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Golfreise mit dem 9 Euro Ticket

2. August 2022

Als begeisterter Bahnfahrer und begeisterter Golfamateur will ich beide Passionen miteinander verbinden. Kann ich mit dem Golfbag und Caddy das 9 Euro Ticket nutzen?

Eine kleine Einschränkung: Ich will nicht direkt zum Golfplatz mit öffentlichen Verkehrsmittel fahren – das würde bei meinem Heimatclub zwar ohne Probleme funktionieren – ich werde am Bahnhof Nürnberg von einem Kumpel abgeholt und mit dem Auto zum Golfclub Abenberg gebracht.

Zunächst stelle ich fest: Ich habe kein Reisebag. Das bedeutet: Im Grunde muss die gesamte Ausrüstung mit. Aussortieren war mir zu mühsam, nur der Schirm blieb zu Hause in der Box. Es war kein Regen angesagt, doch so richtig leicht ist das Bag dadurch nicht.

Fahrt mit der S-Bahn nach München

Ich wohne außerhalb von München. Die Route sieht vor: S-Bahn München, Umstieg in München Hauptbahnhof und dann Regionalexpress nach Nürnberg – und alles zu Beginn der bayerischen Sommerferien. Es beginnt schon mal damit, dass die S-Bahn-München Verspätung haben sollte. 25 Minuten sagt die Stimme im Lautsprecher, die MVV-App meldet nichts, der Zug rollt ein wie er kommen sollte. Dennoch schon Puls, ob ich überhaupt den Anschluss bekomme, obwohl ich schon eine Bahn früher genommen habe. Ich rolle mit meinen Caddy in den noch leeren Zug – in den Familienbereich. Ich muss gleich den richtigen Einstieg erwischen. Der Radstand des Caddys ist so breit, dass ich im Zug nicht von Tür zu Tür wandern kann. Also aufpassen beim Einsteigen und die richtige Tür nicht verpassen.


Ich sitze, wir fahren Richtung Hauptbahnhof München. Von Station zu Station füllt sich die Bahn mit Menschen, die zur Arbeit müssen. Skeptische Blicke, musternde Blicke der Mitreisenden. Wir kennen Reisende mit Kinderwägen, Reisende mit Surfbrett für den Eisbach am englischen Garten, Reisende mit Gepäck, aber ein Reisender mit Golfbag ist doch eher exotisch in einer oberbayerischen S-Bahn. Warum eigentlich?
Vielleicht erregt mein Aussehen auch für eine gewisse Aufmerksamkeit. Halblange Harris Tweed Hose, Kniestrümpfe von Burlington, Golfhemd (wichtig, mit Kragen) und großer Hut gegen die Sonne Frankens.

München Hauptbahnhof

Nach einer halben Stunde Fahrt kommt der Ausstieg. Mit mir wollen doch einige Menschen aussteigen. Auch zwei Damen mit Kinderwägen sind dabei. Einfädeln zum Aussteigen. Das erste Stück der Reise hat geklappt. Nun die Rolltreppe hoch in das Untergeschoss des Hauptbahnhofs, um zu den Gleisen zu gelangen. Ich blockiere mit meinem Caddy die gesamte Rolltreppe, es kommt keiner an mir vorbei. Eigentlich hätte ich Gemaule erwartet, aber der Münchner ist heute geduldig. Kein Grantler ist unterwegs und Fön haben wir auch nicht, alles gut.
Die Abfahrtshalle des Hauptbahnhofs München war voll. Berufspendler und Reisende zum Ferienstart. Und viele Menschen, die ihr 9 Euro Ticket ausnutzen wollen und das Auto stehen lassen. Die Verkehrswende funktioniert, wenn die Politik jetzt noch nachzieht und das 9 Euro Ticket standardmäßig einführt und nicht alles zerredet.

Ich muss zum Gleis 20 und es ist gar nicht so einfach. Ich komme mir vor, wie ein schwerfälliger Wal. Ohne Caddy hätte ich mich wie ein schlanker Fisch im Wasser verhalten und wäre schnell vorangekommen. Jetzt heißt es: Lücke abwarten, langsam Richtung Gleis entlang tasten und Zeit mitbringen. Und ich muss aufpassen, dass ich keinen Mitmenschen über die Füße fahre.
Der Regionalexpress nach Nürnberg steht schon am Gleis. Jetzt heißt es schnell sein. Leider ist der Wagon mit den Fahrradabstellplätzen schon besetzt. Also rein in einen normalen Wagen und Candy abstellen. Und ganz schnell einen Sitzlatz besetzen, wo ich den Candy im Auge habe. Mit dem 9 Euro Ticket gehört der Sitzplatz im RE zum raren, begehrten Gut. Und als Bahnprofi weiß ich: Der erste Platz ist der richtige Platz.

