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Golfreise mit dem 9 Euro Ticket

2. August 2022

Als begeisterter Bahnfahrer und begeisterter Golfamateur will ich beide Passionen miteinander verbinden. Kann ich mit dem Golfbag und Caddy das 9 Euro Ticket nutzen?

Eine kleine Einschränkung: Ich will nicht direkt zum Golfplatz mit öffentlichen Verkehrsmittel fahren – das würde bei meinem Heimatclub zwar ohne Probleme funktionieren – ich werde am Bahnhof Nürnberg von einem Kumpel abgeholt und mit dem Auto zum Golfclub Abenberg gebracht.

Zunächst stelle ich fest: Ich habe kein Reisebag. Das bedeutet: Im Grunde muss die gesamte Ausrüstung mit. Aussortieren war mir zu mühsam, nur der Schirm blieb zu Hause in der Box. Es war kein Regen angesagt, doch so richtig leicht ist das Bag dadurch nicht.

Fahrt mit der S-Bahn nach München

Ich wohne außerhalb von München. Die Route sieht vor: S-Bahn München, Umstieg in München Hauptbahnhof und dann Regionalexpress nach Nürnberg – und alles zu Beginn der bayerischen Sommerferien. Es beginnt schon mal damit, dass die S-Bahn-München Verspätung haben sollte. 25 Minuten sagt die Stimme im Lautsprecher, die MVV-App meldet nichts, der Zug rollt ein wie er kommen sollte. Dennoch schon Puls, ob ich überhaupt den Anschluss bekomme, obwohl ich schon eine Bahn früher genommen habe. Ich rolle mit meinen Caddy in den noch leeren Zug – in den Familienbereich. Ich muss gleich den richtigen Einstieg erwischen. Der Radstand des Caddys ist so breit, dass ich im Zug nicht von Tür zu Tür wandern kann. Also aufpassen beim Einsteigen und die richtige Tür nicht verpassen.


Ich sitze, wir fahren Richtung Hauptbahnhof München. Von Station zu Station füllt sich die Bahn mit Menschen, die zur Arbeit müssen. Skeptische Blicke, musternde Blicke der Mitreisenden. Wir kennen Reisende mit Kinderwägen, Reisende mit Surfbrett für den Eisbach am englischen Garten, Reisende mit Gepäck, aber ein Reisender mit Golfbag ist doch eher exotisch in einer oberbayerischen S-Bahn. Warum eigentlich?
Vielleicht erregt mein Aussehen auch für eine gewisse Aufmerksamkeit. Halblange Harris Tweed Hose, Kniestrümpfe von Burlington, Golfhemd (wichtig, mit Kragen) und großer Hut gegen die Sonne Frankens.

München Hauptbahnhof

Nach einer halben Stunde Fahrt kommt der Ausstieg. Mit mir wollen doch einige Menschen aussteigen. Auch zwei Damen mit Kinderwägen sind dabei. Einfädeln zum Aussteigen. Das erste Stück der Reise hat geklappt. Nun die Rolltreppe hoch in das Untergeschoss des Hauptbahnhofs, um zu den Gleisen zu gelangen. Ich blockiere mit meinem Caddy die gesamte Rolltreppe, es kommt keiner an mir vorbei. Eigentlich hätte ich Gemaule erwartet, aber der Münchner ist heute geduldig. Kein Grantler ist unterwegs und Fön haben wir auch nicht, alles gut.
Die Abfahrtshalle des Hauptbahnhofs München war voll. Berufspendler und Reisende zum Ferienstart. Und viele Menschen, die ihr 9 Euro Ticket ausnutzen wollen und das Auto stehen lassen. Die Verkehrswende funktioniert, wenn die Politik jetzt noch nachzieht und das 9 Euro Ticket standardmäßig einführt und nicht alles zerredet.

