einer automatisierten U-Bahn in Nürnberg. Dabei mussten Fahrzeuge, Stellwerke, Strecke und Leittechnik miteinander vernetzt werden. Hinzu kam, dass Nürnberg damals Neuland betrat: Die Umstellung geschah nicht auf einem abgeschotteten Testnetz, sondern im laufenden Betrieb. Gerade diese Besonderheit machte die Nürnberger Lösung international interessant. Die vorhandene U2 lief weiter, während parallel die Grundlagen für den automatischen Betrieb geschaffen wurden. Die Stadt und die VAG gingen damit bewusst ein technisches Risiko ein, das sich aus heutiger Sicht ausgezahlt hat. Nürnberg wurde zu einem der bekanntesten Beispiele dafür, dass Automatisierung im öffentlichen Verkehr nicht nur theoretisch funktioniert, sondern im Alltag über viele Jahre stabil laufen kann.

Ich hatte gehofft, dass dieses erfolgreiche Projekt auch auf andere bayerische Städte wie München übertragen wird, aber davon ist nichts geschehen. Daher bleibt Nürnberg für mich ein Leuchtturmprojekt.

Erweiterung
Auch der frühe Verlauf der U3 zeigt, wie stark die Linie mit Stadtentwicklung verbunden ist. Bei ihrer Inbetriebnahme bediente sie neun Bahnhöfe von Gustav-Adolf-Straße bis Maxfeld. Später wurde sie schrittweise erweitert. Im Norden kamen weitere Stationen hinzu, im Süden wurde im Oktober 2020 Großreuth bei Schweinau eröffnet. Die Linie ist also nicht als starres Projekt entstanden, sondern als wachsendes Rückgrat für neue Verbindungen zwischen Wohngebieten, Arbeitsorten und der Innenstadt. Die Zukunft ist ebenfalls schon sichtbar: Die Verlängerung bis Gebersdorf ist im Bau, mit den neuen Bahnhöfen Kleinreuth bei Schweinau und Gebersdorf. Nach aktuellem Stand soll die neue, rund 2,1 Kilometer lange Strecke Ende 2027 in Betrieb gehen. Im Endausbau wird die U3 dann 16 Bahnhöfe und einschließlich der Wendeanlagen eine Gesamtlänge von 11,9 Kilometern haben. Damit bleibt die U3 ein Projekt, das nicht abgeschlossen ist, sondern weiter wächst.

Normalität
Besonders spannend ist an der Nürnberger U3 die Erfahrung, wie schnell sich eine zunächst ungewohnte Technik normalisiert. In den Anfangsjahren war der Blick durch die große Frontscheibe für viele Fahrgäste fast die eigentliche Sensation. Dass vorne niemand sitzt, dass der Zug scheinbar von selbst anfährt, bremst und die Türen freigibt, wirkte für viele zuerst futuristisch und auf manche auch leicht befremdlich. Inzwischen ist genau das längst Alltag. Die Automatik ist aus der Perspektive vieler Fahrgäste kaum noch ein Thema. Das ist vielleicht der größte Beweis für ihren Erfolg: Was früher Erstaunen auslöste, wird heute als selbstverständlich wahrgenommen. Gerade darin zeigt sich, wie tief technische Innovation in den Alltag einsickern kann. Sie verschwindet gewissermaßen aus dem Bewusstsein, weil sie zuverlässig funktioniert. Die VAG selbst verweist darauf, dass U2 und U3 seit Jahren mit einer Pünktlichkeitsquote von über 98 Prozent unterwegs sind. Solche Zahlen sind für die Wahrnehmung entscheidend, denn Fahrgäste beurteilen Innovation am Ende nicht nach Schlagworten, sondern danach, ob der Zug kommt, ob er regelmäßig fährt und ob der Alltag einfacher wird.

Taktdichte
Die betrieblichen Erfahrungen mit der fahrerlosen U-Bahn sind deshalb insgesamt positiv. Ein großer Vorteil liegt in der höheren Taktdichte. Die automatische Steuerung ermöglicht auf dem gemeinsamen Abschnitt von U2 und U3 sehr kurze Zugfolgen von bis zu 100 Sekunden. Für Fahrgäste bedeutet das vor allem kürzere Wartezeiten und eine gleichmäßigere Bedienung. Hinzu kommt, dass automatisierte Systeme präziser beschleunigen und bremsen können, was den Energieverbrauch senken und den Betrieb besser planbar machen soll. Auch die Leitstelle spielt eine zentrale Rolle: Die Züge fahren zwar ohne Fahrer im klassischen Sinn, aber keineswegs ohne Kontrolle. Vielmehr überwachen Mitarbeiter den Betrieb zentral, können eingreifen, Züge anhalten, Türen freigeben oder Hilfe veranlassen. Die fahrerlose U-Bahn ist also nicht führungslos, sondern anders organisiert. Der Mensch verschwindet nicht aus dem System, sondern seine Rolle verschiebt sich vom unmittelbaren Fahren hin zur Überwachung, Steuerung und Sicherung des Gesamtablaufs. Das ist eine interessante Entwicklung, die auch für andere Wirtschaftsbereiche gilt.