Fahrt nach Nürnberg im RE

Ich sitze, der Zug ist gut gefüllt. Nicht so stark, wie zu Beginn des 9 Euro Tickets als alle nach Sylt wollten. Alle Sitzplätze sind belegt und auch die Einstiegsbereiche füllen sich von Station zu Station. Ein Geschäftsmann im Anzug neben mir, mustert mich und meinen Caddy. Er fragt nach meinen Handicap. Wir unterhalten uns ein wenig und er lacht über meine Aktion mit den Worten „das ist ja mal was neues“. Er wünscht mir ein gutes Spiel und widmet sich seinen Unterlagen. Ich höre ein Hörbuch. Als zwei Mütter mit einer Schar von kleinen Kindern und einem Kinderwagen den Wagon entern, wird es laut und eng. Die Kinder sind sehr an meinem Caddy interessiert, schieben ihn hin und her und lassen trotz Ermahnung einer der Mütter die Finger nicht von meinem Bag. Gut, dass sie die Bälle nicht sehen. Ich will nicht sagen, dass die zwei Stunden Fahrt wie im Fluge vergehen, aber das Hörbuch half mir dabei, eine Kontrolle gab es keine, Bahn-Sicherheit schaute auch nicht vorbei – und leider gab es zahlreiche Trottel, die ohne Maske unterwegs sind. Ärgerlich solche Egoisten.

Ankunft Nürnberg Hauptbahnhof auf Gleis 9, Endstation – alles aussteigen. Aussteigen, na klar, aber zuvor muss ich zu meinem Caddy kommen. Der Mensch wird zum Tier, wenn er aus einem Zug oder einen Flugzeug aussteigen will. Ich, ich, ich – lautet oftmals die Devise. Wenn der Kinderwagen und mein überbreiter Caddy draußen sind, dann haben wir mehr Luft, doch es drängeln schon die Neueinsteiger in den Zug, der wieder nach München aufbrechen wird.

Interessant ist auch die Spezies Mensch, die den Wagon verlässt, aber dann sofort am Bahnsteig ruckartig und plötzlich stehen bleibt, um zu rauchen oder einfach so alles aufzuhalten. Einmal mit Profis reisen. Ich bewege mich mit dem Strom ins Untergeschoss und trage meine Caddy und Bag die Treppen herunter. Den Aufzug überlasse ich den Kinderwägen.
Mein Golfkollege ist pünktlich, wir verstauen die Golfausrüstung, steigen in sein Auto und ab geht es zum Golfclub Abenberg. Teil eins der Mission erfüllt.

Golfen in Abenberg

Einst im Jahr 1988 wurde der Golfclub Franken Abenberg e.V. durch eine kleine, golfbesessene Gruppe gegründet und mit dem Bau der ursprünglichen 18-Loch Golfanlage begonnen. Später wurde auf 27-Loch und einen 6-Loch-Akademieplatz erweitert. Heute zählt der Golfclub Abenberg e.V. zu den bekannten und geschätzten Golfadressen in der Metropolregion Nürnberg. Wir spielten den Kurs C. Leider hat die Sonne Frankens das Gras ziemlich verbrannt und der Sand der Bunker sind ziemlich hart. Franken braucht Regen. Aber der Platz macht Spaß und ich komme gerne wieder.

Rückfahrt nach Hause

Um 15:30 Uhr stand die Rückfahrt an. Ich wählte die längere Reisezeit von drei Stunden, weil der schnellere Regionalexpress mit zwei Stunden schon mehr als voll war und keiner Platz machen wollte für einen erschöpften Golfer, der einfach nur sitzen und dösen wollte. In meinem Zug bekam ich im Fahrradabteil einen guten Platz für Caddy und Golfer. Radler grinsen über mich, ich grinse zurück. Sie in ihren bunten Klamotten, ich in meinen Harris Tweed – eben Sportler unterwegs. Dann stellt noch ein altes Männlein seinen Rollator ab und setzt sich. Alles gut. Die drei Stunden Rückfahrt döse ich, leere drei Wasserflaschen und denke darüber nach, wie ich mein Handicap verbessern könnte. Golf ist eine Sucht.


München Hauptbahnhof – wieder das Gedränge und die Massen, aber ich habe schon Übung mit meinen Caddy und ich bringe Gelassenheit mit. Natürlich fällt meine S-Bahn aufs Land mal wieder aus. Signalstörung, Reparatur am Zug, Atomkrieg – irgendwas ist mit dieser S-Bahn immer. Der Zug ist voll, richtig voll und ich mitten drin, aber mit Sitzplatz. Der Tag ist mein Freund.

Zu Hause angekommen, das Bag erst mal in die Garage, raus aus den Klamotten und den Kerl frisch gemacht. Fazit: Mein Experiment hat geklappt. Golfen und 9 Euro Ticket funktionieren, wenn man die entsprechende Gelassenheit mitbringt. Und ich habe mir gleich ein Reisebag für 8 Schläger online bestellt, weil nochmal will ich mir eine solche Reise mit meinem Caddy und Bag nicht antun.