Ich muss zum Gleis 20 und es ist gar nicht so einfach. Ich komme mir vor, wie ein schwerfälliger Wal. Ohne Caddy hätte ich mich wie ein schlanker Fisch im Wasser verhalten und wäre schnell vorangekommen. Jetzt heißt es: Lücke abwarten, langsam Richtung Gleis entlang tasten und Zeit mitbringen. Und ich muss aufpassen, dass ich keinen Mitmenschen über die Füße fahre.
Der Regionalexpress nach Nürnberg steht schon am Gleis. Jetzt heißt es schnell sein. Leider ist der Wagon mit den Fahrradabstellplätzen schon besetzt. Also rein in einen normalen Wagen und Candy abstellen. Und ganz schnell einen Sitzlatz besetzen, wo ich den Candy im Auge habe. Mit dem 9 Euro Ticket gehört der Sitzplatz im RE zum raren, begehrten Gut. Und als Bahnprofi weiß ich: Der erste Platz ist der richtige Platz.

Fahrt nach Nürnberg im RE

Ich sitze, der Zug ist gut gefüllt. Nicht so stark, wie zu Beginn des 9 Euro Tickets als alle nach Sylt wollten. Alle Sitzplätze sind belegt und auch die Einstiegsbereiche füllen sich von Station zu Station. Ein Geschäftsmann im Anzug neben mir, mustert mich und meinen Caddy. Er fragt nach meinen Handicap. Wir unterhalten uns ein wenig und er lacht über meine Aktion mit den Worten „das ist ja mal was neues“. Er wünscht mir ein gutes Spiel und widmet sich seinen Unterlagen. Ich höre ein Hörbuch. Als zwei Mütter mit einer Schar von kleinen Kindern und einem Kinderwagen den Wagon entern, wird es laut und eng. Die Kinder sind sehr an meinem Caddy interessiert, schieben ihn hin und her und lassen trotz Ermahnung einer der Mütter die Finger nicht von meinem Bag. Gut, dass sie die Bälle nicht sehen. Ich will nicht sagen, dass die zwei Stunden Fahrt wie im Fluge vergehen, aber das Hörbuch half mir dabei, eine Kontrolle gab es keine, Bahn-Sicherheit schaute auch nicht vorbei – und leider gab es zahlreiche Trottel, die ohne Maske unterwegs sind. Ärgerlich solche Egoisten.

Ankunft Nürnberg Hauptbahnhof auf Gleis 9, Endstation – alles aussteigen. Aussteigen, na klar, aber zuvor muss ich zu meinem Caddy kommen. Der Mensch wird zum Tier, wenn er aus einem Zug oder einen Flugzeug aussteigen will. Ich, ich, ich – lautet oftmals die Devise. Wenn der Kinderwagen und mein überbreiter Caddy draußen sind, dann haben wir mehr Luft, doch es drängeln schon die Neueinsteiger in den Zug, der wieder nach München aufbrechen wird.

Interessant ist auch die Spezies Mensch, die den Wagon verlässt, aber dann sofort am Bahnsteig ruckartig und plötzlich stehen bleibt, um zu rauchen oder einfach so alles aufzuhalten. Einmal mit Profis reisen. Ich bewege mich mit dem Strom ins Untergeschoss und trage meine Caddy und Bag die Treppen herunter. Den Aufzug überlasse ich den Kinderwägen.
Mein Golfkollege ist pünktlich, wir verstauen die Golfausrüstung, steigen in sein Auto und ab geht es zum Golfclub Abenberg. Teil eins der Mission erfüllt.

Golfen in Abenberg

Einst im Jahr 1988 wurde der Golfclub Franken Abenberg e.V. durch eine kleine, golfbesessene Gruppe gegründet und mit dem Bau der ursprünglichen 18-Loch Golfanlage begonnen. Später wurde auf 27-Loch und einen 6-Loch-Akademieplatz erweitert. Heute zählt der Golfclub Abenberg e.V. zu den bekannten und geschätzten Golfadressen in der Metropolregion Nürnberg. Wir spielten den Kurs C. Leider hat die Sonne Frankens das Gras ziemlich verbrannt und der Sand der Bunker sind ziemlich hart. Franken braucht Regen. Aber der Platz macht Spaß und ich komme gerne wieder.