Vertrauen
Zu den Erfahrungen gehört allerdings auch, dass technischer Fortschritt immer Vertrauen verlangt. Eine fahrerlose U-Bahn muss sich ihre Akzeptanz im Alltag erst verdienen. Das gelingt nicht durch Werbung allein, sondern nur durch jahrelange Zuverlässigkeit. In Nürnberg scheint genau das passiert zu sein. Der anfängliche Reiz des Ungewohnten ist einer nüchternen Alltagserfahrung gewichen: Die Bahn fährt, sie ist schnell, und sie verbindet wichtige Stadtteile. Gerade weil der Betrieb heute so unspektakulär wirkt, erscheint die ursprüngliche Leistung fast noch größer. Was 2008 wie Zukunft aussah, ist 2026 längst Teil der urbanen Normalität geworden. Man könnte sagen: Die U3 hat ihre Modernität gerade dadurch bewiesen, dass sie nicht mehr ständig als modern auffällt.

Für Nürnberg selbst hat die U3 auch eine symbolische Bedeutung. Die Stadt verweist gern darauf, dass hier schon mit der ersten deutschen Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth Verkehrsgeschichte geschrieben wurde. Die automatische U-Bahn knüpft an dieses Selbstbild als Ort technischer Mobilitätsinnovation an. Gleichzeitig ist die U3 aber kein Museum der Zukunft, sondern ein Infrastrukturprojekt mit sehr konkreten Folgen für den Alltag. Jede Verlängerung verändert Wegebeziehungen, erschließt neue Wohngebiete und macht das Auto in bestimmten Situationen entbehrlicher. Gerade die geplante Verlängerung bis Gebersdorf zeigt, wie eng U-Bahn-Ausbau und Stadtentwicklung zusammengedacht werden. Die neue Strecke soll nicht nur bestehende Stadtteile besser anbinden, sondern auch das entstehende Quartier „Tiefes Feld“ erschließen. Damit wird die U3 zu einem Instrument, mit dem Nürnberg sein Wachstum städtebaulich und verkehrlich ordnen will. 

Der Blick in die Zukunft der U3 fällt deshalb insgesamt optimistisch aus. Die Linie wird weitergebaut, und die Automatisierung ist längst kein Experiment mehr, sondern ein bewährtes Betriebskonzept. Die Zukunft liegt weniger in der bloßen Frage, ob fahrerlose U-Bahnen funktionieren, denn diese Frage hat Nürnberg praktisch beantwortet. Wichtiger ist inzwischen, wie sich das System weiter verfeinern lässt: durch bessere Energieeffizienz, noch flexiblere Taktanpassungen und eine enge Verzahnung mit Stadtentwicklung und anderen Verkehrsmitteln. Genau darauf verweist die VAG auch selbst, wenn sie heute die Optimierung des Energieverbrauchs als ein aktuelles Entwicklungsfeld nennt. Die U3 steht damit nicht nur für einen technischen Durchbruch der Vergangenheit, sondern auch für eine kommende Phase der Feinsteuerung, in der Automatisierung noch stärker unter den Gesichtspunkten Nachhaltigkeit, Effizienz und Kapazität weiterentwickelt wird. 

Stadtgeschichte
Unterm Strich ist die Nürnberger U3 ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie aus einer verkehrstechnischen Notwendigkeit ein Stück Stadtgeschichte werden kann. Sie begann als kühne, für manche sogar gewagte Innovation, sammelte über Jahre Alltagserfahrung und ist heute eine selbstverständliche Säule des Nürnberger Nahverkehrs. Ihre Geschichte erzählt von Planung, Technik und politischem Willen. Ihre bisherigen Erfahrungen sprechen für hohe Zuverlässigkeit und breite Akzeptanz. Und ihre Zukunft liegt nicht nur in weiteren Tunnelmetern bis Gebersdorf, sondern in der Idee, dass moderner Nahverkehr intelligent, dicht getaktet und im besten Sinn unspektakulär funktionieren soll. Genau das ist vielleicht die größte Leistung der fahrerlosen U3: Sie hat aus Zukunft Alltag gemacht.

So simpel kann Nahverkehr in Schottland sein – nur nicht bei uns

21. Juli 2025

Als leidgeprüfter und dennoch überzeugter Fahrer des ÖPNV in München wollte ich den Nahverkehr in Schottland ausprobieren. Und mit Grausen denke ich daran, wenn ich einen Nichtortskundigen das Tarifsystem des Münchner Verkehrsverbundes mit all seinen Ringen erklären müsste, was ich selbst kaum kapiere. Und siehe da: In Schottland ist es simpel, total simpel. Und ich bekomme den Grant, warum es nicht auch bei uns so einfach sein könnte.

In Edinburgh funktioniert das „Tap on Tap off“-System im öffentlichen Nahverkehr – insbesondere in den Bussen der Lothian Buses – ganz einfach und kontaktlos mit Bankkarte oder einem kompatiblen Gerät wie Smartphone oder Smartwatch mit Apple Pay oder Google Pay. Das Grundprinzip ist einfach:

„Tap on“
Beim Einsteigen hältst du deine kontaktlose Debit- oder Kreditkarte oder dein Gerät an das Kartenlesegerät beim Fahrer.

„Tap off“
Beim Aussteigen hältst du die gleiche Karte erneut an das Lesegerät an der hinteren Tür des Busses. Ich muss zugeben, dass wir das Tap off vergessen hatten.