Meine Eindrücke von der neuen S-Bahn in München

29. September 2018

Die neuen Züge für die S-Bahn in München sind schon seit Juli im Einsatz, doch ich kam jetzt erst in den Genuss einer Fahrt. Als genervter Pendler des Münchner Verkehrsverbunds MVV bin ich auf die S-Bahn angewiesen, die mich zum Hauptbahnhof München bringt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem es keine kleine und großen Probleme mit dem überlasteten und völlig veralteten ÖPNV-System gibt. Die Deutsche Eisenbahngesellschaft will die S-Bahn modernisieren und hat neue Züge in Dienst gestellt. Nachdem ich schon viel gelesen hatte, konnte ich nun die Züge ausprobieren.

Ich bin in Olching und nicht am Rosenheimer Platz.

Ich bin in Olching und nicht am Rosenheimer Platz.

Hier meine Beobachtungen: Es ist gegen 12:15 Uhr als ich am Hauptbahnhof in einen neuen Zug der Linie S3 einstieß, der mich ins Heimatdorf bringen soll. Was mir als erstes auffällt: Das Licht in den Zügen ist deutlich heller als vorher. So sauber habe ich die Münchner S-Bahn noch nie gesehen. Ich habe das große Glück, dass der Zug fast komplett leer ist, ein paar Touristen und ein paar Schulkinder sind unterwegs. Die üblichen Faschingsfreunde im schrillen Landhaus-Look machen sich die eine Station zur Wiesn auf. Als wir aus dem Tunnel herausfahren und die Hackerbrücke mit den Wiesn-Volk hinter uns gelassen haben, schaue ich mir die Bahn genauer an. Es ist mehr Platz zum Stehen und weniger Platz zum Sitzen. Die eingezeichneten Abstellflächen für Koffer werden sicher in der täglichen Rushhour ignoriert. Aber das Gepäck soll ja nicht im Weg herumstehen, sondern unter den Sitzen verstaut werden. Die Sitze sind schwebend und bieten unter der Sitzfläche Stauraum. Es sind aber weniger Sitze und größere Durchgänge. Bei den Ausstiegen gibt es noch Möglichkeiten sich festzuhalten, wie wir es in den neuen U-Bahn-Zügen des MVG kennen. Hier habe ich Sommer wie Winter Handschuhe an, denn die kleinen Bakterien sitzen sicher da herum und warten auf neue Wirte.

Am Ende der Züge sind Mehrzweckbereiche für Kinderwägen, Rollstühle und eine Kuschelecke. Die kann ich leider nicht fotografieren, weil Schulkinder sich breit gemacht haben. Sie haben sich längst hingelegt. Dort sollen in Sitzecken die Familien und Gruppen fahren, was ich von der Idee für richtig halte, in der Praxis bei dem enormen Fahrgastaufkommen ist es völlig unrealistisch. Vielleicht schaffe ich es einmal mit meiner Familie gemeinsam dort zu sitzen, wenn die S-Bahn bei uns im Dorf eingesetzt wird. Sobald die ersten Stationen angefahren werden, sind die Eckplätze belegt.
Neu sind auch die elektronischen Monitore. Hier sollte eigentlich der Fahrplan des Zuges angezeigt werden, zudem die Uhrzeit. Ich habe sollte geschrieben, denn das System funktioniert auf meiner Fahrt bis auf die Uhrzeit nicht. Ich befinde mich auf der S3 Richtung Westen und mein nächster Halt ist Olching. Das Display zeigt allerdings Rosenheimer Platz – es zeigte die ganze Fahrt Rosenheimer Platz, was die anwesenden Touristen sichtlich verwirrt. Also auf Englisch den Herrschaften den Weg erklären. Durchsagen in Deutsch und Englisch gibt es in dem Zug nicht – ich weiß nicht, ob die in den neuen Zügen abgeschafft wurden oder ob es mal wieder eine Panne war.

Als ich meine Tour durch den neuen Zug beendete und meine leere Brotzeittüte in einen Abfalleimer werfen wollte, erlebe ich eine Überraschung. Ich finde keinen Abfalleimer. Der MVV hat wohl aus Kostengründen darauf verzichtet, denn Reinigungspersonal kostet Geld. Die Bahnfahrer sollen ihren Müll einpacken und mitnehmen. Theoretisch möglich, praktisch unmöglich, denn der Mensch ist ein Schwein. Also rollen Bierflaschen beim Anfahren durch den Zug., schließlich ist ja Wiesn und man muss billig vorglühen.
Ich bin noch unentschlossen, was ich von den neuen Zügen halten soll. Das Display mit den falschen Anzeigen kann ich nicht als Kinderkrankheit abtun, denn dafür ist das System schon lange im Einsatz. Ich bin gespannt, wann ich mal in einer vollen Bahn fahre, die mal wieder in der Stammstrecke liegen bleibt, weil das System so marode ist. Ich bin dann gespannt, wie die Menschen in der Heringsdose reagieren, wenn es weniger Sitzplätze gibt und sie deutlich mehr aneinander kleben. Hier bei mir im Test war der Zug fast leer. Nun, was mich wirklich freut, ist das hellere Licht in der Bahn. Vielleicht geht den Verantwortlichen ein Licht beim ÖPNV auf – zu wünschen wäre es ihnen, denn der Verkehrsinfakt in München ist da.