Rückfahrt nach Hause

Um 15:30 Uhr stand die Rückfahrt an. Ich wählte die längere Reisezeit von drei Stunden, weil der schnellere Regionalexpress mit zwei Stunden schon mehr als voll war und keiner Platz machen wollte für einen erschöpften Golfer, der einfach nur sitzen und dösen wollte. In meinem Zug bekam ich im Fahrradabteil einen guten Platz für Caddy und Golfer. Radler grinsen über mich, ich grinse zurück. Sie in ihren bunten Klamotten, ich in meinen Harris Tweed – eben Sportler unterwegs. Dann stellt noch ein altes Männlein seinen Rollator ab und setzt sich. Alles gut. Die drei Stunden Rückfahrt döse ich, leere drei Wasserflaschen und denke darüber nach, wie ich mein Handicap verbessern könnte. Golf ist eine Sucht.


München Hauptbahnhof – wieder das Gedränge und die Massen, aber ich habe schon Übung mit meinen Caddy und ich bringe Gelassenheit mit. Natürlich fällt meine S-Bahn aufs Land mal wieder aus. Signalstörung, Reparatur am Zug, Atomkrieg – irgendwas ist mit dieser S-Bahn immer. Der Zug ist voll, richtig voll und ich mitten drin, aber mit Sitzplatz. Der Tag ist mein Freund.

Zu Hause angekommen, das Bag erst mal in die Garage, raus aus den Klamotten und den Kerl frisch gemacht. Fazit: Mein Experiment hat geklappt. Golfen und 9 Euro Ticket funktionieren, wenn man die entsprechende Gelassenheit mitbringt. Und ich habe mir gleich ein Reisebag für 8 Schläger online bestellt, weil nochmal will ich mir eine solche Reise mit meinem Caddy und Bag nicht antun.

Persönliches Fazit: Der erste Monat mit dem 9 Euro Ticket

1. Juli 2022

Der erste von drei Monaten mit dem 9 Euro Ticket liegt hinter uns allen. Für mich kann ich sagen, das 9 Euro Ticket ist für mich ein absoluter Gewinn und ich wünsche mir eine Fortsetzung.

Luxus ist aufgrund schlechter Auftragslage vorbei und auf lange Zeit nicht in Sicht. Das 9 Euro Ticket kam als willkommene Alternative und ich habe sie trotz mancher Unannehmlichkeiten ausgiebig genutzt. So habe ich das Auto weitgehend stehen gelassen und bin mit dem Bus in die nächste Stadt gefahren. Das ÖPNV-Netz bei uns ist gut ausgebaut und wochentags fährt der Bus alle 15 Minuten. Keine lästige Parkplatzsuche und Gekurve, sondern ich hatte Zeit für Musik und Hörbücher. Ich bin zu Kundenterminen mit dem Zug gefahren und die ganze Familie hat kleinere Ausflüge mit dem Zug gemacht – nein, nicht nach Sylt. Und das Auto blieb in der Garage – jeder Tag, an dem das Auto steht, ist ein guter Tag für das Klima. Und natürlich wird das Fahrrad weiterhin stark genutzt.

Was ist mir aufgefallen? Nun, die Busse waren gut besucht und die Züge waren zu Stoßzeiten voll. Das ist wohl jeden aufgefallen und zu erwarten.

Und ich habe auch festgestellt: Es sind Leute mit dem Zug gefahren, die scheinbar noch nie – oder zumindest lange Zeit – mit der Eisenbahn gefahren sind. Die Züge waren voll, zum Teil überfüllt. Die Radler mit ihren Bikes hatten bei meinen Fahrten kaum eine Chance mitzukommen – und entsprechend war der Ärger. Für Kinderwägen ruckten die Fahrgäste zusammen, wenn es möglich war.
Jetzt kann man lang und breit fordern, dass die Bahn mehr Züge und mehr Wagons einsetzen muss. Das ist richtig.