Es erfolgt eine automatische Tagesabrechnung. Du zahlst nur für die tatsächlich gefahrene Strecke. Das System berechnet am Tagesende automatisch den günstigsten Gesamtpreis. Es hat wunderbar geklappt. Es gibt einen täglichen Maximalbetrag („daily cap“), sodass du nie mehr zahlst als ein Tagesticket (z. B. für beliebig viele Fahrten). Also es gibt ein Tageslimit.

Natürlich muss immer dieselbe Karte benutzt werden. Bei mir was es die Apple Watch. Nur so funktioniert die Abrechnung korrekt. Jeder Fahrgast muss selbst ein- und auschecken. Ein Teilen einer Karte mit mehreren Leuten geht nicht. Das System gilt derzeit vor allem für Lothian-Busse und einige andere Dienste, aber nicht flächendeckend für alle Verkehrsmittel.

Zwischen Pendelstress und Küchentisch: Unser Alltag mit Homeoffice

17. Mai 2025

Als Selbstständiger beobachte ich die Entwicklung mit Interesse: Einmal rein in die Kartoffeln und raus aus den Kartoffeln. Gemeint ist die Diskussion um das Homeoffice.

Die Argumente sind seit langem ausgetauscht, die Emotionen noch lange nicht. Nun schauen wir mal auf aktuellen Zahlen, die unlängst von der Bitkom geliefert wurden: 58 Prozent der Unternehmen ermöglichen mobiles Arbeiten wie Homeoffice zumindest für einen Teil der Belegschaft. Ein Fünftel (20 Prozent) hat früher Homeoffice angeboten, tut dies heute aber nicht mehr. Bei ebenso vielen (20 Prozent) gab es noch nie die Möglichkeit zu Homeoffice. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. In größeren Unternehmen ist Homeoffice dagegen weiter stark verbreitet. So bieten 71 Prozent der Unternehmen mit 100 bis 499 Beschäftigten mobiles Arbeiten an, in der Größenordnung ab 500 Beschäftigten sind es 74 Prozent. In den kommenden Monaten könnten die Zahlen aber weiter sinken. 15 Prozent aller Unternehmen, die aktuell noch Homeoffice anbieten, wollen die Möglichkeit reduzieren, 5 Prozent sogar ganz abschaffen. In 30 Prozent wurde Homeoffice im vergangenen Jahr bereits zurückgefahren. Knapp die Hälfte (45 Prozent) will an ihrer bestehenden Homeoffice-Regelung dagegen nichts ändern, 3 Prozent wollen das Homeoffice sogar ausbauen.

Ich betrachte meine Kinder. Der Sohn arbeitet in einem Handwerksbetrieb im nächsten Ort, der kann kein HomeOffice machen, weil die Produktionsmittel im Betrieb stehen. Da stellt sich nicht die Frage. Arbeit und Wohnen sind hier dank kurzer Entfernungen möglich.

Die Tochter studiert und arbeitet nebenbei und tut dies beides die meiste Zeit von zu Hause aus. Den Sinn zeitaufwändig in die Hochschule oder an den Büroschreibtisch zu fahren, erschließt sich ihr nur bedingt. Die Anfahrtswege sind einfach rund eine Stunde im Speckgürtel von München: Voller ÖNPV, volle Straßen, keine Parkplätze kosten Überwindung. Von gut organisierten hybriden Arbeitsmodellen mit der Möglichkeit zum Homeoffice können viele Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen profitieren. Wichtig seien gemeinsame Tage im Büro, um Face to Face gut vorbereitet Dinge abzusprechen und dann seine Arbeitsaufträge zu erledigen. Der soziale Faktor der Kommunikation kann nur bedingt durch Videokonferenzen ersetzt werden, aber die Voraussetzung ist, dass sich in einem Meeting jeder konzentriert bei der Sache ist.

Das sieht auch eine Mehrheit der Unternehmen so. 57 Prozent sind überzeugt, dass es Unternehmen, die kein Homeoffice ermöglichen, schwer haben, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. 46 Prozent glauben, dass Rückrufaktionen ins Büro vornehmlich dazu dienen, unmotivierte Beschäftigte loszuwerden. Zwar befürchtet eine deutliche Mehrheit von zwei Dritteln (67 Prozent) der Unternehmen, dass durch Homeoffice der Zusammenhalt im Unternehmen verloren geht, zugleich meinen aber 44 Prozent, dass in der Regel im Homeoffice produktiver gearbeitet wird als im Büro. Und auch ein Aufreger-Thema der vergangenen Monate wird in den Unternehmen gelassener gesehen: 41 Prozent finden es in Ordnung, wenn Beschäftigte private Angelegenheiten während der Homeoffice-Zeit erledigen.

Andere Zahlen: Laut Zahlen des Landesamts für Statistik ist in Bayern der Anteil der Angestellten, die jeden Tag im Homeoffice arbeiten, auch deutlich gesunken. Während vor drei Jahren noch 36 Prozent ausschließlich von zu Hause aus gearbeitet haben, betrug die Quote im Freistaat zuletzt nur noch 21 Prozent.

Leben und Arbeiten
Bei den Eltern meiner Frau und bei meinen Eltern waren Leben und Arbeiten entweder im Hause oder im Ort. Weite Pendlerstrecken gab es nicht und daher auch nicht die Diskussion um Homeoffice. Leben und Arbeiten unter einem Dach, das ist auch eine Version von Homeoffice.

Mir bestätigen Pendler im Speckgürtel von München, dass heute viele vom Auto auf den überlasteten ÖPNV umgestiegen sind. Besser im Zug warten, als im Auto im Stadtverkehr von München. Für mich als Außenstehender hat sich Homeoffice in der Arbeitswelt etabliert. Wie ist das bei euch?

Rund 18 Prozent für das Deutschlandticket – Weg mit dem Dienstwagenprivileg

24. September 2024

Die Katze ist aus dem Sack und das Krakele geht weiter. Das Deutschlandticket soll ab 1. Januar 2025 statt 49 dann 58 Euro kosten. Der Preis steigt um 9 Euro, also rund 18 Prozent. Heftig, wenn man bedenkt, dass die Politik und die Gesellschaft die Verkehrswende herbeiführen wollten. Bayern, so entnehme ich den Medien, wollte sogar 64 Euro pro Ticket – das wären rund 30 Prozent gewesen.

Ich habe das Deutschlandticket vom ersten Tag angenommen und viel genutzt – und ich werde es auch weiterhin. Ich habe mich meist geweigert, es als 49 Euro Ticket zu bezeichnen, denn der Preis stand ja schon von Anfang an auf dem Prüfstand. Im Autoland tut sich der ÖPNV einfach schwer und nachdem man Jahrzehnte lang kaum investiert hat, baden wir das Chaos der maroden Infrastruktur nun aus. Marode? Was das nicht ein Wort aus der Wendezeit, wenn es um die DDR-Industrie ging? Marode – soweit sind wir nun schon wieder.

Was waren für mich die Vorteile?
Mit einem Preis von 49 Euro pro Monat ist das Deutschlandticket im Vergleich zu vielen regionalen Monatstickets oder Einzelfahrscheinen sehr günstig. Es ermöglicht unbegrenztes Reisen im öffentlichen Nahverkehr deutschlandweit zu einem festen Preis. Das Ticket ist im gesamten Nahverkehr Deutschlands gültig, einschließlich Bus, Straßenbahn, S-Bahn, U-Bahn und Regionalzügen (RB, RE). Dadurch wird der öffentliche Nahverkehr flexibler und leichter zugänglich. Durch das Deutschlandticket entfällt die komplizierte Tarifstruktur, die regional unterschiedlich ist. Nutzer müssen nicht mehr verschiedene Tarife vergleichen, sondern können mit einem einzigen Ticket durch das ganze Land reisen. Das hat mir persönlich viele Nerven gespart. Ganz wichtig: Das Ticket kann Menschen dazu ermutigen, vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen, was zu weniger Verkehr und einer Verringerung der CO₂-Emissionen führen könnte. Ich schreibe bewusst „kann“. Viele in meinem Bekanntenkreis sind einfach bequeme Autofetischisten und ich spreche nicht von der Landbevölkerung, die unter einer unsäglichen ÖPNV-Infrastruktur leidet. Viele Politiker unterstützen diesen Wahn vom Autoland Deutschland, anstatt vom Mobilitätsland Deutschland zu sprechen.

Finanzierung
Natürlich kommt immer das Argument der Finanzierung: Die Finanzierung des Deutschlandtickets, insbesondere die langfristige Sicherung, war von Anfang an ein umstrittenes Thema. Die Kosten für Bund, Länder und Verkehrsbetriebe sind erheblich, und es gibt Diskussionen darüber, wie diese Belastungen langfristig getragen werden können. Da haben Lobbyisten ganze Arbeit geleistet. Das Dienstwagenprivileg wird oft als attraktiv angesehen, da es dem Arbeitnehmer erlaubt, ein teures Fahrzeug zu nutzen, ohne die vollen Kosten tragen zu müssen. Auf der anderen Seite sind die steuerlichen Vorteile für den Staat immer wieder ein Diskussionsthema, da Kritiker argumentieren, dass diese Regelung Wohlhabendere begünstigt. Schafft man das Dienstwagenprivileg endlich ab, dann würde mehr Geld für den ÖPNV vorhanden sein, wenn man es will. Hier eine Grafik der Lobbyisten Allianz pro Schiene.

Der Preis von 58 Euro für das Deutschlandticket sorgte in unserer Familie wenig Diskussionsstoff. Wir werden unsere Tickets auch im Jahr 2025 weiterführen und ich werde weiterhin intensiv den ÖPNV nutzen (wenn er denn fährt). Ich bin gespannt, ob es ein Thema im Bundestagswahlkampf ist, denn eigentlich ist as Deutschlandticket nur eine Diskussion um den Klimawandel. Aber der scheint trotz Hochwasser im Moment vergessen zu sein und Populismus regiert verstärkt.

IAA München – die Zeiten der großen Autoshows sind für mich vorbei

10. September 2023

Beim Schlendern durch die IAA Mobility Days, die München eine Woche in Beschlag genommen haben, stieß ich auf zahlreiche Anregungen und musste vor allem mit meinen eigenen Vorurteilen kämpfen. Die IAA in München ist nicht mehr die IAA in Frankfurt und die Zeiten der großen Autoshows sind wohl vorbei.