Aber ich sehe bei meinen Fahrten auch viele rücksichtslose Zeitgenossen. Die Maskenpflicht wird nicht eingehalten. Wenn man die Fahrgäste darauf anspricht, wird man aggressiv angeschnauzt. Zugbegleiter erzählten mir von körperlichen Angriffen als sie Maskenverweigerer ansprachen. Ja, es besteht in engen Räumen eine Maskenpflicht und sie wird aber nicht durchgesetzt, weil die DB-Sicherheit aus welchen Gründen auch immer nicht konsequent kontrolliert und die Verweigerer aus dem Zug verweist. Dabei geht es um unsere Gesundheit, um unser Leben. Vor kurzem ist ein lieber Bekannter gerade so dem Tod von der Schippe gesprungen. Nach zwei Jahren Corona müsste es doch jedem klar sein – und die Corona-Zahlen gehen konsequent nach oben. Eine Weigerung eine Maske ist eine absolute Sauerei und hier bin ich wirklich entsetzt über die Dummheit einiger meiner Mitbürger.

Und dann sind da noch die Raucher. Es gibt Fahrten mit en Regionalexpress, da muss der stinkende Raucher an jeder Haltestelle eine paffen und blockiert die Türen. Der Zug kann nicht weiterfahren, die Verspätungen sind vorprogrammiert und mein Anschluss ist weg. Wie Ich-bezogen und egoistisch sind diese Leute? Und wie süchtig sind diese Leute? Und ja: Wenn der Raucher in den Wagon wieder einsteigt und der Zug verspätet weiterfährt, stinkt der ganze, engbesetzte Wagen unangenehm nach Zigarettenrauch, einfach ekelhaft.

Und eine Geschichte hab ich noch: Der Rucksack ist ein wunderbares Mittel um Kleidung, Laptop oder sonst etwas zu transportieren. Ein Rucksack verbraucht Platz, behindert Mitreisende und gehört abgenommen, wenn man einen Wagon betritt. Dann passen mehr Leute in den Zug. Und: Immer wieder stoßen bei den überfüllten Züge die Rucksäcke an Notruf- und Informationsknöpfe. Es erhöht regelmäßig ein Warnsignal, so dass der Zugführer entweder sofort den Zug zum Stehen bringt oder stinksauer eine Durchsage macht und der angesprochene Rucksackträger sie selbstverständlich überhört, weil man ja Kopfhörer trägt. Andere Fahrgäste müssen ihn dann auf sein Verhalten aufmerksam machen.
Und dennoch: Das 9 Euro Ticket ist richtig und ich nutze es die Monate Juli und August auch noch. Vielleicht bringt es bei den einen oder anderen auch etwas in Sachen Energiewende – denn es fängt bei jeden einzelnen an.

Buchtipp: Ein Leben mit Spuren – Als Anthroposoph bei der Deutschen Bahn von Karl-Dieter Bodack

13. Oktober 2020

Dies ist ein Gastbeitrag von meinem Freund Walter Killi, der selbst Bahnexperte ist und über 30 Jahre an der Hochschule München lehrte:

Prof. Dipl.-Ing. Karl-Dieter Bodack, der Verfasser dieser lesenswerten Autobiographie ist in Eisenbahnerkreisen und weit darüber hinaus kein Unbekannter: Er ist u.a Autor des inzwischen vergriffenen Werks „InterRegio. Die abenteuerliche Geschichte eines beliebten Zugsystems“ und Verfasser von zahlreichen Aufsätzen, erschienen in allen namhaften Fachzeitschriften des Eisenbahnwesens als auch in populärwissenschaftlichen Zeitschriften, die sich mit Bahn- und Verkehrswesen befassen. Das Layout dieser Autobiographie Ein Leben mit Spuren: Als Anthroposoph bei der Deutschen Bahn ist ungewöhnlich: In schwarzer Schrift beschreibt sie in 66 Kapiteln die zahlreichen Stationen des beruflichen und privaten Werdegangs des Autors und seines Wirkens. Es erstaunt: wie vielfältig und unterschiedlich sind doch die Begabungen dieses Autors! Die einzelnen Kapitel können unabhängig voneinander gelesen werden. In blauer Schrift schließen sich an jedes Kapitel in der Regel Erkenntnisse und Schlussfolgerungen an, die Allgemeingültigkeit besitzen. Er erläutert dort näher seine Lebensphilosophie, die Grundlage seiner Überlegungen und Handlungen darstellt. Eine zentrale Rolle im Denken von Prof. Bodack nimmt ein Hauptwerk Rudolf Steiners – des Begründers der Anthroposophie – ein, nämlich „Die Dreigliederung des Sozialen Organismus“. Die Abschnitte in blauer Schrift sind darüber hinaus eine Art Handreichung, wie Erkenntnisse der Anthroposophie in der dienstlichen Arbeitspraxis, in der Unternehmensführung, aber auch in der persönlichen Lebensgestaltung gewinnbringend umgesetzt werden können.