Wohltuend empfang ich das Konzept der Motorworld München, die losgelöst vom IAA Trubel ihr eigenes Ding durchzogen mit Unterstützung der Messe-Verantwortlichen: Autos (und Mobilität) für Fans draußen in Freimann. Das kam gut an.
Auf dem Messegelände war bei der IAA in München nur B2B-Geschäft möglich, der normale Autofan blieb außen vor. Dem blieb die Innenstadt von München, um sich mit dem Thema Mobilität auseinandersetzen. Und Mobilität ist deutlich mehr als Autos. Das war inspirierend, aber nicht dass, was ich eigentlich sehen wollte. Aber ich muss es nochmals sagen: Die Zeiten der großen Autoshows sind wohl vorbei.

Es war eine große Mobilitätsschau und es gab rund um den Odeonsplatz und Marienplatz allerlei Stände zur Fortbewegung, darunter auch Automobil-Hersteller. Interessiert vernahm ich das massive Auftreten der chinesischen Hersteller im Bereich Elektro-Auto. Auch hier erfahren wir eine Zeitenwende. Der Verbrenner ist wohl durch, neue Konzepte sind gefragt. Und hier müssen sich die bayerischen und deutschen Autobauer neu aufstellen. Das passiert wohl, aber mehr Demut ist angesagt.

Elektro-Autos können auch andere bauen – Tesla hat gezeigt, wo der Hammer hängt und was möglich ist. Der BYD-Stand hat vom Gefühl her die Größe des Auftritts der Volkswagen-Gruppe, aber das Spektrum ist größer. Bei VW hab ich mich in den Bus gesetzt, bei BYD in die Limo. Laut Veranstalter VDA sind sieben Hersteller aus China vertreten. Tatsächlich sind es mehr, denn Marken wie Nio und Voyah (Dongfeng) zeigen abseits der Ausstellungsgelände ihre Fahrzeuge. Nio habe ich ausführlich auf der Motorworld angeschaut. Von Renault bin ich beleidigt, weil sie den Zoe eingestellt haben und lieber größere Autos bauen. Mein Herz schlägt für den Microlino, vielleicht weil meine Eltern in jungen Jahren eine Isetta besaßen. Sehr fein, aber alles auch sehr teuer. Mein Hybrid muss bitte noch einige Jahre fahren, denn einen Neuwagen kann und werde ich mir bei der heutigen Wirtschaftslage nicht leisten (können).

So schlenderte ich von Stand zu Stand, bekam kostenloses bayerisches Trinkwasser (sehr gute Idee und bitte dauerhaft installieren in einer Stadt wie München), ich hörte mir ein paar Vorträge an und staunte über die Vielfalt von Mobilität. Ich schaute eine Radlwaschanlage an, studierte Flugblätter und erfreute mich an einem Concept Car von Opel.

Organisiert war die Veranstaltung hervorragend. Es gab zahlreiche Security-Menschen, denn Aktivisten waren in München zu Gange. Es gab Proteste, es gab Straßenblockaden der Klimakleber und Kollegen. Ich habe als konsequenter Nutzer des ÖPNV davon nichts mitbekommen, außer dass München einen Tag lahmgelegt war, weil ein Bagger eine Oberleitung herunterriss und damit kein Zug die Landeshauptstadt anfahren konnte.

Braucht es die IAA in München? Die Frage müssen andere beantworten. Der Rundgang durch die Stände war nett, aber wirklich gebraucht hab ich es nicht.

Lob und Tadel für die Deutsche Bahn

6. Februar 2023

Mit der Bahn verbindet mich eine spezielle Hassliebe. Ich halte die Bahn für ein hervorragendes Verkehrsmittel, dass gegenüber dem Individualverkehr enorme Vorteile hat. Aber wir kennen alle die Probleme mit der Bahn unter denen ich auch leide. Jahrelang hat die Politik die Bahn kaputtgespart und systematisch zugunsten des Autos kaputtgemacht und jetzt schreit die Politik wieder nach einer Reaktivierung der Bahn – soweit zur Weitsicht in der politischen Gegenwart. Es fehlen die strategischen politischen Ziele, es wird nur kurzfristig auf Einsparungen gesetzt. Diese verfehlte Verkehrspolitik badet die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland nun aus.

Die Einführung des 49 Euro Tickets begrüße ich daher ausdrücklich. Ich kündige an: Ich werde das Ticket massiv nutzen und hoffe, dass wir als Land den Schritt zur Digitalisierung nicht versauen. Ein ausschließlich digitales Ticket würde diesem Land nach den guten Erfahrungen der Corona-App einen weiteren Schub Richtung Digitalisierung verpassen. Ich hatte neulich einen Beitrag von Armin Berg von der Bitkom gelesen, der sich mit deutlichen Worten auch dafür ausspricht. „Wir müssen weg vom Papier und hin zu einem digitalen Ticket, das künftig über alle Verkehrswege und Verkehrsmittel hinweg eingesetzt werden kann.“ Und weiter: „Für die wenigen Reisenden ohne Smartphone bietet eine digital auslesbare Chipkarte eine Möglichkeit, das Deutschland-Ticket ohne Systembruch zu nutzen.“ Aber bitte, bitte kein Papier.

Da ist es richtig, dass die Deutsche Bahn keine gedruckten Zeitungen mehr in der 1. Klasse verteilt. Wer die Zeitung lesen will, greift auf das digitale Angebot zurück. Die Papierpreise sind explodiert und die Ver- und Entsorgung des Papiers kostet und wir als Bahnfahrer müssen dies bezahlen.

Aber es kommen weitere Veränderungen bei der Bahn auf uns zu. Es gibt eine Hundefahrkarte endlich in der Bahn App. Die Buchung selbst war bisher schon online möglich, die Fahrkarte kam aber erst nach ein paar Tagen per Post auf Papier (!) – nochmals: AUF PAPIER kam eine Online-Fahrkarte. Jetzt hab ich keinen Hund, aber ich denke, die Besitzer von größeren Hunden werden sich nun freuen. Der große Hund kostet übrigens den halben Fahrpreis. Kleine Hunde fahren kostenlos. Hier gibt es die Infos über den Transport von Haustieren mit der Bahn.

Wichtig ist aber, dass die neue Bahn App installiert ist. Der Nachfolger vom DB Navigator heißt nun Next DB Navigator und kann aus den üblichen Stores geladen werden. Sie sieht deutlich übersichtlicher aus und ich nutze sie seit heute.
Und zum Schluss noch eine Kritik an der Bahn. Als einstiger Besitzer einer BahnCard 100 habe ich es genossen, in der DB Lounge abzuhängen, etwas zu trinken oder eine saubere Toilette zu benutzen. Die BC 100 hab ich nicht mehr, die Auftragslage ist zu schlecht, aber die BC50 mit entsprechenden Punktestand reichte auch aus, um die Lounge zu betreten. Damit ist jetzt Schluss, wenn man keinen gültigen Fahrausweis hat. Bisher war lediglich ein Punktestatus nötig, nun braucht es zusätzlich einen gültigen Fernverkehrs-Fahrschein. Das halte ich für falsch.

Verkehrspolitiker schämt euch – wo ist der Nachfolger vom 9-Euro-Ticket

31. August 2022

Die drei Monate 9-Euro-Ticket sind morgen vorbei und es gibt kein konkretes Anschlussmodell. Das ist schade, sehr schade. Wir wollen doch die Energie- und Verkehrswende schaffen, aber so nicht. Verkehrspolitiker schämt euch. Es wurde geredet, was gut ist, es wurde nichts entschieden, was schlecht ist.

Ab morgen muss ich mich wieder umgewöhnen. Ich bin drei Monate lange in Bus und Regionalbahn problemlos eingestiegen und ich fühlte mich gut. Ab morgen darf ich mich wieder mit einem extrem verwirrenden und teuren Tarifsystem auseinandersetzen, weil die Politik es nicht geschafft hat, etwas anzubieten. Es fördert die Politikerverdrossenheit, nicht Politikverdrossenheit.

Zahlen und Statistiken gibt es genug, besonders in den vergangenen Tagen. 31 % der erwachsenen Käufer des 9-Euro-Tickets haben es häufig auf Wegen genutzt, die sie sonst per Auto zurück­gelegt hätten, sagt eine YouGov-Umfrage. 18 % haben es sogar aus­schließlich auf solchen Strecken eingesetzt.
Und auch die krisengeschüttelte Bahn zog eine positive Bilanz, nachdem die Politik das Vorzeigeunternehmen heruntergewirtschaftet hatte. Die Chefin des Regionalverkehrs, Palla, bezeichnete das Experiment als „vollen Erfolg“. Sie nannte es besonders erfreulich, dass in den zurückliegenden drei Monaten im Regionalverkehr im Schnitt etwa zehn Prozent mehr Fahrgäste unterwegs gewesen seien als vor der Corona-Krise. Die Bahn hat nach eigenen Angaben 26 Millionen des Neun-Euro-Tickets verkauft.

Natürlich waren die Züge sehr voll, zum Teil überfüllt. Das Personal war genervt und die Strecken zum Teil nicht einsatzbereit. Das ist aber nicht der Fehler des 9-Euro-Tickets, sondern die ruinösem Sparmaßnahmen der Politik an der Deutschen Bahn. Politiker, schämt euch!

Laut einer BR-Umfrage zum 9-Euro-Ticket haben 44 Prozent der Nutzer das Auto öfter stehen gelassen, bei 55 Prozent hat sich nichts geändert. Vor allem die Jüngeren waren bereit, auf Bus und Bahn umzusteigen. Meine Kinder haben Reisen unternommen, die sie sonst aufgrund der Preise niemals gemacht hätten.

Deutliche Unterschiede zeigten sich je nach wirtschaftlicher Lage – in einkommensschwachen Gebieten wurde das Sonderangebot stärker genutzt. Wenig überraschend ist, dass bei einem besseren Angebot des ÖPNV auch das billige Ticket besser ankam als in dünn besiedelten Regionen.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen VDV hat das 9-Euro-Ticket als vollen Erfolg gewertet. Geschätzt habe es rund eine Milliarde Fahrten pro Monat im Zeitraum Juni bis August durch die Sondermaßnahme gegeben. Rund zehn Prozent davon wären laut einer großangelegten Umfrage des VDV sonst mit dem Auto erledigt worden. Dadurch seien über drei Monate rund 1,8 Millionen Tonnen CO2 eingespart worden. Das sei in etwa der gleiche Effekt, als hätte es ein Jahr lang ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen gegeben.