Prof. Bodack war Zeit seines Lebens ein begeisterter Eisenbahner, hat es dem Unternehmen DB AG aber nicht immer leicht gemacht, mit ihm auszukommen! So sparte er nicht mit Kritik, wenn er der Meinung war, daß die Bahn durch die Politik ihres eigenen Vorstands Schaden erleidet. Von Anfang an war er ein engagierter Gegner von Stuttgart 21, ein unermüdlicher Streiter gegen die nach seinen Ermittlungen zu weit gehenden Streckenstilllegungen, die im Rahmen des Projekts „betriebswirtschaftlich optimales Netz“ umgesetzt wurden.

In den Jahren von Dr.-Ing. Reiner Maria Gohlke als Vorsitzenden des Vorstands der DB fand Prof. Bodack einen einflußreichen Fürsprecher, von dem er oft als Berater für den Personenverkehr gehört wurde.

Prof. Bodack hat zahlreiche Spuren im Gedächtnis und Erscheinungsbild der DB hinterlassen. Es ist unmöglich, hier auch nur die wichtigsten aufzuzählen! Wo es seiner Überzeugung entsprach, hat er die Bahnverwaltung massiv kritisiert, so bei den Streckenstilllegungen und bei Stuttgart 21. Eine Persönlichkeit wie er hat der Bahn gut getan, da er mitzuhelfen versucht hat, ihre meist verkrusteten und unbeweglichen Verwaltungsstrukturen aufzubrechen. So verkörperte er schon früh das Erscheinungsbild eines zeitgemäßen Beamtentums, wie es sich nun allmählich durchzusetzen beginnt!

Die Autobiographie Ein Leben mit Spuren: Als Anthroposoph bei der Deutschen Bahn zeichnet das Bild einer interessanten und eigenwilligen Persönlichkeit, die sich schwer in ein Schema einordnen läßt. Die Hauptmerkmale seiner Persönlichkeit sind: seine Vielseitigkeit, begründet in seinen verschiedenen und ganz unterschiedlichen Begabungen, die Ausrichtung seiner beruflichen und privaten Tätigkeiten an Erkenntnissen der Anthroposophie, die für unsere Gegenwart interpretiert wird und als überzeugter „Eisenbahner“ besonders sein bedingungsloser, mutiger Einsatz für die Bahn der Zukunft, wie er sie sich zusammen mit anderen Visionären vorstellt; nicht zuletzt seine Menschlichkeit, die Achtung seiner Mitmenschen!

Was wird unvergesslich bleiben vom beruflichen Wirken Prof. Bodacks bei der DB AG? Sein Engagement bei der Entwicklung des sehr erfolgreichen InterRegio-Zugsystems, dessen Erscheinungsbild er maßgeblich mit gestaltet hat, sein mutiger Einsatz gegen die seiner Meinung nach zu weitgehenden Strecken-Stilllegungs-Pläne des Vorstands der DB und seine Protest gegen das Projekt „Stuttgart 21“, das nicht nur er für eine Fehlentscheidung hielt und hält. Für die Fertigung der InterRegio Wagen wurde mit der PFA-Weiden ein neuer Typ eines DB-Ausbesserungswerks geschaffen, das sogar international Beachtung fand. Die erfolgreiche Durchführung der Arbeiten in sogenannten Meisterfamilien geht auf seine Ideen zurück.

Die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland hat ihm die Gründung und weitgehend auch die Gestaltung der Waldorfschule in Gröbenzell im bayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck zu verdanken.