Vielleicht zaubern die zuständigen Verkehrspolitiker bis morgen ein Überraschungsangebot aus dem Hut. Aber nein, denn die Parlamente in Land und Bund sind ja im Sommerurlaub. Mit dieser Einstellung wird es mit der Energie- und Klimawende nichts und meine Kinder müssen es ausbaden – vielen Dank dafür (Ironie aus).

9 Euro Ticket und dann?

17. August 2022

Bald sind die drei Monate des 9 Euro Tickets vorbei und ich vermisse es jetzt schon. Unsre Familie hat das Auto in den vergangenen drei Monaten sehr oft stehen gelassen und wir haben den öffentlichen Personennahverkehr genutzt, um unseren Beitrag für die Energie- und Klimawende zu leisten. Und es hat funktioniert. Zwei Tankfüllungen für drei Monate.

Auch Reisen innerhalb Bayerns wurden mit dem Ticket gemacht. Vom Dorf nach München und dann mal beispielsweise nach Würzburg, nach Bayreuth und nach Nürnberg.

Die Wagons im Regionalexpress waren voll, zeitweise überfüllt und unpünktlich – das zeigt mir: Die Tickets wurden angenommen und waren ein Erfolg. Ich habe noch nie soviel Leute Bus oder Bahn nutzen sehen.

Immer wieder höre ich Stimmen aus dem Flächenland Bayern, dass das 9 Euro Ticket für sie nutzlos war, weil die Verbindungen nicht vorhanden sind und man aufs Auto angewiesen sei. Das verstehe ich. Dennoch: Jedes Auto was steht, ist ein Beitrag zur Klimawende. Die Benzinkosten steigen und das trifft vor allem die Bevölkerung in der Fläche. Diese Bevölkerung hat bisher preiswerter gelegt als die Bevölkerung in der Stadt und das bei Flächentarifen. Die Lebenshaltungskosten und Wohnkosten sind in der Fläche deutlich geringer als in den Ballungszentren, die in der Regel einen ÖNPV haben. Spötter würden sagen: Die hohen Spritpreise sorgen nun für eine gewisse Gerechtigkeit.

Aber das 9 Euro Ticket hat mir auch gezeigt: Die Politik hat jahrelang die Bahn kaputtgespart, zu stark aufs Auto gesetzt und ist für den Niedergang der einstmals stolzen Bahn verantwortlich. Schämt euch.
Die Züge im bayerischen Regional- und S-Bahn-Verkehr fahren unpünktlicher als noch in der ersten Jahreshälfte. Das geht aus einer Studie der Bayerischen Eisenbahngesellschaft hervor. Danach ist die sogenannte Pünktlichkeitsquote im Juni auf knapp 83 Prozent gesunken. Im Zeitraum von Januar bis Mai lag sie noch bei über 92 Prozent. Als Grund nannte die Eisenbahngesellschaft vor allem massive Mängel am Schienennetz.

Eine Schande: Und die Politik konnte sich bisher nicht auf ein Nachfolgemodell des 9 Euro Tickets einigen. Ich habe den Eindruck, es wird weitergewurstelt und herumgeeiert wie bisher, dabei schlittern wir erst in die Klima- und Energiekrise hinein. Und auch Corona ist nicht ausgestanden. Es wird Normalität suggeriert, und überhaupt nicht der Fall ist. Das werfe ich der Politik vor, die Blendgranaten zündet und zur Tagesordnung über geht.

50 Jahre Roter Wurm

29. April 2022

Ich kann gar nicht die Stunden zählen, die ich mit dir verbracht habe. Ich habe in dir geschwitzt, gefroren, mich unterhalten und ich bin manches Mal in dir eingeschlafen. Und ich habe viel, sehr viel in dir und über dich geschimpft, weil du mir wertvolle Lebenszeit gestohlen hast. Und dennoch will ich dir zum 50. Geburtstag gratulieren: Der S-Bahn München.

Gestern vor 50 Jahren ist die Münchner S-Bahn eröffnet worden. Die ersten Züge fuhren im Pendelbetrieb durch den neu eröffneten Stammstrecken-Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Ostbahnhof. Die Nachfrage war von Anfang an enorm. Die Fahrt kostete für Erwachsene damals nur 70 Pfennig. Die Olympischen Sommer-Spiele in München 1972 sorgten dafür, dass auch die Münchner Vororte in Rekordzeit an das Streckennetz angebunden wurden. Heute nutzen bis zu 950.000 Fahrgäste täglich die S-Bahnen. Eine zweite Stammstrecke soll das System in einigen Jahren entlasten.

Freilich gab es zum Jubiläum Verspätungen und Streckenausfälle. Der rote Wurm, wie er in unserer Familie heißt, gehört zu München einfach dazu. An diesem Jubeltag will ich nicht schimpfen, das werde ich wohl wieder in ein paar Tagen machen, wenn ich die S-Bahn wieder benutze und drei Bahnen früher nehme, um meinen Termin pünktlich zu erreichen.

Die alten Bahnen waren noch orange, dann kam die rote Farbe und es folgte eine Überarbeitung der Wägen. Ich bin ein Fan des ÖPNV und der Bahn, aber man muss schon ein großer Fan sein oder eine dicke Haut haben. Nun denn: Alles Gute zum Geburtstag liebe S-Bahn München und danke an die genervten Zugführer, die mit veralteten Material ihr Bestes geben.

Und natürlich werde ich mir das Jubiläumsticket holen und an meinem Geburtstag kostenlos fahren.

Meine Eindrücke von der neuen S-Bahn in München

29. September 2018

Die neuen Züge für die S-Bahn in München sind schon seit Juli im Einsatz, doch ich kam jetzt erst in den Genuss einer Fahrt. Als genervter Pendler des Münchner Verkehrsverbunds MVV bin ich auf die S-Bahn angewiesen, die mich zum Hauptbahnhof München bringt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem es keine kleine und großen Probleme mit dem überlasteten und völlig veralteten ÖPNV-System gibt. Die Deutsche Eisenbahngesellschaft will die S-Bahn modernisieren und hat neue Züge in Dienst gestellt. Nachdem ich schon viel gelesen hatte, konnte ich nun die Züge ausprobieren.

Ich bin in Olching und nicht am Rosenheimer Platz.

Ich bin in Olching und nicht am Rosenheimer Platz.

Hier meine Beobachtungen: Es ist gegen 12:15 Uhr als ich am Hauptbahnhof in einen neuen Zug der Linie S3 einstieß, der mich ins Heimatdorf bringen soll. Was mir als erstes auffällt: Das Licht in den Zügen ist deutlich heller als vorher. So sauber habe ich die Münchner S-Bahn noch nie gesehen. Ich habe das große Glück, dass der Zug fast komplett leer ist, ein paar Touristen und ein paar Schulkinder sind unterwegs. Die üblichen Faschingsfreunde im schrillen Landhaus-Look machen sich die eine Station zur Wiesn auf. Als wir aus dem Tunnel herausfahren und die Hackerbrücke mit den Wiesn-Volk hinter uns gelassen haben, schaue ich mir die Bahn genauer an. Es ist mehr Platz zum Stehen und weniger Platz zum Sitzen. Die eingezeichneten Abstellflächen für Koffer werden sicher in der täglichen Rushhour ignoriert. Aber das Gepäck soll ja nicht im Weg herumstehen, sondern unter den Sitzen verstaut werden. Die Sitze sind schwebend und bieten unter der Sitzfläche Stauraum. Es sind aber weniger Sitze und größere Durchgänge. Bei den Ausstiegen gibt es noch Möglichkeiten sich festzuhalten, wie wir es in den neuen U-Bahn-Zügen des MVG kennen. Hier habe ich Sommer wie Winter Handschuhe an, denn die kleinen Bakterien sitzen sicher da herum und warten auf neue Wirte.

Am Ende der Züge sind Mehrzweckbereiche für Kinderwägen, Rollstühle und eine Kuschelecke. Die kann ich leider nicht fotografieren, weil Schulkinder sich breit gemacht haben. Sie haben sich längst hingelegt. Dort sollen in Sitzecken die Familien und Gruppen fahren, was ich von der Idee für richtig halte, in der Praxis bei dem enormen Fahrgastaufkommen ist es völlig unrealistisch. Vielleicht schaffe ich es einmal mit meiner Familie gemeinsam dort zu sitzen, wenn die S-Bahn bei uns im Dorf eingesetzt wird. Sobald die ersten Stationen angefahren werden, sind die Eckplätze belegt.
Neu sind auch die elektronischen Monitore. Hier sollte eigentlich der Fahrplan des Zuges angezeigt werden, zudem die Uhrzeit. Ich habe sollte geschrieben, denn das System funktioniert auf meiner Fahrt bis auf die Uhrzeit nicht. Ich befinde mich auf der S3 Richtung Westen und mein nächster Halt ist Olching. Das Display zeigt allerdings Rosenheimer Platz – es zeigte die ganze Fahrt Rosenheimer Platz, was die anwesenden Touristen sichtlich verwirrt. Also auf Englisch den Herrschaften den Weg erklären. Durchsagen in Deutsch und Englisch gibt es in dem Zug nicht – ich weiß nicht, ob die in den neuen Zügen abgeschafft wurden oder ob es mal wieder eine Panne war.

Als ich meine Tour durch den neuen Zug beendete und meine leere Brotzeittüte in einen Abfalleimer werfen wollte, erlebe ich eine Überraschung. Ich finde keinen Abfalleimer. Der MVV hat wohl aus Kostengründen darauf verzichtet, denn Reinigungspersonal kostet Geld. Die Bahnfahrer sollen ihren Müll einpacken und mitnehmen. Theoretisch möglich, praktisch unmöglich, denn der Mensch ist ein Schwein. Also rollen Bierflaschen beim Anfahren durch den Zug., schließlich ist ja Wiesn und man muss billig vorglühen.
Ich bin noch unentschlossen, was ich von den neuen Zügen halten soll. Das Display mit den falschen Anzeigen kann ich nicht als Kinderkrankheit abtun, denn dafür ist das System schon lange im Einsatz. Ich bin gespannt, wann ich mal in einer vollen Bahn fahre, die mal wieder in der Stammstrecke liegen bleibt, weil das System so marode ist. Ich bin dann gespannt, wie die Menschen in der Heringsdose reagieren, wenn es weniger Sitzplätze gibt und sie deutlich mehr aneinander kleben. Hier bei mir im Test war der Zug fast leer. Nun, was mich wirklich freut, ist das hellere Licht in der Bahn. Vielleicht geht den Verantwortlichen ein Licht beim ÖPNV auf – zu wünschen wäre es ihnen, denn der Verkehrsinfakt in München ist da.