In einem eigenen, besonders lesenswerten Kapitel beschreibt Prof. Bodack Planung und Bau des Wohnhauses für seine eigene Familie in Gröbenzell. Losgelöst vom üblichen einfallslosen Schema moderner Architekturen entwarf er einen im wahrsten Sinn organischen Bau, der sich harmonisch seiner natürlichen Umgebung anpasst und die Fassaden an die unterschiedlichen Bedingungen der vier Himmelsrichtungen ausrichtet. Jeder Raum erhielt eine individuelle Gestalt, die den Bedürfnissen der jeweiligen Bewohner entsprechen. Entstanden ist das Meisterwerk eines Einfamilienhauses mit Einliegerwohnung, das zweifelsfrei neue Maßstäbe für zeitgemäßes Wohnen setzt. Ein Wunsch- und Traumhaus jeder Familie!

Diese Autobiografie Ein Leben mit Spuren: Als Anthroposoph bei der Deutschen Bahn vermittelt das Bild einer Persönlichkeit, die es verstanden hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und im Berufsleben unerschrockene Zivilcourage bei der Durchsetzung seiner Einsichten zu zeigen. Die Lektüre dieses Werkes verspricht ein unterhaltsames und zugleich belehrendes Lesevergnügen, das ich nicht nur Eisenbahnern als Leser uneingeschränkt empfehlen kann.
Walter Killi

Info: 2019 Info3-Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG, Frankfurt am Main, ISBN 978-3-95779-103-0

Tipps eines passionierten Bahnfahrers

26. März 2018

Als Bahnfahrer kann ich euch nur raten: Der erste freie Platz ist der richtige Platz. Es klingt komisch, ist aber absolut richtig und ein wichtiger Rat.
Ich fahre sehr viel mit der Deutschen Bahn. In der Regel reise zu meinen Seminaren mit der Bahn an. Das hat verschiedene Gründe: Gesundheit, Stress, Kosten, Umwelt – aber ich kann euch sagen: Bahnfahren ist kein Zuckerschlecken.
Es beginnt schon beim Einsteigen. Wenn ein ICE neu eingesetzt wird, dann werden die Abteile zunächst gereinigt. Fleißige Bienchen von der Bahn räumen den Dreck weg, den Bahngäste liegen gelassen haben. Interessant ist, dass kein Gast den ich zuhause habe, seinen Müll bei mir liegen lässt. Bei der Bahn lassen die so genannten Gäste ihren Müll zurück. In den dafür vorgesehenen Behältern wäre es kein Problem, aber so manche hinterlassenen Sitze sehen schon interessant aus.
Der Spaß Bahnfahren beginnt also vor der Reise. Während das Schild „Wir reinigen“ am Eingang steht, drücken so manche Reisende wie wild auf den grünen Öffnungsknopf am Wagon. Es passiert nichts, außer dass die Reisenden nervös werden und zur nächsten Türe rennen. Gleiches Spiel.

Beim Reinigen ist der Einstieg blockiert.

Beim Reinigen ist der Einstieg blockiert.

Wenn sich die Türen öffnen, bitte sofortigen Blick auf das Display über den Sitzen. Wenn die Bahn fit ist, werden vor Reisebeginn die Reservierungen dort angezeigt. Und wenn ein Platz nicht reserviert ist, dann gilt mein Eingangsrat: Der erste freie Platz ist der richtige Platz.

Der erste Platz ist der richtige Platz.

Der erste Platz ist der richtige Platz.

In meiner Jugend war dies noch anders. Als ich mit meiner Mutter als kleiner Bub mit der Deutschen Bundesbahn gereist bin, haben wir erst geschaut, welcher Platz uns am besten gefällt: Ist der Blick aus dem Fenster schön? Sitze ich in Fahrtrichtung? Dies spielt heute keine Rolle mehr. Der erste freie Platz ist der richtige Platz. Die Bahn ist zu Stoßzeiten rappelvoll. Die freien Plätze sind begrenzt. Eine Reservierung für 4,50 Euro sehe ich oft nicht ein – außer bei Langstrecken. Bahnfahren kann zum Stress werden. Obwohl ich den Bahncomfort-Status habe, ist es nur mit Androhung von Gewalt möglich, Leute von den BC-Plätzen zu vertreiben. Da kann ich ein wirklicher Assi sein.
Wenn man dann Platz genommen hat, gilt es einen USB-Strom-Verteiler in die Steckdose zu packen und seinem Sitznachbar Strom zu Verfügung stellen. Strom im Zug ist wichtig und wer einen Verteiler hat, sollte ihn benutzen – so will es das Gesetz unter digitalen Nomaden.

Ich liebe die Bahn.

Ich liebe die Bahn.

Und soll ich euch sagen, auf wen ich aggressiv reagiere? Auf diese Rücksackträger, die in den engen Gängen der zweiten Klasse (dort findet ihr mich) sich hin und her bewegen. Immer wieder habe ich den Rucksack in der Fresse, weil sich diese Grobholze umdrehen müssen, ob ihr Kompanion noch hinter ihnen ist. Wo soll er denn sein? Oder man wendet sich um mit den Sätzen wie „heute ist aber voll“ oder „wo ist denn Platz 67?“ Diese Typen nerven. Mit ihren Rucksäcken reißen sie mein iPad herunter, dass ich auf den Klapptischen aufgebaut habe oder ich bekomme den Rucksack ins Gesicht und meine Brille fliegt durch die Weltgeschichte. Ich gehe also in Deckung, wenn ein Rucksackträger den Wagon betritt.

München, ich komme.

München, ich komme.

Märklin, mach es gut

6. Februar 2009

Märklin hat Insolvenz angemeldet und das ist schade. Aber wahrscheinlich ist die große Zeit der Modelleisenbahnen einfach vorbei. Mich hat dieser Virus nicht infiziert, obwohl ich eine Märklin als Kind hatte. Ich glaube, es war in Wahrheit mein Vater, der mit diesem Geschenk an mich seinen Kindheitstraum verwirklichen wollte.

Schließlich wollte mein Vater einmal Lokomotivführer werden, wie viele in seiner Generation. Ich wollte übrigens einmal Astronaut werden (zur Info: Hat nicht geklappt). Seinen kleineren Bruder hat mein Vater mit Signalkelle und Trillerpfeife traktiert. Der Bruder musste auf allen vieren im Kreis robben, während mein Vater die Kommandos gab. „Zug stoppen, Zug abfahren“ Um das Kommando zu unterstützen, gab es mit der Kelle noch einen Klaps auf den Po des Bruders. Aus dem Beruf des Lokführers ist bei meinem Vater übrigens nichts geworden, aber ich bekam zu Weihnachten in den späten siebziger Jahren eine Modelleisenbahn der Marke Märklin.

Die zusammengesteckten Schienen waren ein simples Oval. Der Zug war eine Dampflok, dann gab es einen Kipper, einen weißen Kühlwagen und einen flachen Wagon zum Holztransport. Ich spielte natürlich, aber total begeistert war ich nicht. Ich erinnere mich, dass ich Vogelfutter auf den flachen Wagon streute und mein Wellensittich Hansi auf den Wagen sprang und die Vitakraft-Körner pickte. Wenn ich langsam fuhr, drehte der Sittich seine Kreise in meinem Kinderzimmer.

Ein Freund von mir hatte eine Fleischmann-Anlage. So eine richtig große Platte, die hinter seiner Tür im Kinderzimmer hin. Stundenlang baute er Häuser, legte Schienen und ließ die Züge im Kreis fahren. Ich fand das öde, nahm aber den sportlichen Wettkampf auf: Was ist besser? Märklin oder Fleischmann?

Mein Sohn dagegen ist ein Eisenbahnfan. Er kommt eher nach seinem Großvater. Daher hat er von Playmobil die Eisenbahn. Sohnemann kannte als ganz kleiner Bub die Unterschiede zwischen den drei ICE-Generationen. Und auch die Leberwurst heißt seit frühen Tagen ICE-Wurst. Grund: Wir hatten kleine Leberwursttuben, aus denen man die Wurst herausdrücken konnte, so dass sie als eine Art Wurm oder Schlange aufs Brot kam. Für meinen Sohn war das ein ICE, den er sogleich aufaß und damit war der Name der Leberwurst künftig familienintern ICE-Wurst. Kinder eben. Beim Einkaufen muss ich mich immer an den Namen „Leberwurst“ erinnern und darf nicht herausplatzen „Ein Stück ICE-Wurst.“